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Operation Heartbreaker 3: Für einen Kuss von Frisco

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Suzanne Brockmann

Operation Heartbreaker 3:

Für einen Kuss von Frisco

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Anita Sprungk

1. KAPITEL

Friscos Knie brannte wie Feuer.

Obwohl er sich auf seinen Krückstock stützte, bereitete ihm jeder Schritt Höllenqualen.

Dabei war gar nicht der Schmerz das eigentliche Problem. Denn er gehörte zu Lieutenant Alan Franciscos Alltag dazu, seit ihm vor mehr als fünf Jahren bei einem verdeckten Einsatz fast das ganze Bein zerfetzt worden war. Mit dem Schmerz konnte er leben.

Aber nicht mit diesem verdammten Krückstock.

Der Umstand, dass sein Knie weder sein Gewicht trug – tragen konnte – noch sich vollständig durchstrecken ließ, trieb ihn fast zum Wahnsinn.

Es war ein warmer kalifornischer Sommertag. Lieutenant Alan Francisco entschied sich für Shorts, obwohl ihm klar war, dass so jeder die hässlichen Narben auf seinem Knie sehen würde.

Seine letzte Operation lag erst wenige Monate zurück. Die Ärzte hatten das zertrümmerte Gelenk zum wer weiß wievielten Mal aufgeschnitten und versucht, die Einzelteile wie ein Puzzle neu zu sortieren. Hinterher war er hierher geschickt worden, in dieses renommierte Rehabilitationszentrum der Navy. Hier tat man alles, um die Beinmuskulatur aufzubauen und die Beweglichkeit in seinem verletzten Knie wiederherzustellen – leider ohne nennenswerten Erfolg. Die Operation hatte nichts gebracht. Auch sein jetziger Arzt konnte ihm nicht helfen.

Es klopfte an der Tür, und sie öffnete sich einen Spalt.

„Yo, Frisco! Bist du da?“

Auf der Schwelle stand Lieutenant Joe Catalanotto, Commander der Alpha Squad. Frisco schien dieser Eliteeinheit des SEAL Team Ten vor Ewigkeiten angehört zu haben. Seitdem war sein Leben bestimmt von Schmerz, Enttäuschung und geplatzten Hoffnungen.

„Wo sollte ich wohl sonst sein?“, brummte er.

Er sah, wie Joe auf seine verbitterte Antwort reagierte. Der große Mann spannte den Kiefer an, als er das Zimmer betrat und die Tür hinter sich schloss. Es war seinen dunklen Augen anzusehen, dass er auf der Hut war. Früher war Frisco der Optimist seiner Einheit gewesen. Wohin die Alpha Squad auch geschickt wurde, Frisco hatte sich fröhlich und aufgeschlossen unters Volk gemischt und Freundschaften geschlossen. Immer hatte er ein Lächeln auf den Lippen gehabt. Er war es immer gewesen, der vor einem Fallschirmsprung aus großer Höhe Witze gerissen hatte, damit sich die Anspannung löste. Und hatte damit alle zum Lachen gebracht.

Aber jetzt lachte er nicht. Er hatte aufgehört zu lachen, als die Ärzte vor fünf Jahren an sein Krankenbett getreten und ihm eröffnet hatten, sein Bein würde nie wieder in Ordnung kommen. Er würde nie wieder gehen können.

Zunächst hatte er auf dieses Urteil mit demselben unbekümmerten Optimismus reagiert wie immer. Er und nie wieder gehen? Wetten, dass doch? Er würde viel mehr als nur wieder gehen können! Er würde in den aktiven Dienst als SEAL zurückkehren. Er würde wieder rennen, aus dem Flugzeug springen und tauchen – gar keine Frage.

Es hatte Jahre gedauert. Er hatte sich ganz und gar auf seine Wiederherstellung konzentriert, etliche Operationen über sich ergehen lassen und jede nur denkbare Form der Physiotherapie mitgemacht. Eine endlose Odyssee hatte ihn von Krankenhäusern zu Rehabilitationszentren geführt und wieder zurück. Er hatte ausdauernd und hart gekämpft. Mit Erfolg: Er konnte wieder gehen.

Aber er konnte nicht laufen, auch nicht rennen. Er schaffte kaum mehr, als zu humpeln – auf seinen Krückstock gestützt. Und seine Ärzte rieten ihm dringend, es selbst damit nicht zu übertreiben. Sie warnten ihn davor, dass sein Knie sein Gewicht nicht tragen könne. Wiesen ihn darauf hin, dass der Schmerz, den er so stoisch ignorierte, ein Alarmsignal seines Körpers war. Wenn er nicht aufpasste, sagten sie, könnte er sein Bein möglicherweise bald endgültig nicht mehr gebrauchen.

Doch das Erreichte war einfach nicht genug für ihn.

Denn bevor er nicht wieder rennen konnte, konnte er auch nicht wieder als SEAL arbeiten.

Fünf Jahre lang hatte er immer wieder Enttäuschungen und Rückschläge erlebt. Fünf Jahre, die seiner Unbekümmertheit und seinem Optimismus gewaltig zugesetzt hatten. Fünf Jahre, in denen er sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als wieder das aufregende Leben als Navy SEAL aufnehmen zu können. Fünf Jahre, die er ohne echte Hoffnung im einstweiligen Ruhestand verbracht hatte. Er hatte mit angesehen, wie die Alpha Squad ihn ersetzte – einfach ersetzte] Fünf Jahre, in denen er sich mühsam voranquälte, obwohl er doch rennen wollte. Diese fünf Jahre hatten ihn zermürbt. Er war zutiefst deprimiert. Und verbittert. Voller Zorn auf sich und alle Welt.

Joe machte sich nicht die Mühe, Friscos Frage zu beantworten. Er musterte den durchtrainierten Körper seines Kameraden, wobei sein Blick kurz auf dem vernarbten Bein hängen blieb. „Du siehst gut aus“, sagte er. „Wie ich sehe, hältst du dich in Form. Das ist gut, wirklich gut.“

„Ist das ein Freundschaftsbesuch?“, fragte Frisco schroff.

„Unter anderem.“ Joe lächelte unbeeindruckt von Friscos abweisender Reaktion. „Ich habe tolle Neuigkeiten!“

Tolle Neuigkeiten. Verdammt, wann hatte Frisco zum letzten Mal eine tolle Neuigkeit gehört?

Einer seiner Zimmernachbarn, der ausgestreckt auf seinem Bett in einem Buch las, blickte interessiert auf; Frisco teilte das Zimmer mit drei anderen Veteranen. Joe schien das nicht zu stören. Im Gegenteil. Sein Lächeln wurde noch breiter. „Ronnie ist schwanger“, verkündete er stolz. „Wir bekommen ein Baby.“

„Ich werd verrückt.“ Unwillkürlich musste auch Frisco lächeln. Es fühlte sich merkwürdig an, geradeso, als wüssten seine Gesichtsmuskeln gar nicht mehr, wie das ging. Vor fünf Jahren noch hätte er Joe bei dieser freudigen Mitteilung in die Seite geboxt, einige derbe Sprüche über Männlichkeit und Zeugung vom Stapel gelassen und sich vor Lachen kaum wieder einkriegen können. Jetzt brachte er so gerade eben noch ein Lächeln zustande. Er streckte die Hand aus, um Joe zu gratulieren. „Hätte ich dir gar nicht zugetraut, Junge. Du und eine Familie gründen – wer hätte das gedacht? Hast du Angst?“

Joe grinste. „Geht so. Aber Ronnie ist schon ganz nervös. Sie verschlingt alles, was sie über Schwangerschaft und Babys in die Finger bekommt.“

„Ein Baby! Ich fass es nicht.“ Frisco schüttelte den Kopf. „Wie willst du es nennen? Joe Cat Junior?“

„Um ehrlich zu sein: Ich wünsche mir ein Mädchen“, gab Joe zu, und sein Lächeln wurde weich. „Mit roten Haaren, wie ihre Mutter.“

„Richte Ronnie meine Glückwünsche aus! Ich freu mich für euch“, sagte Frisco. „Also, was gibt’s sonst noch?“

Joe sah ihn verdutzt an.

„Du sagtest, es sei ‚unter anderem‘ ein Freundschaftsbesuch. Also führt dich noch etwas anderes hierher. Was?“

„Oh. Ja. Steve Horowitz hat mich gebeten, bei einem Gespräch mit dir dabei zu sein.“

Augenblicklich war Frisco auf der Hut. Steve Horowitz war sein Arzt. Warum wollte er Joe bei einem Gespräch mit seinem Patienten dabei haben? „Wieso?“

Joes Lächeln verschwand. „Steve erwartet uns in der Offizierslounge“, sagte er, ohne auf die Frage einzugehen.

Ein Gespräch in der Offizierslounge. Dann war es also noch ernster, als Frisco ohnehin schon befürchtete. „Okay, gehen wir“, gab er zurück. Er wusste, es hatte keinen Zweck, weiter in Joe zu dringen. Sein ehemaliger Commander würde keine Details preisgeben.

„Was macht das Knie?“, fragte Joe auf dem Weg durch den Flur. Er ging absichtlich langsam, damit Frisco mithalten konnte.

Erneut machte sich Frust in Frisco breit. Er hasste den Umstand, sich nicht schnell voranbewegen zu können. Verdammt, früher hatte er beim Training alle Geschwindigkeitsrekorde gebrochen!

„Heute etwas besser“, log er, obwohl ihn jeder Schritt fürchterlich schmerzte. Und obwohl ihm ohnehin klar war, dass Joe ihn durchschaute.

Er stieß die Tür zur Offizierslounge auf. Der Raum wirkte recht einladend: Schwere Polstermöbel gruppierten sich vor dem riesigen Panoramafenster mit Blick auf den Park. Der Teppich war blau, etwas heller als der Himmel, und die grünen Bezüge der Polstermöbel passten sehr gut zu dem üppig wuchernden Pflanzenwuchs vor dem Fenster. Die Farben verblüfften Frisco. Er hatte sich bisher fast nur nachts in diesem Raum aufgehalten, wenn er nicht schlafen konnte. Und da er nie die Deckenbeleuchtung eingeschaltet hatte, war ihm alles, Wände wie Möbel, grau erschienen.

Steve Horowitz betrat die Offizierslounge nur wenige Augenblicke nach ihnen. „Schön, dass Sie kommen konnten“, begrüßte er Joe. „Ich weiß, wie voll Ihr Terminkalender ist, Lieutenant.“

„Nicht zu voll hierfür, Captain“, entgegnete Joe knapp.

„Was genau ist ‚hierfür‘?“, fragte Frisco. Er fühlte sich in höchstem Maße unwohl. Fast so wie bei seiner letzten Erkundung auf Feindesgebiet.

Der Arzt wies zum Sofa. „Wollen wir uns nicht setzen?“

„Danke, ich stehe lieber“, erwiderte Frisco.

Joe machte es sich auf dem Sofa bequem und streckte seine langen Beine von sich. Der Arzt dagegen ließ sich auf der Kante eines Sessels nieder und gab so schon durch seine Körpersprache zu erkennen, dass er nicht die Absicht hatte, lange um den heißen Brei herumzureden.

„Was ich Ihnen sagen muss, wird Ihnen nicht gefallen, Mr. Francisco“, begann er unverblümt. „Ich habe gestern Ihre Entlassung aus dieser Klinik angeordnet.“

„Sie haben was getan?“ Frisco traute seinen Ohren nicht.

„Sie sind entlassen“, bestätigte der Arzt nicht unfreundlich. „Sie müssen Ihr Zimmer bis heute Nachmittag räumen.“

Ungläubig sah Frisco von Steve Horowitz zu Joe und wieder zurück. Joes Augen waren dunkel vor Mitgefühl, doch er schwieg. „Aber meine Therapie …“

„Ist hiermit beendet“, schnitt Horowitz ihm das Wort ab. „Die Bewegungsfähigkeit Ihres Knies ist hinreichend wiederhergestellt und …“

„Hinreichend wiederhergestellt? Wofür?“, fauchte Frisco wütend. „Um herumzuhumpeln? Das reicht nicht! Ich muss rennen können. Ich muss …“

Joe richtete sich auf. „Steve beobachtet dein Training seit Wochen“, erklärte er ruhig. „Ganz offensichtlich gibt es keinerlei Fortschritte …“

„Das ist ein vorübergehendes Tief. So was kommt vor …

„Ihr Therapeut befürchtet, dass Sie sich überfordern“, unterbrach Horowitz ihn. „Sie übertreiben mit Ihren Übungen.“

„Verschonen Sie mich mit diesem Mist.“ Frisco umklammerte seinen Krückstock so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. „Meine Zeit ist abgelaufen. Das ist der Punkt, nicht wahr?“ Er sah zu Joe hinüber. „Irgendjemand ganz oben hat entschieden, dass genug für mich getan wurde und ich keine weiteren Ansprüche habe. Ich soll mein Bett frei machen für irgendein anderes armes Schwein, das genauso wenig wie ich darauf hoffen kann, wieder ganz auf die Beine zu kommen. Richtig?“

„Sicher, sie brauchen dein Bett“, nickte Joe. „Die Kapazitäten in den Rehakliniken sind begrenzt, das weißt du. Aber …“

„Sie machen nicht nur keine Fortschritte mehr“, mischte sich Horowitz ein. „Ihr Zustand verschlechtert sich wieder. Ich habe es Ihnen bereits einmal gesagt, aber Sie scheinen nicht begreifen zu wollen: Schmerz ist immer ein Signal des Körpers, das darauf hindeutet, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wenn Ihr Knie schmerzt, schreit es nicht danach, noch härter trainiert zu werden, sondern ganz im Gegenteil: Es verlangt nach Schonung. Gönnen Sie sich eine Pause. Wenn Sie so weitermachen wie bisher, Lieutenant, dann sitzen Sie spätestens im August wieder im Rollstuhl.“

„Ich werde nie wieder in einem Rollstuhl sitzen, Sir.“ Er benutzte zwar die respektvolle Anrede – sein Ton jedoch ließ alles andere als Respekt erkennen.

„Wenn Sie nicht den Rest Ihres Lebens sitzen wollen, sollten Sie damit aufhören, Ihr verletztes Gelenk zu ruinieren“, schoss Horowitz zurück. „Ich will mich nicht mit Ihnen streiten, Alan. Seien Sie dankbar, dass Sie wieder stehen können. Sie können laufen! Sicher, Sie brauchen einen Stock, aber …“

„Ich werde wieder rennen. Ich gebe nicht eher auf, ehe ich nicht wieder rennen kann.“

„Das schaffen Sie nicht“, widersprach der Arzt grob. „Ihr Knie wird Ihr Gewicht nie mehr tragen können. Und Sie werden es auch nie mehr ganz beugen oder durchstrecken können. Finden Sie sich damit ab, dass Sie den Rest Ihres Lebens humpeln werden.“

„Dann brauche ich eben eine weitere Operation!“

„Was Sie brauchen, ist die Einsicht, dass das Leben auch so weitergeht.“

„Mein Leben kann nur weitergehen, wenn ich in der Lage bin zu laufen“, widersprach Frisco heftig. „Kennen Sie einen SEAL, der am Stock geht? Ich nicht.“

Dr. Horowitz schüttelte missbilligend den Kopf und sah Hilfe suchend zu Joe hinüber.

Doch der sagte kein einziges Wort.

„Sie sind jetzt fünf Jahre lang von einem Krankenhaus und Rehazentrum zum anderen gewandert“, fuhr der Arzt fort. „Alan, Sie sind keine zwanzig mehr. Die Wahrheit ist: Die SEALs brauchen Sie nicht mehr. Es werden jede Menge junger Männer ausgebildet, die Sie selbst dann wieder und wieder überrunden würden, wenn Sie noch rennen könnten! Glauben Sie wirklich, dass die da oben auf einen alten Kerl mit einem kaputten Knie warten?“

Frisco bemühte sich um ein ausdrucksloses Gesicht. „Vielen Dank, Doc“, erwiderte er tonlos, während er aus dem Fenster sah. „Ich weiß Ihr Vertrauen zu schätzen.“

Joe beugte sich vor. „Was Steve da sagt, klingt hart – und es ist auch nicht ganz richtig“, sagte er. „Wir ‚alten Kerle‘ über dreißig verfügen über Erfahrung, die den Frischlingen noch fehlt, und das macht uns allgemein zu den besseren SEALs. Aber in einem Punkt hat er dennoch recht: Du bist seit fünf Jahren weg vom Fenster. Du stehst noch vor ganz anderen Herausforderungen als ‚nur‘ den körperlichen – und damit allein hättest du schon genug zu tun. Unsere Ausrüstung hat sich entscheidend verändert, du müsstest dich mit Strategiewechseln vertraut machen und …“

„Gönnen Sie sich eine Auszeit“, wiederholte Dr. Horowitz eindringlich.

Frisco wandte den Kopf und sah dem Arzt direkt in die Augen. „Nein!“ Er blickte hinüber zu Joe. „Keine Auszeit. Nicht, solange ich auf diesen Stock angewiesen bin. Nicht, solange ich die Meile nicht wieder in sechs Minuten schaffe.“

Der Arzt verdrehte entnervt die Augen, stand auf und wandte sich zur Tür, um zu gehen. „Die Meile in sechs Minuten? Vergessen Sie’s. Das schaffen Sie nie wieder.“

Frisco schaute aus dem Fenster. „Captain, Sie haben mir auch prophezeit, ich würde nie wieder gehen können.“

Horowitz drehte sich noch einmal zu ihm um. „Das ist etwas ganz anderes, Lieutenant. Das Training, mit dem Sie sich derzeit quälen, schadet Ihrem Knie mehr, als es ihm nützt. Das ist die Wahrheit, ob Sie es nun glauben oder nicht.“

Frisco rührte sich nicht. Schweigend beobachtete er, wie sich draußen leuchtend rosa Blüten sanft im Wind wiegten.

„Es gibt auch noch andere Aufgaben für einen SEAL“, fügte der Arzt etwas freundlicher hinzu. „Zum Beispiel im Innendienst …“

Wutentbrannt wirbelte Frisco herum. „Ich bin Spezialist auf zehn verschiedenen Gebieten der Kriegsführung, und Sie schlagen mir einen verdammten Job als Schreibtischhengst vor?“

„Alan …“

Joe erhob sich. „Du solltest dir wenigstens die Zeit nehmen, in Ruhe darüber nachzudenken“, meinte er. „Sag nicht von vornherein Nein.“

Frisco musterte Joe mit kaum verhohlenem Entsetzen. Vor fünf Jahren noch hatten sie ihre Witze darüber gerissen, wie es wohl wäre, nach einer Verletzung im Innendienst zu landen. Dieses Schicksal war ihnen damals fast schlimmer als der Tod erschienen. „Du willst, dass ich über einen Schreibtischjob nachdenke?“, fragte er.

„Du könntest unterrichten.“

Frisco schüttelte ungläubig den Kopf. „Großartig. Du hast wirklich Nerven. Kannst du dir etwa vorstellen, dass ich vor einer Tafel stehe? Zumindest von dir hätte ich erwartet, dass du verstehst, warum ich so etwas niemals könnte.“

„Als Ausbilder wärst du noch immer ein SEAL“, beharrte Joe. „Entweder das – oder du scheidest aus dem Dienst aus. Irgendjemand muss den Jungs doch beibringen, wie man überlebt. Warum nicht du?“

„Weil ich mittendrin war!“ Frisco schrie fast. „Weil ich weiß, wie es ist. Weil ich wieder dabei sein will, mittendrin. Ich will aktiv etwas tun, nicht … unterrichten. Verdammt!“

„Die Navy will dich nicht verlieren“, sagte Joe leise und eindringlich. „Du bist jetzt seit fünf Jahren weg, aber nach wie vor kann dir niemand das Wasser reichen, wenn es um strategische Kriegsführung geht. Klar, du kannst aussteigen. Du kannst den Rest deines Lebens mit dem Versuch verplempern, wiederzuerlangen, was du einmal hattest. Du kannst dich in dein Mauseloch verkriechen und dir selbst leidtun. Du kannst aber auch dein Wissen an die nächste Generation von SEALs weitergeben.“

„Aussteigen?“, fragte Frisco mit einem bitteren Auflachen. „Ich kann nicht aussteigen. Man hat mich nämlich bereits rausgeschmissen. Richtig, Captain Horowitz? Heute Nachmittag ist Schluss für mich.“

Einige Sekunden lang herrschte drückendes Schweigen zwischen den drei Männern.

„Es tut mir leid“, murmelte der Doktor schließlich. „Ich muss tun, was das Beste für Sie und für diese Einrichtung ist. Wir müssen Ihr Bett für jemanden räumen, der es dringender braucht, und Sie müssen Ihrem Knie eine Pause gönnen, bevor Sie es noch ganz ruinieren. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als Sie nach Hause zu schicken. Eines Tages werden Sie mir dafür danken.“ Damit verließ er den Raum.

Frisco wandte sich entschlossen an Joe. „Richte der Navy aus, dass für mich nichts anderes infrage kommt als der aktive Dienst. Nichts anderes, verstehst du? Niemals werde ich unterrichten.“

Bedauern und tiefes Mitgefühl lagen in Joes dunklen Augen. „Es tut mir leid“, sagte er leise.

Frisco blickte zur Wanduhr. Fast Mittag. Ein paar Stunden noch, dann musste er gepackt haben und zur Abreise bereit sein. Ein paar Stunden noch, in denen er ein Navy SEAL war, der sich vorübergehend von einer Verletzung erholte. Ein paar Stunden noch, dann würde er ein ehemaliger Navy SEAL sein – Navy SEAL Lieutenant a. D. Nur noch ein paar Stunden, und er war ein Zivilist, ohne zu wissen, wohin er gehen und was er tun sollte.

Zorn kochte in ihm hoch. Vor fünf Jahren war ihm das nur selten passiert. Er war immer ruhig und ausgeglichen gewesen. Aber heute kannte er kaum noch ein anderes Gefühl als Wut.

Aber halt! Er wusste ja doch, wohin. Der Gedanke hatte etwas Beruhigendes: Vor ein paar Jahren schon hatte er sich eine kleine Eigentumswohnung in San Felipe gekauft, in einer relativ billigen Wohngegend. Er konnte dorthin ziehen. Und dann? Was sollte er tun? Er hatte keine Arbeit, keine Aufgabe.

Nichts zu tun zu haben war schlimmer, als nicht zu wissen, wohin. Was sollte, ja, was konnte er nur tun? Den ganzen Tag vor der Glotze herumsitzen und Invalidenrente kassieren? Prompt flackerte der Zorn wieder in ihm auf und drückte ihm fast die Luft ab.

„Ich kann mir die Physiotherapie nicht leisten, die mir hier in der Klinik zuteil wurde!“ Frisco hoffte inständig, dass ihm seine Verzweiflung nicht anzuhören war.

„Vielleicht solltest du wirklich auf Steve hören und deinem Knie ein wenig Ruhe gönnen“, schlug Joe vor.

Er hatte leicht reden. Er würde schließlich gleich aufstehen und das Krankenhaus verlassen, ohne Stock, ohne zu humpeln, ohne vor den Scherben seines Lebens zu stehen. Er würde nach Hause zurückkehren zu seiner wunderschönen Frau, die mit ihrem ersten Baby schwanger war. Er würde mit ihr zu Abend essen, sie dann wahrscheinlich lieben und schließlich in ihren Armen einschlafen. Und am nächsten Morgen würde er aufstehen, eine ausgedehnte Runde joggen, sich duschen, rasieren, anziehen und zur Arbeit gehen – als befehlshabender Offizier der Alpha Squad.

Joe hatte alles.

Frisco hatte nur ein leeres Apartment in einer eher miesen Wohngegend.

„Glückwunsch zu deinem Baby, Mann.“ Frisco gab sich allergrößte Mühe, es aufrichtig zu meinen. Dann humpelte er aus dem Raum.

2. KAPITEL

In Apartment 2c brannte Licht.

Mia Summerton blieb auf dem Parkplatz stehen, setzte ihre schweren Einkaufstaschen ab und sah hinauf zu dem Fenster im zweiten Stock. Es lag direkt neben ihrer eigenen Wohnung. Sie hatte schon geglaubt, der Eigentümer von 2c würde nie mehr auftauchen, so viele Jahre stand das Apartment schon leer.

Aber heute Abend war er da – wer er auch immer sein mochte.

Dass die Wohnung einem Mann gehörte, das wusste sie immerhin. Sie hatte seinen Namen wiederholt gelesen, sowohl auf der Liste der Wohnungseigentümer als auch auf diversen Postwurfsendungen, die irrtümlich in ihrem Briefkasten landeten: Lt. Alan Francisco, United States Navy, a. D. Mia nahm ihre Einkaufstaschen wieder auf und stieg die steinerne Außentreppe hinauf in den zweiten Stock.

Für sie stand somit fest, dass es sich um einen pensionierten Marineoffizier handeln musste, einen älteren Mann also, der möglicherweise im Zweiten Weltkrieg gedient hatte, vielleicht auch in Korea oder Vietnam.

Wie auch immer, sie wollte ihn unbedingt kennenlernen. Ab September stand für ihre zehnte Klasse amerikanische Geschichte vom Börsencrash bis zum Ende des Vietnamkrieges auf dem Lehrplan. Mit etwas Glück wäre Lieutenant Alan Francisco vielleicht dazu zu bewegen, zu ihr in den Unterricht zu kommen und der Klasse ein persönlicheres Bild des Krieges zu vermitteln, an dem er teilgenommen hatte.

Davon war Mia nämlich überzeugt: Schülern etwas über den Krieg zu erzählen war äußerst schwer, denn der Krieg blieb eine völlig unverständliche Sache, wenn er nicht auf einer persönlicheren Ebene betrachtet werden konnte.

Mia schloss ihre Wohnungstür auf, trat ein und stieß die Tür mit dem Fuß hinter sich zu. Sie verstaute rasch ihre Einkäufe, räumte die Baumwolltaschen weg, warf einen kurzen Blick in den Spiegel und band sich den Pferdeschwanz neu, der ihr langes dunkles Haar bändigte. Dann trat sie hinaus auf den Laubengang, der alle Apartments im zweiten Stock miteinander verband.

Ohne zu zögern, drückte sie auf die Klingel von 2c.

Sie konnte die Türglocke drinnen anschlagen hören. In der Wohnung brannte Licht, und die Wohnzimmervorhänge waren nicht zugezogen, sodass sie einen Blick hineinwerfen konnte. Alle Apartments dieses Gebäudes hatten den gleichen Grundriss. Sie bestanden aus einem kleinen Wohnzimmer mit Essecke und daran anschließender offener Küche, einem kurzen Flur, zwei kleinen Zimmern und einem Bad. In Lieutenant Franciscos Wohnung war alles exakt so angeordnet wie bei ihr, nur spiegelbildlich.

Trotzdem sah sie ganz und gar anders aus als Mias eigene. Sie hatte ihr Wohnzimmer mit Rattanmöbeln und in hellen, freundlichen Farben eingerichtet. Bei Lieutenant Francisco dagegen standen leicht schäbig wirkende düstere Möbel, die nicht recht zusammenpassten. Das Sofa war in dunkelgrünem Schottenmuster gehalten, und der Stoff war bereits ziemlich abgewetzt. Sogar der hässliche dunkelgrüne Teppichboden, den Mia in ihrem Apartment unverzüglich hatte auswechseln lassen, als sie vor drei Jahren eingezogen war, lag noch auf dem Boden.

Sie drückte ein zweites Mal auf die Klingel. Keine Reaktion. Also öffnete sie das Fliegengitter und klopfte an die Tür. Wenn Lieutenant Francisco schon älter war, hörte er ja vielleicht nicht mehr so gut …

„Suchen Sie jemanden?“

Mia fuhr überrascht herum, konnte aber den Frager nicht entdecken.

„Ich bin hier unten.“

Die Stimme tönte aus dem Hof herauf, und tatsächlich, da stand ein Mann im Schatten. Mia trat ans Geländer und sah zu ihm hinunter.

„Ich suche Lieutenant Alan Francisco“, sagte sie.

Der Mann trat einen Schritt nach vorn, ins Licht. „Sie haben Glück. Sie haben ihn gerade gefunden.“

Mia konnte nicht anders als ihn anstarren.

Lieutenant Alan Francisco, United States Navy, a. D. war keineswegs ein älterer Mann, sondern etwa in ihrem Alter, höchstens Anfang dreißig. Er war jung, groß und gebaut wie ein Schrank. Das ärmellose T-Shirt, das er trug, umspannte seinen durchtrainierten Oberkörper und betonte die muskulösen Arme. Das dunkelblonde Haar war militärisch kurz geschnitten. Sein kantiges Gesicht wirkte auf sie unwiderstehlich anziehend. Die Farbe seiner Augen konnte sie nicht erkennen, aber sie bemerkte sehr wohl, dass er sie ebenso interessiert musterte wie sie ihn.

Er trat einen weiteren Schritt nach vorn, und Mia bemerkte, dass er humpelte und sich auf einen Krückstock stützte.

„Wollten Sie mich nur anstarren oder noch etwas anderes?“, fragte er.

Das Licht fiel auf seinen Oberkörper, und sie bemerkte die Tätowierungen auf seinen Oberarmen – links ein Anker und rechts etwas, das aussah wie eine Nixe. Mühsam riss sie ihren Blick davon los, um ihm in die Augen zu sehen.

„Ich, ja … Ich wollte … ich wollte nur … hallo sagen. Ich bin Mia Summerton. Wir sind Nachbarn“, fügte sie lahm hinzu.

Du liebe Güte! Sie stotterte ja wie ein schüchterner Teenager.

Ihre Unsicherheit war allerdings nicht nur darauf zurückzuführen, dass er verteufelt gut aussah. Sondern vor allem darauf, dass er offenbar Berufssoldat war. Obwohl er keine Uniform trug, strahlte seine Haltung etwas unverkennbar Militärisches aus. Er war Soldat – kein Wehrpflichtiger, sondern ein Freiwilliger. Er war von sich aus der Navy beigetreten und stand damit für etwas, das sie von Grund auf heftig ablehnte. Mias Eltern waren Kriegsgegner und hatten ihre Tochter entsprechend erzogen.

Frisco betrachtete sie noch immer aufmerksam. „Sie waren neugierig auf mich“, bemerkte er. Obwohl er nicht sonderlich laut sprach, war er sehr gut zu verstehen.

„Ja, natürlich.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Keine Sorge.“ Er erwiderte ihr Lächeln nicht. Genau genommen hatte er noch keine einzige Sekunde gelächelt. „Ich bin nicht laut und veranstalte keine wilden Partys. Ich werde Sie nicht stören und Ihnen aus dem Weg gehen. Wenn Sie mir denselben Gefallen tun könnten?“

Damit nickte er ihr kurz zu, und Mia begriff, dass er das Gespräch für beendet hielt. Mit einer einzigen Geste hatte er sie entlassen, als wäre sie einer seiner Rekruten.

Sprachlos beobachtete sie, wie er mühsam zur Treppe humpelte. Er stützte sich schwer auf seinen Krückstock, und es sah ganz so aus, als bereitete ihm jeder Schritt starke Schmerzen. Wollte er etwa tatsächlich die Treppe hochsteigen?

Dumme Frage! Was sollte er sonst tun? Dieses Gebäude hatte keinen Aufzug. Es war alles andere als behindertengerecht, und dieser Mann war ganz eindeutig behindert.

Stufe für Stufe quälte er sich die steinerne Treppe hinauf, wobei er sich am Geländer festhielt und sich bemühte, sein verletztes Bein so wenig wie möglich zu belasten. Trotzdem konnte Mia sehen, dass ihm jeder Schritt Schmerzen bereitete. Als er oben ankam, ging sein Atem heftig. Schweiß stand auf seiner Stirn.

„Im Erdgeschoss steht eine Wohnung zum Verkauf“, redete Mia drauflos. „Vielleicht kann Ihnen die Verwaltung behilflich sein, Ihr Apartment einzutauschen gegen eines im … im …“

Ein vernichtender Blick traf sie. „Sind Sie immer noch da?“, fragte er unhöflich. Doch als er Mia für einen kurzen Moment ansah, bemerkte sie in seinen Augen eine Fülle von Gefühlen. Zorn, Verzweiflung, Scham. Vor allem Scham.

„Entschuldigen Sie.“ Ihr Blick fiel, fast gegen ihren Willen, auf sein verletztes Bein. „Ich wollte Sie nicht …“

Frisco trat direkt unter eine der Flurlampen und hob sein rechtes Bein ein wenig an. „Hübsch, nicht wahr?“, fragte er.

Das Knie war übersät von stark geröteten, wulstigen Narben, das ganze Gelenk war geschwollen. Mia schluckte. „Was …“, begann sie und räusperte sich. „Was … ist passiert … ?“

Seine Augen waren dunkelblau, fast schwarz und umrandet von den längsten, dichtesten Wimpern, die sie je bei einem Mann gesehen hatte. Trotz des dünnen Schweißfilms auf seinem Gesicht erschien er ihr als der attraktivste Mann, der ihr in ihren ganzen siebenundzwanzig Lebensjahren begegnet war.

Seine Haarfarbe war dunkelblond, kein durchschnittliches Aschblond, sondern eine seidige Mischung aus sehr hellem Braun mit goldenen und roten Reflexen. Er hatte eine große, leicht krumme Nase, die sehr gut in sein Gesicht passte, und einen breiten Mund. Wenn er lächelte, sah er bestimmt umwerfend aus. Lachfältchen lagen um seine Augen und seine Lippen, aber jetzt lächelte er nicht. Sein Gesicht wirkte angespannt vor Zorn und Schmerz.

„Eine Verwundung“, antwortete er barsch. „Bei einem Militäreinsatz.“

Er hatte getrunken. Mia war ihm nahe genug, um den Whiskeydunst in seinem Atem wahrzunehmen. Rasch trat sie einen Schritt zurück.

„Das muss … entsetzlich gewesen sein“, stammelte sie. „Aber … ich wusste gar nicht, dass die Vereinigten Staaten in letzter Zeit in eine Auseinandersetzung auf See verwickelt waren. Ich meine, irgendwer … zum Beispiel der Präsident … hätte uns doch informiert, wenn wir im Krieg wären, oder?“

„Ich wurde bei einem Antiterror-Einsatz in Bagdad verletzt“, erklärte Frisco ihr.

„Bagdad? Liegt das nicht viel zu weit im Land für einen Navy-Einsatz?“

„Ich bin ein Navy SEAL“, erläuterte er und verbesserte sich selbst dann mit bitterem Lächeln: „War ein Navy SEAL.“

Ihr war anzusehen, dass sie nicht verstand, was er meinte. Erstaunt sah sie zu ihm auf. Ihre Augen hatten eine bemerkenswerte Farbe, hellgrün und braun gesprenkelt mit einem dunklen Ring um die Iris. Ihre leicht schräg gestellten Augen und ihre hohen Wangenknochen gaben ihr einen exotischen Touch, als hätte sie asiatische oder polynesische Vorfahren. Vielleicht Hawaii? Genau, das war es. Sie sah ein wenig so aus, als stammte sie von Hawaii. Ihre Nase war klein und schmal, die Lippen sanft geschwungen, die Haut ebenmäßig und äußerst attraktiv gebräunt. Ihr glattes schwarzes Haar trug sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Es war so lang, dass es ihr bis zur Taille reichte.

Frisco musste sich selbst eingestehen, dass seine Nachbarin umwerfend hübsch war.

Sie war deutlich kleiner als er, schlank und feingliedrig. Zu ihrem locker sitzenden T-Shirt trug sie Shorts, die ihre wohlgeformten braunen Beine prima zur Geltung brachten. Keine Schuhe. Ihre Figur war beinahe jungenhaft. Beinahe nur. Sie hatte kleine Brüste, die dennoch ausgesprochen feminin wirkten.

Auf den ersten Blick hätte er sie für einen Teenager gehalten. Aber bei genauerem Hinsehen sah er die feinen Linien, die das Leben in ihr Gesicht gezeichnet hatte. Außerdem strahlte sie Selbstvertrauen und Lebenserfahrung aus, wie sie von keinem Teenager zu erwarten waren. Trotz ihres jugendlichen Aussehens war diese Mia Summerton wohl doch eher in seinem Alter.

„Navy SEALs“, erklärte er, „so nennt man die Eliteeinheit für besondere Kampfeinsätze der U. S. Army. Wir agieren zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Daher der Name SEAL: sea, air, land- Meer, Luft und Boden.“

„Verstehe“, nickte sie und lächelte schief. „Wie niedlich – sich nach Seehundbabys zu benennen.“

Dieses Lächeln ließ sie ein wenig albern aussehen. Sicherlich wusste sie das, aber sie lächelte trotzdem. Frisco hätte jede Wette darauf gegeben, dass diese Frau nahezu immer lächelte. Dennoch wirkte sie verunsichert, geradeso, als wüsste sie nicht, ob er es überhaupt verdiente, angelächelt zu werden. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Ob das nun an seiner Verletzung lag oder an seiner Körpergröße, war ihm nicht klar. Aber eins stand fest: Sie traute ihm nicht.

„Niedlich ist kaum das richtige Wort, um eine Eliteeinheit zu beschreiben.“

„Eliteeinheit“, wiederholte sie. „Also etwas wie die Green Berets?“

„So in etwa“, gab Frisco zurück. Die Green Berets – die Soldaten wurden wegen ihrer grünen Barette so genannt – waren die dienstälteste Spezialeinheit der US Army. „Nur schlauer, stärker und härter. SEALs sind Experten auf vielen Gebieten. Wir sind Scharfschützen, wir sind Sprengstoffexperten – auch unter Wasser – ‚und wir können jedes Flugzeug, jeden Panzer, jedes Schiff fahren und fliegen. Wir sind immer auf dem allerneuesten Stand der Militärtechnologie.“

„Klingt ganz, als wären Sie Profi im Kriegführen. Ein Berufssoldat.“ Mias Lächeln erstarb und mit ihm auch die Wärme in ihren Augen.

Frisco nickte. „Das ist richtig.“ So war das also: Sie mochte Soldaten nicht. Schon seltsam. Manche Frauen flogen regelrecht auf Soldaten. Andere wieder taten alles, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Diese Mia Summerton gehörte ganz offensichtlich zur zweiten Kategorie.

„Was tun Sie, wenn es gerade nirgendwo einen Krieg gibt? Zetteln Sie dann selbst einen an?“

Die Provokation war beabsichtigt, und Frisco versteifte sich innerlich. Er hatte es nicht nötig, sich oder seinen früheren Beruf vor dieser jungen Frau zu verteidigen, mochte sie auch noch so hübsch sein. Er war schon vielen Frauen dieser Sorte begegnet. Heutzutage galt es als politisch korrekt, Pazifist zu sein, sich Abrüstung auf die Fahnen zu schreiben und nach einer Beschneidung des Militärhaushalts zu rufen. Und das alles, ohne zu wissen, wie es wirklich in der Welt aussah.

An sich hatte Frisco nichts gegen Pazifisten. Er hielt Verhandlungen und Friedensgespräche für sehr wichtig und wirksam, aber er hielt sich an die alte Weisheit: Sprich leise und höflich, aber trage stets einen dicken Knüppel bei dir. Und die Navy SEALs waren der dickste und härteste Knüppel, den Amerika bereithalten konnte.

Was das Thema Krieg anging: Die Vereinigten Staaten waren sehr wohl im Krieg. Sie führten einen scheinbar endlosen Kampf gegen den Terrorismus.

„Verschonen Sie mich mit solchem Unsinn!“ Frisco drehte sich zu seiner Wohnungstür um.

„Ach, Sie halten meine Meinung für Unsinn?“ Mia baute sich mit blitzenden Augen vor ihm auf.

„Was ich jetzt dringend brauche, ist ein Drink“, erklärte er. „Würden Sie also bitte den Weg frei machen?“

Mia verschränkte die Arme vor der Brust und rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle. „Es tut mir leid. Ich gebe zu, was ich gesagt habe, mag vielleicht feindselig geklungen haben, aber ich glaube nicht, dass es Unsinn war.“

Frisco sah ihr unverwandt in die Augen. „Ich bin jetzt nicht in der richtigen Stimmung, um mit Ihnen zu diskutieren. Möchten Sie auf einen Drink hereinkommen? Bitte sehr, Sie sind herzlich eingeladen. Ich finde sicher ein zweites Glas. Wollen Sie vielleicht auch die Nacht mit mir verbringen? Umso besser. Ich hatte schon ewig keine Frau mehr im Bett. Aber ich habe nicht die geringste Lust, hier draußen herumzustehen und mich mit Ihnen zu streiten.“

Mia errötete, doch sie hielt seinem Blick stand. „Einschüchterung ist eine mächtige Waffe, nicht wahr? Nur leider funktioniert das bei mir nicht, Lieutenant.“

Frisco ging langsam auf sie zu, bis sie mit dem Rücken an der Tür stand. „Und jetzt?“, fragte er. „Sind Sie jetzt eingeschüchtert?“

Sie war es nicht, das sah er in ihrem Blick. Stattdessen war sie jetzt richtig wütend.

„Typisch“, höhnte sie. „Wenn ein psychologischer Angriff nichts bringt, greift man halt zu körperlicher Gewalt.“ Sie lächelte ihn süß an. „Sie bluffen doch! Und was jetzt?“

Frisco sah irritiert auf ihr schmales Gesicht hinunter. Er war mit seinem Latein am Ende, konnte das aber nicht zugeben. Sie hätte längst die Flucht ergreifen sollen. Aber das hatte sie nicht. Stattdessen stand sie einfach da und starrte ihn an, obwohl er so nahe an sie herangerückt war, dass sie sich fast berührten.

Sie duftete unglaublich gut. Ein leichtes dezentes Parfüm mit einem Hauch von exotischen Gewürzen.

Schon bei ihrem ersten Lächeln hatte sich etwas in ihm geregt. Jetzt regte es sich wieder, und verblüfft erkannte er, dass er sie begehrte. Oh Mann, es war so lange her …

„Und wenn ich nicht bluffe?“, flüsterte er. „Was, wenn ich wirklich möchte, dass Sie mit in meine Wohnung kommen und die Nacht mit mir verbringen?“

Jetzt blitzte doch eine Spur Unsicherheit in ihren Augen auf. Und dann trat sie einen Schritt zur Seite. „Tut mir leid, ich bin nicht in der richtigen Stimmung für Sex mit einem Schwachkopf.“

Frisco schloss seine Tür auf. Er hätte sie küssen sollen. Immerhin hatte sie ihn regelrecht dazu provoziert. Aber irgendwie war es ihm falsch vorgekommen. Mit einem Kuss wäre er zu weit gegangen. Dennoch – er hätte es unglaublich gern getan.

Er drehte sich noch einmal nach ihr um, bevor er seine Wohnung betrat. „Wenn Sie Ihre Meinung ändern, sagen Sie mir einfach Bescheid.“

Mit einem spöttischen Lachen verschwand Mia in ihrem eigenen Apartment.

3. KAPITEL

Ja?“ krächzte Frisco ins Telefon. Sein Mund war trocken, und in seinem Kopf hämmerte es wie verrückt. Der Wecker zeigte 9:36 Uhr. Zwischen den Schlafzimmervorhängen strömte so gleißendes Sonnenlicht herein, dass es wehtat. Rasch schloss er die Augen wieder.

„Alan, bist du das?“

Sharon. Seine Schwester Sharon.

Frisco wälzte sich herum und sah sich nach irgendetwas Flüssigem um, um seine trockene Kehle zu befeuchten. Auf dem Nachtschränkchen stand eine bis auf einen Fingerbreit geleerte Whiskeyflasche. Er streckte die Hand danach aus, ließ sie aber sofort wieder sinken. Zum Teufel, nein, das würde er nicht tun. Auf keinen Fall wollte er so enden wie sein Vater. Der hatte jeden Tag mit einem ordentlichen Schluck Alkohol begonnen, und abends hatte er sternhagelvoll auf der Wohnzimmercouch gelegen.

„Ich brauche deine Hilfe“, begann Sharon. „Du musst mir einen Gefallen tun. In der Rehaklinik sagten sie mir, du seist entlassen worden. Was für ein Glück!“

„Was für einen Gefallen?“, brummte Frisco. Sie brauchte sicher wieder Geld. Nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal. Seine ältere Schwester Sharon war ebenso dem Alkohol verfallen, wie sein Vater es gewesen war. Immer wieder verlor sie ihre Jobs und konnte weder ihre Miete bezahlen noch ihre fünfjährige Tochter Natasha versorgen.

Frisco schüttelte den Kopf. Er war bei Tashas Geburt dabei gewesen, hatte geholfen, sie ans Licht der Welt zu holen. Das Kind eines unbekannten Vaters und einer verantwortungslosen Mutter. So sehr Frisco seine Schwester auch liebte, ihm war dennoch klar, dass sie völlig verantwortungslos war. Sie ließ sich durchs Leben treiben, hangelte sich von Job zu Job, von Stadt zu Stadt, von Mann zu Mann. Selbst ihre kleine Tochter hatte sie nicht dazu gebracht, irgendwo Wurzeln zu schlagen.

Vor fünf Jahren, als Natasha gerade geboren und sein Bein noch in Ordnung gewesen war, hatte er optimistisch in die Welt geblickt. Dennoch hatte er sich nicht vorstellen können, dass diesem Baby eine besonders glückliche Zukunft winkte. Sharon musste endlich begreifen, dass sie ein Alkoholproblem hatte. Sie musste sich um professionelle Hilfe bemühen und schließlich irgendwo niederlassen. Andernfalls würde Natashas Leben von Chaos, Zerrüttung und ständigem Umbruch geprägt sein.

Er hatte recht behalten.

Während der letzten Jahre hatte er Sharon jeden Monat Geld geschickt in der Hoffnung, sie würde es für die Miete und für Lebensmittel verwenden, damit ihre fünfjährige Tochter ein Dach über dem Kopf hatte und regelmäßig zu essen bekam.

Von Zeit zu Zeit hatte Sharon ihn in der Rehaklinik besucht – immer dann, wenn sie Geld brauchte. Und nie hatte sie Natasha dabei gehabt. Den einzigen Menschen, den Frisco wirklich liebend gern gesehen hätte.

„Einen Riesengefallen“, räumte Sharon mit brüchiger Stimme ein. „Ich bin nur zwei Blocks von dir entfernt. Ich komme schnell vorbei, okay? In drei Minuten bin ich bei dir. Ich kann allerdings keine Treppen steigen – ich habe mir das Bein gebrochen und gehe an Krücken.“

Sie legte auf, ohne seine Antwort abzuwarten. Sharon hatte sich also das Bein gebrochen. Super. Woran lag es nur, dass Menschen wie sie das Unglück magisch anzogen? Frisco kam mühsam hoch, legte das Telefon auf, griff nach seinem Krückstock und wankte ins Bad.

Drei Minuten. Das reichte nicht für eine Dusche, dabei hätte er dringend eine gebraucht. Er lehnte sich ans Waschbecken, drehte das kalte Wasser auf und hielt seinen Kopf unter den Hahn.

Was war nur letzte Nacht mit ihm los gewesen? Er hatte fast die ganze Flasche Whiskey geleert. Das hatte er nicht gewollt. In den letzten fünf Jahren hatte er nie mehr als einen, höchstens zwei Drinks genommen, und das auch nur gelegentlich. Schon vor seiner Verletzung hatte er sorgfältig darauf geachtet, weder zu viel noch zu oft zu trinken. Einige seiner Kameraden zogen fast jeden Abend los und ließen sich volllaufen, aber Frisco hielt nur äußerst selten mit. Er wollte nicht so enden wie sein Vater oder seine Schwester.

Und letzte Nacht? Er hatte nur noch einen Drink nehmen wollen. Einen einzigen. Nur zur Abrundung. Nur, um den harten Schlag seiner Entlassung aus dem Rehazentrum ein wenig abzumildern. Aber aus einem Drink waren zwei geworden.

Dann hatte er über Mia Summerton nachgedacht, die, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, drüben in ihrer Wohnung Musik hörte und gelegentlich mitsang. Dem zweiten Glas folgte ein drittes. Und dann hatte er aufgehört zu zählen.

Ihr spöttisches Lachen klang ihm noch in den Ohren, dieses Lachen, als sie sich von ihm abwandte und in ihre eigene Wohnung ging. Dieses Lachen hatte mehr gesagt als tausend Worte. Es hatte gesagt: „Eher friert die Hölle zu, als dass ich auch nur einen weiteren Gedanken an Sie verschwende.“

Gut. Genau das wollte er doch. Oder etwa nicht?

Ja. Er klatschte sich noch einmal kaltes Wasser ins Gesicht und versuchte, sich einzureden, dass das stimmte. Er wollte nicht, dass irgendeine Nachbarin um ihn herumscharwenzelte und ihn mitleidig beobachtete, wenn er die Treppen rauf- und runterhumpelte. Er brauchte niemanden, der ihm vorschlug, in eine lausige Wohnung im Erdgeschoss umzuziehen, als wäre er ein Krüppel. Er brauchte keine selbstgerechten Ansprachen darüber, wie schrecklich der Krieg doch für Kinder und andere Lebewesen sei. Wenn jemand darüber Bescheid wusste, dann doch wohl er.

Er war mehr als einmal an Orten gewesen, an denen Bomben fielen. Ja, die Bomben galten militärischen Zielen, aber das bedeutete noch lange nicht, dass eine Bombe, die ihr Ziel verfehlte, nicht ebenso explodierte. Auch wenn sie ein Haus, eine Kirche oder eine Schule traf, ging sie hoch. Bomben hatten kein Gewissen, kannten keine Reue. Sie fielen. Sie explodierten. Sie zerstörten und töteten. Und ganz gleich, wie gewissenhaft sie auch gelenkt wurden – es gab viel zu oft unschuldige Opfer.

Wenn allerdings ein SEAL-Team eingesetzt wurde, bevor Luftschläge nötig wurden, dann erreichten die Männer der Eliteeinheit möglicherweise sehr viel mehr. Ein Sieben-Mann-Team wie die Alpha Squad beispielsweise konnte das Kommunikationsnetz des Feindes komplett lahmlegen. Oder den feindlichen militärischen Führer entführen, dadurch für Chaos sorgen und so den Weg ebnen für Verhandlungen und Friedensgespräche.

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