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Für die Ewigkeit an dich gebunden

Laura Broschat

Für die Ewigkeit an dich gebunden

Rebecca und Shane


Ich widme dieses Buch meinen beiden Schwestern, die ich über alles liebe.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

 »Becca, komm schon – aufwachen!«

Stöhnend vergrub ich meinen Kopf unter dem Kissen und kniff meine Augen fest zu. Vielleicht gab meine Mum diesmal wenigstens schnell auf und ließ mich weiterschlafen.

»Rebecca Susan Bamberger! Aufstehen!« Ich hörte das laute Gepolter von Mums Schritten auf unserer großen Treppe und fluchte leise vor mich hin. Warum konnte sie mich nicht einmal ausschlafen lassen? Ich hatte schließlich keine Schule mehr!

Mein Abi hatte ich vor einem Monat bestanden und hatte nun ruhige Monate vor mir, bis mein Studium beginnen würde. Also warum ließ sie mir nicht meinen wohlverdienten Schlaf? Diese Frau war eine Sklaventreiberin.

Ich hörte, wie meine Zimmertür polternd aufgestoßen wurde, und drückte mich noch fester in mein Kissen.

»Becca steh schon auf. Du weißt doch ganz genau, dass wir beide heute Oma besuchen müssen. Sie hatte doch vorige Woche Geburtstag und feiert heute nach – in zwei Stunden sollen wir schon bei ihr sein. Also hopp, hopp!« Blitzschnell wurde mir meine kuschlige Decke weggezogen und ich klammerte mich noch mehr an mein Kissen, damit mir dieses nicht auch noch entwendet wurde. Ich hörte meine Mutter laut seufzen.

»Becca, steh endlich auf. Du bringst mich irgendwann noch mal ins Grab!«, grummelte meine Mutter eingeschnappt und schwupps, war auch noch mein Kissen weg.

»Hey!«, rief ich empört. Da mir meine Haare wild im Gesicht hingen, konnte ich nichts sehen und hörte nur das leise Lachen meiner Mum. Mürrisch setzte ich mich auf. »Du bist furchtbar.«

»Das sagst du mir jeden Morgen, Schatz, und jetzt steh endlich auf.«

»Aye, aye, Captain.« Mit einem leisen Kichern verschwand Mum wieder aus meinem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu, damit ich auch ja munter wurde. Schlaftrunken kletterte ich aus meinem weichen Bett und torkelte in mein Bad. Als ich mich im großen Wandspiegel musterte, bekam ich einen kleinen Schock. Meine langen, dunkelbraunen, fast schwarzen, Haare, waren das reinste Zottelchaos und mein Gesicht wirkte viel zu blass, obwohl ich eigentlich einen bräunlichen Teint hatte. Seufzend wandte ich mich wieder ab und zog mir mein dünnes Seidennachthemd aus, bevor ich mich unter die große Dusche stellte. Ich genoss das heiße Wasser, welches auf meinen Körper hinab prasselte und schloss schnurrend die Augen. Eine lange Zeit blieb ich einfach nur stehen und genoss die heiße Brause, bis ich endlich anfing, meine Haare zu waschen.

Nach der ausgiebigen Dusche kämmte ich meine Haare, welche endlich wieder ansehnlich aussahen, und föhnte sie seidig, so dass sie mir glatt bis zur Mitte des Rückens flossen. Dann tapste ich wieder zurück in mein Zimmer und zog mir eine kurze, braune Stoffhose und ein weißes Top an. Wir hatten gerade Hochsommer und mit langer Hose wäre es nicht auszuhalten.

Als ich endlich fertig war, ging ich nach unten in die große Küche und bereitete mir eine Schüssel Müsli zu. Danach ging ich ins Wohnzimmer, wo sich auch meine Mum schon befand und ließ mich neben sie auf die Couch fallen.

»Ich dachte schon, du bist wieder eingeschlafen«, sagte sie, ohne dabei den Blick von ihrer Lieblingsserie abzuwenden. Ich lächelte leicht und begann damit, mein Müsli zu essen. Meine Mum war für ihr junges Alter noch echt cool. Sie hatte schulterlange, hellbraune Haare und, ebenso wie ich, grün-braune Augen. Sie war stets perfekt gestylt und trug nur die neueste Mode. Viele fragten sie immer, ob sie meine ältere Schwester sei, und waren komplett erstaunt, wenn sie ihnen darauf entgegnete, dass sie meine Mutter wäre. Aber ich hatte mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt.

Genauso, wie ich mich daran gewöhnt hatte, keinen Dad zu haben. Meine Mum redete nicht gerne über ihn und das einzige, was ich wusste, war, dass er kurz nach meiner Geburt an Krebs gestorben war. Ich hatte auch nur ein Bild von ihm, auf dem er Arm in Arm mit meiner Mum dastand und breit in die Kamera lächelte. Ich konnte viel von mir in ihm sehen, was mich immer etwas traurig stimmte, da ich nie die Gelegenheit gehabt hatte, ihn kennenzulernen. »Wir müssen bald los Schatz. Bist du fertig?«

»Ja – aber die Feier geht nicht so lange, oder? Ich wollte mich heute Abend nämlich noch mit Annabell treffen.«

»Ich denke, bis zum Abendbrot musst du bleiben, und danach kannst du abhauen. Ich kläre das mit Oma.« Breit grinsend nickte ich meiner Mum dankbar zu, bevor ich die Arme um ihren schlanken Körper schlang.

»Danke Mum, du bist die Beste.«

»Ich weiß«, erwiderte sie grinsend, woraufhin ich ihr einen Kuss auf die Stirn drückte und mich anschließend von der Couch hochschwang.

»Wenn du nicht gerade der Morgenterminator höchstpersönlich bist«, ergänzte ich noch spielerisch, mit einem schelmischen Blick über meinen Nacken. Ich hörte Mum hinter mir laut lachen, während ich mich schon wieder abwandte und nach oben ging, um meine Handtasche zu packen. Bei den Feiern meiner Oma wurde es immer totsterbenslangweilig, daher packte ich mir sogar mein Lieblingsbuch ein – nur für alle Fälle. Immerhin sollte man ja immer auf alles vorbereitet sein.




Was zum Geier wollen die von mir?

 Wie ich es schon geahnt hatte, war die Geburtstagsfeier meiner Oma der reinste Horror. Das Durchschnittsalter der Gäste betrug wahrscheinlich sechzig, und nach ein paar Stunden kam ich mir mindestens genauso alt vor – da konnte mir selbst mein Lieblingsbuch nicht helfen.

Auch meine Mum schien sich nicht gerade zu amüsieren, doch sie konnte es bei Weitem besser verbergen als ich. Genervt sah ich zum bestimmt hundertsten Mal auf die Uhr, bevor ich entnervt aufstöhnte, da es nicht einmal sechs Uhr abends war.

»Das kann doch nicht wahr sein!«, seufzte ich ergeben und ließ mich tiefer in den alten Schaukelstuhl sinken, von dem aus ich die Feier mit gebührendem Abstand beobachtete. Meine Oma saß zwischen ihren besten Freundinnen und redete ununterbrochen über Früher und ›Wie toll doch ihre Jugend gewesen war‹. Die anderen Gäste redeten ebenfalls nur über ihre aufregende Jugendzeit, und ich hielt nach irgendeinem schweren Gegenstand im Raum Ausschau, den ich mir gegen den Kopf schlagen könnte, um ohnmächtig zu werden und die restliche Party zu verschlafen. Eine große, in der Ecke stehende, Lampe, schien mir die beste Alternative dafür zu sein.

Warum mussten ältere Leute ständig ihrer Vergangenheit nachtrauern und in Erinnerungen davon schwelgen, wie sie ihr Leben genossen hatten? Das brachte ihnen ihren damaligen Elan auch nicht wieder zurück, sondern deprimierte sie nur. Ich konnte das einfach nicht nachvollziehen. Meiner Meinung nach sollte man sich einfach damit abfinden, was die Zeit aus einem gemacht hatte – ändern konnte man es ohnehin nicht, und die Zeit zurückdrehen gewiss auch nicht.

Als mein Handy sich plötzlich mit lautem Klingeln meldete, schreckte ich hoch und verließ schnell den Raum, um meine Ruhe zu haben. Ein Blick auf das Display verriet mir mit leuchtenden, elektronischen Lettern, dass Annabell gerade anrief. Meine Erlöserin – Gott sei Dank! Breit grinsend nahm ich ab.

»Hey Süße was gibt’s?«, fragte ich freudig in den Hörer, während ich mich vor Omas Haus auf eine der Holzbänke fallen ließ. Hier konnte ich ungestört telefonieren.

»Ich wollte nur mal hören, ob du noch lebst, oder schon vor Langeweile gestorben bist.«

»Eindeutig das Zweite.« Annabell lachte ihr übliches, lautes Lachen und ich stimmte fröhlich mit ein.

»Weißt du, du kannst auch jetzt schon zu mir kommen. Wir schauen uns einen schönen Film an und gehen danach erst in die Disko. Was hältst du davon?“

»Ich finde die Idee klasse«, antwortete ich sofort mit Elan, bevor die ernüchternde Wahrheit mich wieder zurück auf den Teppich holte. »Aber ich weiß nicht, ob meine Mum mich jetzt schon gehen lässt.«

»Wenn nicht, hau einfach ab«, schlug Annabell lachend vor, doch ich verdrehte nur meine Augen über ihre Bemerkung. Das war eine der Eigenschaften, die ich an meiner besten Freundin liebte: Sie genoss das Leben in vollen Zügen und dachte nicht immer über Richtig oder Falsch nach. Ich hingegen machte mir immer viel zu viele Gedanken.

»Ja klar, ich hau einfach ab. Du bist doch echt bescheuert«, witzelte ich mit leichtem Spott in der Stimme, während ich nach oben schaute und den fluffigen, weißen Wolken beim Treiben zusah.

»Na, und trotzdem liebst du mich«, entgegnete mir meine beste Freundin durch den Hörer beinahe augenblicklich, woraufhin ich breit grinsen musste.

»Ja das stimmt. Ohne dich wäre ich wirklich aufgeschmissen.«

»Ich weiß.« Wieder brachen wir beide in einheitliches Gelächter aus, bevor mich mein Pflichtgefühl daran erinnerte, dass man mich drinnen wahrscheinlich schon vermisste. Obwohl die Chance gering war, dass man mein Fehlen überhaupt bemerkt hatte – trotzdem beschloss ich nun mit einem letzten, wehleidigen Blick gen Himmel, aufzulegen.

»Okay ich schreib dir eine SMS, ob ich kommen kann. Bye Schnecke.«

»Bye. Und wehe du kommst nicht! Setz deinen Schmollblick ein, wenn es nötig ist.«

»Mach ich.« Immer noch grinsend legte ich auf und ging wieder rein. Als ich meine Mum und meine Oma in der Küche stehen sah, gesellte ich mich lächelnd zu ihnen und stellte mich hinter meine Mutter, um ihr über die Schulter spähen zu können. Sie schnitt gerade eine Gurke in dünne Scheiben und ich klaute mir eine und steckte sie mir in den Mund.

»Mum? Omi?« Beide sahen mich gleichzeitig mit hochgezogener Augenbraue an, wobei sie sich verdammt ähnlich sahen. Breit grinsend wich ich einige Schritte zurück, bis ich rücklings gegen die Küchentheke lehnte, während meine Vorfreude immer größer wurde.

»Ich ahne schlimmes«, brach meine Mum schließlich das Schweigen mit skeptischem Blick, woraufhin ich einen unschuldigen Schmollmund machte und meinen Welpenblick aufsetzte.

»Annabell hat gerade angerufen und mich eingeladen, schon früher zu ihr zu kommen. Könnte ich vielleicht jetzt schon gehen?«

»Aber natürlich Engelchen. Ich weiß doch, dass die Feier viel zu langweilig für dich ist. Es ist ja gar keiner in deinem Alter da, mit dem du reden könntest«, antwortete meine Oma, anstelle meiner Mutter, mitfühlend, woraufhin ich sie freudig jauchzend umarmte. Meine Mum hingegen sah nicht gerade begeistert aus.

»Becca, du weißt doch, dass ich gesagt habe, du sollst bis zum Abendbrot bleiben. Kannst du denn nicht wenigstens diese eine Stunde noch warten?« Ehe ich mich verteidigen konnte, hatte meine Oma ihrer Tochter schon eine Hand auf die Schulter gelegt.

»Das ist doch kein Problem. Rebecca kann ruhig zu ihrer Freundin gehen.« Breit grinsend bedankte ich mich noch einmal bei meiner Oma und drückte meiner Mum anschließend einen Abschiedskuss auf die Stirn.

»Bye! Bis heute Abend«, verabschiedete ich mich fröhlich von ihr, doch sie nickte nur mit angespannter Miene. Allerdings beachtete ich das gar nicht, sondern zog mir im Flur gedankenverloren meine Schuhe an, bevor ich Annabell die SMS schrieb, dass ich schon auf dem Weg zu ihr war.

Leider waren Mum und ich mit ihrem Auto gekommen, daher musste ich den Weg zu Annabell laufen, doch das war immer noch besser, als bei der Feier zu versauern. Da die Sonne langsam unterging, war es auch nicht mehr so furchtbar heiß und ich schwitzte nicht so schlimm. Meine Oma wohnte in Feldmoching, einem Randbezirk von München, ebenso wie Annabell, daher musste ich nur eine knappe Viertelstunde laufen. Was vollkommen okay war.

Der Weg führte durch Straßen, gesäumt von freistehenden Familienhäusern, die an diesem Freitagabend beinahe ausgestorben waren, was selbst für diesen Stadtteil ungewöhnlich war. Um mir die Zeit ein wenig zu vertreiben und mich auf schöne Gedanken zu bringen, holte ich meinen MP3-Player heraus und schaltete mein Lieblingslied von Bakkushan ein. Sofort sang ich leise mit und bekam gute Laune.

›Baby du siehst gut aus. Ich will dich tanzen sehn. Baby du siehst gut aus. Ich will dich tanzen sehn. Baby ich will dich dich schneller, schneller tanzen sehen. Baby ich will dich, dich, dich, dich, dich.‹

Vollkommen in dem Lied versunken, tanzte ich schon fast den Weg entlang, und die wenigen Leute, die mir entgegenkamen – meist Seniorenpaare – belächelten mich mit gönnerhaftem Blick. Doch das war mir vollkommen egal. Ich hatte gute Laune und die würde mir heute niemand mehr vermiesen. Wenn ich mich da mal nicht täuschte!

Nachdem das Lied zu Ende war, fischte ich den MP3-Player wieder aus meiner Hosentasche, und suchte nach einem neuen Song. Mit gesenktem Kopf und vertieft in das leuchtende Display, bemerkte ich erst, dass etwas den Weg blockierte, als ich gegen etwas Hartes lief und unvermittelt zurückprallte. Mein MP3-Player fiel zu Boden, während ich torkelnd darum kämpfte, es ihm nicht gleich zu tun.

Gott! Wenn ich eben wirklich gegen einen Pfosten oder ein Straßenschild gelaufen bin, dann werde ich auf der Stelle im Boden versinken!, schoss es mir durch den Kopf. Benommen sah ich auf und blickte in schöne, dunkelbraune Augen. Okay, immerhin war es kein Pfosten gewesen … aber dafür irgendein fremder Kerl. Klasse! Auch nicht gerade weniger peinlich.

Ich murmelte eine leise Entschuldigung, ohne den Typen wirklich anzusehen, während ich in die Hocke ging, um meinen MP3-Player wieder vom Boden aufzuheben. Jedoch kam mir eine große Hand zuvor und ich sah perplex wieder hoch zu dem Kerl.

Erstaunt musste ich feststellen, dass er verdammt gut aussah. Er hatte hochgestylte, hellbraune Haare und ein ziemlich markantes Gesicht, mit hohen Wangenknochen. Er sah aus wie ein typischer Mädchenschwarm, oder eines dieser Katalogmodels. Eben wie einer, der sich ziemlich viel auf sich einbildete. Bei diesem Gedanken verzog ich das Gesicht. Solche Kerle hatte ich noch nie leiden können.

Und trotzdem konnte ich irgendwie nicht aufhören, ihn anzustarren. Er war einfach zu faszinierend, mit diesem stoischen, schönen Gesicht und den klar definierten Muskeln, die sich unter seinem hellen Shirt abzeichneten. Schnell wandte ich dann doch den Blick ab, als ich merkte, wie ich ihn angaffte, und richtete mich wieder zu voller Größe auf, ebenso wie er.

Auffordernd streckte ich ihm meine Hand entgegen und er ließ meinen MP3-Player schmunzelnd hinein fallen.

»Wie wäre es mit einem kleinen Dankeschön?«, fragte er mich mit arrogantem Blick, woraufhin ich genervt die Augenbrauen hochzog. Als hätte ich es nicht schon geahnt – er war ein eingebildeter Blödmann.

»Wieso? Wegen dir habe ich ihn doch erst fallen lassen. Wenn er kaputt ist bezahlst du ihn mir!«, entgegnete ich daher schnippisch, bevor ich meinen MP3-Player demonstrativ auf irgendwelche Kratzer untersuchte.

»Als wenn das Ding viel wert wäre«, schnaubte der Kerl verächtlich und schob die Hände lässig in die Hosentaschen, was ich mit tödlichem Blick quittierte.

»Schnösel«, raunte ich wütend und schob mich einfach an ihm vorbei, ohne ihn auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen. So ein eingebildeter Hornochse.

Doch ehe ich mich versah, stand er schon wieder vor mir, und ich wäre fast schon wieder in ihn hineingerannt. »Sag mal, was ist eigentlich dein Problem?«, giftete ich ihn fauchend an, doch er grinste nur wieder sein arrogantes Grinsen.

»Mein Problem ist, dass du jetzt nicht einfach so gehen kannst, Schätzchen.« Empört stemmte ich meine Hände in die Hüften und sah ihn wütend an, wobei ich meinen Kopf in den Nacken legen musste, da er einen ganzen Kopf größer war als ich. Für einen Moment versank ich in seinen dunklen Augen, forstete darin nach einem Anzeichen, dass er sich nur einen dummen Scherz erlaubte … doch nichts. Er meinte es ernst, und das ließ den Zorn in mir entflammen.

»Spinnst du?«, fuhr ich ihn daher an, schubste ihn von mir weg und lief betont ungerührt weiter. »Ach, und nenn mich nie wieder Schätzchen, wenn dir dein Leben lieb ist!«, rief ich ihm abschließend zu, ohne mich dabei umzudrehen.

»Wieso denn, Schätzchen?« Schon wieder stand er direkt vor mir – einfach so. Erschrocken sog ich die Luft ein und stolperte sofort einige Schritte zurück.

»Wie machst du das?«, entfuhr es mir entsetzt, jedoch bestand seine Antwort lediglich aus einem eingebildeten Grinsen, das seine strahlend weißen Zähne zeigte. Verächtlich schnaubte ich auf. »Jetzt mal im Ernst – ich habe nicht den ganzen Tag Zeit und du gehst mir gewaltig auf die Nerven, also zieh Leine, du Hornochse!« Diesmal folgte auf mein wütendes Fauchen ein schallendes Lachen, was mich beinahe noch mehr erschreckte.

Obwohl gerade innerlich kochte vor Wut, musste ich leider zugeben, dass er verdammt heiß aussah und sein Lachen ansteckend wirkte. Zum Glück konnte ich mir mein dämliches Grinsen gerade noch verkneifen und verschränkte stattdessen die Arme vor der Brust. Er sollte sich ja nicht noch mehr auf sich einbilden, als er es ohnehin schon tat.

»Du gefällst mir, Süße. Wirklich«, japste er, immer noch lachend, und endlich versiegte der Reiz, in sein Lachen einzustimmen, und ich schnaubte abermals herablassend.

»War‘s das? Kann ich jetzt endlich gehen?«

»Nein«, bekam ich als schlichte Antwort und sah den Typen entsetzt an. Was zum Geier wollte dieser Spinner von mir?

»Leck mich«, zischte ich wieder und wollte an ihm vorbei, doch er hielt mich auf, indem er meinen Arm mit seiner großen Hand umschloss und mich an sich zog. Mein Schrei blieb mir im Hals stecken, als ich gegen seine breite Brust prallte. Vollkommen überfordert blinzelte ich zu ihm hinauf.

Was wollte der von mir? Mich entführen? Oder doch lieber in einer dunklen Gasse vergewaltigen und dann umbringen?

Ich schluckte ängstlich und versuchte, mich gegen ihn zu stemmen, doch ich hätte mich genauso gut gegen einen Stier wehren können. Sein Griff war stahlhart und ich zuckte zusammen, als er mit seinem Gesicht dem meinem immer näher kam.

 »Verdammt lass mich endlich los du Irrer!«

»Du bist zickig, wie niedlich«, stellte er fröhlich fest und ich streckte ihm automatisch die Zunge heraus.

»Und du bist ein Arschloch, wie ekelhaft!«, konterte ich und er lachte wieder laut auf. Na schön, du Blödmann – du hast es nicht anders gewollt!

Tief einatmend sammelte ich all meinen Mut, bevor ich ihm mit voller Wucht in seine Weichteile trat. Ich konnte beobachten, wie er zusammenfuhr und einen Schmerzenslaut ausstieß. Eine Seite von mir wollte sich bei ihm entschuldigen, denn irgendwie sah er in dem Moment ziemlich erbärmlich aus – die andere Seite führte innerliche Freudentänze auf.

So schnell ich konnte riss ich mich von ihm los und rannte das letzte Stück zu Annabells Haus. Ich war noch ungefähr fünf Minuten von ihr entfernt, doch mit genügend Vorsprung war es mir vielleicht sogar möglich, vor dem Psycho dort anzukommen. Zum Glück war ich eine relativ schnelle Sprinterin.

Aber natürlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich mir jemand in den Weg stellen würde. Erschrocken quietschte ich auf, als ich, zum widerholten Mal,  gegen eine muskulöse Brust knallte. Der Aufprall war so hart, dass ich nach hinten geschleudert wurde und auf den Boden gefallen wäre, wenn ich nicht rechtzeitig an den Schultern gepackt und festgehalten worden wäre. In meinem Kopf drehte sich alles und meine Knie waren weich wie Wackelpudding.

»Nicht so stürmisch Kleine.« Mir gegenüber stand ein ziemlich großer Kerl, der gewisse Ähnlichkeit mit einem Bären aufwies, da er verdammt muskulös war und ein rundliches Gesicht hatte. Ich schluckte ängstlich, da der Typ verdammt angsteinflößend aussah, und versuchte panisch, mich loszureißen. Doch natürlich ließ der Kerl das nicht zu.

»Lass mich los, verdammt!«, brüllte ich, so laut ich konnte, und eilig wurde mir eine große Hand, oder, besser gesagt, Pranke, auf den Mund gelegt.

»Sorry, Kleine, aber du musst jetzt schön die Klappe halten.« Während der Bär dies sagte, grinste er breit, und in mir stieg Übelkeit auf. Er gehörte eindeutig zu diesem anderen Blödmann dazu. Gott, in was war ich hier nur hineingeraten?

»Dieses kleine Biest hat mir doch tatsächlich in die Eier getreten!«, rief da der andere Kerl empört auf und ich hörte, wie er sich dem Grizzlybären und mir langsam nährte. Ängstlich kämpfte ich noch stärker gegen den Riesen an, doch es schien ihm kein Bisschen auszumachen. »Pass bei der lieber auf. Die ist eine kleine Wildkatze!«

Wie zur Bestätigung schnappte ich nach den dicken Wurstfingern, die immer noch über meinem Mund lagen, und kämpfte noch heftiger gegen den Griff des Bären an, was die beiden Trottel sichtlich zu amüsieren schien. »Mensch, Kleine, reg dich ab. Wir tun dir nichts«, beschwichtigte Grizzlybär mich, nachdem er mit Kichern fertig war. Hielt der mich etwa für komplett bescheuert? Natürlich würden sie mir etwas antun!

Warum sonst sollten zwei ausgewachsene Männer ein wehrloses Mädchen packen, festhalten und ihr den Mund zu halten? Ich war das kleine, dumme Opfer zweier Psychopathen!

»Seid ihr endlich fertig? Ryan und ich wollen nicht ewig in diesem bekloppten Lieferwagen warten.« Ein schönes Mädchen mit roten Haaren trat in mein Sichtfeld, die ich mit vor Entsetzen geweiteten Augen musterte. Es gab noch mehr von denen? In was für eine Scheiße war ich da nur wieder gelandet? Die wollten mich in einem Lieferwagen verschleppen!

Ich spürte, wie mir heiße Tränen in die Augen traten, da ich an meine Mutter, meine Oma und Annabell denken musste. Ich würde sie wohlmöglich nie wieder sehen. Das konnte doch nicht wahr sein! Warum passierte so etwas ausgerechnet mir?

Zornig blinzelte ich die Tränen wieder weg. Das Letzte, was ich diesen Psychopathen signalisieren wollte, war meine Angst.

»Ja, wir kommen ja schon! Die Kleine ist nur ein ziemlich zäher Brocken«, antwortete der Bär grölend, bevor er mich ohne Vorwarnung auf seine Arme hob. Dabei löste sich seine Hand kurz von meinem Mund, und sofort begann ich, japsend nach Hilfe zu schreien. Fluchend erkannte Grizzly seinen Fehler, und sofort platschte seine Pranke wieder auf meinen Mund und erstickte somit meine letzte Hoffnung. Niemand würde mich hören. Niemand könnte mich vor diesen Psychopathen retten. Ich war verloren!

Grizzlybär und der andere Mistkerl schritten auf die Rothaarige zu, und gemeinsam steuerten sie auf einen weißen Lieferwagen zu. Als ich ihn sah, schrie ich erneut und wand mich wie eine Verrückte gegen den festen Griff des Grizzlys.

»Mann, die Kleine hat wirklich Power«, stellte dieser belustigt fest, während er mich vor dem Transporter auf den Boden stellte. Abermals nahm er seine Hand von meinem Mund, und wieder kreischte ich sofort japsend los.

»Ihr elendigen Arschlöcher! Wie könnt ihr es wagen…« Mein Schrei wurde durch ein dunkles Tuch gedämpft und ich Dummkopf holte vor Schreck tief Luft, was natürlich ein fataler Fehler war. Ich spürte, wie mir langsam aber sicher schwarz vor Augen wurde und ich ins Land der Träume abdriftete. Als das Tuch wieder von meinem Gesicht genommen wurde, sackte ich in Grizzlys Armen zusammen und flüsterte noch leise: »Ihr Arschlöcher«, ehe ich komplett das Bewusstsein verlor.

Ein überfreundlicher Entführer, ein Obermacho und ein Grizzlybär

Mein Kopf dröhnte so sehr, als hätte ich die gesamte Nacht durchgefeiert und mich von oben bis unten mit Alkohol volllaufen lassen. Stöhnend rieb ich mir die Stirn und öffnete vorsichtig meine Augen, nur um sie gleich darauf wieder zu schließen. In dem Zimmer, in dem ich mich befand, war es viel zu hell, und meine Augen schmerzten wie verrückt.

Gott, wurden mir gestern etwa Drogen verabreicht, oder was?

Ich fühlte mich wirklich zum kotzen.

Was war überhaupt passiert?

Meine Erinnerungen waren verblasst, und der pochende Schmerz in meinen Schläfen, trug auch seinen Teil dazu bei.

Mutig wagte ich es, zum zweiten Mal meine Augen zu öffnen, doch diesmal hielt ich sie geöffnet – trotz des brennenden Schmerzes. Stöhnend setzte ich mich auf der federnden Matratze auf. Schockiert bemerkte ich erst jetzt, dass ich auf einem großen Doppelbett saß, und sah mich verwirrt im Raum um. Er war groß, weiß und wurde durch riesige Fenster erleuchtet. Alles wirkte ziemlich modern und verdammt teuer … und, ehrlich gesagt, sagte mir dieser Raum rein gar nichts. Wie zur Hölle war ich hier her gekommen? Warum schlief ich auf einem fremden Doppelbett? Und wo, zur Hölle, war ich überhaupt?

Ich hatte doch nicht etwa … nein! Vollkommen unmöglich. So etwas würde ich niemals tun – auch nicht im besoffenem Zustand. Es sei denn, ich wäre betäubt worden. Gott, ich sollte am besten gar nicht weiterdenken, das machte es nur noch schlimmer.

Mit aller Kraft erhob ich mich von dem weichen Bett und schlurfte zu einem der großen Fenster, sah nach draußen … und erschrak. Ich befand mich bestimmt im fünften Stock eines Hochhauses, denn ich genoss einen atemberaubenden Blick auf einen Großteil Münchens.

Doch zumindest konnte ich nun erleichtert ausatmen, denn ich war immer noch in München und nicht irgendwo in Timbuktu.

Plötzlich hörte ich Stimmen vor der Tür, und erstarrte augenblicklich zu einem Eisblock. Scheiße, wer war das? Und was machten sie hier? Was machte ich hier? Wo, verdammt noch mal, war meine blöde Erinnerung? Die hatten mir bestimmt Drogen verabreicht! Mein Kopf fühlte sich an, wie in Watte gebauscht, und pochte wie verrückt.

Ehe die fremden Personen den Raum betraten, schlüpfte ich schnell wieder ins Bett und stellte mich schlafend. So konnte ich vielleicht herausfinden, wer die überhaupt waren und was sie mit mir vorhatten.

Die Zimmertür wurde leise geöffnet und ich versuchte, mich komplett zu entspannen, was mir in dieser Situation ziemlich schwer fiel.

»Mann, die pennt ja immer noch! Wie viel Chloroform hast du denn auf den dummen Lappen geschüttet, Ryan?«, fragte eine tiefe, männliche Stimme genervt, und irgendetwas in mir schrie, dass ich diese Stimme bereits kannte. Doch mir wollte partout nicht einfallen, woher.

»Ich habe sogar ziemlich wenig drauf geschüttet. Ich habe keine Ahnung warum sie noch immer schläft, aber das Zeug wirkt ja auch bei Jedem anders«, erwiderte eine wärmere, ebenfalls männliche Stimme, welche mir jedoch vollkommen unbekannt war. Ich versuchte, ruhig und gleichmäßig zu atmen, und entspannt zu wirken, auch wenn ich es innerlich kein Bisschen war. Immerhin machte es gerade den Anschein, als wäre ich betäubt und entführt worden. Wenigstens schienen die Kerle mir meine Show abzukaufen.

»Oh, Mann! Jetzt müssen wir schon Babysitter spielen und die Kleine hält nicht mal ein einfaches Beruhigungsmittel aus – dabei wollte ich die kleine Zicke damit die ganze Zeit ruhigstellen«, sinnierte wieder der erste Kerl, mit der tieferen Stimme, und wirkte dabei ziemlich arrogant. Ich konnte ihn jetzt schon nicht leiden.

»Shane, lass den Scheiß! Wir müssen uns immerhin um sie kümmern. Ich mache mir langsam Sorgen um sie­«, erwiderte daraufhin die wärmere Stimme und ich hörte, wie jemand auf mich zukam, bevor sich die Matratze neben mir absenkte. Sofort machte mein Herz einige unruhige Sprünge, bevor es unkontrolliert zu Rasen begann, und ich vergeblich versuchte, mich selbst zu beruhigen.

»Sie sieht ganz schön blass aus«, stellte der Nettere der beiden Entführer fest, wobei er sich wohl über mich beugte, denn sein Atem kitzelte mich im Nacken. Ich schluckte ängstlich und hoffte, dass er es nicht gehört hatte. Gott, was sollte ich jetzt nur tun?

»Ich hab doch gesagt, du hast ihr zu viel Beruhigungsmittel eingeflößt.«

»Nein, das habe ich nicht, Shane … ich heiße ja nicht Jake.«

»Höre ich da etwa Jemanden meinen Namen rufen?«, erklang plötzlich eine andere, ziemlich laute und ziemlich tiefe Stimme, wie aufs Wort. Dann vernahm ich polternde Schritte, und der dritte Mann betrat ebenfalls das Zimmer.

»Vergiss es einfach, Jake«, winkte die arrogante Stimme kühl ab, und ich hörte jemanden verächtlich schnauben.

»Mann, pennt die immer noch?«, fragte die tiefe Stimme, und es herrschte Stille im Raum. »Soll ich sie mal durchschütteln?«

»NEIN!«, kam es sofort panisch von der Stimme neben mir.

»Oder willst du sie noch zerquetschen?«

»Schon gut, Brüderchen. Ich geh wieder zu Maggy – sie kocht gerade. Ich muss aufpassen, dass sie die Küche nicht abfackelt.“ Ich hörte die anderen Beiden lachen, dann ertönten wieder polternde Schritte. Gott, konnten die anderen beiden Deppen nicht auch endlich das Zimmer verlassen und mir meine Ruhe lassen, damit ich mir irgendwie einen Fluchtplan ausdenken konnte?

»Naja, ich zieh dann mal Leine. Die Kleine scheint ja noch ein bisschen schlafen zu wollen. Kommst du mit?« Die arrogante Stimme schien meine Gedanken gehört zu haben und ich tanzte innerlich vor Freude. Jetzt musste nur noch der Zweite verschwinden.

»Nein, ich bleibe lieber noch ein bisschen hier. Ich mache mir Sorgen um Rebecca.« Woher zur Hölle wusste der meinen Namen? Was ging hier vor sich?

»Deine Entscheidung«, erwiderte die arrogante Stimme, bevor Schritte ertönten und dann das Klicken, als die Tür ins Schloss gezogen wurde. Nun war ich also mit einem von denen alleine. Ganz klasse. Wenn der mich auch nur irgendwo anfasste, dann würde ich ihm dermaßen eine reinhauen, dass ihm die Spucke wegblieb!

»Du kannst jetzt die Augen aufmachen. Den anderen kannst du ja was vormachen, aber ich sehe genau, dass du wach bist, Rebecca.« Die Stimme des Entführers klang warm und irgendwie einladend. Ein kleiner Teil von mir wollte ihm vertrauen, und ich hasste diesen Teil sofort dafür. Doch ich sah ein, dass es keinen Sinn hatte, mich weiterhin schlafend zu stellen. Langsam öffnete ich meine Augen und blickte in das, erstaunlicherweise, freundliche Gesicht eines hübschen Jungen um die zwanzig. Er hatte dunkelblondes, verwuscheltes Haar und warme, schokobraune Augen. Er wirkte durch und durch freundlich und vertrauenserweckend. Mit zusammengekniffenen Augen setzte ich mich auf und rückte von ihm weg. »Na schön – wer bist du und was wollt ihr von mir?«

»Ich bin Ryan und wir wollen dich beschützen«, erwiderte er sofort gelassen, doch ich schnaubte nur verächtlich.

»Ja, genau. Wenn ich jemanden beschütze, dann entführe ich ihn auch immer und betäube ihn so dermaßen, dass ihm am nächsten Tag sein behämmerter Kopf wie verrückt dröhnt!“ Ryan begann zu lächeln und dabei wirkte er noch schöner und noch freundlicher, wenn das überhaupt möglich war. Gott, es machte mir Angst, dass er so nett war. Waren Entführer nicht eigentlich das komplette Gegenteil?

»Also, was wollt ihr wirklich von mir und woher zur Hölle kennst du eigentlich meinen Namen?«, schoss es schnippisch aus mir heraus, und Ryan lächelte noch breiter. »Hör gefälligst auf, so zu grinsen, das macht mich noch wahnsinnig! Immerhin bist du mein bescheuerter Entführer!« Ryans Mundwinkel sackten herab und er schien wirklich zu versuchen, böse zu schauen, doch es sah so armselig aus, dass ich mir erstaunlicherweise ein Lachen verkneifen musste.

»So besser?«

»Nein, es sieht bescheuert aus«, antwortete ich wahrheitsgemäß und wieder grinste Ryan.

»Beantwortest du jetzt meine Fragen?« Genervt atmete ich aus und er räusperte sich leise.

»Wir wollen dich wirklich beschützen, und ich kenne deinen Namen, da wir dich schon eine Weile beobachten.«

»Seid ihr Stalker?«, schoss es entsetzt aus mir heraus, was Ryan seinerseits zu schockieren schien.

»Nein! Wir wurden beauftragt, für deine Sicherheit zu sorgen, da du für einige Leute sehr wichtig bist.«

»WAS? Ich bin doch keine Ware die zum Verkauf steht!«, entfuhr es mir ungläubig und ich sprang vom Bett auf. »Ich lass mich ganz sicher nicht an irgendeinen Irren verhökern!« Ryan sah mich überfordert an. Zum ersten Mal lächelte er nicht überfreundlich.

»Nein du verstehst das ganz falsch. Lass es mich dir erklären, Rebecca.«

»Oh, nein! Ich will es gar nicht hören. Ihr seid ja krank!«, schrie ich ihn wütend an, und genau in diesem Moment öffnete sich die Tür, und ein Kerl mit hellbraunen Haaren und dunkelbraunen Augen stand im Türrahmen und sah erstaunt auf mich herab. In meinem Kopf legte sich bei seinem Anblick irgendein Schalter um, und erschrocken schrie ich auf.

»DU! Du warst es der mich entführt hat!«

»Ja, und du hast mir in die Eier getreten, Süße.«

»Nenn mich nicht so, du krankes Arschloch!«, fauchte ich laut und wich einige Schritte zurück. Als Ryan beschwichtigend auf mich zuging, die Hände ergeben vor seiner Brust, hielt ich bedrohlich einen Finger in die Höhe.

»Komm mir nicht zu nahe!«, warnte ich ihn und er blieb tatsächlich stehen. Der Andere dagegen schnaubte nur verächtlich und trat auf mich zu. Ängstlich wich ich noch weiter zurück, stolperte dabei über irgendetwas und verlor mein Gleichgewicht. Ehe ich auf dem Boden aufschlug, umfingen mich schnell zwei Arme und stellten mich wieder auf. Als ich bemerkte, dass es das arrogante Arschloch war, schubste ich ihn sofort von mir weg und funkelte ihn wütend an.

»Fass mich nie wieder an!«

»Schön, von mir aus lass ich dich das nächste Mal auf den Boden fallen. Hoffentlich brichst du dir was dabei«, zischte dieser zurück und ich war gerade dabei, ihn wieder anzugiften, als wir von Ryan unterbrochen wurden.

»Shane, geh bitte raus, ich möchte mit Rebecca alleine reden und ihr alles erklären.«

»Seit wann gibst du denn hier die Befehle?«, fragte Shane verächtlich und Ryan verdrehte genervt die Augen. »Bitte sehr, ich bin gespannt, wie du dich anstellst, es ihr zu erklären. Viel Spaß.« Ein listiges Grinsen umspielte Ryans Lippen, als der Arsch sofort kapitulierend die Hände hob und heftig den Kopf schüttelte.

»Nee, den Part überlasse ich schön dir.« Dann schob er sich auch schon an Ryan vorbei zur Tür, und knallte diese mit Nachdruck hinter sich zu. Verwirrt sah ich ihm hinterher. Was war denn das für eine Aktion gewesen?

»Also, wo waren wir stehen geblieben? Du wolltest wissen, wieso du hier bist, und warum ausgerechnet du, oder?“ Langsam nickte ich und beobachtete Ryan dabei genau. »Gut. Setz dich lieber, es ist eine lange Geschichte.« Zögerlich kam ich seinen Worten nach und setzte mich im Schneidersitz auf das Bett. Ryan dagegen ließ sich auf einem Stuhl vor dem Bett nieder. »Okay, also … wo fange ich am besten an?« Nachdenklich kratzte Ryan sich am Nacken, während ich interessiert die Faltenlegung seiner Stirn betrachtete. Gebannt beobachtete ich ihn. Ich konnte wirklich nicht leugnen, dass er ziemlich gut aussah, genau wie sein Kumpel Shane. Sie waren beide wirklich heiß … schade, dass sie psychopathische Entführer waren. Eine wahre Verschwendung von Aussehen.

»Also – Shane, Jake, Maggy und ich sind deine Beschützer.« Genervt verdrehte ich die Augen, doch auf Ryans flehenden Blick hin, verkniff ich mir den bissigen Kommentar. »Wir wurden von unserem Boss beauftragt, dich vor Gefahren zu bewahren. Wir beobachten dich seit deinem achtzehnten Geburtstag und haben uns nun entschlossen, dich zu uns zu holen, damit wir dich immer ganz genau in Sicherheit wissen.«

»Ach ja? Und warum sollte ich bei euch sicherer sein, als zu Hause bei meiner Mum? Wer verfolgt mich denn? Darth Vader?“ Sarkastisch schnaufend warf ich die Hände in die Luft, was Ryan mit einem Schmunzeln quittierte.

»Alles zu seiner Zeit, Rebecca. Du musst erst einiges wissen, um zu verstehen, warum du verfolgt wirst.«

»Na schön«, erwiderte ich seufzend und ließ mich nach hinten fallen, da ich vermutete, dass es noch eine ziemlich lange Geschichte werden würde.

»Shane ist der Anführer unserer kleinen Truppe und kam zu dem Entschluss, dass du bei uns am Sichersten bist und wir dich von hier aus am besten beschützen können. Also haben wir dich gestern ›entführt‹, bevor du bei deiner Freundin ankamst. Deine Mutter haben wir schon informiert, damit sie sich keine Sorgen macht, du musst also …«

»Ihr kennt meine Mum?«, schoss es aus mir heraus und Ryan seufzte leise, verzog allerdings keine Miene.

»Ja, wir kennen deine Mutter, und sie weiß jetzt, dass du sicher bist. Du kannst sie von mir aus nachher anrufen, aber du kannst sie erst einmal nicht sehen.“

»Woher kennt ihr meine Mum?«

»Dein Vater war einer von uns.«

»Was auch ein Entführer?«

»Nein er war auch ein Lamia.«

»Ein was?«

»Lamias sind übernatürliche Wesen, welche ausschließlich männlich sind. Sie sehen aus, wie Menschen, sind nur wesentlich stärker als sie. Lamias werden nicht zu dem gemacht, was sie sind – wir werden so geboren und sind mit dem Erreichen des zwanzigsten Lebensjahres voll entwickelt. Im Normalfall leben wir danach noch knapp hundert Jahre, doch sobald einer seine Seelenverwandte, oder auch Gefährtin, gefunden hat, werden sie beide unsterblich. Beide, sowohl Lamia als auch Gefährtin, können jedoch auch umgebracht werden.«

Ich hörte Ryan aufmerksam zu, doch dann konnte ich nicht mehr an mich halten und unterbrach ihn, indem ich schallend auflachte. Ihn schien das keineswegs zu verwundern. Er saß einfach still da, bis ich mich wieder halbwegs unter Kontrolle hatte.

»Willst du mich verarschen? Du willst mich verarschen! Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass ihr kleine Vampire seid, oder?«, fragte ich ihn, halb belustigt und halb verärgert, woraufhin Ryans Augenbraue skeptisch nach oben wanderte.

»Ich habe nie behauptet, dass wir Vampire seien. Wir trinken kein Blut, sondern essen normales Essen – wir lesen auch keine Gedanken, oder rennen schneller als unsere nicht vorhandenen Schatten. Und Knoblauch stört uns auch kein Bisschen. Ich liebe ihn sogar … naja, ist ja auch egal. Wir sind Lamias. Ich kann es dir beweisen!«

»Na, da bin aber gespannt«, entkam es mir spöttisch und ich musterte den hübschen Jungen aus zusammengekniffenen Augen. Ryan stand auf und sah sich im Raum um. Er schien etwas zu suchen. Nach einer Weile wurde er fündig und präsentierte mir fast schon stolz eine große, blaue Blumenvase, die er mir grinsend entgegen hielt.

»Drück so fest zu, wie du kannst.« Schulterzuckend tat ich, wie mir geheißen, doch natürlich geschah nichts. Die Vase war viel zu dick und ich viel zu schwach.

»Was soll mir das jetzt beweisen?« Immer noch grinsend nahm er die Vase wieder an sich und zerdrückte sie ohne die geringste Anstrengung, mit seiner rechten Hand. Erschrocken schrie ich auf, als das Porzellan mit dem filigranen Muster unter einem dumpfen Knall zerbrach, bevor große, dicke Scherben auf dem Boden barsten und klirrend in ihre Einzelteile zersprangen. Mit großen Augen starrte ich zu ihm hinauf. Er machte einen athletischen – muskulösen zwar, doch trotzdem recht schmächtigen Eindruck, wenn man ihn mit dem Ausmaß seiner Kraft verglich – er war, weiß Gott, kein Arnold Schwarzenegger oder Vin Diesel. Wie also hatte er das geschafft? »Reicht dir das als Beweis?«

»Äh … nein.« Wieder lächelte Ryan, bevor er leicht den Kopf schüttelte.

»Das habe ich schon fast erwartet. Na schön – alle Lamias und alle Gefährtinnen haben ab ihrer vollendeten Verwandlung ein Zeichen auf dem Nacken. Es ist eine braune Sichel.« Ryan drehte sich um und präsentierte mir seinen Nacken. Tatsächlich konnte ich dort eine braune Sichel erkennen.

»Na und? Die kannst du dir auch aufgemalt haben«, erwiderte ich kühl, doch er tat das abermals mit einem wissenden Lächeln ab.

»Komm bitte mit zum Spiegel.« Seufzend erhob ich mich. »Und jetzt dreh dich um und sieh dir deinen Nacken genau an. Was siehst du?« Genervt strich ich meine langen Haare zur Seite und betrachtete im Spiegel meinen Nacken. Erstaunt stellte ich fest, dass auch ich solch ein Zeichen hatte und strich mit meinem Finger darüber. Keine Farbe klebte an ihm und ich wusste nicht was ich davon halten sollte.

»Heißt das, ich bin auch ein Lamia?«, fragte ich verwirrt und Ryan schüttelte seinen Kopf.

»Nein, du bist eine Gefährtin.« Langsam schwirrte mein Kopf noch mehr und ich ließ mich wieder auf das Bett fallen. »Okay das wird mir gerade ein wenig zu skurril.«

»Wenn ein Lamia und eine Gefährtin einander gefunden haben, werden sie beide unsterblich. Bei einer Gefährtin ist die Wandlung abgeschlossen, wenn sie das 18. Lebensjahr erreicht. Dann ist sie für alle Lamias deutlich als eine Gefährtin gekennzeichnet. Gefährtinnen sind sehr selten und daher reißen sich die meisten Lamias um sie, damit sie nicht sterben müssen und natürlich auch, um ihre Liebe zu finden. Denn wenn erst mal ein Band zwischen einem Lamia und einer Gefährtin entsteht, bleibt es für ewig bestehen.

Eine Gefährtin kann aus einer Verbindung zwischen einem Lamia und einer Gefährtin hervorkommen und auch, im ganz seltenen Fall, aus einer Verbindung zwischen einer Menschenfrau und einem Lamia. Wenn sie aus solch einer Verbindung entsteht, dann ist die Gefährtin noch viel stärker und noch begehrter unter den Lamias.

Meist gehen aus den Verbindungen von Lamias und Frauen, egal ob Gefährtin oder Mensch, wieder Jungen hervor, welche dann ebenso zu Lamias werden. Daher sind Gefährtinnen so selten und begehrt. Auch viele dunkle Gestalten sind an den Gefährtinnen interessiert, um ihre Macht zu stärken und unsterblich zu werden.

Deswegen müssen die wenigen Gefährtinnen auch beschützt werden, bis sie ihren Seelenverwandten gefunden haben und wertlos für die Bösen geworden sind. Denn wenn eine Gefährtin sich einmal an einen Lamia gebunden hat, dann kann sie sich nie wieder neu binden und sie wird sterblich, sobald der Lamia stirbt. Andersrum ist es genauso.«

»Dir ist klar, wie vollkommen absurd und krank das klingt?«, fragte ich Ryan rein rhetorisch, mit großen Augen, und wieder lachte er leise.

»Ja, das ist mir klar. Doch es ist die Wahrheit. Ich kann dir sogar ein überglückliches Lamia-Gefährtinnen-Pärchen zeigen. Jake hast du ja schon kennengelernt. Er hat vor zehn Jahren seine zweite Hälfte gefunden. Ihr Name ist Maggy und die beiden sind mittlerweile verheiratet. Du hast sie gestern auch kurz zu Gesicht bekommen. Sie war, genau wie du, eine Gefährtin und hat sich ihn ausgesucht.«

»Und wenn ich das richtig verstanden habe, war meine Mum auch eine Gefährtin und ist nach dem Tod meines Dads wieder menschlich geworden?«

»Nun … nein … nicht ganz, aber das erkläre ich dir später. Ich denke, das reicht erst einmal für heute.« Ryan schien erleichtert zu sein, dass ich ihn nicht mehr anschrie und für verrückt erklärte. »Ganz ehrlich? Ich kann dir das einfach nicht glauben. Es ist zu verrückt.«

»Das kann ich verstehen. Doch irgendwann wirst du es nicht mehr leugnen können und dich damit anfreunden. Da bin ich mir sicher.«

»Also habe ich, wenn du wirklich die Wahrheit sagst, keine andere Wahl, als mir einen Lamia zu suchen? Menschen kann ich nicht lieben, oder was?«

»Ich habe auf jeden Fall noch von keiner Gefährtin gehört, die einen Menschen geliebt hätte. Ich glaube, das ist nicht möglich, da sie sich von Lamias quasi magisch angezogen fühlen. Das ist so von der Natur bestimmt, damit es auch unsterbliche Lamias gibt, aber eben nur sehr wenige.«

»Das ist wirklich krank.«, erwiderte ich schlicht und Ryan grinste schwach.

»Ein wenig.«

»Wie alt bist du?«

»Ich bin seit vierzig Jahren zwanzig Jahre alt.«

»Wow – du hast dich gut gehalten«, bemerkte ich lächelnd und Ryan schien erleichtert über meine ruhige Reaktion zu sein.

»Möchtest du Maggy und Jake kennenlernen?«

»Ähm … ich weiß nicht. Ich…« Ryan stand auf und reichte mir seine Hand. Ich starrte sie ungläubig an. Er war immerhin, trotz allem, mein Entführer, das durfte ich auf keinen Fall vergessen. Ich sollte ihm nicht blind vertrauen – nur leider gab es da immer noch diesen Teil in mir, der genau das wollte. »Bin ich jetzt bei euch gefangen?«

»Nun … ja. Irgendwie schon. Wir müssen ja für deine Sicherheit sorgen.«

»Aber ihr könnt mich doch auch beschützen, wenn ich zu Hause bin«, widersprach ich hoffnungsvoll, woraufhin Ryan unglücklich die Augenbrauen zusammen zog.

»Ja, das habe ich auch gesagt, aber Shane hielt es für besser, dich bei uns zu haben, und nun musst du dich leider damit abfinden. Es tut mir leid, aber er ist der Boss.«

»Boah, jetzt weiß ich, warum ich ihn von Anfang an nicht leiden konnte!«, zischte ich genervt und Ryan lachte. »Er kann zwar ein Arsch sein, aber so schlimm ist er auch wieder nicht. Immerhin ist er mein bester Freund.« Ich zog fragend eine Augenbraue hoch. Ryan und Shane kamen mir zu unterschiedlich vor, um beste Freunde zu sein. Der eine war der Obermacho und der andere der überfreundliche und fürsorgliche Kerl. Nein, das passte irgendwie gar nicht zusammen. »Okay, und wer ist dann Jake?«

»Mein Bruder.« Nun riss ich wirklich meine Augen auf. Der hübsche und nette Ryan war der BRUDER von Grizzlybär? Unmöglich. »Ja, ich weiß, wir sehen uns nicht sonderlich ähnlich. Er kommt nach unserem Dad. Aber jetzt steh erst mal auf und wir gehen zu den Anderen.“

Seufzend ergab ich mich und stand tatsächlich auf. Ryans immer noch ausgestreckte Hand ignorierte ich allerdings. Er war zwar wirklich nett, aber ich vertraute ihm noch immer nicht so richtig. Immerhin wurde ich gegen meinen Willen hierher gebracht und von ihnen festgehalten.

Ryan öffnete mir die Tür und ich nickte ihm dankend zu. Yeah, mein Entführer war wenigstens ein Gentleman. Na immerhin etwas Positives …


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