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Für Nikita

Über Polina Daschkowa

Polina Daschkowa, geboren 1960, wird auch gerne als Königin des russischen Krimis bezeichnet. Sie studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie zur beliebtesten russischen Krimiautorin avancierte. Sie lebt in Moskau.

Ganna-Maria Braungardt, geboren 1956, studierte russische Sprache und Literatur in Woronesh (Russland); Lektorin; seit 1991 freiberufliche Übersetzerin. Übertrug Polina Daschkowa, Ljudmilla Ulitzkaja, Boris Akunin und viele andere ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Nikita Rakitin, ein landesweit berühmter Krimiautor, hat den Auftrag, die Biographie des einflussreichen Politikers Grigori Russow zu schreiben. Doch offenbar stößt Nikita bei seinen Recherchen auf Fakten, die Russow in der Öffentlichkeit stark belasten könnten. Schon bald scheint Nikita nirgendwo mehr sicher zu sein. Als sein Tod bekannt wird, macht sich seine Jugendliebe, die Ärztin Nika, sofort auf den Weg nach Moskau zu seiner Beerdigung. Doch da sie seit Jahren mit Russow verheiratet ist, kann sie diese Reise nur heimlich unternehmen. Schon bald wird sie verfolgt: von Russows Bodygards und einem geheimnisvollen Fremden ...

»Daschkowas Krimis machen süchtig.« Sächsische Zeitung.

»Ein lebendiges Panorama der sozialen und politischen Verhältnisse.« taz.

Polina Daschkowa

Für Nikita

Kriminalroman

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

Die Autorin dankt dem Oberstleutnant der Miliz Kirill Iwanow für seine Hilfe und moralische Unterstützung bei der Arbeit an diesem Roman.

Nennt mich was für ein Instrument ihr wollt,

ihr könnt mich zwar verstimmen,

aber ihr könnt nicht auf mir spielen.

William Shakespeare, Hamlet

Erstes Kapitel

Fedja saß auf dem Fußboden, die Beine gekreuzt, die Füße nach oben gerichtet. Sein kahlgeschorener Kopf war weit in den Nacken gebeugt, seine wasserblauen Augen blickten starr an die Decke. Er wiegte sich sanft hin und her, und in ihm schien etwas zu summen und zu vibrieren.

»Omm, omm …« Seine Lippen bewegten sich kaum, der Laut drang aus seinem Bauch.

Vor einem Jahr hatte sein »Omm« noch kindlich dünn geklungen, nun kam er in den Stimmbruch. Fedja war gewachsen, über seiner Oberlippe schimmerte dunkler Flaum, auf seiner Stirn sprossen mehrere kleine Pickel.

»Guten Tag, mein Sohn«, sagte Jegorow und versuchte zu lächeln. Der Junge fuhr fort, sich zu wiegen.

»Fedja, guten Tag«, sagte der Vater etwas lauter und holte auf den abwartenden Blick des Arztes hin seine Brieftasche heraus.

»Er hört und sieht Sie nicht«, erinnerte ihn der Arzt und steckte den Geldschein rasch in seine Kitteltasche. »Aber bitte nicht lange. Das letzte Mal habe ich nämlich Ärger bekommen.«

»Dürfte ich mit ihm allein bleiben?«

»Auf keinen Fall.«

»Mehr Geld habe ich nicht bei mir, entschuldigen Sie. Ich entschädige Sie das nächste Mal …«

»Darum geht es nicht.« Der Doktor verzog das Gesicht. »Hören Sie, Sie sind doch nicht etwa krank? Sie sehen schlecht aus. Sie haben abgenommen.«

Jegorow sah wirklich schlecht aus. Er hatte vor fünf Minuten einen flüchtigen Blick in den Spiegel der Krankenhaushalle geworfen und dabei festgestellt, daß die Schatten unter seinen Augen tiefer und dunkler geworden waren. Sein Kopf sah beinahe aus wie ein Totenschädel: vollkommen kahl, Augen und Wangen eingefallen.

»Ja, es geht mir nicht besonders.« Er nickte. »Zu hoher Blutdruck, die Magnetstürme.«

Der Arzt erbarmte sich. »Na schön, ich gehe kurz raus, eine rauchen.«

»Danke. Ich werde mich revanchieren«, flüsterte Jegorow dem weißen Kittel hinterher.

Die Tür wurde geschlossen.

»Na, wie geht es dir, mein Sohn?« Er hockte sich hin und strich mit der Hand über den warmen, kahlgeschorenen Kopf.

»Omm, omm …«

»Der Arzt sagt, du ißt nicht. Findest du es etwa angenehm, wenn sie dich mit Gewalt füttern? Du mußt essen, Fedja. Ich hab alles mitgebracht. Du wächst doch noch. Bald bist du ein Mann und mußt stark sein.«

Fedja hörte auf, sich zu wiegen. Langsam senkte er den Kopf, das Kinn fiel auf die Brust. Der Kragen des Krankenhaushemdes klaffte auf und entblößte eine schwarze Tätowierung unter der Halsgrube. Ein fünfzackiger Stern, der auf der Spitze steht, in einem Kreis. Um das Pentagramm herum war die Haut ständig gerötet und entzündet, obwohl die Tätowierung schon fast fünf Jahre alt war.

»Sag doch etwas, mein Sohn.«

Über die Augen des Jungen legte sich ein matter Schleier, wie bei einem schlafenden Vogel. Das Brummen war verstummt. Jegorow versuchte, die fest ineinander verflochtenen dünnen Beine seines Sohnes zu lösen, und erinnerte sich, wie Fedja der Lotossitz zum erstenmal gelungen war.

Der Junge drehte die Füße, vor Anstrengung ganz rot und verschwitzt. Ihm gegenüber, auf einem abgewetzten Teppich, saßen seine Mutter, sein älterer Bruder und noch zwei Dutzend Leute. Alle waren in Laken gehüllt, alle drehten die nackten Füße nach oben, wiegten sich und wiederholten einen unheimlichen, vibrierenden Laut: »Ommm!«

Jegorow erstarrte auf der Schwelle. Erst wollte er loslachen. Erwachsene Menschen in Bettlaken saßen im Kreis und muhten wie eine Herde Kühe – das erschien ihm einfach albern. Doch als er genauer hinsah, verging ihm das Lachen. Die Gesichter wirkten wie Gipsmasken, die Augen wie tot, erstarrt. Das vielstimmige Brummen von Männern, Frauen und Kindern breitete sich in einer ganz normalen Turnhalle einer ganz normalen Moskauer Schule aus wie schweres, giftiges Gas.

Der Direktor vermietete die Turnhalle abends an eine Gruppe, die sich »Gesunde Familie« nannte. Gymnastik, Yoga, vernünftige Ernährung, der Weg zu geistiger und körperlicher Vollkommenheit. Der Unterricht war kostenlos und fand dreimal wöchentlich statt, von sechs bis neun.

Jegorow erkannte seine Frau und seine Kinder in dem muhenden Kreis kaum. Als ersten entdeckte er Fedja. Auf dem kindlichen Gesicht spiegelte sich noch lebendige menschliche Mimik. Der Junge runzelte die Stirn, während er versuchte, die umgedrehten Füße auf den gebeugten Knien zu plazieren. Der kurze Schopf klebte ihm schweißnaß auf der Stirn.

»Fedja, mein Sohn!« rief Jegorow leise.

Genau in diesem Augenblick fügten sich die kindlichen Beine endlich zum erstrebten Kringel.

»Geschafft!« rief der Junge freudig und schloß sich dem Chor an.

In der Mitte des Kreises saß ein älterer, kahlgeschorener Asiat im Lendenschurz. Auf der unbehaarten nackten Brust prangte ein schwarzes Pentagramm, ein fünfzackiger Stern in einem Kreis. Die schmalen Augen starrten Jegorow an; der spürte, wie dieser Blick ihm die Haut versengte, mißtraute dieser Wahrnehmung allerdings – das gab es doch nicht, daß ein Blick aus zehn Metern Entfernung brannte wie starke Säure!

»Was soll dieser faule Zauber?« fragte Jegorow laut und tat einen entschlossenen Schritt auf den muhenden Kreis zu, um seine Frau und seine Kinder herauszuholen.

Der Asiat sagte kein Wort, gab aber offenbar jemandem ein Zeichen, denn augenblicklich wurden Jegorow mit geübtem Griff die Arme zusammengepreßt und auf den Rücken gedreht, so daß er sich nicht mehr rühren konnte. Jegorow versuchte sich loszureißen.

»Was soll das? Lassen Sie mich los, sofort!«

Damals, vor fünf Jahren, war Jegorow noch sehr stark gewesen. Einsneunzig groß, neunzig Kilo schwer, kein Gramm Fett, alles schiere Muskeln. Doch die Person hinter ihm war wesentlich stärker.

»Oxana! Slawik! Fedja!« Jegorow rief die Namen seiner Frau und seiner Söhne, aber sie hörten ihn nicht. Sein Schreien ging im vielstimmigen Brummen der zwei Dutzend Leute unter. Jegorow wollte sich losreißen. Erst glaubte er, er habe es mit zwei Männern zu tun – einer hielt ihn fest, und der andere versetzte ihm einen Handkantenschlag ins Genick. Einen geübten, professionellen Schlag. Jegorow verlor vor Schmerz beinahe das Bewußtsein, riß sich mit aller Kraft los und sah endlich, wer ihn festhielt und schlug: Ein Riesenweib in schwarzen Jeans und schwarzem Rollkragenpullover. Sie roch unerträglich nach Schweiß. Ihr Gesicht konnte er nicht erkennen, lediglich ihren Ohrring: ein Kreuz. Ein ganz normales orthodoxes Kreuz, bloß verkehrt herum.

Nach ihrem dritten Schlag war Jegorow nur noch ein zusammengekrümmter Klumpen Schmerz. Vor seinen Augen tanzten Sterne, seine Trommelfelle hämmerten laut. Dann wurde es dunkel.

Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einer Bank auf dem Schulhof sitzend wieder, unfähig, sich zu rühren. Sein blauer Fliegermantel war bis obenhin zugeknöpft, der weiße Uniformschal ordentlich umgebunden, auf dem Kopf saß seine Mütze. Er wußte genau, daß er beim Betreten der Turnhalle den Mantel aufgeknöpft und die Mütze abgenommen hatte.

Jegorow hob den Arm und hatte das Gefühl, daß er mindestens ein Pud wog. Er rieb sich mit einer Handvoll beißendem, schmutzigem Schnee das Gesicht ab und knirschte vor Schmerz mit den Zähnen. Sein Gesicht brannte, als habe man ihm die Haut mit einer Klinge abgeschabt. Die Wut half ihm, endgültig zu sich zu kommen und aufzustehen.

Die Schule war verschlossen. Die vergitterten Fenster der im Souterrain liegenden Turnhalle waren dunkel. Er umrundete das gesamte Gebäude. Totenstille. Keine Menschenseele. Er sah auf die Uhr: Es war Mitternacht.

Seine Frau und die Kinder lagen zu Hause im Bett und schliefen. Er blickte in den Spiegel und sah, daß sein Gesicht rot und entzündet war. Doch am Hals, unterm Ohr, fand er nicht die geringste Spur, nicht den kleinsten blauen Fleck.

»Ach, Iwan, du bist schon zurück?« fragte seine Oxana verschlafen, als er sich aufs Bett setzte und ihr übers Haar strich.

»Wo wart ihr heute abend?«

»Beim Unterricht, in der Gruppe. Das weißt du doch.«

»Ich war da. Ihr habt mich nicht gehört und nicht gesehen. Ihr wart alle wie blind und taub. Ihr wart wie tot. Oxana, wach endlich auf! Ich wurde zusammengeschlagen und rausgeworfen wie ein räudiger Hund.«

»Was redest du denn da, mein Lieber, mein Guter, mein Geliebter!« Ohne die Augen zu öffnen, lachte sie ein fremdes, tiefes Nixenlachen, umschlang seinen Hals, zog ihn zu sich herunter, verschloß ihm mit ihren weichen, warmen Lippen den Mund und knöpfte ihm geschickt das Hemd auf.

Jegorow lebte seit fünfzehn Jahren mit seiner Frau zusammen, er kannte an ihr jede Bewegung, den Klang ihrer Stimme, den Rhythmus ihres Atems – doch die Frau, die ihn jetzt auf den Mund küßte und ihn auszog, war eine andere, eine ihm völlig unbekannte Oxana.

Seine stille, schüchterne Frau, die selbst in den intimsten Augenblicken vor allzu stürmischen Gefühlsäußerungen zurückscheute, aus Angst, die Kinder zu wecken, die immer fürchtete, das Bett könnte quietschen, wurde auf einmal zur unersättlichen, schamlosen, erfahrenen Nymphomanin.

Wo, wann und bei wem hatte sie das gelernt? Alles an ihr war anders: ihre Hände, ihr Körper, ihre Lippen. Sogar ihr Duft. Anstelle des gewohnten Apfelshampoos und leichten Eau de Cologne strömte sie nun einen schweren, würzigen Geruch nach Rosenöl oder Muskat aus.

»In mir erwachen Kräfte, die früher geschlummert haben«, erklärte sie ihm am nächsten Morgen gelassen. »Hat es dir etwa nicht gefallen?«

»Wer hat dir das beigebracht?« erkundigte sich Jegorow finster.

Sie antwortete mit ihrem fremden, tiefen, dumpfen Lachen.

»So etwas zu lernen braucht Jahre. Nein, nicht Jahre – Jahrtausende. Das genetische Gedächtnis. Eine besondere Energetik, die sich nur bei Auserwählten entfaltet, bei höheren Wesen. In mir ist der strahlende, freie Geist der großen Maya erwacht.«

»Maya? Was redest du da, Oxana?«

»Maya ist die große Shakti, die Mutter der Schöpfung. In ihrem Bauch ruht das Urei, welches das gesamte Universum umfaßt und damit den Geist des großen Vaters. Durch den Tanz des Lebens, durch seine Vibration erfüllt Mayas Energie die imaginäre Materie …«

»Ihr geht dort nicht mehr hin. Weder du noch die Kinder.«

»Sag bloß, dir hat es heute nacht nicht gefallen?« Sie schlug ihren Nylonsteppmantel auf, unter dem sie nackt war, und kam auf ihn zu. Ihr Atem ging schnell und heiser, und ihr Lächeln kam Jegorow aus der Nähe vor wie das Grinsen einer Toten.

Fünf Jahre war das her, doch er erinnerte sich noch immer ganz deutlich an jene Dezembernacht. Damals hatte alles angefangen. Für ihn jedenfalls. Für seine Frau und seine Kinder bereits früher.

Oxana und Slawik lebten vermutlich nicht mehr. Fedja hatte einen klinischen Tod hinter sich und alle Formen psychiatrischer Behandlung, von Psychopharmaka und Elektroschocks bis zu Hypnose. Die Ärzte konnten nichts versprechen, runzelten vielsagend die Stirn, wollten sich auf keine endgültige Diagnose festlegen. Jegorow hörte nicht mehr auf sie. Er vertraute ihnen nicht mehr. Er ließ Fedja nur deshalb im Krankenhaus, weil er bislang keine Möglichkeit hatte, den Jungen zu Hause zu pflegen.

»Fedja, erinnerst du dich an Sinedolsk? Wir sind mal hingeflogen, als du noch ganz klein warst. Erinnerst du dich an Oma?«

Der Junge zuckte mit dem Kopf, und Jegorow glaubte einen Augenblick, er habe genickt.

»Du warst gerade drei geworden. Wir haben dort deinen Geburtstag gefeiert, zusammen mit Oma. Sie hat dir einen Spielzeuglaster geschenkt, der war so groß, daß du dich selber reinsetzen konntest.«

Fedja erstarrte kurz, und wieder hatte Jegorow den Eindruck, daß sein Sohn ihn hörte und verstand.

»Hab noch ein bißchen Geduld, mein Sohn, bald wird alles gut.« Während er das sagte, versuchte er, die verschlungenen Beine des Jungen zu lösen. »Ich hole dich hier raus, wir ziehen ganz weit weg, irgendwohin, wo die Luft sauber ist, wo es Kiefernwälder gibt und einen Fluß mit klarem Wasser. Dann wird es dir besser gehen.«

Jedesmal murmelte Jegorow dieselben Worte von sauberer Luft und klarem Wasser, jedesmal versuchte er, die Beine des Jungen aufzuflechten, die verkrampften Muskeln zu lockern, und fürchtete, ihm weh zu tun, obgleich er wußte, daß Fedja keinen Schmerz spürte.

»Nicht doch, quälen Sie sich nicht«, hörte er hinter sich den Doktor sagen und zuckte zusammen. Der Arzt war ganz leise hereingekommen und beobachtete schon seit einigen Minuten schweigend Jegorows vergebliche Versuche.

»Da hilft nur eine Spritze, sie löst den Krampf. Die Schwester übernimmt das gleich. Aber Sie müssen jetzt gehen. Alles Gute.«

Jegorow verließ das Krankenhaus guten Mutes. Seit einigen Tagen war ihm wesentlich leichter ums Herz. Trotz des skeptischen Lächelns des behandelnden Arztes, trotz der leeren Augen seines Sohnes hegte er nun eine hartnäckige Hoffnung.

Das Klingeln kündete ein Ferngespräch an. Nikita Rakitin stieg ohne Hast aus der Wanne, zog den Bademantel über und ging zum Telefon, nahm aber nicht gleich ab. Er hatte nicht die geringste Lust dazu.

»Sei gegrüßt, Schriftsteller Viktor Godunow. Warum nimmst du nicht ab?« tönte ein befehlsgewohnter dumpfer Bariton.

»Ich war in der Badewanne.«

»Ach so! Wie geht die Arbeit voran?«

»Normal.«

»Ich hab gehört, du willst für eine Woche in die Türkei.«

»Stimmt. Und?«

»Warum hast du nicht Bescheid gesagt?«

»Muß ich das denn?«

»Jedenfalls wäre es nicht verkehrt gewesen, mich davon in Kenntnis zu setzen. Na, ich nehm’s dir nicht krumm. Erhol dich ruhig, wenn du erschöpft bist. Aber fährt deine Tochter nicht mit?«

»Sie hat noch keine Ferien.«

»Verstehe. Dann hättest du doch deine kleine Journalistin mitnehmen können. Tolles Mädchen übrigens. Ich hab sie neulich im Fernsehen gesehen, in einem Jugendprogramm. Ist das mit euch beiden was Ernstes?«

»Entschuldige, aber bin ich dir darüber auch Rechenschaft schuldig?« erkundigte sich Nikita lustlos.

»Schon gut, Alter, reg dich nicht auf. War ja nur eine Frage, rein freundschaftlich. Hauptsache, dein Privatleben behindert deine Arbeit nicht.«

Nikita sah auf einmal deutlich vor sich, wie sein Gesprächspartner ihm bei diesen Worten auf die Schulter geklopft hätte. Immer, wenn er jemanden mit »Alter« anredete, klopfte er ihm auf die Schulter, gönnerhaft, vertraulich. Gut, daß einige tausend Kilometer zwischen ihnen lagen.

»Keine Sorge, das tut es nicht.« Nikita gähnte deutlich in den Hörer.

»Freut mich zu hören.« Sein Gesprächspartner hüstelte. »Auf welcher Seite bist du jetzt?«

»Zweihundertfünfzehn. Zufrieden?«

»Durchaus. Mehr wollte ich eigentlich gar nicht wissen. Ich brenne vor Ungeduld, endlich alles zu lesen. Na schön, Alter, erhol dich gut, und dann mit frischen Kräften wieder an die Arbeit. Wann fliegst du?«

»Heute nacht.«

»Soll ich dir einen Wagen vorbeischicken?«

»Danke. Ich komme schon zurecht.«

»Ach ja, was ich noch fragen wollte – warum hast du so eine billige Reise gebucht? Ein schäbiges Reisebüro, ein Drei-Sterne-Hotel?«

»Drei-Sterne-Hotels sind manchmal ganz anständig.«

»So? Na, wie du meinst. Du mußt es ja wissen. Ruf an, wenn du wieder zurück bist.«

»Auf jeden Fall. Mach’s gut.«

Nikita legte auf, schaltete den Wasserkocher ein und rauchte am offenen Küchenfenster eine Zigarette. Diesem Anruf würde wohl keine weitere Kontrolle folgen. Jetzt war eine Woche Ruhe.

Er hatte noch zwei Stunden. Er goß sich Tee ein, legte eine Kassette in sein kleines Diktiergerät und setzte Kopfhörer auf.

»Ich wollte immer der erste sein«, verkündete derselbe befehlsgewohnte Bariton auf dem Band. »Von Kindheit an wollte ich mein Recht darauf beweisen, mir selbst und anderen. Das ist schwer, Alter, du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer.«

Vor anderthalb Monaten, als die Aufnahme entstand, war jedem »Alter« wie auf Kommando ein Schulterklopfen gefolgt.

»Dein Recht worauf?« hörte Nikita sich selbst fragen.

»Auf Leben. Auf ein gutes, angemessenes Leben. Auf Macht, wenn du so willst.«

»Macht über wen?«

»Über andere. Verstehst du, das stand mir von Anfang an zu, aber eben nicht ganz. Ich bin ja unehelich geboren.«

»Spielt das denn heutzutage noch eine Rolle?«

»Kommt ganz drauf an. Mein Vater gehörte zur Parteielite. Ein hohes Tier.«

»Ja, ich weiß. Das hast du oft genug erzählt.«

»Ich habe immer mal was anderes erzählt. Ich war jung und dumm.«

»Du hast gelogen?« fragte Nikita verständnisvoll, ohne jeden Spott.

»Na ja, wer tut das nicht. Das mit meinem Vater, das ist die reine Wahrheit. Aber meine Mutter …«

»Du hast erzählt, sie war Ärztin, Orthopädin oder so, nicht?«

»Mann, hast du ein Gedächtnis, Alter! Das hätte ich nicht gedacht, ehrlich.« Die Stimme verriet Verwunderung, sogar ein wenig Enttäuschung. Oder Mißtrauen? Jedenfalls war unverkennbar, daß Nikitas gutes Gedächtnis ihm nicht behagte. Er schwieg eine ganze Weile; ein Feuerzeug klickte – offenbar zündete er sich eine Zigarette an –, dann sagte er nachdenklich: »Hätte ich etwa bei dir zu Hause, bei deinen intellektuellen Eltern und strengen Großmüttern erzählen sollen, daß meine Mutter Serviererin in der Sauna war?«

»Warum denn nicht?«

»Darum. Jetzt geniere ich mich nicht mehr, die Zeiten haben sich geändert, und wir beide haben die Rollen getauscht. Hätte ich mir etwa damals, vor zwanzig Jahren, vorstellen können, daß du, Rakitin, mal meine bescheidene Biographie für die Nachwelt festhalten würdest? Ich wollte ja schon immer ein Buch schreiben. Und das könnte ich auch, keine Frage.«

»Warum hast du dann mich darum gebeten?« fragte Nikita leise.

»Keine Zeit. Wie heißt es so schön? Jedem das Seine. Ich mache Politik, und du schreibst Bücher. Du brauchst im Moment dringend Geld, es geht sozusagen um Leben und Tod. Also gebe ich dir eine Möglichkeit, welches zu verdienen. Und ich brauche eine erstklassige Biographie und will nicht, daß die irgendein namenloser Journalist zusammenschmiert. Das Buch über mich soll ein Schriftsteller schreiben. Ich zahle anständig, also sei so gut und bediene mich anständig.« Ein gesundes, herzhaftes Lachen – dann sagte Nikitas Gesprächspartner, wieder ernst: »Nimm’s mir nicht übel, Alter. War nur ein Scherz.«

»Ich weiß deinen Humor zu schätzen. Hör mal, aber warum die Geheimhaltung? Warum darf niemand wissen, woran ich gerade arbeite?«

»Das Ganze soll eine Überraschung werden für die breite Öffentlichkeit.«

»Na schön«, sagte Nikita nachdenklich und dachte: Du lügst, Alter. Du würdest nur zu gern ausposaunen, daß der Schriftsteller Viktor Godunow sämtliche eigenen Pläne beiseite gelegt hat, um ein Buch zu schreiben über deine wertvolle Person, weil deine Biographie weit interessanter ist als die kühnsten Phantasien von Godunow. Aber du hältst unseren Bund geheim, und zwar aus Angst, daß eine bestimmte Person davon erfährt. Der Mensch, der dir wichtiger ist als jeder andere. Deine Frau. Ihr würde es ganz und gar nicht gefallen, daß ich dich, wie hast du gesagt – »bediene«; sie würde dir eine Menge überflüssiger Fragen stellen, die zu einem ernsthaften Ehekrach führen könnten. Irgendwann wird sie es natürlich sowieso erfahren. Doch dann ist das Buch schon fertig …

»Also, was ist mit deiner Mutter?«

»Meine Mutter? Sie war Serviererin. Du weißt schon, eine von denen, die mit Spitzenschürzchen und Tablett in den Ruheraum kommen. ›Einen Tee, Pjotr Iwanowitsch?‹ Und außer dem Spitzenschürzchen haben sie nichts weiter an. Höchstens noch eine Schleife im Haar. Ja, so wurde ich gezeugt, im Saunaschweiß, beim Samowar. Ein Nomenklatura-Halbblut.«

»Wäre das nicht ein schöner Titel?«

Kräftiges, herzhaftes Lachen. Nikita erinnerte sich noch genau, wie sein Gesprächspartner ihn anschließend mit bösen, glasigen Augen angestarrt hatte.

»Das ist kein Stoff für Scherze, Alter. Das ist mein Schmerz.«

Ein leises Klacken – er zündete seine erloschene Zigarette wieder an, dann lief er im Zimmer auf und ab.

»Unter Chruschtschow hatte mein Vater einen kleinen Posten im Gebietskomitee der Partei. Ich bin siebenundfünfzig geboren, wie du weißt. Vierundsechzig, nach Chruschtschows Sturz, wurde der gesamte Parteiapparat umgekrempelt. Mein Papa stieg auf, er sollte Erster Sekretär werden, doch da hat irgendein Schwein ihn bei Breshnew denunziert, von wegen, dieser Kommunist hat Probleme mit der Moral. Er hat ein außereheliches Kind mit einem Saunamädchen. Er dachte, Breshnew würde derart offenkundige Unzucht verurteilen, aber im Gegenteil, Breshnew hat gesagt: ›Der Mann hat ein großes Herz, fremdgehen tut jeder mal, aber viele verleugnen anschließend ihre Kinder, er dagegen hat seinen Sohn anerkannt. Ein guter Mensch.‹ Mein Vater wurde gleich an Ort und Stelle, am Bankettisch im Jagdhaus, als Erster Sekretär des Gebietskomitees von Sinedolsk bestätigt. Im Grunde hatte Papa seine Karriere also mir zu verdanken. Und das hat er bis zum letzten Tag nicht vergessen. Hinzu kam, daß mein Halbbruder, sein einziger legitimer Erbe, stark zu trinken anfing. Er war schon fünfundzwanzig, mochte weder arbeiten noch studieren, sorgte dauernd für Skandale: Mal zerschlug er im Restaurant eine Fensterscheibe, mal langte er vor aller Augen einer Provinzschauspielerin unter den Rock. Einmal hat er in Moskau im Haus der Kunstschaffenden einfach in den Flügel gepinkelt.«

»Und was ist aus ihm geworden?« unterbrach ihn Nikita.

»Aus wem? Aus dem Flügel?« Wieder lachte sein Gesprächspartner herzhaft.

»Was aus dem Flügel wurde, ist klar. Und dein Halbbruder?«

»Na, ist doch auch klar. Der hat sich um den Verstand getrunken. Sitzt in einer teuren Psychiatrie und sieht kleine grüne Krokodile.« Ein kurzes Lachen, dann wurde die Stimme ernst und nachdenklich. »Überhaupt, Alter, die Familiengeschichte muß genau überlegt sein. Das ist das allerschwierigste. Wer mein Papa war, weiß die ganze Region. Lügen ist also ausgeschlossen. Aber die ganze Wahrheit geht auch nicht. Die ist nämlich nicht besonders schön. Er war damals fast fünfzig, und Mama war gerade achtzehn. Er war natürlich ein guter Mensch, hat sich um uns gekümmert. Mama hat es an nichts gefehlt, ich ging in die beste Krippe, in den besten Kindergarten. Aber die richtigen Nomenklatura-Kinder kannten natürlich weder Krippe noch Kindergarten, die wuchsen zu Hause auf, mit Kindermädchen und Gouvernanten. Im Kindergarten war ich zusammen mit den Kindern der Gärtner, Chauffeure, Zimmermädchen und Leibwächter, obwohl ich mit denen eben nicht auf einer Stufe stand. In die Schule kam ich schon als der illegitime Sohn des Königs der Region. Von Geburt ein Prinz, aber qua Schicksal Gesinde. Da hast du mal ein echtes Lebensdrama, Schriftsteller Godunow! Das ist der Widerspruch, den ich in mir und bei anderen vom zartesten Alter an überwinden mußte.«

»Wirklich hochinteressant«, sagte Nikita langsam, »aber wie hast du denn diesen Widerspruch überwunden?«

»Du willst Beispiele? Na schön, laß mich nachdenken. Ja, in der vierten Klasse haben wir Jungs mal auf dem Schulhof geraucht, da kam die Direktorin vorbei. Die Schule war die beste in der Region, nur für Privilegierte. Fast alle Kinder wurden im schwarzen Wolga gebracht und abgeholt. Am Tor stand eine Wache. Zur Turnhalle gehörte ein Schwimmbecken mit Glaskuppel. Zum Frühstück gab’s Kaviar und Ananas. Aber es herrschte eine eiserne Disziplin, beinahe militärisch. Also, die Direktorin kommt auf uns zu, ein Dragonerweib, ein General im Rock. Wir konnten unsere Papirossy alle rechtzeitig ausdrücken, nur einer, ich weiß nicht mehr, wie er hieß, der hat sich die brennende Kippe vor Schreck in die Gesäßtasche gesteckt. Er hielt es nur eine Minute aus, dann hat er gebrüllt wie am Spieß. Danach haben wir gewettet, ob man solchen Schmerz aushalten kann, ohne zu schreien. Ich kam auf die Idee, Kippen auf der Hand auszudrücken. Wer am meisten aushält.«

»Und – wer hat gewonnen?«

»Ich natürlich.«

Nikita erinnerte sich, wie ihm sein Gesprächspartner bei diesen Worten seine linke Hand gezeigt hatte. Auf dem Handrücken prangten fünf kreisrunde Narben, etwa so groß wie alte Kopekenstücke.

»Ja, was könnte ich dir noch erzählen?« Er überlegte lange und murmelte schließlich: »Vielleicht die Geschichte mit der alten Goldmine.« Er stockte erschrocken. »Nein, das ist uninteressant.«

»Wieso? Eine Goldmine, das ist sehr interessant. Ich wollte dich gerade fragen, wie du dein Startkapital zusammengekriegt hast. Politik läuft doch nicht ohne Geld. Um diese Frage werden wir in dem Buch nicht rumkommen.«

»Stimmt, da kommen wir nicht drum herum. Geld, das ist immer interessant. Aber noch reden wir über meine Kindheit. Über Mama und Papa.«

»Und die Goldmine?«

»Ach was, das ist irgendwie zu romantisch. Klingt so nach Jack London. Außerdem hat es mit meinem Startkapital nicht das geringste zu tun.«

»Na, dann kannst du es doch erst recht erzählen. Was ich daraus mache, ist meine Sache.«

Deutlich sah Nikita das angespannte, konzentrierte Gesicht vor sich. Offenkundig hatte er gewichtige Gründe, sich für seine Schwatzhaftigkeit zu tadeln.

Damals, vor anderthalb Monaten, hatte Nikita noch nicht geahnt, wie gewichtig diese Gründe waren.

Eine Stunde später nahm er ein Taxi und fuhr zu Tanja. Er blieb eine knappe halbe Stunde bei ihr, trank eine Tasse starken Kaffee. Zum Flughafen brachte ihn Tanja mit ihrem alten Moskwitsch.

»Das Hotel ist bestimmt miserabel, unten dröhnt jeden Abend eine Diskothek, oder es ist gar ein Freudenhaus«, sagte sie und küßte ihn zum Abschied.

»Der Strand ist weit weg, und das Meer verdreckt«, ergänzte er.

»Aber was kümmert dich das?« Sie lächelte und bekreuzigte ihn rasch.

Es kümmerte ihn tatsächlich nicht, denn er flog nicht in die Türkei, sondern nach Westsibirien. Er wußte nicht, ob er richtig handelte, er zweifelte, ob diese aufwendige Reise einen Sinn haben würde. Aber eines wußte er genau: Wenn er recht hatte und nicht umsonst fuhr, dann war die Sache für ihn lebensgefährlich.

Zweites Kapitel

Die Schüsse waren kaum zu hören. Dabei hätten sie doch die Moskauer Mainacht zerreißen müssen wie Donnerschläge. Aber es machte nur ein paarmal trocken »plopp«. Glas zersplitterte, eine Alarmanlage heulte los, dann eine Milizsirene.

Eine Schaufensterpuppe in einem Adidas-Sportwarengeschäft schwankte und fiel um.

Der Streifenwagen der Miliz hängte sich an den schwarzen Jeep. Normalerweise hätte der Jeep auf jeden Fall noch einmal gebremst – für den Kontrollschuß. Doch der Miliz-Mercedes kam mit heulender Sirene um die Ecke gerast, und da war es zu spät.

Der Jeep jagte mit hundertzwanzig über den menschenleeren Leningrader Prospekt. Der Oberleutnant beorderte per Funk ein Einsatzkommando und einen Krankenwagen zum Sportgeschäft.

An der Metrostation Sokol bog der Jeep quietschend in eine Gasse ab, die sich in drei Richtungen gabelte. Als der Milizwagen ein paar Augenblicke später um die Ecke bog, war die Gasse bereits leer.

»Ein schwarzer Jeep ohne Kennzeichen«, meldete der Oberleutnant über Funk, »drei Personen.«

Fünf Minuten später hielten vorm zersplitterten Schaufenster des Sportgeschäfts zwei Kleinbusse. Aus dem einen sprangen ein Arzt und ein Sanitäter des Notdienstes, aus dem anderen Einsatzleute der Miliz. Alle eilten zu der Person, die reglos auf dem Asphalt lag, mit Glassplittern bedeckt. Der Arzt hockte sich hin, stand sogleich wieder auf, sah die Umstehenden an und fragte spöttisch:« Wo ist denn die Leiche, Jungs? Hier ist keine.«

Auf dem Asphalt lag eine Schaufensterpuppe.

Der Notarztwagen raste davon. Die Leute von der Miliz untersuchten den Tatort und fanden vier leere Patronenhülsen von einer ausländischen Maschinenpistole, eine frische Zigarettenkippe Marke Chesterfield und sonst nichts als den üblichen Straßendreck unter einem Berg Glasscherben.

Das Handy klingelte schon seit fünf Minuten. Veronika Sergejewna Jelagina streckte die Hand aus und tastete auf dem Nachttisch nach dem Apparat.

»Wissen Sie, wie spät es ist? Halb fünf! Er schläft. Ja, ich weiß, daß Sie aus Moskau …« Sie wollte das Gespräch schon unterbrechen, doch ihr Mann sprang auf wie angestochen, riß ihr das Telefon aus der Hand und stürzte aus dem Zimmer, wobei er sich im Dunkeln den Kopf am Türrahmen stieß.

»Verdammt … Ja. Was ist los?«

Ihr Mann bemühte sich zwar, leise zu sprechen, doch an seiner Intonation, an seinem leichten Keuchen erkannte Veronika, wie nervös er war.

»Wa-as? Idioten. Sie sollen sich zu ihm nach Hause scheren. Das Auto wechseln. Schnell. Dein Problem … Bis zur Amtseinführung muß das erledigt sein. Wie du meinst … Schluß.« Er beendete das Gespräch.

Nika setzte sich auf und schaltete die kleine Wandlampe an.

»Was ist passiert, Grischa?«

»Alles in Ordnung, Nika. Schlaf weiter«, sagte er, als er das Schlafzimmer betrat. Sein Gesicht war rot und schweißnaß. Auf seiner Stirn zeichnete sich eine spitze lila Beule ab.

»Warte, da muß Eis drauf.« Nika stand auf, zog einen Morgenrock über und ging in die Küche.

»Nika, laß doch, geh schlafen«, sagte Grischa mit dumpfer, gleichgültiger Stimme und schlurfte mit schweren Schritten hinter ihr her. »Eis hilft da nicht.«

»Grischa, was ist denn los mit dir? Was sind das für Anrufe mitten in der Nacht? Warum bist du auf einmal so nervös? Wer soll sich zu wem ›nach Hause scheren‹ und das Auto wechseln? Klingt ja wie ein Gangsterfilm.«

Er stand dicht vor ihr. Seine Augen waren rot, entzündet.

»Schöner Herr Gouverneur, mit einer Beule am Kopf.« Sie öffnete den Gefrierschrank und löste einen Eiswürfel aus der Form. »Morgen früh empfängst du die australischen Farmer, mittags ist das Meeting im Kombinat, und abends kommt der amerikanische Senator.«

»Schmier mir einfach Make-up drüber.«

»Ich werd’s versuchen.« Nika nickte und wickelte ein Taschentuch um den Eiswürfel. »Grischa, geht das, wenn ich nicht mitkomme, den Senator abholen? Wie heißt er noch? Dowley? Downley?«

»Richard McDendley.«

»Ach ja, richtig. Er hat uns vor anderthalb Jahren in Colorado empfangen. So ein Fetter mit Frauenstimme.«

»Nein, Nika. Du mußt. Er kommt mit Gattin. Und anschließend gibt es ein Festkonzert und ein Abendessen.« Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und hielt ihr die Stirn hin, damit sie die Eiskompresse auf die Beule legen konnte.

»Na schön. Dann muß ich wohl. Aber was ist denn nun passiert?«

Sie spürte: Sie hätte nicht fragen sollen. Die Wahrheit würde er ihr sowieso nicht sagen; er saß da, den Blick gesenkt, und suchte fieberhaft nach einer glaubhaften Erklärung. Sie steckte ihre Nase eigentlich nie in die Angelegenheiten ihres Mannes, aber dieser nächtliche Anruf mißfiel ihr sehr, auch Grischas Ton, die Worte, die er gesagt hatte, sein rotes Gesicht, die Schweißperlen und die herumirrenden Augen.

»Das reicht.« Er schob ihre Hand mit dem Eis beiseite. »Gehen wir schlafen. Morgen ist ein schwerer Tag.«

»Natürlich wird das ein schwerer Tag, wenn du mitten in der Nacht Anrufe kriegst. Was ist passiert?«

»Diese Idioten …« Er schlang die Arme um sie und preßte sein nasses Gesicht gegen ihren Morgenmantel. »Ein Berater des Präsidenten hat in Moskau im Casino zuviel getrunken, sie mußten ihn nach Hause bringen, haben ihn aber unterwegs verloren«, murmelte er undeutlich, »doch was kümmert dich das, mein Mädchen? Komm schlafen.«

Als sie wieder im Bett lagen und das Licht gelöscht hatten, dachte sie: Er ist tatsächlich erschöpft. Wer wäre das an seiner Stelle nicht? Der harte Wahlkampf voller Schmutz und Intrigen; höchstens fünf Stunden Schlaf, und das zwei Monate lang. Reisen durch die gesamte riesige Region, endlose Meetings, Wählerforen. Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen. Siebenundsechzig Prozent der Stimmen – ein klarer Sieg. Aber er war mit den Nerven am Ende, und der Kopf tat ihm bestimmt auch weh. Er hatte ziemlich dumm und ungeschickt geschwindelt.

Alle Berater des Präsidenten, mit denen er befreundet war, kannte Nika persönlich, und keinen dieser seriösen, vorsichtigen Männer konnte sie sich sinnlos betrunken durch Moskau irrend vorstellen. Selbst wenn so etwas passiert war – warum sollte ausgerechnet Grischa, eben erst zum Gouverneur der Region Sinedolsk gewählt, von Sibirien aus versuchen, ein so absurdes fremdes Problem zu lösen, und dabei noch vor Nervosität in kalten Schweiß ausbrechen?

»Hast du das Handy ausgeschaltet?« murmelte sie und rollte sich zur Wand.

»Natürlich.« Er drehte sie heftig, beinah grob zu sich um. »Nika, liebst du mich?«

»Ich liebe dich sehr, Grischenka.«

»Sag mir das öfter, mein Mädchen.«

Der nächste Anruf aus Moskau kam kurz nach sieben. Nika schlief noch fest und hörte nicht, wie das Handy auf dem Bettläufer klingelte, wie ihr Mann aus dem Bett schlüpfte und auf Zehenspitzen aus dem Zimmer schlich, und ebenso entging ihr, daß er nach diesem zweiten, längeren Gespräch noch nervöser wurde. Nun lief ihm der Schweiß in großen Tropfen übers Gesicht und rann ihm in den Kragen seines Seidenpyjamas.

Die Beule am Kopf tat unerträglich weh. Er ging hinaus auf den Balkon, sog gierig die kalte, feuchte Luft ein und erstarrte für einige Minuten, die Nüstern gebläht, die Augen fest zusammengekniffen und die Fäuste schmerzhaft geballt.

Bis zur Amtseinführung blieben noch sieben Tage.

Ein Pedant wäre in dieser Nacht auf dem Leningrader Prospekt vor dem Sportgeschäft umgekommen, und die Moskauer Kriminalitätsstatistik hätte statt groben Unfugs, begangen von angetrunkenen Banditen in einem Jeep, einen weiteren Auftragsmord registriert.

Ein Pedant wäre auf jeden Fall umgekommen. Der chaotische Rakitin aber blieb am Leben. Er war auf seinen offenen Schnürsenkel getreten und hatte sich den Bruchteil einer Sekunde vor den Schüssen auf dem Asphalt langgelegt. Dann war das Milizauto um die Ecke gekommen.

Das Krachen und Heulen löste seine Erstarrung. Er sprang auf und vergaß sein aufgeschlagenes Knie. Er glaubte, der Jeep sei zurückgekommen, für einen Kontrollschuß. Doch es war nur die Schaufensterpuppe aus dem Fenster gefallen. Sie hatte die für Rakitin bestimmten Kugeln abgekriegt.

Humpelnd stürzte Nikita in den Hof hinterm Laden. Das war wahrscheinlich ein Fehler. Erstens hätte er nicht weglaufen sollen, sondern auf die Kriminalisten warten, damit sie ein Verfahren wegen versuchten Mordes einleiten konnten. Zweitens, wenn er schon weggelaufen war, dann hätte er auf keinen Fall nach Hause gehen sollen – schließlich wußte er genau: Sie würden wiederkommen und ihren Job zu Ende bringen. Jeder normale Mensch hätte vor allem überlegt, wo er sich verstecken konnte.

Aber ein normaler Mensch fiel auch nicht über seine eigenen Schnürsenkel.

Fedja Jegorow sah ständig das Gesicht des Gurus vor sich. Die schmalen Augen wirkten wie Schlitze, ganz schwarz, ohne Augäpfel. Durch diese Schlitze in dem platten Gesicht, das trübe war wie der Wintermond, beobachtete die große kosmische Leere den Jungen. Fedja krümmte sich zusammen, rollte vom Krankenhausbett auf den Boden, und seine Beine verflochten sich von selbst. Im Lotossitz begann er sich zu wiegen und zu brummen. Nur so wich das Entsetzen und hinterließ lediglich dumpfe Kopfschmerzen.

Manchmal schien Fedja aufzuwachen. Nachts, wenn niemand etwas von ihm wollte. Er lag mit offenen Augen da, auf dem harten Bett ausgestreckt. Vor dem vergitterten Fenster tanzten Schatten von Zweigen. Weit hinter der Krankenhausmauer glitten vereinzelte verwaschene Lichter vorbei. In seiner Erinnerung schwebten quälend langsam undeutliche Silhouetten, leicht wie Scherenschnitte aus Zigarettenpapier. Leise, verschwommen, wie durch eine dicke Wasserschicht, klangen Stimmen.

Er wußte nicht, daß die Ärzte das als Korsakow-Syndrom bezeichneten. Nichts, was um ihn herum hier und jetzt geschah, nahm er als real wahr. Die Wirklichkeit verschwand sofort aus seinem Bewußtsein, wurde daraus weggewaschen wie eine Zeichnung im Sand von der schwarzen Brandung. Die Zeit war für Fedja stehengeblieben. Sein Bewußtsein hing im leeren Raum. Die Leere war dumpf und schwer wie nasser Filz.

Nur hin und wieder drang ein schwaches, entferntes Licht zu ihm durch. Fedja durchlebte einzelne Bruchstücke der Vergangenheit: die staubige Turnhalle, Menschen in weißen Laken. Dabei wurde ihm jedesmal übel, sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen.

Der Guru hatte erklärt, wie man sich richtig ernährte, damit die Chakren offenblieben, damit der Körper gereinigt, stärker und gesünder wurde und sich mit der Energie des Universums füllte. Oxana Jegorowa ernährte ihre Söhne mit Weizenkeimen und in heißem Wasser eingeweichtem Reis ohne Salz und Fett. Manchmal bekamen die Jungen eine Handvoll klebriger Rosinen oder getrockneter Aprikosen. Einmal in der Woche fasteten alle drei, tranken einen Tag lang nur einen speziellen Sud aus tibetischen Kräutern und abgekochtes Wasser. Einmal im Monat veranstaltete Oxana Fastenkuren über drei Tage. Der Guru lehrte sie, das Hungergefühl durch stundenlanges Meditieren und eiskalte Wassergüsse zu überwinden.

»Kopfschmerzen während des reinigenden Fastens bedeuten, daß der Körper mit Schlacken vergiftet ist«, erklärte der Guru, und Oxana hielt aus und zwang auch die Jungen dazu, achtete streng darauf, daß sie nicht heimlich etwas aßen.

Jeder Morgen begann mit Wassergüssen. Das Kind hockte sich in die Wanne, und Oxana goß ihm einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf. Das öffnete schlagartig wichtige Chakren. Die erste Zeit schrien die Jungen kläglich, bekamen eine Gänsehaut und blaue Lippen. Dann gewöhnten sie sich daran.

»Nichts erreicht man einfach so«, erklärte der Guru, »man darf seinem Körper nicht nachgeben. Wenn ihr nicht bei lebendigem Leib verfaulen wollt, müßt ihr lernen, euch zu überwinden.«

»Verfaulen wir denn bei lebendigem Leib?« fragte der zwölfjährige Slawik. »Wir sind doch nicht krank oder alt.«

Gegen überflüssige Fragen verordnete der Guru zusätzliches Fasten und Meditationen. Doch zuvor wurde der Junge einer Prozedur zur Öffnung wichtiger Chakren unterzogen. Der Guru gab ihm einen speziellen Kräutersud zu trinken, bettete ihn auf einen kleinen Teppich und ließ seine Hände um den Kopf des Liegenden kreisen, wobei er unverständliche Worte murmelte. Zuerst lag der Junge still und schien zu schlafen, doch bald begannen seine Glieder zu zucken, und dann wurde der ganze Körper von rhythmischen Krämpfen geschüttelt. Der Guru sagte, durch die heilsamen Vibrationen würden die Chakren geöffnet.

Nach mehreren solchen Prozeduren stellte Slawik keine ungesunden Fragen mehr.

Mit Fedja war es schwieriger. Der Guru bemerkte, daß der Junge sich vor dem kollektiven Meditieren drückte. Der Sinn des Ganzen bestand darin, sich in die Leere zu versenken, sich von seinem vergänglichen Leib und seiner sündigen Seele zu lösen. Vor allem: an nichts zu denken. Aber das funktionierte bei Fedja nicht.

»Eure Gedanken, das sind auch Schlacken. Von materiellen Schlacken reinigt ihr euch durch Fasten, von geistigen Schlacken durch Meditation.«

Wenn die ganze Gruppe im Kreis saß, sich langsam wiegte und das eintönige »Omm« wiederholte, bemühte sich Fedja aus ganzer Kraft um Konzentration. Doch der klägliche Laut, den er zustande brachte, klang wie das Winseln eines geprügelten Welpen.

Vor dem vergitterten Fenster tanzten Schneeflocken. Ihm knurrte der Magen, er hatte Hunger. Er hätte gern eine große saftige Bockwurst gegessen, Bratkartoffeln, eine knackige, picklige Salzgurke. Eine Tafel Schokolade! Die Schneehäufchen auf den Fenstergittern erinnerten ihn an Eiskrem.

Fedja brummte weiter, dachte aber dabei, wie schön es wäre, jetzt hinauszugehen auf die Straße, an die frische Luft, wo man die anheimelnd gelb leuchtenden Fenster in den Häusern sah. Hier in der Turnhalle war es stickig und staubig, es roch nach Schweiß. Der Guru schritt den Kreis ab und hielt jedem seine Hände über den Kopf – um die Aura zu kontrollieren. Über Fedjas Kopf verharrten seine Hände lange. Fedja hatte das Gefühl, als würde sein Kopf von einem engen, heißen Ring zusammengepreßt.

Die Welt war in zwei ungleiche Teile zerfallen. Im einen gab es stillen abendlichen Schneefall und warmes Licht in den Fenstern des Nachbarhauses. Die Menschen hinter den Fenstern aßen Abendbrot, sahen fern, unterhielten sich. Die Kinder machten Hausaufgaben. Dieses Leben war falsch. Der Guru sagte, alle diese Menschen seien Tote.

Slawik und er gingen seit einem halben Jahr nicht mehr in die Schule. Mama hatte am Telefon zur Direktorin gesagt: »Die Jungen gehen jetzt in eine Privatschule.«

In Wirklichkeit war der einzige Unterricht, den sie besuchten, der beim Guru. Der Guru sagte, Mathematik, Sprache, Literatur und Geographie brauchten sie nicht. Was sollten sie mit toten Wissenschaften, wenn sie der höchsten Wahrheit teilhaftig wurden und die kosmische Energie einsogen?

Doch Fedja hatte gern gelesen, geschrieben und gerechnet.

Der Guru befahl Mama, Fedja um acht Uhr früh zu ihm zu bringen, allein, ohne Slawik. Er empfing sie nicht in der Turnhalle, sondern in einem kleinen Raum, in dem es aussah wie beim Arzt. Neben der mit einem Laken bedeckten Kunststoffbank stand ein merkwürdiges Gerät, wie ein Radio. In der Vorderseite steckten Drähte, und an diesen Drähten hantierte ein unbekannter Mann im weißen Kittel, der vor dem Gerät hockte. Der Guru tätschelte Fedja die Wange und reichte ihm ein Glas mit einer trüben dunkelbraunen Flüssigkeit. Bei dem bekannten bitteren Geschmack verzog Fedja unwillkürlich das Gesicht. Der Kräutersud war diesmal besonders stark. Ihm traten sogar Tränen in die Augen. Der Guru befahl ihm, sich auszuziehen und auf die Bank zu legen. Dann wurden ihm Schläfen und Fußsohlen mit etwas Klebrigem bestrichen und mit Pflaster kalte, spitze Drähte auf die Haut geklebt.

»Mach die Augen zu«, befahl der Guru.

»Bist du sicher, daß er das aushält?« vernahm Fedja durch das anschwellende Rauschen in seinen Ohren die Stimme des anderen Mannes. »Es ist eine Erwachsenendosis.«

»Der hält das aus«, beruhigte ihn der Guru, »wir dürfen ihn sowieso auf keinen Fall hierlassen.«

Natürlich nicht, dachte Fedja, bald kommt der Weltuntergang, und dann sterben alle. Und wenn ich hierbleibe, dann sterbe ich auch. Ich muß auf den Guru hören. Er bringt uns zum goldenen Fluß. Der Guru kennt einen Ort auf der Welt, wo man sich retten kann. Gelbe Schlucht. Weit weg in Sibirien, tief in der Taiga, liegt die Sonnenstadt, der Ort, wo wir uns retten werden …

»Gelbe Schlucht, die Sonnenstadt«, flüsterte Fedja mit trockenen Lippen, steif ausgestreckt auf dem harten Bett in der Kinderpsychiatrie.

Das waren seine ersten Worte nach vier Jahren Schweigen.

Drittes Kapitel

Zu Hause schaltete Nikita mechanisch den Wasserkocher ein, dann machte er sich daran, das schwere Eichenbüfett in der Küche von der Stelle zu bewegen. Er fürchtete, das allein nicht zu bewältigen. Vor zehn Jahren, als die Wohnung renoviert wurde, hatten drei kräftige Möbelträger es gerückt und dabei furchtbar geflucht auf die solide Eiche.

»Wenn dir dein Leben lieb ist, schaffst du es«, sagte er zu sich und lehnte sich gegen die Eichenflanke.

Hinter dem Büfett lag die Tür zum Dienstboteneingang, der 1918 Nikitas Urgroßonkel, Leutnant Sergej Sokownin, das Leben gerettet hatte. Durch ihn entkam der Leutnant rechtzeitig den Tschekisten, die ihn verhaften wollten. Später, unter den Sowjets, erzählte Großmutter Anja, wurde der Vordereingang vernagelt, und alle benutzten den Dienstboteneingang. Die Wohnung der Rakitins wurde in winzige Zimmer aufgeteilt und zur Gemeinschaftswohnung gemacht. Leutnant Sokownin aber überlebte, floh per Schiff nach Konstantinopel und von dort nach Amerika, heiratete, bekam drei Töchter und starb 1944 als Oberst der US-Army, in einem Pariser Vorort von einer deutschen Mine in die Luft gesprengt.

Nikita trat einen Schritt zurück, verschnaufte und betrachtete das Büfett von allen Seiten. Er hatte wenig Zeit. Die Profis im Jeep würden ihren Fehler möglichst rasch beheben wollen.

»Na komm schon, mein Guter, komm schon«, murmelte er bei dem angestrengten Versuch, das Büfett von der Stelle zu bewegen. Polternd fiel etwas Schweres darin um. Es wäre besser gewesen, alles auszuräumen. Aber das hätte ihn eine ganze Stunde gekostet.

»Nun mach schon, verdammt noch mal, beweg dich, du alter Holzklotz!« brüllte Nikita.

Und der hölzerne Koloß gehorchte, rutschte brav ein paar Zentimeter übers Linoleum. Na also! Noch ein bißchen! Schließlich entstand zwischen dem Büfett und der Wand eine Lücke von etwa einem halben Meter – genug, um sich hineinzuzwängen und die vernagelte Tür freizulegen. Unter dem Büfett hatte sich das Linoleum vom Boden gelöst. Wenn er das mit einem Messer abtrennte und dann von draußen, von der Hintertreppe aus, an diesem Stück zog, konnte er das Büfett ein Stück zurückbewegen, zur Wand, so den Ausgang verschließen und ein paar Minuten Zeit gewinnen.

Nikita fand im Werkzeugschrank ein altes Skalpell, scharf wie eine Rasierklinge, und ritzte das Linoleum an drei Seiten ein. Er versuchte daran zu ziehen – es ging. Aber er mußte es mit einem Ruck tun. Das erforderte übermenschliche Kraft. Die Kraft eines Menschen, der sehr am Leben hing.

Draußen zwitscherten die ersten Vögel. Der Morgen graute. Nikitas Hemd war durchgeschwitzt und klebte widerlich am Körper. Gern hätte er noch einmal geduscht. Aber das war zu gefährlich. Garantiert würden sie genau in dem Moment auftauchen, wenn er unter der Dusche stand. Er würde sie nicht hören und es vielleicht nicht mehr schaffen.

Leutnant Sokownin allerdings hatte es noch geschafft. Er war gerade im Bad und wusch sich, als die Tschekisten an die Tür hämmerten. Die Dusche funktionierte 1918 natürlich nicht mehr. Der Leutnant hatte sich mit eiskaltem Wasser aus einem Krug übergossen. Und sie nicht kommen gehört. Seine Nichte, die dreizehnjährige Anja, die später Nikitas Großmutter werden sollte, hatte sie im Flur aufgehalten, indem sie wie ein Wasserfall auf sie einredete. Schön laut natürlich, damit der Leutnant sie hörte.

»Oh, ist das eine echte Mauser? Warten Sie, Herr Tschekist! Zeigen Sie doch mal, ich habe noch nie eine gesehen. Und die schießt wirklich?«

Anja war engelsschön: glänzende Locken, riesige strahlendblaue Augen.

»Möchten Sie vielleicht einen Tee, meine Herren Tschekisten? Wir haben ein bißchen echten Tee. Ich habe gerade den Samowar aufgesetzt. Wissen Sie was, wir haben sogar Bruchzucker. Warten Sie, dort ist nicht aufgeräumt, wo wollen Sie denn hin?«

Der Leutnant konnte noch in seine Unterhosen schlüpfen, nahm die restlichen Sachen und seine Dienstpistole an sich, stieg auf den Wannenrand, öffnete das direkt unter der Decke gelegene Fenster zwischen Bad und Küche, zog sich hoch, kroch hinüber, sprang lautlos auf den Boden und schlüpfte durch die Dienstbotentür hinaus. In der nächsten Sekunde stürmten die Tschekisten in die Küche.

»Wie hat er das geschafft, mit seinen ganzen Sachen unterm Arm, so schnell und lautlos?« fragte Nikita Großmutter Anja, wenn sie ihm die Geschichte zum hundertstenmal erzählte.

»Ich weiß nicht. Er hing sehr am Leben«, antwortete die Großmutter.

Seit Nikita zehn war, versuchte er immer wieder, die Geschicklichkeitsübung des Leutnant zu wiederholen. Er stellte eine Leiter unter das Fenster im Bad. Erst mit vierzehn schaffte er es, sich hochzuziehen, durchs Fenster zu schlüpfen und, die Augen zusammengekniffen, auf den Küchenboden zu springen. Seine Kinderfrau Nadja, die am Herd stand und Kartoffeln briet, schrie los wie am Spieß und bekreuzigte sich hastig mehrmals. Der unglückliche Sprung bescherte Nikita eine Zerrung und einen Bänderriß. Wäre Leutnant Sokownin so gesprungen, hätte man ihn eine halbe Stunde später erschossen.

Nikita nahm eine Kneifzange aus dem Werkzeugkasten und begann, die zugenagelte Tür freizulegen. Die Nägel waren schon ziemlich rostig und regelrecht in die Wand eingewachsen.

Als der Bänderriß verheilt war, hatte Nikita das Kunststück wiederholt, von Anfang bis Ende, sogar die Zeit gestoppt. Genau dreieinhalb Minuten. Das unangenehmste war der Sprung vom Dach auf das Dach des Nachbarhauses. In zwölf Metern Höhe. Zwischen den beiden Häusern mindestens ein halber Meter. Hauptsache, er sah nicht hinunter. Er mußte sich vorstellen, daß Männer in Lederjacken und mit Pistolen hinter ihm her waren. Und daß er sehr am Leben hing.

Nun war er nicht mehr vierzehn, sondern achtunddreißig und brauchte sich nichts vorzustellen. Es war alles echt. Männer in Lederjacken. Mit Maschinenpistolen. Und er hing sehr am Leben.

Er schabte sich die Finger blutig, bis er endlich alle Nägel rausgezogen hatte. Endlich gab die Tür nach. Es roch nach altem Schimmel und Katzenurin. Der Hintereingang war 1927 vernagelt worden, nachdem der weltbekannte Opernbariton Nikolai Rakitin dem Drängen der sowjetischen Regierung nachgegeben hatte und mit seiner Familie aus der Emigration zurückgekehrt war. Der Bariton bekam seine eigene Wohnung in Moskau zurück. Die restlichen Gemeinschaftsmieter wurden rausgesetzt, die Zwischenwände wieder eingerissen. Nikitas Urgroßvater wollte russisch singen, auf der Bühne des Bolschoi-Theaters. Nikolai Rakitin hoffte, wie viele damals, die Bolschewiki würden sich nicht lange halten. Außerdem war sein Weltruhm im kalten, grauen Berlin ziemlich verblaßt. Später mußte er dann mit seinem vollen Bariton Parteilieder und Märsche singen, als Solostimme im Chor Texte intonieren wie: »Das Lied über Stalin, dem alle vertrauen, zu dem wir in Liebe und Freundschaft erglüht.«

Auch vor »ihm höchstpersönlich« mußte er einmal singen, fast allein, in einem kleinen Büro, in Gegenwart einiger Vertrauter, die neben dem breitschultrigen, untersetzten Stalin beinahe wie Gespenster wirkten. Rakitin erzählte seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter im Bad bei laufendem Wasser flüsternd von den häßlichen Pockennarben auf den grauen Wangen, von den gelben Augen, von der kurzbeinigen Gestalt in schlichter Militärjacke und weichen kaukasischen Stiefeln.

Als Nikita sechzehn war, löcherte er Großmutter Anja immer wieder: »Warum ist er nicht dort geblieben? Warum? Wir würden heute ganz anders leben. Ich würde …«

»Du?« Oma Anja lächelte. »Dich gäbe es dann gar nicht, Nikita.«

»Warum?«

»Weil dein Papa deine Mama nie getroffen hätte, er hätte eine andere Frau geheiratet, und sie hätten einen anderen Sohn gehabt. Oder eine Tochter.«

Geschafft! Er nahm die Taschenlampe, stieg die Hintertreppe hinauf auf den Boden, kontrollierte den Ausgang aufs Dach, schreckte eine Spatzenschar auf und zuckte bei ihrem lauten Gezwitscher so zusammen, daß er das Gleichgewicht verlor. Seine Füße glitten über das feuchte Blech. Er konnte sich gerade noch an der wackligen, rostigen Abgrenzung festhalten. Sein Herz flatterte wie ein gefangener Vogel. Noch einmal spürte er hautnah, wie dicht ihm der Tod auf den Fersen saß.

Das schweißfeuchte Hemd war nun eiskalt und teilweise an der Haut festgefroren wie Eisen an der Zunge, wenn man bei Frost daran leckt. Wieder in der Wohnung, bemerkte er bei einem Blick in den Spiegel Blut auf seiner Wange, und ihm fiel der Glassplitter ein. Er mußte ihn herausziehen und die Wunde desinfizieren, damit sie nicht eiterte. Er wusch sich gründlich die Hände. Die zerschrammten Finger gehorchten ihm kaum, der Splitter war glatt. Er mußte sich die Wange tief aufkratzen, aber er spürte trotzdem keinen Schmerz. Das Waschbecken war voller Blut.

Sein Herz schlug noch immer heftig, und daran, daß ihm die Angst in die Kehle stieg, erkannte er: Gleich würden sie kommen. Er klebte notdürftig ein Pflaster auf die blutende Wunde und drehte den Wasserhahn zu.

Der Computer gab beim Einschalten ein gedämpftes Piepsen von sich. Auf der Tastatur und der Maus blieben Blutspuren zurück. Nikitas Hände zitterten. Draußen war es inzwischen hell. Er speicherte die nötigen Dateien auf Diskette, dann löschte er ein Großteil des Textes. So. Nun sollten sie ruhig suchen.

Sein Herz schlug wieder ruhiger, als wolle es dafür sorgen, daß er das sachte Kratzen im Türschloß hörte.

Oxana Jegorowa besuchte die Gruppe »Gesunde Familie« ein Jahr lang. Ende Dezember 1994 fand der Unterricht nicht mehr in der Turnhalle statt, sondern im Kulturhaus. Er begann vormittags und dauerte bis zum späten Abend. Zu Hause sprach niemand mehr mit Jegorow. Oxana wechselte mit den Kindern nur kurze, unverständliche Worte, und sobald Jegorow auftauchte, verstummten alle drei.

Oxana riß ihm schon lange nicht mehr die Kleider vom Leib und lachte auch nicht mehr wie eine Nixe. Sie schlief nun bei den Jungen im Zimmer auf dem Fußboden.

Eines Tages erzählte Jegorow seinem Bordingenieur Gena Simonenko bei einer Flasche Wodka von seinen Problemen.

»Was regst du dich auf über solche Kleinigkeiten, Iwan?« sagte Simonenko. »Laß das sein, mach dir keinen Kopf. Heutzutage spinnen doch alle: Astrologie, schwarze Magie, Yoga, Fasten. Im Fernsehen treten Hexer auf, amerikanische Prediger kommen scharenweise angereist, und diesen Japaner Asahara, den hat Gorbatschow persönlich empfangen. Deine Oxana kriegt sich schon wieder ein, keine Sorge. Meine Ira, die hat auch eine Zeitlang gesponnen, hat jeden Morgen die Füße nach oben gedreht, jeden Tag eine Dreiviertelstunde kopfgestanden, dauernd gefastet. Aber irgendwann hatte sie die Nase voll. Jetzt ist sie wieder normal.«

»Irka und du, ihr habt keine Kinder«, sagte Jegorow wehmütig. »Ich mache mir weniger um Oxana Sorgen als um die Jungs. Sie kriegt sich ja vielleicht wirklich wieder ein, aber die Kinder, die tragen womöglich einen bleibenden Schaden davon. Ihre Psyche ist doch noch schwach, und ernähren sollten sie sich auch normal, nicht von rohen Körnern.«

»Das stimmt.« Gena nickte. »Um die Kinder tut’s einem leid.«

Als Jegorow vom nächsten Flug nach Hause kam und erfuhr, daß die Kindern nicht mehr in die Schule gingen, wandte er sich an einen Rechtsanwalt.

»Ich verstehe nicht, was Sie von mir wollen«, sagte der dicke ältere Anwalt und zuckte die Achseln. »Sie können die Scheidung einreichen. Aber die Kinder würden Sie kaum kriegen, darauf brauchen Sie nicht zu hoffen.«

»Meine Frau hat den Verstand verloren. Sie kann die Kinder nicht erziehen«, wiederholte Jegorow störrisch, »sie schleppt sie in eine Sekte.«

»Wie sagten Sie, heißt die Gruppe? ›Gesunde Familie‹?« fragte der Anwalt. »Und wer steht hinter denen? Welche Organisation?«

»Ach, das ist doch keine Organisation, das ist eine Ansammlung von Psychopathen.« Jegorow winkte resigniert ab.

»Nein, nein« – der Anwalt schüttelte den Kopf –, »irgendwer muß sie schließlich finanzieren, die Miete für den Raum zahlen. Die Leiter der Gruppe bekommen bestimmt Geld, und zwar nicht wenig. Der Unterricht ist kostenlos, sagen Sie?«

»Ja, kostenlos.« Jegorow nickte.

»Spricht Ihre Frau vielleicht von Scheidung?«

»Nein. Das heißt, sie hat gesagt, wenn mir ihre Lebensweise nicht paßt, könne ich ja verschwinden.«

»Haben Sie eine schöne Wohnung?«

»Na ja, es geht. Ich verstehe«, freute sich Jegorow. »Ich glaube auch, daß diese Räuberbande solchen Dummchen wie meiner Oxana den Kopf verdreht, um ihnen die Wohnung wegzunehmen. Neuerdings gibt’s ja jede Menge Sekten. Sie locken die Leute an und bringen sie dazu, auf ihr Eigentum zu verzichten. Aber dann kann man diese Gauner doch ganz einfach wegen Betrugs vor Gericht stellen.«

»Kann man nicht.« Der Anwalt seufzte. »Leider, so einfach ist es eben nicht. Das ist zwar tatsächlich weit verbreitet, aber vor Gericht stellen kann man dafür trotzdem kaum jemanden. Die Leute trennen sich freiwillig von ihrem Eigentum und sind jederzeit bereit, das zu bezeugen. Und die Dokumente sind in der Regel auch in Ordnung. Da kommt man nicht ran.«

»Na klar!« Jegorow wurde laut. »Erst bringt man sie um den Verstand, und schließlich machen sie alles freiwillig und bezeugen, was immer man verlangt.«

»Was heißt – um den Verstand bringen? Juristisch belegbar ist das erst, wenn Ihre Frau von einer medizinischen Fachkommission untersucht wurde. Sind Sie sicher, daß die Ärzte derselben Meinung wären wie Sie?«

Jegorow war nicht sicher. Oxana wirkte auf Außenstehende völlig normal, sie war nur dünn geworden, und ihre Augen hatten sich verändert. Aber was kümmerten fremde Leute ihre Augen?

Er wußte genau: Vor einer Ärztekommission würde sie nicht den üblichen Quatsch über Chakren und Astrale erzählen. Sie würde von gesunder Lebensweise sprechen, von Diät, Gymnastik und Abhärtung. Sie würde auf die Ärzte den besten Eindruck machen. Und was die Schule anging – viele Kinder gingen neuerdings auf Privatgymnasien und wurden dort nach neuen, alternativen Methoden unterrichtet.

»Sie würden sie normal finden.« Jegorow seufzte.

»Selbstverständlich.« Der Anwalt nickte. »Außerdem ist eine solche Untersuchung ohne ihre Einwilligung prinzipiell nicht zu machen.«

»Aber was kann ich denn tun?«

»Trinkt Ihre Frau?«

»Nein. Sie trinkt nicht, raucht nicht und verbringt ihre gesamte Zeit mit den Kindern. Aber sie läßt sie hungern oder gibt ihnen allen möglichen Mist zu essen und übergießt sie mit eiskaltem Wasser.«

»Das nennt man Diät und Abhärtung«, erklärte der Anwalt. »Schlägt sie die Kinder?«

»In meiner Gegenwart nie.«

»Na sehen Sie.« Der Anwalt zuckte die Achseln. »Ein Entzug des Sorgerechts ist selbst bei Prostituierten und Alkoholikerinnen ziemlich schwierig. Und Ihre Frau ist eine ideale Mutter.«

»Ich verstehe.« Jegorow nickte. »Sie können mir also überhaupt nicht helfen, nein?«

»Ich an Ihrer Stelle würde vor allem versuchen herauszufinden, was das für eine Sekte ist, wer dahintersteht.«

»Den Unterricht gibt ein Asiat, ein Koreaner oder Turkmene. Sie nennen ihn Guru. Einmal wollte ich ihn nach dem Unterricht abfangen. Ein schwarzer Mercedes mit verdunkelten Scheiben hielt direkt vor der Tür, er schlüpfte in den Wagen, und der fuhr sofort los. Hören Sie, vielleicht könnten Sie ja etwas über diese Gruppe herausfinden? Es soll Ihr Schade nicht sein.«

»Nein, nein, entschuldigen Sie, aber ich bin Anwalt, kein Privatdetektiv. Übrigens, wenn Ihre Mittel es erlauben, dann würde ich Ihnen raten, sich an eine private Detektei zu wenden, ich kann Ihnen da eine empfehlen. Sie hat erst kürzlich aufgemacht und ist auf Sekten spezialisiert.«

Der Anwalt kramte in einem Papierstapel auf seinem Tisch und reichte Jegorow einen ansprechend gestalteten Werbezettel.

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Grigori Petrowitsch Russow erstarrte auf der Wohnzimmerschwelle und betrachtete einige Augenblicke lang schweigend unverwandt seine Frau. Sie saß seitlich zu ihm auf dem Ecksofa, die Beine angezogen. Ihr dunkelblondes Haar war offen. Sie hielt ein Buch in der Hand und war so versunken in die Lektüre, daß sie ihren Mann weder kommen hörte noch seinen Blick spürte.

»Nika, weißt du, wie spät es ist?« fragte er.

»Halb zwei«, erwiderte sie, ohne von ihrem Buch aufzusehen.

»Drei, mein Mädchen. Halb drei.

»Im Ernst?« Sie warf einen kurzen Blick auf die antike Wanduhr und wandte sie sich wieder ihrem Buch zu. »Geh schlafen, Grischa. Ich lese noch ein bißchen.«

Er setzte sich zu ihr und nahm ihr das Buch aus der Hand.

»Viktor Godunow. Der Triumphator« stand auf dem Umschlag.

Russow schlug das Buch zu und warf es lässig auf den Couchtisch. Auf der Rückseite prangte ein Foto des Autors.

»Er ist alt geworden, findest du nicht?« fragte Russow hastig und legte seiner Frau den Arm um die Schultern.

»So?« Nika nahm das Buch. »Finde ich nicht. Das Foto ist einfach nicht besonders.«

Eine Weile schwiegen beide.

»Und, wie ist der Roman?« fragte Russow nach kurzem Hüsteln.

»Lies ihn doch mal.« Nika lächelte. »Er ist sehr gut.«

Russow zog erstaunt die Brauen hoch. »Du hast doch Krimis nie gemocht.«

»Hör auf, Grischa.« Nika runzelte die Stirn. »Ist es dir etwa unangenehm, mich mit seinem Buch in der Hand zu sehen? Du weißt genau, wie gut er schreibt.«

»Ich will das mit dir nicht erörtern!« schrie er plötzlich, noch bevor sie ausgeredet hatte. »Ich möchte nicht über ihn sprechen, hast du verstanden?«

Sie antwortete nicht, sondern stand schweigend vom Sofa auf, doch er packte ihre Hand und zog sie mit Gewalt wieder zurück, wollte weiterschreien, aber in diesem Augenblick klingelte sein Handy, von dem er sich in letzter Zeit nie trennte, nicht einmal nachts.

Nika nutzte die Gelegenheit, stand auf und verließ mit dem Buch in der Hand das Zimmer.

»Ja. Was?! Wie – nicht da?! Habt ihr richtig nachgesehen? Und Disketten? Warum hast du das gestern nicht gesagt?« Er sprang auf, blickte kurz in den Flur und schloß hastig die Zimmertür.

Sein Gesicht versteinerte zusehends. Diesmal war er nicht rot, sondern bläulichblaß und leckte sich unentwegt die trockenen Lippen.

»So, und im Computer?« fragte Russow abgehackt, mit gedämpfter Stimme. »Ist mir scheißegal, daß sie nichts von Computern verstehen. Dann finde gefälligst jemanden, der was davon versteht.«

Nika bemühte sich, nicht zuzuhören, doch einzelne Worte drangen durch die geschlossene Tür und gellten ihr unangenehm im Ohr. Das heißt, weniger die Worte als der Ton.

»Gut«, zischte Russow, »sieh zu, daß du eine andere Lösung findest. Aber vorsichtig.«

Nika saß in der Küche, rauchte und starrte wieder in ihr Buch. Sie blickte nicht einmal auf, als er hereinkam. Er rückte einen Stuhl heran, setzte sich ihr gegenüber und fragte leise: »Möchtest du einen Tee?«

»Grischa, was ist mit dir los?« Sie fing seinen Blick auf. Er schloß erschöpft die Augen und lehnte sich zurück.

»Verzeih mir, mein Mädchen. Ich bin total erschöpft.«

»Ich weiß.« Sie nickte. »Aber warum mußt du mich anschreien?«

»Ein Ausrutscher, ich bin mit den Nerven am Ende. Meinst du, ich könnte seelenruhig zusehen, wie du begeistert sein letztes Meisterwerk verschlingst? Seine Heldinnen sehen übrigens alle gleich aus, und zwar haargenau wie du, Nika.«

»Moment mal, Grischa, woher weißt du das? Ich denke, du liest seine Bücher nicht«, sagte Nika kaum hörbar.

»Na, nun nimm das doch nicht so wörtlich.« Er schluckte und leckte sich nervös die Lippen, aber seine Stimme klang beherrscht, sogar ein wenig herablassend. »Ich habe ein paar von seinen Büchern durchgeblättert. Übrigens weiter nichts Besonderes.«

»Wie kannst du das beurteilen, wenn du sie nur durchgeblättert hast?«

Russow log. Den »Triumphator« hatte er vor drei Monaten gelesen, im Manuskript, beziehungsweise den Computerausdruck, den er vom Verlag bekommen hatte. Er bekam alle Romane von Viktor Godunow, einem der meistgelesenen Autoren Rußlands, umgehend, sobald der Cheflektor die Diskette mit dem fertigen Text in der Hand hatte.

Russow war einer der Anteilseigner des Verlagskonzerns »Kaskad«, in den er eine Menge Geld investiert hatte.

»Willst du mich etwa überreden, seine Bücher zu lesen?

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