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Frühstück mit Vampir

Zu diesem Buch

Abigail Forsythe befindet sich auf einem Trip nach Südamerika, um ein neues Leben zu beginnen, als sie im Bauch ihres Flugzeugs eine unglaubliche Entdeckung macht. Sie stößt auf einen nackten – und wahnsinnig attraktiven – Mann, der dort gefangen gehalten wird. Der Vampir Tomasso Notte steckt in gewaltigen Schwierigkeiten: Seine Entführer sind mit ihm unterwegs zu einer einsamen Insel – direkt in die Fänge eines Arztes, der Experimente an Unsterblichen vornimmt. Abigail zögert nicht lange und befreit den Fremden aus seiner misslichen Lage. Doch mit dieser guten Tat bringt sie sich schlagartig in Gefahr. Denn Tomassos Entführer haben es jetzt auch auf sie abgesehen. Abigail und Tomasso befinden sich nun gemeinsam auf der Flucht, und eine wilde Jagd beginnt. Aber es ist nicht nur die Angst vor den Entführern, die Abigail die Sinne raubt …

1

»Abs!«

Abigail Forsythe hatte eben erst die Country-&-Western-Bar betreten, als sie hörte, wie ihr Name gerufen wurde. Zu wem der tiefe Bariton gehörte, war nicht schwer zu erraten. Mit seinen eins achtundneunzig war Jet schon barfuß ein Riese, aber wenn er dann noch seine Cowboystiefel trug, überragte er so gut wie jeden in dieser Bar um mehr als einen Kopf. Genau genommen überragte er einfach fast jeden um mehr als einen Kopf, überlegte sie.

Sie entdeckte ihren dunkelhaarigen Freund am Ende der Theke, wo er neben zwei freien Hockern stand, und verzog den Mund zu einem von Herzen kommenden Lächeln. Das war das erste Mal seit mindestens drei Monaten, und sofort ging sie zu Jet, weil sie die liebevolle Umarmung kaum erwarten konnte, von der sie wusste, dass sie auf sie wartete.

»Aaaah, mein kleines Mädchen«, brummte Jet zufrieden, als er sie umarmte, kaum dass sie bei ihm angekommen war.

Mehr brauchte er nicht zu sagen, und schon hatte Abigail mit einem Mal einen solchen Kloß im Hals, dass sie keinen Ton herausbekam. Also erwiderte sie einfach schweigend die Umarmung, die wie üblich länger anhielt als es unter guten Freunden vermutlich üblich war. Doch das störte Abigail nicht. Sie ließ den Kopf gegen seine Brust sinken und stieß einen lang gezogenen Seufzer aus.

»Lass dich ansehen«, sagte Jet auf einmal und fasste sie an den Oberarmen, um sie ein Stück weit von sich zu halten.

Abigail legte den Kopf in den Nacken, um ihn anzuschauen. Voller Zuneigung nahmen ihre Augen den vertrauten Anblick in sich auf. Er sah älter aus, aber das tat sie schließlich auch. Zwar hatten sie sich pflichtbewusst jede Woche geschrieben, doch gesehen hatte sie Jet seit drei Jahren nicht mehr. Er war im Ausland im Einsatz gewesen, um bei der Navy Kampfjets zu fliegen, während sie die ganze Zeit in Texas geblieben war, um ihre Mutter bis zu deren Tod zu pflegen.

»Es tat mir so leid, das von deiner Mom zu hören, Abs«, sagte er plötzlich, als wären ihm die gleichen Gedanken durch den Kopf gegangen. »Sie war immer sehr nett zu mir. Ich habe sie immer sehr gemocht, das weißt du.«

Abigail nickte.

»Wäre ich nicht in Übersee gewesen, dann wäre ich bei der Beerdigung an deiner Seite gewesen. Aber die Navy ließ mich erst in der Woche danach nach Hause«, erklärte er bedauernd.

»Ich weiß«, versicherte sie ihm und brachte dabei ein Lächeln zustande.

»Sie war die Beste, Abs.«

»Ja, das war sie«, stimmte sie ihm zu. Ihre Stimme klang erstickt, und Tränen standen ihr in den Augen. Wenn sie nicht bald das Thema wechselten, würde sie noch anfangen zu heulen wie ein kleines Kind. Sie sah zur Theke und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich brauche jetzt einen Drink.«

Als sie ihren Blick wieder auf Jet richtete, betrachtete der sie mit einem so sorgenvollen Ausdruck in den Augen, dass sie sich voller Unbehagen abwenden musste. Sie wusste genau, was er sah. Ihre Haut war blass und fleckig, unter den geröteten Augen verliefen dunkle Ringe, und seit dem letzten Mal hatte sie einige Kilo zugenommen. Das alles war die Folge davon, dass sie das ganze letzte Jahr praktisch nicht aus dem Haus gekommen war, während sie kaum etwas anderes getan hatte, als sich um ihre Mutter zu kümmern, die vom Krebs langsam dahingerafft wurde. Abigail hatte schon immer zehn bis zwanzig Pfund zu viel auf die Waage gebracht, sie war stets rundlicher gewesen als das, was gesellschaftlich als Ideal angesehen wurde. Aber in den drei Jahren, seit bei ihrer Mutter Brustkrebs diagnostiziert worden war, hatte sich in Sachen Gewicht bei ihr nichts zum Besseren gewendet. Während andere unter der körperlichen und seelischen Belastung dünn wie ein Strich wurden, hatte Abigail noch einmal gut dreißig Pfund zugelegt und sich von rundlich zu kugelrund entwickelt. Nicht dass sie sich deswegen nicht ohnehin unbehaglich gefühlt hätte, was noch harmlos ausgedrückt war, aber wenn Jethro Lassiter sie jetzt so ansah, dann wurde ihr auf schmerzliche Weise bewusst, wie schlimm sie aussehen musste.

»Dann sollst du auch einen Drink bekommen«, sagte er plötzlich. »Komm, lass dir hochhelfen.«

Als der Mann sie unter den Armen packte und auf den Barhocker setzte, riss Abigail verdutzt die Augen auf und stieß vor Schreck einen spitzen Schrei aus. Er hatte sie hochgehoben, als wäre sie leicht wie eine Feder. Aber das war sie beileibe nicht, und daher zog sie die Nase kraus, als er auf dem Hocker neben ihr Platz nahm.

»Mach nur weiter so, dann handelst du dir bestimmt noch eine Muskelzerrung ein«, spottete sie und drehte sich so, dass sie die Ellbogen auf der Theke aufstützen konnte. »Dann musst du krankfeiern und verlierst gleich wieder diesen neuen Job, den du gerade erst angefangen hast.«

Jet schnaubte nur amüsiert und zog an ihrem Rucksack, den sie noch immer mit sich herumtrug. »Nimm den ab, den können wir zwischen uns stellen.«

Abigail schob die Gurte von den Schultern und ließ Jet den Rucksack an sich nehmen. Sie sah ihm zu, wie er ihn zwischen den beiden Hockern auf den Boden stellte. Im nächsten Moment hob sie den Kopf, als eine gut gelaunte Stimme fragte: »Was soll’s denn sein?«

Eine hübsche junge Blondine in einem eng anliegenden T-Shirt mit dem Logo der Bar darauf stand auf ihrer Höhe hinter der Theke und lächelte sie auffordernd an. Oder besser gesagt, sie lächelte Jet an, wie Abigail feststellen musste, denn die leuchtend blauen Augen waren ebenso auf ihn ausgerichtet wie ihr üppig ausgestatteter Busen.

Jet reagierte mit einem matten Lächeln, wandte sich dann aber Abigail zu. »Long Island Iced Tea?«

Abigail schnaubte leise. Das war vor drei Jahren der Drink gewesen, dem sie die Treue gehalten hatte, als Jet seine Abschiedsparty feierte, nach der er losgezogen war, um Pilot bei der Navy zu werden. Bis zum Sonnenaufgang hatten sie ein Glas nach dem anderen gekippt, selbst dann noch, als alle anderen Gäste längst gegangen waren. Am nächsten Morgen hatte sie dafür teuer bezahlt, da sie mit einem mörderischen Kater aufgewacht war. Die Nacht war ihr in guter Erinnerung geblieben, der Tag danach allerdings weniger, hatte sie ihn doch über die Kloschüssel gebeugt verbracht.

»Ach, komm schon«, redete er auf sie ein. »Ich glaube, du brauchst dringend etwas, um locker zu werden. Ein Long Island Iced Tea, und danach wechseln wir zu etwas nicht ganz so Heftigem.«

Sein bettelnder Tonfall rang Abigail ein Lächeln ab, doch dann zuckte sie mit den Schultern. »Ach, was soll’s.«

»Eben, was soll’s«, stimmte er ihr grinsend zu und wandte sich der Barkeeperin zu: »Einen Long Island Iced Tea für die Dame, ein Bier für mich bitte, Ma’am.«

»Hey!«, protestierte Abigail, aber er winkte ab.

»Ich muss noch fahren«, erklärte Jet, grinste wieder und fügte hinzu: »Außerdem ist Long Island Iced Tea was für kleine Mädchen.«

Abigail sah ihn finster an. »Soweit ich mich erinnern kann, hat dich der Kleine-Mädchen-Drink beim letzten Mal ganz schön aus den Latschen kippen lassen.«

»Das kann man wohl sagen«, bestätigte er lachend. »Mann, was habe ich das am nächsten Morgen bereut. Am ersten Tag der Grundausbildung sollte man besser keinen Kater haben.«

Wieder lächelte sie flüchtig. »Kann ich mir vorstellen.«

»Nein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du dir das nicht vorstellen kannst«, widersprach er und verzog das Gesicht.

»Na ja, in deinen Briefen hast du das jedenfalls anschaulich geschildert«, sagte sie schmunzelnd. »Es war hart, nicht wahr?«

»Hart trifft das nicht mal ansatzweise.« Mehr als das ließ Jet sich jedoch nicht entlocken, dann drehte er sich zu der Barkeeperin um und dankte ihr für die Drinks, die sie ihnen gerade hinstellte.

Abigail musterte ihn aufmerksam, während er bezahlte. Die Zeit in der Navy hatte ihn verändert. Er war immer schon groß gewesen, dabei aber eher schmal, und es hatte ihm an Muskeln gefehlt, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er war mehr ein Strich in der Landschaft gewesen, aber davon war ihm jetzt nichts mehr anzusehen. Er hatte seine Muskeln trainiert, und jetzt passte seine Statur wesentlich besser zu seiner Größe. Ihr bester Kumpel war ein muskulöser, gut aussehender Typ, der Selbstbewusstsein und sogar ein bisschen Überheblichkeit ausstrahlte. Die Navy hatte bei ihm Wunder gewirkt, worum sie ihn tatsächlich beneidete.

Die Erkrankung und der Tod ihrer Mutter hatten bei ihr das genaue Gegenteil bewirkt, da ihr dadurch jeder Rest von gutem Aussehen und von Selbstbewusstsein genommen worden war und sie sich nur noch wie ein unförmiges Etwas vorkam.

Ein deprimierter Seufzer kam ihr über die Lippen. Sie zog das Glas zu sich herüber und nippte daran, während sie sich fragte, was zum Teufel sie eigentlich hier machte. Als Jet ihr geschrieben hatte, dass seine Zeit bei der Navy zu Ende sei und er eine Anstellung in San Antonio annehmen werde, da hatte sich sein Vorschlag gut angehört, dass sie ihn besuchen sollte. In den letzten drei Jahren nach dem Collegeabschluss hatten sie sich zahlreiche Briefe geschrieben, während er in der Navy gewesen war, aber es hatte einfach nie klappen wollen, dass sie beide sich endlich wieder einmal trafen. Ihre Terminpläne hatten schlichtweg nie zusammengepasst. Zunächst war sie ans andere Ende des Landes umgezogen, um dort ihr Medizinstudium zu absolvieren, was ein Treffen unmöglich machte. Theoretisch hätten sie sich sehen können, wenn Jet Urlaub hatte, nachdem sie das Studium abgebrochen hatte, um sich um ihre Mutter zu kümmern. Doch zu der Zeit hatte ihre Mutter bereits das Haus in ihrer Heimatstadt aufgegeben und war nach Austin gezogen, um dort zu sein, wo sie ihre Chemotherapie bekam. Jets Urlaube waren nie lange genug, um neben einem Besuch daheim auch noch nach Austin zu kommen. Ganz abgesehen davon wäre in dem winzigen Apartment ihrer Mutter ohnehin kein Platz für ihn gewesen. Ihre Mutter hatte ihr Bett gehabt, und Abigail war nur die Couch zum Schlafen geblieben. Jet hätte somit auf dem Fußboden übernachten müssen.

Sie hob den Kopf, sah sich im Spiegel hinter der Theke und verzog den Mund. In Wahrheit hätte Jet sie auch unter diesen Umständen besucht und sich damit begnügt, die Nacht in einem Schlafsack auf dem Fußboden zu verbringen. Sie war diejenige gewesen, die immer wieder neue Ausreden gefunden hatte, warum er nicht nach Austin kommen sollte. Sie hatte ihn nicht sehen wollen, oder besser gesagt: Sie hatte nicht gewollt, dass er zu sehen bekam, wie sehr sie sich verändert hatte. Der einzige Grund, wieso sie sich jetzt mit ihm traf … na ja, sie hatte nichts anderes zu tun gehabt. Ihre Mutter war ihre einzige Verwandte gewesen, und die war nun tot und begraben, und den letzten Monat hatte Abigail damit verbracht, den Nachlass zu regeln. Das hieß in erster Linie, dass sie damit beschäftigt war, die Arztrechnungen zu bezahlen, die die gesamte Lebensversicherung ihrer Mutter und fast das gesamte College-Geld verschlungen hatten, das ihre Mutter über die Jahre hinweg mit eisernem Willen zusammengespart hatte, bevor sie dann erkrankt war.

Abigail stand da mit einem Apartment voller Erinnerungsstücke und Möbel und sehr wenig Geld in der Tasche. Sie wollte diese Woche dazu nutzen, sich Gedanken darüber zu machen, was sie mit dem Rest ihres Lebens anstellen sollte. Ihr Studium konnte sie vergessen, das kostete zu viel Geld. Aber sie hatte keine Ahnung, welchen Job man mit einem abgebrochenen Medizinstudium bekommen konnte. Und sie wusste auch nicht, wo sie leben sollte. Im Moment war ihr Leben ein einziger Trümmerhaufen.

»Also«, sagte Jet, nachdem die Barkeeperin weggegangen war, um sich anderen Gästen zu widmen.

Abigail riss sich vom Anblick ihres alles andere als attraktiven Spiegelbilds los und sah zerknirscht ihren Freund an.

»Wie schlimm ist es?«, fragte er mit ernster Miene.

Sie kniff die Lippen zusammen und konzentrierte sich wieder auf ihr Glas. »Ich werde es überleben.«

»In deinem letzten Brief warst du in Sorge wegen der Behandlungskosten. Hat die Versicherung deiner Mom gereicht, um das alles bezahlen zu können?«

»Größtenteils«, murmelte sie.

»Und der Rest?«, hakte er nach. »Wie viel ist noch offen?«

»Nichts mehr«, versicherte sie ihm und streckte ihren Rücken. Das war immerhin etwas: Sie steckte nicht bis zum Hals in Schulden.

»Hmm«, machte Jet, woraufhin sie ihm einen Seitenblick zuwarf und feststellte, dass er die Augen skeptisch zusammengekniffen hatte. Es überraschte sie nicht, dass er nachhakte: »Wovon hast du das bezahlt?«

Sie wandte den Blick ab, räumte aber schließlich ein: »Von meinem Collegegeld.«

»Oh verdammt, Abs«, knurrte er. »Deine Mutter wäre am Boden zerstört, wenn sie wüsste, dass das Geld draufgegangen ist, das sie sich jahrelang vom Mund abgespart hat.«

»Ja, dann ist es doch gut, dass sie das nicht mehr miterleben muss, oder?«, versuchte sie zu scherzen, wunderte sich aber nicht, dass sie keinen Lacher damit erntete. Es war auch wirklich kein gelungener Witz, denn sie hätte alles dafür gegeben, ihre Mutter wieder bei sich zu haben, ob die nun stinksauer auf sie war oder nicht. Sie würde buchstäblich alles dafür geben, Leib und Seele eingeschlossen. Ihre Mutter fehlte ihr so unglaublich. Es war einfach nicht fair.

»Wie viel ist noch übrig?«, fragte Jet und riss sie aus ihren Überlegungen, bevor sie an der Theke in Tränen ausbrechen konnte.

Sie zögerte, dann aber griff sie in die Hosentasche und zog ein paar Scheine heraus. Elf Zwanziger, ein Zehner, ein bisschen Kleingeld. Sie wusste es auswendig. Immer wieder hatte sie nachgezählt und darauf gehofft, dass sich das Geld klammheimlich wie ein Haufen rammelnder Kaninchen vermehrte, wenn sie es nur lange genug in der Tasche ließ.

»Das ist alles?« Besorgt nahm Jet das Geld und zählte es.

»Hey, wenigstens habe ich keine Schulden, die ich an diese nutzlosen Dreckskerle abbezahlen muss, die meine Mutter umgebracht haben«, konterte sie und gab sich unbeschwert.

Als er sie verdutzt ansah, zuckte sie mit den Schultern und fügte verbittert hinzu: »Es war weniger der Krebs, der sie getötet hat, sondern in erster Linie diese unverschämt teure Chemo. Bei jeder Behandlung sammelte sich im Rippenfell rund um ihre Lungen Wasser an, das die Lungen zusammengepresst hat. Genau genommen ist sie nach der letzten Chemo erstickt.«

»Oh, Schätzchen.« Jet zog sie an sich, um einen Arm um sie zu legen. Dabei wäre sie fast von ihrem Hocker gerutscht und auf seinem Schoß gelandet. »Das tut mir so leid.«

Abigail musste die Tränen zurückhalten, die ihr in die Augen steigen wollten. Erst als sie sich sicher war, ihre Gefühlsregungen unter Kontrolle zu haben, lehnte sie sich zurück und lächelte ihn schief an. »Aber wie gesagt: wenigstens bin ich schuldenfrei.«

»Ja, wenigstens das bist du.« Er hörte sich kein bisschen beruhigter an. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und widmeten sich ihren Getränken. Dann stellte Jet sein Bier zurück auf die Theke und fragte: »Wie willst du das Studium abschließen? Verkaufst du die Wohnung deiner Mutter und …«

»Mom hat das Apartment nicht gekauft, sondern nur gemietet, nachdem sie das Haus verkauft hatte«, fiel Abigail ihm ins Wort. »Das Geld vom Hausverkauf hat sie genommen, um damit alle Ausgaben zu begleichen. Nur deshalb bin ich schuldenfrei.«

Jet kam ein Fluch über die Lippen, den er sich in der Navy angeeignet hatte. So übel hatte er früher nie geflucht, denn daran hätte sie sich erinnert. Seine Mutter hätte ihm sofort den Mund mit Seife ausgewaschen, und ihre Mutter hätte es nicht anders gemacht. Marge Forsythe hatte Jet immer als den Sohn angesehen, den sie nie hatte.

Abigail beobachtete, wie er das Glas ansetzte und einen großen Schluck trank. Nachdem er sein Bier wieder auf die Theke gestellt hatte, fragte er: »Okay, und was passiert jetzt mit dem Apartment und all ihren Sachen?«

»Alles schon erledigt«, versicherte sie ihm. »Ich habe all ihre Sachen in Kartons verpackt und eingelagert. Die Miete für den Lagerraum habe ich für ein halbes Jahr im Voraus bezahlt.«

»Hältst du das für eine gute Idee? Du hättest auch monatlich zahlen und das Geld erst mal für dich gebrauchen können.«

»So viel war es nicht. Damit hätte ich nicht mal die Miete für einen Monat in irgendeiner Absteige bezahlen können«, beteuerte sie und zuckte beiläufig mit den Schultern. »Außerdem wollte ich nicht das Risiko eingehen, all diese Sachen zu verlieren, wenn ich mit einer Monatsmiete in Rückstand gerate. Ich hoffe, dass ich mir in einem halben Jahr diese zusätzliche Ausgabe leisten kann. Oder dass ich dann weiß, wohin mit den Sachen.«

»Schon klar«, sagte er leise und trank noch einen Schluck. Als er das Glas wieder hinstellte, erklärte er: »Gut, du kannst bei mir bleiben, bis du dein Leben wieder im Griff hast.«

Es war ein so großzügiges und so liebes Angebot, dass sie mitten in der Bewegung erstarrte, aber sie hatte nicht die Absicht, sich bei ihrem Freund einzuquartieren und ihn auszunutzen. Sie konnte das vielleicht für eine Woche machen, aber dann würde sie auch wieder gehen, ob sie nun wusste, was sie als Nächstes tun sollte, oder nicht. Bevor sie ihm das jedoch sagen konnte, redete Jet schon weiter: »Wir müssen uns überlegen, wie wir dich wieder ans Studieren kriegen. Du musst deinen Abschluss machen und die Ärztin werden, die du werden wolltest.«

Abigail setzte eine finstere Miene auf. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch Ärztin werden will.«

»Was?«, rief er ungläubig. »Du wolltest schon Ärztin werden, als wir noch zur Grundschule gingen. Du hast von nichts anderem geredet.«

»Ja, aber da wusste ich auch nicht, wie nutzlos Ärzte eigentlich sind«, gab sie wütend zurück.

Ein betrübtes »Abs« war alles, was er erwiderte.

»Ist doch wahr!«, fuhr sie ihn an. »Die konnten für Mom nichts tun. Sie konnten ja nicht mal verhindern, dass sie leidet. Diese verdammten Medikamente haben vielleicht ein kleines bisschen gewirkt, aber sie hatte ständig Schmerzen.«

»Das heißt doch nicht, dass du als Ärztin nicht trotzdem helfen kannst«, protestierte er. »Entscheide dich nur nicht für Onkologie oder wie das Fach heißt.« Als sie nur weiter mürrisch auf ihren Drink starrte, fügte er hinzu: »Abs, du hast nur noch ein Jahr Studium vor …«

»Zwei«, berichtigte sie ihn. »Ich habe abgebrochen, als das dritte Jahr noch nicht mal halb rum war. Ich muss das Jahr komplett wiederholen … vorausgesetzt, sie lassen mich überhaupt weiterstudieren. Also hätte ich noch zwei Jahre Studium vor mir.«

»Okay, dann sind es eben noch zwei Jahre Studium, und dann wärst du Ärztin.«

»Nicht ganz«, stellte sie klar. »Nach den zwei Jahren muss ich erst noch mindestens drei Jahre lang als Assistenzärztin arbeiten, bevor ich meine Zulassung erhalte und mich als approbierte Ärztin bezeichnen kann.«

»Abs«, sagte er mit ernster Miene. »Du kannst sechs Jahre College nicht einfach über den Haufen werfen. Du musst das zum Abschluss bringen und Ärztin werden. Deine Mom hätte es so gewollt.«

Abigail zuckte zusammen und trank noch einen Schluck. »Du bringst meine Mom ins Spiel? Das ist nicht fair.«

»Das Leben ist nun mal nicht fair, Schätzchen«, gab er zurück. »Wäre es fair, dann würde deine Mom jetzt hier bei uns sitzen und dir gehörig den Kopf waschen, weil du deinen Abschluss nicht machen willst.«

Sie ließ den Kopf hängen und starrte in ihr Glas. Natürlich hatte er recht. Ihre Mutter war immer stolz darauf gewesen, wie entschlossen sie war, Ärztin zu werden. Deshalb hatte sie sich auch furchtbar aufgeregt, dass Abigail unbedingt eine »Auszeit« vom Studium nehmen wollte, um sich um sie zu kümmern. Einzig das Versprechen, später das Studium fortzusetzen, hatte ihre Mom ein wenig beruhigen können.

»Okay«, sagte Jet plötzlich. »Genug davon. Du hast ein paar harte Jahre hinter dir, und ich sollte es dir nicht noch schwerer machen. Ich möchte dir einen Vorschlag machen.«

Abigail sah ihn fragend an.

»Die ganze nächste Woche wirst du einfach nur mit mir abhängen. Danach überlegen wir uns, wie wir dich an dein Medizinstudium zurückkriegen, aber bis dahin gönnst du dir ein bisschen Ruhe und Spaß. Abgemacht?«

»Abgemacht«, stimmte sie ihm erleichtert zu.

»Gut.« Er hob sein Bierglas und stieß mit ihr an.

»Und wie sieht der Plan für diese Woche aus?«, fragte sie, nachdem sie getrunken hatte. »Übrigens, wie hast du deinen neuen Boss dazu überreden können, dir eine Woche freizugeben, wenn du gerade erst angefangen hast?«

»Gar nicht«, sagte er und begann zu lachen, als er ihren erschrockenen Blick bemerkte. »Ich habe mir gedacht, du begleitest mich bei meiner Arbeit.«

»Du bist Frachtpilot«, betonte sie. »Wie soll ich dich da begleiten?«

»Frachtmaschinen haben Sitzplätze im Cockpit. Du kannst mitfliegen, wenn ich von einem fernen Ziel zum nächsten fliege.«

Das klang gar nicht mal so übel, überlegte sie. »Und dein Boss hätte nichts dagegen?«

»Ich habe keine Ahnung, ob er was dagegen hat oder nicht. Er fliegt ja nicht persönlich mit, woher soll er also wissen, ob du mitkommst.«

»Hmm«, machte Abigail. Sie wollte nicht, dass er Ärger bekam. Andererseits hatte sie auch keine Lust, eine ganze Woche lang allein in seiner Wohnung zu hocken und sich Sorgen über ihre Zukunft zu machen.

»Und zu welchen fernen Zielen wirst du fliegen?«, fragte sie interessiert.

»Also, morgen habe ich einen freien Tag, danach muss ich eine Lieferung nach Quebec bringen.«

»Nach Kanada?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Das nennst du fern?«

»Es ist Ausland«, machte er ihr klar.

»Aber nur so gerade eben«, gab sie zurück.

»Die Leute da reden Französisch«, hielt er dagegen.

»Aber nur so gerade eben«, wiederholte sie. »Außerdem haben wir Winter, und da oben wird es saukalt sein.«

»Komm schon, das wird bestimmt Spaß machen«, versicherte er ihr. »Wir waren beide noch nie da, und irgendetwas Interessantes muss es da schließlich auch geben. Außerdem brauchen wir nur einen Tag da zu verbringen, danach muss ich die nächste Fracht nach Chicago bringen.«

»Das wird ja immer besser«, stöhnte sie.

Jet musste über ihre Reaktion lachen und neigte sich zur Seite, um sie mit der Schulter anzustupsen. »Wir werden jede Menge Spaß haben. Wir beide zusammen im Cockpit – wir werden die ganze Zeit nur lachen, so wie früher.«

»Ja«, stimmte sie ihm zu und musste lächeln. Es fehlte ihr, mit Jet zusammen zu lachen. Auf der Highschool und in den ersten vier Jahren auf dem College war er für sie so etwas wie ein männlicher Beste-Freundin-Ersatz oder ein Adoptivbruder gewesen. Was ziemlich schwer zu glauben war, wenn man ihn sich heute so ansah. Niemand würde ihn jetzt noch als Ersatz für eine beste Freundin ansehen. Jet war ein ganzer Mann. Wäre er für sie nicht so sehr wie ein Bruder, hätte sie es vielleicht sogar gewagt, sich in ihn zu verlieben. Der Gedanke allein ließ sie schon lächeln. »Und welche exotischen Ziele erwarten mich nach Chicago?«

»Nach Chicago geht es nach …« Er unterbrach sich, da auf einmal laute Gitarrenklänge ertönten, und holte sein Handy aus der Tasche. Nach einem Blick auf das Display zog er die Augenbrauen hoch. »Mein Boss. Da muss ich rangehen.«

Abigail nickte verständnisvoll; er nahm das Gespräch an und hielt das Handy ans Ohr. Dann stand er auf und entfernte sich ein paar Schritte. »Hey, Bob, was gibt’s?«

»Kann ich Ihnen noch was bringen?«, fragte die blonde Barkeeperin, die wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Abigail entging nicht, dass die Frau den Blick unverwandt auf Jet gerichtet hielt, während sie mit ihr redete. Angesichts dessen verwunderte es sie überhaupt nicht, dass die Frau gar nicht erst ihre Antwort abwartete, sondern sofort die Frage nachlegte, die sie eigentlich hatte stellen wollen. »Und? Ist Ihr Freund schon vergeben?«

Eigentlich war es eine Beleidigung, dass diese Kellnerin gar nicht erst die Möglichkeit in Betracht zog, Abigail könnte Jets Freundin sein. Aber sie ließ es auf sich beruhen und erwiderte nur: »Soweit ich weiß, trifft er sich momentan mit niemandem.«

»Echt?« Die Blondine lächelte sie strahlend an. »Meinen Sie, ich …«

»Abs, wir müssen los.«

Die Barkeeperin und sie drehten sich verwundert zu ihm um, als er mit diesen Worten zurück an die Theke kam.

»Tatsächlich?«, fragte sie, während er sich bückte und ihren Rucksack vom Boden hochnahm.

»Ja.« Er zog sie halb von ihrem Hocker, eilte mit ihr zur Tür und hielt dabei ihren Oberarm fest.

»Warum denn?«, fragte sie verwirrt und musste sich beeilen, um mit seinen ausladenden Schritten mithalten zu können. So war es eigentlich schon immer gewesen. Seine Beine waren schon damals fast doppelt so lang gewesen wie ihre kurzen Stummel, und für jeden seiner Schritte hatte sie zwei machen müssen.

»Ich habe einen Auftrag«, verkündete er grinsend.

»Jetzt sofort? Aber ich bin doch gerade erst angekommen. Ich habe ja noch nicht mal deine Wohnung gesehen.«

»Ich weiß, und deswegen hätte ich auch fast abgelehnt. Aber dann hat Bob mir gesagt, wohin die Lieferung geht, und daraufhin habe ich beschlossen, den Job anzunehmen.«

»Und wohin?«, fragte sie neugierig. So wie er strahlte, wusste sie, dass es etwas Gutes sein musste, zumindest etwas Besseres als das eisige Kanada oder Chicago.

»Was hältst du von ein paar Tagen am Strand von Caracas?«

»In Venezuela?«, rief sie erschrocken.

An der Tür blieb er stehen und sah sie verunsichert an. »Was stimmt denn nicht mit Venezuela?«

»Erst letzte Woche habe ich gelesen, dass Venezuela die Kidnapper-Hochburg der Welt oder so was in der Art sein soll.«

»Pah«, machte er, zog die Tür auf und schob Abigail vor sich her nach draußen. »Ich bin ja bei dir. Ich werde schon gut auf dich aufpassen. Außerdem brauchte Bob so dringend einen Pilot für diesen Flug, dass er mich die Quebec-Tour dafür hat eintauschen lassen. Wir bleiben ein paar Tage da unten, dann können wir am Strand rumhängen und uns die Sehenswürdigkeiten ansehen.« Plötzlich blieb er stehen und drehte sich so, dass er ihr mit dem Rucksack helfen konnte. »Auf jeden Fall ist das ferner als Quebec, nicht wahr?«

»Das schon«, musste sie zugeben. Sehenswürdigkeiten zu besichtigen würde ihr gefallen, aber für die Sache mit dem Strand konnte sie sich nicht begeistern. Jedenfalls nicht, solange sie so aussah wie momentan. Trotzdem konnte das Ganze Spaß machen.

»Du hast einen Reisepass, nicht wahr?«, erkundigte er sich in der nächsten Sekunde. »Sag bitte, dass du einen Reisepass hast.«

»Ja, und ich habe ihn sogar dabei«, versicherte sie ihm. Sie war zwar nicht davon ausgegangen, dass sich irgendeine Situation ergeben würde, in der sie ihn tatsächlich gebrauchen konnte. Auf jeden Fall hatte sie den Pass lieber eingesteckt, anstatt ihn im Lagerraum zurückzulassen.

»Gut, sehr gut. Dann sind wir ja bereit«, sagte er erfreut und zurrte einen der Gurte fest, damit ihr Rucksack richtig saß. »Hier, setz den auf.«

Abigail drehte sich zu ihm um und starrte den Helm an, den er ihr hinhielt. Dann wanderte ihr Blick zu dem Motorrad, vor dem er stand, und riss ungläubig die Augen auf. »Du willst, dass ich auf dem Ding da mitfahre?«

Sie hatte einen Personenwagen erwartet, vielleicht noch einen Pick-up. Aber ein Motorrad? Was war aus dem guten, alten, etwas tollpatschigen Freund Jethro geworden? Offenbar war er erwachsen geworden und hatte sich in Jet den Abenteurer verwandelt.

»Es wird dir gefallen«, versicherte Jet ihr und setzte ihr den Helm auf. Dann griff er nach seinem eigenen Helm und nahm auf der Maschine Platz. Über die Schulter sah er Abigail an. »Komm schon. Das ist ein Notfall. Wir müssen so schnell wie möglich zum Hangar.«

»Was denn für ein Notfall?«, fragte sie, während sie zögerlich hinter ihm auf den Sitz kletterte. Er flog Frachtmaschinen! Was für ein Notfall sollte denn von einer Frachtmaschine erledigt werden?

»Keine Ahnung«, räumte er ein und ließ den Motor an. Um das Geräusch zu übertönen, redete er lauter weiter: »Ich vermute, die Lieferung muss zu einer bestimmten Zeit ankommen. Der Kunde hat eigentlich seine eigene Maschine, aber die hat einen Defekt, und die Fracht muss umgehend nach Caracas. Also haben sie sich an uns gewandt. Den Auftrag habe ich auch nur deshalb bekommen, weil es so eilig ist. Normalerweise dürfen nur Kollegen, die schon länger dabei sind, solche Touren übernehmen. Aber keiner von denen war so kurzfristig verfügbar.«

»Oh«, murmelte Abigail und wiederholte die Bemerkung noch einmal etwas lauter, als ihr klar wurde, dass er sie bei diesem Motorenlärm gar nicht hören konnte.

»Leg die Arme um mich und halt dich gut fest«, forderte er sie auf und sah sie dabei über die Schulter an. »Entspann dich, Abs«, redete er grinsend weiter. »Das wird ein richtiges Abenteuer werden.«

2

»Entspann dich, Abs. Das wird ein richtiges Abenteuer werden«, murmelte Abigail leise vor sich hin, während sie in der Dunkelheit nach dem Notsitz suchte, auf den sie sich setzen sollte. Jet hatte allerdings kein Wort davon gesagt, dass es hier so stockfinster sein würde. Aber vielleicht war ihm das in seiner Panik auch bloß durchgegangen. Sonst hätte er ihr bestimmt eine Taschenlampe mitgegeben. So musste sie sich jetzt am Rand des Frachtraums entlangtasten und versuchen, einen Sitz zu finden, den man offenbar herausklappen konnte. Das sollte sie dann auch machen und den Gurt anlegen, wenn Jet die Maschine startete.

Abigail schüttelte den Kopf. So war dieses Abenteuer nun wirklich nicht geplant gewesen. In San Antonio waren sie auf Jets Motorrad so gut durchgekommen, dass sie noch vor den Kunden am Flughafen angekommen waren. Während Jet sich um Flugpläne und anderen Papierkram kümmerte, ließ Abigail ihn das in Ruhe erledigen und tat ansonsten nichts. Außer dass sie ihren Reisepass dem Typen hinhielt, der offenbar etwas zu sagen hatte und der den Pass hatte sehen wollen. Dann machten sie sich auf den Weg zum Hangar, wo die Frachtmaschine stand. Sie stiegen ein, und Abigail setzte sich zu ihm ins Cockpit, wo er damit befasst war, vor dem Start die Checkliste durchzugehen. Sie saß auf dem bequemen Platz des Co-Piloten und gelangte allmählich zu der Überzeugung, dass das Ganze wohl doch noch gut werden würde. Bis die Kunden eintrafen.

Abigail hatte die beiden Männer nur für einen winzigen Augenblick sehen können, als sie aus dem Van ausstiegen, dann waren sie auch schon wieder aus ihrem Blickfeld verschwunden. Auf sie machten die zwei einen etwas zwielichtigen Eindruck. Sie trugen Jeans und T-Shirt, waren beide tätowiert und schauten mürrisch drein, der eine war kahlköpfig, dem anderen hätte ein Besuch beim Friseur gutgetan. Die Typen kamen ihr eher vor wie Mitglieder einer Motorradgang, weniger wie Geschäftsleute. Zum Glück wurde sie von den beiden nicht bemerkt, als sie ankamen, denn wie sich wenig später herausstellen sollte, war ihre Anwesenheit äußerst unerwünscht.

Nachdem Jet mit ihnen geredet hatte, kam er in fast panischer Verfassung ins Cockpit geeilt, um ihr zu sagen, dass er nicht nur die Fracht transportieren würde, sondern die Kunden gleich mit. Als er ihnen gegenüber erwähnt hatte, dass eventuell noch eine Freundin von ihm mitkommen würde, bekam er von den beiden sofort zu hören, dass er sich das abschminken könne. Außer den zweien und der Fracht würde er auf diesem Flug niemanden befördern.

Abigail war über diese Entwicklung besorgt, bedeutete es doch für sie, dass sie das Flugzeug verlassen und sich allein auf den Weg zu Jets Wohnung würde machen müssen. Aber das entsprach so gar nicht Jets Vorstellung.

Es war seine Maschine, und wenn er sie mitnehmen wollte, dann würde er das auch tun. In dem Punkt war er fest entschlossen. Bis dahin klang das alles noch sehr männlich und kühn, bis er dann mit der Sprache herausrückte, dass sie halt im Frachtraum sitzen würde, damit seine beiden Mitreisenden nichts davon bemerkten, dass sie mit an Bord war.

Während Abigail ihn noch ungläubig anstarrte, erklärte er ihr, dass die Tür im hinteren Teil des Cockpits in den Frachtbereich führte. Er würde zusehen, wie die Männer das Frachtgut einluden, und sobald die Luke geschlossen wurde, würde er zweimal gegen den Rumpf der Maschine schlagen als Zeichen für Abigail, dass sie sich in den Frachtraum begeben, sich auf den Klappsitz dort setzen und den Gurt anlegen solle. Nach der Landung würde er dann warten, bis die Männer aus der Maschine stiegen, um ihre Fracht zu entladen. Dann würde er an die Tür zum Frachtraum klopfen, damit Abigail wieder nach vorn kommen und sich im Cockpit verstecken konnte. Wenn die beiden Kunden sich dann davongemacht hatten, würde er sie abholen, um zur Zollkontrolle zu gehen. Sobald da alle Formalitäten erledigt waren, würde ihrem »Abenteuer« nichts mehr im Wege stehen.

Für den Augenblick bestand ihr persönliches Abenteuer allerdings darin, ihren Platz im stockfinsteren Frachtraum zu finden. Sie machte einen weiteren Schritt und stieß dabei mit dem Knie so heftig gegen ein unnachgiebiges Hindernis, dass ihr ein Fluch über die Lippen kam. Hastig hielt sie sich den Mund zu, blieb wie erstarrt stehen und rechnete fest damit, dass jeden Moment die Tür zum Cockpit aufgerissen wurde und die beiden tätowierten Bikertypen mit vorgehaltenen Waffen hereingestürmt kamen.

Als das nicht geschah, atmete sie erleichtert auf und tastete nach dem Gegenstand, der ihrem Knie im Weg gestanden hatte.

Es musste die Fracht sein, da sie eine Plane ertastete. Sie hatten die Kiste viel weiter vorne und näher an den Rand abgestellt als erwartet. Wenn dieser Sitz, auf dem sie den Flug zubringen sollte, sich neben dieser Kiste befand, dann hatte sie überhaupt keine Chance, den Sitz auszuklappen.

Missmutig legte sie die Hände auf die Plane, um zu versuchen, ob sich die Kiste ein Stück weit zur Seite schieben ließ. Ihre Hände berührten aber nicht etwa eine glatte Fläche, vielmehr blieb sie mit den Fingern der rechten Hand an etwas hängen, was sich wie ein Gitterstab anfühlte, während die linke gar keinen Widerstand fand, sondern die Plane durch einen Leerraum drückte, bis sie etwas leicht Nachgebendes ertastete. Im Augenblick dieser Berührung glaubte sie ein Brummen zu hören. Hastig zog sie die Hände zurück und betrachtete mit nachdenklicher Miene das Hindernis, das von der Schwärze des Frachtraums geschluckt wurde. Das hatte sich nicht angefühlt wie eine Palette voller Kartons oder wie eine große Kiste, sondern wie eine Art Käfig. Wenn es sich um einen Käfig handelte, dann war es ein großes Exemplar, das ihr im Stehen bis auf Brusthöhe reichte.

»Sie brauchen da eine Taschenlampe!«

Abigail sah nach vorn, als sie Jets übermäßig lauten Hinweis hörte, und kniete sich sofort hin, da auch schon im nächsten Moment die Tür zum Cockpit aufging. Sie wusste nicht, ob man sie an der Stelle, an der sie in Deckung gegangen war, wirklich nicht sehen konnte, aber die Zeit hätte nicht ausgereicht, um sich nach einem anderen Versteck umzusehen. Also machte sie sich so klein, wie es nur ging, und hoffte, dass weder ihr Hintern noch ihr Rucksack an irgendeiner Stelle herausschauten.

»Können Sie nicht das verdammte Licht einschalten?«, fragte einer der Männer in einem unangenehm fauchenden Tonfall.

»Das ist ein Frachtraum, da gibt es kein Licht«, antwortete Jet, aber sein Tonfall verriet Abigail, dass das gelogen war. »Ich gebe Ihnen eine Taschenlampe. Warten Sie hier, sonst stoßen Sie noch irgendwo gegen.«

Abigail hörte ihn umhergehen, dann zuckte der Lichtkegel einer Taschenlampe nur ein paar Zentimeter entfernt an ihrem Gesicht vorbei. Das kam so unerwartet, dass sie fast vor Schreck einen leisen Schrei ausgestoßen hätte. Sie konnte sich noch gerade davon abhalten und kniff die Augen zu.

»Hier an der Wand sind noch zwei Taschenlampen, falls Sie welche brauchen.«

Vorsichtig machte sie die Augen wieder einen Spaltbreit auf. Die Lampe war nicht länger auf sie gerichtet. In der Dunkelheit hinter dem Lichtschein konnte sie seine Konturen ausmachen; sie war sich ziemlich sicher, dass er in ihre Richtung schaute. Und genauso ging sie davon aus, dass die Bemerkung über die zusätzlichen Taschenlampen auch ihr gegolten hatte. Natürlich fühlten sich seine Kunden ebenfalls davon angesprochen, da einer von ihnen antwortete: »Eine Lampe reicht uns. Geben Sie das verdammte Ding einfach her und verschwinden Sie, damit ich nach meiner Fracht sehen kann.«

Jet zögerte kurz, dann ging er los und verschwand aus ihrem Blickfeld. Während der Lichtkegel mit ihm mitwanderte, hielt sie sich ihre Situation vor Augen. Sie kauerte zwischen der Wand und dem mit Plane abgedeckten Käfig, den sich der Kunde ansehen wollte. Es gab für sie keine Möglichkeit, diesen Platz zu verlassen, da sie keine Ahnung hatte, wo sie sonst in Deckung hätte gehen können. Jet schien wohl zu hoffen, dass man nicht auf sie aufmerksam wurde, aber sie war sich ziemlich sicher, dass sie jeden Moment entdeckt wurde.

»Gehen Sie in der Zeit Ihre Checkliste durch oder was Sie sonst noch zu tun haben.«

Abigail stockte der Atem, als sie den Befehlston des Mannes vernahm.

»Schon erledigt«, gab Jet lässig zurück. »Damit war ich bereits durch, als Sie hier eintrafen.«

»Na, dann setzen Sie sich halt auf Ihren Platz und beschäftigen Sie sich. Womit, ist mir egal. Ich will auf jeden Fall in Ruhe nach meiner Fracht sehen«, beharrte der Mann.

»Mir wäre es lieber …«

»Ich leiste Ihnen Gesellschaft«, ertönte die Stimme des anderen Mannes.

»Hey, Vorsicht, Kumpel, ich …« Mehr konnte sie von Jets Erwiderung nicht hören, da in diesem Moment die Cockpittür mit einem lauten Klick zufiel. Nach seinen Worten zu urteilen, hatte der andere Mann ihn aus dem Frachtraum gedrängt. Es war kaum vorstellbar, dass Jet so etwas mit sich machen ließ, schließlich war er nicht mehr der Junge, der sich von anderen herumschubsen ließ. Dennoch war sie sich sicher, dass genau das geschehen war. Sie lauschte angestrengt, um etwas von dem mitzubekommen, was im Cockpit geredet wurde, doch im nächsten Augenblick landete etwas auf ihrem Kopf.

Instinktiv fasste sie nach diesem Etwas und stellte mit einer Mischung aus Erstaunen und Erleichterung fest, dass es sich um den Rand der Plane handelte, die der Mann auf der anderen Seite des Käfigs umgeschlagen hatte. Vielleicht würde sie ja doch nicht entdeckt werden. Wenn sie Glück hatte.

Ein Stöhnen aus dem Käfig ließ sie aufhorchen und reflexartig in die Richtung blicken, aus der das Geräusch kam. Aber sie hatte nun mal keinen Röntgenblick und konnte nicht durch die Plane hindurchsehen, um einen Blick auf den Käfig zu erhaschen.

»Ich will nur nach deinem Tropf sehen, Kumpel«, murmelte der Mann. »Wir wollen schließlich nicht, dass du auf dem Flug aufwachst und uns Ärger machst. Oder dass du die Maschine auseinandernimmst, so wie du das mit dem Flugzeug des Docs gemacht hast. Und schon gar nicht, wenn wir bereits in der Luft sind. Wir können ja von Glück sagen, dass wir beim letzten Anlauf nicht schon gestartet waren«, fügte er an.

Die Worte machten Abigail stutzig und ließen sie grübeln, was für eine Fracht das sein mochte. Ein Affe? Sie hatte mal davon gehört, dass die ziemlich heftige Verwüstungen anrichten konnten. Nein, dafür war der Käfig zu groß. Aber vielleicht ein Gorilla.

Sie wurde von einem lauten Geräusch aus ihren Gedanken gerissen, das sie sofort erkannte. Es war das Geräusch, wenn jemand Klebeband von einer Rolle abzog.

»Ich will doch lieber auf Nummer sicher gehen, damit sich der Tropf nicht löst. Nachher wälzt du dich wieder hin und her, und auf einmal ist die Nadel raus. Wir haben heute nicht unseren üblichen Piloten, da können wir uns das nicht leisten, dass du hier anfängst, was von Entführung zu rufen. Sonst müssten wir den armen Kerl nämlich umbringen … oder ihn mit dir zusammen auf die Insel bringen. Der Doc kann ihn doch bestimmt für irgendein Experiment gebrauchen. Armer Mistkerl. Ganz ehrlich, da wäre ich lieber tot«, fügte er mit leiser Stimme an. Dann folgte Stille, die nur von leisem Rascheln unterbrochen wurde. »So, das müsste genügen«, brummte der Mann.

Die nachfolgenden Geräusche mussten damit zu tun haben, dass der Mann den Käfig verließ und sich aufrichtete. Dann war ein Scheppern zu hören, als offenbar die Käfigtür geschlossen wurde. »Genieß den Flug«, meinte der Mann dann spöttisch. »Es wird dein letzter sein. Wenn wir erst mal auf der Insel sind, kommst du da nie wieder weg.«

Abigail spürte, wie die Plane weggezogen wurde, und rührte sich nicht. Angespannt wartete sie darauf, dass der Mann irgendetwas rief, weil er sie entdeckt hatte, aber sie hörte nur das Rascheln der Plane, dann Schritte, die sich schnell entfernten, und schließlich wurde die Cockpittür geöffnet und wieder geschlossen. Dann herrschte die gleiche Finsternis und Stille wie zuvor.

Sie wartete hinter dem Käfig und rührte sich nicht, bis die Motoren auf einmal etwas schneller arbeiteten und die Maschine sich langsam in Bewegung setzte. Erst dann richtete sie sich auf und schaute sich um. Diesmal war sie froh, dass sie in Dunkelheit gehüllt war, hieß das doch, dass der Mann mit der Taschenlampe tatsächlich ins Cockpit zurückgekehrt war. Dessen Worte gingen ihr immer noch durch den Kopf.

Entführung? Alarmglocken schrillten in ihrem Gehirn los, als sie an diese Bemerkung dachte. Und was sollte das heißen, dass er den Piloten würde töten müssen? Oder dass er ihn irgendeinem Arzt für irgendwelche Experimente überlassen würde?

Oh Gott, sie musste Jet warnen. Der hatte ja keine Ahnung, wer da in diesem Moment bei ihm im Cockpit saß. Sie schob die Träger ihres Rucksacks von der Schulter und begann nach dem Handy zu suchen. Sie würde Jet eine Nachricht schicken, damit er unter irgendeinem Vorwand den Start abbrach und dann das Cockpit verließ. Er musste die Polizei rufen, sie befanden sich hier in einer Notlage.

Da sie ihr Handy nicht finden konnte, legte sie den Rucksack leise fluchend wieder hin und richtete sich auf. Die zwei Taschenlampen mussten irgendwo hier dicht vor ihr sein, jedenfalls hatte Jet nicht weit von ihr entfernt gestanden, als er auf diese Taschenlampen zu sprechen gekommen war. Er hatte dem Mann seine Taschenlampe gegeben und zwei weitere erwähnt. Ohne sich von der Stelle zu rühren, streckte sie die Arme aus und ertastete den Abschnitt der Wand, den sie erreichen konnte. Als das zu nichts führte, schob sie mit einem Fuß den Rucksack ein Stück weit nach vorn und machte einen Schritt, dann streckte sie erneut die Hände aus und schien diesmal mehr Glück zu haben. Ihre Finger strichen über ein schmales langes Rohr, das von einer Metallklammer festgehalten wurde. Sie zog daran und atmete erleichtert auf, als der Gegenstand sich mühelos aus der Halterung nehmen ließ. Es dauerte einen Moment, bis sie den Schalter gefunden hatte. Dann schien das Licht in der Dunkelheit förmlich zu explodieren. Nach so langer Zeit in völliger Schwärze tat diese Helligkeit so weh, dass Abigail die Augen zukneifen musste. Sie wartete einen Moment lang, dann öffnete sie die Augen einen winzigen Spaltbreit, bis sie sich schließlich an das Licht gewöhnt hatten.

Froh darüber, nun endlich etwas sehen zu können, richtete sie den Schein der Lampe auf ihren Rucksack, hielt aber inne, als der Lichtstrahl dabei eine Ecke des Käfigs streifte. Die Plane war dunkelbraun, also nichts Besonderes. Aber sie konnte es sich nicht verkneifen, an einer Ecke den schweren Stoff zu fassen und hochzuheben. Was darunter zum Vorschein kam, war eindeutig ein Käfig, doch was ihr den Atem stocken ließ, war der Fuß, den sie genau in dieser Käfigecke entdeckte.

Das war eindeutig nicht der Fuß eines Affen, aber der Mann hatte ja bereits davon geredet, dass jemand was von Entführung rufen könnte, und damit schied ein Affe ohnehin von vornherein aus.

Ihre Neugier wurde jetzt nahezu übermächtig, und sie riss die Plane mit so viel Schwung nach oben, dass die auf dem Käfig landete und die ihr zugewandte Seite ihr freie Sicht darauf bot. Sie ließ den Lichtkegel vom Fuß über ein Bein wandern, weiter über den nackten Hintern und den Rücken sowie den Arm eines vollständig unbekleideten Mannes, der im Käfig auf der Seite lag.

Er war ein auffallend großer Mann, wie ihr Unterbewusstsein registrierte, während sie mit der Taschenlampe alles beleuchtete, was sie von ihrer Position aus erkennen konnte. Er hatte breite Schultern, dazu eine betont schmale Hüfte, und sowohl der Oberarm als auch der Oberschenkel, den sie sah, waren sehr muskulös. Das Gesicht sah sie nicht, da es von ihr abgewandt war, zudem hätten die langen Haare ihr ohnehin die Sicht genommen. Aber sie hatte auch so genug gesehen. Er war ein schlafender Riese, den man unter Medikamente gesetzt hatte und der hilflos wie ein Tier in einen Käfig eingesperrt worden war.

Leise fluchend kniete sie sich hin und zog den Rucksack an sich, um jetzt mithilfe der Taschenlampe weiterzusuchen. Aber auch jetzt konnte sie ihr Telefon nicht finden. Was hatte sie bloß damit angestellt?, überlegte sie fieberhaft. Im nächsten Moment verlor sie das Gleichgewicht und landete auf dem Boden, da das Flugzeug unerwartet stark beschleunigte.

Verdammter Mist! Sie hoben ab! Sie fasste nach den Gitterstäben, um sich festzuhalten, damit sie durch die starke Beschleunigung nicht durch den ganzen Laderaum rutschte. Panik überkam sie, denn wenn das Flugzeug erst einmal in der Luft war, dann waren sie mit den beiden Männern allein, die mit einem in einen Käfig gesperrten Entführungsopfer auf Reisen waren. Und es gab absolut nichts, was sie dagegen unternehmen konnte. Das war gar nicht gut.

Abigail hielt sich weiter an den Gitterstäben fest und wartete ab, bis die Maschine ihren Steigflug beendet und ihre Flughöhe erreicht hatte. Dann erst wagte sie es, sich zu rühren, ließ die Gitterstäbe los und setzte sich auf den Boden. In der Rechten hielt sie nach wie vor die Taschenlampe fest umklammert, die so auf ihren Beinen lag, dass der Lichtkegel immer noch den Mann im Käfig erfasste.

Seine Haut hatte einen olivfarbenen Ton, die feinen Härchen auf dem Rücken waren dunkelbraun oder schwarz, wie ihr beiläufig auffiel. Dann auf einmal wurde ihr bewusst, wie unhöflich es von ihr war, einen wehrlosen Mann so unverhohlen anzustarren.

Sie hielt die Taschenlampe von ihm weg und zog wieder ihren Rucksack zu sich heran, um noch einmal nach dem Handy zu suchen. Wenn sie Jet nur eine SMS schicken konnte, würde der immer noch umkehren und wieder landen können. Und Hilfe holen, bevor es zu spät war. Er konnte doch bestimmt Probleme mit den Turbinen vortäuschen, oder etwas in der Art.

Als auch die dritte Suche kein Handy zutage förderte, musste Abigail sich damit abfinden, dass sie es irgendwo auf dem Weg von der Bar zum Flughafen verloren hatte. Sie saß da und überlegte, was sie tun sollte. Sie hatte keine Ahnung, ob die beiden Männer, die ihre Fracht begleiteten, bewaffnet waren, aber vermutlich war das der Fall. Die Kontrolle beim Betreten des Geländes war ihr nicht sehr gründlich vorgekommen, immerhin war sie von niemandem abgetastet worden, was aber vielleicht auch daran lag, dass sie mit dem Piloten einer der Maschinen angekommen war. Aber da waren auch keine Metalldetektoren gewesen.

Dann fiel ihr ein, was Jet auf dem Weg zum Hangar gesagt hatte, als sich herausstellte, dass sie beide vor den Kunden für diesen Frachtflug eingetroffen waren: Seiner Meinung nach waren sie wohl vom Zoll aufgehalten worden, der sich ihre Fracht genauer ansah. Wie hatten sie einen bewusstlosen Mann in einem Käfig am Zoll vorbeischleusen können? Da konnte nur Bestechung im Spiel gewesen sein. Und wenn jemand gegen Geld wegsah, wie ein Entführungsopfer außer Landes gebracht wurde, dann würde der sich auch nicht um irgendwelche Waffen scheren. Es war also durchaus möglich, dass beide Männer Maschinenpistolen bei sich führten.

Ihr Blick wanderte zum Käfig zurück, und wieder hielt sie die Taschenlampe auf den Bewusstlosen. Der Mann hatte davon geredet, dass sein Opfer zuvor schon einmal aufgewacht war und für Ärger an Bord eines Flugzeugs irgendeines Typen, den er als »Doc« bezeichnete, gesorgt hatte. Und zwar für solchen Ärger, dass er ein Flugzeug zumindest fürs Erste flugunfähig gemacht hatte. Deswegen hatte es wohl diesen Auftrag für einen »Notfall« gegeben. Abgestürzt war die Maschine damals nicht, aber dieser Mann musste aufgewacht sein und Chaos angerichtet haben, bevor es ihnen gelungen war, ihn wieder außer Gefecht zu setzen. Was das bedeutete, konnte sie nicht sagen, da sie nicht wusste, wie schwer ein Flugzeug beschädigt sein musste, um nicht abheben zu können.

Was auch immer das für Schäden gewesen sein mochten, sie wollte nicht, dass er das jetzt hier an Bord wiederholte, solange sie in der Luft waren. Wenn er so stark war, wie er aussah, dann würde er allerdings von großem Nutzen sein, nachdem sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten.

Bevor sie darüber noch viel länger nachdenken konnte, stand sie kurzerhand auf, ging zur Vorderseite des Käfigs und zog die Plane runter. Dann hielt sie die Taschenlampe auf die Tür im Käfig gerichtet und musste zu ihrem großen Erstaunen feststellen, dass es an dieser Tür überhaupt kein Schloss gab. Da war nur ein ganz einfacher Riegel vorgeschoben, den er selbst hätte aufschieben können, wenn er wach gewesen wäre. Aber er war nun mal nicht wach, und daran würde sich auch nichts ändern, solange er an den Tropf angeschlossen war. Wieder richtete sie die Taschenlampe auf ihn, diesmal konnte sie seine Vorderseite sehen, auch wenn es da nicht viel zu sehen gab. Der Infusionsbeutel hing an den Gitterstäben, die das Dach seines Käfigs bildeten. Der Schlauch verschwand irgendwo unter seinem Arm, der so vor seiner Brust lag, dass davon kaum etwas zu erkennen war. Sie fand, dass das geradezu eine Schande war, denn allem Anschein nach musste er eine grandiose Brust haben, auf die sie gern einen Blick geworfen hätte. Sein Gesicht hätte sie auch gern gesehen, aber das wurde ganz und gar von seinen Haaren bedeckt. Auch lag das eine Bein so nach vorn geschoben, dass der Genitalbereich sich ebenfalls komplett ihren Blicken entzog.

»Dem Himmel sei Dank«, murmelte sie, merkte allerdings selbst, dass das alles andere als überzeugend klang. Es war schon verdammt lange her, seit sie das letzte Mal überhaupt nur das Wort Date in den Mund genommen hatte. Wann sie das letzte Mal ein Date gehabt hatte, darüber wollte sie lieber gar nicht erst nachdenken. Offenbar stand es um sie schon so bedenklich, dass es ihr nicht zu peinlich war, das Gehänge eines wehr- und hilflosen Mannes anzustarren.

Vor Abscheu über sich selbst schnalzte sie mit der Zunge. Dann schob sie den Riegel zur Seite, öffnete die Käfigtür und kauerte sich hin, um in den Käfig zu gelangen. Wenn der Mann das letzte Mal für Unruhe gesorgt hatte, als er aufgewacht war, dann konnte er das jetzt noch einmal machen, sobald sie wieder gelandet waren. Sie musste nur die Kanüle herausziehen … und dann darauf hoffen, dass er bis zur Landung wieder bei Bewusstsein war. Bei seinem letzten Versuch war es ihm ja ganz eindeutig nicht gelungen, diesen Leuten zu entkommen, aber da war er auch auf sich allein gestellt gewesen. Diesmal konnten sie und Jet ihm helfen.

Auch wenn Abigail von kleiner Statur war, musste sie trotzdem auf Händen und Knien in den Käfig robben. Da sie auf diese Weise nicht auch noch die Taschenlampe halten konnte, legte sie sie kurzerhand so zur Seite, dass der Lichtschein auf den Mann fiel. Bei ihm angekommen hob sie den Arm hoch, der nicht nur quer über seine Brust lag, sondern auch den anderen Arm verdeckte, an den man ihm den Tropf gelegt hatte. Obwohl gelegt die Sache nicht so ganz traf. Abigail fand ihre Vermutung bestätigt, dass einer der beiden Männer mit Klebeband hantiert hatte. Von kurz über dem Ellbogen bis zum Handgelenk hatte man dickes graues Klebeband um seinen Arm gewickelt.

Das war eindeutig zu viel, fand sie. Und es würde eine verdammt schmerzhafte Aktion werden, wenn man es entfernen wollte. Vermutlich war es am besten, das noch zu machen, solange er nicht bei Bewusstsein war, überlegte sie. Das würde zwar etwas länger dauern, aber es war eindeutig die sanfteste Lösung. Außerdem hatte sie dafür wahrscheinlich noch genügend Zeit. Sie konnten ohnehin gar kein Risiko eingehen, was diese beiden Kunden anging, solange sie noch in der Luft waren. Sie wollten ganz sicher keine Bruchlandung hinlegen, nur weil Jet verletzt oder sogar erschossen werden könnte, wenn er versuchen sollte, die zwei Männer zu überwältigen.

Abigail ließ sich im Schneidersitz neben dem bewusstlosen Mann nieder, zog seinen Arm zu sich heran und machte sich an die Arbeit. Das nahm jedoch viel mehr Zeit in Anspruch als gedacht, da offensichtlich eine ganze Rolle Klebeband um den Arm des Mannes gewickelt worden war. Es dauerte eine Ewigkeit, das Band Stück für Stück zu lösen. Ein Messer wäre jetzt ausgesprochen hilfreich gewesen, sodass Abigail nach einer Weile die Arbeit unterbrach und den Frachtraum auf der Suche danach auf den Kopf stellte. Sie fand jedoch lediglich die dritte Taschenlampe, etwas, das nach einem Fallschirm aussah, und sogar einen Verbandkasten. Von einem Messer war weit und breit nichts zu sehen.

Der Verbandkasten versetzte sie zunächst in Euphorie, da sie davon ausging, dass sich darin auch eine Schere befinden würde. Tatsächlich wurde sie nach dem Öffnen auch fündig, nur war sofort klar, dass ihr dieser Fund nicht weiterhelfen würde. Die Schere war klein und so wirkungslos, dass man mit ihr allenfalls eine Mullbinde oder ein Pflaster durchschneiden konnte. Aber dem stabilen Klebeband war sie auf keinen Fall gewachsen. Abigail stellte den Verbandkasten weg und kehrte in den Käfig zurück, um weiter das Band abzuziehen.

Schließlich hatte sie sich bis zu der letzten, unmittelbar auf der Haut klebenden Lage vorgearbeitet. Das würde mit Schmerzen verbunden sein, da sie ihm unweigerlich sämtliche feinen Härchen auf seinem Arm ausreißen würde.

Vielleicht konnte sie ja ein paar von diesen Härchen retten, wenn sie es langsam anging. Dann fasste sie den Ansatz des Klebebands an seinem Ellbogen und begann zu ziehen. Sie konnte zusehen, wie Haut und Härchen am Band klebten, als sie es hochzog, und wie dann das Band den Halt auf seiner Haut verlor und jedes feine Haar mit sich riss. Sie zuckte leicht zusammen und war froh darüber, dass der Mann noch immer bewusstlos war. Auch der Schlauch seines Tropfs blieb am Band kleben, sodass sie ihn ablösen musste. Abigail hatte nicht vor, die Kanüle zu entfernen, solange sie hier nicht fertig war. Sie ging zwar nicht davon aus, dass der Mann dann sofort aufwachen würde, aber sie wollte auch kein Risiko eingehen.

Auf einmal bemerkte sie aber Flüssigkeit, die unter dem Klebeband austrat. Entweder hatte sich der Schlauch von der Kanüle gelöst, oder die Nadel war aus dem Arm gerutscht. So oder so bekam er nun nicht mehr das Medikament verabreicht, das ihn tief und fest schlafen ließ. Da sie keine Ahnung hatte, wann das Mittel aufhören würde zu wirken, beeilte sie sich, das Klebeband zu entfernen. Nur Augenblicke später schnappte sie erschrocken nach Luft, als der Mann sich in einer zügigen Bewegung streckte und halb aufsetzte. Gleichzeitig bekam er mit der freien Hand ihren Hals zu fassen und drückte zu.

Abigail ließ das Klebeband los und fasste nach seiner Hand, um sie von ihrem Hals zu lösen, damit sie wieder atmen konnte. Aber selbst in seinem noch halb benommenen Zustand war dieser Mann unglaublich stark. Dass er noch unter dem Einfluss des Medikaments stand, war offensichtlich, denn auch wenn sie krampfhaft versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, nahm sie dennoch den benommenen Ausdruck in seinen schönen schwarzen Augen wahr. Augen, die in diesem Moment so auf ihr Gesicht gerichtet waren, als wäre sie die einzige Frau auf der ganzen Welt. Was sie ja in gewisser Weise auch war, überlegte Abigail. Zumindest wenn man den Frachtraum als die ganze Welt betrachtete.

Gerade glaubte sie schon, jeden Moment wegen Sauerstoffmangels ohnmächtig zu werden und gleich darauf aus dem gleichen Grund sterben zu müssen, da lockerte sich plötzlich der Griff um ihren Hals. Gleich darauf ließ der Mann die Hand einfach sinken und sackte gegen die Gitterstäbe gelehnt in sich zusammen. Sein Körper schien sich auszuruhen, aber seine Augen waren hellwach und auf Abigail gerichtet.

Abigail schnappte hastig nach Luft und betrachtete den Mann argwöhnisch, während sie sich in Richtung Käfigtür zurückzog.

»Wer bist du?«

Seine Frage ließ sie innehalten. Seine Stimme war so rau und so tief, dass es ihr vorkam, als würde sie mitanhören, wie sich Erdplatten aneinanderrieben. Ihre Atmung hatte sie wieder unter Kontrolle gebracht, sie schluckte und flüsterte: »Abs.«

Er zog die Augenbrauen zusammen und fragte verständnislos: »Was für Apps?«

»Nein, nein, das ist mein Name«, erklärte sie, als sie das Missverständnis begriff. »Eigentlich heiße ich Abigail, aber meine Freunde sagen Abs zu mir. Oder Abbey. Aber meistens Abs. Jedenfalls nennt Jethro mich so. Von meinen Freunden habe ich in der letzten Zeit nicht mehr viel zu sehen bekommen. Jethro ist der erste, mit dem ich mich seit dem Tod meiner Mom treffe, deshalb …«

»Wer ist dieser Jethro?«

Abigail verzog den Mund, als sie von dem Mann unterbrochen wurde. »Er ist ein Freund von mir«, antwortete sie und sah zur Cockpittür, da sie fürchtete, man könnte sie beide da vorn hören. Andererseits konnte sie auch keine Stimmen aus dem Cockpit vernehmen, von daher war zu hoffen, dass es umgekehrt nicht anders war.

»Bist du mit ihm zusammen?«, fragte er und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich zurück.

»Oh Gott, nein«, sagte sie mit Nachdruck und rümpfte die Nase bei dem bloßen Gedanken daran. »Er ist mein bester Freund seit ich denken kann. Er ist so was wie ein Bruder für mich. Etwas anderes könnte ich mir niemals vorstellen. Das wäre ja …«

»Gehörst du zu den Kidnappern?«

Abigail zog die Augenbrauen hoch, als sie seinen gequälten Tonfall wahrnahm, der sich in seiner Miene widerspiegelte. Er war beunruhigt, dass sie etwas mit den Männern zu tun haben könnte, die ihn in diesen Käfig gesteckt hatten. Er musste außer sich vor Wut sein, dass er in eine solche Situation geraten war. Vermutlich konnte sie von Glück reden, dass er sie nicht erwürgt hatte.

»Nein«, versicherte sie ihm hastig. »Ich will dich vor ihnen retten.«

Als er zweifelnd eine Augenbraue hochzog, bedachte sie ihn mit einem verärgerten Blick. »Was denn? Ich habe die Kanüle rausgezogen, oder etwa nicht? Jedenfalls war ich damit beschäftigt. Ich hatte gehofft, das Klebeband von deinem Arm abmachen zu können, bevor du aufwachst, damit du nicht …«

Weiter kam sie nicht, da er nach dem Klebeband griff und sich sämtliche Reste mit einem Ruck vom Arm riss. Wie befürchtet brachte er sich damit um fast alle Haare auf dem Unterarm. Doch damit nicht genug, sah es so aus, als hätte er sich auf der gesamten Länge seines Arms einen breiten Streifen Haut abgerissen. Abigail verzog den Mund, als sie das rohe Fleisch sah, was dem Mann aber keinerlei Schmerzen zu bereiten schien. Stattdessen warf er ein wenig verärgert das Klebeband weg und setzte sich aufrecht hin.

Was zur Folge hatte, dass er völlig unbedeckt vor ihr saß, und das betraf nicht nur seine beeindruckend breite Brust, sondern auch den gesamten Lendenbereich. Es dauerte einen Moment, ehe Abigail begriff, dass sie seine Kronjuwelen unverhohlen anstarrte, und sie zwang sich, den Blick wieder auf sein Gesicht zu richten.

Er war ein gut aussehender Mann, wie ihr jetzt bewusst wurde. Er hatte eine gerade, scharf konturierte Nase, hohe Wangen und volle Lippen, die für einen Mann fast schon etwas zu sinnlich wirkten. Seine Augen waren von einem perfekten Mitternachtsschwarz mit ein paar silbernen Sprenkeln, die im Schein der Taschenlampe zu glühen schienen. Sogar seine Bartstoppeln verliehen diesem Mann etwas Attraktives, obwohl Gesichtsbehaarung gar nicht so sehr Abigails Sache war. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen so attraktiven Mann gesehen zu haben, weder in einem Film noch in einer Zeitschrift. Die hübsche blonde Barkeeperin in der Countrybar, in der sich Abigail mit Jet getroffen hatte, hätte Jet vermutlich in Grund und Boden gerannt, wenn er zwischen ihr und diesem Mann im Weg gestanden hätte. So sehr war sie davon überzeugt, dass sie heilfroh war, sich nicht mehr in dieser Bar zu befinden.

»Wo sind wir?«

Abigail betrachtete seine Lippen, während er redete, und verspürte den völlig verrückten Drang, mit ihrer Zunge darüberzustreichen. Verdammt, was war dieser Kerl verlockend, dachte sie und seufzte leise. Dass sie diesen Typ allein deshalb schon bespringen wollte, weil er sich in ihrer unmittelbaren Nähe aufhielt, war ein sicheres Zeichen dafür, dass sie durch die Krankheit ihrer Mutter bedingt schon zu lange nicht mehr unter Leute gekommen war.

»Irgendwo über dem Meer, würde ich sagen«, antwortete sie schließlich. »Gestartet sind wir erst vor …« Sie schaute auf ihre Armbanduhr und stellte überrascht fest, wie viel Zeit seit dem Start vergangen war. Sie waren schon seit fast zwei Stunden unterwegs. Hatte sie tatsächlich die ganze Zeit über versucht, ihn vom Klebeband zu befreien? Lieber Himmel, dachte sie. »Zwei Stunden. Wir müssen die USA längst verlassen haben und irgendwo in der Nähe von Havanna oder Cancun sein, je nachdem, welche Route Jet fliegt«, fügte sie noch an.

Er reagierte nicht mit ungläubigem Staunen, und er fragte auch nicht, woher sie das so genau wissen konnte. Trotzdem setzte sie zu einer Erklärung an: »Ein Flug von San Antonio nach Caracas. Die Cayman-Inseln liegen ziemlich genau auf der Mitte der Strecke, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Havanna und Cancun von da ungefähr eine halbe Flugstunde entfernt sind. Ich war schon immer gut in Geografie«,

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