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Frühblüher schneidet man später

Alle Handlungen und Personen, ausgenommen Ereignisse und Personen der Zeitgeschichte, sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

Die Nennung von Markennamen dient lediglich der Beschreibung.

Für JD – Verzeih meine Anmaßung, aber in Deinem Fall führte sie letztendlich zum Erfolg!

KAPITEL 1 – FREITAG, 9. MAI

∞ 01:30 Uhr ∞

Langsam drang dieses Geräusch in sein Bewusstsein, störend, schrill und absolut fehl am Platze. Er wollte es ignorieren, aber das Klingeln war so nervtötend, dass er gezwungenermaßen aus den Tiefen seines kurzen, komatösen Schlafes auftauchte und irgendwann dann auch erkannte, dass es das verdammte Telefon neben seinem Bett war, das ihn um den Verstand zu bringen drohte.

Er drehte sich zur Seite, öffnete mühsam seine Augen, die sich zunächst einmal aus purem Protest gegen weitere Überstunden weigern wollten, überhaupt irgendetwas zu erkennen, geschweige denn die aktuelle Uhrzeit. Letztendlich kamen sie damit bei ihm aber nicht durch und er registrierte auf seinem Wecker, dass es erst halb zwei in der Nacht war. Mehr als eine Stunde hatte er bislang noch nicht geschlafen.

„Scheiße, welcher Idiot ruft denn um diese Zeit an?“

Hierauf gab ihm natürlich niemand eine Antwort. Leider auch nicht die kühle Blonde vom Vorabend in Mikes Kneipe, die unverständlicherweise am Ende dann doch gekniffen und keinen richtigen Drang mehr gehabt hatte, ihn auf sein heimisches Bärenfell zu begleiten. Dabei schien er ihr eigentlich ganz gut gefallen zu haben, denn sie war nach dem ersten Bekanntwerden an der Theke den ganzen Abend nicht mehr von seiner Seite gewichen und hatte förmlich mit den Augen an seinen Lippen geklebt. Da schienen die Hoffnungen gar nicht so unberechtigt, dass es später nicht nur bei den Augen bleiben würde. Vielleicht hatte er aber auch in ihrem Beisein auf die Schnelle zu viel von diesem klaren Zeug runtergekippt und sie damit für den Rest dieser Nacht abgeschreckt. Letztendlich war das für ihn momentan wohl auch ganz gut so, denn vermutlich wollte er in seinem gegenwärtigen Zustand überhaupt nicht mit so einem Häschen ins Bett. Oder doch?

Das Telefon ließ sich durch seine unkoordinierten Gedankengänge nicht irritieren und klingelte aus lauter Bosheit einfach penetrant weiter. Entweder er ging jetzt endlich mal dran oder ihm würde in Kürze der Kopf platzen. Also griff er sich den Hörer, schaute erst gar nicht auf die Nummer im Display, sondern raunzte so bedrohlich wie es ihm in dieser Situation überhaupt nur möglich war: „Wer auch immer du bist, ich hoffe, du hast einen guten Grund!“

„Hallo Stefan“, sagte eine Stimme, die ihm früher sehr vertraut gewesen war und an deren Klang er sich zeitweise nicht hatte satt hören können. Das war jedoch lange her. In letzter Zeit hatte er wenig Kontakt mit Eva gehabt. Und jetzt wartete er darauf, dass sie weitersprach, doch als sie viel zu lange schwieg, fragte er einfach: „Liebling, du kennst doch noch die Uhr, oder?“

„Stefan, es tut mir leid“, sagte sie, plötzlich außer Atem und es hatte eine Zeit gegeben, da hätte er sich noch gerne für einen Moment eingeredet, dass er der Grund für diese Seufzer gewesen wäre. „Wir brauchen deine Hilfe. Ich würde dich nicht um diese Uhrzeit anrufen, wenn es nicht wirklich dringend wäre.“

„Na was denn“, knurrte er jetzt eher bissig ins Telefon, „hat sich dein Adam beim Bleistiftspitzen verletzt und ihr braucht deshalb gerade mal jemanden zum Heben?“ Eigentlich konnte er Evas Mann, der im wirklichen Leben Thomas Steffens hieß, ganz gut leiden, aber nachts um diese Unzeit und unter seinem aktuellen Leidensdruck musste er es mit dem Liebhaben ja nun wirklich nicht übertreiben.

„Mann Stefan, jetzt rede bitte keinen Mist! Wir brauchen wirklich dringend deine Hilfe. Du musst herkommen, sonst dreht uns Maria noch durch.“

‚Wer ist Maria?‘, wollte er im ersten Moment noch fragen, aber ihm war trotz des heftigen Gewitters in seiner vorderen Hirnhälfte schnell klar, dass es ihre Freundin aus dem „Flamingo“ war, diesem billigen Tanzschuppen, in dem sich auch Eva früher einmal zeitweilig ihre Kröten verdient hatte.

„Was ist denn mit Maria?“, fragte er daher schon weniger aggressiv, obwohl er die Antwort eigentlich überhaupt nicht hören wollte. Aber ihm blieb ja ohnehin keine Wahl.

„Du kannst dich doch noch erinnern, dass Maria damals eine dreijährige Tochter hatte, die kleine Steffi. Die ist mittlerweile sechzehn und heute Abend nicht nach Hause gekommen, obwohl sie versprochen hatte, spätestens um elf da zu sein.“

Klar konnte er sich an den Dreikäsehoch erinnern, den seine Mutter häufig in den Laden mitgebracht hatte, weil sie keinen Babysitter auftreiben oder bezahlen konnte. Die Mädels im Club hatten sich alle rührend um die Kleine gekümmert, aber der richtige Aufenthaltsort war das dadurch für das Gör trotzdem nicht geworden.

Weder das dumpfe Dröhnen in seinem Schädel noch der schale Geschmack in seinem Mund konnten sein Gesicht davon abhalten, sich von ganz alleine und ohne sein weiteres Zutun zu einer genervten Grimasse zu verziehen. Nein, darauf hatte er jetzt aber absolut keinen Bock.

„Liebes, da braucht man doch nun wirklich nicht wie du jahrelang mit einem Polizisten zusammen gewesen zu sein, um zu wissen, dass sechzehnjährige Mädchen abends auch mal nach der verabredeten Zeit nach Hause kommen. Und es sind ja auch erst zweieinhalb Stunden drüber. Nun macht mal bitte keine übermäßige Panik!“

„Das weiß ich auch alles, Herr Oberlehrer“, fauchte sie ihn plötzlich ungewohnt scharf an. „Aber Maria hat gegen halb zwölf ’ne SMS von Steffi bekommen, in der es nur hieß: ‚Mama, ich weiß nicht, wie das alles so gekommen ist, aber ich ertrage es nicht mehr und muss irgendwie aus diesem Gefängnis heraus‘. Maria hat natürlich sofort zurückgerufen, aber das Handy ist offensichtlich abgestellt. Sie hat sich dann ins Auto gesetzt und kam auf direktem Wege zu uns. Du kannst dir doch vorstellen, dass Maria verständlicherweise völlig verzweifelt ist. Und deshalb rufe ich dich jetzt an, damit du auch sofort herkommst.“

„Mensch Eva, was erwartest du eigentlich von mir?“, fragte er, mittlerweile schon ziemlich genervt, aber auch schon ziemlich wach. „Soll ich etwa alleine einen Streifzug durch Schwabing und den Englischen Garten machen und nach einer Sechzehnjährigen Ausschau halten, die Probleme mit der Uhrzeit und ihrem Handy-Akku hat? Wenn ihr euch aber wirklich nicht bremsen könnt, dann fahrt doch zur nächsten Dienststelle und gebt eine Vermisstenanzeige auf. Und nehmt das Handy mit der SMS mit. Die Kollegen werden dann schon das Richtige tun!“ Kaum hatte er es gesagt, wusste er bereits, dass es falsch gewesen war.

„Zur nächsten Polizeidienststelle?“ Er konnte ihren ungläubigen Blick und den darin liegenden Vorwurf quasi durch das Telefon hören und wusste schon, was jetzt kommen würde: „Aber DU bist doch die Polizei!!“

Scheiße, eigentlich war ihm von Anfang an klar gewesen, worauf die Sache letztendlich hinauslaufen würde und dass er sich vor ein paar Minuten besser mal die Alternative mit dem Kopfplatzer hätte aussuchen sollen. Aber das half ihm jetzt auch nicht mehr weiter.

∞ 02:30 Uhr ∞

Eva – Stefan war für eine kurze Episode von zwei Jahren mit ihr verheiratet gewesen. Sie hatten sich kennengelernt, als er im Zusammenhang mit einem Ermittlungsverfahren gegen einen Münchner Zuhälter des Öfteren das zweitklassige Lokal aufsuchen musste, in dem sie sich fast allabendlich als Tabledancer an der Stange räkelte. Die hübsche, hoch gewachsene Blonde hatte wirklich alles, was das Männerauge verlangte und war ihm schon beim ersten Mal aufgefallen. Es fiel ihm Zusehens schwerer, sich auf seinen eigentlichen Auftrag zu konzentrieren, wenn sie an der Stange turnte, obwohl er im Grunde überhaupt kein Fan dieser Art von Vergnügen war. Gegen Ende der Ermittlungen, als sie den Luden schon richtig am Sack hatten, richtete er es dann geschickter Weise so ein, dass er ihre Vernehmung durchführen und die Zeugenaussage aufnehmen konnte. Dabei stellte er fest, dass er kein blondes Häschen mit vielen, äußerst ansprechenden Rundungen und wenig Hirn vor sich hatte, sondern eine intelligente junge Frau, die sich neben ihrem Studium der Sozialwissenschaften mit dem Tanzen noch ein paar Mark dazu verdiente.

Gehirn war jetzt nicht der erste Gedanke, der einem Mann kam, wenn er Eva Steffens betrachtete, und auch Stefan hatte das damals nicht unmittelbar als Grundvoraussetzung dafür angesehen, sich ernsthaft weiter um sie zu bemühen. Da standen ganz andere, naturgegebene Attribute im Vordergrund, die sein Interesse an dieser Frau auch nach Abschluss des Falles nicht erlahmen ließen.

Glücklicherweise hatte sie aber wirklich richtig was auf dem Kasten. Erst viel später erfuhr er dann, und das war ein ziemlicher Niederschlag für sein männliches Ego gewesen, dass nicht er sie mit seiner brillanten Anmache rumgekriegt hatte, sondern ihr schon ziemlich früh klar gewesen war, dass sie sich mit diesem recht gut aussehenden, charmanten jungen Polizisten einlassen wollte. Zu diesem Zeitpunkt war ihm noch lange nicht bewusst, dass er am Ende siegreich vom Felde ziehen würde. Sie ließ ihn auch weiterhin zappeln und genoss es offenkundig, wenn er sich für sie zum Affen machte.

Einer heftigen aber nicht allzu langen Flirtphase folgte ziemlich schnell eine noch heißere Bettphase, in der beide im guten sportlichen Sinne alles gaben. Für Stefan war das aus sexueller Sicht ein regelrechter Kulturschock gewesen, denn diese Frau war ein richtiger Knaller im Bett. Dennoch kam es für das gesamte Familien- und Bekanntenumfeld, und letztendlich auch für die beiden Hauptakteure selbst, ziemlich überraschend, dass sie sich im jugendlichen Alter von gerade mal 24 Jahren und sage und schreibe drei Monate nach Beginn ihrer Beziehung eines Dienstag Morgens in Raum 135 des Standesamtes München II unter Ausschluss der Öffentlichkeit und nur mit Mike und Renan als Trauzeugen das Ja-Wort gaben.

Seine Mutter Hedwig, die zum eigenen Bedauern leider nur angeheiratete Frau von Stranz, hatte das am gleichen Abend noch einem schnellen Herztod ziemlich nahe gebracht, wobei gerade sie bis heute auf fünf verflossene Ehemänner zurückschauen konnte, denen vor der Hochzeit auch keine überwältigend lange Überlegenszeit eingeräumt worden war. Einzig Toni, seine um 38 Minuten jüngere Zwillingsschwester, fand diese Aktion damals aber so richtig cool.

Leider stellte sich dann aber viel zu schnell heraus, dass Eva und er im wahren Leben gar nicht so viele Gemeinsamkeiten hatten und der einmalige, supertolle Wahnsinnssex das auf Dauer auch nicht übertünchen konnte. Die Trennung und spätere Scheidung verliefen in beiderseitigem, freundschaftlichem Einvernehmen und hinterließen keinerlei dauerhafte Narben. Heute sahen sie sich weiterhin regelmäßig, aber nicht mehr so oft – doch wenn, dann noch immer mit viel Zuneigung. Für ihn würde sie allzeit zu seiner Familie gehören, auch wenn sie seit einigen Jahren glücklich mit Thomas verheiratet, mittlerweile Mutter einer süßen dreijährigen Tochter war, die ihn Onkel Stefan nannte, und in einem gemütlichen Einfamilienhäuschen in Schwabing West wohnte.

Und genau in dessen Einfahrt hatte er vor wenigen Momenten sein Auto abgestellt. Und das musste als reines Glück bezeichnet werden. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, Saufen und Autofahren hatten auf Dauer echt keine Zukunft. Da hatte ihm doch gerade vor fünf Minuten und nur zwei Straßen weiter ein kleiner bunter Mini ganz brutal die Vorfahrt genommen und war dann viel zu schnell Richtung Innenstadt davon gerauscht. Die Nummer hatte er in der Hektik nicht mehr erkennen können. Es war alles zu schnell gegangen und außerdem war die hintere Kennzeichenbeleuchtung des Wagens ausgefallen. Er wäre ganz zweifellos und einwandfrei nicht an diesem Unfall schuld gewesen, aber mit dem Restalkohol vom Vorabend im Blut hätte er sich trotzdem eine für den Monat Mai völlig unpassende Bescherung eingehandelt.

Innerlich noch wie unter Starkstrom stehend, hastete er über den kleinen Verbindungsweg Richtung Haustür. Zwei durch Bewegungsmelder aktivierte Leuchten gingen an und er sah rechts und links das Glänzen des nächtlichen Taus auf den dunkelgrünen Blättern der sorgfältig gestutzten Allerweltskirschlorbeerhecke, die den Weg mannshoch säumte. In diesem Jahr hatte der Winter einen langen Atem gehabt und selbst Anfang Mai waren die Nächte noch immer ziemlich kühl. Vielleicht lag es aber auch nur an den heftigen Nachbeben seiner ersten Nachthälfte, die ihn frieren ließen. Oh wie sehr freute er sich doch auf sommerliche Wärme.

An der Haustür erwartete ihn bereits Thomas, der seinen Wagen gehört haben musste. „Grüß dich Alter, komm rein“, sagte er nur, für diese Uhrzeit noch recht frisch wirkend, drehte sich elegant auf dem Absatz seiner mit viel Liebe von Schwiegermutter fürs letzte Weihnachtsfest gestrickten Laufsocken um und ging ansonsten wortlos voran. Auf halbem Weg kam Stefan dann auch schon seine Verflossene entgegen und umarmte und küsste ihn wie immer auf die Wangen. Sie sagte nichts zu seinem offensichtlichen Zustand, sondern wies lediglich über ihre Schulter auf die hinter ihr liegende Tür zum Wohnzimmer.

Und dort auf der Couch saß Maria, bleich, mit großen rot verweinten, aber dennoch hoffnungsvollen Augen – wahrlich kein schöner Anblick.

∞ 02:25 Uhr ∞

„Wo kam der denn gerade her?“ Entsetzt schaute er durch das Rückfenster, in dem das Auto immer kleiner wurde, mit dem sie vor Sekunden fast volle Kanne zusammengestoßen wären. Noch immer schlug ihm das Herz fast bis zum Hals. „Mensch war das knapp. Kannst du nicht ein bisschen langsamer fahren, Paul? Um diese Uhrzeit schläft die ganze Stadt und du knallst hier draußen beinahe mit dem einzigen Auto zusammen, das außer uns in München noch unterwegs ist.“

Der Mann auf dem Beifahrersitz schaute zum Fahrer des Wagens hinüber und merkte, dass dieser bis zur Grenze des Erträglichen angespannt war und seine Bemerkungen überhaupt nicht wahrnahm. Die Augen zu kleinen Schlitzen zusammengekniffen, mit einem im ständigen Rhythmus mahlenden Kiefer und einer dick auf der Schläfe pulsierenden Hauptschlagader. Kein Wunder, nach dem, was sich noch vor zehn Minuten unweit von hier ereignet hatte. Er musste jetzt in erster Linie dafür sorgen, dass sie sich schnellstens aus dieser Gegend entfernten und dabei keinen Unfall bauten. Und dann musste er irgendwie sicherstellen, dass sein Kumpel nicht die Nerven verlor und überschnappte.

Dem kleinen Flittchen hatten sie es beide aber ordentlich gegeben. Gut, anfangs war es natürlich nicht vorgesehen gewesen, dass die Kleine das Zeitliche segnete. Aber musste sie denn irgendwann anfangen, auf unschuldig zu machen, sich wehren und rumschreien? Und das, nachdem sie vorher regelrecht darum gebettelt hatte, von beiden Männern richtig bedient zu werden. Letztendlich war es wohl so am allerbesten, denn dann konnte sie auch nichts mehr ausplaudern. Da ansonsten niemand von ihrem zufälligen nächtlichen Zusammentreffen wusste, waren sie absolut in Sicherheit. Aber natürlich nur, wenn sie jetzt auf dem Rückweg nicht noch auffielen und von der Polizei angehalten wurden. Dann würde Paul sicherlich durchdrehen.

Sei’s drum, die Sache hatte er jedenfalls ganz effektiv erledigt. Seine Erregung ließ langsam nach, aber das wilde Pochen in seinen Adern war noch immer vorhanden. Zurück blieb eine wohlige Erinnerung. Und jetzt war er einfach müde und freute sich eigentlich nur noch auf sein Bett. Kein einziger Gedanke des Bedauerns über das, was gerade eben passiert war. Warum auch?

∞ 04:00 Uhr ∞

Irgendwie hatten sie es letztendlich dann doch noch geschafft, unfallfrei und ohne auffällig zu werden in der um diese Uhrzeit fast ausgestorbenen Innenstadt anzukommen. Paul war total mit den Nerven am Ende gewesen und er hatte ihn zuerst einmal mit zu sich nach Hause genommen. Nach drei Bier und ein paar Klaren löste sich jedoch so langsam die Anspannung und sie konnten einigermaßen ruhig über das Geschehene reden.

Es gab keinen Grund, beunruhigt zu sein, denn es bestand nicht eine einzige nachvollziehbare Verbindung zwischen ihnen und dem Mädchen, das sie erst eine viertel Stunde vorher auf der Straße aufgelesen hatten.

Sie mussten jetzt nur die Ruhe bewahren, dann konnte ihnen überhaupt nichts passieren! Sicher, es war nicht möglich gewesen, keinerlei Spuren zu hinterlassen, aber andererseits waren sie bislang noch niemals polizeilich aufgefallen und brauchten sich daher keine Gedanken zu machen. Auch wenn sich Paul momentan im Griff zu haben schien, stellte das Sensibelchen jedoch einen ziemlichen Unsicherheitsfaktor dar. Es hatte ihn sehr mitgenommen, das Mädchen tot im Gebüsch liegen zu sehen, obwohl er noch fünf Minuten vorher keine Probleme damit zu haben schien, als er sie gegen ihren Willen genommen und dann auf sie abgespritzt hatte. Natürlich musste auch er zugeben, dass es ihm im ersten Moment nicht leicht gefallen war, der Kleinen den Hahn abzudrehen, aber warum musste sie auch plötzlich einfach laut losschreien?

Niemals hätte er sich aber in seinen kühnsten Träumen vorstellen können, dass ihn eine Frau mal so hätte anmachen können – und wenn es auch erst im Moment ihres gewaltsamen Todes gewesen war. Das war ja tausendmal besser gewesen als der mit der Zeit doch ziemlich einseitige Sex mit Paul oder auch sonst einem Lover. Je nachdem, wie der sich jetzt künftig benahm, würde er sich vielleicht viel öfter mal ’ne Frau gönnen. Nachdem Paul zwischenzeitlich einigermaßen gefasst gegangen war, musste er sich nur noch an seiner rechten Hand und dem Unterarm verarzten. Da hatte ihn die Kleine in ihrer Panik gekratzt, als sie merkte, dass es dem Ende zuging. Er musste höllisch aufpassen, dass er sich da morgen keine Entzündung holte, wenn sie an der Gartenanlage am Olympia-Park weiterarbeiteten.

Nein, nein, er machte sich keine Gedanken. Sie waren sicher, nichts konnte ihnen geschehen – solange Paul nur durchhielt und kein übermäßiges Problem mit seinem Gewissen bekam.

∞ Vergangenheit ∞

Sein Name war BOND – Stefan Bond!

Und damit hatte er sich nach nunmehr einundvierzig Jahren auch durchaus arrangiert. Früher hatte er diesen Namen gehasst, doch schließlich hätte es aus heutiger Sicht auch noch entschieden schlimmer kommen können, denn zur Überraschung ihres Umfeldes hatte sich seine Mutter erst ziemlich spät gegen „James“ entschieden.

Manchmal rief sie ihn so, einfach nur um ihn zu ärgern, denn bei aller nach außen so gerne praktizierten Vornehmheit war Hedwig in ihrem Innersten eine der glühendsten Verehrerinnen des englischen Geheimagenten mit der berühmten Nummer 007. Sie kannte alle Filme und konnte die Dialoge fast auswendig aufsagen. Nur mit diesem neuen Darsteller konnte sie sich nicht so richtig anfreunden. Natürlich war es ihm nicht erspart geblieben, alle James Bond-Filme mehrfach sehen zu müssen, und es hatte eine, wenn auch nur kurze Zeitspanne in seinem Leben gegeben, da wäre er auch gerne so ein Actionheld geworden – nur nicht in dieser Reinkultur und nur nicht wie Roger Moore, denn der war nie sein Fall gewesen.

Viel lieber wäre er natürlich eine ziemlich bizarre Mischung aus Hellboy und Indianer Jones mit einer detektivischen Spur von Philip Marlowe und dem galaktischen Weitblick von Perry Rhodan geworden, also ein unkaputtbarer Abenteurer mit coolen Sprüchen und der Aura eines Superhelden, dem natürlich alle Frauen nachgelaufen wären. Leider hatte die Umsetzung dieser Fantasie in der Wirklichkeit dann aber irgendwie nicht so geklappt. Letztendlich war aus dieser Zeit nur das Kürzel „008“ übrig geblieben, das ihm sein bester Freund Mike schon in der Penne verpasst und das es sogar heute noch bis auf seinen persönlichen Spind in der Dienststelle geschafft hatte.

Aber besser „008“ als „Steffi“, wie er auch für eine kurze Zeit in der Schule gerufen worden war, als er Ende der siebziger Jahre wie viele andere seiner Kumpels die Haare mal schulterlang getragen hatte. Ein paar gut gesetzte Fausttreffer hatten bei dem Verursacher aber zu einem baldigen Meinungsumschwung geführt – und danach hieß er überall nur noch „008“.

Stefan war mittlerweile 41 Jahre alt und 1,85 m groß, hatte eine sportliche Figur ohne jegliche Fettansätze und wirkte noch immer ziemlich durchtrainiert. Hierfür quälte er sich auch mindestens dreimal wöchentlich auf der Bahn, im Schwimmbecken oder im Fitnessraum des Präsidiums. Sein mittelblondes Haar trug er inzwischen kurz. Mittlerweile war es leicht mit ersten grauen Härchen durchsetzt, was ihn aber nicht wirklich störte und eigentlich bei der Damenwelt auch eher gut ankam.

Wer ihm in sein markantes Gesicht schaute, wurde sofort durch ein Paar dunkelblauer Augen gefangen genommen. Je nach Stimmung blitzen sie wie zwei Sterne in der ewigen Nacht des unendlichen Universums, kalt, unnahbar und abweisend. Wenn er aber unter Freunden war, wirkten sie oft hell und leuchtend und konnten jeden erwärmen, den sein Blick traf.

Und wenn er dann noch aus vollem Herzen lachte oder auch nur zurückhaltend jungenhaft lächelte, verfielen weibliche Wesen jeden Alters seinem Charme innerhalb von Sekunden; und nur zu gerne flüchteten sie sich dann für eine kurze Zeit in seine kräftigen Arme – und nur zu gerne hielt er sie darin auch fest!

Nach seiner Scheidung hatte es immer nur oberflächliche Beziehungen gegeben, die nie länger als ein paar Monate hielten. Zumeist scheiterten sie regelmäßig daran, dass die aktuelle Frau seines Herzens über kurz oder lang nur ein eingeschränktes Verständnis dafür aufbrachte, hinter seinem Beruf zurückstehen zu müssen. Das war letztendlich auch mit einer der Gründe gewesen, weshalb es mit Eva nicht länger funktioniert hatte. Das konnte er natürlich nachvollziehen, hatte bislang für sich aber noch kein Rezept gefunden, diesen Konflikt zu lösen. Vielleicht strebte er in seinem Unterbewusstsein derzeit aber auch überhaupt keine endgültige Klärung dieser Prioritätenfrage an, da ihm bisher noch keine Frau über die Füße gestolpert war, für die sich ein ernsthaftes Nachdenken wirklich gelohnt hätte.

Aber „bisher“ galt überraschenderweise auf einmal nicht mehr, denn seit wenigen Wochen gab es da wieder jemanden, für den er sogar freiwillig sein Leben auch vollständig auf den Kopf gestellt hätte. Niemand aus seinem Umfeld wusste davon, nicht einmal Renan und Mike oder gar seine Mutter – nur seine Schwester Toni war eingeweiht und sie fand es riesig.

∞ Rückblick ∞

Freitag, 31.03.1967

Es ist ein Tag mit denkwürdigen Ereignissen.

In Nürnberg gibt die Bundesanstalt für Arbeit einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen auf 623.000 an, was nahezu Vollbeschäftigung bedeutet, bei der WM in Wien schlägt die Ostzonenmannschaft das westdeutsche Eishockeynationalteam mit 8:1 Toren, die ZEIT berichtet über die Erfolgsgeschichte der Anti-Baby-Pille, zu der Abend für Abend nahezu 10 Millionen Frauen weltweit greifen und Menschen wie Al Gore, Christopher Walken und Volker Schlöndorff feiern Geburtstag – und in München wird Stefan Bond geboren.

Seine Mutter liebte es, in ihrem Frauenkränzchen, aber auch bei sonstigen Gelegenheiten fortgesetzt zu erzählen, und die Geschichte wurde tatsächlich mit jedem Mal spannender, dass sie an jenem Abend gerade noch die Nachrichten im Fernsehen gesehen hatte. Wie alle Welt war auch Sie entsetzt über die erste große Ölkatastrophe vor einer europäischen Küste. Sie sah gerade die Bilder des in der Nähe von Cornwall auf ein Riff aufgelaufenen Supertankers „Torrey Canyon“, als die ersten heftigen Wehen einsetzten. In Begleitung ihrer Cousine und besten Freundin Anita, einen Mann gab es zu diesem Zeitpunkt Gott sei Dank gerade mal nicht in Hedwigs Leben, fuhr sie noch im Taxi in die Kinderklinik Schwabing, wo Stefan relativ schnell und ohne weitere Komplikationen exakt um 23:15 Uhr das Licht der Welt erblickte.

Soweit so gut – und damit hätte es für sie dann auch ohne Weiteres sein Bewenden haben können. Aber nachdem sie nun sowohl die abendlichen Nachrichten mit den unschönen Bildern als auch seine Geburt relativ schadlos überstanden hatte, kündigten einige Minuten danach erneute Wehen an, dass sie tatsächlich auch noch ein weiteres, bislang nicht erwartetes und erst recht nicht geplantes Baby zur Welt bringen sollte.

Wer seine Mutter kannte, wusste, dass sie bei Bedarf kalt wie ein Eiszapfen und herrisch bis zum Erbrechen sein konnte, und sowohl die anwesende Hebamme als auch der junge Assistenzarzt sollten Hedwig nun genau von dieser Seite kennen und lieben lernen. Sie hatte nämlich mit einem Blick auf die runde Uhr des Kreißsaales erkannt, dass es kurz vor Datumswechsel war und für sie stand völlig außer Frage, dass sie keine Zwillinge mit unterschiedlichen Geburtsdaten bekam, einen davon auch noch am 1. April. So etwas stand ja überhaupt nicht zur Debatte! Sie machte den beiden medizinischen Fachkräften Stress hoch zehn, so dass diese Alles gaben, um die Geburt des kleinen Mädchens noch vor Mitternacht über die Bühne zu bringen, was ihnen wie bei einer Punktlandung im Fallschirmspringen um 23:53 Uhr auch vorzüglich gelang.

Und erst danach hatte Hedwig endlich Ruhe gegeben.

Toni und er hatten in ihrer Kindheit die gleichen Probleme, die auch andere Geschwister üblicherweise miteinander austrugen – sie fanden sich regelmäßig zum Kotzen und gingen dem anderen grundsätzlich und mit viel Freude auf den Keks. Dies änderte sich allerdings unverhofft und völlig, als beide ihre Pubertät hinter sich gelassen hatten. Als hätten sich die Synapsen in ihren Köpfen vollkommen neu geschaltet, verband beide seitdem ein starkes Gefühl innerer Zusammengehörigkeit und Zuneigung. Wann immer der eine bisher ein wirkliches Problem zu lösen hatte, erfolgte dies niemals ohne die maßgebliche Mitwirkung des anderen. Das schloss auch regelmäßig Gesundheits-, Partnerschafts- und Sexualprobleme ein und Stefan hatte seiner „kleinen“ Schwester früher nicht nur einmal auf die Schnelle mit ein paar Kondomen aushelfen müssen, damit das für den Abend geplante Date auch einen zufriedenstellenden Ausgang nehmen konnte.

Nach einem Super-Abi gab es für Toni überhaupt keine Probleme mit dem Numerus clausus. Sie fand unmittelbar an der Ludwig-Maximilians-Universität in München einen Studienplatz für Medizin und absolvierte alle Studiengänge, Prüfungen und Staatsexamen in kürzester Zeit und mit Bravour. Heute war sie als Frau Doktor med. Antonia Bond anerkannte Chirurgin in genau der Uniklinik, in der sie auch studiert hatte.

Männer waren für sie nur ein durchlaufender Posten, so eine Art Entspannungsübung – und wie im Sport vertrat sie auch hierbei die Ansicht, dass man zum Schutze vor einseitiger Belastung und zur Vermeidung von Langeweile jegliche Betätigung öfter mal wechseln sollte. Außerdem war ihre Zeit viel zu kostbar, um sie über einen angemessenen Rahmen hinaus an Männer zu verschwenden.

Zum Missfallen ihrer Mutter, die ähnliche Hoffnungen bei Stefan längst aufgegeben hatte, hatte Toni mit ihren 41 Jahren konkrete Pläne für ein eigenes Kind längst begraben. Sie hätte sich zu früheren Zeiten schon vorstellen können, Mutter zu werden, hatte hierfür aber nicht den richtigen Kerl gefunden, den sie in jedem Falle mit dem erfolgreichen Eintritt der Schwangerschaft in die Wüste geschickt hätte. Was hätte der denn auch mit ihrem Kind zu tun gehabt? Dieser klare, analytische Gedankengang war selbst ihrer Mutter zu viel, die in ihrem Leben immerhin fünf gestandene Männer verschlissen hatte. Stefan dagegen fand dieses Denken seiner Schwester einfach nur konsequent und logisch.

Diese Toni allein war sein Anker und der einzige Mensch, von dem sich Stefan in seiner derzeitigen Situation Halt und Unterstützung erhoffte.

∞ 09:00 Uhr ∞

‚Oh Mann, was für eine Nacht!‘

Nicht nur, dass er sich gestern Abend bei Mike viel zu viel zugemutet hatte, was sich jetzt mit heftigen Nachwehen an ihm rächte, er hatte insgesamt auch sage und schreibe eine ganze Stunde Schlaf gehabt und saß jetzt gegen neun Uhr schon wieder an seinem Schreibtisch im Präsidium. Er fühlte sich älter denn je und war es wahrscheinlich heute Nacht auch geworden.

Maria hatte nicht nur scheiße ausgesehen, sondern war natürlich auch genauso drauf gewesen. Sie hatte ihm verklickert, dass ihre Tochter immer ein folgsames Mädchen gewesen sei – als würden Mütter das nicht ohnehin immer denken und ziemlich oft damit falsch liegen – und ihr nie Sorgen gemacht habe. Selbst die Pubertät hätten Mutter und Tochter ziemlich gut überstanden. Nur in den letzten Monaten seien sie immer öfter aneinander geraten. Natürlich sei ihr klar, dass Sechzehnjährige raus und das Leben erkunden wollten, sie war schließlich auch mal so alt gewesen und hatte damals schon weit mehr erlebt als Steffi heute. Aber genau deshalb wollte sie ja besser auf ihre Tochter aufpassen und ließ ihr bewusst nicht all die vielen Freiheiten, die andere bekamen. Das brachte natürlich neuerdings auch Spannungen und häufig Ärger. Erstaunlicherweise konnte Maria aber kaum Angaben darüber machen, mit wem sich ihre so beschützte Tochter in den letzten Monaten so traf, mit wem sie wegging, wer ihre Freundinnen waren oder ob sie gar einen Freund hatte. Woran lag das wohl? Irgendetwas war mit Steffi passiert, an dem sie ihre Mutter nicht mehr hatte teilnehmen lassen. Und jetzt kam sie nicht pünktlich nach Hause und verschickte nur komische Nachrichten, was Maria natürlich in Panik versetzte. Das lag doch klar auf der Hand, dass dem Kind etwas zugestoßen sein musste.

Sicher, irgendetwas war passiert, aber möglicherweise völlig anders, als es sich die besorgte Mutter auf den ersten Blick vorstellen wollte. Stefan schloss für sich nicht aus, dass die Kleine tatsächlich ein aktuelles psychisches Problem hatte, das ihr innere Qualen verursachte. Vielleicht war mit dem Begriff Gefängnis aber auch nur die Beziehung zu ihrer reichlich zur Hysterie neigenden Mutter und ihrem freiheitsentziehenden Zuhause gemeint? Oder vielleicht steckte einfach nur ein Junge dahinter? Alt genug wäre sie ja dafür. Er war natürlich kein Psychologe, aber so ganz abwegig schien diese Sicht der Dinge beim Wortlaut der SMS nicht, erst recht wenn man Maria in ihrer aktuellen Verfassung kennengelernt hatte. Ein mögliches Verbrechen sah er jedenfalls auf den ersten Blick eher nicht.

Natürlich konnte er sich mit diesem Gedanken weder bei der einem Nervenzusammenbruch nahen Mutter noch bei Eva durchsetzen. Sie beharrten beide vielmehr darauf, dass er jetzt sofort was unternehmen müsse. Auf seine genervte Frage, was sich Madame Neunmalklug denn da so vorstellen würde, fauchte Eva einfach nur schnippisch zurück: „Das weiß ich doch nicht, du bist doch schließlich der Polizist!“ Sie sah zum Anbeißen aus, wenn sie sich so aufregte, hatte sie immer schon getan, aber das war jetzt der absolut falsche Moment, um darüber nachzudenken. Und außerdem hatte er das Anbeißen bei ihr unwiederbringlich hinter sich.

Und natürlich hatte sie Recht, er war der Polizist; und nach seiner bescheidenen Selbsteinschätzung sogar ein ziemlich guter, der nur momentan unter dem Problem litt, dass seine Antriebsaggregate durch den falschen Sprit ziemlich verstopft waren und nur auf drei Töpfen liefen.

Stefan hatte schon früh gewusst, dass er irgendwann einmal einen „ermittelnden Beruf“ ausüben wollte. Bereits im Alter von acht Jahren fühlte er sich dazu berufen, herauszufinden, mit wem seine damals alleinerziehende Mutter denn jeden Sonntagvormittag hinter verschlossener Schlafzimmertür so heftig telefonierte. Irgendwann stellte er dann endlich alle Sicherheitsgedanken hinten an und legte den Kippschalter am Telefon im Wohnzimmer um, wodurch das aktuelle Telefongespräch unmittelbar auf diesen Apparat umgeleitet wurde. Sofort hatte ihm eine sonore Männerstimme Dinge ins Ohr gesäuselt, die ein Achtjähriger aus gutem Hause glücklicherweise noch nicht verstehen konnte. Relativ schnell war ihm das Zuhören daher langweilig geworden, so dass er den Hörer auflegte, nicht ohne sich jedoch vorher noch von seinem verdutzten Gesprächspartner mit einem freundlichen „Arschloch“ verabschiedet zu haben. Keine Sekunde zu früh, wie sich im nächsten Moment herausstellen sollte, denn schon rauschte seine Mutter nur mit einem hochroten Kopf und einem lächerlich kurzen Hängerchen bekleidet ins Zimmer und wollte die Rolle eines Racheengels spielen, was ihr dann letztendlich auch sehr erfolgreich gelang. Voller Genugtuung hatte er aber feststellen können, dass seine detektivische Arbeit erfolgreich gewesen war, denn die Stimme des Unbekannten am Telefon hatte er sofort erkannt.

Aus dem eher schmerzlichen Ausgang dieses Abenteuers lernte er, dass bei künftigen Unternehmungen – und es schlossen sich in den kommenden Jahren noch viele an – der Sicherheitsaspekt und die eigene Rückendeckung immer eine übergeordnete Stellung einzunehmen hatten, was auch heute noch für seine tägliche Arbeit galt. Denn er hatte aus dem vermeintlichen Hobby seinen Beruf gemacht und war heute Kriminalhauptkommissar beim Polizeipräsidium München – K11 – Tötungsdelikte!

Allerdings waren zwischenzeitlich sein jugendlicher Elan und die Euphorie des Detektivspielens durch die krasse Realität des Lebens längst überholt worden. Er hatte in seinem Job schon mehr Scheiße sehen müssen, als die vier Superhelden seiner Fantasie jemals gemeinsam hätten wegräumen können.

Letztendlich war ihm letzte Nacht, man hätte auch sagen können eben, nichts anderes übrig geblieben, als die beiden nervenden Damen und Thomas mit den heißen Laufsocken zur nächsten Polizeiinspektion zu begleiten, wo sie eine Vermisstenanzeige aufgaben. Zweifellos erhielt diese durch seine Anwesenheit vor Ort ein höheres Gewicht, wobei die Miene des aufnehmenden Kollegen aber ziemlich deutlich aussagte, was er gerade von ihm in diesem Zustand hielt. Das war so gegen fünf Uhr gewesen. Eva hatte sich dann mit einem tiefen Blick ihrer stahlblauen Augen verabschiedet, nicht ohne ihm jedoch das Versprechen abzunehmen, dass er sich weiter um die Sache kümmern würde. Na klar! Sonst noch was? Danach war er in seine Wohnung zurückgefahren und hatte krampfhaft mit Zähneputzen, Duschen, Rasieren und einem leichten Katerfrühstück versucht, irgendetwas Menschliches aus sich zu machen – und auch hierbei war er gnadenlos gescheitert.

In der Dienststelle ging es zu wie in einem Bienenstock, überall summte und brummte es – genauso wie noch bis vor einer Stunde in seinem Schädel. Er musste dringend mal mit Mike reden. Das mit diesen Experimenten, für die er sich immer wieder als Versuchsperson zur Verfügung stellte, musste aufhören. Mike, der Besitzer des legendären „MIKES“, war seit Menschen Gedenken sein Freund. Schon in der Schule hatte ihn Chemie am allermeisten fasziniert. Verschiedene Stoffe zusammen zu mischen und dann zu sehen, wie sie miteinander reagierten, fand er einfach nur spannend. Diese Leidenschaft hatte ihn bis heute nicht verlassen, nur dass er sich mittlerweile ausschließlich auf Flüssigkeiten spezialisiert hatte und an ihnen seine Experimentierfreude austobte.

Es war absolut fantastisch gewesen, als er gestern Abend fünf unterschiedlich farbige Flüssigkeiten ineinander kippte und diese beim Umrühren plötzlich sämtliche Farben verloren. Gut – an schlechten Tagen explodiert dann halt so ein Zeug auch mal! Am Schluss war ein völlig durchsichtiges und klares Gebräu übrig geblieben, das wie Wasser aussah, aber nicht so schmeckte und erst recht nicht so wirkte. Und Stefan war so blöd gewesen und hatte sich auch dieses Mal wieder gerne als Testperson für das Experiment zur Verfügung gestellt und das Hexengebräu getrunken, das ihm sein Haus- und Hofchemiker anbot. Irgendwann musste das mal schlimm enden – ganz zu schweigen davon, dass es ihm gestern Abend diese blonde Schönheit vertrieben hatte und er nur deshalb eine solch beschissene Nacht verbringen musste. So, und damit hätten wir den Schuldigen für diese gesamte Misere auch schon ermittelt!

Stefan hatte eben noch bei den Kollegen von 14 nachgehört, ob es in dieser Vermisstensache neue Erkenntnisse gebe, was aber erwartungsgemäß nicht der Fall war. Alleine hiermit konnte er Eva aber keineswegs unter die Augen treten. Soweit es seine mittlerweile abklingenden Kopfschmerzen zuließen, widmete er sich verschiedenen Vorgängen, die schon seit geraumer Zeit auf seinem Schreibtisch einer abschließenden Bearbeitung entgegensahen. Im Moment war glücklicherweise ziemliche Ruhe an der K11-Front und er konnte heute hoffentlich mal nur im Büro sitzen bleiben und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Aber das ging üblicherweise nie lange gut. Meistens kam es dann kurzfristig umso schlimmer.

‚Genieße es, solange du kannst‘, dachte er noch, als auch schon die Bürotür heftig aufschlug und seine Stellvertreterin Tanja Wiegand ins Zimmer gerauscht kam. „Komm, Freund des Bacchus, wir müssen los. Zirka sechzehnjährige Mädchenleiche im Luitpoldpark.“

Stefan wollte ihr gerade schon erklären, dass nach seinen bescheidenen Kreuzworträtselkenntnissen Bacchus die römische Entsprechung des griechischen Gottes Dionysos, des Gottes des Weines, nicht aber des Gottes der unbekannten Flüssigkeiten war. Andererseits wusste er allerdings nicht, welcher andere Gott hierfür zuständig sein könnte und ob Bacchus diesen fragwürdigen Job nicht mangels Masse einfach mitmachte. Bevor er allerdings einen entsprechend dummen Spruch loslassen konnte, wurde ihm plötzlich die Ernsthaftigkeit von Tanjas Nachricht bewusst. Er wurde sofort ernst und dachte nur noch laut: „Oh nein, tu mir das bloß nicht an!“ Aber auch das half ihm letztendlich nicht weiter und er folgte seiner Kollegin ergeben zu ihrem Dienstwagen.

∞ 09:30 Uhr ∞

Zu Ehren des 90. Geburtstags des Prinzregenten Luitpold von Bayern hatte die Stadt München zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im Nordwesten von Schwabing einen kleinen Park mit 90 Linden anlegen lassen. Und genau auf dem Weg zu diesem Luitpoldpark waren Stefan und seine Kollegin, als sie mit schnellem Tempo von der Belgrad Straße Richtung Westen auf die Karl-Theodor-Straße abbogen. Schon von Weitem waren massenhaft blaue Blinklichter zu erkennen. Beim Näherkommen erkannten sie neben drei Streifenwagen der zuständigen PI 13 aus der nahe gelegenen Johann-Fichte-Straße auch schon den großen Kastenwagen der Spurensicherung. Daneben parkte ein Dienstwagen des Gerichtsmedizinischen Instituts und sogar das Fahrzeug eines Bestattungsunternehmens war bereits vor Ort. Jetzt fehlte nur noch der Staatsanwalt und der Morgen war nicht mehr zu retten.

„Wie kann es eigentlich sein, dass wir die letzten am Tatort sind? Sogar die Geier haben’s schon vor uns geschafft“, brummte Stefan mürrisch mit einem Kopfnicken zu zwei Übertragungswagen des örtlichen Kabelkanals und des Bayrischen Rundfunks hinüber.

Von den drei südlichen Zugängen zum Park waren der mittlere und der südwestliche in der Nähe des Kreuzungsbereichs Brunnenstraße weiträumig mit Flatterband abgesperrt.

Tanja parkte den Wagen am nächstgelegenen mittleren Zugang und meldete sie bei der Zentrale ab. Danach bahnten sie sich den Weg durch die bereits dicht gedrängt stehenden Schaulustigen, die von uniformierten Kollegen hinter den Sperren gehalten wurden. Ein paar Reporter durchstreiften die Menge und suchten offensichtlich nach Augenzeugen, die ihnen wichtige Erkenntnisse in ihre Mikrofone offenbaren sollten.

Ihre ernsten Gesichter und die hochgehaltenen Dienstausweise öffneten ihnen ohne Weiteres den Weg in die abgesperrte Zone. Auf dem markierten Trampelpfad gingen sie nördlich in Richtung des Obelisken und stiegen die große, achtstufige Treppe empor. Zirka 15 Meter weiter stießen sie auf den breiten Fußweg, der dieses südliche Parkende in einem Halbkreis von der Brunnenstraße im Westen bis zur östlich gelegenen Borschtallee durchzog. Jenseits des Wegs begann die weite Rasenfläche, auf der der Obelisk thronte. Im Kreuzungsbereich dieser beiden Zugangswege war auf der linken Seite unter zwei großen Linden Bewegung zu erkennen. Offensichtlich hatten die Kollegen der Spurensicherung bereits mit ihrer Arbeit begonnen, denn Stefan konnte zwei Personen in ihren typisch weißen Ganzkörperanzügen erkennen, die sich vorsichtig um einen auf der Erde liegenden Körper bewegten. Ein anderer Kollege machte Bilder aus den verschiedensten Perspektiven. Zehn Meter Richtung Westen waren zwei weitere Männer des Erkennungsdienstes dabei, einen Abdruck von Reifenspuren zu sichern.

In sicherer Entfernung vor diesem Idyll und noch außerhalb des unmittelbaren Tatorts erkannte Stefan Dr. Jörg Urlau, offensichtlich der heute Dienst habende Pathologe der Gerichtsmedizin. Da die meisten Menschen bei seinem Namen an Urlaub oder auch Holiday dachten und er darüber hinaus in Insiderkreisen als anerkannter Fachmann guter alter Hollywoodfilme bekannt war, hatte ihm irgendwann einmal jemand in Anlehnung an eine Komödie aus den frühen Neunzigern den Spitznamen Doc Hollywood verpasst, den er seitdem mit Würde trug.

„Hallo Doc Hollywood, was gibt’s Neues?“, fragte Stefan, als er bei dem Arzt ankam. „Schon irgendwelche Erkenntnisse, die uns was über Todesart, -zeitpunkt und den Täter sagen würden?“

Der Arzt drehte sich um und erkannte die beiden Beamten. „Ah, da kommen 008 und Loreley. Ich grüße Sie an diesem schönen Frühlingsmorgen, der uns wieder mal so eine Scheißarbeit eingebrockt hat. Einen ersten groben Überblick habe ich tatsächlich schon gewinnen können. Offensichtlich handelt es sich um ein junges Mädchen, zwischen 14 und 18 Jahren alt. Wahrscheinlich wurde sie stranguliert, die Male am Hals deuten auf Erwürgen hin. Ich tippe mal als Todeszeitpunkt zwischen zwei und vier Uhr heute Nacht. Es sieht aus, als sei sie sexuell missbraucht worden. Näheres kann ich aber noch nicht sagen. Aber wie Sie ja wissen …“

„Ja, diese schlechten Filme, in denen mittelmäßige Pathologen immer sagen, dass die ausführlichen Einzelheiten dem Obduktionsbericht entnommen werden könnten, kennen wir ja alle schon.“ Selten unhöflich mischte sich Tanja mit hochrotem Kopf und hektischen Flecken an ihrem Hals in das Gespräch ein, nachdem sie einen ersten Blick auf das tote Mädchen geworfen hatte. „Irgendwie stirbt die Hoffnung immer zuletzt, dass man irgendwann tatsächlich an einen Tatort kommen könnte und direkt mal brauchbare Antworten bekäme“, sprach’s und ging erneut in Richtung des am Boden liegenden Körpers davon.

„Hey, wie ist die denn heute drauf?“, fragte Urlau mit hochgezogener Augenbraue, aber Stefan konnte bei dieser heftigen Reaktion seiner Kollegin auch nur mit den Achseln zucken. Er klopfte dem Pathologen auf die Schulter und folgte ihr in Richtung der Bäume. „Was ist denn mit dir los?“, wollte er wissen, doch sie starrte ohne zu antworten auf die Mädchenleiche, die nur wenige Schritte von ihnen entfernt auf dem Boden lag. Stefan hatte es bislang vermieden, unmittelbaren Sichtkontakt mit dem Opfer aufzunehmen. Auch wenn er Stefanie Bauer nach den vielen Jahren sicherlich nicht wieder erkennen würde, fürchtete er sich doch vor dem ersten Moment, in dem er sie als Tote auf der Erde liegen sehen würde – wenn sie es denn war. Wie sollte er das dann nur ihrer Mutter erklären? Und auch Eva würde völlig aus dem Häuschen sein.

Seit vielen Jahren war er im K11 mit Tötungsdelikten befasst, zuletzt als jüngster Chef dieser Einheit. Er hatte in dieser Zeit schon alles gesehen, was das Leben diesbezüglich zu bieten hatte. Sein anfängliches Entsetzen über die Vielzahl der von der Öffentlichkeit nur ungern zur Kenntnis genommenen unnatürlichen Todesfälle in München wich bald der Erkenntnis, dass die Polizei in vielen Fällen den Tätern maßlos hinterherhinkte und sich daher um so mehr anstrengen musste. Gleichzeitig wuchs aber auch seine Entschlossenheit, alles zu tun, um diese kranken Kreaturen hinter Schloss und Riegel zu bringen, die es billigend in Kauf nahmen oder sogar gezielt darauf anlegten, dass Menschen durch ihre Machenschaften ums Leben kamen. Mit der Zeit hatten die Schreckensbilder nachgelassen, die ihn nachts immer verfolgten, wenn er wieder der Obduktion eines Toten in der Pathologie beiwohnen musste. Das wäre auch auf Dauer nicht zu ertragen gewesen. Aber Bilder von getöteten Kindern – und dazu zählten für ihn auch noch sechzehnjährige Teenager – nahmen ihn selbst heute noch mit. Und wenn es dann sogar die Kinder von Bekannten waren …

Letztendlich half alles nichts. Er war der Leiter der Mordkommission und musste sich zweifellos seinen Dämonen stellen. Er folgte Tanjas Blick und nahm erstmals bewusst das am Boden liegende Mädchen zur Kenntnis. Innerhalb von Sekundenbruchteilen brannte sich der gesamte Tatort und das dazugehörende Umfeld in seinem Kopf wie auf einer Festplatte ein. Größe, Lage, Kleidung, Haarfarbe und Gesichtsausdruck der Toten, mögliche Verletzungen, der am nächsten stehende Baum, ein angrenzendes Gebüsch, der Fußweg von links und die Spuren durchdrehender Reifen auf der Erde.

Er schloss die Augen und atmete – für alle Umstehenden unbemerkt – langsam erleichtert aus. Wenn er heute Nacht nicht völlig daneben gewesen war, hatte er sich eine ganz andere Beschreibung von Stefanie Bauer gemerkt.

Diese war ca. 1 Meter 65 groß, schlank, hatte fast schwarze, naturgelockte Haare und soll Jeanshose und -jacke, schwarze Stiefel und ein hellblaues Sweatshirt getragen haben. Wie auch immer sie sich auf die Schnelle verwandelt haben mochte, sie konnte keinesfalls das tote Mädchen hier sein, das sicherlich fünf Zentimeter größer und ebenfalls schlank war, aber blondes schulterlanges Haar mit vielen bunten Strähnen hatte. Bekleidet war sie mit einem aufreizend kurzen, den Nabel kaum bedeckenden Blüschen und einem extra kurzen Minirock. An einem Fuß trug sie noch einen hochhackigen weißen Pumps, der andere lag etwa zwei Meter weiter am Rande des Gebüschs.

‚Ja Kind, da hast du dich wohl zu viel rausgeputzt und bist den falschen Schweinen in die Hände gelaufen.‘

Größer jedenfalls konnten die Unterschiede der Beschreibungen beider Mädchen kaum sein und die Tatsache, dass er heute Morgen um fünf bei der Erstattung der Vermisstenanzeige schon wieder einigermaßen klar hatte denken können, ließen ihn doch ziemlich sicher sein, dass es sich bei der Toten nicht um Stefanie Bauer handelte. Aber wer war sie dann?

Stefan wandte sich an den in seiner unmittelbaren Nähe hockenden Kollegen, den er aufgrund seiner typisch gebückten Haltung als den leitenden Spurensicherer erkannte und fragte: „Kannst du mir was über die Kleine und den Tathergang sagen, was ich nicht schon vom Doc erfahren habe?“

„Hier können wir uns aber mal so richtig austoben“, war die prompte Antwort. „Alles was du dir an Spuren so wünschst, ist hier vorhanden. Offensichtlich waren keine Profis am Werk. Wahrscheinlich zwei Täter, da wir unterschiedliche Fußspuren entdeckt haben. Einmal Schuhgröße ca. 41 und einmal 45. Sind wohl mit dem Mädchen vom Zugang Brunnenstraße aus im Auto hier unter die Baumgruppe gefahren. Ob zunächst freiwillig oder nicht, jedenfalls hat sie sich ab einem bestimmten Moment gewehrt, denn es sind Spuren eines Kampfes erkennbar. Sie schien aber keine Chance gehabt zu haben, denn die beiden Männer waren stärker. Letztendlich haben sie es dann mit Gewalt getan. Wir haben unterschiedliche Spermaspuren an ihrem Körper entdeckt. Es gab offensichtlich das volle Programm, oral, anal und vaginal.

Was den Wagen angeht, so scheint es sich bei dem festgestellten Radstand um ein kleineres Modell zu handeln. Marke noch unbekannt. Offensichtlich war der Fahrer in Panik, als er mit drehenden Reifen von hier fortfuhr. Die Spur ist fast acht Meter lang. Wir haben aber auch saubere Abdrücke, die darauf hinweisen, dass es sich bei den Reifen um eine Sondergröße handeln könnte.

Über das Mädchen können wir derzeit noch überhaupt nichts sagen. Wir konnten weder eine Handtasche noch einen Rucksack oder ähnliches finden. Keine Papiere, keine Geldbörse, kein Handy! Offensichtlich haben die Saukerle alles mitgenommen. Insgesamt können wir aber ganz zufrieden sein, denn es ist erstaunlich viel sicherzustellen.“ Er stockte und sah seinem Kollegen erstmals direkt ins Gesicht. „Mensch Stefan, ich habe diese Scheiße so satt! Ich darf gar nicht daran denken, mit was für Schweinehunden wir es doch dauernd zu tun haben. Meine Tochter ist vielleicht gerade mal zwei, drei Jahre älter. Wenn ich mir vorstelle, dass sie solchen Typen in die Hände fallen könnte. Die würde ich einfach nur noch alle machen. Da wären mir die Konsequenzen so was von egal!“

„Ich weiß“, antwortete Stefan, gab ihm einen leichten Klaps auf die Schulter und stand auf. „Besorg mir nur schnellstens die Bilder!“

Tanja kam ihm entgegen. „Ich habe gerade mit der Frau gesprochen, die die Tote gefunden hat. Ist eine junge Joggerin, die heute Morgen auf ihrer Runde hier vorbeikam und das Mädchen da liegen sah. Weitergehende Hinweise kann sie nicht machen. Ist ziemlich mitgenommen von dem Anblick.“

„Verständlich. Dann sag ihr, sie soll heute Nachmittag ins Präsidium kommen, um die Aussage zu Protokoll zu geben und dann lass sie gehen.“

„Ansonsten sind mittlerweile alle Mann angekommen und suchen in der näheren Umgebung nach Hinweisen. Die nächsten Häuser der Brunnen- und der Karl-Theodor-Straße stehen zwar ziemlich weit entfernt, ihre Bewohner werden aber trotzdem systematisch befragt, das Übliche also. Und Helmann hat eben angerufen. Der Staatsanwalt war schon bei ihm und hat nach Einzelheiten gefragt.“

„Der hätte sich besser mal ins Auto gesetzt und sich diesen Schlamassel live und in Farbe angeschaut. O.K., ich fahre zurück ins Präsidium und gebe die erste Meldung ab. Du sagst bitte allen Bescheid, dass wir uns heute um 14:00 Uhr im Büro treffen und dann die ersten Erkenntnisse zusammenstellen. Sicher wird Sachser so schnell wie möglich eine Pressekonferenz geben und dafür erste Ergebnisse haben wollen. Sorg dafür, dass wir was zu bieten haben!“

„Ja Massa, alles klar, Massa, wird gemacht, Massa“, frotzelte sie und dampfte ab.

Er ging zurück Richtung Wagen und ignorierte dabei geflissentlich die Reporter, die ihn nach ersten Einzelheiten fragten. Die sollten sich später lieber an den Staatsanwalt wenden. Der kleine Mann würde in den nächsten Tagen mindestens um fünf Zentimeter wachsen, wenn er vor laufenden Kameras Interviews geben konnte, aber nur, wenn sie auch etwas vorzuweisen hätten. Und dafür waren Stefan und seine Leute jetzt zuständig.

Für die nächste Zeit waren damit sämtliche Freizeitaktivitäten gestorben. Und Experimentierabende bei Mike würden ebenfalls nicht mehr stattfinden können – und das war für seine Gesundheit auch gut so!

Aber SIE würde auch zurückstehen müssen. Das war jetzt für ihn momentan der schlimmste Gedanke. Niemand wusste, dass der einundvierzigjährige Leiter des Mordkommissariats des Polizeipräsidiums München seit ca. drei Monaten kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, weil diese voll und ganz durch eine ganz besondere Frau gefangen gehalten wurden und dass er sich tief in seinem Herzen nichts sehnlicher wünschte, als seine gesamte Zeit nur mit ihr zu verbringen.

Wie er das alles auf die Reihe bringen sollte, war ihm momentan noch ein Rätsel. Aber SIE war schon ein mächtiger Grund, um sich darüber ernsthafte Gedanken zu machen, obwohl er seit einigen Tagen das Gefühl hatte, dass ihm die Sache irgendwie aus den Händen und insgesamt mächtig aus dem Ruder lief. Deshalb hatte er wahrscheinlich auch letzte Nacht aus reinem Frust nichts gegen einen heftigen Flirt mit der Blonden aus Mikes Kneipe einzuwenden gehabt.

Die Zeit für all diese Gedanken stand ihm momentan nicht zur Verfügung. Er schob sie bewusst beiseite und versuchte, sich jetzt auf das Wesentliche zu konzentrieren, während er den Wagen startete und wieder zurück Richtung Innenstadt fuhr. Ein neues Spiel hatte begonnen. Früher hatte er diese hektische Anfangsphase der Jagd immer gemocht. Heute verabscheute er sie, denn sie war in seinem Job vorher immer mit dem gewaltsamen Tod eines Menschen verbunden.

∞ 11:30 Uhr bis 23:00 Uhr ∞

Wie nicht anders zu erwarten, war es ein ziemlich aufreibender Tag gewesen. Wenn auch die Zahl der Tötungsdelikte in der Bayrischen Landeshauptstadt gemeinhin höher war, als sich das der Normalmensch so vorstellen konnte, stellten sexueller Missbrauch und Mord an jungen Mädchen immer noch eine seltene, wenn auch traurige Besonderheit dar, die natürlich großes Aufsehen hervorrief.

Zurück im Präsidium wollten daher alle Wichtigen und Möchtegern-Wichtigen sofort und auf der Stelle und natürlich als Erstes auf den neuesten Stand gebracht werden. Angefangen bei seiner Ex-Frau Eva, die ihm mehrfach telefonisch ausrichten ließ, er solle ihr doch endlich Bescheid geben. Helmann, sein unmittelbarer Chef, wollte dem natürlich in Nichts nachstehen und zu Recht ebenfalls direkt wissen, was los war und welche Erkenntnisse bereits vorlagen. Kaum hatte er diesem das Wesentliche verklickert, stolzierte auch schon Bubi in den Laden. Dr. Gernot Sachser war ein zartes, hageres Männlein mit einer Größe von 1,70 m – ohne Plateausohlen. Bei ihm bewahrheitete sich die bekannte Volksmundweisheit, dass kleine Männer ihr Größendefizit irgendwie kompensieren müssen. Bubi tat dies, indem er sich das Ego von King Kong zugelegt hatte, und, wie es der Name bereits vermuten ließ, als König der Strafverfolgung durch den Münchner Kriminellen-Dschungel pirschte. Er glaubte tatsächlich, dass er im richtigen Leben ein wirklich toller Staatsanwalt sei, was der Rest der Münchner Strafverfolgungsbehörden, zumindest was den Teil der Polizei anging, jedoch für ein mehrfach unbestätigtes Gerücht hielt.

Nach Stefans Geschmack war er lediglich ein zu klein geratener, arroganter Möchtegern-Politiker, der bei jeder seiner Aktionen ausschließlich seine eigene Karriere im Blick hatte. Seit ungefähr einem Jahr vermieste er der Münchner Polizei als mittlerweile entlarvter Opportunist und Fähnlein im Winde täglich die Stimmung. Als Sachser sich erstmals bei K11 als neuer Oberstaatsanwalt vorstellte, hatten er und der Kommissar sich tief in die Augen geschaut – und Momente später war beiden sonnenklar, dass sie sich gegenseitig persönlich nicht ausstehen konnten. Und dieser Umstand hatte sich in den folgenden Monaten noch verfestigt und trug wahrlich nicht zu guter Zusammenarbeit und entsprechenden Arbeitsergebnissen bei. Aus Stefans Sicht wurde es wirklich langsam Zeit, dass sich Sachsers politisches Herumgeschleime endlich auszahlte und er den Weg allen Übels ging, nämlich die Karriereleiter weiter nach oben.

Wie nicht anders zu erwarten, hatte der Staatsanwalt heute bereits für 14:30 Uhr eine Pressekonferenz anberaumt, ohne jedoch zu wissen, welche Erkenntnisse zu diesem Zeitpunkt bereits vorliegen würden. Als ihm Stefan deutlich machte, dass zwar eine Großzahl von Spuren sichergestellt worden sei, Einzelheiten hierzu jedoch aus polizeitaktischen Gründen vorerst nicht veröffentlicht werden sollten, und dass es darüber hinaus weder zu den Tätern noch zum Opfer weitergehende Erkenntnisse gebe, verlangte Sachser, dass Stefan selbst an der Pressekonferenz teilnehmen und seinerseits diese doch ziemlich überschaubaren Ergebnisse der Journalistenmeute als Happen vorwarf. Dem musste er natürlich folgen, nachdem auch sein Chef bei der Sachlage kein großes Interesse an Kameras und Mikrophonen gezeigt hatte. Bei passender Gelegenheit und zur Freude der schreibenden Zunft konnte es sich Stefan aber nicht verkneifen, Bubi hierfür öffentlich eine mitzugeben. Damit war es kurzfristig, wenn auch nur für wenige Momente, doch noch ein angenehmer Tag geworden.

Die Besprechung der Ermittlungsgruppe musste hinter die Pressekonferenz verschoben werden, brachte allerdings auch dann noch keinen wesentlichen Durchbruch. Es gab noch keine Erkenntnisse zur Identität der Toten. Bundesweit war kein Mädchen als vermisst gemeldet, das auf den ersten Blick Ähnlichkeit haben könnte. Auch die Kleidung, es war ja wenig genug vorhanden, hatte noch keinen Anhaltspunkt darüber geben können, von wo das Mädchen eigentlich stammte.

Die Befragung der Hausbewohner der in der Nähe des Parks stehenden Wohngebäude war ziemlich zeitaufwendig und hatte bislang noch nichts ergeben. Lediglich eine Anwohnerin, die in der Nacht mal zur Toilette gemusst hatte, glaubte zur gleichen Zeit gegen zwanzig nach zwei ein lautes Quietschen von Autoreifen auf der Straße vernommen zu haben und tatsächlich waren entsprechende Spuren auch auf dem Straßenasphalt an der Stelle erkennbar, an der das Fahrzeug vom Waldweg wieder auf die befestigte Karl-Theodor-Straße eingebogen war. Der festgestellte Radstand des Fahrzeugs, die besondere Reifengröße und das saubere Profil brachten sie auch noch nicht weiter. Die Kollegen der Kriminaltechnik glichen die Werte mit eigenen Erkenntnissen und mit verschiedenen Datenbanken des LKA ab, hatten aber noch keine verwertbaren Ergebnisse. Allerdings herrschte diesbezüglich vorsichtiger Optimismus, denn die gesicherten Spuren ließen auf einen Neureifen schließen, dessen Hersteller sicherlich ermittelt würde.

Das Obduktionsergebnis und auch die Untersuchung der Spermaspuren würden frühestens morgen vorliegen. Allerdings lagen schon die Tatortbilder der Kollegen von 92 auf seinem Schreibtisch. Auf Hochglanz, 18 x 13 cm und in Farbe sah die Kleine auch nicht schöner aus als heute Morgen. Eigentlich war sie hübsch und noch sehr jung gewesen, die im Schrecken aufgerissenen Augen, der weit geöffnete Mund und die Würgemale am Hals nahmen ihr allerdings den letzten Eindruck von Menschlichkeit und Würde. Es hätten auch Bilder einer bizarren Schaufensterpuppe sein können. So war es häufig, wenn der gewaltsame Tod zugeschlagen hatte.

‚Kind, wer bist du nur?‘

Zu Beginn größerer Ermittlungsverfahren waren für Stefan immer viele organisatorische und personelle Fragen zu klären, weshalb er mit seinen Mitarbeitern noch bis nach 21:00 Uhr im Büro saß und letzte Absprachen für die Nacht und den kommenden Morgen traf.

Zwischenzeitlich hatte er dann auch nach der x-ten Erinnerung Gelegenheit gefunden, mal fünf Minuten in Ruhe mit Eva zu sprechen. Einen allerersten Anruf mit ihr hatte er mittags schon geführt, allein um sie zu beruhigen und um für sich auch wirklich ausschließen zu können, dass die Beschreibung der Toten tatsächlich nicht auf Stefanie Bauer zutraf. Eva hatte im Radio von dem toten Mädchen gehört. Weil Steffi sich bislang noch nicht zu Hause gemeldet hatte, war sie natürlich sofort davon ausgegangen, dass sie die Tote sein könnte. Und dann war er nicht zu erreichen gewesen und sie hatte sich in ihrer Fantasie das Schlimmste ausgemalt. Und das war ja auch eingetreten, nur halt für ein anderes Mädchen.

Mittlerweile war es nach 23:00 Uhr und er war zu Hause. Völlig fertig vom Tag wollte er eigentlich nur noch ein Bier, eine Dusche und danach ins Bett. Aber dann sah er das rote Blinklicht an seinem Anrufbeantworter und die Nummer auf dem Display. SIE!

Und sofort spielte seine Müdigkeit keine Rolle mehr.

∞ Vergangenheit ∞

Er war damals achtzehn gewesen und es war am Ende der Sommerferien. Er wusste es noch genau – es war der 14. September, auf einer von Mikes berühmten Feten hatte er den kleinen dunkelhaarigen Lockenkopf kennengelernt. Eigentlich gehörte sie so gar nicht in sein übliches Beuteschema, denn er stand wie die meisten Jungs mehr auf blond und groß. Als er aber erstmals in diese wunderschönen braunen Augen blickte und ihr Lächeln nicht nur ihr eigenes, sondern auch die Gesichter aller Umstehenden erleuchtete, wusste er, dass ihn an diesem Abend kein anderes Mädchen mehr interessieren würde. Aber es wurde keine leichte Geburt!

Dumm und unerfahren wie er halt noch war, erzählte er von seinem Urlaub, von einer hübschen Amerikanerin, die er dort getroffen und in die er sich so verknallt hatte, dass er sie von der Stelle weg geheiratet hätte. Darauf erntete er von ihr nur belustigte Blicke und spöttische Kommentare. Damals war ihm irgendwie noch nicht so richtig klar gewesen, dass Frauen egal welchen Alters niemals Geschichten über andere Frauen hören wollten, selbst wenn sie beim Zuhören einen interessierten Eindruck machten.

Ihre Reaktion hatte ihn innerlich verärgert und zu untypisch heftigen Erwiderungen provoziert. Anstatt sich aber abzuwenden und ihn wie einen dummen Jungen stehen zu lassen, gab sie ihm alles in barer Münze zurück. Was die beiden in den folgenden Stunden so alles von sich gaben, erinnerte eher an Auseinandersetzungen, die Kids üblicherweise von ihren Eltern kannten. Mit normalem Smalltalk und Anbaggern auf Teenagerpartys mit dem Ziel, schnellstens von der Rede- in die Knutschphase zu kommen, hatte dies aber auch überhaupt nichts zu tun. Alle anderen fanden dieses gegenseitige Beharken an jenem Abend eher lustig und unterhaltsam, nicht ahnend, was sich da gerade in Wirklichkeit vor ihren Augen anbahnte. Als er sie nach Mitternacht zum letzten Bus brachte, küssten sie sich zum ersten Mal. Doch obwohl sie ihre Telefonnummern austauschten, rief sie in den folgenden Tagen nicht wie versprochen zurück. Das brachte ihn nahezu um den Verstand. Er war noch nie einem Mädchen hinterhergelaufen und hatte erst recht noch keinem nachtelefoniert. Aber diese hier ließ ihn irgendwie nicht mehr aus ihren Krallen, die sich immer dann mit Wonne durch seine Innereien gruben, wenn er auch nur an sie dachte – und das tat er ständig. Er musste sie irgendwie wiedersehen und deshalb rief schließlich er bei ihr an.

Und damit begannen die schönsten zweieinhalb Jahre seines Lebens, in denen sie sich zunächst ab und zu und dann fast täglich trafen. Sie verknallten sich richtig ineinander und irgendwann spürten beide, dass es mehr als das war. Stefan wusste ab einem bestimmten Moment, dass er dieses Mädchen liebte, und träumte davon, sein weiteres Leben nur noch mit ihr zu verbringen.

An seinem neunzehnten Geburtstag schenkten sie sich gegenseitig ihre Unschuld. Nachträglich betrachtet war das natürlich nicht ihre Glanzleistung im Bett gewesen, aber die unwiederbringliche Einmaligkeit der Situation war ihnen absolut bewusst und sie genossen sie in vollen Zügen – und danach weinten sie gemeinsam ein bisschen vor lauter Gefühl. Sexuell gesehen hatten sie eine tolle Beziehung, trotz ihrer beider Unerfahrenheit trauten sie sich an alle möglichen Spielarten heran und probierten alles aus – und es machte ihnen in jeder Sekunde unendlich viel Spaß miteinander.

In ihrem Bekannten- und Freundeskreis wurden sie mit der Zeit das Vorzeigepärchen und Barometer für eine erfolgreiche Beziehung. Ihre Familien waren ebenfalls sehr zuversichtlich über die eingetretene Entwicklung und möglicherweise gab es dort bereits erste vorsichtige Überlegungen an eine dauerhafte gemeinsame Zukunft, bis …

… bis zu jenem Abend im November, an dem sie die Beziehung ohne Vorwarnung, sofort, endgültig und mit kalter Konsequenz beendete.

Stefan war mit Haut und Haaren zerschmettert und litt wie ein getretener Hund. Nicht nur, dass ihn ihre Entscheidung völlig überraschend traf, es gab für ihn auch noch nach Jahren keine nachvollziehbare Erklärung hierfür – und sie würde ihm auch niemals eine geben. Er durchlitt qualvolle Monate, in denen er die Schmerzen in seiner Brust und in seiner Seele kaum ertragen konnte. Er dachte, er könne es nicht überstehen und er wollte oft einfach nur Schluss machen, aber wer tat das schon in Wirklichkeit? Es dauerte sehr lange, bis die quälenden Gefühle so langsam abebbten, bis sein Verstand wieder Oberhand gewann und er sich endgültig eingestehen musste, dass er sie tatsächlich für immer verloren hatte.

Im Nachhinein betrachtet, waren sie für eine auf lange Dauer angelegte Beziehung wohl noch zu jung gewesen. Sie hatte einfach ausbrechen müssen, denn er hatte sie offensichtlich mit seiner Liebe und seiner Nähe ungewollt zu sehr bedrängt. Dazu war sie noch nicht bereit gewesen. Sie hatten schließlich völlig den Kontakt verloren. Irgendwann hatte er dann nur gehört, dass sie zwischenzeitig die Stadt verlassen und aus beruflichen Gründen in Flensburg und Hamburg lebte – ziemlich weit weg von ihm! Früher oder später hatte sie dann auch geheiratet und eine Tochter zur Welt gebracht. Mehr hatte er dann nicht mehr erfahren.

Stefan hatte sie die vielen Jahre hindurch nie vergessen können und hatte in seinem Herzen auf Dauer eine Nische für sie eingerichtet – gut verschlossen, von der niemand etwas wusste. Selbst mit seinen engsten Freunden würde er niemals darüber reden können. Irgendwie liebte er diese Frau noch immer. Keine andere hatte jemals wieder solche Gefühle in ihm erweckt, selbst Eva nicht. Sie war für ihn die EINE, die Liebe seines Lebens, aber sie war auch verloren.

Bis vor vier Monaten!

Aus lauter Neugierde hatte er sich zum ersten Mal in seinem Leben eines Abends zu Hause an sein Notebook gesetzt und sich in einen speziellen Chatroom eingewählt. Nachdem ihm ein Kollege im Vertrauen erzählt hatte, dass hier die Kollegin Herbig aus dem Betrugsdezernat skrupellos private Geheimnisse ausplauderte, hatte er nicht widerstehen können. Natürlich war alles nur halb so wild und lohnte nicht wirklich. Aber wenn man dann mal so am surfen ist, schaut man auch weiter, bis plötzlich: „BOOOOMMMM!“ – da standen ihr Name und ihre Anschrift. Sie wohnte wieder in München, sozusagen in Steinwurfweite! Mit zitternden Händen klickte er ihre Seite an, nicht wissend, dass er damit dort automatisch einen Hinweis hinterließ, den sie beim nächsten Öffnen des Programms sofort sehen würde. Natürlich gab es auf dieser öffentlichen Seite keine wirklich wichtigen Informationen, aber er saugte jedes noch so oberflächliche Detail auf wie ein Verdurstender, dem man ein Glas Wasser reichte. Auf dieser Website gab es auch die Möglichkeit, ihr unmittelbar eine Nachricht zukommen zu lassen, aber natürlich traute er sich das in diesem Moment nicht.

20 Jahre waren seit ihrer Trennung vergangen. So oft hatte er sich heimlich gewünscht, sie wiederzufinden, hatte ihren Namen erfolglos in Suchmaschinen eingegeben, hatte geträumt, sie sei frei und würde wieder zu ihm kommen, hatte aber immer gewusst, dass dies ein unrealistischer Wunschtraum bleiben würde – aber plötzlich war sie wieder in seiner Nähe. Er verbrachte eine unruhige Nacht, in der er kaum schlief und dennoch durchgehend von ihr träumte. Alles war auf einmal wieder da und die tief in seinem Inneren verborgenen Gefühle und Erinnerungen wollten plötzlich alle gleichzeitig heraus. Ob er sich vielleicht doch trauen sollte, ihr über diese Seite eine kurze Mail zu schreiben, nur so aus alter Verbundenheit?

Um vier Uhr morgens hielt es ihn nicht mehr im Bett, er musste wieder diese Webseite öffnen, denn er wollte sich noch einmal das dort abgelegte Bild von ihr anschauen, das zwar völlig unscharf war, auf dem er sie aber dennoch wiederzuerkennen glaubte. Er fuhr das Notebook hoch und wechselte auf ihre Seite. Sofort wurde sein Blick von einer Einblendung gefangen und es traf ihn wie mit einem Vorschlaghammer, als er las:

„Hallo Stefan, ich hoffe es geht dir RICHTIG gut!“

∞ 14:00 Uhr ∞

Paul sah aus wie ein riesiges Häuflein Elend, wie er da so zusammengesunken auf der Couch saß.

„Was ist denn los mit dir?“, fragte er, bekam hierauf aber nur ein unwirsches „Nichts“ als Antwort. Sie waren gerade aus der Stadt zurückgekommen, denn sie hatten sich entschlossen, so schnell wie möglich den Wagen wieder loszuwerden. Offensichtlich hatte Paul das gestrige Ereignis mehr mitgenommen als befürchtet, denn seit einer Stunde hatte er kaum noch einen Ton von sich gegeben. Natürlich war es auch ihm nicht einerlei, dass sie jemanden umgebracht hatten, dass ER jemanden umgebracht hatte. So was machte man ja nicht jeden Tag. Aber die kleine Schlampe hatte es auch wirklich nicht anders verdient – und es sah fast so aus, als könne sich das für ihn letztendlich sogar noch als einmaliger Glücksfall herausstellen.

Als sie gegen halb zwei nachts von ihrer Tour wieder in München ankamen und gerade den Frankfurter Ring überquert hatten, hatte sie plötzlich mitten auf der Straße gestanden und einen auf Anhalterin gemacht. Allein schon um sie nicht zu überfahren, musste Paul voll in die Eisen gehen. Sie hatte ihm dann ihre kleinen festen Brüste fast ins Auge gestochen, als er sie durch das geöffnete Seitenfenster fragte, ob sie Probleme habe und sie ihr helfen könnten.

„Und ob ihr das könnt“, hatte sie gesagt, richtig frivol aufgestöhnt und „Nehmt mich einfach mit!“ gehaucht.

Sie hatte sich dann mit ihrem prall gefüllten Rucksack in den Fond des kleinen Mini gezwängt. Irgendwie hatte das alles aber nicht richtig zusammengepasst. Sie sah kaum älter als fünfzehn aus, lief aber nachts um diese Uhrzeit völlig alleine auf einer einsamen Durchfahrtsstraße in der Münchner Vorstadt herum. Angezogen und bemalt war sie wie eine kleine Nutte, die an der Straßenecke auf ihre Freier wartete oder gerade aus der Disco kam. Gleichzeitig hatte sie aber einen Rucksack dabei, den sie selbst kaum tragen konnte und der Reinhold Messner auf dem Weg zu einem Achttausender alle Ehre gemacht hätte. Das Teil konnte ihr nicht wirklich gehört haben, denn in ihm waren neben wenigen Frauensachen fast ausschließlich männliche Kleidung und Reiseutensilien verstaut. Er hatte den Rucksack nämlich gründlich untersucht, bevor er ihn heute ganz früh am Morgen irgendwo weit genug weg in Sendling an einer wenig einsehbaren Stelle in der Isar versenkt hatte. Hierbei war ihm auch das besonders in Zellophan eingeschweißte Päckchen aufgefallen, das am Boden des Rucksackes in einem eigenen Fach nahezu versteckt lag. Er hatte es geöffnet und da seinen Goldschatz gefunden, denn das Päckchen enthielt 150.000,- € in großen Scheinen, schön sortiert und durch unbeschriftete Banderolen zusammengehalten. Er hatte seinen Augen nicht trauen wollen, dann aber sofort begriffen, dass das sein Jackpot sein würde, der ihn aus seinen aktuellen Schulden herausbringen würde. Paul hatte er natürlich nichts von dem Geld gesagt, es stand ihm davon auch nicht ein einziger Cent zu, denn er hatte sich nicht mit einem einzigen Finger an den notwendigen Aufräumarbeiten beteiligt. Außerdem hatte Paul sowieso kein Geld nötig, denn davon hatte er von Haus aus mehr als genug.

Wahrscheinlich hatte die Kleine den Rucksack irgendwo mitgehen lassen, aber nicht gewusst, dass dieser eine so hohe Geldsumme enthielt, denn das kleine Paket war noch ungeöffnet gewesen. Aber offensichtlich hatte sie darüber hinaus weiteres Bargeld gefunden, denn sie hatte noch zusätzlich 350,- € in der Tasche. Mit dem Geld hatte sie sich wohl irgendwo mit Stoff eingedeckt, denn sie war bis unter die Haarspitzen vollgepumpt und high – und sie war absolut geil.

Die Kleine veranstaltete auf der Rückbank einen derartigen Aufstand, dass Paul den Wagen kaum auf der Straße halten konnte und irgendwie immer in den Rückspiegel starren musste. Sie fummelte an sich rum und stöhnte laut, als wäre sie gerade die Hauptperson in einem drittklassigen Porno.

„Wollt ihr mich denn nicht auch ficken, Jungs? Jeder will mich doch gerne ficken. Lisa ist geil, kommt, macht es mir!“, so und ähnlich drang es immer wieder von hinten, bis Paul es nicht mehr aushielt und am Luitpoldpark plötzlich links abbog und über einen Fußweg in das kleine Wäldchen fuhr.

Auf einmal war es für sie beide überhaupt nicht mehr relevant, dass dieses Flittchen noch so jung und vor allem dass sie kein Mann war. Das kleine Mistding hatte sie so scharf gemacht, dass ihre schwulen Neigungen jetzt keine Rolle mehr spielten. Und selbst als der Wagen bei den Bäumen anhielt, tönte sie noch immer von hinten, dass sie es problemlos auch mit beiden gleichzeitig aufnehmen würde. Dann war alles ganz schnell gegangen. Aus dem Auto heraus, hatte Paul seine Hose schneller runtergebracht, als ihn der sagenumwobene Blitz hätte treffen können. Er packte die Schnecke und schob ihr ohne große Vorreden seinen heftigen Hammer rein. Die Kleine brauchte offensichtlich kein langes Vorspiel, denn sie stöhnte sofort vor Lust und Gier. Ihre Augen glitzerten irre, als sie sich über den Kühler beugte und ihm zurief: „Komm her, ich will jetzt auf der Stelle auch noch dein Ding! Du hast doch eins, oder?“

Nun, wenn sie unbedingt darauf bestand. Und dann nahm ihn die Schlampe ran wie ein Profi und bald schon hatte er das Gefühl, ihm würde die Schädeldecke platzen.

Es war der absolute Wahnsinn, wie es sich dieses kleine Miststück nach allen Regeln der Kunst besorgen ließ, und das in ihrem Alter.

Alles hätte nicht besser laufen können – bis die Sache dann plötzlich aus dem Ruder zu laufen begann, als Paul sie auch noch kräftig von hinten nehmen wollte. Paul hatte einen richtig dicken Prügel, wie er aus eigener Erfahrung sagen konnte, und tat ihr offensichtlich weh. Sie schrie auf und wollte ihn abschütteln, aber Paul war zwischenzeitlich völlig von Sinnen und bezwang sie mit roher Gewalt und voller Kraft. Dabei stöhnte und hechelte er wie eine in den letzten Wehen liegende Schwangere und hatte auch ansonsten nur noch wenig Normales an sich.

Offenkundig war die Kleine mit einem Schlag wieder bei Sinnen und hatte plötzlich überhaupt keinen Bock mehr auf diese Nummer. Auch ihm wollte sie es nicht mehr besorgen, gerade jetzt, wo es ihm doch fast schon kam. Das konnte er nicht zulassen, also packte und hielt er ihren Kopf mit beiden Händen fest und zwang sie mit Gewalt.

Paul stieß seinerseits immer fester zu, bis es ihm dann irgendwann unter ekstatischen Zuckungen kam.

Wenn die Kleine hätte schreien können, hätte sie es sicherlich getan, aber nicht mehr vor Geilheit, sondern jetzt nur noch vor Schmerzen und Panik. Als er ihren Kopf schließlich losließ und in sie eindrang, wehrte sie sich heftig und schlug mit beiden Armen um sich. Dabei hatte sie ihn auch richtig schmerzhaft am Arm gekratzt. Paul musste ihm helfen, damit auch er schnellstens zum Schuss kam. Mit vereinten Kräften pressten sie die Katze rückwärts auf die Kühlerhaube. Als Paul ihre Arme packte und festhielt, fing sie plötzlich an loszuschreien. Sie hätte mit ihrem Lärm halb München zusammengetrommelt und ihm war gar nichts anderes übrig geblieben, als ihr mit beiden Händen den Hals zuzudrücken.

Und dann hatte er auf einmal gemerkt, wie ihn ihr Wehren und Kämpfen und die Panik in ihrem Blick immer mehr anheizte und ihm war plötzlich klar geworden, welche Macht er in diesem Moment gerade in seinen Händen hielt und dass er auf einmal bis zum bitteren Ende gehen wollte.

Es machte ihn genau in dieser Sekunde so richtig an, sie mit seinem vollen Gewicht gewaltsam auf die Kühlerhaube des Wagens zu drücken, ihr ganz nah in die im deutlichen Bewusstsein des nahenden Todes mit Entsetzen weit geöffneten Augen zu sehen, den aufgerissenen Mund, durch den der lebensnotwendige Sauerstoff nie wieder kommen sollte. Mit jeder Sekunde, die es länger andauerte und in der ihr die Luft ausging, steigerte sich das Grauen in ihrem Blick wie auch die Geilheit in seinem Kopf. Der Druck seiner Hände um ihren Hals wurde immer kräftiger, der Rhythmus seines zustoßenden Unterleibs immer schneller und er hätte es nicht besser timen können, denn im gleichen Moment, in dem er ihre Augen brechen sah und ihre Zuckungen langsam aufhörten, kam es ihm und er ergoss sich in höchster Ekstase und unter lautem Stöhnen tief in sie hinein.

Nichts in seinem Leben hatte ihn bislang derart befriedigt – auch nicht der eigentlich ansonsten fantastische Paul oder die vielen unterschiedlichen Sexualpraktiken, die er schon probiert hatte. Diese Geilheit musste er in jedem Fall wieder erleben, aber wie sollte das funktionieren, ohne dass er jetzt rumlief und haufenweise Nutten aufriss und kalt machte. Oder wäre das bei richtigen Nutten überhaupt nicht so schlimm? Jedenfalls würde die Erinnerung an dieses Erlebnis noch sehr lange nachhallen und er wusste heute wirklich nicht, was sich daraus noch alles ergeben würde.

Paul hatte den Mini heute Vormittag vorzeitig wieder zurückgegeben. Bei der Münchner Innenstadtfiliale von BMW war man hierüber zwar ziemlich überrascht gewesen, da der Wagen ja noch zwei Tage kostenlos zur freien Verfügung gestanden hätte. Paul hatte aber als Ausrede erklärt, die tiefe Sitzhaltung sei überhaupt nicht gut für seinen erkrankten Rücken. Diese Situation hatte er noch verhältnismäßig souverän gemeistert. Danach aber hatte er kaum noch ein Wort gesprochen und stierte nur noch vor sich hin.

„Mann Paul, jetzt reiß dich mal zusammen, uns kann überhaupt nichts passieren. Sämtliche Spuren zu uns sind abgeschnitten. Und was die Kleine angeht, sie war doch nur eine billige Schlampe, die nichts anderes verdiente.“

Langsam hob Paul den Kopf und blickte ihn aus blutunterlaufenen Augen an. Dann stand er auf und kam langsam bedrohlich näher. Er hatte fast so einen irren Blick wie die Kleine letzte Nacht und der gequälte Ausdruck seiner Stimme ließ vermuten, dass ihm derzeit das vernünftige Denken ziemlich abhanden gekommen war.

„Du hast einen Menschen getötet, nur weil es dich geil gemacht hat, und es scheint dir selbst jetzt mit klarem Kopf überhaupt nichts auszumachen“, flüsterte er ihm leise ins Gesicht. „Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie du so cool reagieren und abfällig darüber reden kannst, und ich will das auch überhaupt nicht hören. Also sprich nicht so mit mir, sonst bekommst du genau das, was du dir gestern Nacht verdient hast.“

Deutlicher konnte sich der Irrsinn kaum offenbaren. Der wirre Blick, die gepresste, kaum mehr zu verstehende Stimme mit dem Speichel, der ihm beim Reden am Kinn runterlief und das ungewohnt heftige Schwitzen. Zweifellos war Paul mittlerweile eine völlig irrational tickende Zeitbombe, auf die er jetzt besonders aufpassen musste, sonst drohte diese ganze Sache wider Erwarten doch noch in die Hose zu gehen. Nur lautete die noch unbeantwortete Hunderttausend-Dollar-Frage, wie er diesen Paul denn überhaupt noch im Griff behalten konnte?

KAPITEL 2 – SAMSTAG , 10. MAI

∞ 09:30 Uhr ∞

Der gut aussehende Mann mit mediterranem Einschlag dachte für sich, dass es die absolut richtige Entscheidung gewesen war, nicht in irgendein x-beliebiges Kaffeehaus, sondern in das erste Haus am Platze mit seiner fast dreihundertjährigen Tradition für Delikatessen und Kaffee gegangen zu sein. Dieses lag aus touristischer Sicht absolut zentral in der Innenstadt, nur einen Steinwurf weit entfernt vom Marienplatz. Die Auswahl an verschiedensten hochwertigen Kaffeesorten war exzellent und hatte ihn innerhalb weniger Tage nun schon zum dritten Mal hierher gelockt. Momentan genoss er eine Spezialität aus Papua-Neuguinea, die zu den besten Gourmet-Kaffees der Welt zählte. Aromatisch-würziger, vollmundiger Geschmack, mit feiner Kaffeesäure und weichem Abgang. Und er war jeden Euro seines Preises wert.

Der Mann war ein erstklassiger und in Fachkreisen höchst anerkannter Kaffeekenner, der in seinem offiziellen Leben wie kaum ein anderer über Kenntnisse zu Geschichte, Anbau und Ernte von Kaffeebohnen einerseits und natürlich auch zu deren Veredelung, Röstung und Aromasicherung verfügte. Darüber hinaus war er auch ein absoluter Liebhaber dieses Getränks. Stundenlang hätte er sich diesem Genuss hingeben und darüber sinnieren können, wie die verwendeten Bohnen in ihren Plantagen monatelang im richtigen Klima vor sich hin reiften, nur um dann irgendwann geerntet und eigens für ihn zu hochwertigem Kaffee verarbeitet zu werden.

Langsam ließ er das Münchner tagblatt sinken und trank einen weiteren Schluck seiner zweiten Tasse, die ihm die Bedienung mittleren Alters vor wenigen Momenten hingestellt hatte, nicht ohne ihn mit einem sehnsüchtigen Blick von der Seite zu betrachten. Üblicherweise entgingen ihm solche Blicke nicht, denn er kannte durchaus seine Wirkung auf das weibliche Geschlecht und nutzte diese auch regelmäßig aus, wenn ihm danach war.

Auch wenn er für Außenstehende den Anschein erweckte, nur die Aussicht auf den kleinen Park hinter dem Rathaus und das Aroma seines Getränks zu genießen, so hatte er in Wirklichkeit jedoch nur Augen für die eine Schlagzeile auf Seite eins der Zeitung. In seinem Inneren kochte es fast so heiß, wie der Kaffee war, an dem er eben noch genippt hatte. Die Kellnerin wäre entsetzt gewesen, hätte sie auch nur ansatzweise seine aktuellen Gedanken lesen können, die sich gegenwärtig mit den Problemen seiner eigentlichen Profession befassten, denn im wahren Leben war der Mann Mitglied der sogenannten ehrenwerten italienischen Gesellschaft und verdiente sein wirkliches Geld als Spezialist für die Erledigung von Sonderaufträgen jeglicher Art.

In der Zeitung stand, dass irgendjemand die Kleine also umgebracht hatte, bevor er sie in seine Finger bekommen konnte. Und derjenige war jetzt wahrscheinlich auch im Besitz des Geldes, das in seinem Rucksack versteckt gewesen war. Jedenfalls war weder der gestrigen Pressekonferenz noch dem Artikel zu entnehmen gewesen, dass dieser Rucksack von der Polizei sichergestellt worden wäre, denn der zuständige Beamte hatte lediglich erklärt, dass bislang keine Anhaltspunkte über die Identität des Mädchens vorlägen. Außer ihrer Kleidung seien keinerlei Gegenstände bei dem Leichnam aufgefunden worden. Dieses Geld musste er in jedem Falle schnell wiederbekommen, sonst würde es ihm schlecht ergehen. Es war ihm ausgehändigt worden, damit er es sicher nach Hannover brachte und dort einer weiteren Kontaktperson übergab. Seine Auftraggeber würden sehr ungehalten reagieren, wenn er versagte.

Aber noch war nichts verloren. Er hatte einen guten Informanten in den Reihen der Münchner Ermittlungsbehörden. Der müsste jetzt endlich mal zeigen, dass er das viele Geld auch wert war, das ihm seit Jahren von der Organisation für Kleinigkeiten bezahlt wurde. Wenn nähere Erkenntnisse über den Täter vorlägen, müsste er diesen dann nur vor der Polizei erwischen. Das traute er sich schon zu, denn der verantwortliche Ermittler hatte gestern vor der Kamera keinen guten Eindruck gemacht, obwohl man sich da natürlich leicht täuschen konnte. Jedenfalls musste er seinen Fehler umgehend korrigieren, sonst würde man ihm das Licht ausdrehen.

Er trank seinen restlichen Kaffe aus, legte einen passenden Schein auf den Tisch und verließ das Café auf der Suche nach einem der wenigen intakten Münzfernsprecher, nicht ohne der Kellnerin dann doch noch einen tiefen Blick in seine dunkelbraunen Augen zu gönnen, nur um nicht aus der Übung zu kommen.

∞ 09:30 Uhr ∞

Renan Kaya war stocksauer, zum einen natürlich über ihren Redakteur, in allererster Linie aber über sich selbst.

Engel hatte sie gestern um die Mittagszeit zu Hause angerufen und ihr den Auftrag erteilt, etwas über den Mord an diesem Mädchen aus dem Luitpoldpark zu schreiben, von dem der lokale Kabelsender schon recht früh morgens berichtet hatte. Sie hatte ihm natürlich erklärt, dass das ja überhaupt nicht ihr Ding wäre und sie schließlich keine Kriminalreporterin sei. Das war Engel aber offensichtlich momentan völlig wurscht. Er hatte ihr klar gemacht, dass sie mal wieder ihre Situation und ihren Marktwert völlig falsch interpretiere. Der Begriff „freie Mitarbeiterin“ bedeute nämlich keineswegs, dass sie eine in ihren Entscheidungen „freie“ Mitarbeiterin sei. Wenn sie also weiterhin Interesse daran habe, regelmäßig und mit der Sicherheit auf angemessene Bezahlung für das tagblatt schreiben zu dürfen, dann solle sie gefälligst schnellstens ihren hübschen Hintern in Bewegung setzen und zu der Pressekonferenz fahren, die von der Staatsanwaltschaft bereits für den Nachmittag anberaumt worden war. Dieser überraschend frühe Zeitpunkt lasse darauf schließen, dass schon handfeste Informationen vorlägen, denn ohne solche würde Bubi Sachser niemals vor die Mikrofone treten.

Und darüber hinaus hatte Engel deutlich eine weitere Erwartungshaltung formuliert, wonach sie gefälligst die persönliche Beziehung zu ihrem Freund Stefan Bond ausnutzen solle, der ja als Leiter des Münchner Mordkommissariats schließlich als erster über sämtliche Informationen verfüge. Sie hatte ihm daraufhin ziemlich lautstark und keinesfalls mit den Worten einer Klosterschülerin erklärt, „er könne sie mal richtig heftig“, worauf er prompt und mit der ihm eigenen Schlagfertigkeit erwiderte, „da freue er sich aber wirklich schon lange drauf“, bevor sie dann das Gespräch wütend beendete.

Sie wusste, dass Engel sich danach lauthals lachend in seinem Chefsessel räkeln würde und er wusste, dass sie sich umgehend an die Arbeit machen würde. So ging das schon seit Jahren zwischen ihnen, war fast zu einem notwendigen Ritual geworden und irgendwie brauchte sie diese Form von Ansprache und Reiberei vorneweg, um danach auch wirklich gute Arbeit abzuliefern. Und außerdem war es auch mal wieder schön zu hören, dass wenigstens Engel ihren Hintern noch immer hübsch fand, wenn sich momentan schon sonst niemand dafür zuständig fühlte.

Natürlich war sie dann zu dieser Pressekonferenz gefahren. Als sie jedoch neben Oberstaatsanwalt Dr. Sachser und dem Pressesprecher des Präsidiums auch Stefan Bond in leicht gelangweilter Manier am Prominententisch sitzen sah, war ihr sofort klar, dass es heute nicht viel Berichtenswertes geben würde. Stefan war offenkundig dazu auserkoren, vor der versammelten Presse für Sachser den Kopf dafür hinzuhalten, dass noch keine konkreten Erkenntnisse vorlagen. Anderenfalls hätte der kleine Staatsanwalt die Show nämlich liebend gerne völlig alleine abgezogen.

Dennoch war Renan über die Anwesenheit ihres Freundes überrascht, weil dieser sich üblicherweise für solche öffentlichen Spielchen nicht hergab. Sie hatte diesen Gedanken noch nicht in aller Konsequenz zu Ende gebracht, da kam es auch schon wie von Anfang an vermutet. Der Kommissar erklärte kurz, bündig und nicht sehr entgegenkommend, dass es noch keine Anhaltspunkte zur Identität der Toten, keine Anhaltspunkte zur Identität des oder der Täter, keine gesicherten Anhaltspunkte zur endgültigen Todesursache oder zum Zeitpunkt gebe und darüber hinaus aus den berühmten ermittlungstechnischen Gründen erst recht nichts gesagt werden könne.

Hierüber doch reichlich erstaunt, stellten einige Kollegen der schreibenden Zunft die ganz und gar nicht unberechtigte Frage, ob sie hier verarscht werden sollten und weshalb sie überhaupt geladen worden wären, wenn es ohnehin noch nichts zu berichten gebe. Stefan Bond erwiderte hierauf mit süffisantem Lächeln, dass ER fürs Verarschen nicht zuständig sei und insoweit das Wort gerne an den ehrenwerten Oberstaatsanwalt zurückgebe. Sodann erhob er sich, zwinkerte ihr mit einem schelmischen Grinsen zu und verließ ohne weiteren Kommentar die Veranstaltung. Das war zweifellos ein überaus starker, an Melodramatik kaum zu toppender Abgang.

Sachser, mittlerweile mit hochrotem Kopf und ziemlich fassungslos über diese unerwartete Wendung, war völlig aus dem Konzept und nur noch in der Lage, ein paar inhaltslose Floskeln abzusondern. Dies wiederum stimmte das versammelte Pressecorps dann doch noch milde, denn den arroganten Bubi unvorbereitet mal so hilflos zu sehen, war vielen schon gerne mal eine informative Nullnummer wert. Aber diese öffentliche Demütigung würde er Stefan Bond so bald jedenfalls nicht vergessen.

Renan blieb also keine andere Wahl, als aus dem Nichts heraus einen Artikel für die erste Seite zu machen. Das tat sie dann auch mit vollem Elan. Und siehe da, es blieb auch völlig überraschend beim inhaltlichen Nichts, denn sie war halt nicht Jesus, der aus Wasser Wein machen konnte. Auf die Schnelle zusammengezimmert, lieferte sie kurz vor Abgabeschluss einen Bericht ab, der ihr selbst nicht richtig gefiel, aber das half ja jetzt auch nicht mehr weiter.

Natürlich war es vorhersehbar gewesen, dass sie sich noch gestern von dem jetzt auf einmal überhaupt nicht mehr lachenden Engel einen 1-A-Anschiss abholen konnte, und der kam dann auch prompt, ziemlich heftig und ohne zeitraubendes Vorgeplänkel. Da fielen die üblichen Floskeln wie „da bringt meine Tochter im dritten Schuljahr in einem Satz mehr Informationen rüber als du auf einer ganzen Seite“, oder „hat man dir nicht beigebracht, einem Informationsträger mal so richtig zwischen die Beine zu packen, damit er was ausspuckt?“. Manchmal ließ Engel doch tatsächlich seine durchaus rudimentär vorhandene Kinderstube ziemlich vermissen.

Jedenfalls hatte sie sich maßlos über ihre eigene Blödheit geärgert. Sie war doch wirklich kein journalistischer Backfisch mehr und hätte diese Entwicklung vorhersehen müssen. Da half es auch nicht, dass sie von vielen Leuten nach dem Erscheinen der Ausgabe auf ihren „guten Bericht“ angesprochen wurde. Journalistisch gesehen war das einfach nur Schrott gewesen, den sie aber so im Nachhinein nicht auf sich sitzen lassen konnte und letztendlich auch nicht wollte.

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