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Friesenlohn

Kurzbeschreibung

 

Stefan Wollschläger

 

Friesenlohn

 

  

© 2018 Stefan Wollschläger

Cover: Steve Cotten

Alle Rechte liegen beim Autor

  

 

*

Mitgegangen, mitgehangen

An einer Bushaltestelle finden die Wartenden einen Koffer mit 300.000 Euro. Sie teilen das Geld auf, jeder fährt mit 50.000 Euro nach Hause. Am nächsten Tag beginnen die Probleme.

Hauptkommissarin Diederike Dirks untersucht derweil den Tod eines jungen Mannes, der mit seinem Porsche verunglückt ist. Doch es bleibt nicht bei dieser Leiche, bald wird auch die Norderneyer Hoteldirektorin Alida Ennen tot aufgefunden. Dirks muss nicht nur ein Bild aus scheinbar unzusammenhängenden Puzzlesteinen zu einem Ganzen fügen, sondern auch noch ein schicksalhaftes Versprechen einlösen.

Friesenlohn“ ist ein ausgeklügelter Krimi mit vielen Rätseln und spannenden Wendungen.

1. Bushaltestelle

Kai Wiemers raste in dem schwarzen Porsche über die B72. Bisher hatte es nicht viele Hindernisse auf seiner Spur gegeben, aber nun tuckerte dort ein großer Traktor. Kai lenkte den Sportwagen erst viel zu spät auf die Gegenfahrbahn und blieb dort. Auch als ihm ein Lastwagen entgegenkam. Das Signalhorn dröhnte laut und Kai riss im letzten Augenblick das Lenkrad herum.

Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn. Es tat gut, so etwas wie Kälte zu spüren. Kai fasste mit der rechten Hand an seinen Bauch, und als er sie zurückzog, war sie blutrot. Also war er doch stärker verletzt, als er angenommen hatte.

Er legte wieder beide Hände ans Steuer, um den Wagen stabil zu halten. Das Blut verteilte sich schnell auf dem Lenkrad und es fühlte sich rutschig an.

Vielleicht konnte er aber auch einfach nicht mehr richtig zugreifen. Er war so müde, funktionierte nur noch automatisch. Sein Verstand sagte ihm, dass er dringend ins Krankenhaus musste, aber er hatte keine Ahnung, wo das war. Es war ihm unmöglich, irgendeine Entscheidung zu treffen.

Das war aber auch egal, wenn er draufging. Alles Wichtige hatte er erledigt: Er hatte den Koffer versteckt und die Person benachrichtigt, die ihm wirklich etwas bedeutete. Kai lächelte. Er hatte sein Leben verschwendet, aber nun noch einmal die Möglichkeit gehabt, etwas Gutes zu tun. Er hätte nicht gedacht, dass man im Angesicht des Todes begriff, was tatsächlich zählte. So war es gut, so hatte das alles wenigstens einen Sinn.

Das Auto auf der Gegenfahrbahn hupte und für einen Moment durchströmte Kai noch einmal genug Adrenalin. Vielleicht konnte er es ja noch ins Krankenhaus von Norden schaffen. Kai drückte das Gaspedal durch und der Motor jaulte auf. Die Tachonadel stieg auf 160 Stundenkilometer. Er zwang sich, wieder auf die Straße zu achten. Doch da war keine Straße mehr. Vor ihm erschien ein Baum und Kai Wiemers knallte mit voller Wucht dagegen.

*

Die Junisonne schien warm und es waren nur kleine Wolken am Himmel zu sehen. Fee Rickels wanderte einen schmalen Feldweg entlang. Der Rucksack war viel zu groß für eine Tagestour, aber sie wollte das vertraute Gefühl der dicken Träger nicht missen. Wie in den letzten Wochen hatte die Zweiundzwanzigjährige kaum Make-up aufgetragen. Die rote Farbe in ihren Haaren war ausgeblichen und brauchte dringend eine Erneuerung, aber sie hatte sich noch nicht entschieden, welcher Ton am besten zu ihrem neuen Leben passte. Eigentlich wollte sie schon immer mal blaue Haare haben, so wie der ostfriesische Himmel um sie herum, doch das würde an ihrem Arbeitsplatz wahrscheinlich nicht gerne gesehen werden.

Erfreut stellte Fee fest, dass ihr der Gedanke an den Alltag nicht mehr solche Angst machte wie noch heute Morgen. Die Wanderung hatte ihr etwas von der Zuversicht zurückgebracht, die sie in Spanien auf dem Jakobsweg gefunden hatte. Ich sollte zurück nach Aurich, dachte sie. Ich muss noch Lebensmittel einkaufen. Ihr Kühlschrank war leer. Leider auch ihr Konto, aber irgendwie würde sie es schon bis zum Ende des Monats schaffen.

Fee hielt nach der Hauptstraße Ausschau. Eigentlich dürfte sie nicht so weit von der B72 entfernt sein, schließlich war sie die meiste Zeit über den Weihekreuz-Zeichen des Ostfriesland-Pilgerweges gefolgt. Ihr Blick blieb an einer großen Windmühle hängen. In der Nähe würde sie bestimmt eine Bushaltestelle finden.

Wenig später hörte sie Autos über eine Landstraße rauschen. Bald erreichte sie auch ein Wartehäuschen mit einer blauen Haltestelle des Verkehrsverbundes Ems Jade. Dort standen schon einige Leute, das war ein gutes Zeichen dafür, dass in Kürze ein Bus kam.

Sie war lange nicht mehr Bus gefahren, seit der Schule nicht mehr. Zu ihrer Arbeit kam sie mit dem Fahrrad, alle anderen Touren hatte sie zusammen mit Eiko gemacht. Er hatte das Auto in ihre Beziehung eingebracht und sie die Wohnung. Nun, jetzt muss ich mir eben selbst ein Auto kaufen. Sie hatte keine Ahnung, worauf sie dabei achten sollte. Ihren Vater wollte sie nicht fragen, denn dann würde sie mit einem Auto enden, das sie garantiert nicht haben wollte. Außerdem befanden sich ihre Eltern gerade auf Mallorca.

Fee betrachtete die anderen Leute an der Haltestelle. Im Wartehäuschen stand ein Kinderwagen und die Bank war voll besetzt. Die hübsche Blondine war offensichtlich die Mutter des Jungen, in der Mitte saß eine sehr gepflegte ältere Dame in einer Wolke Kölnisch Wasser und ganz in der Ecke kauerte eine junge dunkelhaarige Frau mit übergroßen traurigen Augen. Fee konnte sich an sie erinnern, diese Augen hinterließen Eindruck. „Mine! Das ist ja eine schöne Überraschung.“

„Fee?“ Mine versuchte zu lächeln, doch ihr Gesichtsausdruck war müde und kraftlos.

„Wie lange ist das jetzt her? Du bist nach der zehnten Klasse abgegangen. Was hast du seitdem gemacht?“

„Dies und das“, erwiderte Mine mit dem Enthusiasmus einer toten Taube.

Fee begriff, dass sie lieber alleingelassen werden wollte. Warum nicht? Sie hatten zwar ein paar Jahre lang im selben Klassenzimmer gesessen, aber wirklich nahe waren sie sich nie gewesen. Nur einmal hatte Fee sie auch außerhalb der Schule auf einer Party getroffen, zu der Mine Muffins mitgebracht hatte. Ich habe seitdem nie wieder so leckere Muffins gegessen. „Man sieht sich.“

Fee wandte sich dem Fahrplan zu. Um 17:22 Uhr sollte der Bus kommen, das war in sieben Minuten. Sie stellte sich außerhalb des Wartehäuschens neben einen Mann mit einer großen Fototasche. Er betrachtete sie nervös, aber so reagierte er wohl auf jede Frau. Insgesamt war es eine ausgeglichene Gemeinschaft von Wartenden. Niemand kam dem anderen zu nahe, alle guckten aneinander vorbei. Fee wuchtete sich den schweren Rucksack von den Schultern und stellte ihn ab.

An der Seite des Häuschens war eine Werbung für die Mühle angebracht. Restaurant Friesenflügel stand dort in geschwungenen weißen Lettern auf blauem Grund. Café, Restaurant, Hochzeiten und Familienfeiern. Wahrscheinlich kamen die anderen Wartenden gerade von dort, schließlich war perfektes Ausflugswetter. Sollte sie sich die Mühle mal ansehen? Ein großes Hefeweizen nach der Wanderung wäre jetzt genau das Richtige. Doch der Gedanke an ihr Konto machte Fee die Entscheidung leicht. Wenn sie jetzt auf das Hefeweizen verzichtete, konnte sie in den nächsten fünf Tagen zu Hause eins trinken.

Die Musik war erst leise, aber wurde schnell lauter. Aus einem getunten Auto mit getönten Scheiben schallte der Sommerhit „Despacito“ und der Bass dröhnte so ohrenbetäubend, dass die Einzelteile vibrierten. Der Mini-Rennwagen hielt genau vor ihnen. Die ältere Dame und die junge Mutter guckten sich entrüstet an, doch der kleine Junge im Kinderwagen wippte fröhlich im Rhythmus der Musik.

Die Beifahrertür ging auf und die Lautstärke verdoppelte sich. Ein junger Kerl stieg aus. Er trug die bunte Kleidung eines drei Meter großen Basketballspielers und die Goldkette vom Papst. Er schloss die Tür wieder und die Musikbox preschte davon.

Der Typ lächelte nervös. Er erachtete es offensichtlich unter seiner Würde, mit dem Bus zu fahren, und hatte Schwierigkeiten, mit dieser Schande klarzukommen. „Das Auto ist von meinem Bruder“, erläuterte er. „Ich hab auch so eins, aber das ist in der Werkstatt.“ Er untermalte seine Worte mit weit schweifenden Hip-Hop-Gesten, dadurch bekam er wenigstens etwas Bewegung an der frischen Luft.

Fee beschloss, ihn zu ignorieren.

„Ich bin Yasha, und wer bist du?“

Fee brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass er sie angesprochen hatte. Für solche Situationen hatte sie sich einen vernichtenden Blick angewöhnt, bei dem sie sich am Todesstern aus Star Wars orientierte.

Yasha wandte sich dem nächsten weiblichen Wesen zu. Eine Mutter war ihm wohl zu kompliziert, also blieb nur noch Mine übrig. „Und wer bist du, Hübsches? Coole Augen.“

Mine wusste gar nicht, wie sie reagieren sollte.

„Na, du bist ja nicht gerade eine Stimmungsspritze.“

„Lass sie in Ruhe!“, rief Fee. Alle waren jetzt nervös und blickten Yasha angespannt an. Fee hoffte, dass der Bus bald kommen würde.

Yasha drehte sich zu dem Kinderwagen. „Und der Kleine, wie heißt der?“

„Jorin“, antwortete die blonde Mutter wenig begeistert.

Yasha beugte sich hinab und lachte Jorin an. Weil er zurücklachte, entspannte sich seine Mutter etwas.

„Du hast ja einen schicken Teddybären.“ Yasha nahm das braune Stofftier in die Hand und ließ es lebendig werden.

Jorin giggelte, also schwieg die Mutter und auch Fee wollte deswegen nichts sagen.

„Wusstest du, dass dein Bär fliegen kann?“, fragte Yasha das Kind.

„Bitte nicht“, sagte die junge Mutter, doch wahrscheinlich waren Yashas Ohren durch die laute Musik bereits nachhaltig beschädigt. Er warf den Teddy vor Jorin in die Luft und dieser dankte es ihm mit zuckersüßem Lachen.

Auch Fee lächelte. So nervig Yasha mit Erwachsenen war, mit Kindern konnte er offensichtlich gut umgehen. In seinen übergroßen Klamotten sah er ja auch aus wie ein Clown.

Yasha warf das Plüschtier noch ein paarmal nach oben und Jorin amüsierte sich köstlich. Wie gebannt verfolgte er, wie der Teddy immer höher flog und immer wiederkam. Yasha trat noch einen Schritt zurück, damit der Stoffbär noch weiter fliegen konnte. „Guck mal!“

Jorin war außer sich vor Glück.

Yasha schleuderte den Teddy höher als jemals zuvor, doch plötzlich kam der Bär nicht mehr wieder. Jorin begriff das als Erster und heulte los.

„Du hast ihn auf das Dach vom Wartehäuschen geworfen, du Vollidiot“, herrschte Fee Yasha an.

Jorin brüllte aus tiefster Seele und Yashas Blick offenbarte, dass er keinerlei Idee für eine Lösung hatte.

„Hol den Teddy wieder!“, rief Fee.

„Nein, lass nur.“ Die Mutter wackelte wild am Kinderwagen und versuchte Jorin dadurch zu beruhigen. „So schlimm ist das nicht.“

Jorin kreischte immer gnadenloser.

„Na gut, ich kümmer mich um das Teil“, kündigte Yasha an und schaute an der Seite des Wartehäuschens hoch, um herauszufinden, wie er dort am besten raufkäme.

„Wir helfen dir.“ Fee tippte den Mann mit Fototasche an. Sie bildeten mit den Händen eine Räuberleiter und schließlich kletterte Yasha über die Schultern des Fotografen auf das Dach des Bushäuschens. Fee war überrascht über das plötzliche Gemeinschaftsgefühl der kleinen Gruppe. Hoffentlich würde der Bus noch nicht sofort kommen.

„Tolle Aussicht von hier oben“, verkündete Yasha.

„Hol einfach den Teddy.“

Jorin heulte Rotz und Wasser.

„Was machst du so lange da oben?“ Fee versuchte zu sehen, was Yasha trieb.

„Ich hab den Bären“, rief Yasha. „Aber hier ist noch etwas anderes.“ Er kletterte wieder über das Dach und der Fotograf half ihm, so gut er konnte.

Yasha hielt neben dem Teddy auch noch einen schwarzen Aktenkoffer in der Hand. Er übergab dem Knirps das Plüschtier, und als ob er dadurch einen Schalter umgelegt hätte, strahlte Klein-Jorin wie die Sommersonne. Erleichterung machte sich breit und ein gewisser Stolz bei allen Beteiligten über die erfolgreich vollendete Mission.

„Was ist in dem Koffer?“, fragte die alte Dame.

„Keine Ahnung, aber schaut schick aus, das Ding, was?“

Er sah tatsächlich ziemlich neu aus und war offenkundig aus echtem Leder.

„Nun mach schon auf.“ Fee und der Fotograf kamen näher.

In der Mitte hatte der Koffer ein Zahlenschloss, aber das war schon beschädigt. Beide Verschlüsse schnappten problemlos auf. Yasha öffnete den Koffer und Fee traute ihren Augen nicht.

„Ach du meine Fresse – das ist ja Geld!“ Bevor Yasha den Koffer wieder schließen konnte, zog der Fotograf ein Bündel heraus. „500-Euro-Scheine!“ Er wedelte mit dem schmalen Päckchen. „Das hier sind 10.000 Euro!“

„Und wie viele davon sind da drin?“ Fee stierte Yasha an, doch der hielt den Koffer fest bei sich.

„Ich habe das Ding gefunden, also gehört das Geld mir.“ Yasha drehte sich zum Fotografen. „Gib mir sofort das Bündel.“

„Blödsinn. Du musst das Geld bei der Polizei abgeben.“ Fee nahm ihr Smartphone aus der Tasche, um diese verrückte Situation auf Video festzuhalten. „Du hast höchstens Anrecht auf Finderlohn.“

„Aber du hast das Geld nur durch unser Mitwirken gefunden“, warf der Fotograf ein. „Ohne uns wärst du niemals auf das Bushäuschen geklettert. Ich will also auch einen Anteil vom Finderlohn.“

„Hört auf, euch zu streiten.“ Die ältere Dame lachte gehässig. „Das Geld ist sowieso nicht echt.“

„Falschgeld?“ Der Fotograf war enttäuscht. „Dann wird es die Polizei sofort aus dem Verkehr ziehen.“

Fee stoppte die Aufzeichnung und nahm dem Fotografen das Geldscheinbündel ab. „Ich arbeite im Modehaus Silomon. Da bekommen wir öfter mal einen 500-Euro-Schein.“ Sie nahm die oberste Banknote in die Hand, befühlte die Wertzahl und die Fenster der abgebildeten modernen Architektur und betrachtete sie im Gegenlicht. „Stichtiefdruck, Sicherheitsfaden, Wasserzeichen, Farbwechsel.“ Sie verglich sie mit dem zweiten Schein. „Auch die Seriennummern sind unterschiedlich. Damit könnte man bei mir einkaufen.“

Yashas Augen leuchteten. „Und wie viel wäre der Finderlohn?“ Er öffnete den Aktenkoffer wieder.

Darin waren weniger Geldbündel, als Fee nach dem ersten Anblick erwartet hatte, trotzdem summierte sich das Geld. „Das sind dreißig Bündel, also insgesamt 300.000 Euro. 10 Prozent Finderlohn bedeuten 30.000 Euro.“

Yasha strahlte. „Gut, dass ich heute Bus fahren musste.“

„Vergiss nicht, dass wir das Geld zu dritt gefunden haben.“ Der Fotograf blickte verschwörerisch zu Fee. „Am besten geben wir den Koffer gleich zusammen bei der Polizei in Aurich ab.“

„Nun macht aber halblang“, rief die Mutter. „Der Möchtegern-Rapper ist nur auf das Bushäuschen geklettert, weil er den Teddy meines Sohnes da hoch geschmissen hat. Ich habe also auch Anrecht auf das Geld.“

Die ältere Dame lachte spöttisch. „Wenn das so ist, müssen wir alle beteiligt werden. Selbst ich wäre auf das Dach gestiegen, damit das Kind endlich Ruhe gibt.“

„Was soll das“, beschwerte sich Yasha. „Wenn wir den Finderlohn durch so viele Leute teilen, bleibt doch kaum noch was übrig.“

„Und wenn wir nicht den Finderlohn aufteilen, sondern alles?“, fragte der Fotograf.

Alle starrten ihn an.

„Wir sind insgesamt sechs Leute“, führte er weiter aus. „Bei 300.000 Euro sind das 50.000 Euro für jeden.“

„50.000 Euro“, flüsterte Yasha begeistert.

„Natürlich muss das unter uns bleiben.“ Die Stimme des Fotografen zitterte. „Niemand darf davon erfahren. Kein Wort zur Polizei.“

Jeder schaute den anderen an und suchte Bestätigung.

Aber das kann man doch nicht einfach machen, dachte Fee. Irgendjemandem gehört das Geld doch.

„Ich bin dafür“, sagte die ältere Dame.

Mine strahlte vor Hoffnung.

„Okay“, stimmte auch Fee zu. So musste sie sich wenigstens keine Gedanken darüber machen, wie sie durch den Rest des Monats kam.

Mine und auch die Mutter nickten.

„Jawoll!“ Yasha lachte. „Dann kann ich gleich noch ein paar Extras in mein Auto einbauen lassen.“

„Schnell, der Bus kommt“, mahnte der Fotograf und begann damit, die Geldscheinbündel zu verteilen. „Fünf Bündel für jeden. Das sind 100 Scheine.“

Das Geld verschwand in Windeseile in Yashas weiten Klamotten, im Kinderwagen der Mutter, in der Tasche des Fotografen und in Fees Rucksack. Nur Mine hatte nichts dabei und bekam ihren Anteil mitsamt dem Aktenkoffer, den sie mit beiden Armen umklammerte. Ihre Augen leuchteten, so als ob sie das erste Mal in ihrem Leben Glück gehabt hätte.

„Denkt daran, zu niemandem ein Wort!“, erinnerte sie der Fotograf.

„Ja, ja.“

Der blaue Bus hielt und mit einem Zischen öffnete sich die Tür. Jeder stieg einzeln ein, sie setzten sich weit voneinander entfernt in eine eigene Bank und niemand wagte es mehr, sich umzuschauen. Fees Herz klopfte aufgeregt. Wem gehörte das Geld wohl? Sie war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob das so eine gute Idee gewesen war, es aufzuteilen. Aber es war eine gemeinschaftliche Entscheidung gewesen und die anderen hatten es auch genommen. Mitgefangen, mitgehangen.

2. Geburtstag

Am Mittwochabend saß Hauptkommissarin Diederike Dirks im Innenhof des Restaurants Nuevo und trank einen kühlen Weißwein. Sie hatte einen Tisch für vier Personen reserviert, aber bisher war sie noch mit Jendrik alleine. Das war perfekt, sie genoss jede Minute mit ihm. Er lächelte einnehmend und hielt ihre linke Hand so fest, dass sie unmöglich die Speisekarte greifen konnte, und stattdessen die feine Maserung seiner gewitterblauen Augen studierte. Über ein halbes Jahr war sie mit dem Sportjournalisten der Ostfriesen-Zeitung zusammen und die Schmetterlinge in ihrem Bauch hatten sich stets vermehrt. All die Jahre hatte sie sich damit abgefunden, niemals einen Freund zu haben, und dann hatte sie ihr Glück ausgerechnet in ihrer alten Heimat Ostfriesland gefunden.

„Da ist ja das Geburtstagskind!“ Die tiefe Stimme von Oskar Breithammer schallte durch den Hof. „Herzlichen Glückwunsch, Diederike.“

Dirks stand auf und umarmte ihren Assistenten, genauso wie seine Freundin. Folinde Fries, eine umwerfend attraktive rothaarige Schönheit, hielt sie länger fest als erwartet und Diederike spürte ihre ganze Herzlichkeit und Oskars Glück.

Auch von den Nachbartischen her gratulierte man ihr. Eigentlich mochte es Diederike gar nicht, im Mittelpunkt zu stehen, aber dieses Jahr war alles anders. Sie war heute auch schon bei ihrem Vater gewesen und hatte einen schönen Nachmittag mit ihm verbracht, das hätte sie noch vor ein paar Monaten auch nicht für möglich gehalten. Im Augenblick war alles perfekt. Alles soll so bleiben, wie es gerade ist, wünschte sich Diederike. Nichts soll sich ändern.

Sie setzten sich alle an den Tisch und der Kellner verteilte die Speisekarten.

„Gab es eigentlich heute irgendetwas Interessantes bei eurer Arbeit?“, fragte Jendrik beiläufig. „Oder sind auch die Verbrecher im Sommerurlaub?“

„Genau, das ist die Erklärung dafür, dass gerade so wenig los ist.“ Diederike lachte.

„Die Kollegen mussten sich heute um einen Unfall mit Todesfolge kümmern“, erzählte Oskar. „Ein Porsche hat sich mit über 160 Sachen um einen Baum gewickelt.“

Folinde blickte entsetzt auf. „Das ist ja schrecklich.“

Jendrik nickte. „Trotzdem wird solch eine Zeitungsmeldung immer gerne von den Leuten gelesen. Das ist die unbewusste Schadenfreude der Masse, wenn es jemanden der oberen Zehntausend trifft.“

„Explodiert ein Auto nicht, wenn es so schnell irgendwo gegen fährt?“, fragte Folinde.

„Das ist nur in Filmen so“, erwiderte Oskar. „In Wirklichkeit brennen Autos nur noch selten. Das geschieht bloß, wenn Benzin ausläuft, aber die Tanks werden heute sehr sicher gebaut.“

Sie wählten sich ihre Speisen aus. Nachdem sie bestellt hatten, wandte sich Folinde an Diederike. „Wie geht es eigentlich mit dir und Jendriks Familie voran? Verstehst du dich inzwischen besser mit ihnen?“

„Leider nicht.“ Diederike dachte mit Grausen an die beiden Male, bei denen Jendrik sie anlässlich von Familienfeiern nach Altfunnixsiel mitgenommen hatte. „Seine fünf Geschwister sind ja ziemlich umgänglich, aber Jendriks Mutter kann es kaum ertragen, mit mir zusammen in einem Raum zu sein. Meine Anwesenheit erinnert sie einfach noch zu sehr an den Tod ihrer jüngsten Tochter.“

„Das wird schon.“ Jendrik legte Diederike die Hand auf das Bein. „Mit der Zeit wird sie dich akzeptieren.“ Mehr oder weniger galant wechselte er das Thema. „Dafür war unser Kurztrip nach Berlin zum DFB-Pokalendspiel grandios“, erzählte er. „Fast perfekt. Es wäre nur schön, wenn es Werder Bremen mal wieder ins Finale schaffen würde.“

„Darauf trinke ich!“ Oskar hob sein Bier.

„Und gibt es bei euch etwas Neues?“, fragte Diederike Folinde.

„Bei uns? Nö.“ Oskar trank sein Pils in einem Schluck aus und orderte ein neues. „Alles bestens, könnte nicht besser laufen.“ Er strahlte über das ganze Gesicht.

Auch Folinde grinste, aber Diederike hatte schon zu viel Zeit in Verhörzimmern verbracht, um dieses Grinsen voreilig als Zustimmung zu missdeuten. Allerdings hakte sie nicht nach. Was auch immer zwischen Oskar und Folinde war, die beiden würden damit schon klarkommen.

Die vier genossen das gute Essen und lachten viel. Nach einer Weile kam die Zeit, um Platz für neue Getränke zu schaffen. Bisher hatte es Diederike immer erfolgreich vermieden, mit Folinde gemeinsam zur Toilette zu gehen. Oskars Freundin war einfach zu offenherzig und Diederike hatte Angst vor den Fragen, die ihr die Lehrerin in solch einer intimen Umgebung stellen könnte. Aber heute war ihr Geburtstag und sie wollte großzügig sein.

Als sie die Tür zum Bad öffneten, fühlte sich Dirks dennoch dazu genötigt Folinde die Grenzen aufzuzeigen. „Ich werde nicht mit dir über Sex reden!“

„Schade“, sagte eine Frau am Waschbecken, die sich gerade den Lippenstift zurechtzog.

„Als wenn es bei mir immer um Sex gehen würde.“ Genervt holte Folinde eine Zeitungsseite aus ihrer Handtasche und faltete den Artikel vor Diederike auf. Auf dem Foto war ein freundlicher Mann Ende vierzig zu sehen, dessen Brille etwas zu groß war. Er wirkte äußerst adrett, machte aber gleichzeitig einen etwas langweiligen Eindruck. Seinen Arm hatte er um eine hübsche, unsicher lächelnde Frau gelegt, die ein Businesskostüm trug und vielleicht zehn Jahre jünger war. „Alida Ennen und Hannes Kegel sind das neue Traumpaar von Norderney. Nach nur sechs Wochen verlobt sich der Millionär mit der Direktorin eines seiner Hotels.“

„Und?“, fragte Dirks.

„Ich fasse es nicht“, ereiferte sich Folinde. „Genauso hat Oskar auch reagiert. Eure Kombinationsgabe funktioniert anscheinend nur bei Mord und Totschlag.“

Diederike las noch mehr von dem Artikel. Es war eine hübsche Liebesgeschichte, aber was sollte das mit Oskar und Folinde zu tun haben? Die Frau, die sich den Lippenstift erneuert hatte, streichelte mitfühlend Folindes Schulter und verließ das Bad, offensichtlich hatte sie mehr begriffen.

„Du schuldest mir was, Diederike. Ich bin nur deinetwegen in dieser Situation.“

„In was für einer Situation?“

„Erinnerst du dich nicht? Es war beim Doppelkopfspielen in Oskars Wohnung. Damals hast du mir gesagt, dass Oskar eine Beziehung furchtbar ernst nimmt, und ich habe mich darauf eingelassen. Jetzt will ich das ganze Paket, aber Oskar versteht keine einzige meiner Andeutungen.“

„Du möchtest, dass Oskar sich mit dir verlobt?“

Folinde nickte. „Ich hätte das selbst niemals gedacht, aber ich will den nächsten Schritt gehen. Ich will Ringe an unseren Fingern, einen öffentlichen Schwur und die rechtliche Sicherheit. Ich bin bereit dazu, mit Oskar den Rest meines Lebens zu verbringen, aber ich will hören, dass er das auch will!“

„Warum bittest du ihn nicht um seine Hand? Du bist doch sonst so modern.“

„Bei so was ist das etwas anderes. Das muss von ihm kommen. Es wäre schön, beim Essen zu sitzen, der Kellner bringt ein Glas Champagner und darin befindet sich ein Verlobungsring.“

Diederike verstand, was sie meinte. Im Prinzip war das wie ein Rollenspiel, auf das sich Folinde eingelassen hatte. Sie war bereit dafür, die Ehefrau zu spielen. Aber auch Oskar musste seinen Teil erfüllen. Das stand ihm eigentlich auch; auf einem Mordkommissionsabschlussgelage hatte er einmal offenbart, schon als Fünfjähriger seine Traumhochzeit geplant zu haben. Warum hatte er denn bisher nicht auf die Andeutungen seiner Freundin reagiert?

„Bitte hilf mir, Diederike. Du kannst Oskar bestimmt dazu bringen, sich mit mir zu verloben.“

Diederike traute ihren Ohren nicht.

„Du arbeitest jeden Tag mit ihm zusammen“, fuhr Folinde fort. „Wenn du ab und zu andeutest, wie schön es wäre, wenn wir verheiratet wären, dann hält er das bestimmt bald für seine eigene Idee.“

„Aber du weißt, wie ich bin. Ich sage die Dinge lieber direkt. Ich bin schrecklich darin, etwas hinten herum zu vermitteln.“

„Nein, Oskar soll auf keinen Fall wissen, dass das von mir kommt.“ Folinde schüttelte energisch den Kopf. „Du hast recht, wahrscheinlich ist das keine gute Idee. Vergiss es einfach.“

Diederike blickte Folinde erleichtert an. Trotzdem wäre es schön, wenn Oskar und Folinde heiraten würden. Die beiden passen so wundervoll zusammen. Jetzt hatte sich die Idee in ihr festgesetzt und sie würde sie nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Diederike seufzte. „Ich mache es.“

„Wirklich?“ Folinde fiel ihr um den Hals. „Danke, du bist die Beste!“

Diederike lächelte. Es konnte doch nicht so schwer sein, Oskar von etwas zu überzeugen, was er ohnehin wollte. Außerdem hatten sie sowieso gerade keinen ernstzunehmenden Fall, da stellte diese Aufgabe eine interessante Herausforderung dar.

Wenig später kehrten sie gemeinsam zu den Männern zurück. Oskar nickte Diederike zu. „Ich weise dich nur ungern darauf hin, aber dein Diensthandy hat gerade geklingelt.“

Diederike holte das Smartphone aus der Jackentasche und schaute auf den Anrufer. „Das ist die Gerichtsmedizin aus Oldenburg.“ Sie war zu pflichtbewusst, um den Anruf zu ignorieren. Am besten bekam sie ihn aus dem System, wenn sie zurückrief, um zu erfahren, worum es ging.

Bereits nach dem ersten Freizeichen nahm auf der anderen Seite jemand ab. „Professor Doktor Tannhausen.“

„Moin, hier ist Kriminalhauptkommissarin Dirks.“

„Man hat mir gesagt, dass Sie heute Geburtstag haben. Es tut mir leid, Sie an solch einem Freudentag zu stören.“ Der Spezialist redete mit dem Charme einer Leiche, die Arbeit färbte eben auf jeden ab. „Herzlichen Glückwunsch.“

„Danke. Aber weswegen rufen Sie wirklich an?“

„Heute wurde hier ein Unfallopfer eingeliefert, ein Porschefahrer. Ich weiß jetzt, warum er die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hat.“

„Zu viel Alkohol im Blut?“ Aber dann würde er sie nicht extra anrufen.

„Nein, es handelt sich um eine unnatürliche Todesursache. Erschöpfung durch Blutverlust. Der junge Mann hat eine Stichwunde im Bauch.“

Dirks schluckte. „In Ordnung. Machen Sie Ihren Bericht fertig. Ich werde mich morgen früh sofort damit beschäftigen.“

*

Fee saß im Wohnzimmer auf dem Sofa und starrte dorthin, wo früher einmal der Fernseher gewesen war. Es wäre schön, sich jetzt durch irgendeine Vorabendserie berieseln zu lassen und eine kleine Geräuschkulisse zu haben. Im Moment hörte Fee nur die runde Plastikuhr an der Wand ticken, von der Eiko immer behauptet hatte, sie würde nicht ticken.

Auf dem Couchtisch lagen die fünf Geldbündel. Daneben stand eine große Packung Kelloggs Cornflakes, die sie gerade im Supermarkt gekauft hatte. Es war ein schönes Gefühl, nicht mehr nur die Eigenmarken in den Einkaufswagen zu packen. Ab jetzt würde es wieder Nutella geben! Für ihr erstes Schlemmermahl hatte sich Fee nicht von ungefähr für ein Frühstück entschieden. Cornflakes mit frischem Obst hatte sie auch immer während ihrer Reise gegessen.

Sie zerknusperte glücklich das Essen und erinnerte sich an Spanien. Auch wenn sie dafür all ihre Urlaubstage verbraucht hatte, war es kein Urlaub gewesen. Sie war den Jakobsweg gegangen, einfach wandern, vergessen und sich neu orientieren. Am Ende hatte sie sogar geglaubt, es geschafft zu haben, dass ihr die Trennung von Eiko nichts mehr ausmachen würde. Aber als sie gestern Abend wieder hier angekommen war, hatte die alte Umgebung ihre Seele wie ein schweres Gewicht nach unten gezogen.

Obwohl Eiko nicht mehr da war, erinnerte sie alles an ihn. Fee hatte sich an seine Geräusche gewöhnt, daran, dass seine T-Shirts überall herumlagen, daran, dass er stets dreckiges Besteck in der Spüle liegen ließ und das Badezimmerhandtuch voll von Zahnpastaflecken war. Sie hatte immer behauptet, dass sie das störe, aber in Wahrheit war es niemals wichtig gewesen. Wenn sie eine Frage hatte, konnte sie einfach in die Wohnung rufen und eine mehr oder weniger schlaue Antwort kam zurück, jetzt war sie alleine und es war still.

Genau das hatte sie heute Morgen nicht mehr ausgehalten und war wieder auf Wanderung gegangen. Und jetzt wollte schon wieder eine Träne in ihr Gesicht steigen.

Eiko war ihr erster Freund gewesen. Ein richtig cooler Typ, ein Skateboarder. Die anderen Mädchen hatten ihr keinerlei Chance eingeräumt. Trotzdem war sie ihm extra zum Rockmusik-Festival nach Manslagt gefolgt. Der erste Abend war magisch gewesen, eine Flasche Bier zu viel und Eiko hatte sie zu seinem Zelt geschleppt. Fee konnte sich noch genau an das Lied erinnern, das von der Hauptbühne schallte, während sie dort lag. Seitdem waren sie unzertrennlich gewesen und nach der Schule sofort zusammengezogen. Nächste Woche wäre ihr vierjähriges Jubiläum gewesen, aber plötzlich wollte er nichts mehr mit ihr zu tun haben.

Was habe ich denn getan?“, schallte ihre verzweifelte Frage im Kopf wider.

Nichts“, hatte Eiko geantwortet. „Das ist es ja gerade. Jeder Tag ist gleich. Wir sind erwachsener als unsere Eltern. Ich bin zweiundzwanzig! Ich will noch nicht an meine Rente denken.“

Waren sie wirklich so festgefahren?

Fee schüttelte energisch den Kopf. Sie wollte sich das Hirn nicht schon wieder zermartern. Sie musste einen endgültigen Schlussstrich ziehen. „Ich trauere dir nicht mehr nach!“, sagte Fee mit zitternder, aber lauter Stimme. Ab jetzt würde sie nur noch nach vorne blicken.

Fee stand auf, ging in die Küche und schüttete die Altpapierkiste aus. Dann sammelte sie all die Dinge zusammen, durch die Eiko besonders an ihrem Leben klebte. Die Wanduhr, deren Ticken man definitiv hören konnte, seine Schallplatten, die letzten Kleidungsstücke, den Dosenöffner und das Skateboard, das er ihr geschenkt hatte. Wenn Eiko nicht mehr in ihrem Leben sein wollte, dann sollte er auch endgültig daraus verschwinden. Sie wollte ihn auf keinen Fall wiedersehen.

Fee stellte die Kiste in den Flur und schrieb Eiko eine Nachricht auf dem Smartphone. „Hol deine letzten Sachen morgen ab, wenn ich bei der Arbeit bin. Am Abend lasse ich das Türschloss austauschen, und wenn der Krempel bis dahin nicht weg ist, landet er im Müll.“

Erleichtert atmete Fee aus. Es tat gut, selbst die Initiative zu ergreifen. Besonders stolz war sie auf die Idee mit dem Türschloss. So musste sie Eiko nicht mehr gegenübertreten, um den Wohnungsschlüssel einzufordern.

Fee behielt das Handy in der Hand und ging zurück ins Wohnzimmer. Sie öffnete die Facebook-App und entfernte Eiko aus ihrer Freundesliste. Auch das tat gut. Selbst wenn es jetzt nicht mehr viele Menschen in ihrem Leben gab. Seit sie mit Eiko zusammen war, hatte sie keine anderen Freundschaften mehr gepflegt. Auch darin unterschied sich Eiko von ihr, der hatte immer seine Kumpels in der Skatehalle gehabt.

Aber vielleicht habe ich ja eine neue Freundin gefunden. Fee gab in der Suchleiste den Namen „Mine Conrads“ ein. Mit ihr hatte sie wenigstens 50.000 Euro gemeinsam. Insgesamt gab es drei „Mine Conrads“, aber alle hatten eindeutige Profilbilder. Selbst auf dem Facebook-Foto lächelte Mine äußerst zurückhaltend. Ihre großen Augen waren fantastisch und machten sie einzigartig. Etwas mehr Selbstbewusstsein und sie wäre wunderschön! Fee drückte auf das Feld „Freundschaftsanfrage senden“. Sie war gespannt, ob Mine darauf eingehen würde.

Fee legte das Smartphone beiseite und ließ die Gedanken schweifen. Ein Bild kam ihr in den Sinn von einem Kleid, das sie einmal nähen wollte. Und dann war da die Idee von einem eigenen Modeladen. Sie hatte lange nicht mehr daran gedacht, denn so etwas war ein viel zu großes finanzielles Risiko. Aber nun besaß sie 50.000 Euro und auf einmal fühlte es sich wieder gut an zu träumen. War das nicht die Chance, um sich selbstständig zu machen?

Fee holte sich ihren Skizzenblock und zeichnete auf, wie sie das Schaufenster haben wollte und die Eingangstür. „Fee's.“ Ihr Name sprach dafür, den Laden romantisch zu gestalten, nicht so modern und grau wie ein Modegeschäft von den großen Ketten. Die Kunden sollten sich bei ihr wohlfühlen und einen Kaffee trinken können und Sekt. Fee nahm ein neues Blatt und zeichnete einen Grundriss mit einer Sitzecke und einem Regal mit Modemagazinen. Sie wusste, dass das nicht wirtschaftlich gedacht war und sie den Platz lieber für das Ausstellen von Kleidung nutzen sollte, aber das war ihr egal. Jetzt war die Zeit, ihren Traum zu leben. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich über ihrem Gesicht aus, als sie in ihrer Vorstellung den Laden betrat und eine altmodische Türglocke ertönte. Es duftete herrlich und in einem Schaufenster stand eine Puppe mit einem Kleid, welches sie selbst genäht hatte. Unfassbar, dass dieser Traum Wirklichkeit werden konnte!

3. Unfallopfer

 

Als Diederike Dirks am Donnerstagmorgen ins Büro kam, war noch alles dunkel. Sie drückte den Lichtschalter und die Leuchtstoffröhren flackerten auf. Auf ihrem Schreibtisch stand der riesige Blumenstrauß, den ihr die Kollegen gestern überreicht hatten. Darunter wirkte der Aktenstapel mit den Berichten über den tödlichen Autounfall wie ein Geburtstagspräsent. Und wie bei einem richtigen Geschenk war Dirks gespannt darauf, was sich in der Verpackung verbarg.

Gestern, nach dem Anruf aus der Gerichtsmedizin, hatte sie so abgeklärt reagiert, wie sie es als Profi gerne wäre. Sie hatte doch jetzt ein Privatleben mit Jendrik und brauchte nicht mehr nur an die Arbeit zu denken. Doch in Wahrheit konnte sie sich nicht entspannen, wenn es einen Mord gegeben hatte. Jendrik hatte alles dafür getan, damit sie keinen Gedanken an ihre Arbeit verlor, aber in ihren Träumen war Dirks trotzdem mit voller Wucht gegen den Sous-Turm auf dem Auricher Marktplatz gefahren. Hoffentlich bin ich am Samstag entspannter, wenn ich mit Jendrik Ausgehabend habe.

Dirks brauchte Platz auf dem Schreibtisch und verbannte den Blumenstrauß in die Ecke neben den vertrockneten Ficus. Sie schlug den Unfallbericht auf und breitete die Fotos vor sich aus.

Der Porsche war weniger stark zerstört, als sie erwartet hatte. Der Fahrer war noch recht jung gewesen, vielleicht Mitte zwanzig. Dank des Airbags war sein Gesicht halbwegs intakt geblieben. Dirks schaute sich an, wie er im Anschnallgurt hing und danach auf der Bahre des Krankenwagens lag. Es tat weh, ihn dort zu sehen. Seltsamerweise wirkte er irgendwie zufrieden.

Dirks nahm den Plastikbeutel zur Hand, worin sich das Portemonnaie des Mannes befand. „Kai Wiemers“, las Dirks auf seinem Personalausweis, „25 Jahre alt. Graublaue Augen, 1,88 Meter groß.“ Außer dem Ausweis waren in der schwarzen Geldbörse noch seine Bankkarten, etwas Bargeld, eine alte Supermarktquittung und die Stempelkarte für einen Schnellimbiss. Die wirklich persönlichen Daten trug man mittlerweile alle im Smartphone mit sich und das hatten die Kollegen offensichtlich nicht gefunden.

Als Nächstes nahm sich Dirks den Autopsiebericht vor. „Todeszeitpunkt Mittwoch 15:17 Uhr. Die Bauchverletzung wurde ihm etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten früher zugefügt. Sie wäre nicht tödlich gewesen, wenn sofort ein Arzt gerufen oder die Wunde ordentlich verbunden worden wäre.“

Die Bürotür öffnete sich und Breithammer erschien. „Moin!“

„Auf deiner Wange ist Lippenstift.“ Dirks widmete sich wieder der Akte.

„Hast du bei unserem toten Porschefahrer auch schon etwas Besonderes entdeckt?“ Breithammer ging zu seinem Arbeitsplatz und hängte sein Jackett über die Lehne.

„Nicht hinsetzen!“

Breithammer fror in der Bewegung ein.

Dirks nahm einen Brieföffner in die Hand. „Kai Wiemers ist aufgrund einer Bauchverletzung ohnmächtig geworden. Die Wunde stammt von einem Messer, 14 cm lang, 3 cm breit. Im Autopsiebericht gibt es eine Skizze, die den Winkel zeigt, mit dem die Klinge eingeführt wurde.“ Sie ging zu Breithammer und hielt den Brieföffner an die Stelle, die die Zeichnung zeigte. „Das Messer wurde von schräg unten eingeführt. Das resultierte in einer schmerzhaften Wunde und hohem Blutverlust.“

„Das ist ungewöhnlich“, stellte Breithammer fest. „Wenn man jemanden erstechen will, zielt man eher auf das Herz oder den Hals. Und der Einstich erfolgt direkt von vorne.“

Dirks nickte. „Also wurde er nicht gezielt ermordet.“ Sie legte den Brieföffner zurück und griff nach ihrer Tasche. „Kai Wiemers wohnte in Engerhafe. Sehen wir uns dort einmal um.“

 

*

 

Fee erwachte, weil die Blase drückte. Sie musste sich erst orientieren, um den Weg zur Toilette zu finden. Niemals zuvor hatte sie die Nacht im Wohnzimmer auf dem Sofa verbracht und ihr Rücken bestätigte, dass das keine gute Idee gewesen war. Trotzdem lächelte sie, als sie all die Zeichnungen ihrer Traumkollektion auf dem Boden liegen sah. So kreativ war sie lange nicht mehr gewesen.

Im Badezimmer schaufelte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht, was sie für einen Moment zurück auf den Jakobsweg brachte. Doch sie war in Aurich und musste zur Arbeit. Eilig suchte sie ihr Smartphone. Erleichtert stellte sie fest, dass sie noch genügend Zeit hatte, um sich fertigzumachen. Außerdem zeigte ihre Facebook-App eine neue Nachricht an. Mine hatte ihre Freundschaftsanfrage angenommen!

Neugierig schaute sich Fee das Profil ihrer ehemaligen Schulkameradin an. Schnell war klar, wofür sich Mine interessierte. Sie teilte vor allem Fotos von Essen. Hatte sie das etwa alles selbst gekocht? Alleine durch den Anblick der Bilder lief Fee das Wasser im Mund zusammen. Sie gab den Fotos einen Daumen nach oben.

Im Anschluss öffnete Fee den Messenger. Eiko hatte ihre Nachricht zwar gesehen, aber nicht geantwortet. Sein Pech, wenn er heute nicht kommt.

Sie zog sich eilig an. Ihr Magen knurrte und sie wollte vor der Arbeit noch zum Bäcker, um eine Tasse Kaffee und ein Franzbrötchen zu kaufen.

Es dauerte länger als gedacht, sich für die Arbeit zu schminken, daran war sie nach drei Wochen Wandern nicht mehr gewöhnt. Außerdem musste sie sich konzentrieren, um ihre Tasche zu packen. Zuletzt ging sie noch einmal ins Wohnzimmer. Sie zog einen 500-Euro-Schein aus einem der Bündel und steckte ihn ein. Die Geldnote wollte sie während ihrer Pause bei einer Bank in kleinere Scheine wechseln, denn so konnte sie keinen Pizzaboten bezahlen. Das übrige Geld stopfte sie unten in die Cornflakes-Packung und stellte sie in den Hängeschrank über der Spüle.

Fee hetzte in den Keller zu ihrem Fahrrad. Die Reifen hatten viel Luft verloren, aber sie hoffte, dass sie den Tag noch durchstehen würden. Während ihr das Wandern Spaß gemacht hatte, mochte sie Radfahren überhaupt nicht. Beim Wandern musste man auch keine Schrauben feststellen und brauchte kein funktionierendes Rücklicht. Egal, für den Stadtverkehr reichte es aus.

 

*

 

Kai Wiemers hatte auf einem Bauernhof gewohnt. Das Haupthaus war groß und hatte eine rote Backsteinfassade, daneben stand eine Scheune. Deren Tor war offen, genauso wie das an der Einfahrt. Neben dem Briefkasten gab es zwei Klingelknöpfe. Über „Kai Wiemers“ stand der Name „Michael Krämer“.

Dirks drückte beide Knöpfe. Sie erwartete ein Geräusch aus der Gegensprechanlage, oder dass sich die Haustür öffnete, aber es geschah nichts. Sie erinnerte sich an eine Notiz im Unfallbericht. „Gestern waren die Kollegen auch schon hier und haben niemanden angetroffen.“

Breithammer deutete auf die Einfahrt. „Es ist kein Auto da.“

Dirks öffnete die Gartenpforte und sie betraten das Grundstück. „Wenn Kai eine eigene Klingel hat, dann hat er auch eine eigene Wohnung.“ Rechts neben dem Haus führte ein gepflasterter Weg entlang.

Breithammer holte sein Handy hervor. „Soll ich den Schlüsseldienst anrufen?“

„Nicht nötig.“

An der Seite des Hauses standen die Terrassentüren der Einliegerwohnung offen und quietschten im Wind, ein weißer Vorhang flatterte nach draußen. Als sie dichter herangingen, sahen sie Glasscherben auf dem Boden, eine der Türen bestand nur noch aus dem Holzrahmen.

Dirks zog ihre Pistole und bewegte sich vorsichtig an dem Vorhang vorbei ins Wohnzimmer. Auch drinnen herrschte Chaos. Der Couchtisch war zerbrochen, ein Billy-Regal lag samt Inhalt auf dem Boden und der Fernseher hatte einen Riss im Bildschirm.

„Dort!“ Breithammer deutete zur Wohnzimmertür. „Auf dem Boden.“

Dirks sah dunkle Flecken auf dem hellen Teppich und ein Springermesser, dessen Klinge ohne Glanz war. „Offenbar hat hier ein Kampf stattgefunden, dabei wurde Kai verwundet.“ Dirks steckte ihre Waffe wieder ein und forderte die Spurensicherung an.

Währenddessen ging Breithammer in dem kleinen Raum umher. „Wie genau stellst du dir den Kampf vor?“, fragte er, nachdem sie aufgelegt hatte.

Dirks versuchte, sich in das Szenario hineinzuversetzen. „Laut Autopsiebericht wurde Kai gestern um etwa 15:00 Uhr verletzt. Da war es sehr warm, deshalb hatte er die Terrassentüren offen. So gelangt eine unbekannte Person in die Wohnung.“ Die Kommissarin ging zur Couch. „Kai sitzt hier und erschrickt wegen des Eindringlings. Vielleicht reden sie miteinander und es gibt einen Streit. Jedenfalls gehen sie aufeinander los. Als Erstes zerbricht der Couchtisch und dann der Fernseher. Kai und der Eindringling sind gleichwertige Gegner, niemand gewinnt die Oberhand. Der Unbekannte zieht ein Springermesser und verwundet Kai.“ Da Breithammer ihr nicht widersprach, war er offenbar einverstanden mit ihren Schlussfolgerungen. „Wir kennen das Ende: Kai konnte in seinem Auto flüchten. Also ist es ihm offensichtlich gelungen, seinen Gegner außer Gefecht zu setzen.“

„Trotz der Verletzung?“

„Wahrscheinlich hat er die Wunde zunächst gar nicht bemerkt. Wenn er um sein Leben gekämpft hat, dann war sein Körper voller Adrenalin. Erst im Auto hat er festgestellt, dass etwas nicht stimmt.“

„Und was macht der Unbekannte nach dem Kampf?“, fragte Breithammer. „Versucht er Kai zu verfolgen? Oder versucht er, seine eigenen Spuren zu verwischen? Warum entfernt er seine Waffe nicht vom Tatort?“

„Die wesentliche Frage ist: Was wollte der Unbekannte von Kai? Warum kämpfen sie miteinander?“

„Wenn der Widersacher zu Kai in die Wohnung gekommen ist, dann wird er ihn kennen“, folgerte Breithammer. „Er stammt also aus seinem persönlichen Umkreis.“

„Wir sollten möglichst bald mit Michael Krämer sprechen. Er wird uns mehr über seinen Untermieter erzählen können.“

Breithammer ging in Richtung Flur. „Hier müsste doch irgendwo Krämers Telefonnummer zu finden sein. Jeder hat die Nummer seines Vermieters aufgeschrieben.“

„Und wenn er sie nur in seinem Smartphone eingespeichert hat?“ Dirks folgte ihrem Assistenten. Breithammer stand vor der Kommode und hielt Kais Festnetztelefon in der Hand. Er drückte auf ein paar Knöpfen herum und schließlich grinste er. „‚Michael Handy‘, das ist die Nummer, die wir suchen.“ Er drückte die Wähltaste und wartete.

Dirks zählte leise die Freizeichen, auch nach dem fünften nahm niemand ab.

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