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Friesenkunst

Friesenkunst

 

Stefan Wollschläger

 

Friesenkunst

 

 

  

 

 

© 2016 Stefan Wollschläger

Cover: Steve Cotten

Lektorat: J. E. Siemens

Alle Rechte liegen beim Autor

 

 

Dieses Buch ist mit dem e-ditio Qualitätssiegel für ein hochwertiges Lektorat ausgezeichnet.

 

 

*

Kurzbeschreibung

Jeder Mensch hat ein Geheimnis. Bei einer Meerbude wird die Leiche eines Malers aus Bensersiel entdeckt. Das Einzige, was er bei sich hat, ist eine Eintrittskarte der Kunsthalle Emden. Hauptkommissarin Diederike Dirks verfolgt mehrere Spuren, aber je tiefer sie gräbt, desto unklarer wird das Motiv für den sehr professionell ausgeführten Mord. Etwas Ablenkung findet sie bei ihrer alten Schulfreundin Iba Gerdes, die sich nach der Trennung von ihrem untreuen Ehemann eine Auszeit in Dornum nimmt. Allerdings bleibt Iba nicht lange Single. Doch ist ihr neuer Freund wirklich ein Traumprinz? Plötzlich stößt Dirks auf eine heiße Spur, und die Ereignisse überschlagen sich.

Friesenkunst“ ist ein packendes Krimi-Puzzle voller Überraschungen.

1. Unverschämtheit

Der Donnerstag begann glücklich für Elisabeth Rieken. Kleine Wolken zogen durch den Himmel, und die Sonne schien ungewöhnlich warm für den Herbst. Nach dem vielen Regen in der letzten Zeit wollte man diesen Tag unbedingt draußen verbringen, am besten außerhalb der Stadt. Elisabeths Mann hatte sein Arbeitsleben im VW-Werk von Emden bereits hinter sich, und so konnten sie auch unterhalb der Woche zu ihrer Meerbude fahren, wie man im Volksmund die kleinen Wochenendhäuschen an den Kanälen der großen ostfriesischen Binnenseen nennt.

Gegen 11:00 Uhr verließen Elisabeth und Johan Rieken die Seehafenstadt in Richtung Südbrookmerland zum Kleinen Meer. Vom Rücksitz her schallte Kinderlachen, denn sie hatten ihren Enkelsohn Paul dabei. Ihre Schwiegertochter hatte sich sehr gefreut, als Elisabeth ihr angeboten hatte, sich heute um das Kind zu kümmern, denn so hatte sie ein bisschen Zeit für sich. Elisabeth war zwar der Meinung, dass sich ihre Schwiegertochter viel zu häufig „Zeit für sich“ nahm, aber diese Meinung äußerte sie nicht offen. Sie genoss es sehr, mit Paul zusammen zu sein, bevor er im nächsten Jahr eingeschult werden würde. Das Kind tat auch Johan gut, der gerne mit ihm in ihrem kleinen Boot durch die Kanäle schipperte. Elisabeth fand es herrlich, den beiden Freizeitkapitänen zuzusehen. Sie hatten sich sogar die gleiche Mütze zugelegt! Auch jetzt trugen sie sie bereits voller Vorfreude auf den gemeinsamen Tag. Zum Mittagessen wollten sie grillen. Neben Pauls Kindersitz stand ein vollgepackter Picknickkorb, und Elisabeth Rieken hatte sogar eine Knüppeltorte gebacken.

„Meinst du, Hansens sind auch da?“, fragte Elisabeth.

Johan zuckte mit den Schultern. „Wären dumm, wenn sie bei diesem Wetter nicht rausfahren.“ Hansens besaßen die Meerbude neben ihnen, in der Siedlung kannte man seine Nachbarn.

Bei der Hieve, wie man das Kleine Meer auch nannte, handelte es sich um ein Naturschutzgebiet. Als Flachmoorsee war er nur ein paar Meter tief, aber im Gegensatz zum Großen Meer durfte man ihn mit dem Boot überqueren, um in die Kanäle des größeren Sees zu gelangen. Die Wochenendhäuschen reihten sich wie Perlen auf einer Kette an den Wasserstraßen entlang. Manche waren rot, manche grau, manche hatten Spitzdächer, und viele besaßen sogar einen kleinen Bootsschuppen. Und jede Meerbude besaß eine eigene Einfahrt, in der der Besitzer sein Auto parken konnte.

Johan Rieken fuhr sehr langsam über die enge Straße, die an dieser Stelle einige Schlaglöcher hatte. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser des Kanals, soweit man ihn durch die Häuschen hindurch sehen konnte. Nur noch ein paar Meter, dann waren sie bei ihrer Bude, die Johan im letzten Jahr in einem freundlichen Gelb gestrichen hatte.

„Hansens sind nicht da“, sagte Elisabeth. „Ihr Auto steht nicht vor dem Häuschen.“

„Dafür steht in unserer Einfahrt ein Auto“, brummte Johan. „Das gibt es doch gar nicht!“

„So eine Unverschämtheit“, empörte sich Elisabeth.

„Unverschämtheit.“ Paul kicherte von der Rückbank.

Es war ein dunkelblauer Volvo Kombi, der vor ihrem Haus parkte. Er hatte eine leichte Delle in der Frontstoßstange und außerdem einen Fahrradträger auf dem Dach.

„Das geht überhaupt nicht“, regte sich Johan auf. „Wo soll ich denn jetzt parken?“

„Park doch bei Hansens“, schlug Elisabeth vor.

„Und wo parken dann Hansens, wenn sie kommen? Nein, dieses Auto da muss abgeschleppt werden. Das ist unser Grund und Boden, auf dem es steht.“ Der Rentner hielt mitten auf der Straße an.

„Meinst du wirklich, dass das nötig ist? Das Wetter ist zwar schön, aber es ist Donnerstag, da werden nicht alle hier sein.“

„Natürlich ist das nötig. Wenn dieser Kerl sich ein Häuschen für das Wochenende gemietet hat, dann soll er gefälligst in seiner eigenen Einfahrt parken. Ich werde die Polizei rufen und ihn anzeigen.“

„Anzeigen.“ Paul freute sich.

Elisabeth seufzte, löste den Sicherheitsgurt und stieg aus. Sie öffnete die Tür zur Rückbank und befreite Paul aus seinem Sitz. Plötzlich hörte sie ein lautes Kratzen und blickte zu ihrem Mann. „Was machst du denn da?“

„Ich erteile dem Kerl eine Lektion“, erklärte er voller Genugtuung und hielt den Schlüsselbund hoch, mit dem er gerade die Fahrertür des Volvos dekoriert hatte. „Das wollte ich schon immer einmal machen.“

„Ich will auch!“ Paul rannte zu seinem Großvater.

„Hört sofort auf damit! Es reicht ja wohl aus, wenn er eine Anzeige bekommt und abgeschleppt wird.“

„Wo ist der Besitzer des Autos überhaupt?“, fragte Johan. „Soweit ich weiß, vermietet keiner unserer Nachbarn seine Meerbude.“

„Ach du meine Güte!“ Erschrocken blickte Elisabeth ihren Mann an. „Meinst du, er ist in unserem Haus? Ist er eingebrochen?“

Johan wurde ebenfalls bleich. „Geh sofort zu deiner Großmutter, Paul! Geh zu Oma Elisabeth und bleib mit ihr beim Auto.“ Er sah sich um, ob er etwas Hartes fand, womit er sich notfalls verteidigen könnte. Sein Blick fiel auf eine lose Planke im Zaun, die er schon längst hatte reparieren wollen.

„Was hast du vor, Johan?“, rief Elisabeth ängstlich. „Willst du nicht lieber die Polizei rufen?“

„Erst will ich wissen, ob im Haus alles in Ordnung ist.“ Johan bewegte sich mit seinem Schlagstock bewaffnet vorsichtig in Richtung Eingangstür.

„Hier!“, rief Paul und schlug mit den Händen gegen das fremde Auto.

„Du sollst zu deiner Großmutter gehen!“, schrie Johan.

Der Junge gehorchte nicht, sondern klopfte weiter gegen den Volvo.

„Elisabeth, hol Paul da weg!“

Elisabeth löste sich aus ihrer Starre und rannte zu ihrem Enkelkind, das sich nur widerwillig von ihr in den Arm nehmen ließ. „Da ist jemand drin und schläft!“, rief Paul.

Elisabeth starrte in das fremde Auto. Die Rückbank des Kombis war zurückgeklappt, sodass er eine geräumige Ladefläche hatte. Zuerst sah sie nur die graue Decke, dann erkannte sie die Hände und auch den Kopf, die darunter hervorragten. Sofort hielt sie Paul die Augen zu und drückte ihn fest an sich. „Ruf die Polizei, Johan!“, kreischte sie. „Der Mann im Auto ist tot!“

*

Kriminalhauptkommissarin Diederike Dirks konnte nicht direkt zur Meerbude der Riekens fahren, denn die schmale Straße war schon voll mit all den anderen Fahrzeugen, die sich am Fundort der Leiche eingefunden hatten. Ein Streifenwagen war dort, genauso wie ein Notarzt und natürlich zwei Vans der Kriminaltechnik. Außerdem wartete ein Bestatter mit seinem Leichenwagen darauf, dass er den Toten in die Gerichtsmedizin nach Oldenburg fahren konnte. Aber bei dem schönen Wetter ein paar Meter zu Fuß zu gehen war nicht weiter schlimm.

„Es ist hübsch hier“, sagte Dirks‘ Assistent Kriminalkommissar Oskar Breithammer. „Das ist viel besser als der Kleingarten, den ich in Osnabrück hatte.“

„Du kannst dich ja mal für eine Woche hier einmieten.“ Dirks grüßte den Polizisten, der auf sie zukam.

„Polizeiobermeister Sven Holm“, stellte sich der Beamte vor. „Ich habe den Fundort der Leiche kurz vor dem Notarzt erreicht und alles in die Wege geleitet.“

„Sie haben Schlagsahne am Mund“, entgegnete Dirks.

Holm wurde rot. „Frau Rieken hat die Einsatzkräfte mit Knüppeltorte versorgt“, verteidigte er sich.

Dirks blickte zu Elisabeth und Johan Rieken, die auf zwei Gartenstühlen vor ihrem Häuschen saßen und das Geschehen betrachteten. Sie sahen ziemlich mitgenommen aus, im Gegensatz zu ihrem Enkelsohn, der fröhlich im Garten herumtollte.

„Die Eheleute Rieken haben das ihnen unbekannte Fahrzeug in der Einfahrt ihres Häuschens vorgefunden und erkannt, dass die Person darin nicht mehr am Leben war“, berichtete Holm.

„Wann waren die beiden das letzte Mal hier?“

„Am vergangenen Sonntag. Der Volvo könnte also schon seit vier Tagen hier stehen. Aber wollen Sie nicht direkt mit Frau Rieken reden?“

„Nein, danke. Ich habe gerade keinen Appetit auf Torte.“ Dirks ging zu dem Kombi, dessen Kofferraumklappe offen stand. Sie sah hauptsächlich die graue Decke, denn der Notarzt beugte sich gerade über den Kopf der Leiche und begutachtete ihn.

„Und, Doktor, was ist dem Mann zugestoßen?“

Der Notarzt drehte sich nicht um, sondern machte nur ein bisschen Platz, damit Dirks besser sehen konnte. „Es ist auf jeden Fall eine unnatürliche Todesursache.“ Der Mediziner schob mit einem Spatel das dunkle Haar am Hinterkopf des Toten beiseite. „Diese Wunde am Schädel weist darauf hin, dass er mit einem harten, spitzen Gegenstand erschlagen worden ist. Allerdings nicht hier im Auto, dazu gibt es zu wenig Blut. Erst nachdem er tot war, ist er in den Kofferraum gelegt worden und wurde hierhergefahren.“

„Der Tatort ist also ein anderer als der Fundort.“ Dirks kam wieder unter der Kofferraumklappe hervor, um frische Luft zu schnappen. „Kennen wir bereits die Identität des Opfers?“

„Bisher wissen wir nur, dass es ein Mann zwischen Ende vierzig und Ende fünfzig mit einem Vollbart ist“, entgegnete der Notarzt. „Wir wollten auf Sie warten, bis wir die Decke entfernen und die Leiche bewegen.“

„Na, dann wollen wir mal sehen, ob der Unbekannte seinen Ausweis bei sich trägt.“

Dirks schaute zu den Kriminaltechnikern in ihren weißen Ganzkörperanzügen und versuchte, den Leiter des Teams zu bestimmen. Schließlich erkannte sie Andreas Altmann an seiner roten Designerbrille und winkte ihn zu sich. „Wenn ihr alles fotografiert habt, dann können wir die Leiche jetzt genauer untersuchen.“

„Alles klar.“ Altmann hob vorsichtig die graue Decke an, zog sie aus dem Kofferraum und packte sie in einen großen Plastikbeutel. Der Tote trug einen dunkelblauen Anzug und Lackschuhe. Zwei Sanitäter kamen mit einer Rollbahre, griffen den Körper an Schultern und Füßen und legten ihn ausgestreckt auf die Bahre. Er war etwa 1,80 Meter groß.

Der Leiter der Spurensicherung griff umsichtig in die Jackettasche, fand darin jedoch nichts. Dann beugte er sich über den Körper, um in die Hosentaschen zu fassen. „Keine Brieftasche, kein Schlüssel, kein Handy“, fasste Altmann zusammen. „Nur ein benutztes Stofftaschentuch in der linken Hosentasche und ein Stück Papier.“

Dirks hatte sich inzwischen auch ein Paar Einweghandschuhe angezogen und nahm das Papier in die Hand. „Das ist eine Eintrittskarte“, sagte sie. „Für die Kunsthalle Emden.“

Auch Breithammer sah sich die Karte genauer an. „Die ist von letztem Dienstag. Dann fällt Montag als Tatzeit schon mal weg.“

„Das Zeitfenster für den Todeszeitpunkt kann ich leider nicht bestimmen“, sagte der Notarzt, „das müssen die Spezialisten aus der Gerichtsmedizin machen.“

Dirks blickte in den Kofferraum, ob dort noch etwas lag, was dem Toten aus der Tasche gefallen sein könnte, aber sie entdeckte nichts. „Habt ihr sonst irgendwas im Auto gefunden?“, fragte sie Altmann.

„Auf dem Fahrzeugboden lagen keine Gegenstände. In den Seitenfächern der Fahrertür befand sich neben einer Parkscheibe eine leere Wasserflasche, ohne Sprudel, anderthalb Liter. Im Handschuhfach lagen außer dem Handbuch für das Fahrzeug mehrere CDs mit klassischer Musik.“

„Ich möchte, dass die Umgebung genauestens abgesucht wird“, sagte Dirks. „Vielleicht hat der Täter den Autoschlüssel ja weggeworfen, nachdem er das Fahrzeug abgestellt hat. Genauso könnte er auch das Handy und die Brieftasche des Opfers in der Nähe entsorgt haben. Es sollten deshalb auch alle Mülleimer in dieser Straße durchsucht werden.“

Breithammer deutete auf den Kanal. „Wäre es nicht am einfachsten, diese Dinge ins Wasser zu schmeißen?“

„Dann brauchen wir einen Taucher. Das soll der Staatsanwalt entscheiden, wenn er kommt.“ Dirks holte ihr Smartphone hervor und machte ein Foto von der Leiche. „Wenn er einen Anzug trägt, könnte er ein Geschäftsmann gewesen sein.“

„Dafür ist der Anzug von zu schlechter Qualität und nicht mehr modisch genug.“ Altmann rückte seine Designerbrille zurecht. „Das ist allerhöchstens ein Versicherungsvertreter, der sehr lange nichts mehr verkauft hat.“

„Man sieht es ihm in seinem derzeitigen Zustand nicht an“, schaltete sich der Notarzt in das Gespräch ein. „Aber zur Tatzeit war er wahrscheinlich sehr gepflegt.“

Dirks zeigte auf die Fahrertür des Volvos. „Was ist mit dem Kratzer in der Tür? Der sieht recht frisch aus.“

„Ist er auch“, antwortete Holm. „Die Sachbeschädigung stammt vom Zeugen Johan Rieken.“ Der Polizist schien sehr stolz darauf zu sein, das unwichtigste Puzzlestück dieses Falles gelöst zu haben.

„Wem gehört das Auto eigentlich? Habt ihr das Nummernschild überprüft?“

Holm blickte auf seinen Notizblock. „Das Fahrzeug ist auf einen gewissen Redolf Tammena aus Bensersiel zugelassen.“ Er riss den Zettel mit der genauen Adresse ab und reichte ihn der Hauptkommissarin. „Das Auto ist bisher nicht als gestohlen gemeldet worden.“

Dirks horchte auf. „Dann lassen wir die Kollegen hier mal in Ruhe ihre Arbeit tun.“ Sie wandte sich an Breithammer. „Und wir fahren nach Bensersiel, um zu sehen, ob der Tote mit dem Besitzer des Autos übereinstimmt.“

2. Heimkehr

Iba Gerdes fuhr mit ihrem weinroten Fiat 500, der ein Stuttgarter Kennzeichen hatte, die Dornumer Straße entlang. Im Innenspiegel sah die blonde Frau ihre verheulten Augen, bei denen selbst die wasserfeste Mascara von Chanel verlaufen war. Die Tränen waren bereits getrocknet, entweder weil sie keine mehr hatte, oder weil ihr der tiefhängende blaue Himmel Ostfrieslands ein wenig Trost geschenkt hatte. Wenn sie so darüber nachdachte, dann traf wohl eher die zweite Möglichkeit zu. Es tat gut, nach Hause zu kommen.

Sie passierte das Ortsschild von Dornum. Als sie die Häuser betrachtete, fiel ihr auf, dass sich kaum etwas verändert hatte in den letzten Jahren. Wie schön wäre es, wenn sich die Zeit hier zurückdrehen ließ und sie noch einmal von vorne beginnen könnte! Ihrer alten Schulfreundin hatte sie schon eine E-Mail geschrieben, und je länger sie die Straßen sah, auf denen sie früher gemeinsam geradelt waren, desto mehr freute sie sich auf das Wiedersehen mit ihr. Vielleicht könnten sie ja wieder beste Freundinnen werden, dann würde sie gewiss nicht mehr auf so einen wie Jürgen hereinfallen.

Eine Frau ging über den Zebrastreifen. Iba erkannte sie als die Inhaberin des kleinen Bäckerladens, in dem sie sich früher immer Fruchtgummifrösche gekauft hatte. Sie strahlte die Frau an, die sich über die Aufmerksamkeit wunderte, aber zurücklächelte.

„In einhundert Metern haben Sie Ihr Ziel erreicht“, meldete das Navi, aber das wusste Iba auch so. Sie schaltete das Gerät aus und fuhr zum letzten Grundstück in der Gasse. Sie lenkte das Auto in die Einfahrt. Vor dem Haus aus roten Ziegelsteinen erwartete sie bereits eine großgewachsene, schlanke Frau, die mit offenen Armen auf sie zulief.

„Schön, dass du da bist“, rief Fenna Gerdes und umarmte ihre Tochter.

„Ich freue mich auch“, schluchzte Iba, denn nun kamen ihr die Tränen doch wieder hoch.

„Komm rein. Nach einer Tasse Tee sieht alles schon ganz anders aus.“

Auch im Haus hatte sich nichts verändert. Im Wohnzimmer stand immer noch das gemütliche Sofa, bei dem Iba jedes Geräusch der Sprungfedern kannte. Darüber hing ein Ölbild der Beningaburg, die auf eine mittelalterliche friesische Häuptlingsburg zurückging und ein Wahrzeichen von Dornum war. Auf dem Tisch stand eine Teekanne mit Stövchen. Daneben gab es natürlich auch ein Schälchen mit Kluntje und ein Sahnekännchen. Fenna brachte einen Teller voll dick mit Butter bestrichenen Rosinenbrotscheiben aus der Küche mit.

Iba setzte sich wie früher in die Mitte des Sofas, wo sie das ganze Möbelstück für sich alleine hatte. Mit dem Bild der Burg über sich hatte sie stets das Gefühl gehabt, hier auf einer Art Thron zu sitzen. Sie tat das Kluntje in die kleine Tasse und goss den Tee darüber, wobei sie dem wohligen Knistern des zerspringenden Kandisstückchens lauschte. Danach ließ sie die Sahne in die dunkle Flüssigkeit tropfen und beobachtete die Wölkchenbildung. Sie führte die Tasse zum Mund, und schon beim ersten Schluck durchzog sie ein angenehmes Kribbeln, was sie für einen Moment die Augen schließen ließ. Tee schmeckte nirgendwo so gut wie zu Hause.

„Jetzt ist es dir also auch passiert“, sagte Fenna. „Dabei hatte ich so gehofft, dass Jürgen der Richtige ist. Ihr wart so ein schönes Paar. Wenn ich mich an die Hochzeit erinnere …“ Sie blickte ihre Tochter an. „Aber du schaffst das schon, Iba. Ich habe es auch geschafft. Und ich hatte eine Tochter durchzubringen.“

Iba nickte. Sie war noch sehr jung gewesen, als ihr Vater plötzlich nicht mehr nach Hause kam. Seltsamerweise hatte sie ihn niemals vermisst. Es hatte ihr nur wehgetan zu sehen, wie verletzt ihre Mutter gewesen war. Nach außen hin hatte sie es niemals gezeigt, aber durch die halb geöffnete Badezimmertür hatte Iba gesehen, wie sie sich die Tränen getrocknet und neue Schminke aufgetragen hatte. Genauso wie ich heute. Nun, wo Jürgen sich wegen einer jüngeren von ihr getrennt hatte, konnte sie sich ganz genau in die Perspektive ihrer Mutter versetzen, und sie spürte zum ersten Mal, wie schrecklich es damals für Fenna gewesen sein musste. „Es ist aus.“ Iba hörte wieder Jürgens Worte in sich. „Ich liebe dich nicht mehr.“ Wie war so etwas möglich? Konnte Liebe denn einfach plötzlich aufhören?

„Er war schon seit drei Jahren mit dieser anderen Frau zusammen“, sagte Iba. „Seit drei Jahren! Und ich habe die ganze Zeit nichts davon mitgekriegt. Nicht die geringste Ahnung hatte ich. Ich bin so wahnsinnig dumm.“

„Du bist nicht dumm. Du glaubst an die Liebe, und das ist etwas Schönes.“

„Aber drei Jahre lang?“ Iba blickte ihre Mutter gebrochen an. „Ich kann es einfach nicht begreifen. Selbst im Rückblick kann ich die Zeichen nicht erkennen. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, aber ich kann es nicht sehen. Ja, ich habe mich nicht für seine Arbeit interessiert, sondern es hat mir gereicht, wenn ich ihn zu Hause hatte. Aber ich hatte ihn zu Hause, verstehst du? Er hat niemals nach dem Parfüm einer fremden Frau gerochen. Bis zuletzt haben wir leidenschaftlich miteinander geschlafen. Er hat mich nicht gemieden! Von seinen Wochenendreisen hat er mich immer angerufen, und wir haben lange miteinander gequatscht, ohne dass er das Gespräch plötzlich abgebrochen hätte. Er hat mir Blumen mitgebracht und andere Aufmerksamkeiten. Und dann sagt er mir plötzlich, dass er mich nicht mehr liebt! Und nicht nur das. Er sagt, dass er eine andere liebt und sie ein Kind von ihm bekommt, und er sich deshalb von mir scheiden lässt. Dabei hat er früher immer behauptet, er möchte keine Kinder haben. Ich verstehe es einfach nicht, Mama!“

Fenna sprang auf und nahm Iba erneut in den Arm. „Es wird alles gut, Liebes.“ Sie strich ihrer Tochter durch das Haar. „Es wird alles gut.“ Sie hielt sie fest, bis der Tränenstrom wieder versiegte.

„Tut mir leid, dass ich so viel weine“, entschuldigte sich Iba.

„Das macht doch nichts. Dafür sind Mütter da.“

„Das ist lieb von dir. Ehrlich. Danke, dass ich einfach so vorbeikommen kann und hier wohnen kann.“

„Spinnst du? Das ist doch dein Zuhause.“

„Aber in den letzten Jahren war unser Verhältnis nicht so gut. Ich habe immer darüber geschimpft, dass das hier die letzte Provinz ist. Ich habe es genossen, in einer großen Stadt zu leben, und wollte nie wieder hierher zurück. Nicht einmal zu deinem fünfzigsten Geburtstag war ich hier, sondern habe dir nur eine Handtasche geschickt.“

„Dafür war das eine richtig teure Handtasche.“ Fenna lachte. „Wie spricht man den Namen von diesem Designer eigentlich aus? Ist das ein Amerikaner oder ein Deutscher?“

„Michael Kors ist Amerikaner.“

Fenna blickte ihrer Tochter ernst in die Augen. „Ich bleibe immer deine Mutter. Ich werde dich immer lieben. Vielleicht ist das ja wenigstens etwas Gutes an dieser Sache, dass wir wieder mehr zueinander finden. Und vielleicht lernst du ja in der nächsten Zeit auch diese ‚Provinz‘ wieder schätzen.“

Iba schniefte. „Ja, das wäre schön.“

„Dein altes Kinderzimmer sieht übrigens nicht mehr ganz so aus wie früher, aber das ist dir vielleicht auch ganz recht. Ich weiß nicht, ob du dir jetzt noch Poster von dieser Popgruppe ‚Take That‘ ansehen möchtest.“

Iba schluckte. „Aber meine Einhörner sind noch da, oder?“

„Ich habe nichts weggeschmissen. Es ist alles in Kisten verpackt, die in deinem Schrank stehen. Ich hatte überlegt, das Zimmer in der Hauptsaison zu vermieten, weißt du, aber irgendwie habe ich es dann doch nicht gemacht. Das Geld hat glücklicherweise auch so gereicht.“

Iba schämte sich etwas dafür, dass sie die ganze Zeit nur über sich selbst geredet hatte und sich gar nicht danach erkundigt hatte, wie es ihrer Mutter ging. „Wie läuft es denn mit deinen Gedichten?“

Fenna grinste. „Letzte Woche hat sich ein Postkartenverlag bei mir gemeldet und will einige von ihnen drucken. Zusammen mit Fotos vom Meer und den Dünen oder dem Himmel mit Möwen drauf.“

„Das ist ja fantastisch! Glückwunsch, Mama! Dann wird es sie zwischen all den anderen Postkarten in den Touristenläden geben? Und dein Name steht drauf?“

Fenna nickte stolz. „Außerdem habe ich morgen wieder eine Lesung.“ Sie stand auf und holte einen Einladungszettel. „In Emden, im Foyer der Firma Friesenhus Import-Export. Ich würde mich sehr freuen, wenn du auch kommst.“

„Natürlich komme ich. Wenn ich nicht kurzfristig mit Heulen beschäftigt bin.“

Fenna strahlte. „Und heute Abend gibt es Puffert un Peer mit Vanillesauce und meiner geheimen Zutat.“

Iba lief jetzt schon das Wasser im Mund zusammen, als sie an die ostfriesischen Dampfnudeln mit Birnen dachte. „Tut mir leid, Mama, aber können wir das auf morgen verschieben? Heute Abend habe ich schon eine Verabredung.“

„Nanu?“, wunderte sich Fenna, „das ging aber schnell.“

„Nein, kein Kerl!“ Iba lachte. „Die können mir erst mal gestohlen bleiben. Aber kannst du dich noch an meine Schulfreundin Diederike erinnern?“

„Natürlich, ihr wart unzertrennlich“, erinnerte sich Fenna. „Wenn ihr euch verkleidet habt, warst du immer eine Prinzessin und Diederike ein Sheriff.“

„Stimmt! Und das passt gut, Diederike arbeitet jetzt nämlich bei der Kriminalpolizei. Sie ist vor einem Jahr von Osnabrück nach Aurich versetzt worden. Sie hatte mich neulich mal per E-Mail gefragt, ob ich noch hier leben würde. Heute früh habe ich ihr geantwortet, dass ich mich heute Abend mit ihr besaufen möchte. Wahrscheinlich werden wir aber vorher noch was essen.“

„Schön“, sagte Fenna ein wenig eingeschnappt. „Dann mache ich die Puffert eben morgen.“ Sie lächelte. „Wir beide werden ja noch genug Zeit miteinander verbringen. Jetzt helfe ich dir erst mal, dein Auto auszupacken und das Gepäck nach oben zu bringen.“

3. Bensersiel

Während der Fahrt nach Bensersiel telefonierte Diederike Dirks mit Staatsanwalt Lothar Saatweber und unterrichtete ihn über die bisherige Sachlage. Auch wenn sie die Ermittlungen leitete, so trug letztlich er die Verantwortung für alle Entscheidungen. Deshalb war er auch gar nicht erfreut gewesen, sie nicht am Fundort der Leiche anzutreffen, aber als sie ihm erklärte, warum sie nach Bensersiel fuhr, hatte er dafür natürlich volles Verständnis. Auf professioneller Ebene verstand sich Dirks sehr gut mit Saatweber, er hatte noch niemals eine ihrer Vorgehensweisen missbilligt oder eine Anfrage abgelehnt.

Die Straße, in der Redolf Tammenas Haus stand, befand sich etwas außerhalb des Stadtzentrums. Dirks überprüfte nochmal die Nummer auf ihrem Zettel.

„Dann wollen wir mal hoffen, dass uns Tammena die Tür aufmacht“, bemerkte Breithammer.

„Irgendjemand wird uns schon öffnen. Wer einen Volvo Kombi fährt, hat immer Familie.“

Sie gingen auf das Haus zu. Das Haus umgab eine niedrige Hecke hinter einem Holzlattenzaun. Natürlich war die Einfahrt frei. Was einmal eine Garage gewesen war, war zu einem geschlossenen Gebäude umgebaut worden. Neben dem Briefkasten gab es einen kleinen, gläsernen Schaukasten. Darunter, vor Regen geschützt, befand sich eine kleine Box mit Visitenkarten.

„Der Maler auf dem Fahrrad“, las Breithammer den Text im Schaukasten vor. „Das sieht ja wirklich toll aus.“ Er deutete auf das Foto eines Hollandrades. Vor dem Lenker und auf dem Gepäckträger war jeweils eine Kiste angebaut, die größer war als ein gewöhnlicher Fahrradkorb. Während aus der vorderen Kiste ein Rucksack und eine Thermoskanne ragten, war die hintere gefüllt mit Farbtuben, Pinseln, Paletten, Leinwänden und einer Reisestaffelei. „Leider gibt es kein Foto des Malers in diesem Schaukasten. Allerdings gibt es Fotos von seinen Bildern. Die sehen richtig gut aus!“

„Das gibt es doch gar nicht“, sagte Dirks. „Redolf Tammena ist der Maler auf dem Fahrrad.“

„Kennst du ihn?“, fragte Breithammer erstaunt.

„Nur so, wie ihn jeder hier ‚kennt‘. Nämlich dass man ihn von weitem auf seinem Fahrrad durch die Landschaft fahren sieht. Wenn ihm etwas gefällt, dann hält er an, stellt seine Staffelei auf und malt ein Bild. Als Kind habe ich mich nie dafür interessiert, wie er heißt. Einige haben Witze über ihn gemacht und behauptet, er sei verrückt, aber ich hatte immer ein bisschen Ehrfurcht, wenn ich ihn gesehen habe.“

Breithammer deutete wieder auf den Schaukasten. „Donnerstags ist immer ‚offenes Atelier‘. Jeder kann ihm bei der Arbeit zusehen und direkt ein Bild bei ihm kaufen.“

„Offensichtlich hat er seine Garage zum Atelier ausgebaut.“ Dirks drückte die Klinke der Gartenpforte, aber die Tür war verschlossen. „Das ist kein gutes Zeichen.“

„Noch ist nicht klar, dass er das Opfer ist.“ Breithammer drückte den Klingelknopf. Er wartete eine Weile, dann drückte er ihn erneut.

Dirks blickte zum Nachbarhaus. Sie hatte den Eindruck, als ob sich in dem Fenster der Vorhang bewegt hatte.

„Redolf ist heute nicht da“, erklang eine glockenklare Mädchenstimme hinter ihnen. „Wollen Sie ein Bild von ihm kaufen?“

Dirks drehte sich um. Sie musste noch weiter nach unten gucken, als sie erwartet hatte. Das Mädchen hatte dichtes, dunkles Haar, das hinten zu einem Zopf geflochten war. Sie trug ein weißes T-Shirt und ein Latzhosenkleid aus blauem Jeansstoff und dazu pinkfarbene Turnschuhe. Am auffälligsten war allerdings die Brille mit den dicken Gläsern. Die blauen Augen blickten äußerst wach und wirkten, obwohl sie durch die Brillengläser verkleinert wurden, immer noch groß. Offensichtlich kam sie gerade vom Einkaufen, denn sie hatte eine Packung Eier in der Hand. „Bist du Redolf Tammenas Tochter?“

Das Mädchen lachte. „Nein, ich bin Mareika Weinbecker und wohne nebenan.“ Sie zeigte auf das Nachbarhaus. „Aber ich bin Redolfs Managerin.“

„Seine Managerin?“

Mareika nickte gewichtig. „Ich mache seine Internetseite und habe auch die Flyer gestaltet, die in der Touristeninformation ausliegen. Außerdem habe ich das Fahrradlogo für ihn entwickelt.“ Sie deutete auf das scherenschnittartige Fahrrad im Schaukasten.

„Das ist ein klasse Logo.“ Breithammer war beeindruckt.

„Danke.“ Das klang mehr höflich als erfreut, Mareika wusste offensichtlich um die Qualität ihrer Arbeit, und Dirks war überzeugt davon, dass auch Tammenas Internetseite einen hochprofessionellen Eindruck machen würde. Wahrscheinlich leitete Mareika die IT-AG in ihrer Grundschule. Allerdings hatten solche Mädchen nach Dirks‘ Erfahrung nicht sonderlich viele Freunde.

„Ich verstehe gar nicht, warum Redolf nicht hier ist“, sagte Mareika sorgenvoll. „Sein Auto ist schon seit Dienstag nicht mehr da. Ich dachte, dass er wenigstens heute zurückkommt, wenn sein Atelier offen ist, aber Mama hat mir erzählt, dass er auch vormittags nicht da war.“

„Ist deine Mutter zu Hause? Können wir mit ihr sprechen?“

„Natürlich.“ Mareika deutete auf das Fenster im Nachbarhaus, bei dem sich erneut der Vorhang bewegte. „Sie backt gerade Kuchen und braucht noch Eier, deshalb bin ich zum Laden gegangen. Kommt mit.“

Dirks und Breithammer folgten dem Mädchen zu ihrem Haus. Noch bevor Mareika den Schlüssel in das Schloss stecken konnte, öffnete sich die Tür bereits. Eine Frau mit Schürze und Nudelholz stand vor ihnen. Ihre Augen hatten dieselbe Farbe wie Mareikas, allerdings war ihr Blick nicht offen, sondern bis zum Äußersten entschlossen, und ihre Hände machten die Bereitschaft deutlich, das Nudelholz als Waffe zu gebrauchen.

„Wir sind von der Kriminalpolizei, Frau Weinbecker.“ Dirks versuchte, die Situation zu entspannen. „Es geht um Ihren Nachbarn Redolf Tammena. Dürfen wir Ihnen ein paar Fragen stellen?“

Frau Weinbecker senkte das Nudelholz. „Kommen Sie herein.“

„Kriminalpolizei?“ Mareika schaute die Kommissarin entsetzt an. „Ist irgendwas mit Redolf passiert?“

„Das wissen wir noch nicht mit Sicherheit“, entgegnete Dirks wahrheitsgemäß. „Willst du nicht meinem Kollegen hier die Internetseite zeigen, die du für Tammena gemacht hast? Oskar interessiert sich sehr für alles, was mit Computer zu tun hat.“

Mareika beäugte Breithammer kritisch.

„Ich habe mal versucht, für meinen Kleingartenverein eine Internetseite zu gestalten“, sagte der Kommissar.

„Na gut.“ Mareika verschwand mit Breithammer die Treppe hoch, während Dirks Frau Weinbecker in die Küche folgte. Vor dem Esstisch war das Fenster, durch das man auf Tammenas Haus und die Straße sehen konnte.

„Was möchten Sie von mir wissen?“ Frau Weinbeckers Stimme zitterte, während sie die Packung Eier auf die Ablage neben der Küchenmaschine stellte.

Dirks schob den Vorhang ein wenig beiseite. „Aufgrund Ihrer Aussicht hier scheinen Sie ja eine Menge mitzubekommen. Wann haben Sie Herrn Tammena das letzte Mal gesehen?“

„Am Dienstag. Das war aber nicht hier vom Fenster aus, sondern draußen. Ich bin gerade vom Laden gekommen. So gegen 13:00 Uhr muss das gewesen sein. Da habe ich gesehen, wie sein Auto aus der Einfahrt kam.“

„Haben Sie nur das Auto gesehen oder auch Tammena selbst?“

„Auch ihn. Er hatte seine Haare gekämmt und seinen guten Anzug an. Ich habe die Hand gehoben und ihn gegrüßt, aber er hat mich ignoriert.“

„Ignoriert er alle seine Nachbarn, oder ist zwischen Ihnen etwas vorgefallen?“

„Wenn Sie so fragen, dann trifft beides zu. Tammena hat grundsätzlich wenig Kontakt zu den Leuten. Als ich einmal zu ihm gesagt habe, dass das ‚offene Atelier‘ ja sehr erfolgreich wäre, und die Idee äußerte, er könne es ja zwei Tage in der Woche öffnen, hat er geantwortet, dass ihm das jetzt schon zu viele Menschen wären und er den Rest der Woche dafür brauche, sich von diesem Stress zu erholen.“

„Und was ist zwischen Ihnen vorgefallen?“

„Ich habe ihm gesagt, dass ich es nicht gerne sehe, dass er so viel Zeit mit Mareika verbringt, und er Abstand von ihr halten soll. Der Mann ist fünfundfünfzig Jahre alt! Das Mädchen soll sich lieber Freundinnen in ihrem eigenen Alter suchen.“

Dirks hob die Augenbraue. „Haben Sie denn irgendetwas Spezielles bei Mareika bemerkt, was Ihnen Sorgen macht? Irgendeine Veränderung in ihrem Verhalten?“

Frau Weinbecker zuckte mit den Schultern. „Eigentlich nicht. Zumindest nichts Negatives. Sie ist sehr stolz darauf, dass sie die Internetseite für ihn machen darf. Für sie ist er ein ganz berühmter Künstler.“

„Was ist mit Ihrem Mann? Sieht er Mareikas Bewunderung für Tammena genauso kritisch wie Sie?“

„Ach, der sagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Aber er arbeitet tagsüber ja auch und sieht nicht, wie Mareika sofort zum Atelier rennt, wenn sie aus der Schule kommt. Deshalb bin ich, ehrlich gesagt, ziemlich froh, dass Tammena die letzten Tage weg war. Obwohl ich mich sehr gewundert habe, dass er nicht wiedergekommen ist.“

„Warum haben Sie sich darüber gewundert?“

„Er war öfter mal mehrere Tage am Stück weg, das war also nicht ungewöhnlich. Allerdings hatte er in solchen Fällen immer sein Fahrrad auf dem Dachträger. Außerdem sollte heute sein Atelier offen sein, das hat er niemals verpasst. Seit Mareika die Flyer für ihn gestaltet hat, sind mehr Touristen vorbeigekommen. Auch heute Morgen waren welche da, die sich ziemlich lautstark darüber empört haben, dass das Tor verschlossen war. Einer von ihnen wollte sogar über den Zaun klettern.“ Frau Weinbecker schüttelte den Kopf. „Manchmal spinnen diese Leute. Aber man braucht eben erst ein paar Tage, bis man sich daran gewöhnt hat, dass hier oben alles ein bisschen gemütlicher läuft.“

„Hat Tammena eigentlich Familie?“

„Er hat immer alleine gelebt, wenn Sie das meinen. Aber seine Eltern wohnen ein paar Straßen weiter. Sie sind schon sehr alt, aber sehr nette Leute. Jeden Freitag fährt er mit seiner Mutter zum Supermarkt, um zwei Kisten eines speziellen Mineralwassers zu kaufen, das gesundheitsfördernd sein soll.“

„Und sonst?“

„Soweit ich weiß, hat er noch einen Bruder, der in Hamburg lebt.“ Frau Weinbecker schaute die Kriminalbeamtin direkt an. „Bitte erzählen Sie mir doch endlich, was passiert ist!“

Dirks holte ihr Smartphone heraus und zeigte Frau Weinbecker das letzte Foto, das sie geschossen hatte. „Ist das Redolf Tammena?“

Frau Weinbecker schluckte. „Ja, das ist er.“

4. Todesnachricht

 

Dirks und Breithammer verließen das Haus von Tammenas Nachbarn. Frau Weinbecker wollte ihrer Tochter die Nachricht vom Tod des Malers persönlich mitteilen, worüber Dirks dankbar war. Bei Erwachsenen fiel es ihr leicht, sich professionell zu verhalten, aber dieses kleine Mädchen verunsicherte sie.

„Und, wie ist Tammenas Internetseite?“, fragte sie Breithammer.

„Wirklich gut. Sie hat einen Effekt eingebaut, bei dem man quasi in eins seiner Bilder hineingesogen wird und dann plötzlich in einem anderen ist. Faszinierend, was heutzutage alles möglich ist.“

„Warst du in ihrem Zimmer? Ist dir dort etwas aufgefallen?“

„Mareika ist wahrscheinlich das einzige Mädchen auf der Welt, das anstelle von irgendwelchen Postern ein Ölgemälde an der Wand zu hängen hat. Tammena hat sie gemalt, während sie im Schneidersitz mit Laptop auf einem Sofa sitzt. Ich finde, das Bild fängt sie wundervoll ein, sie wirkt darauf fröhlich und unbeschwert.“

„Ist sie fröhlich und unbeschwert?“

Breithammer schüttelte den Kopf. „Sie ahnt, dass etwas mit Tammena nicht stimmt. Deshalb war sie unruhig und ein wenig biestig, als sie mir ihre Computersachen mit Spezialvokabeln erklärt hat, die ich nicht sofort begriffen habe.“

Dirks nahm ihr Smartphone zur Hand. „Ich muss Saatweber darüber informieren, dass wir die Leiche identifiziert haben. Außerdem soll die Kriminaltechnik auch Tammenas Haus untersuchen.“

„Ich bin schon gespannt, was wir dort finden“, sagte Breithammer.

Dirks nickte. „Ich würde mich gerne sofort darin umsehen, allerdings sollten wir zunächst Tammenas Eltern vom Tod ihres Sohnes unterrichten. Sie wohnen hier gleich um die Ecke. Vielleicht bekommen wir von ihnen auch einen Hinweis darauf, was mit Tammena passiert ist. Außerdem haben sie bestimmt einen Schlüssel zu seinem Haus.“

Dirks unterrichtete Saatweber, und der Staatsanwalt versprach, die Spurensicherung zu informieren und selbst nach Bensersiel zu kommen. Im Anschluss wählte Dirks noch eine weitere Telefonnummer.

Nach dem zweiten Klingeln meldete sich eine weibliche Stimme. „Diederike! Schön, dass du anrufst.“

„Hallo Iba“, sagte Dirks. „Ich hoffe, du bist gut angekommen.“

„Oh ja, die Fahrt war lang, aber das war auch hilfreich. So bekommt man Abstand.“

„Tut mir leid, aber ich habe nicht viel Zeit, um zu reden. Ich habe gerade dienstlich in Bensersiel zu tun und weiß noch nicht, wie lange das dauert. Deshalb wollte ich dich fragen, ob wir unser Treffen nach Dornum verlegen können und ich nachher einfach bei dir vorbeikommen kann.“

„Warum nicht?“, entgegnete Iba. „Mama wird sich freuen, dann kann sie heute doch noch Puffert machen.“

„Lecker, die haben bei deiner Mutter immer besonders gut geschmeckt. Aber das wird hier wirklich noch eine Weile dauern, ihr solltet mit dem Abendessen nicht auf mich warten.“

„Na gut.“ Iba klang enttäuscht. „Aber wir werden dir was aufheben. Komm einfach, wenn du fertig bist.“

„Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Jetzt, wo du wieder da bist, werden wir bestimmt noch häufig zusammen einen Cocktail trinken.“ Dirks legte auf.

Das Haus von Hillgriet und Otto Tammena war keine fünf Minuten entfernt. In dieser Straße hatten die Grundstücke keine Zäune, und die Vorgärten zeigten akkurat gemähte Rasenflächen. Man konnte in die Wohnstube gucken. Bei der gerade einsetzenden Dämmerung leuchtete der Fernseher hell, außerdem gab eine Schirmlampe warmes Licht ab. Vor der Hauswand verrieten zwei reflektierende Punkte eine Katze, die sich auf der Pirsch befand.

Dirks und Breithammer gingen zur Haustür. Bevor sie den Klingelknopf drückte, bekam Dirks doch ein wenig Herzklopfen. Laut Frau Weinbecker hatte Redolf Tammenas Mutter vor kurzem ihren achtundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Wie würde sie den Tod ihres Sohnes verkraften? Auf jeden Fall war es besser, sie erfuhr davon durch die Polizei und nicht durch einen Beileidsanruf eines besorgten Nachbarn. Dirks klingelte. Nach einer Weile öffnete sich drinnen eine Tür, und die Geräusche des Fernsehers wurden hörbar. In der Haustür wurde ein Schlüssel umgedreht. Das schwere Holz öffnete sich einen Spalt breit und zwei misstrauische Augen guckten Dirks an.

„Was wollen Sie?“, fragte Hillgriet Tammena so laut, dass Breithammer zusammenzuckte.

„Wir sind von der Kriminalpolizei“, sagte Dirks. „Es geht um Ihren Sohn Redolf.“

„Redolf?“, krächzte die alte Frau. „Was ist mit Redolf?“

„Dürfen wir hineinkommen?“

Die Tür schwang weit auf, und Hillgriet Tammena strahlte sie an. „Sie sind Redolfs Freundin, nicht wahr?“ Sie griff Dirks‘ Hand.

Die pergamentartige Haut fühlte sich warm und verletzlich an. „Es tut mir leid, Frau Tammena“, sagte Dirks, „aber ich bin nicht Redolfs Freundin.“

In der Wohnstube wurde der Fernseher ausgeschaltet. „Wer ist da?“, fragte Otto Tammena. „Ist es Redolf?“

„Nein.“ Seine Frau lachte. „Es ist Redolfs Freundin. Sie ist sehr hübsch.“

„Wie oft soll ich es dir noch sagen?“, rief ihr Mann zurück. „Redolf ist schwul! Alle Künstler sind schwul. Aber ich bin stolz auf ihn.“

Hillgriet ließ Dirks‘ Hand los. „Redolf ist nicht schwul. Er hat Nackedei-Bilder gemalt, weißt du nicht mehr?“

„Sie meinen Akt-Bilder?“, fragte Breithammer.

„Nein, Nackt-Bilder“, entgegnete Hillgriet. „Von Frauen.“ Die alte Dame schlurfte in die Stube, und es wirkte so, als hätte sie vergessen, dass sie jemanden hineingelassen hatte. Dirks schloss die Haustür und folgte ihr in das Wohnzimmer. Ein Kachelofen heizte die Stube überwarm, trotzdem hatte Otto Tammena noch eine Decke über seinem Schoß.

„Wer sind Sie?“ Der alte Mann musterte Dirks streng. „Was wollen Sie?“

Dirks zeigte ihm ihren Dienstausweis. „Ich muss Ihnen leider eine schlechte Nachricht überbringen.“ Sie wartete, bis sich Hillgriet Tammena an den Wohnzimmertisch gesetzt hatte. „Wie es aussieht, ist Ihr Sohn Redolf Opfer eines Verbrechens geworden.“

„Ein Verbrechen?“ Hillgriet blickte Dirks ängstlich an.

Auch Otto war alle Farbe aus dem Gesicht gewichen. „Was meinen Sie damit?“

„Redolf kommt morgen vorbei.“ Hillgriet Tammena lächelte wieder. „Wir fahren jeden Freitag einkaufen. Zwei Kisten von meinem Wasser. Es hält mich gesund. Deshalb bin ich so fit.“

Dirks zeigte der alten Frau ihr Smartphone mit dem Bild der Leiche.

„Redolf!“ Das Lächeln aus Hillgriets Gesicht verschwand.

„Es tut mir sehr leid, Frau Tammena. Ihr Sohn ist tot.“

„Aber was ist mit Sonntag?

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