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Friesenklinik

Kurzbeschreibung

 

Stefan Wollschläger

 

Friesenklinik

 

 

© 2016 Stefan Wollschläger

Cover: Steve Cotten

Lektorat: J. E. Siemens

Alle Rechte liegen beim Autor

 

*

Kurzbeschreibung

Was ist real? Jorina Rewerts möchte sich ihren Lebenstraum erfüllen, doch beim Besuch im Kinderwunschzentrum geschieht das Unfassbare. Gleichzeitig wird auf einem Containerplatz in Aurich die Leiche der jungen Bente Bleeker gefunden. Die Spuren weisen auf eine Überdosis K.-o.-Tropfen als Todesursache hin und der Täter scheint jemand zu sein, der in der Clubszene Ostfrieslands unterwegs ist, um junge Frauen zu vergewaltigen. Dirks und Breithammer müssen ihn finden, bevor es weitere Opfer gibt. Oder ist der Täter jemand, der Bente näher kannte und etwas ganz anderes im Sinn hatte?

Während ein Strudel albtraumhafter Ereignisse Jorina nach unten reißt, wird der Fall um Bente immer rätselhafter und auch die Kommissare beginnen an der Wirklichkeit zu zweifeln.

Friesenklinik“ ist ein spannendes Krimi-Verwirrspiel voller dramatischer Wendungen.

Der Ostfriesenkrimi ist der zweite Fall von Diederike Dirks in Ostfriesland.

1. Lebenstraum

„Warum sind Sie hier, Frau Rewerts?“ Frau Doktor Ahlmeier schaute sie ernst, aber fürsorglich an.

„Weil ich glücklich bin.“ Jorina Rewerts fuhr sich lachend durch das kastanienfarbene, schulterlange Haar und auch auf dem Gesicht der Ärztin zeigte sich ein Lächeln. Sie saßen auf einem blauen Sofa in der Ecke der modern eingerichteten Praxis. Auf dem Beistelltisch standen Gläser, zwei Flaschen Wasser – mit Sprudel und still – und eine Schale mit Keksen. Jorina hatte nichts davon angerührt, während sie gewartet hatte. Es war Montag, kurz nach 16:00 Uhr, und Jorina war froh, dass die Ärztin sich überhaupt noch Zeit für sie genommen hatte, obwohl die Sprechstunde schon vorbei war.

„Das hört man doch gerne.“ Doktor Ahlmeier goss sich stilles Wasser ins Glas und gönnte sich einen Keks. „Normalerweise hat es Patienten, die so kurzfristig um einen Termin bitten, besonders hart getroffen.“

Jorina wusste nur zu gut, was die Ärztin meinte. Vor zehn Jahren hatte sie sich auch in einem Schockzustand befunden. Damals hatte es in diesem Raum noch keine Sitzecke gegeben. Aber solche Wohlfühlplätze, die Vertrauen schaffen sollten, gab es mittlerweile überall. Selbst in der Bank, in der sie arbeitete, empfing man die Kunden heutzutage so. Aber nicht nur die Möbel waren neu, auch die Wände waren in einem wärmeren Weißton gestrichen worden und die Zimmerpalme sah gesünder aus. Die Bilder waren erneuert worden, obwohl das Motiv gleichgeblieben war. Schon im Flur hatte sie sich die Collagen mit Fotos von Neugeborenen und Dankeschön-Postkarten angesehen.

Doktor Ahlmeier hatte vor zehn Jahren auch nicht hier gearbeitet. Mehr Wärme als Doktor Legerét strahlte wohl jeder Mensch aus, aber auf Freundlichkeit konnte Jorina gut verzichten. Das Wichtigste war für sie, dass jemand seinen Job beherrschte.

„Ich habe neulich den Artikel in der Ostfriesen-Zeitung gelesen“, sagte Jorina. „Das Interview mit Ihnen über Social Freezing.“

Doktor Ahlmeier seufzte. „Ich hätte es besser gefunden, wenn die Zeitung auf den Scherz verzichtet hätte, den Artikel mit ‚Social Friesing′ zu überschreiben, nur weil sich unser Kinderwunschzentrum in Ostfriesland befindet.“

Jorina grinste, denn sie hatte das Wortspiel gemocht. „Und die eingefrorenen Zellen werden jetzt in einer Kryobank bei Bremen aufbewahrt? War die Bank früher nicht in Minden?“

„Der Betreiber der Kryobank wollte die Lagerung ins europäische Ausland verlegen, da haben wir gewechselt. Obwohl die Sicherheit der Zellen natürlich auch dort gewährleistet wäre, fühlen sich unsere Patientinnen doch besser, wenn die Zellen in ihrer Nähe aufbewahrt werden.“

„Das ist gut.“

„Wie ich merke, haben Sie sich schon sehr gut informiert. Interessieren Sie sich denn für eine Kryokonservierung? Möchten Sie Ihre Eizellen durch uns einfrieren lassen?“

„Das habe ich schon. Vor zehn Jahren.“

„Dann müssen Sie aber sehr jung gewesen sein. Gab es einen besonderen Grund, warum Sie sich so früh für dieses Verfahren entschieden haben?“

„Ich hatte Darmkrebs. Es war klar, dass die Chemotherapie meine Eizellen beschädigen würde, also habe ich mich dafür entschieden, sie vorher einfrieren zu lassen.“

Doktor Ahlmeier nickte. „Das war klug von Ihnen. Viele Frauen haben nicht mehr die Energie dazu, wenn sie unter dem Schock der Krebsdiagnose stehen.“

„Es hat mir Kraft gegeben, das zu tun. Es hat sich angefühlt, als ob ich meiner Krankheit ein Schnippchen schlagen würde. Durch die Gewissheit, dass ich später einmal eine Familie haben kann, konnte ich die Therapie besser durchstehen.“ Erst jetzt wurde Jorina klar, wie weit sie in den zehn Jahren gekommen war. Sie mochte das Wort nicht, aber in diesem Moment empfand sie es als ein Wunder, dass sie hier saß. Die dunklen Zeiten waren nun endgültig vorbei.

Doktor Ahlmeier wirkte gerührt, als ob sie sagen wollte: ‚Genau deshalb liebe ich meinen Beruf. Um Menschen in ihrer Situation helfen zu können‘.

„Und jetzt ist es so weit.“ Jorina fühlte die Begeisterung in sich aufsteigen. „Jetzt habe ich endlich den Mann kennengelernt, mit dem ich eine Familie gründen möchte.“

„Erzählen Sie mir von ihm.“ Doktor Ahlmeier nahm sich einen zweiten Keks.

„Christian ist mein Chef. Er ist groß und schlank und sieht in seinem Anzug immer umwerfend aus. Er hat Geschmack, was Mode betrifft, und auch sein Rasierwasser duftet wahnsinnig gut. Er ist vor einem halben Jahr nach Aurich gezogen, um die Bankfiliale zu leiten. Ich fand ihn schon im ersten Meeting äußerst attraktiv. Seit drei Monaten sind wir zusammen. Und als ich heute Morgen aufgewacht bin, da habe ich plötzlich gewusst, dass ich mit ihm mein Leben verbringen will. Auf einmal kann ich mir vorstellen, mit ihm zusammen in einem Haus zu wohnen und Kinder aufzuziehen.“

„Und kann er sich das auch vorstellen?“

„Ich habe noch nicht mit ihm darüber gesprochen. Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich wollte mich erst vergewissern, dass mit meinen Zellen alles in Ordnung ist. Zehn Jahre sind eine lange Zeit, und da die Umstände damals sehr negativ für mich waren, habe ich die Erinnerung daran immer gemieden. Ich wollte also erst einmal mit Ihnen reden.“

Doktor Ahlmeier lächelte. „Nein, das ist nicht blöd.“ Sie stand auf und ging zum Schreibtisch. Während sie am Computer etwas in die Tastatur tippte, schaute sich Jorina noch einmal die Bilder an den Wänden an. In einem Jahr würde hier ebenfalls solch eine Collage von ihrem ersten Baby hängen, daneben eine von ihr mit roter Tinte geschriebene und mit bunten Schleifchen beklebte Dankeschön-Karte.

„Jorina Rewerts?“, vergewisserte sich Doktor Ahlmeier.

„Genau.“

„Wie man es spricht oder irgendwie anders?“

„R-e-w-e-r-t-s.“

„Und Sie haben Ihre Zellen vor zehn Jahren bei uns entnehmen lassen?“

„Es waren insgesamt zwei Eingriffe, um eine größere Anzahl von Zellen zu gewinnen.“

Doktor Ahlmeier hämmerte immer weiter auf der Tastatur herum.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Jorina. Die Sorgenfalten auf der Stirn der Ärztin machten allerdings deutlich, dass das nicht der Fall war.

„Haben Sie vielleicht Ihre Unterlagen dabei?“, fragte Doktor Ahlmeier.

Jorina schüttelte den Kopf. „Es war ein spontaner Gedanke, Sie aufzusuchen. Ich bin direkt nach der Arbeit hierhergefahren. Christian ist gerade auf einer Fortbildung in Berlin, da hat das gut gepasst. Was ist denn los?“

„Es tut mir Leid, Frau Rewerts, aber ich kann Sie nirgendwo in unserer Patientendatei finden. Wir haben keine Zellen von Ihnen.“

*

Kriminalhauptkommissarin Diederike Dirks und ihr Assistent Kommissar Oskar Breithammer saßen auf einer Bank in Norddeich Mole und aßen Fischbrötchen aus dem Laden von de Beer. Es war Montagnachmittag, aber die genaue Uhrzeit interessierte sie nicht. Es war Zeit, um in den Himmel zu schauen; Zeit, den Möwen zuzuhören und den Geruch des Meeres einzuatmen. Es wäre schön, wenn es in Ostfriesland immer so friedlich und ihr Beruf überflüssig wäre.

In der Polizeiinspektion gab es gerade nur alte Akten zu wälzen, und wenn Dirks länger dort geblieben wäre, hätte sie wahrscheinlich angefangen, ihre Computertastatur zu reinigen. Glücklicherweise hatte ihr jedoch eine der alten Akten einen Anlass gegeben, um an die Küste zu fahren.

„Heute Abend gehe ich mit Folinde aus.“ Breithammer sprach mitten in Dirks‘ Meditation. „Um 19:00 Uhr haben wir eine Reservierung im Restaurant Feuerschiff in Emden.“

„Klingt, als ob es etwas zu feiern gäbe.“

„Gibt es auch. Wir sind heute seit sechsundzwanzig Tagen zusammen.“

Dirks öffnete die Augen. „Sechsundzwanzig? Seit wann ist das denn eine Zahl, bei der man feiert?“

„Ich habe mich auch gewundert, als Folinde mir das heute Morgen gesagt hat, aber dann hat sie mir erzählt, dass es die längste Zeit ist, die sie jemals mit jemandem zusammen war.“

„Dann ist es ein Grund zum Feiern.“ Dirks stieß mit Breithammer an und dachte dabei an die große rothaarige Verführung mit der überdimensionierten Fake-Brille. Breithammer hatte sie durch eine Dating-App kennengelernt. „Brauchst du dafür heute wieder meinen Feuerwehrhelm? Ich habe übrigens auch einen richtig schicken Handwerkergürtel zu Hause.“

„So oft machen wir sowas nun auch nicht“, verteidigte sich Breithammer. „Folinde ist ein ganz wundervoller und offenherziger Mensch. Du solltest sie mal an ihrer Grundschule erleben. Die Kinder lieben sie.“

„Spielt ihr zu Hause auch Lehrerin und Schüler?“

Breithammer seufzte. „Du hast sie bisher einfach nur sehr einseitig kennengelernt. Wir sollten mal gemeinsam was unternehmen, damit ihr euch richtig unterhalten könnt.“

„Zum Doppelkopf Spielen sind wir leider eine Person zu wenig.“

Breithammer grinste. „Deshalb habe ich schon mal Andreas Altmann gefragt. Er sagte, er würde sich für gewöhnlich Donnerstag Abend ‚für Zerstreuung' freihalten.“

Dirks musterte ihren Kollegen. Es schien ihm wirklich wichtig zu sein, und ein Abend zusammen mit dem Leiter der Spurensicherung konnte wirklich schön werden, wenn er dabei nicht nur über seine Persischen Windhunde redete. „Dann also Donnerstag bei dir.“ Sie freute sich mehr, als sie wollte, aber sie hatte auch schon zu lange nicht mehr Karten gespielt.

„Donnerstagabend ist fest.“ Breithammer schaute wieder zum Fähranleger, wo gerade die Frisia III anlegte. „Hast du eigentlich noch irgendwelche Ausflüge auf die Dating-App unternommen?“

„Nicht, dass dich das was angehen würde, aber nein.“ Die Wahrheit war, dass Dirks es noch mal probiert hatte, aber einfach nicht wusste, wie sie ihr Profil ausfüllen sollte. „Ich komme schon damit klar, alleine zu sein, Oskar. Es nervt nur, wenn jemand anderes so tut, als ob das eine Krankheit wäre.“ Dirks mochte solche Gespräche nicht. Sie redete lieber über Lokalsport, aber da war gerade wenig los. Das Thema, das aktuell die Region beschäftigte, waren die Pläne eines ostfriesischen Unternehmers, zusammen mit holländischen Investoren in der Samtgemeinde Brookmerland einen großen Wasserrutschen-Themenpark samt Resort-Hotel zu errichten. Glücklicherweise sagte Breithammer nichts weiter und Dirks begann sich wieder zu entspannen.

Da klingelte ihr Smartphone. Mit dem Enthusiasmus einer Miesmuschel ging sie ran. „Moin.“ Augenblicke später wurde ihr Gesichtsausdruck ernst und sie hörte angespannt zu, was der Kollege in der Zentrale berichtete. „Okay“, sagte sie schließlich. „Wir fahren gleich los.“

„Was ist passiert?“ Breithammer sah sie fragend an.

„In Aurich wurde die Leiche einer Frau entdeckt.“

2. Sondermüll

Jorina fuhr in die Innenstadt von Aurich. Um diese Zeit setzte der Berufsverkehr ein, aber es fiel ihr schwer, sich auf die Straße zu konzentrieren. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Immer wieder hallte in ihrem Kopf das Streitgespräch mit Doktor Ahlmeier nach.

„Was soll das heißen, dass Sie mich nicht in Ihrer Patientendatei finden? Ich weiß genau, dass ich vor zehn Jahren hier war. In zwei Eingriffen wurden mir fünfundvierzig Eizellen entnommen.“

„Bitte bringen Sie mir Ihre Unterlagen von damals, Frau Rewerts, und ich überprüfe hier noch einmal alle unsere Aufzeichnungen. Außerdem werde ich die Kryobank, in der wir die Zellen einlagern, bitten, die Datensätze unserer Praxis nach Ihnen durchzusehen.“

Das klang vernünftig. Natürlich hatte Jorina die Unterlagen von ihren damaligen Besuchen im Kinderwunschzentrum bei sich zu Hause. Dieser schreckliche Irrtum würde sich bald aufklären.

*

Gegen 16:40 Uhr erreichten Dirks und Breithammer Aurich. Der Fundort der Leiche befand sich in der Nähe des Zentrums. Schon bald sahen sie am Straßenrand einen Streifenwagen und das Auto eines Notarztes stehen. Außerdem parkte dort ein Kleinlastwagen der Stadtreinigung. Das Absperrband war direkt um einen Containerplatz gespannt worden. Dirks zählte drei Altglascontainer, zwei Restmülltonnen und eine überquellende Sammelbox für Altkleider.

Die Kriminalbeamten parkten und stiegen aus. Eine Streifenpolizistin sprach gerade mit zwei Müllmännern. Und dann war da noch ein Kollege in Zivil, mit dem Dirks überhaupt nicht gerechnet hatte. „Was machen Sie denn hier, Holm? Müssen Sie nicht in Emden Dienst tun?“

„Ich habe heute früher Schluss gemacht, um noch zum Friseur zu gehen“, entgegnete Polizeiobermeister Sven Holm. „Salon Gabi, da gehe ich schon hin, seit ich dreizehn Jahre alt bin.“

Das ist ja noch nicht so lange her, dachte Dirks sarkastisch. „Der Salon ist aber drei Straßen weiter. Was haben Sie hier gemacht?“

„Ich habe mir noch ein Ed von Schleck-Eis im Supermarkt gekauft, dann habe ich den Transporter von der Stadtreinigung gesehen. Ich dachte, das wäre ja mal interessant. Als Kind wollte ich nicht immer zur Polizei, wissen Sie? Auch Müllmänner fand ich gut.“ Er grinste. „Da haben Sie wohl Glück gehabt, dass ich bei der Stadtreinigung nicht genommen wurde.“

Dirks verzichtete darauf, diese Bemerkung zu kommentieren. „Sie haben also Ihr Eis geschleckt und dabei diese beiden Männer beobachtet.“ Sie wandte sich den Müllmännern zu.

„Moin. Karsten Goosmann“, grüßte der eine.

„Jannek Geiken“, sagte der andere. „Wir sind für die außerordentliche Reinigung der Containerplätze zuständig.“

„Trotz der Bußgeld-Warnschilder laden einige hier ihren Sperrmüll ab. Manche Plätze sind so verdreckt, dass sich die Anwohner beschweren“, erklärte Goosmann. „Dann kommen wir.“

„Für die Altkleider sind wir allerdings nicht zuständig. Das muss die Organisation machen, die die Container aufgestellt hat“, fügte Geiken hinzu.

„Sie haben also diesen Containerplatz gereinigt. Und was ist dann passiert?“

Holm antwortete für die beiden. „Vorbildlicherweise möchte Herr Geiken auch den vernachlässigten Winkel hinter den Containern saubermachen. Und plötzlich ruft er: ‚Ach du Scheiße‘, und ich denke: ‚So ruft nur die Pflicht.‘ Also habe ich mich wieder in den Dienst versetzt und die Sache in die Hand genommen. Aber sehen Sie selbst.“

Dirks folgte Holm unter dem Absperrband hindurch. Hinter den Containern gab es zwischen der Grundstücksmauer und den Mülleimern einen verwahrlosten Zwischenraum, den man von außen nicht einsehen konnte. Auch hier hatte sich eine beträchtliche Menge an Schrott angesammelt, doch das war nicht das, was Dirks interessierte. Mit dem Rücken zur Mauer saß dort eine junge Frau. Sie hatte Filzzöpfe und ein Piercing in der Nase, ihre Augen waren weit aufgerissen und der Mund stand offen. Neben der Toten kniete der Notarzt.

Die Gesichtsmuskeln der Frau waren erschlafft, aber es war trotzdem deutlich, dass sie sehr hübsch gewesen war. Selbst jetzt noch wirkten ihre Dreadlocks passend und das Piercing interessant. Sie trug eine enge Jeans und ein T-Shirt mit der Sehnsucht nach Sommer, an den Füßen trug sie Ballerinas. Wären sie in einer Universitätsstadt, würde Dirks sie für eine Studentin halten, aber hier in Aurich assoziierte sie auf den ersten Blick keinen Beruf mit ihr.

Normalerweise blendete Dirks alle Gefühle aus, wenn sie eine Leiche sah, aber in diesem Fall traf sie der Anblick. Diese Frau hatte ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt. Warum hatte sie sich an diesen verlorenen Ort gesetzt? Kein Mensch sollte auf einem Müllplatz enden.

„Diese Mode mit den Nasenringen verstehe ich nicht“, sagte Holm. „Und dann diese verfilzten Haare. Da kommen doch die Motten rein.“

„Gehen Sie bitte aus meiner Hörweite“, unterbrach Dirks ihn, „sonst kann ich mich nicht konzentrieren.“ Sie blickte zum Notarzt. „Können Sie schon etwas zur Todesursache sagen?“

Der Doktor schüttelte den Kopf. „Es gibt kein Anzeichen von äußerer Gewalteinwirkung, keine Wunde, kein Blut. Die genaue Ursache kann nur eine Obduktion klären.“

Dirks registrierte eine gewisse Bitterkeit in der Stimme des Arztes. „Sie haben eine Theorie, nicht wahr?“

„Nun, für einen Herzinfarkt war sie noch zu jung.“

„Bitte sagen Sie mir Ihre persönliche Meinung. Mir ist klar, dass das erst noch in der Gerichtsmedizin überprüft werden muss.“

Der Arzt seufzte. „Ich würde sagen, dass sie aufgrund einer Atemdepression innerlich erstickt ist.“

„Was bedeutet das?“

„Normalerweise atmet ein Erwachsener sechszehn bis zwanzig Mal pro Minute. Bei unter zehn Atemzügen pro Minute wird der Gasaustausch nicht mehr gewährleistet und die Organe werden nicht mehr richtig mit Sauerstoff versorgt. Der Betroffene empfindet dabei keine Atemnot; die Atemzüge enthalten dasselbe Volumen und sind sogar vertieft, aber trotzdem erstickt er.“

„Und wodurch wird solch eine Atemdepression hervorgerufen?“

„Durch eine zu hohe Dosis von Medikamenten, die man umgangssprachlich als ‚K.-o.-Tropfen‘ bezeichnet.“

„K.-o.-Tropfen?“ Dirks hatte zum Glück noch nie damit zu tun gehabt. Sie waren schließlich in Ostfriesland und nicht auf der Partymeile einer Großstadt, wo es häufig zu Straftaten mit diesen Medikamenten kam. Jemand mischte in einem unbeobachteten Moment jemandem den Wirkstoff in das Getränk und später wurde das wehrlose Opfer ausgeraubt oder vergewaltigt. Da die Medikamente einen zeitweisen Gedächtnisverlust hervorriefen, konnten sich die Opfer am nächsten Morgen nur noch bedingt an die Ereignisse erinnern. „Heute ist Montag. Wenn sie am Wochenende ausgegangen ist, würde das zeitlich passen.“

„Wurde die Frau vergewaltigt?“, fragte Breithammer den Arzt.

Der schüttelte den Kopf. „Vielleicht hat der Täter aber nur davon abgelassen, weil ihr Zustand schon so schlecht war.“

„Und dann hat er sie einfach hier zurückgelassen?“, empörte sich Breithammer. „Ohne einen Krankenwagen zu rufen? Da hätte ja wohl ein anonymer Anruf gereicht.“

„Vielleicht war er der Überzeugung, sie würde sich wieder erholen“, sagte der Arzt mit belegter Stimme.

„Woher stammen Ihre Erfahrungen mit K.-o.-Tropfen?“, fragte Dirks. „Hatten Sie schon mal so einen Fall?“

„Letztes Jahr kamen nach dem Wochenende öfter mal Mädchen in die Notaufnahme, weil sie befürchtet hatten, jemand hätte ihnen etwas ins Getränk gemischt. Deshalb habe ich mich eingehender mit dem Thema beschäftigt. Es gibt etwa einhundert verschiedene Medikamente, die missbräuchlich als K.-o.-Tropfen eingesetzt werden können. Das Problem ist, dass sich viele dieser Stoffe so schnell zersetzen, dass man sie am nächsten Tag nicht mehr nachweisen kann.“

„Wenn der Täter das Medikament zu hoch dosiert hat, dann hatte er offensichtlich keine Erfahrung mit dem Wirkstoff“, sagte Breithammer.

„Der Effekt kann aber aufgrund der körperlichen Konstitution oder der Kombination mit anderen Drogen auch verstärkt werden. Wenn die Frau einen grundsätzlich schwachen Kreislauf hatte, könnte auch schon eine ‚normale‛ Dosis für eine Atemdepression augereicht haben.“

„Wer ist sie eigentlich? Hatte sie irgendetwas bei sich, wodurch wir sie identifizieren können?“

Der Notarzt verneinte und Dirks blickte sich um. „Ich sehe hier auch keinen Gegenstand, den man ihr zuordnen könnte. Keinen Rucksack, keine Handtasche.“

„Also hat der Täter sie doch beraubt?“, fragte Breithammer.

Dirks überlegte. „Normalerweise interessiert einen Dieb nur Bargeld und nicht die Tasche selbst. Diese junge Frau wird ja keine Louis Vuitton besessen haben.“ Die Kommissarin verließ den Fundort der Leiche und ging zu den beiden Müllmännern zurück. „Herr Geiken, Herr Goosmann, würden Sie bitte die beiden Restmülltonnen öffnen, damit wir uns den Inhalt ansehen können?“

Breithammer nickte zustimmend. „Es wäre natürlich naheliegend, die Handtasche gleich hier zu entsorgen, nachdem man das Geld herausgenommen hat.“

Jannek Geiken schloss die Metallboxen auf, in denen jeweils eine normale Mülltonne stand.

„Schütten Sie den Inhalt einfach hier auf den Gehweg“, forderte Dirks ihn auf.

Geiken zögerte, denn solch eine Handlung widersprach wahrscheinlich seinem Berufsethos.

„Nun machen Sie schon.“

Schließlich gehorchte er, und auf dem Bürgersteig verteilten sich alte Plastiktüten, Dosen und Metalldeckel der Flaschen, die man in den Altglascontainern entsorgt hatte. Außerdem entdeckte Dirks noch die Überreste eines Ed von Schleck-Eises, aber keine Handtasche. Enttäuscht wandte sie sich an Breithammer. „Der Täter könnte die Tasche überall weggeworfen haben.“

„Oder er ist ein besonders ordentlicher Mensch. Eine Handtasche ist schließlich kein Restmüll, sondern ein Kleidungsstück.“

Dirks folgte seinem Blick. „Die Sammelbox für Altkleider?“

„Warum nicht?“

Sie gingen zu dem Container, um den sich mehrere Tüten stapelten, die mehr oder weniger gut verschlossen waren. Die Einwurfklappe war vollkommen verstopft mit Schuhen und Stoffen, bei denen es sich entweder um die Reste eines Renaissance-Kleides oder um Wohnzimmervorhänge handelte. „Dort.“ Dirks zeigte auf etwas, was auf der Sammelbox lag. „Da ist ein Rucksack, der zu der Toten passen könnte.“

Breithammer holte die Tasche herunter.

Der Rucksack enthielt ein Portemonnaie mit einem Ausweis. Die junge Frau auf dem Foto trug zwar eine Brille, war aber eindeutig das Opfer. „Sie hieß Bente Bleeker und war einundzwanzig Jahre alt. Sie hat in der Oldersumer Straße gewohnt.“

„Dann sollten wir dort mal vorbeifahren. Vielleicht weiß bei ihr zu Hause jemand, wo sie am Wochenende gewesen ist.“

*

Jorina saß auf dem Boden des Wohnzimmers und blätterte einen alten Ordner durch. Es tat weh, die alten Rechnungen und Dokumente zu sehen. Das war wie eine Zeitreise durch die letzten zehn Jahre und ging viel zu schnell, um damit klarzukommen. Jedes Blatt rief die Erinnerung an einen Moment wach, jede Arztrechnung stand für einen Arztbesuch. Diese Unterlagen rissen alte Wunden auf, die nicht dadurch geschlossen wurden, dass man einfach weiterblätterte.

Der Krankenhausarzt hatte damals gesagt, sie habe den Krebs besiegt, allerdings hatte es sich niemals wie ein Sieg angefühlt. Sie war einfach nur froh gewesen, dass sie hatte aufstehen und weitergehen können. Das war immer ihr einziger Maßstab gewesen. Solange sie noch weitergehen konnte, war alles in Ordnung. Dann würde sie nicht so sein wie ihre Mutter.

Jorina wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie durfte sich nicht von der Vergangenheit überwältigen lassen, sondern musste sich auf das konzentrieren, was sie suchte. Sie musste unbedingt die Unterlagen vom Kinderwunschzentrum finden.

*

Dirks suchte in der Oldersumer Straße nach einem Parkplatz. Hatte Bente eine eigene Wohnung gehabt oder noch bei ihren Eltern gewohnt?

Auf den Klingelschildern des Mietshauses standen zumeist mehrere Namen, oft mit Aufklebern. „Sieht mir nach einem Haus mit Wohngemeinschaften aus.“ Breithammer zeigte auf ein Schild. „Das hier muss es sein: Schmidt/Bleeker.“ Er läutete.

Nach einer Weile rauschte es und sie hörten eine weibliche Stimme. „Hallo?“

„Kriminalpolizei. Wir würden gerne –“

„Hat Sie etwa die olle Frau Meierhuber angerufen? Ich darf mein Fahrrad im Hausflur abstellen, ich habe den Vermieter gefragt, ehrlich.“

„Wir sind nicht wegen Ihres Fahrrads hier, Frau Schmidt, sondern wegen Ihrer Mitbewohnerin, Bente Bleeker.“

Der Türsummer brummte und sie gingen hinein.

Im zweiten Stock stand eine junge Frau mit blonden Zöpfen in der Tür. Dirks schätzte, dass sie jünger war als Bente. Ihre Figur entsprach nicht dem aktuellen Schlankheitsideal. Dirks hatte kein Problem damit, sie sich als holländisches Mädchen hinter einem Käserad vorzustellen. Wenn sie sich richtig erinnerte, dann hatte Dirks bei ihr sogar schon einmal Käse gekauft. „Arbeitest du nicht im Combi-Lebensmittelmarkt?“

„Richtig.“ Die Frau strahlte. „Ich mache dort eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel.“

„Und du heißt?“

„Silvy Schmidt.“

„Dürfen wir reinkommen, Silvy?“ Dirks zeigte Bentes Mitbewohnerin ihren Dienstausweis.

Silvy trat zur Seite und ließ sie eintreten. „Was hat Bente denn angestellt? Ehrlich gesagt, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass sie irgendetwas Schlimmes gemacht hat.“

„Ihr lebt zu zweit in dieser Wohnung?“

Silvy nickte und Dirks machte sich innerlich eine kleine Übersicht von der Aufteilung der Wohnung. Da nur bei einem der Schlafzimmer die Tür offenstand, befand sich Bentes Zimmer wahrscheinlich direkt zu ihrer Rechten neben der Eingangstür. „Wann hast du Bente das letzte Mal gesehen?“

„Am Samstag. Ich habe ihr gesagt, dass ich zu müde bin, um mit ihr auszugehen. Ich habe mich echt schlecht gefühlt und musste dringend mal ausschlafen.“

„Und am Sonntag war Bente nicht mehr da?“

„Ich glaube, sie ist zu ihren Eltern nach Altfunnixsiel gefahren. Das macht sie oft. Sie hat eine richtige Großfamilie, wissen Sie? Sie ist die Jüngste von sechs Geschwistern.“

„Wie kommt sie nach Altfunnixsiel. Hat sie ein Auto?“

Silvy nickte. „Einen weißen VW Polo. Den braucht sie auch für ihre Arbeit.“

„Was arbeitet sie denn?“

„Sie will Journalistin werden. Zur Zeit macht sie ein Volontariat bei der Ostfriesen-Zeitung.“

Dirks wusste, dass sie Silvy allmählich davon unterrichten sollte, dass ihre Mitbewohnerin tot war. Allerdings befürchtete sie, dass die Auszubildende dann so geschockt sein würde, dass sie nichts mehr über Bente erfahren würden. „Wollen wir uns nicht in die Küche setzen?“

Silvy nickte und ging vor.

„Verstehst du dich gut mit Bente?“

„Normal, würde ich sagen. Für eine WG, meine ich. Es gab hin und wieder Streit um die Haare im Duschabfluss. Ich finde das ja nicht so schlimm, dafür habe ich es gehasst, wenn sie wieder die Nutella aufgegessen hat, ohne für Nachschub zu sorgen. Bente glaubt, nur weil ich im Supermarkt arbeite, wäre ich der natürliche Nutella-Lieferant. Aber ich kann schließlich nicht jeden Tag ein Glas mitbringen.“

„Aber du gehst mit ihr öfter am Wochenende weg?“

„Nicht so oft wie sie. Bente fährt mittlerweile jeden Samstag in die Disko Lahmann. Eigentlich mag sie den Club nicht besonders, aber man hat hier schließlich keine große Auswahl und der erste Floor spielt elektronische Musik. Die liebt sie.“

„Und ist sonst noch jemand mitgekommen? Hat Bente einen Freund?“

„Nein. Sie behauptet, sie hätte keine Zeit für einen Freund, denn sie möchte unbedingt in der Zeitung gute Arbeit machen. Ich glaube, mit den Kollegen dort versteht sie sich sehr gut. Alle anderen Bekannten hat sie in der Heimat.“ Silvy wurde ungeduldig. „Bitte sagen Sie mir doch endlich, was los ist!“

Dirks blickte Silvy ernst an. „Bente ist tot.“

„Was?“

„Vor einer Stunde wurde ihre Leiche gefunden.“

„Oh Gott! Was ist passiert?“

„Wir wissen noch nichts Genaues, nur, dass es wahrscheinlich am Wochenende geschehen ist.“

„Also war sie gar nicht bei ihren Eltern? Und ich saß hier mit meiner dämlichen Erkältung und war sauer auf sie! Ich dachte, dass sie mich meidet.“

„Ich würde mir gerne Bentes Zimmer ansehen. Ist das in Ordnung für dich?“ Dirks blickte dabei auch Breithammer an. Er nickte und sie ließ ihn mit Silvy alleine.

Bentes Zimmer war nicht groß, vielleicht fünfzehn oder sechszehn Quadratmeter. Es enthielt alle Möbel, die man brauchte, aber alles wirkte mehr zufällig zusammengewürfelt, als gezielt eingekauft. Den Kleiderschrank hatte Dirks vor drei Jahren im IKEA-Katalog gesehen, die Lampe und der Spiegel stammten wahrscheinlich vom Flohmarkt. An den Wänden hingen bunte Tücher, aber wirklich wohnlich wirkte der Raum dadurch auch nicht. Der Laptop auf dem Schreibtisch war voll mit Aufklebern. Bente besaß nicht viel Geld, schloss Dirks. Sie hat Aurich nur als eine Durchgangsstation in ihrem Leben betrachtet.

Als Dirks zurück in die Küche ging, saß nur noch Breithammer dort.

„Silvy ist auf der Toilette“, sagte er.

„Wird sie klarkommen?“

„Sie hat ihre Mutter angerufen, die will vorbeikommen.“

„Gut.“ Dirks schaute auf die Uhr. „Wir sollten noch zur Redaktion der Ostfriesen-Zeitung gehen. Wenn sich Bente mit ihren Kollegen so gut verstanden hat, dann war vielleicht jemand von ihnen mit ihr am Wochenende zusammen. Außerdem können wir uns die Disko Lahmann ansehen. Zumindest von außen, denn Montags hat sie sicherlich geschlossen.“

3. Jendrik

 

Dirks und Breithammer hinterließen Silvy ihre Visitenkarten, damit sie sich melden konnte, falls ihr noch etwas einfiel. Dann verließen sie die WG.

Auf der Straße holte Dirks ihr Smartphone hervor. Während sie die Kurzwahltaste zur Zentrale drückte, fiel ihr Blick auf Breithammer. „Was ist los mit dir, Oskar? Du wirkst nicht besonders motiviert.“ Sie hatte keine Zeit, um auf seine Antwort zu warten, denn schon meldete sich die Zentrale. Dirks bat darum, dass ein Kollege in der Nähe von Funnix Bentes Eltern aufsuchte, um ihnen die Todesnachricht ihrer Tochter zu überbringen.

„Ich sollte Folinde anrufen, dass ich es heute nicht mehr schaffe“, sagte Breithammer. „Das ist wohl etwas, an das sie sich gewöhnen muss, wenn sie mit einem Polizisten zusammen ist.“

„Ach, stimmt ja, euer Sechsundzwanzig-Tage-Jubiläum.“ Dirks wusste, dass er ihr vor nicht einmal zwei Stunden davon erzählt hatte, trotzdem kam es ihr ewig weit weg vor. Es tat ihr leid, dass Breithammer dieses Treffen wegen ihres Falles nun absagen musste. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten eines Kriminalbeamten verlangten viel Flexibilität und Kompromissbereitschaft vom Partner. Konnte die Beziehung zu Folinde das schon aushalten? „Schon in Ordnung, Oskar, ich mache das alleine. Verbringe du deinen Abend so, wie ihr ihn geplant habt.“

„Wirklich?“

„Natürlich. Wir arbeiten hier immerhin aufgrund einer noch vollkommen unbestätigten Theorie.“

Breithammer sah sie dankbar an. „Weißt du, wo ich am besten Blumen herbekomme?“

„Hat Blumenwiese davon nicht genug?“

Dirks setzte Oskar bei der Polizeiinspektion ab und fuhr dann in die Kirchstraße zur Redaktion der Ostfriesen-Zeitung.

Sie war sich nicht sicher, ob sie von einem Besuch um diese Tageszeit viel erwarten sollte, aber zumindest sollten die Journalisten dort am besten direkt von der Polizei erfahren, warum ihre Kollegin nicht mehr zur Arbeit kam. Gerade weil es um eine Zeitungsmitarbeiterin ging, sollte die Polizei gut mit der Presse zusammenarbeiten.

Dirks wollte die Tür öffnen, da wurde sie bereits von innen aufgezogen. Der Mann vor ihr war nicht weniger überrascht, dass plötzlich jemand vor ihm stand.

„Moin“, sagten sie gleichzeitig.

Der Mann war so groß wie sie und um die dreißig Jahre alt. Er hatte einen kleinen Bierbauch und trug ein Hemd, dessen Muster schon ohne Kaffeefleck hässlich war. Sein Gesicht wirkte wie das eines Amateurboxers, der immer verloren hatte. Er lächelte schief, aber einnehmend.

Dirks hatte dieses Gesicht schon mehrmals auf dem Foto unter einem Artikel in der Onlineausgabe der Ostfriesen-Zeitung gesehen, allerdings hatte sie dieses Bild niemals so ansprechend gefunden, dass sie sich für den Namen des Journalisten interessiert hatte. „Sie schreiben für den Lokalsport, nicht wahr?“

„Korrekt.“

Dirks lächelte jetzt auch. „Wenn ich in letzter Zeit einen Artikel besonders interessant finde, ist meistens ihr Bild darunter. Sie fügen Ihren Berichten eine ganz eigene Note hinzu. Waren Sie selbst mal Sportler?“

„Ich habe lange Handball gespielt. Aber hören Sie, so toll ich es auch finde, dass Sie meine Artikel mögen, muss ich jetzt zu einem Termin, um den nächsten schreiben zu können.“

„Bitte sagen Sie mir nur, an wen ich mich wenden muss, wenn ich ein Anliegen wegen Bente Bleeker habe.“

„Bente? Was ist mit ihr?“ Plötzlich hatte der Mann es nicht mehr eilig. „Ich habe heute schon mehrmals bei ihr angerufen, aber sie ist nicht ans Telefon gegangen. Sie kann sich ja mal einen Vormittag freinehmen, aber ich hätte gedacht, dass sie dann wenigstens am Nachmittag auftaucht.“

Erst jetzt fiel Dirks der Name neben dem Foto ein. Jendrik Bleeker. „Sie sind mit Bente verwandt, nicht wahr?“

„Ich bin ihr ältester Bruder. Aber wer sind Sie?“

„Diederike Dirks, Kriminalpolizei.“ Diesmal sollte sie lieber direkt zur Sache kommen. „Ich habe leider eine sehr schlimme Nachricht für Sie. Heute Nachmittag wurde Bente tot aufgefunden.“

Jendriks Augen hatten mit einem Mal jede Lebendigkeit verloren.

„Wir sollten reingehen, dann können Sie sich hinsetzen.“

Jendrik folgte ihr in den Empfangsbereich des Redaktionsbüros. Er setzte sich auf einen Stuhl und Dirks holte aus einem Wasserspender einen Becher mit Wasser.

„Was ist passiert?“, fragte Jendrik Bleeker. „Hatte sie einen Unfall?“

„Es ist noch zu früh, um etwas Genaues zu sagen, aber ihre Leiche wurde auf einem Containerplatz gefunden.“

„Auf einem Müllplatz?“ Jendrik Bleeker schüttelte den Kopf. „Ich habe geahnt, dass etwas nicht stimmt, aber man will sich ja nicht gleich Sorgen machen und das Schlimmste annehmen. Das ist die Aufgabe der Eltern. Der große Bruder weiß, dass seine kleine Schwester auf sich selbst aufpassen kann.“ Wütend ballte er die Fäuste. „Ich hätte sie beschützen müssen. Verflucht! Ich habe unseren Eltern versprochen, dass ich auf sie achtgebe!“

Dirks wusste, dass sie nichts tun konnte.

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