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Fridolin, der freche Dachs

Hans Fallada

Fridolin, der freche Dachs

Eine zwei- und vierbeinige Geschichte

 

 

 

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Inhaltsübersicht

Erstes Kapitel: Fridolins glückliche Jugendzeit. Er verliert alle seine Geschwister und schickt seine Mutter in den Fuchsenbau

Zweites Kapitel: Abenteuer des Füchsleins Isolein und seine Reise in den Hullerbusch. Fridolin wird ausgestänkert und zieht in die weite Welt

Drittes Kapitel: Fridolins seltsames Abenteuer mit der Leitkuh Rosa und sein erstes Bekanntwerden mit einigen Ditzens

Viertes Kapitel: Fridolin entdeckt die köstliche Pflanze Süßwachs, entgeht schlafend vielen Gefahren und begründet auf dem Baumwerder ein neues Heim

Fünftes Kapitel: Die Leute und der Dachs merken voneinander. Teddy gerät in falschen Verdacht, und dem Fridolin wird der Krieg erklärt

Sechstes Kapitel: Ein Kriegsrat und Kriegsvorbereitungen. Mücke macht einen Spaziergang, scheidet aus der Kriegspartei aus und wird Fridolins Bundesgenossin

Siebentes Kapitel: Wirkungsloser Feldzug. Fridolin bekommt zwei Füchse als Mieter, ihm wird durch sie das Leben gerettet

Achtes Kapitel: Zweiter Feldzug gegen den Dachs mit den Bundesgenossen Mücke und Friesicke und vielen, vielen Schüssen – doch wieder erfolglos

Nachwort an Mücke

 

Allein für die Mücke zum sechsten Kriegsweihnachten 1944 geschrieben, in einem einzigen Exemplar hergestellt und mit großer Mühe eigenhändig gebunden von Hans Fallada

Erstes Kapitel

Fridolins glückliche Jugendzeit. Er verliert alle seine Geschwister und schickt seine Mutter in den Fuchsenbau

In dem Haus am See wohnten die Leute, in der Höhle am Südhang des Baumwerders hauste der Dachs.

Die Leute hatten das Haus eines Tages einfach gekauft; sie nahmen große Veränderungen vor, in ihm und um das Haus herum. Die Veränderungen in dem Haus interessierten den Dachs Fridolin gar nicht, aber daß diese Leute überall Zäune zogen, kreuz und quer, über seinen geruhigsten Nachtwegen, und daß sie ihn dadurch von seinen besten Futterplätzen abschnitten, das bereitete ihm manchen Kummer. Auch hatten diese Leute viele Kinder, wie viele, so weit konnte Fridolin nicht zählen, denn ein Dachs kann grade bis zwei zählen, was mehr ist als zwei, das nennt er viel.

Aber wir wissen, wie viele Kinder diese Leute hatten, nämlich drei; sie wurden genannt: der Uli, die Mücke, der Achim. Und außer den Kindern hatten die Leute noch einen Hund, Teddy, und die Leute und die vielen Kinder und der Hund hatten es sich angewöhnt, auf den Baumwerder zu laufen und dort herumzuspielen und Krach zu machen, und der Hund jagte und stöberte überall. All das störte Fridolin, den Dachs, gewaltig.

Der hatte sich seine schöne Höhle nicht kaufen können, sondern er hatte sich sie eigenpfotig mit großer Mühe ausgebaut. Ursprünglich hatte Fridolin nicht auf dem Baumwerder gewohnt, erst ein bitteres Erlebnis hatte ihn gezwungen, nach dort aus dem gut drei Kilometer entfernten Hullerbusch zu verziehen – und das ist ein weiter Weg für einen Dachs.

Der Hullerbusch ist ein mäßig großer Buchenwald, auf einer Hochebene gelegen, die nach Norden und Süden zu zwei Seen hin abfällt, zum Schmalen Luzin und zum Zansen, wie die Leute diese Seen nennen. Am Südhang zum Zansen hatte Fridolin seinen ersten Bau gehabt, und dort, am Südhang im lichten Buchenwald, war er auch aufgewachsen, liebevoll betreut von seiner Mutter Friedesinchen, mit seinen drei Geschwistern, die Friedrich, Frieda und Friederike hießen.

Seinen Vater hatte Fridolin nie kennengelernt, denn die Dachse, die von Natur zur Einsiedelei neigen, leben stets für sich allein. Auch Mann und Frau hausen nicht miteinander, sondern die Mutter muß allein die Jungen aufziehen, bis sie groß genug sind, sich selbst in der Welt weiterzuhelfen. Mutter Friedesinchen hatte ihren Kleinen aber mancherlei von ihrem Vater Frieder erzählt, der wegen seiner Brummigkeit und wegen seines Griesgramtums unter den Dachsen hoch geehrt war. Denn die Dachse schätzen mürrisches Wesen ebensosehr wie die Menschen Freundlichkeit; sie finden, je weniger ein Dachs die andern Dachse braucht, um so schätzenswerter ist er, und am höchsten ist der Dachs zu verehren, lehrte Mutter Friedesinchen ihre Kinder, der überhaupt nicht gemerkt wird.

Also am Südhang zum Zansen im lichten Buchenwald hatte Fridolin seine Kindertage verlebt, und sehr schön waren sie gewesen! Am Ende eines sehr kalten Februar war er mit seinen Geschwistern geboren worden, aber von der Kälte draußen in der Welt hatten die Kleinen nichts zu spüren bekommen: Die Mutter hatte die Höhle warm mit trockenem Laub, mit weichem Moos und langem Gras gepolstert – das war ein richtiges molliges Nest. Zwei Meter tief lag diese Höhle unter dem Erdboden, so weit drang kein Frost.

Auf die Sauberkeit war Friedesinchen besonders erpicht: Sie hatte einen kurzen Gang von der Wohnhöhle fort gegraben und am Ende dieses Ganges einen ganz kleinen Kessel angelegt. Sie gewöhnte ihre Kinder schnell daran, für jedes Geschäft auf dieses Klosettchen zu gehen und die Losung, wie man das nennt, gut unterzuscharren. Auch alle von den Kleinen angenagten Speisereste trug sie dorthin, denn nichts ist den Dachsen so verhaßt wie der Gestank von Verdorbenem und Unrat. Darum legen sie auch außer den sechs bis acht Schlupfröhren, die vom Kessel ins Freie führen, noch zwei oder drei steile Schächte an, damit die Luft in der Höhle immer sauber und rein sein möge.

Von der ersten, ganz in der warmen, weich ausgepolsterten Höhle verlebten Zeit wußte Fridolin später natürlich gar nichts mehr. Wie seine Geschwister war er blind zur Welt gekommen, es dauerte lange Zeit, bis er sehen und ein wenig herumkriechen lernte. Die Nahrung war knapp in dieser Zeit; auf den eiskalten Februar war ein böser, nasser März gefolgt, und Mutter Friedesinchen hatte ihre liebe Not, die vier Mäuler ihrer Kinder und das eigene dazu satt zu bekommen. Sie war aber unermüdlich tätig, und ganz gegen die Gewohnheit der Dachse fuhr sie sogar manchmal am Tage aus ihrem Bau, wenn die Kinder gar zu jämmerlich nach Futter quiekten.

Fridolin und Friedrich, Frieda und Friederike waren immer gespannt darauf, was die Mutter nun anbringen würde; sie lernten in diesen Tagen soviel Neues fühlen, riechen und schmecken. Was es doch auch alles auf dieser geheimnisvollen Welt draußen gab, von der sie noch nichts gehört und gesehen hatten! Wohlschmeckende Wurzeln brachte Friedesinchen an, Bucheckern und Eicheln, auf dem Felde vergessene Möhren und Futterrüben und als begehrte Fleischkost: Regenwürmer, eine froststarre Ringelnatter oder gar ein delikates Mäuschen! Der Höhepunkt im Speisezettel war es aber, als Friedesinchen einmal auf ein Erdwespennest gestoßen war – ach, wie gut schmeckte dem Fridolin der süße Honig! Er konnte es gar nicht verstehen, daß die Mutter nicht alle Tage solch süßes Schleckerzeug anbrachte, er schalt und muckschte mit ihr deswegen. Dumm, wie er noch war, hatte er natürlich keine Ahnung von den Schwierigkeiten, die seine Mutter mit dem Futterbeschaffen hatte, und er dachte, die süßen Honignester gebe es überall.

Dann kam an einem schönen Sonnentag Anfang April der große Augenblick, wo Friedesinchen zum ersten Male ihre Kinder ans Tageslicht führte. Du lieber Himmel, was war das für eine Aufregung, als es in der düsteren Schlupfröhre immer heller und heller wurde! Den Kleinen, die bisher nur Dunkelheit gekannt hatten, wollte angst werden vor dem Licht – Mutter Friedesinchen mußte nachschieben und tüchtig schelten, sonst wären alle vier gleich wieder in ihr Nest zurückgekrochen!

Und wie rissen sie erst die Augen auf draußen im hellen Sonnenlicht! Rissen sie auf und machten sie gleich wieder zu, denn so viel Helligkeit tat den Augen weh. Erst langsam wagten sie wieder, zuerst zu blinzeln, dann um sich zu schauen – und nun ging die Fragerei los!

»Mutter, was ist das Gelbe, das Weiche, das Warme?« fragten sie und meinten den schönen reinen Sand, den Friedesinchen beim Bau der Höhle aus der Tiefe der Erde hervorgescharrt hatte.

»Mutter, was ist das für ein braunes, langes Ding, in dem meine Zähne immer klebenbleiben?« fragten sie und meinten eine harzige Kiefernwurzel.

»Mutter, ist das ein kleiner Dachs, der so komisch schreit?« fragten sie und meinten die Vögel, die in den Kronen der Bäume tschilpten.

»Mutter, was macht mir so warm, als läge ich ganz dicht an deinem Bauch?« fragten sie und meinten die liebe Sonne, die ihnen den Pelz wärmte.

So hatten sie hundertundeine Frage, und Friedesinchen wußte sich nicht anders zu helfen, als daß sie, um endlich ein bißchen Ruhe zu bekommen, die Kinder den Abhang zum See hinunterführte, damit sie das Wassersaufen lernten. Gab das aber eine Stolperei, Purzelei, Fallerei den steilen Abhang hinunter! Es geschah sogar ein ernster Unglücksfall: Frieda kam so in Schuß, daß sie immer rundherum – rundherum – bumm! den Abhang hinabrollte. Unten konnte sie natürlich nicht bremsen; sie wußte ja auch nicht, daß das Helle, Glitzernde Wasser war – kopfüber fiel sie hinein, und ein großer Hecht, der sich behaglich im seichten Wasser gesonnt hatte, schoß auf sie zu und zog sie in die Tiefe, wo er sie mit Vergnügen verspeiste.

Zuerst hatte natürlich Friedesinchen einen großen Schrecken bekommen, als sie den Plumps hörte und die Tochter im Wasser verschwinden sah. Aber dann lief sie um die drei ihr verbliebenen Kinder herum und zählte sie: »Eins – zwei – viele!« Es stimmte, sie hatte vorher viele gehabt, und jetzt waren immer noch viele da. Alles war in bester Ordnung. Da sieht man’s, wie vorteilhaft es ist, wenn man nur bis zwei zählen kann!

Nach dem Saufen wurde wieder hinaufgekrabbelt zum Bau, das war noch schwieriger als das Hinunterpurzeln. Friedesinchen mußte oft tüchtig mit der rüsselförmigen Schnauze nachschieben. Aber schließlich waren sie doch alle wieder oben im schönen weichen Sande angelangt, die Kinder völlig außer Atem und sehr müde, und nun durften sie noch ein Weilchen in der Sonne liegenbleiben. Mal ließen sie sich von ihr den Rücken, mal den Bauch wärmen, und Friedesinchen machte sich unterdes an eine große Reinigung ihrer Kinder: Mit Kralle und Schnauze ging sie dem Ungeziefer, das sich in dem dichten Fell eingenistet hatte, zu Leibe. Die Kleinen aber waren viel zu glücklich und zu müde, ihre Mutter noch viel zu fragen. Die Welt, diese Höhle unter der breitkronigen Buche, der steinige, oft bemooste Hang, das sonnenglitzernde Wasser unten mit seinem immer leise im Winde raschelnden Schilfgürtel, das war alles nun einmal so, wie es war – was gab’s da noch viel zu fragen –?

Diese kleinen Ausflüge wiederholte Friedesinchen mit ihren Kindern nun fast jeden Tag, wenn nur die Sonne schien und kein böser Feind in der Nähe war. Die Dachslein lernten dabei ihre Glieder gebrauchen; ohne jede Nachhilfe der Mutter kletterten sie rasch und sicher den Abhang hinunter und wieder hinauf – rasch, soweit ein Dachs eben rasch sein kann, denn viel schneller als ein guter Fußgänger unter den Menschen kann auch der schnellste Dachs nicht laufen. Vor dem Bau spielten die Kinder gerne miteinander, während Friedesinchen ihnen friedlich zusah und dabei immer ein wachsames Auge und Ohr für jede herannahende Gefahr wie Leute, streunende Hunde und den bösen Fuchs hatte.

Die Kleinen stießen einander um, oder sie stellten sich tot, wobei sie sich ganz flach gegen die Erde drückten, den Kopf zwischen die Vorderpfoten legten und die Augen fest schlossen: Sie bildeten sich ein, dann sähe sie keiner. Das beliebteste Spiel war Sich-Eingraben, da spielte Friedesinchen auch gerne mit. Die Mutter war natürlich Meisterin dabei, in drei, höchstens vier Minuten war sie vollkommen vom Erdboden verschwunden. Sie gebrauchte zum Graben ihre kräftigen Vorderfüße, deren Krallen durch feste Häute miteinander verbunden waren. Mit den Hinterfüßen warf sie die Erde nach rückwärts. War sie dann tiefer in den Erdboden gedrungen, schob sie die Erde mit ihrem Hinterteil zurück, und nur ein Häuflein Sand und Erde verriet, wo Mutter Friedesinchen geblieben war.

Die Kinder taten es der Mutter mit Begeisterung nach; es war so schön, aus dem hellen Sonnenschein immer tiefer in das geheimnisvolle Dunkel einzudringen, bis auch der letzte Schimmer von Tageslicht erloschen und alles still, tief still um sie war, wenn sie einmal mit Graben innehielten. Dann hörte Fridolin nur noch das Klopfen des eigenen kleinen Herzens in der eigenen kleinen Brust. Das fand er am schönsten: ganz allein mit sich zu sein, tief im stummen, stillen Schoß der Erde. Darin war er ein richtiger Dachs, der ja unter allen Tieren das einsiedlerischste, menschen- und tierscheueste Geschöpf ist. Nur in der Kindheit lebt er mit seinesgleichen, von da an will er immer nur allein sein.

Ach, der kleine Fridolin – wenn er sich da ganz tief eingegraben hatte, wenn er dabei vielleicht auf einen tief im Erdenschoß ruhenden Felsblock geraten war und er hatte seinen Gang unter dem Block fort- und auf der andern Seite wieder hochgescharrt, so daß nun nichts mehr von der Welt draußen zu spüren war und um ihn nichts als die tiefe, leise rauschende Samtschwärze der Dunkelheit – wie glücklich fühlte sich Fridolin da –! Er lag atemholend auf seinem Bauch und hatte beinahe völlig vergessen, daß es eine Mutter Friedesinchen und zwei Geschwister Friedrich und Friederike auf der Welt gab. Mit einem Schwung warf er sich auf den Rücken, zog die Füße eng an den Bauch, steckte den Kopf zwischen die Vorderbeine und war einen Augenblick später fest eingeschlafen.

Das ist auch eine besondere Eigenschaft der Dachse, daß sie jederzeit und beliebig lange schlafen können. Nach dem Fressen ist das Schlafen die beliebteste Beschäftigung der Dachse, wenn man Schlafen überhaupt eine Beschäftigung nennen darf. Die Dachse sind nämlich unglaublich faul, sie tun, wenn sie keine Kinder mehr sind, nicht einen Schritt, den sie nicht tun müssen, und wenn ihnen einmal so zumute ist, verschlafen sie lieber ihren Hunger, als daß sie sich was zu fressen suchen.

Fridolin verschlief auch oft in dem doch nur zum Spielen gegrabenen Gang die wartende Mutter mit den Geschwistern. Wenn er dann schließlich wieder hervorkroch, war es manchmal längst Nacht geworden, und die andern lagen schon in der Mooshöhle schlafend. Kroch er dann zu ihnen ins warme Nest, sagte die Mutter ihm ein paar scheltende Worte über »Rumtreiberei« und »nächtliches Bummeln«. Zum richtigen Schelten aber war Friedesinchen zu müde, und zum richtigen Zuhören war Fridolin zu müde, und so schliefen sie gleich wieder allesamt weiter.

Bei diesen Ausflügen und Spielen kräftigten sie sich die Glieder, die Kinder lernten es, ihre Pfoten, ihr Auge und ihr Gehör, vor allem aber auch ihr Gebiß zu gebrauchen, das ausnehmend stark und kräftig ist und gefährliche Wunden versetzen kann.

Eines Nachts glaubte Friedesinchen dann die Stunde gekommen, ihre Kinder in den Wald auf die Nahrungssuche mitzunehmen, damit sie es nun allmählich lernten, selbst für ihren Hunger zu sorgen. Oh, was waren das für geheimnisvolle, schweigsame Wege durch den stillen Wald! Sogar der Wind war dann schlafen gegangen, kein Blättchen rührte sich, und sachte, sachte mußte man mit den nackten Sohlen auftreten, um das Wild nicht zu verscheuchen!

Welche Freude für Fridolin, wenn er mit seinem Rüssel einen flachen Stein umdrehte und darunter eine ganze Versammlung von Würmern und Asseln fand! Mit kräftigem Schmatzen verzehrte er sie. Oder er kratzte mit seinen Krallen die morsche Rinde von einem fauligen Baum und fing die überraschten Käfer mit seinem Rüssel. Sein Meisterstück machte er aber, als er direkt vor der Nase seiner Mutter Friedesinchen ein vorwitziges Mäuslein schnappte. Heftig quiekte es, und die Mutter fauchte ärgerlich. Sie hatte nämlich für den eigenen Magen auf das Mäuslein gehofft, aber der Sohn ließ sich gar nicht stören und fraß es selber, behaglich schnaufend.

Leider geschah auch bei einem dieser ersten Nachtausflüge ein Unglück: Während die kleine Familie friedlich auf der Nahrungssuche stöberte, löste sich aus dem Dunkel eines alten Buchenstammes ein Schatten, große Flügel rauschten, zwei riesige Augen leuchteten unheimlich grün, und ein großer Uhu schwebte auf die Dachse herab. Während die Kinder in Totstellung mit geschlossenen Augen sich auf den Erdboden drückten, suchte Friedesinchen zufahrend den geflügelten Unhold mit Zähnen und Fauchen zu verscheuchen.

Umsonst – der Uhu hatte sein Opfer schon erwählt und schwebte mit dem aufgeregt quiekenden Friedrich in den Krallen von dannen. Diesmal war die Mutter sehr traurig, denn sie merkte ja doch, daß sie statt vielen, nämlich drei Kindern nur noch zwei hatte: den Fridolin und die Friederike.

Um so mehr konnte sie sich von nun an den beiden ihr verbliebenen Kindern widmen, um so reichlicher war die Atzung, um so kräftiger entwickelten sich die beiden. Bei ihren nächtlichen Freßfahrten, die sie selten weiter als einen Kilometer vom schützenden Bau entfernten, blieb kein Fleckchen Waldboden undurchsucht, immer fanden sie den Tisch wieder neu gedeckt. Mit der vorschreitenden Jahreszeit lernten sie stets neue Köstlichkeiten kennen: Eiergelege von Rebhühnern oder auch ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen, herrliche Fröschchen, die im Maule noch verzweifelt quakten, eine zarte Eidechse oder Schnecken, die so herzhaft schmeckten und so gut sättigten.

Das größte Erlebnis war aber, daß sie einmal auf das Nest einer Waldhäsin stießen und deren fünf noch blinde Junge mit hohem Vergnügen verspeisten, trotz des wütenden Wehrens der Mutter Häsin, die Friedesinchen ein wahres Trommelfeuer schallender Ohrfeigen versetzte. Aber gegen Schläge sind Dachse fast völlig unempfindlich, gegen sie schützt sie die Speckschwarte und das dichte Fell. Nur ihre Nase nehmen sie fein in acht, ein kräftiger Schlag auf die Nase kann einen Dachs nämlich töten.

Waren die Nächte mondlos, besonders dunkel und möglichst auch ein wenig regnerisch, so machte Friedesinchen gelegentlich einen weiteren Ausflug mit den Kindern, aus dem Walde hinaus aufs freie Feld, in die Nähe der Menschenhäuser, ja sogar in ihre Gärten hinein. Im allgemeinen ist dem Dachs der übel stinkende Geruch der Leute verhaßt, er meidet ihre Nähe und fürchtet sie fast noch mehr als ihre ständigen Begleiter, die raschen, überall herumschnüffelnden Hunde mit ihrem lauten Gebell und den bösen Zähnen. Aber auf den Feldern der Menschen und in ihren Gärten wachsen so schöne Dinge wie Möhren und Rüben, auf Beeten reifen köstliche Erdbeeren, an Spalieren hängen Weintrauben, und auch das ganz junge Grün der Saaten ist nicht zu verachten – dagegen schmeckt selbst das beste Waldgras noch sauer.

Ein so reich bestellter Tisch schläferte Friedesinchens tief verwurzelte Vorsicht manchmal ein, wenn nämlich ihr Gaumen sich nach solchen Leckereien sehnte. Auch wußte sie, daß der Hund des Hofes Hullerbusch zwar gewaltig bellen und mit einer eisernen Kette tobend rasseln konnte, mehr aber auch nicht. Denn eben diese Eisenkette hielt ihn fest an seiner Hütte, und nahe seinem zornig gefletschten Gebiß konnten sie in aller Gemütlichkeit das Köstlichste aus dem Garten plündern. Der Zaun darum war für einen richtigen Dachs natürlich kein Hindernis – in einer Minute hatte man sich unter dem Draht oder den Latten durchgegraben.

Bei einer dieser nächtlichen Gartenfahrten gab es wieder einmal ein großes Abenteuer. Dachsens waren grade dabei, die ersten Mohrrüben des Jahres auf ihre Zartheit zu prüfen, und Fridolin hatte das große Glück gehabt, einen fetten Maulwurf bei seiner wühlerischen Tätigkeit zu verhaften und in das Gefängnis seines Bauches für lebenslängliche Haft einzusperren, als das tobende Gekläff des Hofhundes plötzlich abbrach und in ein anklagendes, flehendes Jaulen überging: Der Herr des Hundes hatte, von einem Nachbarnbesuch verspätet heimkehrend, soeben den heimatlichen Hof betreten. »Asta!« hatte er gerufen. »Willst du verfluchter Köter endlich stille sein –?!«

Beim Klang der menschlichen Stimme hatten die beiden Dachschen rasch und leise bei ihrer Mutter Schutz gesucht, und Friedesinchen war mit ihnen in das dichte Gewirre von Schoten und Reisern geflüchtet. Die Hündin Asta aber, weit entfernt davon, stille zu sein, war ihrem Herren, so weit es die Kette nur erlaubte, entgegengelaufen, hatte ihm dann die Vorderpfoten auf die Schulter gelegt und ihn flehend angejachtert, sie doch frei zu machen, damit sie die unverschämten Gartendiebe erlege.

Der Herr, der die Hundesprache nicht verstand, hatte die Asta gestreichelt und gesagt: »Was hast du nur, Asta? Sei doch vernünftig, mein Hund! Sicher ist es wieder nur ein Igel, und das weißt du doch, Asta, diese nützlichen Mäuse- und Schlangenjäger mußt du mir am Leben lassen, sonst setzt es Hiebe!«

Der Hund aber hörte nicht auf zu jaulen und damit zu bitten, der Herr möge ihn doch losmachen von der Kette, diesmal sei es etwas ganz anderes als ein Igel. Der Herr möge doch nur gefälligst einmal seine Nase gebrauchen, das röche ja ganz anders als Igel … Der Herr, der wie alle Menschen nur eine dumme Nase hatte, die bloß das Allerdeutlichste roch, aber nie einen Igel oder einen Dachs und am allerwenigsten den Unterschied zwischen beiden – der Herr ließ sich von dem Betteln seines Hundes schließlich erweichen und machte ihn von der Kette los.

Asta schoß in die Dunkelheit hinein, auf den Garten zu; der Herr folgte ihr brummend, weil er sich schon ärgerte, daß er ihr den Willen getan hatte und nun in der dunklen Nacht hinter ihr dreinstolpern mußte, statt schön in sein weiches, warmes Bett zu gehen. Asta, eine sehr große gelbschwarze Schäferhündin, war am Gartenzaun beschäftigt, sich ein Loch zu graben. Da sie aber lange nicht so schöne Grabkrallen hatte wie ein Dachs und da sie in ihrem wilden Eifer sich nicht eine schöne weiche Stelle ausgesucht hatte, sondern den harten Weg aufscharren wollte, so kam sie nur langsam voran. Die Dachse saßen unterdes ganz still bei ihrer Mutter im Erbsenbusch.

Der Herr kam dazu, wie die Asta am Gartenzaun grub, und sagte ärgerlich: »Das habe ich mir doch gleich gedacht, daß du nur wieder in den Garten willst auf Igeljagd! Gleich kommst du her, Asta!«

Aber die Schäferhündin, endlich frei und von Jagdeifer verwildert, dachte nicht daran, jetzt noch von ihrem Vorhaben abzustehen; sie lief nur ein Stück weiter und fing wieder zu graben an.

»Verflixte Asta!« rief der Herr wütend und rannte dem Hund im Dunkeln nach. Denn der Herr hatte wieder eine Herrin, nämlich seine Frau, und die konnte sehr böse werden, wenn der Hund in den Garten geriet und die sorgfältig geglätteten Beete zertrampelte und die zarten Pflänzchen mit seinen groben Pfoten zerstörte. »Willst du gleich herkommen –?!« rief der Herr zornig.

Aber ehe er den Hund im Nachtdunkel gefunden und gefaßt hatte, war der durch das rasch gegrabene Loch im Zaun gekrochen und raste nun wild auf der vielfältigen Spur der Dachse im Garten hin und wider. Mutter Friedesinchen aber, als sie merkte, der Hund würde in den Garten kommen, hatte ihre Kinder schnell durch ihr Einschlupfloch aus dem Garten und in einen dichten Schlehenbusch an der Scheune geführt, der ihnen einige Deckung bot.

»Warte, du verflixter Köter!« hatte der Herr gerufen und war durch die Pforte in den Garten geeilt, seinen Hund jagend. Der Hund, die Dachse jagend, hatte indessen gewittert, daß sie nicht mehr im Garten waren, und schoß durch die offene Pforte hinaus, dem Schlehdorn zu, wobei er beinahe dem eigenen Herren die Beine unter dem Leib fortgelaufen hätte. Friedesinchen jedoch, leise und sachte, hatte ihre Kinder wieder in den Garten zurückgeführt, in den deckenden Erbsenbusch.

So ging die wilde Jagd hin und her: rin in den Garten, raus aus dem Garten!

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