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French Kiss

KAPITEL 1

Der Wettermann traf den Nagel auf den Kopf. „Schwül, heiß und quälend. Höchsttemperaturen um die dreißig Grad. Bleiben Sie drinnen, wenn Sie können.“

Ich kann nicht. Ich muss wo hin. Schnell.

Herrgott, es ist heiß. Vor allem, wenn man so schnell wie man kann durch den Central Park rennt und dabei einen dunkelgrauen Armani-Seidenanzug trägt, dazu ein hellgraues Canali-Seidenhemd und schwarze Ferragamo-Schuhe.

Wie Sie womöglich schon erraten haben, bin ich spät dran – viel, viel zu spät. Très en retard, wie wir in Frankreich sagen.

Ich renne noch schneller, bis meine Beine schmerzen. Ich kann spüren, wie sich kleine Blasen an meinen Zehen und den Fersen bilden.

Warum musste ich bloß nach New York kommen?

Warum – o warum – musste ich Paris verlassen?

Wenn ich so durch Paris rennen würde, würde ich den gesamten Verkehr aufhalten. Ich wäre der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Männer und Frauen würden nach der Polizei rufen.

„Ein junger Geschäftsmann ist durchgedreht! Er stößt Kinderwagen aus dem Weg. Er erschreckt die alten Damen, die ihre Hunde ausführen.

Aber das hier ist nicht Paris. Das hier ist New York.

Also vergessen Sie das. Selbst der verrückteste Zwischenfall ereignet sich in New York völlig unbemerkt. Die Leute mit ihren Hunden gehen weiter Gassi. Die verliebten Teenager knutschen rum. Ein Kleinkind zeigt mit dem Finger auf mich. Seine Mutter schaut kurz hoch. Dann zuckt sie mit den Schultern.

Würde überhaupt irgendein New Yorker 911 anrufen? Oder 311? Nein.

Also vergessen Sie das auch. Sehen Sie, ich bin Polizist. Ein französischer Detective, der jetzt im siebzehnten Bezirk arbeitet, in meinem Spezialgebiet: Drogenschmuggel, Drogenhandel und mit dem Drogenhandel zusammenhängende Mordfälle.

Mein Talent dafür, zu spät zu kommen ist, in lediglich zwei Monaten beinahe zur Legende unter meinen Kollegen auf dem Revier geworden. Aber … oh, merde … ausgerechnet heute zu spät zu der minutiös geplanten Observierung an der Ecke Madison Avenue und 71st Street zu kommen, wird mir nicht helfen, meinen Ruf zu verbessern; den Ruf als unkooperativer, reicher französischer Bengel, ein Herumtreiber, der viel zu genau weiß, was er tut.

Merde … Ausgerechnet heute hätte ich es besser wissen sollen, als meine hinreißende Freundin aufzuwecken, um ihr auf Wiedersehen zu sagen.

„Ich kann diesmal nicht zu spät kommen, Dalia.“

„Nur noch ein letzter Abschiedsdrücker. Was ist, wenn du erschossen wirst und ich dich nie wiedersehe?“

Der „Drücker“ zum Abschied erwies sich als deutlich länger als geplant.

Nun. Es ist egal. Jetzt bin ich endlich dort, wo ich sein soll. Und nur fünfundvierzig Minuten zu spät.

KAPITEL 2

Meine Partnerin, Detective Maria Martinez, sitzt auf der Fahrerseite eines zivilen Polizeifahrzeugs an der Ecke 71st Street und Madison Avenue.

Während sie die Umgebung im Blick behält, entriegelt sie die Beifahrertür. Ich rutsche hinein und ertrinke in Schweiß. Sie schaut mich eine Sekunde an, bevor sie spricht.

„Mann. Was ist los? Hast du dir erst den Anzug angezogen und dann geduscht?“

„Witzig“, erwidere ich. „Sorry, dass ich zu spät bin.“

„Du solltest kleine Visitenkarten mit dem Spruch drucken – ‚Sorry, dass ich zu spät bin’.“

Ich bin mir sicher, dass Maria Martinez völlig egal ist, ob ich mich verspäte. Anders als etlichen meiner Detective-Kollegen ist es ihr egal, dass ich nicht so geschickt darin bin, die „Vorschriften“ einzuhalten. Ich bin häufig zu spät. Ich tue eine Menge gefährlicher Dinge. Ich packe Munition für eine Glock 22 ein, wenn ich eine Glock 27 dabei habe. Ich mag ein oder zwei Gläser Weißwein zum Mittagessen … es ist eine lange Liste. Aber Maria übersieht eine Menge davon.

Meine anderen Eigenarten hat sie zu akzeptieren gelernt, mehr oder weniger. Ich brauche ein anständiges déjeuner. Das ist das Mittagessen. Ein einfaches Sandwich reicht da nicht. Und was noch wichtiger ist: Wenn ein oder zwei Gläser guter Wein schon sonst nichts schaffen, dann veredeln sie auf jeden Fall den Geschmack eines Mittagessens.

Sie sehen, Maria „versteht“ mich. Und was noch besser ist, sie weiß genau wie ich: Gemeinsam sind wir eine coole Kombination aus ihren von Vorschriften gelenkten Methoden und meinen rein instinktgetriebenen.

„Also, wo stehen wir mit der Razzia?“, frage ich.

„Wir sitzen immer noch auf unseren Hintern“, antwortet sie. Dann versorgt sie mich mit Details: „Sie haben zwei Zweierteams auf der anderen Straßenseite, und zwei weitere Detectives – Imani Williams und Henry Wie-auch-immer-zur-Hölle-sein-endlos-langer-polnischer-Nachname-lautet – am anderen Ende des Blocks. Die beiden werden in die Garage eindringen. Dann gibt es noch ein Team, hinter der Garage. Das bleibt im Hintergrund und geht dann in die Garage. Und es stehen drei Leute auf dem Dach des Zielgebäudes bereit.“

Das Zielgebäude ist ein großes, altes Town House, das jetzt einen Laden namens Taylor Antiquities beherbergt. Ein Laden, vollgestopft mit den kunstvollen antiken Stücken, nach denen sich die Privatiers und Hedgefonds-Jongleure die Finger lecken. Maria und ich hatten Taylor Antiquities schon ein paarmal überprüft. Es ist ein Geschäft, in dem man seine schwarze American-Express-Card auf den Tresen legen und mit einer weißen Jadevase aus der Yuan-Dynastie nach Hause gehen kann, oder das Himmelbett kaufen, in dem John und Abigail Adams angeblich den kleinen John Quincy gezeugt haben.

„Und was ist mit uns?“

„Unser Einsatzort liegt im Laden“, sagt sie.

„Nein. Ich will da sein, wo die Action ist“, erwidere ich.

„Sei vorsichtig mit deinen Wünschen“, gibt Maria zurück. „Mach, was sie dir sagen. Wir sind im Laden. Schluss und Ende. Wie wäre es, wenn du mir in der Zwischenzeit hilfst, die Straße zu observieren?“

Maria Martinez ist durch und durch Cop. Im Augenblick ist sie mit Leib und Seele bei der Überwachung. Ihre Augen huschen vom östlichen Ende der Straße zum westlichen. Alle paar Sekunden schaut sie in den Rückspiegel. Gefolgt von einem kurzen Blick in den Außenspiegel. Dann guckt sie wieder geradeaus und fängt von vorne an.

Und ich? Nun, ich sehe mich um, aber ich frage mich auch, ob ich mir eine Minute freinehmen kann, um einen Pappbecher mit armseligem amerikanischem Kaffee zu holen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Und lassen Sie sich nicht davon irritieren, was ich über meine Ungeduld Vorschriften gegenüber gesagt habe. Nein. Ich find’s cool, ein Detective zu sein. Ehrlich gesagt wollte ich Detective werden, seit ich vier Jahre alt war. Und ich bin richtig gut in meinem Job. Allein mein Lebenslauf beweist das.

Letztes Jahr in Pigalle, einem der härtesten Pflaster in Paris, habe ich einen Gangmord aus dem Drogenmilieu gelöst und noch am Tatort drei Leute verhaftet. Nur ich und ein fünfundzwanzigjähriger Verkehrspolizist.

Ich war glücklich. Ich war erfolgreich. Für ein paar Tage war ich sogar berühmt.

Am nächsten Morgen war der Name Luc Moncrief über alle Zeitungen und das Internet verteilt. Die grobe Übersetzung der Schlagzeile auf der Titelseite der Le Monde lautete:

ÄLTESTE DROGENGANG VON PIGALLE ZERSCHLAGEN VON JÜNGSTEM PARISER DETECTIVE LUC MONCRIEF

Die Unterüberschrift dazu hieß:

Pariser Mädchenschwarm zieht Pigalle-Drogenbosse an Land

Die Paparazzi waren schon immer irgendwie interessiert daran gewesen, mit wem ich mich verabredete; nach dieser Sache waren sie besessen davon. Clubbesitzer überraschten meinen Tisch mit Gratisflaschen Perrier-Jouët-Champagner. Selbst mein Vater, der Vorsitzende eines gigantischen Pharmakonzerns, hat mir eines seiner seltenen Komplimente gemacht: „Sehr gute Arbeit … für einen Playboy. Jetzt hoffe ich, dass du dich mit dieser ‚Detective-Sache‘ ausgetobt hast.“

Ich sagte ihm danke schön, aber nicht, dass „diese Detective-Sache“ noch lange nicht vorbei war. Oder wie sehr ich seine eigentlich viel zu großzügigen monatlichen Unterhaltszahlungen genoss.

Als mein capitaine supérieur also verkündete, dass das NYPD einen ihrer Kunstfälschungs-Detectives für einige Monate gegen einen unserer Pariser Detectives aus dem Drogendezernat tauschen wollte, meldete ich mich sofort. Aus meiner Sicht war das eine hervorragende Möglichkeit, wieder Kontakt zu meiner ehemaligen Geliebten aufzunehmen, Dalia Boaz. Und aus der Sicht meines Pariser lieutenant war das eine hervorragende Möglichkeit, meine instinktgetriebene Herangehensweise an die Ermittlungsarbeit um ein wenig dringend benötigte Disziplin und Erfahrung zu ergänzen.

Und hier bin ich nun. In der Madison Avenue. Meine Augen brennen vom Schweiß. Ich kann tatsächlich fühlen, wie der Schweiß schmatzend in meinen Schuhen steht.

Detective Martinez bleibt vollständig auf das Straßenbild fokussiert. Aber bei Gott, ich brauche ein wenig Kaffee, etwas Luft. Ich beginne zu sprechen.

„Hör mal. Wenn ich nur eine Minute raus könnte, um zu …“

Als ich den Satz gerade beenden will, fahren zwei Vans – einer schwarz, einer rot – in die Garage direkt neben Taylor Antiquities.

Unsere Handys vibrieren automatisch mit einem lauten, sirenenhaften Ton. Die Türen der zivilen Polizeifahrzeuge beginnen sich zu öffnen.

Als Maria und ich auf die Straße treten, antwortet sie: „Sieht aus, als ob unsere Beweise endlich eingetroffen sind.“

KAPITEL 3

Martinez und ich rennen ins Taylor Antiquities Geschäft. Es sind keine Kunden da. Ein spindeldürrer Typ mittleren Alters sitzt an einem Schreibtisch am hinteren Ende des Ladens, und ein typisches reiches Püppchen – eine junge blonde Frau in einem weißen Leinenrock und einer schwarzen Bluse – entstaubt ein paar kleine Becher mit silbernem Deckel.

Den beiden ist augenblicklich klar, dass wir nicht hier sind um einen antiken thailändischen Federkielhalter zu kaufen. Wir sind sehr leicht als zwei ungemütlich aussehende Cops zu erkennen, der männliche albernerweise in einen teuren, wasserdurchtränkten Anzug gekleidet, der weibliche in einer etwas zu engen Khakihose. Maria und ich halten jeweils unseren NYPD-Ausweis in der linken Hand und die Pistole in der rechten.

„Sie da! Nicht bewegen!“, ruft Maria der blonden Frau zu.

Ich rufe dem Mann am Schreibtisch dasselbe entgegen: „Sie bewegen sich auch nicht, Sir.“

Vom Auskundschaften vor dem heutigen Zugriff kenne ich den Mann als Blaise Ansel, den Besitzer von Taylor Antiquities.

Ansel beginnt, auf uns zuzugehen.

Ich rufe erneut: „Ich sagte stehenbleiben, Mr. Ansel. Das hier … ist … eine … Drogen…razzia.“

„Das ist Polizeiwahnsinn“, erwidert Ansel, und jetzt steht er beinahe direkt neben uns. Die Blondine hat keinen Muskel gerührt.

„Leg ihm Handschellen an, Luc. Er leistet Widerstand.“ Maria ist angepisst.

Ansel wirft seine Hände in die Luft. „Nein. Nein. Ich leiste keinen Widerstand gegen irgendetwas, nur gegen Ihr Eindringen. Ich bin regungslos. Sehen Sie.“

Auch wenn ich ihn vorher schon gesehen habe, hatte ich ihn nie sprechen gehört. Sein Akzent ist fremdländisch, und ziemlich heftig. Es ist ein Akzent, der für jeden leicht zu identifizieren ist. Ansel ist Franzose. Heilige Scheiße. Einer von uns.

Endlich rührt er sich nicht mehr.

Draußen auf dem Gehweg kommen drei Streifenwagen mit blinkenden Lichtern zum Stehen. Dann bitte ich die junge Frau, sich zu uns zu gesellen. Sie bewegt sich nicht. Sie sagt kein Wort.

„Bitte kommen Sie her“, sagt Maria. Jetzt erst kommt die Frau herüber. Langsam. Sehr vorsichtig.

„Ihr Name, Ma’am?“, frage ich.

„Monica Ansel“, antwortet sie.

Blaise Ansel schaut Martinez und mich an. „Sie ist meine Frau.“

Es müssen wenigstens zwanzig Jahre Altersunterschied zwischen den beiden sein, aber Marias Gesicht bleibt ebenso regungslos wie meins. Maria tippt auf ihr Smartphone und beginnt, laut vom Bildschirm abzulesen.

„Um das klarzustellen: Wir führen eine Drogendurchsuchung aus hinreichendem Verdacht durch. 21. Juni 2016. Das Geschäft und zugehörige Grundstück liegen in der 861 Madison Avenue, New York, New York im Bezirk Manhattan. Name des Geschäfts: Taylor Antiquities, Inc. Vorsitzender und Inhaber: Blaise Martin Ansel. Geschäftsführer: Blaise Martin Ansel.“

Maria tippt auf ein weiteres Icon auf ihrem Bildschirm.

„Das hier wird aufgezeichnet“, erklärt sie.

Ich hätte die Durchsuchungsanordnung niemals vorgelesen, aber Maria hält sich strikt an die Vorschriften.

„Das ist grotesk“, sagt Blaise Ansel.

Maria kommentiert Ansels Erwiderung nicht. Sie sagt nur: „Ich lasse Sie hiermit wissen, dass sich in diesem Moment Ermittler und Polizisten in Ihrem Lager befinden, in Ihrer Garage und auf Ihrem Dach. Sie werden jede Person befragen, die etwas wissen könnte. Unsere Aufgabe ist es, Sie beide zu befragen; Sie und die Frau, die Sie als Ihre Ehefrau identifiziert haben.“

„Drogen? Sind Sie wahnsinnig?“, bellt Ansel. „Dieses Geschäft ist eine museumsgleiche Lagerstätte für seltene Antiquitäten. Sehen Sie. Sehen Sie.“

Ansel geht schnell zu einem der Ausstellungskästen. Er hält eine mit Schnitzereien verzierte Mahagonikiste hoch. „Eine Teekiste aus dem fünfzehnten Jahrhundert“, erklärt er. Er klappt den Deckel der Kiste auf. „Was sehen Sie im Inneren? Kokain? Heroin? Marihuana?“

Es ist offensichtlich, dass Maria beschlossen hat, Ansel zu erlauben, seine etwas durchgeknallte Demonstration fortzuführen.

„Und das … und das hier“, sagt Ansel, als er zu einer Truhe aus Pininenholz springt, die auf vier dürren Beinchen steht. „Ein Zucker-Safe aus der amerikanischen Kolonialzeit. Es ist nichts drin. Kein Crystal-Meth. Nicht mal Zucker.“

Ansel will uns gerade zwei bemalte, chinesisch aussehende Schalen vorführen, als die Tür des Hintereingangs aufgezogen wird und Imani Williams eintritt. Detective Williams ist aufgeregt. Sie ist außerdem très belle.

„Nicht das Geringste in den beiden Lieferwagen“, sagt sie. „Die Polizeimechaniker untersuchen die Unterböden, aber da ist nichts außer ein paar leeren goldenen Zigarettenschachteln und zwölf persischen Seidenteppichen im Laderaum. Wir haben nach chemischen Überresten von Drogen gesucht. Die Tests sind alle negativ ausgefallen.“

Ich glaube, einen kurzen Blickwechsel zwischen Monsieur und Madame Ansel zu bemerken. Ich glaube. Sicher bin ich mir nicht. Aber je länger ich glaube, nun, desto überzeugter werde ich.

„Detective Williams“, sagte ich. „Könnten Sie mich für ein paar Minuten vertreten und Detective Martinez bei der Befragung von Monsieur Ansel assistieren?“

„Ja, klar“, antwortet Williams. „Wo wollen Sie hin?“

„Ich muss mich nur … ich weiß nicht genau … ein wenig umschauen.“

„Sag die Wahrheit, Moncrief. Du gierst schon nach einem Becher Kaffee, seit du hier eingetroffen bist“, wirft Maria Martinez ein.

„Dir kann ich nichts vormachen, Partnerin“, gebe ich zurück.

Ich öffne die Ladentür. Ich bin raus.

KAPITEL 4

Die stickige Luft auf der Madison Avenue flimmert beinahe vor Hitze.

Wo sind all die schönen Menschen hin? Nach East Hampton? Bar Harbor? Südfrankreich?

Ich gehe spazieren. Ich beobachte einen Mann dabei, wie er den Handlauf neben den Stufen zur Saint James’ Church poliert. Ich sehe Touristen, die draußen vor Ladurée Schlange stehen, dem französischen Macaron-Geschäft.

Ein junger Afroamerikaner, vielleicht achtzehn Jahre alt, geht dicht an mir vorbei. Sein Oberkörper ist nackt, und er wirkt noch verschwitzter als ich. Das T-Shirt hat der junge Mann sich in den Nacken gelegt, und er trinkt mit großen Schlucken aus einer Literflasche Wasser.

„Wo hast du das her?“, frage ich.

„Jemand wie du kann in diesen schicken, noblen Keksladen marschieren. Wenn du fünf Scheine hast, kriegst du da ein Wasser“, antwortet er.

„Aber wo hast du diese Flasche her? Das Wasser, das du trinkst“, frage ich erneut.

„Wir armen Typen kaufen bei Kenny’s. Gleich da vorn.“

Er deutet in Richtung 71st Street zwischen der Madison und der Park Avenue. Als der Junge weitergeht, wird mir erst klar, dass er mit dem „schicken, noblen Keksladen“ das Ladurée meint. Ich stehe direkt in der Mitte zwischen einem Fünf-Dollar-Wasser und einer günstigeren, aber größeren Flasche Wasser. Warum sollte ich Papas großzügigen Unterhalt für ein überteuertes Sprudelwasser verschwenden?

Kenny’s ist ein winziges Geschäft, ein Laden, der eher in die Ninth Avenue passen würde als in die Nähe der Madison. Hinter dem Tresen steht ein Kerl, der aussieht, als stamme er aus dem Mittleren Osten. Kenny? Er handelt ausschließlich mit Zeitungen, Zigaretten, Lotterie-Tickets und, aus irgendeinem Grund, Seife der Marke „Dial“.

Ich untersuche den Inhalt von Kennys kleiner Kühltruhe. Darin liegen jede Menge Flaschen, immer die gleichen – das No-Name-Wasser, dass der hemdfreie junge Mann getrunken hat. Im Augenblick erscheint mir das Wasser wie ein in Flaschen abgefüllter Himmel.

„Ich nehme zwei von diesen Flaschen“, sage ich.

„Eine Sekunde bitte, Sir“, antwortet der Mann hinter dem Tresen und wendet sich an einen anderen Mann, der gerade vier Kartons Süßigkeiten in den Laden rollt. Die Kartons sind mit dem Logo für Snickers bedruckt. Der Mann, der den Wagen lenkt, sieht fast genauso aus wie der Mann hinter dem Tresen. Ist das vielleicht Kenny? Ist überhaupt irgendjemand Kenny? Ich erwäge, mir ein Snickers zu kaufen. Nein. Der klitschnasse Armani-Anzug sitzt schon jetzt immer enger.

„Wie viele Kartons hast du noch, Hector?“, fragte der Mann hinterm Tresen.

„Noch mindestens fünfzehn“, lautet die Antwort. Dann dreht dieser zweite „Kenny“ sich zu mir um.

„Und Sie, Sir?“, fragt der Verkäufer.

„Nein. Nichts“, antworte ich. „Sorry.“

Ich verlasse den winzigen Laden und fange an zu rennen. Ich komme um die Ecke auf die Madison Avenue. Ich drücke auf meinem Handy die Taste Nummer 4. Die Kurzwahl zu Martinez. Alles was ich denke, ist: Was zur Hölle? Zwanzig Kartons Süßigkeiten in einem Geschäft, so groß wie ein Wandschrank? Zwanzig Kartons mit Snickers in einem Geschäft, das nicht einmal Süßigkeiten verkauft?

Sie nimmt den Anruf an und beginnt augenblicklich zu reden. „Williams und ich kommen bei diesen beiden Arschlöchern nicht weiter. Die ganze Sache stinkt. Unsere Informationen sind alle falsch. Hier ist nichts.“

Ich bin nur ein wenig außer Atem, nur ein wenig nervös.

„Hör mir zu. Es ist alles hier, wo ich bin. Ich weiß es.“

„Wovon zum Teufel redest du?“, will sie wissen.

„Ein Zeitungsladen zwischen der Madison und Park. Kenny’s. Ich bin weniger als Zweihundert Meter von euch entfernt. Lasst einen Mann im Antiquitätengeschäft und schafft alle anderen hier rüber. Jetzt.“

„Wie …?“

„Die zwei Vans, die Garage … das ist alles eine Ablenkung“, erkläre ich. „Der echte Stoff wird hier ausgeladen. In Süßigkeitenkartons.“

„Woher weißt du das?“

„Wie bei dem Fall in Pigalle. Ich weiß es, weil ich es weiß.

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