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Frauenherzen

Über Ella Glanz

Anne Enderlein und Cornelie Kister sind »Ella Glanz«. Anne Enderlein studierte Germanistik, Publizistik und Geschichte in Berlin, sie arbeitet seit 1995 als freie Autorin. Cornelie Kister hat als Autorin und Koautorin zahlreiche Bücher veröffentlicht, sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern in Wiesbaden.

Informationen zum Buch

Acht Frauen.

Prickelnd wie Crémant, amüsant wie ein Film von Doris Dörrie

Monika wünscht sich von ihren Freundinnen zum Geburtstag statt eines Geschenks die persönliche Lebensbilanz jeder einzelnen. Acht Frauen offenbaren bestechend selbstironisch und ergreifend ehrlich die Tiefschläge und Höhenflüge ihres Lebens.

Monika wird vierzig. Die erfolgreiche Journalistin liebt ihren Mann und hat viele Freunde. Doch plötzlich nagen Zweifel an ihr. Um dem inneren Zwiespalt die Stirn zu bieten, wünscht sie sich von ihren Freundinnen Post und bittet sie, ihre persönlichen Geschichten auszupacken. Als sie an Monikas Geburtstag zusammensitzen, prallen die Lebensentwürfe von acht sehr unterschiedlichen Frauen aufeinander: Die wilde Ehe und das ewige Singledasein werden seziert, Internetliebe und Intimrasur auf den Prüfstand gestellt, Karrierefrau trifft auf »Kirchenmäuse«, und es kommen Schlüsselkinder, das Häuslebauen sowie Affären mit dem Kollegen auf den Tisch. Ein Roman über die Umwege bei der Suche nach dem richtigen Leben.

Ella Glanz

Frauenherzen

Roman

Heiter bis wolkig

Schau mich bitte nicht so süffisant an, Holly! Ich kann mir schon denken, dass dein Frühstück bei Tiffany aufregender war. Aber was soll ich machen? Auch wenn mein Kühlschrank silbern blitzt, ist nicht alles Glamour, was glänzt. Eigentlich sollte der morgendliche Blick in deine Rehaugen, bevor ich Milch und Butter herausnehme, eine tägliche Aufforderung sein, leichtfüßig beschwingt in den Tag zu trippeln. Nur, von leichtfüßig kann in letzter Zeit keine Rede mehr sein. Eher schlurfe ich in Richtung Kühlschrank, an dem dein Foto mit einem Magneten bappt, und wenn ich dann sehe, wie du mit deinem unverschämt protzigen Collier kokett die Zigarettenspitze im Mundwinkel wippen lässt, fühle ich mich vorwurfsvoll ertappt: Bitte, wo ist die herzerhebende Leichtigkeit geblieben? Vielleicht sollte ich das Foto endlich entfernen.

Auch heute ist wieder einer jener Tage, an denen ich mit einer gewissen Misslaunigkeit in den Morgen stolpere. Vielleicht ist Misslaunigkeit zu viel gesagt. Es war wohl eher eine latente Schwerfälligkeit, mit der ich früh um sieben, nachdem Claus’ Wecker gebimmelt hatte, die Bettdecke zur Seite schlug, die Füße auf die Holzdielen setzte und in Gedanken mal kurz meinen Tag überflog: kein spektakulärer Eintrag im Terminkalender. Und genau diese Erwartungslosigkeit dämpfte meine Stimmung, noch bevor ich überhaupt mit beiden Beinen auf dem Boden stand. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir einen verschleierten Himmel, nicht wirklich trübe, aber auch nicht gerade strahlend. Genau wie meine nüchterne Morgenstimmung eben, weder euphorisch noch griesgrämig.

Ähnlich unspektakulär verliefen auch die nachfolgenden zwei Stunden, bis ich mich in den Sender aufmachte. Claus trällerte unter der Dusche sein Liedchen, während ich auf der Toilette saß und überlegte, was ich anziehen sollte. Kurz darauf, als er sich rasierte und ich mich neben ihm schminkte, breitete er seinen Tagesplan vor mir aus. Am Abend wäre mit ihm nicht zu rechnen, es stünde ein längeres Treffen mit einem wichtigen Bauherrn an, und ich solle ihm unbedingt die Daumen drücken, denn heute würde die Entscheidung des Museumswettbewerbs bekanntgegeben, bei dem er sich Chancen auf den ersten Preis ausrechnete. Sein Büro hat in letzter Zeit in Serie den unliebsamen zweiten Platz belegt, und wenn er seine angestellten Architekten halten will, muss unbedingt mal wieder ein größerer Auftrag reinkommen.

Zum gemeinsamen Frühstück hatte er leider auch keine Zeit, er trank seinen Latte macchiato im Stehen, und kaum hatte ich mich auf den Hocker an unserem heimischen Küchentresen gesetzt und die Zeitung aufgeschlagen, war er auch schon durch die Tür. Bevor sie ins Schloss fiel, hörte ich noch die Kinder von oben durchs Treppenhaus poltern und wie ihre Mutter ihnen hinterherrief, dass sie auf den Verkehr achten und nur bei Grün über die Straßen gehen sollen. Ich musste grinsen, denn das oder etwas Ähnliches ruft sie ihnen jeden Morgen nach, und ich bezweifle, dass die mütterliche Ermahnung überhaupt noch bis zu ihren Ohren dringt. Aber vielleicht geht es darum auch gar nicht, vielleicht will sie ihnen einfach nur noch etwas Liebevolles mit auf den Weg geben. Während ich so meinen heißen Kaffee schlürfe, stelle ich mir jedenfalls vor, wie sie rasch durch die Zimmer huscht, die noch warmen Bettdecken faltet, die Schmutzwäsche, die überall verstreut herumliegt, einsammelt und in die Waschtrommel steckt, bis es auch für sie Zeit ist, ins Büro zu radeln.

Und ich? Auch ich werde gleich aus dem Haus gehen, aber nach rund zehn Jahren als festangestellte Redakteurin beim Rundfunk im Bereich Kultur genieße ich das Privileg, nicht vor neun Uhr durch den Flur zu rauschen und den Hospitanten, Sekretärinnen und Volontärinnen ein freundliches »Guten Morgen« zuzurufen. Ich habe also noch ausreichend Zeit, gönne mir einen zweiten Cappuccino und blättere in der Zeitung, als mir eine Überschrift in die Augen springt: »Ganz schön traurig.« Darunter heißt es: »In vierzig Jahren haben sich die Frauen im Westen eine immer bessere Position erkämpft. Trotzdem werden sie immer unglücklicher.«

Wie das?, frage ich mich und lese sofort weiter, um mit jeder Zeile innerlich auf Abwehr zu gehen. Ich doch nicht! Betrifft mich nicht!, flüstert eine innere Stimme wie ein Mantra auf mich ein und kann doch nicht verhindern, dass eine ganz anders lautende Botschaft an mein Hirn gesendet wird:

»Das wachsende Gefühl des Unglücklichseins gilt für alle Frauen: für die, die Vollzeit arbeiten, und solche, die daheim bleiben. Für verheiratete Frauen und für Singles. Für bestens ausgebildete Frauen und für solche, die nicht so viel gelernt haben. Für Frauen ohne Kinder, für Frauen mit einem, mit zwei oder noch mehr (wobei Frauen mit Kindern offenbar noch ein wenig unglücklicher sind als Frauen ohne Kinder).« Reflexartig klammere ich mich an den letzten Satz. Gottlob habe ich noch nicht einmal ein Kind, außerdem bin ich weder verheiratet noch Single. Ha, denke ich mit einem erleichterten Gefühl des Triumphs und wähne mich bereits in Sicherheit. Vielleicht habe ich mit meinem Leben genau die vorteilhafte Nischenposition besetzt, an der das Unglück vorüberzieht, ohne Schaden anzurichten.

Claus und ich sind seit acht Jahren ein Paar und leben seit sieben Jahren in einer gemeinsamen Altbauwohnung, natürlich in bester Citylage (können wir uns als Doppelverdiener schließlich leisten). Auch wenn es mich manchmal peinlich berührt, dass sich die Familie über uns zu fünft auf der gleichen Quadratmeterzahl tummelt wie wir, genieße ich die Weitläufigkeit unseres Heims ohne allzu schlechtes Gewissen. Und das Wichtigste: Ich habe einen interessanten Job, um den mich viele beneiden, was ich immer daran merke, dass die Leute ehrfürchtig verstummen, wenn sie meine Stimme als die bekannte Radiostimme erkennen und mir freudig versichern, treue Hörer meiner Kultursendung zu sein. Was will man mehr?

Tja, was will man mehr?, frage ich mich mit einem Anflug von Zweifel, denn ich spüre, wie meine Abwehrhaltung allmählich bröckelt und die Mantrastimme mit ihrem penetranten »Ich doch nicht« beunruhigend leise wird. Kann ich meine unterschwellige Muffeligkeit heute Morgen wirklich als Glückszustand bezeichnen?

Man kann ja nicht immer gut drauf sein, tröste ich mich, und kann es doch nicht lassen, bei einem Glas frisch gepressten Orangensaft darüber nachzugrübeln, warum sich diese Muffeligkeit in letzter Zeit mitunter häuft. Aber ich bin doch glücklich (oder?), und ich liebe meinen Job (ehrlich!). Klar, dass sich in zehn Dienstjahren eine gewisse Routine einschleicht, und natürlich kriege ich auch keinen Herzkasper mehr, wenn ich Berühmtheiten im Studio begrüßen darf oder auf Dienstreisen Stars und Sternchen begegne. Mit der Zeit wird auch der dollste Glamour allmählich matter, man gewöhnt sich daran, auch an die eigene Stimme im Radio. Woran ich mich in letzter Zeit allerdings nicht recht gewöhnen mag, sind die vielen freien Abende.

Dass ich nicht täglich mit Claus händchenhaltend auf dem Sofa sitze, ist echt kein Problem für mich. Er hat immer schon viel gearbeitet, speziell wenn Wettbewerbe anstehen. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass zu viel Sofanähe einer Liebe vorzeitig den Garaus macht und man gut beraten ist, auch abends des Öfteren getrennte Wege zu gehen. Ich bin der Typ unabhängige, gesellige Frau, nicht unbedingt die Ulknudel vom Dienst, aber auch nicht die sauertöpfische Ehefrau, die ihre Abende einsam schmollend vor dem Fernseher verbringt und schon mal das Bett vorwärmt. Dennoch finde ich mich seit geraumer Zeit häufiger unfreiwillig allein vor der Mattscheibe und frage mich allmählich, woran das wohl liegt. Etwa am Alter? Ich werde in Kürze vierzig, was wahrlich kein Alter ist, zumindest keines, in dem man müde von dem Weltentrubel sich still und leise zurückzieht. Und doch liegt es am Alter, dass es bei mir stiller wird – weniger an meinem, sondern an dem meiner Freunde.

Alle sind so um die vierzig und basteln emsig an Kindern und Karriere, was dazu führt, dass Stunden der Muße, sprich freie Zeit unter Erwachsenen, dahinschmelzen. Ein Wellnesswochenende mit Freundinnen beispielsweise, wie wir es uns früher häufig gegönnt haben, ist mittlerweile dermaßen schwer zu organisieren, dass Weihnachten öfter stattfindet. Ich mache da niemandem einen Vorwurf. Meine Freundin Angela zum Beispiel: Sie ist Headhunterin und führt ihr eigenes Unternehmen. Sie ist wirklich enorm busy, und ich hätte dann doch ein schlechtes Gewissen, wenn anstelle ihrer Zwillingsmädchen ich die wenige Freizeit mit ihr verbrächte. Bei ihr kommt es mir ohnehin schon so vor, als ob der angenehmere Part ihres Familienlebens in thailändischen Resorts und weniger bei ihr zu Hause stattfindet.

Oder Andrea, meine beste Freundin und Vertraute. Sie ist zwar terminlich nicht ganz so eingespannt, weil sie Freiberuflerin ist, aber genau darin liegt das Problem. Sie hat kein regelmäßiges Einkommen und ist, seit sie einen Sohn hat, chronisch knapp bei Kasse. Spahotels mit Aqualux gehören mit Sicherheit zu den Vergnügen, auf die sie leichten Herzens verzichten kann (oder muss).

Aber hat meine wachsende Unzufriedenheit wirklich etwas mit dem Zeitmangel meiner Freundinnen zu tun und dem latenten Gefühl, unausgelastet zu sein? Ich schiele wieder heimlich zu Holly Golightly und Albert Einstein, der neben ihr hängt, im Begriff, seine bahnbrechende Formel mit Kreide an die Tafel zu schreiben. Daneben wirkt Holly, das rundum zufriedene Partygirl, wie eine Provokation. Ich habe wirklich das Gefühl, als würde sie mich fragen: »What’s up, baby? Gibt’s Probleme?« Keine Ahnung, gibt’s welche?

Ich lese den Artikel noch einmal quer auf der Suche nach verborgenen Hinweisen, die meine gemischten Gefühle erklären. Allein von Amts wegen sind mir die Debatten um Glück und Unglück meines Geschlechts natürlich bekannt, sie geistern ja durch alle Gazetten, und häufig beziehen sie sich allesamt auf die gesellschaftliche Stellung der Frau. Aber Genderfragen, muss ich sagen, haben mich bislang völlig kaltgelassen. Mit meiner persönlichen Stellung bin ich rundum zufrieden: Habe ich mich nicht bewusst für den Mittelweg entschieden, zwischen dem des autarken Wissenschaftlers, der mit seinen Entdeckungen das Verständnis von der Welt revolutionierte, und dem der hedonistischen Holly Golightly, deren Familienname zum Lebensprogramm avancierte? Nicht, dass ich die Welt revolutionieren will, aber mein Arbeitstag soll mit sinnvollen und – ja, auch das! – sinnstiftenden Gedanken und Ergebnissen angefüllt sein. Und nachts, sofern sich noch Gefährten dafür finden, geht nicht selten die Holly mit mir durch. Ich stehe als Frau in den besten Jahren, wie man so schön sagt, auf eigenen Füßen und habe mein Leben bisher fern von Feminismus und dem Kampf für Geschlechtergleichheit verbracht. War da was an mir vorbeigegangen, das auch mein Thema hätte sein sollen?, frage ich mich mit Blick auf die Zeitung. Trifft es zu, dass wir Frauen immer unglücklicher werden, nachdem in den Siebzigern so viel für uns erstritten worden ist? Ich muss los. Ich falte die Zeitung zusammen, stecke sie in meine Aktentasche und trinke den letzten, mittlerweile kalten Schluck Cappuccino.

Im Flur, herrlich weitläufig und aufgeräumt, muss ich daran denken, wie früher meine Eltern und wir Geschwister morgens immer gleichzeitig aufbrachen und in der engen Garderobe um unsere Jacken und Mäntel rangelten. Ja, vielleicht – kommt mir gerade der Gedanke – ist es meiner Ostsozialisation zu verdanken, dass meine Geschwister und ich in dem Bewusstsein aufwuchsen, dass es zwischen Mutter und Vater nichts gab, was einer Änderung ihrer Rollen bedurft hätte. Oder verkläre ich die Kindheit und unterschätze den Selbstfindungstrip meiner Mutter, als sie in den achtziger Jahren äußerst suspekte Wochenendseminare besuchte? In meiner Erinnerung gibt es bis auf die Reihenfolge der Heimkehr meiner Eltern (mein Vater kam eine Stunde später von der Arbeit nach Hause) keine geschlechtsspezifischen Unterschiede.

Sie verließen gemeinsam morgens um sieben Uhr das Haus und arbeiteten als Ärztin und als Museumsleiter – wobei meine Mutter fünfzig Prozent mehr Gehalt nach Hause trug als mein Vater und dieser es schamlos für seine Leidenschaft, antiquarische Bücher, ausgab. Die Hausarbeiten waren unter uns Kindern und Eltern verteilt. Nicht selten kochte mein Vater am Wochenende – sein Verhältnis zur drallen, blonden Wild- und Geflügelfachverkäuferin gab uns immer wieder Anlass zu Spötteleien. Aber wir profitierten von seiner charmanten Art, mit der er der Blonden den einen oder anderen Braten, der unter dem Ladentisch auf ihn wartete, abzuluchsen verstand. Und so hatten wir häufig ein Stück zartes Reh, Lamm oder Wildschwein in der Röhre, das er zubereitet hatte. Meine Mutter kochte meist an den Wochentagen unsere Lieblingsgerichte – sie war die Königin des schaumigen Grießbreis und herrlicher Bratkartoffeln. Ich sehe noch heute meinen Vater vor mir, wie er auf dem Balkon die Wäsche aufhängt, nachdem wir Kinder sie in der Wäscheschleuder gewrungen hatten, bis uns die Handflächen vom Vibrieren der Schleuder kribbelten. Aus heutiger Sicht mag es aberwitzig klingen, wie klein wir noch waren, als die Eltern die Organisation des Alltags weitestgehend uns überließen. Mit Schulbeginn waren wir »Schlüsselkinder« – heute werden solche Geschöpfe als armselige Vögelchen bemitleidet, die aus dem Nest gefallen oder von ihren Rabenmüttern verlassen worden sind. Für mich war es einfach selbstverständlich und keiner weiteren Überlegung wert, dass Vater und Mutter ihre Berufe hatten und irgendwie, so gut es eben ging, Haushalt und Kindererziehung gemeinsam wuppten. So gesehen bestand für mich der einzige Unterschied zwischen meinen Eltern darin, dass meine Mutter eine Frau und mein Vater ein Mann war, nicht aber darin, dass die eine Fürsorgerin und der andere Versorger war.

Wenn es einen Moment in meinem Leben gegeben hat, in dem ich tatsächlich eine Weile über das Frausein und das Mannsein nachgedacht habe, dann war das an jenem Oktobermorgen im Jahr 2005, als mir der Volontär wie gewohnt die aktuellen Zeitungen auf den Tisch knallte. Ich erinnere mich deutlich an die Titelseite jenes renommierten Blattes, auf dem ein pausbäckiges Mädchen mit Krausnase und Hasenzähnchen wie der helle Morgen strahlte und bei dessen Anblick ich schallend lachen musste. »Es ist ein Mädchen«, erklärte die fette Headline, als wäre das nicht eindeutig zu erkennen gewesen.

Nach der Geburt ruft die Hebamme üblicherweise das Geschlecht des Neugeborenen aus, was in Zeiten von Ultraschall und Fruchtwasserdiagnose eigentlich überflüssig geworden ist. Außerdem ist die Frage nach dem Geschlecht im postpatriarchalischen Zeitalter zweitrangig, es bedarf nicht mehr zwingend eines Stammhalters, so dass man sich auch ungetrübt über die Ankunft eines Mädchens freuen darf. Aber jene Zeitung wollte uns bundesrepublikanische Bürger auch gar nicht davon in Kenntnis setzen, dass ein weibliches Menschenkind das Licht der Welt erblickt hatte. Nein, sie wollte der ganzen Nation von Flensburg bis Sonthofen freudig verkünden, dass wir uns erstmals über eine weibliche Bundeskanzlerin freuen dürfen, und mit kaum verhohlener Ironie deutlich machen, welche Sensation sich hinter dieser Wahl aller vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zum Trotz noch immer verbirgt.

Für viele – so auch für mich – war die Tatsache, dass endlich eine Frau ins höchste Amt des Landes berufen wurde, die logische Folge der Erfolgsgeschichte der weiblichen Emanzipation und eigentlich kein bedeutsamer Anlass zum Staunen. Wie ein fulminanter und gelungener Schlussakkord besiegelte diese Wahl eine langwierige und schwierige Entwicklung auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, und wir alle konnten uns erleichtert zurücklehnen mit dem Gefühl: Es ist vollbracht!

Nur, eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer, außerdem ist das Alleinstellungsmerkmal der Kanzlerin nicht unbedingt dazu angetan, dass sich viele (gemeint sind wir Frauen!) mit dieser weiblichen Vorreiterrolle identifizieren könnten. Es kann nur eine Kanzlerin geben. Was ist mit den anderen Frauen in diesem Land? Haben sich die Errungenschaften der Frauenbewegung auch in ihrem Leben durchgesetzt?

Ich lese immer wieder, dass in den Schulen die Mädchen mit wehenden Fahnen an den Jungen vorbeiziehen, dass sie wesentlich zielstrebiger und ehrgeiziger seien – was mich, unter uns gesagt, nicht wirklich wundert. Schon zu meiner Zeit haben die Jungen bei den Mädchen abgeschrieben, weil sie alles Mögliche im Kopf hatten, nur nicht den Unterricht. Alle Mütter sind stolz auf ihre strebsamen Töchter und nicht einer – auch wenn sie selbst ihr Frauenleben in den Dienst ihrer Nachkommen gestellt hat – käme es heute in den Sinn, sie von Abitur und Studium abzuhalten, weil sie später doch eh heirateten und Kinder bekämen. Es gibt keinen Unterschied mehr in der Erziehung und Bildung von Mädchen und Jungen, so dass die Biographien bis zum Ende des dreißigsten Lebensjahrs nahezu unisex sind. Heutzutage wäre es schon ein Fall für das Jugendamt, wenn eine Mutter ihre Tochter zum Putzen anhält, während ihr gesammelter Ehrgeiz der Ausbildung des Sohnes gilt.

Später bin ich für ein kurzes Mittagessen mit Angela verabredet. Was sie wohl zu den trübsinnigen Befunden über die Frauenwelt sagt? Ich kenne Angela als ein hyperdynamisches Energiebündel, das Karriere und Kinder generalstabsmäßig plant. Größere Durchhänger kommen bei ihr nicht vor, zumindest weiß ich von keinen. Vielleicht lässt sie die – wenn überhaupt – nur im stillen Kämmerlein zu. Aber haben Dynamik und Power etwas mit Glück zu tun?

So geht’s nicht weiter

Typisch Angela. Pünktlich wie ein Maurer sitzt sie bereits im Bistro, Handy am Ohr. Sie winkt mir fröhlich zu und fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, was mir signalisieren soll: Ein kurzes Gespräch noch, dann bin ich für dich da! Aber ihr Telefonat dauert, ich bestelle derweil einen kleinen Salat mit Schafskäse und – das braucht’s heute einfach! – ein frisch gezapftes Hefeweizen. Ich muss wohl etwas lau durch die Gegend geschaut haben, während sie ihre Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung mit Arbeitsaufträgen zuschüttete, als bestünde die Gefahr, dass ihre kurze Abwesenheit im Büro das blanke Chaos heraufbeschwört (Ich würde bei so einer Kontrollettichefin die Vollkrise kriegen!). Jedenfalls lautet die erste Frage, als ihr Handy endlich in der Handtasche verschwindet: »Wer ist dir denn heute über die Leber gelaufen?«

Ich tue erstaunt und antworte: »Niemand, wieso?«

»Besonders happy wirkst du nicht.«

Wie kann das sein? Nicht nur Holly an meinem Kühlschrank hat mich durchschaut, auch Angela trifft ins Schwarze. Es hilft nichts, ich beichte meine bescheidene Stimmung, meine emotionale Schwere und Laschheit, dass sich diese seelischen Tiefflüge in letzter Zeit häuften, und zwar ohne ersichtlichen Grund.

Angela lehnt sich auf dem Stuhl zurück und mustert mich nachdenklich. Noch bevor sie eine Diagnose stellen kann und mir damit zu Leibe rückt, zücke ich den Zeitungsartikel, um von meinem Einzelschicksal ins Allgemeine und Große abzulenken. Angela überfliegt die Zeilen, und während sie kopfschüttelnd liest, nippe ich schon mal an meinem Bier. Das tut gut! Kalt und prickelnd fließt das hefige Gebräu durch meinen Schlund. Ich hoffe auf eine entspannende Wirkung, sobald sich der Alkohol mit meinem Blut vermengt.

»Na, ich weiß nicht. Für mich jedenfalls gilt das nicht.« Angela faltet die Zeitung zusammen, so dass die Headline »Ganz schön traurig« nicht mehr zu sehen ist, und schlägt die Arme vor der Brust zusammen. Spüre ich da eine gewisse trotzige Abwehrhaltung, ganz so wie bei mir heute Morgen? »Also ich halte das für Schwachsinn. Vor allem trifft das ganz sicher nicht auf junge Frauen zu.« Dann hebt Angela zu einem kleinen Vortrag an. Sie habe erst kürzlich von einer breit angelegten Studie gehört, bei der von Frauenunglück nun ganz und gar nicht die Rede sein könne. Mehr als tausend Frauen hätten in einer Umfrage selbstbewusst verkündet, dass sie mit ihrem Leben und ihren Möglichkeiten vollauf zufrieden seien und alles wollten: Karriere, Kinder und einen Mann und dass es ihnen niemals in den Sinn käme, ihren Partnern selbstlos den Vortritt zu lassen, wie sie es noch bei ihren Müttern erlebt hätten. »Ich sehe es doch bei meiner Mitarbeiterin«, schließt Angela ihr Plädoyer für Frauenglück. »Die Zeiten, in denen weibliche Wesen Einbußen in Kauf nehmen mussten, nur weil sie zufälligerweise als Frauen geboren wurden, sind gottlob passé. Das einstmals schwache Geschlecht lässt die Muskeln spielen, steht auf eigenen Füßen und hat sich von den männlichen Versorgern unabhängig gemacht. So wie ich. Was gibt’s sonst noch Neues?«

Eigentlich könnte Angela jetzt noch ein »Howgh, ich habe gesprochen« hinzufügen. Für sie ist die Diskussion beendet.

Sie greift, nachdem sie sich den Serviettenzipfel in den Ausschnitt ihrer weißen Bluse geschoben und das Tuch großflächig über den cremefarbenen Blazer gebreitet hat, zu Messer und Gabel und zerlegt ihren Rapunzelsalat. Bei jedem Happen öffnet sie weit den Mund, damit das ölige Dressing nicht ihre Lippen beschmiert, außerdem tupft sie immer sorgfältig mit dem anderen Zipfel der Serviette die Mundwinkel ab. Essen passt einfach nicht zu Angela, für so etwas Profanes wirkt sie viel zu glatt und beherrscht. Nahrungsaufnahme – bei ihr hat man den Eindruck, dass sie diesen animalischen Trieb weit hinter sich gelassen hat. Das Bier tut seine Wirkung, ich fühle mich schon wesentlich beschwingter und bestelle noch etwas Brot. Alkohol am Mittag, das bin ich nicht gewohnt, und keinesfalls möchte ich beschwipst und mit Bierfahne an der nachmittäglichen Redaktionssitzung teilnehmen.

»Aber bei so viel Freiheit und Unabhängigkeit müsste sich doch endlich ein dauerhaft weibliches Glücksempfinden einstellen, meinst du nicht?« So schnell möchte ich das Thema noch nicht fallenlassen, doch Angela zuckt nur mit den Schultern und trinkt einen Schluck San Pellegrino. »Freiheit und Unabhängigkeit sind doch kostbare Güter, die dem Menschen Glück und Zufriedenheit verheißen! Deshalb hab ich doch in meiner DDR-Jugend regelmäßig an den Montagsdemonstrationen teilgenommen.«

»Große Güte, wirklich?« Angela wirft mir einen ungläubigen Blick zu, der nichts anderes besagt als: Ist die Frau neben mir wirklich meine Freundin?

»Ja, ja, ich weiß, das gehört zu meiner steinzeitlichen Politvergangenheit. Trotzdem: Das war ja nicht ich allein, ein ganzes Volk hat sich vom Sofa aufgerappelt, weil es sich nicht mehr länger einsperren und vorschreiben lassen wollte, wie es leben, denken und fühlen soll. Und die Menschen sind heute glücklicher.«

Angela hebt müde die Augenbrauen: »Bist du sicher? Meinst du wirklich, man könne behaupten, dass sich nach dem Fall der Mauer Glück und Zufriedenheit wie der wohlmeinende, priesterliche Segen im Land breitgemacht haben?«

»Schon … oder?«, bemerke ich kleinlaut.

»Kaum waren die Requisiten und staatstragenden Symbole mit der Wiedervereinigung wie Müll von der Straße gekehrt worden, haben deine demoliebenden Ossis doch das eingezäunte Land verklärt, in dem es sich so mucklig leben ließ.« Angela schnauft verächtlich.

»Hm, stimmt auch irgendwie. Freiheit ist halt eng an Eigenverantwortung gekoppelt, das kannten wir nicht. Also bedingen sich Freiheit und Glück nicht, meinst du?«

»Also, Schätzchen. Wenn du deine Montagsdemo mit der Frauenwelt vergleichst, dann kann ich dir versichern, dass ich keine Frau – auch keine mit Westsozialisation – kenne, die sich nach der tückischen Idylle ihres eingezäunten Häuschens zurücksehnt, das für Mann und Kind reinlich zu halten jahrzehntelang ihre Aufgabe gewesen war, von der sie, zeitgeschichtlich betrachtet, erst vor einem Wimpernschlag durch engagierte Kämpferinnen in lila Latzhosen glücklich befreit worden ist – nebenbei bemerkt, eine grauenvolle Mode!«

»Aber was ist dann mit uns los? Warum werden wir immer unglücklicher?«

Angela hebt fragend die Hände. »Ach, Herzchen, ich habe nicht die geringste Ahnung. Ist das denn wirklich so wichtig?«

»Natürlich ist das wichtig, für mich jedenfalls!«

»Okay, Schätzchen. Frauen können eben zwischen vielerlei Rollen wählen, die sie im Leben spielen möchten. Und das weiß doch jedes Kind: Die Freiheit der Wahl macht nicht immer glücklich, man muss nämlich eine Entscheidung treffen. Wer sich in spontaner Lust für den grünen Lutscher entschieden hat, bereut es vielleicht schon nach kurzer Zeit und jammert dem roten hinterher. So läuft es jedenfalls bei meinen Mädels ständig.« Angela lehnt sich genüsslich zurück, zufrieden über ihre versprühte Weisheit.

Tja, vielleicht geht es den Frauen tatsächlich genau so, denke ich und kippe dabei den letzten Schluck Bier hinunter. Allerdings dürfte die Frage, wie wir leben möchten, von größerer Tragweite sein als die Farbe des Lutschers. Vor allem dürfte sich die Entscheidung zwischen Kindern und einer beruflichen Karriere – oder, was noch schwieriger ist, die jeweilige Gewichtung, die sie im Leben der Frau spielen sollen – niemals zur vollen Zufriedenheit lösen lassen, was ein unterschwelliges Gefühl von Unzufriedenheit erklären könnte.

Vor meinem geistigen Auge taucht wieder mein geliebtes New Yorker Partygirl auf. Keine guten Nachrichten, was Holly? Scheinbar tingeln wir Frauen keineswegs so leichtfüßig durchs Leben wie du. Aber, dies uns allen zum Trost, auch die gute Holly Golightly kam ordentlich ins Stolpern – von wegen go lightly!

»Und vergiss nicht unsere Ansprüche«, hebt Angela wieder an. »Auch das ein Nebenprodukt unserer Wahlfreiheit. Wir müssen nicht mehr wie einst bei ein und demselben oder überhaupt bei einem Mann bleiben, wir sind nicht mehr dazu bestimmt, ausschließlich die Handlangerinnen unserer Versorger und die Ammen unserer Kinder zu sein, wir können unser Leben gestalten. Also beleuchten wir in einer Art Dauerschleife unsere Beziehung, unseren Job, unseren Lebensentwurf und grübeln darüber nach, wie und ob nicht manches besser laufen könnte.«

»Stimmt. Wir können endlos über unsere Herzensangelegenheiten, über Kinder –«

»Entschuldige, ich nicht. Das möchte ich ausdrücklich betonen«, fällt mir Angela ins Wort.

»Gut, du nicht, aber meine anderen Freundinnen mit Kindern. Wir quatschen über unsere Enttäuschungen, über Trennungen und Wiedervereinigungen und und und. Glaubst du wirklich, dass wir wegen unserer maßlosen Ansprüche seit vierzig Jahren immer unglücklicher werden, und sind Männer möglicherweise bescheidener?«

»Selbstverständlich sind sie das, aber wie kommst du auf die vierzig Jahre?«

»Steht in dem Artikel.«

»An der Zahl Vierzig ist was dran, aber die hat weniger mit dem Artikel, als vielmehr mit dir selbst zu tun. Baby, soviel ich weiß, wirst du in Kürze vierzig. Und ab dann wird’s mühsam, glaub mir.«

Ich gaffe Angela sprachlos an. Ich glaube, ich muss einen ziemlich beschepperten Gesichtsausdruck aufgesetzt haben, denn sie stößt mir energisch mit dem Ellenbogen in die Rippen. »Guck nicht so dämlich, das ist peinlich. Sag bloß, du hast noch nichts von Midlifecrisis gehört? Die ist beileibe keine reine Männerkrankheit. Außerdem, was schert dich so ein Artikel, du solltest vor deiner eigenen Haustür kehren, meine Liebe. Anstatt dir über so einen Studienquatsch den Kopf zu zerbrechen, frag dich lieber, was mit dir los ist.«

»Wenn ich das nur wüsste.«

Angela rückt auf die Stuhlkante vor und legt mir die Hand aufs Knie. »Soll ich’s dir sagen?« Ich nicke.

»Selbst wenn du neunzig oder sogar noch älter werden solltest – mit vierzig ist die Mitte erreicht. Danach geht’s bergab. Die Epidermis ist runter, und glaub der Kosmetikindustrie kein Wort: Keine Creme wirkt Wunder, nicht mal die teuerste. Alles Schmu! Gegen Falten und Hängebacken ist kein Kraut gewachsen.«

»Entschuldige mal – du siehst mit deinen fünfundvierzig doch blendend aus!«

»Veranlagung, Herzchen, alles Veranlagung. Du solltest dir diesbezüglich auch keine allzu großen Sorgen machen. Mit deinem Faltenwurf wird’s noch dauern. Aber darum geht’s mir auch gar nicht.«

»Sondern?«

»Na ja. Wie soll ich es sagen? Die großen Sprünge sind vorbei, dein Leben verläuft in festen Bahnen, da sind keine großen Weichenstellungen mehr drin – in aller Regel jedenfalls. Mit vierzig erfindest du dich nicht mehr neu.«

»Hab ich ja auch nicht vor.«

»Eben. Selbst wenn wir mit unserem Leben zufrieden sind – ich bin es jedenfalls, meistens – drückt die Vorstellung, dass alles hübsch an seinem Platz ist, auf die Stimmung. Zufriedenheit schön und gut, aber man muss aufpassen, dass nicht Langeweile draus wird. Der Mensch hat’s gern prickelnd. Apropos prickelnd. Sollen wir uns bei so tiefschürfenden Gesprächen ein Gläschen Crémant gönnen?«

Ich winke ab.

»Schade. Sag mal, wie lange bist du mit Claus schon zusammen?«

»Acht Jahre.«

»Siehst du.«

»Wie, siehst du! Was soll das denn heißen?«

»Dass es vielleicht nicht mehr ganz so prickelnd ist?« Angela guckt mich wie eine altkluge Tante an, und ich komme mir allmählich wie ein kleines dummes Schulmädchen vor.

»Es ist noch prickelnd«, antworte ich trotzig.

»Komm, erzähl das deiner Großmutter. Schön, ihr liebt euch, ihr seid glücklich miteinander, ihr habt noch Sex und wollt zusammen alt werden. Trotzdem, gegen einen kleinen Flirt zwischendurch wäre nichts einzuwenden. Frauen brauchen zwischendurch mal einen frischen Blick, verstehst du? Hey, du wirst älter und empfindlicher. Es reicht leider nicht, wenn nur Claus dir sagt, dass er dich sexy findet. Selbst wenn du seine treue Liesl bleibst, würde es dir guttun zu wissen, dass dich auch noch andere Kerle begehren.«

Ich gucke mich im Bistro um. Vielleicht gibt’s ja welche, die heimlich zu uns, besser gesagt, zu mir herüberschielen. Am Nachbartisch sitzen zwei Typen, allerdings Marke »Einstecktücher« à la zu Guttenberg. Die sind noch zu sehr mit ihrer Karriere beschäftigt, als dass sie die Mittagspause zum Flirten nutzen würden. Ansonsten gibt es ein paar Frauengrüppchen wie uns und eine Mutter mit Baby auf dem Schoß und Kinderwagen zur Rechten.

»Vergiss es. Einem Flirt muss man in unserem Alter schon gezielter auf die Sprünge helfen«, sagt Angela, als könnte sie meine Gedanken lesen. Mein Gott, bin ich heute leicht durchschaubar!

»Ach, ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass es das ist, was mir fehlt.«

»Natürlich nicht. Aber es wäre immerhin ein Anfang. Hör zu, ich spreche aus Erfahrung. Ab vierzig hat man Angst davor, dass nichts Aufregendes mehr passiert, dass man möglicherweise etwas verpasst hat, dass man vor zehn Jahren eine Entscheidung gefällt hat, die man nicht mehr korrigieren kann und die jetzt weh tut, dieser ganze Mist.«

»Hm, vielleicht.« Ich überlege einen Moment und sage dann nachdenklich: »Es ist irgendwie so ein dumpfes Gefühl, dass nicht mehr fürchterlich viel los ist, die Euphorie geht irgendwie flöten.«

»Das genau nennt man Midlifecrisis.«

»Aha. Und nun?«

Angela zuckt die Schultern. »Man kann vieles machen. Man kann sich zu Tode shoppen, noch mehr arbeiten, neue Projekte aushecken, reisen, nachts um die Blöcke ziehen, sich zu Hause auf dem Sofa verkriechen und lesen oder fernsehen, man kann Schokolade futtern oder – wie ich eben schon sagte – sich mit einem kleinen Flirt das Leben versüßen.«

Ich verziehe den Mund. Angelas Maßnahmenkatalog erscheint mir bis auf den letzten Punkt nicht unbedingt verlockend – es sind alles Dinge, die ich längst schon in die Tat umgesetzt habe.

Ich gehe gerne und häufig shoppen, oftmals sogar mit Claus, ich arbeite viel und nicht selten zu viel, wenn man die ganzen Auswärts- und Abendtermine hinzurechnet, wir verreisen, so oft es geht und immer an exotische Orte, auf dem Sofa liege ich in letzter Zeit häufiger, als mir lieb ist, mit oder ohne Buch und vor laufender Flimmerkiste, und bei Schokolade sage ich auch nicht nein und weiß um ihre trostspendenden Eigenschaften. Bleibt also als Einziges der Flirt, den ich – ich geb’s zu – seit acht Jahren nicht mehr erlebt habe.

»Also gut, dann eben ein Flirt.«

Angela lacht. »Und den soll ich dir jetzt besorgen?« Sie schüttelt den Kopf.

»Das wäre nett, ja.« In der Tat habe ich keine Ahnung, wie ich mir einen Flirt beschaffen sollte. Die Typen im Sender kommen nicht in Frage, die kenn ich zu lange, und die meisten sind gesittete Familienmenschen. In einen All-inclusive-Club reisen wie Angela? Wie sollte ich Claus das erklären, wo wir doch immer gemeinsam und mit Rucksack durch die Welt touren. In Kneipen und Bars herumhängen? Sieht man ja gerade, dass das nicht unbedingt von Erfolg gekrönt ist und zu sehr vom Zufall abhängt. Und nee, wirklich, ich hocke mich nicht wie so eine Steppenwölfin auf der Pirsch an den Tresen, das habe ich echt nicht nötig und bislang auch nie nötig gehabt.

»Mir fällt da was ein!«, platzt Angela in meine Überlegungen hinein. »Geh zu einem Speed Dating.«

»Zu einem Speed Dating? Ich?« Ich muss wohl wieder ziemlich dümmlich aussehen, denn Angela ermahnt mich ein weiteres Mal, doch bitte meinen Gesichtsausdruck zu kontrollieren.

»Wie wär’s, wenn du deine Freundinnen an deinem Geburtstag einlädst, mich inklusive, und wir, anstatt bei dir im Wohnzimmer abzuhängen, zu einem Speed Dating gehen? Anschließend könnten wir in einer Bar was trinken.«

Wow, was für eine Idee. Ich hole tief Luft. »Ich denke mal drüber nach …«

»Tu das, aber nicht zu lange, sonst bist du, schwups, einundvierzig. Und, Darling, es wird nicht besser!«, flötet sie. Dann zückt sie ihr Portemonnaie, kramt einen Geldschein heraus, schiebt ihn zu mir rüber, greift nach ihrem Handy und klappt es auf. »Ich muss los. Zahlst du?«

Noch bevor ich mich richtig von ihr verabschieden kann, fängt sie an, in ihr Handy zu quasseln, und winkt mir einen Abschiedsgruß über die Schulter hinweg zu.

Ein Date für neunundzwanzig Euro!

Wir haben Redaktionssitzung, aber ich kann mich kaum konzentrieren. Immer wieder schweifen meine Gedanken ab. Das liegt einerseits an dem hopfenhaltigen Fluidum in meinem Blut, das mich geistig ein wenig träge macht, andererseits muss ich mich beim Anblick meiner Kollegen und Kolleginnen andauernd fragen, wie sie sich in ihrem Leben wohl eingerichtet haben und wie sie mit Missstimmungen oder depressiven Anflügen umgehen. Plötzlich interessiere ich mich weniger für das, was sie sagen, obwohl ihre Beiträge meine morgige Kultursendung betreffen, sondern mehr für ihre Blicke, ihre klammheimlichen Gesten, von denen sie annehmen, dass sie unbemerkt bleiben.

Da wäre zum Beispiel mein Redaktionschef. Er ist ein starker Raucher, und Konferenzen sind für ihn insofern eine Qual, als dass er eine Stunde lang nicht qualmen kann.

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