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Frau Maier hört das Gras wachsen

Frau Maier ist ein Original. Jenseits der 60 lebt sie gemeinsam mit ihrer Katze in einem kleinen Häuschen am See. Vielleicht würden Außenstehende sie als verschroben bezeichnen, aber Frau Maier hat nicht nur einen wachen Verstand, sondern auch ein großes Herz. Um ihre magere Rente aufzubessern, nimmt sie eine Putzstelle in einem schicken Kurhotel an. Doch dann passieren seltsame Dinge im Hotel und in ihrer Nachbarschaft. Frau Maier will den Ereignissen natürlich auf den Grund gehen und entdeckt dabei in einem leer stehenden Haus die Leiche einer jungen Frau. Und der Täter ist noch im Haus …

Jessica Kremser wurde in Traunstein geboren und wuchs am Chiemsee auf. Zum Studium der englischen und italienischen Literatur und der Theaterwissenschaften zog es sie nach München, wo sie heute als Redakteurin für verschiedene Zeitschriften schreibt.

Von Jessica Kremser bereits erschienen:

„Frau Maier fischt im Trüben“

Erstes Kapitel
Samstag

 

I

Das Gras war leuchtend grün, beinahe giftgrün. Und ganz weich. Unter den Pfoten der Katze fühlte es sich an wie ein samtiger Teppich. Sie schnurrte laut und zufrieden. Oben am Schlafzimmerfenster stand Frau Maier und schaute der Katze zu. Sie lächelte, ebenfalls zufrieden.

Frühling! Der See schimmerte in einem fast unwirklich strahlenden Blau zu ihr herüber und die Berge standen glasklar und zum Greifen nah dahinter. Die Fische würden jetzt im immer wärmeren Wasser herumflitzen und sich ihres Lebens freuen. Doch bald würden auch die Fischer wieder hinausfahren und mit vollen Netzen zurückrudern. Die Fischer …

Frau Maier schüttelte sich leicht und konzentrierte sich wieder auf die Katze. Die hatte gerade ein wenig Erde an ihrer weißen Pfotenspitze entdeckt und sich sofort darangemacht, die Tatze fein säuberlich und mit Hingabe wieder sauber zu lecken. Frau Maier klopfte ihre Bettdecke aus und erntete dafür einen kurzen, aber deutlich irritierten Blick von der Katze. Dann machte sie das Fenster wieder zu und ging über die Treppe ihres kleinen Hauses nach unten in die Küche. Die dritte Stufe von unten, die laut knarzte, übersprang sie wie immer aus Gewohnheit.

Als Frau Maier einen starken Kaffee aufsetzte, ertappte sie sich dabei, wie sie leise vor sich hinsummte. Elvis. You are always on my mind. Ich denke dauernd an Dich. „Nein“, murmelte Frau Maier vor sich hin und holte sich das Glas mit den leckeren Essiggurken aus dem Regal. „Nein. Die Zeiten sind vorbei.“ Und anstatt weiter zu summen, biss sie in eine große Gurke und stellte fest, dass sie ihr wie immer besonders saftig und würzig gelungen waren.

II

Frau Maier trug einen Stuhl in die Frühlingssonne auf die kleine Holzveranda und freute sich über ihren freien Tag. Noch mehr aber freute sie sich darüber, diesen Luxus überhaupt genießen zu können. Denn nur wer eine feste und regelmäßige Arbeit hatte, konnte sich schließlich über einen freien Tag freuen.

Frau Maier hatte in ihrem Leben bereits verschiedene Arbeitsplätze gehabt, aber in den letzten Jahren hatte sie mit einigen wenigen Putzstellen in Kauzing über die Runden kommen müssen. Doch vor einigen Wochen war Elfriede Gruber zum Kaffee gekommen und hatte ihr gesagt, dass sie ihr eine feste Stelle im Kurhotel am See verschaffen könnte, wenigstens für einige Monate. Eine Angestellte hatte sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen, und die Hotelleitung hatte ganz dringend und kurzfristig nach Ersatz gesucht. Seitdem half Frau Maier an fünf Tagen in der Woche von acht bis zwei Uhr mit. Sie putzte die Zimmer, bezog die Betten oder half, wenn Not am Mann war, auch einmal in der Küche oder im Restaurant aus. Und jede Woche hatte sie an zwei Tagen frei, je nach Dienstplan.

Manchmal spürte sie, dass sie mit ihren Kräften vielleicht etwas mehr haushalten müsste, ihr 60. Geburtstag lag schließlich schon eine ganze Weile zurück. Aber ihrem Sparschwein war es noch nie so gut gegangen. So gut, dass Elfriede, die als Filialleiterin in der Sparkasse in Kauzing arbeitete, sie überredet hatte, sich das erste Sparbuch ihres Lebens zuzulegen. Nur widerwillig hatte Frau Maier sich davon überzeugen lassen, dass das eine bessere Variante war als das uralte Schwein in ihrem Wohnzimmerschrank.

Frau Maier schloss die Augen und genoss die warmen Strahlen auf ihrem Gesicht. Sie lächelte, wie jedes Mal, wenn sie an Elfriede Gruber dachte. Sie trafen sich inzwischen jede Woche auf einen Kaffee oder Tee, meistens besuchte Elfriede Frau Maier im kleinen Haus am See. Über die Monate waren sie sich immer vertrauter geworden und jetzt fühlte es sich fast schon so an, als wären sie Freundinnen. Und damit war Elfriede vermutlich die erste echte Freundin in ihrem Leben. Es ist eben nie zu spät, dachte Frau Maier zufrieden. Für nichts.

Ein lauer Wind strich sanft durch die Bäume, deren Knospen sich gerade zu öffnen begannen und die Äste schon von einem zarten Grün überzogen waren. Ganz leise hörte Frau Maier den See plätschern, denn sie hatte Ohren wie ein Luchs. Auch, wenn vielleicht ihr Knie und manchmal auch ihr Rücken nicht mehr alles mitmachten, mit ihren Augen und Ohren und mit ihrem Gedächtnis, da stimmte noch alles. Ein Vogel fing an zu singen. Welcher war das? Frau Maier überlegte und merkte gleichzeitig, dass ihre Gedanken abschweiften.

Sie sah ein Boot vor sich, ein Fischerboot. Und in dem Boot saß sie selbst. Langsam ruderte es über den tiefblauen See, gleichmäßig und friedlich. Wer ruderte das Boot? Sie selbst war es nicht. Der Karli? Oder bewegte es sich ganz von selbst? Sie ließ eine Hand ins Wasser gleiten und genoss die samtige Kühle auf ihrer Haut. Doch plötzlich streifte etwas ihre Hand. Etwas Kaltes, Glitschiges. Frau Maier bemerkte, dass das Boot zum Stehen gekommen war und beugte sich über den Rand, um nachzuschauen, wogegen ihre Hand gestoßen war. Sie erkannte einen hell schimmernden Fleck und lehnte sich noch weiter vor. War das ein Fisch? Ein silbriger Fisch? Nein, jetzt sah sie es ganz deutlich, und ihr wurde kalt in der warmen Frühlingssonne: Es war eine Hand. Eine Hand, die unter Wasser leise winkte. Frau Maier beugte sich noch ein kleines Stück weiter vor, um sehen zu können, wem diese Hand gehörte. Und plötzlich war da ein Gesicht, ein weißes Gesicht mit großen, weit aufgerissenen blauen Augen, direkt unter der Wasseroberfläche. Frau Maier verlor das Gleichgewicht und fiel nach vorne. Gleich würde sie im Wasser liegen, direkt neben dem verzerrten Gesicht, und die Hand würde sie ins dunkle, kalte Wasser hinunterziehen … Sie wollte schreien, aber sie konnte nicht. Und der Mensch, der das Boot gerade noch gerudert hatte, war verschwunden. Sie war wieder einmal allein …

Mit einem Ruck setzte sich Frau Maier in ihrem Stuhl auf. Nur langsam kam sie zu sich und sah, dass sie immer noch auf ihrer Veranda saß. Vor ihr lag der kleine Garten ganz still in der Frühlingssonne, dahinter der blaue, ruhige See. Sie schüttelte sich und wischte sich einige Schweißperlen von der Stirn. Ihre Hand zitterte leicht.

„Na bravo“, murmelte sie. Offensichtlich verfolgten sie die Ereignisse von damals immer noch, als sie die Leiche im See direkt vor ihrem Haus gefunden hatte. Der nette Polizeipsychologe, Dr. Frank Schön, hatte ihr Hilfe angeboten, um „das alles zu verarbeiten“, wie er sich ausgedrückt hatte. Aber Frau Maier hatte abgelehnt. Sie würde allein damit fertig werden. Wie immer in ihrem Leben. Allein, ohne Hilfe.

Nicht zum ersten Mal regten sich bei ihr leise Zweifel an diesem Lebensentwurf, als sie jetzt von ihrem Stuhl aufstand und feststellen musste, dass auch ihre Knie zitterten.

Die Katze lag immer noch im Gras, ganz friedlich auf den ersten Blick. Frau Maier kniff die Augen zusammen. Sie sah, dass die Schwanzspitze der Katze leicht zuckte und dass sich das Fell auf ihrem Rücken fast unmerklich aufgestellt hatte. Was hatte sie gesehen? Oder gespürt? Plötzlich erschien Frau Maier die Frühlingssonne weniger warm und sie ging ins Haus, um sich eine Strickjacke zu holen.

III

Es war schon dunkel draußen, und Frau Maier fühlte seit dem Nachmittag eine eigenartige Unruhe. Eine Unruhe genau wie damals, als sie die Leiche gefunden hatte und dann all die Dinge passiert waren. Die Dinge, die ihr Leben auf den Kopf gestellt hatten. Die Dinge, die sie zum Beispiel Elfriede Gruber näher, die aber auch ihre innere Ruhe ins Wanken gebracht hatten.

Frau Maier schaute aus dem Fenster. Ganz schwach erhellte der Mond den Garten. Ansonsten war es wirklich dunkel. „Es hilft ja trotzdem nix“, seufzte sie und setzte sich ein wenig schwerfällig auf die Treppe, um sich ihre Schuhe anzuziehen. Sie musste noch einen kleinen Spaziergang machen, ein anderes Mittel gegen die Unruhe fiel ihr nicht ein. Sie konnte noch nicht einmal jemanden anrufen, zum Beispiel die Elfriede. Frau Maier hatte nämlich kein Telefon. Und selbst wenn sie eines gehabt hätte, hätte sie nicht so richtig gewusst, was man bei so einem Telefongespräch sagte. Hallo, hier ist die Frau Maier. Ich fühle mich gerade so unruhig. „So ein Schmarrn“, brummte sie.

Sorgfältig sperrte Frau Maier die Tür ihres Hauses hinter sich zu und betrat den Weg, der durch den kleinen Wald an ihrem Haus vorbei führte. Sie zögerte einen Moment. Nach links ging es zum Dorf, dort gab es Straßenlaternen und Häuser. Nach rechts ging es durch das Wäldchen und die Dunkelheit. Das war immer ihr Lieblingsweg gewesen. Bevor das alles passiert war. Und sie wollte ihre Angst besiegen und wieder so gelassen sein wie früher. Frau Maier atmete tief durch, holte ihre Taschenlampe aus der Jackentasche und stapfte hinein in die Dunkelheit.

Es war ganz still, die leichte Brise hatte sich gelegt. Der See war nicht zu hören, aber Frau Maier spürte ihn, wie er groß und dunkel neben ihr lag. Sie ging mit raschen Schritten die kleine Anhöhe hoch und hörte auf einmal, wie laut ihr eigenes Schnaufen in der Stille klang. Vielleicht sollte sie doch einmal etwas weniger essen? Sie blieb stehen und seufzte. Weniger essen. Weniger Freude, weniger Glück. Frau Maier tastete nach den Speckrollen an ihren Hüften. „Keine Sorge, ihr dürft bleiben“, murmelte sie und ging weiter. Oben auf der Anhöhe verharrte sie einen Augenblick an der Aussichtsstelle, an der man über den ganzen See schauen konnte. Schwaches Mondlicht ließ das dunkle Wasser an manchen Stellen silbrig glänzen. Geheimnisvoll sah er aus, der See. Und irgendwie unantastbar, mächtig.

Frau Maier versuchte, ganz ruhig zu atmen, aber es wollte ihr nicht gelingen. An der kleinen Anhöhe, die sie gerade erklommen hatte, konnte es nicht mehr liegen. Nach fünf ruhigen Minuten hätte sogar ihr unsportlicher Atem sich wieder beruhigen müssen. Nein, es war etwas anderes. Frau Maier spürte ein leichtes Kribbeln in ihrem Nacken und dann merkte sie, wie sich die Härchen an ihren Armen aufrichteten. Sie kannte dieses Gefühl nur zu gut und sie wusste, was es bedeutete. Leider. Ich bin nicht alleine, bedeutete dieses Gefühl.

Sie drehte sich blitzschnell um und versuchte, mit ihren scharfen Augen die Dunkelheit zu durchdringen. Nichts. Doch als sie sich ganz umdrehte, um den Heimweg anzutreten, fiel ihr Blick auf das unbewohnte Haus, das direkt auf der Anhöhe stand. Sie hatte ihm vorher keine Beachtung geschenkt, denn seit Jahren schon lebte dort niemand mehr. Jetzt war das offensichtlich anders.

Im ersten Stock sah Frau Maier einen schwachen Lichtschein, der sich unruhig bewegte. Den Strahl einer Taschenlampe. Das kann alles sein, versuchte sie sich zu beruhigen. Ein Hausmeister, der Besitzer, ein Sicherheitsdienst. Aber gleichzeitig wusste sie, dass es nicht so war. Frau Maier konnte es nicht in Worte fassen, aber das unruhige Zucken dieses Lichtes hatte für sie etwas so Bedrohliches, fast Bösartiges, dass sie noch lange, nachdem sie wieder in ihrem kleinen Haus angekommen war und die Tür sicher hinter sich versperrt hatte, ein leichtes Zittern nicht unterdrücken konnte.

Zweites Kapitel
Sonntag

 

I

Zum Kurhotel Bergblick brauchte Frau Maier zu Fuß ungefähr fünfzehn Minuten. Mit dem klapprigen Fahrrad, das hinter ihrem Haus gemütlich vor sich hin rostete, hätte sie vermutlich höchstens fünf Minuten gebraucht. Aber sie mochte keine Fahrräder. Frau Maier fühlte sich am wohlsten, wenn sie mit beiden Beinen sicher auf dem Boden stand.

Zwei Tassen starken Kaffees hatten sie an diesem Morgen nicht richtig auf Trab bringen können nach einer unruhigen Nacht. Die kühle Morgenluft, die jetzt vom See zu ihr herüberströmte, tat ihr gut und sie atmete tief ein und aus.

Das Hotel lag etwas oberhalb des Dorfes. Ein kurzer, aber relativ steiler und von Bäumen gesäumter Weg führte zum Eingangstor der Anlage. Das Hotel selbst war ein hellgelb gestrichenes, freundlich wirkendes Gebäude mit einem Erker an jeder Hausecke. Von den Fenstern aus hatte man einen herrlichen Ausblick bis zu den Bergen. Frau Maier kam bei dem Anstieg zum Eingang schon wieder ins Schnaufen und war froh, als sie das Tor erreicht hatte.

Auf dem Parkplatz kam ihr Barbara Winkler entgegen, die hübsche junge Erzieherin, die mit zwei weiteren Mitarbeiterinnen für die Kinderbetreuung verantwortlich war, die im Kurhotel angeboten wurde. Normalerweise hatte sie ein freundliches Lächeln für jeden übrig, aber heute wirkte sie zerstreut und abwesend und würdigte Frau Maier keines Blickes. Da hat wohl noch jemand schlecht geschlafen, dachte Frau Maier, und betrat den Eingangsbereich durch die große Schwingtür.

Sofort spürte sie, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie blieb kurz stehen und schloss für einen Moment die Augen. Was genau lag hier in der Luft? Unruhe? Hektik? Nein … dachte Frau Maier und öffnete ihre Augen wieder. Angst. Angst liegt hier in der Luft.

II

Regina Willmers kam im Laufschritt die Treppe herunter. Ihr brauner Pferdeschwanz wippte bei jedem Schritt aufgeregt und als sie Frau Maier unten stehen sah, winkte sie ihr nervös zu. Obwohl Regina Willmers schon über fünfzig war, wirkte sie äußerst jugendlich. Frau Maier hätte sie höchstens auf Mitte vierzig geschätzt. Ihre jugendliche Erscheinung lag zum einen an ihren schönen langen Haaren, in denen keine einzige graue Strähne zu sehen war. Zum anderen aber an ihrer wachen Ausstrahlung, dem offenen Blick und der lebhaften Mimik. „Frau Maier“, rief sie jetzt ein wenig atemlos. „Haben Sie es schon gehört?“

„Nein, ich habe noch gar nichts gehört. Was ist denn los?“, erwiderte Frau Maier.

„Die Frau Lenz ist weg. Und die Vivien auch!“ Regina Willmers klang ehrlich besorgt.

„Weg? Sie meinen abgereist?“, hakte Frau Maier nach.

„Nein, nein, das wäre ja halb so schlimm!“, rief Frau Willmers. „Nein, sie sind gestern Nachmittag weggegangen und immer noch nicht wieder da. Niemand weiß, wo sie hin wollten und aus dem Zimmer scheint nichts zu fehlen. Sogar der Geldbeutel von der Frau Lenz ist noch da und liegt direkt auf dem Nachtkästchen.“

„Das klingt erst einmal eigenartig“, gab Frau Maier zu und bemühte sich, so gelassen wie möglich zu klingen. Regina Willmers wirkte ganz aufgelöst. So hatte sie die sonst so souveräne Frau noch nie erlebt. „Aber es kann dafür wirklich eine ganz einfache Erklärung geben“, fuhr sie fort. „Das ist doch in solchen Fällen meistens so.“

„Uns fällt aber keine Erklärung ein“, seufzte Regina Willmers. „Und das Schlimme ist … das Schlimme …“ Sie stockte, zögerte und redete dann mit leiser Stimme weiter: „Wussten Sie, dass die Frau Lenz psychisch äußerst labil ist? Weiß Gott, auf welche Ideen sie kommt und die arme Vivien … Sie ist so ein liebes Kind!“

Frau Maier wollte gerade antworten, da unterbrach sie eine strenge Stimme. „Frau Willmers, Sie werden in der Küche gebraucht. Und Frau Maier, kommen Sie bitte kurz in mein Büro.“

III

Die Leiterin des Kurhotels, Ulrike Rupprecht, schloss die Tür ihres Büros hinter Frau Maier und wies auf einen der beiden Stühle am kleinen Besuchertisch im Erker. Unterhalb der großen Fenster lag friedlich der schimmernde See. Zarte weiße Wolken hingen am Himmel über dem Wasser und dazwischen blitzten die frechen Frühlingsstrahlen der Sonne hervor. Aber Frau Rupprecht hatte an diesem Morgen keinen Sinn für die Aussicht, sondern kam sofort zur Sache.

„Frau Maier, ich nehme an, Frau Willmers hat Ihnen gerade erzählt, was passiert ist?“

Frau Maier suchte in ihrem Hirn blitzschnell nach einer Antwort, die keine Lüge war und gleichzeitig Frau Willmers nicht als Klatschtante dastehen lassen würde. Aber Ulrike Rupprecht erwartete offenbar sowieso keine Antwort, sondern fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Ich werde versuchen, heute mit allen, die hier arbeiten, kurz persönlich zu sprechen. Noch ist nichts wirklich Schlimmes passiert und ich gehe davon aus, dass Frau Lenz und ihre Tochter jeden Augenblick wieder wohlbehalten hier auftauchen.“

Dafür sind Sie aber ganz schön nervös, dachte Frau Maier und beobachtete das kaum merkliche Zucken am rechten Auge der Hotelleiterin. Die schien kurz nach den richtigen Worten zu suchen und zögerte einen kleinen Moment. Dann fing sie sich und sagte: „Mein Problem ist der mögliche Imageschaden für das Kurhotel. Sobald das hier die Runde macht, sobald im ganzen Dorf bekannt wird, dass die beiden Gäste aus unserem Haus verschwunden sind, haben wir die Presse des gesamten Landkreises hier. Und danach spielt es keine Rolle mehr, ob Frau Lenz und die Kleine wieder auftauchen. Die Leute werden das Hotel immer mit etwas Negativem in Verbindung bringen.“

Mit einer hastigen Bewegung strich sich Frau Rupprecht eine Haarsträhne hinters Ohr, die sich aus ihrem strengen Pagenkopf gelöst hatte. Die Anspannung war ihr deutlich anzumerken, aber das war eigentlich kein Wunder: Durch ihren Ehrgeiz und ihre ambitionierten Neuerungen war das Kurhotel von einem unbekannten kleinen Haus an einem bayerischen See zu einer landesweit angesehenen Institution geworden, die ihren Gästen alles bot: Erholung, Kinderbetreuung, ärztliche Versorgung, Physiotherapie, Ernährungsberatung … Das Kurhotel war Frau Rupprechts Lebenswerk und in diesem Augenblick hatte sie dessen Untergang vor Augen.

Frau Maier sah ihre Chefin an und dachte, dass sie in gewisser Hinsicht das Gegenteil von Regina Willmers war. Die eine sah wesentlich jünger aus, als sie war, die andere wesentlich älter. Ulrike Rupprecht war erst Anfang vierzig, aber sie wirkte verhärmt und erschöpft. Sie war klein und drahtig, trieb in jeder freien Minute Sport und kleidete sich auch bei der Arbeit sehr sportlich. Obwohl sie die Leiterin des gesamten Hotels war, trug sie nie Kostüme oder Hosenanzüge, sondern immer Jeans und Poloshirts oder Fleece-Jacken. Ulrike Rupprecht stammte aus Paderborn und wie viele, die aus den nördlicheren Bundesländern in den äußersten Süden gezogen waren, konnte sie nicht genug von den Bergen bekommen. Ständig plante sie neue Touren und versuchte, die eigene Leistung dabei immer wieder zu übertreffen. Vor zwei Wochen hatte sie sich allerdings bei einer Bergtour verletzt und musste seitdem einen Gips tragen. Vielleicht ist sie auch deshalb so nervös, überlegte Frau Maier. Es soll ja tatsächlich Menschen geben, die sich nur nach sportlicher Betätigung wohl und ausgeglichen fühlen. Unvorstellbar.

Jetzt stand Ulrike Rupprecht auf und stieß durch eine ungeschickte, hektische Bewegung die Krücke um, die sie wegen des Gipses zurzeit als Gehhilfe benötigte. „Scheiße!“, entfuhr es ihr. Frau Maier erschrak. Es war nicht so, dass ihr nicht selbst manchmal ein Fluch herausrutschte, aber bei der sonst so kühlen und beherrschten Ulrike Rupprecht wirkte es irgendwie befremdlich. Sie drückte sich normalerweise immer sehr gewählt aus in ihrem geschliffenen Hochdeutsch. Frau Maier hatte das Gefühl, dass sie gerade eine Maske hatte fallen sehen und es war ihr unangenehm. Doch im nächsten Augenblick hatte Frau Rupprecht die Krücke schnell wieder aufgehoben und eine Entschuldigung gemurmelt. Der Moment war vorüber.

Frau Maier wollte irgendetwas Beruhigendes sagen, aber zum zweiten Mal in diesem kurzen Gespräch wollte ihr einfach nichts Passendes einfallen. Und zum zweiten Mal erwartete Frau Rupprecht offenbar keine Antwort, denn sie war schon zur Tür gehinkt und hielt sie für Frau Maier auf.

„Also, Frau Maier, bitte gehen Sie ganz normal an Ihre Arbeit. Ich möchte keinen Klatsch und Tratsch unter den Angestellten und möglichst wenig Unruhe unter den Gästen. Kann ich mich auf Sie verlassen?“

Frau Maier nickte, und im nächsten Augenblick hatte die Hotelleiterin sie schon auf den Gang geschoben und die Bürotür wieder hinter ihr geschlossen. Das Gespräch war beendet.

Und sie hat sich kein einziges Mal wirklich besorgt über die Mutter und ihre Tochter geäußert, dachte Frau Maier. Sie denkt nur an den Ruf des Hotels. Ganz anders als Regina Willmers. Deren Worte fielen ihr wieder ein. Wussten Sie, dass die Frau Lenz psychisch äußerst labil ist? Weiß Gott, auf welche Ideen sie kommt. Sie spürte ein leichtes Kribbeln in ihrem Nacken und schüttelte sich kurz. „Spinn nicht und geh an die Arbeit“, sagte sie sich leise, aber sehr streng. Das half. Mit einem Seufzer machte Frau Maier sich auf den Weg zu den Zimmern, die sie heute putzen sollte.

IV

Das fünfte Zimmer an diesem Vormittag war das von Simone Lenz und ihrer Tochter Vivien. Frau Maier öffnete langsam die Tür. Sie kam sich wie ein Eindringling vor, wie eine Schnüfflerin. Dabei hatte ihr Frau Leitner, die jeden Tag die Putzpläne erstellte, das Zimmer zugewiesen und dabei so getan, als sei alles so wie immer. Frau Rupprechts strenge Ermahnung hatte offenbar gewirkt. Ich möchte keinen Klatsch und Tratsch unter den Angestellten.

Langsam ging Frau Maier durch das Zimmer, in dem Mutter und Tochter die letzten Wochen verbracht hatten. Sie fühlte sich dabei genauso wie damals, als sie die Leiche im See gefunden, und hinterher das Zimmer der toten Frau betreten hatte. Sie zog die Strickjacke enger um ihren Körper und versuchte, das hartnäckige Kribbeln in ihrem Nacken zu ignorieren. Aber wenn sie sich genauso fühlte wie damals im Gästezimmer der toten Anita Graf … Hieß das dann nicht vielleicht … War das nicht vielleicht ein Zeichen dafür, dass … „Dass die Frau Lenz nicht mehr lebt“, flüsterte Frau Maier in den stillen Raum hinein.

Ihr Blick fiel auf ein knallgrünes Plüschkrokodil, das grinsend auf dem Bett saß und wartete. Auf Vivien. Beim Gedanken daran bekam Frau Maier ganz kurz weiche Knie. Denn wenn vielleicht die Mutter nicht mehr lebte, was war dann mit der Tochter? Sie dachte an die zehnjährige Vivien, die sie auf dem Gang immer so fröhlich begrüßt hatte. Sie hatte hellblonde Haare und große, braune Augen. Dieser Kontrast war Frau Maier sofort aufgefallen. Vivien war ein Kind, das einem leicht im Gedächtnis blieb. Und Frau Maier dachte an Simone Lenz, Viviens Mutter. Sie seufzte leise, denn was Frau Willmers über ihre psychische Verfassung gesagt hatte, war bei jeder Begegnung offensichtlich gewesen: Simone Lenz wirkte immer etwas abwesend, verloren und traurig. Sie war eine hübsche Frau, aber ihre kraft- und freudlose Ausstrahlung überdeckte alles Positive, Schöne. Und Vivien … Frau Maier hatte immer den Eindruck gehabt, dass die Kleine extra fröhlich und aufgeschlossen gewesen war. So, als würde sie diesen Part für ihre Mutter mit übernehmen. Oder mit übernehmen müssen.

Aber nein. Diese Überlegungen brachten jetzt nichts. Man musste positiv denken. Vielleicht hatte Frau Rupprecht doch Recht und die beiden waren bald wieder da. Frau Maier zog ihre Strickjacke aus und machte sich an die Arbeit. Schnell und gründlich, wie es ihre Art war, putzte sie das kleine Bad. Im Zimmer selbst sah es einigermaßen ordentlich aus, das Bett war noch gemacht, vermutlich vom Vortag, denn in dieser Nacht hatte ja niemand darin geschlafen. Auf einem der Korbstühle vor dem Fenster lagen einige Kleidungsstücke, auf dem Boden daneben ein Stapel Brettspiele. Auf dem kleinen Tisch standen zwei leere Wasserflaschen und eine Coladose. Frau Maier ging zum Tisch und räumte den Müll weg. Dann zog sie ihre Strickjacke wieder an, um weiter ins nächste Zimmer zu gehen. An der Tür drehte sie sich noch einmal um und atmete tief durch.

Es war immer noch da, dieses unheimliche Gefühl, das sie seit ihrem nächtlichen Spaziergang gestern nicht mehr abschütteln konnte. Frau Maier hatte sich ihr Leben lang auf ihre Sinne verlassen, auf ihre scharfen Augen und Ohren und ihre feine Nase. Sie glaubte nur an das, was sie mit diesen Sinnen erfassen konnte. Eigentlich. Aber seit einiger Zeit wusste sie, dass es da noch mehr gab. Dass es neben diesen Sinnen auch einen sechsten Sinn gab, einen Spürsinn, der sie unnachgiebig auf Dinge stieß, die sie vielleicht lieber gar nicht gewusst hätte.

Frau Maier wollte gerade gehen und hatte die Türklinke schon in der Hand. Sie warf einen letzten prüfenden Blick auf das Zimmer, da stutzte sie. Auf der einen Seite des Bettes war das Laken nicht sauber in den Bettrand gesteckt worden und wölbte sich nach außen. Das störte ihren Ordnungssinn und sie ging schnell zurück, um alles auch wirklich fein säuberlich zu hinterlassen. Doch als sie die Wölbung glatt streichen wollte, stießen ihre Finger an etwas Festes, Kantiges. Sie schlug das Laken leicht zurück und entdeckte ein kleines Buch. Es war in pinkfarbenes Papier eingebunden. Ein Malbuch? Ein Poesiealbum? Frau Maier konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen Blick hineinzuwerfen. Eine weiche, runde Schrift füllte die Seiten und es dauerte nur ein paar Sekunden bis Frau Maier verstand, was sie in ihren Händen hielt: das Tagebuch von Simone Lenz.

V

Als Frau Maier mit klopfendem Herzen wieder im Gang stand, konnte sie kaum glauben, was sie gerade getan hatte. Nicht die Vernunft hatte sie geleitet (und dabei wollte Frau Maier so gerne vernünftig sein), sondern reiner Instinkt. Neugier. Ehe sie gewusst hatte, wie ihr geschah, hatte sie das Tagebuch unter ihrer Strickjacke versteckt und es mit zitternden Händen im Aufenthaltsraum des Personals in ihrer Handtasche verschwinden lassen. Jetzt wäre es noch nicht zu spät, es wieder ins Zimmer zurück zu legen, aber Frau Maier wusste, dass sie das nicht tun würde. Sie konnte nicht anders. Sie musste wissen, was in diesem Tagebuch stand.

Stimmen rissen sie aus ihren Gedanken und sie schaute auf. Am Ende des Korridors sah sie Frau Rupprecht aus ihrem Büro zur Treppe hinken. Wenige Sekunden später erschienen dort zwei Polizisten in Uniform, mit denen die Hotelchefin in ihrem Zimmer verschwand. Es ging also los mit den Befragungen und Nachforschungen. Offenbar ist sich doch nicht jeder hier so sicher, dass Frau Lenz und ihre Tochter wohlbehalten wieder auftauchen, dachte Frau Maier.

VI

Sobald sie zurück in ihrem kleinen Haus am See war, schlug Frau Maier das Tagebuch auf. Sie zog nicht einmal ihre Schuhe aus, sondern setzte sich sofort auf die Treppe und begann zu lesen.

Heute treffe ich ihn endlich. Ich kann es kaum erwarten, aber ich habe auch Angst. Wie wird er sein? Wie wird er aussehen? Zum Glück kann ich ihn alleine treffen, Vivien ist ja gut versorgt. Und beim nächsten Mal nehme ich sie dann vielleicht schon mit. Ich habe ja den Eindruck, dass er sie unbedingt kennenlernen will. Er fragt so oft nach ihr. Endlich ein Mann, der Kinder mag!

Das war der letzte Eintrag. Frau Maier blätterte zurück.

„Fußballfan_13“ schreibt mir jetzt ständig. Endlich gibt es wieder etwas, worauf ich mich freuen kann. Etwas, was mich herausreißt aus meinen düsteren Gedanken und aus diesem trübsinnigen Alltag. Ich kann ihm schreiben und vielleicht werde ich ihn bald treffen. Es macht mich nur traurig, dass der Gedanke an Vivien mich nicht so aufmuntern kann wie der Gedanke an einen Fremden, den ich noch nie gesehen habe. Ich fühle mich schuldig. Aber ich weiß, dass ich schon immer eine schlechte Mutter war.

Frau Maier runzelte die Stirn und blätterte noch ein paar Seiten nach hinten.

Es war doch eine gute Idee, mich bei „Lokale Singles“ anzumelden. Natürlich habe ich auch komische Nachrichten bekommen. Aber einer ist dabei, der könnte nett sein. „Fußballfan_13“ nennt er sich. Nicht besonders einfallsreich. Aber „Eisprinzessin“ ist vielleicht auch nicht besser. Ich habe mich unter der Postleitzahl eingetragen, wo auch das Kurhotel ist, und er wohnt ganz in der Nähe. Ich denke, es wird einfacher, dort jemanden zu treffen als hier, wo ich Papa sofort Rechenschaft ablegen muss.

„Wo ich Papa sofort Rechenschaft ablegen muss …“, wiederholte Frau Maier leise. Dann las sie noch einen Eintrag, relativ am Anfang des Büchleins.

Ich hasse mein Leben. Jeden Tag bin ich froh, wenn ich das Aufstehen geschafft habe. Wenn ich es geschafft habe, Vivien ein Frühstück zu machen und sie zum Schulbus zu bringen. Dann habe ich endlich ein paar Stunden nur für mich. Ich gehe ins Internet und in meine verschiedenen Foren. Ich suche und suche. Alles Mögliche. Menschen, denen ich schreiben kann. Die mir schreiben! Dinge, die ich mir kaufen kann. Aber dann kommt Vivien aus der Schule und ich muss Mittagessen kochen. Alles wäre leichter, wenn ich jemanden an meiner Seite hätte. Jemanden, der mir hilft.

Papa hat für mich und Vivien eine Kur in einem schicken Hotel bezahlt. Sechs Wochen. Angeblich gibt es dort viele Mütter und Kinder. Irgendwo ganz im Süden, fast schon in Österreich. Er meint, das würde mir gut tun und ich könnte dann mehr Zeit mit Vivien verbringen. Dabei wäre es für Vivien bestimmt besser, so wenig Zeit wie möglich mit mir zu verbringen. Was kann ich ihr schon bieten? Aber ohne sie … hätte ich niemanden. Ich werde sie niemals hergeben. Auch wenn Papa meint, dass ich mich nicht genug um sie kümmern kann. Lieber sterbe ich. Und Martin wird sie nie bekommen. Niemals. Er hätte mich eben nicht verlassen dürfen.

Frau Maier klappte das Tagebuch zu. Sie fühlte sich elend. Wie hatte sie das Buch nur einfach mitnehmen und in Frau Lenz’ Leben herumschnüffeln können? Jetzt wusste sie Dinge, die sie lieber gar nicht gewusst hätte. Sie hörte wieder Regina Willmers’ Stimme: Die arme Vivien. Frau Maier stand von der Treppe auf und fluchte leise. Das verdammte Knie machte ihr wieder einmal zu schaffen. Langsam ging sie in die Küche und sah aus dem Fenster zum See herüber. So friedlich lag er da. So still und blau. Er wusste nichts von dem Aufruhr in ihrem Inneren. Oder wenn er es wusste, dann kümmerte er sich nicht darum. Frau Maier seufzte. Ihr war klar, was zu tun war.

VII

Auf dem kurzen Weg durch das Wäldchen bis zum Parkplatz am See hörte Frau Maier ein eigenartiges Brummen. Es kam näher und sie sah durch die Baumwipfel, dass es ein Polizeihubschrauber war. Er flog eine Schleife und kreiste dann über dem See. Frau Maier fröstelte in der lauen Frühlingsluft. Sie suchen. Sie vermuten, dass etwas Schlimmes passiert ist. Sie fühlte sich immer schuldiger und war erleichtert, als sie die Telefonzelle auf dem Parkplatz erreicht hatte. Eigentlich war es gar keine richtige Telefonzelle, sondern eine dieser Säulen, an denen man im Freien steht. Sie war vor nicht allzu langer Zeit erst aufgestellt worden, vermutlich für die Touristen, denn gleich in der Nähe befand sich eine Aussichtsplattform am See. Frau Maier fand die Säule hässlich und ungemütlich. Aber heute war sie froh darüber. Sie sah sich um. Niemand zu sehen, der sie belauschen könnte. Sie entfernte das rote Geschenkband von der kleinen Karte, die sie aus ihrer Jackentasche geholt hatte, und wählte die Handynummer von Dr. Frank Schön. Er war Psychologe und er arbeitete häufig mit der Polizei zusammen. Und damals, als sie die Leiche im See gefunden hatte, war er immer auf ihrer Seite gewesen. Er musste einfach einen Rat wissen.

Freizeichen. Frau Maier atmete erleichtert auf.

Frank meldete sich. „Dr. Schön hier.“

„Frank? Hier ist …“

„Frau Maier! Schön, dass Sie anrufen. Obwohl, das kann ja nur bedeuten, dass etwas passiert ist, oder?“

„Ja. Also vielleicht. Es ist so …“

Frank unterbrach sie. „Frau Maier, wo sind Sie eigentlich?“

„In der Telefonzelle am Parkplatz natürlich, wieso?“

Frank seufzte. „Dann haben Sie sich also immer noch kein Telefon in Ihrem Haus installieren lassen?“

„Nein.“

„Warum denn nicht, um Himmels willen?“

„Niemand ruft mich an und ich rufe niemanden an.“

„Sie rufen mich doch jetzt gerade an!“

„Ja, aber jetzt ist ja auch etwas passiert.“

„Also doch. Sehen Sie jetzt ein, dass es eine gute Idee von mir war, Ihnen die Telefonkarte zu schenken?“

„Ja. Ich habe etwas Schlimmes getan, Frank.“ Frau Maier holte Luft. Sie konnte sogar durchs Telefon spüren, dass Frank jetzt auch angespannt war. „Ich habe wichtiges Beweismaterial entfernt“, sagte sie schnell.

„Wie bitte? Sie haben was? Wo denn?“

„Also, aus dem Kurhotel ist jemand verschwunden und ich habe in dem Zimmer geputzt. Und da habe ich etwas gefunden. Etwas Interessantes.“

„So interessant, dass Sie es gleich mitnehmen mussten?“ Franks Stimme klang einen Augenblick lang scharf, dann seufzte er noch einmal. „So kenne ich Sie, Frau Maier. Was war es denn?“

„Ein Tagebuch. Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Ich musste es einfach mitnehmen. Aber es stehen Informationen darin, die die Polizei unbedingt wissen muss!“

Frank wurde ernst. „Welche Informationen?“

„Dass die Frau, die verschwunden ist, sich mit jemandem treffen wollte, zum Beispiel. Mit einem Mann.“

Frank schwieg einige Sekunden. Dann fragte er: „Haben Sie eine Möglichkeit, das Tagebuch noch heute zurück zu bringen?“

„Ich weiß nicht. Es könnte schon auffallen. Und wenn das herauskommt …“

„Vor allem sollte es die Polizei nicht erfahren“, unterbrach sie Frank. „Sie wissen ja, dass Sie dort nicht bei allen beliebt sind …“

„Ja, ich weiß“, sagte Frau Maier und dachte an den Kommissar Brandner, mit dem Sie damals nach dem Leichenfund einige unschöne Begegnungen gehabt hatte.

„Vielleicht müssen wir das Tagebuch irgendwie anders zurückbringen und es nicht einfach wieder ins Zimmer legen“, meinte Frank nachdenklich. „Die Polizei hat sich dort vermutlich schon umgesehen und wenn jetzt nachträglich ein Tagebuch auftaucht … Das könnte den ganzen Fall verfälschen.“

Frau Maier rutschte das Herz in die Hosentasche. Wahrscheinlich musste sie doch zur Polizei gehen und das Tagebuch persönlich abgeben. Und das wäre dann das Ende ihres Jobs im Kurhotel. Und es würde Ärger mit dem Brandner geben. Und was Elfriede wohl von ihr denken würde, wo sie ihr doch extra diese Stelle verschafft hatte … Frau Maier wurde es heiß. Doch dann registrierte sie plötzlich in einem Hinterstübchen ihres Gehirns, dass Frank „wir“ gesagt hatte. Würde er ihr helfen? Ihr Herz klopfte schneller.

„Frau Maier, sind Sie noch dran?“

Frau Maier räusperte sich. „Jaja, ich bin noch dran.“

„Wie Sie ja bereits von Anfang an so scharfsinnig bemerkt haben, gibt es da jemanden bei der Polizei, bei dem ich keine schlechten Karten habe …“

Trotz der verzwickten Situation musste Frau Maier lächeln. Die junge Polizistin Cornelia Klauser war damals bei der Sache mit der Anita Graf an den Ermittlungen beteiligt gewesen und Frau Maier hatte gleich gemerkt, dass sie eine Schwäche für Frank hatte. Auch wenn der es damals noch geleugnet hatte.

„Frau Maier, ich komme jetzt bei Ihnen vorbei und hole das Tagebuch ab. Den Rest überlassen Sie mir. Niemand wird erfahren, dass es bei Ihnen war. Allerdings glaube ich, dass die Polizei auch ohne dieses Tagebuch darauf kommen wird, dass die verschwundene Frau jemanden ...

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