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Frau Maier fischt im Trüben

Ein starkes Debüt!

Frau Maier lebt allein in einem kleinen Haus am Chiemsee. Die großen Lieben ihres Lebens sind Elvis Presley, Fischgerichte und eine Katze. Eigentlich bringt Frau Maier nichts so leicht aus der Ruhe. Zumindest bis zu diesem Montagmorgen, an dem sie am Ufer des Sees, direkt vor ihrem Haus, eine Frauenleiche findet.

Als die Polizei eintrifft, ist die Tote verschwunden. Der Kommissar hält Frau Maier für unzurechnungsfähig und schickt ihr einen Polizeipsychologen ins Haus. Aber Frau Maier weiß, dass sie nicht senil ist. Sie hat gesehen, was sie gesehen hat – und auch das Opfer erkannt. Als auch noch ein Unbekannter nachts um ihr Haus schleicht, nimmt Frau Maier die Ermittlungen selbst in die Hand. Dank ihrer scharfen Beobachtungsgabe ist sie schon bald auf der richtigen Fährte – aber auch in großer Gefahr.

Jessica Kremser wurde 1976 in Traunstein geboren und wuchs am Chiemsee auf. Zum Studium der englischen und italienischen Literatur und der Theaterwissenschaften zog es sie nach München, wo sie noch heute lebt und als Redakteurin für verschiedene Zeitschriften schreibt. „Frau Maier fischt im Trüben“ ist ihr Debüt als Kriminalschriftstellerin.

Jessica Kremser

Frau Maier fischt im Trüben

PENDRAGON

Für Auguste und Hedwig, meine Großmütter

Erstes Kapitel Montag

I

Auf den ersten Blick hätte man denken können, der weiße Fleck im Wasser wäre ein Fisch. Fast jeder hätte das gedacht. Frau Maier nicht. Denn Frau Maier kannte sich aus mit den Fischen im See.

Der weiße Fleck schimmerte fast silbrig unter der leicht gekräuselten Wasseroberfläche zwischen ein paar dunklen Schilfhalmen. Es war schwer zu sagen, ob sich nur das Wasser bewegte oder ob es die Hand selbst war, die unter Wasser leise winkte. Dass es eine Hand war, daran bestand für Frau Maier gar kein Zweifel. Die Frage war: Handelte es sich nur um eine Hand oder um eine Hand, die noch mit einem Körper verbunden war?

Die Katze hatte sich längst verzogen. Als sie mit der Pfote nach dem silbrigen Fisch hatte angeln wollen, da hatte sie plötzlich die Erkenntnis gepackt, dass er vielleicht doch kein so guter Fang war. Ihr Fell am Rücken hatte heftig gezuckt, so als hätte sie Flöhe, und dann war sie in Sekundenschnelle fauchend im Gebüsch am Ufer verschwunden.

Frau Maier war alleine. Wie immer. Seufzend beugte sie sich nach vorne. Angst hatte sie keine – höchstens davor, wieder einen Hexenschuss zu bekommen, so wie im letzten Winter. Da hatte sie sich auch nur gebückt, um einen Kiesel aufzuheben. Einen roten, ganz glatt gewaschen vom See. Danach war das Leben fünf Wochen lang sehr beschwerlich gewesen.

Die Hand bewegte sich nicht. Sie lag still und blass im Wasser. In ihrer Todesstarre schien sie etwas zu umklammern. Es sah aus wie ein Stück Papier.

Und von der Hand führte ein Arm ins Schilf.

II

Frau Maier hatte kein Telefon. Das war manchmal lästig, unter Umständen auch einmal sehr lästig, aber so richtig unangenehm war es noch nie gewesen. Bis zu diesem Augenblick. Denn wenn man im Wasser im Schilf am See gerade eine Hand gefunden hat, von der aus ein Arm zu einer Frau führt, und diese Frau nackt und tot ist, dann wäre ein Telefon von Vorteil. Das dachte Frau Maier, als sie schnaufend an ihrem Küchentisch saß.

Frau Maier wurde selten nervös. Ihre Gelassenheit hatte ihr in ihrem Leben schon sehr oft geholfen. Ohne sie wäre das Leben, das sie führte, als alleinstehende, vermutlich sogar einsame Frau ohne Geld, sehr viel schwieriger gewesen. Aber manchmal war ihre Gelassenheit auch schon als Gleichgültigkeit missverstanden worden. Auch von sehr wichtigen Menschen.

Den kurzen Weg vom Fundort der Leiche bis zu ihrem kleinen Haus war Frau Maier nicht gerannt, sondern sie hatte ihn in ihrem ganz normalen, bedächtigen Schritt zurückgelegt. Trotzdem standen ihr jetzt, als sie am Küchentisch saß, kleine Schweißperlen auf der Stirn. Frau Maiers Atem ging schneller als sonst. Und flacher. Wieso?

Sicher, sie hatte gerade eine Leiche entdeckt. Das reichte normalerweise, um nervös zu werden. Bei Frau Maier nicht.

Sicher, sie hatte kein Telefon und konnte die Polizei nicht sofort verständigen. Aber dafür würde sich eine Lösung finden.

Nein, die Schweißperlen hatten andere Gründe. Nach kurzem, aber gründlichem Grübeln hatte Frau Maier diese Gründe ausgemacht. Erstens: Sie hatte die tote Frau erkannt. Zweitens: Sie war am Fundort nicht alleine gewesen. Jemand hatte sie beobachtet.

III

Jetzt konnte nur Elfriede Gruber helfen. Sie war die Leiterin der örtlichen Sparkasse und eine von drei Personen, auf die Frau Maier sich verlassen konnte. Die anderen beiden waren der Seppi, Lehrling im Supermarkt, und der Fischer-Karli. Seppi konnte sie nicht allzu oft behelligen, weil er sonst Ärger mit dem dynamischen Supermarktleiter bekam. Aber Elfriede Gruber war selbst die Filial-Leiterin und konnte mit niemandem Ärger bekommen. Und nur deshalb war es möglich, dass sie Frau Maier immer mit besonderer Freundlichkeit, ja sogar mit Respekt begegnete, obwohl die kein dickes Konto bei der Sparkasse hatte und auch sonst kein nennenswertes Ansehen im Dorf besaß. Die Gründe, warum sie immer und zu jeder Zeit zum Fischer-Karli laufen konnte, waren persönlich. Und vielschichtig. Und vor allem taten sie weh, auch nach über vierzig Jahren noch.

An alle diese Dinge dachte Frau Maier, als sie sich auf den Weg zur Sparkasse machte, dann kehrten ihre Gedanken zur Frau im Wasser zurück. Ihr Gesicht war nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche ganz deutlich zu sehen gewesen. Ihre blauen Augen waren weit offen und hatten einen erstaunten Ausdruck. Um ihren Kopf wehten blonde Haare, so dass der Gesamteindruck Frau Maier an eine Nixe erinnerte. Als Kind, als sie mit ihren Eltern in das kleine Dorf am großen See gezogen war, da hatte sie lange Zeit geglaubt, im See würden Nixen leben. Eines Tages, da war sie sicher gewesen, würde sie die Nixen finden. Damals war sie noch nicht Frau Maier gewesen, sondern ein kleines Mädchen, das an viele Dinge glaubte. Frau Maier glaubte nur an das, was sie sehen, schmecken, riechen, hören oder fühlen konnte. Nixen gehörten nicht dazu.

Die Frau im Wasser war Anita Graf, die Schwester von Inge Graf. Anita war nach Übersee ausgewandert, mit neunzehn. Sie hatte einen US-Soldaten geheiratet und war nie mehr zurückgekommen in das Dorf am See. Bis jetzt. Schon seit zwei Wochen war sie bei Inge zu Besuch und Frau Maier hatte die beiden mehrmals an ihrem Häuschen vorbeispazieren sehen. Wie Inge wohl mit diesem schrecklichen Ende eines lange ersehnten Besuches fertig werden würde?

Da waren sie wieder, die kleinen Schweißperlen. Und gleichzeitig war auch das Gefühl wieder da, dass dort unten am Ufer noch jemand gewesen war. Frau Maier war nicht mehr jung, ihr 60. Geburtstag war schon eine ganze Weile her. Aber wenn etwas perfekt funktionierte, dann waren das ihre Sinne. Und zwar alle. Sie sah, hörte, roch, fühlte und schmeckte, was andere gar nicht wahrnahmen. Und auch, wenn sie sich eine Szene im Nachhinein noch einmal in den Kopf zurückholte, dann waren die Bilder ganz klar, die Geräusche ganz deutlich und die Gerüche ganz intensiv.

Zügiger als es sonst ihre Art war ging Frau Maier den Uferweg entlang. Von ihrem Häuschen aus führte zunächst ein Stück Kiesweg durch einen kleinen Wald, danach wurde er zu einer geteerten Straße, die aber trotzdem nur für Fußgänger und Radfahrer benutzbar war. Autos gab es hier nicht. Bis ins Dorf brauchte Frau Maier zu Fuß knappe fünfzehn Minuten.

Der See lag zu ihrer Rechten. Selbst an einem Tag wie diesem, an dem sie es eilig hatte und ihr Kopf voller Gedanken war, schenkte Frau Maier dem See ihre Beachtung. Heute, an einem kalten Tag im Februar, sah er dunkel und trüb aus. Ein kalter Wind ließ Wellen ans Ufer rollen. Die Berge im Hintergrund waren ganz deutlich sichtbar und mit Schnee bedeckt. Vom ersten Tag an hatte der See Frau Maier in seinen Bann gezogen. Jeden Tag sieht er anders aus, hatte sie im ersten Jahr am See gedacht. Nach einigen Jahren hatte sie bemerkt, dass er fast jede Stunde anders aussah. Und mittlerweile wusste sie: In jedem Moment veränderte der große See seinen Ausdruck und sie konnte inzwischen jedes seiner vielen Gesichter lesen. Sie wusste, wann ein Sturm aufzog – lange, bevor an allen Dampferstegen ringsum die Sturmwarnungen losgingen. Sie wusste, wie warm oder kalt das Wasser war und ob die Sicht am nächsten Tag klar sein würde. Und sie wusste, wie die silbrigen Fische im See aussahen …

Frau Maier bog kurz vor dem Dampfersteg nach links ab und befand sich zwei Minuten später auf der Hauptstraße des Dorfes und eine Minute später am Eingang der Sparkasse.

Elfriede Gruber war da. Sie warf gerade einen Blick über die Schulter ihres Lehrlings, der Probleme beim Ausfüllen eines Antrages hatte. Als sich die Schiebetüren der Sparkasse öffneten, schaute sie auf. Ihr Blick begegnete dem von Frau Maier. Sofort erkannte sie den Ernst der Lage und bat Frau Maier ins Besprechungszimmer.

IV

Seit fast zehn Jahren schon hätte Frau Maier Elfriede Gruber jederzeit um Hilfe bitten können. Denn damals hatte sie Elfriedes Mann im Bett mit Nicole Weidner, der jungen Gemeinde-Angestellten, angetroffen. Frau Maier verdiente sich zu ihrer bescheidenen Rente als Putzfrau etwas dazu, und das Haus der Grubers war eine ihrer festen Stellen. Jeden Dienstag, von acht bis elf. An jenem Dienstag hatte Frau Maier ihre Jacke im Haus der Grubers vergessen. Das hatte sie bemerkt, als sie mit dem Putzen der Arztpraxis (von zwölf bis zwei) fertig war und leicht verschwitzt den Heimweg antreten wollte. Plötzlich fröstelte sie, und da fiel ihr eben das Fehlen der Strickjacke auf. Kurz hatte sie gezögert, aber sie konnte keine Erkältung riskieren. Eine Woche ohne Putzen bedeutete eine Woche ohne Geld.

Also ging sie zurück zum Haus der Grubers, holte den Schlüssel aus dem zweiten Blumenkasten am Fenster unten links und sperrte auf. Es war 14.22 Uhr. Sofort nahmen ihre feinen Ohren die Geräusche wahr, sofort richteten sich die Härchen auf ihren Armen auf, sofort wusste sie: Ich bin nicht alleine im Haus. Und da Frau Maier niemals Angst hatte, ging sie energisch die Treppe hinauf, um nach dem Rechten zu sehen. Sie hatte einen Einbrecher erwartet, oder Nachbars Katze, aber ganz bestimmt nicht Herrn Grubers nackten Hintern. Das Entsetzen im Gesicht von Nicole Weidner war fast lustig anzuschauen. Aber die Reaktion von Herrn Gruber war traurig. Hastig hüllte er sich in eine Decke, stolperte zu seiner Hose auf dem Boden, nahm sein Portemonnaie heraus, kramte hektisch hundert Euro heraus und hielt sie Frau Maier hin: „Für Ihre Loyalität, Sie verstehen schon, gell?“, sagte er lächelnd.

Was Frau Maier daran am allermeisten erboste, war, dass er sich dabei kein bisschen schämte und ganz selbstverständlich davon ausging, dass sie das Geld nehmen würde und das Problem damit beseitigt wäre. Mit eisiger Miene nahm sie das Geld, ging die Treppe herunter, holte sich ihre Strickjacke, legte die hundert Euro auf den Küchentisch und ging zur Sparkasse. Dort wartete sie geduldig, bis Elfriede Gruber um exakt 17.33 Uhr die Filiale absperrte. Sofort ging sie auf sie zu: „Ich muss mit Ihnen über etwas Persönliches sprechen. Ungestört.“

Nach einem kurzen Zögern bat Elfriede Gruber Frau Maier, sich mit ihr ins Auto zu setzen. Natürlich nahm sie an, es handle sich um eine persönliche Angelegenheit von Frau Maier. Sie war erstaunt. Seit acht Jahren putzte Frau Maier für sie und noch nie hatten sie ein persönliches Wort gewechselt. Im Auto sah Frau Maier sie an. Zum ersten Mal sahen sich die beiden Frauen direkt in die Augen und Elfriede war plötzlich beunruhigt. Frau Maiers Blick war ernst und forschend. „Ich war gerade noch einmal in Ihrem Haus, weil ich meine Strickjacke vergessen habe. Die Jacke war da. Aber auch die Nicole Weidner. Und sie lag mit Ihrem Mann im Bett.“ Elfriede sagte nichts. Gerne hätte sie empört ihren Mann verteidigt und die unverschämte Putzfrau entlassen und hochkant aus dem Auto geworfen. Es wäre so einfach gewesen. Aber Frau Maiers Blick schloss diese Reaktion aus: Elfriede wusste, dass Frau Maier die Wahrheit sagte. Nicole Weidner. 20 Jahre jünger als sie. Elfriedes Augen brannten und sie schämte sich plötzlich. Aber Frau Maier legte ihr einfach die Hand auf den Arm. Sanft, aber ohne zu zögern. So saßen die beiden Frauen, die Filialleiterin und ihre Putzfrau, mindestens zehn Minuten lang zusammen im Auto.

„Sie wissen, wo ich wohne“, sagte Frau Maier dann. Sie stieg aus und schloss die Autotür hinter sich. Dann knöpfte sie ihre Strickjacke zu und ging nach Hause. Seit diesem Tag wusste sie, dass sie Elfriede Gruber jederzeit um Hilfe bitten konnte.

V

Das Blaulicht der beiden Polizeiautos warf tanzende Punkte auf das Wasser. Dem besonderen Anlass entsprechend (eine Leiche gab es im Landkreis nicht alle Tage, eine nackte Leiche so gut wie nie) waren gleich zwei Streifenwagen gekommen und nicht nur die kleine Asphaltstraße, sondern auch den schmalen Kiesweg bis zum Fundort in Höchstgeschwindigkeit herangeprescht. Frau Maier hatte gewartet und ihnen den Weg gewiesen, dann war sie in ihr Haus gegangen. Eigentlich hätte sie erleichtert sein müssen: Jetzt hatten Profis die Sache in die Hand genommen. Sie hatte von der Sparkasse aus die Polizei und auch Inge Graf verständigt. Die stand jetzt in einem schwarzen Regenmantel am Ufer und war noch blasser als die Leiche ihrer Schwester.

Frau Maier saß am Küchentisch und trank Kaffee. Sie war nicht erleichtert. Sie war immer noch unruhig. Das leise Rascheln im Gebüsch hinter ihr, das kaum vernehmbare Knirschen des Kieses, dieses unbestimmte Gefühl von bohrenden Blicken in ihrem Rücken. Wer war da mit ihr am Fundort gewesen? Und wieso hatte wer auch immer da gewesen war sich nicht bemerkbar gemacht?

Seufzend griff sich Frau Maier ein Kochbuch vom Regal. Wenn ihr etwas gegen innere Unruhe helfen konnte, dann war es das Blättern in einem Kochbuch. Sie hatte unzählige Exemplare. Die meisten davon hatten ihrer Mutter gehört, andere hatte sie sich von ihrem wenigen ersparten Geld auf dem jährlichen Kauzinger Flohmarkt gekauft. Das Blättern darin bereitete ihr Vergnügen und beruhigte sie, denn die Welt des Kochens war ihr vertraut. Besonders Fischgerichte. „Saibling in Zitronensoße …“, murmelte Frau Maier leise und versuchte, sich wie sonst jedes einzelne Wort auf der Zunge zergehen zu lassen.

In diesem Moment klingelte es an der Haustür.

Frau Maiers Härchen an den Armen stellten sich auf. Nicht, weil es bei ihr so gut wie nie klingelte. Nein. Es war schlagartig wieder da, dieses eigenartige Gefühl der Unruhe.

Draußen standen ein Mann und eine Frau in Polizei-Uniform.

„Grüß Gott, Brandner Franz ist mein Name, ich bin der ermittelnde Kommissar und das ist meine Kollegin, die Klauser Cornelia, Polizeiobermeisterin. Dürfen wir kurz reinkommen?“ „Freilich“, sagte Frau Maier und führte die beiden in die Küche. „Einen Kaffee, vielleicht?“ „Nein, danke“, antwortete der Kommissar und Frau Maier bemerkte, dass er sehr ernst aussah. „Bitte setzen Sie sich, Frau Maier. Wir würden Sie gerne noch einmal über den genauen Ablauf des Fundes befragen.“

Frau Maier nickte.

„Um wie viel Uhr haben Sie die Leiche entdeckt?“

„Um Viertel nach zehn.“

„Warum waren Sie am See?“

„Warum nicht?“

„Bitte beantworten Sie meine Fragen, es ist wichtig.“

Leichte Irritation in der Stimme. Frau Maier seufzte. Aber der Polizei musste man auch auf dumme Fragen antworten, das wusste sie aus den Krimis, die sie sich häufig im Fernsehen anschaute.

„Ich gehe jeden Tag an den See. Ich mag die frische Luft. Und heute Morgen war ich im Garten und meine Katze ist zum See gelaufen. Da bin ich ihr nachgegangen.“

„Sie haben eine Katze?“

„Ja.“

Auch auf überflüssige Fragen musste man der Polizei antworten, auch das wusste Frau Maier. „Sie leben alleine hier? Sind Sie viel alleine?“

Musste man wohl auch auf eigenartige Fragen antworten? Frau Maier seufzte. Vermutlich schon.

„Ich wohne alleine hier. Mit meiner Katze.“

Der Polizist schien darüber kurz nachzudenken, dann wechselte er einen bedeutsamen Blick mit seiner Kollegin, woraufhin die eilfertig etwas in ihr Notizbuch kritzelte. Was war hier los? „Ähm, ja. Hm. Zurück zur Leiche. Beschreiben Sie doch bitte noch einmal, wie Sie sie gefunden haben.“

Obwohl Frau Maier all das schon am Telefon und dann noch einmal bei der Ankunft der Polizisten erzählt hatte, sagte sie geduldig:

„Zuerst habe ich nur eine Hand gesehen. Dann den Arm. Dann habe ich das Schilf beiseite geschoben … und da lag sie. Sie hatte nichts an. Ihre Augen waren offen.“

„Irgendwelche sichtbaren Wunden?“, unterbrach der Kommissar.

Frau Maier schüttelte den Kopf. „Sie hielt aber irgendetwas mit der Hand umklammert. Ein Stück Papier, glaube ich.“ Dieses Detail schien die Polizei nicht zu interessieren, denn der Kommissar ging nicht weiter darauf ein. Er setzte eine besonders wichtige Miene auf, bevor er seine nächste Frage stellte: „Und Sie sind der Ansicht, dass es sich bei der Frau um eine gewisse …“ Er blätterte in seinen Notizen.

„Anita Graf“, warf die Polizeiobermeisterin beflissen ein.

Der Kommissar schien solche Einmischungen nicht zu schätzen, denn er warf seiner jungen Kollegin einen mürrischen Blick zu und setzte seine Frage ohne ein Wort des Dankes fort.

„… Anita Graf handelt?“

„Nein.“ Frau Maier schüttelte kurz aber bestimmt den Kopf.

„Nein?“, wiederholte der Kommissar erstaunt.

„Nein. Ich bin nicht der Ansicht. Ich bin mir sicher“, sagte Frau Maier.

Daraufhin veränderte sich der Gesichtsausdruck des Polizisten. Von Erstaunen wechselte er einen kurzen Moment lang zu Mitleid und wurde dann zu … Ärger. Ärger? Ja, es war nicht zu übersehen: Die gerunzelte Stirn, der harte Zug um den Mund, der kalte Blick. Warum um Himmels willen aber sollte sich der Kommissar über sie ärgern? Frau Maier musste nicht lange auf die Antwort warten.

„Das ist ja alles gut und schön, Frau Maier“, sagte der Kommissar, und seine Stimme klang jetzt eindeutig kalt. „Aber wie erklären Sie uns, dass an dem von Ihnen so genau beschriebenen Fundort zwar Wasser ist, und Schilf – aber keine Leiche?“

Frau Maier glaubte, nicht richtig zu hören. Genauso gut hätte der Polizist ihr erzählen können, dass bereits ein rosaroter Elefant mit der Spurensicherung beschäftigt gewesen war, als sie am Tatort aufkreuzten, sie wäre nicht überraschter gewesen.

Viele hätten an ihrer Stelle jetzt die Fassung verloren. Nicht Frau Maier, die Ruhe in Person. „Natürlich ist dort eine Leiche“, sagte sie mit fester Stimme. „Zumindest war sie um Viertel nach zehn da.“

„Aha“, erwiderte Kommissar Brandner, und jetzt schlich sich leiser Spott in seine Stimme. „Und wie erklären Sie mir dann, dass keiner unserer Beamten auch nur den geringsten Hinweis auf die tote Frau dort entdecken konnte? Meine Leute haben jedes verdammte Schilfrohr einzeln umgedreht, Herrschaftszeiten! Und ein Stück Papier haben wir auch nicht gefunden!“ Der Kommissar wurde laut. Frau Maier sah ihn einige Sekunden lang wortlos an, dann erwiderte sie ohne die kleinste Unsicherheit in ihrer Stimme:

„Wenn die Leiche nicht mehr da war, dann wurde sie entfernt. Von der Strömung, von Menschen … vom Mörder vielleicht. Was weiß ich. Sie war jedenfalls da und es war die Anita Graf, das ist alles, was ich weiß.“

Von ihrem Gefühl, dass noch jemand am Tatort gewesen war, sagte sie nichts. Der Kommissar hatte bei ihr jede Sympathie und jedes Vertrauen verspielt. Endgültig und in dem Moment, in dem er den Spott hatte aufblitzen lassen.

Spott war ein rotes Tuch für Frau Maier. „Eene mene muu, du blöde Preißn-Kuh!“ klang es in ihrem Kopf. Aufgeregte, sich im Eifer des Gemeinseins fast überschlagende Kinderstimmen. Gelächter. „Zuagroaste müssen leider draußen bleiben!“ Spott und Häme, so dicht wie eine Wand. Und sie, das kleine Mädchen, das gerade in das Dorf am großen See gezogen war, stand immer vor dieser Wand. Davor. Aber nie dahinter.

Frau Maier tauchte aus ihren Gedanken auf und schüttelte sich wie die Katze, wenn sie auf der Jagd nach einem kleinen Fisch im Eifer des Gefechts von einem Stein aus ins seichte Seewasser gerutscht war. Sie war nur ein paar Sekunden lang in die Vergangenheit eingetaucht, aber ihr Schweigen und ihre scheinbare Passivität machten den Kommissar immer wütender.

„Wissen Sie, was ich glaube? Sie sind einfach zu viel alleine, haben eine lebhafte Phantasie und wollten endlich einmal Aufmerksamkeit bekommen! Aber so nicht, gute Frau, das sage ich Ihnen. So nicht. Das wird ein Nachspiel haben!“

Und mit diesen gewichtigen Worten hievte er seinen nicht weniger gewichtigen Bauch – Stammtisch im Brauhaus jeden Montag und Donnerstag, Kegeln mit viel Bier am Freitag – vom Küchenstuhl und verließ ohne Gruß das Haus. Die Polizeiobermeisterin sprang ebenfalls auf und eilte ihrem Chef nach. Doch an der Tür zögerte sie kurz, dann drehte sie sich um:

„Ich werde dafür sorgen, dass jemand vorbeikommt … dass Ihnen jemand … hilft. Unser Polizeipsychologe, der kennt sich aus mit so was. Der weiß bestimmt jemanden!“, flüsterte sie und drückte kurz Frau Maiers Hand. Frau Maier zuckte zurück. Dort, wo die Polizistin ihre Hand berührt hatte, schien ihre Haut zu brennen. Mitleid war für Frau Maier noch schlimmer als der ärgste Spott.

Zweites Kapitel Dienstag

I

Am nächsten Tag wachte Frau Maier sehr früh auf. Wie spät es wohl war? Es war Ende Februar, draußen war es stockdunkel. Ohne Licht und ohne Vogelgezwitscher konnte Frau Maier nur anhand ihrer inneren Uhr die Zeit schätzen. „Fünf Uhr zwanzig“, murmelte sie – nein! Sie horchte noch einmal genauer auf das innere Ticken – „Fünf Uhr fünfundzwanzig“ korrigierte sie dann. Ein Blick auf den altmodischen Wecker auf dem Nachttisch zeigte: 5.27 Uhr. Frau Maier seufzte zufrieden, dann stand sie auf und schlüpfte in ihre Hausschuhe.

Jeden Tag begann Frau Maier auf dieselbe Art und Weise: Sie zog sich ihren alten Frottee-Bademantel an und machte sich eine Tasse Kaffee. Den Kaffee trank sie dann am Küchentisch. Heiß, schwarz, genüsslich, mit halb geschlossenen Augen. Und dabei dachte Frau Maier nach. Über die Träume der Nacht, über Beobachtungen des vergangenen Tages, die über Nacht von einer unbestimmten Wahrnehmung zu einer konkreten Erinnerung geworden waren. Manchmal auch über die Vergangenheit, in letzter Zeit immer öfter. Heute dachte sie darüber nach, dass der Bademantel zu schrumpfen schien, denn er wurde immer enger. Er hatte ihrer Mutter gehört. Früher, als sie noch nicht Frau Maier gewesen war, sondern das kleine Mädchen am großen See, da hatte ihre Mutter sie manchmal mit diesem Bademantel zugedeckt. Damals war er ihr riesig vorgekommen.

Frau Maier nahm noch einen Schluck Kaffee. Heute Nacht würde sie es vielleicht wieder bereuen. Denn häufig fand sie keinen ruhigen und tiefen Schlaf. Eigentlich seltsam, wo sie doch tagsüber die Ruhe in Person war … Wenn sie dann wach lag und schwitzte, dann schwor sie sich jedes Mal: Ab morgen trinke ich Pfefferminztee. Und schon in diesem Moment wusste sie, dass sie am nächsten Morgen wieder zur Kaffeedose greifen würde. Zur abgegriffenen Kaffeedose vom Dallmayr in München. Die Dose war ein Schatz, auch wenn sie regelmäßig (relativ häufig) mit dem billigsten Kaffee nachgefüllt wurde, den Frau Maier im Kauzinger Supermarkt finden konnte. Und sie würde auch wieder, wie jeden Morgen, warten, bis die kleine Kaffeemaschine gurgelnd und schnaufend den letzten Tropfen Kaffee herausgepresst hatte. Mit jeder Minute breitete sich der Kaffeegeruch mehr in der kleinen Küche aus und mit jeder Minute wuchs Frau Maiers Vorfreude auf den ersten, heißen, belebenden Schluck. Nein, der Pfefferminztee würde wohl noch ein Weilchen warten müssen.

Frau Maiers Gedanken schlugen eine neue Richtung ein. Was hatte sie aufgeweckt, so früh am Morgen, in völliger Dunkelheit und in der Stille ihres einsamen Häuschens? War es ein Geräusch gewesen, das auch im Schlaf an ihre stets gespitzten Ohren gedrungen war? Oder vielleicht eine andere Wahrnehmung, die ihre allzeit bereiten Sinne, die auch nachts keine Pause einlegten, empfangen hatten? Ein Geruch vielleicht? Unwillkürlich legte Frau Maier den Kopf leicht in den Nacken und schnupperte in die Luft. Wie ein Tier, das eine Witterung aufnimmt. Aber da war nichts. Außer … Vielleicht war da wieder dieses Gefühl, dieses Unbehagen, diese Härchen, die sich an den Armen aufrichteten. War sie wieder nicht alleine? War da nicht doch ein leises Geräusch vor dem Haus zu hören? Ein Rascheln, ein Tapsen? Langsam stand Frau Maier auf und ging zur Tür. Kurz ließ sie den Blick zum Schürhaken am Kamin schweifen, rief sich aber sofort zur Ordnung: „Jetzt spinnst aber a bissl!“, schimpfte sie sich leise und machte beherzt die Tür auf.

Der Garten war leer. Rechts auf der kleinen Veranda aus Holz saß die Katze und putzte sich die Pfoten. Natürlich! Wie hatte sie so dumm sein können, das leise Geräusch nicht als Katzentatzen zu erkennen! Frau Maier schüttelte den Kopf. Die Leiche hatte ihr wohl doch mehr zugesetzt, als sie sich hatte eingestehen wollen. Sie ging zurück zur Tür und warf einen letzten, beruhigten Blick in den Garten. Und erstarrte. Plötzlich spürte sie die frostige Kälte des Februarmorgens bis in jeden einzelnen ihrer Knochen hinein.

Das Gartentor, das zum kleinen Weg hinaus führte, stand nicht nur offen. Nein, es war aus seinen Angeln gehoben und fein säuberlich gegen den Gartenzaun gelehnt worden. So etwas kann nur ein Mensch, war Frau Maiers erster Gedanke. Das muss nichts bedeuten, war der zweite. Es bedeutet aber auf jeden Fall etwas: Jemand war mitten in der Nacht in meinem Garten. Und er wollte, dass ich es weiß. Und dieser dritte Gedanke blieb für den Rest des Tages wie eine dunkle Wolke, die sich einfach nicht vertreiben lassen wollte, über ihr hängen.

II

Es war acht nach elf, als es klingelte.

„Herrschaft, was ist denn los?“, seufzte Frau Maier. „Erst klingelt wochenlang niemand, dann jeden Tag irgendjemand.“

Vor der Tür stand ein junger Mann. Blondes, etwas dünnes und zu langes Haar. Keine Zeit für den Friseur, nein, kein Interesse. Unmodische Brille, blaue Augen, harmloser Blick. Jeans, Jeansjacke, Verlegenheit aus jeder Pore. All das erfasste Frau Maier in einer Sekunde, bevor sie freundlich sagte: „Grüß Gott. Wollen Sie zu mir?“

„Frau Maier? Ja, genau. Ja. Guten Morgen!“

Spätaufsteher, dachte Frau Maier. Jemand, für den es um elf Uhr noch am Morgen ist, der steht nicht gerne früh auf.

„Ich … äh … darf ich reinkommen?“, fragte der Fremde vor der Tür.

„Sie dürfen natürlich hereinkommen, ich wüsste nur gerne zuerst, wer Sie eigentlich sind“, erwiderte Frau Maier, immer noch sehr freundlich.

Sie bemühte sich Fremden gegenüber immer um Freundlichkeit, denn was Unfreundlichkeit Fremden gegenüber bedeutete, das wusste sie ganz genau. Dass sie den jungen Mann fragte, wer er war, das hatte auch nichts mit Vorsicht zu tun. Vor diesem harmlosen Burschen musste sich keine Fliege in Acht nehmen. Sie hatte ihn lediglich aus Prinzip gefragt, denn sie fand, dass man sich vorstellen musste.

Auch der junge Mann bemerkte, dass er sich unhöflich verhalten hatte.

„Entschuldigung, ja natürlich. Also ich bin … äh

… also ich heiße Frank Schön und ich bin …“ Er fasste sich ein Herz. „Ich bin Psychologe. Die Polizei schickt mich.“

III

Weil so selten jemand außer ihr das kleine Haus am See betrat, sah Frau Maier es jetzt plötzlich mit den Augen ihres Besuchers. Was sah Frank Schön? Von außen wirkte das Haus gemütlich mit der Holzvertäfelung, den grünen Fensterläden, der kleinen Veranda, den ordentlichen Stapeln aus Brennholz, die sich im Schutz des Veranda-Vorsprungs an die Wand schmiegten. Sein Ziegeldach hatte sich das Haus wie eine rote Mütze bis tief in die Stirn gezogen. Es bot Schutz vor der Kälte und dem Wind, der manchmal vom See heraufbrauste. Oben gab es ein Gaubenfenster und zur Eingangstür führten ein paar Treppenstufen.

Das Haus war klein. Unten gab es eine schmale Diele, die Küche, das Wohnzimmer, die Vorratskammer. Oben, hinter dem Gaubenfenster, lag das Schlafzimmer, daneben das Badezimmer, die Toilette. Darüber kam schon das Dach mit einem Speicherraum, in dem sich im Schutz der roten Ziegelmütze die Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend unter einer Staubschicht zu verstecken versuchten. Kein Keller: zu nah am See. Jedes Mal, wenn der Wasserpegel anstieg, würde ein Keller sofort überflutet werden. Deshalb hatten die alten Kauzinger Häuser in Seenähe einfach keinen.

Innen war Frau Maiers Haus vor allem eines: ordentlich. Langsam ging Frank Schön durch den schmalen Flur, vorbei an einem Schuhregal mit nur vier Paar Schuhen – Stiefel, Gummistiefel, feste Halbschuhe und flache Sandalen – und einem Kleiderständer.

„Rechts geht es ins Wohnzimmer“, sagte Frau Maier. Frank Schön schaute sich um: ein Sofa mit einer großen Patchwork-Überdecke, ein alter grüner Cordsessel, eine Vitrine mit Porzellan-Geschirr, ein Bücherregal, ein Kamin, in dem sauber gestapeltes Holz lag, ein großes Fenster. Auf dem Fensterbrett saß eine schwarze Katze. Sie leckte hoch konzentriert ihre rechte Vorderpfote. Da die Pfote weiß war, sah es so aus, als hätte sich die Katze gerade die schwarze Farbe abgeleckt. Die Konzentration war übrigens nur vorgetäuscht, denn natürlich hatte die Katze den Fremden sofort bemerkt. Sie warf ihm aus zusammengekniffenen Augen einen skeptischen Blick zu und verschwand unter dem Sofa.

„Setzen Sie sich doch“, sagte Frau Maier. „Kaffee?“

„Oh, das ist … ja gerne!“, antwortete der Psychologe. Während Frau Maier den Kaffee holte, ließ er sich vorsichtig aufs Sofa sinken. Katzen waren ihm nicht geheuer. Er versuchte, die Beine möglichst außer Krallenweite vom Sofa weg zu strecken und sah sich weiter um. Ein uralter und winziger Röhrenfernseher stand da. Ein Radio, das so aussah, als hätte es noch Beatles-Konzerte live übertragen, thronte auf dem Tischchen neben dem Regal. Ein Blumentopf zierte den Sofatisch. Alles sehr gemütlich, alles sehr ordentlich. Erster Eindruck: Patientin (?) hat ihren häuslichen Alltag im Griff notierte er sich im Kopf. Frau Maier kam wieder. Frank Schön zuckte zusammen. Er fühlte sich ertappt – so, als könne die nette, alte, rundliche Dame hier vor ihm Gedanken lesen. Sie goss Kaffee ein und setzte sich neben ihn. Dann sah sie ihn aus ihren freundlichen grünen Augen fragend an.

„Frau Maier … äh … wie geht es Ihnen?“, fragte Frank Schön und rutschte einen Zentimeter zur Seite.

Aha, dachte Frau Maier. So ist das also: Einer, der sich beim Stellen der banalsten Frage schon unwohl fühlt, der ist Psychologe.

„Gut, danke, und Ihnen?“, erwiderte sie höflich. Das schien ihren Gesprächspartner vollends aus der Bahn zu werfen.

„Mir? Ja. Mir. Gut, denke ich. Ja. Danke.“

Oho, dachte Frau Maier. So ist das also. Eine Gegenfrage, die kann ein Psychologe erst recht nicht verkraften. Und sie wunderte sich.

Ein paar Sekunden lang herrschte Stille. Dann seufzte Frau Maier und beschloss, dem armen, harmlosen jungen Mann zu helfen. Gerade als sie den Mund aufmachen und das Gespräch irgendwie fortsetzen wollte, bemerkte sie eine Veränderung auf dem Gesicht des Psychologen. Kleine Lachfalten breiteten sich um seine Augen herum aus, sein Gesicht entspannte sich, seine Mundwinkel zuckten leicht.

„Sie mögen Elvis?“, fragte er dann.

Frau Maiers Blick folgte seinem zum Bücherregal. Dort stand in einem Extra-Fach ein großes, gerahmtes Elvisporträt (1950er Jahre, in Soldatenuniform), geschmückt mit einem Hawaii-Blumenkranz.

„Ich liebe ihn!“, sagte sie ernst. Und das war keine Übertreibung. Elvis war in Frau Maiers Leben die größte Liebe. Nein, die zweitgrößte … aber daran durfte sie jetzt nicht denken.

„Ich auch“, sagte Frank Schön, ebenfalls ernst. Dann fügte er schnell hinzu, so als würde er die unangenehme Frage in Elvis-Watte verpackt auf den Weg schicken wollen:

„Frau Maier, erinnern Sie sich an die letzten Tage?“

Frau Maier legte den Kopf leicht schief und sah den Psychologen an. Meine Güte, dachte sie. Er kapiert wirklich nichts!

„Natürlich erinnere ich mich“, erwiderte sie gelassen. „Ich erinnere mich an alles! Mein Gedächtnis ist sehr gut, wissen Sie. Schon immer. Sie hätten mal sehen sollen, wie ich in der Dorfschule Gedichte aufgesagt habe.“

Frank Schön sagte nichts. Dann: „Tja, wissen Sie, Sie haben da wohl für ein wenig Unruhe gesorgt, als Sie erzählt haben, Sie hätten eine Leiche gesehen … Der Brandner ist sauer.“

Frau Maier seufzte. „Die Leiche war da. Und ich habe sie sogar erkannt. Mehr kann ich nicht dazu sagen.“ Sie hatte resigniert. Gab es denn nur Nieten unter Polizisten und Psychologen? Alle, die mit P anfangen, vielleicht, überlegte sie. Polizisten, Psychologen … Politiker, Pfarrer! Die Theorie schien tatsächlich zu stimmen.

„Ich glaube Ihnen“, drang da Frank Schöns ruhige Stimme durch ihre Gedanken in ihr Gehirn vor. Frau Maier erschrak fast, so erstaunt war sie.

„Wie bitte?“

„Ich glaube Ihnen“, wiederholte der Psychologe, dieses Mal eine Spur eindringlicher. „Sie reden keinen Blödsinn, das merkt man. Ich glaube Ihnen und ich werden Ihnen helfen.“

Vor lauter Überraschung verschlug es Frau Maier fast die Sprache. Das passierte so gut wie nie. Nur, wenn Elvis Are you Lonesome Tonight ? sang, konnte es vorkommen.

„Wie wollen Sie mir denn helfen?“

„Naja“, sagte Frank Schön und stand auf. „Erst einmal, indem ich den Brandner und die Polizei beruhige und denen versichere, dass Sie bei klarem Verstand sind und man vielleicht doch noch weiter nach der Leiche suchen sollte. Ich weiß nicht, ob es etwas bringt – aber es schadet Ihnen bestimmt auch nichts, mich auf Ihrer Seite zu haben. Und wir können eine Anzeige wegen Vortäuschens einer Straftat verhindern oder wenigstens verzögern.“

Er streckte ihr seine Visitenkarte hin. „Sie können mich anrufen, wenn Sie mich brauchen.“ DR. FRANK SCHÖN, Leiter der Klinischen Psychologie im Kreiskrankenhaus, Sachverständiger der Polizei stand darauf. Und eine Telefonnummer.

„Mein Handy. Da erreichen Sie mich immer. Danke für den Kaffee, alles Gute“, sagte er im Hinausgehen. Frau Maier war von der plötzlichen Wende des Gesprächs immer noch so erstaunt, dass sie kaum einen Gruß zustande brachte. Sie sagte Dr. Frank Schön auch nicht, dass sie ihn nicht immer erreichen konnte, weil sie kein Telefon hatte.

In der Tür drehte sich der Psychologe plötzlich noch einmal um: „Ein bisschen Menschenkenntnis habe ich nämlich schon, auch wenn Sie’s mir nicht zutrauen.“ Und er grinste – ein Grinsen, so frech und fröhlich, wie sie es ihm in hundert Jahren nicht zugetraut hätte. Langsam und verdattert machte Frau Maier die Tür zu. Dann schämte sie sich ein bisschen. Aber nicht allzu lange.

IV

Um zwanzig nach drei klingelte es wieder. Frau Maier wunderte sich schon fast nicht mehr. Sie kochte gerade eine Fischsuppe.

Vor der Tür stand Elfriede Gruber. Darüber wiederum wunderte sich Frau Maier jetzt doch, denn Elfriede Gruber hatte sie noch nie privat besucht. Vor fast zehn Jahren hatte Frau Maier im Auto zu ihr gesagt: „Sie wissen, wo ich wohne.“ Seitdem hatte Elfriede Gruber aber noch nie Gebrauch von diesem Wissen gemacht. Bis heute. Es konnte kein geschäftlicher Besuch sein, denn Frau Maier putzte schon lange nicht mehr für sie. Nach der leidigen Geschichte mit der Weidner Nicole war Elfriede aus dem Haus ihres Mannes ausgezogen und bewohnte jetzt eine Zweizimmerwohnung. Die putzte sie selbst.

„Ich habe uns Kuchen mitgebracht“, sagte Elfriede und versuchte, fröhlich zu klingen, aber es gelang ihr nicht. Sie klang angespannt und besorgt.

Frau Maier führte sie in die Küche, wo die Suppe brodelte und duftete und packte den Bienenstich auf zwei Teller. Dann setzte sie in aller Ruhe einen Kaffee auf. Erst, als alles fertig war, setzte sie sich gegenüber von Elfriede an den Tisch und fragte: „Was ist los?“

Elfriede griff in ihre Handtasche und holte wortlos die Zeitung heraus. Die große Titelzeile lautete: Verwirrte Oma narrt die Polizei.

„Ich habe mir einfach Sorgen gemacht“, sagte sie.

„Dass ich verwirrt bin?“, fragte Frau Maier und es gelang ihr nicht, die Schärfe aus der Frage herauszuhalten.

„Nein, natürlich nicht. Dass Sie Ärger bekommen oder dass Sie sich diese dummen Schlagzeilen zu Herzen nehmen. Ehrlich. Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass Sie die Wahrheit sagen.“ Sie legte Frau Maier die Hand auf den Arm. So wie damals im Auto, nur umgekehrt. Und Frau Maier wusste, dass sie die Wahrheit sagte.

„Danke“, sagte sie und legte ganz kurz ihre Hand auf die von Elfriede, die noch immer auf ihrem Arm lag.

„Und es gibt noch etwas, was ich Ihnen sagen wollte“, fuhr Elfriede fort. „Es ist tatsächlich so, dass die Anita seit vorgestern verschwunden ist.“

„Das überrascht mich nicht“, erwiderte Frau Maier lakonisch. Dann seufzte sie. „Ich wüsste nicht, wie die Anita von dort, wo sie jetzt ist, noch einmal heimkommen sollte.“

„Ja, ich weiß. Aber die Inge ist jetzt ganz aufgelöst. Sie war erst wütend auf Sie, dass Sie ihr so einen Schrecken eingejagt haben. Aber mittlerweile hat sie große Angst, dass Sie Recht haben.

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