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Forschen

Martin Gertler

Forschen

Grundlagen und Tipps für wissenschaftliche Arbeiten





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vorwort

Wie es für das Autofahren bekanntlich nicht hinreichend ist, die Bedienung der Blinker und Schaltung und Lenkung des Fahrzeugs zu kennen, um mit diesem Einzelwissen ein Ziel ansteuern zu können, ist es auch mit dem Forschen: Erst wenn das Ziel klar ist, nämlich mit Hilfe einer wissenschaftlichen Vorgehensweise untersuchend einer Problemlösung näher zu kommen, entsteht das Verständnis für den passenden Weg und die dazu benötigten Instrumente. Diese Instrumente sortieren sich wie von selbst im Verlauf des Weges das ist beim Forschen nicht anders als beim Autofahren.

Diese Einführung in die Grundlagen des Forschens und die Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens unterscheidet sich von den anderen Einführungen in das wissenschaftliche Arbeiten vor allem dadurch, dass hier die Notwendigkeit einer zielführend angelegten Forschungsfrage unterstrichen und deren Entwicklung vermittelt wird. Die zentrale Botschaft lautet: "Kein Forschen ohne Forschungsfrage"

Auch Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn, San Francisco, verwies bei der Frage, auf welche Weise man die Wissenschaftsausbildung verbessern könne, auf die entscheidende Bedeutung einer das Forschungsprojekt leitenden Frage: "real science happens when you're really immersed in a question" (Blackburn 2013) – echtes Forschen geschieht, wenn man in eine Frage wirklich eingetaucht ist. 

Das E-Book erscheint in der Schriftenreihe zur humanistischen Kommunikationsforschung, weil hier auch Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlern – Absolventen und Studierenden – zur Publikation gelangen. Sie mag ihnen und darüber hinaus allen sonstigen Interessierten zur Orientierung dienen. Diese Zusammenstellung soll für viele Studierenden eine hilfreiche Ergänzung zu den Standard-Einführungen sein, von Balzert u. a.: Wissenschaftliches Arbeiten; Rossig: Wissenschaftliche Arbeiten; und Bortz / Döring: Forschungsmethoden und Evaluation.

Das E-Book bietet für das Studium pro Kapitel kurze Arbeitsfragen an und ist auch als ergänzendes Skript in Einführungs-, Auffrischungs- und Vertiefungskursen nutzbar. Ausgangspunkt ist dabei, dass es sich bei hochschulischen Hausarbeiten, Projektarbeiten, Abschlussarbeiten und Dissertationen um tatsächliche Forschungsleistungen handeln muss. Für nicht forschende, eher deskriptiv oder konzeptionell angelegte Studienleistungen werden im hochschulischen Bereich üblicherweise andere passende Prüfungsformen wie z. B. „Referat“ zugewiesen.

Darüber hinaus mag dieses E-Book die Teilnehmer meines kostenlosen Online-Grundkurses zum wissenschaftlichen Arbeiten unterstützen, den jede/r Interessierte online nutzen kann und in dem ich u. a. in ausführlichen Videolektionen in das wissenschaftliche Arbeiten einführe. 

Zum Onlinekurs

Facebook-Mitglieder sind zudem herzlich willkommen auf der zugehörigen Facebook-Seite "Onlinekurs: Wissenschaftliches Arbeiten". 

Viele Hinweise in diesem Buch ergaben sich aus meiner langjährigen Arbeit mit den Studierenden an der RFH Köln und den Doktoranden an der UvH Utrecht, sowie aus den Hinweisen der zahlreichen Nutzer meiner "FAQ zum wissenschaftlichen Arbeiten". 

Zu den FAQ

Herzlichen Dank allen, die dazu beigetragen haben, dass diese Zusammenstellung möglich geworden ist!

Köln, im September 2013

Martin Gertler

 

Hinweis zur 2. Auflage (Januar 2014)

Es wurden Korrekturen und Ergänzungen in Kap. 11 (Wissenschaftlich schreiben) und Kap. 13 (Forschen als Studienziel) eingearbeitet und es wurde ein neues Kap. 14 (Voraussetzungen für den Studienabschluss) erstellt.

Hinweis zur 3. Auflage (März 2014)

Es wurde ein neues Kap. 9 (Hypothesen) eingefügt und das letzte Kapitel wurde ergänzt.

Hinweis zur 4. Auflage (Juni 2014)

Es wurden ein neues Kap. 7 (Ergebnisoffen ansetzen) und ein neues Kap. 15 (Den akademischen Grad richtig führen) eingefügt.

Hinweis zur 5. Auflage (Oktober 2015)

Kap. 10 (Umgang mit Quellen), Kap. 11 (Wissenschaftlich schreiben) und Kap. 14 (Voraussetzungen für den Studienabschluss) wurden erweitert und vertieft.

Hinweis zur 6. Auflage (März 2016)

Kap. 1, 3, 4 und 5 wurden aktualisiert, erweitert und vertieft.

1. Merkmale der Wissenschaftlichkeit

Wer Wissenschaft betreibt, sucht eine neue Erkenntnis, die ihm bislang fehlt. Damit ist Wissenschaft eine zielorientierte Aktivität. Forschung, so der Wissenschaftsrat, sei eine „Praxis eigener Art, eine Erkenntnispraxis, die zuerst der Logik der Wahrheitssuche folgt“ (vgl. Wissenschaftsrat 2011: 11).

Ein Wissenschaftler strebt danach, Ergebnisse zu erhalten, die seine zuvor gut definierte Fragestellung ehrlich beantworten bzw. zuvor nachvollziehbar analysierte Probleme lösen helfen. Dies tut er aber nicht, ohne zuerst einmal sorgfältig geprüft zu haben, welche bisherigen Antworten oder Lösungsangebote es bereits zu seiner Fragestellung gibt; und diese bisherigen Wissensbestände bringt er auf jeden Fall in seine Untersuchung ein. Sollten diese Bestände bereits für das Erkenntnisziel hinreichend sein, wird man das Forschungsvorhaben als nicht notwendig betrachten und es abbrechen.

Insgesamt ist es daher stets notwendig, sich zu Beginn über den bereits gegebenen, aktuellen Stand der Wissenschaft zur konkreten Fragestellung zu informieren und auch möglicherweise bereits vorhandene Gegenpositionen zur eigenen Lösungsidee zu berücksichtigen.

Das Erkenntnisziel vor Augen

So gehört das Sammeln von Informationen für jedes wissenschaftliche Vorhaben dazu, auch das Strukturieren und Operationalisierbar-Machen von vorhandenen Daten und Kenntnissen. Eine solche Zusammenstellung allein wird aber heutzutage nicht mehr als hinreichend für ein Forschungsprojekt betrachtet, auch wenn sie im Zuge eines Forschungsvorhabens notwendig ist – ein Forschungsvorhaben braucht ein nutzbringendes Erkenntnisziel.

Ein solches Ziel kann in einer Hypothesenbildung, einer Theorieskizze oder in der Überprüfung von Hypothesen bzw. Theorien mit Blick auf ihre Anwendbarkeit münden. So entstehen Entwürfe oder sogar Konzepte und Strategien für ihre Umsetzung.

Wissenschaftliches Arbeiten meint forschendes Arbeiten

Insofern sei hier der an manchen Hochschulen vorzufindenden Praxis widersprochen, eine wissenschaftliche Arbeit könne ggf. „nach wissenschaftlichen Qualitätskriterien erstellt werden, aber keinen substantiellen Beitrag zur Forschung leisten“ (Balzert u. a. 2011: 54). Diese Möglichkeit schließen die Verfasser allerdings wenig später selbst aus, indem sie festhalten, dass ohne Relevanz für die eigene Wissenschaftsdisziplin eine Fragestellung nicht im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit be­­ar­beitet werden solle (vgl. Balzert u. a. 2011: 63; vgl. auch das dortige wissenschaftliche Qualitätskriterium „Relevanz“: 32 ff.).

Auch der Wissenschaftsrat unterstreicht, dass sich gute Forschung durch Relevanz auszeichne (vgl. Wissenschaftsrat 2011: 11), wobei von Relevanz in der Wissenschaft nur dann die Rede ist, wenn tatsächlich ein Forschungsbeitrag geschaffen wird.

Aus langjähriger hochschulischer Erfahrung lässt sich festhalten, dass jede wissenschaftliche Arbeit stets eine klare Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsfrage benötigt, um ein Ergebnis erreichen zu können, ansonsten entsteht keine wissenschaftliche Arbeit.

Wissenschaftlichkeit wird hier nicht als reduziert auf Formales – wie Gliederung, Zitierungen, Verzeichnisse etc. – verstanden. Und da jeder Forschende gehalten ist, die vorhandenen Erkenntnisse des eigenen Wissenschaftsgebiets einzubringen, fügt er dort seine neue Erkenntnis hinzu und leistet somit einen Forschungsbeitrag, wie hoch oder gering der auch immer von anderen eingeschätzt werden mag.

Interdisziplinäres Arbeiten

Wenn die Methoden der eigenen Disziplin nicht ausreichen, gehen Wissenschaftler auch über diese ihre Grenzen hinaus und forschen interdisziplinär. Sie bauen im Verlauf ihres Vorhabens Phasen ein, in denen sie Instrumente anderer fachlichen Disziplinen nutzbringend einsetzen.

So werden empirische Methoden der Sozialwissenschaft häufig auch von anderen Disziplinen eingesetzt, um die jeweilige Hypothesen- oder Theoriebildung damit zu untermauern oder die Alltagstauglichkeit und Gültigkeit einer These zu überprüfen.

Wissenschaft erfordert Dialog

Somit arbeitet ein Wissenschaftler stets mit vorhandener Literatur und oftmals im Austausch mit anderen Forschern, gar aus anderen Disziplinen. An Hochschulen und in anderen Forschungseinrichtungen bestehen zudem in der Regel Betreuungsrelationen oder auch konkrete Zusammenarbeitsphasen mit anderen Forschern.

Spätestens bei der Publikation von Ergebnissen, häufig auch bereits bei Zwischenergebnissen tritt der Forschende in den Dialog mit anderen ein, es gibt Feedback und Korrekturhinweise. Daher ist es notwendig, von vornherein auf diese fachliche Kommunikation eingestellt zu sein und alles, was schriftlich verfasst wird, so anzulegen, dass es für andere gut nachvollziehbar sowie überprüfbar ist.

Mit einer solchen dialogischen Haltung sorgt ein Forschender dafür, dass er nicht nur für seine eigenen Zwecke eine im definierten Kontext nützliche Lösung erarbeiten kann, sondern dass er gleichermaßen allen anderen seine Vorgehensweise und Ergebnisse samt Methodenanwendungen transparent und somit nützlich macht.

Forschung und Entwicklung

Dieser Nutzen aus neuen, forschend gewonnenen Erkenntnissen wird oftmals als Grundlage für die Anwendung im Bereich der Entwicklung eingebracht; auch können aus der Entwicklung neue Forschungsthemen entstehen (vgl. Balzert u. a. 2011: 49 f.).

Insofern bezeichnen die mitunter typischerweise in Unternehmen anzutreffenden Bereiche „F+E“ oftmals das Zusammenspiel zwischen angewandten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten.

Konzeptionelles Modell

Bei empirischen Forschungsvorhaben ist die grafische Realisierung eines konzeptionellen Modells („conceptual model“) hilfreich, an dem aufzuspürende Zusammenhänge oder gar Abhängigkeiten zwischen Variablen sichtbar gemacht und erläutert werden können.

Das nachstehende Beispiel visualisiert Verbindungen, die mit Hilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse von Zuschauerbriefen untersucht wurden. Dabei handelte es sich um Rezipienten der regelmäßigen Gottesdienstübertragungen im Fernsehen (ZDF).

 

Abb. 1: Konzeptionelles Modell

(Gertler 1998: 169)

So beschrieb dieses konzeptionelle Modell, das nur Verbindungslinien aufzeigt, aber lediglich Zusammenhänge (Korrelationen), nicht jedoch Wirkweisen (vgl. Gertler 1998: 169).

Primäre oder sekundäre Forschungsweise?

Bei einem Forschungsvorhaben stellt sich oftmals die Frage, ob und wie es möglich ist, selbst zu zählen, zu messen, also Daten direkt zu erheben und sie statistisch auszuwerten. Ist das der Fall und geht jemand wie im eben beschriebenen Beispiel mit einer quantitativen Inhaltsanalyse vor, handelt es sich um Primärforschung oder um eine Primärerhebung.

Oftmals können aber nur bereits bestehende Daten und Ergebnisse Dritter übernommen werden – die Einschaltquoten des Fernsehens oder Mediaanalysen beispielsweise kann nicht jedermann selbst erheben. Auch könnten nachfolgende Untersuchungen zu den zuvor erwähnten ZDF-Gottesdienstübertragungen auf die Ergebnisse der quantitativen Inhaltsanalyse zurückgreifen, ohne sie selbst erhoben zu haben. In allen solchen Fällen handelt es sich somit um Sekundärforschung.

Diese Einteilung in Primär- und Sekundärforschung beinhaltet also keine Wertung, sondern dient allein der Klarstellung der Vorgehensweise. So generiert jede Untersuchung, die mit den Daten Dritter arbeitet, auf ihre Weise eine neue Eigenschöpfung, sie gelangt zu neuen Ergebnissen und sorgt dadurch für eine neue Quelle, die für nachfolgende Untersuchungen nutzbar wird.

Wann kann nun also von wissenschaftlichem Arbeiten die Rede sein?

Nun, auf jeden Fall nur dann, wenn jemand mit Wissenschaft neues Wissen schafft.

Für manche Ohren klingt das vielleicht wie ein Kalauer. Hier sei aber tatsächlich als Grundsatz festgehalten: Nur wenn wir – auf Basis von vorhandenem Wissen und mit der Erkenntnis, dass dieses Vorhandene für das konkrete Problem noch nicht hinreichend ist – mit dem Ziel starten, forschend das benötigte neue Wissen zu generieren, dann arbeiten wir wissenschaftlich.

Arbeitsfragen:

  1. Wie verstehe ich nun „Wissenschaft“?
  2. Welche Rolle könnte „Interdisziplinarität“ bei meinem Vorhaben spielen?
  3. Wie könnte mein eigenes „konzeptionelles Modell“ aussehen?

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