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Fluch der Engel

Impressum

ISBN 978-3-8412-0656-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung zweier Bilder von © Yolande de Kort/trevillion images und Hans Doddema/iStockphoto

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Euer Hass ist intensiv,
eure Art zu töten grausam und unerbittlich,
doch die Liebe, die ihr empfindet,
ist vollkommen.

Für Raffael
und alle, die uns am Herzen liegen.

Kapitel 1
Geburtsstunde einer Lüge

Bestimmt schon zum zwanzigsten Mal warf ich einen Blick zurück, nur um sicherzugehen, dass ich auch wirklich nicht verfolgt wurde. Aron, mein Tutor, wäre wieder in seinen Bodyguard-Modus verfallen, wenn er gewusst hätte, wohin ich unterwegs war. Und Christopher? Er wäre ausgerastet, hätte sich in seine zumindest für mich so wunderschöne Racheengelgestalt verwandelt und mir mit seinen leuchtenden Engelschwingen den Weg versperrt – vielleicht auch mit seinem Schwert, was ich dann vermutlich weniger schön gefunden hätte. Aber ihn einweihen und von dem Brief erzählen ging nicht – zumindest vorerst nicht.

Ein Schatten huschte an der gegenüber dem Kanal liegenden Hauswand vorbei. Schnell verdrückte ich mich in der nächstbesten Nische. Eigentlich völliger Quatsch. Mit dem schwarzen Casanova-Umhang und der weißen Pestmaske würde mich sowieso niemand erkennen. Und meine langen, dunklen Haare hatte ich vorsorglich unter den dreieckigen Hut gestopft, der sozusagen zur Standardausrüstung gehörte. Auch hier, im verborgenen Venedig, der Metropole der Engel, war Karneval.

Lautlos glitt die schwarze Gondel an meinem Versteck vorüber. Nur das Eintauchen des Ruders war zu hören und das sanfte Plätschern der Wellen, die gegen die Kaimauer schlugen, während das Boot hinter der nächsten Kanalbiegung verschwand. Der Engel, der die Gondel steuerte, hatte mich nicht entdeckt – und offenbar auch nicht nach mir gesucht. Sonst wäre er langsamer gefahren. Obwohl es an sich schon eigenartig war, dass ein Engel das oberirdische Kanalsystem benutzte – schließlich konnten Engel fliegen – die meisten zumindest. Ich schaffte bislang nur einen Gleitflug inklusive Bruchlandung. Aber ich war ja auch kein normaler Engel, dem das Fliegen im Blut lag. Ich war dabei, ein Racheengel zu werden – zumindest versuchte ich das. Immerhin hatte ich vor ein paar Tagen die erste Bewährungsprobe bestanden. Trotz Fallstricken und Hinterhalten. Dass ich ausgerechnet zu einem Treffen mit demjenigen unterwegs war, der meine Prüfung sabotiert hatte, schien irgendwie zu einer unliebsamen Gewohnheit zu werden. Aber hatte ich eine andere Wahl? Nein. Nicht, wenn es um meinen ältesten und treuesten Freund ging: Philippe.

Um sicherzugehen, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen hatte – mein Orientierungssinn war nicht der allerbeste –, kramte ich noch einmal den Brief hervor, den Lucia, Philippes Scheinfreundin, mir gestern bei meinem Bummel auf dem Canal-Grande-Boulevard zugesteckt hatte. Natürlich war sie verkleidet gewesen. Ich hatte sie dennoch erkannt: an der Art, wie sie lief, an ihren gepflegten Händen, aber vor allem an ihren Augen. Anders als bei mir war das Braun bei ihr nicht dunkel, sondern honigfarben und trotz der hellen Färbung eisig kalt, sobald sie mich ansah.

Wie jedes Mal, wenn ich den Brief auffaltete, begannen meine Hände zu zittern. Ich riss mich zusammen. Racheengel sollten taff und keine Weicheier sein. Trotzdem zitterten sie weiter, während ich las.

Teuerste Lynn,

meinen Glückwunsch. Du hast die Prüfungen besser gemeistert, als ich das von dir erwartet hätte. Und auch wenn der Rat der Engel zu meinem Bedauern beschlossen hat, dich weiterhin in Arons Obhut zu belassen, ist es an der Zeit, dass du deinen Teil des Pakts einlöst, da ich meinen bereits erfüllt habe. Schließlich war ich derjenige, der dir den Weg ins Schloss der Engel ermöglicht hat.

Deine beiden Bewacher werden vor Beginn des Lichtmeerfestes beschäftigt sein. Eine Gondel wird dich, eine Stunde nachdem sie das Haus verlassen haben, abholen. Wo, findest du auf der Karte. Und sei pünktlich.

Obwohl ein weiterer Flüsterer mir immer willkommen ist, scheint Philippe der Benebelungstrank nicht besonders gut zu bekommen.

Und komm allein, sonst kann ich nicht für deine Sicherheit garantieren.

Sanctifer, Mitglied des Rats der Engel

PS: Falls du Zweifel hegst, ich kann dich auch holen lassen!

Die Drohung war eindeutig. Wenn ich nicht aufkreuzte, würde Sanctifer mich entführen oder zu sich befehlen und meinen Freund zu einem ihm hörigen Lakaien machen.

Ich hatte mich also doch nicht getäuscht, als ich glaubte, Philippe beim Maskenball der Engel begegnet zu sein. Das mit dem Pakt sah ich allerdings anders als Sanctifer. Aber das würde ich später klären – nachdem Philippe wieder in seiner Welt und in Sicherheit war.

Argwöhnisch spähte ich aus meinem Versteck. Die Gasse neben dem Kanal war leer. Natürlich blieb das Frösteln, das mich durchzog, sobald ich nach Sanctifer Ausschau hielt, auch dieses Mal nicht aus. Ich war nicht besonders scharf auf ein Treffen mit ihm. Obwohl er nur ein Wächterengel war und ihm – im Gegensatz zu mir – kein ausgeprägtes Dämonenerbe anhaftete, besaß er einen Vorsprung an Erfahrung und Wissen von knapp dreitausend Jahren. Dennoch, meine Entscheidung, Philippe sicher zurückbringen zu wollen, stand fest!

Entschlossen drückte ich mich von der Hauswand ab. Das Klackern der Absätze meiner schwarzen Lederstiefel durchbrach die gespenstische Stille. Eine Straße und zwei Brücken weiter hallte neben meinen ein weiteres Paar Schuhe zwischen den eng zusammenstehenden Häuserzeilen wider. Noch konnte ich meinen Verfolger – falls es überhaupt einer war – nur hören. Und obwohl ich mich am liebsten versteckt und herausgefunden hätte, wer sich außer mir noch durch düstere Gassen schlich, hielt ich weiter auf mein Ziel zu. Engel fürchteten sich vor Racheengeln wie mir, und im Moment lag mir nur wenig daran, ihnen diese Furcht zu nehmen.

Schneller als erwartet, erreichte ich den vereinbarten Treffpunkt: das Ende einer Gasse, an der ein schmaler Kanal vorbeiführte. Eine Gondel wartete hier allerdings nicht, und zurück konnte ich auch nicht ohne weiteres. Also zählte ich bis drei, versuchte gelassen zu wirken und drehte mich zu meinem Verfolger um – aus Versehen hatte der sich bestimmt nicht in die Sackgasse verirrt.

Das Lächeln gefror mir auf den Lippen – gut, dass es unter der Maske verborgen blieb. Groß, dunkelhaarig, gutgebaut. Ein Leckerbissen für Augen, die nur seine Oberfläche sehen konnten. Raffael, Sanctifers Ziehsohn, Flüsterer, menschlich und seit fast einem Jahr Schüler im selben Internat wie ich, stand vor mir. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich zu verkleiden. Seine Maske trug er ständig. Nachdem er als Kind beinahe im Feuer verbrannt wäre, hatte Sanctifer ihn aufgenommen und ihm mit Hilfe von Engelsmagie sein glänzendes Aussehen geschenkt.

»Kaum wiederzuerkennen unter der weißen Pestmaske«, begrüßte er mich. »Bewachen deine Engel dich so streng, dass du vermummt spazieren gehen musst?«

»Wie du sicher weißt, bin ich nicht freiwillig unterwegs. Außerdem scheint mir meine Aufmachung im Moment passender zu sein als deine« – und zudem ging es ihn überhaupt nichts an, dass weder Aron noch Christopher wusste, wer mich erwartete. »Hat Sanctifer seine Pläne geändert, oder hast du das Boot vergessen, das mich zu ihm bringen soll?«

Ein Grinsen huschte über Raffaels Gesicht. »Streitlustig wie immer, aber sonst wärst du ja auch kaum dazu geeignet, ein Racheengel zu sein. Sanctifer wollte sichergehen, dass du allein zum Treffpunkt kommst. Wenn du mir bitte folgen würdest.«

Formvollendet verbeugte sich Raffael vor mir und bot mir seinen Arm an. Ich schlug ihn aus, was ihm ein amüsiertes Schulterzucken entlockte.

»Wie du willst, dann eben Begleitung ohne einander zu nahe zu kommen

Raffael führte mich tiefer in das verwirrende Labyrinth aus Gassen, Kanälen und Brücken des oberirdischen Teils der Stadt der Engel, das dem Menschenvenedig ziemlich ähnlich sah. Allein zurückzufinden würde Stunden dauern. Ich würde zu spät zum Lichtmeerfest kommen, Aron mich zur Schnecke machen und Christopher, anstatt mich in die Arme zu nehmen, so lange ausquetschen, bis ich ihm verriet, wo ich gewesen war. Da ich hoffte, dass nicht nur ich, sondern auch Sanctifer das vermeiden wollte, folgte ich Raffael brav wie ein Schoßhündchen seinem Herrn.

»So schweigsam heute?«, bemühte sich mein Begleiter, ein Gespräch in Gang zu bringen.

»Und du, so mutig?«, konterte ich.

Raffael zuckte ein klein wenig zusammen. Er hatte mich in meiner Gestalt als Racheengel gesehen und wusste, was das bedeutete. Vermutlich hätte er Reißaus genommen, wenn er meine Schattenseite kennenlernen würde.

Wir schwiegen beide, und ich bedauerte schnell, so abweisend gewesen zu sein. Ein wenig Ablenkung hätte meine Nervosität nicht ansteigen, sondern abflauen lassen. Als wir die Gondel erreichten, verpasste ich vor lauter Anspannung die unterste Stufe der Kaimauer. Wenn Raffael mich nicht aufgefangen hätte, wäre ich kopfüber im Wasser gelandet.

»So in Eile?«, zog er mich auf.

»Ja. Schließlich hab ich heute noch was Besseres vor, als mich mit deinem Herrn und Meister zu treffen.«

Raffael ließ mich augenblicklich los. Bei dem Sturz war meine Maske heruntergerutscht – und offensichtlich stand mir meine Abneigung gegen Sanctifer ins Gesicht geschrieben. Mit versteinerter Miene öffnete Raffael die Tür zu der kleinen, mit Silber ausgeschlagenen Kabine und bat mich, einzutreten.

Ich folgte ihm und ignorierte das Gefühl, Raffael verletzt zu haben. Das Ausmaß seiner Abhängigkeit von seinem Ziehvater kannte ich – schließlich wusste ich, wie abstoßend er mit seinen Verbrennungen ohne Sanctifers Zauber aussah. Allerdings wurde mir erst jetzt so richtig klar, dass seine Gefühle für Sanctifer weit über Dankbarkeit hinausgingen: Raffael liebte ihn wie ein Sohn seinen Vater. Dennoch durfte er ruhig wissen, was ich von seinem Ziehvater hielt. Vielleicht würde auch ihm irgendwann klarwerden, wie sehr Sanctifer sich seine Anhänglichkeit zunutze machte. Obwohl er das, nachdem Sanctifer ihn als Lockvogel tödlichem Dämonenstaub ausgesetzt hatte, eigentlich schon bemerkt haben müsste.

Mit erzwungener Gelassenheit setzte ich mich am anderen Ende der Kajüte auf die Bank und beobachtete, wie die schmucken Häuserzeilen an uns vorbeizogen. Mein angeödeter Blick verbarg hoffentlich, dass ich von Minute zu Minute nervöser wurde.

Wir verließen die Lagunenstadt und steuerten auf eine der vorgelagerten Inseln zu. Je näher die Gondel dem Eiland kam, umso sonderbarer erschien mir der Treffpunkt. Ich hatte etwas Pompöses erwartet und nicht ein verwildertes Stück Land mit den Resten einer verfallenen Ruine. Dass die Gondel dann nur durch einen ungepflegten Kanal mit einem efeubewachsenen Torbogen fuhr und danach wieder Richtung Venedig steuerte, half nicht gerade, mein inzwischen mühsam aufrechterhaltenes Selbstbewusstsein zu stärken.

Raffael ließ mich nicht aus den Augen, als er meine Unsicherheit bemerkte – was ich natürlich nicht so stehenlassen konnte.

»Hat sich der Gondoliere verfahren? Oder versuchst du nur ein wenig länger meine Gegenwart zu genießen und hast ihn deshalb gebeten, eine Extrarunde zu drehen?«

»Weder das eine noch das andere«, antwortete Raffael, während er mich ein wenig zu intensiv musterte.

Schließlich schien ihm wieder einzufallen, warum er neben mir durch die Lagune schipperte – seine Miene wurde ernst. »Sanctifer hat mir genaue Anweisungen gegeben. Wenn du wissen willst, warum er den Umweg über die Insel gewählt hat, frag ihn – oder komm selbst dahinter.« Da war er wieder, der zwischen Ergebenheit und Unzufriedenheit schwankende Tonfall, der sich bei Raffael einschlich, sobald er versuchte, das Verhalten seines Ziehvaters zu erklären.

Ich schwieg. Irgendwie tat er mir leid. Aber vermutlich war nicht nur Sanctifer in der Lage, Raffael zu helfen, damit er nicht als Frankenstein junior durch die Gegend laufen musste. Vielleicht konnte ich Christopher bitten, sich um Raffaels Brandnarben zu kümmern – oder lieber Aron, der hatte mit Sanctifers Objekten sicher weniger Probleme.

Als wir Venedig erreichten, wurde mir schnell klar, warum Sanctifer den Umweg gewählt hatte und weshalb die Kabine von Silber durchzogene Wände besaß. Irgendwann mussten wir ein Engelsportal passiert haben, das uns in die Menschenwelt gebracht hatte – vermutlich der Torbogen. Blöd, dass ich Weltenportale nicht spüren konnte – bei mit Engelsmagie errichteten Durchgängen, die dämonische Wesen abwehrten, gelang mir das leider viel zu gut.

Anders als im Venedig der Engel wimmelte es hier auf den Kanälen vor Betriebsamkeit. Linienboote, Wassertaxis und die typischen schwarzen Gondeln beförderten Massen von Passagieren. Die Stimmung war ausgelassen, nicht nur in den Booten. Überall feierten maskierte, in farbenfrohe Gewänder gehüllte Touristen den letzten Tag des Karnevals. Manche Gassen waren so überfüllt, dass Raffael sich geradezu durchkämpfen musste. Dank seiner stattlichen Größe gelang ihm das mühelos. Schließlich zog er mich zu einem prachtvollen Palazzo. Nach einem kurzen Blick über die Schulter öffnete er die Tür und ließ mich mit einem formvollendeten »Nach dir« vorangehen. Er bat mich, Hut und Maske abzulegen, und befestigte ein silbernes Wächterband an meinem Arm, das mich zurück in die Engelswelt bringen würde.

Ich zwang mich zu einem Lächeln, um ihm zu beweisen, wie wenig ich mich vor der Begegnung mit Sanctifer fürchtete – gut, dass Raffael nicht hören konnte, wie aufgeregt mein Herz schon jetzt flatterte. Sanctifers verwirrendes Weltenwechselspiel beunruhigte mich. Er wollte sicher sein, dass ich allein kam.

Anstatt in eines der Zimmer führte Raffael mich nach unten in einen spärlich beleuchteten Kellerraum, wo er mir das Wächterband wieder abnahm. Ich ahnte, was mir bevorstand, und biss die Zähne zusammen, als Raffael die Tür öffnete. Auf keinen Fall wollte ich ihm zeigen, welche Probleme ich beim Durchschreiten eines mit Engelsmagie gesicherten Gebäudes hatte. Offenbar verhinderte meine nicht ganz so reine Seele, dass ich das unterirdische, mit Engelszauber errichtete Labyrinth der Stadt ungestraft betreten konnte.

Wie befürchtet, riss es mich, trotz Luftanhalten und Zähneknirschen, mal wieder von den Beinen. Gerade noch rechtzeitig, bevor ich auf dem harten Steinboden aufschlug, fing Raffael mich auf.

»Du schwächelst schon jetzt? Ich dachte, das kommt erst, wenn du Sanctifer gegenüberstehst.«

»Überschätzt du die Fähigkeiten deines Gebieters da nicht ein bisschen?«, fragte ich genervt, während ich mich aus seiner Umarmung befreite.

»Du wärst nicht der erste Engel, der vor ihm in die Knie geht«, antwortete Raffael mit einem undefinierbaren Unterton.

Bilder, wie Sanctifer Christopher quälte, tauchten vor meinem inneren Auge auf und schnürten mir das Herz zusammen. Keine Sekunde später lag meine Hand an Raffaels Kehle. Wusste er, wie viel Angst mir seine Worte einjagten? War auch er schon so weit, dass es ihm Freude bereitete, andere leiden zu sehen? Ein Blick in sein Gesicht ließ mich diesen hässlichen Gedanken bereuen. Die geweiteten Pupillen und das Zucken an seinem Augenlid, als Teile der Maske sich auflösten, die ihm sein makelloses Aussehen schenkte, zeigten mir, dass Raffaels Angst echt war. Er spielte nicht, weder mit meinen noch mit seinen Gefühlen.

»Denk in Zukunft lieber noch mal darüber nach, was du zu einem Racheengel sagst. Meine Gutmütigkeit könnte überstrapaziert werden.« Um meine Warnung zu unterstreichen – und mir selbst ein wenig Mut zu machen –, warf ich ihm einen finsteren Blick zu, bevor ich ihn losließ. Dass Raffael dann tatsächlich auf Abstand ging und jeden meiner Schritte argwöhnisch beobachtete, war mir dann doch etwas zu viel. Vielleicht sollte ich in Zukunft vorsichtiger sein mit dem, was ich tat und sagte – an meine Wirkung als Racheengel musste ich mich wohl erst noch gewöhnen.

Christophers Bild, das bei diesem Gedanken in meinem Kopf erschienen war, wieder aus dem Gedächtnis zu streichen gelang mir natürlich nicht mehr. Allerdings drängte nicht der Engel, sondern seine Schattengestalt aus meiner Erinnerung hervor. Die dunkle Seite seines Wesens. Der Teil, der Christopher lange glauben ließ, niemals lieben zu können – oder geliebt zu werden. Auch in mir schlummerte so ein Schatten. Dass er weit weniger gefährlich war als Christophers Schatten, spielte keine Rolle.

Ob es wohl diese Gemeinsamkeit war, die mich angezogen hatte? Das intuitive Wissen, ein dämonisches Erbe zu teilen? Konnte ich ihn als Racheengel deshalb noch lieben, weil ich ihn schon als Mensch geliebt hatte? Gut möglich. Doch genau konnte das niemand sagen, da Christopher und ich die ersten Racheengel waren, die sich nicht an die Gurgel sprangen, sobald sie aufeinandertrafen – und niemand wusste, ob und wie lange das so bleiben würde.

»Doch ein wenig Muffensausen?«, unterbrach Raffael meine Gedanken – ich musste dringend an einem Pokerface arbeiten.

Um selbstsicher zu wirken, schenkte ich ihm mein bestes Engelslächeln. Es gefror zu einem gequälten Grinsen, als ich die beiden Gestalten am Ende des verwinkelten Flurs entdeckte. Zwei geflügelte, mit Lanzen bewaffnete Wachen standen neben einer eisernen Tür und beäugten mich misstrauisch. Raffael zuckte nicht mit der Wimper. Engel mit Waffen waren für ihn wohl nichts Neues – mich beunruhigten sie umso mehr. Mein Plan B – der Fluchtversuch – schied damit wohl aus.

Als gehöre das zu seiner täglichen Routine, steuerte Raffael auf den in die Wand gemeißelten Löwenkopf zu und steckte einen Arm in das geöffnete Maul. Während er gelassen blieb, liefen mir eisige Schauder über den Rücken. Ihm jetzt die Hand abzutrennen wäre ein Kinderspiel. Natürlich bemerkte Raffael mein Zittern. Doch als ich an der Reihe war, meinen rechten Arm in den dunklen Schlund zu stecken, packte er keine zynische Bemerkung aus, sondern drückte mir aufmunternd die Schulter.

»Es ist nur ein Scanner in einer antiken Verpackung. Außerdem ist der Kampfarm eines Racheengels viel zu wertvoll, um ihn zu verstümmeln«, versuchte er mich zu beruhigen.

Trotz Raffaels mutspendender Worte durchzog mich ein weiteres Frösteln. Racheengel töteten – und von mir wurde erwartet, das eines Tages auch zu tun. Ein gequältes Kratzen jagte gleich noch mal einen eisigen Schauder über mich hinweg. Ich riss mich zusammen. Auf der anderen Seite wurde nur ein Riegel beiseitegeschoben. Dass auch die Tür jämmerlich in ihren Angeln quietschte, war schon beinahe komisch. Zu einem befreienden Lachen reichte es bei mir allerdings nicht. Obwohl ich niemals zuvor hier gewesen war, wusste ich dank Engelsgeschichte schon beim ersten Blick, was mich erwartete: der am strengsten bewachte Bereich des Dogenpalastes. Raffael hatte mich in das Gefängnis für entartete Kreaturen und Engel gebracht.

Mein Racheengelstolz verbot mir, ihn zu fragen, warum Sanctifer ausgerechnet hier mit mir reden wollte. Abgesehen davon gab es sowieso kein Zurück mehr. Die Wachen hielten ihre Lanzen nicht umsonst auf mich gerichtet. Also verbarg ich meine Furcht und spielte wieder die Gelangweilte. Immerhin war ich nicht die einzig Ängstliche. Das Aufblitzen von Panik in den Augen der Wachen, sobald ihr Blick auf meine Hände fiel, verriet sie. Racheengel besaßen tödliche Monsterkrallen. Dass meine noch immer mit kompliziert befestigten Spangen und Silberringen an Daumen und Mittelfinger zurückgehalten wurden, konnten die beiden ja nicht sehen. Ich trug schwarze Pulswärmer, um die Ringe zu verbergen, damit ich auf meinem Weg durch das Engelvenedig nicht erkannt wurde.

Ein paar schmale, von grauen Steinmauern und Gewölbedecken umrahmte Flure und viele Eisengitter später weiteten sich die Gänge, und wir erreichten den großzügig gebauten Teil – den für Wesen mit ausladenden Flügeln. Erneut verdrängte ich Christophers Bild. Mir vorzustellen, wie er in seiner Schattengestalt hier entlanggetrieben wurde, verkraftete mein verliebtes Herz nicht besonders gut. Gequälte Schreie und das Rasseln von Ketten hinter den massiven Kerkertüren spukten dennoch durch meinen Kopf. Alles nur Einbildung, redete ich mir ein – aber vielleicht diente mein Weghören auch nur zum Selbstschutz. Dass Raffael seine Schritte beschleunigte und versuchte, wieder mit mir ins Gespräch zu kommen, war mir eine willkommene Ablenkung.

»Philippe muss ein wahrhaft guter Freund von dir sein, wenn du bereit bist, für ihn zu lügen.«

»Wie kommst du darauf, dass ich für ihn gelogen habe?«

Raffael blieb stehen. In seinem Gesicht stand helles Entsetzen. »Du hast Christopher erzählt, mit wem du dich triffst?!«

Ein Brüllen – das auch ich nicht überhören konnte – ließ ihn zusammenzucken. Hektisch streifte sein Blick den Flur entlang. Selbst mir wurde mulmig, auch wenn dieser Schrei verglichen mit dem eines Schattenengels geradezu harmlos klang. Natürlich spielte ich weiterhin die Taffe, stemmte meine Hände in die Hüften und betrachtete Raffael mit einem spöttischen Blick.

»Du solltest nicht durch Gänge mit Wesen laufen, vor denen du dich fürchtest.« Die Doppeldeutigkeit hatte ich bewusst gewählt. Doch Raffael reagierte gelassen.

»Wenn du scharf darauf wärst, mich zu töten, hättest du mich nicht mit deinen Flügeln vor dem Dämonenstaub geschützt.«

»Was offenbar ein Fehler war.« Kaum ausgesprochen, bereute ich schon, das gesagt zu haben. Raffael das Leben zu retten war richtig. »Es … Raffael, es tut mir leid. Ich … so habe ich das nicht gemeint«, lenkte ich ein.

»Nur zu. Ehrlichkeit ist wertvoll, auch wenn sie nicht immer leicht zu ertragen ist.« Raffaels Miene zeigte keine Regung. Die Bitterkeit in seiner Stimme hörte ich dennoch.

Ich verkniff mir den Kommentar, dass er als Flüsterer im Grunde ein Meister der Lüge und Täuschung war. Vermutlich hätte ich an seiner Stelle auch Sanctifers Angebot akzeptiert. Genauer betrachtet log oder verheimlichte selbst ich eine ganze Menge. Niemand wusste, dass ich mich hier mit Raffael im dunkelsten Teil des Dogenpalastes herumtrieb, anstatt, wie Aron und Christopher glaubten, ein paar Stunden vorzuschlafen, damit ich heute Nacht mit meinem unermüdlichen Engel besser mithalten konnte.

Trotz meiner Entschuldigung wandte Raffael sich von mir ab. Ich hielt ihn zurück und legte meine Hand auf seine Schulter, was er überrascht, aber nicht widerwillig zuließ.

»Wenn du die Wahrheit schätzt, solltest du mal darüber nachdenken, warum dein Ziehvater zugelassen hat, dass der Dämonenstaub dich hätte töten können.«

»Mein Leben war niemals in Gefahr.« Raffaels Erwiderung kam zu schnell.

Ich schwieg. Dem für Menschen tödlichen Dämonenstaub wäre Raffael ohne meine Hilfe niemals entkommen. Selbst er musste das bemerkt haben. Aber offenbar war sein Vertrauen in Sanctifer viel zu groß, um die Wahrheit zu akzeptieren.

»Dann hoffe ich, dass das auch für mich gilt, wenn du mich gleich zu ihm bringst.«

»Wenn Sanctifer deinen Tod wollte, hätten das die Wachen für ihn erledigt, solange deine Hand im Löwenmaul gefangen war.« Ein leichtes Zucken blitzte um Raffaels Mundwinkel. Ob vor Entsetzen oder unterdrücktem Spott konnte ich nicht erkennen. »Aber wenn du zurück sein möchtest, bevor dein Freund etwas bemerkt, sollten wir uns besser beeilen.«

Ich nickte und versuchte, mit Raffael Schritt zu halten. Sein zufriedener Gesichtsausdruck verriet mir, dass ich einen Fehler gemacht hatte und er jetzt sicher sein konnte, dass ich Christopher nichts von meinem Ausflug zu Sanctifer verraten hatte.

Kapitel 2
Auf Abwegen

Royalblaue Augen musterten mich kaltherzig. Sanctifer registrierte selbst die kleinste Regung. Obwohl ich mich bemühte, mir mein Widerstreben nicht anmerken zu lassen, wusste er, was in mir vorging.

Verborgen hinter zwei kunstvoll aus Silber und Gold geschmiedeten Türen lag der faszinierendste und zugleich abstoßendste Raum, den ich je gesehen hatte. Wie im Dogenpalast offenbar üblich, strotzte es auch hier unten vor edlem Stuckwerk und natürlich Massen von Gold. Nur der Boden von Sanctifers Einschüchterungshalle unterschied sich von dem üblichen blank polierten Belag: Hier herrschte roter Basalt.

Meine Nackenhärchen richteten sich auf. Die Wahl der Farbe war nicht zufällig. Blut würde darauf keine unschönen Flecken hinterlassen. Ich zwang mich, Raffael zu folgen und weiter auf den wuchtigen Schreibtisch zuzugehen. Den Entschluss, Philippe aus Sanctifers Obhut zu befreien, hatte ich nicht aus einer Laune heraus gefasst. Mir war klar, mit wem ich mich einließ. Dass ich inzwischen ein offiziell anerkannter Racheengelnovize war, schenkte mir das nötige Selbstvertrauen, das irgendwie hinzubekommen.

Obwohl ich wusste, dass ich Sanctifer nicht aus den Augen lassen sollte, wanderte mein Blick unwillkürlich durch den so perfekt gestalteten Raum. Die Gemälde in den wuchtigen Goldrahmen raubten mir den Atem – nicht, weil sie besonders schön waren, sondern aufgrund der perfiden Darstellungen. Engel, kniend, in Ketten mit gebeugten Häuptern, warteten vor einem mit pechschwarzen Masken und ebenso dunklen Mänteln verhüllten Gremium auf ihr Urteil. Die Augen matt und gebrochen, ihre Körper ausgezehrt wie nach tagelanger Folter.

Gewaltsam riss ich mich von dem verstörenden Anblick los, dessen Details ich noch gar nicht richtig erfasst hatte. Dieser Raum war dafür geschaffen, Angst einzujagen. Sanctifer hatte mich nicht umsonst hierherbestellt. Offenbar war es ihm wichtig, mir zu zeigen, über welche Macht er als Mitglied des Rats der Engel verfügte. Auf sein Spiel einzugehen und Furcht vorzutäuschen war sicher nicht verkehrt.

Wie um meine Unterlippe am Zittern zu hindern, kaute ich darauf herum und mimte die Verängstigte. Ein Leuchten huschte über Sanctifers jugendliches, von schwarzen Haaren umrahmtes Gesicht, während er mich mit seinen unglaublich blauen Augen unentwegt musterte. Als wäre ich verunsichert – was vielleicht auch so war –, wich ich seinem allzu intensiven Blick aus und erstarrte, als ich begriff, was die Wand hinter seinem Rücken schmückte. Ausgestellt wie eine antike Waffensammlung reihten sich goldblitzende Folterwerkzeuge aneinander. Die monströs gebogenen Haken und unterarmlangen Klingen mit den nadelspitzen Auswüchsen waren noch die harmlosesten Instrumente unter ihnen.

Mein Magen krampfte sich zusammen, während mein Blut sich Richtung Beine bewegte. Eisige Kälte umschloss mein Herz. Mit diesen geradezu liebevoll angeordneten Folterwerkzeugen hatte er Christopher gequält. Wie Trophäen hingen sie hinter ihm. Wahrscheinlich polierte er sie eigenhändig.

Um nicht doch vor Sanctifer in die Knie zu gehen, biss ich mir auf die Lippe, bis ich Blut schmeckte. Der Schmerz half meinem Körper, aufrecht stehen zu bleiben.

Sanctifers triumphierendes Lächeln drang zu mir durch. Mir wurde endgültig schlecht. Dieses Mal musste ich meine Angst nicht vortäuschen, als ich seinem Blick auswich.

»Willkommen in meinem Refugium, Lynn«, begrüßte mich Sanctifer, wobei er jedes Wort betonte, als würde er mich in einem Palast empfangen. »Deinem überraschten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hast du noch nicht besonders viel über die Zähmung widerspenstiger Kreaturen gelernt.«

Mein verkrampfter Magen rollte sich mit quälender Langsamkeit auf und trieb mir Säure ins Blut. Verborgen hinter meinem Rücken ballte ich meine Hände zu Fäusten. Dass Raffael meine Wut bemerkte, war mir egal. Hauptsache, es gelang mir, unter den Augen des Foltermeisters der Engel meine Beherrschung zu bewahren.

Ein belustigter Funke erhellte das Königsblau in Sanctifers Augen. Meine Fassung geriet ins Wanken. Wie konnte ein dermaßen abscheuliches Wesen eine so wundervolle Augenfarbe besitzen?! Ich suchte Schutz im Angriff.

»Find jemand anderen zum Einschüchtern, Sanctifer. Deine Spielchen langweilen mich.«

Sanctifers Körper spannte sich an, als wollte er aufstehen, um mich anzugreifen. Doch er überlegte es sich anders und blieb sitzen. Ich jubelte lautlos: Es war mir gelungen, ihn zu verärgern. Sanctifer mochte es nicht, wenn ich ihn duzte. Dass mich sein Blick zum Frösteln brachte, war mir egal.

»Wie du willst.« Behutsam legte er seinen dunkelroten Federkiel auf einen der drei Stapel – vermutlich Folter, Geständnis und Hinrichtung. Freispruch gab es bei ihm sicher nicht. »Da du jetzt als offizielle Novizin dem Zirkel der Racheengel angehörst, ist es an der Zeit, dass du deinen Verpflichtungen nachkommst.«

»Ich bin Euch nicht das Geringste schuldig!« Meine Zunge reagierte schneller als mein Verstand.

»Das würde der Rat der Engel anders beurteilen. Aber es überrascht mich nicht, dass dein Tutor wenig Wert auf die Vermittlung von fundiertem Wissen legt und du mit den Gesetzen der Engel nicht besonders vertraut bist. Setz dich!«, wies Sanctifer mich an und deutete auf einen massiven Stuhl auf meiner Seite des Schreibtisches.

Trotzig verschränkte ich meine Arme vor der Brust und blieb stehen, was mir einen nachdenklichen Blick von ihm einbrachte. Die verborgenen Eisenklammern an Arm- und Rückenlehne, die zahlreich und stabil genug waren, um einen Schattenengel zu bändigen, entdeckte ich erst auf den zweiten Blick.

Meine Sicht verschwamm. Der Umriss einer mir allzu vertrauten Gestalt flackerte auf. Ich blinzelte sie beiseite, bevor sich die Augen meines Phantasie-Christophers in meine bohren konnten. Seinen vernichtenden Blick würde ich früh genug zu spüren bekommen – spätestens wenn ich ihm erzählte, wo ich heute Nachmittag war.

»Ganz wie du möchtest«, fuhr Sanctifer fort. »Du kannst gehen.«

Sanctifers Aufforderung galt Raffael. Obwohl ich wusste, auf wessen Seite sein Ziehsohn stand, fühlte ich mich alleingelassen, als Raffael ohne Zögern den Saal verließ.

»Damit du begreifst, dass jede Handlung Konsequenzen nach sich zieht, besonders wenn du dich den Befehlen eines Mitglieds des Rats widersetzt, wirst du ohne Begleitschutz zurückfinden müssen. Hoffentlich ist dein Orientierungssinn besser geschult als der Rest.«

Ich presste meine Lippen aufeinander und schluckte das Schmor in der Hölle, Sanct Lucifer hinunter. Philippes Sicherheit war wichtiger als verbale Genugtuung.

Sanctifers flüchtiges Lächeln verriet, wie sehr er den Weg zu seinem bevorstehenden Sieg genoss. Langsam, Schritt für Schritt, versuchte er, mich mürbe zu machen. Nur warum? Was bezweckte er mit seiner Provokation? Warum sagte er nicht einfach, was er von mir wollte?

Suchend glitt mein Blick über Sanctifers ebenmäßiges Gesicht, seine Hände und weiter über die dunkle Tischplatte mit den penibel sortierten Dokumenten. Schließlich blieb ich wieder an den grausamen Folterwerkzeugen an der Wand hinter ihm hängen. Vermutlich war es das: Sanctifer wollte, dass ich ausrastete, damit er einen Grund hatte, mich hierzubehalten. Aber darauf konnte er lange warten. Christopher hatte mir seine Schattengestalt offenbart, um mir zu zeigen, wozu ich wurde, sobald ich mich meiner Wut hingab – eine äußerst wirksame Methode, meinen Zorn zu zügeln.

»Im Alter lässt wohl auch bei Engeln das Gedächtnis ein wenig nach. Offenbar hast du vergessen, dass ich, trotz deines erfolglosen Versuchs mich in die Irre zu führen, problemlos in die Basilika zurückgefunden habe.«

Meine spitze Bemerkung zeigte Wirkung: Sanctifers Meerblick gefror zu Gletschereis. Er hatte mich während meiner Engelsprüfung in eine Falle gelockt – ich bestand trotzdem.

»Dann wird es dir sicher nicht schwerfallen, diese Meisterleistung zu wiederholen.« Sanctifers verächtlicher Tonfall unterstrich seine Zweifel. »Aber lass uns zum Grund unseres eigentlichen Treffens kommen: unserer Vereinbarung.«

Ich spürte schon die nächste patzige Antwort auf der Zunge, doch dieses Mal schaltete mein Verstand schneller, und ich formulierte meine Antwort rechtzeitig zu einer Frage um.

»Vereinbarung? Ich bin wegen Philippe gekommen.«

Bedächtig begann Sanctifer seine Hände zu reiben. Meine Sorge um Philippe gefiel ihm viel zu gut. Vielleicht hätte ich ihn doch lieber als scheinheiligen Lügner betiteln sollen.

»Philippe«, genüsslich ließ Sanctifer sich den Namen meines ältesten und treuesten Freundes im Mund zergehen, was mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. »Dein allzu leichtgläubiger Menschenfreund ist wesentlich sensibler, als du es warst.«

»Wie meint … st du das?« Schon wieder ging meine Zunge mit mir durch – wenigstens konnte ich das Ihr zu einem Du retten. Sanctifer grinste dennoch.

»Besser, du wechselst zum Ihr, wenn du vor einem Ratsmitglied stehst – ganz besonders, wenn du etwas von ihm haben möchtest.«

Sanctifer genoss es, mir seine Überlegenheit zu demonstrieren, um mich herauszufordern. Ich wartete geduldig, bis er fortfuhr – auch er wollte etwas haben.

»Deinem Freund schien mein Tee nicht besonders zu munden, weshalb ich mich entschieden habe, ihn nicht länger dazu zu zwingen, die Mischung zu trinken.« Bis zum Anschlag dehnte Sanctifer seine Finger, lehnte sich in seinem protzig verzierten Lederstuhl zurück und warf mir einen mitleidsvollen Blick zu.

In mir brodelte es. Engelstee war selten nur Tee. Und welche Wirkung Sanctifers Gebräu hatte, sollte ich mir lieber nicht ausmalen, wenn ich ich selbst bleiben wollte. Immerhin gelang mir ein gelangweiltes »Wie großzügig!«. Das von Euch ließ ich weg.

Sanctifers Gelassenheit bekam Risse. »Vielleicht würdest du das anders sehen, wenn du wüsstest, wie empfänglich Philippe für den Hauch der Totenwächter bald sein wird.«

Sosehr ich mich auch bemühte, mein Zittern zu kontrollieren und die aufziehende Kälte zu vertreiben, gelang mir nicht mal ansatzweise. Die Erinnerung an den Todeshauch war viel zu real. Erneut spürte ich eisige Finger, die nach meiner Seele griffen, um sie mir zu entreißen. Doch die Totenwächterin konnte mir nichts mehr anhaben, weil meine Seele nicht mehr menschlich war – Philippes Seele dagegen schon.

Ich wandte mich ab, als der Teil in mir erwachte, den ich vor Sanctifer zu verbergen versuchte. Schattenengel waren mächtig und gefürchtet – und unberechenbar, grausam und seelenlos. Viel zu deutlich sah ich Christophers Schatten an den Stuhl gekettet. Und dennoch verlor Sanctifers Versuch, mich zu provozieren, an Stärke. Christopher hatte mich auf meine Zukunft als Racheengel bestens vorbereitet.

Sanctifers Miene blieb nahezu unbewegt, nur ein kurzes Zucken seiner schwarzen Augenbrauen verriet sein Missfallen. Natürlich war mir klar, dass mein kleiner Sieg Philippe nicht im Geringsten helfen würde. Im Gegenteil. Mein Widerstand stachelte Sanctifers Feindseligkeit an. Sein schneidender Tonfall erinnerte mich daran, dass ich mitten in seiner Folterkammer stand.

»Die Seele deines Freundes ist so viel zerbrechlicher als deine. Aber selbst die stärksten Engel sind verletzlich, sobald sie ihre Schwächen offenbaren.«

Mein Herz hörte auf zu schlagen. Sanctifers Warnung galt nicht mir, sondern Christopher. Irgendetwas musste er gegen ihn in der Hand haben. Ich war mir sicher, gleich zu erfahren, was es war.

Sanctifer spürte meine aufkommende Panik und verschränkte voller Genugtuung seine Hände hinter dem Kopf.

»Vor ein paar Monaten hast du den Pakt besiegelt, den ich dir bei unserem ersten Treffen anbot, und damit deine Zustimmung gegeben, meiner Forderung nachzukommen. Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, scheinst du dich nicht mehr allzu gut daran zu erinnern. Oder täusche ich mich in diesem Punkt?«

»Nicht nur darin!«, antwortete ich zickig. »Ich habe mein Blut niemals freiwillig gegeben. Du hast mir die Kehle aufgeschlitzt, um es dir zu holen. Ein Pakt sieht anders aus.« Mutig trat ich näher an Sanctifers Schreibtisch und stützte meine Hände darauf ab, um ihm meine Entschlossenheit zu demonstrieren. »Und jetzt sag mir, wo ich Philippe finde, bevor ich dem Rat erzähle, dass du einen Menschen in die Engelswelt entführt hast!«

Leider ließ Sanctifer sich von meiner Drohgebärde nicht einschüchtern. Im Gegenzug lehnte er sich nach vorn und durchbohrte mich mit seinem Blick.

»Du solltest nicht mit Halbwissen um dich werfen, wenn du einem Ratsmitglied gegenüberstehst. Uns ist es an Karneval erlaubt, potentielle Kandidaten in die Stadt der Engel mitzunehmen.«

»Kandidaten wofür?!« Meine Stimme erstarb. Die Drohung in Sanctifers Brief erhielt neue Nahrung. Er würde aus Philippe einen Flüsterer machen. Der Tisch gab mir Halt, als mein Kreislauf sich verabschieden wollte.

»Es gibt so vieles, was du lernen musst, während du dein Jahr bei mir ableistest«, antwortete Sanctifer mit einem diabolischen Grinsen. »Und was den Pakt betrifft, auch wenn du mir dein Blut nicht vollkommen freiwillig gegeben hast, so kanntest du doch die Bedingungen, die an das Öffnen des Tunnels zum Schloss der Engel geknüpft waren. Du hast den Dolch, der mit deinem Blut gekennzeichnet war, an dich genommen, und du ganz allein hast dich auf den Weg gemacht, um die Welt der Engel zu betreten. Jedes Gericht wird meiner Forderung zustimmen.« In Siegerpose lehnte Sanctifer sich in seinen Stuhl zurück, seine eiskalten Augen starr auf mein Gesicht gerichtet. Philippe zu entführen war nur ein Vorwand, um mich zu sich zu locken. Gleich schnappte die Falle zu, die er mir gestellt hatte.

»Eigentlich wollte ich dir eine Verhandlung ersparen, aber wenn es dir lieber ist, trage ich mein Anliegen gerne dem Rat vor. So, wie ich Christopher kenne, ist er sicher bereit, deine Zeit bei mir auf sich zu nehmen. Schließlich steht es ihm als an dich gebundenem Engel zu, ausstehenden Verpflichtungen an deiner Stelle nachzukommen.«

»Das würde ich niemals zulassen!«

»Du vielleicht nicht. Aber da du noch kein vollwertiger Racheengel bist und ich nichts dagegen hätte, wenn Christopher dein Jahr bei mir ableistet, besitzt seine Stimme vor dem Rat mehr Gewicht als deine.«

Meine Hände umklammerten die Tischplatte. Auch ohne Klauen hinterließen meine Finger Spuren auf dem harten Holz. Als sein ehemaliger Tutor kannte Sanctifer Christopher besser als ich. Aber selbst ich war mir sicher, dass Christopher alles dafür tun würde, um mich vor Sanctifer zu beschützen.

Wie magisch angezogen heftete sich mein Blick wieder auf die Folterinstrumente hinter Sanctifers Rücken. Er würde Christopher quälen und ihn in seine Schattengestalt zwingen, bis nichts mehr von seiner Engelseele übrig war. Schon bei seiner letzten Verwandlung hatte Christopher Mühe, wieder zurückzufinden. Wie sollte ihm das in der Gewalt des Foltermeisters der Engel gelingen?

»Es liegt an dir, eine Entscheidung zu treffen, wer von euch beiden deine Verpflichtung erfüllt. Damit du deine Wahl nicht übereilt fällen musst, lasse ich dir noch ein wenig Zeit, bis … sagen wir, bis der Sommer beginnt.« Sanctifer spürte, dass ich kurz davor stand, mich seiner Forderung zu fügen und ihm meine Zustimmung gleich hier und jetzt zu geben, um Christopher zu schützen. Diabolische Freude funkelte in seinen Augen – und befreite mich aus meiner Angststarre.

Christopher wusste, von wem ich den Dämonendolch bekommen hatte. Doch die Bedingungen des Pakts, den ich angeblich geschlossen hatte, kannte er nicht. Wenn er von Sanctifers Brief gewusst hätte, wäre er jetzt an meiner Stelle hier – und genau deshalb hatte ich ihm auch nichts gesagt. Dennoch, früher oder später würde er dahinterkommen. Schließlich konnte ich ja nicht einfach für ein Jahr verschwinden, ohne dass Christopher das bemerkte. Dieses Problem musste ich später lösen. Aber ich stand ja auch nicht in Sanctifers Folterkammer, um über einen Pakt zu verhandeln, sondern um Philippe zu befreien. Ihn bis zum Sommer in Sanctifers Gewalt zu wissen war undenkbar.

»Und was wird aus Philippe?«, fragte ich angriffslustig.

»Als Zeichen meines Vertrauens überlasse ich ihn dir – vorerst jedenfalls. In seine Welt zurückbringen musst du ihn jedoch allein.«

Wie auf ein Zeichen hin öffnete sich die prunkvolle Doppeltür. Zwei bewaffnete Engel traten ein. Mein Treffen mit Sanctifer war beendet, seine Drohung, Philippe als Druckmittel einzusetzen, ausgesprochen.

Eskortiert von den nervösen Wachen, deren Lanzen angriffsbereit auf meinen Rücken zielten, verließ ich den Gefängnistrakt des Dogenpalastes durch einen anderen Zugang. Anstatt düsterer Flure mit Folterzellen durchquerten wir ein mit Fresken verziertes Treppengeflecht. Meine Hoffnung, hier auf Philippe zu stoßen, erfüllte sich nicht. Dafür verlor ich in dem dreidimensionalen Gefüge schnell die Orientierung, weil ich mich nicht überwinden konnte, mir die grausamen Abbildungen der gequälten Geschöpfe anzusehen, mit deren Hilfe meine Begleiter den Weg nach oben fanden. Dass sie mir erst am Ende der Treppenhalle die Augen verbanden, war sicher kein Zufall.

Grob schubsten sie mich einen dumpf hallenden Flur entlang, in dem es zunehmend nach Salz roch. Als am Ende ein Boot und nicht Aron, mein nach Meer riechender Tutor, auf mich wartete, fühlte ich einen kurzen Anflug von Erleichterung. Sie verschwand, als Arons Anblick sich vor meinem inneren Auge manifestierte. Eine passende Erklärung, warum ich im Alleingang versuchte, meinen besten Freund aus Sanctifers Händen zu befreien, hatte ich noch keine. Und ob ich das zuerst Aron oder Christopher beichten sollte, wusste ich auch noch nicht. Sauer würden beide werden.

Das weiche Etwas, über das ich stolperte, nachdem die Kajütentür ins Schloss gefallen war und sich die Gondel in Bewegung gesetzt hatte, stöhnte gequält: Philippe! Erleichtert atmete ich auf, da ich inzwischen nicht mehr daran geglaubt hatte, dass Sanctifer sein Versprechen einhalten würde, und riss mir die Augenbinde vom Kopf. In dem fensterlosen Rumpf nützte das nur wenig. Vorsichtig tastete ich mich durch die Dunkelheit. Ein wuscheliger Haarschopf wand sich aus meinem Griff.

»Lass mich … schlafen. Dann … verschwindet … die Kälte.«

Meine Alarmglocken schrillten alle auf einmal. Philippe schlotterte nicht nur, als wäre er auf Eis gebettet, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Ob seine Seele tatsächlich in Gefahr war oder Sanctifer mir nur etwas vorgemacht hatte, spielte keine Rolle. Philippe schien am Ende seiner Kräfte zu sein und ich die Einzige, die ihm helfen konnte. Behutsam wickelte ich ihn in meinen schwarzen Umhang, hievte ihn auf die Sitzbank und setzte mich neben ihn, um ihn zu wärmen.

»Ich bringe dich zurück, in Sicherheit«, versprach ich leise, während ich ihm beruhigend über den Rücken strich.

Ein Rumpeln, und ich kippte von der schmalen Bank. Philippe konnte ich gerade noch abstützen, damit er nicht auch auf dem Boden landete. Entweder war der Gondoliere blind oder etwas hatte uns gerammt. Ein zweiter Schlag katapultierte mich wieder auf Philippe zu. Er stöhnte, als ihn zuerst die Bordwand und danach mein Ellbogen traf – irgendetwas stimmte hier nicht.

Mit einem geflüsterten »Alles wird gut!« fuhr ich kurz durch Philippes Haare, bevor ich im Dunkeln nach der Kajütentür tastete. Gerade als die Gondel ein weiteres Mal gerammt wurde, drückte ich die Klinke und flog förmlich zur Tür hinaus. Dass nur meine Knie und nicht auch mein Kopf auf dem harten Schiffsboden aufschlugen, verdankte ich Arons Gleichgewichtstraining. Philippe hatte weniger Glück, wie mir der dumpfe Aufprall verriet, dem ein Schmerzenslaut folgte.

Ich ließ ihn, wo er war. Tiefer konnte Philippe nicht fallen – zumindest nicht im Moment. Um ihm wirklich zu helfen, musste ich ein anderes Problem lösen und ihn in seine Welt zurückbringen. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen sollte. Wir trieben irgendwo in einer führerlosen Gondel in einem stockdunklen Kanaltunnel.

Um nicht erneut von den Beinen gerissen zu werden, robbte ich auf allen vieren zum Heck der Gondel. Dass dort ein Ruder auf mich wartete, überraschte mich. Doch irgendwie passte es zu Sanctifer, mich im Dunkeln stochern zu lassen.

Das Boot verlor an Geschwindigkeit, aber mehr als ein leises Plätschern, sobald die Bugwelle auf die Schachtwände traf, war nicht zu hören – worüber ich eigentlich froh sein sollte. Mulmig wurde mir trotzdem. Dass Sanctifer Irrlichter oder eine andere dämonenhafte Spezies auf mich hetzte, konnte ich mir lebhaft vorstellen.

Als sich das Plätschern plötzlich in der Tiefe verlor, stemmte ich das Ruder so fest wie möglich gegen die Kanalwand, um das Boot zu stoppen – allerdings gab es keine Wand mehr.

Kopfüber plumpste ich in das brackige Wasser. Frostige Kälte umgab mich. Alte Ängste erwachten. Dunkelheit in Kombination mit eisigem Wasser hasste ich. Panisch erstickte ich die Erinnerung an das Totenreich. Meinem sich verabschiedenden Verstand einzutrichtern, dass ich jetzt ein Racheengel war und mich vor Wesen wie der Totenwächterin nicht mehr zu fürchten brauchte, erwies sich dennoch als schwierig. Die Mutmachparolen wirkten nur langsam.

Erst als ich das Anlegeseil der Gondel zu fassen bekam, wieder wusste, wo oben und unten war, das Wasser zwar kalt, aber friedlich um mich herumschwappte und nirgends ein Anzeichen von etwas Lebendigem zu fühlen war, beruhigte ich mich allmählich wieder. Ein schwacher Lichtschimmer half mir, ruhig zu bleiben. Er fiel durch einen Türspalt und tauchte die davorliegende Anlegestelle in schummrig gelbes Licht.

Mit ein paar kräftigen Schwimmzügen zog ich die Gondel zu der Kaimauer, kletterte an Land und befestigte das Boot. Philippe ließ ich sicherheitshalber zurück. Schließlich wusste ich nicht, wo und bei wem ich gelandet war. Mir einen Hoffnungsschimmer zu schicken, der in die Hölle führte, traute ich Sanctifer allemal zu.

Hinter der Tür empfing mich funkelndes Gold. Geblendet schloss ich die Augen, bis mir einfiel, dass es nicht besonders schlau war, blind in die Arme eines Racheengels zu stolpern. Die mit goldenen Mosaiksteinen verzierten Wände und die Wendeltreppe konnten nirgendwo anders hinführen als in die Markuskirche.

Lautlos schlich ich die Stufen nach oben. Dass die Treppe in eine Art Beichtstuhl führte, kam mir äußerst gelegen, weil ich so unbemerkt die Basilika ausspionieren konnte. Am Ende meiner Prüfung war ich hier von sechs Racheengeln empfangen worden. Heute stand der schwarze Altar, auf dem sich das goldgelbe Licht der Wände widerspiegelte, einsam und verlassen unter der zentralen Kuppel.

Um sicherzugehen, dass ich wirklich allein war, blieb ich in meinem Versteck und wartete. Solange Philippe noch im Boot war, wollte ich weder auf Christopher noch auf einen anderen Engel treffen. Ganz ohne Hilfe würde es jedoch schwer werden, Philippe in seine Welt zurückzubringen. Denn im Gegensatz zu einem normalen Engel fehlte mir die Fähigkeit, Portale zu spüren, mit denen man die Welten wechseln konnte. Außerdem benötigte ich ein passendes Wächterband, um diesen Zugang zu öffnen – dazu brauchte ich Paul.

Paul und ich hatten den größten Teil der Engelprüfungen gemeinsam bestritten. Im Grunde verdankte ich es ihm und seinem Können, überhaupt bis zu meiner Racheengelprüfung gekommen zu sein. Auch er war Schüler im Schloss der Engel und würde, wie ich, dorthin zurückkehren. Ich, um mein Racheengeltraining fortzusetzen, und Paul, um seine Wächterengelausbildung zu beginnen. Philippe durch das Portal des Palazzos zu schmuggeln, wo Paul untergebracht war, würde eine Kleinigkeit für ihn werden – und das eine Weile geheim zu halten, hoffentlich auch.

Nachdem ich mich abgesichert hatte, dass die Markuskirche engelfrei war, schlich ich zu Philippe zurück. Er fror noch immer erbärmlich und hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Selbst das goldfunkelnde Licht schien ihm nicht besonders gut zu bekommen. Mit geschlossenen Augen ließ er sich von mir die schmale Wendeltreppe nach oben schieben, um dort völlig entkräftet in den Beichtstuhl zu sinken.

»Philippe«, flüsterte ich ihm ins Ohr. »Du kannst dich jetzt nicht ausruhen. Wir müssen weiter!« Entschlossen packte ich ihn unter den Schultern und zerrte ihn hoch. Obwohl Philippe eher zu den Schlaksigen gehörte, kostete es mich einiges an Kraft, bis er endlich wieder auf seinen Beinen stand. Ihn durch die Basilika bis zum Palazzo zu schleppen würde nicht leicht werden. Vielleicht sollte ich Philippe hierlassen und Paul bitten, mir zu helfen, ihn abzuholen.

Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Noch bevor ich einen Blick durch das Holzgitter werfen konnte, schwang es auf. Eine riesige Pranke packte meinen Arm und hielt mich fest. Ich konnte Philippe gerade noch in den Beichtstuhl zurückdrücken, bevor ich aus meinem Versteck gerissen wurde.

»Sieh einer an. Gerade frisch geschlüpft und schon auf Abwegen?!«

Kapitel 3
Schlupflöcher

Zwei Augen mit goldfarben aufleuchtenden Sprenkeln hefteten sich auf mein Gesicht und suchten nach einer Erklärung. Entweder hielt er hier rund um die Uhr Wache, oder ich besaß ein untrügliches Gespür dafür, ausgerechnet ihn hier anzutreffen.

»Was ist?! Hat es dir die Sprache verschlagen? Oder soll ich lieber dein schwächelndes Anhängsel fragen?« Bevor der Engel mit den goldenen Augen und dem fremdartigen Gesicht, das mich an einen Mayagott denken ließ, einen weiteren Blick auf Philippe werfen konnte, versperrte ich ihm die Sicht. Philippe hatte bei Sanctifer genug durchgemacht. Ihm einen Racheengel vorzustellen, wollte ich meinem menschlichen Freund ersparen – obwohl er mit Christopher ja schon einen kennengelernt hatte. Genau genommen eineinhalb. Ganz zählte ich als Novizin anscheinend ja noch nicht dazu.

»Soweit ich weiß, brauche ich inzwischen nur bei den Treffen des Zirkels eine Einladung, um die Basilika betreten zu dürfen«, erwiderte ich mit gespielter Gelassenheit, während ich dem Goldaugenengel meinen Arm entzog. Bei meinem ersten Besuch hatte er mir wegen unbefugten Betretens seine Klauen in die Oberarme gerammt. Die Erinnerung daran weckte ein fieses Prickeln an der Stelle, wo er mich gerade eben noch festgehalten hatte.

»Du nicht – er schon!«, donnerte Goldauge so laut, dass seine mächtige Stimme durch das Kirchenschiff hallte.

»Die wird er dann wohl haben«, bluffte ich. So schnell würde ich nicht aufgeben.

Mein Gegenüber schien dasselbe vorzuhaben. Breitbeinig baute er sich vor mir auf und verschränkte die Arme vor der Brust, so dass ich zwischen ihm und dem Beichtstuhl feststeckte. Wie Aron, wenn er überlegte, ob er mir eine Extrarunde Krafttraining aufbrummen oder in schallendes Gelächter ausbrechen sollte, runzelte der Engel seine Stirn. Immerhin hatte er weder seine Klauen noch sein Engelschwert ausgepackt. Vielleicht bestand ja noch Hoffnung, ungeschoren an dem ein Meter neunzig großen, schwarzgewandeten Racheengel vorbeizukommen.

»Und ausgerechnet du wurdest beauftragt, dieses bibbernde Elend in seine Welt zurückzubringen?«, fragte er misstrauisch.

Ich ließ mir meine Überraschung nicht anmerken. Mein Gegenüber wusste, dass Philippe kein Engel war? Spürte er, dass seine menschliche Seele in Gefahr schwebte? Oder hatte Sanctifer ihn darüber informiert, dass ich in der Basilika aufkreuzen würde? So oder so, ich hatte keine Wahl: Entweder er ließ mich und Philippe passieren, oder wir steckten beide in noch größeren Schwierigkeiten.

»Warum nicht? Oder möchtest lieber du ihn zurückschaffen?« Zwei Gegenfragen waren besser als eine falsche Antwort.

»Ich?! Ganz sicher nicht.« Die Goldsprenkel in den Augen des Racheengels wurden heller – offenbar hatte er meine Taktik gerade durchschaut.

Meine Muskeln spannten sich an, bereit, einem Angriff auszuweichen. Doch der Engel hielt sich zurück – noch.

»Aber du hast mir meine Frage nicht beantwortet«, erinnerte er mich daran, ihm den Grund zu verraten, warum Philippe bei mir war.

Kaum merklich bewegte sich Goldauge auf mich zu und engte meinen Bewegungsspielraum ein. Anstatt zurückzuweichen, kam ich ihm entgegen. Gut, dass er nicht wusste, wie viel Überwindung mich dieser Schritt gekostet hatte.

»Ich kenne ihn von früher«, sagte ich so ruhig wie möglich und hielt dem stechenden Blick des Racheengels stand.

»Dann zeig mir sein Berechtigungsband!«

Berechtigungsband? Was, verdammt noch mal, war ein Berechtigungsband?!

»Seit wann übernehmen Racheengel die Funktion eines Portalwächters?«, fragte ich, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Meine Stimme klang fest genug, um Selbstsicherheit vorzutäuschen. Leider sah mein Gegenüber das anders.

»Immer dann, wenn die Gefahr besteht, dass eine Lüge im Raum schwebt.«

Inzwischen war sein Gesicht meinem so nah, dass ich sehen konnte, wie die goldenen Sprenkel in seinen bernsteinfarbenen Augen sich zusammenzogen.

»Du bist ganz schön mutig, kleiner Engel. Vielleicht lag Christopher doch nicht so falsch, ausgerechnet dich auszuwählen.«

Meine Standhaftigkeit knickte ein. Abgesehen davon, dass Goldauge mich mal wieder kleiner Engel nannte, mich zu einem Racheengel zu machen lag ganz und gar nicht in Christophers Absicht. Bedrückt wich ich seinem bohrenden Engelsblick aus.

»Also stimmt es, dass deine Erwählung ein, sagen wir, kleiner Unfall war.« Mein Gegenüber trat einen Schritt zurück und ließ mir Platz zum Atmen. »Dann ist es umso erstaunlicher, wie du die Prüfungen gemeistert hast.«

War das etwa ein Lob aus dem Mund dieses Racheengels? Überrascht sah ich auf. Meine Freude kam zu früh. Das Gold in seinen Augen weitete sich wieder aus.

»Wer hat dir den Menschen anvertraut? – Und denk erst nach, bevor du antwortest. Lügen können schmerzhaft enden.«

Ein Frösteln durchzog mich. Mein Gegenüber ließ das kalt. Dass ich mich vor ihm fürchtete, schien für ihn das Normalste überhaupt zu sein. Und was er als schmerzhaft bezeichnete, wenn klauendurchbohrte Arme seiner Meinung nach nur eine Warnung waren, wollte ich mir erst gar nicht ausmalen. Also hielt ich mich an die Wahrheit und formulierte sie nur ein wenig zurecht, in der Hoffnung, dass der Befehl eines Ratsmitglieds auch bei Racheengeln Wirkung zeigte.

»Philippe«, ich deutete auf den Beichtstuhl in meinem Rücken, »ist … war ein Freund von mir. Und offenbar hat das Mitglied des Rats, das ihn zu sich geholt hat, noch einiges mit ihm vor. Deshalb wollte er sicherstellen, dass er unbehelligt nach Hause gebracht wird.« Das Unbehelligt betonte ich vorsichtshalber, um klarzustellen, dass Philippe unversehrt in seiner Welt ankommen sollte.

»Dann dürfte es ja wohl kein Problem sein, mir sein Berechtigungsband zu zeigen.« Die Stimme des Racheengels war schneidend. Unerbittlichkeit spiegelte sich in ihr wider.

Als ich spürte, wie etwas Dunkles in ihm erwachte, wich ich so weit wie möglich zurück. Ohne Philippe im Schlepptau hätte ich jetzt das Weite gesucht.

Goldauge quittierte meine Furcht, indem er mich beiseitewischte, als wäre ich Luft, während er gleichzeitig Philippe aus dem Beichtstuhl zerrte.

Geblendet von funkelndem Goldlicht presste sich mein menschlicher Freund den Arm vors Gesicht. Vielleicht war es gut, dass er die überirdische Gestalt vor ihm nicht allzu deutlich sehen konnte. Sicher hätte er dann nicht nur leise aufgestöhnt, sondern panisch geschrien, da die Augen des Racheengels inzwischen glühten wie flüssiges Gold. Selbst mir, die ziemlich oft in wutfunkelnde Engelsaugen geblickt hatte, blieb die Luft weg. Christophers Iris erstarrte wenigstens zu kaltem Jadegrün, was irgendwie noch fassbar war. Aber lodernder Zorn geballt in glühendem Gold? Furchteinflößender konnte ein Racheengel nicht schauen – jedenfalls nicht, solange er ein Engel war. Dass er das bleiben würde, konnte ich nur hoffen.

Trotz Schock und Gänsehaut packte ich Goldauges Arm, um Philippe aus der eisernen Umklammerung zu befreien. Mein Eingreifen bescherte mir einen warnenden Blick und einen zweiten Schubser. Dieses Mal krachte ich gegen das Türgitter des Beichtstuhls. Noch beim Hochrappeln schnappte mich der Racheengel am Nacken, um mich auf Abstand zu halten.

»Warum so aggressiv, kleiner Engel, wenn dein Freund doch alles bei sich trägt, was er benötigt? Ein Universalarmband erhält nicht jeder.«

Auch ich entdeckte das Band an Philippes freigelegtem Oberarm. Drei verschieden geprägte Silbermünzen, zusammengehalten von einem ledernen Flechtwerk, blinkten mir entgegen.

»Wenn du mir versprichst, dich zu beruhigen, lasse ich dich jetzt los.« Die Aufforderung galt mir.

Ich nickte schnell, um der Pranke des Racheengels zu entkommen. Er schob eine kurze Warnung hinterher, indem er seine Finger noch ein wenig fester in meinen Nacken drückte, bevor er mich losließ.

»Dein Freund hat ganz schön viel Blut gelassen. Wohin wolltest du ihn bringen?«

»Ich? In …« Meine Gedanken überschlugen sich. Philippe litt unter Blutmangel? Warum? Was hatte Sanctifer ihm angetan? »Ist … ist er verletzt?« Hektisch flog mein Blick über Philippes zitternden Körper.

»Du scheinst noch nicht allzu viel über Engel zu wissen. Aron sollte dich nicht länger in Watte packen, wenn du hier bestehen willst«, bekam ich als Antwort zu hören.

Ich vergaß, meinem Gegenüber zu erklären, dass Aron ganz bestimmt nicht zimperlich mit mir umging, als der Racheengel Philippes entblößten Arm umdrehte. Ein roter Punkt reihte sich an den Nächsten. Einstichstellen. Sanctifer hatte Philippe regelrecht zur Ader gelassen. Kein Wunder, dass seine Haut so weiß wie Puderzucker schimmerte.

Vorsichtig, als könnte meine Berührung die Stellen zum Bluten bringen, strich ich sanft über Philippes Arm. Er zuckte nicht zurück. Aber vielleicht war er nur zu schwach dazu.

Goldauge verlor die Geduld, packte mein Handgelenk und zwang mich, ihn anzusehen.

Schließlich wiederholte er seine Frage, zu welchem Portal ich Philippe bringen wollte.

»Zu… zum Palazzo, wo die Prüflinge vom Schloss der Engel untergebracht sind«, stammelte ich noch immer entsetzt über Sanctifers Grausamkeit.

»Das ist zu weit. Es sei denn, deine Flugkünste haben sich in den vergangenen Tagen enorm verbessert. Oder ist es nicht wichtig, in welchem Zustand du ihn ablieferst?« Dass er damit meinte, egal ob tot oder lebendig, war klar. Goldauge war kein Schutzengel, der Menschen rettete, sondern ein Racheengel, der dazu geschaffen wurde, Engelleben zu verkürzen.

Ich schüttelte den Kopf, unfähig, ein halbwegs freundliches Nein herauszubringen, weil in mir gerade dunkle Rachegefühle auftauchten. Sollte Philippe meinetwegen sterben, wäre es mir egal, wie lange es nach meinem Besuch bei Sanctifer dauern würde, wieder aus meiner Schattengestalt zurückzufinden, falls ich die Beherrschung verlor.

Meine Klauen drängten hervor und aktivierten die Spangen, die sie zurückhielten. Ich ignorierte den Schmerz und hoffte, dass nicht gleich rote Schleier durch mein Gesichtsfeld flirrten. Sie erschienen immer dann, wenn ich meiner dämonischen Seite zu viel Macht einräumte.

Zwei große Hände packten meine Schultern und schüttelten mich.

»Nicht in der Basilika!«, dröhnte eine dunkle Stimme in meinem Kopf. »Wenn du deinem Freund helfen willst, bring ihn zurück und sorge dafür, dass er nicht erneut die Aufmerksamkeit eines Ratsmitglieds auf sich zieht.«

Ohne abzuwarten, bis ich wieder klar denken konnte, schulterte der großgewachsene Engel Philippe und bugsierte mich zu einer unscheinbaren Altarnische. Durch eine verborgene Tür brachte er uns in einen fensterlosen Raum – natürlich vergoldet – mit einem runden Taufstein in der Mitte.

Der dunkle Teil in mir beruhigte sich. Die leise Panik, die meinen Nacken entlangkribbelte, riet mir, dennoch wachsam zu bleiben. Vielleicht wollte der Engel Philippe und mich hier einsperren, um Christopher zu holen – oder Sanctifer? Nein, Sanctifer schied aus. Schließlich hatte Goldauge mir geraten, Philippe vor dem Rat zu schützen. Christopher dagegen schien durchaus denkbar. Vermutlich sollte ich mir für ihn und Aron endlich eine halbwegs vernünftige Erklärung einfallen lassen, damit ich nicht wieder unter Dauerbeobachtung gestellt wurde.

Mit derselben Leichtigkeit, wie er Philippe hochgehoben hatte, schob der Racheengel das steinerne Taufbecken beiseite. Ein rundes, dunkles Loch kam zum Vorschein, das sich in der Tiefe verlor. Lediglich ein leises Gluckern verriet, dass es im Wasser endete.

»Lass deinen Freund nicht los, während du durchs Portal rutschst, sonst landet nur er in seiner Welt – und allein wird er es in seinem Zustand wohl kaum ans Ufer schaffen. Am besten, du rufst einen Notarzt und verschwindest, bevor dir zu viele Fragen gestellt werden, wenn dein Ausflug unbemerkt bleiben soll.«

Der Plan hörte sich gut an. Meine Angst vor dem fremden Engel verblasste ein wenig – meine Skepsis nicht.

»Und wer sagt mir, dass das nicht eine w … eine Falle ist?« Zum Glück gelang es mir, das weitere rechtzeitig zu vernuscheln. Er musste nicht wissen, dass Sanctifer ein Auge auf mich geworfen hatte und ich nicht ganz so freiwillig hier war, wie ich behauptete.

»Kluger Engel«, lobte mich mein Gegenüber. »Aber in diesem Fall bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als mir zu vertrauen. Vielleicht hilft es dir, zu wissen, dass nicht jedes Mitglied des Rats meine Zustimmung genießt.« Ob Goldauge damit Sanctifer oder einen anderen Engel meinte, ließ er offen. »Und? Bereit für den Sprung ins Ungewisse?«

Seine Bemerkung entlockte mir ein Zähneknirschen, was ihn zum Grinsen brachte. Ich nickte trotzdem und ließ mir helfen, Philippe vor mir auf die Kante zu setzen. Dass er sich willenlos fügte, verriet mir, wie wenig Philippe noch davon mitbekam, was um ihn herum passierte. Es wurde höchste Zeit, ihn in ein Krankenhaus zu schaffen.

»Viel Glück – und bis bald, kleiner Engel«, hörte ich den Racheengel noch mit beunruhigend dunkler Stimme rufen.

Sein Geruch begleitete mich auf unserer Rutschpartie. Honigwein, Oblate und Muskatnuss, wie ich jetzt deutlich unterscheiden konnte – was für eine eigentümliche Mischung für einen Racheengel.

Nach dem fast senkrecht in die Tiefe stürzenden Anfang schraubte sich die Röhre deutlich flacher nach unten. Schwindelig wurde mir trotzdem. Gut, dass ich bereits saß, als ich die Grenze aus Engelsmagie durchbrach.

Zweimal innerhalb kürzester Zeit in kaltes Wasser zu klatschen fühlte sich grausam an. Und eine Pause zum Durchatmen bekam ich auch nicht. Beschleunigt durch die Schlitterfahrt rutschte mir Philippe aus den Armen und versank in der Tiefe. Das spärliche Licht, das durch eine vergitterte Öffnung fiel, durchdrang das trübe Wasser kaum tiefer als einen Meter.

Panisch vor Angst, ihn nicht wiederzufinden, tauchte ich Philippe hinterher. Ich musste ihn zu fassen bekommen, bevor ihn der Kanal verschluckte.

Wuschelige Fäden streiften meine Finger. Erkennen, was mich berührt hatte, konnte ich schon seit zwei Metern nicht mehr. Ich hoffte, dass es Philippes dunkle Kräuselhaare waren und nicht irgendetwas Gruseliges, und packte fester zu. Haare. Eindeutig! Ein riesengroßer Stein fiel mir vom Herzen, was mir half, schneller wieder aufzutauchen.

Im Schleppgriff bugsierte ich Philippe zu einem kleinen Vorsprung neben der Öffnung. Sein Herz schlug noch, wenn auch nur sehr schwach. Sicherheitshalber beatmete ich ihn, bis ich spürte, dass er von selbst Luft holte. Christopher hatte dasselbe mit einer Mitschülerin vom Internat gemacht. Ich war ausgerastet, weil ich dabei war, ein Racheengel zu werden. Inzwischen würde ich gelassener reagieren – zumindest wünschte ich mir das.

Ein Blick durch das Gitter verriet mir, dass ich mich neben der Markuskirche auf der rückwärtigen Seite des Dogenpalastes befand – in Philippes Welt. Der Engel hatte Wort gehalten. Erleichtert atmete ich auf, bevor ich tief Luft holte, um noch einmal abzutauchen. Am Fuß der Öffnung fand ich den Riegel, der das Gitter in seiner Position hielt. Ein stummer Fluch, und der Schieber gab nach.

Ich schwamm zu Philippe, kontrollierte seinen Puls und zog ihn ins Wasser. Die Sonne stand schon ziemlich tief. Rechtzeitig zum Lichtmeerfest zurück zu sein würde knapp werden – aber es gab Wichtigeres.

Der Schatten des Dogenpalastes verbarg uns vor neugierigen Blicken. Ich wartete dennoch, bis die gegenüberliegende Gasse unbelebt war, ehe ich mit Philippe unser Versteck verließ. Bis zur Mitte des Kanals kam ich. Dann entdeckte uns ein älteres in Spitze und Samt gekleidetes Pärchen, das aus einem noblen Kostümverleihgeschäft stolzierte. Ihr fortgeschrittenes Alter und die edle Kleidung hielten sie offenbar davon ab, mir zu helfen und in den Kanal zu springen. Ich nahm es ihnen nicht übel. Philippe die paar Meter ans Ufer zu schleppen gehörte zu den einfacheren Dingen des heutigen Tages – der noch nicht zu Ende war. Immerhin hatte die Frau im orangefarbenen Kleid gleich ein Handy parat, während ihr Begleiter mir half, Philippe aus dem Wasser zu ziehen.

»Ich hab den Typen erst zusammenbrechen und dann ins Wasser fallen sehen.« Mit dem Typen meinte ich Philippe. »Wahrscheinlich Kreislaufprobleme, oder er hat zu tief ins Glas geschaut«, fügte ich ein wenig abwertend hinzu, als ich neben dem Mann und dem tropfnassen Philippe niederkniete.

»Ruf den Notarzt«, forderte der Kostümierte seine Partnerin auf, ohne mich weiter zu beachten. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Philippe. »Dem geht’s nicht besonders gut. Sein Herz schlägt ziemlich unregelmäßig«, klärte er mich dennoch auf, nachdem er nahezu profihaft meinen Freund untersucht, ihm in den Mund geschaut und ihn dann auf die Seite gedreht hatte.

Ich zog mich zurück, als der Kreis Schaulustiger immer dichter wurde. Doch erst als der Notarzt eintraf und ich sicher sein konnte, dass Philippe in guten Händen war, verschwand ich in der Menge.

Der Abtransport zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Niemand bemerkte, wie ich am Ende der Kanalgasse ins Wasser glitt. Ich musste zurück in meine Welt und herausfinden, wie ich Sanctifers Forderung umgehen und Christopher und Philippe vor ihm schützen konnte.

Das Gitter erreichte ich, ohne aufzutauchen. Wo es einen Ausgang gab, musste auch ein Eingang sein. Mit dem Berechtigungsband, das ich Philippe abgenommen hatte, konnte ich, falls ich den Racheengel richtig verstanden hatte, überall die Welten wechseln. Das Portal, das ich von meiner Engelsprüfung kannte, würde ich nur im Notfall benutzen. Es führte direkt in den Dogenpalast, den Sitz des Rats der Engel – ein Ort, den ich meiden wollte. Dann lieber Goldauge ein zweites Mal gegenüberstehen. Der wusste sowieso Bescheid.

Ich brauchte eine Weile, bis ich in dem düsteren Schacht den unter Wasser liegenden Zugang fand. In das dunkle Loch hineinzutauchen kostete mich einiges an Überwindung. Glücklicherweise erwarteten mich keine Ungeheuer, sondern ein weiterer goldfunkelnder Raum mit Wendeltreppe – und heftige Engelsmagie. Blinkende Sternchen tanzten vor meiner Nase, noch ehe ich den erhöht liegenden Absatz erreichte. Kraftlos versank ich in der Tiefe. Schwarze Löcher zogen vorbei. Ein verwirrendes Tupfenmuster in einem bodenlosen Schacht. Mein Verstand suchte einen Hinweis, wozu die vielen Öffnungen dienten, bis mir wieder einfiel, dass ich kein Fisch war und Luft zum Atmen brauchte.

Japsend durchstieß ich die Wasseroberfläche und schnappte nach Luft. Zuerst Sternchen, dann schwarze Löcher. Bestimmt wären demnächst Meerjungfrauen aufgetaucht, um mich in die Tiefe zu locken. So langsam sollte ich eigentlich kapiert haben, dass die Basilika mit reichlich Engelsmagie gesichert war. Wenigstens wusste ich jetzt, dass ich mich wieder in der Engelswelt befand.

Ich gönnte mir eine Verschnaufpause, bevor ich die Wendeltreppe hochstapfte. Dennoch außer Atem landete ich in einer Ansammlung von Säulen, von der sich eine verschieben ließ. Natürlich befand ich mich nicht in der Nähe des Ausgangs, sondern am anderen Ende der Basilika. Unbemerkt an dem wachestehenden Engel vorbeizukommen war quasi unmöglich. Breitbeinig, mit in die Hüften gestemmten Armen, beobachtete Goldauge, wie ich mit durchgedrücktem Rücken und erhobenem Kopf die Kirchenhalle durchquerte. Ich deutete es als Fortschritt, dass er mich ungehindert passieren ließ.

Meine langen Haare zu einem Zopf gedreht, damit nicht gleich jeder sehen konnte, wie nass sie waren – bei meiner enganliegenden Hose und dem schwarzen Pulli fiel die Nässe sowieso kaum auf –, eilte ich über die Planken der für das heutige Fest inzwischen vollständig gefluteten Piazzetta. Neugierige Blicke verfolgten mich dennoch. Die ersten Engel standen bereits erwartungsvoll beisammen, um gemeinsam das Lichtmeerfest zu begehen.

Jeden Moment erwartete ich, Christopher in die Arme zu laufen, der mich mit einer senkrechten Falte auf der Stirn zur Rede stellte. Oder Aron, der mich für den Rest meines Venedigaufenthalts unter Hausarrest stellen würde.

Ich begegnete niemandem – auch nicht in meiner Wohnung. Unbemerkt huschte ich ins Bad, versteckte schnell die nassen Kleider und das Berechtigungsband hinter den Handtüchern im untersten Fach des Badezimmerschranks und schlüpfte unter die Dusche. So lange, bis nicht mehr graubraunes, sondern klares Wasser aus meinen Haaren tropfte, ließ ich mir das Wasser über den Kopf laufen. Die Wärme beruhigte mich und half mir, im Geiste die ersten Sätze zu formulieren, mit denen ich Christopher ablenken wollte, falls er meine Unruhe bemerkte – viel lieber hätte ich ihm mein Herz ausgeschüttet. Doch damit wollte ich warten, bis ich wusste, wie ich ihn daran hindern konnte, an meiner Stelle zu Sanctifer zu gehen.

Auf dem Flur zwischen Bad und Schlafzimmer traf ich auf den Engel mit dem athletischen Körper und dem hellen Engelshaar, der mein Herz schneller schlagen ließ – dieses Mal pochte es besonders heftig. Warme Smaragdaugen schmolzen zu flüssigen Edelsteinen, als Christopher mich, mit nichts als einem Badetuch bekleidet, ansah. Kurz zögerte er, bevor er seine Hand nach mir ausstreckte, um mir eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Und dann erschien sie, die senkrechte Falte zwischen seinen Augen.

Ahnte er, wo ich gewesen war? Kam jetzt das Kreuzverhör? Die Angst, ihn an Sanctifer zu verlieren, schmerzte unglaublich.

Doch in Christophers Augen blieb die Wärme. Langsam wanderte seine Hand über meine Wange und weiter zu meinem Mund. Sanft fuhr er mit dem Daumen über meine Unterlippe. Eine Sehnsucht lag in seinem Blick, die mir den Atem raubte.

Entschlossen schlang ich meine Arme um seinen Nacken. Sanctifer war vergessen. Und was Christophers Kuss mit mir anstellte, war mir egal. Ich brauchte ihn, seine Nähe, seine Wärme und die Gewissheit, dass er mich liebte. Gerade jetzt, wo ich selbst nicht wusste, was richtig oder falsch war.

Weiche Lippen legten sich auf meine. Gierig erwiderte ich den Kuss. Christopher vergaß seine Vorsicht und zog mich an sich. Früher als beim letzten Mal breitete sich das erdrückende Gefühl in mir aus. Meine Knie drohten nachzugeben. Ich kämpfte dagegen an, zwang meinen Körper, Christophers Anziehungskraft standzuhalten. Doch anscheinend hatte ich heute schon zu viel Kraft eingebüßt. Kurz bevor die Dunkelheit mich aufsog, schob Christopher mich von sich.

Mit einem kritischen Zug um die Mundwinkel beobachtete er, wie ich wieder zurückfand. Dass ich schneller als sonst einer Ohnmacht nahekam, während er mich küsste, gefiel ihm nicht. Aufmerksam suchte er in meinem Gesicht nach einem Grund für meine außergewöhnliche Schwäche. Als er die Luft einzog und sich meinen Haaren näherte, lehnte ich mich zurück, um ihm auszuweichen. Trotz intensiver Haarwäsche und Shampoo war ich mir nicht sicher, wirklich alle Duftspuren meiner Kanaltauchgänge ausgewaschen zu haben. Zum Glück hakte Christopher nicht nach.

»Wir sind spät dran. Du solltest dich beeilen, wenn du noch ein Leuchtschiff entzünden möchtest«, war alles, was er sagte, bevor er seinen Blick von mir löste und mich freigab.

Kapitel 4
Lichtmeerfest

Tausende waren gekommen. Die Stege, die über den Markusplatz und die kleinere Piazzetta vor dem Dogenpalast geführt hatten, waren verschwunden. Wer jetzt noch auf die andere Seite zu den für diese Nacht aufgebauten Plattformen kommen wollte, musste entweder durch hüfthohes Wasser waten oder fliegen – was für einen normalen Engel ja kein Problem darstellte.

Der Platz, auf dem wir uns trafen, befand sich nur wenige Meter von meiner Unterkunft entfernt, am Ende des erhöht gelegenen Säulengangs, in der Nähe des alles überragenden Glockenturms. Aber nicht nur hier, im Herzen der Stadt, hatten sich die Engel versammelt. An allen Uferpromenaden und Gassen, die an einen Kanal grenzten, standen sie in weiße Mäntel gehüllt und beobachteten, wie die Nacht heraufzog.

Auch ich trug einen hellen Umhang, ebenso wie Christopher, Aron und die Prüflinge vom Schloss der Engel samt ihren Protegés. Das Ende des Karnevals rückte näher und mit ihm das Abschiednehmen. Im Gegensatz zu den Protegés, die während der Prüfungen als Übungsdummys herhalten mussten, würden von den anderen Schülern nur Paul und ich ins Schloss zurückkehren. Auf Leonie, Sebastian und den Rest der Prüflinge wartete eine neue Aufgabe. Sie würden einen erfahrenen Schutzengel begleiten, bis sie bereit waren, einen eigenen Schützling zugewiesen zu bekommen.

Leonie standen Tränen im Gesicht, als sie die Kerze in ihrem Leuchtschiff anzündete und es ins Wasser gleiten ließ. »Ich vermiss dich schon jetzt«, schluchzte sie, als sie Aron um den Hals fiel. Sie umarmte auch Christopher und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Ich sah beiseite und friemelte den Docht meines Leuchtschiffchens zurecht, obwohl er perfekt nach oben zeigte. Da ich inzwischen wusste, dass meine Eifersuchtsattacken durch meine Dämonengene verstärkt wurden, versuchte ich wenigstens auf andere gelassen zu wirken – was mir leider nicht immer gelang. Vermutlich deshalb ließ mich Aron während Leonies Kussanfall auch nicht aus den Augen. Ich gab vor, nichts zu bemerken, und kümmerte mich weiter um mein hölzernes Leuchtschiff. Schließlich warteten noch weitere Engelschüler und -schülerinnen darauf, sich von Christopher zu verabschieden.

Als es an dem hölzernen Boot, das am Ende selbst in Flammen aufgehen würde, nichts mehr zu richten gab, entzündete ich die Kerze, verfrachtete es ins Wasser und ergriff die Flucht. Paul diente mir als Rettungsanker.

»Wirst du mit Aron fliegen?«, fragte er.

»Ich dachte, wir nehmen alle den Zug?«

Paul brach in schallendes Gelächter aus, was meine Gelassenheit erneut auf die Probe stellte. Ich bestand und blieb ruhig. Schließlich klärte Paul mich auf.

»Nicht morgen, heute. Wenn die Kerzen entzündet sind, erheben sich alle Engel, um dem Strom der Lichterschiffchen zu folgen. Bleiben sie in der Lagune, erwartet uns ein ruhiges Jahr. Treiben sie ins offene Meer hinaus, wird es stürmisch.«

»Und? Wie stehen die Prognosen für heute?« Ich war mir sicher, dass darüber Wetten abgeschlossen wurden.

»Lagune, wie immer«, antwortete Paul. »Obwohl ich glaube, dass sie dieses Jahr nicht im geschützten Wasser bleiben.«

»Und warum nicht?« So, wie ich Paul kannte, hatte das etwas mit mir zu tun.

Paul schenkte mir eines seiner nur für mich reservierten Lynn-Grinsen. Offenbar wusste er, was ich dachte – oder mein Tonfall hatte doch ein wenig zu scharf geklungen.

»Lynn, du bist nicht der Ursprung allen Übels, auch wenn Aron dich noch immer beobachtet. Es ist Neumond, und im Hinterland braut sich ein Sturm zusammen. Die Flut wird heute also ein wenig stärker ausfallen als sonst. Das ist alles. Aber wahrscheinlich verliere ich meine Wette und muss für die nächsten zwei Monate Ovoostöcke schnitzen.« Wie um seine Sturmwarnung zu bestätigen, fegte eine Böe die Häuserzeilen entlang und brachte die Wasseroberfläche auf dem gefluteten Markusplatz zum Kräuseln.

Ich wickelte mich in meinen weißen Umhang, um mich vor dem schneidenden Wind zu schützen, während Paul von Sebastian in Beschlag genommen wurde. Keine Sekunde später stand Christopher hinter mir, schlang seine starken Arme um meinen fröstelnden Körper und zog mich beiseite in den Schatten des Campanile. Seine Wärme beruhigte mich, seine Nähe vertrieb die Angst, ihn an Sanctifer zu verlieren.

»Wir müssen beide noch viel lernen«, flüsterte er mir ins Ohr. »Du, deine Eifersucht zu zügeln, und ich, meine Energie, damit ich dich endlich so küssen kann, wie ich das schon lange tun möchte.«

Auch ich sehnte mich nach mehr, doch Christophers Stärke war meine Schwäche. Sobald er mich küsste, wanderte meine Engelsmagie zu ihm, und ich fiel in Ohnmacht.

»Verzeihst du mir, dass ich …«, Christopher suchte nach den richtigen Worten, was bei ihm nur selten vorkam. Natürlich gab er sich die Schuld, dass ich heute besonders schnell eingeknickt war. »Du hast eine kräftezehrende Prüfung hinter dir, auf die du nicht vorbereitet warst. Doch anstatt dir eine Erholungspause zu gönnen, raube ich dir auch noch den letzten Rest deiner Engelsenergie.«

»Das hast du nicht.« – Zumindest nicht alles.

Um ihm zu beweisen, dass ich einem weiteren Kuss dieses Mal länger standhalten würde, versuchte ich, mich aus Christophers Griff zu winden. Er ließ nicht zu, dass ich mich zu ihm umdrehte. Wie zwei Stahlbänder hielten seine Arme mich gefangen. Ich ergab mich seinem fesselnden Griff, drückte meinen Rücken gegen seinen muskulösen Körper und schloss die Augen. Christophers Arme waren das einzige Gefängnis, aus dem ich niemals fliehen würde.

»Verzeihst du mir?«

Ich murmelte ein »Ja«, unfähig, meine Stimme zu finden, und nickte, um sicherzustellen, dass ich seine Entschuldigung angenommen hatte.

Christopher hauchte mir einen sanften Kuss in den Nacken, der heiße Schauer durch meinen Körper jagte. Beim zweiten wurde mir schwindelig. Christopher bemerkte es und löste seine Lippen von meinem Hals.

»Und wenn es eine Ewigkeit dauert, bis ich lerne, dich zu küssen, solange du es nicht leid wirst, werde ich niemals damit aufhören.«

»Dann solltest du vielleicht ein wenig öfter üben, damit dein Lernerfolg nicht ins Stocken gerät«, neckte ich ihn in der Hoffnung, seinen Mund schnell wieder auf meiner Haut zu spüren. Ich hätte mir denken können, dass Christopher sich nicht manipulieren ließ. Dass mein Wunsch, geküsst zu werden, mich auf Treibsand führen würde, konnte ich natürlich nicht voraussehen.

»Nur wenn du mir versprichst, aufrichtig zu sein«, forderte er.

Mein Inneres versteifte sich. Bezog sich das Versprechen nur aufs Küssen oder ahnte Christopher, was ich ihm vorenthielt? Wusste er von meinem Treffen mit Sanctifer oder dem Racheengel mit den goldenen Augen? Um meine Unsicherheit zu verbergen, umklammerte ich seine Arme, drückte mich fester gegen seinen Körper, damit er mich nicht plötzlich zu sich umdrehen konnte, und stellte eine Gegenfrage.

»Und was ist mit dir?«

»Ich?«, fragte Christopher scheinheilig. »Ich werde aufhören, dich zu küssen, wenn ich genug von dir habe – aber ob das jemals passieren wird?« Um mir zu beweisen, dass das niemals der Fall sein würde, übersäte er meinen Nacken mit vielen kleinen Küssen, wobei er sorgfältig darauf achtete, mir genügend Erholungspausen zu gönnen.

Ich schloss die Augen und ließ mich auf meiner Wolke sieben treiben, bis Christopher sie verdampfen ließ.

»Und, wie lautet deine Antwort?«

»Ich werde einen anderen küssen, wenn ich dich nicht mehr ertragen kann.« Obwohl ich versuchte, ironisch zu klingen, schwang in meiner Stimme mehr als nur ein Funke Eifersucht mit. Ich war froh, dass Christopher mit einem Schmunzeln reagierte.

»Dann muss ich mich wohl anstrengen, damit es nicht so weit kommt.«

»Bist du niemals eifersüchtig?«, fragte ich frustriert.

»Doch. Seit du kein hilfloses kleines Wesen, sondern ein mächtiger Racheengel bist, und ich weiß, wie unglaublich verliebt ein Racheengel sein kann, sehr sogar.«

Christophers Eingeständnis kam überraschend. Um in seinem Gesicht lesen zu können, ob er mich nur aufzog oder es tatsächlich ernst meinte, ließ ich seine Arme los und drehte mich zu ihm um. Dieses Mal erlaubte er mir, seiner Umarmung zu entkommen.

»Dich und Paul zusammen lachen zu sehen, hat mich zu dir gelockt«, gab Christopher zu.

»Und deshalb wirst du mich gleich von hier verschleppen und in einen einsamen Turm stecken, damit du mich ganz allein für dich hast«, scherzte ich. Einem Gespräch, über Eifersucht bei Racheengeln und wie sie in den Griff zu bekommen war, fühlte ich mich im Moment nicht gewachsen – Christophers Augen funkelten viel zu gefährlich.

»Du solltest mich nicht auf dumme Gedanken bringen«, warnte er mich.

Wie ein heißer Windstoß brachten seine Worte etwas in mir zum Schwingen. Ganz von allein öffneten sich meine Lippen. Christopher beugte sich zu mir herunter, doch anstatt mich zu küssen, verstärkte er wieder den Griff um meine Taille.

Rasend schnell verlor ich den Boden unter den Füßen. Der überraschte Aufschrei, der mir entschlüpfte, als er senkrecht mit mir nach oben flog, entlockte Christopher ein samtwarmes Lachen, das meinen Gefühlspegel zum Überlaufen brachte. Erst als er die Stelle erreichte, wo wirklich alle, die sich auf dem großen Markusplatz und der Piazzetta versammelt hatten, uns sehen konnten, drosselte er sein rasantes Tempo. Allerdings nur, um ein weit aufsehenerregenderes Flugmanöver einzuleiten. Senkrecht schraubte er sich mit mir in den Nachthimmel, verharrte kurz bei der Aussichtsplattform des Campanile, um sich danach über den höchsten Punkt der Stadt zu erheben.

Racheengel zeigten sich nicht oft in ihrer Engelsgestalt – die anderen Engel fürchteten uns, weil sie wussten, was in uns steckte. Doch auch ohne Christophers auffällige Gestalt und seine von hellen Blitzen durchzogenen Flügel wären wir die Attraktion des Abends gewesen. Racheengel flogen selten in aller Öffentlichkeit. Gemeinsam niemals!

»Du Angeber«, beschwerte ich mich. »Hätte ich gewusst, dass du mich vor den Augen der versammelten Engelschar entführst, hätte ich mich niemals mit dir eingelassen.«

Christopher wusste, dass ich scherzte, doch anstatt mir Kontra zu geben, hüllte er sich in Schweigen. Sein Flügelschlag verlangsamte sich, bis unser Aufwärtsflug zum Stillstand kam.

»Es ist für die Engel dort unten nicht einfach, zu akzeptieren, dass zwei Racheengel sich gut verstehen«, begann er.

Ich schluckte meinen Einwand, mehr für ihn zu empfinden als bloßes Verständnis. Christopher war nicht der Typ Engel, der Aufmerksamkeit brauchte. Das ganze Manöver diente einem anderen Zweck, den er mir – im Gegensatz zu seinen sonstigen Gewohnheiten – gerade offenbaren wollte.

»Seit unserem ersten gemeinsamen Auftritt auf dem Dogenball sind wir das Gesprächsthema Nummer eins. Doch inzwischen hat sich eine Gruppe von Engeln zusammengefunden und die Dogin aufgefordert, ein Gesetz zu erlassen, das es Racheengeln verbietet, sich außerhalb der festgelegten Bereiche zu treffen. Sie fürchten, wir könnten uns zusammenschließen, um den Rat zu stürzen. Sie sehen in uns beiden eine drohende Gefahr.«

»Und? Ist das so? Wären die Racheengel mächtig genug, den Rat zu gefährden?«

Christopher lachte. Rau und widerwillig. »Mit ein wenig Unterstützung, die wir uns problemlos schaffen könnten, mit Sicherheit.«

Seine Antwort öffnete meinen verschlossen gehaltenen Fragenkatalog. Wie unzählige quicklebendige Flöhe schossen mir tausend Möglichkeiten durch den Kopf. Verbarg sich Sanctifer hinter der Sache mit dem Verbot? Welchen Kampf führte er gegen Christopher? Welchen führte Christopher gegen ihn? Und was für eine Rolle spielte ich eigentlich dabei? Aber vor allem eine Frage – die ich am liebsten aus meinem Kopf gerissen hätte – ließ mich nicht mehr los:

»Ist es das, wozu du mich brauchst?« Meine Stimme klang so bedrückt, wie ich mich fühlte.

Christophers Flügel umschlossen mich für einen wundervollen Augenblick und schirmten mich vor der Welt unter uns ab.

»Ich wusste, dass du das fragen würdest«, begann er. »Und wenn ich die Möglichkeit hätte, mit dir irgendwohin zu fliegen, wo niemand uns hasst oder fürchtet, könnte mich nichts aufhalten, dich dort in Sicherheit zu bringen.« Christophers Stimme klang weicher als Samt. »Doch weil das außerhalb meiner Möglichkeiten liegt, bleibt mir nur, jedem zu zeigen, wen er sich zum Feind macht, falls dir weitere Steine in den Weg gelegt werden.«

Christopher spielte auf meine unerwartete Engelprüfung an, die ich Sanctifer zu verdanken hatte. Doch ausgerechnet an einem Tag wie heute, wo alle Mächtigen der Engelswelt zuschauten, mit einem spektakulären Tandemflug erneut unsere Verbundenheit zu demonstrieren, war mehr als eine Warnung an seinen einstigen Mentor. Er war bereit, sich mit dem gesamten Rat anzulegen, einschließlich dessen Oberhauptes, der Dogin. Und obwohl ich keine Zweifel an Christophers Macht hegte, war ich mir über eines sicher: Dass er sich in Gefahr begab, um mich zu beschützen, so weit durfte ich es niemals kommen lassen. Dafür war mir sein Leben viel zu wertvoll.

»Ich werde nie wieder zulassen, dass dir jemand weh tut«, bestätigte er meine Befürchtung, sich gegen Sanctifer zu stellen.

»D

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