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Finsterwald

Wolfgang Beringer

Finsterwald

Manuel und der weiße Wolf


Für Adrian


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Wichtige Personen des Romans

Manuel Finsterwald

Clara Finsterwald                               seine Mutter

Richard Finsterwald                            sein Vater, geboren als Richard Heineke

Jolante Finsterwald                            seine Stiefmutter, geboren als Gertrud Meier

Henriette Finsterwald                         seine Großmutter

Kerim                                               Manuels Mitschüler und Freund

Lisa, Yvonne, Svenja                          Mitschülerinnen Manuels

Monika                                             Krankenschwester im Sanatorium Waldesruh

Dr. Johannes Overbeck                       Rechtsanwalt

Dr. Hans-Joachim Lehmann                  Arzt, Leiter des Sanatotiums Waldesruh

Ludwig Burgkmayr                              Kriminalhauptkommissar

Frau Höderlein                                   eine Frau mit vielen Geheimnissen

Martin Beerbaum                                Notar

Prolog

 Juli 1962

Über der Villa Finsterwald wütete ein schweres Gewitter. Ein Blitz, kurze Zeit später der Donner. Gleißendes, helles Licht, dem ein wütendes Grollen folgte.

Der kleine Junge zitterte am ganzen Leib. Tiefer und tiefer vergrub er sich in seine Decke. Die Augen hielt er geschlossen, so fest er nur konnte, um nicht von dem grellen Licht geblendet zu werden. Mit den Händen presste er sich die Ohren zu, damit er das Getöse des Gewitters nicht hören musste. Vergeblich. „Mama, Mama“, wimmerte er.

Manuel wickelte sich aus der Decke und krabbelte aus dem Bett. Er wollte zu seiner Mama. Ein greller Blitz, dem sofort der Donner folgte. Der Blitz hatte in der Villa eingeschlagen. Manuel zuckte zusammen und fiel vor Schreck auf den Hintern.

‚Warum kommt Mama nicht? Sie weiß doch, wie sehr ich mich vor Gewittern fürchte’, dachte er. Und was war das? In die Stille hinein, die dem Donner folgte, mischte sich ein Ton, den er noch nie gehört hatte. Abermals ein Blitz, dem ein Donnerschlag folgte. Und dann dieses unbekannte Geräusch.

‚Da heult ein Hund, aber wir haben doch gar keinen Hund.’ Das Heulen kam aus dem Garten. Manuel tapste zum Fenster. Mit seinen vier Jahren war er viel zu klein, um nach draußen sehen zu können. Schnaufend schob er einen Stuhl zum Fenster, kletterte hinauf und drückte seine Nase an die Fensterscheibe.

Grelles Licht, gefolgt von Donnergrollen. Manuel klammerte sich an der Stuhllehne fest, hielt krampfhaft die Augen auf und versuchte seine Angst zu überwinden. „Mama kommt bestimmt“, sprach er sich laut Mut zu.

Draußen tobte das Unwetter. Ein enormer Linienblitz erhellte den Garten. Und da – da sah Manuel ein riesiges weißes Tier. Es stand mitten auf der Wiese, riss sein Maul weit auf und heulte zu den Fenstern der Villa herauf. Erneut ein Blitz, dem dieses jaulende Heulen folgte, in das sich der Donner mischte und es schließlich übertönte.

Was das wohl für ein Tier war? Ein Hund war das nicht. Manuel kramte in seinen Erinnerungen. Da fiel ihm das Märchen von Rotkäppchen und dem Wolf ein, das ihm seine Mama oft genug erzählt hatte. Er bekam regelmäßig Gänsehaut, wenn sie davon erzählte, dass der Wolf das Rotkäppchen fressen wollte.

Jetzt war er sich sicher: Das ist ein Wolf. Ein leibhaftiger Wolf. Ob der ihn auch fressen wollte? Erschrocken trat er vom Fenster zurück und fiel prompt vom Stuhl. „Aua, aua.“ Tränen traten ihm in die Augen. Er rieb sich die schmerzende Stelle. Hatte er tatsächlich einen Wolf im Garten gesehen?

Seine Neugier verdrängte Angst und Schmerz. Er kletterte zurück auf den Stuhl und presste sein Gesicht ans Fenster. Ja nichts verpassen. Manuel wartete auf den nächsten Blitz. Im grellen Licht erschien der Wolf in Manuels Augen riesig. Dann folgte der Donner. Die rabenschwarze Nacht verschluckte das Tier wieder. Das Heulen ging unvermindert weiter.

Manuel hatte große Angst, konnte sich aber nicht von dem furchterregenden und ihn gleichzeitig in seinen Bann ziehenden Anblick lösen. Erneut ein Blitz. Der Wolf blickte zu ihm herauf. Was wollte er da unten? Warum heulte er? Manuel hätte den Wolf gern gefragt. Ängstlich blickte er nach draußen. ‚Ich bleibe lieber hier oben’, dachte er.

Unverwandt sah er in den Garten und wartete auf den nächsten Blitz. Blitz und Donner folgten unmittelbar hintereinander. Das Gewitter stand jetzt über dem Haus. Der Garten war taghell erleuchtet. Stille. Kein Heulen. nur der Donner. Der Wolf war fort.

Noch lange drückte Manuel sich am Fenster die Nase platt und wartete, dass der Wolf zurückkäme. Schließlich gab er auf und trippelte so schnell er konnte zum Krankenzimmer seiner Mama.

Mühsam drückte er die Klinke zu Mamas Tür herunter und schob sie auf. Manuels Vater Richard saß in einem Sessel und schnarchte. ‚Papa hat den Wolf bestimmt nicht gehört’.

Manuel trat ans Bett seiner Mama und rief: „Mama, Mama, ich habe einen Wolf gesehen.“ Sie rührte sich nicht. Er versuchte sie zu wecken, fasste ihre Hand und zog daran. Mama rührte sich nicht. „Mama, wach auf!“ Diesmal rief er es lauter.

Eine Tür öffnete sich. Manuels Oma, betrat das Zimmer im Nachthemd. Sie hatte im Nebenzimmer geschlafen, um im Notfall schnell im Krankenzimmer zu sein.

„Was machst du denn hier, Manuel? Kannst du nicht schlafen?“

„Da war ein großer weißer Wolf im Garten. Er hat laut geheult. Mama muss ihn gehört haben.“

„Ein Wolf? Was redest du für Unsinn!“

„Es ist wahr, Oma. Ich habe ihn deutlich gesehen und gehört. Es war der große, böse Wolf.“

„Meinst du den Wolf aus Rotkäppchen?“

„Ja, der große Wolf, der Rotkäppchen fressen will.“

Richard gähnte und streckte sich. „Wer will wen fressen?“

„Manuel hat einen weißen Wolf im Garten gesehen.“

„Papperlapapp, hier gibt es keine Wölfe“, grummelte Richard verschlafen.

„Heute gibt es bei uns keine Wölfe mehr“, meinte Henriette Finsterwald zu Richard, ihrem Schwiegersohn, „aber vor hunderten von Jahren zogen hier noch große Rudel durch die Wälder.“

Henriette blickte nachdenklich auf ihren Enkel herab. „Weißt du, der Wolf ist das Wappentier der Finsterwalds“, erklärte sie ihm. „Du hast unser Wappen bestimmt schon mal gesehen. Wahrscheinlich hast du deshalb von einem Wolf geträumt.“

„Nein ...“, widersprach Manuel.

„Wie dem auch sei“, unterbrach ihn sein Vater. „Ich bringe dich jetzt zurück ins Bett.“

Manuel wollte nicht ins Bett. Das Gewitter war noch nicht vorbei. Er wollte bei Mama schlafen. Bei ihr fühlte er sich geborgen und sicher. „Mama, Mama. Wach auf“, rief er so laut er nur konnte.

Er fasste nach ihrer Hand und zog daran. Sie fühlte sich kalt an. ‚Ich muss sie wärmen, dann wird sie aufwachen und mit mir reden.’ Er kletterte zu ihr aufs Bett und kuschelte sich an sie.

„Mama ist ganz kalt“, sagte er zu Oma.

Oma Finsterwald trat ans Bett heran, nahm die andere Hand ihrer Tochter und ließ sie abrupt fallen.

„Was ist?“, erkundigte Richard sich beunruhigt.

„Es ist wahr“, antwortete Henriette. „Ihre Hand ist eiskalt“.

1

  

Richard hatte mal wieder kein Glück im Spiel. „Rien ne va plus“, ertönte die Stimme des Croupiers. Die Kugel rollte und rollte, nur nicht so wie er sich das gewünscht hatte. Sie blieb bei zehn und schwarz stehen. Er hatte auf sieben und rot sein letztes Geld gesetzt. Seufzend sah er seine Jetons mit dem Rechen des Croupiers verschwinden. Damit ging für ihn heute Abend auch nichts mehr. Ein schwarzer Abend war das gewesen. Fünftausend Mark hatte er verloren, bis auf eine kleine Reserve, die er im Auto versteckt hatte, für den Fall, dass er tanken musste oder noch ausgehen wollte. Er musste es für heute bewenden lassen. Morgen hatte er sicher mehr Glück. Er erhob sich und räumte seinen Platz für einen anderen Spieler.

Wie könnte ich den Rest des Abends anregend verbringen, überlegte er. Das Regina! Das war genau das Richtige. Er wollte tanzen und vielleicht lernte er eine reiche Schönheit kennen, die ihn aushielt oder besser noch heiratete und seine Spielsucht finanzierte. Solche oder ähnliche Träume suchten ihn in letzter Zeit immer häufiger heim. Sie hatten sich allerdings bisher nie verwirklicht.

Dabei wurde es langsam eng für ihn. Seine Finanzen bewegten sich zielsicher auf den endgültigen Kollaps zu. Von seiner Bank erhielt er keinen Kredit mehr. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich von dubiosen Dunkelmännern Geld zu leihen, die immer massiver die Rückzahlung der geschuldeten Gelder verlangten.

‚Weg mit diesen finsteren Gedanken.’ Er wollte tanzen und fröhlich sein. Sonst bräuchte er gar nicht ins Regina zu gehen. Die Damen liebten nur unterhaltsame Männer. ‚Zur Aufmunterung nehme ich noch einen Drink.’ Er trat an die Bar und nickte dem Barkeeper zu. „Das übliche, bitte“. Der Barmann stellte einen Whiskey auf Eis vor ihn hin. Richard trank ihn in kleinen Schlucken hintereinander weg, dann legte er das Geld auf den Tresen und eilte zum Ausgang. Der Portier öffnete ihm mit großer Geste die Tür. „Auf Wiedersehen, Herr Heineke.“

Kurz darauf betrat er das Regina. Am Eingang zum großen Saal blieb er stehen und blickte in die Runde. ‚Die bekannten Verdächtigen! Da werde ich wohl auch hier kein Glück haben.’ Missmutig schlenderte er durch den Saal und überlegte, wen er zum Tanzen auffordern sollte, als er eine brünette Schönheit von der Garderobe zur Bar schreiten sah. Ihr Haar schimmerte in einem zarten Rotstich, sie war groß und schlank und er hatte sie noch nie hier gesehen. Zielstrebig ging er auf sie zu und forderte sie kurzerhand zum Tanzen auf. Überrascht sah sie ihn an. Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß und was sie sah, gefiel ihr ganz offensichtlich. Sie schenkte ihm ein zauberhaftes Lächeln und folgte ihm zur Tanzfläche. Sie tanzten den ganzen Abend miteinander nur unterbrochen von kleinen Pausen, in denen sie sich innerlich und äußerlich erfrischten.

Ihr erster Abend endete mit dem gegenseitigen Versprechen sich nächste Woche am selben Platz und zur selben Zeit wieder zu treffen. So begann die Beziehung zwischen Richard Heineke, Manuels Vater, und Clara Finsterwald, seiner Mutter.

Richard hatte sich sofort in Clara verliebt. Er merkte schnell, dass seine Gefühle von ihr erwidert wurden. Clara fand Richard hinreißend. Er war groß, schlank, durchtrainiert und sich seiner Wirkung auf Frauen voll bewusst. Sein südländischer Typ kam gut an. Clara machte da keine Ausnahme.

Auch am zweiten Abend tanzte sie ausschließlich mit Richard. Sie entdeckte beim Tanzen ein paar Haare, die neckisch unter Richards Hemdkragen in Richtung Adamsapfel hervorlugten, als suchten sie einen Weg in die Freiheit.

Claras Hände verloren sich wie zufällig unter seinem Hemd und fanden auf seiner Brust, was sie suchten: viele, viele Haare. Sie stöhnte leise auf und legte ihren Kopf an seine Brust. Ihre Hände streichelten seinen Dreitagebart und fuhren ihm durch sein dichtes schwarzes Kopfhaar.

Clara hatte nur Augen für Richard und tanzte den Rest des Abends ausschließlich mit ihm. Erst spät verließen sie das Regina, bummelten durch die Straßen und landeten schließlich wie selbstverständlich in Richards Wohnung.

Von nun an trafen sie sich fast täglich. Claras Mutter bemerkte die Veränderung, die mit ihrer Tochter vor sich ging. Clara strahlte in einer Weise von innen heraus, dass niemand verborgen bleiben konnte, wie glücklich sie war.

Henriette hütete sich ihre Tochter darauf anzusprechen. Sie wartete geduldig darauf, bis Clara ihr den Mann, den sie liebte, vorstellen würde. Und eines Abends brachte Clara Richard zum Essen mit in die Villa.

Henriette war von Richards Charme und Witz bezaubert. Gleichzeitig spürte sie eine innere Unrast und Unstetigkeit an ihm, die sie beunruhigte. Zunächst ließ sie den Dingen ihren Lauf. Sie nahm sich vor Richard genau zu beobachten.

Richard war von da an häufiger Gast im Hause Finsterwald. Ihm war nicht entgangen, dass Clara eine glänzende Partie darstellte. Er arbeitete zielstrebig daran, Clara als Ehefrau für sich zu gewinnen. Seine Zuneigung zu Clara behielt eine Zeit lang die Oberhand, bis nach und nach die andere, dunkle Seite seines Wesens wieder ihr Recht einzufordern begann.

Seine Treffen mit Clara wurden nicht seltener. Sie trafen sich täglich nach der Arbeit, um ins Theater oder Kino zu gehen oder um in der Villa zusammen mit Henriette zu dinieren. Aber immer öfter schob er dringende Arbeiten für seine Firma vor, um sich anschließend von Clara frei zu machen und seinem geheimen Laster nach zu gehen.

Richard war Spieler aus Leidenschaft. Erst hatte er sein Erbteil in dubiosen Spielhöllen verzockt. Schließlich verschuldete er sich, um weiterhin seine Spielsucht finanzieren zu können. Geschickt gelang es ihm sein Laster vor Clara und Henriette zu verbergen. Seine Geldnot wurde immer dringender.

So zögerte er seinen Antrag nicht länger hinaus und hielt bei Henriette um Claras Hand an.

Henriette hatte Richard lange genug beobachtet, um nicht zu merken, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Sie hatte einen Privatdetektiv auf ihn angesetzt. Der dokumentierte Richards häufige Besuche in den diversen verbotenen Spielhöllen der Stadt mit aussagekräftigen Fotos und beschaffte Henriette genaue Informationen über Richards prekäre finanzielle Lage.

Als Richard nun um Claras Hand anhielt, folgte ein inquisitorisches Gespräch mit ihm in Anwesenheit ihrer Tochter und dem Ergebnis, dass sie die Heirat untersagte.

Auf welche Weise Clara den Umschwung zu seinen Gunsten bei ihrer Mutter herbeigeführt hatte, hatte Clara ihm nie verraten. Henriette stellte zwei Forderungen. Erstens, dass er auf seinen Nachnamen Heineke verzichtete und den Namen Finsterwald annahm und zweitens, dass er jeden Besuch in einem Spielkasino von nun an unterließ.

Er akzeptierte ihre Bedingungen, Henriette bezahlte seine Schulden und Richard und Clara heirateten. Henriette richtete für sie eine traumhafte Hochzeit aus und Richard zog in der Villa ein.

Er ging weiter seinem Beruf als Kontakter einer großen Werbeagentur nach. Sein Einkommen reichte für den gehobenen Lebensstil der Finsterwalds jedoch bei weitem nicht aus. Mietkosten fielen zum Glück ja nicht an, da sich die Villa im Eigentum der Familie befand und Henriette die laufenden Unterhaltskosten der Villa trug. Die gemeinsame, nicht gerade bescheidene Haushaltung bezuschusste Clara mit einem nicht unerheblichen Betrag aus ihrem persönlichen Vermögen.

Mit diesem Arrangement war Richard mehr als zufrieden. Er wähnte sich mit Clara glücklich und im siebten Himmel. Selten trieb es ihn in die Nähe seiner alten, nächtlichen Wirkungsstätten. Hatte er dann doch mal den Finger auf der Türklingel zum gelobten Land, zuckte seine Hand jedes Mal zurück. Nicht weil er seine Spielsucht wirklich überwunden hätte, vielmehr fürchtete er weiterhin durch einen Detektiv Henriettes überwacht zu werden.

Er wusste genau, Henriette würde ihn wie ein rächender Engel aus dem Paradies verbannen, falls er in sein altes Laster zurückfallen sollte. Dann müsste er mit seinem schmalen Gehalt auskommen. Sicherheit und Luxus wären für immer verloren.

Und dass ihn Clara in sein selbstverschuldetes Exil begleiten würde, das erschien ihm mehr als fraglich. Er bemühte sich nicht an Black Jack, Roulette und Poker zu denken, was für ihn an sich schon eine ungeheure Willensanstrengung bedeutete.

Was Wunder, dass er zuweilen unruhig und unstet im Haus umherlief und am liebsten mit dem Taxi in die nächste Spielhölle gefahren wäre, um seinem Trieb zu frönen.

Natürlich spürte Clara seine innere Unruhe. Als Ursache vermutete sie weniger Richards Spielleidenschaft, sondern eher die ungewohnte Umgebung, den neuen Luxus, den er nicht gewohnt war, und seine etwas unklare Stellung in der Villa, da Henriette nicht gewillt war, ihre Rolle als Hausherrin an Richard abzutreten.

Richard lebte gewissermaßen unter Vorbehalt in der Villa. Und Richard wäre nicht Richard gewesen, hätte er nicht ein Ventil für seine Rastlosigkeit gefunden. Er begann zu trinken.

Clara hatte ihn unabsichtlich dazu verführt, nicht ahnend, was sie damit auslösen würde. Sie hatte ihm einen Cognac gereicht, als ihn mal wieder seine Spielsucht heimsuchte.

Seitdem griff Richard zur Flasche, wenn ihn seine Unruhe überfiel. Claras Zuneigung zu Richard machte sie blind für seine Schwächen. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass Richard leichtsinnig, verschwendungssüchtig und labil war. Sie hielt ihre gemeinsame Liebe für stark genug, um mit allen Schwierigkeiten fertig zu werden und Richard unmerklich zu seinem eigenen Wohl lenken zu können.

Was sie übersah, Richard konnte auch unter den Einfluss anderer Menschen geraten. Sie mussten nur entdecken, welche Macht sie über diesen Mann gewinnen konnten, wenn sie nur wollten.

Richards und Claras Leben hätte in geregelten Bahnen und ohne Störungen verlaufen können, wäre da nicht Claras Ziehschwester Jolante gewesen. Die Ähnlichkeit zwischen beiden Frauen hatte ihn von Anfang an verwirrt. Clara und Jolante glichen sich wie ein Ei dem anderen. Jolante war wunderschön, genauso schön wie Clara, Manuels Mama. Der einzige Unterschied zwischen den beiden waren Jolantes grüne, irisierende Augen, die alle Männer verrückt machten.

Richards unbefriedigte Spielleidenschaft bewirkte bei ihm eine innere Unruhe, die auch der Alkohol nicht beschwichtigen konnte. Er suchte Abwechslung, wie er sie früher bei seinen Besuchen im Regina immer gefunden hatte. Seine schwierige Stellung im Haus Finsterwald verbot ihm derartige Ausschweifungen.

In seinen Träumen verfolgten ihn die grünen Augen Jolantes. Er begehrte, ja verzehrte sich nach ihr. Er stellte sich wilde Orgien mit ihr vor und versuchte sich ihr nähern. Jolante aber ermutigte ihn nie, sondern wich ihm immer geschickt aus.

Wenn gerade niemand in der Nähe war, versuchte Richard Jolante zu küssen, was regelmäßig damit endete, dass sein Kuss in der Luft hängen blieb wie eine geplatzte Seifenblase. Zurück blieb der Duft von Jolantes verführerischem Parfüm, den Richard wie ein Trunkener einatmete. Jolante geisterte durch seine Träume. In schlaflosen Nächten steigerte sich sein Begehren bis zu einer schmerzvollen Härte.

Dann arteten die nächtlichen Akte mit Clara in wilde Ekstase aus, bei denen er Jolante vor Augen hatte. Clara wähnte sich im Sog neu entbrannter Leidenschaft, ohne von Richards heimlich verehrter Geliebten auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben. In einer dieser wilden Nächte wurde ihr gemeinsamer Sohn Manuel gezeugt.

2

Die Krankheit von Manuels Mama hatte sich über viele Wochen hingezogen. Sie selbst glaubte an eine Magen- und Darmgrippe, da sich die Symptome ihrer Beschwerden zunächst nicht täglich bemerkbar machten. Sie litt an heftigen Durchfällen, Bauchschmerzen und Übelkeit.

„Als wenn sie die Ruhr hätte“, kommentierte ihre Mutter.

Clara klagte über einen trockenen Mund und trank deshalb sehr viel Wasser. Mit der Zeit mehrten sich die Anfälle, bis sie täglich darunter litt. Richard drängte auf eine ärztliche Untersuchung.

Clara war immer kerngesund gewesen. Sie ging so gut wie nie zum Arzt. Und dem neuen Hausarzt vertraute sie nicht. Er betreute erst seit kurzem die Familie. Der alte Dr. Heinrich, der sich jahrelang um die Familie Finsterwald gekümmert hatte, war unvermittelt gestorben. Er hatte einen Herzinfarkt erlitten und sich auf der Treppe zu Tode gestürzt.

Clara verlor täglich an Gewicht und konnte sich kaum aufrecht halten. Schließlich gab sie Richards Drängen nach und willigte in eine Untersuchung durch den neuen Hausarzt ein.

„Schlechter kann es mir nach seiner Behandlung auch nicht gehen“, meinte sie sarkastisch.

Nach gründlicher Untersuchung diagnostizierte der Arzt einen schweren Magen- und Darminfekt. Er verordnete eine Diät. Leichte Kost, kein Fett, kein Fleisch. Hauptsächlich Suppen, vor allem Reissuppen und Zwieback, viel Zwieback.

Die Behandlung schien Clara zunächst gut zu bekommen. Sie nahm an Gewicht zu, die Durchfälle traten nicht mehr so häufig auf. Die Familie hoffte auf ihre baldige Genesung.

Unerwartet verschlechterte sich Claras Zustand rapide. Die Durchfälle häuften sich wieder. Hinzu kam, dass sie sich nach jedem Bissen, den sie zu sich nahm, übergeben musste. Es dauerte keine Woche und sie hatte die geringe Gewichtszunahme, die die Therapie des Hausarztes bewirkt hatte, erneut verloren.

Von Tag zu Tag verschlimmerte sich ihre Krankheit. Kopfschmerzen, Schüttelfrost, brennender Durst und schließlich Lähmungserscheinungen ließen Henriette und Richard das Schlimmste befürchten. Richard wollte Clara ins Krankenhaus überführen lassen. Sie weigerte sich entschieden.

„Da kann ich mich ja gleich ins Grab legen“, meinte sie. „Wenn ich schon sterben soll, dann lieber zu Hause.“

Der Arzt untersuchte Clara aufs Neue. Er schickte eine Stuhlprobe ein und verordnete ein Medikament zum Aufbau der Darmflora. Eine Therapie, von der er sich viel versprach. Falls das nicht helfen sollte, wollte er ein Antibiotikum verabreichen.

Die Behandlung erwies sich als absolut erfolglos. Clara wurde von Tag zu Tag schmaler und schmächtiger. Ihre Haut bekam nach und nach eine gelblichbraune ungesunde Färbung.

„Du siehst aus wie gekotzt“, meinte Henriette in ihrer typischen direkten und trockenen Art zu ihrer Tochter und zauberte so ein schwaches Lächeln in Claras Gesicht.

Claras Selbstsicherheit und Energie schienen sie mit der Nahrung zu verlassen, die sie nicht bei sich behalten konnte. Ihre Schönheit verblasste zusehends. Zutiefst unglücklich über ihren Zustand verfiel sie in tiefe Traurigkeit und weinte viel.

Sie klagte über Druck auf der Brust und konnte nur schwer Luft holen. Ihre Mutter und ihr Ehemann versuchten sie zu trösten. Letztendlich ergab sie sich in ihr Schicksal und damit verließ sie jeder Lebensmut.

Der Hausarzt meinte, zu der schweren, unspezifischen Darmgrippe sei eine Herzerkrankung hinzugekommen. Ein Symptom für seine Unfähigkeit. Er hatte schlicht keine Ahnung und binnen kürzester Zeit war Clara tot.

Clara war vergiftet worden. Aber das wusste damals noch niemand. Vergiftet mit einem schleichenden, tödlichen Gift, das die Gesundheit und schließlich die ganze Persönlichkeit eines Menschen zerstören konnte.

Den Namen des Arztes hatten alle in der Familie bald vergessen und verdrängt, weil sie seine katastrophale medizinische Behandlung für Claras Tod verantwortlich machten. Nach ihrem Tod wurde er nicht wieder konsultiert. Das eine oder andere Unglück hätte sich vielleicht verhindern lassen, hätten sie den Namen des Hausarztes nicht aus ihrer Erinnerung getilgt.

Nach Claras Tod trat Jolante wie selbstverständlich in ihre Fußstapfen. Nach einer Anstandsfrist von 2 Jahren heiratete sie Richard Finsterwald. Jolante und Richard wählten als Tag ihrer Hochzeit den Geburtstag von Manuels Mutter Clara. Jolante wünschte sich diesen Termin. Sie fand ihn so symbolisch.

„An diesem Tag werden wir uns alle an Clara erinnern“, erklärte sie und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

Oma Finsterwald richtete ihnen ein rauschendes Fest aus, wie es nun mal Tradition bei den Finsterwalds war, auch wenn Richard und Jolante keine gebürtigen Finsterwalds waren. Richard hatte schon bei seiner Hochzeit mit Clara den Geburtsnamen von Clara angenommen. Henriette wollte so den Namen Finsterwald erhalten, der sonst ausgestorben wäre. Sie selbst hatte das ja schon vorgemacht.

So schön das Hochzeitsfest für alle Beteiligten auch sein mochte, Manuel konnte trotz der allgemeinen Fröhlichkeit seine Traurigkeit über den erlittenen Verlust nicht ganz verbergen. Er verließ frühzeitig das Fest und verkroch sich auf sein Zimmer.

In Manuels Träumen spielte seine Mama mit ihm auf der Wiese vor der Villa. Sie erzählte ihm viele schöne Märchen von Dornröschen, vom tapferen Schneiderlein oder der Schneekönigin. Wenn er hingefallen war und sich wehgetan hatte, tröstete sie ihn, bis er sich beruhigt hatte. Wenn er bei Gewittern weinte und schrie, kam sie an sein Bettchen, wiegte ihn in ihren Armen und half alles nichts, trug sie ihn in ihr eigenes Bett, wo er sich entspannte und getröstet wieder einschlief.

Erwachte Manuel aus diesen schönen Träumen, rief er verzweifelt nach seiner Mama, bis ihm einfiel, dass sie ihn nicht hören konnte. Und ihm wurde mit grausamer Deutlichkeit bewusst, dass sie ja nie wieder zu ihm ans Bett kommen, ihm keine Märchen erzählen und nie mehr mit ihm spielen würde. Dann weinte er leise in seine Kissen hinein, damit niemand ihn hörte. Vor allem sein Vater nicht, der, seit Jolante in sein Leben getreten war, kein Verständnis für die Nöte und Ängste seines kleinen Sohnes aufzubringen vermochte.

In dieser Zeit des Kummers gewann Manuel Jolante recht lieb, obwohl in seinem Kinderherz seiner Mama für immer der erste Platz gehörte. Jolante kümmerte sich mit Hingabe um Claras Jungen. Diese ständige ihn umsorgende Gegenwart von Jolante bewirkte mit der Zeit, dass die Erinnerung an seine leibliche, aber tote Mama von der lebendigen Jolante verdrängt und das Bild seiner Mama in den Tiefen seiner Erinnerung versenkt wurde wie in einem tiefen, unergründlichen See.

Der Vollmond füllte Manuels Zimmer mit seinem Licht, als wenn er den tief schlafenden Jungen in eine silberne Decke hüllen wollte, während auf dem Dachboden eine einsame Gestalt zwischen all den Kisten kramte und sie durchwühlte. Sie schimpfte leise vor sich hin, fand nicht, was sie suchte und gab auf.

Die Gestalt gekleidet in einen dunkelblauen Kapuzenmantel machte einen unvorsichtigen Schritt und stieß ein altes Kasperltheater um, das mit lautem Gepolter zusammenfiel.

Sie fluchte, löschte das Licht und verhielt sich mucksmäuschenstill. Zeit zu verschwinden. Sie schlich auf die Speichertür zu, als diese sich wie von Geisterhand öffnete. Erstarrt blieb sie stehen. Ein Kind im langen weißen Nachthemd kam herein, ging langsam auf die Luke zu, durch die das leuchtende Gesicht des Mondes hereinlächelte.

Die Gestalt beobachtete jeden Schritt des Kinds. Als das Kind die Luke zu öffnen versuchte, rief sie leise: „Manuel.“ Das Kind reagierte nicht und versuchte weiter die Luke aufzumachen. Als ihm das nicht gelang, legte es sich vor der Luke auf den Boden und schlief weiter.

Die Gestalt blieb eine Weile ratlos stehen. Sie konnte das Kind hier nicht liegen lassen. Die Bewohner der Villa würden sich fragen, wie es hier hereingekommen war.

Sie hob das Manuel auf, trug es auf leisen Sohlen in den ersten Stock und legte es vor dem Schlafzimmer von Richard und Jolante ab. Die Gestalt verschloss die Speichertür und verließ lautlos die Villa.

Auch nach der Hochzeit von Richard und Jolante versuchte Henriette Finsterwald die Erinnerung an ihre geliebte Tochter in der Familie und vor allem für ihren Enkel Manuel lebendig zu erhalten. Dabei stieß sie auf eine unsichtbare Mauer, deren Ursache sie sich nicht erklären konnte. Fing sie an von Clara zu erzählen, wollte niemand ihr wirklich zuhören.

Zu Lebzeiten ihrer Tochter Clara hatte Henriette morgens unmittelbar nach dem Aufstehen mit ihr zusammen eine Tasse Tee in der Küche getrunken. Jetzt kochte sie ihren Tee sehr früh am Morgen, bevor ein anderer Hausbewohner nach unten kam, und nahm die Tasse mit nach oben in ihr Zimmer.

Dort blätterte sie in alten Fotoalben mit Bildern aus glücklicheren Tagen. Dazu schlürfte sie ihren ungezuckerten Tee. Ab und zu fielen ein paar salzige Tränen in ihre Tasse und gaben dem Tee eine geschmackliche Note, die so recht zu ihrem Gemütszustand passte.

Sie wünschte sich, dass wenigstens ihr Enkel Manuel und einziger lebender Blutsverwandter die Erinnerung an seine Mama nicht aus dem Gedächtnis verlor.

So holte sie Manuel oft zu sich auf ihr Zimmer, gab ihm Schokolade oder Bonbons, zeigte ihm die Bilder seiner Mama aus den Fotoalben und erzählte dazu Geschichten aus vergangenen Zeiten. Bis Richard die trauten Stunden zu zweit unterband.

„Du tust Manuel wirklich keinen Gefallen, Henriette“, untermauerte Richard seine Entscheidung, „wenn du ihn dauernd an Clara erinnerst. Das schadet seiner Entwicklung.“

Henriette widersprach heftig. „Der Junge wird viel stärker darunter leiden, wenn ihr ihn in dem Glauben erzieht, Jolante sei seine Mutter, und er erst in der Pubertät erfährt, dass in Wirklichkeit Clara seine Mutter ist.“

„Papperlapapp. Entweder du hältst dich daran, Manuel keine Geschichten von Clara zu erzählen, oder ich verbiete dir jeden Umgang mit ihm.“

„Du stehst total unter ihrem Pantoffel“, schleuderte sie ihm erregt ins Gesicht.

Wen Henriette meinte, wussten beide sehr genau. Im selben Augenblick wurde ihr klar, dass sie das nicht hätte sagen dürfen. Ihr Temperament war mit ihr durchgegangen. Jetzt hatte sie bestimmt bei Richard verspielt. Und wie zur Bestätigung drehte Richard sich um und verließ in zornigem Schweigen den Raum. Dabei konnte er sich eine gewisse Befriedigung über Henriettes Ärger nicht verkneifen, hatte sie ihn doch zu Claras Lebzeiten oft genug seine Fehler spüren lassen.

Oma Finsterwald war sich ihrer Niederlage durchaus bewusst. Schließlich hatte Richard das Sorgerecht für Manuel. Und nicht einmal sie konnte Richard und Jolante eine irgendwie geartete Vernachlässigung des Jungen vorwerfen. So zog sich Oma Finsterwald schließlich aus dem gemeinsamen Familienleben zurück. Manuel war darüber sehr traurig, liebte er seine Oma doch von Herzen.

Mit ihren Freundinnen besuchte Oma Theater, Konzert oder Oper. Sie trafen sich vorher oder nachher zum Essen. Und wenn sie mal nicht zum Essen ausging, kochte sie sich eine Kleinigkeit, die sie dann auf ihrem Zimmer allein zu sich nahm. Mit der Familie gemeinsam am Tisch zu sitzen, dazu war ihr die Lust vergangen.

Jolante versuchte Manuel diesen zweiten herben Verlust vergessen zu machen, indem sie sich noch intensiver um ihn kümmerte. Sie ging mit ihm in den Tierpark, besuchte gemeinsam mit ihm Vorstellungen im Kindertheater und im Zirkus, veranstaltete große Kinderfeste im Garten der Villa und vieles andere mehr. So verschaffte sie ihm jeden Tag neue Erlebnisse und Eindrücke.

Manuel besuchte seine Oma zwar täglich wenigstens für ein paar Minuten auf ihrem Zimmer. Wenn Manuel sie dann darum bat, die schönen Bilder anschauen zu dürfen und auf ihre Geschichten zu den Fotos hoffte, schüttelte sie traurig den Kopf und vertröstete ihn auf später. Ein Später aber gab es nie. So bettelte Manuel schließlich nur noch um Schokolade oder Bonbons. Bilder und Geschichten von seiner Mama gab es keine mehr.

3

„Schmeckt es dir nicht?“, erkundigte sich Jolante ärgerlich bei ihrem Stiefsohn. „Doch, Mutti“, antwortete Manuel gequält und zog mit dem Löffel Kanäle durch den Kartoffelbrei, die sich mit Soße füllten. Er hatte beim Frühstück mitgehört wie sich sein Vater und Jolante zum Mittagessen verabredet hatten. Er würde in seinem Zimmer allein sein und sich langweilen und nicht wissen was er mit sich anfangen sollte. Warum konnten seine Eltern ihn nicht mitnehmen, so wie sie das früher oft getan hatten? Er war gern in den Restaurants gewesen. Da gab es soviel zu sehen und zu hören und er war immer im Mittelpunkt gestanden. Und das Essen hatte viel besser geschmeckt.

Er stocherte weiter auf seinem Teller herum, nahm nur ab und zu einen Bissen in den Mund. Das Essen schmeckte Manuel überhaupt nicht, gemischtes Gemüse mit Kartoffelbrei darüber viel Fleischsoße vom gestrigen Braten.

„Machst du das absichtlich?“, fragte Jolante gereizt. „Du willst wohl unbedingt, dass ich zu spät komme.“

Sie blickte Manuel streng an. „Ich kann auch anders.“ Damit erhob sie sich. „Du kannst alleine zu Ende essen. Stell das Geschirr in die Spüle, wenn du fertig bist.“ Sie verließ den Raum ohne Abschiedsgruß.

Manuel schluckte schwer. Eine einzelne Träne lief seine Wange herunter und tropfte in den Kartoffelbrei. Jetzt brachte er erst recht nichts herunter. Er ließ das Geschirr da stehen, wo es war und verließ mit schleppenden Schritten die Küche in Richtung des zweiten Stocks zu seinem Zimmer.

Nach Jahren der Hinwendung und intensiven Beschäftigung mit ihrem Stiefsohn überließ Jolante plötzlich und unerwartet für Manuel den Jungen sich selbst. Sie verhielt sich Manuel gegenüber zwar freundlich und liebenswürdig wie immer, aber sie kümmerte sich nicht mehr so intensiv um ihren Stiefsohn. Keine Geschichten, keine Spiele, Besuche im Zirkus oder Kindergeburtstage entfielen. Manuel blieb von nun an sich selbst überlassen. Mit der Hellsichtigkeit eines Kindes, das schon einmal einen großen Verlust erlitten hatte, ahnte Manuel die Entfremdung zwischen sich und Jolante. Begreifen konnte er sie nicht.

Manuel fühlte sich von allen Personen, die ihm lieb und teuer waren, im Stich gelassen. Hatte Jolante ihm über den Tod seiner Mama durch ihre liebevolle Hingabe hinweggeholfen, fühlte er sich jetzt von seiner Stiefmutter völlig verstoßen. Hatte er früher um den Tod seiner geliebten Mama getrauert, weinte er jetzt, weil er sich völlig einsam und verlassen fühlte. Sein Vater meinte dazu nur lapidar: „Ein Finsterwald weint nicht!“ Aber Manuel spürte instinktiv, dass sein Vater die Ursache seiner Einsamkeit war. Es war daher kein Wunder, dass sich das Verhältnis zwischen Manuel und seinem Vater mit den Jahren abkühlte.

Er erinnerte sich an den Vater, der sich intensiv mit ihm beschäftigte, der mit ihm Fußball spielte, mit der ganzen Familie spazieren ging, Volksfeste besuchte, die Eisenbahn mit ihm zusammen aufbaute und auf alle seine Fragen plausible Antworten parat hatte, egal wie kindlich sie sein mochten.

Mit dem Eintritt seiner Stiefmutter in ihr Leben begann sich das zu ändern. Sein Vater beachtete ihn kaum noch. Sein Denken und Fühlen drehte sich ausschließlich um Jolante. Ihr galten seine ganze Aufmerksamkeit und seine Liebe.

Manuel blieb das nicht verborgen. Richard merkte nicht, dass sich sein Sohn zunehmend von ihm entfernte, bis sich die beiden völlig fremd waren. Die äußere Form blieb gewahrt. Aber in Wirklichkeit lebten Manuel und sein Vater auf verschiedenen Sternen.

Wenn Manuel dann ohne Gutenachtkuss von Jolante und ohne dass sie ihm eine Geschichte erzählt hatte, allein und verlassen in seinem Bett lag, weinte er in sein Kissen, bis er endlich erschöpft in den Schlaf fiel.

Oft dachte er an den weißen Wolf und fragte sich, was der Wolf damals von ihm gewollt hatte und ob er ihn wohl wieder besuchen käme.

Zunächst geisterte der Wolf nur durch seine Träume, bellte, heulte und kläffte ihn an. Manuel fürchtete sich vor ihm mehr als er Vertrauen zu ihm hatte, bis der Wolf einmal im Traum an ihm hochsprang und ihm freundlich die Hände leckte. Von da an hatte Manuel seine Angst vor dem riesigen Tier verloren. So war der Wolf schließlich das einzige Wesen, das sich um ihn kümmerte, und ihn nie im Stich ließ, obwohl er ja nur durch seine Träume spukte. Die Grenzen zwischen traumhafter und realer Welt schienen so bei dem einsamen Jungen zu verschwimmen.

Der Wolf kam, wenn Manuel einen Seelentröster brauchte. Plötzlich lag er neben ihm auf dem Bett, schmiegte sich an ihn, ließ sich kraulen und streicheln. Das beruhigte Manuel und tröstete ihn.

Wenn er dann morgens erwachte, war der Wolf nicht mehr da. Aber Manuel konnte dem Tag gestärkt ins Auge sehen. Selbst die schlafwandlerischen Ausflüge durch die Villa suchten ihn immer seltener heim, bis sie schließlich ganz ausblieben.

So wurde der Wolf zu Manuels ständigem tröstendem Begleiter, den niemand sah, den niemand hörte und von dem niemand wusste. Nicht einmal Manuel war sich im Klaren darüber, ob es den Wolf wirklich gab oder ob er ihn nur träumte. Das war ihm auch egal. Wichtig war einzig und allein, dass der große weiße Wolf ihn besuchte, wenn er, Manuel, einen Tröster brauchte.

Der Vollmond tauchte die Villa und den Park in ein silbriges Licht. Frühlingsdüfte durchzogen die Nacht. Am Tag hatte eine sommerliche Hitze über der Stadt gebrütet. Die Nacht war daher recht mild und das Fenster von Manuels Zimmers weit geöffnet.

Der Mond beschien den schlafenden Jungen. Unruhig wälzte er sich hin und her. Ihm träumte, er hörte einen leisen Heulton, einen Heulton, der ihm sehr bekannt vorkam. Er stand auf und lief schlafwandlerisch zum Fenster. Der Wolf stand auf der Wiese und schaute zu ihm herauf. Seine gelben Augen leuchteten im Mondlicht und der Mond ließ das Fell des Wolfs in reinstem Weiß erglänzen.

Manuel hatte den weißen Wolf nie vergessen, war er doch häufig in seinen Träumen. Er hätte gerne mit ihm geredet. Aber das ging nicht, Wölfe konnten ja gar nicht sprechen. Jedenfalls sagten das die Erwachsenen. Manuel glaubte in seinem kindlichen Herzen, wenn der Wolf nur zu ihm sprechen wollte, würde er ihn verstehen.

Jetzt stand der weiße Wolf leibhaftig da unten. Manuel fürchtete sich ein wenig vor ihm. Träume waren eine Sache. Ein großer weißer Wolf im Garten eine andere.

Manuel lächelte tapfer zu ihm herunter und winkte. Da machte der Wolf einen riesigen Satz. Erschrocken stolperte Manuel ein paar Schritte zurück und fiel auf den Hintern. Der Wolf stand jetzt auf dem Fensterbrett. Mit einem kleinen, eleganten Sprung hüpfte er zu Manuel ins Zimmer und tappte auf ihn zu. Der Wolf verzog die Lefzen. Im ersten Moment bekam Manuel es mit der Angst zu tun. Jetzt frisst er mich, dachte er. Da war der Wolf schon über ihm und leckte ihm das Gesicht.

Manuels Angst verflog. Er streichelte den Wolf und kraulte ihn hinter den Ohren. Der Wolf legte sich hin und schloss genießerisch die Augen. Nach einer Weile öffnete er das Maul und statt lang gezogener Heultöne hörte Manuel plötzlich undeutliche, aber doch verständliche Worte.

Der Wolf sagte: „Hallo, Manuel. Wie geht es dir?“

Fassungslos sah Manuel ihn an. Der weiße Wolf kannte seinen Namen. Der Wolf kräuselte die Schnauze.

„Ich weiß alles von dir. Du hast deine Mama verloren. Und du hast eine neue Mama bekommen.“

„Das ist nicht meine Mama. Das ist Papas neue Frau. Sie ist sehr schön, nicht so schön wie meine Mama. Sie ist sehr lieb zu mir.“ Und etwas trotzig fuhr Manuel fort: „Aber sie ist nicht meine Mama.“

„Vermisst du sie sehr, deine Mama?“

„Ja, sehr“, hauchte Manuel. „Und was machst du hier?“

„Ich passe auf dich auf.“

„Warum tust du das? Woher kommst du? Können dich alle sehen und hören?“

Manuel war ganz aufgeregt. Ein Wolf, der sprach, der vernünftig redete und ihm helfen wollte, ihm allein.

„Viele Fragen auf einmal. Und ich kann sie dir nicht beantworten.“

„Wie schade! Bleibst du bei mir?“

„Hast du keine Angst vor mir?“

„Früher schon, aber jetzt überhaupt nicht mehr.“

„Dann bleibe ich gerne bei dir, bis die Gefahr für dich vorüber ist.

„Kann ich dich rufen, wenn ich dich brauche?“

„Ich weiß immer, wenn du in Not bist.“

Der Wolf erhob sich, rieb seine Nase an Manuels Nase, drehte sich um und sprang mit einem Satz durch das Fenster in den Garten.

Niemand wird mir die Geschichte glauben, dachte Manuel. Nicht einmal Oma konnte er sie erzählen. Er musste sie für sich behalten. Bisher hatte er geglaubt, der Wolf wäre ein Traumgespinst. Von nun an glaubte Manuel fest an die Existenz des weißen Wolfs. Von seiner Mondsucht wusste er ja nichts.

Kaum war der Wolf verschwunden sank er auf dem Teppich zusammen, rollte sich ein und war sofort eingeschlafen. So fand ihn Jolante, die nach ihm sehen wollte. Sie hob ihn auf und legte ihn wieder ins Bett. Richard und Jolante hatten Manuel eines Morgens schlafend vor ihrer Zimmertür gefunden.

Seine Oma vermutete, der Tod seiner Mama habe eine so große Lücke hinterlassen, dass er in Vollmondnächten auf die Suche nach ihr gehe.

Diese Erklärung schoben Richard und Jolante als Unsinn beiseite. Sie hielten Manuel für mondsüchtig und so schaute jede Nacht einer von ihnen nach dem Jungen, ob er in seinem Bett lag und schlief.

Der Wechsel von der Volksschule auf das Gymnasium bedeutete für Manuel eine radikale Veränderung. Die Freunde der Kinderzeit verloren sich aus seinem Blickfeld. Keiner von ihnen war mit ihm auf das Gymnasium übergetreten. Sie wurden von ihren Eltern in ein Internat gesteckt oder besuchten andere Schulen. So fühlte er sich zunächst ziemlich verlassen in der neuen Schule.

Seine tägliche Ration Einsamkeit hatte Manuel, seit Jolante und Richard ihn sich selbst überlassen hatten, nicht allein mit Hilfe des weißen Wolfs, mehr noch durch Süßigkeiten, Schokolade, Bonbons, Kuchen und Eis kompensiert. Er hatte zugenommen und sich zu einem unförmigen, dicken und unsportlichen Jungen entwickelt.

Natürlich hatte sich das nicht gerade vorteilhaft auf seine Beliebtheit ausgewirkt. Da er in seinem Wesen ein verträglicher und liebenswerter Junge geblieben war, hatten die Freunde seiner Kindheit Manuels körperliche Veränderung akzeptiert und ihn höchstens mal mit mildem Spott überzogen.

Seine Klassenkameraden im Gymnasium lehnten ihn rundheraus ab und ließen ihn nicht an sich heran. In den Pausen stand er allein und verloren herum. Versuchte er eine Unterhaltung mit ihnen zu beginnen, behandelten sie ihn, als wäre er Luft oder gaben nur einsilbige Antworten.

Lag es an seiner unvorteilhaften Figur, die durch den übermäßigen Genuss von Süßigkeiten hervorgerufen und durch sein Desinteresse an sportlichen Aktivitäten noch verstärkt worden war, oder an seiner Schüchternheit? War seine Schüchternheit durch seine Vereinsamung verursacht worden und hatte diese erst die Lust auf Süßigkeiten geweckt? Wie auch immer. Das Ergebnis war für Manuel deprimierend. Er fand einfach keinen Zugang zu seinen Mitschülern und schon gar keine Freunde unter ihnen.

Seine schulischen Leistungen litten darunter. Er erhielt zwar Nachhilfeunterricht, allerdings mit nur geringem Erfolg. Manuel langweilte sich im Unterricht. Er hatte keine Lust auf eine Schule, die sich nicht um ihn und seine Belange kümmerte, und für die er nur ein lästiges, unproduktives Anhängsel war.

Er vermisste seine Mama. Jolante konnte sie nicht ersetzen. Und in den tiefsten Winkeln seiner Seele ahnte er, dass sie es nicht wirklich wollte. So konnte er nicht verstehen, was ihm wirklich fehlte.

Ihn hungerte nach einem Menschen, der ihm nahe stand, der ihm zuhörte und dem das, was ihn beschäftigte und bewegte, wichtig genug war, um es mit ihm zu teilen.

Oma war zu alt, sein Verhältnis zu seinem Vater eher indifferent. Jolante vernachlässigte ihn. Die Anwesenheit des weißen Wolfs in seinen Nächten half ihm. Gewiss. Aber der weiße Wolf war nur ein Tier. Er brauchte einen lebendigen Menschen zum Anlehnen, Fühlen, Streicheln und Lieb haben.

Eines Nachts erwachte Manuel aus einem feuchten Traum. Die klebrigfeuchte Masse auf seinem Bauch hatte ihn geweckt. Er hatte im Traum jemand geküsst und gestreichelt. Er hatte ihn an den intimsten Stellen berührt und beide hatten schließlich einen Orgasmus gehabt. An genaueres konnte er sich nicht erinnern. Weder ob die Person weiblich oder männlich war, noch was genau sie gemacht hatten. So ging das Monat für Monat jede Nacht. Für die feuchte Bescherung nach dem Erwachen hatte er immer ein Handtuch parat. Erleichterung verschaffte ihm der geträumte Orgasmus nicht wirklich. Er wünschte sich so sehr zu wissen, was er jede Nacht im Traum da machte und mit wem.

Einmal wachte er mitten in seinem Traum auf und da hatte er das Gefühl einen Penis im Mund gehabt zu haben. Dann konnte das ja nur ein Mann sein, folgerte er. Ein Mann? War das möglich? Er hatte noch nie davon gehört, das Männer intim miteinander waren. Jetzt erinnerte er sich daran, der andere Mann hatte sein, Manuels, Glied auch im Mund gehabt und sie beide hatten einen Erguss im Mund des anderen gehabt, während er in der Wirklichkeit seinen Samen auf seinem Bauch verspritzte. War das normal? War es nicht sogar verboten? Aber erregend war es allen Verboten zum Trotz dennoch gewesen. Wenn er nur wüsste, wer der Mann gewesen war? Er hatte einen muskulösen wohlproportionierten Körper, gebräunte Haut, zärtliche Hände und wunderbar weiche Lippen. Und was er alles mit Lippen und Händen bei ihm ausgelöst hatte. Einfach himmlisch! Wochenlang quälte ihn die Frage nach der Identität des schönen Mannes. Beantwortet wurde sie nicht.

Schließlich wurde die nächtliche Onanie zur Gewohnheit und ereignete sich nicht mehr nur in seinen Träumen. Bis irgendwann die Frage nach der Person des Mannes für Manuel keine Bedeutung mehr besaß. Er wusste da noch nicht, dass der Mann ohne Gesicht bald in sein Leben treten würde.

Nicht lange nach der Hochzeit von Richard und Jolante begann sich das Leben in der Villa radikal zu verändern. Manuel spürte das schmerzlich. Er konnte nicht verstehen, warum das Personal nach und nach reduziert wurde. Manuel vermisste sein Kindermädchen, die als letzte entlassen wurde. Nach dem Tod seiner Mama hatte sie ihm ein wenig Trost und Halt gegeben. Wie überhaupt das turbulente Leben in der Villa für den kleinen Manuel eine gewisse Ablenkung von seinem Schmerz bedeutet hatte.

Auf seine Fragen nach dem Warum gaben ihm weder sein Vater noch Jolante verständliche Erklärungen. Sie wimmelten ihn damit ab, er sei zu klein um das zu verstehen. Selbst seine Oma konnte sich nicht zu einer für den kleinen Jungen befriedigenden Antwort durchringen. So bewohnten schließlich nur noch die vier Mitglieder der Familie die riesige Villa.

Die Villa der Familie Finsterwald entstand in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Gebaut in verschiedenen Stilelementen, die Gotik, Renaissance und Barock entstammten. Außen Erker und Türmchen, verwinkelt und verspielt. Im Inneren nüchtern und praktisch, aber doch glanzvoll und repräsentativ.

Alle Generationen der Finsterwalds hüteten die Villa wie ihren Augapfel. Ein ganzes Heer von Dienstboten kümmerte sich darum, die mit Gold und Intarsien verzierten Holzdecken, die Parkettböden der Wohnräume, die Mosaikböden der Dielen, die vielen Messinggriffe und -knäufe zu hegen und zu pflegen.

Der Wald reichte nahe an den rückwärtigen Teil der Villa heran. Am Waldrand befanden sich einige Schuppen, die früher die Kutschen der Familie beherbergten und heute der Unterbringung des Fuhrparks dienten.

Auf der Vorderseite der Villa erstreckte sich zu Füßen der Freitreppe ein prächtiger Garten mit allen möglichen Blumen, blühenden Büschen und Sträuchern und einer gepflegten Rasenfläche, die in einen ausgedehnten Park aus Laubbäumen überging.

Den Zugang zum Park verwehrten eine hohe Mauer und ein schmiedeeisernes Tor. Vom Tor führte eine gepflasterte Straße zur Freitreppe.

Die Villa verfügte über drei Geschosse. Den rückwärtigen Teil des Erdgeschosses nahmen die geräumige Küche, die Speisekammer, zwei Toiletten und der Kellerzugang ein. Das Esszimmer schloss sich direkt an die Küche an. Es verfügte über eine Tür zur lang gezogenen Diele und eine Schiebetür in das ausladende Wohnzimmer mit dem linken Erker. Gegenüber dem Esszimmer befand sich die weiträumige Bibliothek, so groß wie Ess- und Wohnzimmer zusammen mit dem rechten Erker. Ein schwerer Vorhang unterteilte die Diele in den Wohn- und den Nutzbereich.

Den ersten Stock teilten sich das Arbeitszimmer von Manuels Vater Richard, das Schlafzimmer seiner Eltern mit angeschlossenem Bad, die Räume seiner Oma, bestehend aus einem kleinen Schlafzimmer, einem sonnigen Wohnzimmer mit Balkon und Blick auf den Garten und einem eigenen Bad sowie ein Gästezimmer mit Dusche.

Der zweite Stock war Manuels eigenes kleines Reich: ein schönes großes Zimmer mit Blick nach hinten hinaus zum Wald und quer über dem Flur ein kleines Bad nach vorne zum Garten mit einem kleinen runden Fenster. Außerdem waren hier mehrere Personalzimmer untergebracht. Ein Bad für das Personal war auch vorhanden.

Vom zweiten Stock aus führte eine steile, nicht ungefährliche Stiege auf den Dachboden. Der Dachboden erstreckte sich über die gesamte Grundfläche des Hauses mit den vier Türmen an jeder Ecke. Ein Sammelplatz ausrangierter Möbel und von altem Spielzeug. Kisten und Kästen angefüllt mit Dokumenten, Briefen und Fotos. Gemälde, die den Geschmack der Vorfahren der Familie widerspiegelten. Truhen randvoll mit Tand und Trödel gesammelt seit Generationen und so recht geeignet die Fantasie von Kindern anzuregen. Runde Dachluken ließen spärliches Licht auf die verstaubten Gegenstände fallen. Die Sonne schickte morgens und abends nur wenige Strahlen in dieses geheimnisvolle Reich.

Verständlich, dass der Speicher zum bevorzugten Spielplatz des kleinen Manuel avancierte, obwohl ihn jedes Mal, wenn er den Speicher betrat, ein wohliges Gruseln befiel, das er genauso liebte wie die unheimlichen Geschichten, die ihm seine Oma manchmal, als seine Mama noch lebte, abends vor dem Schlafen zu erzählen pflegte.

4

 

Im zweiten Schuljahr auf dem Gymnasium schlenderte Manuel in der Pause ziellos über den Schulhof. Unter einem Baum sah er einen Jungen sitzen, der ihm durch sein fremdartiges Aussehen auffiel. Er beobachtete ihn verstohlen.

Eine dichte rotbraune, unbezähmbare Mähne umrahmte sein schmales längliches Gesicht. Der Junge hatte sie zu einem kurzen Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Einzelne Haarsträhnen hatten sich selbständig gemacht. Vergoldet von der Sonne ragten sie wie die Strahlen eines Heiligenbildes in alle Himmelsrichtungen. Das hervorstechendste an diesem Gesicht aber war die enorme Hakennase. Sie verlieh ihm eine Stärke, die durch die weichen, sinnlichen Lippen eher noch unterstrichen wurde. Ein leicht gedunkelter Teint und tiefschwarze Augen unterstrichen seine exotische Ausstrahlung.

Der Junge übte auf ihn sofort eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Manuel bewunderte seinen durchtrainierten Körper. Und wünschte auch sich solche Muskeln. Gleichzeitig wunderte er sich, warum der Junge ganz allein unter dem Baum saß statt Mittelpunkt angeregter Unterhaltung zu sein.

Gelangweilt jonglierte der Junge mit einem kleinen Ball, warf ihn hoch und fing ihn wieder auf. Der Junge bemerkte Manuels Blick. Der Ball flog auf Manuel zu. Manuel wollte den Ball fangen. Ungeschickt wie er nun mal war, ließ er ihn fallen. Sein Missgeschick war ihm peinlich. Er lief rot an. Um das vor dem Jungen zu kaschieren, rannte er dem Ball hinterher. Die anderen Schüler ergriffen die Gelegenheit Manuel zu ärgern und schossen den Ball immer weiter durch den Schulhof. Es dauerte eine ganze Weile, bis er den Ball zurück hatte. Eine mitleidige Seele erbarmte sich seiner, hob den Ball auf und drückte ihn Manuel in die Hand.

Er drehte sich um und wollte zu dem Baum zurück. Da stand der Junge schon vor ihm und lachte aus vollem Hals.

„Du lachst mich aus“, meinte Manuel gekränkt, während er ihm den Ball reichte.

„Nein, ich lach dich an“, antwortete der Junge leise.

Sein Grinsen verwandelte sich in das zauberhafteste Lächeln, das Manuel je gesehen hatte. Verunsichert sah Manuel ihm in die Augen. Schnell wandte er den Blick ab.

„Tut mir leid. Du warst einfach zu komisch, wie du halb gebückt dem Ball hinterher gehechelt bist.“

Es klingelte zum Pausenende. „In welcher Klasse bist du?“, erkundigte sich der Andere, während sie sich langsam Richtung Treppenhaus bewegten.

„Zwei b.“

„Ich bin in vier a. Ich heiße Kerim und du?“

„Manuel.“

„Bist ja kurz angebunden.“

„Normalerweise nicht“, stammelte Manuel verlegen. Inzwischen waren sie im ersten Stock angekommen.

„Wann ist normalerweise?“, wollte Kerim wissen.

Manuel mochte nicht antworteten.

Kerim sah ihn von der Seite prüfend an. „Wollen wir uns in der zweiten Pause treffen?“

„Weiß nicht“, Manuel zögerte. Er fühlte sich zu Kerim hingezogen, weil der all das verkörperte, was ihm selbst fehlte, Selbstsicherheit und Fröhlichkeit und Energie.

„Aber ich weiß“, antwortete Kerim, als wollte er Manuels heimliche Gedanken bestätigen. „Also wo, wieder am Baum?“

„Gut, am Baum“, stimmte Manuel zu und schaute Kerim unsicher an.

„Na endlich“, gab Kerim zurück, strahlte Manuel an und verschwand einen Stock höher.

Manuel eilte in sein Klassenzimmer, gerade noch rechtzeitig, bevor der Lateinlehrer die Klasse betrat. Die Lateinstunde entwickelte sich zu einem einzigen Desaster.

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