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Filmriss

Prolog

Heute traue ich mich zum ersten Mal wieder allein raus. Ich schlendere runter zum Strand, dorthin, wo alles passiert ist. Es bleibt dabei: Ab morgen werde ich wieder zur Schule gehen. Heute ist Sonntag und alles ist ruhig.

Die letzten Monate haben mein Leben total verändert. Und nicht nur meins, sondern das von uns allen hier: von Marlon, Benny, Steve und vor allem das von Frieda. Bei ihr gehen die Veränderungen am tiefsten. Ein ganz »normales« Leben kann sie bestimmt nie wieder führen.

Manche Leute behaupten, dass in Veränderungen auch immer etwas Gutes steckt, auch wenn man es nicht gleich erkennt. Aber momentan ist es schwer für mich, das so zu sehen. Und dabei hat alles so schön begonnen mit Marlon und mir. Wenn ich an diesen Anfang denke, spüre ich den ersten Herbsttag im letzten Jahr: Sonnenwärme auf der Haut, die der raue Wind vom Meer sofort mit sich nimmt.

Heute ist der Himmel grau, aber für Januar ist es doch ziemlich mild. Ein leichte Brise weht. Ich habe die Hände in den Taschen meiner Jacke vergraben, meine linke Hand spielt mit dem Stein, den Marlon mir damals geschenkt hat. Das Wasser hat ihn zu einem kleinen, festen Stern geschliffen. Immer wenn ich diesen Stern in meiner Handinnenfläche habe, fühle ich etwas von dem Guten, das darin eingeschlossen ist– etwas von Marlon

Teil 1

1

Es gibt Tage, da weiß man plötzlich, dass alles anders wird im Leben und natürlich viel besser. Es fängt mit irgendeiner Kleinigkeit an: Die Sonne scheint ins Zimmer, wenn man aufwacht, oder man kriegt genau den Bus in die Stadt, den man sonst immer verpasst. Irgendwas, was eigentlich nicht wichtig ist. Aber man weiß genau: Diesmal ist es anders.

So geht es mir heute Morgen mit Marlons Lächeln, schon als ich auf die Haltestelle zulaufe. Er hat unheimlich gleichmäßig geformte, weiße Zähne. Natürlich lächelt er mich nicht zum ersten Mal an, aber heute ist irgendwas anders. An ihm, an mir, zwischen uns

»Hier, guckt mal!« Ich halte den Schlüssel in die Luft und grinse breit.

»Wow«, meint Benny. »Ein Schlüssel. Das bedeutet die Wende, definitiv.«

Marlon kapiert dagegen sofort. Dafür braucht er nicht mal was sagen, ich seh es an seinem Gesicht. Sein Gesicht, das ich stundenlang anschauen könnte. Die Haut ist so braun wie die Schale von ganz hellen Nüssen, die Züge so fein wie bei einem orientalischen Prinzen. Unter der Mütze quillt sein dichtes schwarzes Haar hervor. Ich würde am liebsten einfach hineingreifen.

»Nicht übel«, sagt er. »Kannst du den behalten?«

»Natürlich nicht.« Ich lasse mich neben ihn auf die Bank fallen. »Das ist der Haken an der Sache. Heute Mittag muss er wieder bei meinem Vater in der Jacke sein. Heute Nachmittag muss er ihn abgeben.«

Benny macht ein Gesicht, als müsste er die Quadratwurzel aus sieben ziehen: Er checkt gar nichts. Marlon dagegen kann eins und eins zusammenzählen. Wir alle reden doch ständig davon, dass wir endlich auch im Winter einen Treffpunkt brauchen. Doch Benny rafft es nicht. Und damit ist der Unterschied zwischen den beiden schon exakt auf den Punkt gebracht. Benny ist nicht dumm, aber manchmal ein bisschen schwer von Begriff.

»Dann gibt es also nur eine Möglichkeit.« Marlon schaut mich so intensiv an, dass es mir schwerfällt, auf seine Worte zu achten und nicht in seinen dunklen Augen zu versinken wie im Meer.

Ich reiße mich zusammen. »Nachmachen lassen?«

»Exakt.« Er grinst fröhlich. »Ich schlage vor, wir machen das zusammen.«

Resigniert winkt Benny ab und steckt sich erst mal eine an.

»Aber die Schule?«, frage ich. »Der Schlüssel muss ja bis Mittag zurück sein.«

»Pfeif drauf!« Seit die Sache mit der Schulband geplatzt ist, weil der Drummer abgesprungen ist, lässt Marlon die Schule etwas hängen. Im Gegensatz zu mir kann er es sich leisten, weil er in fast allen Fächern ziemlich gut ist.

»Manchmal gibt es eben Wichtigeres im Leben als Schule«, sagt er. »Findest du nicht?«

Außerdem kann er so locker drüber reden, weil seine Eltern ihm fast alles durchgehen lassen. Sie selbst können keine Kinder bekommen und haben ihn adoptiert, als er ein Säugling war. Ursprünglich kommt er aus Algerien, seine Mutter ist bei seiner Geburt gestorben, von seinem Vater weiß er nichts.

Jetzt guckt er mich wieder so an, als würde er von etwas ganz anderem reden als von Schlüsseln oder Schulen. Es kommt mir vor, als würde er nur von mir reden oder von uns beiden.

»Doch«, sage ich schnell. »Das finde ich auch.«

Plötzlich fühlt mein Gesicht sich an, als ob es gleich platzt. Daran merke ich, dass ich so rot geworden bin wie eine Tomate.

Im Bus traue ich mich endlich, die entscheidende Frage zu stellen. »Was ist jetzt eigentlich mit Frieda?« Ich versuche so zu klingen, als wäre mir seine Antwort egal.

»Was soll mit ihr sein?« Er tut, als würde er mich gar nicht verstehen.

»Na, du weißt schon…« Mein Blick schweift aus dem Fenster, die Sonne blinzelt durch die letzten bunten Blätter. Ich spüre, dass Marlon lächelt, ohne dass ich es sehe.

»Ob wir noch zusammen sind?«, fragt er.

Jetzt schaue ich ihn an, in Wirklichkeit lächelt er gar nicht.

»Ja?«

Er guckt weg.

»Nicht mehr richtig«, sagt er.

»Was heißt…?«

»Es ist praktisch vorbei…«

»Aber?«

»Wir haben es noch nicht ausgesprochen. Also nicht direkt. Aber eigentlich ist alles klar.«

»Eigentlich?«

»Ist nur noch Formsache.«

Der Bus hat jetzt den Bahnhof erreicht. Als der Fahrer die Türen öffnet, küssen wir uns zum ersten Mal. Von diesem Augenblick habe ich so lange geträumt, dass ich vor Glück zerspringen möchte.

»Ich find dich schon lange besser als sie«, flüstert er mir beim Aussteigen zu.

»Echt?«

»Na klar. Sag nicht, das hast du nicht gemerkt…«

Dazu schweige ich lieber. Zwischen sich was wünschen und etwas wissen liegt ein Riesenunterschied. Vor dem Bus küssen wir uns dann noch mal, und er streichelt mein Gesicht mit diesen Händen, die immer so aussehen, als würden sie etwas ungeheuer Kostbares berühren.

»Du bist ganz anders als sie«, flüstert er und guckt mich so verliebt an, dass ich ihm auf der Stelle alles glauben würde. Dabei bin ich mir nicht sicher, ob das nun ein Kompliment war oder nicht. Natürlich bin ich nicht wie Frieda. Frieda ist total schräg, äußerlich und innerlich. Neben ihr fühl ich mich immer so langweilig. Und was soll daran besser sein?

»Sie ist doch total hübsch«, wende ich ein.

Marlon lächelt, wir stehen uns noch immer gegenüber. Unsere Gesichter sind ganz nah beieinander.

»Aber du bist total süß. Außerdem bin ich mir bei dir sicher…« Er sucht nach den richtigen Worten.

»Ja?«

»dass ich mich immer auf dich verlassen kann.«

»Oh, das klingt ja spannend.« Ich wende mich etwas ab und tue so, als wäre ich gekränkt.

»So mein ich das doch nicht, Birte! Bei Frieda weiß man nie, woran man ist. Heute ist man für sie der Märchenprinz, morgen der totale Hänger.«

Als wir losgehen, nimmt Marlon meine Hand. »Wenn man mit dem Boot unterwegs ist«, sagt er plötzlich, »dann ist es wichtig, etwas zu haben, auf das man sich hundertprozentig verlassen kann.«

»Zum Beispiel?«

»Etwas zur Orientierung.«

Wir setzen uns auf eine Bank. Marlon schaut mich an und hält meinen Blick fest.

»Einen Kompass?«, schlage ich vor.

Er nickt. »Und die Sterne. Auf die kann man sich immer und überall verlassen. Sie sind das Wichtigste überhaupt, verstehst du?«

»Ja«, sage ich leise, »ich verstehe.«

Zentimeter um Zentimeter bewegen sich unsere Gesichter aufeinander zu, wie zwei Magneten mit verschiedenen Polen. Unsere Lippen berühren sich.

»Das Wichtigste überhaupt«, flüstert er noch einmal in mein Ohr. »Das ist es, was ich meine.«

Langsam gehen wir weiter, vorsichtig legt er seinen Arm um mich. Meine Zweifel sind verflogen und ich fühle mich leicht.

»So«, sage ich schließlich. »Jetzt ist aber der Schlüssel dran, sonst schaffen wir das nicht mehr rechtzeitig. Dafür sind wir ja schließlich in die Stadt gefahren.«

»Aber danach«, sagt Marlon, »stell ich dir noch zwei von meinen besten Freunden vor.«

»Wen denn?«, frage ich überrascht.

»Da kommst du nie drauf.«

»Okay, ich bin neugierig.– Marlon?«

»Ja?«

»Versprichst du mir, dass du mit Frieda Schluss machst? Du musst ihr klipp und klar sagen, dass es aus ist. Immerhin ist sie auch meine Freundin.«

»Versprochen«, sagt er.

2

»Um zehn Uhr bist du zu Hause.«

Ich höre nur seine Stimme. Sehen kann ich ihn nicht, denn er räumt in der Küche den Geschirrspüler ein, während ich im Flur meine Jacke anziehe.

»Ich bin fünfzehn!«, rufe ich. Nervigerweise krächzt meine Stimme. Eine Erkältung wäre jetzt echt daneben, schließlich will ich Marlon nicht gleich am ersten Abend anstecken oder schlimmer noch: ihn auf Abstand halten müssen.

»Eben deshalb. Du bist fünfzehn.«

Er betont mein Alter, als sei es eine Krankheit, mit der man nach zehn nicht mehr unterwegs sein darf. Er steht jetzt im Türrahmen.

»Keine Chance«, sage ich. »Nicht vor zwölf, und das ist schon früh. Morgen ist Samstag, und mit fünfzehn ist man kein Baby mehr.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, knalle ich die Tür hinter mir ins Schloss, dass es kracht. Das ganze Haus scheint zu wackeln. Schon im nächsten Moment tut es mir leid.

Ich mag meinen Vater, keine Frage, sehr sogar, aber manchmal geht er mir total auf die Nerven. Er hat immer Angst um mich und behandelt mich wie ein kleines Kind. Aber es ist mein Leben, das muss er endlich kapieren. Auch wenn er nur mich hat: So geht das einfach nicht! Die anderen lachen sich schlapp, wenn ich sage, dass ich um zehn nach Hause muss. Und Frieda lacht mit Sicherheit am lautesten.

Dabei hat der Abend mit meinem Vater ganz gut angefangen. Mit stolzgeschwellter Brust hat er mir verkündet, dass er gute Chancen habe, demnächst ganzjährig bei der Gemeinde angestellt zu werden. Da er bisher immer nur während der Touristensaison gearbeitet hat, wäre eine volle Stelle genau die Verbesserung, auf die er schon lange wartet.

Wir leben allein in einem kleinen Haus direkt am Deich. Im Sommer geht es meinem Vater am besten, weil er dann viel um die Ohren hat. Im Winter, wenn er arbeitslos ist, konzentriert er sich zu sehr auf meine Erziehung, was regelmäßig in die Hose geht und mich auf die Palme bringt. Er will dann alles nachholen, was er vorher im Sommer versäumt zu haben glaubt. Aber ab jetzt wird natürlich alles anders.

Den Schlüssel haben Marlon und ich gerade noch rechtzeitig nachmachen lassen. Fünf Sekunden bevor mein Vater aus dem Haus musste, habe ich das Original in seine Tasche zurückgesteckt. Die Zeit war knapp geworden, weil Marlon und ich etwas länger in der Stadt geblieben sind.

Wir gingen noch ins Meerwasser-Aquarium am Strand, wo wir die einzigen Besucher waren. Es kam mir so vor, als wäre das alles nur für uns gemacht.

»Darf ich vorstellen?«, meinte Marlon bei den Seehunden. »Mo und Amadeus. Neben Benny meine besten Freunde. Denen kannst du erzählen, was du willst. Sie halten garantiert dicht.«

Wir haben gelacht und das Seehundbellen der beiden hörte sich an, als würden sie mitlachen.

»Ich bin mir sicher, dass sie es noch nicht mal weitererzählen«, sagte Marlon lächelnd, »wenn man sich vor ihren Augen küsst.«

Das haben wir dann gemacht und darüber die Zeit vergessen. Am liebsten hätten wir gar nicht mehr aufgehört… Ich hatte so lange drauf gewartet, dass ich gar nicht glauben konnte, dass es Wirklichkeit war.

»Wie findest du ihre Namen?«

»Ziemlich musikalisch«, antwortete ich, und wieder haben wir gelacht– alle vier.

Nun haben wir also den Schlüssel für die Hütte am Strand. Ab Herbst dürfen wir da eigentlich nicht mehr rein. Außer dem Kicker und den alten Möbeln stehen nur ein paar Strandkörbe zum Überwintern drin. Vielleicht denken die von der Gemeinde, dass wir sie kaputt machen würden. Was natürlich Quatsch ist. Warum sollten wir das tun?

Trotzdem ist die Hütte für uns nach der Saison tabu. Bisher hatten wir im Winter nur das wacklige, alte Bushäuschen. Das ist nicht nur zugig, es kann einen auch jeder begaffen, wenn man drinsitzt, und bei schlechtem Wetter regnet es rein. Das Dach hat so viele Löcher wie ein Schweizer Käse. Will man sich eine Erkältung holen, braucht man sich im Winter nur in dieses Ding zu setzen.

3

Ich bin so glücklich, dass ich den Weg zur Hütte mehr hüpfe als laufe. Als ich ankomme, sind Marlon und Benny schon da. Die beiden kickern und trinken Bier. Plötzlich bin ich unsicher, ob Marlon und ich schon vor den anderen zeigen sollen, dass wir zusammen sind.

»Kommst du gar nicht zu mir?« Marlon unterbricht das Spiel, lächelt mich an. Er guckt plötzlich ganz traurig. »Oder magst du mich nicht mehr?«

Mein Magen flattert wie wild. Ich merke schon, dass Marlon ein paar Bier intus hat, aber wenn er solche Sachen sagt, kann er von mir aus ruhig noch ein paar mehr trinken.

Was Marlon sagt, das gilt. Jeder in der Clique freut sich, wenn er zeigt, dass er einen mag. Die Mädchen stehen auf ihn und alle Jungs finden ihn cool. Und jetzt sind wir praktisch offiziell zusammen. Bleibt nur abzuwarten, wie er sich verhält, wenn Frieda auftaucht.

Benny ist sein bester Freund. Die beiden kennen sich von klein auf und sind unzertrennlich. Rein äußerlich scheinen sie allerdings ziemlich ungleich: Benny ist nicht nur einen halben Kopf kleiner als Marlon, er ist auch immer etwas blass, obwohl er gar nicht schlecht aussieht. Seine Züge sind weicher und weniger markant als die von Marlon, weshalb er auch ein bisschen jünger rüberkommt.

Ich geh zu Marlon, gebe ihm einen Kuss, erst mal nur ganz vorsichtig auf die Wange. Aber er zieht mich an sich ran, küsst mich voll auf den Mund und umarmt mich. Er riecht ein bisschen nach Bier, aber bei ihm stört mich das nicht.

»Hier.« Er hält mir seine Flasche hin und lächelt. »Dann riecht man es nicht mehr.«

Ich finde, dass es nichts Ekligeres gibt als den ersten Schluck Bier: Er schmeckt einfach nur bitter und widerlich. Ab dem zweiten Schluck wird es dann etwas besser. Deshalb nehme ich den gleich hinterher und unterdrücke ein Rülpsen, weil ich so was abartig finde. Normalerweise trinke ich kein Bier, ich war auch noch nie betrunken. Garantiert würde ich nach der zweiten Flasche lallen und darauf bin ich nicht grade scharf. Ich glaube, Frieda würde noch nach zehn Bier wie ein Wasserfall reden, sie kann einiges vertragen.

Ich hasse es, die Kontrolle über mich selbst zu verlieren. Mir ist wichtig, dass ich weiß, was läuft. Frieda ist da viel lockerer als ich, sie kann auch mal ausflippen, wenn ihr danach ist, wenn irgendwas nicht so nach ihrem Willen läuft. Als wir zum Beispiel letzte Woche geplant hatten, alle zusammen ins Fun, den neuen Club in der Stadt, zu fahren und dann doch einer nach dem anderen abgesprungen ist, hat sie uns total angeschrien.

»Ihr seid wirklich die letzten Dorftrottel!«, war noch das Harmloseste. Und dann ist sie statt mit dem Bus per Anhalter gefahren, sodass wir auch ja alle sehen konnten, wie abenteuerlustig sie ist.

Wenn ich sie mit mir vergleiche, ist sie das allerdings auch. Sie jagt immer dem Neuen hinterher, mir reicht oft auch das, was grade da ist. In diesem Punkt sind sich Frieda und Marlon ähnlich. »Nimm dir den Tag!«, könnte ihr Motto sein. Mir ist es immer wichtig, auch den nächsten Tag nicht aus den Augen zu verlieren. Mir gefällt es, Pläne zu schmieden und von der Zukunft zu träumen, aber ich muss nichts überstürzen. Ich kann auch mit dem zufrieden sein, was ich habe, Frieda ist nie zufrieden.

»Komm, spiel eine Runde mit.« Marlon lächelt wieder und blickt mir tief in die Augen. »Aber auf meiner Seite, wir beide sind doch jetzt eine Mannschaft.«

Ich stelle mich neben ihn, nehme den Torwart und er macht den Rest. Alleine ist Marlon gar nicht zu schlagen, aber gegen Benny gewinnt er sogar, wenn ich im Tor stehe. Der lässt sich seinen Ärger nicht anmerken. Auch er hat schon ein paar Bierchen intus und er verträgt wesentlich weniger als Marlon. Manchmal wundere ich mich darüber, wie gut er es wegsteckt, Marlon gegenüber immer den Kürzeren zu ziehen. Vielleicht liegt es daran, dass Marlon seine Überlegenheit niemals raushängen lässt. Er akzeptiert Benny, wie er ist, und umgekehrt weiß Benny, dass Marlon zu ihm steht.

»Was feiern wir eigentlich?«, frage ich, als wir etwas später in einem der Strandkörbe sitzen.

»Was morgen ist, weißt du ja wohl.« Marlon legt einen Arm um mich.

Na klar weiß ich, dass er siebzehn wird. Er ist der Älteste von uns. Aber ...

»Wenn du dabei bist«, sagt er, »feiern wir heute Nacht rein. Aber nur dann.«

Er zieht drei Flaschen aus der Kiste, die hinter dem Sofa steht, reicht eine weiter an Benny und öffnet die anderen beiden mit dem Feuerzeug.

»Klar bin ich dabei. Was denkst du denn?«

Mein Lächeln tut ein bisschen weh, weil ich an das Zehn-Uhr-Ultimatum von meinem Vater denken muss und daran, dass ich ihm heute die Tür vor der Nase zugeknallt habe. Jetzt schaffe ich es nicht mehr, zur Versöhnung pünktlich nach Hause zu kommen. Nicht mal Mitternacht werde ich schaffen. Er wird sich Sorgen um mich machen und das will ich nicht. Andererseits hab ich ihm ja gesagt, dass ich kein Baby mehr bin, also

Marlon reicht mir ein Bier.

»Na, dann prost!«

Wir lassen die Flaschen aneinanderklacken.

»All for one«, sagt Marlon.

»And one for all!«, ergänzt Benny.

Gleichzeitig setzen wir an. Marlon trinkt seine Flasche in einem Zug leer. Benny kommt beim ersten Schluck bis zur Hälfte, bei mir ist es kaum der Rede wert. Wenn ich bis Mitternacht durchhalten will, muss ich aufpassen. Der Schaum in meiner Flasche zischt hoch und sprudelt aus dem Hals. Ich erwarte fast, dass ein Flaschengeist hinterherkommt. Aber es ist nur Schaum, der mir über die Jeans läuft, weiter nichts.

Dann schwingt die Tür auf und Frieda erscheint. Sie betritt Räume nämlich nicht einfach, sie besetzt sie regelrecht. Wo immer sie auftaucht, steht sie erst mal im Mittelpunkt, alle glotzen sie an. Das hat sicher auch was damit zu tun, dass sie zugegebenermaßen sehr hübsch ist. Sie schminkt sich auffällig und immer ziemlich grell. Sie hat auch kein Problem damit, wenn es richtig angemalt aussieht, manchmal auch ein bisschen maskenhaft. Mit Make-up und Rouge spart sie genauso wenig wie mit dem Kajal. Heute hat sie kleine schwarze Blitze neben die Augen gemalt, so was kriegt sie super hin, das muss man ihr lassen. Sie trägt einen Jeans-Mini und dazu pinkfarbene Gummistiefel. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen. Ihre langen Haare hat sie seit Neuestem schwarz gefärbt, heute hat sie eine Steckfrisur mit tausend bunten Spangen drin. Mein Ding ist das nicht, aber bei ihr sieht es gut aus. Ich glaub, es gibt kaum Jungs, die nicht auf sie stehen. Vorn auf ihrem Top prangt heute der Spruch: »Thank God…« Und hinten: »I’m a girl :-)!« Keine Frage, sie ist ein echter Hingucker.

Obwohl sie breit grinst, sieht man ihr die schlechte Laune sofort an. Eigentlich bewundere ich es, dass sie ihre Gefühle offen zeigt. Nur eins nervt: Wenn sie schlechte Laune hat, muss es jeder mitkriegen. Bei Germany’s-next-schlechte-Laune-Model hätte sie supergute Chancen, da bin ich sicher.

Friedas Tagebuch

Ich fass es nicht! Da schnappt die blöde Kuh ihn mir einfach so vor der Nase weg… Wenn das kein Grund ist, mal wieder mit Tagebuch anzufangen, weiß ich auch nicht.

Wir wohnen noch kein Jahr an der Küste und ich vermisse Berlin. Dad hat hier den Job seines Lebens gefunden, sagt er zumindest. In der Nähe wird ein riesiger neuer Hafen gebaut, ein gigantisches Projekt, bei dem er leitender Manager ist. Auch Mum hat wieder eine Arbeit gefunden, als Chefsekretärin in einer kleinen Firma. Wir haben jetzt mehr Geld, aber damit kann man sich auch nicht alles kaufen ... Wenn ich zu Hause bin, dann fast immer allein. Mein Bruder Malte lässt sich ja sowieso nicht mehr blicken.

Marlon war das Erste, was ich hier richtig gut fand. Wir haben auch ein paarmal rumgeknutscht, aber ich hab nie so richtig gecheckt, ob wir nun zusammen sind oder nicht. Manchmal tut er so als ob, dann wieder nicht. Bis vor Kurzem hat er in einer Band gespielt, was allerdings irgendwie in die Hose gegangen ist. Aber Gitarre spielen kann er wirklich.

Benny ist auch ganz okay. Ich glaub, er wäre gern mehr wie Marlon. Weil er das aber nicht schafft, hat er sich entschlossen, er selbst zu sein. Dösig, aber nett. Ich glaube, der würde nicht nur für Marlon alles tun, sondern für jeden von uns. Benny ist ein echter Steher, einer, auf den man unbedingt zählen kann, wenn’s drauf ankommt.

Blöderweise geh ich auf eine andere Schule als die anderen, obwohl wir alle Abi machen und alle in die Stadt fahren müssen. Dad ist überzeugt davon, dass das Gymnasium, auf das ich gehe, besser ist. Das ist so eine selbst ernannte Eliteschule. Richtig geil find ich nur, dass es da eine Musical-Gruppe gibt. Nächstes Jahr steht »Tarzan« auf dem Plan. Natürlich werd ich die Jane. Carina bewirbt sich zwar auch. Bevor ich gekommen bin, hat sie immer die Hauptrollen gekriegt, aber damit ist jetzt Schluss. Die Entscheidung fällt im Frühjahr

Birte mochte ich eigentlich auch, aber ihre Vorstellung heute haut dem Frosch die Krone vom Kopf! Diese falsche Schlange? Am liebsten würde ich ihr die Augen auskratzen!

Aber ich lasse mir natürlich nichts anmerken. Das wäre ja wohl voll peinlich. Ich gehöre nicht zu den Typen, die jedem gleich auf die Nase binden, was in ihnen vorgeht. Jedenfalls nicht, wenn’s wirklich tief reingeht.

Als ich in die Hütte kam, war sofort klar, was los war. Birte stand neben Marlon am Kicker wie sonst ich. Ich hab echt keine Ahnung, was Marlon an der findet. Sie ist einfach nur lang und dünn. An der ist nichts dran und ich bin wirklich nicht dick oder so was. Außerdem kleidet sie sich total langweilig. Oder gibt es irgendwo jemanden, der Schlabberjeans und einfarbige T-Shirts besonders spannend findet?

Jedenfalls ist mir die Kinnlade runtergeklappt, aber was sollte ich machen? Vielleicht hingehen und sagen: »Weg da! Das ist mein Platz! Marlon gehört mir!«?

So was geht gar nicht, jedenfalls nicht bei mir. Schließlich hab ich denen auf die Nase gebunden, dass in Berlin alles viel lockerer läuft als hier. Wer mit wem zusammen ist oder nicht zusammen ist und das ganze Zeug. Heute der und morgen der, na und? Treue ist total spießig. Ich erzähle so was und die glauben es, auch wenn’s natürlich Quatsch ist. Kein Mensch in Berlin hat andere Gefühle als die Leute hier, logisch. Aber ich hab’s nun mal behauptet, und jetzt muss ich beweisen, dass ich die Lockerheit mit Löffeln gefressen habe.

Ich hab mich in einen Strandkorb gehauen und so getan, als wäre ich in Gedanken ganz woanders. Die Nummer hat mir garantiert jeder abgekauft. Ich werd sicher mal Schauspielerin und ich weiß, warum.

»Hi, Frieda«, meinte Benny, »spielst du mit?«

Ich hab seine Frage einfach überhört.

»Oh, was zu trinken?«, sagte ich.

Überall standen Bierflaschen rum, nicht gerade normal für hier. Benny machte eine davon mit den Zähnen auf und hielt sie mir hin. Ich hab zugegriffen, ohne ihn anzugucken. Er schien trotzdem ganz happy zu sein. Ich weiß, dass er mich mag, am Anfang war er sogar mal ein bisschen in mich verknallt. Ich mag ihn auch, aber eben »anders«. Das hab ich ihm auch gesagt und er akzeptiert es. Bei Marlon werde ich das aber ganz und gar nicht akzeptieren!

Zum Glück hab ich meine Haare frisch gefärbt und mich krass geschminkt, Smokey Eyes und so, noch mehr als sonst. Hatte heute besonders viel Lust dazu, rein zufällig also eine gute Tarnung.

Ich finde es immer wieder irre, wie sehr man sich mit Make-up und Klamotten verändern und neu erfinden kann. Wenn ich gut drauf bin, kann ich locker Stunde um Stunde vorm Spiegel verbringen und neue Gesichter ausprobieren.

Das Oberlippen-Piercing hatte ich mir am Morgen machen lassen und es tat noch saumäßig weh. Es machte das Trinken nicht ganz einfach, aber ich habe mir nichts anmerken lassen.

4

»Kommst du mal kurz mit raus?« Benny sagt das so, dass die anderen es nicht mitkriegen.

»Was gibt’s denn?«, frage ich draußen.

»Lass uns ein paar Schritte gehen«, schlägt er vor und steckt sich eine Zigarette an.

Langsam schlendern wir nebeneinanderher, eine ganze Weile sagt er nichts.

»Nun mach’s nicht so spannend.«

»Marlon und du«, beginnt er zögernd, »seid ihr beide jetzt eigentlich so richtig zusammen?«

»Ja klar. Merkt man das nicht?«

»Doch, schon…«

»Aber? Nun lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!«

»Aber Frieda merkt das natürlich auch.«

»Marlon hat mit ihr Schluss gemacht«, sage ich locker. »Obwohl er eigentlich nie so richtig mit ihr zusammen war. Aber er hat’s getan, damit wir klare Verhältnisse haben.«

Benny erwidert nichts, guckt mich nur an.

»Hat er nicht?« Unsicher bleib ich stehen.

»Nicht dass ich wüsste.«

»Er hat es mir aber versprochen.« Ich bin nicht so zuversichtlich, wie meine Worte klingen.

»Dann macht er es ganz sicher noch. Nur… bisher…«

Ohne ein weiteres Wort gehe ich zurück zur Hütte.

»Birte! Warte doch mal!«

Ich knall die Tür hinter mir zu.

»Hey!«, ruft Marlon. »Was ist denn mit dir los?«

Ich bau mich vor ihm auf, die Hände in der Jackentasche. Er sitzt auf einem der alten Sessel und sieht erschrocken aus.

»Du hast mir was versprochen«, sage ich.

Er überlegt nur kurz, dann entspannt sich sein Gesicht.

»Ja«, sagt er ruhig. »Ich hab’s getan. Frieda und ich, wir haben gerade Schluss gemacht.«

5

Bin heute Nachmittag auf der Star Search, den Kahn winterfest machen. Kommst du mich besuchen?

Marlons SMS hat mich auf dem Heimweg erreicht, und mein Herz macht einen Sprung. Die Star Search ist das Boot seines Vaters, der eine Arztpraxis bei uns im Dorf hat. Marlon ist ein richtig guter Segler. Im Sommer fährt er manchmal mit uns raus und wir schippern ein bisschen vor der Küste rum. Er ist dann der Kapitän und wir anderen sind die Crew. Das macht irre Spaß. An Bord ist es total wichtig, dass einer das Sagen hat, sonst läuft überhaupt nichts. Bei Marlon hat keiner damit ein Problem.

Jetzt, zum Herbst, werden die Boote aus dem Hafen geholt und vorher winterfest gemacht. Dass ich mich total gerne mit ihm dort treffe, steht sofort fest. Ich erinnere mich daran, dass Frieda im Sommer öfter mit ihm allein dort war.

Als ich die Leiter zum Bootssteg runterklettere, ist es schon fast dunkel. Obwohl ich den ganzen Nachmittag an nichts anderes denken konnte, bin ich doch erst spät losgekommen. Immer wenn ich gerade aufbrechen wollte, war wieder irgendwas, mein Vater brauchte »noch mal eben ganz kurz« Hilfe im Garten, den er gerade für den Winter vorbereitete, zweimal klingelte das Telefon. Hoffentlich ist Marlon jetzt überhaupt noch hier, ich hab mich so darauf gefreut. In meinem Magen fängt es an zu kribbeln, meine Hände sind kalt. Ich stecke sie in die Taschen meiner Windjacke. Von Weitem sehe ich, dass auf der Star Search Licht brennt, aber das kann genauso gut Marlons Vater sein. Oder vielleicht beide zusammen, was ich mir auch nicht unbedingt wünsche. Einen Moment lang glaube ich, ein paar melancholische Gitarrenakkorde zu hören.

»Hallo, Birte.« Marlons Stimme dringt zu mir, noch bevor ich ihn sehe. »Ich bin grad so weit fertig. Schön, dass du doch noch kommst.«

Er hat die orangefarbene Skipper-Jacke an, die ihm so gut steht. Er lächelt, hilft mir an Bord. Der schwankende Boden unter den Füßen fühlt sich wie immer am Anfang komisch an.

»Willst du einen Tee?«

»Gerne.«

Ich setze mich auf die kleine Bank an Deck. Marlon kommt mit zwei dampfenden Bechern zurück.

»Sind Zucker und Milch drin, okay?«

»Ja, klar.«

Er setzt sich so dicht neben mich, dass ich ihn durch den Stoff unserer beiden Jacken hindurch spüre. Wir schlürfen den heißen Tee. Die Becher wärmen unsere Hände. Man hört das Plätschern des Wassers, das Boot schaukelt sanft, das Holz knarrt, oben schlägt irgendwas gegen den Mast.

»Spiel doch ein bisschen Gitarre«, sag ich.

»Jetzt nicht«, sagt Marlon. »Aber guck dir mal die Sterne da oben an. Die sind viel schöner als mein elendes Geklimper.«

Beides zusammen, denke ich, wäre der Hammer.

Es ist inzwischen ganz dunkel geworden. Der Himmel ist klar. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so viele Sterne auf einmal gesehen habe. Sie vereinigen sich zu einem schimmernden Netz, das sich über den Himmel spannt.

»Echt Wahnsinn!«

»Komm mal.« Marlon nimmt mir den Becher ab und stellt ihn neben seinen auf den Tisch. Er führt mich aufs Achterdeck, in einer kleinen Vertiefung liegen ...

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