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Feuerprobe: Wegners erste Fälle (2. Teil)

Thomas Herzberg

Feuerprobe: Wegners erste Fälle (2. Teil)

Hamburg Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

Feuerprobe

Wegners erste Fälle (2. Teil)

von Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.3

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

Ein großes Dankeschön geht an diesen Mann:

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann

Inhalt:

Während Kallsen im Krankenhaus liegt, platzen Wegners Hoffnungen auf einen geruhsamen Lenz spätestens in dem Moment, als eine zerstückelte Leiche auf dem Fischmarkt gefunden wird. Schnell wird klar, dass dieser Mord nur Teil eines raffinierten Plans ist, denn schon bald folgen weitere Tote. Um die Täter dingfest zu machen, muss Wegner auch seine letzten Grenzen überschreiten ...

Feuerprobe ist Teil 2 der neuen Serie Wegners erste Fälle. Wer zuvor schon seine schwersten Fälle mitverfolgt hat, möchte sicherlich wissen, wie es mit dem Raubein angefangen hat. Begleiten wir Manfred Wegner, damals noch blutjung, auf seinem Weg an die Spitze der Hamburger Mordkommission ... (Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Mittlerweile ist es allerdings ratsam, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ...;)

Prolog

»Kannst du mir mal sagen, was ich mit der Leiche anstellen soll?«

»Ist mir egal … Hauptsache, du schaffst mir das Schwein aus den Augen. Dieser Idiot hätte es fast fertiggebracht, alles kaputtzumachen, was wir in den letzten Jahren aufgebaut haben.«

»Trotzdem verstehe ich nicht, warum du ihn gleich umbringen musstest. Vielleicht hätte es ja auch gereicht, wenn du ihm gedroht hättest oder … ’ne Hand abgehakt. Aber so?«

»Wir reden über gegessenen Käse! Schafft die Leiche weg! Und sieh zu, dass man keine Spuren findet, die zu uns führen.«

»Der Kerl ist komplett steifgefroren. Wenn ich den in Einzelteilen entsorgen soll, brauch ich ’ne Axt.«

»Nimm ’ne Säge und beeil dich. Ich will, dass der Kerl vor Sonnenaufgang Geschichte ist.«

1

Wie eine Lokomotive raste Manfred Wegner über die Gänge der Intensivstation. Vor dem Schwesternzimmer angekommen, hätte er fast einen Rollwagen umgerissen, der mit Bechern und Thermosflaschen beladen war.

Als nach dem ersten Klopfen nicht sofort etwas geschah, wirkte das zweite schon, als ob Wegner die Tür einreißen wollte. Trotzdem vergingen nochmal Ewigkeiten, bis ihm eine verschlafen aussehende Schwester öffnete.

»Wo ist er?«

Die Frau schüttelte nur verwirrt den Kopf und zupfte nervös an ihrem Kittel, der verrutscht war. Ihr Gesicht verriet, dass sie keinen Schimmer hatte, was dieser Störenfried von ihr wollte.

»Kallsen … Gerd Kallsen!«

Nur eine Minute später standen Wegner und die Krankenschwester vor einer riesigen Glasscheibe. Dahinter zwei Betten, direkt nebeneinander.

»Welcher von beiden ist es?« Unzählige Schläuche, Kabel und haufenweise medizinische Apparaturen verdeckten die Sicht. Wegner konnte tatsächlich nicht erkennen, bei welchem der Männer es sich um seinen Chef handelte.

»Der rechte … der linke kämpft schon seit ein paar Tagen um sein Leben«, gab die Schwester trocken zurück. Ihr Kopfschütteln verriet, welche Erfolgsaussichten sie diesem Kampf einräumte.

Wegner hatte schon auf seinem Sofa gelegen und auf die Tagesschau gewartet, als ihn ein Anruf aus seinen Feierabend-Planungen gerissen hatte. Zwei Minuten später saß er in seinem Auto und raste Richtung Eppendorf zum Hamburger Universitätskrankenhaus.

Kallsens Operation, die vollständige Entnahme der Gallenblase, eine Routine-OP, lag über eine Woche zurück. Anstatt sich mit der Möglichkeit von Komplikationen zu befassen, hoffte Wegner auf die schnelle Rückkehr seines Chefs. Bis jetzt war es in der Mordkommission ruhig geblieben, aber das könnte sich schnell ändern.

Was war nur geschehen?

Noch immer stand Wegner wie gelähmt vor dem Fenster und starrte auf die blinkenden Maschinen, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürte. Wie in Zeitlupe drehte er sich um und schaute direkt in die Augen seines Freunds Christian Teichmann, seines Zeichens Oberarzt in der Chirurgie des Universitätskrankenhauses.

Eine ganze Weile sprachen die beiden Männer kein Wort. Dann gab sich der Arzt einen Ruck und begann mit gedämpfter, jedoch fester Stimme: »Es gab Komplikationen …«

»Das hab’ ich mir gedacht«, gab Wegner ebenso leise zurück. »Aber was ist passiert und warum liegt er plötzlich auf der Intensivstation?«

Christian Teichmann grinste breit, was in dieser Situation mehr als unpassend wirkte. »Mein Gott, Manfred! Der Kerl frisst für drei ... einer meiner jungen Kollegen ist ihm auf den Leim gegangen und hat innere Blutungen diagnostiziert.«

»Aber es waren nicht Blutungen, sondern ...«

»... nur Blähungen, genau!«, vollendete Teichmann den Satz kopfschüttelnd. »Als mein Dienst anfing, bin ich mit der Oberschwester in sein Zimmer und habe seinen Nachttisch gefilzt.«

»Und?«

»Wenn der Kiosk am Empfang davon wüsste, dann würde der Inhaber wegen der neuen Konkurrenz vermutlich auf eine Mietminderung pochen. Brote, Wurst, bergeweise Bonbons ... und sogar zwei Stücke Torte.«

Wegner atmete schwer. Seine Blicke fixierten sich wieder auf Gerd Kallsen, der, zwischen Schläuchen und Kabeln gefangen, wie eine Marionette nach Feierabend wirkte. »Also kommt er wieder auf die Beine, ja?«

»Natürlich! Nur dass er ohne Galle eben nicht so – Entschuldigung – weiterfressen kann wie bisher. Das muss ihm einer klarmachen ...« Der Arzt lachte bitter. »Ich habe ihn nur auf Intensiv gelassen, weil ich nichts riskieren wollte. Ich kenne doch deine polterige Art, wenn mal was nicht so läuft, wie du es dir vorstellst.«

Wegner und Teichmann kannten sich seit Jahren vom Boxen. Nach einigen Monaten gemeinsamen Trainings waren sie dazu übergegangen, sich auch privat zu treffen und fortan regelmäßig die Kneipen rund um St. Pauli unsicher zu machen.

»Dann ist es also gar nicht so schlimm, wie es aussieht?« Wegner brauchte wohl noch eine letzte Bestätigung, damit er beruhigt nachhause fahren konnte.

»Eine Garantie würde ich für niemanden geben und erst recht nicht in deinem Fall«, gab der Arzt tonlos zurück. »Aber ich bin mir sicher, dass er die Nacht überlebt und in ein paar Tagen zumindest wieder auf den Beinen ist – vielleicht sogar ganz der Alte.«

»Das hab’ ich befürchtet!«

Auf seinem Heimweg fuhr Wegner absichtlich einige Umwege. Mit weit geöffnetem Fenster umrundete er nun schon zum zweiten Mal die Binnenalster und genoss die Lichter und das Treiben rundherum. Die Luft war kalt, aber sie roch auch nach Frühling. Die Stimmung wischte außerdem die trüben Gedanken aus seinem Kopf.

Endlich, nachdem ganz Norddeutschland monatelang unter Schneemassen geschlummert hatte, waren die Straßen wieder frei. Der Winter 1978 auf 1979 dürfte sicher in die Geschichtsbücher eingehen. Jetzt war es Anfang April und an manchem Tag schaffte es die Sonne sogar, die Wolken zu vertreiben. Nach und nach erwachte die Bevölkerung der schönen Hansestadt aus ihrem Winterschlaf und widmete sich alltäglicher Routine, die nicht nur aus Eiskratzen oder Schneeschieben bestand.

Wegner bog wenig später in die Hohe Weide ein und blieb vor dem Haus stehen, in dem Heidi Wichura wohnte. Sie waren seit einigen Wochen ein richtiges Paar und trafen sich meistens in Heidis Wohnung. Dieses winzige Zwei-Zimmer-Idyll, direkt unter dem Dach, versprühte einen seltsamen Charme, den man erst bei genauerem Hinsehen erkannte. Darüber hinaus war Heidis Dachwohnung um Längen komfortabler als Wegners chronisch unaufgeräumte Junggesellenbude.

Er saß regungslos hinter dem Lenkrad und überlegte, ob er klingeln und zu ihr hochsteigen sollte. Aber wie das enden würde, konnte er sich lebhaft vorstellen. Am Ende, das war sicher, müsste er am nächsten Tag im Büro mit Streichhölzern nachhelfen, um die Augen offenhalten zu können. Deshalb schob er jetzt energisch den ersten Gang rein und gab Gas.

Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps! Einer von Kallsens Lieblingssprüchen, den er selbst allerdings nur selten beherzigte.

Zuhause angekommen legte Wegner sich direkt ins Bett, konnte aber natürlich nicht sofort einschlafen. Morgen war erst Dienstag, seine zweite Ganz-Allein-Woche im Büro der Mordkommission – also ohne Kallsen. Nur Irmgard und er selbst hielten die Stellung.

Aber es gab Grund zur Hoffnung, dass auch die kommenden Tage ohne besondere Ereignisse verstreichen würden und die Verbrecher sich mit weiteren Taten Zeit ließen, bis Kallsen einsatzbereit zurückkehrte.

Wenn Wegner in diesem Moment gewusst hätte, wie sehr er sich damit täuschte, hätte er es vielleicht doch vorgezogen, eine letzte unbeschwerte Nacht in Heidis Heim zu verbringen.

2

»Sie war schon wieder da.« Irmgard saß mit betretener Miene an ihrem Schreibtisch und knetete mit ihren Fingern zwei Gummibälle, die Wegner ihr ein paar Wochen zuvor mitgebracht hatte. Seitdem klagte sie nur noch selten über die Nebenwirkungen ihrer Arthrose und verschonte darüber hinaus auch ihre Schreibmaschine mit überflüssigem Gehämmer.

Wegner zog seine Brotdose und die Thermosflasche aus der Tasche und stellte sie auf seinem Schreibtisch ab. Danach ließ er sich in seinen Stuhl fallen und stöhnte laut. »Und … was war dieses Mal?«

»Sie ist sich immer noch sicher, dass der Kerl von gegenüber sie umbringen will. Gestern hat sie beschlossen, dass sie ihr Haus nicht mehr verlassen wird.«

»Und wie ist sie dann hierher gekommen?«, fragte Wegner und konnte sich dabei ein Grinsen kaum verkneifen.

Irmgard hingegen sprang auf und funkelte ihn wütend an. »Du bist ein Arsch, Manfred! Ein typischer Kerl … ohne Verständnis, geschweige denn Feingefühl.«

Wegner wich ihrem Blick aus und griff zu seiner Thermosflasche. »Für dich! Der Hagebuttentee, den meine Mutter selbst macht. Weil ich ja so wenig Feingefühl habe«, äffte er seine Kollegin nach.

»Ihr Männer seid doch alle gleich: Ein Dach über dem Kopf, warmer Tee … und dann ist die Sache erledigt.« Irmgard schnaufte wütend. »Frau Fuchs hat einfach nur Angst! Außerdem hast du doch gehört, was Kallsen gesagt hat …«

»Jaja«, unterbrach Wegner sie. »Wir sind nicht nur für Mord, sondern auch für Prävention verantwortlich. Und danach hat sich der Sack elegant ins Krankenhaus verabschiedet und mich mit dem ganzen Mist allein gelassen.«

»Bislang sah das so aus, als ob du seine Zeitung liest und auch noch die Stullen futterst, die er sonst verputzt. Mehr habe ich bis jetzt nicht gesehen.«

»Das ist Polizeiarbeit, Irmielein ... davon verstehst du nichts.«

Bevor Irmgard Block antworten konnte, unterbrach das Telefon diesen Austausch von Freundlichkeiten.

Nicht mal eine Minute später ließ Wegner den Hörer auf die Gabel krachen und vergrub sein Gesicht in den Händen.

»Verdammte Scheiße!«

»Was ist los?«, erkundigte sich Irmgard, nachdem ihr Kollege offensichtlich nicht fortfahren wollte.

»Ich hab’s befürchtet. Nein … ich wusste es!«

»Was wusstest du? Rede, verflucht!«

»Ne Leiche … unten am Fischmarkt.«

»Das ist Polizeiarbeit«, frotzelte Irmgard. »Davon verstehst du doch was.«

Der Fischmarkt war auch an diesem Vormittag von reger Betriebsamkeit erfüllt. Lkw und Gabelstapler fuhren kreuz und quer. Männer in Overalls stapelten Paletten zu Bergen auf. Überall standen Lieferwagen herum, die nur darauf warteten, endlich mit ihren bestellten Waren davonzubrausen.

Rechts sah Wegner einen Streifenwagen und parkte seinen Audi einfach direkt daneben, auch wenn er damit eines der Tore versperrte. Auf wackeligen Beinen, ohne Frühstück im Bauch, schaute er sich um und versuchte herauszufinden, wo sich der Eingang befand.

Vor ihm schnellte ein Tor hoch, aus dem ein riesiger, fetter Kerl mit blutverschmierter Gummischürze herausgeschossen kam, der sofort zu pöbeln anfing: »Haste se nich mehr alle, Jungchen? Hier kommt gleich der nächste Lkw und will dreißig Paletten Fisch laden. Mach dich mit deiner Karre vom Acker, du Schwachkopp!« Dieser Bud Spencer für Arme wankte Wegner entgegen und fuchtelte dabei mit seinen Werkzeugen herum, einem ellenlangen Messer und einem mächtigen Fleischerbeil.

Als nur noch ein paar Meter zwischen den beiden Männern lagen, zog Wegner seine Jacke ein kleines Stück beiseite und gab damit den Blick auf seine Dienstwaffe frei, was den Fleischberg zu einer Vollbremsung veranlasste. Seine Arme sackten herunter, sein Gesicht verzog sich zu einem gequälten Grinsen.

Wegner, der in diesem Moment keine Lust auf überflüssige Debatten hatte, schob sich wortlos an dem Kerl vorbei, um in das Innere der Halle zu gelangen. Mit immer kürzeren Schritten – gebremst von der Last zentnerschwerer Verantwortung – stapfte er zwischen Euro-Paletten, Packtischen und herumwieselnden Arbeitern bis zum Ende der Halle. Schon beim Betreten des Gebäudes hatte er ein kleines Büro in der ersten Etage ausgemacht.

Vor der massiven Metalltreppe stand ein älterer Uniformierter, der seinem jungen Kollegen zur Begrüßung nur zunickte. Wegner schaute die Treppe empor. Er hätte nie geglaubt, dass Selbstzweifel einen derart lähmen konnten. Schritt für Schritt, mit immer weicher werdenden Beinen, nahm er eine Stufe nach der anderen und fühlte sich mit jeder weiteren noch kraftloser als zuvor.

Oben angekommen blieb er zunächst stehen und sah in die riesige Halle hinunter.

Hätte ihm das Schicksal nicht wenigstens einen etwas intimeren Mord schenken können? Vielleicht eine Einzimmerwohnung am Volkspark oder ein Kellerverschlag in Altona?

Er riss seinen Blick jetzt von den zahllosen Arbeitern los und schaute stattdessen auf den kleinen Glaskasten, hinter dessen halboffener Tür ein grimmig dreinschauender Mann in einem Berg von Papieren wühlte. Er setzte ein paar Schritte nach vorn und versuchte seinen Kopf von überflüssigem Ballast und Sorgen zu befreien.

»Wegner … Mordkommission. Moin!«

»Moin.« Der Mann hielt es nicht mal für nötig aufzuschauen und wühlte stattdessen nur noch energischer in den Stapeln herum.

»Sie haben ’ne Leiche gefunden?« Das war nicht als Frage gemeint. Wegner wollte vielmehr den Fokus seines Gegenübers auf das Wesentliche lenken.

»Dieser ganze Mist legt mir seit Stunden den Betrieb lahm«, fauchte der Mann zurück, wobei er zwischenzeitlich den Blick gehoben hatte und seinen Besucher feindselig anfunkelte.

»Wenn Sie nicht kooperieren wollen, dann mach’ ich Ihnen die Bude in ’ner halben Stunde dicht.« Wegner hatte eine ähnliche Stellungnahme erwartet und war vorbereitet. »Und wenn Sie nicht gleich Ihren Ton ändern, dann sorge ich dafür, dass Sie vor Ende nächster Woche hier keinen Hering mehr vor die Tür schieben. Ist das klar?«

Im Gesicht des Mannes war zu erkennen, dass er sein Gegenüber gründlich unterschätzt hatte. Jetzt erhob er sich flink, schob sich an seinem Schreibtisch vorbei und streckte Wegner die Hand entgegen. »Paul Hansen … ich verwalte den Haufen hier.«

»Dann lassen Sie Ihren Papierkram erst mal liegen und zeigen mir, wo Sie die Leiche gefunden haben.« Auch Wegners Stimme hatte einen etwas zahmeren Ton angenommen.

Bereits auf dem Weg die Stahltreppe hinunter begann Hansen damit, die Fakten in kurzen Sätzen herunterzurattern: »Heute morgen, etwa halb fünf wird’s gewesen sein. Die erste Schicht musste so schnell wie möglich ’ne komplette Ladung Dorsch für einen Holländer packen, der mit seinem Kühler schon die ganze Nacht vor dem Tor gewartet hat.«

»Und wo hat man die Leiche gefunden?«

»Mitten im Eis, auf drei Kisten verteilt.«

Mittlerweile waren die beiden Männer vor einem weiteren Tor angekommen. Ein Thermometer auf der rechten Seite verriet, dass in der nun folgenden Halle mindestens 18° minus herrschten. Deshalb reichte Hansen Wegner jetzt eine dicke Daunenjacke, die der dankbar annahm.

Weißer Nebel schlug ihnen entgegen, als sie den ersten Fuß durch die kleine Seitentür neben dem Tor setzten.

»Atmen Sie nicht zu tief ein«, mahnte Hansen, während er sich eine Hand vor den Mund hielt. »Wir müssen ganz bis zum Ende durch und dann nach links zur TK-Packstation.«

Wegner beobachtete erstaunt das Treiben rundherum. Die Arbeiter hier wirkten wie Eskimos, die mit Ameisen oder Gabelstaplern unaufhörlich mannshoch gepackte Euro-Paletten umhermanövrierten. Vor dem Tor zum Versand standen zwei Streifenbeamte, deren Aufgabe es war, den Tatort von Unbefugten abzuschirmen. Trotz ihrer Jacken und Mützen bibberten die beiden Uniformierten, was vermutlich in erster Linie ihrer Regungslosigkeit geschuldet war.

Auch hinter dem nächsten Tor wartete ein weiterer Kollege, der schon seit Stunden in der Eiseskälte ausharrte. Wegner gab dem Mann ein Zeichen, dass der – zumindest für ein paar Minuten – vor die Tür gehen und sich aufwärmen könne.

»Die drei waren es!«, brüllte Hansen gegen den Lärm der Kühlmaschinen an. »In der links liegt der Körper, in der Mitte Arme und Beine und rechts der Kopf.«

An den mächtigen Kondenswolken vor Wegners Gesicht war zu erkennen, dass ihm schon diese ersten Informationen gründlich zusetzten. Naserümpfend trat er ein paar Schritte vor und hob den Deckel der ersten großen Kiste ein Stück an um hineinzulinsen. Ebenso abrupt ließ er ihn wieder fallen und drehte sich mit gequältem Grinsen in Hansens Richtung um.

»Irrtum!«, quetschte er heraus. »Hier links liegt der Kopf drin.«

3

Wegner hatte die Kisten und deren abscheulichen Inhalt nur flüchtig inspiziert und sich danach vor die Tür gerettet. Er brauchte Luft, Wärme, aber hauptsächlich ein paar Minuten, um die ersten Eindrücke zumindest ansatzweise zu verarbeiten.

Paul Hansen stand neben ihm und stieg unruhig von einem Bein aufs andere. »Ich muss heute noch mindestens dreihundertfünfzig Tonnen Fisch ausliefern. Hier ist nicht alles tiefgekühlt, da verrottet mir der ganze Mist schneller als Sie Makrele sagen können.«

Wegner überlegte einen kurzen Moment und begann dann relativ selbstsicher: »Zuerst mal verriegeln Sie das Tor zur Auslieferung, damit ich meine beiden Kollegen dort rausholen kann ... bevor sie steif frieren.«

Hansen nickte widerwillig, schien diesen Anweisungen jedoch nichts entgegensetzen zu wollen.

»Wir versuchen, bis Mittag die Kisten abzuholen, um sie in die Rechtsmedizin zu bringen«, fuhr Wegner fort. »Wenn wir hier auf nichts Weiteres stoßen, dann können Sie Ihren Betrieb spätestens am frühen Nachmittag wieder ungestört aufnehmen. Aber bis dahin bleibt der Laden dicht und keine Sprotte rollt hier raus, die ich nicht selbst freigegeben habe. Ist das klar?«

Hansen nickte und machte schon den ersten Schritt nach vorn. »Lassen Sie uns wieder in mein Büro gehen … Sie wollen doch sicher wissen, woher der ganze Fisch kommt.«

Zurück an Hansens Schreibtisch, begann der erneut damit, in seinen Papierbergen herumzuwühlen. »Das waren Dorsch, Kabeljau und Heringe. Davon kommen täglich über fünfhundert Tonnen an. Das wird nicht leicht …«

»Wieso?« Wegner nahm ein paar Blätter entgegen und überflog die, ohne wirklich etwas vom Geschriebenen zu verstehen.

»Die großen Trawler kommen meist mitten in der Nacht und laden Berge von Fischen ab. In den Kisten landet der Kram erst, wenn alles vorsortiert ist. Sonst würden hier bei uns ein Butt neben einem Dorsch und ein Hering neben einer Makrele ankommen. Das geht nicht … können wir personell gar nicht stemmen.«

»Also könnte es im Prinzip überall passiert sein.« Wegner rieb sich das Kinn und nahm einen Schluck Kaffee, der seinem Magen hoffentlich dabei half, das Erlebte besser zu verdauen. »Auf dem Schiff, hier im Hafen oder …« Seine Stimme nahm einen geheimnisvollen Tonfall an, »… sogar bei Ihnen?«

»Da stimmt!«, gab Hansen relativ unbekümmert zurück. »Aber als einer der Packer den Kopf gefunden hat, sind meine Leute natürlich wie die Hühner zusammengelaufen. Jeder wollte sehen, ob es sich um einen von uns handelt.«

»Und?«

»Fehlanzeige! Ich hab den Kerl auch noch nie gesehen und Sie können mir glauben: Ich kenne meine Leute.«

»Wird der Fisch schon auf den Trawlern eingefroren?«, erkundigte sich Wegner, nachdem er eine ganze Weile in den Unterlagen herumgeblättert hatte, ohne dabei auf irgendetwas Hilfreiches zu stoßen.

»Na, klar! Die Kühlkette muss durchgängig sein, ansonsten können wir den Kram hier nicht mehr verwerten. Da gibt es exakte Vorschriften.«

»Und wo, meinen Sie, hat sich dann die Leiche zum Fisch gesellt?« Wegner unternahm einen letzten Vorstoß. Er glaubte ohnehin nicht, dass Paul Hansen ihm wirklich helfen konnte. Dem Mann war letztendlich nur wichtig, dass sein Betrieb so schnell wie möglich wieder ungestört voranginge.

»Wenn Sie mich fragen, dann muss es irgendwo zwischen einem der Trawler und unserer Firma passiert sein. Wir verpacken nur und das in jeder Größe, die unsere Kunden wünschen: vom Schuhkarton bis zur Euro-Palette.«

Als Wegner eine halbe Stunde später wieder vor dem Tor zum Tiefkühlversand eintraf, waren auch die beiden Kollegen der Rechstmedizin bereits vor Ort. Einer von ihnen schob die letzte Kiste mit einer Ameise in den isolierten Kofferwagen hinein.

»Wir bringen alles zu Kruse rüber«, informierte einer der Männer Wegner atemlos.

»Onkel Hjalmar wird sich bestimmt freuen, wenn er sich seinen Kunden zwischen den ganzen Fischen zusammensuchen muss«, ergänzte der andere lachend. »Das haben wir auch nicht alle Tage.«

Kurz darauf trat Hansen erneut hinzu. Sein fragender Blick sprach Bände.

Wegner überlegte eine Weile. Was sollten sie hier noch finden, um der Lösung dieses Falls näher zu kommen? Er ließ einige von Kallsens Weisheiten Revue passieren, wobei er in diesem Moment für keine davon Verwendung fand. Wenn Hansen wirklich recht hatte und die Leichenteile letztendlich hier nur gefunden wurden, dann gab es in diesem Kühlhaus ohnehin nichts zu finden, was ihn auf die Spur des Täters bringen würde. Außerdem könnte er jederzeit zurückkehren, um an Ort und Stelle weiter zu ermitteln.

Nach heftigem Schnaufen und Kopfschütteln traf Wegner dann eine Entscheidung: »Sie können weitermachen.« Seine Stimme klang dünn und das war kein Wunder, denn er wusste selbst nicht, ob er einen Fehler machte und den womöglich später bitter bereuen würde. Spätestens dann, wenn Kallsen ihm die Resultate seines Handelns auf üblich sympathische Weise um die Ohren schlug und ihn wie einen dummen Jungen im Regen stehen ließ.

»Wir rücken ab!«, informierte Wegner auch seine wartenden Streifenkollegen, die ihn dafür mit erleichterten Gesichtern belohnten.

»Ich hab’ da noch eine Liste der Trawler, die heute Nacht entladen haben«, begann Hansen aufs Neue, während er den davonfahrenden Peterwagen hinterherschaute. Er zog einen ganzen Stapel Papiere aus seiner Jackentasche.

Wegner nahm die Liste und überflog sie kurz. »Das ist ein guter Anfang. Ich fahr gleich zum Hafen runter und red’ mit den Leuten. Vielleicht hat einer was gesehen und …«

»Da werden Sie sich wohl ein paar Tage gedulden müssen«, unterbrach ihn Hansen. »Die meisten sind längst wieder auf hoher See und hoffen, dass sich die Netze erneut füllen.«

»Gibt es da oft Streit an Bord?«, wollte Wegner wissen. Natürlich kannte er sich als Sohn eines Kapitäns mit Seeleuten gut aus, aber er wusste auch, dass jede Branche ihre Eigenheiten aufwies.

»Was denken Sie denn? Das sind Fischer. Ein sonderbarer Schlag Menschen. Die sind alles, aber nicht zimperlich. Da landet manch einer im Hafenbecken und fragt sich hinterher, wie er dorthin gekommen ist.«

Die Männer verabschiedeten sich wortlos voneinander. Jeder hatte genug mit seinen eigenen Dingen zu tun: Der eine musste bergeweise Fisch auf die Reise bringen, während der andere mittlerweile hinter seinem Lenkrad hockte und nicht nur an seiner Entscheidung, sondern auch gründlich an sich selbst zweifelte.

Wegner überflog ein weiteres Mal die Liste mit Schiffen und Liegeplätzen. Alleine dieser Teil dürfte Tage in Anspruch nehmen und vermutlich am Ende doch zu nichts führen. Unverändert ratlos startete er den Motor und rollte die Rampe hinunter.

Es wurde Zeit, einen Schritt nach vorne zu machen und Kallsen mit Ergebnissen statt Fragen zu beeindrucken – nur wie? Aber er war schließlich bei der Mordkommission und nicht in der Abteilung für Hühnerdiebe oder Handtaschenräuber …

4

 

»Und … wie war’s?« Irmgard goss gerade die Blumen, als Wegner das Büro der Mordkommission betrat.

»Ich hab’ eine erste Spur.« Er deutete auf die Liste. »Hier sind alle Fisch-Trawler, die heute Nacht im Hafen angekommen sind. Zum Beispiel die Angela II«, fügte er stolz hinzu.

»Wer nennt denn ein Schiff Angela?«

»Was weiß ich denn? Wie würdest du ein Schiff nennen, wenn du eins hättest?«

Irmgard überlegte, schien jedoch zu keinem brauchbaren Ergebnis zu kommen.

»Man hat die Leiche in einem Kühlhaus gefunden, in Einzelteilen«, fuhr Wegner fort. »Und ich hab’ gedacht, dass ich die Scheißkälte endlich hinter mir hätte.«

»Was hast du erwartet, Manni? Dass in Zukunft nur noch Leute bei Sonnenschein am Elbestrand umgebracht werden, weil der junge Herr Kommissar genug gefroren hat?«

Wegner verneinte die Frage kopfschüttelnd und griff zu einem Zettel, den jemand auf seine Wählscheibe geklebt hatte. »Was ist das? Heißt das da oben Krankenhaus?«

Irmgard nahm den Zettel und betrachtete ihr eigenes Werk mit zusammengekniffenen Lidern. »Das kann man doch ganz klar erkennen! Natürlich steht da Krankenhaus … du sollst deinen Freund anrufen, diesen Teichmann oder wie der heißt.«

»Danke, Irmie!« Wegner hatte zum Hörer gegriffen und wählte eilig die Nummer.

»Was ist los, Christian?«, fragte er mit nervösem Unterton, als der Arzt endlich abnahm.

»Wann holst du deinen Chef ab? Der macht mir hier die ganze Station verrückt.«

»Also ist er wieder einigermaßen aufm Damm?« Wegner atmete erleichtert aus. »Geht es ihm gut? Haben sich seine Probleme ... aufgelöst?&

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