Logo weiterlesen.de
Feste feiern

Advent

Unsere Feste sind ein Mix. Die Kirche hat einen Anteil daran. Und die Tradition, in der wir aufgewachsen sind und die wir weitertragen. Das nennt man Brauchtum. Und unser Erfinderinnen- und Erfindergeist. Mit dem greifen wir Eindrücke aus der Kindheit und später auf und kombinieren sie mit neuen Ideen, die wir mitbekommen oder die uns selbst einfallen. Wenn es gut läuft, schaffen alle drei zusammen Feiern, in denen wir zuhause sind. Und streifen Fremdheit und Langeweile ab und damit die Teile der Feste, die uns hoffen ließen oder jetzt noch lassen, dass das Fest schnell vorübergeht. Manchmal muss man aber einen unangenehmen Teil ertragen, der anderen gefällt.

In meiner Kindheit war das meine Großtante. Wir Kinder mochten sie. Meine Mutter freute sich darauf, dass sie wieder fuhr. Denn solange sie uns besuchte, fühlte sich meine Mutter im eigenen Haus nicht zuhause. Die Großtante, selbst kinderlos, wusste, wie man Kinder erzieht, und sprach ausgiebig davon. Meine Mutter fühlte sich unter Dauerkritik, erzählte sie später.

Es gibt beim Feiern keine ein für alle Mal feststehenden Bestandteile. Es gab eine Zeit, als noch niemand zu Weihnachten „O du fröhliche“ sang oder „Stille Nacht“, weil die Lieder noch nicht geschrieben waren. Vielleicht werden sie eines Tages abgelöst, weil uns andere mehr zu Herzen gehen.

Und immer hat das Brauchtum zurückgewirkt bis in die Kirche. Der letzte Riesenerfolg beim Rückwirken war der Adventskranz. Er ist kein heidnisches Symbol, das wieder in die Kirche eingewandert ist. Solche gefälschten Herkunftsgeschichten verdanken wir der Nazi-Propaganda. Sie wollte den großen Festen „germanische“ oder „nordische“ Wurzeln unterschieben: Der Weihnachtsbaum zum Beispiel habe aus vorchristlichen Zeiten überlebt. Das ist Unsinn. Die ersten Weihnachtsbäume sind im christlichen 16. Jahrhundert im hessischen Stockstadt und im elsässischen Straßburg bezeugt. Was an Weihnachten nordisch ist, kommt von Ikea.

Auch der Adventskranz ist kein vorchristliches Radsymbol, das für die Unendlichkeit des Lebens steht, wie es manchmal heißt. Erfunden hat ihn Johann Hinrich Wichern, ein umtriebiger Student der evangelischen Theologie. Vom sozialen Elend seiner Zeit gepackt, übernahm er 25-jährig 1833 in Horn vor den Toren Hamburgs, da, wo heute der Autobauer BMW Pferderennen veranstaltet, ein altes Bauernanwesen, das Rauhe Haus, und richtete ein „Rettungshaus“ für Jugendliche aus dem sozialen Brennpunkt Hamburg-St. Georg ein, da, wo heute der Hauptbahnhof steht.

Wicherns Erziehungsprinzip war revolutionär: Zehn bis zwölf Zöglinge leben mit einem Betreuer zusammen, der für sie wie ein „älterer Bruder“ sein soll. Aus diesen Brüdern entsteht später die erste evangelische Diakonenschaft. Schon im Folgejahr nimmt Wichern ein zweites Haus in Gebrauch. Die Betreuung umfasst Schule und Vorbereitung auf eine handwerkliche Lehre.

Um die Jungen für die christliche Leitkultur zu gewinnen, macht Wichern im Advent „Kerzenandachten“. Jeden Tag wird eine weitere entzündet, rot an normalen Tagen, eine dickere weiße an den Sonntagen. 1839 steckt er die Kerzen auf einen Holzreif, den er an einen Kronleuchter hängt. Seine Jungen schmücken den nackten Reifen später mit Tannenzweigen.

Wichern blieb seinem Rauhen Haus verbunden, auch wenn er bald auf Reisen ging, um die überall aufbrechenden sozialen Einrichtungen der evangelischen Kirchen zu vernetzen. Dadurch gab er 1848 in Wittenberg den Anstoß zur Gründung des heutigen Diakonischen Werks mit 450 000 Beschäftigten. Und inspirierte 49 Jahre später Lorenz Werthmann, den ebenfalls umtriebigen Commissarius des (katholischen) Freiburger Erzbischofs Thomas Nörber. Werthmann rief den Caritasverband für das katholische Deutschland ins Leben. Beide sind heute die größten Arbeitgeber in Deutschland nach dem Staat.

Wichern trat, immer noch ohne theologischen Abschluss, 1857 als Dezernent für das Strafanstalts- und Armenwesen ins preußische Innenministerium und zugleich in den Berliner Oberkirchenrat ein. Denn damals wurde die Kirche noch beim Staat verwaltet.

Nach Wicherns Tod 1881 ging der Adventskranz auf seinen Siegeszug gen Süden. Um 1925 soll er, inzwischen mit nur noch vier Kerzen, die Konfessionsgrenze übersprungen haben und in einer katholischen Kirche in Köln gesichtet worden sein. Zehn Jahre später wurden erste Kränze für den Hausgebrauch kirchlich geweiht. In orthodoxen Familien hat der Kranz übrigens sechs Kerzen – weil da die Adventszeit zwei Wochen länger dauert.

Man kann daraus lernen, dass die Kirchen einander viel näher sind, als man vermutet. Und dass das, was unveränderlich festzustehen schein, gar nicht so unveränderlich ist. Vielleicht erfindet eine der Leserinnen dieser Zeilen gerade einen Brauch, den wir in zwei Generationen in ganz Europa übernommen haben.

Alexander Brüggemann stellt ein Beispiel vor, wie er seine Adventszeit neu zusammengestellt hat. Mit Anleihen aus einer anderen Kirche.

Mischen impossible? Von wegen.

Sing’s auf Anglikanisch – versandkostenfrei, ohne Like-Button

Alexander Brüggemann, geboren 1968, wurde in einer lebendigen katholischen Gemeinde im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) sozialisiert. Er studierte Geschichte und Theologie und arbeitet als Redakteur bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn.

Engländer feiern zu Weihnachten fröhlich Geburtstag – den wichtigsten von allen.

Ich bin katholisch. Mein Weihnachten sollte klar sein. O du fröhliche. Papstmesse. In dulci jubilo. Stille Nacht, immer so gemacht, seit 1818. Ich will ja auch gar nicht widerwillig sein oder über Gebühr bockig. Doch ich fürchte, irgendwann ist irgendwas in mir gestorben an diesem Geburts-Tag. War es das Marzipan Anfang September? Das klotzblöde Hohoho im Radio? Die Null-Prozent-Weihnachtsfinanzierung mit extra breiten Winterreifen schon zum Auftakt der Herbstferien? Süßer die Kassen nie klingeln wohnt hier nicht mehr. Haut mir ab mit eurer Zuckerwatte, euren Youtube-Filmchen und dem Christkind, gebettet ins Amazon-Paket mit Plastikdämmung. Hier unterschreiben.

Zum Glück habe ich einen Rettungsanker gefunden. Falsch: zwei eigentlich. Irgendwann kurz nach 2000 muss das gewesen sein. Ich nenne sie seitdem meine beiden Zündstufen auf dem Weg zum Heiligabend. Und beide sind englisch, ziemlich englisch sogar. Die erste Zündstufe findet etwa Mitte Dezember statt und heißt „Festival of Nine Lessons and Carols“. Ein liturgisches Highlight: Bei diesem traditionellen Adventsgottesdienst wechseln neun Schriftlesungen aus dem Alten und Neuen Testament ab mit den schönen englischen Weihnachtsliedern, die aus vollem Herzen mitgesungen werden. Diese Tradition wird 2018 genau 100 Jahre alt. War die Idee, die Männer aus der Kneipe zu locken mit einer neuen, gesangsbetonten Form der Liturgie, die sogar auf Moralpredigten verzichtet? Oder war es ein akademischer Spleen, entsprungen einem professoralen Hirn des ehrwürdigen King’s College in Cambridge? Sei’s drum – heute ist es eine seit 1918 weltweit von der BBC übertragene Tradition, die Engländer überall auf der Welt über die Frequenzen des Staatssenders empfangen können – ob im tiefsten Afrika oder mitten auf Nordpol-Expedition.

Ich selbst warte nicht auf das BBC-Original aus Cambridge, sondern feiere mit der lokalen anglikanischen Gemeinde in Bonn, deren Chor sich größte Mühe gibt mit der Auswahl anspruchsvoller Lieder und ihrer Performance. Der Funke springt über, und eine glückliche Feiergemeinde bleibt hinterher noch bei Mince-Pie (Süßgebäck) und Glühwein zusammen. Die Bonner anglikanische Gemeinde hat kürzlich ihr 175-Jahr-Jubiläum gefeiert – denn ihre Wurzeln sind weit älter als Nachkriegsbesatzung und Bundeshauptstadt. Sie sind literarischer und touristischer Art. Am Anfang stand die Rheinromantik.

Und das kam so: Die Erfindung der Dampfmaschine hatte im ausgehenden 18. Jahrhundert die Grundlage für die Entwicklung von Massentransportmitteln gelegt. Dampfschiff und Eisenbahn eröffneten die Ära des Tourismus. Die Rheinromantik, kräftig befördert durch die „Rheinreise“ von 1835, den ersten Reiseführer von Karl Baedeker (1801–1859), brachte damals zahlreiche Briten (teils dauerhaft) nach Bonn. „Kings and governments may err, but never Mr Baedeker“, so hieß es: Könige und Regierungen können sich irren, aber niemals Herr Baedeker.

(Die Anglikaner, ganz grob gesagt eine Zwischenform zwischen Katholizismus und Protestantismus, sind vor allem in England, dem Commonwealth sowie in früheren britischen Kolonien beheimatet. Die anglikanische Kirche entstand, als sich König Heinrich VIII. im Streit um seine Ehescheidung von Rom lossagte und eine englische Staatskirche gründete – mit sich selbst als Oberhaupt. Nachdem die beiden Weltkriege und damit die deutsch-britische Kriegsgegnerschaft die Gemeinde schwächten, kamen in der britischen Besatzungszeit und der „Bonner Republik“ Botschafts- und Militärangehörige sowie Journalisten neu hinzu. Traditionell enge Beziehungen gibt es bereits seit den 1870er-Jahren zur altkatholischen Kirche, deren Bischof in Bonn ansässig ist. Die anglikanische Gemeinde heute ist international bunt gemischt. Viele sind mit einem deutschen Partner verheiratet, manche auch beruflich hier. Es gibt Mitglieder aus Indien, Taiwan, Jamaika, Wales und Schottland. Hinzu kommen einige anglophile Deutsche und solche, die ihrer eigentlichen Gemeinde den Rücken gekehrt haben.)

Vor allem in der Adventszeit gibt es gute Gelegenheiten, anglikanisches Leben kennenzulernen – etwa beim traditionellen Weihnachtsbasar mit britischen Lebensmitteln wie Christmas Pudding, Chutneys und Currys, selbst gemachten Marmeladen, Knallbonbons („Christmas Crackers“), mit englischen Büchern, Weihnachtskarten und Selbstgenähtem.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Feste feiern" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen