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Fernhalten

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Irgendwo zwischen Hamburg und Dubai, 15. Februar 2010

Liebster,

leider bin ich sehr schlecht darin, Entfernungen zu schätzen. Vor allem, wenn es um Geschwindigkeit und Strecke in Relation zueinander geht und ich keinen Tacho in Sichtweite habe. Es muss also nicht mal ansatzweise richtig sein, wenn ich sage, dass ich vielleicht 2000 km von dir entfernt bin. Hin und wieder erscheint natürlich das kleine, langsam vorwärts zuckende Flugzeug auf dem Monitor vor meiner Nase, aber da ich die letzten zwei Stunden in einen mich bestens unterhaltenden Hollywoodstreifen vertieft war, habe ich irgendwie den Anschluss verpasst. Nun denn … was macht es auch für einen Unterschied, ob wir 1000, 2000 oder 18000 Kilometer voneinander entfernt sind? Die Sehnsucht bleibt ohnehin dieselbe.

Es ist schon einige Jahre her, dass ich in einem ähnlich imposanten Flieger saß und eine relativ große Distanz hinter mich gebracht habe (so groß natürlich nicht, geht ja auch gar nicht – dann hätte ich schon einmal ans andere Ende der Welt gereist sein müssen). Damals gab es oben unter der Decke alle paar Meter einen kleinen Bildschirm, der den Passagieren einen Film aufnötigte, den zumindest ich – wie könnte es auch anders sein – garantiert schon kannte und meistens nicht besonders mochte. Heutzutage jedoch, ja, heutzutage hat jeder Fluggast sein eigenes, in den Sitz des Vordermannes integriertes Heimkino!! Vielleicht langweilt dich diese Info, weil dir das längst klar ist und ich nur etwas hinterwäldlerisch bin, aber so oder so wirst du meine Begeisterung sicher verstehen! Wir haben hier eine Auswahl von … keine Ahnung … 30 oder 40 Filmen, von denen viele erst vor wenigen Wochen auf DVD erschienen sind! Abgesehen davon gibt es auch noch eine ganze Palette an Musik. Gut, der Sound ist jetzt nicht sonderlich beeindruckend, aber das Unterhaltungsangebot als solches imponiert mir sehr! Das ist Reisen auf ganz anderem Niveau! Wüsste ich es nicht besser, ich hätte vermuten können, dass man Luise und mich aus Versehen in die Business-Class gesetzt hat. Nicht zuletzt, weil (gefühlt) alle Viertelstunde jemand vorbeikommt und fragt, ob wir einen Saft, Tee oder ein Twix haben möchten. So etwas gab es früher nicht! Das macht Mut und zeigt deutlich: Es geht nicht immer nur bergab – es gibt stets Grund zur Hoffnung!

Aber an Hoffnung mangelt es mir derzeit ohnehin nicht … und das ist einzig dein Verdienst. Ich kann noch längst nicht begreifen, was du da mit mir gemacht hast. In diesen wenigen Wochen hast du es geschafft, mir meine Angst zu nehmen. Angst, die so lange Zeit mein treuer Begleiter war. Angst, die mich so sehr blockiert hat und stärker war, als ich vermutet hatte. Gabriel … ich vertraue dir, wie ich nie zuvor einem Mann vertraut habe. Und wenn du sagst, dass wir diese drei Monate, in denen wir voneinander getrennt sein werden, mit Leichtigkeit überstehen, dann glaube ich dir und habe keine Angst, dass wir scheitern könnten! Du bist das, wonach ich gesucht habe. Du bist der Mann, nach dem sich meine Seele sehnte, nach dem mein Herz verlangte, von dem mein Körper nicht zu träumen wagte …

Ich habe dir gestern gesagt, dass ich dir schreiben werde. An jedem einzelnen Tag, an dem ich nicht bei dir sein kann. So wird es sein und hier wächst gerade mein erster Brief an dich. Entschuldige meine Schrift, es ruckelt etwas. Ich hasse Luftlöcher. Wackelnde Flugzeuge zeigen immer so deutlich, dass man keine Kontrolle mehr hat. Aber dir zu schreiben, lässt mich beinah vergessen, dass wir hier durch die Wolken stolpern.

Ich werde stets einige Briefe sammeln, durchnummerieren (auch die Umschläge, falls die Post versagt) und alle paar Tage abschicken. Da ich dir leider keine feste Adresse anbieten kann, warte ich sehnsuchtsvoll auf E-Mails von dir. Aber das weißt du längst. Du weißt, was ich mir wünsche. Du kennst mich, ohne mich kennen zu können. Deshalb ist es, wie es ist.

Ich habe eben einen Liebesfilm gesehen. Ich kann endlich wieder Liebesfilme schauen! Ohne, dass es schmerzt. Ohne, dass mir der Atem stockt. Ohne, dass mich Wut erfüllt. Ich kann einen Liebesfilm sehen und ihn vollends genießen. Ich kann amüsiert schmunzeln, wenn es zu kitschig wird, und mitfühlen, wenn Leid die Freude ablöst. Denn ich weiß – es ist nicht (mehr) mein Leid und … ich befürchte … kitschig sind wir allemal.

Die Liebe auf der Leinwand hat mir lange nicht gefallen. Wohl, weil ich sie endlich und endgültig in dem Drehbuch meines Lebens verankert wissen wollte. Du hast in kürzester Zeit so viel in meinem Leben verändert, in mir verändert, dass ich einfach nur staunen kann! Ich kann endlich wieder Liebesschnulzen schauen, weil du mir bewiesen hast, dass es sie gibt: die Liebe mit Happy End. Danke … Keine Ahnung, wie ich die nächsten drei Monate ohne dich überstehen soll. Mein Herz schüttelt, seit ich in diesen Flieger gestiegen bin, vehement den Kopf. Mein Körper ist mucksch. 12 Wochen ohne deine Berührung. Wie dumm ich doch bin …

Meine Gedanken sind bei dir, jede Sekunde.

Und nun gibt es (mal wieder) etwas zu essen!

Es küsst und vermisst dich

deine Clara

Irgendwo zwischen Dubai und Sydney, 16. Februar 2010

Liebster Gabriel,

fühl dich vor jedem weiteren Wort erst einmal umarmt, fest umarmt und liebevoll geküsst! So wie wir es immer tun, wenn du mir die Tür aufmachst. Wir sagen nicht auf der Schwelle „Hallo“. Wir stürzen uns in die Arme und halten einander so fest, als gäb’s kein Morgen mehr. So wie wir es immer tun … ich quietsche vor Freude und du sagst: „Ich liebe die Geräusche, die du machst, wenn ich dich umarme!“ Mehr Worte gibt es selten zu Beginn unseres Wiedersehens. Erst einmal muss die Sehnsucht gestillt werden. Und wenn ich sage, daran mag ich jetzt nicht denken … dann nur weil mir ganz schwindelig wird, wenn ich mir vorstelle, wie viele Tage und Nächte ich auf deine Zärtlichkeiten verzichten muss. Gott … wie sehr du fehlst!

Bis nach Dubai war’s ein Katzensprung. Die sechs Stunden Flug vergingen – halt dich fest – wie im Flug! Wir hatten das Glück, dass wir unsere Koffer … ach, was schreibe ich da … ich meine natürlich unsere RUCKSÄCKE … gar nicht in Empfang nehmen mussten. Somit brauchten wir uns für diese eine Zwischenstopp-Nacht (vielmehr: die paar Stunden dieser einen Nacht, die es ins Hotel ging) nicht damit belasten. Der Gedanke, als Backpacker zu reisen, ist nach wie vor ungewohnt und ein wenig befremdlich. Mein erster Versuch. Luises erster Versuch. Wir versuchen es gemeinsam, wenn auch in abgeschwächter Form – wir werden nicht wirklich mit den Rucksäcken wandern. Natürlich werden wir das nicht, immerhin liegt uns viel daran, diese Reise zu überleben! Mein 60-Liter-Modell (vollgestopft bis zum Anschlag) würde mich töten! Knacks. Bandscheibenvorfall oder Wirbelsäulenbruch. Mindestens! Mehr Schlepperei als vom Flughafen zum Hotel und vom Hotel zum Campervan wird mich hoffentlich nicht erwarten. Hm. Vielleicht hätte ich doch einfach meinen Trolly nehmen sollen. Aber was tut man nicht alles für ein authentisches Freiheitsgefühl (… sagte sie und brach unter der Last zusammen)!

Als wir den Flieger verlassen hatten, die Flughafenhalle betraten und brav unsere Reisepässe vorlegten, um einen Stempel zu kassieren, fiel uns auch wieder ein, dass Rosenmontag war: alle Araber als Scheich verkleidet.

Wie unkreativ! (Scherz. Ein schlechter. Ich weiß. Du liebst mich trotzdem! ☺) 

Es dauerte bestimmt eine Dreiviertelstunde, bis endlich ein kleiner, eher mürrischer Herr auf uns zukam und uns mithilfe von ein paar Brocken Englisch nach unseren Nachnamen fragte, schließlich nickte und uns aufforderte ihm zu folgen. Das ist ein regelrechtes Urlaubsphänomen, oder? Dass man, ohne zu fragen, blind (und vor allem erleichtert, da endlich die Warterei ein Ende hat) einem wildfremden Mann folgt und völlig orientierungslos in dessen Transportmittel steigt. Naja, bisher wurde diese Art von Urvertrauen immer belohnt – so auch dieses Mal! Wir wurden vor der Eingangstür des Hotels abgesetzt (noch immer orientierungslos) und vertrauten weiterhin … nämlich darauf, dass uns auch wieder jemand abholen würde. An der Rezeption wurde uns dann mitgeteilt, dass wir, zusätzlich zu unseren zwei Betten, sogar noch ein Frühstück zu erwarten hätten und es – falls wir es wünschten – einen Wake-up-call obendrauf gäbe. Aufgrund der irritierenden Zeitverschiebung und unserer eher mangelnden Fähigkeit, logisch zu denken (was gewiss nur an dem langen Flug gelegen haben kann), wünschten wir selbstverständlich besagte Aufwachhilfe!

Eine Stunde vor Abfahrt bitte, ja, ja. Anruf also um 5:30 Uhr. Super. Vielen Dank und Gute Nacht. An Schlaf war jedoch nicht so recht zu denken. Langsam realisieren wir, was wir hier machen. Dass wir ein Vierteljahr am so was von anderen Ende der Welt sein werden! Das ist alles ganz schön aufregend … Als wir endlich die Äuglein schließen können und schlafen, klingelt laut und schrill das Telefon:

Ich (schlaftrunken und mit rasendem Herzen … du hast ja schon erleben dürfen, wie schreckhaft ich bin): „Hello?“

Er: „Hello? Helloooo?“

Ich: „Helloooo?“

Ich (noch mal): „Thanks for your wake-up-call.“ Aufgelegt.

Ein Blick auf die Uhr. 2:55 Uhr. Hä? Verwirrung! Und plötzlich klappt es doch mit dem logischen Denken: Da hatte irgend so ein nicht minder Verwirrter mal eben mitten in der Nacht die falsche Nummer gewählt! Na ja, leicht zu erheitern wie wir sind, fiel es uns schwer, das Gelächter einzustellen und schon war das Thema Schlaf mal wieder vergessen. Aber der Typ denkt garantiert, dass ich voll lässig ironisch bin – thanks for your wake-up-call!

Das Frühstück war ein ähnliches Desaster. Den Teller gerade mit frischem Obst und Muffins beladen, da hieß es: „Ihr Shuttle ist da – Sie müssen los.“ Stress. Hunger! Erneute Verwirrung. Wir lassen alles stehen und liegen, wollen unser Handgepäck holen … „Ach nee, doch nicht. Da haben wir Sie verwechselt.“ Argh. Zurück an den Tisch und schnell noch was herunter geschlungen. Bauchweh. Unter Zeitdruck Nahrung zu mir zu nehmen, ist einfach nicht meins … Das war dann doch ein eher bescheidener Start in den Tag. Aber die Vorfreude war groß und wir waren froh, endlich wieder auf dem Weg zum Flughafen zu sein. Dubai hat mich nicht begeistert. Es ist mir ein Rätsel, warum es Urlauber dort hinzieht. Wir haben Dubai natürlich nur flüchtig erlebt, aber der erste Eindruck war mäßig und an Liebe auf den zweiten Blick glaube ich (wie dir bekannt ist) ohnehin nicht.

Jetzt sitzen wir erneut im Flieger. Dieses Mal wird die Flugzeit jedoch geringfügig länger sein. Gute 13 Stunden bis nach Sydney, kurzer Zwischenstopp und dann weiter nach Auckland. Leider haben wir von besagten 13 Stunden bis jetzt gerade einmal vier hinter uns gebracht.

Ich will nicht sagen, dass ich mich zerrissen fühle. Zerrissenheit spürt man bei wichtigen Entscheidungen. Entscheidungen, bei denen Herz und Verstand eine gegensätzliche Position beziehen. So ist es hier nicht. Für mich gab es keine Entscheidung. Diese Reise nach Neuseeland war immer mein Traum. Luise und ich hatten akribisch unsere Route ausgearbeitet, die Flüge gebucht und uns Rucksäcke und Wanderstiefel gekauft, längst bevor wir beide einander begegnet sind. Aber sind wir uns wirklich begegnet? War es nicht vielmehr die eigene Hand, die am Schicksal drehte? Deine Hand und letztendlich auch meine Hand, die nachgiebig wurde, als ich begriff, dass es keine Option gab? Und nun sitze ich hier, und auch ohne dass ich eine Entscheidung treffen muss oder musste, fühle ich, dass ich ganz und gar nicht im Einklang mit mir bin. Ich versuche mit aller Kraft meine Freude hervorzuzaubern. Die Freude und die Neugier auf dieses beeindruckende Land, das ich in wenigen Stunden endlich betreten darf. Und doch kommt es mir vor wie ein riesengroßer Fehler. Denn ein noch viel größerer Traum als Neuseeland, ein Traum, den ich mir selbst nicht erfüllen kann, warst immer du. Wir haben in den letzten Wochen jede freie Minute miteinander verbracht, wir sind zu einer Symbiose geworden, zu einer Einheit. Ich muss mir nicht die Frage stellen, ob das gesund ist, ob es richtig ist, ob man eine Beziehung so intensiv leben sollte. Eigentlich stellt sich diese Frage ohnehin niemals. Ich hatte (zu) viele Beziehungen und noch mehr Liebeleien. Es gab Freiraum für ihn und Freiraum für mich. Man blieb stets schön bei sich selbst, ohne dass man eben dies wirklich hätte beeinflussen können. Man kann eine Symbiose nicht forcieren und wenn man es könnte, dann hätte es keiner gewollt. Diese Art von Nähe ist da oder passiert nie. Ein Mann in meinem Bett war immer ein Störfaktor. Manchmal, wenn er mit mir, ganz sicher aber, wenn er nur neben mir schlief. Sobald er die Augen schloss, war meine Nacht vorbei, bevor sie angefangen hatte. Sein Atmen störte, seine nächtlichen Bewegungen waren zu raumgreifend. Ich fühlte mich eingeengt, regelrecht am Schlaf gehindert. Arme, die mich liebevoll halten wollten und doch nur schrecklich unbequem waren und für Kopf- und Nackenschmerzen sorgten. So bin ich einfach nicht, dachte ich oft. Das kann ich nicht, war die logische Konsequenz dieses Gedankens. Also habe ich stets versucht, dieser erzwungenen Zweisamkeit aus dem Weg zu gehen. Habe in irritierte Gesichter geschaut, wenn ich mitten in der Nacht nach Hause schickte, was nicht in mein Bett gehörte.

Glaub mir, Gabriel, dass es für mich wie ein Wunder ist, wenn ich wie selbstverständlich acht Stunden durchschlafe! Engumschlungen mit dir, in deinen mich schützenden Armen, unter einer eigentlich viel zu kleinen Bettdecke. Je näher ich bei dir bin, desto besser geht es mir. Es brauchte 29 Jahre, um das zu erleben. Du bist meine Perfektion der Liebe. Nein, eigentlich bist du nur Liebe. Alles andere, was ich bis dato so bezeichnete, war nichts als ein kläglicher Versuch. Ein Versuch von mir … von jemandem der es nicht besser wusste, weil er die Liebe nicht kannte. Nun kenne ich sie und verlange von mir und auch von dir, dass wir sie drei Monate nur in Gedanken leben. Wie sehr es schmerzt …

Ich liebe dich, Gabriel. Ich liebe dich …

Deine Clara

Auckland, 17. Februar 2010

Hallo mein Liebster,

ich glaube, ich war in meinem Leben nie zuvor so müde und erschöpft. Ich bin schon im Taxi, das uns ins Hotel gefahren hat, eingeschlafen. Ich kriege im Flieger einfach kein Auge zu. Im Sitzen schlafen ist nicht mein Ding (es gab also doch noch ein Indiz dafür, dass wir NICHT in der Business-Class saßen – die auf Dauer so unbequemen Sitze!)

Der Taxifahrer hat den Vogel abgeschossen. Nach gefühlten 100 Stunden im Flieger und vielleicht zwei Minuten Schlaf sieht er uns völlig abgewrackt unsere Rucksäcke zum Taxi schleppen und sagt, nachdem er uns unsere Nationalität entlockt hat: „The Germans are always so beautiful *Päuschen* … and strong!“ Welch kläglicher Versuch, ein gutes Trinkgeld zu bekommen! Und trotzdem mag ich diese charmante (oder humorvolle?) Art der Neuseeländer schon jetzt!

Nun sind wir also da … in Auckland. Wir haben es sehr gut getroffen mit unserer Unterkunft! Ein äußerst schönes, modernes Hotel. Sehr zentral gelegen!

Um dem Jetlag ein Schnippchen zu schlagen, sind wir sofort noch mal los, nachdem wir unsere Sachen aufs Zimmer gebracht hatten. Wir fanden uns in Auckland City auf Anhieb gut zurecht. Keine Gefahr, dass wir uns verlaufen könnten! Wir mussten nur die Straße geradeaus runtergehen, an dem hügeligen Park vorbei und schon waren wir im lebendigen Einkaufsviertel. Diese Stadt ist gewiss keine, die einen vor lauter Schönheit sofort in ihren Bann zieht. Auckland ist eher so der Kumpeltyp: zugänglich, aufgeschlossen, nett, aber rein optisch eher unauffällig. Wir sind ein Stück durch den Stadtkern spaziert und ich muss sagen, die Queen Street (Aucklands Shoppingmeile schlechthin) hat mich zu großen Teilen eher an die Wandsbeker Chaussee als an den Jungfernstieg oder die Mönckebergstraße erinnert. Aber die vereinzelten Palmen haben alles wieder rausgerissen! Damit kann Hamburg nicht dienen.

Sehr viel mehr Aktivität war vorerst leider nicht drin. Wir schleppten uns wie zwei Zombies durch die Straßen. Der lange (in meinem Fall zudem schlaflose) Flug hat uns ziemlich ausgeknockt. Und dann diese Straße zurück zum Hotel, was für eine saftige Steigung! Deiner das Flachland liebenden Hamburger Deern machen diese ganzen Berge … naja … Hügel … also gut … sagen wir … Erhebungen wenig Spaß! Ich muss morgen unbedingt darauf achten, ob die Menschen hier auch Fahrrad fahren! Das kann ja nun wirklich kein Vergnügen sein! Aber in Anbetracht der Tatsache, dass wir in diesem Land einiges an Strecke per pedes zurücklegen wollen, kann ein bisschen „Wandertraining“ ja nicht schaden! Und Neuseeland bietet uns, wie wir voller Freude feststellen konnten, für die Kalorien, die wir „beim Wandern“ verbrennen, eine unfassbar delikate Möglichkeit der Energiezufuhr! Als wir uns in der Innenstadt umschauten, erfüllte unsere Nasen ein derart köstlicher Duft, dass man innehalten musste – staunen, kaufen und genießen!! Du erinnerst dich an den Abend, als wir in deinem Bett lagen und du mich mit wirklich guten Cookies gefüttert hast? Mit den besten, die es bei deutschen Bäckern zu kaufen gibt. Vergiss diese Cookies!! Zwischen diesen Cookies und denen von Mrs. Higgins liegen Welten! Das ist nicht nur ein Keks (oder „Bikkie“ wie der Neuseeländer sagen würde), das ist kulinarischer Hochgenuss! Innen chewy, außen kross! Und das Beste: Es gibt bestimmt 15 Sorten! Pfefferminz! Karamell! Schoko-Kirsch! Und göttlich: weiße Schokolade mit Himbeere! Am liebsten würde ich dir welche schicken! (Wären sie nicht eine Woche mit der Post unterwegs …) Na ja, selbstlos wie ich bin, esse ich einfach welche für dich mit.

Es ist so herrlich, dem Winter entkommen zu sein! Kein Schnee, kein Eis, keine dicke Winterjacke mehr! Nur noch ärmellos unter dem Blau des Himmels. Ich kann es nicht erwarten, bis die Sonne meine Haut küsst! Vielleicht, weil ich mich so sehr nach deinen Küssen sehne und verzweifelt Ersatz suche …

Deine SMS waren schmerzlindernd und quälend zugleich. Zu wissen, dass es dir geht wie mir, genauso geht wie mir, macht mich unsagbar glücklich. Aber die Sehnsucht brennt in meiner Brust, macht sich so breit in meinem Herzen, dass es beinah aus dem Takt gerät.

Schreib mir von dir … schreib mir von deinem Alltag, an dem ich momentan nicht teilhaben kann. Erzähl mir von deiner Arbeit, von den Büchern, die du liest, von deinen Ideen und Träumen. Lass mich auf dem Papier bei dir sein.

Ich werde mir morgen ein Internetcafé suchen. Mit sehr viel Glück erwische ich dich morgen Früh am Rechner, bevor du ins Bett gehst. Vielleicht können wir ein wenig chatten. Das wäre das Schönste, das Allerschönste für mich!

Ich hoffe, ich bin nicht zu erschöpft, um nun zu schlafen. Zumindest werde ich jetzt versuchen, zur Ruhe zu kommen.

Ich küsse dich zur Nacht.

Deine Clara

Hamburg, 18. Februar 2010

Meine liebste Clara,

ich dachte mir, ich schreibe dir einfach schon mal eine Nachricht, über die du dich freuen kannst, wenn du irgendwann, irgendwo die Möglichkeit hast, deine E-Mails abzurufen.

Mittlerweile ist es hell draußen, wenn ich morgens meinen Tee (!) trinke. Das lässt die ganze Szenerie etwas erträglicher erscheinen. Aber in Wirklichkeit hilft auch kein Tageslicht … du wirst schmerzlich vermisst …

Tee … ja, du hast richtig gelesen. Dein Mann („Freund“ trifft es irgendwie nicht) hat begriffen, dass Kaffee ungesund und Tee somit die bessere Wahl ist. Vielleicht hat er aber auch nur begriffen, dass er sich dir näher fühlt, wenn er Tee trinkt, so wie du es tust.

Etwas, das dich noch mehr freuen wird: Ich habe, seit du weg bist, keine einzige Zigarette mehr geraucht! (Glaube mir, eine Ersatzdroge, um deine Abwesenheit zu kompensieren, wäre mehr als erwünscht!!) Wenn du in drei Monaten zurück bist, wird sich mein Geruchs- und Geschmackssinn um einiges verfeinert haben. Das ist ein sehr überzeugendes Argument, um mit dem Rauchen aufzuhören! Dich noch intensiver wahrnehmen zu können, ist zwar schwer vorstellbar, aber wenn es eine Möglichkeit gibt, dies vielleicht doch tun zu können, dann wäre ich sehr dumm, es nicht zu versuchen!

Auch die Sache mit dem plötzlichen Herztod rückt in weite Ferne. Herztod. Bei diesem Wort denke ich an keinen Infarkt. Keine Zigaretten der Welt können das schaffen, was dein Liebesentzug für Konsequenzen hätte. Ich mag nicht daran denken. Und selbst wenn ich daran denke, gelingt es mir nicht, mir vorzustellen, wie mein Leben ohne dich sein würde. Was hab ich gemacht all die Jahre, bevor du mir begegnet bist? Was nur nannte ich Liebe? Was nannte ich Sex?

Clara … Clara, Clara, Clara …

Dein Name hat sich mir in die Seele gebrannt. Dein Name steht in meinem Herzen geschrieben, die Hand geführt mit der Leichtigkeit, die zwischen uns ist.

Dein Name kommt mir in den Sinn, wann immer ich die Augen öffne und die Schönheit dieser Welt bewundere. Du machst alles leichter, klarer, lauter, bunter, schöner …

Und auch die Schwere wird durch dich noch schwerer, weil sie ein Teil unseres Lebens ist. Ich muss vor dir nichts verstecken, nichts kleinreden, wegsperren oder ausschließen.

Das Leben mit dir ist ein Leben ohne Schleier, ohne Schutz, ganz nackt und empfänglich.

Und ja, du bist mehr als ich mir je gewünscht habe, denn selbst in meinen Träumen wäre ich nicht so kühn gewesen, mir solch einen Menschen herbeizusehnen.

Ich umarme dich, Kleines. Und küsse dich sanft.

Gabriel

P.S. Wie ist Neuseeland? Schafe? Wetter? Ich bin immer noch ganz aufgeregt, wenn ich an eure Reise denke, euer Abenteuer! Berichte ausführlich in deinen Briefen! Lass mich ein wenig dabei sein!

Auckland, 18. Februar 2010

Guten Morgen mein Liebster,

also … Morgen bei dir, Abend bei mir. Aber ich sage „Guten Morgen“, damit du weißt, dass ich bei dir bin. Jeder meiner Gedanken ist dir treu.

Der Jetlag hat mich weiterhin arg im Griff. Ich bin gestern sehr schnell eingeschlafen, aber nach lächerlichen zwei Stunden wieder aufgewacht. Ich war putzmunter, hatte Hunger, Durst und Langeweile. Dafür durfte ich mich heute durch den Tag quälen. Krampfhaft wach zu bleiben, obwohl der Körper so nach Schlaf verlangt, ist ganz schön anstrengend …

Heut früh haben wir es tatsächlich geschafft, ein Internetcafé ausfindig zu machen. Na ja, eigentlich war es eine muffige, verdreckte Kellerhöhle. Die Tastaturen hätten gut und gerne mal ein entspannendes Bad in Desinfektionsmittel vertragen können und irgendwer schien mit großem Appetit Stücke aus dem mit Kunstleder bezogenen Schaumstoff der Stühle gebissen zu haben. Hm. Na, jeder wie er es mag! Wen kümmert’s?! Sauerstoff wird vollkommen überbewertet! Und die paar Millionen Keime, die meine Fingerkuppen schmückten, habe ich die nächsten Stunden gerne als Andenken mit mir getragen. Als Andenken an deine lieben Worte, die mich per E-Mail erreicht haben! Dass das mit dem Chat nicht geklappt hat, tat mir schon ein wenig weh. Es hätte so gut getan, dich zu erleben. Wenn auch nur durch ein paar zeitgleiche Worte, die über die üblichen 160 Zeichen, die in eine SMS passen, hinausgehen. Vielleicht schaffen wir es, uns das nächste Mal besser abzusprechen. Wobei … wo ich gerade von „SPRECHEN“ schreibe … wie sieht es mit eurem Festnetztelefon aus? Ist der neue Anschluss in deiner WG endlich freigeschaltet? Ich habe nämlich sehr, sehr gute Nachrichten! (Stell dir nun vor, wie du in mein freudig begeistertes Gesicht blickst!) Mit meiner SIM-Card, die ich mir vorhin gekauft habe, kann ich für 2 NZ$ die Stunde mit dir telefonieren!!! Ist das nicht ein großartiger Tarif für sich sehnsuchtsvoll Liebende? Es kann also alles nur besser werden! Hören wir einander erst einmal wieder regelmäßig, so nehmen wir der Entfernung etwas an Macht. Deine Stimme fehlt mir sehr, aber ich habe sie dennoch permanent im Ohr. Das gibt mir Kraft, Energie und ich höre nicht nur Dinge nachhallen, die du mal zu mir gesagt hast, sondern ich höre dich auch jetzt immer und immer mit mir reden. Ich stelle mir vor, was du sagen würdest, wenn du nun bei mir sein könntest. Und schließlich simuliert mein Hirn deine Stimme und täuscht auf charmante Weise meine Ohren. Wie klug der eigene Körper ist, wenn es darum geht, Schmerz zu lindern! Wir haben oft telefoniert in den letzten Wochen, obwohl wir uns beinah täglich gesehen haben. Sobald ich zu Hause war, klingelte mein Telefon. Dein „Hallo“ … seufz … dein „Hallo“ ist der Wahnsinn!! Und allein der Gedanke daran macht mir wohlige Gänsehaut! Du bist schon mit dem Hallo so voll und ganz bei mir! Bist so präsent und aufmerksam. Ich kann mich nicht erinnern, mit auch nur irgendeinem Menschen jemals so wechselseitig spannende und emotionale Telefonate geführt zu haben, wie wir es tun! Und da ich mich unweigerlich daran erinnern könnte, weiß ich mit Sicherheit zu sagen, dass ich so etwas noch nie erlebt habe … bis zu der Begegnung mit dir.

Wie sehr ich mich gegen diese Begegnung gewehrt habe! Du hast mir damals geschrieben, dass ich nicht real bin, solange du meine Stimme nicht kennst. Dass du aufhörst, mich um ein Treffen zu bitten, bis ich den Mut habe, dich anzurufen. Das wäre die Gelegenheit für mich gewesen, es dabei zu belassen. Ich wollte dich nicht treffen. Ich wollte dich nicht kennenlernen. Mir reichten unsere E-Mails. Mir reichte die Idee, dass du irgendwo da draußen bist und mir Gedanken schenkst. Mir reichte die Fantasie, dass uns irgendetwas verbindet … etwas Besonderes. Viel zu groß war meine Angst, dass der Zauber sich hätte verflüchtigen können, sobald wir die virtuelle Welt verlassen und einander gegenüber stehen würden. Voller Erwartungen, die niemals erfüllt werden könnten, weil all unsere Worte, die ins Herz des anderen trafen, viel zu mächtig waren. Niemals, so war ich mir sicher, könnte die Realität da mithalten. Mein Herz war erschöpft und mit Vorsicht belegt. Und noch größer als die Angst, dass der Zauber verloren gehen könnte, war die Furcht davor, erneut verletzt zu werden. Ich wusste, dass ich für drei Monate ins Ausland gehen würde. Was sind schon drei Monate, mag man denken (und das dachtest auch du). Aber drei Monate sind eine lange Zeit, wenn man sich gerade mal ein paar Wochen kennt, vielmehr (noch) nicht kennt. Und die Gefahr, dass die Schnelllebigkeit dieser Welt wieder zuschlagen könnte, ließ mich verharren und feige sein. Mein Gepäck sollte leicht sein, nicht von Sehnsucht und Kummer beschwert. Ich wollte leicht sein, wollte zurückfinden zur Leichtigkeit. Wollte endlich ganz ausheilen und mich einzig auf mich konzentrieren. Und dann sagtest du: „Will ich mich den Rest meines Lebens fragen müssen, what if? Was sind denn schon 12 Wochen? Zeit, die kommt und geht … Zeit zu reifen und zu freuen, zu hoffen und zu lernen. Du bist da, die ganze Zeit, das spüre ich. Und das ist das, was ich will.“ Du bist einfach so zu mir in meinen Stadtteil gefahren, wohl wissend, dass ich dich nicht sehen wollte, aber voller Hoffnung, dass ich es mir doch anders überlegen würde. Zwei Stunden standest du im Schnee und hast auf meinen Anruf gewartet, darauf, dass ich mutig sein würde … vergebens. Und als du wieder Zuhause warst und mir diese lange Mail geschrieben hast … so voller Gefühl, Weisheit und Ruhe … da haben mir unsere E-Mails mit einem Mal nicht mehr gereicht. Von Angesicht zu Angesicht war plötzlich unumgänglich. Du warst so entschieden! Wie sehr mich das beeindruckt hat! Ich hab dich angerufen und es war, als ob wir nie etwas anderes getan hätten, als miteinander zu reden.

Oh je, schon so spät … da hab ich mich wohl etwas zu sehr in Gedanken an dich verloren. Ach, vergiss das „zu sehr“ … diese Bezeichnung gibt es bei uns ohnehin nicht.

Aber Luise und ich müssen nun los. Wir sind noch zum Essen verabredet, mit einer Bekannten von ihr, einer echten Kiwi! Drück mir die Daumen, dass ich nicht einschlafe. (Wie doof, so was zu schreiben … obwohl ich weiß, dass du den Brief frühestens in einer Woche in deinen Händen halten wirst. Mal wieder ein verzweifelter Versuch meinerseits, Zeit und Raum zu überwinden!)

Ich werde dir nachher noch eine SMS schreiben, damit du zeitnah weißt, dass wir telefonieren können. Ich kann es nicht erwarten!

Herzklopfende Grüße aus Godzone

Deine Clara

Auckland, 19. Februar 2010

Mein Gabriel,

dies wird nun der letzte Brief, bevor ich bisher Geschriebenes gesammelt in einen Umschlag stecken und endlich auf die weite Reise zu dir schicken werde.

Der gestrige Abend war wirklich nett! Julie (Luises Freundin – die beiden haben sich während eines Auslandsemesters kennengelernt) hat uns direkt vor dem Hotel mit ihrem Auto abgeholt und uns mit zu sich nach Hause genommen. Sie wohnt in einem Randgebiet Aucklands (Näheres hierzu vermag ich nicht zu sagen, bis wir aus der Innenstadt waren, hatte ich mal wieder die Orientierung verloren. ). Das Viertel hat mich sehr an die Vereinigten Staaten erinnert. Viele, eher kleine Holzhäuser, mit geweißten Palisadenzäunen davor. Kleine, bescheidene Vorgärten, ohne üppige Blumenbeete, wie sie bei uns in Deutschland oft zu finden sind. Alles recht dicht bebaut, verwinkelt, eher unübersichtlich, aber mit breiten Straßen durchzogen. Nach einem Becher Tee sind wir zu Fuß zu einem Thailänder geschlendert und nutzten während des Essens die Gelegenheit Julie ein wenig auszufragen, welche Highlights des Landes sie uns nahelegen würde. Sie war sich weitestgehend mit unserem Reiseführer und somit mit der von uns angedachten Route einig. Da kann ja nichts mehr schiefgehen! Julie ist so, wie ich mir die Neuseeländerinnen vorgestellt habe: lustig, unkompliziert, aufgeschlossen, gastfreundlich. Und zu meiner Überraschung konnte ich sie sogar ausgesprochen gut verstehen! Mag natürlich sein, dass sie sich (aufgrund besagter Gastfreundlichkeit) besonders viel Mühe gegeben hat und sehr deutlich sprach.

Aaaaaber … ich bin eingenickt. Während der Unterhaltung, noch bei Tisch! Wie peinlich! Das kommt dabei heraus, wenn man deine Daumen erbittet, ohne dass die Bitte sie erreichen kann … Wie lange bleibt so ein Jetlag?! Und warum leide nur ich so daran?! Luise ist das blühende Leben und ich überstehe nicht mal ein Abendessen zu christlicher Uhrzeit. Ich hoffe sehr, dass mein Biorhythmus sich in Kürze einkriegen wird, denn morgen Mittag verlassen wir die Stadt und machen uns mit dem Campervan auf den Weg ins wilde Neuseeland! Wie aufgeregt wir sind! Welch ein ungewohnter Spaß: CAMPING! (also … fest in der Annahme, dass das Ganze ein Spaß werden wird!)

Bevor wir unser fahrbares Zuhause für die nächsten Wochen abholen und im Hotel auschecken, werde ich aber noch mit dir telefonieren. Endlich ist es soweit! Morgen früh darf ich nach Tagen der Stille dein „Hallo“ vernehmen! ICH FREU MICH SO!

Luise und ich sind heut wieder ein bisschen in der Stadt rumgebutschert und haben unser erstes Eis in der Sonne gegessen! Wir sind zur Quay Street am Fährhafen spaziert (eine Stadt, die einen Hafen hat, kann schon mal so schlecht nicht sein und Auckland hat sogar mehrere Häfen: zwei Handelshäfen, zwei Binnenhäfen und die Fährterminals …) und genossen den Anblick des Ferry Buildings, das sich als restauriertes, historisches Gebäude angenehm von all den viel zu geleckt modernen Hochhäusern und massiven Architekturklötzen abhebt. Der Blick aufs Wasser, die Stadt schützend im Rücken, ein paar Fähren, die ihre Gäste ans Ufer brachten oder mit hinaus in die Weite nahmen, ließen uns verweilen und das Treiben beobachten. Die Ampelschaltungen haben es mir angetan! Die Fußgänger überqueren nicht ganz brav parallel eine große Kreuzung, wenn es Grün wird, sondern sie passieren die Straße diagonal und parallel! Plötzlich von allen Seiten Menschen! Man muss sich nicht ewig von Ampel zu Ampel hangeln und im rechten Winkel gehen. Nein – einfach quer über die Straße! Sehr fußgängerfreundlich und zeitsparend!

Wir beschmunzelten einen Stand, der „echte deutsche Wienerwürstchen“ verkaufte. Beruhigend zu wissen, dass ich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt bin, der eine geographische Behinderung hat! Trotzdem hat es mich irgendwie gefreut, am anderen Ende der Welt „deutsch“ als Qualitätsmerkmal zu lesen. Ein bisschen Heimat … und wäre ich nicht Vegetarierin – ich hätte sofort eine Wurst gegessen! Ich nehme mir mit meinem fleischlosen Leben sogar die Option, irgendwo einen HAMBURGER zu essen! Hamburg … Was macht die schönste Stadt der Welt? Ich befürchte, der schneereiche Winter hat sich in den letzten Tagen nicht einfach gnädig zurückgezogen? Wie schnell vergeht die Zeit bei dir? Kriecht sie mühsam voran, als hätte man ihr beide Beine amputiert? Oder hat sie die Konstitution eines besttrainierten Marathonläufers? Flink und mühelos voraneilend? Am Ende jeden Tages sogar noch eines Schlusssprints fähig?

Ich hoffe, deine Arbeit beschäftigt dich gut. Ich hoffe, du bist viel mit deinen Freunden unterwegs. Ich hoffe, du bist abends so müde, dass du gedankenlos ins Bett fallen kannst.

Wenn ich könnte, Liebster, wenn ich könnte … so würde ich all deine Sehnsucht auf mich nehmen. Es würde doch reichen, wenn nur ich diesem Gefühl standhalten müsste! Ich als Verursacher dieser Ferne. Dieser verhassten Ferne. Vielleicht würde es mir dann sogar besser gehen. Zu wissen, dass Leichtigkeit dein Begleiter wäre, würde gewiss die Schwere in meinem Herzen lindern können.

Dein Wohlbefinden geht mir über alles. Geht es dir nicht gut, so kann es auch mir nicht gut gehen.

Wann immer dir danach ist, melde dich bei mir. Wenn du mit mir sprechen willst, dann schick mir zu jeder Tages- oder Nachtzeit eine SMS und ich rufe dich umgehend an. Ich bin rund um die Uhr für dich da und versuche, stets erreichbar zu sein. Du bist wichtiger als alles andere und auf Schlaf kann ich ohnehin leicht verzichten, wenn ich dafür Zeit mit dir (wenn auch aktuell nur am Telefon) verbringen darf. Bitte zögere nie! Das gilt für diese Reise und für immer.

In tiefer Verbundenheit

Deine Clara

Te Mata, 20. Februar 2010

Mein liebster Gabriel,

ich kann unmöglich ins Bett gehen (wobei Bett es nicht ansatzweise trifft!), ohne dir noch ein paar Zeilen zu schreiben. Ich bin müder denn je, was nun weniger an meinem Restjetlag als an diesem unglaublich anstrengenden Tag liegt. Mein Körper schreit nach erholsamem Schlaf. Aber ich finde keine Nachtruhe, ohne dir noch einen Brief zu schreiben!

Dir zu schreiben ist wie eine kleine Auszeit von der Wirklichkeit. Ich kann dir nah sein, wenn auch nicht halb so nah, wie ich es bräuchte, um tatsächlich glücklich zu sein. Auszeit von der Wirklichkeit … wie undankbar das klingt. Ich bin in Neuseeland ! Im feenhaft schönen Neuseeland! Das ist der Traum so vieler Menschen und auch ich hab mich immer hierher gesehnt. Damals … als ich noch nicht eins mit dir war. Als ich noch nicht ahnen konnte, wie grauenvoll schmerzhaft räumliche Trennung sein kann …

Luise und ich hatten in all den Jahren, in denen wir uns kennen, immer wieder mit dem Gedanken gespielt, nach Neuseeland zu reisen. Es blieb lange nur ein Gedankenspiel, wenn auch eines, das mit herzklopfender Euphorie einherging. Diese Reise war zu einer Art Lebensziel geworden. Einmal hier sein. Nur ein einziges Mal hier sein. Als wäre unser Leben verwirkt, wenn wir im Alter hätten feststellen müssen, dass wir uns diesen so intensiven Wunsch nicht erfüllt hatten. Unsere vielen Gespräche über dieses Vorhaben waren sehr von den Worten „später“ und „unbedingt“ geprägt. „Unbedingt“ erklärt sich von selbst. Kein Land der Welt zog uns so sehr an. Hierherzukommen erschien uns als das Größte. Als die wertvollste Reise, die man machen kann. Vielleicht weil kein Ort ferner der Heimat ist? Weil NZ die weiteste Reise ist, die man machen kann und sich schon deshalb alles nach einem großen Abenteuer anfühlt? Weil NZ diese faszinierende Gelassenheit ausstrahlt? Land und Leute so authentisch wirken? Anders und doch nicht fremd? Oder weil jedes Foto von Natur und Wildnis, das einem in die Hände fällt, vor Schönheit den eigenen Atem stocken lässt? „Unbedingt“ und „später“. „Später“, weil es uns bis dato an finanziellen Mitteln und an der nötigen Zeit fehlte. In den Semesterferien mussten Hausarbeiten geschrieben oder das Geld für die Miete verdient werden, da blieben meist nur drei oder vier Wochen Urlaub übrig. Luise und ich aber wollten mehr. Unser Ursprungsplan sah sogar so aus, dass wir ein halbes oder gar ein Jahr bleiben wollten. Work and Travel – nebenbei Kiwis oder Äpfel ernten. Schlussendlich dachten wir uns jedoch: Arbeiten können wir auch in Hamburg (wenn auch nicht zwingend auf dem Feld! ). Konzentrieren wir uns also nur auf das Reisen. Wir haben gut daran getan. Die Vorstellung noch (viel) länger von dir getrennt sein zu müssen, ist mir ein Gräuel. Ist das Dilemma, in dem ich mich befinde, doch auch so schon sehr stattlich. Der innige Wunsch hier zu sein, knallt mit voller Wucht auf die Sehnsucht nach dir. Es wäre falsch gewesen, nicht nach Neuseeland zu kommen. Aber es fühlt sich genauso falsch an, nicht bei dir zu sein …

Und dann dieser heutige Tag, so unfassbar aufreibend! Aber davon schreibe ich dir morgen ausführlich, wenn mein Geist etwas munterer ist und ich ein wenig Abstand zu diesem ernüchternden Chaos gewonnen habe. Jetzt will ich meine Gedanken einzig dir allein widmen. Gabriel … ich vermisse dich. Und nie hatten diese Worte mehr Gewicht! Ich will bei dir sein! Ich will in deine wachen, liebevollen Augen sehen!! Ich will deine klangvolle Stimme hören, die mir liebliche Dinge in mein Ohr flüstert und mir durch den zarten Atem, der sie begleitet, wohlige Gänsehaut zaubert! Ich will deine behutsamen Hände auf meiner Haut spüren, die mit spielerischer Leichtigkeit für unbändige Lust in mir sorgen. Mein Körper leidet. Mein Herz leidet. Und meine Seele leidet … weil sie das Leid von Körper und Herz ertragen muss.

Was bin ich nur ohne dich?

In Sehnsucht und Liebe küsst dich

deine Clara

P.S. Unsere Taschenlampe leuchtete mir, um dir diesen Gute-Nacht-Brief zu schreiben. Nur damit du schon mal einen Hauch von Idee hast, was heut alles schief lief …

Coromandel, 21. Februar 2010

Vermisster Gabriel,

du fühlst es. Du fühlst mich. Deine SMS kam wie immer zur rechten Zeit. Wenn ich aufwache, was mehrmals pro Nacht der Fall ist, dann schaue ich als erstes auf mein Handy und hoffe auf eine Nachricht von dir. Deine Worte, die mich heute Nacht erreichten, sind zweifelsohne aus einer der schönsten Ecken deiner Seele gekommen! Wie viel Kraft mir das gibt! Wie viel Kraft du mir gibst, mein wundervoller Gabriel …

Der gestrige Tag begann so vielversprechend. (D.h. abgesehen von dem Feueralarm, der im Hotel ausgelöst wurde und uns kurz überlegen ließ, welche der ohnehin wenigen, noch ungepackten Sachen, die wir auf dieser Reise dabei haben, wohl am ehesten den Flammen zum Opfer fallen dürften. Wir harrten einfach aus … und ich konnte, wie erhofft, noch in Ruhe all meine Wandersocken, alten T-Shirts und abgefüllten Mini-Kosmetikfläschchen in den Drecksack (Synonym für Rucksack) stopfen, bevor wir regulär auscheckten – zum Glück war es nur ein Fehlalarm!)

Jedenfalls waren wir wirklich guter Dinge und freuten uns, dass die Reise nun endlich richtig losging! Die Fantasie, die uns schon damals im Reisebüro so fesselte, ging erneut mit uns durch und wir sahen uns an kristallklaren Bächlein oder inmitten einer braven Schafherde campen. Natur pur! Wildnis in Neuseeland – das Land, in dem Freicampen erlaubt ist! Juchhu!

Wir wurden direkt vom Hotel von einer vielleicht 21-jährigen Studentin abgeholt, die in ihren Semesterferien bei „Happy Campers“ jobbt, und zu unserem äh … ich nenn es mal Wohnmobil gebracht. In der Annahme, dass wir nun sicherlich von einem Profi in die Geheimnisse des Campings eingeweiht würden, strahlten noch immer unsere Augen, während wir uns gedanklich weiterhin an die herrliche Wildnis klammerten. Aber sieh an, dieses Küken war der „Profi“ und teilte uns als erstes einmal mit, dass wir ja noch eine Versicherung (über läppische 400 NZ$) zu zahlen hätten. Schluck. So viel zum Thema: Es ist alles bezahlt! Liebes Reisebüro … da hast du leider ganz schön versagt! Nun gut, unterschrieben.

Dann … (Spannung) … dann … (noch mehr Spannung) … sahen wir das Elend. Das ist kein WOHNMOBIL, in dem wir hier durch die Gegend tuckern! Das ist ein Bulli mit etwas höherem Dach, nur dass dieses Gefährt nicht halb so cool aussieht wie ein Bulli!

Luise und ich waren gleichermaßen sprachlos, als sich unsere hilflosen Blicke trafen und wir das Küken so was piepsen hörten wie: „I’ll bet – you’re gonna have a blast, girls!“ Nee, is klar …

Wir legten also, neben unsere Fassungslosigkeit, die den ganzen Campervan auszufüllen schien, unsere Drecksäcke auf die Rückbank des Monsters und klapperten von dannen. Auf diesen Schreck musste erstmal etwas Süßes her (Alkohol ging ja nicht … eine von uns musste das Biest ja nun mal voran treten) und der liebe Gott schien plötzlich doch ein wenig nachsichtig mit uns zu sein, als wir feststellten, dass es die ehrwürdigen Cookies unserer neuen besten Freundin Mrs. Higgins auch im Supermarkt zu kaufen gibt! Wir füllten unseren Einkaufswagen mit diversen Grundnahrungsmitteln – einen kleinen Kühlschrank hat das Ungetüm ja –, um die nächsten Tage fernab der Zivilisation kulinarisch verlockend gestalten zu können und schepperten weiter. Man macht sich gar keine Vorstellung davon, wie viel Lärm so ein Gefährt macht! In jeder Kurve rutscht das Geschirr hin und her, wackelt die Rückbank oder fliegt eine Schranktür auf. In meiner Einbildungskraft war das alles fein befestigt! Aber nein, nein … bei diesem „Camper“ ist alles anders …

Der Linksverkehr machte mir von Anfang an wenig zu schaffen (einzig Blinker und Scheibenwischer wurden permanent vertauscht), dennoch brauchten wir beinah zwei Stunden (!), um endlich den Weg aus Auckland zu finden. Irgendwie waren Karte und Straßen nie deckungsgleich und wenn ich sage, dass Neuseeland (für deutsche Verhältnisse) äußerst mies ausgeschildert ist, dann ist das weit untertrieben! Diverse Hinweisschilder stehen nur auf einer Straßenseite. Verpasst du also eine Ausfahrt und musst ein paar Kilometer weiterfahren, weil es keine Wendemöglichkeit gibt, brauchst du auf dem Rückweg nicht unbedingt mit dem erwarteten Wegweiser zu rechnen und fährst prompt wieder zu weit. Wir sind jedenfalls eine ganze Weile im Kreis gefahren … Wir haben die Zeit des Herumirrens aber insofern gut genutzt, als wir zufällig auf einen großen Elektroladen stießen – ich hab ein Handyladegerät für den Zigarettenanzünder gekauft! Der einzige Grund, warum es sein kann, dass wir keinen zeitgleichen Kontakt pflegen können, werden also die zu erwartenden Funklöcher sein, aber niemals ein leerer Akku!

Nun haben wir die erste Nacht als Straßenkinder hinter uns. Wir sind nach Nordosten Richtung Coromandel gefahren und haben direkt an der Küste der großen Bucht Firth of Thames ein Plätzchen gefunden, an dem es eine öffentliche Toilette gab (na ja gut, sagen wir … ein Loch im Boden, mit dem man allein sein durfte … ist ja auch schon was) und einen breiten Grünstreifen, auf dem wir parken konnten. Da wir ohnehin nicht vorhatten einen Campingplatz anzufahren – schließlich war es Zeit, dass das Freiheitsgefühl seinen Weg zu uns fand – hielten wir einfach an und blieben. Wir wussten nicht, was für Küstenabschnitte uns alternativ noch begegnen würden und da es langsam dämmerte, waren wir mit Plumpsklo und Grünstreifen durchaus zufrieden. Wäre letzterer nicht direkt am Highway gelegen, hätten wir den Blick auf den Geröllstrand, das Wasser und den Sonnenuntergang noch mehr genießen können. Auf der anderen Seite der Straße fanden sich ein paar vereinzelte, kleine, am Hang liegende Häuser, in denen vermutlich Angelsportler urlaubten. Zumindest deuteten die hier und dort sichtbaren Motorboote darauf hin, die schon startbereit für den kommenden Tag auf Anhängern ...

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