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Feenkind 2

Was bisher geschah

 

 

Die junge Fürstentochter Dhalia wuchs in dem Glauben an eine Prophezeiung auf – ihr schien es bestimmt zu sein, ihr Land vor Unterdrückung zu befreien. An ihrem 18. Geburtstag musste sie jedoch erkennen, dass gar nicht sie in der Prophezeiung gemeint war.

Dhalia beschloss, das Mädchen aus der Prophezeiung zu suchen, damit dieses ihr Volk von der Tyrannei des Herrschers befreit. Sie hoffte, dass das sagenumwobene und längst verschollene Volk der Alten Feen, von dem die Prophezeiung stammte, ihr dabei helfen könnte.

In der Bibliothek von Annubia erfuhr sie, dass mit den vier Elementen der Feenmagie ein Tor in das Feenreich geöffnet werden könnte. Von da an setzte Dhalia alles daran, die vier magischen Elemente zu finden.

Währenddessen wurde die Dunkelfee Eliza, ein Mitglied der Elitetruppe des Herrschers, geschickt, um einen Vorfall in Annubia zu untersuchen. Schon bald stellte Eliza fest, dass dieser Vorfall mit Dhalia zusammen hing, und nahm die Verfolgung auf.

In einer alten Höhle fand Dhalia schließlich zwei der Elemente, die sie für ihren Schlüssel zum Feenreich benötigte. Weiterhin entdeckte sie Hinweise auf einen See und einen Vulkan, wo sich die beiden fehlenden Elemente befinden sollten. Unterwegs traf sie auf Chris, einen Schmuggler von Feenartefakten, der sie ebenfalls für eine Schmugglerin hielt. Er bot ihr eine Partnerschaft an, die Dhalia zunächst nur ungern annahm. Doch unterwegs entstand zwischen ihnen eine erst zögerliche, dann immer tiefere Freundschaft.

Derweil folgte Eliza verbissen ihrer Spur. Da ihre Jagd jedoch lange ergebnislos blieb, wurde die Dunkelfee in die Hauptstadt zurückberufen. Doch sie missachtete den Befehl und setzte ihre Suche nach dem Mädchen auf eigene Faust fort.

Als Dhalia und Chris schließlich den See erreichten, tauchte Dhalia auf der Suche nach einem verborgenen Feenort hinab und kam nicht wieder hervor. In dem Glauben, sie wäre ertrunken, kehrte Chris von seiner Trauer niedergeschmettert in die Hauptstadt zurück.

Kapitel 1

 

Das erste, das Dhalia spürte, als sie zu sich kam, war ein schaler Geschmack im Mund. Nach und nach kamen weitere Eindrücke dazu. Sie hörte das leise Gemurmel fremdartiger Stimmen und nahm wahr, dass sie in einem Bett zu liegen schien. Sie war also nicht tot. Oder sie war schon im Himmel. Neugierig, welche Version zutreffen würde, öffnete sie vorsichtig die Augen und sah sich um. Sie befand sich in einem kleinen hellblauen Zelt. Zumindest hatte sie es im ersten Augenblick für ein Zelt gehalten, bis sie merkte, dass es sich nur um einen Vorhang handelte, der über ihrem Bett – sie lag also tatsächlich in einem Bett – gespannt war.

Sie streckte ihre Arme aus und als es ihr ohne Schwierigkeiten gelang, setzte sie sich aufrecht hin. Ihr Kopf dröhnte zwar ein wenig und ihr Magen fühlte sich irgendwie ausgepumpt an, doch ansonsten schien es ihr recht gut zu gehen. Rasch blickte sie an ihrem Körper herunter. Sie hatte noch immer ihre Sachen an und am Unterschenkel spürte sie unverändert das beruhigende Gewicht ihres Messers. Neugierig zog sie den Vorhang einen Spalt breit beiseite und spähte hinaus. Ihr Bett stand in einem großen, matt erleuchteten Zimmer, das ebenfalls in Blautönen gehalten war. Ein großes Fenster an der gegenüberliegenden Wand war mit schillernden Vorhängen zugezogen, so dass Dhalia nicht erkennen konnte, was sich dahinter verbarg. Davor saßen vor einem niedrigen Steintisch zwei junge Frauen – kaum älter als sie selbst – auf geflochtenen Bodenkissen und unterhielten sich leise in einer fremden Sprache. Es waren ihre Stimmen gewesen, die Dhalia beim Aufwachen gehört hatte.

Die Frauen waren in kurze Oberteile und lange, fließende, an mehreren Stellen tief geschlitzte Röcke gekleidet, die in verschiedenen Blau- und Grüntönen schimmerten. Die Kleidung und die Wände warfen blaue Schatten auf die Haut der beiden Frauen, so dass sie selbst gespenstisch blass, beinahe bläulich wirkte.

Gerade, als Dhalia sich fragte, ob sie sich bemerkbar machen sollte – besonders feindlich schienen ihr ihre Gastgeber, wer auch immer sie sein mochten, nicht gesinnt zu sein – als eine der beiden Frauen zu ihr herüberblickte.

Aufgeregt schnatternd sprang sie auf und lief zu Dhalia herüber, zog die Vorhänge auseinander und packte sie begeistert an den Armen, um sie sanft aus dem Bett zu ziehen.

Bei dem Versuch aufzustehen, wurde es Dhalia schwarz vor Augen und ihre Knie knickten ein. Schnell ließ sie sich wieder nach hinten auf das Bett fallen. Das Mädchen musterte sie besorgt und fragte sie etwas in ihrer fremdartigen wohlklingenden Sprache.

Vorsichtig schüttelte Dhalia ihren Kopf, um anzudeuten, dass sie nicht verstand. Die junge Frau nickte und sagte etwas zu ihrer Freundin, die sofort aus dem Zimmer lief. Sie selbst reichte Dhalia eine Schale mit saftigen, leicht salzig schmeckenden Früchten, die Dhalia noch nie gesehen hatte.

Wo war sie bloß? Sie konnte sich erinnern, dass sie getaucht war. Und dann war plötzlich jemand da gewesen. Ein Gesicht – gespenstisch blass in der trüben Dunkelheit des Wassers, wie das Gesicht eines Toten, nur dass es sie fröhlich angelächelt hatte.

Sie betrachtete aufmerksam die junge Frau vor ihr, die ihr eine weitere Frucht anbot. Plötzlich schauderte Dhalia. Es war ohne Zweifel dasselbe Gesicht gewesen, obwohl es im Wasser viel weniger menschlich auf sie gewirkt hatte. Sie spürte, wie ihr Herz schneller zu klopfen anfing – flucht- und kampfbereit. Auf einmal war sie sich der friedlichen Absichten dieser Wesen nun doch nicht mehr sicher. Je länger sie sie betrachtete, desto stärker wurde ihr Gefühl, dass dies keine Menschen waren. Da lag trotz all der Fröhlichkeit eine gewisse Wildheit und Kälte in den Augen und da war eine Geschmeidigkeit in den Bewegungen, die sie irgendwie an Fische erinnerte.

Auf einmal teilte sich der Vorhang, der den Eingang des Zimmers verdeckte, und ein Mann kam in Begleitung der anderen Frau herein. Er hatte lange graue Haare, die in dicken Strähnen auf seine Schultern fielen. „Willkommen, Schwester“, sagte er zu Dhalia. Obwohl er die Worte richtig betonte, war seine Artikulation so sorgfältig und genau, dass es sich nicht um seine Muttersprache handeln konnte.

„Danke“, sagte Dhalia unsicher. „Wo bin ich?“

„Meine Tochter Fiona hat dich gefunden und zu uns gebracht. Du musst sie entschuldigen, aber dein glitzernder Anhänger hat sie so fasziniert, dass sie nicht nachgedacht hat. Sie fragt, ob du ihn ihr vielleicht schenkst?“

Reflexartig fuhr Dhalias Hand zu ihrem Hals, wo sie beruhigt das silberne Blatt ertastete. Dann blickte sie befremdet die junge Frau neben sich an, die vor Aufregung beinahe wie ein Kind auf und ab hüpfte. Dann glaubte sie zu verstehen. Anscheinend war das Mädchen nicht ganz richtig im Kopf. Dafür durfte Dhalia sie nicht verurteilen. Daher wählte sie ihre Worte mit Bedacht, als sie schließlich antwortete. „Es tut mir sehr leid, aber der Anhänger ist sehr wichtig für mich. Ich wäre sehr, sehr traurig, wenn ich ihn nicht mehr hätte.“

„Ist schon gut“, beruhigte sie der Mann. „Fiona hat auch so schon sehr viel Zeugs, sie wird sich einfach ein anderes Schmuckstück für das Fest suchen müssen.“

Obwohl er das kurze Gespräch nicht übersetzt hatte, schien Fiona den Sinn der Unterhaltung erfasst zu haben. Sie verzog für einen Augenblick enttäuscht die Lippen, doch im nächsten fiel ihr schon etwas Anderes ein und sie richtete einige Worte in ihrer Sprache an ihren Vater.

„Wie du merkst, spricht Fiona nicht deine Sprache, obwohl ich mich bemüht hatte, sie ihr beizubringen, so wie ich sie einmal gelernt hatte. Trotzdem würde sie gern mit dir sprechen. Wenn du gestattest, wird sie mit deinen Gedanken reden.“

Unsicher machte Dhalia eine Geste, die halb Nicken und halb Schulterzucken war. Das schien dem Mann zu genügen. Er holte einen kleinen Tiegel aus seiner Tasche, tauchte seinen Zeigefinger hinein und zeichnete schnell irgendein Symbol auf Dhalias Stirn. Überrascht zuckte sie zurück.

„Das wird dir in der ersten Zeit helfen“, erklärte er. „Später, wenn du mehr Übung hast, wirst du es nicht mehr brauchen.“

Neugierig hob Dhalia ihre Hand, um ihre Stirn zu betasten. Doch auf halber Höhe fing der Mann sie ab. „Nicht verwischen“, warnte er sie. Dann straffte er zufrieden die Schultern, als wäre seine Arbeit getan. „Fühl dich wie zu Hause, Schwester. Ich bin sicher, Fiona wird dir alles zeigen, was du wissen willst.“ Mit diesen Worten warf er sich sein langes Haar über die Schulter zurück, drehte sich um und verließ den Raum.

Verwirrt blickte Dhalia Fiona an, denn deren Freundin hatte das Interesse scheinbar bereits verloren und den Raum zusammen mit Fionas Vater verlassen.

„Wie heißt du?“, ertönte Fionas Stimme plötzlich neugierig in ihrem Kopf.

Erschrocken zuckte Dhalia zusammen und sah die junge Frau verstört an.

Das sah so witzig aus, dass Fiona in langes fröhliches Lachen ausbrach. Als sie sich schließlich beruhigt hatte, sprach sie wieder. „Du hast mir doch erlaubt, mit deinen Gedanken zu sprechen. Es ist zwar nicht so schön wie mit dem Mund, dafür aber viel einfacher.“

„Verstehst du mich auch?“, fragte Dhalia laut.

Fiona nickte erfreut. „Du musst die Worte nicht sagen, aber wenn es dir Freude bereitet, kannst du es gerne tun.“

Freude? dachte Dhalia irritiert. Wieso sollte es mir Freude bereiten, Wörter laut auszusprechen?

„Ich finde das schön!“, informierte Fiona sie unaufgefordert.

Sie kann tatsächlich meine Gedanken lesen, fuhr es Dhalia durch den Kopf. Ich muss besser darauf achten.

„Was hast du denn gedacht?“, kicherte Fiona. „Aber du kannst denken, was du willst. Wir haben keine Geheimnisse und es schreibt dir niemand etwas vor. Alle machen nur das, wozu sie Lust haben.“

„Gut, alles der Reihe nach“, beschloss Dhalia. „Ich heiße Dhalia“, sagte sie.

„Das ist aber ein schöner Name. Aber meiner ist auch ganz nett, findest du nicht auch? Fiona und Dhalia, das klingt richtig nett.“ Sie sprang auf und drehte begeistert eine Pirouette im Raum.

Dhalia kam es mehr und mehr so vor, als wäre sie in einem absurden Zirkus gelandet, doch sie hütete sich davor, diesen Gedanken klar zu formulieren. „Wo sind wir?“, fragte sie Fiona stattdessen.

„Da, wo es am schönsten ist“, kicherte Fiona. Sie lief zum Fenster und riss die Vorhänge zur Seite. „Ist es nicht toll?“

Neugierig kam Dhalia näher. Draußen war es dunkel. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte nicht viel erkennen. „Wie spät ist es?“

„Spät? Was ist das?“, fragte Fiona begierig zurück.

„Welche Zeit haben wir?“, versuchte es Dhalia erneut.

„Oh, es ist Erntezeit“, informierte Fiona ihren Gast erfreut.

Bevor Dhalia noch einmal nachfragen konnte, zog eine alptraumhafte Gestalt am Fenster vorbei. Sie hatte den Oberkörper eines Mannes mit langen grauen Haaren, der in einem schuppigen Fischschwanz endete. „Was war das?“, fragte sie schockiert und wich vom Fenster zurück.

„Das ist Vater“, antwortete Fiona überrascht. „Hast du ihn denn nicht erkannt?“

„Aber, aber vorhin hat er doch noch Beine gehabt“, stammelte Dhalia.

„Natürlich, du Dummchen.“ Über soviel Ignoranz konnte Fiona nur den Kopf schütteln. „Doch die nützen ihm nicht viel beim Schwimmen. Genauso wenig wie Flossen an der Luft was nützen. Siehst du?“ Sie warf sich nach vorne und glitt mühelos durch das Fenster hindurch, das anscheinend mit einem Kraftfeld verschlossen war. Dann drehte sie sich zu Dhalia um und winkte ihr fröhlich zu.

Fionas lange Haare umgaben ihren Kopf wie eine Aureole und an den beiden Seiten ihres Halses sah Dhalia mit Erschrecken plötzlich zwei längliche Schlitze, die sich regelmäßig hoben und senkten – waren das etwa Kiemen?

Dann schwamm Fiona ein Stückchen höher, so dass Dhalia durch die Schlitze in ihrem Rock den langen schuppigen Schwanz sehen konnte, der nun ihre Beine ersetzte.

Erfreut über den gelungenen Trick und Dhalias fassungsloses Gesicht glitt Fiona wieder zurück durch das Kraftfeld, welches das Fenster verschloss. Sie machte eine kurze Handbewegung, um ihre Haare und ihre Kleidung zu trocknen. Und schon erinnerte nur noch eine kleine, schnell trocknende Pfütze auf dem Fußboden daran, was soeben stattgefunden hatte.

„Seid ihr etwa … Nixen?“, fragte Dhalia, der es endlich dämmerte.

„Nixen?“ Fiona ließ sich die fremdartige Vorstellung durch den Kopf gehen. Dann betrachtete sie aufmerksam das Bild, das in Dhalias Gedanken entstanden war. Schließlich nickte sie. „Du hast zwar eine sehr witzige Vorstellung von uns, aber das ist schon in Ordnung.“

Sehnsüchtig blickte sie aus dem Fenster. Der kurze Ausflug ins Wasser hatte in ihr anscheinend den Wunsch nach mehr geweckt. „Komm mit!“ Sie fasste Dhalia fröhlich an der Hand und wollte sie mit sich nach draußen ziehen. „Das Wasser ist so wunderbar erfrischend! Ich werde dir alle meine Lieblingsplätze zeigen!“

„Warte!“, schrie Dhalia erschrocken auf und stemmte sich mit der Hand gegen die Wand. „Ich würde ertrinken!“

„Oh.“ Enttäuscht hielt Fiona inne. „Macht es dir dann was aus, wenn ich allein gehe? Schau dich einfach mal selbst um.“ Mit diesen Worten schlüpfte sie, ohne eine Antwort abzuwarten, wieder zum Fenster hinaus.

Dhalia blickte ihrer sich schnell entfernenden Gestalt so lange es ging hinterher, dann verließ sie zögernd den Raum, um ihre neue Umgebung zu erforschen.

 

Als sie über die Schwelle trat, zuckte Dhalia erschrocken zusammen. Einen Augenblick lang hatte sie geglaubt, plötzlich unter Wasser zu sein. Doch dann erkannte sie ihren Irrtum. Über ihr und neben ihr war Wasser – dunkelblaues, unendlich tiefes Wasser. Doch eines dieser geheimnisvollen Kraftfelder hielt es von ihrem Weg fern, so dass eine Art Tunnel unter dem Wasser entstanden war. Staunend blickte Dhalia hoch und sah einen großen Fisch träge über ihr hinweg schwimmen. Die breite Schwanzflosse wackelte gemächlich von einer Seite zur anderen, während der Fisch sie ausdruckslos ansah. Neugierig trat Dhalia an die unsichtbare Wand heran und streckte versuchshalber einen Finger hindurch. Sie spürte keinen Widerstand. Belustigt wackelte sie mit dem Finger im Wasser und sah zu, wie das Wasser die Proportionen verzerrte.

Als ihre Stirn jedoch das Kraftfeld berührte, zuckte sie hastig zurück. Die Haare klebten nass an ihrem Vorderkopf und sie streckte die Hand nach hinten aus, um sich zu vergewissern, dass sich hinter ihr tatsächlich eine solide Wand befand. Sie musste sehr vorsichtig sein. Ein Versehen, ein falscher Schritt und sie würde in die tödliche Tiefe des Sees stolpern.

Hinter ihr war tatsächlich eine Felswand. Sie blickte zu dem Durchgang zurück, durch den sie den Korridor betreten hatte. Anscheinend war sie in einer kleinen Höhle untergebracht, die über den Tunnel mit der restlichen Siedlung verbunden war. Nun, da sich ihre Augen allmählich an die dämmrigen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, erkannte sie in einiger Entfernung weiter vorne etwas, das wie riesige bunte Luftblasen aussah. Aber auch an der Felswand konnte sie mehrere Öffnungen entdecken. Anscheinend lebten die Wesen, wer auch immer sie waren, sowohl in Blasen unter freiem Wasser – bei diesem Ausdruck musste Dhalia unwillkürlich schmunzeln – als auch in kleinen Höhlen in der Felswand. Wenige Schritte später erreichte sie eine Gabelung. Ein Weg, aus dem entfernte Stimmen und Musik ertönten, führte zu einem Höhleneingang, der andere schien zu den bunten Luftblasen zu führen. Dhalias Neugierde war im Augenblick stärker als ihr Wunsch nach Gesellschaft und so bog sie entschieden nach rechts ab, auf die bunten Kuppeln zu.

Ein feiner Sprühregen ging auf sie nieder, als sie die Schwelle der ersten großen Kuppel betrat. Sie schloss für einen Augenblick die Augen, um sie vor dem Wasser zu schützen, und als sie sie wieder öffnete, konnte sie nicht glauben, was sie da sah.

Sie war wieder an der Oberfläche! Die Sonne stand hell im blauen Himmel und schien auf einen großen wunderschönen Park. Die Bäume raschelten im leichten Wind und Dhalia spürte das Gras unter ihren nackten Zehen. Ungläubig ließ sie sich ins Gras fallen und vergrub ihre Finger darin. Dann riss sie ein Büschel aus und hielt es sich fassungslos vor die Nase. Es roch etwas merkwürdig, doch zweifellos nach Gras! Eine Zeitlang lag sie einfach nur da und versuchte, dieses Wunder zu begreifen, das sie in Sekundenschnelle aus tiefstem Wasser an die Oberfläche gebracht hatte, bis ihr plötzlich auffiel, wie still es in dem Park war. Da war kein Vogelgezwitscher, kein Surren der Insekten zu hören. Enttäuscht erkannte Dhalia, dass alles nur eine Täuschung sein musste. Die Pflanzen waren zwar echt, doch die Sonne und der Himmel waren es nicht. Es waren bloß Kunstwerke, geschaffen von Feenmagie, um die Erinnerung an eine längst vergessene Welt aufrecht zu erhalten.

Entschieden stand Dhalia auf und klopfte sich die Grashalme von der Kleidung. Sie wollte nur noch raus von dort, nicht einmal das Gras schien ihr mehr echt zu sein.

„Hier bist du also“, ertönte plötzlich eine Stimme in ihrem Kopf.

Dhalia drehte sich um und sah Fiona im Eingang stehen. Die junge Frau schien sehr vergnügt und erfrischt zu sein. „Schade, dass du nicht mitgekommen bist. Ich habe eine neue Muschel gefunden!“ Strahlend hielt sie Dhalia ihren perlmutt glitzernden Fund hin. „Vater kann mir daraus bestimmt einen hübschen Kamm basteln. Er versteht sich sehr gut auf solche Dinge. Wenn du auch mal eine schöne Muschel findest, macht er dir vielleicht auch was.“ Fiona plapperte so schnell vor sich hin, dass Dhalia gar nicht dazu kam, einen klaren Gedanken zu formulieren. „Naja, vielleicht kannst du nächstes Mal mitkommen. Hier hast du bestimmt nicht viel Spaß gehabt.“ Sie rümpfte ihr Näschen und blickte sich unbehaglich um. „Ist es dort, wo du herkommst, wirklich so?“, fragte sie schließlich.

„Bist du etwa noch nie an der Oberfläche gewesen?“, fragte Dhalia erstaunt zurück.

„Doch, einmal“, antwortete Fiona zögernd. „Aber das ist schon sehr, sehr lange her und ich fand es scheußlich!“

„Wieso denn?“

„Alles war so grell und heiß … und trocken.“ Sie sprach das letzte Wort so aus, als wäre es das schlimmste, das sie sich vorstellen konnte.

„Aber hier ist es doch auch trocken“, wandte Dhalia ein.

„Schon, doch das Wasser ist nur eine Armlänge entfernt!“ Fiona sprang in den Flur hinaus und streckte ihren Arm durch das Kraftfeld. Als sie ihn wieder herein zog, spritzte sie Dhalia eine Handvoll Wasser ins Gesicht.

„Bist du denn gar nicht neugierig?“, fragte Dhalia hastig weiter, in der Befürchtung, ihre Freundin könnte bald zur nächsten Wassertour aufbrechen.

„Worauf denn?“ Fiona schien aufrichtig überrascht. „Hier habe ich alles, was ich mir wünschen könnte – Freunde, Spaß, schöne Dinge. Wenn ich will, kann ich bis zum großen Meer schwimmen.“

„Hast du das schon mal gemacht?“

„Nein, aber ich könnte, wenn mir mal langweilig wird. Es gibt nichts, was mir die Oberwelt noch bieten könnte.“

„Wenn dieser Ort euch so unangenehm ist, wieso gibt es ihn überhaupt?“

Fiona zuckte die Achseln. „Er war schon immer hier gewesen. Noch vor meiner Geburt. Als ich klein war, war da zumindest noch der Brunnen, doch der ist schon sehr lange trocken.“

„Ein Brunnen? Wozu braucht man unter Wasser einen Brunnen?“

„Keine Ahnung.“ Fiona zuckte wieder gleichgültig mit den Achseln und schaute sehnsüchtig zum Ausgang der Kuppel. „Du kannst ihn dir gern mal ansehen“, schlug sie Dhalia vor. „Wenn du fertig bist, findest du mich bestimmt im großen Saal bei den Anderen.“

Noch bevor Dhalia sich erkundigen konnte, wo der große Saal überhaupt lag, hatte Fiona sich schon umgedreht und war wieder davon gerauscht.

Nachdenklich starrte Dhalia ihr nach. Sie glaubte nicht länger, dass Fionas Geist verwirrt war. Ihr Benehmen war nach Dhalias Begriffen für eine junge Frau zwar überhaupt nicht angemessen, eher schon für ein verzogenes Kind, doch lag das vermutlich daran, dass Fiona nicht wollte, und nicht daran, dass sie nicht anders handeln konnte.

Das, was sie im See gefunden hatte, war definitiv nicht das, was Dhalia zu finden erwartet hatte. Sie hatte gehofft, Hinweise auf den Teil des Feenvolkes zu finden, der der Frau ins Wasser gefolgt war. Und wie es nun aussah, hatte sie nicht nur Hinweise, sondern gleich das Volk selbst gefunden. Doch das Ergebnis war mehr als enttäuschend. Sie wollten nichts von den Menschen wissen, dieser Teil der Geschichte stimmte schon. Dennoch hatte Dhalia sich die Feen immer als weise, mächtig und den Menschen überlegen vorgestellt. Nicht wie kleine Kinder, die sich nicht länger als zehn Minuten auf eine Sache konzentrieren konnten und nur an ihre Vergnügungen dachten. Es war natürlich möglich, räumte sie fairerweise ein, dass Fiona nur eine Ausnahme war. Aber sie bezweifelte das. Wenn es jemanden gegeben hätte, der sich mehr Gedanken machte, hätte er sie bestimmt aufgesucht. Immerhin konnte sie sich nicht vorstellen, dass das Wasservolk oft Besuch von Menschen bekam.

Nun, da Fiona wieder einmal verschwunden war, blieb Dhalia unschlüssig stehen. Sie konnte entweder andere Feen suchen oder diese merkwürdige Parodie ihrer Welt erkunden, in der sie sich nun befand.

Sie blickte zur heißen gelben Sonne hoch und dann zu dem einladenden Schatten des Parks, der einige Schritte vor ihr begann. Kein Wunder, dass die Wasser liebende Fiona es dort nicht lange aushalten konnte. Aber wenn sie schon einmal da war, beschloss Dhalia, konnte sie sich den Brunnen, von dem das Mädchen erzählt hatte, auch mal ansehen.

Ihr Blick fiel auf einen schmalen, mit Kieseln ausgelegten Weg, der zwischen den Bäumen hineinführte. Dhalia blickte sich noch ein letztes Mal um und betrat entschieden den Pfad.

Während sie dem kurvenreichen Weg folgte, kehrten ihre Gedanken immer wieder zu Fiona zurück. Ihr Verhalten erinnerte Dhalia an etwas, das sie als Kind gehört hatte. Es musste ein altes Lied oder ein Reim gewesen sein, etwas, das Hanna, ihre Kinderfrau, ihr vor langer, langer Zeit vorgesungen hatte.

Während sie also durch den verwunschenen Park schlenderte, der ihr trotz seiner Vielfalt an Pflanzen und trotz seiner kunstvollen Schönheit irgendwie unecht vorkam, versuchte Dhalia, das Lied aus den in ihrem Kopf schwirrenden Bruchstücken zu rekonstruieren. Langsam summte sie beim Gehen vor sich hin, bis sie das Gefühl hatte, den Text wieder halbwegs im Kopf zu haben.

 

Tief unten im See, da leben die Nixen –

Gespaltene Wesen, nicht Mensch und nicht Fisch.

Kalt wie das Wasser sind ihre Herzen,

Es kümmert sie nicht der Menschen Geschick.

 

Im Wasser sind sie zahlreich und mächtig

Und arglos wie die Kinder dabei.

Nur der Augenblick ist ihnen wichtig,

In Spiel und Tanz geht der Tag schnell vorbei.

 

Flatterhaft, unbedacht, selbstsüchtig sind sie

Und eitel über alle Maße.

Von ihrem Spiegel trennt eine Nixe sich nie,

Selbst nicht in ihrem Schlafe.

 

Doch solltest du es irgendwie schaffen,

Ihr ihren Spiegel zu stehlen,

Ist sie bereit, für dich alles zu machen

Und du kannst ihr alles befehlen.

 

Dhalia schüttelte lächelnd den Kopf. Kaum zu glauben, dass es sich dabei um das Brudervolk der Dunkelfeen handeln sollte, die die ganze Menschheit in Angst und Schrecken versetzten. Ob das Lied wohl tatsächlich Fiona und ihre Familie gemeint hatte? Der Teil über das Flatterhafte in ihrem Charakter würde jedenfalls passen.

Dhalia war so in ihre Überlegungen vertieft, dass sie beinahe gar nicht bemerkt hatte, dass der Pfad schließlich in einer Lichtung mündete. Überrascht blickte sie hoch, als sie vor sich ein kleines Bauwerk bemerkte. Sie war am Ziel.

 

In der Mitte der runden Lichtung lag eine leicht erhobene Plattform. Sie war von drei geschwungenen Streben eingerahmt, die sich über ihrer Mitte bogenförmig trafen. Alle drei Streben waren vollständig vom blühenden wilden Efeu bewachsen. Und auf der Plattform stand ein großer, kunstvoll gefertigter, steinerner Brunnen. Er war aus drei übereinander angeordneten Schalen aufgebaut, jede ein wenig kleiner als die darunter liegende. Als Dhalia näher kam, bemerkte sie, dass alle drei Schalen mit wunderschönen Motiven von Tieren, Vögeln und Pflanzen verziert waren, die sowohl aus der echten wie auch aus der Fantasiewelt stammen konnten.

Der Stein, aus dem der Brunnen gehauen worden war, war von Alter und Trockenheit beinahe weiß. Doch als Dhalia vorsichtig mit ihrem leicht angefeuchteten Finger darüber strich, konnte sie eine Spur von Glanz erahnen. Neugierig riss sie ein Büschel Gras aus, an dem noch einige Tautropfen klebten, und rieb damit über die Außenwand der untersten Schale. Und tatsächlich verstärkte sich der Glanz und der Stein begann, in verschiedenen Farben zu funkeln.

Staunend ging Dhalia um den Brunnen herum. Sie konnte nur erahnen, wie überwältigend der Anblick gewesen sein musste, als eine hohe Fontäne aus der Mitte der obersten Schale emporgeschossen war, um dann dahin zurück zu fallen und sich in einem kaskadenförmigen Wasserfall in die beiden darunter liegenden Schalen zu ergießen. Wenn schon ein paar Tautropfen ausreichten, um den Stein zum Funkeln zu bringen, war nicht auszumalen, was ein stetiger Strom klaren frischen Wassers bewirken konnte.

Während sie den Brunnen umrundete, sah sie sich die Verzierung der Schalen genauer an. Vielleicht konnte sie dort einen Anhaltspunkt dafür entdecken, welche Bedeutung der Brunnen früher einmal gehabt haben mochte, denn sie hatte ihr Ziel – das nächste Element für ihren Schlüssel ins Feenreich zu besorgen – für keinen Augenblick vergessen.

Hier und da waren auch einige Runen zwischen den fantastischen Reliefs eingraviert. Ihnen widmete Dhalia besondere Aufmerksamkeit, doch leider kannte sie sich trotz all ihrer Bemühungen nicht gut genug damit aus, um ihren Sinn zu verstehen. Bis auf eine. Diese Rune kam insgesamt dreimal auf jeder Schale vor – immer in der Mitte zwischen zwei Streben. Dieses Symbol war Dhalia gut bekannt, sie hatte es auch auf der Plattform am See gesehen, dort, wo die Wasserfrau auf dem Bild gestanden hatte. Das Symbol für Wasser.

Es war Dhalia schon bei dem Studium des Feenbuches aufgefallen, dass es in der Feensprache möglicherweise mehr als nur eine Rune für Wasser gab. Sie konnte natürlich niemals sicher sein, doch sie wollte gern glauben, dass die Rune, die sie nun vor sich sah, für besonderes Wasser, für magisches Wasser benutzt wurde.

Wenn dies stimmte, war dieser Brunnen früher einmal wohl dessen Quelle gewesen. Und nun war er versiegt. Es gab in dieser Welt kein magisches Wasser mehr. Und die Feen schienen es nicht einmal zu vermissen. Unschlüssig starrte Dhalia den trockenen Brunnen an. Bevor ihr Mut sie verlassen konnte, riss sie sich zusammen. Nein, sie würde das nicht so hinnehmen. Sie würde herausfinden, was mit dem Brunnen passiert war, und ihn wenn nötig wieder herstellen. Doch dazu brauchte sie ein paar Antworten.

Entschieden drehte sie sich um und hastete den kleinen Kieselweg entlang zum Ausgang der kunstvollen Imitation der Erde. Sie vermied es bewusst, den einen Gedanken zuzulassen, dass es womöglich niemanden mehr gab, der sich noch an die magische Quelle erinnerte.

 

Als sie die Kuppel verließ, folgte sie dem Weg bis zur ersten Gabelung. Dann blieb sie unschlüssig stehen. Sie konnte zwar durch die durchsichtigen Wände und das klare Wasser hindurch den Verlauf der matt leuchtenden Gänge erkennen, jedoch nicht soweit, um sich wirklich orientieren zu können. Schließlich bog sie auf gut Glück nach rechts ab, da sie meinte, von dort sich nähernde Stimmen zu hören. Und tatsächlich lief bald eine ganze Gruppe lachender Menschen sie beinahe um.

Nein, keine Menschen, berichtigte sich Dhalia in Gedanken, während sie sich bemühte, ihr Gleichgewicht zu wahren. Ein junger Mann streckte hilfsbereit seine Hand nach ihr aus, während die ganze Gruppe sie neugierig musterte. Befremdet stellte Dhalia fest, dass selbst die Männer keine Hosen trugen, sondern kurze Tuniken, die sie an bunte Bademäntel erinnerten und an der Brust weit geöffnet waren. Während sie die Gruppe also ebenso neugierig musterte, wie sie selbst gemustert wurde, drängte sich eine junge Frau nach vorne. Dhalia erkannte in ihr Fionas Freundin, die sie schon zuvor kennengelernt hatte.

„Das ist sie also?“, wurden überall um sie herum interessierte Stimmen laut.

Fionas Freundin nickte wichtigtuerisch mit dem Kopf. „Sie hat das Zeichen“, sie deutete auf Dhalias Stirn. „Viorel selbst hat es ihr gemacht. Sie gehört jetzt zu uns.“ Das schien das Zeichen zu sein, auf das alle gewartet hatten.

„Wie heißt du?“

„Wo kommst du her?“

„Ich bin Alan.“

„Ich bin Flora.“

„Das ist ein hübscher Anhänger!“

„Spielst du mit uns?“

„Magst du meinen Haarreif?“

„Wie heißt du?“

„Woher kommst du?“

„Deine Kleider sind witzig.“

„Darf ich dich anfassen?“

Ein Durcheinander von Stimmen brach in ihrem Kopf aus und Dhalia wusste gar nicht, wem sie zuhören und wem sie antworten sollte, während sich von überall her Hände nach ihr streckten, um ihr Haar, ihren Anhänger, ihre Kleidung zu berühren.

Sie kam erst wieder zu sich, als sie merkte, dass sie sich die Hände in dem vergeblichen Versuch, die Stimmen von ihrem Kopf fernzuhalten, an die Ohren gepresst hatte und panisch „Lasst mich in Ruhe!“, schrie. Plötzlich wurde es still. Betreten sahen ihre neuen Freunde sie an. Dann brach eine Diskussion in ihrer merkwürdigen Sprache aus, der Dhalia wie aus weiter Ferne zuhörte, da die Gedanken nicht länger direkt auf sie gerichtet waren.

„Was hat sie bloß?“

„Mag sie uns nicht?“

„Haben wir ihr etwas getan?“

„Ist sie immer so komisch?“

Fionas Freundin, die die meiste Autorität bezüglich Dhalia besaß, versuchte die Fragen so gut es ging zu beantworten. Doch auch sie fand Dhalias Verhalten mehr als eigenartig.

„Es tut mir leid“, wagte Dhalia schließlich einen Vorstoß. „Ich bin diese Art des Redens einfach nicht gewöhnt.“

„Ach so.“ Alle entspannten sich augenblicklich.

„Kommst du mit?“, fragte ein Mädchen, von dem Dhalia glaubte, dass sie sich als Flora vorgestellt hatte.

„Wohin denn?“

Das Mädchen lachte laut auf und schüttelte fassungslos den Kopf. „Schwimmen, natürlich!“

„Leider nein. Ich kann nicht“, fügte sie schnell hinzu, als sie die schockierten Blicke bemerkte, die ihr zugeworfen wurden. Anscheinend galt es hier als anstößig, nicht gerne unter Wasser zu sein.

Sie merkte, wie sie sich gegenseitig unsichere Blicke zuwarfen. Einerseits spürten sie alle den Ruf des Wassers, andererseits schienen wenigstens ein paar von ihnen so viel Anstand zu besitzen, um sie nicht völlig allein lassen zu wollen.

Dhalia spürte, dass sie sie dennoch bald verlassen würden, und nutzte ihre Zeit, um die Frage zu stellen, die ihr auf der Seele brannte, auch wenn sie nicht daran glaubte, dass sie ihr beantwortet würde. Dafür waren die versammelten Personen ihrer Einschätzung nach zu jung. „Weiß jemand, was mit dem Brunnen dort im Park passiert ist?“

Sie erntete eine Reihe halbherziger Antworten, die von „Welcher Brunnen?“ bis zu einem gleichgültigen „Keine Ahnung“ reichten.

Da Dhalia offensichtlich nicht mit ihnen kommen wollte, nahm das Interesse an ihrer Gesellschaft drastisch ab. Die ersten wandten sich bereits ab und sprangen ins Wasser, wo sie dann neckisch über den Köpfen ihrer Freunde umher schwammen. Jetzt erkannte Dhalia auch, warum die Männer keine Hosen trugen – es war schwer, mit einem Fischschwanz in eine Hose hinein zu passen.

Nur der junge Mann und Fionas Freundin blieben noch bei ihr, aber es war deutlich, dass auch sie nicht mehr lange würden widerstehen können.

„Könnt ihr mir sagen, wo ich Fiona finde?“, fragte Dhalia sie.

„Im großen Saal. Geh einfach immer den Gängen nach, du kannst ihn gar nicht verfehlen!“, riefen sie und sprangen ebenfalls endlich ins Wasser.

Die ganze Gruppe winkte Dhalia fröhlich zu, bevor sie wie ein Schwarm bunter Fische davonschwammen.

Seufzend setzte Dhalia ihren Weg fort – einfach immer den Gängen folgen, großartig!

 

In der Ferne hörte sie leise Musik und versuchte, ihrem Klang zu folgen. Überrascht stellte sie fest, dass sie kaum jemanden in den Gängen antraf. Die Bewohner dieser Unterwasserwelt schwammen zwar ab und zu träge an ihr vorbei, doch schienen sie kaum die Gänge zu benutzen. Außerdem kam es Dhalia so vor, als wären es gar nicht so viele Wesen, wie das weit ausgedehnte Tunnel- und Kuppelsystem vermuten ließ. Vielleicht waren es früher einmal mehr gewesen, vielleicht legten sie aber auch einfach Wert auf ihren Freiraum.

Der Klang der Musik führte sie wieder an die Felswand und schließlich in eine große Höhle. In einer Menschenburg hätte Dhalia dies als den Gemeinschaftssaal bezeichnet. Die Höhle war von bunten, matt leuchtenden Kugeln illuminiert – anscheinend mochten die Seebewohner kein allzu helles Licht. Überall im Raum standen niedrige Tische und Sitzgruppen, die von fröhlich schnatternden Grüppchen besetzt waren.

In einer Ecke entdeckte Dhalia auch die Quelle der Musik. Fiona und einige Andere spielten eine beschwingte Melodie auf Musikinstrumenten, die große Ähnlichkeit mit Flöten hatten. Weitere Feen hörten verzückt zu. Und hie und da konnte Dhalia sogar ein paar Tänzer entdecken, die sich graziös zur Musik bewegten.

Als sie sich genauer umsah, bemerkte sie erstaunt, dass die meisten Anwesenden noch relativ jung waren, auch wenn sie ihr Alter nicht genau beziffern konnte. Tatsächlich schien Fionas Vater, den sie etwas abseits entdeckte, wie er Fionas Spiel lauschte, der beinahe älteste unter ihnen zu sein.

Zögernd ging sie auf ihn zu. Vielleicht würde er ihr einige Fragen beantworten können.

Als Viorel Dhalia entdeckte, erhob er sich leicht und winkte ihr zu, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Dhalia, die ohnehin zu ihm unterwegs war, beschleunigte ihren Schritt.

„Na, wie gefällt es dir bei uns?“, fragte er enthusiastisch, als sie näher kam. „Ist es nicht wundervoll?“ Er machte eine weit ausholende Geste, die wohl das gesamte Reich einbeziehen sollte.

„Es ist sehr schön“, stimmte Dhalia höflich zu.

„Das ist gut“, lächelte er zufrieden. „Es wird dir bestimmt nie langweilig bei uns werden.“

Dhalia musst sich stark beherrschen, damit der Schock, der sie bei diesen Worten traf, sich nicht in ihrem Gesicht spiegelte. Ging er etwa davon aus, dass sie für immer da bleiben würde?

„Aber natürlich“, beantwortete Viorel ihre Gedanken.

Zu spät erinnerte Dhalia sich an das Zeichen an ihrer Stirn, das ihnen erlaubte, ihre Gedanken zu lesen.

„Möchtest du nicht mit uns sprechen?“, erkundigte Viorel sich besorgt. „Du bist frei, alles zu tun, was dir Freude macht. Du gehörst jetzt zu uns. Wenn du willst, werde ich das Zeichen von deiner Stirn entfernen.“ Von ihren Gedanken verwirrt starrte er sie an.

„Nein“, beeilte Dhalia sich, es ihm zu erklären. „Ich bin nur noch nicht daran gewöhnt, meine Gedanken zu teilen, das ist alles.

„Oh, natürlich“, erwiderte er höflich. Aber Dhalia war sich nicht sicher, ob er sie tatsächlich verstanden hatte. „Du hast Fragen“, fügte er hinzu.

„Ja.“ Dhalia lächelte erleichtert. „Könnt Ihr mir etwas über den Brunnen erzählen?“

Viorel nickte feierlich. „Die meisten können sich gar nicht mehr daran erinnern, so lange ist er schon versiegt. Doch einst floss dort das Wasser des Lebens.“

Wasser des Lebens – was bedeutet das?“

„Es hatte die Kraft, Verletzungen zu heilen und neue Kraft zu geben.“

„Und was ist passiert?“

„Vor langer, langer Zeit hat es ein Erdbeben gegeben und danach ist der Brunnen versiegt.“

„Das ist alles?“, fragte Dhalia schockiert nach. „Es dürfte ja nicht so schwer sein, die Leitung wieder zu reparieren!“, entfuhr es ihr. Plötzlich merkte sie, wie respektlos das geklungen haben musste, und blickte vorsichtig zu Viorel hoch. Doch er schien keinen Anstoß daran zu nehmen.

„Viele von uns, vor allem die Ältesten, die trotz allem, was passiert war, noch an der alten Lebensweise festhielten und sich in den Höhlen befanden, sind bei dem Erdbeben verschüttet worden. Zum Glück haben die meisten Kinder zu der Zeit draußen gespielt. Doch die Alten konnten die Oberwelt nicht so leicht los lassen. Einige von denen, die überlebt hatten, hatten sich, nachdem der Schaden an unserer Welt weitgehend behoben war, irgendwann aufgemacht, die neue Öffnung der Quelle zu suchen. Doch die meisten kamen nicht wieder zurück. Sie waren auf ein Ungeheuer gestoßen, das zu stark für sie gewesen war. Vermutlich nährt es sich seitdem von dem Wasser des Lebens.“

„Und habt Ihr nie wieder einen Versuch unternommen, die Quelle zu reparieren?“

„Nein.“ Viorel schüttelte lächelnd den Kopf. „Warum sollten wir das tun wollen?“

„Aber die Magie des Wassers …“, stammelte Dhalia verwirrt. „Wie habt Ihr einfach so darauf verzichten können?“

Viorel lächelte nachsichtig. „Wir hatten den Verlust fast gar nicht bemerkt. In der Oberwelt, die von Gefahren so erfüllt war, war die Heilkraft des Wassers wichtig für uns gewesen. Aber wozu sollten wir sie hier benötigen?“ Er weitete seine Hände aus und blickte sich um. „Der See gibt uns alles, was wir brauchen. Was könnten wir mehr wollen?“ Er musste einen rebellischen Gedanken bei Dhalia gespürt haben, denn er fügte beruhigend hinzu: „Keine Angst, du wirst es auch noch verstehen, wenn du erst einmal lange genug hier bist.“

„Aber was ist, wenn ich gar nicht hier bleiben möchte?“, konnte Dhalia sich nicht länger zurückhalten.

„Ich glaube nicht, dass du wirklich so denkst.“ Er streckte seine Hände nach Dhalias Fingern aus und drückte sie sanft. „Du bist jung. Du wirst dich schnell an das Leben hier gewöhnen und seinen Reiz erkennen, keine Angst.“

„Aber ich möchte das nicht, ich möchte zurück.“

„Glaub mir, hier unten bist du viel besser dran als in der überfüllten, gefährlichen Oberwelt. Du brauchst nur etwas Zeit, es zu verstehen. Und die werden wir dir selbstverständlich geben.“

„Aber Ihr sagtet, ich wäre frei …“ begann Dhalia mit zunehmender Panik vor einer lebenslangen Gefangenschaft.

„Aber natürlich bist du das“, erwiderte Viorel milde verwundert.

„Wenn ich also diesen Ort verlassen möchte, kann ich das jederzeit tun?“, präzisierte sie.

„Ich weiß zwar nicht, warum du das tun solltest, aber prinzipiell steht es dir frei.“

„Ihr werdet mich nicht daran hindern?“, vergewisserte sie sich nochmals.

„Nein!“ Fassungslos schüttelte Viorel den Kopf. „Wieso sollten wir deinen Wünschen Gewalt antun?“ Er schien ein wenig betroffen von Dhalias eigenartigen Ideen zu sein.

„Das ist gut zu wissen“, beendete Dhalia etwas lahm das Gespräch. „Danke.“

„Du bist mir jederzeit willkommen“, erwiderte Viorel. Er wandte sich wieder Fiona zu. Anscheinend hatte ihre Musik jetzt seine völlige Aufmerksamkeit.

Unschlüssig verharrte Dhalia noch einen Augenblick an ihrer Stelle. Doch niemand schien ihr mehr Beachtung zu schenken. Und so machte sie sich auf den Weg zu der Kammer, in der sie aufgewacht war und die sie nun als ihre Unterkunft betrachtete. Bevor sie die die große Höhle verließ, nahm sie sich noch ein paar Früchte aus einer der herumstehenden Schalen mit.

Sie war hungrig und müde und hoffte, dass sie den Weg zu ihrer Höhle problemlos fand.

Zunächst stand Dhalia noch unter der beruhigenden Wirkung von Viorels Worten, dass sie frei war zu gehen, wann immer sie es wollte, bis ihr Blick auf die unendliche Weite des Wassers neben und über dem Tunnel fiel, durch den sie gerade ging. Kein Wunder, dass sie frei war, es gab für sie ja keinen Weg, die Unterwassersiedlung zu verlassen!

Panik kroch in ihr hoch und sie beschleunigte ihre Schritte. Sie war so müde und so allein. Womit hatte sie das bloß verdient? Auf einmal kam ihr die ganze Umgebung kalt und bedrohlich und ihre freundlichen Gastgeber wie herzlose Gefängniswärter vor. Sie spürte Tränen in ihren Augen aufsteigen und legte die letzten Schritte zu ihrer Höhle laufend zurück. Dort angekommen, zog Dhalia den Vorhang, der den Eingang bedeckte, so fest wie möglich zu, dann lief sie zum Fenster und tat dort das gleiche. Sie wollte keinen Tropfen Wasser mehr sehen!

Dann blickte sie sich um. Es wirkte fast wie ein normaler Raum in einem ganz gewöhnlichen Haus. Und doch störten die blaue Farbe und die fremdartigen Möbel. Sie war so allein, dass sie sich am liebsten in ihr Bett verkrochen hätte. So traurig und allein. Sie vermisste Chris. Wo war er bloß? Nie war er da, wenn sie ihn wirklich brauchte.

Sie fuhr sich mit den Händen über das Gesicht, um diese fruchtlosen Gedanken zu vertreiben, sie musste sich konzentrieren, sie musste nachdenken. Selbstmitleid half ihr nicht weiter.

Plötzlich ertastete sie das Symbol, das Viorel auf ihre Stirn gezeichnet hatte. Hastig sah sie sich im Zimmer um, bis sie einige Stifte und Pergament entdeckt hatte. Anscheinend hatten Fiona und ihre Freundin sich die Zeit mal mit Zeichnen vertrieben, obwohl keine von beiden großes Talent dazu zu haben schien.

Dhalia hielt sich ihr Silberblatt als Spiegel vors Gesicht und bemühte sich, die Rune auf ihrer Stirn möglichst genau abzuzeichnen. Dann verließ sie das Zimmer. In dem Tunnel blieb sie kurz stehen und holte tief Luft. Dann streckte sie ihren Kopf entschlossen durch das Kraftfeld und rubbelte mit ihren Händen energisch auf ihrer Stirn. Nachdem sie sich prustend wieder aufgerichtet hatte, blickte sie wieder in ihr Blatt. Beruhigt stellte sie fest, dass die Farbe restlos abgegangen war.

Diese Nacht würde keiner ihre Gedanken teilen und auch sie würde von fremden Gedanken verschont bleiben. Morgen würde sie sich wieder mit den aufdringlichen Stimmen ihrer neuen Freunde herumplagen. Jetzt hatte sie sich Ruhe verdient.

Sie legte sich ins Bett und zog die Bettvorhänge ganz fest zu. In der relativen Sicherheit ihres Refugiums begann sie, über ihre Situation nachzudenken.

Sie musste einen Weg finden, die Unterwassersiedlung zu verlassen.

Sie musste die verschüttete Quelle finden.

Vielleicht musste sie ein schreckliches Ungeheuer bezwingen, um an das Wasser der Quelle zu gelangen.

Und dann musste sie einen Weg zurück finden. Zurück in ihre Welt. Zurück zu ihrer selbst erwählten Bestimmung. Zurück zu Chris.

Nichts leichter als das, kommentierte sie selbst in Gedanken zynisch ihre Situation. Doch wenn sie jemals wieder nach Hause zurückkehren wollte, blieb ihr nichts Anderes übrig, als all dies irgendwie zu bewerkstelligen.

Sie gähnte und kuschelte sich in ihre Decke. Morgen würde sie damit anfangen, einen Weg zu finden, unter Wasser zu überleben. Es gab bestimmt eine Möglichkeit, sie musste sie nur finden.

 

Am nächsten Morgen malte sie sich die Rune wieder sorgfältig auf die Stirn, bevor sie ihr Zimmer verließ. Anscheinend hatte ein Tag genügt, um allen Wasserbewohnern Klarheit über sie zu verschaffen. Sie waren offensichtlich zu dem Schluss gelangt, dass Dhalia ein wenig eigen war, dass sie nicht mit ihnen spielen wollte und komische Fragen stellte. Wenn sie ihr begegneten, nickten sie ihr freundlich zu, ließen sie jedoch ansonsten in Ruhe. Dhalia hatte sogar das Gefühl, dass sie ihren Schritt beschleunigten, wenn sie sie sahen, damit sie sie mit ihren Fragen nicht von ihrem Spiel abhalten konnte. Einige wenige, die sie bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hatten, blieben noch neugierig stehen, um sie sich anzuschauen und sich ein eigenes Bild von ihr zu machen, doch das nahm im Laufe des zweiten Tages immer mehr ab. Gegen Abend konnte Dhalia relativ sicher sein, alle kennengelernt zu haben. Sie hatte jedoch niemanden gefunden, der ihr ihre Fragen nach dem Brunnen, nach dem Monster oder nach den Gründen für ihre Unterwasserwelt beantworten konnte. Schließlich zog sie sich in ihr Zimmer zurück und starrte nachdenklich aus dem Fenster.

Sie fühlte sich so furchtbar allein.

Wenn Fiona in den nächsten Tagen – nein, keine Tage, ohne die Sonne gab es nur abwechselnde Phasen von Schlaf und Wachen – nicht ab und zu doch noch kurz vorbei geschaut hätte, hätte Dhalia sich für das einzige Wesen in der kalten, halbdunklen Unterwasserwelt halten können.

 

Fiona spürte, dass ihrer Freundin etwas fehlte, und versuchte, sie auf ihre Art aufzuheitern. Sie brachte Dhalia ein paar glänzende Muscheln und eine Blüte für ihr Haar mit. Eine Geste, die Dhalia dankbar mit einem müden Lächeln quittierte.

Als die erhoffte Begeisterung über die Geschenke ausgeblieben war, zog sich Fiona beleidigt zurück. Es hatte sie große Überwindung gekostet, all die schönen Dinge, die sie gefunden hatte, einfach so der anderen Frau zu überlassen.

Nachdem Fiona verschwunden war, stellte Dhalia sich entschieden vor das Fenster. Es musste einfach einen Weg geben. Wenn sie durch die Kraftfelder gehen konnte, konnte sie bestimmt auch unter Wasser atmen.

Sie holte tief Luft, beugte sich nach vorn und streckte ihr Gesicht in das kalte Wasser. Vorsichtig versuchte sie, durch die Nase ganz leicht einzuatmen, und sofort strömte Wasser in ihren Mund. Hustend und spuckend zog sie ihren Kopf schnell wieder herein. Die Haare klebten ihr nass in der Stirn und das Wasser lief in Strömen über ihren Hals auf ihr Hemd hinunter. Doch sie gab nicht auf. Sobald sie verschnauft hatte, wiederholte sie ihren Versuch. Immer und immer wieder.

Schließlich musste sie jedoch erschöpft und völlig durchnässt aufgeben. Erst da fiel ihr auf, dass Fiona auf der anderen Seite des Kraftfeldes aus einiger Entfernung ihre Bemühungen fasziniert beobachtet hatte. Nun schwamm sie näher heran und winkte Dhalia fröhlich zu, vom Fenster weg zu gehen. Dann schlüpfte sie selbst in den Raum hinein. Sie trocknete sich, wie Dhalia es schon zuvor beobachtet hatte, mit einer lässigen Handbewegung. Anschließend wies sie auf Dhalias Stirn und reichte ihr einen Tiegel mit Farbe. Gehorsam malte Dhalia sich wieder das Zeichen auf die Stirn.

„Was hast du gemacht?“, fragte Fiona interessiert. „Ist das ein neues Spiel?“

„So ungefähr“, erwiderte Dhalia seufzend. „Ich wollte ausprobieren, ob ich auch so schwimmen kann wie ihr alle.“

Fiona lachte. „So funktioniert das doch nicht! Du musst schon ganz ins Wasser kommen.“ Sie schüttelte amüsiert ihren Kopf angesichts so viel Unwissenheit. „Siehst du, so geht das.“ Sie hob ihren Finger hoch, um Dhalias gesamte Aufmerksamkeit zu bekommen, dann drehte sie sich zum Fenster und machte einen eleganten Kopfsprung ins Wasser. „Jetzt du“, ertönte ihre Stimme aufmunternd in Dhalias Kopf.

Ach, was soll’s, dachte Dhalia und sprang ebenfalls durchs Fenster. Mit angehaltenem Atem landete sie direkt neben Fiona und spürte unverzüglich einen unerträglichen Druck auf Brustkorb und Ohren. Sie riss die Hände an die Ohren und krümmte sich vor Schmerz zusammen. Sie spürte, wie Bewusstlosigkeit nach ihr griff, und kämpfte dagegen an, das Bewusstsein zu verlieren. Nur mit Fionas Hilfe gelang es ihr mühsam, zurück in die Sicherheit ihres Zimmers zu klettern. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder zu sich kam.

Die ganze Zeit über musterte Fiona sie ganz verwirrt. „Oh“, sagte sie schließlich erstaunt. „Bei dir funktioniert das nicht.“

„Natürlich nicht!“, stieß Dhalia keuchend hervor. „Ich bin nicht wie ihr.“

„Du meinst, du bist keine Nixe?“, fragte Fiona, stolz darauf, das neue Wort nicht vergessen zu haben.

„Genau“, bestätigte Dhalia resigniert.

Deshalb schwimmst du nicht mit uns“, murmelte Fiona, der es endlich dämmerte.

Dhalia konnte nur nicken. „Das ist aber sehr schade“, sagte Fiona betroffen. Ratlos sah sie ihre Freundin an. Jetzt verwunderte es sie nicht mehr, dass Dhalia so komisch war. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, wie ihr zumute sein würde, wenn sie nicht in den See gekonnt hätte.

„Kannst du mir helfen?“, fragte Dhalia plötzlich hoffnungsvoll. „Kannst du mir helfen, so zu werden wie ihr?“

Traurig schüttelte Fiona ihren hübschen Kopf. „Nein. Ich weiß nicht, wie das geht, ich habe es schon immer …“, sie zuckte mit den Achseln, als suchte sie nach einem passenden Ausdruck, „… gekonnt“, vollendete sie schließlich den Satz. „Wir sind eben so.“

„Verstehe“, murmelte Dhalia entmutigt. Sie hatte nicht damit gerechnet, eine so niederschmetternde Antwort zu erhalten.

„Aber wenn du willst, kannst du nachher in die große Halle kommen. Ich zeige dir, wie man meine Flöte spielt.“

„Danke.“ Dhalia versuchte ein Lächeln. Doch im Augenblick war ihr nicht nach fröhlicher Gesellschaft zumute. „Ich komme später nach.“

„Wie du willst“, nickte Fiona mit unerwartetem Feingefühl. Sie wandte sich zum Gehen.

„Warte“, hielt Dhalia sie zurück. „Kannst du mich bitte trocknen, bevor du gehst?“ Sie lag klatschnass auf ihrem Bett, auf das sie sich mit Fionas Hilfe geschleppt hatte. Und nun sog es sich langsam mit Wasser voll. „Anscheinend kann ich nicht einmal das“, fügte sie bitter hinzu.

Mit einem verständnisvollen Blick kam Fiona ihrer Bitte nach und verließ dann den Raum.

 

Als sie weg war, blieb Dhalia ratlos auf ihrem Bett liegen. Sie blickte zum Fenster hinaus und sah einen Schwarm kleiner Fische vorüberziehen. Plötzlich überkam sie eine überwältigende Sehnsucht nach ihrer eigenen Welt – nach der Sonne, die jeden Morgen auf- und jeden Abend unterging, nach dem frischen Wind im Gesicht und nach dem Vogelgezwitscher, das sie jeden Morgen weckte.

Sie hielt es einfach nicht mehr aus. Dhalia sprang auf und lief aus dem Zimmer hinaus. Ohne inne zu halten, lief sie durch das gewundene Tunnelsystem, bis sie endlich den Park erreichte. Erschöpft und zitternd ließ sie sich unter dem ersten Baum zu Boden fallen und krallte ihre Finger in die dunkle Erde. Ihr Herz klopfte wie wild in ihrer Brust und am liebsten hätte sie laut geweint. Sie klammerte sich an den Stamm des Baumes, als wäre er ihr einziger Freund, und presste ihre Wange gegen die raue Rinde. Nun verstand sie sehr wohl, weshalb der Park vor Urzeiten angelegt worden war. Nichts war schlimmer als die Vorstellung, der eigenen Welt den Rücken zu kehren. Vorher war es Dhalia nie bewusst gewesen, wie sehr sie eigentlich daran hing.

Lange Zeit saß sie da und traute sich nicht, den Park zu verlassen. Sie glaubte, den Anblick der dunklen Unendlichkeit des Wassers einfach nicht ertragen zu können. Doch Hunger und Durst trieben sie irgendwann wieder hinaus. Müde ging sie zu der großen Halle herüber, dem einzigen Ort, von dem sie wusste, dass es dort etwas Essbares gab. Schon von weitem konnte sie Musik und Gelächter hören, die aus der Halle ertönten und in den leeren Gängen widerhallten.

Kurz vor dem Eingang zögerte Dhalia. Sie war nicht gerade erpicht auf fröhliche Gesellschaft. Aber vielleicht hatte sie ja Glück und blieb unbemerkt.

Vorsichtig spähte sie um die Ecke und entdeckte unweit des Eingangs eine Schale mit den eigenartigen Früchten, die die Hauptnahrung der Nixen darzustellen schienen. Dhalias Magen rebellierte bei dem Gedanken an den süß-salzigen Geschmack, doch ihr blieb nichts Anderes übrig, wenn sie nicht gerade verhungern wollte. Hastig schlüpfte sie in den Raum. Aus dem Augenwinkel sah sie Fiona ihr aus einer Ecke fröhlich zuwinken, doch sie tat, als bemerkte sie sie nicht. Sie hätte ihr begeistertes Geplapper einfach nicht ertragen können.

Dhalia nahm sich einige Früchte und verließ wieder schweigend den großen Raum. Es hätte ohnehin keinen Sinn, mit jemandem zu reden. Es gab keinen, der sie und ihre Sehnsucht nach der warmen, trockenen, gefährlichen Oberwelt hätte verstehen können.

In ihrer Kammer angekommen biss sie träge in die saftige Frucht und legte sich auf ihr Bett. Es gab nichts, was sie noch tun konnte, außer schlafen. Sie schlief sehr viel in der folgenden Zeit. Oft träumte sie von der Erde, von ihren Eltern und von Chris, dann war sie glücklich. Manchmal träumte sie auch von der blonden Frau, die vielleicht ihre wirkliche Mutter war, doch diese Träume waren sehr vage und verschwommen. Wenn sie Hunger hatte, holte sie sich Früchte – sie hätte alles für ein Stück Brot oder Fleisch gegeben. Wenn sie nicht mehr liegen konnte, ging sie in den Park, um im Schatten der Bäume ruhelos umherzuwandern. Und immer öfter dachte sie daran, diese sinnlose Existenz, die sie quälte und keinem nützte, endlich hinter sich zu lassen.

 

Eines Tages lehnte Dhalia resigniert an einem Baustamm und spielte gedankenverloren mit ihrem Messer. Dabei wanderte ihr Blick zur Sonne hinauf, die schon seit Stunden unverändert am Himmel stand.

Wenn sie sich schon solche Mühe mit dieser Täuschung gemacht hatten, hätten sie doch wenigstens auch den Lauf der Sonne abbilden können! dachte sie plötzlich wütend und schleuderte ihr Messer, so dass es sich tief in die Erde bohrte. Auf einmal hatte sie das Bedürfnis, irgendetwas kaputt zu machen, zu schreien, zu toben – einfach einen Eindruck auf etwas zu hinterlassen. Zu leben, anstatt nur zu existieren. In ohnmächtiger Wut schlug sie mit der Faust gegen den Baumstamm, immer und immer wieder, bis sie ihre Haut aufriss und dünne Blutrinnsale ihren Unterarm entlang liefen.

Plötzlich hielt Dhalia befremdet inne und schaute sich überrascht ihre Faust an. Was tat sie da eigentlich? Ja, sie war wütend, aber nicht auf den Baum, nicht auf den Park, nicht einmal auf die Wasserfeen, sondern nur auf sich selbst. Und dazu hatte sie jeden Grund. Es war noch immer ihr Leben, das sie vergeudete. Nur sie konnte ihrem Leben einen Sinn geben und ihn auch wieder nehmen, nur sie allein. Wenn sie schon in dieser merkwürdigen Unterwasserwelt festsaß, sollte sie das Beste daraus machen.

Entschlossen stand sie auf und klopfte sich Staub und trockenes Gras von der Hose. Sie hatte lange genug in Selbstmitleid gebadet, jetzt wurde es Zeit für ein wenig Spaß.

 

Freudig überrascht sah Fiona Dhalia in die große Halle kommen. Sofort ließ sie die Blume fallen, die sie anscheinend an der Wand hatte befestigen wollen, und lief zu ihrer Freundin herüber.

Bereitwillig ließ Dhalia sich an den Händen packen und zu den anderen Nixen ziehen, mit denen Fiona gestanden hatte. „Es ist so schön, dass du hier bist“, plapperte Fiona munter los. Dhalia, die sie problemlos verstehen konnte, fuhr sich irritiert an die Stirn. Sie war sicher, sich schon seit Tagen nicht mehr das Zeichen auf die Stirn gemalt zu haben.

„Ach das“, fuhr Fiona lächelnd dazwischen. „Das brauchst du nicht mehr. Das Zeichen sollte dir nur am Anfang helfen. Jetzt haben die Aquapuffs“, sie deutete auf die Schale mit Früchten, „gewirkt.“

„Deswegen esst ihr sie?“, fragte Dhalia erstaunt.

„Aber ja!“ Begeistert nickte Fiona mit dem Kopf. „Ich habe gehört, dass es sehr lange gedauert hatte, bis wir sie in ausreichender Menge züchten konnten. Aber unter Wasser kann man einfach nicht so gut sprechen!“ Sie lachte amüsiert bei dieser Vorstellung.

„Was macht ihr da?“, wechselte Dhalia das Thema mit einem Blick auf den festlich geschmückten Raum.

„Ach ja, das wollte ich dir doch vorhin erzählen.“ Fiona musterte sie vorwurfsvoll für einen Augenblick, dann kehrte jedoch das Strahlen zurück in ihr Gesicht. „Deswegen ist es ja gut, dass du da bist. Obwohl ich dich wahrscheinlich sowieso geholt hätte.“

„Was ist denn los?“, wiederholte Dhalia ihre Frage.

„Wir machen ein Fest!“ Aufgeregt klatschte Fiona in die Hände und machte sogar einen kleinen Sprung.

„Was feiert ihr denn?“, erkundigte Dhalia sich neugierig. Auch sie konnte sich angesichts Fionas offensichtlicher Freude das Lächeln nicht verkneifen.

„Wie meinst du das?“ Fiona neigte verwirrt ihren Kopf, als würde ihr das helfen, Dhalias verworrene Gedanken besser zu verstehen.

„Ich meine, was ist der Anlass für das Fest?“, präzisierte Dhalia.

„Ach so.“ Fiona zuckte mit den Schultern. „Wir hatten schon lange kein Fest mehr.“

„Das ist alles?“, lächelte Dhalia.

„Aber klar. Welchen anderen Grund sollte ein Fest denn haben, außer dem Vergnügen, das es bereitet?“

„Stimmt“, musste Dhalia sich der zwingenden Logik beugen.

„Willst du uns helfen?“ Fiona machte eine ausholende Geste. Im ganzen Raum waren mehrere Grüppchen damit beschäftigt, die Wände mit Blumen, schimmernden Muscheln und den matt leuchtenden Sphären zu schmücken.

„Gern“, antwortete Dhalia. Sie hatte ohnehin nichts Anderes vor.

 

Nach getaner Arbeit verließ Dhalia beschwingt den geschmückten Saal, um sich für das Fest zurecht zu machen. Fiona war so freundlich gewesen, ihr ein Kleid und einige Schmuckstücke auszuleihen. Unterwegs wunderte Dhalia sich darüber, dass sie tatsächlich sehr viel Spaß mit Fiona und ihren Freunden gehabt hatte. Sie durfte einfach nicht alles so ernst nehmen, dann sah das Leben auch schon ganz anders aus.

Obwohl sich sie in dem luftigen, gewagten Kleid, das Fiona ihr gegeben hatte, nicht sehr wohl fühlte – sie hatte noch nie zuvor soviel von ihrer Haut gezeigt – konnte sie nicht leugnen, dass es ihr sehr gut stand. Als sie einen letzten Blick in ihr Spiegelblatt warf, fühlte sie sich, als würde sie zu ihrem ersten Ball gehen. Und irgendwie stimmte das auch, es war ihr erster Ball in der Wasserwelt.

 

Von da an verbrachte sie viel Zeit mit Fiona und ihren Freunden. Immer, wenn sie nicht schwimmen waren, stießen sie lärmend und lachend zu Dhalia, wo auch immer sie gerade war. Und sie selbst ging immer seltener zu der großen Kuppel herüber, die den Park beherbergte. Immer öfter saß sie in einem der Tunnel, die nackten Beine in das Wasser gestreckt, und gab sich der Illusion hin, auch sie selbst wäre im Wasser.

Fiona hatte angefangen, ihr das Flötespielen beizubringen und Viorel fertigte ihr sogar eine eigene Flöte an. Schon bald konnte Dhalia die Sänger und graziösen Tänzer auf ihrer Flöte begleiten, auch wenn sie nicht das Können entwickelte, sich selbst den Reigen der Wasserfeen anzuschließen. Die Gedankensprache bereitete ihr nach einer Weile ebenfalls keine Probleme mehr. Mit der Zeit hatte sie sogar gelernt, Gedanken, die nicht für Andere bestimmt waren, vor ihnen abzuschirmen. Irgendwann hatte Dhalia sogar erstaunt festgestellt, dass sie die Worte gar nicht mehr laut auszusprechen brauchte. In der Tat konnte sie sich bald kaum noch daran erinnern, wann sie das letzte Mal laut gesprochen hatte. Um wenigstens ab und zu ihre Stimme gebrauchen zu können, sang sie ihren neuen Freunden manchmal Lieder aus ihrer Kindheit vor – Lieder, gesungen von Menschen, die ihr einmal sehr viel bedeutet hatten, nun jedoch immer mehr in Vergessenheit gerieten.

Aber so viel Spaß Dhalia in der Gegenwart ihrer neuen Freunde auch haben mochte, sie fühlte sich oft sehr allein, wenn sie dem Ruf des Wassers folgten. Jedes Mal, wenn sie als bunter Schwarm aus ihrem Sichtfeld verschwanden, starrte sie ihnen sehnsüchtig nach und wünschte sich so sehr, mit ihnen gemeinsam in den kühlen Fluten zu schwimmen. Der Wunsch, ihnen zu folgen, wurde von Mal zu Mal immer stärker in ihr. Die halbdunkle Unendlichkeit des Sees um sie herum stellte schon längst keine Bedrohung mehr für Dhalia dar, vielmehr konnte auch sie sich dem Ruf des Wassers, das mit lockenden Fingern nach ihrem Herzen, nach ...

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