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Fasching

Aschenputtel auf Knien


Als Prinzessin zum Fasching? Ein absolutes no go. Ich mach es trotzdem, warum auch immer. Der Johnny Depp, dem ich auf der Party begegne, ist allerdings echt der Hammer. Ein Kuss, und ich bin verloren. Wenn ich mich ihm nicht als Michaela, sondern als Mike vorgestellt hätte - hätte er mich trotzdem geküsst? Eine Frage, die mich noch lange beschäftigen sollte...und ihn auch



***

„Ich will nicht als Prinzessin gehen“, murrte ich, aber meine Mutter lachte nur und malte mir mit ihrem Lippenstift die Wangen an.
Zwei rote Kreise, die mich der Lächerlichkeit preisgaben. Vielleicht legte sie damit unbewusst den Grundstein für meine Homosexualität, vielleicht auch nicht.

Ich finde es bis heute grausam, einen achtjährigen Jungen in ein Mädchenkostüm zu stecken, obwohl ich es inzwischen freiwillig trage. Ja, ihr hört richtig. Ich gehe als Prinzessin zum Fasching, weil ich es gerne möchte. Das ist eben das Trauma, das durch die Beharrlichkeit meiner Mutter entstanden ist. Ich habe es ihr nie vorgeworfen, schließlich ist es keine Behinderung.
Ob sie es weiß? Keine Ahnung, es interessiert mich auch nicht mehr. Es gibt größere Probleme, wie zum Beispiel mein praktisch nicht vorhandenes Liebesleben. Mein bester Freund Tommy redet immer von Sexualleben, aber mir gefällt meine Definition besser.

„Echt, Mike, das kann nicht dein Ernst sein“, sagt Tommy, als ich ihm die Tür öffne.
Kopfschüttelnd mustert er mich, tritt in den kleinen Flur meiner Wohnung und steuert direkt die Küche an. Wir haben uns zum ‚Vorglühen‘ verabredet, eine gute Maßnahme, um später die teuren Getränkepreise nicht blechen zu müssen.
Ich höre, wie er in meinem Kühlschrank wühlt und betrachte mich in dem Spiegel, der an der Wand meines Flures vom Boden bis fast zur Decke reicht. Eine liebliche Prinzessin lächelt mich an, ich grinse zurück. Meine blonden Locken habe ich zu Korkenziehern gedreht, eine höllische Aktion, die sich aber gelohnt hat. Das Make up ist perfekt, niemand würde einen Mann unter meiner Verkleidung vermuten.
Ich bin sowieso schmal, und gerade mal knappe eins siebzig groß, was bedeutet, dass ich locker als Frau durchgehen kann. Früher hat mich das genervt, heute nicht mehr. Tommy meint sowieso ständig, dass ich Selbstvertrauen für drei habe. Habe ich auch, denn trotz dieser Kostümsache liebt meine Mutter mich sehr und lässt es mich immer wieder spüren. Manchmal zu sehr, aber wer kennt das nicht?
„Hast du nur Bier? Nichts Hochprozentiges?“, ruft Tommy aus der Küche.
Ich werfe der scharfen Braut noch einen letzten Blick zu, raffe meine Röcke und eile zu ihm. Meine Absätze klappern auf den Dielen. Nein, ich bin doch keine Transe, es sind nur drei Zentimeter, mit denen ich ganz gut zurechtkomme.
„Im Küchenschrank steht Wodka“, sage ich und greife nach einem Bier.
Tommy reißt gleich die richtige Tür auf und grinst freudig, als er die volle Flasche entdeckt. Großzügig schenkt er sich ein Wasserglas voll und prostet mir zu.
„Auf eine heiße Nacht“, er zwinkert mit dem Auge, das nicht von einer Klappe verdeckt ist.
Wie jedes Jahr geht er als Piratenkapitän, unoriginell, aber es steht ihm. Seinen Dreispitz in den Nacken schiebend genehmigt er sich einen großen Schluck und rülpst anschließend lautstark. Schon an dieser Stelle sollte klar sein, dass mein Freund stockhetero ist.
Wieso stock? Weil er absolut nicht bekehrbar ist, ich hab‘s oft genug probiert. Dabei wäre er genau mein Typ, mit seiner Größe und seinem muskulösen Körper. Tommy ist Automechaniker, und seine Arme sind mindestens doppelt so dick wie meine.
„Du wirst den Kerlen heute reihenweise den Kopf verdrehen“, nuschelt er nach dem zweiten Glas.
„Na toll. Dann werde ich meine Pussy dem Meistbietenden verkaufen“, sage ich mit einem zuckersüßen Lächeln.
„Boah. Das will ich sehen“, kichert Tommy, und greift erneut nach dem Wodka.
Ich halte mich an meinem zweiten Bier fest und seufze erleichtert, als er endlich erklärt, dass er die nötige Partytemperatur erreicht hat. Zu meinem tollen Kleid passt die Winterjacke natürlich überhaupt nicht, und meine Pumps ersetze ich durch Winterstiefel, bevor wir hinaus in die Kälte gehen. Wer Fasching in den Februar gelegt hat, gehört standesrechtlich erschossen. Wie soll man in einer anständigen Verkleidung ohne Erfrierungen bis zur Uni kommen? Zum Glück sind es von meiner Wohnung aus nur zwei Straßenzüge bis zum Festsaal, trotzdem klappere ich mit den Zähnen, als wir den Vorraum betreten.
„Hey, ich sehe schon alles doppelt“, grölt Tommy, auf den zwei Marilyn Monroes zukommen.
Ich kontrolliere kurz meinen Pegel, indem ich die Damen prüfend mustere. Die eine hat eine leichte Zahnlücke, die andere nicht. Erleichtert über meine offensichtliche Nüchternheit händige ich der Garderobiere – einem Vampir – meine Jacke aus, streife die Stiefel ab und schlüpfe in meine Pumps.
„Liebster, zieh dich aus“, flöte ich und helfe Tommy aus seiner Jacke, dessen freies Auge noch immer an den Marilyns klebt.
„Die sind ja so scharf“, flüstert er, „ob ich die beide ins Bett kriege?“
„Wer denkt denn jetzt ans Schlafen? Wir sind doch gerade erst gekommen“, sage ich, und zerre ihn hinter mir her in den Partyraum.
Zahlreiche Piraten, Vampire, Prinzessinnen, Frankensteine, Gespenster und allerlei Phantasiekostüme tummeln sich zwischen den Luftschlangen. Die Musik dröhnt, das Stimmengewirr ist ohrenbetäubend. Ich lenke meinen Freund durch die Menge, bis wir auf der anderen Seite des Raumes angekommen sind. Hier ist eine Bar und der Lärm erträglich. Ich winke dem Barkeeper zu und bestelle zwei Bier.
„Boah, ich will zurück zu Marilyn“, brummt Tommy, und sieht sich missmutig um.
„Hier sind doch noch reichlich von der Sorte“, sage ich nach einem kurzen Rundumblick.
Der Tresentyp schiebt die Flaschen rüber, ich ihm im Gegenzug einen Schein. Tommy sein Getränk reichend sehe ich mich genauer um und entdecke drei Kerle, die sich wenige Meter entfernt in einer Ecke herumdrücken. Einer stellt eine Knackwurst dar. Wahrscheinlich hat sein Deo inzwischen versagt, denn er verzieht kläglich das Gesicht. Der zweite ist ein Zauberer mit spitzem Hut und weitem Umhang. Der dritte hat sich als Johnny Depp verkleidet. Nein, natürlich nicht als der Schauspieler, sondern als Captain Jack Sparrow.
Er sieht ihm so ähnlich, dass mein Herz einen Purzelbaum schlägt und ihm zufliegt. Ich liebe Jack Sparrow, Johnny Depp natürlich auch. Quatsch, nein, ich liebe den Kerl nicht, aber ich mag sein Äußeres. Gut, das klingt oberflächlich, aber ich kann eben besser gucken als denken, so wie alle Männer. Die Typen tuscheln, stoßen sich gegenseitig an und Jack – ich nenne ihn einfach mal so – guckt immer wieder zu mir rüber.
Die falschen Wimpern kokett senkend trinke ich aus meiner Flasche. Ein Sektglas hätte besser gewirkt, aber irgendwie kann auch ich nicht aus meiner Haut. Zum Glück ist mein Lippenstift wasserfest, hoffe ich zumindest. Ich fummle aus meiner kleinen Tasche das Puderdöschen hervor und werfe einen prüfenden Blick in den Spiegel. Ja, die Farbe hält.
„Ich geh wieder nach vorne“, brummt Tommy, drückt mir seine leere Flasche in die Hand und verschwindet einfach in der Menge.
Seufzend stelle ich das Leergut auf den Tresen und schiebe mich mit einer Arschbacke auf einen Hocker. So habe ich mir den Abend nicht vorgestellt. Tommy und ich gehen seit drei Jahren hierher, zur Li-La-Be, dem angesagtesten Faschingsball der Stadt. Bisher haben wir uns jedes Mal prächtig amüsiert, allerdings gemeinsam, nicht einzeln.
Der DJ kündigt gerade einen Walzer an und säuselt ins Mikro, dass jetzt alle Sissis zu ihrem Recht kämen, als hinter mir eine tiefe Stimme erklingt: „Hallo, magst du mit mir tanzen?“
Ich bin zwar nicht Sissi, aber das tiefe Timbre vibriert in meinem Brustkorb wieder und ich langweile mich. Meinen Kopf drehend entdecke ich Jack, der mich mit seinen dunklen Augen intensiv anguckt. Aus der Nähe sind sie grün, aber der Kajal verleiht ihnen Tiefe. Ich nicke und rutsche vom Barhocker. Mein Täschchen hänge ich mir ganz unelegant um den Hals, aber wohin soll ich es sonst tun?
„Danke“, raunt Jack und nimmt meine Hand.
Er zieht mich auf die Tanzfläche und bringt es fertig, mich tatsächlich zu den Klängen des Walzers formvollendet über das Parkett zu führen. Eine Hand fest an meiner Taille, mit der anderen meine Finger umschlingend, dreht er sich mit mir Runde um Runde, wobei er mich anlächelt. Allerdings wirkt sein Lächeln verkrampft, und sein Blick irrt immer wieder zu seinen Freunden, die uns aus ihrer Ecke heraus beobachten.
„Alles okay bei dir?“ sage ich leise.
Seine grünen Augen richten sich auf mein Gesicht, er scheint mit sich zu kämpfen.
„Ja“, sagt er nach einer weiteren Runde, „es ist nur – manchmal trügt der Schein.“
Wie wahr. Ich grinse und überlege, was sein Geheimnis sein mag. Meines ist offensichtlich, auch wenn er es noch nicht weiß

***

Diese Blondine ist anders als alle Frauen, die ich bisher kennen gelernt habe. Sie kichert nicht und fühlt sich gut an in meinem Arm. Vielleicht bin ich doch nicht anders und habe endlich die richtige Frau gefunden. Die Hoffnung lässt mich ganz leicht werden, und so tanze ich auch noch die letzte Runde dieses unsäglichen Walzers mit ihr. Die Musik verklingt, aber ich will sie nicht loslassen.
„Trinken wir ein Glas Sekt zusammen?“, frage ich und halte sie dabei weiter fest.
„Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis“, sagt meine Tanzpartnerin und lächelt dabei so süß, dass ich sie am liebsten küssen würde. „Ich mag keinen Sekt.“
„Oh“, ich lache und nehme die Hand von ihrer schmalen Taille, halte aber ihre Finger weiter fest umklammert. „Ich würde dir mein Blut anbieten, aber du bist keine Vampirin.“
„Spinner“, sie lacht, „die gibt es doch gar nicht.“
„Doch“, ich ziehe sie zum Tresen und schaue mich um, „sie sind überall.“
„Ja, das sehe ich jetzt auch“, erwidert meine Tanzpartnerin und wirft einen bedeutsamen Blick auf meine beiden Freunde, die uns immer noch beobachten.
„Ach die“, sage ich und umklammere ihre Finger fester, „das hat nichts zu bedeuten.“
„Hm“, brummt Blondie und senkt die Wimpern.
Ich weiß, dass diese falsch sind, trotzdem ist sie einfach – wunderschön. Auch ohne diese Plastikdinger wird sie einfach phantastisch aussehen und das Gefühl, ihre Hand in meiner zu halten, verursacht mir Herzklopfen. Oh Mann, Liebe auf den ersten Blick?
„Wie heißt du eigentlich?“, frage ich leise, wobei ich automatisch mit dem Daumen über ihren Handrücken streichle.
Meine Prinzessin wirkt plötzlich unsicher und beißt sich auf die Lippe, was meinen Blick auf ihren Mund lenkt. Der Lippenstift - ich mag ihn nicht. Vielleicht kann ich sie überreden ihn abzuwischen, bevor ich sie küsse. Dass ich das heute Nacht tun werde, steht für mich außer Frage. Schon von dem Moment an, als ich sie das erste Mal berührte, war der Wunsch da.
„Michaela“, sagt die Prinzessin endlich.
„Ein schöner Name“, ich lächle sie an, wende mich dann zum Tresen und bestelle zwei Bier.

Wir unterhalten uns eine Weile. Michaela studiert Germanistik, genau wie ich. Wieso ist sie mir noch nie aufgefallen? Allerdings ist der Kurs unübersichtlich groß, manchmal passen die vielen Studenten nicht alle in den Hörsaal. Mein Professor, Oliver Medler, ist beliebt wie ein Rockstar und ich liebe ihn auch. Rein platonisch natürlich. Obwohl – und jetzt komme ich zum Kern der Sache – ich steh auf Kerle.
Das ist mir erst vor einem Jahr aufgegangen, als mich meine Freunde in einen Schwulenclub geschleppt, betrunken gemacht und dann in den Darkroom befördert haben. Dort bekam ich den Blowjob meines Lebens von einem Fremden verpasst, konnte mich aber hinterher kaum daran erinnern.
Seitdem war ich noch öfter in diesem Etablissement, und wenn der Druck zu groß wurde, habe ich mir im Hinterzimmer einen blasen oder runterholen lassen. Das ist ja legitim und heißt noch lange nicht, dass ich schwul bin, oder? Jedenfalls habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es sich um eine vorübergehende Irritation handelt. Auf Frauen habe ich trotzdem keine Lust mehr, außer auf meine geile Prinzessin hier. Meinen Freunden, die seit dem Vorfall damals ständig behaupten ich sei latent schwul, werde ich heute beweisen, dass es nicht so ist.
„Hey, Liebste, ich hau mit den beiden Marilyns ab“, ertönt hinter mir eine Stimme.
Der Piratenkapitän von vorhin erscheint in meinem Gesichtsfeld und umarmt Michaela, küsst sie auf die Wange und wirft mir einen vergnügten Blick zu.
„Pass gut auf meine Prinzessin auf“, raunt er launig, bevor er in der Menge verschwindet.
„Wer ist das?“, erkundige ich mich neugierig.
„Mein bester Freund Tommy“, Michaela grinst, sie schaut schon wieder in den Spiegel ihres Puderdöschens und prüft ihr Make up.
„Ganz schön stickig hier drin“, sage ich und sehe mich nach einem stillen Plätzchen um, wo wir in Ruhe Luft schnappen können.
„Finde ich nicht“, sie lässt das Döschen zuschnappen und zurück in ihre Tasche gleiten, greift nach ihrem Bier und legt den Kopf in den Nacken, um aus der Flasche zu trinken.
Für eine Frau hat sie einen recht deutlich ausgeprägten Kehlkopf, denke ich, verdränge diese Beobachtung aber gleich wieder. Das Lächeln, mit dem sie mich ansieht, ist einfach zu bezaubernd.
„Okay, wenn du frische Luft willst, dann lass uns nach hinten gehen. Auf dem Gang zu den Toiletten ist es bestimmt nicht so voll wie hier“, sagt Michaela und marschiert los.
Ich folge ihr, verliere sie ein paar Mal fast aus den Augen. Die Kostümierten führen sich wie Verrückte auf und nutzen jeden Meter des Festsaals zum Tanzen. Endlich erreiche ich den Torbogen, hinter dem sich der breite Flur befindet, der zum nächsten Saal und den Klos führt. Michaela steht abwartend da, ihre kleine rosa Zungenspitze gleitet nervös über ihre Lippen. Der Anblick lässt mich hart werden und mein Herzschlag legt an Tempo zu. Ich muss sie küssen und herausfinden, wie sie schmeckt.

***

Es ist eine Scheißidee, und doch will ich unbedingt feststellen, wie Johnny Depp küsst. Ich weiß noch nicht mal wie er richtig heißt, aber das ist egal. Offensichtlich hält er mich für eine Frau, damit wird es bei einem Kuss bleiben.

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