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Exil

Impressum

Mit einer Nachbemerkung von Gisela Lüttig

Textgrundlage:

Lion Feuchtwanger, Gesammelte Werke in Einzelbänden,

Band 8, Aufbau-Verlag GmbH, Berlin 1993

Die „Wartesaal“-Trilogie umfasst die Romane

Erfolg

Die Geschwister Oppermann

Exil

ISBN 978-3-8412-0618-3

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau erstmals 1956 erschienen; Aufbau ist eine

Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung capa design, Anke Fesel

unter Verwendung eines Fotos von Chris Keller /

bobsairport

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Vorwort

Erstes Buch - Sepp Trautwein

1. Sepp Trautweins Tag beginnt

2. Die »Pariser Nachrichten«

3. Einer fährt im Schlafwagen in sein Schicksal

4. Eine verirrte Bürgerstochter

5. Zahnschmerzen

6. Kunst und Politik

7. Einer der neuen Herren

8. Trübe Gäste

9. In der Emigrantenbaracke

10. Blick in eine neue Welt

11. Hanns Trautwein wird achtzehn Jahre

12. Einer riecht die Heimat im Exil

13. Der Tod von Basel

14. Ein deutscher Junge in Paris

15. Parteigenosse Heydebregg und seine Sendung

16. Der getretene Wurm krümmt sich

Zweites Buch - Pariser Nachrichten

1. Chez nous

2. Sie werden’s auch noch billiger geben, Frau Kohn

3. Gummi oder Kunst

4. Hanns lernt Russisch

5. Madame Chaix und die Nike von Samothrake

6. Ein Brief aus dem Gefängnis

7. Kabale und Liebe

8. Herr Louis Gingold im Konflikt der Pflichten

9. Ein Gefangener auf Urlaub

10. Das Oratorium »Die Perser«

11. Sonett 66

12. Der einzige und sein Eigentum

13. Das Gebäck ist gezählt

14. Was Neues aus Afrika?

15. Cäsar und Kleopatra

16. Eine Protestversammlung

17. Romantik

18. Elefanten im Nebel

19. Cäsar und sein Glück

20. Die Hosen des Juden Hutzler

21. Sommerferien

22. Franz Heilbrun im Konflikt der Pflichten

Drittes Buch - Der Wartesaal

1. Der blaue Brief und seine Folgen

2. »Sie hat den Löffel weggeworfen«

3. Solidarität

4. Ein Husarenstreich

5. Die Versuchung

6. Der Wartesaal

7. Telefongespräche in der Sommerfrische

8. Kampf zwischen Raubtieren

9. Essen Sie Ihren Hut auf

10. Geduld tut not

11. Ja, wenn Herr Walther kröche

12. Der verschwimmende Horizont

13. Triumph der guten Sache

14. Gewillt, ein Bösewicht zu werden

15. Der schlotterige Anzug

16. Lukas 21, 26

17. Nürnberg

18. Abdankung

19. Erich Wiesener vergrößert sich

20. Ein Schuldschein auf die Zukunft

21. Madame de Chassefierre wird abgehängt

22. Die Jungfrau von Orléans

23. Glückspilze

24. König in Unterhosen

25. Ein guter Hahn kräht schon um Mitternacht

Nachwort

Zu diesem Band

Für Marta

Vorwort

Ich habe für dieses Buch zwei Motive aus der historischen Wirklichkeit verwandt: die Entführung eines emigrierten Journalisten und den Aufkauf und die Lahmlegung einer deutschen Emigrantenzeitung durch Agenten des Dritten Reichs. In der historischen Wirklichkeit war der entführte Journalist ein Mann namens Berthold Jacob, und die aufgekaufte Zeitung war die Zeitung »Westland«, die in Saarbrücken erschien.

Ich habe indes der Wirklichkeit für meine Zwecke lediglich die beiden genannten Motive entnommen, nicht etwa Einzelpersonen und Einzelgeschehnisse. Es haben also mein Journalist Friedrich Benjamin und die Leute um ihn nicht das geringste zu tun mit dem existierenden Manne Berthold Jacob oder sonst jemand aus der real existierenden Welt; noch haben meine »Pariser Nachrichten«, ihr Verleger und ihre Redakteure irgend etwas gemein mit der genannten Zeitung »Westland« oder mit sonst einer in Frankreich erscheinenden deutschen Zeitung oder Zeitschrift. Insbesondere möchte ich feststellen, daß der Verleger meiner »Pariser Nachrichten« nicht das leiseste zu tun hat mit dem verstorbenen russischen Emigranten Poljakow, dem Inhaber und Verleger des »Pariser Tageblatts«, der verdächtigt wurde, mit den Nationalsozialisten paktiert zu haben; wie sich später durch gerichtliche Verfahren herausgestellt hat, zu Unrecht.

Überhaupt existierte von den Menschen dieses Buches kein einziger aktenmäßig in der Stadt Paris im Jahre 1935; wohl aber lebte dort ihre Gesamtheit. Um die bildnishafte Wahrheit des Typus zu erreichen, mußte ich die photographische Realität des Einzelgesichts tilgen. Das Buch »Der Wartesaal« gibt nicht wirkliche, sondern historische Menschen.

In einigen Jahren wird diese Erklärung überflüssig erscheinen, da sie Selbstverständliches enthält. Heute, bei der Überempfindlichkeit mancher deutschen Flüchtlinge und Auswanderer, scheint sie geboten.

Sanary/Var (Frankreich), Juli 1939.

Erstes Buch
Sepp Trautwein

Und so lang du das nicht hast

Dieses: Stirb und werde,

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

Goethe

1
Sepp Trautweins Tag beginnt

Als er aber vorsichtig Papier und Bleistift aus der Schublade kramte, um sich das Motiv aufzuschreiben, das ihm eingefallen war, fegte er ein Buch von dem gebrechlichen, überladenen Schreibtisch. Kreuztürken, jetzt ist Anna bestimmt aufgewacht. Da kommt schon ihre Stimme aus dem Bett: »Wie spät ist es denn?«

»Sechs Uhr siebenundzwanzig«, meldet er reumütig und korrekt. Anna indes zeigt keinen Unmut, daß er sie so früh geweckt hat. Sie konstatiert nur sachlich, einschlafen werde sie doch kaum wieder, es sei wohl am besten, sie frühstückten mit dem Jungen zusammen.

Josef Trautwein also schreibt, leise zwischen den Zähnen vor sich hin pfeifend, schnell, nicht unvergnügt, seine paar Takte auf. Dann geht er zurück ins Bett. Schön ist er nicht, wie er sich so durchs Zimmer tappt; sein knochiges Gesicht mit den tiefliegenden Augen unter den starken, schon ergrauten Brauen ist schmutzig überstoppelt, das eine Bein seines Schlafanzugs ist hochgerutscht und läßt die dünne, schwärzlichgrau behaarte Wade sehen. Allein so deutlich Anna die Schäbigkeit des tristen Hotelzimmers und seiner Einrichtung erkennt, so wenig nimmt sie wahr, daß Josef Trautwein, ihr Sepp, hier in Paris, im elenden Leben der Emigration, nicht mehr der stattliche Mann ist wie in München, wo ihm alle Sympathien zugeflogen waren. Für Anna hat er sich nicht verändert. Für sie ist er heute, der abgedankte Musikprofessor mit seinen Sechsundvierzig, immer noch so strahlend jung wie damals, als er ihr zuerst begegnete, schön, männlich, voll Kraft und Humor und jedes Erfolges gewiß. Eigentlich ist sie froh, daß seine Ungeschicklichkeit sie aufgeweckt hat; so hat sie ihn eine halbe Stunde für sich, bis der Junge, bevor er in sein Lyzeum muß, mit ihm frühstückt.

Während der beginnende Tag die vollgestopfte Armseligkeit des Zimmers immer klarer hervortreten läßt, kriecht Josef Trautwein zurück ins Bett, wohlig grunzend. Anna nutzt die Gelegenheit, mit ihm über die Pläne ihres heutigen Tages zu reden. Sie hat Dr. Wohlgemuth gebeten, sie pünktlich um zwölf Uhr fortzulassen, sie will wieder einmal zu Monsieur Pereyro gehen, damit der die Sache beim Rundfunk etwas vorwärtstreibt. Eigentlich ist es gemein, wie lange man hingezogen wird. Jetzt ist es schon zwei Monate her, daß die Rundfunkleute Monsieur Pereyro versprochen haben, Sepp Trautweins Oratorium »Die Perser« aufzuführen. Klar, daß es eine Weile dauert, ehe man, gerade im Fall eines deutschen Emigranten, die bürokratischen Widerstände überwindet; aber bei einigem gutem Willen müßte es nach so langen Vorbereitungen endlich klappen.

Josef Trautwein hört nicht sehr interessiert zu. Es tut ihm leid, daß Anna, die sich ohnedies überarbeitet, so viel Mühe an diese Rundfunkaufführung wendet. Ihm selber liegt wenig daran. Er liebt den Rundfunk nicht, Rundfunk ist Ersatz, alles kommt verzerrt. Und die Hörer werden ja doch nichts von seinem Oratorium »Die Perser« verstehen, die Masse hat für so was noch kein Ohr; die Rundfunkleute haben ganz recht, wenn sie zögern. Außerdem ist, findet er, das Oratorium eigentlich gar nicht fertig; es hat noch gute Weile, bis er es ins letzte überfeilt haben wird. Ihm ist es recht so, ihm eilt es nicht, er hat Freude an der Arbeit. Im Grunde denkt er schon mit Bedauern an die Zeit, da er nichts mehr daran zu tun haben wird.

Während sie weiterspricht, geht ihm wieder das Motiv durch den Kopf, das er vorhin gefunden hat, jene paar Takte, die das gräßliche Wehegeschrei der zurückkehrenden, geschlagenen Perser wiedergeben. Gleichzeitig aber hört er auf Annas Stimme. Es ist eine ruhige, angenehme Stimme, er liebt sie sehr. Weniger interessiert ihn, was diese Stimme spricht. Arme Anna. Sicher möchte sie lieber über seine Musik mit ihm reden; in Deutschland hat sie das ganz ausgefüllt. Sie weiß natürlich genausogut wie er selber, daß Rundfunk nur Ersatz ist. Aber sie hat einfach keine Zeit, mit ihm über die Dinge zu sprechen, die ihr im Innern ebenso wesentlich sind wie ihm. Die ganzen Sorgen des kleinen Alltags liegen auf ihr; es ist kein Wunder, wenn ihr davon der Mund übergeht. Dabei bleibt es ein Monolog, er versteht nichts von diesen Sachen. Übrigens, so verwickelt die kleinen Dinge ausschauen, am Ende, wenn man nur lange genug wartet, erledigen sie sich von selber. Schön, er hat in Paris keinen Namen und nicht viele Möglichkeiten, man ist ein wenig knapp, und es ist scheußlich, daß sich Anna, um die paar hundert Franken mehr zu verdienen, Tag für Tag bei ihrem schwierigen Dr. Wohlgemuth abschinden muß. Trotzdem hat man weniger zu klagen als die meisten andern Emigranten. Natürlich war das hübsche, behagliche Haus, das man in München hat zurücklassen müssen, angenehmer als die zwei tristen Zimmer des Hotels Aranjuez, wo er jetzt mit Anna und seinem Jungen haust. Aber sie sind zusammen, alle drei, und sie sind gesund. Seine Musik hat er in Paris so gut wie in München, seinen Schreibtisch hat er auch, sogar ein Piano, er kann arbeiten. Selbstverständlich würde er lieber, wenn er sich Ernsthaftes durch den Kopf gehen läßt, die Isar entlanglaufen als die Kais der Seine; aber schließlich fällt einem auch an der Seine was ein, und auch seinen besten, teilnahmsvollsten Hörer hat er mitnehmen können: Anna.

Dazu hat er seine Politik. Sepp Trautwein ist seiner ganzen Art nach ein unpolitischer Mensch, er ist nichts als Musiker. Allein die Zeitläufte haben ihm in hartem Anschauungsunterricht beigebracht, daß man Musik ohne Politik nicht machen kann. Die Angriffe, die man im Lauf seiner letzten deutschen Jahre gegen ihn gerichtet hat, weil er sich für die Reform der Musikerziehung einsetzte, die Schwierigkeiten, die man ihm gemacht hat, als er an der Münchner Musikalischen Akademie seine »kulturbolschewistischen Theorien« vortrug, das alles hat ihm gezeigt, wie eng verbunden Kunst und Politik sind. Gute Musik und schlechte Politik vertragen sich nicht, das ist für ihn nicht mehr eine Meinung, das ist zu einem Teil seines Wesens geworden. Händel, Beethoven, selbst Wagner sind ihm anders denn als Revolutionäre nicht mehr denkbar; sie mußten Politik machen aus ihrer musikalischen Grundeinstellung heraus. Man kann sich vor der Politik nicht drücken, wenn die eigene Kunst nicht leiden soll. Seine Musik jedenfalls, wenn die klingen soll, dann muß reine Luft da sein. Und wenn reine Luft nicht da ist, dann muß man sie sich schaffen. Wie hat es ihn in diesen letzten deutschen Jahren gedrückt, daß er als Professor an der Staatlichen Akademie, als Beamter, gegen die aufziehende Barbarei nicht so von Herzen hat loswettern dürfen, wie er wollte. Diese Freiheit wenigstens hat er hier.

Nein, alles in allem könnte es ihnen verdammt viel schlechter gehen. Aranjuez heißt das Hotel, in dem er wohnt, schwerlich unterläßt es einer seiner Besucher, den Schillervers zu zitieren von den schönen Tagen von Aranjuez, und wenn er dann immer wieder lachen muß über sein schäbiges Aranjuez, kommt dieses Lachen nicht aus Bitterkeit, sondern aus einem heitern Herzen.

Anna hat gemerkt, daß er, während sie ihm auseinandersetzt, wie die Rundfunksache steht, nicht recht zuhört. Sie ist das gewöhnt. »Du solltest dich einmal wieder bei Pereyros sehen lassen«, sagt sie, und ihre Stimme klingt energisch. »Man findet nicht leicht Freunde im fremden Land, und Leute, die sich für einen einsetzen, schon gar nicht. Die Pereyros haben Einfluß und benehmen sich anständig. Man sollte sie nicht vor den Kopf stoßen.«

Er knurrt unlustig. »Du weißt doch«, sagt er, »wie zuwider es mir ist, wenn ich zu ›Leuten‹ gehen soll. Ich mag halt einmal keine Mäzene. Wenn aus der Rundfunkaufführung was wird, tant mieux. Wenn nicht, dann nehme ich es auch nicht tragisch.« Schon während er so grantelt, tut es ihm leid. Sie schindet sich ab, um die Geschichte zustande zu bringen; er müßte das anerkennen. »Red doch nicht solchen Quatsch«, gibt sie denn auch zurück, ungekränkt und resolut, »du weißt doch selber, was es für ein Schlag wäre, wenn nichts daraus würde.« Dabei denkt sie auch ans Honorar. Er, verträglich, murmelt etwas, das sie als Zustimmung auffassen kann. Aber im stillen denkt er, recht habe doch er, und zuletzt komme er mit seiner süddeutschen Gemütlichkeit wahrscheinlich weiter als sie mit ihrem norddeutschen Betrieb.

Eine Zeitlang liegen beide schweigend. Es kommt oft vor, daß er ihr auf solche Art recht gibt, aber sie weiß, daß er nur aus Bequemlichkeit ausweicht; er liebt keine Auseinandersetzungen. Wenn sie das nächste Mal von der Rundfunkaufführung anfängt, redet er dann genauso zerstreut und gedankenlos daher wie jetzt. Man hat es nicht leicht mit ihm. Er ist so furchtbar eigensinnig, der richtige Münchener Dickschädel, und will es einfach nicht kapieren, daß man ein bißchen Mühe auf sich nehmen muß, um sich hier wieder Boden zu schaffen.

Den Pereyros werden ihre ewigen Bittgänge auch bald lästig sein. »I am sick of it«, hat ein jüdischer Lord erwidert, als ihn unlängst einer ihrer Bekannten das tausendstemal für deutsche Emigranten anschnorrte. Die Pereyros sind angenehme Leute, kunstverständig, ungeheuer gutmütig. Aber sie sind furchtbar überlaufen, und es wäre ihnen nicht zu verdenken, wenn sie es satt bekämen, sich für eingewanderte Antifaschisten einzusetzen. Auch wenn sie Juden vorzögen, wäre es ihnen nicht zu verdenken, und sie, Trautweins, sind keine Juden.

Vielleicht hätte sie sich gestern doch die ergrauenden Haare auffärben lassen sollen. Bei Pereyros muß sie gut ausschauen. Aber ihr Budget ist so ausgetiftelt: wovon soll sie die dreißig Franken abzwacken? Sie könnte sich die Haare auch selber färben. Aber es geht ihr nie mit der Zeit aus, und dann wird es doch nichts Rechtes. Übrigens hat es vielleicht auch sein Gutes, wenn sie bei Pereyros ein bißchen grau aussieht. Die Frau fängt schon an, eifersüchtig zu werden.

Ihr Sepp merkt es kaum, ob ihre Haare wieder dunkelbraun sind, wie sie sein sollen, oder am Scheitel weiß. Er hängt an ihr wie am ersten Tag, aber er hat kein Aug mehr für sie. Ihr ist es ganz recht, daß er nicht sieht, wie die Züge ihres breiten, straffen Gesichts sich verwischen und wie ihre Augen, deren Glanz berühmt war, stumpfer werden; aber ganz recht ist es ihr doch nicht.

Alt werden wir alle, aber daß es gerade jetzt mit ihrer Blüte zu Ende geht, kommt sehr zur Unzeit. In München, in Berlin hat sie, die schöne Frau, manches wiedergutmachen können, was er versiebt hat, einfach durch ein freundliches Lächeln oder durch ein bißchen Flirt mit einem Maßgebenden. Sepp ist ja ebenso unpraktisch wie begabt und verdirbt sich die besten Chancen. Wieviel Krach und Sorgen hat man durchgemacht allein schon wegen seines politischen Geredes. Wieviel hat sie herumlaufen müssen, glätten, sänftigen. Hier in Paris hätte sie es noch ganz anders nötig, zu strahlen, zu bezaubern, wenn sie für ihn etwas erreichen soll. Aber diese zwei Jahre Emigration haben sie nicht schöner gemacht. Man hat seinen Humor und läßt sich nicht unterkriegen; doch manchmal ist es schon verdammt schwer, die Leute nicht merken zu lassen, daß man ihnen lieber die Zähne zeigte als ein freundliches, damenhaftes Lächeln.

Gut, daß Sepp die veränderten Verhältnisse nicht tragisch nimmt. Er spürt das Elend des Alltags nur dann, wenn es ihn unmittelbar anrührt. Der gesellschaftliche Abstieg ist ihm »Wurst«, äußern Ehrgeiz kennt er nicht. Schon in München hat er sich darüber lustig gemacht, wenn man ihn mit seinem Professorentitel ansprach.

Da liegt er, das hagere, knochige, unrasierte Gesicht ihr zugekehrt, ein bißchen lächelnd, vergnügt. Wie sie ihn kennt, fühlt er sich vielleicht in Paris sogar glücklicher als in Deutschland; hier hat er weniger »Betrieb« und mehr Zeit für seine Arbeit, für seine Musik. Sie versteht das durchaus, sie glaubt an seine Musik und ist überzeugt, daß man das tun soll, wofür man geschaffen ist, auch wenn es materiell nicht lohnt. Aber ein Jammer ist es doch, daß dieser begabte Mensch, ihr Sepp, jetzt vermutlich dazu verurteilt bleibt, für die Schublade zu arbeiten. In Deutschland hatte er sich durchgesetzt, auch beim Publikum; die »Oden des Horaz« wurden in allen Konzertsälen gesungen. Man hat dort den »Kulturbolschewisten« scharf angegriffen, aber er hat ein paar fanatische Freunde gehabt, sehr einflußreiche darunter, zum Beispiel den Musikdirektor Riemann. In Deutschland hätte man auch »Die Perser« herausgebracht, in einer großartigen Aufführung, wahrscheinlich bei den Philharmonikern. Hier muß man froh sein, wenn man mit Ach und Krach eine zweifelhafte Rundfunkaufführung durchdrückt.

Sie findet es liebenswert, und es imponiert ihr, wie gleichgültig er die Veränderung ihrer Lage hinnimmt, aber es fällt ihr schwer, diesen Gleichmut ganz zu verstehen. Vielleicht kommt es daher, daß Sepp eine dürftige Jugend gehabt hat, während sie in heiterer, behaglicher Umgebung groß geworden ist. Wenn sie von dem Abstieg spricht, den sie erlitten haben, dann hört er ihr freundlich zu, doch wie ein Erwachsener einem Kind. Findet er es wirklich nicht entwürdigend, wenn ein Sepp Trautwein Schülern der Pariser Musikakademie gegen ein miserables Honorar die Aussprache ihrer deutschen Gesangpartien beibringen muß? Und daß er es noch als Gnade und Wohltat empfinden muß, wenn er in dem Winkelblatt der Emigranten, in den »Pariser Nachrichten«, für ein paar Franken Artikel schreiben darf?

Alles wäre leichter, wenn sie wenigstens an seiner Arbeit, an seiner Musik teilnehmen könnte wie früher. In Deutschland hat er ihr vorgespielt, er hat jedes winzigste Detail mit ihr durchgesprochen, und wenn sie auch nicht genügend vorgebildet war, um alles zu kapieren, Instinkt hat sie, und worum es ihm geht, das begreift sie, und es war bestimmt nicht bloße Verliebtheit, wenn er ihr hundertmal versichert hat, sie sei sein musikalisches Gewissen. Es ist nicht immer ganz reibungslos abgegangen, wenn sie an seinem Werk gekrittelt hat. Er nimmt seine Arbeit verdammt ernst; aber manchmal, wenn sie gar keine Ruhe gegeben hat und immer noch nicht zufrieden war und immer weitergequengelt hat, er müsse diese oder jene Stelle noch einmal überfeilen, bei der Vierzehnten Horaz-Ode zum Beispiel, da hat er doch die Wut bekommen, und es hat böse Worte gesetzt. Allein zuletzt hat er sich trotzdem fast immer von neuem ans Werk gemacht, brummelnd, und es hat sich gezeigt, daß es keine verlorene Mühe war. Es waren schöne Stunden, wenn sie mit ihm zusammen arbeitete, man hat gespürt, wie tief man zusammengehört. Jetzt muß sie sich, statt an seiner Arbeit teilzunehmen, jeden Vor- und Nachmittag für ein paar lumpige Franken bei Dr. Wohlgemuth abschinden, muß widerwärtige, schimpfende Patienten beschwichtigen, ihm gelegentlich assistieren, in Münder mit fauligen Zähnen hineinschauen, hineinlangen, und immer liebenswürdig lächeln. Sie glaubt sich von ruhigem Temperament, aber sie begreift nicht, wie Sepp das alles so gelassen hinnimmt.

Im Nebenzimmer der Junge steht auf. Anna, nachdem sie schon einmal wach ist, könnte eigentlich auch aufstehen. Aber bei Pereyros muß sie frisch ausschauen, und wenn sie sich nie genügend Bettruhe gönnt, ist sie in zwei Jahren eine alte Frau. Nein, es ist schon besser, sie bleibt liegen.

Sie hört den Jungen – sie nennt Hanns ebenso beharrlich den Jungen, wie Sepp ihn den Buben nennt – in dem kleinen Badezimmer plätschern, sich waschen. Sicher wird er wieder kurze Unterhosen nehmen, seine Kameraden im Lyzeum finden nur kurze Unterhosen schick, aber es wäre besser, auf das bißchen Schick zu verzichten und die Gefahr einer Erkältung zu vermeiden. Allein sie unterdrückt die Anwandlung, Hanns eine solche Anweisung zu geben. Er ist vernünftig, doch wenn man ihm einreden will, wird er verbockt.

Da kommt er herein. Anna strahlt auf, wie sie ihn sieht. Er ist nicht groß, doch breit und kräftig; die tiefliegenden Augen und die starken Brauen, beides hat er vom Vater, geben ihm etwas Männliches, über seine Jahre hinaus Ernstes. Anna schämt sich ein bißchen, vor diesem ihrem Jungen mit Sepp im Bett zu liegen; auch stört es sie gerade vor ihm, daß ihr Haar grau ist, ungepflegt.

Hanns ist frisch und ausgeschlafen. Des Vaters Anerbieten, bei der Bereitung des Frühstücks zu helfen, lehnt er ab, gutmütig überlegen: »Ach, laß nur, Sepp« – der Vater behandelt ihn wie einen Erwachsenen und läßt sich Sepp von ihm nennen –, »du störst mehr, als du hilfst.« Während des Frühstücks dann schwatzt man über die Freuden und Leiden des Lyzeums. Vor allem die Fremdheit der Sprache macht den jungen Emigranten, die jetzt in französische Schulen gehen, das Leben schwer und bitter. Hanns hat dieses Hindernis schneller genommen als andere, und wenn er auch noch manchmal zu spüren kriegt, daß er der Fremde ist, der Boche, so geht es ihm doch im ganzen im Lyzeum viel besser, als er im Anfang gehofft hat. Er hat ein gutes Jahr aufgeholt, und während er ursprünglich mit französischen Jungen hat zusammen sitzen müssen, die zwei Jahre jünger waren, ist er jetzt so weit, daß er bestimmt sehr bald, vermutlich noch mit achtzehn, sein Schlußexamen, das Baccalaureat, wird machen können.

Von den Vorbereitungen für dieses Baccalaureat, für das Bachot, wie sie es hier nennen, und von Hannsens Aussichten spricht man während des Frühstücks. Die Zeit vergeht schneller, als Anna lieb ist. Mit Bedauern sieht sie, wie Hanns hinauf nach der Uhr blickt. Diese Uhr übrigens, eine schöne, nicht große Wanduhr aus edlem Holz, ist das Prunkstück der Wohnung. Anna hat sie Sepp einmal zum Geburtstag geschenkt, und Sepp liebt sie; sie ist so schlicht, und ihr leises Ticken regt ihn an. Sie gehört zu den nicht vielen Dingen, die man hat retten, die man sich aus Deutschland hat nachschicken lassen können.

Ja, es ist Zeit, Hanns muß fort. Er nimmt seine Ledertasche. »Hast du auch gemerkt, Mutter«, fragt er, »daß ich das Fenster abgedichtet habe? Jetzt zieht es bestimmt nicht mehr.« Es verdrießt ihn, daß er, obwohl beinahe achtzehn, durch sein Studium und andere ihm wichtige Dinge zu sehr in Anspruch genommen ist, um selber ein paar Sous für den Unterhalt der Familie zu verdienen. Wenigstens hat er eine geschickte Hand und kann den andern durch kleine technische Hilfeleistungen das Leben leichter machen.

Solange Hanns da ist und schwatzt, ist das ärmliche Zimmer voll von der Frische seiner achtzehn Jahre. Aber kaum ist er fort, so fallen die hundert kleinen Dinge des Alltags wieder über Anna her. Da steht der Tisch mit den Speiseresten und dem schmutzigen Geschirr; aber sie, die sonst so Ordentliche, läßt ihn stehen, wie er ist. Es ist Milch übriggeblieben; hoffentlich macht Frau Chaix, die Aufwartefrau, keine Dummheit und gießt frische Milch dazu. Man hat es ihr zwar schon drei- oder viermal gesagt; doch sie ist jung, hat nichts im Kopf als Männer, ist schlampig und macht immer den gleichen Unsinn. Und sie selber hat einfach nicht die Zeit, sich nach einer neuen Aufwartefrau umzutun und sie abzurichten. Ekelhaft, daß man sich mit dergleichen Zeug herumschlagen muß, statt sich um Sepps Musik zu kümmern. Anna liegt mit geschlossenen Augen, scheinbar friedlich. Aber der Kopf ist ihr voll von bösen Gedanken. Es kratzt sie, daß der Junge in solcher Enge und Ärmlichkeit aufwächst. Es kratzt sie, daß sie sich vor ihm sehen lassen muß, mit Sepp im Bett liegend, mit ungefärbtem Haar. Dreißig Franken Haarfärben. Was sind dreißig Franken? Nichts. Aber heute muß man sich überlegen, daß man dafür fünf Kilo Fische kaufen kann, zwei Kilo Butter, sechzehn Kilo Brot, daß man die Tagesmiete eines guten Zimmers davon zahlen kann, daß man dafür vierzigmal in der Metro fahren kann und dreimal ins Kino gehen. Zwar hat sie sich damit abgefunden, daß es jetzt anders ist als früher; ja, sie kann auch noch, und das nicht selten, gut und von Herzen lachen, sie denkt nicht daran, klein beizugeben: aber einen Seufzer kostet es sie doch, wenn sie sich überlegt, daß Sepp, solange sie in München waren, die fraglichen dreißig Franken in einer Viertelstunde verdient hat. Jetzt muß sie für dreißig Franken fast den ganzen Tag arbeiten und zwei Tage darüber nachdenken, woran sie dreißig Franken einsparen soll, wenn sie sich die Haare auffärben lassen will.

Sepp zerbricht sich darüber nicht den Kopf. Die hundert kleinen Ängste, die einen den Tag über plagen und des Nachts manchmal nicht schlafen lassen, ihm können sie nicht an. Ihn schiert es nicht, daß er für die Welt niemand mehr ist; er ist innerlich der gleiche geblieben. Aber die andern haben heute schon, zwei Jahre nach dem Umsturz, vergessen, was er im Musikleben Deutschlands bedeutet hat. Sie jammert dem Vergangenen nicht nach, hin ist hin, verloren ist verloren, aber sie macht sich auch nichts vor. Sepp hat seine Musik, er schreibt sie für sich selber und für sie, im übrigen arbeitet man und schlägt sich durch. Aber die Geltung, die sich Sepp in Deutschland erarbeitet hat, die ist futsch und hilft ihm keinen Deut, nun er hier in Paris sein Brot verdienen soll.

Natürlich hat Sepp trotzdem recht gehabt, daß er, gleich nachdem Hitler kam, sein Amt hinschmiß. Zwei Tage später hätten sie ihn davongejagt. Auch daß er ins Ausland ging, war richtig und gut. Nachdem er vorher schon die immer dickere Luft der Reaktion nicht hatte vertragen können, war es schwer vorstellbar, wie er in einem Staat hätte leben sollen, in welchem ein Hitler diktierte. Ihr wird ganz warm, wenn sie daran denkt, wie entschlossen der sonst so langsame Mann alles hat liegen- und stehenlassen und mit welcher Verve er den Brief abgefaßt hat, in dem er dem Kultusminister seinen Rücktritt mitteilte. Auch sie hat damals keine Sekunde Bedenken getragen, das alles gutzuheißen.

Daß das Exil keine kurze Zeit des Heroismus und des Pathos sein werde, sondern eine lange, zähe Epoche, träg sich hinschleichend, gefüllt mit kleinen Widerwärtigkeiten, hat sie sich vorher gesagt. Aber es sind hundert läppische Scherereien dazugekommen, von denen man in Deutschland keine Ahnung hatte haben können. Was für Schwierigkeiten allein macht zum Beispiel eine so alberne Geschichte wie ein Identitätsausweis. Ihre Pässe sind abgelaufen, das Dritte Reich erneuert sie nicht. Wieviel Laufereien, um irgendein Papier zu kriegen, auf dem bestätigt und bestempelt wird, wer man ist. Wie lange muß man anstehen vor Schaltern mit mürrischen, überarbeiteten Beamten, wie wird man von Monsieur Dupont zu Monsieur Durand geschickt, und Monsieur Durand weiß dann nichts und schickt einen zurück zu Monsieur Dupont, und dann geht die ganze Geschichte von vorne an, und schließlich liegt überhaupt das Dossier auf einem andern Amt. Reguläre Arbeitserlaubnis zu kriegen scheint vollends unmöglich; bei ihrem Zahnarzt Wohlgemuth arbeitet sie schwarz, ohne Erlaubnis.

Solange man in Deutschland war, hat man gar nicht gewußt, wie gut man es hatte in dem bequemen Haus und mit dem schönen Bankkonto. Anna war gewohnt, Abstraktes, Philosophisches auf einfache Formeln zu bringen, und der Pessimismus der Inder oder Schopenhauers, mit dem sich Sepp lang herumgeschlagen und von dem er ihr viel vorerzählt hatte, schrumpfte ihr ein zu der praktischen Erkenntnis, daß man, wenn man einen wehen Finger hat, Unlust darüber empfindet, aber keine Lust darüber, wenn einem der Finger nicht weh tut. Dieser unsentimentale Pessimismus wird ihr jetzt durch die Ereignisse bestätigt. In Deutschland hat sie es für selbstverständlich gehalten, daß man reich und angenehm lebt. Jetzt lamentiert sie nicht, daß es nicht so ist, aber sie spürt es auf Schritt und Tritt.

Es kratzt und scharrt an der Tür, durch den Spalt schiebt man die Post ins Zimmer. Trautwein stürzt sich sofort darauf, öffnet sie, liest sie mit vielen Hms und Ahas. Es ist ziemlich reichliche Post, aber Anna weiß, es ist wenig darunter, was Sepp persönlich anginge, das meiste werden Einladungen sein zu politischen Versammlungen, Bettelbriefe, Bitten um Empfehlungen, Anliegen von Emigranten. Denn so schlecht es einem geht, immer noch sind viele da, die halten einen für reich und glücklich.

Er vertieft sich; daß sie da ist, hat er völlig vergessen. Nachdem er die Briefe zu Ende gelesen, macht er sich an die Zeitungen. Morgen um Morgen erbittert und amüsiert den leidenschaftlichen Mann die Dummheit der Welt, wie sie ihm aus den Zeitungsberichten entgegenspringt. Da hat er wieder etwas gefunden. Er schnalzt mit der Zunge. »Das mußt du dir anschauen, Anna«, triumphiert er mit seiner hellen Stimme, fast krähend vor Freude. »Höher geht’s nimmer«, und er reicht ihr die »Berliner Illustrierte«, hinweisend auf das Photo der Titelseite. Da sieht man die führenden Männer des Reichs, wie sie einem Konzert lauschen, verloren an die Musik, die Gesichter leer, dümmlich, sentimental. Es ist ein großartiges Photo, es zeigt die Seele dieser Männer; die Musik hat sie umgestülpt, ihr ganzes, armseliges Innen ist jetzt nach außen gekehrt. Anna muß lachen, kindlich, herzhaft. Ihr breites Antlitz mit den großen, weißen Zähnen strahlt, wenn sie lacht; sie wird ganz jung. »Ihre Titel können sie ändern«, meint sie, »aber ihre Gesichter bleiben halt immer die gleichen.« Sepp Trautwein freut sich weiter: »Sie können’s nicht lassen, immer wieder müssen sie selber ihre Schande groß plakatieren. Das muß man verbreiten, darüber muß man schreiben. Darüber werde ich schreiben«, beschließt er, jünglingshaft, ganz Eifer und Tatkraft. »Wie ist das?« will er sich sogleich ans Werk machen. »Hast du heute Zeit? Kann ich dir einen Artikel diktieren?« Das ist der echte Sepp. Er hat wieder einmal vergessen, daß sie leider bei Doktor Wohlgemuth beschäftigt ist. Den Besuch bei Pereyros muß sie auch machen, die Rundfunksache ist wahrhaftig wichtig. »Es wäre fein«, bedauert sie, »wenn ich dir den Artikel tippen könnte. Da würden wir uns einmal wieder herumraufen, bis ich dir das Allergröbste abgeräumt habe. Aber Wohlgemuth, die Pereyros«, sie zuckt die Achseln. Ihr lebendiges Gesicht zeigt, wie leid es ihr tut. Er bereut sogleich, stürmisch: »Natürlich, du hast ja heute deine Pereyros. Es ist eine Schande, daß ich das vergessen habe.« Doch im nächsten Augenblick schon ist er darüber hinweg. »Es wird ein feiner Artikel«, freut er sich.

Anna beschaut kritisch die Schreibmaschine. Die Walze ist abgewetzt und müßte erneuert werden, auch sonst fehlt mancherlei. Das kostet Geld, und man wird die Maschine mehrere Tage entbehren müssen.

Er mittlerweile ist aufgestanden und ins Badezimmer gegangen, um sich zu waschen und zu rasieren. Das Rasieren liebt er nicht. Anna hat viel Mühe daran wenden müssen, ihn dahin zu bringen, daß er es täglich vornimmt. Auch heute stöhnt er. Optimist und Sanguiniker, der er ist, hat er natürlich wieder die bequemen Flächen der Wangen zuerst hergenommen. Jetzt bleibt ihm das Schwierigste, das Gewinkel des Mundes; da muß man die Kiefer verzerren, den Kopf verrenken und Vorsicht walten lassen. »Gelump, damisches«, schimpft er auf das Rasierzeug, weil es ohne kleine Verwundung nicht abgeht. Aber dann, während er das Gesicht trocknet, freut er sich bereits wieder auf die Arbeit, die vor ihm liegt. »Es geht mir schon hinaus«, berichtet er vergnügt vom Badezimmer her. »Die Idee, die mir für ›Die Perser‹ gekommen ist, stürzt mir fünfzehn Seiten Partitur um. Aber das Wichtigste kann ich unter Dach bringen, noch solang es frisch ist, bevor ich auf die Redaktion muß. Den Artikel diktier ich dann dort. Er geht schon noch rechtzeitig in Satz.«

Anna hört zu, sie ist stolz darauf, daß er so gewissenhaft arbeitet, daß er nicht die leiseste Schlamperei durchgehen läßt und immer von neuem beginnt, wenn er nur die geringste Aussicht sieht, seinem Ziel um ein winziges näher zu kommen. Gleichzeitig aber ist ihr die äußere Hoffnungslosigkeit seines Unternehmens bewußt. Kein Mensch wird sich darum kümmern, ob die fünfzehn Seiten Partitur besser werden oder schlechter, und wenn die Rundfunkaufführung nicht zustande kommt, dann werden außer ihr überhaupt nur drei oder vier Menschen die paar Seiten zu sehen kriegen. Es ist schon ein verdammtes Pech, daß dieser begabte Mann, ihr Sepp, dazu verurteilt bleibt, für die Katz zu arbeiten. Auch der Artikel über die Physiognomien, den er da für die »Nachrichten« schreiben wird, er wird ihm sicher gelingen, es wird sicher ein sehr grimmiger und lustiger Artikel werden, wert, daß die ganze Welt ihn zu sehen kriegt, aber, ach Gott, so wie die Dinge jetzt liegen, werden zwei- oder dreitausend Leser eine flüchtige halbe Minute daran Freude haben, daß man es dem Lumpengesindel in Berlin gibt, und das wird alles sein. Ob Sepp sich das eigentlich einmal ganz klarmacht? Und wenn, dann ficht es ihn nicht an. Er strahlt. Er arbeitet, als würden »Die Perser« noch heuer von den Philharmonikern gespielt und als erschiene sein Artikel zumindest in den »Times«.

Da kommt er aus dem Badezimmer heraus. Er hat jetzt einen Schlafrock an, der weit und lang an dem hagern, großen Mann herunterhängt und ihm gut steht. Vorzeiten war dieser Schlafrock elegant, jetzt ist er abgetragen. Sepp müßte längst einen neuen haben, denkt Anna, doch schon als noch Geld da war, konnte man ihn nur mit Mühe dazu bewegen, sich anständig anzuziehen; jetzt ist ihm die Geldlosigkeit ein willkommener Vorwand, seine Kleidung zu vernachlässigen.

Er setzt sich in den alten, ramponierten Wachstuchsessel, behaglich, macht sich wieder über seine Zeitungen her, die Beine weit von sich gestreckt. Sie schaut ihm zu. Zehn Minuten kann sie noch liegen bleiben, dann beginnt ihr Tag, ein Tag voll Gehetz und Anstrengung. Die zehn Minuten wird sie noch auskosten. Sie dehnt sich, genießt wohlig die Wärme des Bettes, schweigend. Ja, wenn man an andere denkt, dann geht es einem noch relativ gut. Was zum Beispiel würde ihre Freundin Elli Fränkel darum geben, wenn sie hier so im Bett liegen könnte, bequem, auf Wochen hinaus gesichert. In Berlin, vor dem Zusammenbruch, hat man Elli maßlos verwöhnt, hier in Paris muß sie sich abzappeln, um nicht zu verhungern. Was für armselige, vergebliche Mühe hat sie sich gemacht, ihre Stellung bei Hirschbergs zu kaschieren; es hat trotzdem jeder gewußt, daß sie dort nichts anderes war als Dienstmädchen. Und jetzt wäre sie froh, wenn sie es noch wäre. Sie muß nächstens einmal wieder mit Elli zusammenkommen.

Sepp Trautwein mittlerweile liest seine Zeitungen, hingegeben, die langen Lippen verpreßt, so daß der zusammengekniffene Mund bemüht und ein bißchen komisch aussieht. Hemmungslos zeigt er seine schnell wechselnden Empfindungen. Bald knurrt er, stößt kleine, grimmige Laute aus, dann schüttelt er den Kopf: »Diese Trottel, diese damischen«, dann wieder nickt er und anerkennt voll Überzeugung: »Großartig.« Einmal, plötzlich, unterbricht er sich, ein Strahlen geht über sein Gesicht, mit steifem, unbeholfenem Schritt läuft er zum Schreibtisch, und unter Gepfeife, mit dem Kopf heftig Takt schlagend, notiert er sich eine Idee, die ihm gerade eingefallen ist.

Anna, seufzend, steht auf. Macht sich daran, die beiden Stuben in Ordnung zu bringen. Geht dann in das kleine, enge Badezimmer; es muß auch als Küche dienen, das ist unbequem und unappetitlich, aber es läßt sich nicht vermeiden. Sie schminkt und pudert sich, schweigend, sorgfältig. Der Spiegel gibt ihr Gesicht trüb und ungenau wieder, er hat schlechtes Licht, aber so viel sieht sie, daß ihre Züge verwaschen sind und ihre Augen stumpf. Wenn sie Herr Pereyro wäre, ihr würde diese Anna nicht gefallen. Man weiß freilich nie, worauf ein Mann reagiert. Wenn sie guter Laune ist, wenn sie lacht und ihre schönen, großen, weißen Zähne zeigt, dann wirkt sie noch recht jung.

Sie ist fertig, zieht den Mantel an. Stattlich steht sie da, ein bißchen füllig, doch frisch und damenhaft; es bedarf eines geübten Frauenblickes, um zu erkennen, mit wieviel Mühen die schäbigen Stellen ihres Pelzes verdeckt sind. »Man muß rechtzeitig Notenmaterial beschaffen«, sagt sie, »für den Fall, daß die Radioaufführung zustande kommt. Sonst scheitert es zuletzt an so einer Kleinigkeit.« Er taucht aus seinen Betrachtungen hoch, murmelt etwas wie: »Hm« und: »Ja, wie du meinst«. Sie indes besteht, sie wiederholt, und: »Das wird ziemlich teuer sein«, fügt sie sachlich hinzu. »Ich werde es mir überlegen«, erwidert er, schwunglos, ziemlich mürrisch. Sie aber entscheidet sich, resolut: »Ich werde lieber mit Monsieur Pereyro sprechen. Für den ist es eine Kleinigkeit.« Das hört nun er nicht gern. »Steht denn das Ganze dafür?« meint er zögernd. Und: »Ja«, schließt sie entschieden.

Sie wendet sich, zu gehen. Er sieht hoch, und jetzt erst sieht er sie richtig. »Großartig schaust du aus«, lobt er, voll ehrlicher Bewunderung. »Wie du das nur immer fertigbringst. Racker dich nicht zu sehr ab, Alte«, empfehlt er ihr noch, herzlich, freundschaftliche Besorgtheit über dem hagern Gesicht. »Alte« nennt er sie, betont bayerischen Dialekt spricht er, so daß es wie eine vertraute Liebkosung klingt, und lächelnd fügt er hinzu: »Ich sollte es ja nicht, aber ich muß es doch sagen: wenn’s nichts wird aus dem blöden Rundfunk, dann halte ich das auch nicht für einen Mißerfolg. Also adieu, Alte, und gute Verrichtung. Und grüße Pereyros, aber nur, wenn er definitiv ja sagt.«

Nachdem sie gegangen ist, wird ihm sehr gemütlich. Er hängt an ihr. Wenn sie nicht da ist, vermißt er sie schnell; ihm wird warm, wenn er daran denkt, wie oft sie sich in guten und bösen Zeiten bewährt hat, und an die zahllosen Stunden gemeinsamer Arbeit und gemeinsamer Lust. Aber da man halt zu dritt bloß die beiden Zimmer hat und Tag und Nacht aufeinanderhockt, ist es eine schöne Sache, einmal allein zu sein. Er läuft hin und her, das heißt, laufen kann man nicht in dem überfüllten Zimmer, er windet sich durch. Er ist ganz in sich eingesponnen, die Geräusche von nebenan, von der Straße stören ihn nicht.

Es ist ein gesegneter Vormittag, er hat zwei lange Stunden allein vor sich. Es ist keine Verschwendung, wenn er sich’s leistet, ein bißchen vor sich hin zu spinnen. Er braucht das von Zeit zu Zeit, es ist förderlich, ohne das kann man nicht existieren.

Er setzt sich wieder in den ausgesessenen Wachstuchsessel, in unbequemer Haltung, aber ihm ist sie bequem. Leise tickt die Wanduhr, die schöne, aus Deutschland gerettete, die Zeit läuft ab, und er meditiert. Man muß manchmal innerlich Inventur aufnehmen. Nicht pedantisch natürlich, beileibe nicht, nicht mit formulierten Worten. Dennoch hat er so etwas wie einen Maßstab: er sucht sich Rechenschaft abzulegen, ob er in diesen zwei Jahren Exil künstlerisch weitergekommen ist.

Anna behauptet manchmal, es sehe aus, als ob »Die Perser« heute noch unfertiger wären als vor zwei Jahren, und in gewissem Sinn hat sie recht. Trotzdem ist er weitergekommen. Er ist sich selber gegenüber noch strenger geworden, fast so streng wie Anna; er arbeitet noch langsamer, aber besser, richtiger. Und er darf sich auch bei ehrlichster Selbsterforschung sagen, daß er nicht im leisesten nach der Wirkung schielt, daß er nicht um des Erfolges willen Musik macht, sondern nur um des Werkes willen.

Er lächelt über Anna, ihre Betriebsamkeit, ihre eifrige Bemühung um den Rundfunk. Sie weiß doch, wie wenig bei einer solchen Aufführung herauskommen kann. Was er will, ist selbst aus einem guten Orchester nur mit vielen Proben herauszuholen. Wie soll er es aus widerwilligen Musikern herauskriegen mit wenigen, hastigen Proben? Und selbst wenn eine halbwegs anständige Aufführung zustande käme: die Hörer wären nicht aufnahmebereit für seine Musik. Ihre Ohren und ihre Herzen sind verstopft durch den Schmutz und das Schmalz der wohlfeilen, vulgären, sentimental und schmissigen Melodien, mit dem sie jahrein, jahraus angefüllt werden. Es ist verlorene Mühe. Wie die Dinge heute liegen, werden von zehn Hörern acht seine Musik als Katzengeheul empfinden, einer wird sich höflich bemühen, etwas darunter zu verstehen, und höchstens einer wird sie wirklich aufnehmen.

Sepp Trautwein sitzt in dem ramponierten Sessel. Schön wäre es, wenn er seine Musik einmal mit leiblichem Ohr aufklingen hörte. Aber sein inneres Ohr hört sie schon jetzt, er macht sich das nicht vor, es ist so. Das Motiv, das er heute morgen gefunden hat, klingt in ihm. Er hört die Verse des Äschylus und seine Musik, er hört den hellen, frechen, kühnen Schlachtruf der Griechen, welche die im Meer zappelnden Perser erschlagen, er hört das Jammergeschrei der Sterbenden, ihr Aiai und Ululu und Oioi, dieses ganze, exotische Geheul, er arbeitet nicht und doch ungeheuer intensiv, es strömt um ihn, in ihm. Er sitzt da, blicklosen Gesichtes, abwesend, und während sein Ohr das leise Ticken der Wanduhr aufnimmt, lauscht er gespannt in sich hinein, auf diesen inneren Strom.

Dann, mit einem kleinen, unwilligen Ächzen, steht er auf, setzt sich an den Schreibtisch, arbeitet methodisch, gewissenhaft, konzentriert, um sein widerspenstiges Geträum in die verdammten fünf Linien des Notenpapiers zu zwingen.

2
Die »Pariser Nachrichten«

Es war ein schöner Morgen, und es wird ein schöner Vormittag.

Sepp Trautwein, auf der Redaktion der »Nachrichten«, kriegt, nach einigem Gebrumm der Kollegen, Erna Redlich an die Schreibmaschine, die Sekretärin, mit der er am liebsten arbeitet. Er ist gut in Form, und der Artikel über die Physiognomien der musikbegeisterten Führer des Dritten Reiches gibt ihm die Möglichkeit, von den Dingen zu reden, die ihm am meisten am Herzen liegen, von Musik und Politik. Der Aufsatz bekommt den Schmiß, die derbe, münchnerische Kraft, die er ihm geben will.

Allein es liegt ziemlich viel dringliches Material vor, und es ist zweifelhaft, ob man den Artikel schon in der nächsten Nummer bringen wird, wenn Trautwein nicht nachdrückt. Mit seinem etwas unbeholfenen Schritt, die Füße nach innen gekehrt, tappt er in das Büro Franz Heilbruns, des Chefredakteurs.

Wenn man die gepolsterte Tür durchschritten hatte, die aus den kahlen Redaktionsräumen in Heilbruns Büro führte, war man in einer andern, in einer früheren Welt. In Berlin, als Chefredakteur der »Preußischen Post«, der angesehensten Zeitung der Hauptstadt, hatte Heilbrun größten Einfluß gehabt; wenn er sich dort als Grandseigneur gegeben, dann hatten seine großartigen Worte und Gesten zu seiner Stellung gepaßt. Hier, in der Redaktion der »Pariser Nachrichten«, der »P. N.«, wie man sie allgemein nannte, wirkten sie fast lächerlich. Heilbrun aber, obwohl er sich dessen bewußt war, konnte das prächtige Gewese nicht lassen, er war ein König im Exil, und Trautwein, mit der Bildhaftigkeit des Oberbayern, fand, Heilbruns large, signorile Art schlottere um ihn wie ein zu weit gewordener Anzug um einen Abgemagerten. Auch heute wieder, innerlich lächelnd, mit gutmütiger Ironie, konstatierte Trautwein, wie Heilbrun das große, kahle Büro so umzuwandeln versucht hatte, daß er hier »empfangen« könnte; trotz aller Dürftigkeit hatte er dem Raum die Spuren des eigenen, flotten, eleganten Lebens aufzudrücken versucht. Ein kostbarer Teppich war da, freilich viel zu klein, eine bequeme Couch, der Schreibtisch war stattlich, aus gutem Holz, und trotz der Gefahr, daß einer der vielen Ausgehungerten, die hier hereinkamen, sie stehlen könnten, standen Zigaretten unverschlossen herum.

Chefredakteur Heilbrun nimmt, wie Trautwein eintritt, die Zigarre nicht aus den Winkeln der langen, genießerischen Lippen. Doch Trautwein weiß, das hat nichts zu bedeuten; die beiden Männer stehen gut miteinander, ihre politischen Anschauungen decken sich, beide sind sie tolerant und heftig zugleich. Im übrigen ist Franz Heilbrun unausgeschlafen wie so oft. Er ist sechzig, er arbeitet gern, aber er lebt auch gern, seine Tage sind zu kurz, seine Nächte sind zu kurz.

»Na, mein Lieber«, begrüßt er Trautwein, »was bringen Sie uns Gutes?«, und mit weiter Gebärde der großen Hand weist er auf den bequemen Besuchersessel. Trautwein gibt ihm das Manuskript, Heilbrun liest, schmunzelt. »Gut, derb, deftig, bayrisch«, meint er. »Ein bißchen viel ist die Rede von Ärschen, Fürzen und dergleichen. Wenn Sie den oder jenen weglassen könnten, wirkten die andern stärker.« – »Bon«, sagte friedfertig Trautwein. »Ich werde es gleich machen; dann geht es in Satz und ist auf alle Fälle bereit, wenn der Artikel in der nächsten Nummer erscheinen soll.« – »Natürlich soll er«, erwidert Heilbrun. »Es ist einiges Dringliche da«, wendet anständigerweise Trautwein ein. »Ein guter Aufsatz ist immer dringlich«, erwidert Heilbrun. »Leider, oder glücklicherweise, wie Sie wollen, haben wir ja Aktualität nicht mehr so notwendig wie in Berlin.« Während er den Artikel las und während des kurzen Gespräches hernach hatte er sich belebt; jetzt erschlaffte er wieder, sein großer, viereckiger Kopf mit den weißen, kurzgeschnittenen, borstigen Haaren sah müde aus.

Trautwein verabschiedete sich und war schon unter der Tür, als Herr Gingold eintrat, der Verleger. »Ah, unser teurer Mitarbeiter«, sagte Herr Gingold mit bemühter Liebenswürdigkeit und streckte Trautwein die Hand hin, den Arm eng an den Körper gepreßt. »Teuer?« fragte Trautwein zurück. »Bei Ihren Honorarsätzen?« Er sprach nicht gern von Gelddingen; doch Gingold mit seinem falschfreundlichen Lächeln und seinen schadhaften Zähnen gehörte zu den wenigen Menschen, gegen die er eine ausgesprochene Abneigung hatte. Gingolds hartes, fleischloses Gesicht, sein viereckiger, grauschwarzer Bart, seine unter der Brille hervorspähenden kleinen Augen, seine altmodische, betont bürgerliche Kleidung, langer Rock, Gummizugstiefel, alles verdroß den sonst duldsamen Trautwein. »Die Honorarsätze erhöhen, das ist mein Traum, seitdem ich das Blatt gegründet habe«, erwiderte Gingold, noch stärker grinsend, bestrebt, die trockene Stimme sanft, schmeichlerisch zu machen; trotzdem ging sein Geknarr dem musikalischen Trautwein auf die Nerven. Auch daß er sich zu der Behauptung erdreistete, er habe die Zeitung gegründet, ärgerte Trautwein; denn alle Welt wußte, daß die »Nachrichten« die Idee und die Gründung Heilbruns waren, während Gingold das Unternehmen lediglich finanzierte, und das zu drückenden Bedingungen. Trautwein wunderte sich, daß Heilbrun Gingolds Behauptung geduldig hinnahm. »Aber«, fuhr Gingold fort, »Sie wissen ja, was alles einer Erhöhung der Honorarsätze im Weg steht«, und er legte umständlich dar, daß er eben deshalb zu Heilbrun gekommen sei, weil er ihm eine weitere Einschränkung des Gesamthonorars fürs Feuilleton vorschlagen müsse.

Da Heilbrun nicht erwiderte – vielleicht wollte er es in Gegenwart Trautweins nicht zu einem Streit kommen lassen –, beharrte Gingold nicht auf dem Thema, sondern griff ungeniert nach Trautweins Manuskript. »Manuskript für uns, wie ich sehe«, meinte er. »Ich erkenne es daran«, kommentierte er, »daß es mit unsern Schreibmaschinen getippt ist.« Er lächelte fatal; er sah es nicht gern, daß Mitarbeiter, die nicht fest angestellt waren, seine Schreibkräfte in Anspruch nahmen. Hätte er noch mehr gemäkelt, dann wäre ihm Trautwein grob gekommen. Doch Gingold verzichtete klüglich auf jede weitere Anzüglichkeit, und Trautwein mußte ihm das Manuskript wohl überlassen. Gleich gierigen Ratten liefen Gingolds harte Augen über die Zeilen, bissen sich an einer Stelle fest, gingen weiter, bissen sich an einer zweiten Stelle fest. Alle schwiegen. Endlich hatte Gingold fertig gelesen. »Sehr hübsch«, sagte er, »sehr gut gesagt, ein echter Trautwein«, und er gab weitere platte Lobesworte von sich. »Aber«, meinte er, und gegen seinen Willen wurde seine knarrende Stimme herrisch, »wenn ich Ihnen raten darf, dann streichen Sie ein paar Derbheiten«, und mit steifem Finger die Zeilen nachfahrend, las er laut jene Stellen, die ihm nicht gefielen. Wie er sie las, klangen sie wirklich unflätig und witzlos. »Sie gebrauchen«, erläuterte er, »diese kräftigen Worte in bezug auf einen Mann, der immerhin die juristische Qualität eines Staatsoberhauptes hat. Man liebt uns nicht sehr, und es ist möglich, daß man uns daraufhin Schwierigkeiten macht. Aber ich finde die fraglichen Stellen an sich nicht sehr gut; meiner bescheidenen Meinung nach, Herr Professor, sind sie Ihrer nicht würdig. Und meinen Lesern werden sie auch nicht gefallen.«

Trautwein selber hatten sie mißfallen im Munde Gingolds; allein dessen Kommentar und sein freches Wort »meinen Lesern« reizten ihn. »Ich danke Ihnen für Ihre Belehrung«, sagte er streitbar mit seiner hellen Stimme, »aber die Stilisierung meiner Arbeiten müssen Sie gefälligst mir überlassen.« – »Wir haben uns schon dahin geeinigt«, besänftigte Heilbrun, »daß ein Furz und ein Arsch unter den Tisch fallen.« – »Nichts für ungut, Herr Professor«, lenkte, durch Trautweins Heftigkeit noch erschreckt, Gingold ein. »Immer unser enfant terrible«, fügte er hinzu, um ein verstehendes, beschwichtigendes Lächeln bemüht. Aber der Blick, den er Trautwein nachsandte, als dieser jetzt ging, war keineswegs liebenswürdig.

Trautwein ärgerte sich über sich selber. Er hätte sich nicht so gehenlassen, hätte Gingold nicht so großkopfig erwidern dürfen. Anna wäre bestimmt unzufrieden, und das mit Recht. Politik treiben, seine Meinung heraussagen, sich seinen Groll vom Herzen schreiben, ist eine schöne Sache. Leider aber hat man bei dieser Beschäftigung mit übeln Burschen zu tun. Man hat Deutschland aufgegeben, um nicht nach Herrn Hitlers Pfeife zu tanzen: soll man jetzt nach Herrn Gingolds Pfeife tanzen?

Er schickte sich an, die Räume der »P. N.« zu verlassen, verdrossen und zerstreut vor sich hin schauend. »Hallo, Sepp«, riß ihn eine Stimme aus seinen Gedanken. »Wohin? Gehen Sie essen? Dann kommen Sie mit mir.« Trautwein zögerte. Es kam ihm gelegen, seinen Verdruß durch ein Gespräch wegzuspülen, und der bewegliche, brillante Friedrich Benjamin war dafür der rechte Mann; aber Anna erwartete ihn zum Mittagessen, und er scheute sich, überflüssiges Geld im Restaurant auszugeben. Doch Friedrich Benjamin bestand: »Sie müssen mitkommen. Ich muß Sie sowieso sprechen. Ich habe eine kollegiale Bitte an Sie. Machen Sie keine Umstände, Sepp. Sie sind natürlich mein Gast.« Trautwein gab nach, telefonierte ins Hotel Aranjuez Bescheid für Anna, ging mit Benjamin.

Der führte ihn in den Coq d’Argent, ein hübsches Restaurant, in welches Trautwein allein nie gegangen wäre, da es viel zu teuer aussah. Benjamin wählte umständlich, kennerisch, befragte Trautwein nach seinen Wünschen, machte ihm Vorwürfe, daß er auf das Essen so wenig Gewicht lege. Trautwein nämlich pflegte zerstreut zu essen, gewohnt, daß seine Frau ihn mit den geringen Mitteln, die zu Gebote standen, so gut wie möglich nährte. Das einzige, wonach er sich sehnte, was er in Paris vermißte, waren gewisse kräftige bayrische Gerichte. Er wäre lieber mit Richard Strauss in München gesessen, im »Franziskaner«, Weißwürste oder Bratwürste essend und Märzenbier trinkend, statt in diesem französischen Beisel bei Austern und Chablis und mit Friedrich Benjamin. Aber der »Franziskaner« und Richard Strauss, das war nun dahin. Ein Licht freilich war er nie gewesen, unser Richard Strauss, abgesehen von allem Musikalischen natürlich; sonst auch säße er wahrscheinlich hier und nicht bei den Nazis.

Sich mit Benjamin zu unterhalten, ist gewinnbringend, da gibt es keinen Zweifel. Friedrich Benjamin ist »nur« ein Journalist. Aber was für einer. Was alles weiß er, mit welcher Logik zieht er seine Schlüsse, wie brillant ordnet er Kleines und Großes, daß alles neue Aspekte gewinnt. Sepp Trautwein führt sich diese Vorzüge Benjamins beflissen vor Augen, heute wie so oft, um ihm gerecht zu werden; denn im Grunde ist Benjamin ihm zuwider. Er macht aus sich und seiner Tätigkeit zuviel her. Und Sepp Trautwein, gewohnt, herauszupoltern, was er auf dem Herzen hat, setzt ihm zum zehntenmal auseinander, daß »wir alle« uns viel zu wichtig nehmen. Oder beeinflußt etwa, was wir schreiben oder nicht schreiben, die politischen Geschehnisse?

Während Trautwein das erörterte, mit vielen Details in seiner sanguinischen Art, laut und münchnerisch, so daß die französischen Gäste ringsum aufhorchten, saß Friedrich Benjamin ihm gegenüber und aß. Er aß langsam, kennerisch, ab und zu trank er in kleinen Schlucken. Zuweilen sagte er: »Essen Sie doch, Trautwein, es ist schade, wenn Sie den Fisch kalt werden lassen«, oder dergleichen. Sonst unterbrach er Trautwein nicht. Nur schaute er manchmal hoch, wenn Trautwein einen besonders saftigen Satz von sich gegeben hatte; seine schönen, braunen Augen wölbten sich seltsam aus seinem gescheiten Gesicht. Trautwein, wenn er diese Augen sah, wie sie aus dem runden Kopf über der großen, krummen Nase heraussprangen, traurig, ein bißchen clownhaft, gleichzeitig aber auch wild und fanatisch, fühlte sich unbehaglich und hatte Mühe, nicht aus dem Konzept zu kommen.

Als er endlich eine Pause machte, fragte Benjamin: »Sind Sie jetzt fertig?« Und da Trautwein bejahte, sagte er: »So, dann essen Sie erst einmal Ihren Fisch zu Ende.« Benjamin konnte boshaft sein und einem mit höhnischer Logik nachweisen, auf wie sandigem Grund heute jeder Glaube und jede Hoffnung gebaut war, aber bei alledem hatte er Charme und Humor, und die Beflissenheit, mit der er seinem Gast die Speisen schmackhaft zu machen suchte, zeigte angeborene Liebenswürdigkeit.

Während der ganzen Mahlzeit ging er nicht auf Trautweins Anwürfe ein. Erst beim Kaffee, und offenbar statt einer Antwort, sagte er plötzlich: »Haben Sie heute meinen Artikel gelesen über die beiden Frauen, die Hitler hat köpfen lassen?« – »Ja«, erwiderte Trautwein. Es gehörte aber dieser Aufsatz zum Besten, was Benjamin geschrieben, und obwohl Trautwein Benjamins Effekte nicht liebte, hatte der Artikel ihn ergriffen. Benjamin hatte zunächst schlüssig nachgewiesen, daß die beiden Frauen lediglich deshalb exekutiert worden waren, weil sie zuviel von Hitlers Gemetzel vom 30. Juni wußten. Sodann hatte er eine erregende Schilderung des brutalen Faktums gegeben. Man sah, wenn man seinen Artikel las, die beiden Frauen leibhaft vor sich, wie sie auf mittelalterliche Art zum Block geschleppt wurden, gebunden, man sah den Henker, das Hackbeil, die Nacken der Frauen, sorglich vorbereitet, den Schlag zu empfangen. Fachmännisch hatte Trautwein zu würdigen gewußt, wie gut an dieser Stelle Benjamins Anmerkung saß, daß man die beiden natürlich mit deutscher Gründlichkeit rasiert hatte. Noch manches andere hatte sich ihm eingeprägt. Benjamins Sätze zum Beispiel über das Gesicht des Diktators, wie der das Gnadengesuch zurückweist und das Todesurteil mit seiner klobigen, kleinbürgerlichen Schrift unterzeichnet. Trautwein konnte also Benjamins Aufsatz mit gutem Gewissen und kennerisch rühmen.

Benjamin schaute ihm, solange er sprach, voll ins Gesicht mit seinem fanatischen, gesammelten und gleichwohl abwesenden Blick; in kleinen Schlucken trank er von seinem Kaffee, das runde, dickliche, fatal lächelnde Antlitz wirkte jetzt noch mehr wie eine betrübte Clownsmaske.

»Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Urteil, Kollege«, sagte er, als Trautwein zu Ende war, mit parodistischer Kopfneigung. »Es tut immer wohl, gelobt zu werden, aber nicht zu diesem Zwecke habe ich Sie gefragt. Ich wollte einfach nachprüfen, ob das herausgekommen ist, was ich in den Artikel hineinlegen wollte. Ich sehe, es ist herausgekommen, der Aufsatz ist geglückt. Lassen Sie mich jetzt«, und er hob, da Trautwein sprechen wollte, abwehrend die kleine, behaarte Hand, »das, was Sie zu Eingang unseres Frühstücks ausführten, auf diesen Artikel anwenden. Sie haben vollkommen recht. Was ist mit diesem geglückten Artikel erreicht? Nichts ist erreicht. Die beiden Frauen sind tot, ihre Körper seziert, ihre abgehackten Köpfe längst von den Anatomen zerschnitten. Einen Augenblick hat die Welt aufgehorcht und Pfui gesagt. Aber jetzt schon, zehn Tage hernach, hat sie die Scheußlichkeit vergessen, und mein Artikel wird daran nichts ändern. Ich gehe noch weiter als Sie. Wenn heute ein Shakespeare käme oder ein Dante und die glühendsten Verse über die Barbarei der Nazis schriebe, wenn ein Swift oder Voltaire seinen bittersten Hohn über ihren Mangel an Urteil und Geschmack ausgösse, wenn ein Beaumarchais oder Victor Hugo die schwungvollsten Aufsätze darüber schriebe, es würde nichts ändern. Nach vierzehn Tagen wäre die brutale Hinrichtung der beiden Frauen trotzdem Vergangenheit und verstaubt, als läge sie tausend Jahre zurück. Was soll da ich bewirken, ich, der kleine Friedrich Benjamin, mit meinen ›Nachrichten‹ nebbich und meinem Füllfederhalter? Das etwa wollten Sie doch sagen, lieber Trautwein? Oder habe ich Sie mißverstanden?«

Trautwein war betroffen. Benjamin hatte wirklich das, was er selber hatte ausdrücken wollen, noch schärfer und besser gesagt, mit der zynischen Resignation eines Mannes, der weiß, daß er ein Don Quichotte ist. Trautwein spürte Respekt und Schuld. Aus ihm selber nämlich hatte der Hochmut des Künstlers gesprochen. Der Künstler – das war der geheime Hintersinn seiner Sätze gewesen – hat das Recht, auch ohne äußern Zweck zu arbeiten, nur um sich auszudrücken und diesen Ausdruck andern zu vermitteln, und darum hat seine Arbeit Sinn; die Arbeit des Journalisten aber hat Sinn nur dann, wenn sie bestimmte, erreichbare Ziele verfolgt. Dieser Friedrich Benjamin nun wußte genausogut wie er selber, wie gering auch im besten Falle seine Wirkung sein konnte, und daß er, dies wissend, seine Arbeit trotzdem weiterführte, verlieh ihm Würde, Format. Trautwein also hatte ihm unrecht getan und spürte Scham.

»In Berlin«, meditierte Benjamin weiter, »standen unsere Illusionen auf soliderem Grund. Man bekam von der Wirkung seiner Artikel etwas zu spüren. London, Paris, New York zitierten einen. Es gab Interpellationen, Geschrei. Man konnte sich vormachen, was man schreibe, bewirke Veränderungen. Heute schreiben wir in die leere Luft. Diejenigen, die uns lesen, sind von vornherein unserer Meinung, und diejenigen, die schwanken oder keine Meinung haben, die erreichen wir nicht.« Er schaute mit seinen schönen, traurigen Augen bald vor sich hin, bald Trautwein ins Gesicht, bald in den Raum.

Wozu sitzt er hier in dem eleganten Lokal? dachte Trautwein, und seine flüchtige Scham wandelte sich zurück in Abneigung. Die Zeche wird mindestens achtzig Franken machen. Er stammt aus kleinbürgerlicher, jüdischer Familie, irgendwo vom Rhein oder vom Main. Er muß sich abrackern und schlaflose Nächte verbringen, um so leben zu können, wie er es tut. Man kann um acht Franken zu Mittag essen, es gibt Emigranten, die froh sind, wenn sie zwei Franken für ein Mittagessen übrig haben. Warum muß Friedrich Benjamin achtzig Franken dafür hinausschmeißen?

Jetzt aber fing Benjamin zu lächeln an. Trautwein kannte dieses Lächeln. Zuweilen, unvermutet, erschien es auf Benjamins Gesicht, ein weises, resigniertes, im tiefsten amüsiertes Lächeln, welches die Welt und Friedrich Benjamin bestrahlte, wie die Sonne eine Schmutzlache bestrahlt und in vielen Farben leuchten macht. Friedrich Benjamin also lächelte, hob sein Glas mit dem Kognak, beschaute es nachdenklich und sagte: »Es wäre natürlich Unsinn, wenn ich Ihnen oder mir selber vormachen wollte, ich schriebe meine Artikel, weil ich glaube, dadurch zur Veränderung der Welt beizutragen. Ich glaube es nicht. Ich schreibe nicht aus diesem Grund.« Er trank seinen Kognak hinunter und sagte, leise, doch nachdrücklich: »Ich bin ein besessener Journalist, das ist alles. Ich kann nichts verschweigen. Ich muß schreiben, auch wenn das völlig sinnlos ist und keinerlei Wirkung tut. Ich weiß genau, daß Rechthaben nichts nützt und daß man auf diesem Planeten alle gegen sich hat, wenn man darauf beharrt, recht zu haben. Dennoch will ich recht haben, lieber Sepp, ich muß recht haben. Das ist mir wichtiger als essen und trinken.«

Dem toleranten Trautwein war diese Selbstentblößung nicht sympathisch, auch die Stimme Benjamins war ihm nicht sympathisch, und schon gar nicht die Art, wie er »Sepp« sagte. Aber dem Lächeln auf Benjamins Gesicht konnte er nicht widerstehen. Wie dieser Mensch sich selber durchschaute und sich selber zum besten haben konnte, das war einfach großartig.

Leider war es nur eine kurze Minute, in der Benjamins Selbsterkenntnis leuchtete. »Immerhin«, fuhr er nämlich nach einem kleinen Schweigen fort, »ist es ein Trost, zu wissen, daß man meine Artikel am Quai d’Orsay und in Downing Street lesen wird, und daß zwanzig Exemplare der ›P. N.‹ nach Berlin gehen, an das Propagandaministerium. Der Herr Reklameminister versteht freilich meine stilistischen Feinheiten nicht so gut wie Sie, Sepp; trotzdem ist es ein angenehmer Gedanke, sich sein Gesicht vorzustellen, wenn er den Artikel liest.« Er sprach leise, selbstgefällig, und Trautwein ärgerte sich. Der Mann, der ihm jetzt gegenübersaß, war wirklich nichts weiter als ein hysterischer Rechthaber und seine Selbsterkenntnis Krampf, Angeln nach Komplimenten.

Es ist Ilse, darin sind sich alle einig, die ihn zu dem Leben verführt, für dessen Hohlheit er selber so gute Worte findet. Niemand begreift, warum sie ihn geheiratet hat, die schöne, reiche, elegante Ilse dieses unscheinbare Fritzchen, das gesellschaftlich so gar nicht zählt. Sie ist eine merkwürdige Person. Sie betrügt ihn hinten und vorn; wie sie sich in seiner eigenen Gegenwart über ihn lustig macht, hat Sepp Trautwein mehrmals peinvoll miterlebt. Wagt es aber ein Dritter, sich über ihn zu mokieren, dann macht sie dem Spötter wüste Szenen. Leicht hat es Benjamin nicht mir ihr. Wahrscheinlich zöge er ein bescheideneres, sorgloses Leben vor, und sein Genießerdasein ist ihm mehr Pflicht als Freude.

Benjamin hatte sich mittlerweile eine Zigarre angesteckt. »Hören Sie, Sepp«, rückte er näher, »worum ich Sie bitten wollte. Ich muß auf ein paar Tage fort. Nicht zu meinem Vergnügen. Man will mir einen richtigen Paß verschaffen. Haben übrigens Sie Ihre Papiere in Ordnung?« unterbrach er sich. »Mein deutscher Paß läuft bald ab«, antwortete Trautwein. »Meine Frau hat schon Schritte getan, daß ich dann irgendein Papier kriege. Das überlasse ich ihr, sie macht das besser als ich.« – »Sie haben’s gut« seufzte Benjamin. »Wenn ich meiner Ilse so was zumuten sollte, ich käme schön an. Jedenfalls, das Identitätspapier, das ich jetzt habe, ist unpraktisch für einen, der viel reisen muß. Und ich muß viel reisen. Sonst kriege ich das Material für meine ›Plattform‹ nicht zusammen. Wenn ich erst einen anständigen Paß habe, dann geht alles leichter, dann kann ich vielleicht sogar die Arbeit an den ›P. N.‹ hinschmeißen und meine Zeitschrift richtig ausbauen. Es ist lächerlich, was man alles unternehmen muß, damit einem ein Beamter unter Aufdrückung eines Siegels bestätigt, daß man ist, wer man ist. Schon an diesem Elend der Paßlosen zeigt sich, wie müßig alles Gerede ist von internationalen Regelungen, Verständigungen, Völkerbund und dergleichen. Man möchte die Wand hochgehen. Nicht einmal so viel hat man fertiggebracht, daß man die Identifizierung eines Menschen international regeln kann. Hunderte sind in diesen paar Jahren kaputtgegangen, einfach weil sie kein gültiges Papier auftreiben konnten.«

Benjamins Worte erinnerten Trautwein an jene Vorträge über die kleinen Sorgen des Alltags, mit denen Anna ihn zu langweilen pflegte. Diese Dinge sind scheußlich, zugegeben, aber das hat er zur Kenntnis genommen, als Ganzes, ein für allemal, und Einzelheiten will er nicht wissen. »Sie haben also Aussicht, einen richtigen Paß zu kriegen?« fragte er, Benjamin weitere allgemeine Erörterungen abschneidend. »Ja«, erwiderte der. »Aber ich muß zu diesem Zweck auf ein paar Tage nach Basel. Ich habe schon mit dem Alten gesprochen, wegen Urlaubs. Er macht natürlich Schwierigkeiten. Aber ich habe ihn so weit, daß er mir Urlaub geben will, falls ich einen richtigen Vertreter stelle.« Er schaute Trautwein an, lächelnd, und fuhr mit einem netten, bescheidenen Ton kollegialer Vertraulichkeit fort: »Darum bin ich zu Ihnen gekommen, Sepp. Wollen Sie mir den Gefallen tun?«

Trautwein saß da, gespaltenen Gefühls. Es wäre ganz angenehm, ein paar hundert Franken mehr zu verdienen, es machte ihm Spaß, Anna die Scheine in die Hand zu drücken. Auch hat er schon einmal ähnliche Aushilfe geleistet und kann einem Mann wie Benjamin den geringfügigen Dienst schwerlich verweigern. Andernteils ist es kein Vergnügen, an den »P. N.« als Redakteur zu arbeiten, er hat da, gerade als er den Redakteur Berger vertrat, keine guten Erfahrungen gemacht. Als Mitarbeiter ist man sein eigener Herr, als Redakteur muß man Kontakt mit den andern halten, und mit Gingold arbeiten ist nicht leicht. »Die Perser« würden auch liegenbleiben müssen, und heute früh war er so in Stimmung. »Wieviel Tage werden Sie fort sein?« fragte er zögernd. »In vier Tagen bin ich zurück«, antwortete lebhaft Benjamin, »spätestens in fünf. Seien Sie nett«, drängte er. »Tun Sie mir die Liebe. Wir haben da«, lächelte er, »gerade noch mächtig geschimpft über die Sinnlosigkeit unserer Arbeit. Aber wenn Sie an meinem Schreibtisch sitzen, dann werden Sie sehen, daß wir zu Unrecht gemeckert haben. Sie werden Echo spüren, Wirkung. Das müssen Sie doch gemerkt haben, als Sie damals Berger vertreten haben. Die Zustände an den ›Nachrichten‹ sind scheußlich; aber es ist großartig, daß wir das Blatt haben und daran arbeiten können.«

Er sprach ohne Pathos, doch das Lächeln und die Besessenheit des Mannes machten Eindruck auf Trautwein. Fünf Tage nur wollte Benjamin fortbleiben, und auf Benjamin war Verlaß. »Ich weiß übrigens nicht«, machte er einen letzten, halben Einwand, mehr der Form zulieb, »ob Gingold mich wird haben wollen. Er und ich, wir hackeln uns immerfort.« – »Also Sie sagen zu«, konstatierte beschwingt Benjamin. »Ich danke Ihnen, Sepp. Ich telefoniere gleich mit Gingold.«

Trautwein, während Benjamin am Telefon war, lehnte sich in seinen Stuhl zurück, die Beine unmanierlich von sich gestreckt, den Blick abwesend. In seinem Kopf war das Motiv aus den »Persern«, das er heute früh gefunden hatte. Eigentlich durfte er »Die Perser« nicht liegenlassen. Eine unangenehm fettige Stimme hat dieser Benjamin. Ganz abgesehen von allen äußeren Gründen ist es auch eine große innere Verlockung, ein paar Tage an den »Nachrichten« zu arbeiten. Er wird manches erfahren und manches ausrichten können.

Benjamin kam zurück. »Abgemacht«, sagte er.

3
Einer fährt im Schlafwagen in sein Schicksal

Am Abend dieses Tages steht Friedrich Benjamin am Fenster des Schlafwagens, die Melone auf dem Kopf, Zigarre im Mund, über seinem Gesicht ist ein kleines, fatales Grinsen, das wenig gemein hat mit jenem Lächeln, das ihn zuweilen verschönt. Abschiedsszenen liegen ihm nicht. Unbeholfen steht er am offenen Fenster, die kühle Märzluft dringt herein, und er spricht hinunter zu Ilse, seiner Frau. Wer die beiden sieht, wundert sich, daß der wenig sympathische Mann und die hübsche Frau zusammengehören. Er muß wohl viel Geld haben.

Er hat es nicht. Eigentlich hätte er sich zweimal überlegen müssen, ob er sich den Schlafwagen leisten kann. Er hat es nicht überlegt; so ist er nun einmal.

Ilse lacht zu ihm herauf. Der große Mund in dem slawischen Gesicht zeigt ihre schönen Zähne. Munter schwatzt sie drauflos, leise kommt manchmal ihr angeborenes Sächsisch durch, sie schwatzt überflüssiges Zeug: er solle sich nicht erkälten, er solle viel depeschieren, aber ja nicht telefonieren, das Telefon komme immer zur Unzeit, wenn man schlafe oder im Bad oder sonstwo sei. Er sagt ihr zum dritten- oder viertenmal, er werde also bestimmt Sonntag abend, allerspätestens Montag früh zurück sein. Gerne möchte er ihr von den Einzelheiten seines Vorhabens erzählen. Es füllt ihn ganz aus, und er hat ihr nur Allgemeines darüber gesagt, daß er nämlich Dittmann treffen wolle, der ihm einen Paß versprochen hat. Aber er unterläßt es; er weiß, für Details interessiert sich Ilse nicht, sie interessiert sich höchstens dafür, wann er wieder zurück ist. Andernteils ist ihr Gedächtnis nicht sehr präzis, und darum wiederholt er ihr, mit leisem Nachdruck, die genaue Zeit seiner Rückkehr. Ihr Stundenplan ist recht besetzt, das ist ihm bekannt; manchmal ist es besser, nicht genau zu wissen, wie er besetzt ist. Auf alle Fälle kann er ihr nicht oft genug einschärfen, wann er wieder in Paris sein wird.

»Meine Güte«, erinnert sie sich und spricht plötzlich sehr sächsisch, »jetzt fällt mir ein, was ich noch wollte. Am Freitag ist ja die Marlene-Dietrich-Premiere. Du hättest auch daran denken können, mir Karten zu besorgen. Vergiß es wenigstens jetzt nicht, wenn du von unterwegs mit den ›P. N.‹ telefonierst. Sonst beschaff ich mir die Karten anderwärts«, droht sie.

Endlich fährt der Zug an. Er winkt noch eine Weile, dann geht er vom Fenster zurück. Es ist ein gutes Omen, daß er sein Coupé nicht mit einem andern teilen muß. Er gibt dem Schaffner Trinkgeld, auf daß es so bleibe. Dann geht er in den Speisewagen. Er hat nicht viel Appetit, eigentlich müßte er das Geld sparen. Aber der Aufenthalt im Speisewagen ist die angenehmste Art, die Stunde vor dem Schlafengehen hinzubringen, und Ilse würde ihn auslachen mit seinen Sparsamkeitserwägungen.

Der Zug schaukelt in langen, gleichmäßigen Schwingungen. Der Speisewagen ist besetzt, voll von gedämpftem Lärm. Benjamin wundert sich, wie stets, über die Geschicklichkeit der Kellner, wie sie es zuwege bringen, in dem fahrenden Zug zu servieren.

Ist es ihm nun eigentlich unlieb, daß er hat fortmüssen, oder nicht? Es stört ihn, daß er genötigt ist, seine Tätigkeit an den »Nachrichten« zu unterbrechen. Wegen des Passes allein würde er nicht nach Basel fahren. Doch das Material, das Dittmann in Aussicht gestellt hat, zusammen mit dem Paß, das lohnt schon, und er freut sich darauf, ihn einmal wieder zu sprechen. Es gibt eine Menge Zeug, das man brieflich nicht mitteilen kann, und manches gewinnt Wert erst durch den mündlichen Kommentar.

Wenn das Huhn ein bißchen weniger durchgebraten wäre, könnte es nicht schaden. Unlustig schnitzelt er an seiner Keule herum und läßt sie schließlich halbgegessen liegen. Er hat, vor Trautwein, sich und seine Tätigkeit verkleinert. Das tut er zuweilen, oft. Aber nur, um aus dem andern die Bestätigung seiner Leistung herauszukitzeln, denn er hat Leistung hinter sich, und wer einmal ernsthaft die Geschichte der Weimarer Republik schreibt, wird nicht umhin können, seiner Verdienste zu gedenken. Er hat am meisten dazu beigetragen, die geheime deutsche Aufrüstung und die Fememorde darum herum zu enthüllen. Er hat viel Übles auf sich nehmen müssen; die Männer vom Generalstab waren harte, mächtige Gegner, die nichts vergaßen und ihn mit Prozessen und Schikanen unermüdlich verfolgten. Es ist keine Kleinigkeit gewesen, sich all die Jahre hindurch in tausend Zeitungen als »Hoch- und Landesverräter« anpöbeln zu lassen. Nachdenklich trank er von seinem Pommard.

Damals war es sinnvoll, was er getan hat; damals war es sinnvoll, anzustreben, daß das Reich statt eines militaristischen Polizeistaats ein Industrie- und Kulturland werde. Das bestreiten wenige. Aber wenn er sich heute noch bemüht, nachzuweisen, daß der deutsche Generalstab rüstet, hat das noch irgendeinen Zweck? Alle Welt weiß es doch ohnehin. Daß dieses neue deutsche Reich durch Krieg und Gewalt in Europa die Hegemonie erreichen will, was soll es nützen, das immer wieder Leuten vor Augen zu führen, die es nicht sehen wollen, und es Ohren zu predigen, die sich weigern, es zu hören? Sich da abzappeln, das heißt automatisch eine Tätigkeit weiterführen, die längst ihren Sinn verloren hat, so wie das Herz des Frosches fortschlägt, noch stundenlang, wenn man es aus dem toten Rumpf herausgenommen hat.

Quatsch. Ob sinnvoll oder nutzlos, er muß sich das Herz frei schreiben. Von seinen vier Jahren Frontdienst hat er einen heißen Haß gegen alles Militärische mitgebracht. Dieser Haß, das ist sein großes Erlebnis. Er kann sich sein Leben ohne diesen Haß nicht mehr vorstellen. Seine Gegner behaupten, sein absoluter Pazifismus, sein unentwegter Antimilitarismus, trage nur dazu bei, das Gegenteil von dem zu bewirken, was er wolle; Leute wie er beschleunigten den Krieg, statt ihn zu verhindern. Allein seitdem er aus den Scheußlichkeiten des Frontdienstes zurückgekehrt ist, kann er nicht mehr leben, ohne gegen den Militarismus zu schreiben. Seit diesen siebzehn Jahren ist leben und so schreiben für ihn das gleiche.

In kleinen Schlucken trank er seinen Kaffee. Der Aufsatz über die beiden »Spioninnen« ist gut geraten, selbst Trautwein, bei aller inneren Gegnerschaft, hat seine Qualität anerkennen müssen. Dabei hat er viel zuwenig Material gehabt. Ach, wie anders, wieviel besser ist man in Berlin mit Informationen versorgt gewesen. Wenn jemand auf Präzision hält, wie er, dann leidet er bitter unter diesem Mangel. Hoffentlich lohnt das, was Dittmann ihm bringt, wirklich der Mühe. Er möchte gern einmal wieder ein Heft der »Plattform« herausbringen, für das er ganz einstehen kann.

Er steckte das Geld zu sich, das man ihm auf seinen Hundertfrankenschein herausgegeben hatte. Billig wird diese Reise nach Basel nicht. Er stand auf, angenehm durchwärmt von dem Burgunder; hin und her geschleudert, durch den dahinjagenden Zug, ging er zurück in sein Abteil.

Das Bett war gerichtet. Er riegelte die Tür ab, genoß das Alleinsein. Öffnete das Fenster, um vor dem Einschlafen noch etwas Luft hereinzulassen. Zog sich aus, suchte ungeschickt die abgelegten Kleidungsstücke unterzubringen, wusch sich, putzte die Zähne. Die drei Spiegel des Toiletteschranks gaben sein Gesicht wieder, es sah gelblich aus, dicklich, verschwitzt und gefiel ihm nicht. Wenigstens war es kein dummes Gesicht, das konnten nicht einmal die deutschen Generäle behaupten, seine Gegner. Er nahm ein Schlafmittel – ohne das konnte er im Zug nicht schlafen – und ein Pyramidon, um zu verhüten, daß er des Morgens mit Kopfschmerzen aufwache. Schaltete die Leselampe ein, das große Licht aus. Ärgerte sich, daß, wie stets, die Bettdecke zwischen Bett und Wand so festgeklemmt war. Zog sie heraus, streckte sich bequem, wickelte sich ein.

So, jetzt ist es richtig und angenehm. Königin, das Leben ist doch schön. Nur ein bißchen teuer. Die Reise allein wird, wie er sich kennt, an die viertausend Franken kosten, Dittmann wird für seine Spesen auch zwei- bis dreitausend aufrechnen, weitere zweitausend werden für den Paß draufgehen. Das ist viel, und das ist wenig. In Berlin hat er es manchmal in vierzehn Tagen verdient, bei Gingold muß er drei Monate darum schuften. Ilse darf er nichts davon sagen, wie kostspielig diese Reise ist. Eigentlich müßte er sie bitten, sich in den nächsten Monaten ein bißchen einzuschränken. Aber das bringt er nicht über sich. Wenn er daran denkt, was er für Tage gehabt hat, als sie das teure Hotel Royal gegen das billigere Atlantic vertauschten, dann verschlägt es ihm schon jetzt die Sprache.

Rund zehntausend Franken. Und wofür? Für eine Legitimation, für ein albernes Stück Papier. Thomas Mann, beim Anblick eines kleinen Kindes, das Züricher Bekannten geboren worden war, hat ausgerufen: »Acht Tage alt, und schon ein Schweizer.« Ein bitterer Witz. Von Bettina Lammers, die im allgemeinen nicht lügt, weiß er, daß sie jetzt achtundsiebzigmal auf der Präfektur gewesen ist, und ihr Papier hat sie heute noch nicht.

Lesen wird er jetzt doch nicht mehr. Er klappt die Leselampe herunter, daß nur mehr das schwache, bläuliche Licht der Nachtampel im Abteil ist. Er dehnt und streckt sich, angenehm schläfrig. Nein, es geht ihm nicht schlecht. Wenn er denkt, wie elend andere Emigranten daran sind, dann darf er Gott loben und danken. Was für eine seltsame Wendung ihm da gekommen ist. Man verliert die Kontrolle kurz vor dem Einschlafen, Wendungen aus der Kinderzeit steigen in einem hoch. Ja, er kann Gott loben und danken. Es ist ihm geglückt, sich tagaus, tagein mit dem beschäftigen zu dürfen, was ihn an meisten lockt. Es ist ein ungeheurer Spaß, Papier mit sinnvollen Worten zu überdecken. Zuerst ist es weiß und leer und schweigsam, und auf einmal hat es eine Stimme und sagt jedem, der es hören will, genau das, was man selber spürt und denkt. Obendrein kriegt man noch für diese Beschäftigung so viel, daß man leidlich leben kann, und dazu jeden zweiten Tag ein Dankschreiben von einem enthusiastischen Leser. Ja, da kann man nur sagen: Gott sei Lob und Dank. Oder auch, wie sein Großvater zu sagen pflegte: »Auch das zum Guten.« Und plötzlich sind in ihm wieder die hebräischen Worte, die er nun wohl dreißig Jahre nicht mehr gedacht hat: »Gam su letovo«, und er sieht das Bild seines Großvaters, eines beleibten, alten Mannes, ein Käppchen auf dem weißhaarigen Kopf, das Gesicht rot, doch immer schlecht rasiert, so daß die weißen Stoppeln kratzten.

»Auch das zum Guten.« Aber doch nur sehr bedingt. Mit dem, was früher war, darf man das Heute nicht vergleichen. Wie hat das wohlgetan, damals, nach vier Jahren Frontdienst und Maulhalten, den ganzen Haß herauszuschreien, der sich in einem gehäuft hat. Gespürt hat man es, wie die Hunderttausende, die Millionen mitschrien. Und später, als man den Deutschen und der Welt immer wieder mit präzisen, unwiderleglichen Angaben bewies, wie die alten Generäle, die sie schon vorher betrogen hatten, sie weiter beschwindelten, als man das mit schlagenden Trümpfen dartat, wie spannte und entspannte man sich da. Was war das für eine glückliche Entladung. Wenn die Wut der Gegner, der Machthaber, gegen einen losgeiferte, wenn man erlebte, wie sie einen mit allen Mitteln mundtot zu machen suchten und es doch nicht fertigkriegten, da fühlte man sich, da lebte man.

Aber jetzt, dachte er mit Verachtung. Jetzt ist alles tot, der ganze Schwung fort. Wozu lebt man? Wozu arbeitet man? In einer toten Sprache schreibt man. Die sie verstehen, kriegen sie nicht zu lesen, und die sie zu lesen kriegen, wissen ohnedies, was man ihnen zu sagen hat.

Der Wagen schaukelte in langen, gleichmäßigen, einschläfernden Schwingungen. So ist es, sagte er sich, während es ihn hinaufschaukelte. Aber schon während er hinuntergeschaukelt wurde, sagte er sich: So ist es nicht. Gewiß, sah man von außen hin, dann schien es eitle Mühe, was man tat. Allein schon der Haß, mit welchem die Feinde seine Aufsätze erwiderten, bewies, daß er traf, daß seine Arbeit Sinn hatte.

Immer näher jetzt spürte er den Schlaf herankommen: Nichts Angenehmeres, als so, bewußt, zu fühlen, wie eine Schicht des Wachseins nach der andern vergeht gleich langsam verlöschenden Lampen.

»Auch das zum Guten.« Ja, es fügt sich ausgezeichnet, daß er mit der Regelung seiner Paßangelegenheit eine Zusammenkunft mit Dittmann verknüpfen kann. Das Glück hat es gut mit ihm gemeint, als es ihm diesen Dittmann in den Weg schickte. Mit einer gewissen Zärtlichkeit denkt er an ihn. Ein Politiker ist er nicht, unser Dittmann, aber ein handfester Kerl mit unglaublichem Geschick für das Aufspüren von interessanten Details.

Die Lider sind ihm schwer, die Glieder schläfrig lahm. Er schaltet auch die blaue Nachtampel aus, er hat ein angenehmes Vorgefühl, daß er gut und fest bis zum Morgen durchschlafen werde. Er legt sich auf die rechte Seite, mit dem Kissen den Raum zwischen Schulter und Schläfe ausfüllend.

Was wohl jetzt Ilse treibt? Großartig sah sie aus, wie sie auf dem Bahnsteig stand und zu ihm herauflachte, den breiten Mund mit den schönen Zähnen halb offen, in dem Frühjahrskostüm, das sie heute zum erstenmal trug. Eigentlich sind die Tiroler Hüte, wie die Frauen sie jetzt aufhaben, eine ungewöhnlich dumme Mode. Aber Ilse steht auch dieses dumme Zeug. An ihr gefällt ihm alles. Merkwürdig, daß man noch nach Jahren so unkritisch verliebt sein kann. Er spürt ungeheure Begier, neben ihr zu liegen, ihre weiche, glatte Haut zu streicheln, ihren kleinen Busen. Sie braucht Geld, viel Geld. Sie hat ihre Lebensführung trotz der gedrückten Pariser Verhältnisse kaum verändert, sie denkt nicht daran, sich einzuschränken, sie verlangt Geld von ihm mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie seinerzeit in Berlin, als er noch hochbezahlter Redakteur der »Preußischen Post« war. Sie wäre nicht Ilse und er würde sie weniger lieben, wenn sie das nicht täte. Sie hat das Recht, das Geld zu verlangen, das sie braucht, sie ist es wert, es ist Gunst und Gnade, daß sie es gerade von ihm verlangt, sie könnte es von andern reichlicher haben.

Er sucht sich vorzustellen, wo sie jetzt ist, mit wem, ob sie sitzt, steht, geht, lacht, schwatzt, ißt, trinkt. Sie flirtet gern und viel, sie bevorzugt gutaussehende Männer, sie lacht sie an, ihr ganzes, liebenswertes, aufreizendes, rosigweißes, slawisches Gesicht lacht dann. Er weiß nicht, wie weit sie mit diesen gutaussehenden Männern geht, er will es nicht wissen. Es kratzt ihn, wenn er sich vorstellt, welcher Art die Männer sein können, mit denen sie jetzt zusammen ist. Aber das Bewußtsein, daß sie, die schöne, elegante, reiche Ilse – damals war sie reich –, gerade ihn geheiratet hat, ist eine heilsame Salbe für dieses Kratzen. Gut, manchmal verulkt sie ihn; aber wenn es darauf ankommt, bekennt sie sich zu ihm, das weiß er.

Er strampelt auch das Fußende der Decke frei und wickelt sich hinein. Ach, wenn er mehr Geld für Ilse hätte. Es würde ihm Spaß machen, ihr ein dickes Konto anzulegen. Es ist ein Wunder, was alles sie aus dem Geld zaubert, das er ihr gibt. Ganz tief in seinem Innern und ohne daß er ihn je Wort werden ließe, schläft der Verdacht, dieses Kleid, jenes Schmuckstück Ilses könnte von anderer Gelde stammen.

Heute aber, bevor dieser Verdacht sich rührt, ist »Das« wieder da. »Das« ist eine Verlockung, die Friedrich Benjamin beflissen im Nebel hält, die er keine bestimmte Gestalt annehmen läßt, »Das« ist eine ziemlich üppige Verdienstmöglichkeit. Ein Finanzmann hat ihm, zweifellos im Auftrag anderer, Geld angeboten, eine stattliche Summe, für den Fall, daß er die »Plattform«, die Zeitschrift, die er jetzt »in loser Folge« erscheinen läßt, ausbauen wolle. Von Bindungen war nicht die Rede. Doch auch ohne daß viel geredet worden wäre, weiß Benjamin, daß hinter dem großzügigen Geldgeber Leute stehen, die gewisse Rüstungsinteressen haben. Diese Leute wünschen, daß ein gewandter Journalist von Geltung in einem ernsthaften Organ die deutschen Rüstungen in ihrem ganzen Umfang darstelle, auf daß die öffentliche Meinung anderer Länder wirksam vorbereitet sei, wenn man dort Gegenrüstungen betreibe. Er, Friedrich Benjamin, ist absoluter Pazifist, überzeugter Gegner jeder Rüstung, von wem immer sie betrieben wird. Er ist also ein Feind dieser Rüstungsleute. Vorläufig aber, für die nächste Etappe seines Weges, die freilich kurz sein mag, sind seine Interessen die gleichen wie die der andern, so entgegengesetzt die späteren Ziele sein mögen.

Muß er, wenn verdächtige Leute ihm Geld bieten, seine Zeitschrift auszubauen, und wenn sie keine Konzessionen dafür fordern, dieses Geld zurückweisen? Darf man sich, wenn man die rechte Gesinnung hat, für seine Leistung nicht entsprechend bezahlen lassen, nur weil derjenige, der zahlt, diese Gesinnung nicht hat? Wenn man genau hinsieht, dann darf man das nicht. Er weiß, nähme er an, dann würden seine Gegner diese Subvention dahin mißdeuten, daß seine Meinung käuflich sei, und durch solche Behauptungen seine Artikel um ihren Wert und ihre Wirkung bringen. Er denkt also nicht daran, anzunehmen. Aber daß die Möglichkeit da ist, daß Geld in greifbarer Nähe ist und er nur ja zu sagen braucht, daß »Das« da ist, von ihm abgelehnt, nebelhaft, aber doch immer da, ist angenehm zu wissen. Und daß er ablehnt, gibt ihm das Gefühl, ein Standhafter zu sein, ein Aufrechter, der sich guten Gewissens durch allerlei kleine Genüsse für den saftigen Brocken schadlos halten darf, den er sich, aus Ethos, entgehen läßt.

Er zieht die Beine hoch. Da liegt er, wie ein Embryo im Mutterschoß. »Gute Nacht«, wünscht er sich und schläft ein, jenes weise, resignierte, selbstkennerische, verschönende Lächeln um die Lippen. Der Zug schaukelt ihn, er schläft sanft und tief, ein wenig schnarcht er. So also fährt er dahin, durch die Nacht, der Südostgrenze zu, der vermeintlichen Sicherheit entgegen, in sein Schicksal.

4
Eine verirrte Bürgerstochter

Ilse Benjamin, nachdem sie ihrem Manne die gebührend lange Zeit nachgewinkt, verließ das Bahnhofsgebäude, die vielen anerkennenden Blicke genießend, die ihr, der gutaussehenden Frau, folgten. Vor dem Bahnhof bedauerte sie, wie stets, daß sie keinen Wagen mehr hatte; ein klein wenig Freude aber war in dieses Bedauern gemischt, weil sie jetzt nämlich dem Taxichauffeur die Sorge überlassen konnte, über den glitschigen Asphalt zu steuern.

In ihrem Zimmer in dem kleinen, netten Hotel Atlantic angelangt, fand sie die Abendpost vor, darunter drei dringliche, etwas freche Briefe von Männern, mit denen sie flirtete. Sie legte sich auf die Couch, rauchte. Sie hatte die Absicht, den Abend mit Janosch zu verbringen. Aber sie hatte ihm das trotz seines Drängens noch nicht zugesagt, sondern ihm lediglich in Aussicht gestellt, sie werde ihn anrufen, falls sie doch noch die Laune ankommen sollte, ihn zu treffen; es schien ihr taktisch richtiger, sich kostbar zu machen. Es trug aber Janosch, ein Attaché der ungarischen Gesandtschaft, ein ungewöhnlich hübscher Bengel, einen schwer aussprechbaren Aristokratennamen und hieß keineswegs Janosch; sie indes, halb ihm zur Freude, halb ihm zu Leide, rief ihn nur bei diesem Namen. Jetzt war die Zeit, für die sie ihm ihren Anruf versprochen hatte, um beinah eine Stunde überschritten, jetzt also konnte sie telefonieren. Mit ihrer hohen Stimme, die Worte dehnend, unter viel Gelächter, teilte sie ihm mit, sie habe noch keinen Entschluß gefaßt, erst nach ihrem abendlichen Bad könne sie endgültig feststellen, welcher Laune sie sei. Sie hörte sich seine frechen, feurigen Schmeicheleien an, sich rekelnd, angenehm überrieselt. Dann, während sie das Bad einlaufen ließ, telefonierte sie mit ihrer Freundin Edith, machte sich lustig über Fritzchen, ihren Mann, bedauerte, daß er nicht da war, freute sich darüber, überlegte mit Edith, ob sie mit Janosch schlafen solle, und wenn, ob schon heute. Taktische Gründe sachgemäßen Flirts sprachen dafür, das Vergnügen hinauszuschieben. Andernteils sollte die Geschichte nicht länger dauern als bis Montag; denn es wäre Fritzchen gegenüber unfair, wenn sie es auch während seiner Anwesenheit mit einem Faschisten triebe. Sie und Edith erwogen ernsthaft und von taktischen und moralischen Gesichtspunkten aus die Für und Wider der Angelegenheit so lange, bis Ilse erklärte, jetzt sei ihr Bad schon zum zweitenmal kalt geworden.

Sie aß mit Janosch in einem kleinen Lokal in Neuilly, das gerade Mode geworden war, teils wegen seiner Vorspeisen, teils wegen eines Spezialgerichts, Hahnenkämme und Hahnennieren. Die Vorspeisen waren wirklich reizvoller als sonst zusammengestellt und die Hahnenkämme und Nieren sehr gut zubereitet. Allein es gab nur wenig Zungen, die diese Besonderheit hätten herausschmecken können, die des Attachés und Ilses gehörten wahrscheinlich nicht dazu, auch saß man ziemlich unbehaglich und eng aufeinander. Die Preise indes, die verlangt wurden, waren unerhört hoch, und man fühlte sich vornehm, daß man schon jetzt in diesem Restaurant saß, dessen Ruf erst seit vierzehn Tagen unter den Kennern umging. Hernach fuhr man in ein Café an den Champs-Élysées, wo man sicher sein konnte, nach der heutigen Premiere eine Reihe von Bekannten zu finden. Ilse Benjamin wurde hier oft und freundlich gegrüßt, doch gab es unter den Gästen auch Intellektuelle in weniger günstigen Umständen, die es verdroß, daß, während ringsum so viele Emigranten elend verkamen, Friedrich Benjamins Frau lachend, flirtend und in solchem Aufwand dasaß.

Von diesem Café aus ging man in ein Kabarett, dann in ein Montmartre-Lokal, und ganz spät, als es schon Tag wurde, sah man Janosch und Ilse in einer Chauffeur-Destille. In dem Montmartre-Lokal, gerade weil Janosch sehr gut tanzte, hatte sich Ilse entschlossen, den Genuß des Höhepunkts durch längere Vorfreude zu steigern, und so ließ sie Janosch, nachdem er sie in den Morgenstunden nach Hause gefahren, endgültig stehen.

Sie schlief lang und gut in den andern Tag hinein. Um halb ein Uhr – sie hatte generelle Weisung gegeben, sie nie vor dieser Zeit zu wecken – brachte man ihr die Post und die Sendungen, die für sie abgegeben waren, darunter ein Telegramm ihres Mannes: »alles in ordnung komme montag zurück fritzchen.« Sie dehnte sich, lobte sich, daß sie Janosch hatte stehenlassen, dachte nicht ohne Zärtlichkeit an Fritzchen. Dann stieg sie ins Bad und freute sich ihrer zarten, rosigweißen Haut und ihres Lebens.

Sie verbrachte einen faulen Tag, ging mit ihrer Freundin Edith Einkäufe machen, führte viele Telefongespräche, spielte eine Stunde Bridge und gewann achtzehn Franken, schaute die Korrespondenz ihres Mannes durch, verstand sie halb und fand nichts Wichtiges, das sie ihm hätte mitteilen müssen, freute und ärgerte sich, daß Fritzchen nicht da war, freute und ärgerte sich, daß sie infolge ihres Verbots keinen Anruf von ihm erwarten konnte, tiefschwatzte eine halbe Stunde lang mit dem jungen, ziemlich ungepflegten, emigrierten Philosophen Halpern, nahm mit Vergnügen wahr, wie er sich vor Begier auf sie rötete und zu schüchtern war, mehr als ein ungeschicktes Gymnasiastenkompliment zu stammeln, zwang den eleganten Graf Bonnini, sich mit ihr eine gerühmte, experimentelle Shakespeare-Aufführung anzuschauen, begriff wenig, schimpfte maßlos, wie veraltet Shakespeare sei und wie schlecht die Aufführung, und verließ das Theater, zur großen Genugtuung des Grafen, schon nach dem ersten Akt, um mit ihm bei Maxims zu essen. Während des Essens telefonierte sie mit Janosch und traf ihn, nachdem sie sich nach Mitternacht von Bonnini hatte nach Hause bringen lassen, gegen ein Uhr bei Florence. Auch in dieser Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag gelangte Janosch nicht ans Ziel.

Es waren jetzt noch knapp vier Tage, die sie ohne Fritzchen verbringen mußte, ohne Fritzchen verbringen durfte. An diesem Donnerstag fiel ihr ein Artikel Fritzchens in die Hand in einer angesehenen englischen Zeitschrift. Sie las ihn und fand ihn großartig. Von je hatte sie Fritzchen für den gescheitesten Mann gehalten, den sie kannte, den kritischsten Kopf. Er war der praeceptor Germaniae, der die Noten auszuteilen hatte, wer gut war und wer schlecht, der geistige Diktator der Deutschen: sie aber diktierte ihm. Das war amüsant, und sie war stolz, daß sie ihn geheiratet hatte. Andernteils verdroß es sie, daß er nicht den Mut aufbrachte, ihr gegen ihr Verbot zu telefonieren, und sie fand sich gerechtfertigt, wenn sie nun ihrerseits ein neues Rendezvous mit Janosch vereinbarte.

Sie hängte den Hörer ein und schaute, von ihrem Bett aus, hinüber zum Schreibtisch, wo Fritzchens Bild stand. Sie war zufrieden mit sich, daß sie das Bild Tag und Nacht dort stehen hatte. Fritzchen hatte reizvolle Augen. Manchmal hatte er einen treuen Hundeblick, manchmal schaute er wild verzweifelt, aber es waren geniale Augen. Niemand begriff, warum sie, die Tochter reicher, angesehener, »arischer« Eltern, den unscheinbaren, jüdischen Journalisten geheiratet hatte, der bei all seiner Brillanz recht anrüchig war. Sie wußte gut, warum, nur selten begriff sie es selber nicht, und auch dann spürte sie Hochachtung vor sich, daß sie es getan hatte.

Wenn sie an die Zeit bei ihren Eltern zurückdenkt, dann sind diese Pariser Jahre trotz ihrer kleinen Sorgen noch immer ein erfüllter Wunschtraum. Sie wurde, seinerzeit, von ihren reichen Eltern verwöhnt, konnte haben, was sie wollte, flirtete, ritt, chauffierte, spielte Tennis, plapperte französisch, englisch, italienisch, reiste, hörte ausgefallene Vorlesungen. Aber was für bürgerlich stickige Luft hatte bei dem allen dieses Kaufmannshaus angefüllt, wie kontrolliert war sie gewesen, von wie vielen Konventionen umgeben, von wie vielen Vorurteilen. Aus purer Opposition mußte man in einem solchen Hause highbrow werden; schon der Widerspruchsgeist, der jedem halbwegs persönlichen Menschen eingeboren ist, mußte es einem als höchstes Ziel erscheinen lassen, den Bürger zu verblüffen. Der Tag, an dem sie sich entschlossen, Benjamins Frau zu werden, war ein großer Tag gewesen, der größte ihres Lebens; niemals sonst war sie sich so geistig vorgekommen, so vorurteilsfrei, vornehm, originell.

Noch heute kostete sie den Vorgang aus, der sie veranlaßt hatte, ihn zu heiraten. Die Sentimentalität und Zähigkeit, mit welcher dieser Mensch mit dem anziehend häßlichen Gesicht sie belagert hatte, seine zynischen, leidenschaftlichen, maßlosen Schmeicheleien hatten auf sie, die Zwanzigjährige, Eindruck gemacht, und sie hatte bald beschlossen, mit ihm zu schlafen. Da aber, als sie das erstemal in seine Wohnung kam, hatte sich der »Vorgang« ereignet. Es war eine sonderbare Wohnung gewesen, gemischt aus Dürftigkeit und ungeschickt arrangiertem Prunk, neben einem mehr als armseligen Badezimmer stand unter einer geschmacklosen Ampel ein üppiges Bett, sie hatte geduldet, daß Friedrich Benjamin sie halb auszog, und wartete nun gierig, höchst willig auf das, was kommen werde. Er aber hatte mit einemmal brüsk, unvermutet von ihr abgelassen. Seine Passion, hatte er ihr erklärt, sei stark und ehrlich, sie aber scheine nur Appetit darauf zu haben, ein- oder zweimal mit ihm zu schlafen. Er fürchte, er dürfe bei ihr auf nichts weiter rechnen als auf Lust und Neugier; das aber habe er oft genug gehabt, das reize ihn nicht mehr. Dieses Argument hatte Eindruck auf sie gemacht, der ganze, freche Mensch hatte Eindruck auf sie gemacht, er imponierte ihr noch heute. Sie hielt es heute noch für die beste, klügste Tat ihres Lebens, daß sie die maßlose Dummheit begangen hatte, ihn zu heiraten.

Ilse Benjamin, von ihrem Bett aus, beschaute Fritzchens Bild. Er hatte Seele genug für sie beide, das sah man an seinen Augen. Lächelnd dachte sie an die vielen, ernsthaften, begabten Männer, die ihr ihren Betrieb vorwarfen, ihre innere Leerheit, und ihr eine Seele verschaffen wollten, natürlich zum Entgelt für ihren Körper. Sie hat Seele genug gezeigt, ein für allemal, damals, als sie ihn heiratete; sie fühlt sich recht zufrieden inmitten ihrer Leerheit und ihres Betriebs.

Sie lächelte tiefer, stippte das süße Kuchenhörnchen in ihre Schokolade, aß mit Vergnügen. Spitzbübisch vergnügt, sehr mit sich einverstanden, dachte sie an jene Überraschung, die sie bald nach ihrer Heirat erlebt hatte. Zwei Monate nämlich, nachdem ihre Eltern sich entschlossen hatten, ihr Verzeihung zu gewähren und eine monatliche Rente, hatte sich herausgestellt, daß das Vermögen dieser Eltern vertan war, und plötzlich hatte sich, da Fritzchen nicht schlecht verdiente, ihr Idealismus auch als gutes Geschäft erwiesen.

Ja, sie war zufrieden mit sich, mit Fritzchen und mit der Welt. Schön, in Berlin ist es üppiger zugegangen als in Paris, sie hat es dort leichter gehabt. Dafür aber schafft ihr Paris mehr innere Genugtuung. Hier in Paris zu leben, als Emigrant, das ist etwas, das hebt einen aus der Menge heraus. Wenn Friedrich Benjamin schon in Berlin eine umstrittene Persönlichkeit war, etwas Besonderes, so ist er’s jetzt doppelt, und sie mit ihm.

Gott, schon halb zwei. Sie muß aufstehen, sonst kommt sie zu spät zur Anprobe. Das Abendkleid, das sie sich bei der Suzanne machen läßt, wird sie morgen anläßlich der Marlene-Dietrich-Premiere einweihen. Sie hat für heute Bescheid versprochen, ob sie auch das Komplet in Auftrag geben wird. Sie braucht es nicht, aber es ist so hübsch. Ob sie es bestellen soll? Ärgerlich, daß man sich so was überlegen muß. Man bekommt doch allmählich zu spüren, daß das »Besondere« des Exils bezahlt sein will. Die komfortable Berliner Wohnung, die amüsante Gastlichkeit, die sie dort hat entfalten können, der hübsche Wagen, das Reitpferd, alles ist jetzt hinuntergeschwommen. Aber gerade diese Opfer, ihrer Geistigkeit gebracht, gerade die Tatsache, daß sie auch in der Not an ihrem lieben, häßlichen Juden festhält, zeigen jedermann und bringen ihr selber zu Bewußtsein, daß sie Persönlichkeit besitzt, was bekanntlich höchstes Glück der Erdenkinder ist. Auch kann sie jetzt, und sie lächelt, die Opfer, die sie Fritzchen bringt, mit um so besserem Gewissen dadurch kompensieren, daß sie sich noch mehr Freiheiten herausnimmt.

Soll sie sich das Komplet bestellen? Sie kümmert sich nicht um Fritzchens Gelddinge, aber so viel weiß sie, daß er eine Möglichkeit hätte, für seine Zeitschrift Geld zu kriegen. »Die Plattform« ist eine ideale Sache, vielleicht würde sie ein bißchen weniger ideal, wenn Fritzchen das Geld nähme. Daß er es nicht nimmt, darum verachtet sie ihn, und darum imponiert er ihr um so mehr. Sie wird das Komplet bestellen. Der Suzanne kann sie schuldig bleiben, solange sie will, und irgendein freundlicher Zufall findet sich immer, der einem Geld in den Schoß wirft.

Daß Fritzchen sich abschinden muß wie ein Roß, um ihr den Luxus zu schaffen, den er ihr immerhin noch bietet, das merkt ein Blinder. Es ist übrigens selbstverständlich, daß er’s tut. Aber nett ist es doch von ihm. Und daß er kein Wort darüber verliert, das anerkennt sie doppelt. Übrigens, woran sonst sollte man die Liebe eines Mannes erkennen als an den Opfern, die er für einen bringt?

Sie pudert sich, schminkt sich die Lippen. Vor dem Spiegel schielt sie hinüber zu seinem Bild, auf ihre etwas mechanisch spitzbübische und kokette Art, als ob er leibhaft im Zimmer stünde. Ihr Fritzchen bringt Opfer für sie. Sie hat etwas davon läuten hören, daß er überdies durch die Aufwendungen, die er für sie macht und welche die andern für Beweise lächerlicher Hörigkeit halten, seine Stellung und sein Ansehen in der Emigrantenkolonie gefährdet. Sie will das nicht wahrhaben. Aber wenn es stimmen sollte, macht es ihr mehr Freude als Verdruß. Sie ist, was immer er tut, die Gebende und er der beschenkte Knecht. Sie weiß, daß er ohne sie nicht leben kann, und das ist gut. Denn wenn es hochkommt, dann mag ihre Schönheit noch drei oder vier Jahre dauern, ihre freche Blondheit hält nicht mehr lang, und was soll dann sein? Schließlich, und jetzt lächelt sie mit ganzem Gesicht sein Bild an, darf sie mit gutem Gewissen sagen, daß, soviel Verachtung ihrem Respekt für ihn beigemischt ist, sie ihn vor allen andern Männern liebt.

Sie ging zur Suzanne, probierte, bestellte das Komplet. Der Donnerstag war um, der Freitag kam, der Tag der Marlene-Dietrich-Premiere, für die Fritzchen ihr ein Billett hätte verschaffen sollen. In ihrer Post fand sie das Billett nicht. Sie läutete bei den »Nachrichten« an. Auch dort wußte man nichts von einem Billett, das Herr Benjamin für sie bestellt hätte; er hatte merkwürdigerweise die ganzen Tage nichts von sich hören lassen. Sie ärgerte sich jetzt doppelt und fand es rücksichtslos von Fritzchen, daß er sich um die Karte nicht bemüht hatte. Es war eine Blamage vor den »P. N.«-Leuten. Die, das wußte sie, liebten sie nicht, sie fanden ihr Gehabe nicht angebracht für eine Emigrantin, nannten sie »die sächsische Lady«. Schon aus diesem Grund hätte Fritzchen sie nicht im Stich lassen dürfen. Sie hatte also begründete Ursache, sich die Karte, wie sie ihm angekündigt, anderwärts und mit allen Mitteln zu beschaffen.

Sie läutete Janosch an. Er erklärte, sie möge sich darauf verlassen, die Karten würden da sein, und wenn er zu diesem Behuf zehn Kinobesitzer umbringen müßte. Zur festgesetzten Stunde holte er sie auch ab und schaffte ihr Gelegenheit, ihrem neuen Abendkleid einen würdigen Rahmen zu geben.

Kein Wunder, daß sie, nachdem Fritzchen sich so rücksichtslos, Janosch sich so opferwillig gezeigt, kein Bedenken trug, ihn endgültig, kurz vor Torschluß – denn übermorgen wird ja Fritzchen zurück sein –, das Ziel erreichen zu lassen.

Janosch erwies sich so, wie sie ihn sich vorgestellt hatte, hübsch, chevaleresk, feurig, frech, recht ungeistig, und hielt genau das, was sie sich versprochen.

Zu Haus angekommen, badete sie ausführlich. Immer, wenn sie badete, nachdem sie mit einem Mann geschlafen, hatte sie das unklare Gefühl, als wasche sie mit ihrer Haut auch ihr Inneres wieder sauber. Sie rauchte, in dem angenehm warmen Zimmer liegend, und dachte angestrengt nach, Falten in der breiten, niedrigen, eigensinnigen Stirn. Sie zog Bilanz. Es war nett gewesen und hatte ihr Spaß und Befriedigung bereitet, aber wenn es vorbei ist, wird sie es nicht bedauern. Schließlich ist er Faschist. Es ist allerdings Zufall, nicht innere Not, daß er Faschist ist. Begabt ist er Arme nicht: was also soll er anders machen als einen Attaché bei seiner Gesandtschaft? Wäre seine Regierung liberal, dann wäre er es auch.

Draußen wird es Tag. Schon Sonnabend also, und Montag wird Fritzchen zurück sein. Sie freut sich auf ihn. Sowie er nicht da ist, vermißt sie ihn; er ist der einzige, der ihre geistigen Bedürfnisse befriedigen kann. Nur morgen nacht noch wird sie mit Janosch schlafen, dann wird sie ihn natürlich abwimmeln. Ausgehen wird sie auch später noch ein paarmal mit ihm. Es ist hübsch, sich mit dem stattlichen, eleganten Mann zu zeigen, und es wird angenehm sein, seine Verblüffung zu genießen, wenn sie ihn immer wieder unverrichteterdinge nach Hause schickt, bis er endlich begreift, daß es so schnell schon aus ist.

Der Sonnabend verging, der Sonntag. An dem Montag, an dem Fritzchen zurück sein sollte, kam statt seiner ein Telegramm: »fahre bis genf bin mittwoch zurück Fritzchen.«

Daß Fritzchen aufgehalten war, verdroß Ilse nicht sehr, trotzdem sie es übelnahm, wenn man ihre Dispositionen umwarf. Mehr ärgerte sie, daß er telegrafiert hatte, statt zu telefonieren. So wörtlich hätte er ihr Verbot nicht zu nehmen brauchen, sie hätte gern wenigstens seine vertraute Stimme gehört. Es war feig von ihm, daß er nicht gewagt hatte, zu telefonieren. »Schisser«, sagte sie zu seinem Bild.

Es müssen ernste Geschäfte sein, die ihn davon abhalten, nach Paris zurückzukommen; vermutlich ist er auf der Spur wichtigen Materials. Sie freut sich schon auf die Artikel, die er schreiben wird; bestimmt werden sie Aufsehen machen. Auf alle Fälle hat Janosch Glück; für ihn ist dadurch der Tag der rauhen Erkenntnis hinausgeschoben.

Der Montag und Dienstag waren ausgefüllt. Sie hatte Anproben, Gespräche mit ihrer Freundin Edith, sie spielte Bridge, aß in guten Restaurants, ging ins Theater, ins Kino, flirtete, rauchte, schlief mit Janosch, badete, hielt Zwiesprach mit Fritzchens Bild. Dann war der Mittwoch da, an dem Fritzchen kommen sollte, und sie wunderte sich, daß er sie nicht von der genauen Zeit seines Eintreffens verständigte. Sie war von ihm solche Rücksichtslosigkeit nicht gewohnt. An diesem Mittwoch abend traf überdies ein Brief von Fritzchens Mitarbeiter Dittmann ein, in dem es hieß: »Warum habe ich noch keine Nachricht von Ihnen? Ich kann ohne Ihre Dokumente nicht arbeiten.« Flüchtig zog ihr durch den Sinn, es sei sonderbar, daß Fritzchen bei seiner Gewissenhaftigkeit Dittmann ohne Nachricht gelassen hatte. Aber das wird sich ja heute abend, wenn er zurückkommt, aufklären.

Sie fragt sich, ob sie, da Fritzchen sie unhöflicherweise nicht benachrichtigt hatte, den Abend nicht vergeben sollte. Dann beschloß sie doch, ihn zu Haus zu erwarten. Sie wartete also, über einem Buch, allein. Um halb ein Uhr ging sie zu Bett, empört, daß er nicht gekommen war, sie ohne Nachricht gelassen, ihr den Abend verdorben hatte.

Den Tag darauf riefen die »Nachrichten« an, ziemlich ärgerlich, wo denn Herr Benjamin bleibe. Man hatte dort ein gleiches Telegramm erhalten wie sie selber. Jetzt aber war auch der Mittwoch vorbei, Herrn Benjamins Urlaub war weit überschritten, Herr Gingold war peinlich erstaunt, auch die Herren Heilbrun und Trautwein wunderten sich. Sie selber wunderte sich. Es gab eine einzige Erklärung: Fritzchen war durch seine Geschäfte länger in Genf festgehalten worden, als er geglaubt hatte; die Art dieser Geschäfte erforderte, daß seine Reise möglichst wenig publik wurde, und deshalb wohl hatte er, vorsichtig, wie er war, unterlassen, zu depeschieren. Das war plausibel; immerhin hätte er Mittel und Wege finden können, sie auf einem Umweg zu verständigen. Sie beschloß, ihn für seine Unhöflichkeit zu bestrafen und weiter keine Rücksicht auf ihn zu nehmen. Sie wird sich seinetwegen nicht noch einen Abend langweilen. Den Donnerstag abend verbrachte sie mit Janosch.

Der Freitag kam, und noch immer keine Nachricht. Diesmal läutete sie bei den »P. N.« an. Dort war man nicht, wie gestern, ärgerlich und gereizt, sondern eher unsicher, ängstlich, ja mitleidig. Ilse wollte keine Unruhe in sich hochkommen lassen, spielte die Gleichgültige, meinte albern, wahrscheinlich sei Fritzchen in Genf in die Netze irgendeiner schönen Frau geraten; nach dem, was sie höre, sei allerdings in dieser Hinsicht beim Völkerbund wenig zu holen.

Doch noch während sie sprach, kam ein ungewohntes peinvolles Schuldgefühl über sie, daß sie die Nacht vorher nicht auf ihn gewartet hatte. Sie hängte den Hörer ein. So früh habe ich schon lange nicht Tag gemacht, suchte sie sich selber auszulachen, aber es wollte ihr nicht glücken. In der Post, die sie sich gegen ihre Gewohnheit früh hatte heraufbringen lassen, hatte sie keine Nachricht von Fritzchen oder einem Mittelsmann gefunden. Sie schaute die Briefe ein zweites Mal durch. Nichts. Sie läutete zum Concierge hinunter, ob vielleicht etwas zurückgeblieben oder in der Zwischenzeit gekommen sei. Nichts. Ach was, tröstete sie sich, Unsinn, Quatsch. Er selber kann keine Nachricht geben, und seine Zwischenleute haben es verbummelt. Oder man hat ein Telegramm nicht bestellt. Die Post ist schlampig, und sie stand auf, um ihr Bad einzulassen. Dann indes, auch das gegen ihre Gewohnheit, setzte sie sich wieder auf ihr Bett, nachdenklich. So saß sie eine Weile. Vom Badezimmer kam Geplätscher, die Wanne lief über. Das passierte ihr sonst nie.

Sie ging ins Badezimmer, schloß die Hähne. Aber sie stieg nicht in die Wanne, vielmehr ging sie zurück und setzte sich wieder auf ihr Bett, ein wenig schlaff, den Mund halb offen. So verharrte sie eine Zeit, bis sie zu frösteln anfing. Dann plötzlich rief sie nochmals die »Nachrichten« an: »Hören Sie, es ist doch ein bißchen sonderbar, daß Fritzchen nicht da ist. Ich möchte das gern eingehender mit Ihnen bereden. Wenn es Ihnen recht ist, komme ich vorbei.« – »Ja, tun Sie das, es ist das beste«, erwiderte man ihr, und aus der Promptheit dieser Antwort schloß sie, daß man einen solchen Vorschlag erwartet hatte.

Sie verzichtete auf ihr Bad und machte sich weniger sorgfältig zurecht als sonst. Das geschah nicht nur aus Eile, es war auch eine Art Kasteiung, die sie auf sich nahm.

Auf der Redaktion empfing man sie mit betretener Neugier wie nach einem Trauerfall. Man dämpfte das Geschwätz, die Schreibmaschinen hörten auf zu klappern, man ging wie auf Zehenspitzen. Man führte sie in Heilbruns Zimmer. Kaum hatte der sie begrüßt, so war auch schon Trautwein da. Den konnte sie nicht ausstehen, er schien ihr so plump und derb wie sie ihm preziös und prätentiös. Trautwein, in seiner rücksichtslosen Art, ging direkt auf die Sache los. »Man muß gleich etwas unternehmen«, sagte er. »Wenn ein so pünktlicher Mann wie Benjamin so lange überfällig ist, ohne was von sich hören zu lassen, dann ist das mehr als bedenklich. Basel. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, warum er gefährdet ist und wie sehr. Wir waren allesamt Idioten, daß wir ihn nicht von dieser Reise abgehalten haben.« Und jetzt resümierte sogar der verbindliche, vorsichtige Heilbrun: »Es ist eigentlich nicht gut vorstellbar, daß er weder Ihnen noch uns sollte Bescheid gegeben haben, wenn ihm nichts zugestoßen ist.«

Ilse schaute von einem zum andern. Sie saß da, den Mund halb offen, verängstigt, töricht. Natürlich hatten die beiden recht, aber sie wollte es nicht wahrhaben. Sie suchte nach Gegengründen. »Dittmann«, sagte sie, gequält, noch gedehnter als sonst. »Sie waren doch befreundet, er und Dittmann. Er hat Dittmann so gern gehabt.« Ihr selber wie den beiden andern fiel auf, daß sie »waren« sagte und »gehabt«. Hatte sie sich schon damit abgefunden, daß etwas passiert war und daß Dittmann seine Hand im Spiel gehabt hatte? Nein, nein. »Dittmann hat ihm geschrieben«, fuhr sie fort, belebter, zuversichtlicher. »Er hat gefragt, warum er keine Nachricht von Fritzchen habe.« »Fritzchen«, das klang nicht passend jetzt, aber wie sonst sollte sie ihn nennen? »Von wo hat er geschrieben?« fragte Trautwein. Und Heilbrun fast gleichzeitig: »Und wann? Haben Sie den Brief?« – »Der Brief ist aus London«, erwiderte sie. »Er kam Mittwoch morgen. Bei mir habe ich ihn nicht, er liegt zu Hause.« – »Wie immer, man muß gleich die Polizei benachrichtigen«, sagte resolut mit seiner hellen Stimme Trautwein. Ilse schaute ihn an, gehetzt, wie einen Feind, weil er ihr keine Illusionen ließ. Heilbrun, für sein Teil, sagte: »Man muß diesen Dittmann zu erreichen suchen, in London, telefonisch, telegrafisch.« – »Aber zuerst telefoniere ich der Polizei«, sagte Trautwein.

Ilse saß da, ihre braunen Augen gingen wirr, hilflos von einem zum andern, die breiten Backenknochen stachen scharf vor, sie war nicht mehr hübsch, selbst Friedrich Benjamin hätte nicht finden können, daß das freche, schicke Tiroler Hütchen ihr gut stehe. Mechanisch zerknüllte sie das winzige Taschentuch. »Man braucht ja nicht gleich das Schlimmste zu denken«, tröstete Heilbrun. Aber Trautwein sagte: »Es ist praktischer, wir denken Schlimmes. Wir müssen handeln, und wir müssen diejenigen, welche die Macht haben, zum Handeln zwingen.«

»Eine Handvoll Gewalt ist besser als ein Sack voll Recht«, hatte die »Deutsche Justiz« geschrieben, das amtliche Blatt der deutschen Rechtspflege, und diesem Grundsatz entsprechend hatte das Dritte Reich gehandelt. Beamte der Geheimen Staatspolizei hatten aus der Schweiz in der Nähe von Ramsen den Kommunisten Weber entführt, der Emigrant Walther Kahn war gewaltsam aus dem Saargebiet nach Deutschland verschleppt worden. An der tirolisch-bayrischen Grenze hatte man den schottischen Ingenieur Georg Bell ermordet, weil er um viele Heimlichkeiten der Machthaber wußte, Polizeiagenten hatten den deutschen Matrosen Scholz und andere deutsche »Aufrührer« aus Holland verschleppt. In der Tschechoslowakei hatten Agenten der deutschen Polizei eine ganze Reihe von Entführungen und Entführungsversuchen ins Werk gesetzt. Nationalsozialisten hatten dort den deutschen Philosophen Lessing umgebracht und, erst vor kurzem, den emigrierten Ingenieur Rudolf Formis. Von allen diesen Ereignissen hatte Ilse gehört; sie wußte keine Details mehr, aber das wußte sie, daß diese Gewalttaten auf scheußliche, dreckige Art versucht und ausgeführt worden waren, und die Vorstellung, was mit Fritz in diesen Tagen geschehen sein mochte, wühlte ihr das Innere hoch. Es duldete sie nicht mehr auf ihrem Stuhl. Vor den beiden Männern stand sie, keine elegante Dame mehr, einfach eine gehetzte Kreatur, und mit leiser Stimme, mühsam, mit zitternden Lippen, sagte sie: »Helfen Sie, so helfen Sie mir doch.«

Man rief bei der Polizei an, beim Auswärtigen Amt, bei der Schweizer Gesandtschaft. Die letzte der Gewalttaten, an die Ilse soeben hatte denken müssen, die Tatsache nämlich, daß deutsche Polizeiagenten erst sechs Wochen vorher in der Tschechoslowakei einen emigrierten Ingenieur, weil er den Behörden des Reichs unangenehm wurde, ungestraft und viehisch hatten ermorden können, hatte die Weltöffentlichkeit erregt, und die Meldung der »Nachrichten«, jetzt sei auch Redakteur Benjamin unter verdächtigen Umständen verschwunden, fand offenes Ohr.

Schon eine Stunde nach der Anzeige wurde Ilse von einem französischen Polizeikommissär eingehend vernommen. Sie riß sich zusammen und gab ruhige, klare Auskunft. Kaum aber war die Vernehmung vorbei, als sie in sinnlose Panik geriet. Es mußte etwas geschehen, sie mußte etwas unternehmen. Sie rief zunächst ihre Freundin Edith an und bat sie, zu kommen. Eine Viertelstunde später war Edith da, und in ihrem Schreck spiegelte sich die ganze Bedeutung von Friedrich Benjamins Verschwinden. Dann, reichlich sinnlos, rief Ilse bei sieben, acht, neun anderen ihrer Bekannten an, erzählte in fliegender Hast, verworren, was geschehen war, und bat sie, Leute zumeist, die in dieser Sache auch beim besten Willen nichts tun konnten, um Rat und Hilfe. Auch Janosch wollte sie darum bitten, aber sie erreichte ihn nicht. Den Grafen Bonnini erreichte sie, und so voll Panik war sie, daß sie nicht einmal bemerkte, wie betreten und zunehmend kälter er wurde, als er erfaßte, worum es ging.

Dann, als Edith fort war, saß sie allein in ihrem kleinen Zimmer im Hotel Atlantic. Es war später Nachmittag, und sie hatte heute noch so gut wie nichts gegessen; aber sie spürte keinen Hunger.

Ilse Benjamin liebte ihren Mann auf ihre Art. Sie hatte grauenvolle Schilderungen gelesen und gehört von dem, was man in Deutschland »Vernehmungen« hieß, sie hatte selber mit solchen »Vernommenen« gesprochen, denen es später geglückt war, zu entkommen, sie hatte neugierig, überschauert, gekitzelt ihre Narben gesehen, befühlt. Wenn sie sich vorstellte, daß jetzt, vielleicht in dieser Minute, Fritz – schon wagte sie nicht einmal in Gedanken mehr, ihn Fritzchen zu nennen – auf solche Art »vernommen« wurde, dann zog sie überfröstelt die Schultern hoch, hohl und bedrohlich kroch es ihr den Magen hinauf, der Mund wurde ihr trocken. Sie saß da, eine Weile, zusammengekrümmt, die breite, niedrige Stirn in Falten, obwohl sie sich gelobt hatte, diese üble Angewohnheit abzulegen.

Das Telefon läutete jetzt ziemlich oft. Schon hatte sich, vor allem dank Ediths, herumgesprochen, was geschehen war, Freunde läuteten an, Bekannte, mitleidig, sensationslüstern, Zeitungen fragten, ob sie Reporter senden könnten. Wieder spürte Ilse die Begier, irgend etwas zu tun, ganz leise auch fühlte sie eine gewisse Genugtuung, daß sie jetzt im Mittelpunkt so sensationellen Geschehens stand. Aber sie brachte Besonnenheit genug auf, die »P. N.« um Rat zu fragen, was sie tun solle, und dort empfahl man ihr, bis auf weiteres niemand vorzulassen.

Sie blieb in ihrem Zimmer im Hotel Atlantic. Wenn sie herumging, trieb es sie, stillzusitzen, zu liegen, zu denken, wenn sie saß oder lag, trieb es sie, aufzustehen, herumzugehen. Alles erinnerte sie an Fritz. Sie starrte sein Bild an, sie erwartete, das Bild werde, wenn sie es nur recht beschaue, zu sprechen anfangen, und sie werde erfahren, was Fritz geschehen sei. Vielleicht war er schon tot. Dann war sie schuld daran. Sie klagte sich an, sie hätte gleich erkennen müssen, daß die Telegramme nicht von ihm stammen konnten, sondern gefälscht sein mußten. Wenn er nicht mehr zu retten war, dann war es ihre Schuld. Auch daß sie ihn aufgefordert hatte, nicht zu telefonieren, war schuld.

Wenn er wirklich tot war, was soll dann aus ihr selber werden? Diese böse Frage war wahrscheinlich vom ersten Augenblick an in ihrem Innern gewesen, doch sie hatte sie nicht Gedanke oder gar Wort werden lassen. Jetzt, da sie das Bild anstarrte und das Bild ihr schwieg, so daß der Zweifel sie bedrängte, ob Fritz noch lebe, kam ihr plötzlich zum Bewußtsein, vor wieviel Problemen sie selber stand.

Wenn er tot war, dann war sie eine Frau ohne Geld und in höchst unklarer Situation. Die Emigranten mochten sie nicht leiden; sie werden sie zwar, schon aus Gründen der Propaganda, als »Opfer« gelten lassen und ihr gnädig ein paar Almosen zuwerfen, aber im Grunde ist sie ihnen zuwider, sie verstehen nichts von ihr. Aber war sie denn auf die Emigranten angewiesen? Sie war dann, auch ohne die Emigranten, eine Frau, interessant, hübsch, freilich nicht mehr sehr lange, so was wie eine Märtyrerin. Aussichten hatte sie, wenn sie wollte. »Vernehmungen« durch die deutsche Staatspolizei. Vielleicht war es für ihn und für sie am besten, wenn er tot war.

Wie immer, sie hat heute noch nicht gebadet. Sie ließ das Wasser einlaufen, zog sich aus, ziemlich mechanisch, legte sich in die Wanne. Wieder stiegen ihr die scheußlichen Bilder der »Vernommenen« hoch. Sie kam sich elend vor, abgehetzt, auch verworfen, weil sie so viel an sich selber dachte. Wie konnte sie ihm helfen? Sie konnte ihm nicht helfen.

Sie trocknete sich ab, zog sich an, saß vor dem Spiegel. Wunderte sich, daß ihr das Bild der Ilse entgegenschaute, die sie kannte, daß ihre Augen nicht trüber geworden waren, das Blond ihrer Haare nicht stumpfer, daß sie sich nicht verändert hatte. Auch unverändert kam sie sich alt vor, müde, ausgeleert.

Es klopfte, es war die Post. Ein kleiner Schreck durchfuhr sie. Sie hatte gelesen, daß die deutschen Behörden die Überbleibsel Erschlagener, die Urne mit der Asche, den Angehörigen durch die Post zuzustellen pflegten. Unsinnigerweise hatte sie gefürchtet, man bringe ihr jetzt eine solche Sendung.

Das Telefon läutete. Janosch war da, man hatte ihm ausgerichtet, daß sie angerufen habe, er glaubte, sie wolle den Abend mit ihm zusammen sein. Gerade weil diese Annahme nahelag, hatte sie plötzlich eine sinnlose Wut auf ihn, so erstickend, daß sie nicht sprechen konnte. »Werden wir also den Abend zusammen sein?« fragte seine hübsche, dumme Stimme. »Nein«, sagte sie scharf, und da er verblüfft zurückfragte, was denn los sei, ihr ein paar Kosenamen gab, seine Bitte wiederholte, sagte sie, noch schärfer: »Nein, heute nicht und morgen nicht und niemals«, und wie er, überaus erstaunt, weitersprach, hängte sie ein.

Auch zu Abend konnte sie nicht essen, eine lähmende Stumpfheit war über ihr. Sie rief bei der Polizei an, bei Heilbrun. Nachforschungen verschiedener Art waren im Gang, von den kundigsten Fachleuten angestellt; man werde sie anläuten, sowie man Bestimmteres wisse.

Sie legte sich zu Bett, lag da, miserabel, in fauliger Trostlosigkeit. Die Glieder schmerzten sie vor Müdigkeit, doch es kam kein Schlaf. Sie schaltete das Licht aus, wieder ein. Das Bild Fritzchens – nun war er wieder Fritzchen – schaute herüber. Fritzchen schaute sie an mit kugeligen, fanatischen, verzweifelten Augen; so hatte er sie angesehen, wenn sie sich vor Dritten über ihn lustig machte. Sie erinnerte sich, daß sie im Geist mit ihm gehadert hatte, weil er zu feig sei, gegen ihr Gebot zu telefonieren. Es fiel ihr schwer auf die Seele, daß sie damals nicht spürte, welche Mächte ihn daran hinderten. Sie klagte sich der Stumpfheit an, der Gefühllosigkeit. Eine Minute lang hatte sie geglaubt, sie sei eine Märtyrerin. Quatsch. Aus dem Stoff, aus dem sie gemacht war, wurden keine Märtyrerinnen.

Sie dachte an die vielen Geschlagenen, Gefolterten, Gemordeten. Wie hieß der letzte, den die Nazis gejagt hatten? Gejagt? Gekillt, umgelegt, erledigt. So nannten sie das. Wie hieß er doch? Formis hieß er, ja, Formis, und in der Tschechoslowakei war es geschehen. Morgen also wird es in den Zeitungen heißen, Friedrich Benjamin, der bekannte Journalist, sei vermißt, vermutlich sei er von deutschen Agenten verschleppt worden. Und was wird später in den Zeitungen stehen? Nicht daran denken, es ist nicht auszudenken.

Sie muß sich zwingen, endlich einzuschlafen, so geht das nicht weiter. Die Gedanken drehen sich ihr sinnlos im Kreis. Helfen kann sie ja doch nicht, sie kann nur sitzen und warten. Sie nimmt ein Schlafmittel. Es dauert verzweifelt lange, bis es wirkt, und der Schlaf, den sie schläft, ist nicht freundlich.

Gegen Morgen träumt sie. Sie ist auf Skiern, wieso hat sie eigentlich die Einladung Janoschs doch angenommen? Es ist ein steiler Hang, den sie hinunter soll, der Schnee ist schlecht, er ist schon ganz schwarz, und es sind Spalten da, und der Skitrainer ist auch dagegen, auch ihre Eltern sind dagegen, sie sollte da wirklich nicht hinunter, es ist Wahnsinn. Aber das Hotel ist an sich schon viel zu teuer für ihre Verhältnisse, und wenn sie diesen Hang nicht einmal hinunterfährt, wozu zahlt sie dann die teure Pension, und wozu hat sie sich von Janosch einladen lassen, und was werden die andern von ihr denken? Fritzchen steht da, er macht traurige Augen und wachst ihr die Skier. Das ist eigentlich merkwürdig, wieso kann er ihre Skier wachsen, wo sie sie doch schon angeschnallt hat? Und ihr Vater sagt auch: »Schämst du dich denn nicht, dir von dem miesen Juden die Skier wichsen zu lassen?« Wichsen sagt er, das ist komisch, und er spricht sehr sächsisch, und sie geniert sich seinethalb. Sie hat maßlose Angst, hinunterzufahren, aber sie muß es tun. Das kommt davon, wenn man zu protzig daherredet, sie hat sich vermessen, alle schauen zu. Und wenn sie jetzt nicht schnell macht, dann kommt sie auch noch zu spät zum Zug und fehlt bei der Beerdigung. Sie gibt Janosch einen kleinen Stoß, daß der voranfährt, er hat nur eine kurze Badehose an, das ist eine furchtbare Snobberei, denn es ist gar keine Sonne da, aber er sieht gut aus, und Fritzchens Augen werden immer kugeliger. Doch sowie sie Janosch den Stoß gegeben hat und der losgefahren ist, lacht sie ein bißchen albern und bleibt zurück und tut, als ob sie überhaupt nur einen Witz gemacht hätte. Das hat sie schlau ausgeknobelt. Aber Janosch ist gar nicht so dumm, wie er ausschaut. Trotzdem er Schuß fährt, macht er plötzlich halt, großartig macht er das, der Skitrainer sagt auch: »Großartig, da schau her, der Janosch«, und Janosch stapft wieder herauf, lachend, aber gleichzeitig drohend. Nein, jetzt hat sie keinen Vorwand mehr, sie muß den Hang hinunter. Da ist auch wirklich eine Spalte, sie hat es ja gewußt, sie schreit, man kann natürlich nicht in die Spalte hinunterschauen, aber sie kann es doch, es blinkt eisig von unten herauf, sie schreit furchtbar, sie schreit einfach darauflos, es ist kein Eis, es liegt einer da unten, es sind aufgerissene, kugelige Augen, und jetzt bricht sie in die Spalte ein. Janosch hilft ihr nicht, das hat sie sich gleich gedacht, ihr Vater tut auch nichts, als daß er komisch seine Arme hochwirft und schreit, er habe es immer gesagt, man muß sich wirklich mit ihm schämen, und an dem Eis kann man sich nicht festhalten. Sie hält sich fest, aber, sie hat es ja gewußt, es schneidet durch den dicken Handschuh durch, es zerschneidet ihr die Finger, es verbrennt sie. Sie fällt.

Das Telefon schrillt lange. Schwitzend, verstört, schaut sie um sich, greift nach dem Hörer. Es ist Heilbruns Stimme. Ja, leider hat sich alles bestätigt: Benjamin ist nach Deutschland verschleppt. Die Schweizer Polizei hat großartig gearbeitet. Es ist wirklich Dittmann, der ihn verschleppt hat, das ist einwandfrei festgestellt. Man hat ihn verhaftet, an der italienischen Grenze, wegen Menschenraubs.

5
Zahnschmerzen

Anna Trautwein sah auf die Uhr. Zwei Uhr zwanzig. Sie bliebe gerne länger und spräche Elli Fränkel weiter Trost zu. Aber es geht nicht. Sie kommt jetzt schon fast eine Stunde zu spät zu Doktor Wohlgemuth, zu ihrer nachmittäglichen Arbeit.

Ein bißchen unentschlossen schaute sie auf Elli. Die saß ihr gegenüber, erloschen, träge, die Augen auf dem schmutzigen Tischtuch. Erst war sie, offenbar völlig ausgehungert, gierig über die schlechten Speisen hergefallen, welche das kleine, billige Restaurant aufgetischt hatte; jetzt hockte sie da in stumpfer Sattheit. Es war Anna trotz entschlossenen Bemühens und gutgespielter Zuversicht nicht geglückt, die trostlose Dumpfheit zu durchbrechen, in welche Elli sich geflüchtet hatte. Anna hatte nach dem verzweifelten Brief, den Elli ihr geschrieben, erwarten müssen, sie in elendem Zustand vorzufinden: aber daß sie so verkommen sein werde, so verwahrlost und zerrüttet, das hatte sie sich doch nicht vorgestellt. Kein Mensch hat ahnen können, daß es mit der reichen, zarten, verwöhnten Elli, die für sie selber, als sie zusammen in die Schule gingen, der Inbegriff des Luxus gewesen war, so schnell bergab gehen werde, selbst dann nicht, als ihr Mann, der Sozialdemokrat, im Konzentrationslager umgekommen und Elli Fränkel so gut wie mittellos in Paris gelandet war.

Aber so leid es Anna tut, sie kann ihr jetzt nicht länger Gesellschaft leisten. Sie steht auf. »Ich muß zu Doktor Wohlgemuth«, sagt sie resolut. Doch wie die andere hilflos zu ihr aufschaut: »Gehst du schon?«, bringt sie es doch nicht über sich, Elli so sitzenzulassen. Obwohl sie sich vorgenommen hat, keine leichtsinnigen Versprechungen zu machen, redet sie ihr zu: »Kopf hoch, Elli. Wir bringen dich schon unter. Ich spreche mit Wohlgemuth. Der sucht jemand.«

Sie ist mit dem Satz noch nicht zu Ende, als sie ihn schon bereut. Zwar liegt es nahe, dem Doktor, nachdem er sein französisches Dienstmädchen entlassen hat, Elli Fränkel zu empfehlen; so eine Arbeit, halb die eines Dienstmädchens, halb die einer Empfangsdame, bringt jede fertig. Jede, aber nicht Elli. Sie ist zu ungeschickt. Es wird für alle Beteiligten nur Ärger geben. Doch nun hat sie es einmal versprochen. Sie hat Mühe, einen Seufzer zu unterdrücken: wieder ein unangenehmes Geschäft mehr. Aber jetzt kann sie Elli wenigstens mit besserem Gewissen allein lassen und, endlich, abhauen.

Sie rennt zur Metrostation, drängt sich in den Waggon, wird gestoßen, gedrückt, steht in unbehaglicher Enge. Sie merkt es kaum. Sie bringt das Bild nicht aus dem Kopf, wie sich Elli gierig über die armseligen Speisen gestürzt hat, nicht die schlaffen Worte, mit denen sie von ihren kläglichen Versuchen berichtete, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wie verwaschen sie dagehockt ist, wie abgestorben. Anna, die so stattlich vor ihr saß und ihr mit Rat und Tat half, mit guten Worten, mit Essen, mit Geld, kam sich vor wie der verkörperte Wohlstand und die leibhafte Energie. Mit Recht. Steht nicht ihre Situation so hoch über der Ellis wie die des Direktors der Bank von Frankreich über ihrer eigenen? Die andere hat das schiere Nichts: sie selber hat, zumindest für die nächsten Monate, zu leben, sie hat Wohnung, Mann, Stellung, Geld. Und vor allem hat sie Mut und Zuversicht. Dennoch, und das spürt sie, ist es nicht Mitleid allein, was sie beim Anblick Ellis bewegt hat, es schwingt etwas mit wie eine ferne, nebelhafte Sorge: keiner von uns ist sicher; in einem halben Jahr, in einem Jahr kann jeder von uns ebenso dastehn.

Anna dreht und wendet sich energisch, um sich Luft zu schaffen, sie gebraucht die Ellbogen. Unsinn. Elli ist ein Sonderfall, sie ist lebensuntüchtiger als die meisten andern, sie hat nichts gelernt, was sich nutzbringend verwenden ließe, sie ist unbegabt für Sprachen. Hirschbergs hatten den besten Willen und haben sie doch am Ende entlassen müssen. Sie eignet sich nicht zum Dienstmädchen. Sie ist nicht nur unfähig, in ihrem Innern wehrt sie sich auch gegen eine solche Beschäftigung, bei allem zur Schau getragenen guten Willen.

Elli ist zu anspruchsvoll, das ist es. Aber da es einmal so ist, hätte sie Elli nichts versprechen dürfen. Der ist nicht mehr zu helfen. Selbst wenn der Doktor sie engagiert, nach vierzehn Tagen wird er sie doch entlassen, genau wie Hirschbergs, und man steht am gleichen Fleck wie zuvor. Nur schlimmer wird es sein; denn viele Schläge hält Elli nicht mehr aus. »Der starke Mann ficht, und der kranke Mann stirbt.« Sepp hat recht, wenn er diesen Vers so gern zitiert.

Endlich ihre Haltestelle, zwei Uhr fünfzig. Sie läuft durch den dünnen Märzregen die schmale Seitenstraße der breiten Avenue de la Grande Armée entlang, dem Hause Doktor Wohlgemuths zu. Sie läuft hastig und achtet nicht der kleinen Pfützen. Fast eine Stunde Verspätung. Sie hat sich zwar von vornherein entschuldigt, und der Doktor ist nicht der Mann, Krach zu machen; aber er kann einem mit seinen Sarkasmen verflucht zusetzen, und sie will ihn bitten, Elli anzustellen, und angenehm ist die Verspätung nicht.

Sie ist angelangt. Hastig zieht sie den weißen Kittel über und schaut ins Wartezimmer. Es ist knüppeldicke voll, und das alles muß bis halb sechs erledigt sein; denn von da an ist die Zeit für Baron Gehrke reserviert, dem heute die obern Vorderzähne abgeschliffen und Stiftzähne und Schienung angepaßt werden sollen. Es ist ein heißer Nachmittag, nicht günstig für ihr Vorhaben.

Anna ging ins Sprechzimmer. »Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt«, sagte Doktor Wohlgemuth mit seiner etwas schnarrenden Stimme, nicht unfreundlich; er hatte gerade eine französische Dame in Arbeit. Er werkte weiter, erledigte die Dame, ließ den nächsten hereinbitten, bohrte, klopfte, füllte Zahnlöcher mit Zement, redete auf seine Patienten ein, munter, grimmig, liebenswürdig. Ein Strom von Sicherheit und Sachkenntnis ging von ihm aus, die Patienten fanden den langen Herrn bezaubernd.

Anna verrichtete ihre mannigfachen Funktionen. Leistete im Sprechzimmer kleine Hantierungen, bediente die Tür, das Wartezimmer, das Telefon. Besänftigte ungeduldige Patienten, traf Verabredungen. Der Doktor will nicht gestört sein; wenn sie ihn fragt, herrscht er sie an: »Machen Sie es doch, wie Sie wollen.« Hinterher krittelt er dann an dem herum, was sie vereinbart hat, und widerruft es.

Anna kann von Glück sagen, daß sie bei Wohlgemuth ist. Aber er ist überarbeitet, launisch, ungeduldig. Man muß schon ihre Gelassenheit haben, um mit ihm auszukommen, und manchmal reibt sie ihm auch eine kräftige, humorige Antwort hin. Viele von den Weibern beneiden mich, daß ich um ihn sein kann, denkt sie. Für die ist er brillant. Die Ungeduld, die Launen, die kriege dann ich zu spüren. Sie sieht ihn heute, gerade weil sie ihn um einen Dienst angehen muß, mit ungutem Aug und mäkelt im Geist viel an ihm herum. Seine laute, muntere Selbstsicherheit geht ihr auf die Nerven, sie findet ihn eitel.

Anna war ungerecht. Doktor Wohlgemuth liebte seinen Beruf mit Leidenschaft, er verband großes Fachwissen mit einem sichern Blick fürs Kosmetische und einer geschickten Hand und hatte sich, als Jude aus Berlin vertrieben, in Paris rasch Geltung verschafft, vor allem als Spezialist für kosmetische Zahnoperationen. Filmstars, Frauen der Gesellschaft, Leute, die gezwungen waren, viel öffentlich zu reden, vertrauten sich ihm an, auf daß er ihr Gebiß verschöne. Sein knochiges, gescheites Gesicht, seine heftigen Augen unter der starken Stirn, seine lange Kavalleristenfigur machten ihn, besonders bei Frauen, beliebt. Er hatte an seinem beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg naive Freude, er zeigte diese Freude, und wenn Anna ihn eitel fand, hatte sie nicht unrecht. Aber die Freude am eigenen Erfolg machte ihn hilfsbereit für weniger Begünstigte, er gab gern, viel und von Herzen.

»Also Freitag um drei Uhr dreißig, ich habe es vorgemerkt«, sagte sie höflich und hängte die Hörmuschel ein. Jetzt ist auch für den Freitag jede Minute besetzt, dachte sie grimmig. Morgen um elf hat er Demonstration an der Hochschule, an Huguenet hat er mindestens eine Stunde zu tun, an Mayer auch. Übermorgen kriegt diese verdammte Lilian Corona ihre Porzellanüberzüge. Das dauert wieder mindestens drei Stunden. Wer sie später im Film sieht, ahnt nicht, wieviel Mühe und Ärger uns ihre Zähne gekostet haben. Ich muß es heute machen. Ich muß heute mit ihm wegen Elli reden; in den nächsten Tagen ist er noch dicker besetzt. Am besten tu ich es, wenn er seinen Kaffee trinkt. Eigentlich müßte man ihm die paar Minuten Ausspannung gönnen, aber wenn ich überhaupt mit ihm reden will, geht es nur dann.

Endlich ist es halb sechs. Zwar sind noch Patienten da, aber Wohlgemuth schickt sie glücklicherweise fort, und Herr von Gehrke, der bereits gekommen ist, muß eben warten. Der Doktor trinkt jetzt seinen Kaffee und spannt seine paar Minuten aus.

Anna sitzt bei ihm und lauert darauf, die rechte Minute zu erwischen. Er hält die Kaffeetasse in seiner festen, großporigen, vom vielen Waschen aufgerauhten Hand. In dieser freien Viertelstunde ist er am besten zu haben, aber man darf ihm nicht mit der Tür ins Haus fallen. Man muß ihn vorher ein bißchen schwatzen lassen, das tut er gern.

»Die Leute vom SDE, die das Waschbecken hätten in Ordnung bringen sollen«, beginnt er denn auch nach einer Weile, »haben uns natürlich sitzenlassen. Eigentlich sollte man mit diesen SDE-Leuten Schluß machen.« SDE – das Wort setzte sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben von service des émigrés – war eine Organisation, die im Bedarfsfall, auf telefonischen Anruf, Leute schickte, bedürftige Emigranten, für Ausführung jeglicher Arbeit. »Man kann mit diesen Leuten nicht arbeiten, beim besten Willen nicht«, fährt der Doktor fort, und: »Habe ich Ihnen die Geschichte von der Tür erzählt?« fragt er, und ohne ihre Antwort abzuwarten, erzählt er.

Hat er da also einmal beim SDE angerufen, man möge ihm jemand schicken, um eine schlecht schließende Tür zu reparieren. Nach ein paar Tagen stellten sich auch zwei Leute für diese Arbeit ein, ältere, gesetzte Emigranten, die freilich nicht sehr nach Schreinern aussahen. Sie schauen sich die Tür an und verlangen zunächst Geld für ihre Auslagen. Was denn die Reparatur kosten solle, fragt Wohlgemuth. »Wie können wir das im voraus wissen?« erwidert man ihm vorwurfsvoll. »Wir arbeiten, bis wir fertig sind, dann rechnen wir ab, pro Kopf und Stunde fünfzehn Franken.« – »Bon«, erwidert Wohlgemuth. Die Herren hängen die Tür aus, gehen in die Küche, machen sich ans Werk.

Nach kurzer Zeit hört der Doktor wüsten Lärm. Er eilt hinaus. Da fliegt ihm durch die zerschmetterte Glastür der Küche einer der beiden Emigranten entgegen. »Aber meine Herren«, erkundigt sich der verblüffte Wohlgemuth, »was ist denn um Gottes willen los?« Und während der eine an den Brunnen geht, um seine Wunden zu waschen, berichtet ihm der andere, entrüstet: »Wissen Sie, was der Kerl gesagt hat? Wenn Trotzki an der Macht geblieben wäre, hat er gesagt, dann hätten wir keinen Hitler. Jetzt ist er entlarvt. Der Kerl ist Trotzkist. Wie kann man mir zumuten, mit so einem zusammen zu arbeiten?« – »Aber ich habe es Ihnen ja nicht zugemutet«, stellt Doktor Wohlgemuth fest. »Ich kenne keinen von Ihnen beiden, Sie sind mir vom SDE geschickt worden. Sie sind zusammen gekommen, und jetzt machen Sie gefälligst Ihre Arbeit.« Doch der Mann kann mit seiner Entrüstung noch nicht Schluß machen. »Zwei Jahre«, ereifert er sich, »habe ich mit ihm zusammen gearbeitet. Aber jetzt ist er entlarvt. Er hat sich selber entlarvt. Das kann man mir nicht zumuten, daß ich mit dem arbeite. Leute wie der sind an dem ganzen Schlamassel schuld.« Da aber faßt den andern, den am Brunnen, wieder der Grimm, er läßt ab von der Pflege seiner Wunden und stürzt sich von neuem auf seinen Gegner. Doktor Wohlgemuth wirft sich dazwischen, er kriegt selber einiges ab, mit Mühe trennt er die beiden. »Jetzt habe ich genug«, erklärt er, »jetzt machen Sie, daß Sie fortkommen.« – »Schön«, erwidert der Antitrotzkist, »wenn Sie so sind, dann geh ich. Aber erst bezahlen Sie mir gefälligst den Arbeitsentgang.« – »Und meine zerbrochene Glastür?« fragt Wohlgemuth zurück. »Wer ist durchgeflogen«, entrüstet sich der Mann, »ich oder der andere?«

So also erzählte der Doktor, während er seinen Kaffee trank; seine Erzählung war anschaulich, er hatte offenbar Spaß daran. Anna gefiel die Geschichte weniger. Wohl mußte sie lachen; aber hinter diesem Lachen war etwas wie Scham und Empörung. Wohlgemuth mochte die Sache ausgeschmückt haben: der Kern stimmte. So wurden Emigranten, wie viele wurden so, frech, streitsüchtig, ohne Maß für sich und die andern, anspruchsvoll gerade wegen ihres Elends, lächerlich. Dieses Absinken in die Lächerlichkeit war schlimm. Ob sie sich selber ganz davon hat frei halten können? Wenn einer genau hinsah, dann mochte er vielleicht auch an ihr dergleichen Lächerliches finden, an ihrer Unzufriedenheit, an ihren Ansprüchen.

Ein Übelwollender mochte die Dinge der Emigranten so anschauen, aber Wohlgemuth hatte dazu nicht das Recht. Er hätte mehr Verständnis zeigen, hätte begreifen müssen, die Emigranten waren zermürbt durch gehäuftes Leid. Wer konnte wissen, was zum Beispiel die beiden Männer, die gekommen waren, die Tür zu reparieren, in Deutschland vorgestellt hatten? Wer konnte wissen, was sie gemacht hatten, ehe sie so wurden, wie sie jetzt waren? Man mußte mit solchen Leuten Nachsicht haben. Auch fiel, und das müßte Wohlgemuth bedenken, was man von einem Emigranten Schlechtes erzählte, auf alle zurück.

»Ich muß sagen«, fuhr Wohlgemuth behaglich fort, schnarrend, mit seinen langen Beinen auf und ab storchend, »mir haben dabei die Kerle gefallen. Es ist merkwürdig, wie viele unter den Emigranten sich absolut nicht unterkriegen lassen. Sie betrachten, was sie jetzt tun und wie sie jetzt leben, als Provisorium. Sie kümmern sich nicht um ihre Tür, sie kümmern sich um Trotzki.«

Der Doktor ist geradezu stolz auf die Gutmütigkeit, mit der er sich bewußt ausnutzen läßt. Ja, das ist der gegebene Moment: jetzt wird Anna mit ihrer Bitte losschießen.

Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf. »Es ist komisch«, sagte sie, »aber ich muß Ihnen mit einer Bitte kommen, deren Erfüllung möglicherweise Ihre Erfahrungen mit dem SDE bestätigen wird«, und sie legte ihm die Angelegenheit Elli Fränkels dar. »Na hören Sie, na wissen Sie«, sagte Wohlgemuth, »Sie muten einem aber allerhand zu. Können Sie denn einstehen für die Brauchbarkeit Ihrer Freundin?« – »Im Gegenteil«, erwiderte Anna. »Aber ich spekuliere auf Ihre Großzügigkeit. Nachdem Sie so viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, kommt es auf eine neue auch nicht mehr an.« Sie war im Zug, sie zeigte ihre großen, weißen Zähne, sie sah jung und frisch aus. Sie fühlte sich nicht mehr als die Emigrantin Anna Trautwein, die Kleinbürgerin aus dem Hotel Aranjuez, sie fühlte sich so sicher wie in ihren besten Berliner und Münchner Jahren. »Sie sind eine schlechte Mitarbeiterin«, stöhnte der Doktor, »daß Sie Ihrem geplagten Chef noch mehr aufbürden wollen.« – »Wann also darf Elli kommen?« fragte Anna sieghaft. »Ich hoffe«, grollte Wohlgemuth, »so viel gestatten Sie mir wenigstens, daß ich sie mir anschaue, bevor ich sie anstelle. Lassen Sie sie kommen, wann sie am wenigsten stört.«

Hatte Anna vorher bloß die unangenehmen Seiten ihres Chefs wahrgenommen, so sah sie jetzt an ihm nur mehr das Liebenswerte. Ihr Lächeln war nicht mehr beruflich, es kam von innen. Dem Doktor hatte seine SDE-Erzählung Spaß gemacht, auch die bevorstehende Sitzung mit Herrn von Gehrke versprach allerhand. Sie waren beide, Wohlgemuth wie Anna, glänzender Laune, als sie die Vesperpause beendeten und in das Ordinationszimmer zurückkehrten.

Anna bat den peinvoll wartenden Herrn von Gehrke herein, und Wohlgemuth forderte ihn auf, sich auf dem Operationsstuhl niederzulassen. Herr von Gehrke tat das mit gutem Anstand. Ja, Manieren hatte er; er machte, dieser Sekretär an der Deutschen Botschaft, mit seinem hübschen, leicht bräunlichen, jungen Gesicht, mit dem blonden, feinen, üppigen Haar und den sehr roten Lippen keine schlechte Figur unter den Pariser Diplomaten, und jetzt zeigte sich, daß er sich auch in unangenehmen Situationen, in denen andere häufig versagten, anmutig zu betragen wußte. Mit einem kleinen, liebenswürdigen, keineswegs gekrampften Lächeln saß er da und ließ die bösartigen, munteren Reden des Arztes in guter Haltung über sich ergehen.

»Wir haben heute«, begann Doktor Wohlgemuth seine grimmig joviale Suada, »ziemlich viel schmutzige, brutale Arbeit zu tun, und ich denke«, meinte er, gegen Anna gewandt, »wir werden dem Baron besser einen Kittel überziehen. Die Serviette genügt heute nicht. Monsieur le Baron ist beneidenswert gut angezogen.« Herr von Gehrke schlüpfte gehorsam in den Kittel. »Ich hoffe«, fuhr der Doktor mit der gleichen, bösartigen Bonhomie fort, »Sie sind gut in Form. Ganz so schmerzlos wie bisher, das habe ich Ihnen ja schon gesagt, wird es diesmal nicht abgehen, und langwierig wird es auch.« Er schraubte den Stuhl etwas höher, hieß Herrn von Gehrke den Mund öffnen. »Geben Sie dem Baron einen Spiegel«, sagte er zu Anna, und: »Na hören Sie, na sehen Sie, meine Herren«, freute er sich, zum zehnten Male, mit bedauerndem Kopfschütteln, das »meine« mächtig betonend.

Am liebsten möchte er eine ganze Volksversammlung einberufen und mir ins Maul sehen lassen, dachte erbost Herr von Gehrke. Aber er ließ sich nichts anmerken, ja, er versuchte zu lächeln, soweit man mit aufgerissenem Mund lächeln kann.

Daß Walther Reichsfreiherr von Gehrke, Sekretär an der Pariser Deutschen Botschaft, »Spitzi« für seine Freunde, hier saß, war ein Ereignis.

Dieses Ereignis hatte eine längere Vorgeschichte.

Herr von Gehrke war, bevor die Nazi an die Macht kamen, ein kleiner Taugenichts gewesen, er hatte sich als Autorennfahrer, zeitweise auch als gehobener Tennistrainer betätigt. Daß er seinen Posten erhalten, hatte er einer bestimmten geheimen »Leistung« zu verdanken, die ihm einen der Gewaltigen des Dritten Reichs zum Schuldner machte. Was ihn für sein Amt empfahl, war vornehmlich sein gutes, elegantes Äußeres. Er hatte mit seinen einundvierzig noch immer etwas frech und anmutig Jungenhaftes. Ein einziger Fehler störte den Eindruck seiner Erscheinung: wenn er die hübschen, roten Lippen öffnete, lugten dahinter kleine, spitze Zähne hervor, Rattenzähne geradezu, die obendrein kreuz und quer standen. Jetzt gar begannen sie schadhaft zu werden und verloren den Schmelz. Herr von Gehrke litt, wie man ihn belehrte, an Zahnfachschwund, an Paradentitis, an Parodontose, Herr von Gehrke stolperte immerzu über das Wort. Doch mochte sein Leiden heißen, wie es wollte, es verursachte ihm nicht nur ständige Schmerzen und verdarb ihm die gute Laune, sondern verhäßlichte auch seinen Mund noch mehr und machte so sein hübsches, leichtfertiges Gesicht lasterhaft und alt. Nächst jener einmaligen »Leistung« war aber sein Gesicht sein bestes Kapital, und er mußte gegen diese Paradentit – gegen diese Paradentos –, kurz, er mußte für seine Zähne etwas unternehmen.

Eines Tages nun, nach ziemlich vielen Gläsern Kognak und in gelockerter Stimmung, hatte einer seiner Freunde, Raymond Fontagne, der berühmte Fontagne, dessen Lachen, von zehntausend Leinwänden strahlend, die ganze Welt entzückte, ihm anvertraut, daß die Zähne, welche dieses Lachen hervorbrachte, nicht ganz Natur waren, und auf sein Drängen hatte er ihm die Adresse Doktor Wohlgemuths gegeben.

Es störte Herrn von Gehrke, daß dieser Doktor Mirakel kein »Arier« war. Aber groß war, vom völkischen Standpunkt aus gesehen, der Unterschied nicht, ob er zu einem der degenerierten, vernegerten, welschen Zahnärzte ging oder zu einem Juden. Und daß er, nur weil sie rassisch unbedenklich waren, sein Gebiß einem der paar kleinen Nazi-Pinscher anvertraute, die in Paris als Zahnärzte herummurksten, das kam bei all seiner politischen Zuverlässigkeit denn doch nicht in Frage. Übrigens lag es in seinem Fall geradezu im vaterländischen Interesse, wenn er die rassische Abneigung überwand. Sein Metier verlangte, daß er sich in der Pariser Gesellschaft umtat, man legte Gewicht darauf, gerade hier in Paris das Plumpe, Brutale, das dem neuen Regime anhaftete, nach Möglichkeit zu maskieren, und es war notwendig, daß zu solchem Zweck Leute wie er sich ihr angenehmes Äußeres bewahrten.

Eines Tages also hatte man Herrn von Gehrke im Operationszimmer Wohlgemuths sitzen sehen. Der Doktor war erstaunt. Überzeugter Jude, war er von der Verworfenheit und Minderwertigkeit der Nazi ebenso durchdrungen wie diese von der seinen, und daß ein offizieller Repräsentant der Verhaßten seine, des vertriebenen Gegners, Dienste in Anspruch nahm, bereitete ihm tiefe, fröhliche Genugtuung.

Er schickte sich an, den Spaß auszukosten. Umständlich betrachtete er Herrn von Gehrkes Zähne, sprach mit unverhohlenem Abscheu von ihren ästhetischen Fehlern, beschrieb suggestiv ihren unvermeidlichen weiteren Verfall und fand für die Schmerzen, die Herr von Gehrke auszustehen hatte, und für die größeren, die ihm bevorstünden, anschauliche Worte. Ging dann unvermutet über auf die erstaunlichen Fortschritte der modernen Zahnheilkunde und entwarf reizvolle Schilderungen, in welch schönes Gebiß man heute selbst einen so scheußlich verrotteten Mund wie den von Monsieur le Baron umwandeln könne. Demonstrierte das an Photos. Zeigte Bilder, welche den Mund gewisser seiner Patienten wiedergaben, wie er ausgesehen hatte, bevor und nachdem er seine Kunst ausgeübt hatte. Herr von Gehrke fing sichtlich Feuer. Vor allem der häßliche Mund des Filmdarstellers Raymond Fontagne, wie er gewesen war, ehe Wohlgemuth ihn kunstvoll in einen strahlend lachenden verwandelt hatte, machte ihm Eindruck.

Der genießerische Doktor aber wurde, als er den andern soweit hatte, plötzlich kühl und setzte sachlich auseinander, welche Schwierigkeiten es bereite, dem Mund gerade von Monsieur le Baron den rechten Schick zu geben. »Ja«, erklärte er fachmännisch bieder, »wenn es sich nur darum handelte, Ihr geschätztes Gebiß vom hygienischen Standpunkt aus in Ordnung zu bringen, das machte weiter keine Mühe. Aber wenn ich auch das Kosmetische berücksichtigen soll, dann wird es eine verdammt langwierige, komplizierte Angelegenheit. Die obern Zähne abschleifen. Wurzelbehandlung. Schienung. Meine Herren. Das kostet Mühe, Zeit, Nerven« – er machte eine eindrucksvolle Pause –, »Geld. Wenn es nämlich um Kosmetisches geht, dann sind Wohlgemuths Rechnungen mit Recht gefürchtet. ›Wer bei uns kauft, kauft am teuersten, aber auch am besten‹, steht in einem gewissen Londoner Warenhaus angeschrieben, oder wie man in unserm verflossenen Berlin sagte: ›Wer seinen Kaffee bei Raffael mahlen läßt, muß dafür zahlen.‹ Man hat mich nämlich aus Berlin hinausgejagt, Monsieur le Baron, was Ihnen wohl nicht unbekannt ist, und man hat viele andere Leute hinausgejagt, denen ich mich verbunden glaube. Ich fühle mich verpflichtet, diesen Leuten zu helfen, so bin ich nun einmal, und das kostet Geld. Das kostet ein Stange Gold, Verehrtester, und darum gehört der gute Wohlgemuth nicht zu den billigen.«

Dies also setzte der Doktor auseinander, im Zimmer herumstorchend, gemütlich schnarrend, kalauernd, schwadronierend. Herr von Gehrke hatte natürlich seinen Kopf längst wieder hochgerichtet, in anmutig eleganter Haltung saß er auf dem fatalen Stuhl, höflich, aufmerksam. Angenehm ist es nicht, den ganzen Guano anhören zu müssen, den der Jud da von sich gibt. Es wäre verlockend, aufzustehen und die Tür zwischen sich und ihm sacht oder auch mit Krach zuzumachen. Aber nun hat er sich einmal vorgenommen, sich von dem Untermenschen die Zähne in Ordnung bringen zu lassen. Schließlich handelt es sich um eine Sache, die er sein Leben lang unverrückbar, unveränderlich, jedem sichtbar an seinem Leib herumtragen wird, da muß man Opfer bringen. Eine Gemeinheit, daß seine verdammten Zähne ihm diesen Streich spielen. Paradentit – Paradentos –, jetzt hat er einmal in den sauren Apfel gebissen, jetzt ißt er ihn zu Ende.

Zaster will der Zahnmensch also auch noch aus ihm herauspressen, und nicht zu knapp. Gemein, gemein. Aber es hilft nichts. Schließlich ist es eine einmalige Ausgabe. Er muß es eben schaffen, und er wird es schaffen. Er hat schon ganz anderes geschafft.

Wenigstens trifft es ihn nicht, wenn der andere ihn verulkt. Wenn der Jud glaubt, er könne ihn mit seiner Dreigroschen-Ironie ärgern, dann ist er gelackmeiert. Gegen so was ist Herr von Gehrke immun, das ritzt ihm nicht die Haut. Würde, mein Lieber: bei mir gestrichen. Diese Schwäche kennen wir nicht. Übrigens, wenn einer andern Leuten immerzu im Mund herumfuhrwerkt, seine Finger von ihnen anspeicheln, sich ihren Atem ins Gesicht blasen läßt, so was soll gefälligst ganz still sein, wenn es um Würde geht. Von so was kann Walther von Gehrke mit gutem Gewissen jede Frechheit einstecken.

Er ließ also den andern ruhig zu Ende reden, bemühte sich mit Glück, unbeteiligt auszuschauen, ja, während seine Nase hochmütig schräg nach oben sah, produzierten seine sehr roten Lippen sogar ein kleines, liebenswürdiges, ironisches Lächeln, und als Wohlgemuth endlich fertig war, beschränkte sich Herr von Gehrke darauf, beiläufig, hochmütig zu fragen: »Was soll die Geschichte denn kosten?«

»Dreißigtausend Franken«, erwiderte ebenso beiläufig Doktor Wohlgemuth.

Die unverschämte Forderung verschlug Herrn von Gehrke denn doch das Wort. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Man soll nicht billig kaufen, überlegte er, noch ehe die Sekunde zu Ende war. Mama hat immer gesagt, was billig ist, ist schlecht. Ich selber habe oft genug die gleiche Erfahrung gemacht. Zuletzt hat man, je teurer man kauft, um so billiger gekauft. Am eigenen Leib spart man nicht. Ein anderer würde mir’s billiger machen, aber wahrscheinlich schlechter. Wenn es um den eigenen Mund geht, ist das Teuerste gerade gut genug. Der Kerl versteht seine Sache bestimmt. Sonst wäre er nicht so teuer und so unverschämt.

»Gemacht«, sagte Herr von Gehrke, er sprach ebenso nonchalant wie bisher. »Dreißigtausend Franken. Wie lange wird es dauern, und wann können wir anfangen?« erkundigte er sich sachlich weiter.

Dem Doktor war es ein bißchen leid, daß der Nazi sich nicht beklagte und nicht feilschte. »Vor etwa zwei Wochen«, erwiderte er kühl, »kann ich Sie nicht herannehmen. Die erste Woche brauche ich Sie täglich, aber immer nur kurze Zeit, für Vorbereitungen. Dann muß ich Ihnen die Vorderzähne abschleifen, und Sie werden gut daran tun, die Woche darauf zurückgezogen zu leben. In Gesellschaft lassen Sie sich besser nicht sehen, ehe ich Ihnen die neuen Zähne einsetze. Im ganzen, schätze ich, werden wir gute drei Wochen miteinander zu tun haben. Eine angenehme Zeit wird es nicht.« – »Bon«, erwiderte, immer sehr beiläufig, Herr von Gehrke und stand auf.

»Übrigens muß ich Sie bitten«, sagte, schon nah an der Tür, unliebenswürdig Wohlgemuth, »mir die Hälfte des Betrags vor Beginn der Behandlung auszuhändigen. Die andere Hälfte ist fällig, bevor ich Ihnen die Zähne endgültig einsetze.« – »Sie müssen viel mit Lumpen zu tun gehabt haben, Herr Doktor«, erwiderte, besonders höflich, Herr von Gehrke. »Stimmt«, antwortete Wohlgemuth, jovial schnarrend. »In Berlin hatte ich eine Masse Ihrer Parteifreunde unter meinen Patienten. Aber einige haben bezahlt.«

Nach diesem Gedankenaustausch hatte man sich getrennt. Herr von Gehrke hatte des Abends lange sein hübsches, freches Gesicht im Spiegel betrachtet, die sehr roten Lippen, das weiche, blonde Haar, die glatte, zarte, bräunliche Haut, nachdenklich, und noch nachdenklicher die kleinen, spitzen, schadhaften Rattenzähne. Jetzt schon spürte er alle die Schmerzen, welche Wohlgemuth ihm, sie so anschaulich schildernd, vorausgesagt für den Fall, daß er diese Zähne nicht sollte richten lassen. Soll ich doch zu einem französischen Spezialisten gehen? überlegte er. Aber mein kleiner Finger sagt mir, dieses Schwein ist zuverlässig. Wenn das Schwein frech wird, dann muß man es eben hinnehmen und die Zähne zusammenbeißen, soweit das in diesem Zustand möglich ist. Paris ist eine Messe wert. Ja, Spitzi hat ein gelassenes, sanft und freches Temperament und kann es sich leisten, die Arroganz des Untermenschen Wohlgemuth von der heitern Seite zu nehmen.

Bleibt die Frage der dreißigtausend Franken. In Gegenwart Wohlgemuths waren diese dreißigtausend Franken für Spitzi eine quantité négligeable. Jetzt sind sie es nicht mehr, jetzt sind sie ein Problem, das ihm zu beißen gibt. Er kann zwar auf seiner Habenseite jene »Tat« buchen, die »Leistung«. Er hat sich um den »Bären« verdient gemacht, und ein Wort des Bären genügt, jede Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen. Aber der Bär hat, als er ihm seinen Posten zugeschanzt, ihm gesagt: »Ich habe Sie in den Sattel gesetzt, reiten müssen Sie gefälligst selber.« Sehr ernst ist das wohl nicht gemeint gewesen, der Bär muß besorgen, Spitzi könnte unangenehm werden, wenn er ihn fallenließe. Immerhin wäre es Unsinn, den Bären wegen lumpiger dreißigtausend Franken in Bewegung zu setzen. Vorläufig muß eben wieder einmal unser alter, ehrlicher Federsen herhalten.

Federsen war der Chef der Pariser Niederlassung einer großen deutschen Bank, der Mitropa-Bank. Beim Abschluß des letzten Handelsvertrages hatte Spitzi Herrn Federsen gewisse Dienste geleistet, für die ihm Herr Federsen seinesteils gewisse Gefälligkeiten zu erweisen pflegte. Aber diesmal zeigte sich Herr Federsen nicht sogleich zugänglich. Spitzis Stellung in der Botschaft, äußerte er mit der ihm eigenen lärmenden Bonhomie, scheine ihm nicht mehr so gesichert, daß Spitzi eine neue Gefälligkeit durch allenfallsige spätere Gegendienste werde vergelten können. Dringlicher befragt, worauf diese seine Meinung sich gründe, wollte Herr Federsen von gut informierter Stelle gehört haben, die Rue de Lille – das war die Straße, an der die Deutsche Botschaft lag – habe keinen einzigen Erfolg aufzuweisen, der auf Herrn von Gehrkes Wirksamkeit zurückgeführt werden könnte; unter diesen Umständen sei es schwierig, Herrn von Gehrke auf die Dauer zu halten. Spitzi lächelte nur. Die gut informierte Seite hätte von einer noch besser informierten darüber aufgeklärt werden können, daß auf seinem Konto ein Aktivum gebucht war, das alle vorkommenden Wechsel deckte. Spitzi war Fatalist, er war der Überzeugung, was man nicht tue, bereue man seltener, als was man tue, und er war von Natur phlegmatisch. Immerhin, sein »Verdienst« war kein Verdienst mehr, sowie er davon sprach, Dankbarkeit ist eines jener Dinge, die am schnellsten altern, der Bär hat ihn aufgefordert, gefälligst selber zu reiten, es war angebracht, die gut informierte Stelle zum Schweigen zu bringen. Seufzend beschloß Herr von Gehrke, dem Gerede von seiner Untätigkeit durch eine neue Leistung ein Ende zu bereiten.

Er überlegte. Vor einiger Zeit hatte einer seiner Agenten, ein gewisser Dittmann, ihm einen Vorschlag gemacht, der zwar nicht ohne Reiz, doch auch nicht ohne Risiko war. Spitzi hatte diesen Vorschlag dilatorisch behandelt, gemäß einem Prinzip, das er aus dem feudalen Spanien heimgebracht hatte: »Mañana, lieber morgen.« Vor wenigen Tagen nun war der gewisse Dittmann von neuem an ihn herangetreten, hatte erklärt, eine so günstige Gelegenheit, das Ding zu drehen, werde sich kein zweites Mal bieten, und hatte auf Bescheid bestanden. Der Anblick seiner Zähne, die Meinung der gut informierten Stelle, die Notwendigkeit, die Dreißigtausend zu beschaffen, war das alles nicht eine Aufforderung des Schicksals? Spitzi überwand wohl oder übel seine Hemmungen, und, sein Prinzip mit dem des Führers vertauschend, entschied er sich, gefährlich zu leben.

Der gewisse Dittmann erhielt also Bescheid, auf dem Konto Herrn von Gehrkes buchte man ein Aktivum, die gut informierte Stelle überzeugte sich eines Besseren, Herr Bankdirektor Federsen funktionierte wieder, und Spitzi hatte sich am festgesetzten Tag mit dem Scheck bei Doktor Wohlgemuth einfinden können.

Da saß er denn heute auf dem Operationsstuhl. Er hatte sich während der Vorbereitungsarbeiten an die grimmig joviale Art des Zahnmenschen gewöhnt und war nicht weiter erstaunt, daß Wohlgemuth, bevor er seine unerfreulichen Zähne absägte, sich noch einmal an ihrem Anblick weidete. Auch darüber wunderte er sich nicht, daß der Jud offenbar am liebsten eine ganze Volksversammlung einberufen hätte, um ihr die scheußlichen Zähne des Nazi vorzuweisen. Vielmehr besah er sich selber diese Zähne im Spiegel, gehorsam, wie Herr Wohlgemuth es verlangte. Es war ja nun das letztemal, gleich wird der Jud an die Arbeit gehen, heute abend ist das Schlimmste überstanden. »Die Stunde rennt auch durch den rauhsten Tag.«

Dem Doktor fiel keine Bosheit mehr ein, durch die er Monsieur le Baron hätte ärgern können. Er machte sich also ans Werk, stopfte dem Patienten Watte zwischen Wange und Kiefer, setzte die Maschine in surrende Bewegung und begann, während sich Herr von Gehrke mit beiden Händen fester an die Lehne des Stuhles klammerte, die anstößigen Zähne an den Wurzeln abzufeilen.

Spitzi saß da, im Kittel, den Kopf mit dem offenen Rachen zurückgelehnt, dem andern ausgeliefert. Der Gaumen, frostig durch die schmerzbetäubende Injektion, trocknete ihm aus, er versuchte krampfhaft zu schlucken, das markante Gesicht Herrn Wohlgemuths mit den feurigen Augen und dem dichten, schwarzen Haar war ganz nah über ihm, die Maschine surrte, es tat nicht weh, aber behaglich war der Lärm in seinem Kopf nicht. Eigentlich hatte er gefürchtet, das Ganze werde schlimmer sein. Da es nicht so war, gingen seine Gedanken, während Wohlgemuth mit seiner schnarrenden Offizierstimme grimmig draufloskalauerte, hierhin und dorthin.

Wenn er wollte, dachte er, dann könnte er mich für alle Zeiten entstellen, und es wäre ihm kaum etwas nachzuweisen. Eigentlich ist es unvorsichtig, daß ich hier sitze. Nein, er kann es nicht riskieren. Es wäre ein zu großer Prestigeverlust. Aber ganz anders piesacken könnte er mich. Ich jedenfalls, wenn ich einen Menschen unter meinen Fäusten hätte, der mir soviel angetan hat wie wir denen, ich würde ihn ganz anders hernehmen. Wenn er mich jetzt schliffe, daß ich nicht mehr weiß, ob ich der Nazi bin oder der Jud, das könnte ihm bestimmt kein Mensch nachweisen. Er hat kein Temperament, er ist ein Schlappschwanz, ein gutmütiger Trottel, er gehört nicht zur Herrenrasse, er ist ein Untermensch, Gott sei Dank.

Eigentlich ist es großartig, was man jetzt für Geschichten mit den Zähnen machen kann. Gleichschaltung der Zähne. Wir haben sie untergekriegt, diese Paradentit – diese Paradentos –, mit unserer nordischen List. Der Erfindergeist der Menschheit ist gewaltig. Nichts Gewaltigeres lebt als der Mensch. Wie muß man früher gelitten haben, wenn man so eine Paradentit gehabt hat. Vor hundert Jahren hätte eine so hübsche Visage wie die meine dauernd entstellt bleiben müssen.

Dreißigtausend Franken. Es ist natürlich glatter Schwindel, daß er etwas an die Emigranten abführt. Er wäre ja meschugge. So ein jüdischer Wucherer. Eigentlich müßte ich einen tiefen Widerwillen gegen das Schwein spüren. Aber mein Frontgeist scheint nachgelassen zu haben. Er ist mir gar nicht zuwider, im Gegenteil, er ist mir ganz sympathisch, obwohl er zu mir so frech war, als wäre er der leibhaftige Goebbels. Wie er sich abschindet. Wie er schwitzt. Schon die physische Anstrengung ist die Dreißigtausend wert. Eine ekelhafte Arbeit. Früher hat man die Zahnmenschen mit den Barbieren in eine Gilde gesteckt. Jetzt nimmt man sie fast für voll.

Wenn er das Geld doch den Emigranten geben sollte, wenn er tückisch sein und es mir zeigen wollte, dann habe ich ihm die Chose gründlich versalzen. Man weiß wirklich nicht, ob man weinen soll oder lachen. Ich glaube, für einen Dritten ist es eher erheiternd, daß der gute Benjamin die Zeche berappen muß, die ich für die Emigranten zahle.

Weh tut es wirklich nicht. Aber angenehm ist anders.

Daß dieser Dittmann sich hat erwischen lassen. Zu blöd. Sonst war er immer so anstellig. Zu Anfang schien alles glatt zu gehen. Verdammte Schweinerei.

An sich hatte Spitzi dem Redakteur Friedrich Benjamin weder Gutes noch Böses gewünscht. Seine Leidenschaften waren dünn. Er hatte ein einziges wirkliches Bedürfnis: sich zu amüsieren. Er hielt es für sein gutes Recht, die Erfüllung dieses seines Bedürfnisses von der Gesellschaft zu verlangen. Dieser Anspruch allein schon rechtfertigte seine Order an Dittmann. Jetzt aber, hinterher, nachdem die Geschichte nicht glatt gegangen war, verspürte er so etwas wie Katzenjammer.

Bei alledem blieb es komisch, daß der Zahnmensch stolz darauf war, er habe ihm, dem Nazi, eine große Summe für die Emigranten entsteißt, während er faktisch durch seine gesalzene Rechnung nichts bewirkt hatte als die Entführung des guten Benjamin. Wenn man sich die Zusammenhänge ganz klarmachte, war es ein großartiger Spaß. Der Bär hatte Sinn für solche Späße. Wenn Spitzi dem Bären von dem Theater erzählte, genügte das allein, ihn zu halten.

Solche Gedanken waren in ihm, während Wohlgemuth an seinem Kiefer herumwerkelte, bohrte, schliff, feilte. Dann holte der Doktor die Watte heraus, und Spitzi durfte endlich den aufgerissenen Mund wieder schließen. »Spülen Sie«, befahl Wohlgemuth. Spitzi gehorchte gern. Er spülte, er führte die Zunge dahin, wo vor wenigen Minuten noch Zähne gewesen waren. Es war ein sonderbares Gefühl, die Zunge an dem zahnlosen Kiefer zu reiben, an den zackigen, blutigen Stümpfen der Zähne, die sich sonderbar leblos und fremd anfühlten infolge der schmerzbetäubenden Injektion.

Dann beschäftigte sich Wohlgemuth mit den Wurzeln; er räumte die Wurzelkanäle aus, wie er sagte. Die Wirkung der Injektion ließ nach, Herrn von Gehrkes Gaumen begann zu prickeln. Wohlgemuth hatte noch lange und intensiv in Herrn von Gehrkes Mund herumzuhantieren. Es wurden um Zähne und Zahnstümpfe kleine Ringe gepreßt, die ins Zahnfleisch einschnitten, es wurden Wachsabdrücke und Gipsabgüsse des Gebisses genommen, es war kein angenehmer Nachmittag.

Der Doktor, während der Arbeit, stellte Betrachtungen über Herrn von Gehrkes neue Zähne an. »Ab und zu«, erzählte er, »gehe ich ins Theater und besichtige meine Zähne. Die von Raymond Fontagne meine ich. Ich bin nicht zufrieden damit, offen gestanden, sie sind zu strahlend, zu schön. So schön gibt’s nicht. So schön liefert der liebe Gott nicht, so schön liefert höchstens Doktor Wohlgemuth. Ich habe ihm zugeredet wie einer kranken Kuh. Weniger schön ist schöner, habe ich ihm erklärt. Aber diesen Schauspielern ist nicht zu helfen. Sie sind zu eitel. Machen Sie nicht den gleichen Unsinn, Monsieur le Baron. Ich rate Ihnen, solange es noch Zeit ist. Ich rate Ihnen gut. Wenn Sie mich fragen, ich finde, was Sie sich ausgesucht haben, zu strahlend. Wählen Sie sich Ihre geschätzten neuen Zähne nicht gar so schön. Schauen Sie«, und er legte ihm einige Zähne vor, »die da sind eine Idee stumpfer, eine Idee gelber. Sie wirken natürlicher.« – »Nehmen Sie immerhin die strahlenden«, mummelte mit zahnlosem Kiefer Herr von Gehrke.

Es war fast neun Uhr, als Wohlgemuth endlich von Spitzi abließ, sehr erschöpft er selber, doch befriedigt. Er beschaute den Scheck, den Herr von Gehrke ihm eingehändigt hatte; es war ein Scheck über fünfzehntausend Franken, die zweite Hälfte des Honorars. Liebevoll beschaute er ihn, dann sperrte er ihn in die Schublade. Morgen wird Frau Trautwein eine schöne Adresse schreiben, und er wird die Summe dem Hilfskomitee für deutsche Emigranten überweisen. Der Doktor ist stolz auf die Höhe des Betrags, noch stolzer auf den Witz und die Klugheit, mit welcher er gerade diesem Gehrke das Geld aus der Nase gezogen hat. So ähnlich wie jetzt Monsieur le Baron mag seinerzeit der Staatskanzler Haman empfunden haben, als er sich gezwungen sah, den Mardochai auf dem Leibpferd des Königs Ahasver glorreich durch die Stadt zu führen und, sauren Mundes, vor allem Volk den Ruhm dieses Mardochai zu verkünden.

Doktor Wohlgemuth irrte. Herr von Gehrke fühlte keineswegs wie seinerzeit der Staatskanzler Haman. Er fuhr nach Hause, legte sich ins Bett, nahm schmerzstillende Mittel und eine Flasche Nuits St. George 1911. Es ging ihm zusehends besser. Es war gar nicht unangenehm, einmal einen Abend zu Hause und allein zu verbringen. Er las die Abendzeitung, dann wählte er unter ein paar Büchern, die er schon lange, auch aus amtlichen Gründen, hätte lesen sollen, und entschied sich schließlich für einen Roman, der einen kulturbolschewistischen, aus Deutschland vertriebenen Schriftsteller zum Autor und das Schicksal deutscher Oppositioneller zum Gegenstand hatte. Herr von Gehrke las mit Interesse, nicht ohne ästhetisches Wohlgefallen, an manchen Stellen ergriffen.

In dem Buche gestreift war auch das Schicksal des Schriftstellers Theodor Lessing, den Nationalsozialisten »erledigt« hatten, und Herr von Gehrke, während er diese Stelle las, dachte an den Redakteur Benjamin. Zu albern, daß die Geschichte nicht glatt gegangen war.

Er legte sich in die Kissen zurück und führte mechanisch die Zunge die Zahnstümpfe entlang, die provisorisch mit Watte gefüllt und mit Wachs verschlossen waren. In vierzehn Tagen, in spätestens drei Wochen wird er sich seinen Freunden mit den neuen Zähnen präsentieren, er wird strahlend und unbehindert lächeln. Die Gedanken an den Redakteur Benjamin verschwanden. Er richtete sich wieder hoch, trank von seinem Burgunder, las weiter. Mehr und mehr packte ihn der Roman des Kulturbolschewisten. Eigentlich, dachte er, müßten uns diese emigrierten Schriftsteller dankbar sein, daß wir ihnen so großartige Stoffe liefern.

6
Kunst und Politik

Obwohl Sepp Trautwein bei Friedrich Benjamins Überfälligkeit als einer der ersten an eine Gewalttat der deutschen Polizei gedacht, hatte es ihn wie ein Schlag getroffen, als sich durch die Mitteilung der Schweizer Behörden und durch die Verhaftung Dittmanns seine Vermutung bestätigte.

Er hatte geglaubt, für ihn hätten Begriffe wie Unrecht, Verletzung der Menschenrechte, Gewalt von jeher mehr Inhalt gehabt als für die meisten andern. Nach der Entführung Benjamins erkannte er, daß sie auch für ihn nichts gewesen waren als Worte. Jetzt erst gewannen sie ihm Körper. Er sah das Unrecht, spürte es, es legte sich ihm um den Hals, würgte ihn. Es hatte sich im Dritten Reich manches Scheußliche, unvorstellbar Grausige ereignet, das ihn nahe anging; Freunde von ihm waren unter den Erschlagenen, in den Konzentrationslagern Eingesperrten. Das alles verblich jetzt vor der Entführung Benjamins.

Wut faßte ihn gegen die Entführer. Er schimpfte maßlos. Auch auf Benjamin schimpfte er. »Nach Basel muß er fahren«, fluchte er, »an die Grenze, dieser Trottel, dieser vierkantige Idiot, dieses gußeiserne Rindvieh«, und er beschimpfte sich selber, daß er ihn nicht zurückgehalten. Aber weggespült war trotz solchen Geschimpfes seine Wesensfeindschaft gegen Benjamin, der gutmütig verächtliche Ärger über sein Sybaritentum und über seine Hörigkeit von Ilse. Statt dessen wuchs in ihm würgendes Mitleid mit dem Verschwundenen. Benjamin verklärte sich ihm. Ihm war, als hätte er persönlich etwas an ihm gutzumachen. Er lachte sich selber aus, doch er konnte sich dieses Gefühls nicht erwehren.

Man hatte ihm in der Redaktion den Schreibtisch Benjamins zugewiesen. Das war ein abgenutzter Schreibtisch wie eine Million andere, aber der sonst solchen Regungen keineswegs zugängliche Trautwein spürte davor eine fast abergläubische Scheu. Der abwesende Benjamin war ihm mehr gegenwärtig, als es der gegenwärtige je gewesen. Wenn er sich an seinen Schreibtisch setzte, war ihm, als setzte er sich in das geistige Luftbild des andern hinein. Er versuchte, sich den realen Friedrich Benjamin vorzustellen, etwa wie er ihm gegenüber gesessen war in dem Restaurant Coq d’Argent, essend, sich den Mund wischend, aber es gelang ihm nicht; sogar dieser genießerisch fressende Benjamin seiner Erinnerung wurde ihm unkörperlich, ein kleines, grünliches Licht war um ihn, wie es die Geister bestrahlt hatte, die Trautwein als Knabe in gewissen Theaterstücken gesehen, und es war um diesen Friedrich Benjamin und seine Worte eine kleine, furchtbare, geisterhafte Musik wie um den Steinernen Gast.

Trautwein hatte Ilse Benjamin nie leiden können, aber er brachte den Ton nicht aus dem Ohr, in dem sie gesagt hatte: »Helfen Sie mir doch.« Dieser Klang stachelte ihn immer von neuem, füllte ihn mit Mitleid und Zorn. Er sah die Wärter und Polizeimenschen, wie sie über Friedrich Benjamin herfielen, naive, rohe Bauern und Vorstädter, die jetzt ihre dunkeln Triebe an dem Verhaßten auslassen konnten. So dachte und spürte er, als ihm Gingold den Antrag machte, endgültig an Stelle Friedrich Benjamins in die Redaktion einzutreten. Der Antrag erregte ihn. Er wußte: wenn er ihn annimmt, ist es für lange Zeit vorbei mit seiner Musik.

Aber es geht ihm gegen das Gewissen, abzulehnen. Als Redakteur der »Nachrichten« wird er näher an der Quelle der Informationen über Friedrich Benjamin sitzen, wird er rascher eingreifen können, wird er mit großen ausländischen Zeitungen Fühlung nehmen, die Sache Benjamins wirksamer fördern können. Und diese Sache läßt ihn nicht los. Es geht von dem verschleppten, vergewaltigten Friedrich Benjamin, von seinem Schreibtisch, selbst von seiner nicht angenehmen Stimme, wie sie ihm noch im Ohr ist, eine Magie aus, gegen die er seinen Verstand umsonst zu Hilfe ruft.

Unschlüssig wie nie in seinem Leben, bat er sich Bedenkzeit aus.

Er besprach die Angelegenheit mit Anna. Sie riet ihm mit einer Heftigkeit ab, auf die er nicht gefaßt war. »Was?« entrüstete sie sich. »Sie wollen dich ganz für ihre lächerlichen ›P. N.‹ einspannen? Sie muten dir zu, daß du deine Musik an den Nagel hängst? Die sind ja wohl von einer wilden Kuh gebissen.« Sepp, durch ihre Heftigkeit gereizt, erwiderte: »Sie bieten mir eine Redaktionsstelle an. Ist das eine Zumutung? Und daß ich dann auf meine Musik verzichten müßte, das ist auch maßlos übertrieben. Die Sprachstunden in der Akademie werde ich aufgeben müssen, aber um die ist es nicht schade. Und für ›Die Perser‹ werde ich bestimmt eine Masse Zeit frei haben.« Anna kannte ihren Sepp und sah ihm an, daß er gegen seine Überzeugung sprach. »Das glaubst du doch selber nicht«, stellte sie rücksichtslos fest. »›Die Perser‹ haben schon genug gelitten durch diese albernen ›P. N.‹. Soll dich deine Politik jetzt ganz auffressen? Du denkst doch auch selber nicht im Ernst daran. Der Kampf gegen die Nazi ist eine gute Sache, zugegeben, und es ist deine Sache. Aber daß du aus Deutschland fortgegangen bist und alles hingeworfen hast, damit hast du deutlich genug demonstriert. Du hast wahrhaftig das Deine getan. Du brauchst dich nicht auch noch in deinem Winkelblatt zu vergraben.«

Mit seiner Vernunft mußte Sepp ihr recht geben. Was ihn in seinem Innersten bedrängte, diese wilde Sehnsucht, Friedrich Benjamin zu helfen, davon konnte er ihr nichts sagen; beinahe schämte er sich der unbegreiflichen Heftigkeit seines Gefühls. »Schau einmal her, Alte«, deutete er ihr vorsichtig an, »da ist zum Beispiel dieser Fall Benjamin. Den möchte ich mir vom Herzen schreiben. Ich habe da nämlich einiges zu sagen.« – »Das kannst du aber doch auch«, fiel ihm Anna ungestüm ins Wort, »ohne daß du dich diesen ›P. N.‹ mit Haut und Haar verkaufst.« – »Ich muß aber Material haben«, erklärte Sepp, »Material aus erster Hand, und das krieg ich nur, wenn ich auf der Redaktion sitze. Wenn man im Fall Benjamin etwas erreichen will, dann muß man den Nazi ihre Lügen nachweisen, eine nach der andern.« – »Ich begreife dich einfach nicht«, schüttelte Anna den Kopf. »Wir alle haben Mitleid mit Benjamin und unsere helle Wut gegen die Nazi. Aber es sind schließlich den Hitlerleuten Menschen in die Hände gefallen, die uns näherstanden. Du hast für sie gesprochen, du bist für sie herumgelaufen. Aber dein ganzes Leben hinzuschmeißen, deine Musik aufzugeben, an so was hast du doch nicht gedacht wegen der andern. Und jetzt auf einmal?«

Sepp hatte sich selber schon gesagt, daß seine Opferbereitschaft sinnlos war. Anna hatte recht, die eigene Vernunft bestätigte ihm, was sie vorbrachte, aber das nützte ihm nichts. Anna kann leicht Vernunft für ihn haben. Vernunft hat man immer nur für die andern, für sich selber hat man sie selten. Es ist nun einmal jede zweite Handlung, die ein sogenannter vernünftiger Mensch begeht, vom Unbewußten diktiert und gegen die Vernunft. Das erkennt man in lichten Momenten, aber in der Praxis folgt man immer wieder dunklen Stimmen, die nichts mit dem gesunden Menschenverstand zu tun haben.

Da ihm nichts Besseres einfiel, sagte er schließlich: »Außerdem wäre es doch gut, wenn ich endlich einmal etwas mehr zum Haushalt beitragen könnte. Ich mag dir nicht ewig auf der Tasche liegen.« Das war reichlich ungeschickt; er merkte es schon, während er es vorbrachte. Sie funkelte ihn denn auch an, ernstlich zornig. »Red doch nicht solchen Bockmist«, sagte sie. »Seit wann bist du auf Geld aus? Willst du ›Die Perser‹ liegenlassen wegen ein paar hundert Franken im Monat? Wenn ich übrigens die Rundfunkaufführung durchdrücke, bringt das allein mehr, als du in einem halben Jahr aus deinem Gingold herausquetschen kannst. Sei gescheit, Sepp«, bat sie. »Es war tapfer genug, daß du, wie Hitler kam, gleich das Richtige getan hast. Das war ein Vorbild für viele, und das ist wichtiger als hundert Artikel. Praktische Politik für den Alltag machen, das kannst du doch überhaupt nicht. Überlaß das gefälligst den Berufspolitikern und Berufsjournalisten. Die tausend kleinen Drehs, die man da braucht, das ist nicht deine Sache. Dafür bist du nicht robust genug, dafür bist du zu anständig. Willst du mit einem Hitler konkurrieren? Um die gute Sache durchzusetzen, um bei den Massen für die gute Sache zu wirken, dazu müßte einer heute schon ein Christus und ein Macchiavell in einem sein.« Sepp lachte: »Komm mir nicht mit Aphorismen, Alte. Was ich will, dafür genügt, daß ich es genau weiß und daß ich anständig schreibe.«

Anna hatte erkannt, daß was Tieferes im Spiel sein mußte, gegen das sie mit Erwägungen des Verstandes nicht aufkam. »Ich bitte dich inständig«, sagte sie dringlich, und ihre schöne, volle Stimme machte Sepp das Herz warm, »geh nicht noch weiter in die Politik hinein. Du selber hast oft genug gesagt, daß gute Kunst die beste Politik ist. Es ist schon arg genug, daß ich dir nicht mehr helfen kann bei deiner ernsthaften Arbeit; es geht mir schrecklich ab. Laß du dich nicht noch selber abdrängen von deiner Musik. Musik zu machen, dafür bist du da. Schau her, Sepp, ich hab kein Talent,

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