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Estalor - Rückkehr der Höllenschlange

Dan Gronie

Estalor - Rückkehr der Höllenschlange





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Widmung

Dieses Buch ist mit großer Liebe

einem ganz besonderen Menschen

in meinem Leben gewidmet,

meiner Frau Ursula.

 

Sie macht mein Leben

in so vieler Hinsicht lebenswert.

 

Ursula, ich danke dir für alles.

Prolog

Auf dem Planeten Estalor stand der Vollmond in einem weiten Wolkenloch und warf ein gespenstisches Licht auf das Königreich Orchanta. Der Winter kündigte sich an diesem Herbstabend ganz überraschend an. Ein eiskalter Ostwind, der vom Selmanischen Meer kam und auf die Küste traf, trieb düstere Wolken ins Landesinnere.

Der weißbärtiger Zauberer brach an diesem Abend von der Hauptstadt Briard auf – sein Ziel war die kleine Siedlung Methys. Er verwendete einen Wegzauber, um seine Reise zu beschleunigen. Die Landschaft bewegte sich wie im Flug an ihm vorbei. Überraschend verlangsamte sich der Wegzauber, bis er schließlich endete. Der Zauberer blickte sich um und rieb sich den Schnee aus dem Gesicht. Scheinbar hatte das aufkommende Schneetreiben, den Wegzauber enden lassen. Er versuchte sich zu orientieren und griff nach einem Holzstab, der an einer Schnalle an seinem Gürtel hing. Er schloss kurz die Augen und ließ den rundlich hölzernen Knauf des Stabes wieder los. Es machte keinen Sinn, bei diesem scheußlichen Wetter erneut einen Wegzauber zu riskieren.

Besorgt blickte er über die schneebedeckte Landschaft, während der Wind mit seinen schulterlangen, grauen Haaren spielte. Der Tag war nicht mehr fern, an dem das Grauen wieder seine Welt betreten würde. Aus diesem Grund hatte er die Reise angetreten. Er wollte eine Zauberin in Methys aufsuchen und sie um Hilfe bitten.

Als er den Weg zu Fuß fortsetzte, nahm der Wind zu und zerrte an seinem weißen Gewand. Es schien fast so, als hätte eine fremde Macht dem Wind befohlen, ihn aufzuhalten. Er hob die rechte Hand, und kurz darauf leuchtete die Handfläche grell auf. Mit einem Zauber wollte er dem Wind Einhalt gebieten. Er war der mächtigste Zauberer von Orchanta – doch die Macht, die ihm entgegenwirkte, war ebenso mächtig wie seine. In der Ferne sah er ein flackerndes Licht. Das konnte unmöglich Methys sein, da war sich der weißbärtige Zauberer sicher. Denn die kleine Siedlung Methys lag direkt am Fluss Iarseién. Einen Fluss sah er aber nicht. Den Berg, den er in der Ferne erkennen konnte, war zu groß, als dass es sich um den heiligen Berg handeln konnte, der sich hinter Methys erhob. Er merkte, wie angespannt er war, als er auf das Licht zuging.

Wo war er? Wollte ihn jemand mit diesem Licht in eine Falle locken? Wartete am Ende des Weges ein Feind, um ihn zu töten? Er würde es bald erfahren.

Nach einer Weile traf er auf einen Weg und folgte ihm. Es war eine stille Gegend, denn niemand begegnete ihm. Natürlich, es war ja auch Nacht, und die Zeiten hatten sich geändert.

»Verdammt«, fluchte der Zauberer, als er dem Licht näher kam und sich eine kleine Ortschaft mit einem weißen Turm aus der Dunkelheit herausschälte. »Das ist Aradil. Ich bin zu weit nach Osten abgekommen. Wie konnte das nur geschehen?«, grübelte er.

In den meisten Häusern von Aradil brannte um diese Zeit kein Licht mehr. Nur aus einem Haus drang noch ein Gewirr von Stimmen tönend aus den lukenhaften Öffnungen heraus, die wohl Fenster darstellen sollten.

Der weißbärtige Zauberer hob den Zauberstab und berührte mit der Spitze sein Gesicht. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen, und als er den Zauberstab wieder an die Schnalle an seinem Gürtel gehangen hatte, wurde aus dem faltigen, alten Mann ein junger Bursche in einem weißen Gewand. Er wusste nicht, was ihn hier in der Wirtsstube erwarten würde und wollte unerkannt bleiben.

Er öffnete die mit Holzwürmern befallene Tür und betrat die gerammelt volle Wirtsstube. Nicht nur jeder Sitzplatz war besetzt, auch an der Theke war kein Platz mehr zu bekommen. Plötzlich sah der Zauberer, wie ein untersetzter Mann den Platz an der Theke verließ. Der Zauberer drängte sich durch das Gewühl und blieb stumm an der Theke vor dem Wirt stehen, der sich verlegen an seinem spitzen Kinn kratzte.

»Seid Willkommen in meiner bescheidenen Wirtsstube, Herr.«

Der Wirt verneigte sich so tief, dass der Zauberer befürchtete, der Wirt würde jeden Augenblick kopfüber auf die Theke fallen.

»Möchtet Ihr etwas trinken?«, fragte der Wirt.

»Einen Mosch, bitte«, sagte der Zauberer. Ich hätte mir besser etwas anderes bestellt, als dieses berauschende Getränk, ging es ihm durch den Kopf.

»Kommt sofort«, sagte der Wirt und verschwand.

Der Zauberer blickte nach rechts zum knackenden Kaminfeuer und rümpfte die Nase, als er den Mief in der Wirtsstube wahrnahm, der sich mit dem natürlichen Duft lodernder Holzarten mischte.

»So, hier ist der Mosch, Herr«, sagte der Wirt und stellte den Krug auf die Theke.

»Danke«, sagte der Zauberer.

Der Wirt nickte mit einem breiten Lächeln.

»Hier ist aber viel los«, sprach der Zauberer den Wirt an.

»Ja«, nickte der Wirt freudig, »heute wurde eine Vermählung gefeiert, und die meisten Gäste sind bis jetzt geblieben.«

»Sie sind nicht von hier«, stellte der Wirt fest.

»Nein, ich bin auf der Durchreise und will nach Methys«, sagte der Zauberer.

»Ach, so«, sagte der Wirt beiläufig. »Brauchen Sie noch ein Zimmer?« Der Wirt witterte ein gutes Geschäft.

»Ist denn noch ein Zimmer frei?«

»Ja, eines habe ich noch.«

»Gut, das nehme ich.«

Der Wirt lächelte zufrieden.

»Haben Sie Hunger?«, fragte der Wirt schnell.

»Nein, danke«, winkte der Zauberer ab.

»He, Wirt, bring uns noch 'ne Runde Mosch«, rief ein junger Mann.

Der Wirt machte sich sofort auf den Weg.

»Sauwetter!« Der Zauberer wandte sich nach links der auffällig kräftigen Stimme zu und sah, wie ein paar Wandfackeln ein flackerndes Licht auf erwartungsvolle, schmale Augen warfen.

»Ja«, sagte der Zauberer, »ein eisiger Ostwind treibt eine Schneefront über das ganze Königreich.«

Der stämmige Mann rückte den Hocker zurecht und erwiderte: »Ein Höllenwetter, sag ich da nur.«

»Ja«, sagte der Zauberer und dachte, dass der Fremde damit wohl richtig liegen könnte.

»Mein Name ist Ian«, stellte er sich vor. »Und wer bist du?«

Es gab einen kleinen Tumult in der Wirtsstube, als ein Betrunkener taumelnd gegen einen Tisch stieß.

Nachdem sich der Aufruhr gelegt hatte, sagte Ian an den Zauberer gewandt: »Eine ungewöhnliche Kleidung für einen jungen Mann.«

Der Zauberer hob die Schultern und war froh, dass Ian wohl vergessen hatte, dass er ihn nach seinem Namen gefragt hatte.

»Das ziehe ich immer an, wenn ich auf Reisen gehe«, erklärte der Zauberer.

»Ach, ja.« Ian legte die Stirn in Falten.

Der Zauberer griff schweigend nach dem Krug und trank einen Schluck.

»Wenn du mich fragst«, sprach Ian den Zauberer an, »ist das kein gewöhnliches Wetter für diese Jahreszeit.«

»Kann schon sein.« Der Zauberer überlegte, und mit seiner rechten Hand fuhr er geistesabwesend durch die Luft, so als würde er einen langen Bart berühren.

Ian musterte ihn scharf.

»Hattest wohl früher einmal einen Bart getragen?«, fragte er lauernd.

»Wer? Ich?« Der Zauberer tat überrascht. »Wie kommst du denn darauf?«, frage er.

»Nur so«, winkte Ian ab.

Der Zauberer blickte in schmale, blaue Augen, die auf eine Antwort warteten.

»Ich wollte mir mal einen Bart wachsen lassen«, fing der Zauberer an, »aber dann hab ich es mir doch anderes überlegt.«

»Ich komme aus Aharon«, lenkte Ian auf ein anderes Thema.

»Ah, ein Aharer bist du also. Aharon liegt von hier aus aber weit im Norden«, stellte der Zauberer fest.

»Ich bin nicht dort geboren«, entgegnete Ian. »Aber so weit ist es von hier bis Aharon nun auch wieder nicht«, fuhr er fort. »Ich bin extra für die Hochzeit angereist.«

»Familie?«, fragte der Zauberer.

»Schwester«, antwortete Ian kurz.

Ein Schweigen trat zwischen dem Zauberer und Ian ein, als der Zauberer nach seinem Krug griff.

»Ahip!«, sagte Ian und hielt seinen Krug hoch.

»Ahip!«, erwiderte der Zauberer und stieß mit Ian an.

»Wie ist denn nun dein Name?«, fragte Ian.

Der Zauberer stutzte.

»Kann ich euch noch etwas bringen?«, fragte der Wirt an den Zauberer und an Ian gewandt.

Der Wirt blickte kurz in die blauen Augen von Ian, bevor er sich schnell dem Zauberer zuwandte und ungeduldig auf eine Antwort wartete. Es schien dem Zauberer so, als würde Ian absichtlich mit der Bestellung warten, um den Wirt zu verunsichern. Nachdem Ian seinen Wunsch geäußert hatte, bestellte auch der Zauberer einen Mosch. Der Wirt verschwand in Windeseile, so als ob er unheimliche Angst vor Ian hätte.

Der Zauberer konnte den Wirt verstehen. Wer wusste denn schon, was in den Köpfen solcher zwielichtigen Gestalten wie Ian vorging?

»Mir schien es so, als ob der Wirt Angst vor dir gehabt hätte«, wandte sich der Zauberer an Ian und lenkte von Ians Frage nach seinem Namen ab.

»Ja«, zuckte Ian gleichgültig mit den Schultern und fasste an den Griff seines Breitschwertes, das am Waffengürtel hing. »Kann schon sein«, gab er schmunzelnd zu. Seine dicken Armmuskeln spannten sich dabei.

Erst jetzt fiel dem Zauberer auf, dass Ian ein Schwert bei sich trug.

»Waffen auf einer Hochzeit?« Der Zauberer deutete überrascht auf Ians Schwert.

»Es sind unruhige Zeiten«, fing Ian an, »und glaube mir, Zauberer, die Zeiten werden nicht besser werden.«

Der Zauberer stutzte. Warum hatte Ian ihn Zauberer genannt? Mit keinem einzigen Wort hatte er Ian preisgegeben, dass er ein Zauberer war. Wer war dieser Ian? Mit Sicherheit gehörte er nicht zu der Hochzeitsgesellschaft.

»Und ich sagte dir ja, Zauberer, dass dies kein gewöhnliches Wetter für diese Jahreszeit ist. Ich glaube vielmehr, dass dieses Sauwetter einen magischen Ursprung hat.« Ians lauernder Blick traf den Zauberer wie ein spitzer Dolch.

Der Wirt kam mit zwei großen, bis zum Rand gefüllten, Krügen zurück. Mit zitternder Hand stellte er den Krug vor Ian ab, so dass das Getränk überschwappte. Ian sah den Wirt schweigend an. In Ians kantigem Gesicht verzog sich kein Muskel.

»Danke, Wirt«, sagte der Zauberer, als der Wirt ihm den Krug überreichte.

»Ahip!«, sagte Ian und hob den Krug.

»Ahip!«, erwiderte der Zauberer und stieß mit ungutem Gefühl mit Ian an.

»Dort hinten in der Ecke ist ein Tisch frei geworden. Komm, Zauberer, dort kann man unser Gespräch nicht so leicht belauschen«, sagte Ian und stand auf.

Der Zauberer blickte zu Ian auf, der mindestens einen Kopf größer war als er.

»Wie kommst du darauf, dass ich ein Zauberer sein könnte?«, fragte der Zauberer, als sie am Tisch saßen.

»Mein Bauchgefühl.«

»Dein Bauchgefühl?«

»Ja.«

Der Zauberer schwieg und fühlte, dass Ian ihn anlog. Die Blicke wechselten zwischen dem Zauberer und Ian.

»Cyriel hat es mir gesagt«, sagte Ian kantig.

»Die Zauberin?«, fragte der Zauberer überrascht.

»Ja«, nickte Ian.

»Sie ist in Aharon?«, fragte der Zauberer nachdenklich.

»Ja«, erwiderte Ian gleichgültig. »Ich kenne Cyriel schon sehr lange«, fing Ian an und machte eine Atempause. »Sie hat mir gesagt, dass ich nach Aradil gehen sollte, um einem verirrten Zauberer zu helfen.«

»Welcher Zauberer würde sich schon verirren?«, sagte der Zauberer gequält lächelnd.

»Sag du es mir!«, forderte Ian ihn auf.

Wieder trat ein kurzes Schweigen zwischen den beiden ein.

»Ahip!«, sagte Ian schließlich und hob den Krug. »Lassen wir die Spielchen, Zauberer, und sagen uns die Wahrheit!«

Der Zauberer zögerte kurz, bevor er den Krug hob und sagte: »Ahip, Ian!«

Der Zauberer und Ian tranken genüsslich den Mosch.

»Ich trage ein Schwert, weil ich ein Söldner bin«, sagte Ian, als er sah, wie der Zauberer sein Schwert musterte.

»Du bist also ein Söldner?«

»Ja.«

»Und Cyriel, die Zauberin, ist eine gute Freundin von dir?«

»Ja.«

»Wie gut?«, fragte der Zauberer misstrauisch.

»Sie ist eine sehr gute Freundin von mir, Zauberer«, zischte Ian, »aber sie ist nicht meine Gefährtin, wenn du darauf anspielen willst.«

Der Zauberer schwieg für einen Augenblick, bevor er schließlich fragte: »Und wer sagt mir, dass du mir die Wahrheit sagst und nicht hinter einem Zauberer her bist, um ihn zu töten?«

Ian sah den Zauberer verärgert an.

Für einen Moment sah es so aus, als würde Ian nach seinem Breitschwert greifen.

»Ich bin ein Söldner«, sagte Ian mit kräftiger Stimme, und seine Muskeln spannten sich, »kein Mörder«, betonte er scharf.

Der Zauberer schwieg.

»Ich hasse sie ... Dämonen. Sie widern mich an. Na, ja, deswegen bin ich hier«, brummte Ian. »Es geht um Estalor«, erklärte er schließlich und fuhr mit klangvoller Stimme fort: »Die Dämonen wollen eine Höllenpforte nach Estalor öffnen, wie du sicherlich schon weißt.« Ian atmete schwer. »Noch ist nichts unternommen worden, um das zu verhindern.« Ians Miene wurde zunehmend ernst. »Du bist auf dem Weg nach Methys, um dich mit Adena zu treffen«, Ian beugte sich vor, »und du hast dich verlaufen, Zauberer, gib es endlich zu«, sagte Ian mit spöttischer Stimme.

Der Zauberer blickte stumm und sagte dann: »Nein.«

»Nein, was?«, brummte Ian.

»Ich habe mich nicht verlaufen«, sagte der Zauberer deutlich, »es muss Magie gewesen sein, die mich von meinem Weg abgebracht hat. Anders kann ich mir das nicht erklären.«

»Sicherlich«, lächelte Ian den Zauberer an, »war Magie dafür verantwortlich.«

Der Zauberer nahm seinen Zauberstab zur Hand und sagte: »Ich bin gleich wieder zurück, Ian. Für meine Rückverwandlung brauche ich ein ruhigeres Plätzchen«, dann verließ er die Wirtsstube.

Draußen schlug ihm ein eisiger Wind ins Gesicht. Er sah sich um. Als er niemanden sah, berührte er mit der Spitze des Zauberstabs sein Gesicht. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen, und als er den Zauberstab wieder an die Schnalle an seinem Gürtel gehangen hatte, wurde aus dem jungen Mann der weißbärtige Zauberer.

Kurz darauf betrat der weißbärtige Zauberer die Wirtsstube, und als er wieder den Tisch erreichte, blickte er in Ians erstaunte Miene.

»Da bin ich wieder«, sagte der Zauberer mit einem Schmunzeln und nahm Platz.

Er bemerkte, die Verlegenheit in Ians Miene. Der geschwätzige Ian starrte ihn für einen Moment sprachlos an. Wusste Ian etwa, wen er vor sich hatte?

»Seid Ihr es wirklich?« Ian betrachtete das faltige Gesicht und dann das weiße Gewand des Zauberers. »Ja, Ihr seid es. Ich habe Euch schon mal in Briard mit dem König zusammen gesehen. Oh«, sagte er, »dass ich einen Zauberer treffen sollte, wusste ich ja von Cyriel, aber dass Ihr es sein würdet, das hatte sie mir nicht gesagt.«

Der weißbärtige Zauberer schwieg.

»Es ist mir eine Ehre, Euch ...«, fing Ian an.

Der Zauberer winkte ab.

»Lass das Ihr und Euch, Ian, und sag mir, was du von mir willst!«, forderte der weißbärtige Zauberer ihn auf.

Der Wirt trat an den Tisch.

»Kann ich ...«

Er stutzte.

»Wo ist der jungen Mann?«, fragte der Wirt. »Er hat noch nicht bezahlt, und ein Zimmer hat er auch bestellt.«

»Mein Neffe musste gehen«, versuchte der Zauberer den Wirt zu beruhigen. »Ich werde seine Getränke und das Zimmer bezahlen.«

Der Wirt lächelte zufrieden.

»Gerne, Herr«, sprach der Wirt. »Kann ich noch etwas bringen?« Der Wirt warf einen scheuen Blick zu Ian.

»Noch zwei Krüge, Wirt«, erwiderte Ian.

»Ahip!«, sagte Ian und hob den Krug.

»Ahip!«, erwiderte der Zauberer und trank den Krug aus.

Als der Wirt verschwunden war, fuhr Ian fort: »Ich soll Euch ... dir dieses silberne Medaillon geben.« Ian griff in die Tasche seiner ledernen Weste und legte das Medaillon auf den Tisch. »Cyriel hat es mit einem Zauber belegt. Sie sagte zu mir, du würdest schon wissen, was damit zu tun ist.«

»Ja, das tue ich, Ian«, sagte der weißbärtige Zauberer deutlich. »Ich danke dir, Ian. Mit diesem Medaillon wird der Wegzauber gelingen. Nun kann mich keine Magie mehr von Methys fernhalten.«

»Also, wirst du dich jetzt nicht mehr verlaufen, Zauberer?«, grinste Ian breit.

»Ich habe mich nicht verlaufen, Ian. Magie hat ...«, der Zauberer schwieg, als der Wirt mit zwei Krügen an den Tisch trat.

»Verschütte dieses Mal nicht wieder die Hälfte«, ermahnte Ian den Wirt.

Der Wirt zitterte, als er die Krüge auf den Tisch stellte.

»Warum bist du so hart zu dem Wirt?«, fragte der Zauberer.

Ian hob die Schultern.

»Weiß nicht«, sagte er. »Vermutlich, weil er ein Feigling ist.«

Der Zauberer schwieg.

»Ich hasse Männer, die sich nicht wehren.«

»Er hat Angst vor deinem Schwert.«

Ian nickte. »Vermutlich hat er das«, sagte er zufrieden und stieß mit dem Zauberer an.

»Wenn es den Dämonen gelingen sollte, Estalor zu betreten«, sagte Ian mit anschwellendem Ton, »können wir mit Feiglingen wie diesem nichts anfangen.« Ian deutete auf den Wirt.

»Ja, das stimmt, aber es kann nicht jeder ein Krieger sein«, entgegnete der Zauberer. »Was ist deine Aufgabe, Ian?«

»Ich beschütze das Volk vor Eindringlingen.«

»Aha«, fing der Zauberer an, »und das Volk ist er.« Der Zauberer deutete auf den Wirt.

Ian schwieg.

»Ja«, unterbrach Ian das Schweigen, »vermutlich tat ich ihm Unrecht«, gab er verlegen zu.

Ian trank bedächtig seinen Krug aus. »Bekommst du auch noch einen Krug?«, fragte er.

»Nein, danke, Ian. Ich habe genug getrunken«, antwortete der Zauberer. »Ich werde nach oben in mein Zimmer gehen und ein wenig schlafen.«

»Du willst schlafen?«, fragte Ian verstört.

»Ja, auch Zauberer brauchen ein wenig Ruhe.«

»Es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen, Ian.«

»Mich hat es auch gefreut, dich zu treffen, Zauberer.«

»Wann gehst du wieder nach Aharon?«

»Morgen.«

»Richte Cyriel Grüße von mir aus.«

»Das werde ich tun.«

»Ist die Braut wirklich deine Schwester?«, fragte der Zauberer. Neugier schwang in seiner Stimme mit.

»Nein«, schüttelte Ian den Kopf.

Der Zauberer nahm das Medaillon und steckte es in die Tasche seines Umhangs. Langsam erhob er sich von seinem Platz.

Auch Ian erhob sich und verabschiedete sich von dem Zauberer mit einer leichten Verbeugung.

Ian blickte in die ängstlichen Augen des Wirts, der plötzlich neben ihm stand.

»Bring mir noch einen Krug, Wirt«, sagte Ian. »Bitte!«, ergänzte er.

»Ja, gerne, Herr«, sagte der Wirt und verschwand mit verstörtem Blick.

Der Zauberer lächelte Ian zufrieden an und ging nach oben auf sein Zimmer.

***

Die Nacht war kurz, und der Zauberer hatte nur wenig Schlaf finden können. Es hatte aufgehört zu schneien, doch immer noch wehte ein eisiger Ostwind. Mit großen Schritten eilte er zum Ortsrand, dort wollte er den Wegzauber einsetzen.

Der Zauberer dachte an das Medaillon, das er von Ian bekommen hatte. Irgendjemand wollte nicht, dass er Methys erreichte. Also wurde der Wegzauber beeinflusst. Wie sonst hätte er in Aradil stranden können? Um nach Aradil zu kommen, hätte er den Fluss Shi-Sha-Ahi überqueren oder das nördlich gelegene Gebirge bei Schattenland passieren müssen. Wie also ist er nach Aradil gelangt? Dafür gab es nur eine Erklärung – Magie.

Der Zauberer wandte sich um und sah zu dem gewaltigen Berg, der sich hinter Aradil erhob. An den schroffen Felsen blieb kaum Schnee liegen, aber der Gipfel war schneebedeckt. Ein letztes Mal ließ der Zauberer seinen Blick in die Ferne gleiten, dann nahm er das Medaillon aus der Tasche und wandte sich in südliche Richtung.

Der weißbärtige Zauberer griff nach dem Zauberstab und berührte mit der Spitze das silberne Medaillon, das er in der linken Hand hielt. Als er einen Zauber aussprach und der rundlich hölzerne Knauf des Zauberstabs anfing zu glühen, schmolz das Medaillon in seiner Hand. Kurze Zeit später bewegte sich die Landschaft wie im Flug an ihm vorbei. Der Wegzauber wollte gar nicht mehr enden. Es schien ihm so, als ob er sich von Siedlung zu Siedlung, von Berg zu Berg, von Fluss zu Fluss bewegen würde.

Was wäre, wenn das Medaillon eine Falle wäre? Was wäre, wenn Ian das Medaillon nicht von Cyriel bekommen hätte? Wie dumm er doch gewesen war, als er Ian sein Vertrauen schenkte – einem Söldner – jemand der für Gold und Edelsteine alles tat. Er hätte sich niemals hierauf einlassen sollen. Er hätte das Medaillon niemals annehmen dürfen. Der Zauberer verfluchte seine Entscheidung.

Ein greller Blitz schlug vor den Füßen des Zauberers ein, und der Wegzauber endete schlagartig.

Wo hatte ihn dieser Zauber hingebracht? Wie weit war er von Methys entfernt? Der Zauberer versuchte sich zu orientieren, blickte nach rechts in nördliche Richtung und sah mit Erleichterung den heiligen Berg, unverkennbar mit seiner schmalen Spitze. Er wandte sich wieder nach Süden, und jetzt konnte er in der Ferne Methys ausmachen. Die Siedlung lag direkt am Fluss Iarseién, der am heiligen Berg entsprang.

»Ich habe mein Ziel erreicht«, stellte der Zauberer erleichtert fest und flüsterte reumütig: »Verzeih mir, Ian, dass ich für einen Augenblick an deine Loyalität gezweifelt habe.«

Der Zauberer wartete bis es dunkel wurde. Erst dann machte er sich auf den Weg zu Adena.

Für die Dauer eines Wimpernschlags glaubte der Zauberer, eine Bewegung in der Seitengasse gesehen zu haben. Er blieb kurz stehen, bevor er weiterging und eilends um die nächste Ecke bog. Am Ende der Gasse lag das Haus von Adena. Aus dem Kamin stieg Rauch empor. Sie schien also zu Hause zu sein.

Der Zauberer klopfte an. Wenig später öffnete sich die Tür. Der Zauberer stand stumm da, als Adena ihn freudig anlächelte.

»Kommt herein, Zauberer«, begrüßte sie ihn. »Ich habe Euch bereits erwartet.«

»Ich wünschte, wir würden uns unter anderen Umständen sehen«, sagte der Zauberer bedrückt und schloss sie sanft in die Arme.

Der Zauberer hatte sehr viel vertrauliches mit Adena zu besprechen. Er legte einen Schutzzauber um ihr Haus, damit sie nicht belauscht werden konnten.

***

Es war ein klarer, ungewöhnlich warmer Morgen. Die Sonne schien, doch anstatt fröhlich den Tag zu beginnen, stand Adena mit deprimierter Miene vor dem Zauberer, um sich von ihm zu verabschieden. Der Zauberer warf einen kurzen Blick über Adenas Schulter, durch die offene Tür, hinein ins Haus. Dann blickte er Adena fest in die Augen, die traurig auf ihn wirkten. Ihr sonst so fröhliches Lächeln war verschwunden.

»Es ist soweit«, sagte der Zauberer schwermütig.

»Warum?«, fragte Adena leise.

Der Zauberer schwieg. Sein Herz schlug schnell.

»Ich liebe Sydah. Ich liebe ihn von ganzem Herzen. Ich will bei ihm sein, ihn sehen, ihn spüren, aber ich sehe ein, dass ich das Opfer bringen muss, wenn das Königreich Orchanta gerettet werden soll«, flüsterte Adena, und eine Träne rann ihr die Wange hinab.

Dem Zauberer brach es das Herz. Er kannte Adena eine sehr lange Zeit. In all den unendlich vielen Jahren hatte sie sich nicht verändert, während er doch allmählich gealtert war. Er wollte Adena schon immer nach ihren Geheimnissen fragen, die sie stets umgaben. Nun schien es ihm aber der falsche Augenblick zu sein, um Antworten von ihr zu verlangen.

»Was soll ich ...«, fing der Zauberer an.

»Es muss so sein«, schniefte sie und wischte ihre Träne weg. »Jetzt kann ich mein Versprechen Sydah gegenüber wohl nicht mehr einlösen.« Adena hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt, während der Zauberer sie ansah.

»Versprechen?«, fragte der Zauberer mit trockener Kehle. »Welches Versprechen?«

»Dass ich bei ihm bleiben werde.« Adena wandte sich wieder dem Zauberer zu. »Für immer.«

Der Zauberer wünschte sich, dass er diese Frage nicht gestellt hätte. Er wirkte mit einem Mal verunsichert. Hatte er das Richtige getan? Hätte er einen anderen Weg wählen sollen?

Sein Blick wanderte Hilfe suchend an Adena vorbei. Adena nickte ihm lächelnd zu. Es war wohl eine Geste der Zustimmung.

»Und denk daran, Adena, wenn die Zeit gekommen ist, musst du Sydah den goldenen Dolch geben«, sagte der Zauberer.

Adena nickte.

»Ich kann ihm den Dolch doch auch ...«, der Zauberer unterbrach sie: »Noch nicht!«, seine Stimme war nicht hart, dennoch mit einer Strenge erfüllt. »Alles zu seiner Zeit, Adena. Und noch ist die Zeit nicht gekommen.«

Der Zauberer trat ihr entgegen und schloss sie sanft in die Arme, bevor er sich auf den Rückweg nach Briard machte.

Als der Zauberer den Wegzauber anwandte, hatte er das Gefühl, als würde ihm jemand den Boden unter den Füßen wegreißen. Mit allem hatte er gerechnet, nur nicht mit der tiefen Traurigkeit, die sein Herz zu zerreißen drohte. Sie nistete sich tief in ihm ein und drohte ihn zu zerstören.

Hatte er ein zu großes Opfer verlangt?

Ja, sagte ihm sein Gewissen.

Nein, sagte ihm sein Verstand.

Ja, sagte ihm schließlich sein Herz.

Finstere Zeiten

 

 

Ein stürmischer, wolkenverhangener Frühlingstag entfaltete sich an diesem Morgen. Es sah nach Regen aus. Die Gischt schlug donnernd gegen die fünfzig Meter hohe Steilküste der Tamarinschlucht, die mit unzähligen Höhlen durchsetzt war. Dabei rauschte das Wasser durch die Höhlengänge und ließ den Boden erbeben.

Sydah war mit seiner Schwester Yil zur Küste geritten, um das Spektakel zu erleben. Schweigend saßen sie an der Klippe und blickten hinab zum Selmanischen Meer. Die nächste Riesenwelle rollte auf die Küste zu.

Yil atmete schwer. »Die Zeiten haben sich geändert, mein Bruder. Es ist nicht mehr so friedlich in unserem Land, wie es einmal war«, sagte sie bedrückt. »Finstere Kreaturen streifen umher. Das Orakel von ...«

»Kein Orakel vermag zu sehen, was in Zukunft wirklich geschehen wird, Yil«, unterbrach Sydah. »Wir haben die Möglichkeit auf das Kommende Einfluss zu nehmen.«

»Ja, aber nur, wenn du weißt, was kommen wird, hast du die Möglichkeit etwas nach deinen Wünschen zu ändern, Sydah.«

Yil griff nach einem kleinen Stein und warf ihn im hohen Bogen über die Klippe.

Sydah seufzte. »In der letzten Zeit hatte Adena öfters Visionen, in denen sie sah, wie eine finstere Zeit über das erste Königreich kommen wird! Adena ...« Sydah schwieg abrupt und sah zu, wie die tosenden Wellen mit einem riesigen Baumstamm spielten, der wahrscheinlich vom Fluss Iarseién ins Meer getragen wurde. Die Aussicht von hier oben war gleichermaßen faszinierend wie erschreckend.

»Ich bin voller Zuversicht, dass unser König uns beschützen wird«, sagte Yil.

»Das Königreich Orchanta ist noch jung, und es ist groß.«

»Ja, ich weiß, Bruder.«

»Es erstreckt sich vom Selmanischen Meer bis zum Niemandsland.« Sydah sah seiner Schwester in die Augen. »Es ist ein großes Land, und der König hat nicht genügend Soldaten, um alle Städte und Dörfer vor Eindringlingen zu schützen.«

»Lass den Kopf nicht hängen, Bruder!« Yils Mundwinkel verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. Als sie die Hand auf seine Schulter legte und ihn gerade auffordern wollte zu gehen, sagte Sydah angespannt: »Sieh dort, Yil, unten im Meer! Was ist das?«

»Was meinst du?«, fragte Yil. »Ich sehe nur Treibholz und einen Baumstamm.«

»Jetzt ist es weg.« Sydah blickte suchend auf das Meer.

»Du wolltest mir eben etwas von Adena erzählen, Bruder.«

Das Meer erbebte wieder, als eine gewaltige Welle mit ohrenbetäubendem Lärm gegen die Klippe rauschte. Das Wasser brauste die Klippe hoch, bis fast zum Rand.

Sydah atmete schwer. »Adena sagte zu mir, dass ich zu den Ruinen von Ethyr reiten soll, um einen Elb-Holz-Stab zu suchen, mit dem die finstere Zeit abgewendet werden kann«, kam es zögernd aus ihm heraus, »und in Ethyr wird sich dann mein Schicksal erfüllen.«

Sydah bemerkte, wie Yils schmale, grüne Augen ihn scharf musterten. »Wann hat sie das gesagt?«, fragte sie fordernd.

»Vor vier Nächten«, antwortete Sydah schnell ohne seine Schwester dabei anzusehen. »Ich wollte es dir schon eher erzählen ...« Sydah schwieg wieder.

»Ja, ich höre, Bruder!«, forderte Yil ihn auf weiterzureden. »Ich spüre, dass du etwas vorhast, dass mich nicht begeistern wird, Syd.«

Sydah sah seine Schwester mit der Entschlossenheit eines Schwertkämpfers an, der seinem Feind Auge in Auge gegenüberstand. Er legte die Hand auf den Schwertgriff, und seine Stimme klang fest: »Ich werde morgen aufbrechen, Yil, und ich schwöre bei meines Vaters Schwert Gron, ich werde meine Aufgabe erfüllen! Das habe ich Adena versprochen.«

»Ich weiß, Bruder, wenn du einmal einen Entschluss gefasst hast, werde ich dich nur schwer wieder umstimmen können.«

»Ich werde gehen, Schwester!«

»Das habe ich mir gedacht.«

Dunkle Wolken zogen von Süden her auf. Ein tiefes Grollen war in der Ferne zu hören, das ein Unwetter ankündigte.

»Und du willst allein nach Ethyr?«, fragte Yil. »Ohne mich?«, fügte sie hinzu und wartete geduldig auf die Antwort.

Sydah zögerte.

»Zu zweit reist es sich besser«, sagte Yil. »Jetzt sag bloß nicht, es sei zu gefährlich. Du weißt, ich liebe Abenteuer über alles.«

Vor Freude über den Entschluss seiner Schwester spiegelte sich ein strahlendes Funkeln in Sydahs Augen wider. Doch kurz darauf erblasste es, und sein schmales Gesicht zeigte einen besorgten Ausdruck.

»Ach, komm Bruder. Schau mich nicht so an! Ich bin alt genug, um zu entscheiden, was ich tun und was ich lassen soll.«

»Ja, das schon, Yil, aber ich weiß nicht, was mich in Ethyr erwarten wird.«

»Das ist gut so, denn sonst wäre es ja auch kein Abenteuer, Syd«, sagte Yil mit einem Lächeln.

Ein gewaltiger Blitz zuckte über das Firmament und schlug weit draußen im Meer ein. Ein lauter Donner folgte und erdrückte das Rauschen der Wellen.

Nach einem kurzen nachdenklichen Innehalten deutete Sydah auf das Meer. »Sieh, Yil, ein Leuchtfisch!« Sydahs Stimme schwoll an, als der Fisch an der Wasseroberfläche auftauchte.

»So einen großen Leuchtfisch habe ich noch nie gesehen«, staunte Yil. »Er ist wunderschön«, schwärmte sie. »Dort ist noch einer.«

»Ja«, sagte Sydah, »ich sehe ihn. Dort ist ein ganzer Schwarm!«

Für den Bruchteil eines kurzen Augenblicks, als der große Leuchtfisch wieder ins Wasser abtauchte, hatte Sydah den Eindruck, der Fisch habe sich in Luft aufgelöst. Yil hatte offenbar nichts bemerkt. Doch etwas veränderte sich im Meer. Sydah richtete sich auf, und seine Nackenhaare hatten sich aufgestellt.

»Was hast du, Bruder?«

Gefahr lag in der Luft. Sydah konnte es fühlen. Eine schwarze, brodelnde Masse, zähflüssig wie geschmolzenes Vulkangestein, breitete sich mit einem Mal unter dem Schwarm aus.

»Was ist denn das?«, fuhr Yil erschrocken auf.

Sydah zuckte mit den Achseln und sagte: »Das weiß nur der Himmel ...«

»... oder die Hölle«, sagte Yil. »Ich spüre eine dämonische Macht.«

»Spürst du sie auch, Bruder?«, fragte Yil besorgt.

»Nein«, sagte Sydah. »Diese Gabe besitze ich nicht, aber mein Sinn für Gefahren hat mich gewarnt.«

»Dämonen!«, hauchte Yil. »Sie sind hier!«

Die schwarze Masse verfestigte sich und die tosenden Wellen umspülten sie. Yil klammerte sich an ihren Bruder, während die schwarze Masse ein finsteres Geschöpf hervorbrachte, das Sydah und Yil das Blut in den Adern gefrieren ließ. Im aufgewühlten Meer trieb eine grüne Seeschlange mit Schuppen, die aussahen wie Dolchspitzen.

»Myr, die Höllenschlange.« Sydahs Stimme war kaum zu hören. »Von ihr hat mir Adena auch erzählt, Yil!«

»Sie wird töten, Bruder.«

»Ich weiß, Yil«, sagte Sydah. »Ich weiß.«

Yil ließ ihren Bruder los. »Wäre ich doch nur dort unten auf einem Boot«, sprach sie nun mit fester Stimme. »Ich würde ihr mit meinem Schwert den Kopf abschlagen.« Hass funkelte in ihren Augen, während sie auf ihr sichelförmiges Schwert deutete.

Sydah legte die Stirn in Falten und wunderte sich über seine Schwester, die eigentlich nicht so aufbrausend sondern eher ruhig und beherrscht war.

»Ich rieche Blut, Bruder«, sagte Yil plötzlich. »Ich spüre den Tod.« Ihr Kopf senkte sich. »Etwas Schreckliches wird geschehen.«

Sydah fluchte laut, als die Höllenschlange, bekannt aus einer uralten Sage, im Meer wieder geboren wurde. Ihm drehte sich der Magen um, als er daran dachte, welch schlimme Taten von ihr erzählt wurden.

»Sie wird jemanden umbringen«, sagte er bedrückt, »und wir können nichts dagegen tun.«

Als sich Myr ganz aus der schwarzen Masse herausgeschält hatte, sah Sydah, wie Yils Miene einen gequälten Ausdruck annahm.

»Yil«, sprach er sie an, doch sie reagierte nicht.

Hatte die Höllenschlange seine Schwester in ihren Bann gezogen?

»Was ist los mit dir?«, versuchte er es wieder.

»Sie spricht zu mir«, hauchte Yil.

»Sieh mich an, Yil!«, befahl Sydah, der befürchtete, dass Myr ihr etwas antun könnte.

»Ich kann ihre zischenden Worte hören«, sagte Yil, während sie starr in Richtung Meer blickte. Dort schlängelte sich die Höllenschlange im Wasser und blickte in Yils Richtung.

Sydah griff Yil an der Schulter und zog sie zu sich heran.

»Lass los, Yil«, sagte er energisch. »Löse dich von ihrem Bann, Yil«, schrie er verzweifelt.

Sydah atmete erleichtert aus, als Yil ihn ansah und die Starre in ihren Augen verschwunden war.

»Es geht mir gut, Bruder«, sagte sie.

»Was hat Myr zu dir gesagt?«

»Ich bin geboren, um zu töten und zu erobern, das ist meine Bestimmung«, antwortete Yil erschöpft.

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