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Er ist wieder da

Inhalt

  1. Cover
  2. Das Buch
  3. Der Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Anmerkung
  7. Erwachen in Deutschland
  8. i.
  9. ii.
  10. iii.
  11. iv.
  12. v.
  13. vi.
  14. vii.
  15. viii.
  16. ix.
  17. x.
  18. xi.
  19. xii.
  20. xiii.
  21. xiv.
  22. xv.
  23. xvi.
  24. xvii.
  25. xviii.
  26. xix.
  27. xx.
  28. xxi.
  29. xxii.
  30. xxiii.
  31. xxiv.
  32. xxv.
  33. xxvi.
  34. xxvii.
  35. xxviii.
  36. xxix.
  37. xxx.
  38. xxxi.
  39. xxxii.
  40. xxxiii.
  41. xxxiv.
  42. xxxv.
  43. xxxvi.
  44. Leseprobe ›Die Hungrigen und die Satten‹

Das Buch

Er ist wieder da – aber was könnte Adolf Hitler denn heute noch anrichten? Diese bitterböse Satire probiert es einfach aus, indem sie ihn im heutigen Berlin wiedererweckt. Und sie trifft deshalb von der ersten Seite an so schmerzhaft, weil ihr Protagonist der echte Hitler ist. Nicht der TV-Ulkhitler, nicht Hollywoods Haudraufhitler, sondern der Mann, der seine Umwelt eigenwillig analysiert. Der messerscharf und blitzartig die Schwächen der Menschen erkennt. Der sturheil seiner bizarren Logik folgt, verbohrt, aber eben nicht bescheuert.

Dieses Buch über Adolf Hitlers Weg von einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte über einen Kiosk und eine türkische Reinigung bis hinein ins deutsche Fernsehen ist ein atemberaubendes Lesevergnügen, so boshaft wie perfide: Weil der Leser sich zunehmend ertappt, wie er nicht mehr über Hitler lacht. Sondern mit ihm. Lachen mit Hitler – geht das? Darf man das überhaupt?

Finden Sie’s selbst raus. Dies ist schließlich ein freies Land.

Noch.

Der Autor

Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines Ungarn geboren. Er studierte in Erlangen Geschichte und Politik und arbeitete anschließend als Journalist. Er schrieb bis 2001 für die »Abendzeitung« und den Kölner »Express«, dann arbeitete er für mehrere Magazine, zuletzt als Textchef der Mode- und Fitness-Zeitschrift »Shape«. Seit 2009 veröffentlichte er als Ghostwriter vier Bücher, zwei weitere sind in Vorbereitung.

TIMUR VERMES

ER IST
WIEDER DA

DER ROMAN

Sämtliche Handlungen, Charaktere und Dialoge in diesem Buch sind rein fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder ihren Reaktionen, mit Firmen, Organisationen etc. sind schon deshalb zufällig, da unter vergleichbaren Umständen in der Realität andere Vorgehens- und Verhaltensweisen der handelnden Figuren nicht vollständig ausgeschlossen werden können. Der Autor legt Wert auf die Feststellung, dass Sigmar Gabriel und Renate Künast nicht wirklich mit Adolf Hitler gesprochen haben.

Erwachen in Deutschland

Das Volk hat mich wohl am meisten überrascht. Nun habe ich ja wirklich das Menschenmögliche getan, um auf diesem vom Feinde entweihten Boden die Grundlagen für eine Fortexistenz zu zerstören. Brücken, Kraftwerke, Straßen, Bahnhöfe, ich habe die Zerstörung all dessen befohlen. Und inzwischen habe ich es auch nachgelesen, wann, das war im März, und ich denke, ich habe mich in dieser Beziehung ganz klar ausgedrückt. Alle Versorgungseinrichtungen sollten vernichtet werden, Wasserwerke, Telefonanlagen, Produktionsmittel, Fabriken, Werkstätten, Bauernhöfe, jegliche Sachwerte, alles, und damit meinte ich auch: alles! Da muss man sorgfältig vorgehen, da darf bei so einem Befehl kein Zweifel bestehen bleiben, das kennt man ja, dass dann vor Ort der einfache Soldat, dem verständlicherweise in seinem Frontabschnitt der Überblick, die Kenntnis der strategischen, taktischen Zusammenhänge fehlt, dass der dann kommt und sagt: »Ja, muss ich denn wirklich auch diesen, diesen, sagen wir einmal Kiosk hier anzünden? Kann der nicht dem Feind in die Hände fallen? Ist das denn so schlimm, wenn dem Feind der Kiosk in die Hände fällt?« Das ist natürlich schlimm! Der Feind liest ja auch eine Zeitung! Er treibt Handel damit, er wird den Kiosk gegen uns wenden, alles, was er vorfindet! Man muss alle, und ich unterstreiche es nochmals, alle Sachwerte zerstören, nicht nur Häuser, auch Türen. Und Türklinken. Und dann auch die Schrauben, und nicht nur die großen. Die Schrauben muss man herausdrehen und sie dann unbarmherzig verbiegen. Und die Tür muss man zermahlen, zu Sägemehl. Und dann verbrennen. Denn der Feind wird sonst unnachsichtig selber durch diese Tür ein und aus gehen, wie es ihm gerade beliebt. Aber mit einer kaputten Klinke und lauter verbogenen Schrauben und einem Haufen Asche, da wünsche ich dem Herrn Churchill viel Vergnügen! Jedenfalls sind diese Erfordernisse die brutale Konsequenz des Krieges, das ist mir immer klar gewesen, insofern konnte mein Befehl auch gar nicht anders gelautet haben, auch wenn der Hintergrund meines Befehles ein anderer war.

Jedenfalls ursprünglich.

Es war nicht mehr zu leugnen, dass sich das deutsche Volk zuletzt im epischen Ringen mit dem Engländer, mit dem Bolschewismus, mit dem Imperialismus als das unterlegene erwiesen hatte und damit seine Fortexistenz selbst auf dem primitivsten Stadium eines Jäger- und Sammlertums, ich sage es schlicht: verwirkt hatte. Von daher hat es auch jegliches Anrecht auf Wasserwerke, Brücken, Straßen verspielt. Und auch auf Türklinken. Deshalb gab ich den Befehl, und ein wenig auch der Vollständigkeit halber, denn natürlich habe ich damals auch gelegentlich ein paar Schritte vor und um die Reichskanzlei getan, und man muss es da unwiderruflich zur Kenntnis nehmen: Der Amerikaner, der Engländer, sie hatten uns mit ihren Fliegenden Festungen in Hinsicht auf meinen Befehl schon großflächig eine beträchtliche Menge Arbeit abgenommen. Ich habe die Umsetzung dieses Befehls in der Folgezeit natürlich nicht in allen Einzelheiten kontrolliert. Man kann sich vorstellen, ich hatte viel zu tun, die Niederringung des Amerikaners im Westen, die Abwehr des Russen im Osten, die städtebauliche Weiterentwicklung der Welthauptstadt Germania und so weiter, aber mit den übrigen Türklinken hätte die deutsche Wehrmacht meiner Einschätzung nach fertigwerden müssen. Und insofern hätte es dieses Volk eigentlich nicht mehr geben dürfen.

Es ist aber, wie ich jetzt feststelle, noch immer da.

Das ist mir einigermaßen unbegreiflich.

Andererseits: Ich bin ja auch da, und das verstehe ich genauso wenig.

i.

Ich erinnere mich, ich bin erwacht, es dürfte früher Nachmittag gewesen sein. Ich öffnete meine Augen, ich sah über mir den Himmel. Er war blau, leicht bewölkt, es war warm, und mir war sofort klar, dass es für April zu warm war. Man konnte es fast heiß nennen. Es war vergleichsweise still, über mir war kein Feindflieger zu sehen, kein Geschützdonner zu hören, keine Einschläge in der Nähe, keine Luftschutzsirenen. Ich registrierte auch: keine Reichskanzlei, kein Führerbunker. Ich wandte den Kopf, ich sah, ich lag auf dem Boden eines unbebauten Grundstücks, umgeben von benachbarten Häuserwänden, aus Ziegeln gemauert, teilweise von Schmutzfinken beschmiert, ich ärgerte mich sofort und beschloss spontan, Dönitz herbeizuzitieren. Ich dachte zuerst gar, wie in einem Halbschlummer, ja liegt denn Dönitz auch hier irgendwo herum, dann siegte die Disziplin, die Logik, ich erfasste rasch die Eigenwilligkeit der Lage. Ich kampiere üblicherweise nicht unter freiem Himmel.

Zuerst überlegte ich: Was hatte ich am Vorabend getan? Über unmäßigen Alkoholkonsum brauchte ich mir keine Gedanken machen, ich trinke ja nicht. Ich erinnerte mich, zuletzt mit Eva auf einem Sofa gesessen zu haben, auf einem Plumeau. Ich erinnerte mich auch, dass ich oder wir dort in einer gewissen Sorglosigkeit saßen, ich hatte meines Wissens beschlossen, die Staatsgeschäfte einmal ein wenig ruhen zu lassen, wir hatten keine weiteren Pläne für den Abend, Essen gehen oder Kino oder dergleichen kam selbstverständlich nicht infrage, das Unterhaltungsangebot der Reichshauptstadt war zu diesem Zeitpunkt, nicht zuletzt auch meinem Befehl gemäß, bereits erfreulich ausgedünnt. Ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob in den folgenden Tagen Stalin in die Stadt kommen würde, es war zu diesem Zeitpunkt des Kriegsverlaufs nicht vollständig auszuschließen. Was ich aber mit Sicherheit sagen konnte, war, dass er hier so vergeblich nach einem Lichtspieltheater gesucht haben dürfte wie in Stalingrad. Ich glaube, wir hatten dann noch ein wenig geplaudert, Eva und ich, und ich hatte ihr meine alte Pistole gezeigt, weitere Details waren mir bei meinem Erwachen nicht geläufig. Auch weil ich unter Kopfschmerzen litt. Nein, die Erinnerung an den Vorabend brachte mich hier nicht weiter.

Ich entschloss mich also, das Heft des Handelns zu ergreifen und mich mit meiner Situation näher auseinanderzusetzen. In meinem Leben habe ich gelernt, zu beobachten, zu betrachten, auch oft kleinste Dinge wahrzunehmen, die mancher Studierte gering schätzt, ja ignoriert. Ich hingegen kann dank jahrelanger eiserner Disziplin von mir ruhigen Gewissens sagen, ich werde in der Krise kaltblütiger, noch überlegter, die Sinne werden schärfer. Ich arbeite präzise, ruhig, wie eine Maschine. Ich fasse methodisch zusammen, was ich an Informationen habe: Ich liege auf dem Boden. Ich sehe mich um. Neben mir lagert Unrat, es wächst Unkraut, Halme, hier und da ein Busch, auch ein Gänseblümchen ist dabei, Löwenzahn. Ich höre Stimmen, sie sind nicht zu weit entfernt, Schreie, das Geräusch fortgesetzten Aufprallens, ich sehe in die Richtung der Geräusche, sie rühren von einigen Buben her, die dort Fußball spielen. Es sind keine Pimpfe mehr, für den Volkssturm wohl noch zu jung, sie sind vermutlich in der HJ, aber offensichtlich derzeit nicht im Dienst, der Feind scheint eine Ruhephase eingelegt zu haben. Ein Vogel bewegt sich im Geäste eines Baumes, er zwitschert, er singt. Für manchen ist das nur ein Zeichen heiterer Laune, aber in dieser ungewissen Lage, angewiesen auf jede Information, und mag sie noch so klein sein, kann der Kenner der Natur und des alltäglichen Überlebenskampfes daraus folgern, dass keine Raubtiere anwesend sind. Direkt neben meinem Kopfe befindet sich eine Pfütze, sie scheint im Schrumpfen begriffen, es hat wohl vor längerer Zeit geregnet, seither aber nicht mehr. An ihrem Rand liegt meine Schirmmütze. So arbeitet mein geschulter Verstand, so arbeitete er auch in diesem irritierenden Momente.

Ich setzte mich auf. Es gelang mir problemlos, ich bewegte die Beine, die Hände, die Finger, ich schien keine Verletzungen zu haben, der körperliche Zustand war erfreulich, ich war wohl vollständig gesund, von den Kopfschmerzen einmal abgesehen, sogar das Zittern meiner Hand schien fast völlig nachgelassen zu haben. Ich sah an mir herab. Ich war bekleidet, ich trug die Uniform, den Rock des Soldaten. Er war etwas schmutzig, wenn auch nicht zu sehr, verschüttet war ich also nicht gewesen. Erde befand sich darauf, wie mir schien auch Krumen von Gebäck, Kuchen oder dergleichen. Der Stoff roch stark nach Treibstoff, vielleicht Benzin, es mochte daher rühren, dass Eva möglicherweise versucht hatte, meine Uniform zu reinigen, allerdings mit übertriebenen Mengen Reinigungsbenzin, man hätte meinen können, sie hätte einen ganzen Kanister über mich gekippt. Sie selbst war nicht da, auch sonst schien mein Stab derzeit nicht in der Nähe. Ich klopfte den gröbsten Schmutz von meinem Rocke, von meinen Ärmeln, als ich eine Stimme vernahm.

»Ey, Alter, kiek ma!«

»Ey, wat’n det für’n Opfa?«

Ich schien einen hilfsbedürftigen Eindruck zu machen, das hatten die drei Hitlerjungen vorbildlich erkannt. Sie beendeten ihr Fußballspiel, näherten sich respektvoll, das war verständlich, den Führer des Deutschen Reiches plötzlich in unmittelbarer Nähe zu erleben, auf einer Brachfläche, die gemeinhin zu Sport und körperlicher Ertüchtigung genutzt wird, zwischen Löwenzahn und Gänseblume, das ist auch für den jungen, noch nicht voll gereiften Mann eine ungewöhnliche Wendung in seinem Tagesablauf, dennoch eilte die kleine Schar herbei, dem Windhunde gleich, bereit zu helfen. Die Jugend ist die Zukunft!

Die Buben versammelten sich mit einem gewissen Abstand um mich, musterten mich, woraufhin der größte unter ihnen, offenbar der Kameradschaftsführer, sich an mich wandte:

»Allet klar, Meesta?«

Bei aller Besorgnis kam ich nicht umhin, das vollständige Fehlen des Deutschen Grußes zu registrieren. Gewiss, die reichlich formlose Ansprache, die Verwechslung von »Meister« und »Führer« mochte der Überraschung geschuldet sein, in einer weniger verwirrenden Situation hätte sie womöglich ungewollt Heiterkeit hervorrufen können, wie sich ja oft selbst im erbarmungslosen Stahlgewitter des Schützengrabens die bizarrsten Possen ereignen, dennoch muss der Soldat freilich auch in ungewohnten Situationen bestimmte Automatismen zeigen, das ist der Sinn des Drills – wenn diese Automatismen fehlen, dann ist die ganze Armee keinen Pfifferling wert. Ich richtete mich auf, es fiel nicht ganz leicht, ich schien schon länger gelegen zu haben. Dennoch rückte ich den Rock gerade, reinigte notdürftig mit einigen wenigen, leichten Schlägen die Hosenbeine. Dann räusperte ich mich und fragte den Kameradschaftsführer:

»Wo ist Bormann?«

»Wer is’n ditte?«

Es war nicht zu fassen.

»Bormann! Martin!«

»Kenn ick nich.«

»Nie jehört.«

»Wie siehta’n aus?«

»Wie ein Reichsleiter, zum Donnerwetter!«

Irgendetwas war hier absolut ungewöhnlich. Ich befand mich zwar offenbar noch immer in Berlin, war jedoch augenscheinlich des gesamten Regierungsapparats beraubt. Ich musste dringend zurück in den Führerbunker, und, so viel schien mir klar, die anwesende Jugend konnte dabei keine große Hilfe sein. Zunächst galt es, den Weg zu finden. Das gesichtslose Areal, auf dem ich mich befand, konnte überall in der Stadt sein. Aber ich musste ja nur hinaus auf die Straße treten, in dieser anscheinend schon länger andauernden Feuerpause würden wohl Passanten, Berufstätige, Droschkenfahrer genug unterwegs sein, um mir den Weg zu weisen.

Vermutlich wirkte ich den Hitlerjungen nicht hilfsbedürftig genug, sie machten den Eindruck, als wollten sie ihr Fußballspiel wieder aufnehmen, jedenfalls wandte sich der größte nun zu seinen Kameraden um, wodurch ich seinen Namen lesen konnte, den ihm seine Mutter auf das geradezu grellbunte Sportleibchen gewirkt hatte.

»Hitlerjunge Ronaldo! Wo geht es zur Straße?«

Die Reaktion war dürftig, ich muss leider sagen, dass die Truppe so gut wie nicht aufmerkte, einer der beiden Kleineren zeigte jedoch im Gehen schwunglos mit dem Arm auf einen Winkel des Grundstücks, in dem sich bei näherer Betrachtung tatsächlich ein Durchgang andeutete. Ich machte mir im Geiste einen Vermerk im Sinne von »Rust entlassen« oder »Rust entfernen«, seit 1933 war der Mann im Amt, und gerade im Bildungswesen ist kein Platz für eine derart bodenlose Schlamperei. Wie soll ein junger Soldat den siegreichen Weg nach Moskau finden, in das Herz des Bolschewismus, wenn er nicht einmal seine eigenen Befehlshaber erkennt!

Ich bückte mich, hob meine Mütze auf und lief, sie aufsetzend, mit festem Schritte in die gewiesene Richtung. Es ging um eine Ecke, dann folgte ich einem schmalen Durchweg zwischen hohen Wänden, an dessen Ende das Licht der Straße leuchtete. Eine scheue Katze drängte sich an der Wand an mir vorbei, sie war bunt gefleckt und ungepflegt, dann tat ich noch vier, fünf Schritte und trat hinaus auf die Straße.

Mir stockte der Atem angesichts des gewaltigen Ansturms von Licht und Farbe.

Ich erinnerte mich, die Stadt zuletzt sehr staub- oder auch feldgrau wahrgenommen zu haben, auch mit erheblichen Trümmerbergen und Beschädigungen. Doch vor mir lag nichts dergleichen. Die Trümmer waren verschwunden oder zumindest sauber entfernt, die Straßen geräumt. Stattdessen standen an den Straßenrändern zahlreiche, ja zahllose bunte Wagen, die wohl Automobile sein mochten, aber sie waren kleiner, und dennoch schienen bei ihrem Entwurf überall die Messerschmitt-Werke federführend mitgewirkt zu haben, so fortschrittlich muteten sie an. Die Häuser waren sauber gestrichen, in unterschiedlichen Farben, die mich mitunter an Zuckerwerk in meiner Jugend erinnerten. Ich bekenne, mir wurde ein wenig schwindelig. Mein Blick suchte nach Vertrautem, ich sah eine schäbige Parkbank auf einem Grünstreifen jenseits der Fahrbahn, ich machte einige wenige Schritte, und ich schäme mich nicht zu sagen, dass sie womöglich etwas unsicher gewirkt haben können. Ich hörte ein Läuten, das Bremsen von Gummi auf Asphalt, und dann schrie mich jemand an.

»Sachma, geht’s noch, Alter! Biste blind?«

»Ich – ich bitte um Entschuldigung …«, hörte ich mich sagen, erschrocken und erleichtert zugleich. Neben mir stand ein Radfahrer, wenigstens dieser Anblick war mir vergleichsweise vertraut, doppelt zumal. Wir hatten nach wie vor Krieg, er trug zum Schutze einen von vorherigen Angriffen wohl stark beschädigten, eigentlich völlig durchlöcherten Helm.

»Wie läufst’n du überhaupt rum!«

»Ich – Verzeihung – ich … ich muss mich hinsetzen.«

»Du solltest dich eher mal hinlegen. Und zwar für länger!«

Ich rettete mich auf die Parkbank, ich werde wohl etwas blass gewesen sein, als ich mich darauf fallen ließ. Auch dieser jüngere Mann schien mich nicht erkannt zu haben. Es gab hier schon wieder keinen Deutschen Gruß, die Reaktion sah aus, als habe er nur fast einen x-beliebigen, herkömmlichen Passanten gerammt. Und dieser Schlendrian schien die allseits geübte Praxis zu sein: Ein älterer Herr ging an mir vorbei, kopfschüttelnd, eine voluminöse Dame mit einem futuristischen Kinderwagen – ein weiteres vertrautes Element, doch auch dies vermochte meine desperate Lage nicht auswegreicher zu gestalten. Ich hatte mich erhoben, war mit um Festigkeit bemühter Haltung an sie herangetreten.

»Verzeihung, es mag Sie überraschen, aber ich … benötige sofort den kürzesten Weg zur Reichskanzlei.«

»Sind Sie vom Stefan Raab?«

»Bitte?«

»Oder der Kerkeling? Einer von Harald Schmidt?«

Es mag an meiner Nervosität gelegen haben, dass ich etwas ungehalten wurde und sie am Arm packte.

»Reißen Sie sich zusammen, Frau! Sie haben Pflichten als Volksgenossin! Wir sind im Krieg! Was glauben Sie, was der Russe mit Ihnen macht, wenn er hierherkommt? Glauben Sie, der Russe wirft einen Blick auf Ihr Kind und sagt, oho, ein frisches deutsches Mädel, aber dem Kinde zuliebe will ich meine niederen Instinkte in meiner Hose lassen? Das Fortbestehen des Deutschen Volkes, die Reinheit des Blutes, das Überleben der Menschheit steht in diesen Stunden, diesen Tagen auf dem Spiel, wollen Sie vor der Geschichte das Ende der Zivilisation verantworten, nur weil Sie in Ihrer unglaublichen Beschränktheit nicht willens sind, dem Führer des Deutschen Reiches den Weg in seine Reichskanzlei zu weisen?«

Es überraschte mich beinahe nicht mehr, dass ich darauf keinerlei Reaktion erntete. Die Idiotin riss ihren Ärmel aus meiner Hand, sah mich entgeistert an und führte mit ihrer flachen Hand mehrere kreisförmige Bewegungen zwischen ihrem und meinem Kopf aus, eine deutlich missbilligende Geste. Es war nicht mehr zu bestreiten, irgendetwas war hier völlig außer Kontrolle geraten. Ich wurde nicht mehr wie ein Heerführer behandelt, wie ein Reichsführer. Die Fußballbuben, der ältere Herr, der Radfahrer, die Kinderwagenfrau – es konnte kein Zufall sein. Mein nächster Impuls war, die Sicherheitsorgane zu benachrichtigen, um die Ordnung wiederherstellen zu lassen. Doch ich zügelte mich. Ich wusste nicht genug über meine Situation. Ich brauchte mehr Informationen.

Eiskalt rekapitulierte mein jetzt wieder methodisch arbeitender Verstand die Sachlage. Ich war in Deutschland, ich war in Berlin, auch wenn es mir völlig unvertraut vorkam. Dieses Deutschland war anders, aber in einigen Dingen ähnelte es dem mir vertrauten Reich: Es gab noch Radfahrer, es gab Automobile, es gab also vermutlich auch Zeitungen. Ich sah mich um. In der Tat lag unter meiner Bank etwas, was einer Zeitung ähnelte, allerdings ein wenig zu aufwendig gedruckt. Das Blatt war farbig, mir vollkommen unvertraut, es hieß »Media Markt«, ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, etwas Derartiges genehmigt zu haben, und ich hätte es auch nie genehmigt. Die Informationen darin waren völlig unverständlich, Groll stieg in mir hoch, wie man in Zeiten der Papierknappheit mit so einem hirnlosen Dreck wertvolle Ressourcen des Volkseigentums unwiederbringlich verschleudern konnte. Funk konnte sich auf eine Standpauke gefasst machen, wenn ich wieder hinter meinem Schreibtisch saß. Aber jetzt brauchte ich zuverlässige Nachrichten, einen »Völkischen Beobachter«, einen »Stürmer«, ich wäre wohl sogar fürs Erste mit einem »Panzerbär« zufrieden gewesen. Tatsächlich befand sich unweit ein Kiosk, und sogar auf diese beträchtliche Entfernung hin war zu erkennen, dass er ein erstaunliches Angebot zu haben schien. Man hätte meinen können, wir säßen im tiefsten, faulsten Frieden! Ich erhob mich ungeduldig. Schon zu viel Zeit hatte ich verloren, es galt, rasch geordnete Verhältnisse wiederherzustellen. Die Truppe brauchte Befehle, womöglich wurde ich andernorts schon vermisst. Ich ging zügig auf den Kiosk zu.

Bereits ein erster näherer Blick gab interessante Aufschlüsse. Zahlreiche bunte Blätter hingen an der Außenwand, in türkischer Sprache. Offenbar verkehrten hier jüngst viele Türken. Mir musste in meiner Bewusstlosigkeit eine längere Zeitspanne entgangen sein, in der sich viele Türken nach Berlin begeben hatten. Das war bemerkenswert. Zuletzt war der Türke, ein im Grunde treuer Gehilfe des Deutschen Volkes, trotz erheblicher Bemühungen stets neutral geblieben, zum Kriegseintritt an der Seite des Reiches war er nie zu bewegen gewesen. Es schien nun aber so, dass während meiner Abwesenheit wohl jemand, wahrscheinlich Dönitz, den Türken überzeugt haben musste, uns zu unterstützen. Und die eher friedliche Stimmung auf der Straße ließ darauf schließen, dass der türkische Einsatz offenbar sogar eine kriegsentscheidende Wende herbeigeführt hatte. Ich staunte. Gewiss, ich hatte den Türken stets respektiert, aber derartige Leistungen hatte ich ihm nie zugetraut, andererseits hatte ich die Entwicklung des Landes aus Zeitmangel nicht detailliert verfolgen können. Die Reformen des Kemal Atatürk mussten dem Land einen geradezu sensationellen Schub verliehen haben. Es schien das Wunder gewesen zu sein, an das auch Goebbels stets seine Hoffnungen geklammert hatte. Mein Herz schlug mir nun voll heißer Zuversicht. Es hatte sich ausbezahlt, dass ich, dass das Reich auch in der Stunde der vermeintlich tiefsten Dunkelheit niemals den Glauben an den Endsieg aufgegeben hatte. Vier, fünf unterschiedliche türkischsprachige Publikationen in bunter Farbe legten ein unübersehbares Zeugnis ab von dieser neuen, von einer erfolgreichen Achse Berlin-Ankara. Nun, da meine größte Sorge, die Sorge um das Wohl des Reiches, auf so überraschende Weise gelindert schien, nun musste ich nur noch herausfinden, wie viel Zeit ich wohl in diesem merkwürdigen Dämmer auf dem brachliegenden Areal zwischen den Häusern verloren hatte. Der »Völkische Beobachter« war nicht zu sehen, er war vermutlich ausverkauft, ich warf daher einen Blick auf das nächste, vertrauter wirkende Blatt, eine sogenannte »Frankfurter Allgemeine Zeitung«. Sie war mir neu, doch verglichen mit manchem anderen, was dort hing, erfreute mich die vertrauenerweckende Schrift der Titelzeile. Keinen Blick verschwendete ich auf die Meldungen, ich suchte das Tagesdatum.

Dort stand der 30. August.

2011.

Ich blickte auf die Zahl, fassungslos, ungläubig. Ich wandte den Blick zu einem anderen Blatte, der »Berliner Zeitung«, auch diese versehen mit einem tadellosen deutschen Schriftzug, und suchte das Datum.

2011.

Ich zerrte die Zeitung aus dem Halter, ich öffnete sie, ich schlug die nächste Seite auf, die übernächste.

2011.

Ich sah, wie die Zahl zu tanzen begann, höhnisch fast. Sie bewegte sich langsam nach links, dann rascher nach rechts, dann noch rascher wieder zurück, dem Schunkeln gleich, wie es bei den Volksmassen im Bierzelt beliebt ist. Mein Auge versuchte ihr zu folgen, sie zu fassen, dann entglitt mir die Zeitung. Ich spürte, wie ich vornübersank, ich suchte vergeblich Halt an den anderen Zeitungen im Regal, ich klammerte mich an den verschiedenen Blättern entlang zu Boden.

Dann wurde mir schwarz vor Augen.

ii.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden. Jemand legte mir etwas Feuchtes auf die Stirn.

»Geht es Ihnen gut?«

Über mich gebeugt war ein Mann, er mochte fünfundvierzig Jahre alt sein, vielleicht auch über fünfzig. Er trug ein kariertes Hemd, eine schlichte Hose, wie sie der Arbeiter trägt. Diesmal wusste ich, welche Frage ich zuerst stellen würde.

»Welches Datum haben wir?«

»Den mmmh – 29. August. Nein, halt, den 30.«

»Welches Jahr, Mann«, krächzte ich, mich aufsetzend. Der feuchte Lappen fiel mir unschön in den Schoß.

Der Mann sah mich stirnrunzelnd an.

»2011«, sagte er und musterte meinen Rock, »was haben Sie gedacht? 1945?«

Ich suchte nach einer passenden Entgegnung, richtete mich dann aber lieber auf.

»Sie sollten vielleicht noch etwas liegen bleiben«, sagte der Mann, »oder sich hinsetzen. Ich habe einen Sessel im Kiosk.«

Ich wollte zunächst sagen, dass ich für Entspannung keine Zeit hatte, musste aber einsehen, dass meine Beine noch zu sehr zitterten. Also folgte ich ihm in seinen Kiosk. Er selbst nahm auf einem Stuhl in der Nähe des kleinen Verkaufsfensters Platz und sah mich an.

»Ein Schluck Wasser? Brauchen Sie etwas Schokolade? Einen Müsliriegel?«

Ich nickte, benommen. Er stand auf, holte eine Flasche Sprudel und goss mir davon in ein Glas. Aus einem Regal nahm er einen bunten Riegel, wohl eine Art eiserner Ration, in farbige Folie gehüllt. Er öffnete die Folie, entblößte etwas, das aussah wie industriell verpresstes Korn, und drückte es mir in die Hand. Die Versorgungsengpässe mit Brot schienen noch nicht behoben.

»Sie sollten mehr frühstücken«, sagte er. Dann setzte er sich wieder hin. »Drehen Sie hier irgendwo?«

»Drehen …?«

»Na, eine Dokumentation. Einen Film. Hier wird ja ständig irgendwas gedreht.«

»Film …?«

»Mensch, Sie sind ja ganz schön beieinander.« Er lachte und wies mit der Hand auf mich. »Oder laufen Sie immer so herum?«

Ich sah an mir herab. Ich konnte nichts Ungewöhnliches feststellen, natürlich abgesehen von dem Staub und dem Benzingeruch.

»Eigentlich schon«, sagte ich.

Es konnte freilich sein, dass ich im Gesichte verletzt war. »Haben Sie einen Spiegel?«, fragte ich.

»Sicher«, sagte er und zeigte darauf, »neben Ihnen, gleich über dem ›Focus‹.«

Ich folgte seinem Finger. Der Spiegel war orangefarben gerahmt, »Der Spiegel« hatte er sicherheitshalber darauf geschrieben, als ob man es sonst nicht gewusst hätte. Er steckte mit dem unteren Drittel zwischen irgendwelchen Magazinen. Ich sah hinein.

Mein Spiegelbild sah überraschend tadellos aus, sogar mein Rock wirkte gebügelt – vermutlich herrschte im Kiosk ein schmeichelhaftes Licht.

»Wegen der Titelstory?«, fragte der Mann. »Die haben doch auf jedem dritten Heft so eine Hitlergeschichte. Ich glaube, Sie müssen sich nicht noch intensiver vorbereiten. Sie sind gut.«

»Danke«, sagte ich abwesend.

»Nein, wirklich«, meinte er, »ich habe den ›Untergang‹ gesehen. Zweimal. Bruno Ganz, der Mann war exzellent, aber an Sie kommt er nicht ran. Die ganze Haltung … man könnte meinen, Sie wären es.«

Ich blickte auf: »Ich wäre was?«

»Na, als wären Sie der Führer.« Dabei hob er beide Hände, er legte Mittel- und Zeigefinger jeweils zusammen, krümmte sie vornüber und zuckte mit ihnen zweimal auf und ab. Ich mochte es kaum glauben, aber es schien so, dass dies nach sechsundsechzig Jahren alles war, was vom einstmals strammen Deutschen Gruß noch existierte. Es war erschütternd, aber immerhin ein Zeichen, dass mein politisches Wirken zwischenzeitlich nicht vollkommen folgenlos geblieben war.

Ich klappte den Arm zurück, den Gruß erwidernd: »Ich bin der Führer!«

Er lachte wieder: »Wahnsinn, das wirkt so natürlich.«

Ich konnte mich mit seiner penetranten Heiterkeit nicht recht befassen. Mir wurde meine Lage nach und nach bewusst. Wenn dies kein Traum war – und dafür dauerte es deutlich zu lange –, dann befand ich mich tatsächlich im Jahre 2011. Dann war ich also in einer Welt, die mir völlig neu war, und ich musste annehmen, dass ich umgekehrt auch für diese Welt ein neues Element darstellte. Wenn diese Welt auch nur ansatzweise logisch funktionierte, dann erwartete sie von mir, entweder 122 Jahre alt zu sein oder, was wahrscheinlicher war, seit Langem tot.

»Spielen Sie auch andere Sachen?«, fragte er. »Habe ich Sie schon mal gesehen?«

»Ich spiele nicht«, antwortete ich, wohl etwas barsch.

»Natürlich nicht«, sagte er und machte ein merkwürdig ernstes Gesicht. Dann zwinkerte er mir zu. »Wo treten Sie auf? Haben Sie ein Programm?«

»Selbstverständlich«, entgegnete ich, »seit 1920! Sie werden als Volksgenosse ja wohl die 25 Punkte kennen.«

Er nickte eifrig.

»Trotzdem, ich hab Sie noch nirgends gesehen. Haben Sie einen Flyer? Oder eine Karte?«

»Leider nein«, sagte ich betrübt, »die Karte ist im Lagezentrum.«

Ich versuchte mir darüber klar zu werden, was ich als Nächstes tun musste. Es schien einleuchtend, dass auch in der Reichskanzlei, dass selbst im Führerbunker ein 56-jähriger Führer auf Unglauben stoßen konnte, ja sicher stoßen würde. Ich musste Zeit gewinnen, meine Optionen analysieren. Ich brauchte eine Bleibe. Mir wurde plötzlich schmerzlich bewusst, dass ich keinen Pfennig Geld in der Tasche hatte. Für einen Moment erinnerte ich mich unangenehm an die Zeit im Männerwohnheim, 1909. Sie war notwendig gewesen, gewiss, sie hatte mir Einblicke verschafft, wie sie keine Universität der Welt vermitteln kann, und dennoch, es war diese Phase der Entbehrungen keine Zeit gewesen, die ich genossen hätte. Die finsteren Monate schossen mir durch den Kopf, die Missachtung, die Geringschätzung, die Unsicherheit, das Bangen um das Nötigste, das trockene Brot. Grüblerisch, abwesend biss ich in das seltsame Folienkorn.

Es schmeckte erstaunlicherweise süß. Ich musterte das Produkt.

»Ich mag die auch«, sagte der Zeitungskrämer, »wollen Sie noch einen?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte jetzt größere Probleme. Es galt, das schlichteste, das primitivste tägliche Auskommen zu sichern. Ich brauchte Unterkunft, etwas Geld, bis ich weitere Klarheit gewonnen haben würde, ich brauchte vielleicht eine Arbeit, wenigstens vorübergehend, bis ich wusste, ob und wie ich wieder meine Regierungstätigkeit würde aufnehmen können. Bis dahin war eine Form des Broterwerbs nötig. Vielleicht als Maler, vielleicht in einem Architekturbüro. Selbstverständlich war ich mir fürs Erste auch nicht zu schade zu körperlicher Arbeit. Natürlich wären meine Kenntnisse für das Deutsche Volk bei einem Feldzug vorteilhafter eingesetzt gewesen, aber in Unkenntnis der aktuellen Lage war das illusionär. Ich wusste ja nicht einmal, mit wem das Deutsche Reich überhaupt gerade eine gemeinsame Grenze hatte, wer sie zu verletzen suchte, gegen wen man zurückschießen konnte. Insofern musste ich mich wohl zunächst mit dem Einbringen der Fähigkeiten meiner Hände bescheiden, vielleicht beim Bau eines Aufmarschgeländes oder eines Autobahnabschnitts.

»Jetzt mal im Ernst«, drang die Stimme des Zeitungskrämers an mein Ohr. »Sie sind noch Amateur? Mit der Nummer?«

Das wiederum fand ich reichlich flegelhaft. »Ich bin kein Amateur!«, beschied ich ihm mit Nachdruck. »Ich bin doch keiner von diesen bürgerlichen Faulpelzen!«

»Nein, nein«, beschwichtigte der Mann, der mir im Grunde seines Herzens recht ehrlich zu scheinen begann. »Ich meine, was machen Sie denn beruflich?«

Tja, was machte ich beruflich? Was sollte ich angeben?

»Ich … ich habe mich momentan etwas … zurückgezogen«, umschrieb ich vorsichtig meine Lage.

»Verstehen Sie mich nicht falsch«, eiferte der Krämer, »aber wenn Sie wirklich noch nicht … das ist doch unglaublich! Ich meine, hier kommen öfter welche vorbei, die ganze Stadt ist voller Agenturen, voller Filmfritzen, Fernsehfiguren, die freuen sich immer über einen Tipp, über ein neues Gesicht. Und wenn Sie keine Karte haben – ich meine, wo erreiche ich Sie denn? Haben Sie eine Telefonnummer? E-Mail?«

»Äh …«

»Oder wo wohnen Sie?«

Damit traf er einen wahrlich wunden Punkt. Andererseits schien er nichts Unehrenhaftes im Schilde zu führen. Ich beschloss, es zu riskieren.

»Das mit der Wohnung ist derzeit etwas … wie soll ich sagen … ungeklärt …«

»Na ja, oder vielleicht haben Sie eine Freundin, bei der Sie wohnen?«

Für einen Moment dachte ich an Eva. Wo mochte sie wohl sein?

»Nein«, murmelte ich ungewohnt niedergeschlagen, »eine Gefährtin habe ich nicht. Mehr.«

»Ouh«, sagte der Krämer, »verstehe. Die Sache ist wohl noch recht frisch.«

»Ja«, bekannte ich, »das alles hier ist … recht frisch für mich.«

»Lief nicht mehr gut in letzter Zeit, hm?«

»Das ist wohl zutreffend«, nickte ich, »der Entsatzangriff der Gruppe Steiner ist unverzeihlicherweise ausgeblieben.«

Er sah mich irritiert an: »Mit Ihrer Freundin, meinte ich. Wer war schuld?«

»Ich weiß nicht«, bekannte ich, »letzten Endes wohl Churchill.«

Er lachte. Dann sah er mich längere Zeit nachdenklich an.

»Ihre Einstellung gefällt mir. Passen Sie auf, ich mach Ihnen einen Vorschlag.«

»Einen Vorschlag?«

»Ich weiß ja nicht, was Sie für Ansprüche haben. Aber wenn Sie nichts Besonderes brauchen, dann können Sie ein oder zwei Nächte hier übernachten.«

»Hier?« Ich sah mich im Kiosk um.

»Können Sie sich das Adlon leisten?«

Da hatte er wohl recht. Ich sah betreten zu Boden.

»Sie sehen mich – praktisch mittellos …«, gab ich zu.

»Na also. Ist ja auch kein Wunder, wenn Sie sich mit Ihrem Können nicht nach draußen wagen. Sie dürfen sich nicht verstecken.«

»Ich habe mich nicht versteckt!«, protestierte ich. »Das lag am Bombenhagel!«

»Jaja«, winkte er ab, »also noch mal: Sie bleiben ein, zwei Tage hier, und ich spreche mal ein, zwei Kunden von mir an. Die neue ›Theater heute‹ ist gestern gekommen und eines von den Filmblättern, das holen die jetzt nach und nach alle ab. Vielleicht kriegen wir was hin. Ehrlich, eigentlich müssten Sie nicht mal was können, die Uniform allein haben Sie schon super hinbekommen …«

»Das heißt, ich bleibe jetzt hier?«

»Fürs Erste. Tagsüber bleiben Sie bei mir, falls jemand kommt, kann ich Sie gleich vorstellen. Und wenn niemand kommt, hab ich wenigstens was zu lachen. Oder haben Sie was anderes zum Unterkommen?«

»Nein«, seufzte ich, »das heißt, bis auf den Führerbunker …«

Er lachte. Dann hielt er inne.

»Sagen Sie, Sie räumen mir doch den Kiosk nicht aus?«

Ich sah ihn empört an: »Sehe ich aus wie ein Verbrecher?«

Er sah mich an: »Sie sehen aus wie Adolf Hitler.«

»Eben«, sagte ich.

iii.

Die nächsten Tage und Nächte sollten für mich zu einer schweren Prüfung werden. Unter unwürdigsten Umständen, notdürftig beherbergt zwischen fragwürdigen Veröffentlichungen, Tabakwaren, Naschwerk und Getränkedosen, nachts auf einem leidlich, aber nicht übermäßig sauberen Sessel gekrümmt, musste ich die Ereignisse der letzten sechsundsechzig Jahre nachholen, ohne dabei ungünstige Aufmerksamkeit zu erregen. Denn während andere sich wohl stundenlang, tagelang fruchtlos den Kopf zermartert hätten mit naturwissenschaftlichen Verständnisfragen, mit der vergeblichen Lösung des Rätsels über diese ebenso fantastische wie unerklärliche Zeitreise, war mein methodisch denkender Verstand zuverlässig in der Lage, sich den Gegebenheiten anzupassen. Statt wehleidigen Lamentierens nahm er die neuen Fakten hin und erkundete die Lage. Zumal – um den Ereignissen kurz vorzugreifen – die veränderten Bedingungen erheblich mehr und bessere Möglichkeiten zu bieten schienen. So sollte sich etwa herausstellen, dass innerhalb der letzten sechsundsechzig Jahre die Anzahl sowjetrussischer Soldaten auf deutschem Reichsgebiet und insbesondere im Großraum Berlin beträchtlich zurückgegangen war. Man ging nun von einer Zahl zwischen etwa dreißig und fünfzig Mann aus, worin ich blitzartig für die Wehrmacht eine außerordentlich verbesserte Erfolgsaussicht erkennen konnte verglichen mit der letzten Schätzung meines Generalstabs von etwa 2,5 Millionen gegnerischen Soldaten allein an der Ostfront.

So spielte ich auch nur für einen kurzen Moment mit dem Gedanken, Opfer eines Komplotts geworden zu sein, einer Entführung, im Verlauf derer der feindliche Geheimdienst mir möglicherweise einen aufwendigen Streich spielte, um mir so gegen meinen eisernen Willen wertvolle Geheimnisse zu entlocken. Allein die technischen Erfordernisse, eine völlig neue Welt zu schaffen, in der ich mich ja auch noch frei bewegen konnte – diese Variante der Realität war schier noch undenkbarer als die Wirklichkeit, die ich in jeder Sekunde vorfand, mit Händen greifen, mit Augen sehen konnte. Nein, in diesem bizarren Hier und Jetzt galt es den Kampf zu führen. Und der erste Schritt zum Kampfe ist noch stets die Aufklärung.

Man kann sich unschwer vorstellen, dass die Beschaffung verlässlicher neuester Informationen ohne die nötige Infrastruktur beträchtliche Probleme bereitete. Die Voraussetzungen dazu waren denkbar schlecht: In außenpolitischer Hinsicht standen mir weder die Abwehr noch das Auswärtige Amt zur Verfügung, innenpolitisch war ein Kontakt zur Geheimen Staatspolizei vorerst nicht leicht umzusetzen. Auch der Besuch einer Bibliothek schien mir in der allernächsten Zeit zu riskant. Insofern war ich auf die Inhalte zahlreicher Publikationen angewiesen, deren Vertrauenswürdigkeit ich freilich nicht überprüfen konnte, sowie auf Äußerungen und Gesprächsfetzen von Passanten. Zwar hatte der Zeitungskrämer mir freundlicherweise den Betrieb eines Radioapparates ermöglicht, der aufgrund der zwischenzeitlichen Fortschritte der Technik zu unfassbar geringem Umfange geschrumpft war – allein, es hatten sich die Gepflogenheiten des Großdeutschen Rundfunks seit 1940 erschütternd geändert. Direkt nach dem Einschalten ertönte ein infernalischer Lärm, häufig unterbrochen von unfassbarem, vollkommen unverständlichem Geschwätz. Am Inhalt änderte sich in der Fortdauer nichts, allein die Häufigkeit des Wechsels zwischen Getöse und Geschwätz nahm zu. Ich entsinne mich minutenlanger vergeblicher Versuche, den Lärm des technischen Wunderwerks zu entschlüsseln, dann schaltete ich entsetzt ab. Ich saß wohl eine Viertelstunde reglos, beinahe schockstarr, bevor ich beschloss, meine Rundfunkbemühungen fürs Erste zurückzustellen. Insofern blieb ich letzten Endes auf die verfügbaren Presseerzeugnisse zurückgeworfen, deren vorrangigstes Ziel eine wahrhafte geschichtliche Aufklärung nie gewesen ist und selbstverständlich auch heute nicht sein konnte.

Eine erste Bestandsaufnahme, die zweifellos unvollständig bleiben musste, sah wie folgt aus:

 

  1. Der Türke war uns offenbar doch nicht zu Hilfe gekommen.
  2. Angesichts der siebzigsten Wiederkehr des Unternehmens Barbarossa wurde mehrfach vor allem über diesen Aspekt deutscher Geschichte berichtet. Dabei wurde die Operation in einem insgesamt negativen Lichte gezeigt. Es wurde allgemein behauptet, der Feldzug sei nicht siegreich gewesen, ja der gesamte Krieg sei nicht gewonnen worden.
  3. Ich selbst galt tatsächlich als tot. Es wurde mir unterstellt, ich hätte Selbstmord begangen. Und gewiss, ich erinnere mich, diese Möglichkeit theoretisch im Kreise der Vertrauten erörtert zu haben, und sicher fehlten mir in der Erinnerung einige Stunden einer gewiss schweren Zeit. Aber letzten Endes musste ich nur an mir herabsehen, um die Tatsachen zu erkennen. War ich denn tot? Aber man weiß ja, was man von unseren Zeitungen zu halten hat. Da notiert der Schwerhörige, was ihm der Blinde berichtet, der Dorftrottel korrigiert es, und die Kollegen in den anderen Pressehäusern schreiben es ab. Jede Geschichte wird von Neuem aufgegossen mit demselben abgestandenen Lügensud, um dann anschließend das »herrliche« Gebräu dem ahnungslosen Volke zu kredenzen. Wenn ich auch in diesem Falle bereit war, durchaus so etwas wie Nachsicht walten zu lassen. Dass das Schicksal derart bemerkenswert in sein eigenes Räderwerk hineingreift, das kommt so selten vor, dass es selbst für die klügsten Köpfe schwer zu begreifen sein muss, geschweige denn für den durchschnittlichen Vertreter unserer so genannten Meinungsveröffentlicher.
  4. Was aber alle anderen Sachverhalte anging, galt es, dem Gehirn den Magen eines Wildschweins angedeihen zu lassen. Die militärischen, militärhistorischen, politischen und ganz allgemein jegliches Thema bis hin zu Wirtschaft betreffenden Fehleinschätzungen der Presse, unterlaufen aus Ahnungslosigkeit oder Böswilligkeit, galt es zu ignorieren, ein denkender Mensch musste sonst schlichtweg wahnsinnig werden angesichts von so viel gedruckter Dummheit.
  5. Oder ein Magengeschwür bekommen, so gottlos verblödet schmierten die syphilitisch degenerierten Gehirne der offenbar von jeder staatlichen Kontrolle befreiten Hetzpresse sich ihr zusammenphantasiertes Weltbild zurecht.
  6. Das Deutsche Reich schien einer sogenannten »Bundesrepublik« gewichen, deren Leitung allem Anschein nach einer Frau oblag (»Bundeskanzlerin«), allerdings auch schon anderen Herren anvertraut worden war.
  7. Es gab wieder Parteien und freilich das damit unfehlbar einhergehende unproduktive Gezänk. Die schier unausrottbare Sozialdemokratie trieb erneut ihr fruchtloses Unwesen auf dem Rücken des leidgeprüften deutschen Volkes, andere Vereine schmarotzten vom Volksreichtum wiederum auf ihre Weise, eine Wertschätzung ihrer »Arbeit« blieb – was verblüffen mag – sogar in der sonst so wohlgesinnten Lügenpresse größtenteils aus. Aktivitäten der NSDAP fanden hingegen nicht mehr statt, es war möglich, dass angesichts einer nicht auszuschließenden Niederlage in der Vergangenheit die Siegermächte die Parteiarbeit erschwert hatten, wenn nicht die Organisation sogar in die Illegalität gedrängt worden war.
  8. Der »Völkische Beobachter« war nicht überall erhältlich, der Kiosk des offenbar wohl doch reichlich liberalen Zeitungskrämers jedenfalls führte ihn nicht, wie bei ihm auch überhaupt keinerlei deutschnational orientierte Publikationen auslagen.
  9. Das Reichsgebiet schien deutlich verringert, die umgebenden Staaten waren jedoch weitgehend die gleichen geblieben, sogar Polen führte seine widernatürliche Existenz offenbar unvermindert fort, teilweise sogar auf ehemaligem Reichsgebiet! Bei aller Nüchternheit konnte ich an dieser Stelle eine gewisse Empörung nicht unterdrücken, im ersten Moment rief ich doch tatsächlich in das Dunkel des nächtlichen Kiosks hinein aus: »Da hätte ich mir den ganzen Krieg ja schenken können!«
  10. Die Reichsmark war kein Zahlungsmittel mehr, obgleich das von mir angestrebte Konzept, sie zur europaweit gültigen Währung zu erheben, offenbar von anderen verwirklicht worden war, vermutlich von irgendwelchen ahnungslosen Dilettanten aufseiten der Siegermächte. Forderungen wurden jedenfalls momentan in einer Kunstwährung namens »Euro« beglichen, die freilich erwartungsgemäß von größtem Misstrauen begleitet wurde. Wer immer das veranlasst hatte, ich hätte es ihm gleich sagen können.
  11. Es schien eine Art Teilfrieden zu geben, doch die Wehrmacht befand sich nach wie vor im Krieg, sie hieß allerdings inzwischen »Bundeswehr« und war in einem beneidenswerten Zustand, ohne Zweifel bedingt durch den technischen Fortschritt. Wenn man den veröffentlichten Zahlen glauben durfte, war von einer praktischen Unverwundbarkeit des deutschen Soldaten im Felde auszugehen, Verluste traten nur mehr vereinzelt auf. Man kann sich meinen Kummer vorstellen, als ich aufstöhnend an mein eigenes, tragisches Los dachte, an die bitteren Nächte im Führerbunker, gramgebeugt über den Karten im Lagezentrum brütend, ringend mit einer feindseligen Welt und mit dem Schicksal: Damals verbluteten an zahlreichen Fronten noch über 400000 Soldaten, und das allein im Januar 1945 – mit dieser fabelhaften Truppe von heute hätte ich Eisenhowers Armeen fraglos ins Meer gefegt, Stalins Horden wären in wenigen Wochen am Ural und Kaukasus zerquetscht worden wie Maden. Es war dies eine der wenigen wirklich guten Nachrichten, die mich erreichten: Die künftige Eroberung von Lebensraum im Norden, Osten, Süden, Westen schien mir mit jener neuen Wehrmacht kaum weniger Erfolg versprechend als mit der alten. Verantwortlich dafür schien im Übrigen die kürzlich erfolgte Reform eines jungen Ministers, der wohl das Format eines Scharnhorst besaß, allerdings aufgrund einer Intrige so missgünstiger wie engstirniger Universitätsgelehrter das Feld hatte räumen müssen. Es schien wohl heute genauso zu sein wie damals an der Wiener Akademie, an der ich weiland hoffnungsvoll meine Entwürfe und Zeichnungen einreichte: Vom Neide zerfressen hemmen die Kleingeister noch stets das frische, unverzagt auftrumpfende Genie, weil sie es nicht ertragen können, dass dessen Glanz das Glimmen ihrer eigenen Mitleid erregenden Lichtlein so deprimierend deutlich überstrahlt.

Na ja.

Angesichts dieser allgemein recht gewöhnungsbedürftigen Umstände konnte ich aber zugleich nicht unzufrieden feststellen, dass zumindest vorerst keine akute Gefahr herrschte, obzwar es Unannehmlichkeiten gab. Wie es einem kreativen Geist zukommt, pflegte ich zuletzt lange zu arbeiten, aber auch lange zu ruhen, um die gewohnte Frische und Reaktionsschnelligkeit beibehalten zu können. Der Zeitungskrämer hingegen pflegte berufsbedingt schon am frühesten Morgen seinen Kiosk zu eröffnen, weshalb auch ich, der ich oft meine Studien bis weit in die frühen Morgenstunden ausgedehnt hatte, mit erfrischendem Schlaf ab dieser Uhrzeit nicht mehr rechnen konnte. Verschärfend kam hinzu, dass dieser Mensch schon morgens ein geradezu enervierendes Redebedürfnis hatte, wohingegen ich zu dieser Zeit üblicherweise einer gewissen Findungsphase bedarf. Schon am ersten Morgen betrat er geradezu schwungvoll den Kiosk mit dem Ausruf:

»Na, mein Führer, wie war die Nacht?«

Und dabei riss er ohne die geringste Verzögerung seine Verkaufsöffnung auf, worauf ein besonders grelles Licht den Kiosk blendend erhellte. Ich stöhnte auf, kniff die gepeinigten Augen zu, mühte mich, mir die Umstände meines Aufenthalts ins Gedächtnis zu rufen. Im Führerbunker war ich nicht, das stand mir sofort wieder in aller Deutlichkeit vor Augen. Ansonsten hätte ich diesen Trampel sofort standrechtlich erschießen lassen können. Dieser morgendliche Terror war ohne Wenn und Aber die reinste Wehrkraftzersetzung. Dennoch hielt ich an mich, wurde meiner neuen Situation gewahr, ja sprach mir selbst beruhigend zu, dass dieser Kretin aufgrund seines Broterwerbs wohl keine Alternative hatte und es auf seine tölpelhafte Weise wahrscheinlich sogar gut mit mir zu meinen glaubte.

»Auf geht’s«, krähte der Krämer nun, »kommen Sie, helfen Sie mir mal!« Und dabei deutete er nickend mit seinem Kopf auf etliche transportable Zeitschriftenhalter, von denen er einen bereits nach außen schob.

Ich quälte mich seufzend hoch, um, noch immer ermüdet, seinem Wunsche zu folgen. Es war schon paradox: Vorgestern hatte ich noch die 12. Armee verschoben, heute waren es Regale. Mein Blick fiel auf das neue Heft von »Wild und Hund«. Manches gab es also immer noch. Und obwohl ich nie ein leidenschaftlicher Jäger gewesen bin, im Gegenteil die Jagd schon immer eher kritisch betrachtet habe, packte mich doch in jenem Augenblick kurz die Sehnsucht, diesem seltsamen Alltag zu entfliehen, mit einem Hund durch die Natur zu streifen, in der Natur Auge in Auge mit der Kreatur das Werden und Vergehen der Welt zu verfolgen … Dann riss ich mich aus meinen Träumereien. In wenigen Minuten richteten wir nun gemeinsam seinen Kiosk zum Verkaufe her. Der Krämer holte zwei Klappstühle heraus und stellte sie vor dem Häuschen in die Sonne. Er bot mir einen Platz an, holte eine Zigarettenschachtel aus der Hemdtasche, klopfte einige Zigaretten aus der Öffnung und hielt sie mir hin.

»Ich rauche nicht«, schüttelte ich den Kopf, »doch danke.«

Er nahm eine Zigarette, steckte sie in seinen Mund, holte ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche und entzündete sie. Er sog den Rauch ein, ließ ihn dann genussvoll ausströmen und sagte:

»Ahhh – und jetzt ein Kaffee! Für Sie auch? Das heißt, wenn Sie mögen – ich habe hier nur Pulverkaffee.«

Das war nicht überraschend. Natürlich blockierte der Engländer nach wie vor die Seewege, dieses Problem hatte ich zur Genüge kennenlernen »dürfen«, es war nur verständlich, dass in meiner Abwesenheit die wie auch immer geartete oder benannte neue Reichsführung mit der Lösung überfordert gewesen sein musste – und es noch immer war. Die tapfere, leidensfähige deutsche Bevölkerung musste also wie seit so langer Zeit mit Ersatzmitteln arbeiten. Muckefuck hatte man den Kaffeeersatz wohl genannt, und mir fiel sofort auch wieder der pappsüße Presskornriegel ein, der hier notgedrungen in der Rolle des guten deutschen Brotes dilettieren musste. Und der bedauernswerte Zeitungskrämer schämte sich vor seinem Gast, weil er im Würgegriff der britischen Parasiten der Menschheit nichts Besseres anzubieten hatte. Es war schier empörend. Eine Welle der Rührung stieg in mir hoch.

»Sie können nichts dafür, guter Mann«, beruhigte ich ihn, »ich bin ohnehin kein Liebhaber des Kaffees. Für ein Glas Wasser wäre ich jedoch dankbar.«

So verbrachte ich meinen ersten Morgen in dieser seltsamen neuen Zeit an der Seite des rauchenden Zeitungskrämers, begleitet vom festen Vorsatz, so lange die Bevölkerung zu studieren und aus ihrem Verhalten neue Erkenntnisse zu gewinnen, bis möglicherweise der Krämer aufgrund seiner angedeuteten Beziehungen tatsächlich eine kleine Tätigkeit für mich vermitteln konnte.

Die ersten Stunden am Kiosk gehörten den einfachen Arbeitern und den Rentnern. Sie redeten nicht viel, kauften Rauchwaren, die Morgenzeitung, vor allem eine Zeitung namens »Bild« war sehr beliebt, gerade auch bei Älteren, ich nahm an, weil der Verleger eine unerhört große Schrift bevorzugte, damit auch Menschen mit Sehschwäche nicht auf Informationen zu verzichten brauchten. Eine ausgezeichnete Idee, musste ich im Stillen zugeben, daran hatte nicht einmal der eifrige Goebbels gedacht – mit dieser Maßnahme hätten wir ohne Zweifel noch mehr Begeisterung in diesen Bevölkerungsgruppen entfachen können. Gerade den älteren Volkssturmleuten hatte es in den letzten von mir erlebten Kriegstagen an Schwung, Durchhaltewillen und Opferbereitschaft gemangelt, wer konnte ahnen, dass so einfache Mittel wie eine größere Schrift so viel Wirkung erzielten?

Andererseits: Es hatte ja auch Papier gefehlt. Dieser Funk war doch alles in allem ein unheilbarer Trottel gewesen.

Meine Anwesenheit vor dem Kiosk führte allmählich zu ersten Problemen. Gelegentlich gab es zwar, gerade unter den jüngeren Arbeitern, Heiterkeit, häufiger auch Anerkennung, die in den Worten »kuhl« und »krass« ausgedrückt wurde, unverständlich, gewiss, aber das Mienenspiel ließ auf einen unleugbaren Respekt schließen.

»Gut, nicht wahr«, strahlte da der Zeitungskrämer den Kunden an, »da merkt man keinen Unterschied, oder?«

»Nee«, sagte der Kunde, ein Arbeiter, er mochte Mitte zwanzig sein, und faltete seine Zeitung. »Aber darf man denn das?«

»Was?«, fragte der Krämer.

»Na, in der Uniform.«

»Was gibt es am deutschen Soldatenrock auszusetzen?«, fragte ich argwöhnisch und auch mit leichtem Ärger im Tonfall.

Der Kunde lachte, vermutlich, um mich zu beschwichtigen.

»Der ist wirklich gut. Nein, ich meine, Sie machen das ja wohl beruflich, aber braucht man da eine Sondererlaubnis, wenn man die ständig in der Öffentlichkeit trägt?«

»Das wäre ja noch schöner!«, gab ich empört zurück.

»Ich meine ja nur«, sagte er etwas eingeschüchtert, »wegen der Verfassung …«

Das gab mir zu denken. Er meinte es nicht böse, und tatsächlich war die Verfassung meiner Uniform nicht die beste.

»Gut, sie ist etwas schmutzig«, gab ich leicht geknickt zu, »aber selbst schmutzig ist das Kleid des Soldaten noch immer von größerer Ehre als jeder saubere Frack des verlogenen Diplomatentums!«

»Warum soll die verboten sein?«, fragte der Zeitungskrämer nüchtern, »ist doch kein Hakenkreuz dran.«

»Was soll denn das nun wieder heißen?«, schrie ich da erbost. »Sie werden ja wohl auch so wissen, in welcher Partei ich bin!«

Der Kunde verabschiedete sich mit einem Kopfschütteln. Als er weg war, bat der Zeitungskrämer mich, wieder Platz zu nehmen, und wandte sich ruhig an mich.

»Er hat nicht ganz unrecht«, sagte er freundlich. »Die Kunden gucken schon seltsam. Ich weiß ja, dass Sie Ihre Arbeit sehr ernst nehmen. Aber könnten Sie nicht wirklich was anderes anziehen?«

»Ich soll mein Leben, meine Arbeit, mein Volk verleugnen? Das können Sie nicht von mir verlangen«, sagte ich und sprang wieder auf. »Ich werde diese Uniform tragen bis zum letzten Blutstropfen. Ich werde die Opfer der Bewegung nicht durch erbärmlichen Verrat ein zweites Mal von hinten erdolchen wie Brutus den Cäsar …«

»Müssen Sie eigentlich immer gleich so ein Fass aufmachen?«, sagte der Zeitungskrämer nun auch ein wenig ungehalten. »Es hat ja nicht nur was mit der Uniform zu tun …«

»Sondern?«

»Das Ding stinkt. Ich weiß ja nicht, woraus Sie sie gemacht haben, aber haben Sie da alte Tankwartsuniformen verarbeitet oder was?«

»Im Feld kann der einfache Landser auch nicht den Rock wechseln, und ich werde hier nicht der Dekadenz derer anheimfallen, die es sich hinter der Front gemütlich machen.«

»Das mag ja alles sein, aber denken Sie doch mal an Ihr Programm!«

»Wieso?«

»Na, Sie wollen doch Ihr Programm an den Mann bringen, oder?«

»Ja und?«

»Haben Sie schon mal daran gedacht, was passiert, wenn hier mal wirklich ein paar Leute vorbeikommen und Sie kennenlernen wollen? Und dann stehen Sie da und riechen, dass man sich nicht traut, neben Ihnen eine Zigarette anzuzünden.«

»Sie haben sich ja auch getraut«, erwiderte ich. Aber meinen Worten fehlte die gewohnte Schärfe, weil ich seinen Argumenten widerwillig beipflichten musste.

»Ich bin eben mutig«, lachte er. »Kommen Sie, gehen Sie rasch nach Hause, und holen Sie sich ein paar andere Klamotten.«

Da war es wieder, das leidige Wohnproblem.

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass das derzeit schwierig ist.«

»Na, aber Ihre Ex arbeitet doch vielleicht jetzt. Oder sie geht einkaufen. Warum stellen Sie sich denn so an?«

»Nun ja«, sagte ich zögernd, »das ist sehr problematisch. Die Wohnung …« Ich war jetzt wirklich ein wenig in argumentativen Nöten. Es war aber auch eine entwürdigende Situation.

»Haben Sie am Ende keinen Schlüssel?«

Diesmal musste ich selbst lachen angesichts von so viel Naivität. Ich wusste gar nicht, ob es für den Führerbunker überhaupt einen Schlüssel gab.

»Nein, äh, wie soll ich sagen: Der Kontakt ist irgendwie … ist, äh, unterbrochen … worden.«

»Haben Sie ein Kontaktverbot?«

»Ich kann es mir ja selbst nicht wirklich erklären«, sagte ich, »aber es ist wohl etwas in der Art.«

»Himmel, so wirken Sie gar nicht«, sagte er etwas reserviert. »Was haben Sie denn angestellt?«

»Ich weiß es nicht«, sagte ich wahrheitsgemäß, »mir fehlt die Erinnerung an die Zwischenzeit.«

»Sie scheinen mir jedenfalls nicht gewalttätig«, sagte er nachdenklich.

»Nun«, sagte ich und rückte mir mit der Hand den Scheitel zurecht, »ich bin natürlich Soldat …«

»Also schön, Sie Soldat«, sagte der Zeitungskrämer. »Ich mach Ihnen noch einen Vorschlag. Weil Sie gut sind und ich an solche Besessenen wie Sie glaube.«

»Natürlich«, bekräftigte ich seine Rede, »wie jeder vernünftige Mensch. Man muss seine Ziele mit ganzer Kraft verfolgen, ja, mit Besessenheit. Der laue, verlogene Kompromiss ist die Wurzel allen Übels und …«

»Ist ja gut«, unterbrach er mich, »also passen Sie auf. Ich bringe Ihnen morgen ein paar alte Sachen von mir. Sie brauchen sich nicht bedanken, ich hab in letzter Zeit etwas zugelegt, ich bring die Knöpfe nicht mehr zu«, und dabei blickte er unzufrieden auf seinen Bauch, »aber Ihnen könnten sie passen. Sie arbeiten ja glücklicherweise nicht als Göring.«

»Wie käme ich dazu?«, fragte ich irritiert.

»Und dann bringe ich Ihre Uniform gleich in die Reinigung …«

»Die Uniform gebe ich nicht aus der Hand!«, betonte ich unnachgiebig.

»Schön«, sagte er, und er wirkte mit einem Male ein wenig erschöpft, »dann bringen eben Sie Ihre Uniform in die Reinigung. Aber das sehen Sie doch ein, oder? Dass man die mal sauber machen muss.«

Man wurde behandelt wie ein kleines Kind, es war empörend. Aber, so viel war klar, das würde so bleiben, solange ich schmutzig wie ein Kind herumlief. Also nickte ich.

»Bloß mit den Schuhen wird das schwierig werden«, sagte er. »Was haben Sie für eine Größe?«

»43«, sagte ich gottergeben.

»Da werden Ihnen meine zu klein sein«, sagte er. »Aber ich lass mir was einfallen.«

iv.

Man muss dem Leser mit Verständnis begegnen, wenn in ihm an dieser oder auch an anderer Stelle ein Staunen aufkeimt über die Geschwindigkeit, mit der ich mich in die Gegebenheiten der neuen Situation fügte. Es kann auch gar nicht anders sein, dass der Leser, der über Jahre, ja Jahrzehnte meiner Abwesenheit unablässig aus der Suppenkelle der Demokratie mit einem verbogenen marxistischen Geschichtsbilde übergossen wurde, dass er in der Brühe schwimmend kaum noch fähig ist, den Blick über den eigenen Tellerrand hinauszulenken. Ich will hier an den ehrlichen Arbeiter, den braven Bauern auch keinerlei Vorwurf richten. Wie will denn der einfache Mann dagegen aufbegehren, wenn all die vermeintlichen Fachleute und dahergelaufenen Gelehrten vom hohen Katheder ihrer vorgeblichen Wissenstempel herab über sechs Jahrzehnte verkünden, der Führer sei tot? Wer will es dem Manne übel nehmen, dass er inmitten des täglichen Überlebenskampfs nicht die Kraft findet zu sagen: »Wo ist er denn, der tote Führer? Wo liegt er denn? Zeigt ihn mir!«

Und die Frau natürlich auch.

Aber wenn der Führer dann plötzlich da ist, wo er schon immer war, nämlich in der Reichshauptstadt, dann ist die Verwirrung, dann ist die allgemeine Überforderung im Volke natürlich so heillos wie das Erstaunen darüber. Und es wäre durchaus verständlich gewesen, wenn auch ich in regloser Verblüffung Tage, ja Wochen verharrt hätte, gelähmt angesichts des Unverständlichen. Doch das Schicksal wollte es, dass ich anders bin. Dass mir beizeiten ermöglicht wurde, mir unter Mühen und Entbehrungen in harten, lehrreichen Jahren eine vernünftige Meinung zu bilden, eine Meinung, die in der Theorie geschmiedet, aber im harten Schlachtfeld der Praxis zur vollkommenen Waffe gehärtet worden war, sodass sie mein weiteres Werden und Wirken seither nahezu unverändert bestimmen konnte – und die auch jetzt keiner neumodischen oder leichtfertigen Neuerung bedurfte, sondern mir im Gegenteil zu alter und zugleich neuer Einsicht verhalf. So war es letzten Endes auch und gerade der Führergedanke, der mich aus meiner fruchtlosen Suche nach Erklärungen riss.

Ich hatte mich in einer der ersten Nächte unruhig auf meinem Sessel gewälzt, schlaflos nach meiner anstrengenden Lektüre, grübelnd über mein hartes Los, bis mich plötzlich eine Einsicht durchzuckte. Schlagartig setzte ich mich auf, die Augen von der Eingebung aufgerissen, so spähten sie auf die großen Gläser mit buntem Zuckerzeug und allerlei mehr. Es war, so stand es wie in schimmerndes Erz gegossen vor meinem inneren Auge, das Schicksal selbst gewesen, das hier mit undurchschaubarer Hand in den Gang der Ereignisse eingegriffen hatte. Ich schlug mir mit der flachen Hand an die Stirne, es war so offensichtlich, dass ich mich selbst schalt, weil ich es nicht früher erkannt hatte. Zumal das Schicksal nicht zum ersten Male lenkend das Ruder an sich gerissen hatte. War es nicht 1919, auf dem tiefsten Punkt des deutschen Elends, genauso gewesen? War damals nicht ein unbekannter Gefreiter aus dem Schützengraben emporgekommen? Hatte sich nicht trotz der Bedrückung kleiner, kleinster Verhältnisse ein Rednertalent unter den vielen, unter den Hoffnungslosen gezeigt, ausgerechnet dort, wo man es am wenigsten vermutet hätte? Hatte sich nicht in diesem Talente auch ein erstaunlicher Wissens- und Erfahrungsschatz offenbart, gesammelt in bittersten Wiener Tagen, einer unstillbaren Wissbegier geschuldet, die den Heranwachsenden mit wachem Verstand von frühester Jugend an alles aufsaugen ließ, was mit Geschichte und Politik zusammenhing? Wertvollste Kenntnisse, scheinbar zufällig eingelagert, doch in Wahrheit von der Vorsehung sorgsam Krume für Krume in einem einzelnen Manne angehäuft? Und hatte nicht dieser eine, dieser unscheinbare Gefreite, auf dessen einsamen Schultern Millionen ihre Hoffnungen auftürmten, hatte nicht er die Fesseln von Versailles und Völkerbund gesprengt, mit von den Göttern verliehener Leichtigkeit die aufgezwungenen Kämpfe mit den Heeren Europas bestanden, gegen Frankreich, gegen England, gegen Russland, hatte nicht dieser vorgeblich nur mäßig gebildete Mann gegen das einhellige Urteil aller sogenannten Fachleute das Vaterland auf die höchsten Höhen des Ruhmes geführt?

Nämlich ich.

Jedes einzelne Ereignis, so dröhnte es still in meinen Ohren, jeder einzelne Sachverhalt damals war schon für sich allein genommen unwahrscheinlicher gewesen als alles, was mir in den letzten zwei, drei Tagen widerfahren war. Messerscharf bohrte sich jetzt mein Blick durch das Dunkel zwischen einem Behälter für Dauerlutscher und einem für Fruchtbonbons hindurch, wo das klare Mondlicht nüchtern wie eine eisige Fackel meinen Geistesblitz illuminierte. Gewiss, dass ein einsamer Streiter ein ganzes Volk aus einem Sumpf von Irrwegen herausführte, eine wundersame Begabung, das konnte natürlich vorkommen, einmal in hundert oder zweihundert Jahren. Aber was wollte das Schicksal denn tun, wenn dieser kostbare Trumpf schon ausgespielt war? Wenn im vorhandenen Menschenmaterial kein Kopf sich fand, dem man die nötige Geistesgegenwart zusprechen konnte?

Dann musste es ihn wohl oder übel aus dem Talon der Vergangenheit herüberretten.

Und es war das zwar fraglos eine Art Wunder, aber doch ein unvergleichlich leichter zu bewältigendes denn die Aufgabe, dem Volke aus dem vorhandenen minderwertigen Bleche ein neues scharfes Schwert zu verfertigen. Und noch während diese Einsichten mein unstetes Denken mit ihrer luziden Klarheit zu beruhigen begannen, stieg eine neue Besorgnis aus meiner nunmehr hellwachen Brust. Denn dieser Schluss führte zugleich einen weiteren herbei wie einen ungeladenen Gast: Wenn denn das Schicksal zu einem solchen – und man musste es ohne Umschweife so nennen – Taschenspielertrick genötigt war, dann musste die Lage, obzwar sie auf den ersten Blick eher ruhig geschienen hatte, in Wirklichkeit noch verheerender sein als damals.

Und das Volk in umso größerer Gefahr!

Es war dieser Augenblick, in dem mir gleißend hell wie eine Fanfare bewusst wurde, dass jetzt nicht mehr der Moment war, Zeit mit akademischen Überlegungen zu verschwenden, im kleinlichen Brüten über »wie« und »ob« zu versinken, wo doch das »Warum« und das »Dass« die weitaus wesentlicheren Aspekte waren.

Jedoch galt es noch eine Frage zu beantworten: Warum ich? Wenn doch so viele Große in der deutschen Geschichte auf eine zweite Gelegenheit warteten, ihr Volk zu neuem Ruhm zu führen?

Warum nicht ein Bismarck, nicht ein Friedrich II.?

Ein Karl?

Ein Otto?

Die Antwort auf diese Frage fiel nach den anfänglichen Überlegungen so leicht, dass ich beinahe geschmeichelt schmunzelte. Denn die herkulische Aufgabe, die hier ihrer Bewältigung harrte, schien wahrlich geeignet, selbst tapferste Männer, große und größte Deutsche in die Schranken zu weisen. Allein, auf sich gestellt, ohne Parteiapparat, ohne Regierungsgewalt, damit galt es denjenigen zu betrauen, der bereits einmal gezeigt hatte, dass er zum Ausmisten eines demokratischen Augiasstalles in der Lage gewesen war. Die Frage, die es nun zu beantworten galt, war: Wollte ich all jene schmerzlichen Opfer erneut, ein zweites Mal auf mich nehmen? Alle Entbehrungen schlucken, ja voll Verachtung hinunterwürgen? In einem Sessel nächtigen unweit eines Wasserkessels, in dem tagsüber schlichte Rindswürstchen zum Verzehr erhitzt wurden? Und das einem Volke zuliebe, das schon einmal im Ringen um seine Bestimmung seinen Führer im Stich gelassen hatte? Was war denn gewesen mit dem Angriff der Gruppe Steiner? Oder mit Paulus, diesem ehrlosen Lump?

Aber hier galt es dem Groll Einhalt zu gebieten, streng den gerechten Zorn von der blinden Wut zu scheiden. So wie das Volk zu seinem Führer stehen muss, so muss auch der Führer zu seinem Volke stehen. Der einfache Landser hat unter der richtigen Führung noch stets sein Bestes gegeben, kein Vorwurf ist ihm zu machen, wenn er nicht treu ins feindliche Feuer marschieren kann, weil feiges, pflichtvergessenes Generalsgesindel ihm den ehrlichen Soldatentod unter den Stiefeln hinwegkapituliert.

»Ja!«, rief ich daher aus, ins Dunkel des Kiosks hinein. »Ja! Ich will! Und ich werde! Ja, ja und abermals ja!«

Die Nacht antwortete mir mit schwarzer Stille. Dann ließ sich von unfern ein einsamer Rufer vernehmen:

»Genau! Alles Arschlöcher!«

Es hätte mir eine Mahnung sein sollen. Doch wenn ich damals schon von den zahllosen Mühen, den bitteren Opfern gewusst hätte, die ich in der Folge würde bringen müssen, von den harten Qualen des ungleichen Kampfes – ich hätte meinen Schwur nur umso kräftiger in doppelter Lautstärke getan.

v.

Schon die ersten Schritte fielen mir schwer. Es war dies jedoch keine Frage fehlender Kraft, tatsächlich kam ich mir in der geliehenen Kleidung vor wie ein Idiot. Hose und Hemd gingen noch an. Der Krämer hatte mir ein Paar saubere blaue Baumwollhosen mitgebracht, die er »Schiens« nannte, dazu ein sauberes rot kariertes Baumwollhemd. Ich hatte eigentlich eher mit Anzug und Hut gerechnet, aber bei näherer Betrachtung des Zeitungskrämers musste ich das im Nachhinein als illusionär abtun. Dieser Mann trug in seinem eigenen Kiosk keinen Anzug, und, soweit ich hatte beobachten können, war auch seine Kundschaft wenig bürgerlich gekleidet. Hüte, dies nur der Vollständigkeit halber, waren offenbar generell unbekannt. Ich beschloss, dem Ensemble mit meinen bescheidenen Mitteln so weit als möglich Würde zu verleihen, indem ich entgegen seiner bizarren Vorstellung, das Hemd einfach lose über der Hose zu tragen, das Hemd sogar besonders tief in meinen Hosenbund schob. Mit meinem Gürtel gelang es mir, die etwas zu weite, aber stramm hochgezogene Hose ordentlich zu befestigen. Dann schnallte ich meinen Riemen über die rechte Schulter. Der Gesamteindruck war zwar nicht der einer deutschen Uniform, aber doch in jedem Falle wenigstens der eines Mannes, der sich anständig zu kleiden wusste. Die Schuhe hingegen blieben ein Problem.

Der Zeitungskrämer hatte, wie er mir versicherte, in Ermangelung anderer Bekannter mit passender Größe ein eigenwilliges Paar von seinem halbwüchsigen Neffen mitgebracht, wobei allerdings fraglich war, ob man sie Schuhe nennen konnte. Sie waren weiß, riesig, mit gewaltigen Sohlen, sodass man in ihnen lief wie ein Zirkusclown. Ich musste sehr an mich halten, um diese Spottschuhe nicht an den trotteligen Krämerskopf zu schleudern.

»Das trage ich nicht«, betonte ich, »darin sehe ich aus wie ein dummer August!«

Er machte, wohl gekränkt, eine Bemerkung dahingehend, dass er mit meiner Art, das Hemd zu tragen, auch nicht einverstanden sei, aber ich sah es ihm nach. Ich legte die Hosenbeine eng an meine Waden und schob die Schienshose in meine Stiefel.

»Sie wollen wohl partout nicht aussehen wie normale Leute?«, fragte der Zeitungskrämer.

»Wo wäre ich, wenn ich immer alles so gemacht hätte wie die sogenannten normalen Leute?«, gab ich zurück. »Und wo wäre Deutschland?«

»Hm«, sagte der Zeitungskrämer beschwichtigt und zündete sich wieder eine Zigarette an, »so kann man’s auch sehen.«

Er legte meine Uniform zusammen und schob sie in einen interessanten Beutel. Auffällig daran war nicht nur das Material, eine Art sehr dünner Kunststoff, offenbar viel strapazierfähiger und flexibler als Papier. Interessant war der Aufdruck: »Media Markt« stand darauf, anscheinend hatte der Beutel zuvor als Verpackung für die Idiotenzeitung gedient, die ich unter jener Parkbank gesehen hatte. Das zeigte, dass der Zeitungskrämer im Grunde seines Wesens durchaus vernünftig war – den nützlichen Beutel hatte er behalten, den schwachsinnigen Inhalt aber weggeworfen. Der Zeitungskrämer drückte mir den Beutel in die Hand, beschrieb mir den Weg zur Reinigung und sagte fröhlich: »Viel Spaß!«

Also machte ich mich auf, wenn auch nicht sogleich zur Reinigung. Mein erster Weg führte mich zurück zu jenem Areale, auf dem ich erwacht war. Trotz meiner völligen Unverzagtheit konnte ich nicht die vage Hoffnung leugnen, dass mich vielleicht doch noch jemand aus dem Einst begleitet hatte in das Heute. Ich fand die vertraute Parkbank, auf der ich erstmals gerastet hatte, überquerte sehr vorsichtig die Straße, um zwischen den Gebäuden hindurch den Weg zu jener Brache einzuschlagen. Dort war es, am späteren Vormittag, still. Die Hitlerbuben spielten nicht, sondern lernten wohl. Das Areal war leer. Die Tüte in der Hand, ging ich zögerlich auf die nunmehr kaum noch vorhandene Pfütze zu, neben der ich erwacht war. Alles war still, so still es jedenfalls in einer Großstadt sein konnte. Man hörte leisen Verkehrslärm, aber auch eine Hummel.

»Psst«, sagte ich, »psst!«

Nichts geschah.

»Bormann«, rief ich nun leise. »Bormann! Sind Sie hier irgendwo?«

Eine Windbö stob durch das ...

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