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Entführt in die Highlands

Miriam Malik

Entführt in die Highlands

Verschleppt und ausgeliefert





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Entführt in die Highlands

Luisa atmete tief durch. Es tat gut, unterwegs zu sein. Schade, dass sie keinen Fensterplatz im Flugzeug bekommen hatte, aber man konnte eben nicht alles haben. Eine Woche London war jedenfalls genau das, was sie jetzt brauchte. Auch, wenn es nur eine Dienstreise war. Ein bisschen Abstand gewinnen, raus aus dem Alltag ... Vor allem, da es mit Jonas nicht so gut lief. Sie hatten sich einfach nicht mehr viel zu sagen. Meist kam Luisa gegen siebzehn Uhr nach Hause, schaltete den Fernseher an, saß davor, aß davor, spielte nebenbei auf ihrem Handy. Drei Stunden später kam Jonas, aß in der Küche und verschwand dann im Arbeitszimmer, wo er bis spät in die Nacht Action-Spiele auf der Konsole zockte. Luisa ging dann um elf Uhr ins Bett, Jonas kam irgendwann um Mitternacht dazu. Am Wochenende unternahmen sie viel getrennt voneinander, mit ihren Freunden. Jonas liebte das Klettern in den Alpen und notfalls in der Kletterhalle, sie stand eher auf Shoppen in der Münchner Innenstadt und auf Wellness in der Therme mit ihren Mädels und ließ sich höchstens ab und zu von Jonas für kleinere Wanderungen begeistern. Meist verbrachten sie dann ein paar durchaus schöne Stunden zusammen, nur, um dann wieder in ihre Routine zu fallen. Dazu sparten sie eifrig für eine diffuse Zukunft mit Eigenheim und Kindern. Doch immer wieder fragte sich Luisa: Das konnte doch nicht alles sein, was das Leben zu bieten hatte?

„Ladies and Gentlemen, in Kürze erreichen wir unseren Zielflughafen London Heathrow. Bitte bringen Sie Ihre Sitze in eine aufrechte Position und schnallen Sie sich an ...“, ertönte die Stimme der Stewardess.

Luisa streckte sich. Ihr Sitznachbar warf ihr einen unfreundlichen Blick zu. Sie lächelte zuckersüß zurück. Das konnte sie. Als Callcenter-Agentin hatte sie das im Blut. Immer freundlich sein, immer lächeln ...

Ihre Firma hatte sie auserwählt, ein englischsprachiges Vertriebsteam auf die Beine zu stellen. Dafür schickte das Unternehmen sie für eine Woche zum Mutterkonzern nach London, um die Produkte perfekt auf Englisch vorstellen zu können und das erworbene Wissen an ihre Kollegen in Deutschland weiterzugeben.

Schade, dass es dafür nicht mehr Geld gab. Aber bei ihrem Ausbildungsniveau musste Luisa eben jeden Job akzeptieren, der ihr angeboten wurde. Und immerhin hatte ihr der Job die Reise nach London ermöglicht - ein Ausflug in die vielleicht teuerste Stadt der Welt.

 

Etwa eine Stunde später stand sie an der Liverpool Street in London und bestaunte die Wolkenkratzer und die historischen Gebäude dazwischen. Es erinnerte sie etwas an Frankfurt. War das alles aufregend! Da, wurde das rundliche Gebilde nicht „Gurke“ genannt? Irgendwo hier musste auch ihre Firma ihren Hauptsitz haben. Allerdings hatte sie noch ein ganzes Stück Weg vor sich. Denn ihr Hotel lag in einem Viertel namens Westbourne Park. Am Flughafen hatte sie schon Geld abgehoben, nun brauchte sie nur noch eine Oyster Card für den öffentlichen Nahverkehr. Am Schalter herrschte großer Andrang. Kaum hatte sie sich an das Ende der Schlange gestellt, kam schon ein Angestellter angelaufen, um den Wartebereich abzustecken. Ein stark schwitzender Mann nutzte die Gelegenheit und versuchte sich vorzudrängeln, worauf sich gleich mehrere Engländer beschwerten. Der Angestellte wies den Mann zurecht und schnaufend stellte er sich brav hinter Luisa in die Reihe ...

Nach fünfzehn Minuten hatte sie die Karte, begab sich in die Underground und nach etwa einer Stunde saß sie endlich in ihrem Zimmer im Stadtteil Westbourne, nachdem sie noch gerade so beim letzten Licht des Tages angekommen war.

 

Mit dem Hotel hatte sich das Travel Management leider keine Mühe gegeben. Das Bettzeug roch muffig, die Tapete, die vermutlich original aus den 70er Jahren stammte, fiel halb von den Wänden und im Badezimmer hatte sich in nahezu jeder Fuge Schimmel häuslich eingerichtet. Aber viel mehr hatte Luisa auch nicht erwartet. Dienstleister mussten schließlich sparen. Trotzdem war sie so enttäuscht, dass sie keine Lust hatte, zu telefonieren. So schrieb sie Jonas und ihren Eltern lediglich über ihr Smartphone, dass sie gut angekommen war und sie müde war und gleich ins Bett gehen wollte. Und dass ihr das Hotelzimmer gefiel. Nicht, dass sie sich Sorgen machten.

Immerhin lag das Hotel relativ ruhig in einer Seitenstraße. Sie hatte regen Verkehrslärm befürchtet und vorsichtshalber jede Menge Ohrstöpsel mitgebracht. Die zumindest schien sie nicht zu brauchen.

Es war schon spät und sie hatte Hunger, also beschloss sie, sich trotz der hereinbrechenden Dunkelheit nach draußen zu wagen. Laut Stadtplan waren es etwa zehn Minuten bis zu einer dick markierten Geschäftsstraße. Da sollte es doch eigentlich etwas zu essen und zu trinken geben.

 

Das Viertel stand dem Hotel in nichts nach – es hatte seine besten Tage hinter sich. Doch die Londoner wollten anscheinend Abhilfe schaffen. Als Luisa um eine Ecke bog, befand sich eine gigantische Baustelle vor ihr. Werbetafeln priesen ein großes neues Einkaufszentrum an. Ein Mann mit eisblauen Augen und einem kahlgeschorenen Schädel grinste vom Plakat herunter. „The Future of Shopping“, versprach das Plakat. „Ihr Abgeordneter William Royce setzt sich für Sie ein.“ Das wird aber noch etwas dauern, dachte Luisa. Bisher standen ja gerade mal die Tiefgarage und das Erdgeschoss. Ein paar zwielichtige Gestalten lungerten an einer Ecke herum, brüllten sich irgend etwas zu, um dann laut zu johlen. Zum Glück konnte Luisa in der Ferne schon die Einkaufsstraße sehen. Und zurück konnte sie ja immer noch mit dem Taxi fahren.

 

Das Essen war leider eine Enttäuschung – der Pub setzte ihr lauwarmes Chili vor, das den Preis auf keinen Fall wert war. Umgerechnet zwölf Euro! An die Londoner Preise musste sie sich noch gewöhnen. Natürlich bekam sie eine Verpflegungspauschale von ihrer Firma, aber das waren gerade mal fünfzehn Euro am Tag. Auswärts essen zu gehen schien nach dem ersten Eindruck, den London hinterlassen hatte, nicht drin zu sein. Hoffentlich gab es im Hotel wenigstens ein vernünftiges Frühstück ...

Für den Rückweg entschied sie sich deswegen auch gegen ein Taxi. Die paar Minuten zu Fuß würde sie schon schaffen. Es war ziemlich kalt, sie war froh, dass sie den dicken Kapuzenpulli mit den großen Taschen angezogen hatte. Der war zwar nicht sonderlich kleidsam, aber zumindest warm. Und sie wollte ja auch keine Männer aufreißen, sondern nur in Ruhe etwas herumbummeln. Jetzt fing es auch noch an zu nieseln – warum hatte sie ihren Schirm nicht mitgenommen? Da war zum Glück schon der Abzweig zum Hotel. Ziemlich dunkel, fand sie. Nicht sehr vertrauenerweckend. Luisa sah sich noch einmal nach einem Taxi um, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Sie wollte gar nicht wissen, wie viel die hier für eine Taxifahrt verlangten. So weit weg war das Hotel schließlich auch nicht. Luisa betrat die nur spärlich beleuchtete Gasse. Die trüben Dämmerfunzeln rechts und links schafften es kaum, die Straße zu beleuchten – geschweige denn die zahlreichen Hauseingänge, die wie gähnende schwarze Löcher zwischen den Mietskasernen klafften ... Luisa lief schneller.

Jemand pfiff ihr hinterher. Etwas raschelte keine zwei Meter von ihr entfernt – aus dem Dunkel erschien eine Ratte im fahlen Licht der Straßenlaternen und huschte an ihr vorbei. Luisa unterdrückte einen Schrei. Wo zum Teufel war nur das Hotel?

„Die da“, sagte eine Stimme auf Englisch.

Leises Gelächter ertönte. Schritte näherten sich. Luisa lief ein Schauer über den Rücken und etwas schneller. Die Schritte blieben etwas zurück. Dafür kamen Schritte von rechts.

„Schnapp sie dir“, hörte sie eine kalte Stimme sagen.

Da begann sie zu rennen.

Eine Stunde Fitnessstudio pro Woche war nicht genug. Jedenfalls nicht für nächtliche Verfolgungsjagden wie diese. Dennoch zwang Luisa sich, weiterzulaufen, obwohl sie eigentlich schon nach hundert Metern keine Puste mehr hatte. Die Schritte kamen immer näher. Da – die Einfahrt zur Baustelle des „Future of Shopping“! Vielleicht konnte sie ihren Verfolgern da entkommen? Luisa wandte sich nach rechts und rannte durch das Tor in die Bauruine hinein. Nach ein paar Haken, die sie um ein Betonmischgerät und Betonpfeiler geschlagen hatte, schienen die Schritte tatsächlich weiter entfernt zu sein. Hatte sie sie abgehängt? Da, ein Gerüst! Rasch suchte sie unter einer herunterhängenden Plane Schutz. So schlimmes Seitenstechen hatte sie noch nie gehabt.

Sie schnappte so leise wie möglich nach Luft. Einen Moment war alles totenstill. Wieder Schritte – diesmal ganz in ihrer Nähe. Luisa hielt den Atem an und kauerte sich hin. Ihre Hand berührte flüchtig etwas Hartes, Kaltes. Etwas, das sie als Waffe benutzen konnte? Luisa griff danach. Oh Gott! War das eine Pistole? Ohne groß weiter darüber nachzudenken, steckte sie das Ding in die große Vordertasche ihres Kapuzenpullis.

Ein Röcheln, direkt hinter ihr. Sie fuhr erschrocken herum. Viel konnte sie nicht erkennen, aber es reichte, um ihre Panik weiter anzufachen. Da lag jemand unter dem Gerüst auf dem Boden, keinen Meter von ihr entfernt. Sie schrie auf, fuhr hoch und schlug mit dem Kopf gegen einen Stahlträger. Einen Moment sah sie Sterne.

„Da vorne!“

Natürlich hatten sie sie gehört. Luisa ergriff erneut die Flucht. Sie rannte durch ein Tor und befand sich wieder außerhalb der Bauruine auf einer offenen Fläche. Den Schatten bemerkte sie erst, als es zu spät war. Der Mann tauchte wie aus dem Nichts auf, packte ihr rechtes Handgelenk und knallte ihr etwas Hartes an den Schädel. Sie taumelte und wäre hingefallen, hätte der Mann nicht wie ein Schraubstock ihren Arm umklammert.

„Schön mitkommen. Royce wartet schon auf dich“, flüsterte er ihr ins Ohr und zerrte Luisa mit sich mit.

Benommen torkelte sie neben ihm her. Der Mann führte sie um das Gebäude herum und dann hinein in eine gewaltige Öffnung, die im spärlichen Licht wie ein gigantisches schwarzes Maul aussah. Es ging steil nach unten. Dies verschaffte Luisa eine Ahnung, wo sie sich befinden mochte – nämlich auf der zukünftigen Ein- oder Ausfahrt der Tiefgarage des „Future of Shopping“.

Die untere Etage war hell erleuchtet. Als sie ankamen, brauchte Luisa einen Moment, um wieder etwas erkennen zu können. Das Licht kam aus zwei großen Scheinwerfern auf dem Fußboden. Und von den Scheinwerfern beleuchtet, etwa fünf Meter von Luisa entfernt, stand ein Mann. Er war bestimmt zwei Meter groß und gebaut wie ein Schrank. Er kam ihr vage bekannt vor. Dieser kahlrasierte Schädel, das markante Kinn ... Wo hatte sie den schon einmal gesehen?

Der Riese musterte Luisa auf eine äußerst unangenehme Art und Weise. Sie spürte fast körperlich, wie seine Blicke an ihr hinunterwanderten – und an ihrem Kapuzenpulli hängen blieben.

„Ich hab doch gesagt, jung und hübsch“, sagte er abfällig mit klarer, volltönender Stimme. „Was habt ihr mir denn da angeschleppt?“

„War sonst keine da!“, nuschelte der Mann, der Luisa gefangen hatte. „Und du wolltest ja keine Nutte.“

„Nun gut, dann muss uns das reichen. Das Wichtigste ist schließlich, dass sie Mike gefällt.“

Der Riese wandte den Blick nach rechts. Dort kniete, etwas versteckt hinter einem Schutthaufen, ein südländisch aussehender Mann auf dem Boden. Die Arme hatte er hinter dem Kopf verschränkt, rechts und links von ihm standen zwei Männer und zielten mit Pistolen auf seinen Kopf.

„Nun, was sagst du, Mike?“, fragte der Riese. „Nicht ganz Isabella, natürlich. Aber dafür völlig unschuldig. Eine einfache Passantin.“

Der Mann namens Mike starrte konzentriert auf den Boden. Sein Gesicht zeigte keine Regung.

„Keine Sorge, ich bringe dich schon dazu, sie dir anzusehen“, lachte der Riese höhnisch. „Es wird lange dauern, bis ich mit ihr fertig bin, das verspreche ich dir. Diesmal wirst du in der ersten Reihe sitzen – und wenn du nicht hinsiehst, wird sie noch mehr leiden. Sichert das Gelände. Wir wollen keine ungebetenen Gäste! Und sucht nach Tom. Wo zum Teufel steckt der denn?“

Die Männer hinter Luisa murmelten etwas und bewegten sich eilig in Richtung Ausfahrt.

„Gut“, meinte der Riese zufrieden. „Bringt ihn weg“, wandte er sich dann an die beiden Männer mit den Pistolen. „Seid vorsichtig – ihr wisst, wozu er fähig ist. Kommt ihm nicht zu nahe. Schießt ihm, wenn notwendig, in die Schulter oder ins Bein. Dann wird er schon spuren. Aufstehen, Mike. Langsam. Die Hände schön oben lassen.“

Mike gehorchte. Die beiden Männer hinter ihm ließen ihn nicht aus den Augen.

„Komm“, befahl einer von ihnen. „Dreh dich um. Du siehst den Wagen da hinten. Da gehen wir hin. Schön langsam.“

Mike setzte sich in Bewegung, die Männer folgten ihm.

„So. Nun zu dir.“ Der Riese wandte sich wieder an Luisa. Sie zuckte zusammen.

„Komm her, kleine Schlampe.“ Wieder glitten seine Blicke über ihren Körper. Sein Gesicht war eine höhnische Maske. Luisa starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. Unwillkürlich schlug sie die Hände vor ihre Brust. Da war etwas Hartes, Schweres in der Tasche ihres Kapuzenpullis ...

Der Riese lachte kalt auf. „Na los! Mach schon! Komm zu mir. Wenn du brav bist, tu ich dir vielleicht etwas weniger weh. Wenn ich dich aber holen muss ...“

Luisa griff mit der rechten Hand in die Tasche und umklammerte die Pistole, die sie auf der Baustelle eingesteckt hatte. Ihre Hände zitterten, als sie die Waffe hervorzog. Sie hörte ihn wieder lachen, dieses schreckliche kalte Lachen. Er machte einen Schritt auf sie zu. „Das wirst du ja doch nicht ...“ Weiter kam er nicht.

Luisa drückte ab.

Der Knall war ohrenbetäubend. Einen Moment blieb sie taumelnd stehen, genauso wie der Riese, der sie ungläubig anstarrte. Blut quoll aus einem dunklen Loch in seiner Brust.

Sie ließ die Pistole fallen, machte auf dem Absatz kehrt und rannte erneut los, quer durch die Tiefgarage, die Rampe hoch, über die Baustelle. Schritte waren hinter ihr. Sie wusste nicht, woher sie noch Kraft hatte zu rennen. Allein ihr Überlebenswille trieb sie vorwärts, an einer endlos langen, hölzernen Absperrung entlang, die kein Ende nehmen wollte. Schüsse krachten hinter ihr, unwillkürlich duckte sie sich. Und dann stolperte sie über ein Kabel und flog der Länge nach hin. Das war es wohl. Sie würde es nicht mehr rechtzeitig schaffen, aufzustehen. Ihr Verfolger beugte sich über sie, packte sie an den Armen und zog sie auf die Füße … Das war das Ende.

„Los, weiter!“, brüllte ihr eine unbekannte Männerstimme ins Ohr.

Luisa blickte verwirrt hoch und erkannte Mike. Er hielt ihren Arm weiter umklammert und zerrte sie mit sich. Weiter ging der wilde Lauf an der Absperrung entlang. Immerhin konnte Luisa jetzt ein Tor sehen. Sie mobilisierte noch einmal alle Kräfte, die sie noch hatte.

In dem Moment kam ein Auto durch genau dieses Tor geschossen und hielt direkt auf sie zu. Mike stieß Luisa heftig zur Seite und drückte sie an die Holzwand. Der Wagen machte eine Vollbremsung und kam mit quietschenden Reifen genau neben ihnen zum Stehen. Eine blonde Frau riss die Beifahrertür auf, sprang mit einer Pistole in der Hand heraus und feuerte auf etwas hinter Luisa. Die Hintertür öffnete sich ebenfalls, ein fremder Mann mit dunklen Augen musterte Luisa mit wildem Blick und streckte die Arme nach ihr aus. Sie zuckte zurück, doch da stand Mike. Statt ihr zu helfen, stieß er ihr heftig in den Rücken. Luisa taumelte auf das Auto zu. Der Mann vom Rücksitz packte sie an der Schulter und zerrte sie in den Wagen. Sie stürzte nach vorne und lag plötzlich auf dem Bauch, eingeklemmt im Spalt zwischen Vorder- und Rücksitz. Mit quietschenden Reifen fuhr der Wagen los, die Autotüren schlugen zu, vier Füße wurden auf ihr abgestellt.

Keuchend schnappte Luisa nach Luft. Es dauerte etwas, bis sich ihre Atmung etwas beruhigt hatte und sie Zeit fand, wieder auf ihre Umgebung zu achten. Verwirrt und benommen lauschte sie auf das Gespräch ihrer Retter.

„Wir nehmen sie mit“, sagte Mike gerade.

„Warum?“, fragte eine kalte Frauenstimme.

„Weil sie Royce niedergeschossen hat“, erwiderte Mike grimmig.

„Was?“, kam es zweistimmig zurück.

„Ist er tot?“, rief die Frau.

„Schwer zu sagen. Aber wir sollten uns nicht zu früh freuen. Er hat mehr Leben als alle Katzen zusammen.“

„Warum hast du ihn dann nicht erledigt?“, fragte die Frau herausfordernd.

„Das hätte ich nicht mehr geschafft. Du hast doch die zwei gesehen, die hinter uns her waren.“

„Ich hab sie nicht nur gesehen, ich habe sie auch erschossen“, knurrte die Frau.

„Die ganze Aktion war sowieso selten dämlich“, schimpfte der Mann vom Rücksitz. „Sei froh, dass wir deine Nachricht bekommen haben. Sonst hättest du noch etwas mehr rennen dürfen. Wie bist du nur auf die Idee gekommen, dich nachts allein mit einem Informanten zu treffen, den du nicht persönlich kennst? Und dann auch noch auf einer einsamen Baustelle?“

„Es war eine Falle, Danny. Das kann nur eins bedeuten – ich hatte recht.“ Mikes Stimme klang bitter.

„Für unsere Freunde lege ich die Hand ins Feuer“, entgegnete Danny kalt.

„Der General hat mich auf diese Spur gebracht“, erwiderte Mike. „Ich denke, der Verräter sitzt bei ihm.“

Einen Moment herrschte Schweigen.

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich ...“, ergriff Danny wieder das Wort.

„Solange es nicht sicher ist, werde ich dem General nicht mehr über den Weg trauen“, unterbrach ihn Mike.

Erneutes Schweigen.

„Wie kommt die Kleine da ins Spiel?“, fragte Danny schließlich.

„Royce hat sie angeschleppt. Er wollte sie vor meinen Augen foltern und töten. Aber er hat wohl nicht damit gerechnet, dass sie eine Waffe hatte.“

„Von welcher Organisation ist sie denn?“, fragte die Frau interessiert.

„Keine Ahnung“, erwiderte Mike.

„Na, das werden wir schon herausbekommen“, rief sie fröhlich.

„Wohin jetzt?“ Das war wieder Danny.

„Zu Brian. Dann schauen wir mal, was für einen Fisch wir da an Land gezogen haben“, knurrte Mike.

Und Luisa fragte sich beklommen, wer um alles in der Welt ihre Retter sein mochten. Noch war längst nicht klar, ob sie sich tatsächlich in Sicherheit befand oder nicht eher vom Regen in die Traufe geraten war.

 

Das Auto blieb irgendwann stehen. Luisa wurde gepackt, herausgezerrt und auf die Füße gestellt. Eine gewaltige Hand umklammerte ihren Oberarm. Der dazugehörige Mann überragte sie um zwei Haupteslängen. Das erinnerte sie fatal an den Riesen von der Baustelle. Ihre Beine begannen zu zittern. Der Mann führte sie wie eine Gefangene durch einen verwahrlosten Vorgarten zu einer Hintertür in ein zweistöckiges Reihenhaus und dann eine steile Treppe nach oben in eine schlauchförmige und wurmstichige Küche, die ihre besten Tage sichtlich hinter sich hatte. Stimmengewirr klang zu ihnen herauf. Gelächter. Geschrei. Ein Mann spielte etwas auf einer Gitarre. Gläser klirrten. Sie befanden sich wohl über oder neben einer Kneipe.

Mike, der Mann vom Rücksitz und die Frau vom Beifahrersitz quetschten sich ebenfalls in die Küche. Sie waren alle mindestens einen Kopf größer als Luisa und blickten teils grimmig und teils nachdenklich auf sie herunter. Ihr rutschte das Herz in die Kniekehlen. Sie wich zurück, doch der Zwei-Meter-Mann hielt sie weiter fest. Ängstlich blickte sie zu ihm herauf. Sein Anblick war alles andere als vertrauenserweckend. Eine Narbe zog sich quer über seine linke Wange, die rechte Gesichtshälfte war von Brandnarben entstellt. Der kalte Blick aus seinen grauen Augen war ähnlich durchdringend wie der des Riesen von der Baustelle. Luisa wich entsetzt zurück. Das war alles zu viel. Zu viel Albtraum, zu viele fremde Menschen, zu viele Dinge, die sie nicht verstand.

„Gut“, ergriff Mike das Wort. „Es ist an der Zeit, uns zu unterhalten“. Er nickte Narbengesicht zu.

Der schob Luisa vor sich her und in einen Nebenraum, offenbar eine Art Abstellkammer voller klappriger Stühle, vielleicht die ehemalige Einrichtung aus der nahen Kneipe.

„Setz dich!“, befahl Mike und wies auf einen klapprigen Holzstuhl in der Mitte des Zimmers.

Luisa gehorchte, erleichtert, dass sie nicht mehr stehen und keine Angst haben musste, dass ihr die Beine versagten. Zugleich verspürte sie jedoch den unbändigen Drang, sich einfach irgendwo hinzulegen, die Augen zu schließen und irgendwann später wieder aufzuwachen. Oder besser noch, gleich ganz im Boden zu versinken... Denn Mike baute sich breitbeinig vor ihr auf und funkelte auf sie herunter.

„Wie heißt du?“, fragte er drohend.

Sie hatte das Gefühl, dass es besser war, zu antworten, wenn sie keine Schläge kassieren wollte. Oder Schlimmeres.

„Luisa Marcovic“, erwiderte sie mit zitternder Stimme.

„Woher kommst du?“

„Aus München.“

„Was willst du hier in London?“

„Sprachkurs. Fortbildung. Englisch“, stammelte sie.

„So so.“ Mike ließ sie nicht aus den Augen. „Wo wohnst du?“

„Westbourne Stars.“

„Warum ausgerechnet in dieser Absteige?“

„Schlechtes Travel Management.“

Mike zog die Augenbrauen hoch. „Zu welcher Organisation gehörst du?“

„Sales by Demand.“

Mike schnaubte. „Nicht deine Tarnfirma. Die Organisation.“

Luisa sah ihn ratlos an. Mike beugte sich noch etwas weiter zu ihr herunter. „BND, CIA, Mossad?“

Das war ja kaum zu glauben. Meinte er das ernst? „Ich ... Sprachkurs! Firma hat Sprachkurs“, stammelte sie und rutschte weiter auf ihrem Stuhl nach unten.

„Woher hast du dann die Pistole?“

„Gefunden ...“

„Gefunden?“ Er schnaubte verächtlich. „Man findet nicht zufällig Pistolen.“ Er hob die Hand, als wollte er sie schlagen.

Luisa versuchte, auf dem Stuhl zu verschwinden. Es klappte nicht.

Mike starrte sie noch immer an.

„Auf der Baustelle“, stammelte sie. „Da war ein Mann. Neben ihm die Pistole ...“

„Was für ein Mann?“

„Der lag da ...“

„Wo lag der?“

„Unter einem ... Metallding. Für Gebäude.“ Das Wort für Gerüst wollte ihr in diesem Moment nicht einfallen. Wenn sie es überhaupt je gewusst hatte.

„Aha.“ Mikes Gesicht blieb düster, aber er wirkte nicht mehr so, als ob er sie schlagen wollte. Für den Moment jedenfalls. „Und du hast dir die Pistole genommen“, hakte er noch einmal nach.

Bei dem Gedanken an den röchelnden Typen musste Luisa beinahe würgen. Dann sah sie wieder den Riesen mit den blauen Augen vor sich, hörte seine Stimme, wie er sie zu sich rief, um ... In dem Moment beugte sich Narbengesicht zu ihr herunter. Luisa zuckte zusammen und rutschte von ihm weg, nach links. Da versagte der Stuhl seinen Dienst und brach unter ihr zusammen. Sie krachte zu Boden, direkt auf ihre Schulter.

Es tat höllisch weh, ihr traten Tränen in die Augen. Es dauerte einige Zeit, bis der Schmerz nachließ und sie ihre Umgebung wieder wahrnehmen konnte. Den vielen Füßen um sie herum zufolge waren Mike und der Riese nicht mehr allein im Zimmer. Luisa zog die Beine an ihren Körper und vergrub den Kopf in ihren Armen. Würde dieser Albtraum denn nie zu Ende gehen?

„Was ist passiert? Ich dachte, du wolltest ihr nur Angst einjagen? Dann hättest du mich ja doch machen lassen können.“ Das war die Frau aus dem Auto.

„Das war ich nicht“, knurrte Mike. „Der Stuhl hat nachgegeben.“

„Hat sie geredet? Von welcher Organisation ist sie?“, fragte die Frau.

„Von keiner“, erwiderte Mike.

„Das kann nicht sein. Du hast sie nicht hart genug angefasst, Mike. Gib mir fünf Minuten, dann wird sie alles sagen, was wir wissen wollen. Oder hast du sie bewusstlos geschlagen?“

„Ich habe sie nicht geschlagen, Frances“, erwiderte Mike ungeduldig. „Das war nicht nötig. Ich weiß genug. Sie ist eine ... Zivilistin.“

„Woher willst du das wissen? Immerhin hat sie auf Royce geschossen ...“ Frances schien nicht überzeugt.

„Schau sie dir an. Sie hat einen Schock. Und null Kondition. Welche Orga würde auf so etwas zurückgreifen?“

„Und wo hat sie die Pistole her?“

„Als ich mich auf die Baustelle geschlichen habe, musste ich einen Mann ausschalten, der sich mit gezogener Pistole im Schutz eines Baugerüsts an mich herangeschlichen hat. Ich habe ihn niedergeschlagen. Die Kleine muss sich dort ebenfalls versteckt haben. Da hat sie dann die Pistole aufgehoben und eingesteckt.“

„Du wurdest angegriffen und hast nicht auf uns gewartet?“, wandte Danny fassungslos ein. „Warte mal. Was genau hat dir der General gesagt?“

„Das ist doch jetzt egal ...“

„Er hat dir gesagt, dass Royce dort ist, oder? Und du hattest nichts Besseres zu tun, als allein dorthin zu gehen?“

„Er sagte, dass Ali dort wäre.“

„Ali? … Das war nicht nur dumm. Das war mehr als dumm“, lachte Frances auf.

„Ja. Das war es“, knurrte Mike. „Hinterher ist man eben immer schlauer.“

„Oder tot“, gab Frances schnippisch zurück.

„Verdammt, genug jetzt“, kam es von Danny. „Das ist gerade nicht unser größtes Problem. Was machen wir jetzt mit der Frau?“

„Wir müssen sie verstecken“, erwiderte Mike.

„Ja. Macht Sinn“, meinte Frances. „Aber wo? Hier, bei Brian? Oder vielleicht bei Rick?“

„Es darf niemand wissen, dass wir sie haben. Wir brauchen einen Ort, an dem sie sicher ist“, antwortete Danny.

„Das bedeutet?“ Die Stimme von Frances.

„Die Hütte“, erwiderte Mike fest.

„Nein. Kommt nicht infrage.“ Wieder Danny.

„Warum übergibst du sie nicht dem General?“, fragte Frances. „Wäre das nicht am einfachsten?“

„Ich trau ihm nicht über den Weg“, knurrte Mike.

„Es ist in keinster Weise bewiesen, dass es einen Verräter gibt.“ Dannys Stimme klang ungeduldig. „Du steigerst dich da in etwas hinein, Mike.“

„Selbst wenn es keinen Verräter gibt – wer weiß, was der General mit ihr machen würde. Nein. Wir schaffen sie zur Hütte. Und dann sehen wir weiter.“ Mike klang fest entschlossen.

„Gut, wenn du meinst“, seufzte Danny. „Aber hast du dir das gut überlegt? Willst du dir das wirklich antun? Sie ist vermutlich eine ganz normale junge Frau. Das heißt, sie wird die ganze Zeit weinen, versuchen zu fliehen, noch mehr weinen. Wie damals I...“ Er verstummte.

„Isabella, meinst du“, erwiderte Mike und seine Stimme klang auf einmal hart und kalt. „Macht euch keine Sorgen. Diesmal ist es anders.“

„Aber du kannst nicht allein auf sie aufpassen. Du wirst Nachschub brauchen. Und willst du wirklich die nächsten Wochen oder Monate dort allein mit ihr verbringen?“

„Wir könnten uns abwechseln“, schlug Mike vor.

„Das kannst du vergessen!“, rief Frances verächtlich. „Wie lange willst du sie überhaupt verstecken? Bis in alle Ewigkeit? Er wird nie aufhören, sie zu verfolgen. Sie hat ihn angeschossen ... Wir wissen alle, was das heißt.“

„Dass wir zum ersten Mal etwas haben, das Royce unbedingt haben will“, erwiderte Mike ruhig.

Einen Moment herrschte Schweigen.

„Ich helfe dir“, sagte eine unbekannte, seltsam kratzige und heisere Männerstimme in die Stille hinein.

„Danke, Harvey“, sagte Mike. „Dann sollten wir uns auf den Weg machen. Harvey und ich fahren mit der Kleinen zu Rick. Wir treffen uns dann da. Ihr besorgt alles, was wir für die Fahrt brauchen. Vor allem einen Jeep. In Ordnung?“

Die anderen murmelten ihre Zustimmung.

 

Luisa hatte die Zusammenhänge überhaupt nicht verstanden, aber es war ihr auch egal. Wenn sie sich ganz ruhig verhielt – vielleicht würden sie sie dann in Ruhe lassen? Doch ihre Hoffnung wurde schnell enttäuscht. Denn nur wenig später wurde sie erneut gepackt und auf die Füße gestellt. Das kam zu plötzlich. Ihr Kreislauf rebellierte, alles drehte sich um sie herum. Sie wäre erneut umgefallen, wenn Narbengesicht sie sich nicht kurzerhand über die Schulter geworfen hätte. Er trug sie die Treppe hinunter, durch den struppigen Garten zurück zum Auto und legte sie auf den Rücksitz. Dann setzte er sich auf den Fahrersitz, Mike nahm auf dem Beifahrersitz Platz und sie fuhren los. Luisa hielt die Augen geschlossen und hoffte auf etwas Ruhe.

Daraus wurde nichts. Ein lautes Krachen. Das Auto schlingerte heftig zur Seite.

Mike fluchte. „Wie zum Teufel ...“ Der Wagen schoss so plötzlich vorwärts, dass Luisa in den Rücksitz gepresst wurde. Danach bremste Harvey so abrupt, dass sie erneut in den Fußraum vor den Rücksitzen geschleudert wurde. Den kannte sie ja schon. Sie versuchte benommen, sich aufzurichten – ein Ding der Unmöglichkeit, denn Harvey gab wieder Gas, um dann wieder scharf zu bremsen und steuerte den Wagen dazu immer wieder heftig von links nach rechts und zurück. Luisa gab ihren Plan, sich hinzusetzen, irgendwann auf, blieb einfach, wo sie war und hoffte stattdessen, dass es irgendwann vorbei sein mochte. Doch vergebens. Erneut krachte es laut, wieder scherte der Wagen aus.

„Scheiße“, brüllte Mike. „Harvey, gib Gas, verdammt!“ Er rief noch mehr, doch seine Stimme wurde übertönt – von Reifengequietsche, dem Aufheulen des Motors und einem lauter Knall.

„Wir brauchen mehr Abstand!“, rief Mike. Harvey drückte wieder aufs Gas. Ein kalter Luftzug wehte herein – jemand hatte das Fenster geöffnet.

Ein erneuter Knall. Die Reifen quietschten, als Harvey sehr schwungvoll weitere Kurven nahm und dazwischen immer wieder abbremste und beschleunigte. Noch ein lauter Knall, ein kreischendes Geräusch, als ob das Auto mit der Seitentür gegen eine Betonwand schleifte. Dann schoss der Wagen wieder vorwärts – und zwar eine ganze Zeit lang. Irgendwann riss Harvey den Wagen erneut herum und machte eine Vollbremsung. Und dann herrschte Stille. Die Männer atmeten laut. Luisa hingegen war kotzübel und sie betete, dass es endlich vorbei sein möge.

 

Tatsächlich wurden vorne die Türen aufgerissen. Harvey öffnete die rechte hintere Tür, packte Luisa an den Armen und zerrte sie gewohnt unsanft aus dem Auto auf einen Lieferwagen zu. Dort ließ er sie zu Boden sinken und Luisa nutzte die Gelegenheit, um sich zu übergeben. Währenddessen öffnete Harvey die Heckklappe des Lieferwagens. Unbeeindruckt wartete er, bis Luisa fertig war, hob sie dann hoch und legte sie auf die Ladefläche. Es roch muffig – als ob der Wagen das letzte Mal vor einem Jahr geöffnet worden war. Oder vor einem Jahrhundert.

Luisa drehte sich auf die Seite und machte sich ganz klein. Vom Lieferwagen aus hatte sie ihr vorheriges Transportmittel direkt vor sich. Das Auto war übel verbeult, die Rückscheibe voller Löcher ... Dass sie es damit bis hierher geschafft hatten, schien ein Wunder. Offenbar befanden sie sich in einer etwas schummrigen Tiefgarage, die allerdings deutlich kleiner war als die des „Future of Shopping“. Nicht schon wieder ...

Mike erschien in ihrem Blickfeld. Er hatte sich ein quietscheoranges Stück Stoff um die Hüften geschlungen. Es sah aus wie eine Warnweste. Sonst war Mike, soweit Luisa es sehen konnte, nackt. Sie starrte ihn an. Es war nicht nur die Tatsache, dass er quasi nichts anhatte, wegen der sie die Augen nicht von ihm abwenden konnte. Sondern auch die zahlreichen Narben, die seinen Körper entstellten. An Schultern, Oberarmen, Brust, Bauch. Schnitte und großflächige Brandwunden und ein paar nahezu kreisrunde, dunkle Flecken. Mike warf Luisa einen abschätzenden Blick zu, der ihr durch Mark und Bein ging, und wandte sich dann an Harvey, der neben dem Lieferwagen stand.

Was willst du. Ich bin eben auf Nummer sicher gegangen. Und vergiss nicht – es war meine Hose auf ihrer Windschutzscheibe, wegen der sie die Kurve nicht gekriegt haben. Wo immer der Sender auch versteckt war – wir scheinen ihn losgeworden zu sein. Es war also weder der Wagen noch das Smartphone noch das Tempura-Überwachungsprogramm des GCHQ, sondern ein stinknormaler Sender. Royce ist mächtig, aber er verfügt nicht über das Equipment der Geheimdienste. Hab ich doch gleich gesagt.“ Er atmete tief durch. „Warum erzähl ich dir das überhaupt“, murmelte er dann, trat direkt auf Luisa zu und turnte über sie hinweg auf die Ladefläche des Lieferwagens. Irgendwo hinter ihr setzte er sich auf den Boden. Sie blieb liegen, wie sie lag – auch, als Harvey ihr die Heckklappe des Lieferwagens vor der Nase zuschlug. Mit einem Mal war es stockfinster.

Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung. Auch diese Fahrt war alles andere als komfortabel. Da Luisa auf der ungepolsterten Ladefläche lag, spürte sie jede kleine Verwerfung und jedes Loch der Straße. Die Fahrt dauerte endlos.

Und dann hielt der Wagen doch für eine längere Zeit. Die Fahrertür wurde geöffnet und wieder zugeschlagen. Schritte entfernten sich. Es war ganz still. Nur leise Atemgeräusche von Mike waren zu vernehmen. Luisa dämmerte vor sich hin. Sie war völlig fertig mit sich und der Welt und wünschte sich nichts mehr, als endlich in Sicherheit zu sein. In ihrem Hotelzimmer. Oder auch in Deutschland in den Armen von Jonas. Überall, aber nicht hier, in einer Tiefgarage oder auf einer Baustelle.

Irgendwann wurde die Heckklappe wieder geöffnet. Draußen war es bereits ein wenig hell, die Sonne schien jedoch noch nicht aufgegangen zu sein. Harvey stand direkt vor ihr, legte ein unförmiges Bündel neben ihr ab und schlug die Heckklappe wieder zu. Und dann spürte sie Mike ganz nah neben sich. Luisa fuhr zusammen, machte sich noch kleiner.

„Ich tu dir nichts“, knurrte er wenig vertrauenerweckend.

Sie hörte, wie er sich unruhig hinter ihr bewegte – Gott sei Dank mit etwas Abstand. Und dann kam er doch wieder näher – und beugte sich plötzlich über sie. Luisa bekam fast einen Herzinfarkt. Doch Mike klopfte nur gegen die Heckklappe, die sich kurz darauf wieder öffnete.

Luisa blickte nun direkt in den offenen Kofferraum eines Jeeps, der vollgestopft war bis oben hin. Doch der Inhalt lag unter dicken Wolldecken verborgen.

Mike stieg über sie hinweg und stand wenig später zwischen Jeep und Lieferwagen. Prüfend blickte er auf sie herab. Zu ihrer großen Erleichterung war er jetzt angezogen. Mike ging um den Lieferwagen herum und war aus ihrem Blickfeld verschwunden. Aber Harvey stand noch da und beobachtete sie mit seiner kalten Miene. Sie hörte Mike leise reden und glaubte, die Stimmen von Danny und Frances zu hören und noch eine fremde Stimme, hell und jungenhaft.

Luisa verstand kein Wort. Sie waren zu weit weg und sie war viel zu erschöpft, um sich auch nur ansatzweise auf schnelles Englisch konzentrieren zu können.

Irgendwann stand Mike wieder vor ihr. Er beugte sich zu ihr herunter, nahm sie in seine Arme und hob sie hoch. Luisas Kopf lehnte an seiner Schulter, als er sie die paar Schritte um den Jeep herum trug, auf die Rückbank hinter dem Beifahrersitz setzte und sie anschnallte.

„Danke“, murmelte sie. Das war die sanfteste Behandlung, die sie bisher erfahren hatte.

Er warf ihr einen undeutbaren Blick zu, ergriff ihren linken Arm und streifte den Ärmel nach oben. Harvey trat dazu, öffnete die Tür auf der Fahrerseite und setzte sich neben sie. Dann reichte er Mike einen kleinen schwarzen Kasten. Mike nahm ihn entgegen, legte ihn auf Luisas Oberschenkel und öffnete ihn. Darin befand sich ein medizinisches Röhrchen mit einer Flüssigkeit und eine Einwegspritze.

Luisa sah Mike benommen dabei zu, wie er erst fachkundig mit Spritze und Röhrchen hantierte und die Nadel dann in ihre Armbeuge setzte. Erst, als sie den Schmerz spürte, begriff sie, was er da eigentlich tat. Sie stieß einen merkwürdigen, unartikulierten Laut aus und versuchte, ihn wegzuschlagen. Es blieb bei dem Versuch. Harvey legte einen Arm um sie und hielt sie fest. Mike zog die Spritze heraus. Und sie war plötzlich unglaublich müde. Harvey ließ sie wieder los und legte eine olivgrüne Fleeßedecke über ihre Beine. Mike knallte die Tür zu. Und sie schloss die Augen und fiel in einen tiefen Schlummer.

 

Als Luisa erwachte, war es stockdunkel. Sie fühlte sich wahnsinnig müde, aber ein natürliches Bedürfnis hatte sie aus dem Schlaf gerissen.

Irgendetwas war passiert, aber sie wusste nicht mehr genau, was. Sie glaubte sich an ein paar dunkle Gestalten zu erinnern, doch das musste ein Albtraum gewesen sein. Sicher war sie einfach nur in diesem schrecklichen Hotelzimmer in London. Sie tastete nach dem Nachttisch. Sie fand den Nachttisch. Aber sonst nichts. War da nicht eine Lampe gestanden? Nun, offensichtlich nicht. Aber dann gab es doch sicher einen Lichtschalter an der Wand? Nein. Sie spürte lediglich ... runde Holzbalken. Wie bei einer Blockhütte. Das war wirklich seltsam. Das Hotelzimmer war doch tapeziert gewesen! Träumte sie etwa noch?

Langsam richtete sie sich auf. Das Bett unter ihr schwankte. Hatte sie zu viel getrunken? Vorsichtig stellte sie ihre nackten Füße auf den Boden, der sich ebenfalls nach Holz anfühlte, und stand auf. Sie tastete weiter an der Wand herum. Wo zum Teufel war dieser dämliche Lichtschalter? Luisa machte einen Schritt vorwärts und stieß sich an irgendetwas heftig das Schienbein. Au! Verdammt! Als der Schmerz nachließ, bewegte sie sich vorsichtig seitwärts und machte noch einen Schritt. Ein Fehler. Sie stolperte über etwas, das im Weg stand, und schlug der Länge nach hin. Dabei warf sie noch irgendetwas um, das mit lautem Gepolter zu Boden fiel. Einen Moment war alles ruhig. Dann hörte sie schnelle, laute Schritte und kurz darauf prallte etwas mit voller Wucht gegen Luisas Kopf. Dazu blendete sie ein gleißendes Licht. Sie rollte sich auf die Seite und vergrub Kopf und Gesicht in ihren Armen.

„Was ist denn hier los?“ Die herrische Stimme kam ihr bekannt vor. Mike aus ihrem Albtraum.

Oh nein ... Sie spürte, wie er sich zu ihr herunterbeugte und ihre Schulter berührte.

„Ich habe den Lichtschalter gesucht ...“, murmelte sie unglücklich.

What?“, schnappte Mike direkt neben ihrem Ohr.

Ach ja, Englisch. „I was searching for the light ...“, wiederholte sie.

Mike fasste sie an der Schulter und half ihr, sich aufzusetzen.

„Alles in Ordnung?“

„Ich müsste mal auf die Toilette.“

„Okay.“ Er half ihr beim Aufstehen und stützte sie. Das war auch gut, denn sie fühlte sich alles andere als sicher auf ihren Beinen. Es ging einen unglaublich langen, kalten Gang entlang bis zu einer Tür.

Er ergriff ihre Hand und schloss sie um den Türrahmen. „Halt dich fest!“, befahl er. Dann öffnete er die Tür, hängte die Taschenlampe an einen Haken an der Wand und machte zwei Schritte zur Seite. „Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid. Ich warte hier.“

Luisa nickte vorsichtig, taumelte hinein und er schloss die Tür hinter ihr.

Sie setzte sich auf die Kloschüssel.

„Alles in Ordnung?“, drang seine Stimme zu ihr herein.

„Ja“, murmelte sie. Das Klo drehte sich, doch sie schaffte alles ohne Hilfe. Gott sei Dank. Das Wasser aus dem Wasserhahn war eisig kalt. Luisa benetzte damit ihre Stirn. Immerhin half es ein wenig gegen die dumpfen Schmerzen in ihrem Schädel.

„Vorsicht!“ Er öffnete die Tür, schnappte sich die Taschenlampe und führte sie zurück in ihr Zimmer. „Wenn du noch etwas brauchst, rufst du nach mir. Keine Alleingänge mehr. Verstanden?“, fragte er streng.

„Okay.“ Luisa schluckte und legte sich hin.

Mike ging mit der Taschenlampe und schloss die Tür hinter sich. Das Bett brauchte noch gefühlt zwei Stunden, bis es aufhörte zu schwanken. Endlich fiel Luisa wieder in einen tiefen Schlaf.

 

Es war hell, als Luisa aufwachte. Langsam reckte und streckte sie sich. Sie lag in einem Queen-Size-Bett unter einem Stapel Wolldecken. Vorsichtig setzte sie sich auf. Schwindel drohte sie zu überkommen. Nicht schon wieder! Ihr Körper fühlte sich wie zerschlagen an, in ihrem Schädel pochte ein dumpfer Schmerz.

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