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Elfenmagie

Inhaltsübersicht

Prolog

Vanora

Alkariel

Eamon

Vanora

Eamon

Alkariel

Nevliin

Bienli

Nevliin

Vanora

Eamon

Bienli

Vanora

Eamon

Nevliin

Vanora

Eamon

Vanora

Nevliin

Eamon

Bienli

Alkariel

Vanora

Nevliin

Vanora

Alkariel

Eamon

Nevliin

Bienli

Eamon

Vanora

Eamon

Nevliin

Vanora

Bienli

Vanora

Nevliin

Alkariel

Eamon

Vanora

Nevliin

Eamon

Vanora

Eamon

Vanora

Eamon

Alkariel

Eamon

Vanora

Eamon

Nevliin

Bienli

Vanora

Eamon

Nevliin

Eamon

Epilog

Danksagung

Prolog

Wofür lohnt es sich zu sterben? Die Leben Tausender?

Ein ruhmreicher Tod. Doch was bedeutet es schon, als Held zu sterben, wenn man sich von denen, die man liebt, für immer verabschieden muss?

Die Augen können den Schmerz nicht mehr verbergen. Solch starkes Herz, noch voller Liebesmut. Die Flamme erlischt nicht, nur weil der Orkan sie zu Boden drückt. Wie viel Leid kann man ertragen, bevor man daran zerbricht? Wie groß muss der Schmerz sein, um sich nach dem Tod zu sehnen?

Das strahlende Licht nimmt überhand, die Schatten ziehen sich zurück. So leicht fühlt es sich an, eingehüllt in diese Wärme. Der Verstand so klar, die Sinne scharf. Wie leer und ruhig die Welt doch plötzlich ist.

Wofür lohnt es sich zu sterben? Um ein einziges Leben zu retten?

Ein letzter Blick in diese Augen, verschwommen im gleißenden Licht der Flammen.

Wie erklärt man, dass man sich entschieden hat zu gehen?

Schicksal.

Bestimmung.

Was ist schon ein Leben im Vergleich zu Tausenden?

Sterben.

Sterben, auch wenn das Herz vor Liebe bricht.

Vanora

Jeden Tag bei Sonnenuntergang saß sie am Fenster ihrer Kammer und wartete auf die Finsternis. Denn dann wurden sie sichtbar, die Schatten, die sie begleiteten, seit sie denken konnte. Auf dem Dach der gegenüberliegenden Kate, im Haselstrauch am Rande ihres kleinen Grundstücks, in den Baumkronen des nahen Buchenhains. Auch heute lag das Dorf wie verlassen in der Dunkelheit, aber Vanora sah sie doch – die goldfarbenen Augen, die schon so oft auf ihr geruht hatten. Sie spiegelten das Mondlicht, den Schein der Fackeln, den sanften Schein der Kerze an ihrem Fenster. Doch wenn es hell wurde – so wie jetzt, da ein Blitz sein grelles Licht über das schlafende Dorf warf –, waren die Schatten verschwunden. Sie waren schneller als das Licht und geschickt darin, sich zu verbergen, aber sie waren immer da. Zuverlässig, bei Sturm, bei Regen, bei klirrender Kälte, Nacht für Nacht. Es war nie anders gewesen. Vanora fürchtete sie nicht. Es mussten Schutzgeister sein. Ein beruhigender Gedanke. Sie lächelte. Ob sie jemals herausfinden würde, wer es war, der über sie wachte?

Das Wetterleuchten verging. Vanora schob den dicken Stoff vor dem Fenster noch etwas weiter zurück und starrte versonnen in die Dunkelheit. Die dünnen Äste der Eiche, denen es gelungen war, vom Hof bis zum Haus zu greifen, kratzten über die hölzernen Wände und streckten sich ihr entgegen wie die knochigen Fänge eines Ungeheuers. Leise prasselnd fiel der Regen auf das Strohdach, der Wind heulte durch die Ritzen, das Dorf schlief. Und so bemerkte auch niemand außer ihr die dunkle Gestalt, die sich jetzt vom Stamm der alten Eiche löste und zur Schmiede ihres Vaters hinüberhuschte. Vanora erstarrte. Niemals zuvor hatten sich ihr die Schatten genähert. Spielte ihr die Phantasie einen Streich?

Ein vielfach verzweigter Blitz zuckte von den Wolken zur Erde, ließ die Regentropfen wie glitzernde Kristalle funkeln und –

Vanora schnappte nach Luft und wich zurück. Der Stoff fiel vor das Fenster. War dort unten wirklich eine Gestalt in dunklem Umhang gewesen, deren Schritte in Pfützen und Schlamm auf dem Hof keine Spuren zu hinterlassen schienen? Das konnte nicht sein. Die Hand auf ihr wild schlagendes Herz gepresst, machte sie einen vorsichtigen Schritt nach vorn. Es war sicher nur Einbildung gewesen. Kein Mensch hatte so weiße Haut! Und doch hatte sie die Augen wiedererkannt. Sie hatten im Schein des Blitzes golden aufgeleuchtet. Hatte er sie gesehen? Wusste er, wo sie war? Sie schüttelte den Kopf – natürlich wusste er es. Er hatte es immer gewusst.

Mit zitternder Hand berührte sie den Stoff, nahm all ihren Mut zusammen, und langsam beruhigte sie sich wieder. Sicherlich war es nur Graham von der Mühle, der ihrem Vater einen Besuch abstatten wollte. Manchmal tat er das. Die beiden Männer tranken Wein und sprachen miteinander, und manchmal lachten sie. Das Lachen ihres Vaters zu hören machte Vanora glücklich und ließ sie zufrieden einschlafen. Sie atmete auf. Vielleicht war es nur der Blitz gewesen, der ihr den Müller so fremdartig hatte erscheinen lassen. Aber der Zweifel blieb, und so schloss sich ihre Hand noch etwas fester um den Stoff. Sie würde jetzt nachsehen. Schließlich war sie kein kleines Kind mehr. Es waren bereits zehn Sommer seit ihrer Geburt verstrichen. Sie war schon groß.

Mit einer heftigen Bewegung riss sie den Vorhang zur Seite, doch die Gestalt auf dem Hof war verschwunden. Stattdessen erklang ein leises Klopfen unten an der Haustür. Vanora presste die Hand an den Mund, hielt den Atem an, lauschte. Schritte, das Wegschieben eines Riegels, dann Stille. Nichts als der Regen und der Wind. Langsam ließ sie die Hand sinken und atmete vorsichtig aus. War da nicht eben ein Geräusch gewesen? Eine Stimme, die mit dem Singsang des Windes verschmolz? Aber nein, der Müller hatte eine kräftige Stimme – weich und dunkel wie ein Glockenschlag. Und ihr Vater …

»Ich sage es nicht noch einmal! Ihr seid hier nicht willkommen!«

Vanora riss erschrocken ihre Augen auf. Ihr Vater war zornig! Nur einmal hatte sie ihn dermaßen aufgebracht erlebt. Als er sie auf dem Weg zu den Steilklippen erwischt hatte. Nein, mit dem Müller hätte ihr grundgütiger Vater niemals so gesprochen. Aber wer war es dann, der mitten in der Nacht Einlass begehrte?

Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür ihrer Kammer, die zum Glück nur angelehnt war. Nun war sie sich sicher: Die Melodie, die mit dem Wind zu verschmelzen schien, war wirklich eine Stimme. Leise war sie, und doch schien es ihr, als dränge sie in jeden noch so kleinen Winkel des Hauses. Das schwache Licht der wenigen Kerzen, die in der Stube unten brannten, drang durch den schmalen Spalt. Mit angehaltenem Atem ergriff sie das Türblatt, zog es langsam auf und biss die Zähne zusammen, als ein leises Knarren ertönte.

Vanora hielt inne, lauschte. Die fremde Stimme war immer noch zu hören, auch wenn es ihr schwerfiel, sich auf die Worte zu konzentrieren. Der Fremde sprach mit einem ungewohnten Akzent und seine Worte klangen wie ein Lied. Ein wunderschönes Lied.

Die Stimme des Vaters brach den Zauber: »Ich will nichts mehr von Euch wissen!«

Vanora zuckte zusammen, als hätte er sie persönlich angebrüllt.

»Ich bin nicht Euer Feind«, entgegnete der Fremde ruhig.

»Das könnt Ihr sehen, wie Ihr wollt. Glaubt Ihr etwa, ich bin blind? Glaubt Ihr etwa, ich weiß nicht, dass Ihr ständig alle um sie herumschleicht? Das wird jetzt aufhören! Habt Ihr verstanden? Lasst uns in Frieden!«

Der Fremde blieb noch immer ruhig. »Die Zeit ist gekommen«, sagte er in seiner weichen, melodischen Stimme.

Einen Moment lang war es still, und Vanora hörte nur noch das Rauschen ihres Blutes in den Ohren.

»Die Zeit ist gekommen?«, japste ihr Vater schließlich, atemlos vor Zorn. »Sucht Euch jemand anders. Sie hat uns verlassen. Sie hat mir das Kind vor die Tür gelegt und uns alleinegelassen. Ich will nichts mehr von ihr wissen.«

»Eliria ist tot, Briac Larnegie. Sie starb schon vor langer Zeit.«

Stille. Ein schweres Ausatmen.

»Das ist nicht … Wieso habt Ihr mir nichts davon gesagt?«

»Dies war nicht unsere Aufgabe. Ihr solltet in Frieden leben, ohne unsere Anwesenheit zu bemerken. Sie wollte es so.«

Ihr Vater schnaubte, eine Mischung aus Wut und Schmerz. »Aber ich habe Euch bemerkt!« Etwas Schweres krachte zu Boden, und jetzt war Vanora sich sicher, dass ihr Vater weinte. »Was soll das alles noch? Wenn sie tot ist … Was wollt Ihr dann noch von uns?«

»Das Kind ist immer noch in Gefahr. Ihr könnt ihre Herkunft nicht verleugnen. Ihre Bestimmung …«

Doch ihr Vater ließ den Fremden nicht ausreden: »Sprecht nicht von Bestimmung. Unglaubwürdiges Zeug, das Ihr Euch einfallen lasst, um Eure Grausamkeit zu rechtfertigen. Wir haben sehr gut alleine gelebt. Wir haben Eliria nicht gebraucht, und wir brauchen Euch auch nicht.«

Vanora verstand jedes einzelne der Worte, die unten in der Stube gesprochen wurden, doch der Inhalt der Unterhaltung erschloss sich ihr nicht. Eliria. Ein seltsam klingender Name. Niemals zuvor hatte sie ihren Vater diesen aussprechen hören. Waren »sie« wirklich die Schatten, die sie ihr Lebtag lang beobachtet hatten? Hatte sie das richtig verstanden, dass ihr Vater die Schatten auch bemerkt hatte? Ein Kind war in Gefahr – war das etwa sie selbst? Und was hatte es mit dieser Bestimmung auf sich? Vanora ignorierte die warnende Stimme in ihrem Kopf und schlich weiter zu der steilen Treppe, die in die Stube hinabführte. Dort legte sie sich auf den Bauch und spähte hinunter.

Ihr Vater stand mit dem Rücken zu ihr, direkt neben dem Tisch in der Mitte des Raumes – und ihm gegenüber jene dunkle Gestalt, die sie auf dem Hof gesehen hatte, eingehüllt in einen schwarzen Umhang. Vanora hatte ihren Vater stets für den größten Mann der Welt gehalten, aber die schlanke Gestalt des Fremden überragte Briac um ein gutes Stück. Das Gesicht des Besuchers lag im Schatten der Kapuze verborgen, und im weichen Licht der Kerzen erschien er ihr wie ein Traumgespinst, ein Geist aus einer anderen Welt.

Mit einer geschmeidigen Bewegung, als verschmelze er mit den Schatten und dem flackernden Licht der Flammen, bewegte sich der Fremde ein Stück auf ihren Vater zu. »Ihr wisst, dass sie keine andere Wahl hatte«, sagte er ruhig. »Sie wollte ihre Tochter beschützen. Bei uns wäre sie verloren gewesen. Ich habe es Euch an ihrem ersten Geburtstag erklärt. Erinnert Ihr Euch?«

Ihr Vater nahm an dem Tisch Platz und strich sich mit der Hand über Augen und Stirn. »Ihr werdet sie mir nicht wegnehmen.«

»Nein, noch nicht«, sagte der Fremde, und ihr Vater blickte auf: »Noch nicht? Nein, so war das nicht abgemacht. Sie ist noch zu jung.«

»Der Feind kümmert sich nicht darum, wie alt sie ist. Sie muss vorbereitet werden.«

»Verschwindet.« Der Zorn war aus der Stimme ihres Vaters gewichen, doch die Müdigkeit, die nun in ihr lag, war schlimmer. Am liebsten wäre Vanora die Treppen hinuntergestürmt und hätte ihn getröstet. Wer auch immer diese Eliria gewesen war, die Nachricht ihres Todes hatte ihren Vater sichtlich getroffen.

»Es ist Eure Entscheidung, Briac Larnegie. Das Mädchen muss lernen, über ihre Fähigkeiten zu verfügen. Es kann hier …« Der Fremde hob den Kopf. Einen flüchtigen Moment lang wich der Schatten, und sie sah erneut das blasse, nahezu schneeweiße Gesicht, dessen Züge im Zwielicht scharf und feindselig wirkten. Seine goldenen Augen funkelten im Schein der Kerze, und dann – als hätte er gespürt, wo sie war – sah er zu ihr hoch.

Vanora schnappte nach Luft, brachte all ihre Willensstärke auf und rutschte etwas zurück. Dabei stieß sie mit dem Fuß gegen die offene Tür ihrer Kammer, doch das Geräusch und ihr leises Fluchen gingen in den letzten Worten des Fremden unter: »… oder woanders geschehen.«

Erleichtert atmete sie aus. Offenbar hatte er sie doch nicht bemerkt, auch wenn ihr wild schlagendes Herz das Gegenteil behauptete. Vorsichtig kroch sie wieder ein Stück näher und spähte über die Stufen hinab. Ihr Vater saß immer noch am Tisch, seine Haltung war angespannt. »Woanders, ja?« Er schnaubte verächtlich. »Ihr habt Nerven! Hier einfach aufzutauchen und zu glauben, ich gebe Euch mein Kind.«

»Solange das Mädchen hier in Sicherheit ist …«

Ihr Vater sprang auf, und der alte Holzstuhl, ein Werk des Großvaters, fiel polternd um und schlitterte ein Stück weit über den Lehmboden. »Sie wird hier immer in Sicherheit sein!« Einen Moment lang schien es, als würde sich ihr Vater auf die dunkle Gestalt stürzen, doch er blieb stehen, die Hände zu Fäusten geballt.

Auch Vanora erstarrte. Die Worte des Fremden hallten immer und immer wieder durch ihren Kopf, und die Erkenntnis traf sie wie eine Ohrfeige. Das Kind, über das der Fremde mit ihrem Vater sprach, das war sie selbst, denn ein anderes Kind gab es hier ja nicht! Ihr wurde schwindlig. Plötzlich ergaben die scheinbar zusammenhanglosen Worte einen Sinn. Sie sollte fort!

Zitternd richtete sie sich auf und schwankte, als sie einer Schlafwandlerin gleich Stufe um Stufe die Treppe hinab zur Stube nahm. Der Fremde hatte die Eingangstür nicht hinter sich geschlossen, und der Geruch nach Regen lag in der Luft. Er blickte auf, doch sein durchscheinender Glanz, das Gold seiner Augen und das Geheimnis, das ihn umgab, interessierten sie nicht mehr. Es war der verzweifelte Ausdruck ihres Vaters, der ihr die Tränen in die Augen trieb.

»Vanora! Wieso schläfst du nicht?«

»Sag ihm, dass ich hierbleiben werde.« Es gelang ihr nicht, das Schluchzen zu unterdrücken. »Sag ihm, dass er mich nirgendwohin mitnehmen darf.«

Die Augen ihres Vaters glänzten, und als er nun zu ihr kam und sie hochhob, wirkte sein Lächeln gezwungen. Vanora klammerte sich an ihn, vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Noch nie hatte sie solch große Angst gehabt. Noch nie hatte sie ihren Vater so verzweifelt gesehen.

»Keine Sorge. Du bleibst bei mir. Keine Sorge.«

Doch den Fremden schienen die Worte ihres Vaters nicht zu beeindrucken: »Ich erwarte das Kind morgen früh.«

Vanora hob den Kopf und starrte durch einen Schleier aus Tränen in die Nacht hinaus. Ein Schauer kroch ihren Rücken hinab, der nichts mit dem Wind zu tun hatte, der noch immer den Regen in die Stube peitschte. Der Fremde war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.

»Vater?« Sie lehnte sich etwas zurück und sah ihn an. Der Funkenflug in der Schmiede hatte Dutzende heller Narben auf sein Gesicht gezeichnet. Zärtlich strich sie ihm durch das dichte, blonde Haar, das dem ihrigen so sehr glich – ebenso wie seine türkisblauen Augen, in denen nun Tränen glänzten. Sie gab ihm einen tröstenden Kuss auf den Mund. Sein blonder Ziegenbart pikste, doch das hatte sie noch nie gestört. Wenn er nur aufhören wollte zu weinen!

»Vater, wer ist Eliria?«, fragte sie und versuchte ihre Worte belanglos klingen zu lassen, was ihr allerdings nicht besonders gut gelang.

Briac wurde blass, sehr blass. Behutsam stellte er sie wieder auf die Beine. »Du hättest nicht lauschen dürfen, Kleine.« Er drehte sich um, schloss die Türe und verharrte dann einen Moment lang reglos, ehe er sich ihr mit einem tiefen Seufzen zuwandte und in die Hocke ging. »Du weißt, dass ich dich sehr liebhabe.« Er hob sie auf sein Knie und strich ihr das lange, hellblonde Haar zurück, das in ihrem tränennassen Gesicht klebte. »Der Mann, der eben hier war … er kannte deine Mutter. Eliria.«

»Die Frau, die gestorben ist?«

Er musterte sie forschend, dann nickte er. »Ja. Deine Mutter lebt nicht mehr.«

Vanora verstand, aber der Tod der Frau berührte sie nicht. Für sie hatte es immer nur ihren Vater gegeben – und ihren Großvater, als dieser noch am Leben gewesen war. Der Name ihrer Mutter war ihr ebenso gleichgültig wie die Nachricht von ihrem Tod. Kurz irritierte sie dieser Mangel an Traurigkeit. Ihre Mutter war gestorben. Müsste sie nicht irgendetwas fühlen? Den Verlust beweinen? Aber dann schüttelte sie den Kopf. Bis vor wenigen Augenblicken hatte sie keine Mutter gehabt, und wie die Dinge standen, würde sich daran auch niemals etwas ändern. Eliria war für sie nur ein Name, mehr nicht. Sie wusste nicht, was sie vermissen sollte, und deshalb war es, so fand sie, vermutlich auch nicht weiter schlimm, dass sie nun nicht traurig war. Nachdenklich ließ sie ihren Blick durch das Zimmer und zu der geschlossenen Haustür wandern, durch die der Fremde wie ein Geist verschwunden war. Sofort griff die Kälte wieder mit langen Klauen nach ihrem Herzen. »Wieso war dieser Mann hier, Vater? Wieso will er mich mitnehmen – und wohin?«

Energisch schüttelte er den Kopf, als wolle er damit nicht nur ihre Ängste, sondern auch seine eigenen Geister vertreiben. »Er wird dich nicht mitnehmen, Kleine. Deine Mutter war eine … sehr hochgestellte Frau. Sie wollte dir eine gute Ausbildung ermöglichen, und deswegen ist dieser Mann heute zu uns gekommen.«

Vanora verstand kein Wort. Jede Antwort warf neue Fragen auf. Sie hatte ihren Vater früher hin und wieder nach ihrer Herkunft gefragt, aber er war ihr stets ausgewichen, und so hatte sie irgendwann hingenommen, dass er nicht darüber sprechen wollte. Nun aber war dieser Fremde in ihr Leben getreten, hatte den Damm aus Schweigen gebrochen, und Vanora wollte Antworten. Wieso wurde sie in diesem Dorf wie eine Aussätzige behandelt? Wieso wollte niemand etwas mit ihr zu tun haben? Schließlich war sie hier nicht das einzige Kind, das ohne Mutter aufwuchs. Andere Frauen waren im Kindbett gestorben oder am Fieber. Lag es daran, dass ihre Mutter … wie hatte ihr Vater es genannt? … eine sehr hochgestellte Frau gewesen war? Hatte sie einst mit ihnen hier in dieser Kate gelebt und war dann fortgegangen? Vielleicht nach Vinelba, der nächstgelegenen Stadt, in der auch die anderen Grafen und Barone lebten? Aber weshalb war sie dann nie gekommen, um sie und ihren Vater zu besuchen? Bis zur Stadt war es mit einer der edlen Kutschen, die manchmal auf der großen Straße vorbeifuhren, zwar kein Katzensprung, aber auch nicht unendlich weit.

Vanora löste sich von ihrem Vater und setzte sich vor ihm auf den Boden. Mit an die Brust gezogenen Beinen sah sie zu ihm auf. »Diese … Eliria … Wieso ist sie weggegangen?«, fragte sie zum ersten Mal in ihrem Leben und fürchtete sich gleichzeitig vor der Antwort.

Briac atmete tief aus, strich sich wieder mit der Hand über die Augen. »Du musst wissen, Kleine, Eliria war mehr als nur Gräfin oder die Tochter eines Barons. Sie war so eine Art Prinzessin.«

»Eine Prinzessin?«

»Ja, aber in ihrem Heimatland war sie nicht sicher. Dort herrscht ihre Tante.«

»Das verstehe ich nicht.«

»In diesem Reich geschehen Dinge, die uns fremd sind.« Briac sah ihr in die Augen, und doch sah er sie nicht an. Er war irgendwo weit weg. »Kämpfe um Macht und Land«, murmelte er. »So viele Lügen und Intrigen. Nein, Kleine. Wir können das nicht verstehen. Das Einzige, das du wissen musst, ist, dass deine Mutter dich nicht in dieses Land mitgenommen hat, weil sie dich beschützen wollte.«

»Aber wieso ist sie dann nicht einfach hiergeblieben? Wieso ist sie zurückgegangen in dieses andere Land?«

»Sie hatte Angst um uns, um dich. Sie war eine Prinzessin und deswegen sehr wertvoll für diejenigen, die um die Herrschaft kämpfen. Sie wollte nicht, dass irgendjemand weiß, dass du … Sie wollte dich retten.«

Vanora verstand noch immer nicht. Sie war die Tochter des Hufschmieds, keine Prinzessin. Erneut huschte ihr Blick zu der nunmehr geschlossenen Tür. »Und dieser Mann? Wo kommt er her? Was wollte er?«

Briac erhob sich, und wie einem Impuls folgend schob er den Riegel vor. »Sein Name ist Glendorfil. Du musst nicht so schauen. Er heißt wirklich so.«

»Dieses Land muss sehr weit weg sein.«

»Das ist es auch.« Briac lehnte sich gegen den Türrahmen. »Jedenfalls stand Glendorfil auf der Seite deiner Mutter. Und jetzt möchte er nach dir sehen. Er wird dich ab morgen unterrichten.«

»Was?!« Vanora sprang auf. »Ich will nicht, Vater! Dieser Mann ist mir unheimlich.«

Briacs Lächeln wirkte gequält. »Ach, komm schon, Kleine. Seit wann bist du denn so ängstlich? Er wird dir nichts tun. Er war ein Freund deiner Mutter.«

»Wenn er ein Freund ist, wieso hast du ihn dann so angeschrien?«

Briac öffnete den Mund, sagte jedoch nichts. Er schob die Stühle um den Tisch zurecht und deutete dann die Treppe hinauf. »Ab ins Bett jetzt. Morgen liegt ein anstrengender Tag vor dir.«

»Aber ich …«

»Keine Widerrede. Du gehst morgen zu Glendorfil, und du wirst dich benehmen, hast du verstanden?«

Vanora hob den Kopf und sah ihn fassungslos an. Das konnte er doch nicht so meinen! Er hatte den Mann doch selbst nicht gemocht! Wie konnte er da …? Aber ihr Vater tat, als sei die Angelegenheit erledigt und alles gesagt. Schließlich stapfte sie an ihm vorbei, lief laut polternd die Treppe nach oben, knallte die Tür hinter sich zu und warf sich auf das Strohlager.

In dieser Nacht konnte sie kaum schlafen, und wenn sie es doch tat, träumte sie widersinniges Zeug. Sie sah einen dunklen Wald, mit Bäumen so hoch, dass sie bis in den Himmel reichten, und Stämmen so dick, dass sie wohl nicht einmal zehn Männer mit ausgestreckten Armen umfassen könnten. Dichte, graue Nebelschleier wanden sich zwischen den schwarzen Säulen hindurch und nahmen ihr die Sicht. In einem anderen Traum war sie von weißem Licht umgeben. Sie wusste nicht, wo oben oder unten war, schwebte in der Unendlichkeit. In den vielen und langen Wachphasen ging es ihr auch nicht besser. Die wilden und zusammenhanglosen Bilder, die sich in ihren Kopf schlichen, verwirrten sie und waren, so dachte sie, gewiss ein Nachhall der Dinge, die sie am Abend zuvor erfahren hatte.

Als sich am Morgen die ersten Sonnenstrahlen an dem dicken Vorhangstoff vorbei in ihr Zimmer stahlen, wusste sie nicht zu sagen, was überwog: die Erleichterung über das Ende dieser endlos langen Nacht oder die Furcht vor dem, was der Tag bringen würde.

Ihr Vater war an diesem Morgen besonders wortkarg und holte sie früher als sonst aus ihrer Kammer. Wie so oft, wenn er früh in der Schmiede arbeitete, war sie beim Frühstück allein, aber heute schien es Vanora so, als würde Briac vor ihr fliehen. Sie würgte den geschmacklosen Getreidebrei hinunter, schlüpfte in eines ihrer verhassten Kleider, schrubbte ihr Gesicht an der Tränke mit Wasser ab und strich ein paarmal mit den Fingern durch ihre Haare. Dann ging sie zu ihrem Vater in die Schmiede. Er wich ihrem Blick noch immer aus, erklärte ihr, wohin sie gehen musste, und erstickte ihren Protest früher und schärfer, als sie es gewohnt war. Also nickte sie nur knapp, warf die Tür hinter sich ins Schloss und stapfte kurz darauf wütend durch das hohe Gras den Hügel hinauf. Mit einem Ast schlug sie auf die purpur blühenden Disteln ein, die ihr die Beine zerstachen, und jeden Kopf, der fiel, kommentierte sie mit einem Fluch. In ihrer Phantasie waren es Drachen, die sie mit ihrem Schwert bezwang, einen nach dem anderen.

»Du darfst da nicht hinaufgehen! Das ist verboten!«

Vanora hielt mitten im Schwung ihres Schwertstreiches inne und drehte sich übertrieben seufzend zu den anderen Kindern um. Sie mochten sie nicht und hatten selten ein gutes Wort für sie. »Dann geht schnell zurück, bevor eure Mamis euch ausschimpfen«, blaffte sie und streckte der Bande ihren Ast entgegen. Graem, der Anführer der Raufbolde und zwei Sommer älter, als sie selbst es war, lachte lauthals, und seine Anhänger stimmten artig ein. Dann deutete Graem mit seinem klobigen Holzschwert in Richtung des Hügels: »Wer da hinaufgeht, kommt nicht mehr zurück.«

Vanora musterte ihn aufmerksam. Seine Waffe war nicht beeindruckender als ihr Ast, und in seinen Augen glomm eine Mischung aus Furcht und Trotz. Er würde sie nicht gehen lassen, ihr aber auch nicht sehr lange folgen, wenn es ihr gelänge, ihm zu entwischen. Vanora lächelte. Sie hatte die Bande oft genug dabei beobachtet, wie sie mit ihren selbst gebastelten Schwertern gegen Bäume, Häuser oder aufeinander eingedroschen hatten, und sie wusste, dass sie schneller war.

»Wenn ihr euch fürchtet, müsst ihr ja nicht weitergehen.« Sie drehte sich um, doch wie erwartet packte Graem ihren Arm. Es war ein Reflex, der sie im selben Moment, in dem sie zu ihm herumgerissen wurde, mit dem Arm ausholen ließ. Mit aller Kraft schlug sie den Ast gegen seine Schläfe und verlagerte sofort ihr Gewicht, um ihm gegen das Schienbein zu treten. Graem fluchte, ließ sie aber los, so dass sie ihm noch mit der freien Hand gegen die Schulter boxen konnte. Sie war immer schon schnell gewesen, und so war es ihr ein Leichtes, vor ihm zurückzuweichen, sich umzudrehen und davonzulaufen.

Sie wusste, dass die Bande zu ängstlich sein würde, um ihr zu folgen, und so stürmte sie, ohne zurückzublicken, weiter, bis die Umrisse der alten, verwahrlosten Hütte auftauchten, die die Schäfer schon vor langer Zeit verlassen hatten. Hier sollte sie warten, hatte ihr Vater ihr gesagt. Sie war schon oft hier gewesen, heimlich, um sich zu den Steilklippen zu schleichen und die tosende Brandung zu sehen, die sich an den scharfkantigen Felsen brach. Das Haus war ihr nicht fremd, und doch ging etwas Gespenstisches von ihm aus. Das Holz war modrig und stellenweise mit Moos bewachsen, das Strohdach verschimmelt. Ohne es zu bemerken, wurde sie immer langsamer, doch dann straffte sie sich. Ihr Vater hätte sie wohl kaum hierher geschickt, wenn ihr hier eine Gefahr drohen würde. Und deshalb gab es auch keinen Grund zur Furcht – auch dann nicht, wenn hier der unheimliche Mann mit den Goldaugen auf sie wartete.

Wenige Meter vor dem Häuschen blieb sie stehen und lauschte. Außer den Geräuschen des nahen Waldes war es still. Vielleicht hatte sich ihr Vater geirrt? War da nicht doch etwas? Sie fühlte sich beobachtet und inspizierte aufmerksam die schwarzen Fensterhöhlen, doch dort war nichts als Dunkelheit. Da war niemand. Sie hatte keine Angst. Keiner der Helden aus ihren Geschichten fürchtete sich beim Betreten einer Drachenhöhle. Ihre Finger schlossen sich fester um den Ast in ihrer Hand.

Leise klopfte sie an die Tür. Es war kaum zu hören – wie auch, wo sie das Holz so gut wie nicht berührt hatte. Dennoch antwortete ihr die Stimme des Fremden wie ein Flüstern des Windes in ihrem Ohr: »Komm nur herein, Mädchen.«

Vanora nahm den Türknauf in die Hand und atmete tief durch. Sie hatte keine Angst. Sie hatte niemals Angst. Energisch stieß sie die Tür auf und machte einen entschlossenen Schritt in die Dunkelheit.

Zunächst erkannte sie die Umrisse eines Tisches, an welchem zwei Stühle standen. Erst als sich ihre Augen allmählich an das Zwielicht gewöhnt hatten, bemerkte sie die hochgewachsene, schlanke Gestalt, die fast mit den Schatten zu verschmelzen schien.

»Ich freue mich, dass du gekommen bist.« Glendorfil ging einen Schritt auf sie zu, trat in den von Staubwirbeln durchzogenen Lichtstreifen, der durch die offenstehende Tür drang.

Vanora starrte ihn an, die Antwort blieb ihr im Halse stecken, und den Mund wieder zu schließen, vergaß sie ganz. Es war schwer, selbstbewusst zu wirken, während der schönste Mann der Welt zu einem hinabsah. Er sah unwirklich aus, nicht wie ein Mensch. Seine Haut wirkte wie weißer, geschliffener Marmor, die scharfen Gesichtszüge wie eingemeißelt. Ein Strom pechschwarzer, seidiger Haare floss über seine Schultern bis zur Brust hinab und ließ sein schmales Gesicht nur noch heller strahlen. Unter dem Hut mit der breiten, goldverzierten Krempe glosten seine Goldaugen und hielten sie gefangen.

»Setz dich.«

Der Mann, der, wie sie von ihrem Vater wusste, Glendorfil hieß, deutete mit einem Lächeln in die Richtung, in der sie vorhin den Tisch mit den Stühlen gesehen hatte. »Setz dich nur, Vanora.« Jedes seiner Worte klang, als würde es von einem unsichtbaren Glockenspiel begleitet. Noch immer konnte sie den Blick nicht von ihm wenden. Fasziniert betrachtete sie eine kleine, hauchdünne Einkerbung an seiner linken Wange. Zunächst hatte sie sie für ein Grübchen gehalten, doch bei genauerer Betrachtung erkannte sie, dass es eine Narbe war.

Glendorfil, der ihren Blick wohl bemerkt hatte, zog mit dem Finger den Verlauf der weiß verblassten Linie nach und zwinkerte ihr zu: »Eine alte Kriegsverletzung.«

Vanora kniff die Augen zusammen. Eine alte Kriegsverletzung? Wie alt könnte diese Verletzung denn schon sein? Ihr Vater hatte noch nicht einmal dreißig Sommer erlebt, und dieser Mann war um etliche Jahre jünger als er. Argwöhnisch musterte sie den Fremden und verharrte auf dem Blick seiner tiefgründigen, weisen Augen, die wirkten, als hätten sie Jahrhunderte vorüberziehen sehen. Womöglich war er doch älter, als er aussah?

Glendorfil deutete erneut in Richtung des Tisches, und dieses Mal erinnerte sie sich an ihre Erziehung, sank in einen Knicks und nahm schließlich Platz. Der Fremde setzte sich ihr gegenüber: »Ich hoffe, ich habe dir gestern keine Angst gemacht. Falls doch, möchte ich mich bei dir entschuldigen.«

Vanora schob das Kinn vor und richtete sich im Stuhl auf. »Ich bin nicht ängstlich.« Sie ballte die Hände zu Fäusten, um das Zittern zu verbergen.

Glendorfil lächelte noch immer und beugte sich etwas weiter vor. Vanora runzelte die Stirn. Es war merkwürdig. Der Geruch des feuchten, modrigen Holzes lag in der Luft, doch gleichzeitig ging von dem Mann ein schwacher, unglaublich frischer Duft aus, so klar wie die Luft nach einem Gewitter, wie frischer Schnee oder das eisige Meer.

Vanora straffte sich und lächelte zurück. »Mein Vater sagt, Ihr wart ein Freund meiner Mutter.«

»So könnte man sagen, ja. Was hat dir dein Vater denn noch alles erzählt?«

Aufmerksam forschte sie in seinen Goldaugen nach einem Hinweis, einer Gefühlsregung, irgendetwas, das ihr geholfen hätte, zu erkennen, wie der Fremde zu ihrer Mutter gestanden hatte. Vermisste er sie? Hatte er sie geliebt? Und wie mochte er zu ihrem Vater stehen? »Papa spricht nicht über sie«, sagte sie schließlich.

Glendorfil nickte. Sein Blick fiel auf ihre Hände, die auf der rauen, zersplitterten Tischplatte lagen. »Woher hast du diese Narben?«

Blitzschnell ließ Vanora ihre Hände unter dem Tisch verschwinden. »Ist in der Schmiede passiert. Funken.«

Wieder nickte Glendorfil, und Vanora spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Ob er ihre Lüge durchschaut hatte? Die hellen Linien, die sich über ihre Handinnen- und -außenflächen zogen, waren kaum noch zu sehen. Das Feuer hatte sie kaum verletzt. Eigentlich hätten sie im Zwielicht gänzlich unsichtbar sein müssen. Offenbar hatte Glendorfil gute Augen. Genau wie sie.

»In der Schmiede also«, wiederholte Glendorfil schließlich leise.

»Ja, mein Vater ist Hufschmied. Früher war er Waffenschmied. Mein Großvater sagte, dass Vater die besten Schwerter hergestellt hat. Einmal hat er sogar für den Fürsten von Vinelba eines gemacht.«

»Wirklich? Für den Fürsten?«

»Ja.« Vanora vergaß die Beklommenheit, legte automatisch die Hände wieder zurück auf den Tisch und rutschte näher. »Von überall in der Welt wollten die Leute seine Schwerter haben. Er war oft in Vinelba in der Burg. Mein Großvater hat gesagt, dass er dort meine Mutter kennengelernt hat. Ist das wahr? Mein Großvater hat auch gesagt, dass Vater den König getroffen hat. Alle Ritter wollten eines von seinen Schwertern haben. Hat meine Mutter in Vinelba gewohnt? Mein Großvater hat gesagt, dass sie wunderschön war und dass mein Vater früher auch einmal schön gewesen ist und lustig und fröhlich. Seine Schwerter …«

»Aber jetzt ist dein Vater Hufschmied, nicht wahr?«

Vanora grub die Fingernägel in die Kerben der Tischplatte. »Er kann immer noch Schwerter machen«, sagte sie leise und doch bestimmt.

»Wieso tut er es dann nicht?«

»Er … Mein Großvater hat gesagt … er … er konnte nicht mehr so viel reisen. Er wollte mit den Noblen nichts mehr zu tun haben. Er hatte … mich.«

»Ja, fürwahr.« Glendorfil erhob sich und ging auf die Truhe zu. Mit dem Rücken zu ihr blieb er stehen und blickte geradeaus zur Wand. »Er war früher anders?«, fragte er nach einer Weile des Schweigens, ohne sich jedoch zu ihr umzudrehen. »Dein Vater, er war nicht immer so …«

»Traurig?«

Glendorfil drehte sich zu ihr um. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, und doch spürte sie auch an ihm eine gewisse Traurigkeit, die sie ungewöhnlich intensiv fühlen konnte. So als wäre sie … ein Teil von ihm. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinab, doch dann fing sie sich wieder. Das war Unsinn. Es war nur seine Stimme, die so anders war und automatisch eine melancholische Stimmung hervorrief.

»Und dein Großvater kannte deine Mutter ebenfalls?«

»Ja. Mein Großvater war auch Waffenschmied, obwohl er der Sohn eines Gelehrten von Vinelba war. Er hat meinem Vater alles beigebracht. Graham sagt, ich sehe aus wie er.«

»Tatsächlich? Dann muss dein Großvater sehr hübsch gewesen sein.«

Eine leise Verlegenheit befiel sie, doch kurz darauf spülte das Misstrauen sie fort. »War er nicht. Woher wisst Ihr, dass er tot ist?«

Glendorfil wandte sich wieder ab und nahm etwas aus der Truhe. »Menschen sterben«, sagte er, als er sich wieder zu ihr umdrehte. »Früher oder später.«

Vanora starrte in das von Schatten verhüllte Gesicht. »Er war nicht so alt«, sagte sie. »Er starb im Winter vor zwei Jahren am Fieber.«

»Richtig.« Er legte einen Haufen schwarzer Leintücher auf den Tisch. »Aber genug davon. Lass uns mit dem Unterricht beginnen.«

Sie seufzte. »Aber ich kann schon lesen und schreiben. Großvater hat es mir beigebracht.«

»Dann ist es ja gut, dass du bei mir anderes lernst.« Mit einer blitzschnellen Bewegung schlug er die Tücher auseinander.

Vanora fuhr zurück, schnappte instinktiv nach Luft und wäre fast mit dem Stuhl hintenübergekippt.

»Du tust ja so, als wäre darin eine Schlange.«

Mit großen Augen starrte sie auf Köcher, Pfeile und Bogen. »Was soll ich damit?«

»Üben.« Glendorfil lächelte und legte nun auch noch ein prachtvolles, mit Edelsteinen verziertes Schwert frei. »Und die Beste werden.«

Vanora sah ihn fassungslos an. »Einfache Leute dürfen keine Waffen benutzen – und Frauen dürfen es erst recht nicht.«

»Dort, wo ich herkomme, schon.« Glendorfil nahm ihr gegenüber Platz. »Sag, ist dir jemals aufgefallen, dass in deiner Gegenwart vermehrt Dinge geschehen, die du nicht erklären kannst? Gab es hier bereits besonders starke Stürme? Überschwemmungen? Brände?«

Vanora zuckte zusammen. Sofort erschienen in ihrem Kopf: der brennende Ziegenstall im Hinterhof. Die Blumen, die plötzlich zu Asche verwandelt aus ihrer Hand rieselten. Das Holzschwert, das zersplitterte, als wäre ein alles versengender Blitz hindurchgefahren. Doch dies waren bei weitem nicht die schlimmsten Erinnerungen. Da waren jene Momente, die sie nicht bewusst erlebt hatte. Die vielen Male, als ihr die Sinne geschwunden waren. Als sie nicht mehr wusste, was sie tat, und danach in die entsetzten Gesichter der Leute aus dem Dorf blickte – und in das besorgte Gesicht ihres Vaters. Die Narben an ihrer Hand begannen zu jucken. Vanora strich mit den Fingern darüber, sah auf und hielt Glendorfils bohrendem Blick stand. »Nein«, antwortete sie. Sie musste sich darauf konzentrieren, ruhig zu atmen und das Glühen ihrer Wangen zu ignorieren. Nur ihr Vater wusste von den seltsamen Dingen, die ihr geschahen. Und er hatte ihr streng verboten, irgendjemandem davon zu erzählen. Manche Menschen waren nun einmal so wie sie, sagte er, aber es wäre besser, das geheim zu halten.

»Nun gut.« Glendorfil erhob sich. »Wie du meinst. Dann lass uns keine weitere Zeit verschwenden.« Und mit diesen Worten ging er an ihr vorbei und zur Tür hinaus.

Ohne zu überlegen, griff Vanora nach Bogen und Pfeilen und folgte ihm. »Habt Ihr deshalb mit meinem Vater gestritten? Weil Ihr mir beibringen wollt, wie man damit umgeht? Weil …« Sie verstummte. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie an dem Mann vorbei und auf ein Tier, das dort seelenruhig auf der Wiese graste. Nicht einmal die prächtigen Schlachtrösser der Ritter, die sie einst gemeinsam mit ihrem Großvater in Vinelba gesehen hatte, waren mit diesem Tier zu vergleichen. Das Fell war viel zu schwarz und glänzte wie in Öl gebadet, und die dichte, schimmernde Mähne reichte bis weit unter den muskulösen Hals. Noch nie hatte sie etwas so Wunderschönes gesehen. Langsam näherte sie sich, blieb jedoch an Glendorfils Seite. Das Pferd hob den Kopf, streckte ihnen aufmerksam die Ohren entgegen. Was war das nur für ein Land, aus dem Glendorfil kam, wenn es dort solche Pferde gab?

»Vanora.« Glendorfil streichelte über die Stirn des Pferdes, das ihm zärtlich gegen die Brust stupste. »Ich möchte dir meinen treuen Freund Glitnir vorstellen.«

Sie räusperte sich. »Er ist wundervoll«, und empfand zugleich schmerzlich, dass dieses Wort dem Pferd nicht gerecht wurde.

»Ja, das ist er.« Erneut lächelte Glendorfil auf jene schöne und zugleich beunruhigende Weise, die ihm eigen war, und tätschelte Glitnirs Hals. »Dann freut es dich doch bestimmt, dass du jetzt auf ihm reiten wirst.«

»Was?« Sie wich einen Schritt zurück. »Nein, das geht nicht. Er ist so groß.«

»Er wird gut auf dich aufpassen. Und ich bin ja auch noch da.«

Sie schüttelte den Kopf. Sie wusste weder, was sie von Glendorfil halten, noch, wie sie das Tier einschätzen sollte. Doch ihr selbsternannter Lehrmeister nahm nur die Zügel in die Hand und hielt sie ihr hin. »Wenn du Angst hast, können wir auch zu Fuß gehen.«

»Ich habe keine Angst«, erklärte sie, reckte das Kinn vor und setzte sich mit festen Schritten in Bewegung.

Er zwinkerte ihr zu – eine seltsam menschliche Geste in diesem so wenig menschlichen Gesicht. »Das dachte ich mir.«

Und noch ehe sie richtig begriff, wie ihr geschah, packte Glendorfil sie, hob sie mühelos auf das Pferd und saß im nächsten Moment selbst hinter ihr im Sattel.

Ein kräftiger Windstoß fuhr ihr ins Gesicht, wehte ihr Haar zurück und zerrte an ihrem Kleid. Die Welt um sie herum flog an ihr vorbei und verschwamm zu einem blaugrünen Schemen. So leicht, als würde er schweben, stürmte der Rappe über die Hügel auf den hellblauen Horizont zu. Ihre Hände klammerten sich an den Bogen, und sie spürte Glendorfils Arm, mit dem er sie an seine Brust drückte. So musste sich ein Vogel fühlen, der frei und schwerelos über das Land flog – dem gewaltigen Donnern der Wellen zu, der lauter war als das Gewitter der vergangenen Nacht.

Sie benötigten nur wenige Minuten, um die Steilklippen zu erreichen. Glitnir hielt inne, und Vanora atmete tief die kühle Seeluft ein. Die anderen Dorfbewohner mieden diesen Ort, aber Vanora liebte die gigantischen Felsen, die senkrecht ins Meer fielen, und hatte sich ihnen zeit ihres Lebens verbunden gefühlt. Dass – wie die anderen behaupteten – das Böse in diesen Klippen wohnte, glaubte sie nicht. Wie sollte solch ein traumhafter Ort böse sein?

Glendorfil schwang sich aus dem Sattel, hob sie vom Pferd und sah sich um. Wonach er Ausschau hielt, wusste sie nicht. Hier gab es nichts als die grüne Ewigkeit und den Abgrund am Ende der ewig langen Küstenlinie.

»Siehst du den Felsen, dort, neben dem Apfelbaum?«

Vanora kniff die Augen zusammen, folgte seinem Blick und schüttelte schließlich den Kopf.

»Streng dich an.«

»Aber ich sehe dort keinen Felsen und auch keinen Apfelbaum.«

Glendorfil sah zu ihr hinab, und in seinem Blick lag mit einem Mal eine Kälte, die ihr die Luft aus den Lungen zu pressen schien. Sie schauderte, als der Blick seiner goldenen Augen den ihrigen gefangen hielt. Und so versuchte sie es noch einmal, konzentrierte sich auf die gewellte Linie, die die grünen Hügel vom blauen Horizont trennte. Das Bild wurde immer schmaler, die Ränder zogen sich nach innen, immer stärker schränkte sich ihr Blickfeld ein. Sie nahm nicht mehr wahr, was seitlich von ihr geschah, und ihr Blick flog wie durch einen Tunnel über die Wiese – und da sah sie ihn. Den langen, spitz zulaufenden Felsen, der unweit eines weißblühenden Apfelbaums aus dem Boden ragte.

Vanora bemerkte kaum, dass Glendorfil ihr den Köcher mit den Pfeilen umlegte und den Bogen gegen die Brust drückte. »Zieh einen Pfeil.«

Ohne lange nachzudenken, hob sie die Hand, griff über die Schulter nach hinten, tastete nach den gefiederten Enden der Pfeile und zog einen davon heraus.

»Dreh dich etwas zur Seite, diesen Fuß ein kleines Stück zurück, genau so. Steh aufrecht, Kopf hoch.«

Vanora löste den Blick vom Felsen, sah zu Glendorfil auf und erstarrte. Es war, als wäre ein Schleier von ihren Augen gefallen und als könnte sie zum ersten Mal klar sehen. Sie erkannte jedes Detail – Dinge, die ihr früher niemals aufgefallen waren. So sah sie auch, dass Glendorfils Haut tatsächlich reinweiß war, ohne die kleinste Unreinheit, ohne Bartstoppeln oder Unebenheiten. Seine Augen funkelten wie Edelsteine, wirkten genauso wie seine Haut – als wären sie aus Stein; leblos, kalt und doch atemberaubend schön.

Sie wusste nicht, ob sie weinen sollte, weil so wenig Leben in dieser Schönheit zu liegen schien; ob sie schreien und fortlaufen sollte vor Furcht oder ob sie vor diesem Fremden, der nun ihr Lehrer war, niederknien sollte, um ihm dafür zu danken, was er ihr gegeben hatte. Sie fühlte sich vollkommen und zugleich entzweit, lebendig und erstarrt – und zutiefst verunsichert. Ein schneller Blick zu dem Apfelbaum in der Ferne zeigte ihr, dass sie diesen noch ebenso klar erkennen konnte wie zuvor. »Was …«, begann sie, aber Glendorfil hob nur seinen Langbogen, der sie nahezu überragte, und zeigte ihr, wie sie ihn richtig halten musste. »Dreh den Ellbogen etwas nach außen. Die Finger nicht so verkrampft, halt ihn ganz locker, Schultern nach unten. Der Arm muss ausgestreckt sein. Zieh die Sehne zurück, ja, richtig. Konzentrier dich auf den Felsen. Die Sehne noch weiter zurück, leg sie am Kinn an.«

Vanora atmete ganz ruhig, sog jedes seiner Worte auf, befolgte die Anweisungen, so genau sie nur konnte. Dies war genau das, was sie immer schon gewollt hatte. Nicht kochen, die Stube fegen oder bei Brietta nähen lernen. Hier zu sein, an seiner Seite, den Bogen in Händen und den Finger an der Sehne – all das fühlte sich richtig an.

Ein leises Kribbeln strömte durch ihre Adern, breitete sich aus, erreichte die Hände, die den Bogen hielten. Ihre Sicht wurde noch schärfer, die Konturen des Felsens immer deutlicher.

»Ruhig einatmen. Halt den Atem an … Lass los.«

Der Pfeil zischte von der Sehne, der Bogen machte einen Satz nach vorn und fiel ihr beinahe aus der Hand. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte sie den Flug des Pfeiles. Er würde nicht treffen, das konnte sie bereits sehen. Schon wollte sie enttäuscht den Blick abwenden, als sie den roten Schweif sah, den der Pfeil hinter sich herzog. Kurz darauf ertönte ein lauter Knall, der hübsche Apfelbaum ging in Flammen auf und brannte lichterloh. Vanora schnappte nach Luft. Das war nicht sie gewesen. Nicht schon wieder. Ihre Hände begannen zu zittern. Mit aller Kraft klammerte sie sich an den Bogen und starrte zu dem Feuer.

»Beeindruckend.«

Glendorfils Stimme riss sie aus ihrer Starre, und fieberhaft suchte sie nach einer Erklärung, nach irgendetwas, das sie ihm erzählen könnte – etwas, das er glauben würde. Sie wusste, dass sie jetzt in Gefahr war. Ihr Vater hatte ihr immer wieder eingeschärft, dass sie in großer Gefahr schwebte, wenn jemand Zeuge dessen wurde, was sie vermochte. Doch sosehr sie sich auch bemühte, ihr wollte einfach nichts einfallen. Sie zitterte, klammerte sich an den Bogen und schwieg.

Glendorfil beugte sich zu ihr hinab und legte die Hand auf ihre Schulter. »Ist so etwas schon einmal passiert?«, fragte er. Seine Stimme klang sanft. Täuschte sie sich, oder schwang dort sogar eine Spur Zufriedenheit mit – oder gar Stolz?

Vorsichtig blickte sie zu ihm auf und schüttelte den Kopf, doch als das Lächeln in seinen Zügen jener Kälte wich, die sie bereits zuvor erschreckt und eingeschüchtert hatte, verwandelte sich ihr Kopfschütteln in ein zaghaftes Nicken.

»Gut«, sagte er. »Weißt du auch, wieso du das kannst?«

Wieder schüttelte sie den Kopf, brachte dann aber doch eine Antwort zustande. »Mein Vater sagt, ich habe einen starken Geist. Manche Menschen können … sie können sich die Kräfte der Natur zu eigen machen.«

»Nun, dein Vater scheint sehr klug zu sein. Soll ich dir verraten, was man sich in meinem Land über Menschen mit solchen Kräften erzählt?«

Vanora nickte. Ihr Herz schlug noch immer viel zu laut gegen ihre Rippen. Auch wenn sie sich eher die Zunge abgebissen als es zugegeben hätte: Diese ganze Situation war zu viel für sie.

»Also gut. Es heißt, dass solche Menschen von Elfen abstammen. Irgendwann, auch wenn es bereits sehr weit zurückliegt, gab es wohl einen Elfen unter deinen Vorfahren.«

»Elfen?«, hauchte sie. »Ich stamme von Elfen ab?« Das war so absonderlich und zugleich aber auch aufregend, dass ihr ganzer Körper zu prickeln begann. Es war lange her, dass in dieser Gegend Elfen gesehen worden waren, die Bündnisse mit den Menschen lagen schon lange zurück. Sie waren einfach zu unterschiedlich, hatte ihr Großvater gesagt, Menschen und Elfen, und niemals hatte der gegenseitige Argwohn überwunden werden können. Heute redete kaum noch jemand von diesen alten Zeiten, und besonders die abergläubischen Bewohner ihres Dorfes sprachen das Wort »Elfen« stets nur flüsternd aus, da sie fürchteten, Böses damit heraufzubeschwören. In den Städten mochten sich die Leute wohl noch eher an die hochgewachsenen Gestalten mit den spitzen Ohren erinnern, doch für Vanora waren sie bisher nur Figuren aus Großvaters Geschichten gewesen.

Die Kälte war nun endgültig aus Glendorfils Goldaugen gewichen. »Wer weiß?«, meinte er lächelnd. »So lauten die Geschichten in meinem Land. Es kann natürlich schon sehr weit zurückliegen.« Er machte mit seiner Hand eine weit ausholende Geste. »Die Natur ist von Magie durchdrungen. Menschen, die Elfenblut in sich haben, können diese Magie in sich aufnehmen.«

»So wie richtige Elfen?«

»Nein, Vanora. Elfen stehen der Natur sehr nah. Sie sind selbst magische Wesen, vereinen die Elemente in sich, auch wenn jeder Elf nur einem Element zugehörig ist. Sie müssen keine Kraft aus ihrer Umwelt schöpfen. Aber ein Mensch kann nur magische Kräfte entfalten, wenn er sie der Natur entnimmt.«

»Also habe ich der Natur etwas … weggenommen?«

»Bislang hast du das, ja.« Er nahm ihre Hand in seine. »Dennoch trägst du die Magie bereits in dir, Vanora. Und du verstärkst sie durch die Energie, die überall um dich herum existiert, weil du nicht mit diesen Kräften umgehen kannst. Das ist sehr gefährlich. Es kann zu viel werden.« Glendorfil kniete sich vor sie hin und seine Augen waren nun auf der gleichen Höhe mit den ihrigen. »Ich kann dir helfen, diese Kraft zu kontrollieren. Damit du über sie verfügst und sie nicht länger über dich verfügt.«

Vanora kniff die Augen zusammen und sah ihn forschend an. »Das könnt Ihr?«, flüsterte sie und ließ sich ins Gras sinken.

»Ich kann dir bei vielem helfen.«

Gedankenverloren hob sie die Hand und grub sie unter ihr Haar. »Vielleicht sind meine Ohren deshalb so spitz«, überlegte sie laut, »weil ich Elfenblut in mir habe.«

»Zeig sie mir.« Glendorfil strich ihr dichtes Haar zurück. Sie trug es immer offen, um die leicht spitz zulaufenden oberen Enden der Ohrmuscheln zu verbergen.

»Nein, nein.« Lächelnd schüttelte er den Kopf. »Elfenohren sehen ganz anders aus. Deine sind viel zu rund. Vielleicht hat dich dein Vater zu oft daran gezogen.«

»Wie sehen denn Eure Ohren aus?«, platzte es aus ihr heraus, doch Glendorfil richtete sich blitzschnell auf. »Sei nicht unhöflich, Mädchen. Man fragt einen Noblen nicht nach seinen Ohren.«

Vanora musterte sein perfektes Gesicht, das nichts Menschliches an sich hatte, und die Stelle, an der sein Hut die Ohren verbarg. »Seid … seid Ihr ein Elf?«, flüsterte sie.

Glendorfil lachte und setzte sich ihr gegenüber in das knöchelhohe Gras. »Wie kommst du denn auf so etwas?«

»Weil, also … Ihr seht so aus wie ein Elf.«

»Wie viele Elfen hast du denn bereits gesehen?«

Vanora sah verlegen zu Boden. Ihre Wangen glühten. »Keinen. Aber … Ihr seid so schön. Niemand sieht so aus wie Ihr.«

»Und du hast schon so viele Menschen in deinem jungen Leben getroffen, um beurteilen zu können, dass niemand von ihnen mir ähnlich sieht? Wie weit hast du dich denn schon von deinem Dorf entfernt? Weiter als bis nach Vinelba?«

»Nein«, gab sie zu und wäre am liebsten im Erdboden versunken.

»Wie willst du dann wissen, wie die Menschen in entfernten Ländern aussehen?«

»Ich weiß es nicht.« Sie konnte kaum noch sprechen. Es lag nichts Böses oder Hohn in seiner Stimme, und doch schüchterte er sie immer noch ein.

»In meinem Land begegnet man noch Elfen. Vielleicht hast du ja recht, vielleicht trage auch ich Elfenblut in mir.« Er beugte sich etwas näher zu ihr. »Möchtest du die Sprache der Elfen lernen?«

Vanora blickte auf und vergaß ihre Scheu. »Ihr sprecht ihre Sprache?«

»Natürlich. So wie alle noblen Herren. Auch die Noblen dieses deines Landes sprechen sie.«

»Ja.«

»Ja, das ist auch hier so?«, fragte er belustigt. »Oder ›ja‹, du möchtest die Sprache lernen?«

»Beides!«, rief sie und wäre ihm mit einem Mal am liebsten um den Hals gefallen. Es war alles so unwirklich, als befände sie sich in einem Traum. Ein wundervoller und zugleich unheimlicher Traum. Mal fürchtete sie sich, mal war sie überglücklich, und im Grunde verstand sie, wie sie sich in einem kleinen Winkel ihres Herzens eingestand, noch immer gar nichts von dem, was ihr geschah. Unruhig rutschte sie hin und her. Dieser Fremde war ihr unheimlich, ja, und manchmal machte er ihr Angst. Sie wusste rein gar nichts von ihm und dennoch war er ihr auf sonderbare Art vertraut. Und er bot ihr ein Leben, von dem sie stets geträumt hatte: das Leben einer Kriegerin! Sie würde all die Abenteuer erleben, von denen ihr Großvater erzählt hatte. Sie würde richtig kämpfen und Drachen besiegen. Niemand würde sie besiegen können. Und Glendorfil war der Schlüssel zu diesem Paradies. Sie wusste nicht, wohin der Weg, den er ihr wies, sie führen würde, aber sie spürte, dass sie aufbrechen wollte. Losgehen. Nachsehen, was hinter dem nächsten Hügel lag. Zurückkehren oder innehalten konnte sie ja immer noch.

»Soll ich noch einmal auf den Felsen schießen?«, fragte sie und hob ihre Hand, um einen neuen Pfeil hervorzuziehen, doch Glendorfil hielt sie zurück: »Nicht so ungeduldig. Zuerst widmen wir uns deinem flammenden Problem, bevor wir weitere unschuldige Bäume vernichten.« Er zwinkerte ihr zu, doch Vanora spürte, dass es kein Scherz gewesen war. Die Art, in der er die unschuldigen Bäume betonte, war, als hätte sie tatsächlich jemanden getötet. Noch ehe sie ihn danach fragen konnte, unterbrach er ihre Gedanken: »Komm näher«, sagte er und Vanora rutschte ein Stück auf ihn zu, so dass sie ihm nun genau gegenüber saß. »Konzentrier dich.«

Die Strahlen der Sonne waren mittlerweile kräftiger und wärmten ihr Gesicht, doch die kalte Luft, die vom Meer her wehte, brachte zugleich lindernde Kühle. Das regelmäßige Rauschen und Donnern des Meeres war die Begleitmusik zu Glendorfils wohlklingender Stimme. Das Meer, der Wind, das Wiegen des langen Grases, das Licht der Sonne, alles verband sich zu einem harmonischen Lied. Sie konnte es hören, es riechen, auf ihrer Haut spüren und selbst auf ihren Lippen schmecken. Sie wurde ruhig, eins mit der Welt um sie herum, und war zugleich hellwach und aufmerksam. Es fühlte sich sonderbar an – fast wie etwas Magisches.

»Ich wünschte, ich wäre eine richtige Elfe.«

Der Holzlöffel ihres Vaters fiel auf den Teller, und Briac sah von seinem Getreidebrei auf. Der grimmige Gesichtsausdruck, den er seit ihrer Rückkehr von den Steilklippen trug, wurde jetzt sogar noch finsterer. Es entstand die vertraute senkrechte Falte zwischen seinen Augenbrauen, die Vanora nur zu gut kannte.

»Wie kommst du denn auf so etwas?«

»Der Herr Glendorfil hat mir heute viel über Elfen erzählt. Wusstest du, dass es zwei verschiedene Elfenvölker gibt? Die Licht- und die Dunkelelfen?«

»Hab schon mal davon gehört«, knurrte Briac und löffelte missmutig weiter.

Doch Vanora ließ sich die Laune nicht verderben. Dies war der schönste Tag ihres Lebens gewesen – fort aus dem Dorf, in dem niemand sie leiden konnte, und fort von den Menschen, die sie stets ansahen, als wäre sie eine Missgeburt. Heute hatte sie so vieles gelernt, hatte wundervollen Geschichten gelauscht und Kräfte in sich selbst, aber auch in der Natur entdeckt, von denen sie niemals gedacht hätte, dass sie existierten.

»Der Herr Glendorfil sagt, dass ich vielleicht von Elfen abstamme und deswegen … Vater, geht es dir gut?«

Briac hustete und würgte. Vanora reichte ihm schnell den Becher mit dem Wasser, das ihr Vater sofort gierig trank. Nur langsam nahm sein Gesicht wieder eine normale Farbe an.

»Es geht mir gut«, krächzte er, obwohl er nicht so aussah. »Was hat er dir noch gleich gesagt, der … Herr Glendorfil?«

Vanora zögerte und musterte ihren Vater, der sie mit angespanntem Kiefer ansah. »Mir ist etwas passiert«, begann sie schließlich leise. »Mit Feuer. Aber keine Sorge, der Herr Glendorfil war nicht böse. Er hat gesagt, dass es eine Gabe ist und dass ich lernen kann, sie zu benutzen. Er hat gesagt, dass dort, wo er herkommt, viele so eine Gabe haben und dass vielleicht ein Elf unter meinen Vorfahren war.«

Briac wurde immer blasser. Wie um Halt zu suchen, griff er erneut nach seinem Löffel, doch seine Hände zitterten. »Das hat er also gesagt?«

»Ja. Und dass überall – also im Boden, im Wasser, in der Luft – Magie ist. Er hat mir gezeigt, dass mir die Energie der Natur helfen kann, ohne dass ich ihr etwas wegnehme. Ein Geben und Nehmen. Man darf der Natur nämlich nichts wegnehmen, ohne ihr wieder etwas zu geben.« Sie grinste. Das mit der Energie war ganz schön kompliziert gewesen, wie sie fand, und sie war stolz auf sich, dass sie alles Erlernte so gut behalten hatte und wiedergeben konnte.

»Es scheint dir nicht mehr so viel auszumachen, dass er dich unterrichtet«, stellte ihr Vater fest.

»Nein, es ist toll!« Vanora strahlte über das ganze Gesicht. Vor Aufregung hatte sie noch keinen Bissen gegessen. »Er erzählt mir Geschichten von Elfen, und er sagt, dass dort, wo er herkommt, ganz viele Elfen leben. Stell dir das mal vor! In Vinelba waren ja schon lange keine mehr. Und er sagt, dass Elfen …«

»Ja? Was sagt er denn über die tollen Elfen? Sagt er dir, dass Elfen wunderschön sind? So schön, dass sie einem den Verstand vernebeln? Sag, Kind, was erzählt er dir? Erzählt er dir, wie schnell sie sind? Wie gut sie sehen können oder dass sie in allem besser sind als Menschen? Wieso wünschst du dir, eine Elfe zu sein? Sag schon – was erzählt der Herr Glendorfil?« Die Fragen kamen wie eine Pfeilsalve, und Vanora duckte sich immer tiefer auf ihrem Schemel. Ihre Hochstimmung war verschwunden. »Nein«, sagte sie und schluckte tapfer gegen das Schluchzen an, das ihr die Kehle hinaufkroch. »Er sprach über Magie und über die Liebe einer Elfenkönigin, die das Elfenreich teilte und damit einen Krieg verursachte.«

»Liebe.« Ihr Vater spuckte das Wort aus, als wäre es ein Fluch. »Er hat wohl vergessen, zu erwähnen, wie dieses Märchen der Liebe ausging.«

»Das kannst du gar nicht wissen.« Ihre Antwort kam patzig, und im Grunde wusste sie, dass sie den Vater verletzte, aber der Zorn war stärker. Warum konnte er sich nicht einfach mit ihr freuen? Der Fremde hatte ihm doch gar nichts getan. Sie, seine Tochter, war noch immer hier. Und sie wollte ihr Glück mit ihm teilen. Da musste er doch nicht … Aber weiter kam sie nicht, denn Briacs Augen blitzten nun vor Zorn so hell wie die Glut des Schmiedefeuers: »Ach nein? Das weiß ich also nicht? Du würdest dich wundern, was ich alles weiß. Die Elfenkönigin hat ihre Schwester verraten. Sie hat sie aus Liebe zu einem Ritter verlassen und so das ganze Land ins Unglück gestürzt. Es gab nicht immer Licht- und Dunkelelfen, Vanora. Früher waren sie alle eins. Aber diese Königin hat dein wunderbares Elfenreich – dieses Elvion – durch einen Zauber geteilt. Und der Ritter? Der hat sie zum Dank dafür getötet! Dann hat er sich selbst zum König des abgetrennten Reiches gemacht, zum König der Dunkelelfen. Was wissen Elfen schon von Liebe, Vanora? Vermutlich hat dir dein lieber Herr Glendorfil nicht erzählt, dass Elfen nicht lieben können, nicht wahr? Nach außen hin sind sie atemberaubend schön, aber in ihrem Inneren sind sie leer. Hässliche, dunkle Seelen und eiskalte Herzen. So sind die Elfen, mein Kind. Und glaub mir: Ich weiß das sehr genau.«

»Das ist nicht wahr!« Vanora kämpfte gegen Tränen und Zorn. Wie konnte ihr Vater solche gemeinen Dinge sagen? Gar nichts verstand er, gar nichts. Er kannte ja noch nicht einmal einen Elfen! Und diese Geschichte über die beiden Elfenköniginnen hatte er bestimmt aus seiner Zeit in Vinelba und sie dort beim Adel am Hof gehört. Aber Glendorfil hatte schon viele Elfen getroffen. Er sprach ja sogar deren Sprache!

»Du weißt gar nichts«, flüsterte sie und würgte den ekelhaften Brei hinunter, in den bereits Tränen getropft waren.

Ihr Vater antwortete nicht, und auch sie löffelte schweigend ihren Teller leer. Erst als sie aufstand und auf die Treppe zuging, hielt ihr Vater sie auf. »Du gehst sofort schlafen«, knurrte er und tauchte die Schalen in die Wasserschüssel. »Morgen musst du sehr früh aufstehen.«

Vanora hielt inne und lächelte. »Dann darf ich morgen wieder hingehen?«

Er sah sie noch immer nicht an und starrte stattdessen auf das Geschirr in seinen Händen. »Natürlich gehst du morgen wieder hin. Du gehst jeden Tag zu ihm.«

Vanora verstand nicht, was ihn umtrieb. Weshalb schickte er sie zu Glendorfil und ließ zugleich kein gutes Haar an ihm? »In ein paar Tagen ist er fort, Papa«, sagte sie schließlich. »Bei Vollmond verlässt er uns. Aber nicht lange, dann kommt er wieder.«

»Natürlich«, knurrte Briac, den Kopf weiterhin gesenkt. »Er kommt immer wieder.«

Vanora seufzte. Ihr Vater war schon immer ein Griesgram gewesen. Sie war es gewohnt. Es machte sie traurig um seinetwillen, aber es verletzte sie nicht. Er stand zu seinen Entscheidungen, er liebte sie, und er ließ sie ziehen. Morgen würde sie einmal mehr dem Dorf und seinen Bewohnern den Rücken kehren und die Welt bei den Steilklippen erkunden – auf jene gänzlich neue, magische Art, die Glendorfil ihr eröffnet hatte. Und das allein zählte.

Alkariel

Als Alkariel in das grelle Licht der Fackel blickte, kam die Erinnerung so unerwartet und heftig, dass sie eher einer Vision glich und ihren Körper ins Taumeln brachte. Ihr Geist war jedoch längst weit weg und befand sich wieder auf dem Balkon ihres Gemachs im Palast von Ueden: Ein greller Blitz erhellte die Nacht und blendete sie mehrere Sekunden lang. Mit Faszination und panischem Schrecken zugleich beobachtete sie die weißglühende Wand, welche sich in der Ferne dem Himmel entgegenstreckte. Die Mauern des Palastes zitterten, die Luft vibrierte durch die gewaltige Energie. Elvions Banner – das Sternbild des Einhorns, welches sich vor einem dunkelblauen Firmament abzeichnete – zerriss in zwei Hälften. Magie knisterte in der Luft, griff nach ihrem Geist, ihrer Seele.

Sie hörte eine Stimme. Das leise Flüstern ihrer Schwester Daralee, welches lauter als Donner durch ihren Kopf dröhnte. »Hiermit entsage ich dir!« Alkariel presste sich die Hand an den Kopf und –

»Eure Majestät?«

Mit einem erstickten Aufschrei fuhr sie herum. Ihr Lichtritter sah besorgt aus, und als sie seinem Blick folgte, verstand sie: Blut tropfte von ihren Händen. Sie hatte nicht bemerkt, wie stark sie die Fingernägel in die Handflächen gekrallt hatte. Ihr Herz raste noch immer, und sie rang schwer um Atem.

»Eure Majestät, geht es Euch gut?«

»Alles in Ordnung«, keuchte sie, doch ihre Hände, die unsicher Halt am kalten Stein der Tunnelwände suchten, straften ihre Worte Lügen. Nichts war in Ordnung. Die Erinnerungen verloren nichts von ihren Schrecken, wenn sie die Augen öffnete. Zwar lag Daralees Tod Jahrtausende zurück, doch je näher sie ihrem Ziel kam, desto öfter erinnerten ihre Traumbilder sie an die Zerstörung Elvions.

Der Lichtritter wirkte noch immer beunruhigt, als er sie schließlich durch das dunkle Gewölbe unter dem Schloss führte. Der Schein der Fackel sandte ihnen ihre verzerrten Schatten in zuckendem Tanz voraus, eine Ratte löste sich aus der Dunkelheit und verschwand wieder, und schließlich mischte sich der Geruch des feuchten, modrigen Kellers mit dem von frischem Blut.

Nicht mehr weit, und sie vernahmen auch die entsetzlichen Schreie, die einen Moment lang anschwollen, als das langgezogene Quietschen einer Tür durch den Tunnel hallte. Dann trat auch schon ihre Vertraute Meara aus der Dunkelheit. Ihr weißes Kleid schien im Licht der Fackel zu glühen – das Kleid einer Magierin höchsten Ranges.

»Guten Morgen, Eure Majestät.« Die Elfe sank in einen tiefen Hofknicks, verharrte einige Augenblicke in dieser Position und erhob sich auf Alkariels Anweisung schließlich wieder. »Es ist wohl besser, Ihr geht nicht weiter«, sagte sie lächelnd. »Nicht, bis alles beseitigt wurde.«

Die Schreie verstummten. Alkariels Blick wanderte zu der schweren Holztür und dann zurück zu Meara. Der Elfe war nicht anzusehen, welcher Tätigkeit sie soeben noch beigewohnt hatte. In ihren braunen Augen strahlte noch immer jene Unbeschwertheit, die Alkariel schon lange verloren hatte. Die vielen dünnen Zöpfe in Mearas dunklem Haar verliehen ihr etwas Kindliches, doch Alkariel wusste nur zu gut, welche Macht sich hinter dem unscheinbaren Äußeren verbarg. Meara Thesalis – Meara aus dem Geschlecht der Mächtigen, deren Familienmitglieder von jeher zu den Beratern der Königin zählten. Auch jetzt noch, da die glanzvolle Zeit der Schwesternköniginnen mit Elvion untergegangen war. So wie jeder Elf, egal ob Licht- oder Dunkelelf, der Magie eines Elements verbunden war, gehörte Meara zu den Elfen der Erde. Sie war jedoch eine der wenigen, wenn nicht die Einzige, die zu einer Magierin der vier Elemente aufgestiegen war. Sie beherrschte Feuer, Wasser, Erde und Luft gleichermaßen, was noch nicht einmal Alkariel von sich behaupten konnte. Sie selbst hatte sich nur drei Elemente aneignen können. Die letzte Magierin der vier Elemente war ihre Schwester Daralee gewesen, doch noch nicht einmal diese Macht hatte sie vor dem Tod bewahren können.

Die Königin zwang sich zu einem Lächeln. »Hat er gesprochen?«, fragte sie schließlich und versuchte, die Müdigkeit in ihrer Stimme zu verbergen.

»Sehr viel. Leider nichts, das uns nützen könnte.«

Der Lichtritter entfernte sich etwas, so dass die beiden Elfen ungestört sprechen konnten. Alkariel unterdrückte ein Seufzen. Das Gewicht der Krone ließ ihren Nacken schmerzen und das, obwohl es sich doch nur um ein filigranes Diadem handelte, das ihr langes Haar zurückhielt. »König Leoran verbirgt sein Geheimnis mit großem Geschick. Wenn selbst dieser Schattenritter nichts von ihr weiß …«

»Wusste.« Meara lächelte. »Die Dunkelelfen sind nicht dumm. Eure Vermutung scheint richtig zu sein. Das Mädchen kann sich nicht im Schattenreich aufhalten, denn Euer Zauber hätte sie ausfindig gemacht. Und wäre sie bei Leoran in der Hauptstadt Lurness, wüssten die Schattenritter davon.«

Alkariel nickte. »Wäre sie noch im Schattenreich, müssten auch Leorans Ritter ihren Aufenthaltsort kennen. Nein, das Mädchen ist in der Menschenwelt. Aber wo?«

»Fürst Nevliin ist bereits eingetroffen.« Meara deutete mit dem Kopf in den Tunnel. »Er wartet auf der Ostterrasse. Vielleicht kann er Näheres berichten.«

Nevliin! Sie hatte den Befehlshaber ihrer Lichtritter schon lange nicht mehr gesehen. Als sie Meara zur Terrasse folgte, glitt das erste Lächeln seit langem über ihr Gesicht.

Am Rundbogen, der hinaus auf den mit weißem Marmor belegten Balkon führte, hielt sie inne und betrachtete ihn. Nevliin schien ganz in das Studium einer Karte versunken zu sein – der Menschenwelt, wie sie vermutete – und schien die Anwesenheit der Königin und ihrer Vertrauten nicht zu bemerken. Seine weiße Rüstung mit dem goldenen Pferd der Lichtelfen auf dem Harnisch schimmerte im Sonnenlicht mit den Edelsteinen am goldenen Knauf seines um die Hüfte gegürteten Schwertes um die Wette. Alkariel lächelte. Es gab wohl kaum einen Elfen, den man nicht als schön bezeichnen würde, doch Nevliin war der Inbegriff eines Lichtelfen. Nicht eines seiner weißblonden Haare hatte sich aus dem Haarband im Nacken gelöst, und sein schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen war von statuenhafter Schönheit. Es war leicht, sich in den tiefschwarzen Seen seiner Augen zu verlieren – oder in ihnen zu ertrinken. Er erinnerte sie an jene Zeit, als Elvions Glanz noch nicht von den magisch verkümmerten Dunkelelfen getrübt gewesen war. Doch auch wenn sein Äußeres nahezu vollkommen war, ärgerte sie seine unterkühlte und distanzierte Art. Selbst ihr, seiner Königin, schenkte der beste Schwertkämpfer des Reiches nie auch nur das kleinste Lächeln.

Plötzlich stutzte Nevliin, sah von seiner Karte auf, kam zu ihnen herüber und ging vor ihr auf ein Knie: »Eure Majestät. Herrin Meara Thesalis.«

Alkariel strahlte: »Fürst Nevliin von Valdoreen.« Sie bedeutete ihm, sich zu erheben. »Ihr bringt wahrlich die Sonne in mein Reich. Ich freue mich, dass Ihr unversehrt von Eurer Mission zurückgekehrt seid.«

Nevliin verzog natürlich keine Miene. »Eure Majestät. Die Suche nach der Halbelfe blieb erneut ohne Erfolg.«

Alkariel wies mit der Hand auf einen Stuhl, doch Nevliin blieb stehen. Also nahm sie selbst auf einem der goldverzierten Stühle Platz, und ihr Lächeln erlosch. »Nun gut, Nevliin. Sprecht.«

Der Fürst trat an ihre Seite und zeigte auf die Karte. »Ich habe mit den Lichtrittern das Gebiet von Marluke bis Cahier durchkämmt. Ohne Erfolg. Es gab nicht den geringsten Hinweis auf ein Mädchen mit magischen Fähigkeiten.«

»Ihr habt also versagt.«

»Herrin, ich befürchte, die Halbelfe wird unauffindbar bleiben.«

»Was bringt Euch zu dieser Annahme?« Alkariel griff nach dem kristallenen Kelch und trank vom frischen Quellwasser. Sie warf Meara, die sich im Hintergrund hielt, einen kurzen Blick zu, ehe sie sich wieder dem Ritter zuwandte.

»Sie könnte jedes Mädchen sein«, fuhr Nevliin fort, und das, wusste Alkariel, war gerade in der Menschenwelt ein nicht unerhebliches Problem. Jene Welt bar jeder Magie wimmelte nur so von Kindern, die Suche nach einem speziellen gestaltete sich dadurch noch einmal als viel schwieriger. Es lag wohl an der kurzen Lebensspanne eines Menschen, dass ein Kind nach dem anderen in die Welt gesetzt wurde. So wollten sie wohl ein Aussterben ihres Volkes verhindern, während im Elfenreich nur selten ein Kind das Licht der Welt erblickte. Alkariel wusste nicht, ob die Menschen so viel fruchtbarer als ihr eigenes Volk waren oder ob es einfach an der ungezügelten Lebensweise der Menschen lag. Ein Elf verlor im Laufe der Jahrhunderte wohl seine Leidenschaft, ja, er wurde kalt, auch wenn Alkariel selbst nach all der Zeit beim Anblick des Fürsten noch das Feuer der Jugend in sich zu verspüren meinte.

»Wir wissen nicht, ob sie über magische Fähigkeiten verfügt«, erklärte Nevliin weiter und ließ sich das Bemerken ihres kurzen Gedankenausflugs nicht anmerken. »Sie ist noch jung. Vielleicht weiß sie noch nicht einmal etwas über ihre Herkunft.«

»Natürlich weiß sie davon«, entgegnete Alkariel kühl. »Wie sonst sollte Leoran sie versteckt halten? Sicherlich versucht er, ihre Kräfte zu stärken. Sie gegen mich aufzubringen. Jetzt ist sie noch ein Kind, aber sie wird mit jedem Tag gefährlicher. Haben die Dunkelelfen erst eine mächtige Magierin an ihrer Seite, schweben wir alle in Gefahr.«

»Sie ist Daralees Nachfahrin«, bestätigte Meara. »Ihre Kräfte werden nicht verborgen bleiben. Sie mögen durch das Menschenblut geschwächt sein, aber sie sind ohne Frage vorhanden.«

Alkariels Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Ihr lief die Zeit davon. Sie war unaufmerksam gewesen und hatte sich von Daralees Tochter Eliria täuschen lassen – dieser dummen Gans, die töricht genug gewesen war, sich mit einem Menschen einzulassen. Immerhin hatte Eliria noch ganz auf Menschenart ein Kind in die Welt gesetzt, ehe sie sich das Leben genommen hatte. Und mit dem Blut dieses Kindes würde sie, Alkariel, die Barriere zwischen dem Licht- und dem Schattenreich zerstören und Elvion neu vereinen – ganz so, wie es ihr das Orakel vorausgesagt hatte. Sie musste das Mädchen finden. Und noch einmal würde sie nicht versagen.

Nevliin riss sie aus ihren Gedanken: »Die Menschen sind abergläubisch. Sie sehen überall Magie. Ohne einen konkreten Hinweis ist es so gut wie unmöglich, sie zu finden. Zumindest nicht in naher Zukunft.«

»Wir könnten noch einen Schattenritter gefangen nehmen«, schlug Meara vor.

Nevliin wandte sich zu ihr um. »Noch einen?«

»Der letzte ist uns weggestorben.«

»Ihr habt ihn gefoltert?« Er fuhr zu Alkariel herum. »Eure Majestät, die Gefangennahme eines Schattenritters ist eine kriegerische Handlung. Sie könnte den Frieden mit den Dunkelelfen zunichtemachen.«

»Was kümmert mich das?«

Nevliins Blick durchbohrte sie wie der Eisdorn das Herbstblatt, doch seine Stimme war ruhig: »Herrin, Ihr habt einen Pakt mit Andron getroffen. Er unterstützte Euch im Krieg gegen die Drachenelfen. Im Gegenzug gabt Ihr Euer Wort, ihn als König der Dunkelelfen zu akzeptieren.«

Voller Zorn sprang Alkariel auf und riss dabei den Wasserkelch um, dessen Inhalt sich über die Karte ergoss. »Andron war der Mörder meiner Schwester!«, rief sie. »Er war es, der sie dazu brachte, sich von mir abzuwenden und das Land zu zerreißen! Was kümmert mich dieser Pakt? Andron ist ohnedies längst tot. Ich habe seinem Sohn nichts versprochen. Leoran hält das Mädchen von mir fern, um weiterhin König zu sein. Über ein gestohlenes Land! Ein Land, das es nicht verdient, das Reich von Elfen zu sein! Ihr kanntet das strahlende Elvion nicht, Nevliin. Ihr wisst nicht, wie das Schattenreich einst ausgesehen hat. Aber Ihr werdet es sehen, denn ich werde es zurückholen. Ich werde Elvion neu erschaffen und die Dunkelelfen daraus verbannen.«

Nevliin war näher getreten und musterte sie ohne Zorn oder Bestürzung. »Dann wird es Krieg geben«, stellte er fest.

Alkariel hielt seinem Blick stand. »So wird es sein«, entgegnete sie. Dann wandte sie sich ab, ging zum Geländer der Terrasse und blickte in den Garten hinab. Daumengroße Mirin schwirrten schmetterlingsgleich über einem Meer von Blumen, und am Brunnen saßen Elfen ihres Hofes, sangen und spielten auf der Laute. Das Bild von Harmonie und Einklang, das sich ihr bot, vermochte sie nicht zu beruhigen. Nur noch das Lichtreich erinnerte an das alte Elvion. Außerhalb der Grenzen versank das Land in Düsternis. Was hatte ihre Schwester nur getan?

Nevliin trat an ihre Seite, und Alkariel meinte ein flüchtiges Lächeln auf seinen Zügen zu sehen. Sie wusste, dass auch er das Lichtreich und seine Schönheit liebte – und dass er es bis zum letzten Atemzug verteidigen würde. Er würde sie, die Königin, bis zum letzten Atemzug verteidigen. Ihr treu ergebener Weißer Ritter.

»Ein Krieg lässt sich nicht vermeiden«, griff sie das leidige Thema schließlich wieder auf. »Oder glaubt Ihr etwa, Leoran wird uns das Mädchen freiwillig geben? Tatenlos dabei zusehen, wie sie die Barriere zerstört und ich mir das Schattenreich zurückhole? Nein. Er wird um dieses dunkle Land kämpfen.«

»Elvion ist seit Tausenden von Jahren geteilt«, meinte Nevliin. »Es herrscht Friede. Das Risiko eines Krieges …«

»Wie bitte?« Alkariel drehte sich zu ihrem Befehlshaber herum. »Meint Ihr etwa, ich solle den Dunkelelfen das Schattenreich einfach so überlassen?«

»Der Pakt …«

»Der Pakt? Habt Ihr diesen nicht selbst gebrochen, als Ihr Eliria aus Lurness entführtet?«

Die Sehnen an Nevliins schmuckloser Hand, die auf dem Geländer lag, hoben sich deutlich hervor. »Eliria war eine Gefangene der Dunkelelfen«, entgegnete er rau. »Ich habe sie in Eurem Auftrag befreit.«

»Und das war auch richtig so. Ihr seht, die Dunkelelfen brachen den Pakt bereits vor langer Zeit. Sie haben eine der Unsrigen gefangen genommen. Ihr wisst selbst, wie dies geendet hat.«

Nevliin wandte den Blick ab und ließ ihn erneut über den Garten schweifen. Alkariel lächelte. Auch wenn er es vermutlich niemals zugeben würde, hatte sie ihn doch an einer empfindlichen Stelle getroffen. Bis heute machte er sich Vorwürfe wegen Elirias Tod. Sie hatte sich unter seiner Obhut das Leben genommen, kurz nachdem er sie aus Lurness entführt hatte. Natürlich hatte Nevliin die Schuld bei den Dunkelelfen gesucht und geglaubt, dass die Gefangenschaft Eliria wahnsinnig gemacht hatte. Was er bis heute nicht wusste, war, dass Eliria bei den Dunkelelfen Schutz gesucht hatte – denn ihr Blut wäre notwendig gewesen, um die Barriere zwischen den beiden Reichen zu zerstören. Und sie, Alkariel, hatte dieses Blut haben wollen. Nur deshalb hatte Nevliin sie aus dem Schattenreich holen müssen. Doch dann hatte Eliria sich kurz vor Erreichen des Weltentores am Pass von Farlúr in die Tiefe gestürzt. Alkariel vermutete, dass sie das Geheimnis um die Existenz ihres Kindes, das Daralees Blutlinie weiterführte, mit in den Tod hatte nehmen wollen. Doch Alkariel wusste davon. Das Orakel hatte es ihr verraten – und das Kind würde sterben.

»So wird auch Elirias Tochter eine Gefangene der Dunkelelfen sein«, brach Nevliin das Schweigen. »Und ganz genau so wie einst ihre Mutter werde ich heute sie aus Lurness befreien.«

Alkariel seufzte. Nevliin würde niemals mit demselben Ehrgeiz nach dem Mädchen suchen, wenn er wüsste, dass das Kind sterben musste. Er würde nicht verstehen, dass dieses eine Leben im Vergleich zur Wiederherstellung Elvions keinen Wert besaß. Nein, Alkariel zweifelte nicht an Nevliins Treue. Er war der beste Mörder, den sie kannte, und er könnte zweifelsohne zu einer wundervollen Waffe, einem unbezwingbaren Tötungsinstrument werden – aber leider war er nicht frei von Skrupel. Seine Besessenheit von Ehre und Ritterlichkeit wurde ihr zunehmend lästig. Immer wieder musste sie sich Geschichten einfallen lassen, um ihm plausible Gründe für den Tod unwichtiger Individuen zu geben. Ihn zu täuschen wurde immer schwieriger. Aber sie wusste, wie sie mit ihm umgehen musste, und so würde sie ihn auch dieses Mal dazu nutzen, ihre Ziele zu erreichen. Sie legte ihre Hand auf seine Brust und sprach nun nicht mehr zu dem Befehlshaber, sondern zu dem Mann, den sie seit Kindestagen gefördert und geformt hatte. Dem Mann, der ihr liebstes Werkzeug war. »Das Mädchen ist nicht in Lurness«, sagte sie. »Wäre sie im Schattenreich, wüsste ich davon. Sie muss in der Welt der Menschen sein. Fürst Nevliin, setzt Eure Suche in der Menschenwelt fort. Ich weiß, dass Ihr sie finden werdet. Befreit sie aus Leorans Fängen, bevor …« In gespielter Betroffenheit sah sie auf den golddurchwebten Saum ihres weißen Kleides hinab und atmete dann schwer aus.

»Ich werde sie finden.« Nevliin wich einen Schritt vor ihr zurück und ihre Hand glitt von seiner Brust.

Alkariel schluckte ihren Ärger darüber hinunter. Er war noch nie anders gewesen, und vermutlich würde er sich auch niemals ändern – es sei denn, es gelänge ihr endlich, Elvion zu vereinen. Vielleicht würde selbst Nevliins Herz beim Anblick des wahren Elfenreiches Glück empfinden können.

»Meara und ich werden uns etwas einfallen lassen, um Euch bei der Suche zu unterstützen«, entgegnete sie schließlich. »Bis dahin, dessen bin ich mir sicher, werdet Ihr Euer Bestes geben.«

»Eure Majestät.« Nevliin verbeugte sich nach der Art von Valdoreen, seiner Heimat. Er trat einen Schritt zurück und beugte das Knie, während er die rechte Hand in einer ehrerbietigen Geste von seinem Körper fort und zur Seite führte und die linke an den Schwertknauf legte. Den Oberkörper hielt er dabei entgegen der Art ihrer Höflinge aufrecht und senkte lediglich den Kopf. Anschließend nickte er Meara zu und eilte ohne weitere Worte die Stufen der Terrasse hinab.

»Er hat sich nicht verändert«, stellte Meara fest.

Alkariel wandte sich zu ihrer Vertrauten um, die im Schatten des Rundbogens wartete und Nevliin nachsah. »Nein. Das hat er nicht.«

Meara kam langsam auf sie zu. »Wie lange wollt Ihr ihn noch belügen? Er würde Euch nicht verraten.«

»Ich weiß.« Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Er ist treu. Aber ich fürchte, er würde es nicht verstehen.«

Meara kniete vor ihr auf dem von der Sonne warmen Marmor nieder und ließ ihre offenen, braunen Augen auf ihrer Königin ruhen: »Auf Euren Schultern lastet das Gewicht eines Königreichs. Ihr müsst weiter denken als an ein paar Opfer. Wird das Kind erst einmal erwachsen, werden die Dunkelelfen zu mächtig. Ihr müsst die Lichtelfen beschützen, und das wird auch der Fürst einsehen.«

Ihre Vertraute verstand es wie niemand sonst, Vertrauen und Zuversicht in ihrem Herz wachsen zu lassen. Doch dies war nicht das Einzige, worauf sie sich verstand.

Alkariel lächelte. Es gab noch sehr viel zu tun.

Eamon

Die drei Schattenritter hätten wahrlich einen besseren Zeitpunkt für ihre geheimnisvolle Reise wählen können. Einen, der weniger nass, kalt und gänzlich ungeeignet für eine Verfolgung war.

Eamon zog die Kapuze des schwarzen Umhangs noch etwas tiefer ins Gesicht, berührte in einer beruhigenden Geste die Nüstern seines Pferdes und strich sich unwirsch die Regentropfen von seiner eiskalten Wange. Seit Stunden kauerte er bereits hinter dem Stamm eines Baumriesen und beobachtete die drei schwarzen Gestalten auf der Lichtung. Die Sonne war längst aufgegangen, doch das spielte im Schattenreich kaum eine Rolle. Seit der Teilung war dieser Landstrich in immerwährender Düsternis versunken, und selbst wenn es vereinzelten Lichtstrahlen gelang, die dicke Wolkendecke am Himmel zu durchbrechen, verschlang sie der graue Nebel. Es war eine Welt der Grautöne, die Schleier trüb, der Nieselregen allgegenwärtig. Nur der mehr als mannshohe Felsen ragte wie ein einsamer Wächter am Rande der Lichtung aus dem Dunst empor, und zu seinen Füßen hielten die drei Schattenritter ihre Pferde an den Zügeln und standen nahezu bewegungslos, als lauschten sie in den Regen hinaus.

Seufzend ließ sich Eamon zurück auf den schlammigen Boden fallen und lehnte sich an den Stamm der Kiefer. »Auf was warten sie nur?«, flüsterte er.

Sie wollen durch das Tor, hörte er Antraxens Stimme in seinem Kopf.

Eamon sah seinem schwarzen Hengst in die Augen. »Dann wären sie doch schon längst gegangen«, zischte er.

Du weißt, du musst nicht laut mit mir sprechen. Es reicht, wenn du …

»Ja, schon gut.« Eamon konnte im Moment keine von Antraxens Belehrungen ertragen – und außerdem hatte er sich noch immer nicht daran gewöhnt, eine fremde Stimme in seinem Kopf zu hören. Schließlich begleitete ihn Antrax bereits seit Jahrhunderten, und er hatte stets geschwiegen. Erst seit kurzem hatte das Elfenpferd seinem Königssohn das Privileg der mentalen Verbundenheit zuteilwerden lassen, und Eamon hatte bereits gelernt, dass dies nicht immer nur Vorteile mit sich brachte.

Wohin werden sie gehen?

Erneut sah Eamon zu dem Rappen auf. »Still jetzt. Ich muss nachdenken.« Die Faust gegen die Stirn gepresst, versuchte er die Lage einzuschätzen, die vielen verworrenen Bilder zusammenzufügen. Zu viele Jahre lang war er tatenlos gewesen und hatte die Schattenritter lediglich beobachtet, wie sie sich still und heimlich vom Hof stahlen und danach für Wochen spurlos verschwanden. Es hätte sich bei diesen Ausflügen ebenso gut um eine harmlose Patrouille handeln können und selbst Eamons Vater, König Leoran, hatte stets versucht, unbekümmert zu erscheinen, und immer wieder beteuert, dass die Schattenritter lediglich Grenzposten und Fürstentümer aufsuchten. Ein albernes Märchen, das Eamon schon lange nicht mehr glaubte. Deshalb war er fest entschlossen, an diesem Tag das Rätsel zu lösen. Um Mitternacht hatte er sich im Nebel verborgen postiert, geduldig gewartet, und wusste wohl, dass er vermutlich eine lange Reise antreten würde. Als die drei Schattenritter schließlich den Pfad hinabgekommen waren, hatte es ihn nicht sonderlich überrascht, als sie nur wenige Minuten von der Burg entfernt angehalten hatten. Dieser Ort war die Torlichtung im Dunkelwald, und von hier aus konnten die Ritter jeden Ort erreichen, an den sie wollten. Die Frage war nur: Wohin wollten sie?

Ein leises Wispern drang durch das Prasseln des Regens, und Eamon zog die Kapuze des Umhangs ein Stück zur Seite, um besser sehen zu können. Die Schattenritter wirkten unruhig, diskutierten lebhafter und deuteten zu dem Felsen hinüber.

Sie brechen auf, stellte Antrax fest.

»Ohne Schlüssel?« Eamon spähte mit zusammengekniffenen Augen durch den Nebel. Die Schattenritter waren noch immer da. Hätten sie einen Schlüssel für das Weltentor, wären sie doch schon längst aufgebrochen. Antrax scharrte ungeduldig mit einem Vorderbein über den nassen Waldboden und stieß mit seinen Nüstern an Eamons Schulter, als plötzlich ein gleißend weißes Licht den Wald erhellte. Eamon fluchte vor Schmerz, als das Licht ihm in die Augen stach und riss instinktiv die Hand vor das Gesicht. Als er einige Augenblicke später wieder zur Lichtung blinzelte, war der dunkelgraue Fels verschwunden. An seiner Stelle ragte ein weißer Torbogen in den Himmel, aus dessen Innerem noch immer das blendende Licht strömte.

Hast du gesehen, wie sie es geöffnet haben?, fragte Eamon den Rappen in Gedanken. Wer von ihnen war es?

Antrax schnaubte. Ich denke nicht, dass sie das waren.

Eamon lehnte sich noch ein Stück weiter vor, kniff die Augen zusammen und erspähte durch den Schleier aus Nebel und Regen drei dunkle Silhouetten, die aus dem Licht in den baumlosen Kreis traten. Die Schattenritter, die an der Lichtung gewartet hatten, stiegen auf ihre Pferde und ritten den Neuankömmlingen entgegen.

Da kommt Glendorfil.

Eamon nickte. Der Befehlshaber der Schattenritter war unter den Rittern leicht zu erkennen, denn Glendorfil trug als einziger einen blutroten Schwertgurt, der deutlich unter dem schwarzen Umhang hervorblitzte. Glendorfil war nicht nur ein Schattenritter, er war auch Eamons Freund. Wieso hatte er niemals mit ihm darüber gesprochen, dass er durch das Weltentor reiste?

Mittlerweile standen die sechs Reiter einander gegenüber, und Glendorfil überreichte den Wartenden ein kleines Kästchen. Verbarg sich darin der Schlüssel zum Weltentor?

»Leg dich hin«, flüsterte Eamon. Sein Hengst gehorchte und ließ sich langsam auf dem nasskalten Waldboden nieder. Eamon wirkte einen Tarnzauber, der ihm als Elfen der Erde trotz mangelnder magischer Fähigkeiten leichtfiel, und presste sich gegen den Baumstamm. Die hoch verwachsenen Wurzeln boten zwar ein gutes Versteck, doch einem Schattenreiter entging nur selten etwas, und Glendorfil war der Beste unter ihnen. Mit angehaltenem Atem verfolgte Eamon, wie Glendorfil und seine zwei Begleiter an ihm vorbei in Richtung Burg preschten. Erst als der Nebel sie endgültig verschlungen hatte, wagte er wieder zu atmen. »Sie haben uns nicht gesehen«, flüsterte er.

Wo sind sie hin?

Eamon fuhr herum und blickte entsetzt zur immer dunkler werdenden Lichtung. Die Ritter, die er seit den Morgenstunden beobachtet hatte, waren fort. Das durfte nicht wahr sein. Nicht schon wieder. Mit aller Kraft schlug er mit der Faust auf den schlammigen Boden. Vom Tor aus konnten die Schattenritter überallhin gegangen sein. Wie hatte er sie nur entwischen lassen können? Sie mussten sich beeilen. Noch war es nicht zu spät.

Eamon sprang auf und winkte seinem Rappen, ihm zu folgen. »Wir werden sie noch einholen«, sagte er, während er sich bereits seinen Weg zwischen den Wurzeln suchte. Blitzschnell flog er über die schlammige Lichtung auf den Felsen zu, riss mit einem kräftigen Ruck sein Amulett vom Hals und tastete mit den Händen über den glatten Stein. Als er die winzig kleine Kerbe im Fels gefunden hatte, legte er das Amulett hinein und sprach die magischen Worte. Die schwarze Wand verschwamm, leuchtete mit jedem Atemzug heller. Anfangs wirkte sie noch wie flüssig gewordenes Gold, wurde jedoch schnell immer heller und durchsichtiger, bis sie nur noch aus grellem weißem Licht bestand. Eamon zögerte keinen Moment und trat neben Antrax durch den leuchtenden Torbogen. Einen Lidschlag später verschwand das blendende Licht, und die weißen Hallen des Weltentores erschienen.

Er konnte sich wahrlich angenehmere Orte vorstellen. In dem allgegenwärtigen weißen Licht hatte er stets das Gefühl zu fallen. Er war lediglich ein schwarzer, störender Fleck in der gleißenden Ewigkeit.

Es war lange her, seit er zum letzten Mal durch ein Weltentor gereist war. Damals hatte er es gemeinsam mit dem gesamten Heer des Schattenreichs durchschritten, um mit seinem Großvater, König Andron, Alkariel im Krieg gegen die aufständischen Drachenelfen zu unterstützen. Jahrtausende waren seitdem vergangen.

Dort vorne sind sie.

Eamon versuchte sich zu orientieren, Anhaltspunkte zu finden, und schließlich entdeckte er in der Ferne drei weitere schwarze Flecken, die ebenso wie er selbst das weiße Licht durchbrachen – die Schattenritter. Er hatte sie noch nicht verloren.

Eilig ging er vorwärts. Jeder Schritt kostete Überwindung, und jedes Mal war er erleichtert, festen Boden unter den Füßen zu spüren. Als er schließlich den Zugang zu den drei existierenden Welten erreichte, stellte er fest, dass der Weg kürzer gewesen war, als er erwartet hatte. Drei Höhleneingänge taten sich vor ihm auf und wirkten aus der Entfernung lediglich wie drei verschiedenfarbige Kreise in der Unendlichkeit des Lichts, wo es weder Oben noch Unten zu geben schien. Der Höhleneingang, der sich nun zu seiner Linken auftat, war dunkel, und Nebel hing über dem Boden. Durch diesen Gang würde er zu einem Ort im Schattenreich gelangen. Aus dem mittleren Höhleneingang schien blendend hell goldenes Licht, als würde die Sonne selbst dahinterliegen. Dieser führte in das Lichtreich. Der Höhleneingang zur rechten Seite leuchtete in einem sanften weißen Licht. Er war weiß wie die Halle, in der er stand, und hob sich einzig durch die steinerne Ummauerung im Inneren des Ganges vom allgegenwärtigen Gleißen ab. Und genau dorthin waren die Schattenritter verschwunden. Sie waren auf dem Weg in die Welt der Menschen.

Eamon war noch nie in der Menschenwelt gewesen, schob aber den Gedanken brüsk beiseite. »Schnell Antrax, sonst verlieren wir sie!«

Der Durchgang war nur wenige Schritte lang, machte eine Biegung und endete in einer weiteren weißen Halle, die genauso wie die Haupthalle lediglich aus Licht zu bestehen schien. Um ihn herum ragten jedoch Dutzende bunter Tore wie schimmernde Wandgemälde vom Boden in nahezu unendliche Höhen auf. Eamon faszinierte dieser Anblick jedes Mal aufs Neue. Es war, als reflektierte lediglich ein Spiegelbild auf einem klaren Gewässer, und doch gewährten die Tore einen direkten Blick in eine andere Welt. Kaum jemand wusste, wie viele Weltentore es tatsächlich gab oder welche Form sie haben konnten. Dazu musste wohl jedes einzelne Bildnis der weißen Hallen durchreist werden. Eamon kannte lediglich Tore in Form von Felsen, riesige Monolithen, die aus der Erde ragten, doch nur jemand mit hohen magischen Fähigkeiten konnte die verborgene Energie im Gestein spüren. Sicher war jedoch, dass jedes Weltentor an diesen Ort hier führte, in die Weißen Hallen, von wo aus jene mit einem Schlüssel die drei Welten bereisen konnten. In der Ferne verschwanden die Schattenritter durch solch ein Bildnis, und Eamon beeilte sich, ihnen hinterherzukommen. Doch anstatt so wie die Ritter einfach hindurchzugehen, blieb er stehen und betrachtete es misstrauisch: ein vom Wind gepeitschter, weißschäumender Ozean.

Da geh ich nicht durch, teilte Antrax ihm mit. Ich habe keine Lust, von diesem Tor mitten im Ozean ausgespuckt zu werden.

Auch wenn Eamon es nicht gerne zugab: Der Hengst hatte recht. Sie wussten nicht, wohin sie das Tor führte, und dass eines der Tore nur Wasser zeigte, hatte er noch nie zuvor gesehen. Doch die Schattenritter waren hindurchgegangen – also musste es sicher sein. »Die Pferde der Schattenritter hatten keine Angst, nass zu werden«, teilte er Antrax schließlich mit.

Antrax schnaubte zornig, doch Eamon zögerte nicht und schritt mit zusammengekniffenen Augen durch das Tor. Das grelle Licht blendete ihn selbst durch die geschlossenen Lider und ließ ihn einen Moment lang in eine rosa Welt eintauchen. Er wartete darauf, dass das Licht wie üblich wieder verschwand, doch es war immer noch zu hell. Ein Windhauch streichelte sein Gesicht, brachte den salzigen Geruch des Meeres. Es war ungewöhnlich warm, die Hitze brannte auf der Haut, und ein ohrenbetäubender Donner drang in seine Ohren. Langsam öffnete Eamon die Augen, wagte einen misstrauischen Blick in die neue Welt – und erstarrte. Warum, so fragte er sich, sah alles hier so anders aus als erwartet? Es gab keinen Nebel – gar keinen! »Die Sonne!«, jubelte er und hielt sich die Hand gegen die Stirn, um nicht geblendet zu werden.

Das kann nicht wahr sein.

Eamon drehte sich zu dem Rappen um, der plötzlich neben ihm stand. »Du hast es also doch noch gewagt.«

Denkst du etwa, die Klepper der Schattenritter sind mutiger als ich? Das würde mir ja ewig nachhängen.

»Da bin ich mir sicher.« Eamon grinste und wandte sich dann wieder seiner Umgebung zu. Das Tor hatte ihn nicht getäuscht. Es war tatsächlich ein Ozean, der sich vor ihm erstreckte. Er selbst allerdings stand auf festem Boden. Staunend betrachtete er die gewaltigen Steilwände, die ihn in dieser winzigen Bucht einsperrten. Bei Flut stand dieses Fleckchen Strand bestimmt unter Wasser. Eamon lachte, auch wenn er selbst nicht genau wusste, wieso. Er war zwar nicht in den Ozean gefallen, doch er war umzingelt. Vor ihm tobte das Meer und in allen anderen Richtungen warteten die Klippen. Wie waren die Schattenritter aus diesem Kessel entkommen?

Sie sind bestimmt diesen Weg dort hinaufgegangen.

Eamon blickte in die Richtung, die Antrax ihm durch seine Gedanken wies, und sah einen schmalen Weg, der sich die zerklüfteten Felsen hinaufwand. Nun ja. Um ehrlich zu sein, war es eher ein Geröllfeld, aber immerhin war es ein Ausweg aus der Schlucht.

»Also gut. Dann sehen wir zu, dass wir sie noch einholen.« Eamon schwang sich in den Sattel und blickte zu Boden. Es waren keine Hufabdrücke zu sehen, doch das war bei den leichtfüßigen Elfenpferden nichts Ungewöhnliches. Er musste die Schattenritter ohne Spuren finden.

Geschickt kletterte Antrax den steilen Weg nach oben. Für ein Pferd der Menschenwelt war dieser Pfad bestimmt nicht passierbar.

So manches Elfenpferd hätte damit sicher auch seine Schwierigkeiten. Es klang fast ein wenig stolz.

Eamon schwieg. Manchmal wünschte er, Antrax hätte ihm das Privileg der gedanklichen Verbindung nicht zuteilwerden lassen. Das telepathische Kommunizieren war ohne Frage praktisch, aber es störte ihn, seine Gedanken nicht für sich zu haben.

Kurz darauf erreichten sie das Ende der Klippen und sahen auf eine weite, grüne Hügellandschaft, die nach allen Seiten hin in weißem Nebel versank, der durch die Morgensonne golden schimmerte. Der Donner der Wellen, die sich an den Felsen des unendlich weiten Küstenstreifens brachen, erschienen ihm seltsam vertraut. Von den Schattenrittern sah er noch immer keine Spur. »In welche Richtung gehen wir?«, fragte er.

Antrax wandte sich wortlos gen Osten, blieb jedoch nach wenigen Schritten abrupt stehen.

Ich spüre es auch, teilte Eamon seinem Pferd mit und spähte alarmiert in den Nebel, ohne etwas erkennen zu können. Sie waren nicht allein. Jemand näherte sich, und es waren nicht die Schattenritter. Automatisch hob er die Hände, griff hinter seine Schultern und zog die beiden Kurzschwerter, die er auf dem Rücken trug. Der Klang des Metalls übertönte selbst den Donner der Brandung. Konzentriert starrte er in den weißen Dunst, und seine Hände schlossen sich immer fester um das schwarze Heft der Schwerter.

Da war eine Bewegung im Nebel! Immer deutlicher nahm sie Konturen an – ein dunkler Umriss, ein sehr kleiner Umriss.

Eamon riss die Augen auf. Es war ein kleines Mädchen, das der weiße Schleier freigab! Als sie ihn entdeckte, verharrte sie wie vom Blitz getroffen und bewegte sich nicht mehr.

Lass uns gehen, ehe es zu spät ist.

Eamon ließ langsam die Hände sinken, doch Antraxens Worten schenkte er kaum Beachtung. Irgendetwas an diesem Mädchen zog ihn in ihren Bann. Es schien, als wäre sie von Magie umgeben, von Magie durchdrungen – eine Macht, die jene der Dunkelelfen bei weitem übertraf. Er schüttelte den Kopf. Nein, dachte er, das konnte nicht sein.

Langsam, um das Kind nicht zu erschrecken, stieg er aus dem Sattel, legte die Breitseiten der Klingen auf den Schultern ab und ging vorsichtig auf sie zu.

Aufmerksam erwiderte das Mädchen seinen Blick und schien nicht die geringste Angst vor ihm zu haben. Saphirblaue Augen blitzten aus dem milchweißen Gesicht, das strahlende hellblonde Haar windzerzaust, das Kinn trotzig vorgeschoben. Eamon schmunzelte. Woher nahm die Kleine nur diesen Mut? Jedes andere Kind wäre vermutlich selbst dann weggelaufen, wenn er nicht zwei Schwerter in der Hand gehalten hätte. Das Mädchen konnte höchstens elf Jahre alt sein, doch ihr unbeugsamer Blick und die kampfbereite Körperhaltung vermittelten den Eindruck einer erfahrenen Kämpferin. Nein, dachte er schließlich: Dies war kein gewöhnliches Menschenkind. Er wusste zwar nicht viel über dieses fremde Volk, doch er war sich sicher, dass Menschen keinen Funken Magie in sich trugen.

Du weißt, dass das nicht klug ist.

Ja, ja, brummte Eamon, den Blick weiterhin auf das Mädchen gerichtet. Sie strahlte über das ganze Gesicht, in ihren Saphiraugen blitzte die Neugierde, und jede ihrer Bewegungen war überlegt und sicher. Ohne darüber nachzudenken, kniete er vor ihr nieder, stützte sich auf eines der Schwerter und ließ das andere neben sich ins Gras sinken. Aus der Nähe betrachtet wirkten ihre Augen noch viel heller, ihre Haut zarter. Sie war nicht unbedingt das, was er als hübsches Mädchen bezeichnet hätte – vielleicht, weil sie ein Mensch war oder weil die hauchdünnen Äderchen unter ihren Augen sich blutrot von der weißen Haut abzeichneten. Aber diese beinahe schon greifbare magische Aura, die sie umgab, fesselte ihn.

Das Mädchen sagte etwas, doch er verstand ihre Sprache nicht. Sie klang aufgeregt und deutete auf seine Ohren. Eamon lächelte, strich sein schwarzes, noch immer regennasses Haar zurück und verfluchte sich im Stillen, dass er nicht auf seinen Vater gehört und die Sprache der Menschen gelernt hatte. Er seufzte stumm. Es würde auch anders gehen müssen.

Etwas zögernd streckte das Kind die Hand nach ihm aus und legte das halblange Haar hinter seine Ohren. Vermutlich war er der erste Elf, den das Kind jemals gesehen hatte. Na ja, dachte er, und damit hatte das Mädchen nicht gerade ein besonders schönes Vorzeigeexemplar erwischt. Sein kurzes Haar, das, wenn es nicht gerade nass war, dicht und wild verwuschelt war, hatte ihm bereits viel Spott eingebracht.

Das Mädchen lächelte, zog ihre Hand wieder zurück und strich sich plötzlich das eigene Haar zurück.

Eamon verschlug es den Atem. Fassungslos starrte er auf die leicht zugespitzten Enden ihrer Ohren, die zwar anders als jene der Elfen waren und doch auch keinem Menschen gehören konnten. »Das ist nicht möglich«, flüsterte er. Und mit einem Mal sah er die Antwort klar vor sich. Dieser kurze Blick genügte, um ihm die Augen zu öffnen und ihn an den Zeitpunkt zu erinnern, an welchem die sonderbaren Aufträge der Schattenritter begonnen hatten. Es konnte nicht anders sein: Der Beweis für Leorans Lüge stand vor ihm. Denn die Schattenritter verschwanden keineswegs, um die Grenzposten aufzusuchen oder im Auftrag des Königs die Fürsten des Reiches zu besuchen. Nein, sie kamen hierher, in die Welt der Menschen, zu diesem magischen Kind.

Das Mädchen legte ihren Kopf etwas schief und musterte ihn fragend. Die dünnen, verzweigten Linien unter ihren Augen verliehen ihr einen erschöpften Ausdruck. Irgendetwas war nicht in Ordnung mit diesem geheimnisvollen Kind, dachte er. Und alles hatte mit Elirias Erscheinen im Schattenreich begonnen. Vor elf Jahren.

Eamon erhob sich und ließ die Schwerter zurück in die Scheiden auf dem Rücken gleiten. Er verbeugte sich knapp vor dem Kind, warf noch einen letzten Blick in dessen Saphiraugen und schwang sich in den Sattel. Es ist Zeit für Antworten, sagte er lautlos, woraufhin Antrax sich in Bewegung setzte und mühelos den Weg die Klippen hinunterlief.

Eamon sah nicht zurück. Er würde wiederkommen. Sehr bald.

Die weißen Hallen beeindruckten ihn nicht mehr. Nicht nachdem er gesehen hatte, was wirkliches Strahlen hieß. Auf direktem Weg lief Eamon zu jenem Weltentor, welches ihn zur Lichtung vor Lurness führte – jenem Ort, von dem aus er vor kurzem den drei Schattenrittern gefolgt war. Und doch schien dieser Augenblick Tage zurückzuliegen. Alles hatte sich verändert. Sein bisheriges, mehrere Tausende von Jahren währendes Leben kam ihm plötzlich lächerlich einfältig und nutzlos vor. Was hatte er in dieser Zeit schon geleistet? Ja, er hatte im Krieg gegen die Drachen gekämpft, weil es so von ihm verlangt worden war. Es war nicht sein Krieg gewesen, denn sein Zuhause, sein Reich waren nicht bedroht gewesen. Aber jetzt hatte er etwas, für das er kämpfen würde. Für dieses fremde Mädchen, das spürte er mit jeder Faser, würde er durchs Feuer gehen – und er wusste nicht, wieso. Was hatte ihn nur so sehr verzaubert, dass sie seine Gedanken nun auf diese Art zu beherrschen vermochte?

Nur wenige Elfen tragen Magie von solcher Intensität in sich.

Eamon stutzte und sah Antrax fragend an. »Du hast es auch gespürt, nicht wahr?«

Sie ist ihr unglaublich ähnlich.

»Ich weiß.« Deutlich sah er das Bild jener Lichtelfe vor sich, die vor Jahren mit der Nachricht von Alkariels dunklen Plänen zu seinem Vater gekommen war. Elirias scheinbar grenzenlose Magie hatte sie jedoch nicht vor dem Tod bewahren können. Eamon seufzte und schwang sich auf den Rücken seines Pferdes, und kurz vor Sonnenuntergang erreichten sie die Torlichtung. Die Dunkelheit im Wald war bereits vollkommen, und obschon Eamon in den Baumkronen nach Wache haltenden Baumjägern Ausschau hielt, blieben diese ihm in Nebel und Dunkelheit verborgen. Eamon störte es nicht. Diese ersten Wachen von Lurness würden ihn sofort erkennen und nicht aufhalten. Genauso wenig, wie sie sich eingemischt hatten, als er vorhin den Schattenrittern aufgelauert hatte.

In halsbrecherischem Tempo flog Antrax zwischen den Baumstämmen hindurch bis zur Zugbrücke, die über den Drachenschlund zum Drachenfelsen führte, in den die Festung von Lurness geschlagen war. Hoch erhob er sich über die Baumriesen und drängte sich nah an den Abgrund. Der Anblick der mächtigen Feste ließ Eamon jedes Mal wieder den Atem stocken. Kurz darauf erreichten sie durch das Haupttor den Äußeren Hof, der hauptsächlich zur Verteidigung diente, und Antrax verlangsamte seine Schritte. Vereinzelt nickten ihm Wachen vom Festungswall her zu, doch er würdigte sie keines Blickes und ritt die leicht ansteigende Gasse hinauf und durch ein weiteres Tor in den Inneren Hof. Hier spielte sich das Leben von Lurness ab, und auch die Burg war von dieser Ebene aus zugänglich. Stallmeister Melovin eilte herbei, nahm ihm die Zügel aus der Hand, und Eamon nickte ihm kurz zu, ehe er sich auf direktem Weg zu den Gemächern seines Vaters begab.

Die beiden Wachen vor der zweiflügeligen Tür aus dem dunklen Holz der Baumriesen traten beiseite, als sie ihn erkannten und stießen die schweren Flügel auf. Ein Dutzend neugieriger Augenpaare richteten sich auf ihn, doch Eamon beachtete weder seine Verwandten beim Kartenspiel, welche sich an den Tischen unter den silbern leuchtenden Miranlampen zusammengefunden hatten, noch die Wachen in der finsteren Ecke neben der Tür. Lediglich seinem Vetter Ardemir nickte er flüchtig zu und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf seinen Vater, der neben Eamons jüngerer Schwester Prinzessin Liadan auf seinem Thron das Geschehen überblickte. Mit schnellen Schritten durchquerte Eamon den fensterlosen Saal, dessen Wände aus nacktem Felsgestein bestanden, öffnete im Gehen die überkreuzten Gurte an seiner Brust und warf schließlich beide Schwerter vor Leorans Füße. Schwer atmend blieb er an den Stufen zur Thronempore stehen und wischte sich mit dem Unterarm die Regentropfen von der Wange, brachte jedoch kein Wort heraus. Er hatte seinem Vater vertraut, doch dieser hatte ihn belogen wie ein kleines Kind. Aber das war er nicht! Er war ein erfahrener Krieger, war der zukünftige König, und dennoch wurde ihm das womöglich wichtigste Wissen seines Reiches vorenthalten. Eamon schäumte vor stummer Wut.

Leoran kniff die Augen leicht zusammen, und sein Blick wanderte von den beiden Kurzschwertern zu seinem Sohn. »Bist du von Sinnen?«, fragte er und sah sich im plötzlich totenstill gewordenen Saal um.

»Was ist die Aufgabe der Schattenritter, wenn sie fortgehen?«, brachte Eamon aus zusammengebissenen Zähnen hervor.

Langsam ließ Leoran seinen Blick über die versammelten Elfen schweifen. Im Grunde haftete seinem Vater genauso wenig Königliches an wie diesem schmucklosen Saal hier. Noch nicht einmal eine Krone trug er auf dem dunklen Haupt, und seine schwarze Kleidung war schlicht wie die eines einfachen Bediensteten. Seine Augen jedoch blickten weise, und in diesem Moment schien er nachzudenken. »Du weißt, dass die Grenzposten …«

»Nicht die Grenzposten, Vater. Die Schattenritter. Was ist die Aufgabe der Schattenritter?«

»Was ist los mit dir? Was bringt dich so auf?«

»Die Schattenritter sind die Wachen von Lurness. Was haben sie in anderen Fürstentümern zu suchen? Dort gibt es genügend Krieger.«

»Eamon.« Der König hob beschwichtigend die ringlose Hand. »Wir führen dieses Gespräch nicht zum ersten Mal.«

Doch Eamon wollte sich nicht besänftigen lassen. Nicht noch einmal. »Wieso hat sich Eliria das Leben genommen?«, schoss er hervor.

»Wie kommst du jetzt so plötzlich darauf?«

Eamon schnaubte. »Du beantwortest jede Frage mit einer Gegenfrage.«

»Und du benimmst dich wieder einmal wie ein verzogenes Kind«, mischte sich jetzt auch Liadan ein, die ihn, mit den Händen im Schoß gefaltet, von ihrer erhöhten Position aus betrachtete.

Eamon warf seiner Schwester einen zornigen Blick zu, doch diese schüttelte nur den Kopf. Dass sie keine besonders hohe Meinung von ihm hatte, wusste er, denn sie nutzte jede Möglichkeit, diese kundzutun. Doch trotz des steten Nörgelns und Meckerns verlor Eamon fast die Beherrschung, als er den Blick auffing, den Liadan und sein Vater einander zuwarfen. »Sie weiß davon?!« Mit einem Satz flog er über die steinernen Stufen und baute sich vor seinem Vater auf. »Sie weiß es?«

»Kannst du dich jetzt wieder beruhigen?« Liadan erhob sich in dieser nur ihr eigenen Eleganz von ihrem Thron und trat einen Schritt vor, so dass das mitternachtsblaue Kleid, welches ihre Füße wie ein See umspielt hatte, nun die obersten Stufen der Empore hinabströmte. »Du führst dich auf wie …«

»Was? Was ist es diesmal?« Eamon keuchte. Wie hatte sein Vater ihn nur dermaßen hintergehen können? Und wie hatte er so lange nichts bemerken können?

Liadan schüttelte einmal mehr mit süffisantem Lächeln den Kopf, in ihren silberfarbenen Augen glomm Spott, und Eamon konnte es nicht länger aushalten. »Ich bin den Schattenrittern gefolgt!«, schoss es aus ihm heraus, was Liadans Miene sofort versteinern ließ. »Wollt ihr beide mir jetzt vielleicht Erklärungen geben?«

Leoran hob die Hand, und seine sonst so fröhliche Miene wurde ernst. »Lasst uns allein«, donnerte er durch die Stille und winkte einem Schattenritter. »Sendet nach Glendorfil. Er soll unverzüglich zu mir kommen.«

Eamon beobachtete die verwirrten Elfen, die eilig aus dem Saal drängten. Zumindest der Rest seiner Familie schien genauso ahnungslos wie er selbst, und er konnte wohl froh sein, dass sich im Moment weder irgendwelche Bittsteller noch andere Fremde oder Gesandte hier befanden, um Zeuge dieser Vater-Sohn-Auseinandersetzung zu werden. »Was ist hier eigentlich los?«, fragte er. »Was verschweigt ihr mir?«

Liadan hob ihre schmalen Schultern, auf die ihr schwarzes, mit Silbersträhnen durchzogenes Haar wie Seide herabfiel. »Du wirst es noch früh genug erfahren. Übe dich etwas in Geduld.«

»Zur Abwechslung übe ich mich also mal in Geduld«, meinte Eamon und verstummte tatsächlich. Er öffnete die Silberbrosche unter seiner Kehle und nahm den tropfenden Umhang ab, welchen er achtlos auf die Stufen fallenließ. Seine Schwester ignorierte er und sah stattdessen zurück zur Tür, als diese sich öffnete und Glendorfil eintrat und sich ihnen zügig und mit besorgter Miene näherte. Hinter ihm schlossen sich die Flügel wieder und zeigten das darauf aufgemalte Wappen der Dunkelelfen – die von einem Schwert entzweite Krone. »Eure Majestät?« Glendorfil verharrte an den Stufen zur Thronempore, verbeugte sich knapp und begegnete nur flüchtig Eamons zornigem Blick.

»Was hast du mir zu berichten?«, fragte Leoran.

»Herr?«

Leoran nickte. »Es ist in Ordnung. Sprich.«

Glendorfil sah zwischen dem König und seinem Sohn hin und her und schwieg einige Augenblicke lang, ehe er Leorans Aufforderung nachkam. »Sie ist lernwillig, Herr. Und begabt.«

»Sie?«, echote Eamon, aber sein Vater ignorierte ihn: »Fahre fort, Glendorfil.«

Es war nicht zu übersehen, dass Glendorfil sich nicht wohl in seiner Haut fühlte. »Briac Larnegie bereitet keine größeren Schwierigkeiten«, sagte er schließlich. »Das Mädchen wird vorbereitet.«

»Vorbereitet? Worauf?« Eamon lief die Stufen hinab zum Befehlshaber. »Wovon sprecht ihr hier?«

Leoran seufzte. »Von Elirias Tochter.«

Wie vom Blitz getroffen fuhr Eamon zu seinem Vater herum. »Ich wusste es! Ihr habt mich alle hintergangen! Was ist das für ein Mädchen? Wieso ist sie in der Menschenwelt? Wieso …«

Leoran hob die Hand. »Ich werde dir alles erklären. Du musst mich nur lassen.«

Atemlos sah Eamon seinen Vater an, dann seine Schwester, dann seinen Freund. Sie alle hatten ihn belogen. Weshalb? »Das Kind«, brachte er schließlich hervor. »Dieses Mädchen, zu dem die Schattenritter gehen … sie ist also Elirias Tochter?«

Leoran nickte. »Ihr Vater ist ein Mensch.«

»Ein Mensch?!« Er wusste nicht, wieso er dermaßen außer sich war. Schließlich hatte er sie mit eigenen Augen gesehen, und dass sie keine normale Elfe war, war offensichtlich gewesen. »Aber wieso ist sie dann nicht hier? Wieso ist sie in der Welt der Menschen?«

»So wollte es Eliria«, antwortete diesmal Glendorfil. »Sie wollte nicht, dass Vanora im Schattenreich aufwächst. Sie selbst hat es doch kaum hier ausgehalten. Sie war ein Kind des Lichtreichs, und sie hat die Sonne stets vermisst.«

»Und ihre Tochter heißt Vanora?«

Glendorfil nickte, und Eamon strich sich mit der Hand über die Augen. »Ich verstehe immer noch nichts. Eliria war eine Verräterin. Sie hat ihre Königin verraten. Habt ihr das vergessen?« Er wandte sich seinem Vater zu. »Sie kam vor mehr als zehn Jahren zu uns, um dir zu sagen, dass Alkariel immer noch versucht, uns zu vernichten. Oder … etwa nicht? Gab es einen anderen Grund für ihr Erscheinen?«

»Die wahren Gründe liegen viel weiter zurück, Sohn.«

»Und ihr alle habt sie vor mir verborgen?«

Leoran bedeutete ihm, neben sich auf dem Thron Platz zu nehmen, doch Eamon rührte sich nicht, und so fuhr sein Vater fort: »Wie du weißt, hat dein Großvater Andron den Thron des Schattenreiches gestohlen. Er hat der Königin Daralee, Alkariels Schwester, seine Liebe vorgegaukelt, woraufhin sie das Reich mit ihrer Magie teilte und das Schattenreich schuf. Sie wollten gemeinsam über ihr eigenes Land herrschen, fort von Alkariel, doch stattdessen hat Andron Daralee nach Vollendung des Zaubers ermordet und sich selbst zum König des Schattenreiches ernannt.«

Eamon winkte ungeduldig ab. »Diese Geschichte kennt jedes Kind, Vater. Egal ob Licht- oder Dunkelelf. Andron war machthungrig und herrschsüchtig, das ist kein Geheimnis. Seine Taten haben für dich keine Bedeutung mehr. Alkariel hat Andron damals verziehen und als König anerkannt, damit er sie gegen die Drachenelfen unterstützt.«

Glendorfil legte ihm die Hand auf die Schulter. »So einfach ist das nicht. Daralee und Andron hatten ein Kind miteinander, und Daralee brachte es wohl noch vor ihrem Tod fort. Vielleicht, um es während des gefährlichen Zaubers der Teilung Elvions nicht in ihrer Nähe zu haben, oder aber auch, um es vor Alkariel zu verstecken. Es war eine Tochter.«

»Eliria? Sie war Daralees Tochter? Dann war sie ja auch deine Halbschwester, Vater. Und das Mädchen aus der Menschenwelt ist somit …«

»Daralees letzte lebendige Nachfahrin«, bestätigte Glendorfil seine Ahnung. »Die Nachfahrin einer Königin Elvions.«

Eamon war sprachlos. Sein gesamtes Weltbild wurde gerade erschüttert. Eliria war für ihn stets eine Fremde gewesen, eine Frau, die sich gegen die eigene Königin gestellt hatte, um das Volk der Dunkelelfen vor den boshaften Absichten ihrer Herrscherin zu warnen – aus Ehrgefühl, Furcht, Mitleid oder was auch immer sie getrieben haben mochte. In Wirklichkeit war sie jedoch seine Verwandte gewesen! Die Tochter einer Königin, die ihren Bruder hatte warnen wollen. Oder war da immer noch mehr? Was hatte es mit ihrer Tochter, diesem seltsamen Mädchen mit den Saphiraugen, auf sich? Wieso wurde die Wahrheit um Eliria und das Mädchen so akribisch geheim gehalten?

Leoran bedeutete Glendorfil mit einer Handbewegung fortzufahren.

»Eliria wusste nicht, dass sie Daralees Tochter war«, erklärte der Schattenritter. »Sie wuchs bei ihrer Amme im Lichtreich auf, bis die Königin auf sie aufmerksam wurde. Eamon, du musst wissen, dass Alkariel nach Daralees Tod, dem Tod ihrer Schwester!, von tiefer Trauer erfüllt war. Der Verlust des östlichen Reiches an ihren Mörder, deinen Großvater Andron, machte alles nur noch schlimmer. Nach all den vielen Kriegen und schließlich dem Bündnis mit Andron im Drachenkrieg wurde sie regelrecht schwermütig. Sicherlich erinnerst du dich, dass sie den Silberpalast von Ueden aufgab und sich in ein Schloss abseits der großen Städte zurückzog. Die Drachenelfen waren mit Androns Hilfe zwar besiegt, doch jede Hoffnung das Reich wieder zu vereinen, war durch ihr Zugeständnis zunichte. Schließlich hatte sie Andron geschworen, den alten Groll zu begraben und ihn für seine Unterstützung als König zu akzeptieren. Doch dann begegnete ihr durch Zufall Eliria, und von da an fand sie wieder zu alter Lebensfreude – aber auch zu ihrem Hunger nach Macht. Natürlich erkannte Alkariel sofort Elirias Potenzial, dieses enorme Ausmaß an Magie, wie es nur selten vorkommt, und sie nahm sie mit sich auf das Schloss. Sie wusste nicht, dass Eliria Daralees Tochter war – ebenso wenig wie Eliria selbst es wusste. Wie auch? Daralee nahm das Geheimnis des Aufenthaltsortes ihres Kindes mit in den Tod.«

»Irgendwann hat Alkariel aber davon erfahren«, ergänzte Eamon das Offensichtliche.

»Genau. Alkariel gewann durch Eliria neuen Mut. Gemeinsam suchten sie das Orakel auf und erfuhren, dass Daralees Barriere zwischen dem Licht- und Schattenreich einzig durch Daralees Blut zerstört werden kann. Somit wurde das vergessene Kind Daralees plötzlich wieder interessant.«

»Die Barriere kann zerstört werden?« Eamon holte tief Luft. Niemals zuvor hatte er daran gedacht, dass es Alkariel gelingen würde, sich die Herrschaft über den östlichen Teil des einstigen Elvion zurückzuholen. Daralee war noch vor seiner Geburt gestorben, und so kannte er nichts anderes als das Schattenreich. Er war in dem Glauben aufgewachsen, als Prinz der Düsternis zu leben – womöglich sogar als König. Die ganze Geschichte der Teilung Elvions, die gespielte Liebe zwischen seinem Großvater und der Königin, die ihm geglaubt hatte – das alles war ihm stets wie ein Märchen vorgekommen. Das tragische Märchen einer Frau, welche sich den Thron mit ihrer Schwester hatte teilen müssen und die mit ihrem Liebsten in eine bessere Zukunft hatte flüchten wollen. Diese Geschichte lag zu lange zurück, als dass sie für ihn hätte relevant werden können. Doch das alles änderte sich nun. Die tapfere, naive Daralee gehörte plötzlich wieder zur Wirklichkeit. Denn sie hatte dieser Welt etwas hinterlassen – jemanden! Und damit konnte sich alles ändern. Elvion könnte wiederhergestellt werden. Ein Gedanke, der ihn mit Furcht erfüllte. Das Schattenreich war sein Heim und darüber zu herrschen seine Bestimmung. Wer konnte schon wissen, was Alkariel für Pläne schmiedete?

»Die beiden Reiche werden wieder vereint«, erklärte Glendorfil, »wenn das Blut ihrer Schwester nicht mehr fließt. Also haben Alkariel und Eliria nach Daralees verschollenem Kind gesucht – ohne zu wissen, dass es Eliria selbst war, nach der sie suchten. Da sie weder im Licht- noch im Schattenreich einen Hinweis finden konnten, sandte Alkariel Eliria in die Welt der Menschen. Einige Jahre durchkämmte sie die fremde Welt auf der Suche nach dem Mädchen – erfolglos natürlich, zumindest in ihren eigenen Augen – und verliebte sich schließlich in den jungen Menschenschmied Briac Larnegie. Sie wurde schwanger und ließ das Kind bei ihm. Eliria wusste mittlerweile, wer sie war, und dass sie niemals wieder zurück in das Lichtreich gehen konnte. Ich weiß nicht, wie sie von ihrer Herkunft erfuhr, doch irgendwo auf ihrer Suche hatte sie wohl die Wahrheit erfahren. Um aber keine Aufmerksamkeit auf ihre Tochter zu lenken, musste sie auch die Welt der Menschen verlassen. Sie brauchte dringend Rat und wollte der alten Heimat aus Sehnsucht zumindest einen letzten Besuch abstatten – und so ging sie zu ihrer Amme und mitten hinein in eine Falle. Die Amme war tot, und Alkariel und ihre Lichtritter erwarteten sie bereits.«

»Wie hat Alkariel davon erfahren?«, fragte Eamon atemlos. Er konnte kaum glauben, dass sich all das tatsächlich ereignet haben sollte, jedoch kaum jemand davon wusste. Sein Leben hatte stets aus langen Ausritten, Frauen und Unfug mit seinem Vetter Ardemir bestanden. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, dass solche Intrigen unter den Herrschern dieser Lande gesponnen wurden, dass mit Leben und Land gehandelt wurde wie mit dem Obst auf einem Markt. Alkariel hätte, ohne mit der Wimper zu zucken, ein Leben beendet. Ja, sogar Eliria hatte ihre Königin dabei unterstützt – bis es jedoch um ihr eigenes Leben gegangen war – welche Ironie.

»Ich weiß nicht, wer oder was Alkariel auf die richtige Spur gebracht hat«, antwortete Glendorfil. »Sicher ist nur, dass sie die Amme letzten Endes so lange foltern ließ, bis diese ihren Verdacht bestätigte. Eliria war Daralees Tochter und damit der Schlüssel zur Zerstörung der Barriere. Und Eliria ahnte vermutlich, in welcher Gefahr ihre eigene Tochter dadurch schwebte. Alkariel will ihr Reich zurück, um jeden Preis. Dessen war sich auch Eliria bewusst, ihre einstige Freundschaft mit der Königin zählte nicht mehr. Als Alkariel sie schließlich in ihrem Heim im Lichtreich erwartete, die Amme tot, da blieb Eliria nur noch die Flucht.«

»Sie kam zu uns ins Schattenreich«, stellte Eamon fest.

Leoran nickte und lehnte sich in seinem Thron zurück. »Sie erzählte mir vom Orakel, davon, dass die Barriere mit ihrem Blut zerstört werden könnte, von Alkariels Plänen und auch von ihrem Kind. Und ich schwor, das Kind zu beschützen.«

»Alkariel würde ein unschuldiges Kind töten, nur um an Elvions Thron zu gelangen?« Eamon starrte seinen Vater fassungslos an.

»Nun ja. Sie hat Eliria von hier entführen lassen.«

Eamon sah zu Boden, als die Erinnerung an jenen Tag ihn überrollte. An das, was Nevliin getan hatte. An all die Toten. Eamon hatte stets gedacht, Alkariel hätte ihren Befehlshaber, den großartigen Weißen Ritter, geschickt, um Eliria wegen ihres Verrates zu bestrafen, stattdessen hatte sie Daralees Blut haben wollen. Und schließlich hatte Eliria sich das Leben genommen. Er hatte es nie verstanden, aber jetzt wusste er, dass sie die Folter gefürchtet hatte. Vermutlich hatte sie gehofft, Alkariel würde nach ihrem Selbstmord den Gedanken an die Wiedervereinigung Elvions aufgeben, würde glauben, die Blutlinie Daralees wäre ausgelöscht, und nie nach ihrer Tochter suchen.

»Also reitet ihr in die Welt der Menschen?«, fragte er Glendorfil, »um Elirias Tochter vor Alkariel zu beschützen?«

Der Befehlshaber nickte. »Eliria wollte nicht, dass ihre Tochter in diesen Krieg hineingezogen wird. Sie sollte in Frieden aufwachsen, ohne Kenntnis der ständigen Intrigen und Kriege der Elfen. Bei ihrem Vater in der Menschenwelt sollte sie leben, unter ständiger Bewachung der Schattenritter. Dies war der Schwur, den der König ihr gab, ehe sie Alkariels Rittern in die Hände fiel.«

Eamon spürte, wie der Zorn ihm die Kehle emporstieg und schluckte. Der Wunsch, das fremde Mädchen zu beschützen, war jetzt stärker denn je, und er wusste, dass sie es auch bitter nötig hatte. »Weiß Alkariel von ihrer Existenz?«

Leoran seufzte. »Nach Elirias Tod ahnte sie, dass es noch jemanden vom Blut ihrer Schwester gab. Es dauerte nicht lange, bis sie von Elirias Kind mit einem Menschen erfuhr, vermutlich ebenfalls durch das Orakel. Sie sucht bereits in der Menschenwelt nach ihm. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie es findet.«

Liadan schüttelte den Kopf: »Ich habe es schon immer gesagt. Das Mädchen kann nicht in der Menschenwelt bleiben. Es ist nicht nur die Gefahr, die ihr durch Alkariel droht. Die Menschen werden sehen, dass sie irgendwann nicht mehr altert. Früher oder später muss sie ins Schattenreich kommen.«

»Das wird sie«, sagte Leoran. »Die Vorbereitungen dafür wurden bereits getroffen.« Er nickte Glendorfil zu.

»So ist es«, bestätigte dieser. »Vanora ist nun elf Jahre alt. Ich unterrichte sie in Kampfkunst und der Sprache und Geschichte der Elfen. Im Moment ist es für sie noch ein Spiel. Sie durchschaut den Zweck dahinter nicht, weiß aber, dass sie anders ist. Ich bereite Vanora auf ihre Bestimmung vor. Wenn die Zeit gekommen und sie alt genug ist … oder Alkariels Ritter eine Gefahr für sie darstellen … wird sie in das Schattenreich heimkehren.«

Eamon kniff die Augen zusammen. »Ihre Bestimmung? Was für eine Bestimmung?«

»Wie schon gesagt«, entgegnete Glendorfil, »ist sie die einzige Nachfahrin der Königin Daralee. In ihr fließt das wahre königliche Blut. Sie könnte die Barriere zwischen den beiden Reichen vernichten – und sie wird eine mächtige Magierin sein. Womöglich mächtiger als Alkariel selbst. Sie wird das Reich vor der Tyrannin schützen. Eine solch mächtige Waffe …«

Eamon schnaubte. »Eine Waffe? Du nennst das Mädchen eine Waffe?«

»Eamon, mein Prinz. Du weißt selbst nur zu gut, dass Alkariel niemals ruhen wird, bis sie sich Elvions Thron zurückgeholt hat. Vanora ist die Einzige, die Alkariel dazu verhelfen kann. Solange Vanora nicht in Alkariels Hände fällt, sind wir vor der Königin sicher. Alkariel weiß um die magischen Kräfte des Mädchens und wird keinen Krieg riskieren, den sie nicht gewinnen kann. Das Kräfteverhältnis wird sich durch Vanoras Macht zu unseren Gunsten verschieben – wenn sie so weit ist.«

Eamon nickte. Er verstand, was der Befehlshaber meinte, und doch schien es ihm, als würden sie das Mädchen mit den Saphiraugen ebenso für ihre eigenen Zwecke benutzen, wie es Alkariel gern täte. Ganz gleich, wessen Spielball sie war: Die Zukunft der kleinen Elfe war dunkel. Er musste ihr helfen, diese schwere Last zu tragen. Sie beschützen. Nicht nur vor Alkariel. Viel mehr vor dem Wissen.

»Zieht euch zurück«, sagte er zu Glendorfil. »Von nun an werde ich mich um Vanora kümmern.« Er hatte gesprochen, ohne sich die Worte zuvor zurechtgelegt oder sich gar mit seinem Vater abgesprochen zu haben. Dennoch irritierte ihn dessen lautes Auflachen: »Sei nicht albern. Die Schattenritter wissen, was sie tun, und haben ihre Aufgabe in den letzten Jahren ausgezeichnet erfüllt.«

Ohne darüber nachzudenken, lief Eamon die Stufen hinauf, kniete vor seinem Vater nieder und nahm dessen Hand in die seine. »Ich bitte dich, mein König. Ich möchte selbst für den Schutz des Mädchens sorgen. Ich kann es dir nicht erklären, doch fühle ich mich an sie gebunden.«

Mit einer Mischung aus Skepsis und Bewunderung sah der König seinem Sohn in die Augen, ehe er ihn an den Schultern packte und hochzog. »Es tut mir leid«, sagte er ernst. »Doch du bist nicht dazu in der Lage, dich um dieses Mädchen zu kümmern.«

Eamon erstarrte. Ein Faustschlag hätte nicht schlimmer sein können. Zu allem Überfluss kam nun auch noch seine Schwester zu ihm und legte ihre Hand auf seinen Arm: »Eamon, lass diejenigen, die etwas davon verstehen, sich um das Mädchen kümmern. Sie erfüllen ihre Aufgabe bereits seit elf Jahren. Noch einmal die gleiche Zeit, und sie wird wahrscheinlich bereits im Schattenreich sein. Was sind schon elf Jahre?«

Liadan hatte recht. Elf Jahre waren nichts für einen Elfen. Und doch verstand sie ihn nicht. Er verstand sich ja selbst kaum. Er wusste nur, dass er nicht hier im Schattenreich würde sein können, ohne zu wissen, was in der Welt der Menschen vor sich ging. Ohne zu wissen, ob sie in Gefahr war oder Hilfe brauchte. Sie war noch ein Kind, doch in elf Jahren würde sie bereits eine erwachsene Frau sein. Eine mächtige Magierin. Elf Jahre. Für Vanora würde sich in dieser Zeit alles ändern. Nein, beschloss er. Er konnte nicht im Schattenreich abwarten, während sie unter solch einer Last aufwuchs. Das war vollkommen ausgeschlossen. Und so schüttelte er Liadans Hand ab und wandte sich erneut an seinen Vater.

»Ich habe mich entschieden«, teilte er ihm mit fester Stimme mit. »Ich werde Vanora nicht alleinelassen. Sie wird eine Fremde sein, wenn sie in das Schattenreich kommt. Durch mich wird sie hier bereits einen Freund haben.«

Liadan packte ihn am Arm und drehte ihn zu sich herum. »Ja, verstehst du denn nicht? Von diesem Mädchen hängt die Zukunft des Reiches ab! Die Angelegenheit ist zu heikel, als dass wir sie deinen Spielchen aussetzen würden.«

»Spielchen?!« Er funkelte sie an, und der Zorn, der in den letzten Minuten zunächst von Erstaunen und dann von Sorge um das Saphirmädchen übertönt worden war, kehrte mit aller Macht zurück. Wie konnte seine Schwester es wagen!

Aber Liadan lächelte nur weiter ihr hochmütiges Lächeln und fuhr ungerührt fort: »Ich bitte dich, Eamon. Du hast dich noch nie um die Belange des Volkes oder des Reiches gekümmert. Du suchst dir stets Ablenkungen, um deiner Langeweile zu entgehen. Dieses Mal ist es ein kleines Mädchen, und du bildest dir ein, es beschützen zu müssen. Doch in einem Jahr wird es dir wieder langweilig sein, und du wirst dir etwas anderes suchen. Wir können das nicht riskieren.«

Eamon stand für einen Moment reglos da. Er konnte nicht fassen, was ihm seine Schwester unterstellte. »Du denkst also, das Schattenreich sei mir egal?«, sagte er langsam.

Liadan seufzte. »Aber nein. Natürlich nicht, Bruderherz. Es ist dir bestimmt nicht egal. Es ist deine Heimat, und du liebst es. Solange andere sich darum kümmern. Und nun schau mich nicht so an, als hätte ich dich geohrfeigt. Hast du jemals an den Ratssitzungen teilgenommen? Hast du Botschafter aus dem Lichtreich empfangen, um über den Frieden zu verhandeln?«

»Ich habe für dieses Reich gekämpft! Mein Blut habe ich für euch vergossen!«, erwiderte Eamon.

Die Prinzessin baute sich vor ihm auf, holte tief Luft, als sich plötzlich Leoran zwischen sie stellte: »Schluss jetzt!« Er sah zuerst Eamon, danach Liadan mit strengem Blick an. »Wir haben keine Zeit für eure dummen Streitereien!«

»Verzeiht«, ließ sich jetzt auch Glendorfil vernehmen. »Eamon, ich kümmere mich gut um das Kind. Es sind nicht nur die Lichtritter, die eine Gefahr für sie darstellen.«

Fragend sah Eamon ihn an: »Was meinst du damit?«

»Es ist die Magie. Sie ist nur zur Hälfte eine Elfe, aber ihre Macht scheint grenzenlos zu sein.« Glendorfil lächelte, und in seinen Augenwinkeln vermeinte Eamon einen kleinen Funken Stolz aufblitzen zu sehen. Erstaunt stellte er fest, dass ihm dies einen kleinen Stich versetzte. War er etwa eifersüchtig auf den obersten Befehlshaber? Das war ja lächerlich! Trotzdem gab er nicht nach: »Natürlich. Sie ist Daralees Nachfahrin. Ich kann ihr ebenfalls zeigen, mit der Magie umzugehen.«

»Verzeih, aber das kannst du nicht.« Glendorfil fühlte sich offensichtlich immer unwohler, fuhr jedoch genauso bestimmt fort: »Vanora stammt von Lichtelfen ab. Ihre Magie ist mit jener der Dunkelelfen nicht zu vergleichen.«

»Du bist selbst ein Dunkelelf, Glendorfil!«, fuhr Eamon den Befehlshaber an. Er wusste, dass Dunkelelfen kaum noch über Magie verfügten. Als Daralee damals die Barriere erstellt und Elvion getrennt hatte, war allen Elfen östlich von ihr der Großteil ihrer Magie genommen worden. Es hieß, Daralee hätte die Kraft nicht alleine tragen können und sich so der umliegenden Magie bedient. Seither hielten sich die Lichtelfen für die einzig wahren Elfen und sahen arrogant zu dem veränderten Volk herab, obwohl die Dunkelelfen durch jenen Zauber auch eine Gabe erhalten hatten: das Gedankenlesen. Doch es gelang nur bei jenen, die zu schwach waren, sich davor zu verschließen, was zumeist nur bei Menschen oder manchmal auch Kobolden der Fall war.

»Ich bin ein Dunkelelf, das ist wahr«, antwortete Glendorfil. »Aber ich habe anders als die meisten Dunkelelfen bereits vor Elvions Trennung gelebt. Einst verfügte ich über große Macht. Und deswegen bin ich der Einzige, der Vanora helfen kann.«

Eamon seufzte. Er würde sich nicht von seinem Vorhaben abbringen lassen. »Es kann nicht so schwer sein, Vanora zu zeigen, mit der Magie umzugehen.«

»Da irrst du dich«, sagte Glendorfil. »In ihr wohnt eine Macht, die sie irgendwann zerstören wird, wenn sie nicht mit ihr umzugehen lernt.«

»Zerstören?« Eamon sah dem Befehlshaber verständnislos in die Augen. »Was meinst du mit zerstören? Dass sie sterben wird?«

Glendorfils Mienenspiel verfinsterte sich. »Genau das meine ich. Sie könnte durch die Energie sterben. Vanora ist eine Elfe des Feuers. Sie unterdrückt ihre Kräfte, so gut es geht, weil sie unter den Menschen nicht auffallen will, doch in ihr steckt das Potenzial, sich auch anderer Elemente zu bedienen. Wenn sie etwa besonders wütend ist oder auch nervös, gelingt es der Magie, sich zu befreien. Dann wird sie von den Mächten der Elemente geradezu überrollt. Dann ist es nicht nur die Macht des Feuers, die sie beherrschen muss. Auch die Erde unter ihren Füßen, das Wasser des nahen Meeres, selbst der Wind wirken mit aller Kraft auf sie ein. Ich helfe ihr, mit sich selbst im Einklang zu sein und die Magie zu leiten. Aber das ist nicht das vordringlichste Problem.«

»Und was ist dann das Problem?« Eamon wurde immer ungeduldiger und war es leid, dass ihm die Informationen immer nur als kleine Häppchen gegeben wurden.

Glendorfil seufzte. »Es ist die Magie, die sie unerwartet trifft. Sie ist mächtiger, als du es dir vorstellen kannst, Eamon. Und so kommt es, dass sie auch die Regungen des Weltentores spüren kann, denn in ihnen ist die Magie der vier Elemente vereint. Die Energie der Portale trifft sie mit solcher Wucht, dass es ihr Körper kaum ertragen kann.«

Das Bild des kleinen Mädchens kehrte zurück in sein Gedächtnis. Die blauen Augen mit den blutroten Äderchen darunter. Er war durch das Portal gekommen, die Energie hatte sie getroffen, und er hatte ihr damit Schmerzen zugefügt. Jetzt wusste er, was es mit ihrem erschöpften Ausdruck auf sich gehabt hatte.

»Du meinst also, die Magie könnte sie töten?«, wiederholte er fassungslos.

»Das oder anderes, nicht weniger Schlimmes.«

»Und das wäre?«, knurrte Eamon, dessen Geduld sich langsam dem Ende zuneigte.

Glendorfil atmete tief ein. »Wie gesagt, Vanora ist eine Elfe des Feuers. Die Magie des Feuers ist stark. Eine Kraft, die nicht gerne eingesperrt wird und stets danach strebt, sich zu befreien. Vanora könnte die Kontrolle darüber verlieren. Dinge tun, die sie später bereut.«

Eamon zog fragend seine dunklen Brauen in die Höhe. »Du kannst ihr doch helfen, hast du gesagt.«

»Das kann ich. Ich werde ihr beibringen, die Magie des Feuers zu beherrschen, und erst dann kann sie nach und nach Herrin der anderen Elemente werden. Aber die Entscheidung bleibt bei ihr. Über solch eine Kraft zu verfügen bedeutet Macht. Und diese kann wiederum sehr verlockend sein. Vanora könnte …« Glendorfil verstummte.

»Könnte was?«, drängte Eamon.

»Nun, sie könnte dieser Macht verfallen und sich vom Guten abwenden. Sie könnte … böse werden.«

»Das ist doch Unsinn.« Eamon forschte in den Gesichtern der Elfen um ihn herum nach Zustimmung zu seinen Worten und fand sie nicht. Einmal mehr dachte er an das freundliche Kind, ihr fröhliches Lächeln. Natürlich, die Magie hinterließ Spuren. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass irgendetwas in der Lage war, dieses Mädchen böse werden zu lassen. Und dafür, dass dies niemals geschah, würde er, wenn nötig, auch selbst sorgen.

»Ich werde mich um sie kümmern«, sagte er noch einmal und ignorierte das übertriebene Seufzen seiner Schwester. »Ich kann mich um sie kümmern.«

Leoran strich sich das lange schwarze Haar zurück. Er wirkte müde und erschöpft. »Deine Absicht ist ehrenhaft und doch …«

»Was muss ich tun, um dich zu überzeugen, Vater?«

»Erlaubt mir, einen Vorschlag machen zu dürfen«, mischte sich nun wieder Glendorfil ein. Leoran nickte, und Eamon wandte sich wieder dem Befehlshaber zu, ohne aus seinem Unmut einen Hehl zu machen.

»Verzeih mir, Eamon«, sagte Glendorfil mit einer leichten Verbeugung, »aber ich bin der Einzige, der über das Wissen und die Fähigkeiten verfügt, dieses Kind zu unterrichten.« Eamon kniff die Augen zusammen, doch Glendorfil fuhr unbeirrt fort: »Ich weiß, was es bedeutet, mit der Magie zu leben und nicht gegen sie zu kämpfen. Ich spreche ihre Sprache, und ich kann mich in ihrer Welt bewegen, ohne als Elf erkannt zu werden. Ich weiß alles über die Menschen und ihre Geschichte, und dieses Wissen ist notwendig, um keine Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Stell dir vor, es spricht sich herum, dass die Elfen in diesem kleinen Dorf sind! Alkariel würde sofort darauf aufmerksam werden. Vanora wird von uns erfahren, doch noch ist nicht der richtige Zeitpunkt gekommen. Sie ist noch zu jung.«

»Du wolltest mir einen Vorschlag machen«, erinnerte Eamon ihn.

»Mein Prinz. Es erscheint mir vernünftig, die Welt, in die du reisen möchtest, zunächst zu studieren. Ich werde dir gerne dabei helfen, ihre Sprache und alles Weitere zu erlernen. Wenn es dir dann immer noch ernst ist …«

»Natürlich wird es mir noch ernst sein!«

Glendorfil sah schnell zu Boden. »Verzeih. Ich wollte nicht respektlos erscheinen. Die letzten Jahre habe ich einzig der Geheimhaltung dieses Mädchens gewidmet und …«

Eamon nickte und fühlte sich mit einem Mal ein wenig sanfter gestimmt. »Ich verstehe schon. Du hast dein Herz in diese Aufgabe gelegt. Das sehe ich, und ich nehme dein Angebot gerne an. Ich werde so menschlich sein, dass selbst mein Vater mich nicht mehr als Elf erkennen wird.«

Leoran stand auf und legte seinen Arm um Eamons Schultern. »Dann ist es also beschlossen.«

Eamon lächelte. Dann nickte er. »Ja, Vater. Es ist beschlossen.«

In der Zeit seines Studiums der Menschenwelt verbrachte der Prinz des Schattenreiches mehr Zeit in der Bibliothek von Lurness als in seinem gesamten bisherigen Leben. Doch ganz gleich, wie viel er las und wie oft er Gelesenes hinterfragte, konnte er noch immer darüber staunen, wie weit sich diese Welt von der seinigen unterschied. Es waren nicht nur die offensichtlichen Dinge wie die Sprache, das Aussehen oder die kurze Lebensdauer der Menschen. Auch ihr gesamtes Denken, ihr Verhalten oder ihre Kultur wiesen kaum Ähnlichkeiten mit dem auf, was er kannte. Die Menschen beteten etwa zu obskuren Göttern, beinahe jedes Reich hatte seine eigenen und führte Kriege in deren Namen. Niemand hatte jemals einen von diesen Göttern gesehen, und doch bestimmte der Glaube an sie ihr komplettes Denken und Handeln. Glendorfil war ein ausgezeichneter Lehrer, und doch dauerte es länger, als von Eamon gedacht, bis er erkannte, dass er die Eigenarten der Menschen zwar niemals ganz verstehen würde, sie aber nach und nach ein- und zuordnen konnte. Auch wie es Vanora erging, berichtete ihm Glendorfil und sprach immer wieder von dem unglaublichen Wachstum ihrer magischen Fähigkeiten. Kein Zweifel: Eines Tages würde sie alle Magier des gesamten Licht- und Schattenreichs übertreffen. Vanora selbst hingegen wusste derweil nichts von den Elfen, die sie in jeder Sekunde bewachten. Dass Glendorfil ihr deren Sprache beibrachte, hielt sie, so hatte dieser es Eamon erzählt, für ein Privileg, das ihr durch ein frühes Abkommen mit ihrer Mutter gewährt wurde. Es gab nicht viele Menschen, die der Sprache der Elfen mächtig waren. Könige und Angehörige des Adels lernten sie bereits im Kindesalter, doch nicht das einfache Volk, dem Vanora ihrer Meinung nach angehörte.

Eamon fiel es schwer, sich an sein Versprechen zu halten und erst zu dem Saphiraugenmädchen zu gehen, wenn er sicher wusste, dass sein Auftauchen nicht all die harte Arbeit seines Vaters und der Schattenritter zunichtemachen würde. Und so vergingen beinahe fünf Jahre, bis der König des Schattenreiches seinen Sohn für die gewünschte Aufgabe für würdig hielt. Fünf Jahre, das waren für einen Elfen kaum mehr als ein Wimpernschlag; doch dieses Mal war ihm die Zeit davongelaufen. Denn er wollte Vanora noch vor ihrer Heimkehr in das Schattenreich kennenlernen, sie gut kennenlernen und ihr ein Freund werden. An einem der ersten Tage des Frühlings schließlich brach Eamon auf, um an das Tor, das nichts als den tiefblauen Ozean zeigte, zurückzukehren. Jenen Ozean, in dem sich die Farbe ihrer Augen spiegelte.

Vanora

Zum wohl tausendsten Mal strich Vanora den grellgelben Rüschenrock mit der Hand glatt, und wieder riss der Wind, der die kalte Luft der teils schneebedeckten Berge ins Tal trug, ihr den Stoff aus den Händen und ließ ihn bis zu ihren Hüften tanzen. Wie sehr sie diese Kleider hasste, auf die ihr Vater so viel Wert legte. Wer hatte sich bloß solch unpraktische Gewänder ausgedacht? Wie sollte sie darin ihre Arbeit vernünftig verrichten, wenn selbst der kurze Weg durch das matschige Gras und hin zum Bach mit diesem lächerlichen Kleid kaum zu bewältigen war?

Vanora seufzte. An solchen Tagen war die Versuchung groß, einen Umweg zur alten Schäferhütte zu machen. Dort stand eine Truhe mit Männerkleidung: Hosen und Hemden, mit denen sie problemlos weiter als nur drei Schritte in angekleidetem Zustand gehen könnte. Es war die Kleidung, die sie stets zum Unterricht mit Glendorfil getragen hatte. Doch seit ihr Lehrer vor zwei Monaten abgereist war, gab es keinen Anlass mehr, sie zu tragen, und so verstaubten sie ungenutzt in der verlassenen Hütte. Es war ein Jammer, wie sie fand.

Sehnsüchtig blickte sie den sanft ansteigenden Hügel empor und ertappte sich in der Hoffnung, dort die schwarze Gestalt mit dem übergroßen Hut zu erblicken – ihren Lehrmeister, der ihr das eintönige Leben in diesem sterbenslangweiligen Dorf erträglicher gemacht hatte. Und manchmal ging sie sogar heimlich in das kleine Haus und las in den Büchern, die er dort zurückgelassen hatte. Es waren keine besonderen Bücher. Manche erzählten Liebesgeschichten, andere berichteten von Kriegen und Abenteuern, wobei ihr Letztere am besten gefielen. Für diese rührseligen Liebesschwüre hatte sie nichts übrig. Es waren die Kämpfe, blutigen Schlachten und Helden, die furchtlos die schrecklichsten Kreaturen bezwangen, die ihr Herz beim Lesen schneller schlagen ließen. Vanora lächelte. Nach dem Verschwinden ihres Lehrmeisters hätten die Dorfbewohner die Hütte sicherlich geplündert, wenn denn dort etwas zu holen gewesen wäre, doch mit Büchern konnte hier niemand etwas anfangen.

Einzig über Elfen hatte sie kein Buch gefunden – und das, obwohl sie doch so gern noch so viel mehr über dieses mysteriöse Volk erfahren hätte. Glendorfil hätte Hunderte Elfenbücher aufbewahren können, hier würde niemand auf die Idee kommen, auch nur eines davon anzufassen. Gedankenverloren wickelte sie eine Haarsträhne um ihre langen Finger und gestand sich ein, dass sie ihren Lehrmeister vermisste. Er war der einzige Mensch hier gewesen, der nicht verbohrt und humorlos war. Und seit er fort war, erschien ihr selbst ihr Vater mit seiner beharrlich griesgrämigen Art ein ums andere Mal nicht leicht zu ertragen. Wehmütig dachte sie an den Tag, an dem Glendorfil sie verlassen hatte – fast schon Hals über Kopf, wie Vanora fand. Auch seine Begründung, ihre Lehre sei nun abgeschlossen, hatte sie nicht akzeptieren wollen. Es gab noch so vieles, das sie von ihm lernen konnte.

Ein lauter Knall riss Vanora aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und bemerkte Graem mit seiner Bande, die wie die Irren mit Holzübungsschwertern auf eine alte, rostige Rüstung auf dem Dorfplatz eindroschen und dieser damit nur ein Kopfschütteln entlockten. Nach außen hin waren aus den Dorfjungen Männer geworden, doch im Kopf waren sie immer noch zwölf Jahre alt. Das Starren auf eine Sammlung von Pergament hielten sie für ungesund, und ihr aufdringliches Verhalten und das Fehlen geistiger Wendigkeit machten es auch nicht gerade besser. Wie, so fragte sie sich nicht zum ersten Mal stumm, sollte sie sich jemals in einen dieser Rüpel verlieben können?

Graems Vater etwa war ein guter Freund ihres Vaters, und so hatte sie erfahren, dass Graem für ein paar Jahre nach Marluke gehen sollte, um das Kämpfen zu lernen, sich die Hörner abzustoßen und ein richtiger Mann zu werden. Ein richtiger Mann! Selten hatte Vanora solchen Unsinn gehört. Doch ihr war es nur recht, wenn Graem verschwand. Sie würde ihn bestimmt nicht vermissen.

Entschlossen stapfte sie die letzten Schritte durch den Matsch, erreichte den Bach und sah einen Moment lang dem schimmernden Wasser zu, das sich seinen Weg zwischen den bunten, in der Sonne funkelnden Kieseln bahnte. Schließlich zuckte sie mit den Schultern, ließ sich in das feuchte Gras fallen, folgte den vereinzelten Schäfchenwolken am tiefblauen Himmel und ließ sich vom leisen Plätschern des Baches einschläfern. Wie schön es hier war und wie sehr sie das Wasser liebte! Doch dann hörte sie die Jungen näher kommen, und ihre Ruhe war dahin. Jeden Moment mussten sie aus dem kleinen Wald herauskommen, der das Dorf von den weiten Hügeln trennte, und sie hatte keine Lust dazu, ihnen hier allein zu begegnen. Schnell füllte sie die beiden Eimer und machte sich sofort auf den Rückweg. Bewusst schlug sie einen Bogen und ging am Rand des Waldes entlang, in der Hoffnung, die Bande zu umgehen, doch es gelang ihr nicht. Graem bemerkte sie als Erster, verbeugte sich und riss seine Arme in die Höhe.

»Oh holde Maid, oh holde Maid,

mit deinem blonden Haar.

Hast mein Herz gestohlen,

als ich dich zum ersten Mal sah.«

Die drei anderen Jungen lachten, Vanora versuchte, sie zu ignorieren, doch Graem stellte sich ihr breitbeinig in den Weg: Dann strich er ihr das Haar aus dem Gesicht und legte es hinter ihre Ohren. Vanora schlug nach seiner Hand, doch er packte sie, kniete vor ihr nieder und drückte einen feuchten Kuss auf ihren Handrücken, ehe er ungefragt fortfuhr:

»Oh du meine zarte Elfe mit den spitzen Ohren.

Durch deinen süßen Elfenzauber bin ich nun verloren.«

Die anderen Jungen applaudierten und kreisten sie langsam ein – vermutlich in dem Glauben, sie würde es nicht bemerken. Resigniert dachte sie an die anderen Mädchen im Dorf, die sofort in Gekicher verfielen, wenn nur einer der Bande sie ansprach. Hätten die Jungmänner nicht auch eines der anderen Mädchen belagern können? Aber nein: Es war immer wieder nur Vanora, der sie nachstellten.

Graem erhob sich wieder, und der Wind blies ihm das zerzauste, blonde Haar in das mit Bartstoppeln übersäte Gesicht. Seine blauen Augen aber waren noch immer dieselben, die sie von dem Jungen kannte, der er einst gewesen war. Der Schalk blitzte in ihnen genauso wie damals, als er ihr hinter der Schmiede einen Kuss gestohlen und sie ihn daraufhin geohrfeigt hatte. Auch diesmal zwinkerte er ihr zu, als wäre er unwiderstehlich und als wäre ihr das tief im Inneren auch bewusst – was nicht einmal annähernd der Fall war.

»Bist du jetzt fertig?« Vanora verdrehte die Augen und versuchte sich an ihm vorbeizuschieben, doch Graem griff nach den beiden Eimern: »Lass mich das für dich tragen, holde Elfenmaid.«

»Ich kann das selbst.« Mit einem entnervten Stöhnen drehte sie sich weg, doch Graem riss ihr bereits einen Bügel aus der Hand, während Doncan, einer der anderen Jungen, nach dem zweiten Eimer griff. Langsam wich ihr leichter Missmut echtem Zorn, und sie spürte, wie der Wunsch, die vier Jungen einfach niederzuschlagen, ihr wie ein schwelendes Feuer die Kehle emporkroch. Sie straffte sich und drängte die Flammen zurück. Sie war ein gewöhnliches Mädchen, und gewöhnliche Mädchen wurden nicht mit vier ausgewachsenen Männern fertig. Sie musste es auf friedliche Weise versuchen.

»Graem«, sagte sie eindringlich »Bitte. Ich habe es eilig.«

Doch der Junge musterte sie nur amüsiert und grinste breit: »Ich will dir keinesfalls im Wege stehen, holde Dame. Du willst die Eimer? Du bekommst sie für einen Kuss.«

»Vorher würde ich unsere Ziegen küssen.«

Kurz schien er darüber nachzudenken, ob er beleidigt sein sollte, aber dann lachte er: »Wie du willst.« Er warf Doncan einen flüchtigen Blick zu, und kurz darauf traf sie ein eisiger Wasserschwall. Der Schock lähmte sie, schüttelte sie, und der Funke entzündete sich erneut zu einer Stichflamme in ihrem Inneren. Blitzschnell flog Vanora vor, und obschon Doncan die Augen aufriss und sie kommen sah, konnte er der Faust nicht ausweichen, die in sein Gesicht krachte. Hell jaulte er auf und hielt sich die Hand auf die Nase, aber Vanora hatte noch nicht genug. Ich hätte den Daumen in die Faust schließen müssen, so wie Glendorfil es mir gezeigt hat, dachte sie. Dann hätte ich mit viel größerer Kraft zuschlagen können, ohne mir dabei selbst beinahe die Hand zu brechen. Beim nächsten Mal werde ich es besser machen, dachte sie. Und dieses nächste Mal war jetzt.

Vanora packte den jammernden Doncan an den Schultern, zog ihn zu sich und ließ ihr Knie hochschnellen. Das Jaulen steigerte sich zu einem Schrei, doch die Flammen in ihr zischten nur und wollten mehr. Sie fuhr so schnell herum, dass ihr Bild zu einem sonnengelben Rüschenschleier verschwamm, und nahm nur am Rande wahr, wie Graem das Lachen im Halse steckenblieb und sein Mund aufklappte. »Nicht«, formten seine Lippen, aber es war ihr egal. Sie hatte sich zu lange von dieser Bande schikanieren lassen. Sie hatte ›Bitte‹ gesagt. Es war genug.

Sie holte in der Drehung mit dem Arm aus und ballte ihre Hand zu einer Faust – dieses Mal mit eingeschlossenem Daumen. Die Kälte des Wassers war längst vergessen, ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, und die Faust schnellte vor. Doch da packte sie jemand am Handgelenk, eine weitere Hand umschloss ihren Oberarm und zerrte sie zurück. Die beiden anderen Jungen! Vanora wand sich, aber es nutzte nichts. Sie waren zu stark für sie. Verdammt!

»Du elendiges Miststück!«, keuchte Doncan und stürmte auf sie zu, doch Graem legte ihm die Hand auf die Brust und schob ihn zurück. Dann wandte er sein kalkweißes Gesicht Vanora zu: »Das war ein schwerwiegender Fehler. Du verstehst, dass ich dich jetzt bestrafen muss, Mädchen.« Er lächelte dabei, und Vanora wurde klar, dass er den Ernst der Lage nicht verstand. Für ihn war es noch immer ein Spiel. Hör auf, flehte sie stumm, aber er zwinkerte ihr nur zu, schwenkte den vollen Eimer in seiner Hand hin und her und kam unerbittlich näher.

Vanora unternahm einen erneuten Versuch, sich von den beiden loszureißen, aber der Griff um ihre Arme wurde nur noch stärker.

Graem blieb vor ihr stehen und sah ihr in die Augen. Sie war beinahe so groß wie er und erwiderte stur seinen Blick, als er gemächlich das eisige Wasser über ihren Kopf goss. Dennoch konnte sie das erbärmliche Zittern nicht verhindern, als die stechende Kälte ihren Nacken und den Rücken hinabkroch. Das nasse Haar klebte ihr im Gesicht, sie rang nach Atem und versuchte, nach Graem zu treten. Doch dieser wich ihr aus, seine Hand fuhr vor und packte grob ihr Kinn: »Nicht so stürmisch. Du kommst schon noch zu deinem Kuss.«

Vanora drehte ihren Kopf zur Seite, doch Graem hielt sie fest – und dann drückte er seine widerwärtigen Lippen auf die ihrigen. Es war weniger der Ekel als vielmehr diese enorme Glut des Zorns, die ihren Körper erbeben ließ. Zorn nicht nur über den dummen Graem, eher über die Rolle, in die sie in diesem Dorf gezwungen wurde. Mit Leichtigkeit hätte sie sich vor solch einer Demütigung schützen können, und doch musste sie jede Schmach still erdulden, um niemanden sehen zu lassen, was sie in Wirklichkeit zu tun imstande war.

Die anderen lachten, grölten und klatschten, was dem Feuer in ihrem Inneren nur weiteren Zunder verschaffte und somit nicht gerade hilfreich war in ihrem verzweifelten Kampf, dieses auszutreten.

»Wie frische Erdbeeren«, rief Graem und machte eine weit ausholende Bewegung durch die Runde. »Wer möchte noch?«

»Ekelhafter …«, stieß sie hervor, aber er grinste nur: »Na, na, na. Du wirst doch jetzt nicht unhöflich werden.«

Graem winkte Doncan zu sich. »Ich glaube, du möchtest dich noch für etwas bedanken, nicht wahr?« Und Doncan grinste und ging auf sie zu.

Es war zu spät. Die Flammen verlangten danach, auszubrechen, und das Blut in ihren Adern, jede Faser ihres Körpers brannte vor Zorn. Vanora bäumte sich auf, ihre Hände begannen zu zittern. Doncans Gesicht wurde klarer, immer deutlicher. Seine Konturen zeichneten sich grell zwischen den blutroten Wirbeln ab, die in ihr tobten, ihr die Sicht nahmen – und dann versank auch er in dem Mahlstrom des Zorns, bis nur noch seine Augen übrigblieben. Das Feuer erwachte zum Leben – und die schmerzenden Griffe an ihren Armen verschwanden.

Wie aus weiter Ferne drangen Rufe an ihr Ohr, Schreie, doch Vanora verstand sie nicht. Sie sah nur Doncans Augen, fokussierte sie – und streckte langsam ihre nun freie Hand nach ihm aus. Das glutheiße Prickeln strömte durch ihren Körper, zog sich zusammen und sammelte sich in dieser einen, glühenden Hand.

Doncan wich mit vor Angst geweiteten Augen zurück.

Jetzt, dachte sie, jetzt.

»Genug!«

Vanora erstarrte. Die Hitze erlosch. Es war diese Stimme, die ihre Sicht schlagartig wieder normal werden ließ. Eine Stimme, die die Luft erfüllte, rein und hell.

Auch die Jungen fuhren herum, dann wichen sie zurück. Vanoras Herz aber vollführte einen Freudensprung, als sie den hochgewachsenen Mann im schwarzen Umhang erkannte. Glendorfil!

»Ich sollte euch beibringen, wie man eine Dame behandelt«, sagte er, und ihr Lächeln erstarb. Die Melodie war die gleiche, erkannte sie, aber es war nicht Glendorfil, der dort vor ihr stand. Es war nicht seine Stimme. Der Mann, der trotz strahlenden Sonnenscheins die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte, strich über die gekreuzten schwarzen Gurte über seiner Brust – ein Schwertgehänge für die beiden Schwerter, die er auf dem Rücken trug und deren Griffe rechts und links neben seinem Kopf emporragten und golden in der Sonne funkelten.

Graem sah zwischen ihr und dem Fremden hin und her, und sein Blick blieb ebenfalls an den Waffen hängen. »Wir haben nur Spaß gemacht … Herr«, sagte er mit einer leichten Verbeugung. »Wir wollten ihr nicht weh tun.«

Doch der Fremde wirkte nicht sehr überzeugt. Er ging auf Graem zu, packte den jungen Mann am Wams und zog ihn dicht zu sich heran. Graem war nicht klein, noch dazu breit gebaut, doch der um mindestens einen Kopf größere Ritter hob ihn mühelos hoch, so dass Graems Füße in der Luft hingen. »Ihr werdet sie nie wieder belästigen«, sagte er mit tiefer Stimme. »Verstanden?«

Graem nickte heftig, und kurz darauf stellte ihn der Ritter wieder auf dem Boden ab. Graems Knie schlotterten sichtlich.

Vanora durchfuhr ein kalter Schauer, der, das wusste sie, nichts mit ihrer nassen Kleidung zu tun hatte. Langsam sah sie von Graem wieder zurück zu dem Fremden und wich unwillkürlich zurück, als die blauen Augen sie unter der Kapuze hervor wie ein Dolch aus Eis trafen. Was wollte der Fremde hier? Er hatte sie beschützt, aber wollte er ihr wirklich Gutes? Er war ihr körperlich weit überlegen, er hatte zwei Schwerter, und Vanora war zwar nicht hilflos, aber gegen den Fremden würde sie unterliegen. Fast war sie froh, die verhasste Bande um sich zu haben. Mit den vier Jungen an ihrer Seite und einem gemeinsamen Feind hätten sie vielleicht eine Chance.

Graem tauschte unterdessen beklommene Blicke mit seinen Gefährten, woraufhin Doncan kaum merklich den Kopf schüttelte. »Herr«, sagte Graem schließlich und nickte dem Fremden flüchtig zu. Mit einem sirrenden Geräusch zog dieser die Schwerter aus ihren Hüllen, und im selben Augenblick machten die Jungen kehrt und rannten in Richtung Wald davon.

Fassungslos starrte Vanora den immer kleiner werdenden Gestalten hinterher. Das wollten Männer sein? Hetzten davon und ließen sie hier allein mit einem schwerbewaffneten Fremden! Es war nicht das erste Mal, dass die Jungen ihr nachgegangen waren, und bislang war sie immer irgendwie mit ihnen fertig geworden. Aber der Ritter beunruhigte sie mehr, als sie zugeben wollte. Nun gut, dachte sie. Sie war jetzt allein. Das ließ sich nicht mehr ändern. Sie würde das Beste daraus machen müssen. Langsam richtete sie sich auf und blickte so furchtlos wie möglich zu dem Fremden auf. Er sah den flüchtenden Jungen nach und wirkte amüsiert. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie es der Bande gleichtun sollte, doch sie hatte nicht jahrelang unter Glendorfils Anleitung geschuftet, um dann feige davonzulaufen.

Graem und die anderen verschwanden bald gänzlich in der Dunkelheit des Waldes, und der Ritter richtete seinen Blick erneut auf sie, hob seine Hände und legte die Breitseiten der Klingen auf seine Schultern ab, so dass sie sich im Nacken überkreuzten. Langsam kam er auf sie zu, maß sie mit prüfendem Blick, und die Anmut seiner Bewegungen erinnerte sie unwillkürlich an ihren einstigen Lehrmeister. Dennoch: Da war etwas, das nichts mit Glendorfil zu tun hatte – und das sie sehr gut kannte. Diese leichtfertige Haltung der Schwerter, als wäre es ganz normal, mit solchen Waffen in der Gegend herumzulaufen. Der abschätzende Blick. Auch die kleinen Grübchen an den Mundwinkeln, die sein zaghaftes Lächeln jungenhaft wirken ließen. Die eisblauen Augen. Gebannt sah Vanora zu dem Mann auf. Waren die Männer außerhalb des Dorfes allesamt mit solch vollkommener Schönheit gesegnet?

»Sie sind weg. Ihr müsst keine Angst mehr haben«, ertönte die singende Stimme des Fremden, die der Glendorfils so sehr ähnelte.

Vanora hob ihren Kopf noch etwas höher. Wenn der Fremde sich als ihren Retter sah, würde sie ihm schon zeigen, dass sie sich selbst zu helfen wusste. »Mit denen wäre ich schon fertig geworden«, sagte sie und ärgerte sich darüber, dass ihre Stimme zitterte.

»Da bin ich mir sicher.« Der Fremde lächelte derart frech und spitzbübisch, dass Vanora wütend nach Luft schnappte. Dutzende scharfe Antworten lagen ihr auf der Zunge, doch sie war zum einen eine Frau und zum anderen von geringem Stand. Ein Widerwort könnte ihr Todesurteil sein. Und so senkte sie mit erzwungener Demut den Kopf, riss aber im gleichen Moment die Augen auf, als sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Erst jetzt sah sie, dass die durchnässte weiße Bluse so durchsichtig war, als stünde sie nackt vor dem grinsenden Ritter. Blitzschnell verschränkte sie die Arme vor der Brust, und die Schamesröte schoss ihr ins Gesicht. Dafür würde Graem büßen!

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung. Der Ritter nahm seinen schwarzen Umhang ab und legte ihn ihr um die Schultern. Wütend schlug sie den weichen Stoff vor ihrer Brust übereinander und hielt ihn krampfhaft fest, auch wenn sie zugeben musste, dass diese Geste durchaus nett von ihm war. Allmählich wich die Hitze wieder aus ihren Wangen, und sie blickte zu dem Fremden auf, der nun ohne den Umhang in all seiner Pracht vor ihr stand.

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