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Elfenkrieg

Inhaltsübersicht

Prolog

Ardemir

Aurün

Vinae

Eamon

Vinae

Aurün

Vinae

Eamon

Ardemir

Aurün

Der Wächter

Vinae

Eamon

Vinae

Ardemir

Aurün

Eamon

Vinae

Eamon

Vinae

Ardemir

Aurün

Vinae

Eamon

Vinae

Ardemir

Aurün

Vinae

Vanora

Die Nebelpriesterin

Vinae

Ardemir

Vinae

Aurün

Ardemir

Nevliin

Vinae

Eamon

Vinae

Ardemir

Aurün

Vinae

Eamon

Aurün

Vinae

Eamon

Danksagung

Karte

Prolog

Welche ist die grausamere Tat? Ein Leben zu beenden oder eines zu retten?

Wenn es kein Zurück mehr gibt und die Erinnerung alles ist, was übrigbleibt – wie Festhalten an den Bruchstücken eines Seins?

Der Klang des Falls bleibt ungehört. Die dunklen Abgründe der Augen flehen immer noch um Gnade. Straucheln, um zu stehen und die letzten Schritte zu gehen, das Leben und den Tod in Händen. Doch der Körper verharrt, das Herz erzittert, es versteht noch immer nicht den Klang des Falls.

Welche ist die grausamere Tat? Loszulassen oder festzuhalten, da das Herz nicht imstande ist zu begreifen?

Die zweite Seite einer Münze, die Dunkelheit zum Licht, der Hass zur Liebe und der Abschied zur niemals weichenden Hoffnung. Die Freiheit in den zitternden Händen.

Der Klang des Falls.

Ardemir

Es brannte. Die kreisförmigen Holzhütten mit Dächern aus Stroh, die Ställe, der Getreidespeicher. Die halbe Tempelstadt stand in Flammen, erleuchtete die Nacht und war als matter Schein selbst von Acre, der Hauptstadt des Sonnentals, zu sehen. Der Wind blies die sengend heiße Luft durch die Gassen, immer wieder erzitterten die Flammen unter dem Brüllen des Drachen. Mit verzweifelter Anstrengung führten die Ritter der Königin und die Krieger der Fürstenbrüder die Bewohner in den Tempel. Sie versuchten nicht mehr, die Brände zu löschen. Dafür war es zu spät. In erster Linie mussten sie die Elfen in Sicherheit bringen, und die steinerne Halle im Süden des Dorfes bot den größtmöglichen Schutz.

»Er kommt zurück!«

Ardemir blickte in den Nachthimmel hinauf und erkannte die schwarze Silhouette des Drachen, der aus dem grauen Dunst schoss.

»Schildwall!«, rief Nevliin, der Befehlshaber der Königin, über die panischen Schreie.

Sofort sammelten sich die Ritter und bildeten in erfahrener Disziplin eine Reihe. Holzschilde, überzogen mit Drachenschuppen krachten aufeinander, ließen eine eiserne Wand, bestickt mit Speerspitzen entstehen. Die Ritter duckten sich hinter den rechteckigen Schutz, der in seiner Größe einen stehenden Elfen leicht verdecken konnte. Ardemir begab sich in die zweite Reihe, kniete mit einem Bein nieder. Über ihm schlugen weitere der schweren Schilde übereinander. Jeder Atemzug verbrannte ihm schier die Kehle.

Mit ruhiger Hand zog er einen Pfeil hinter seiner Schulter hervor, legte ihn an die Sehne und hielt ihn mit dem Daumen fest. Seine Konzentration galt einzig der Lücke über ihm, durch die er den Drachen sehen konnte.

Um sie herum bildeten die Priesterinnen des Orakels einen Kreis und fassten sich an den Händen. Sie alle waren mächtige Magierinnen – durch ein blutiges Ritual in den Kreis der Dienenden aufgenommen. Die Novizinnen waren bereits alle im Tempel. Zumindest hoffte Ardemir das.

»Wartet«, kam es vom Befehlshaber in der ersten Reihe. Er stand eingezwängt zwischen den anderen Rittern, die Breitseite des erhobenen Schwertes gegen die Stirn gelegt, die Augen geschlossen. Der Drache näherte sich schnell und hatte die eben zur Verstärkung hinzugekommenen Ritter bereits entdeckt.

Ardemir zog den Pfeil mit der Spitze aus einer Legierung von Elfenstahl und Drachenpanzer zurück. Der Bogen, der noch einer der letzten mit dem Holz eines Baumriesen des Dunkelwaldes war, ächzte unter der Belastung. Die Kraft, welche es erforderte, die Hand bis zum rechten Ohr zurückzuführen, kostete ihn nach Abertausenden von Jahren keine Mühe mehr. Die Schreie um ihn herum verschwammen zu einem leisen Surren, wurden durch den heftigen Schlag seines Herzens übertönt. Aus den Augenwinkeln erkannte Ardemir vage die Bewegungen der anderen Bogenschützen, die sich bereitmachten.

»Wartet!«

Mit angelegten Flügeln schoss der Drache auf sie zu, öffnete sein qualmendes Maul.

»Jetzt!«

Ardemir ließ los, die Sehne zischte entlang seinem von Metallplatten geschützten Unterarm vor. Er sah nur noch das gefiederte Ende des Pfeils, das in den Flammen verschwand, ehe sich die Lücke über ihm schloss.

Das Brüllen des Drachen dröhnte ihm in den Ohren und pochte selbst in seiner Brust. Gleich einer magischen Explosion war das Vibrieren der Luft zu spüren, als die Priesterinnen ihre Kraft freisetzten. Sengend heißer Wind fauchte durch winzige Ritzen zwischen den Schilden, als die Flammen gegen den magischen Wall trafen. Die Luft erhitzte sich in nur einem Herzschlag ins Unerträgliche, auch wenn der Großteil der Hitze nicht bis zu ihnen durchkam.

Mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf wartete Ardemir die wenigen Augenblicke der Qual ab, ehe der Befehlshaber zum Angriff rief.

Die Schilde verschwanden, die Ritter sprangen auf und drehten sich um. Speere flogen über Ardemirs Kopf hinweg. Einer davon traf den Drachen am Bein, doch der stieg unbeirrt weiter durch den Rauch auf. Immer noch züngelten Flammen als orange glühende Häufchen über die Pflastersteine um die Ritter und Priesterinnen herum. Einer von den Sonnentaler Kämpfern hatte den letzten Angriff nicht überlebt. Das Gesicht des Elfen war zu einer schwarz verkohlten Masse zerflossen. Ein Feuerstrahl musste ihn am Schild vorbei getroffen haben. Er war außerhalb des Kreises gewesen. Keiner von den hiesigen Kriegern hatte Erfahrung im Kampf gegen Drachen. Es fehlte ihnen an Disziplin und vor allem an Kaltblütigkeit im Angesicht dieser Ungetüme.

»Weiter!«, rief der Befehlshaber über den Lärm, woraufhin die Ritter sofort wieder auseinanderstoben.

Von den brennenden Häusern zogen sie die Bewohner fort, die in letzter Verzweiflung versuchten, ihr Heim zu retten. Gleichzeitig hielten sie nach dem in Dunkelheit und Rauch verhüllten Drachen Ausschau.

Ardemir nahm ein kleines Mädchen auf den Arm, das orientierungslos umherirrte, und hetzte über den weiten Platz auf den Tempel zu. Mit zusammengekniffenen Augen bahnte er sich einen Weg zwischen dem Durcheinander aus freilaufenden Pferden und Flüchtenden. Er ignorierte die glühende Asche, die ihm ins Gesicht wehte, und konzentrierte sich nur auf die steinernen Stufen, welche auf der anderen Seite des Platzes in die Höhe ragten. Er hatte sein Ziel beinahe erreicht, als er erneut das Schlagen der Schwingen vernahm.

Das Mädchen vergrub sein Gesicht an seiner Schulter, es klammerte sich verzweifelt an ihn, während er seine Schritte beschleunigte.

»Ardemir!«

Ohne stehen zu bleiben, wandte er sich um. Der Befehlshaber deutete mit dem Schwert in den Himmel, und als Ardemir aufblickte, erkannte er, dass der Drache direkt auf ihn zuflog. »Nein, Nevliin!«, rief er, doch der Befehlshaber stürmte bereits auf ihn zu, um ihm zu helfen.

Ardemir stellte das Mädchen auf die Füße. »Lauf!«, rief er gegen den tosenden Lärm der Flammen und die Schreie der Verwundeten. »Schnell hinein!«

Das Mädchen sah ihn einen Moment lang aus weit aufgerissenen Augen an, drehte sich dann jedoch um und lief die Treppe hinauf.

»Weiter!« Nevliin packte ihn am Arm, wollte ihn zu einem am Boden liegenden Schild ziehen, als der Drache sie auch schon eingeholt hatte.

In Erwartung der tödlichen Flammen kniff Ardemir seine Augen zusammen und konnte den Schmerz beinahe schon spüren. Die gepanzerte Hand an seinem Arm wurde eiskalt und sandte stechenden Frost durch seine Adern. Er wusste, Nevliin aktivierte seine Magie des Wassers, doch dies würde ihnen nicht helfen, träfe sie jetzt ein Feuerstrahl des Drachen.

Der dumpfe Laut eines Horns hallte durch die Luft.

Mit angehaltenem Atem hob Ardemir seinen Kopf und sah in die grün leuchtenden Augen des ebenso grünen Drachen, der mit schweren Flügelschlägen knapp über ihnen schwebte. Die messerscharfen Klauen von der Länge eines Elfen blitzten im Schein des Feuers wie Schwerter.

Nevliin, der ihn immer noch am Arm festhielt, verstärkte seinen Griff, blickte ebenfalls hoch. »Auf mein Zeichen hin«, flüsterte er. »Ein Pfeil.«

Ardemir streckte seine Finger und machte sich bereit. Nevliins Hand verschwand von seinem Arm. Der Drache legte seinen Kopf schief, sah ihm direkt in die Augen.

»Jetzt!«

Ohne den Blick vom Drachen zu nehmen, riss Ardemir einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn an. Nevliin sprang gleichzeitig hoch, holte mit dem Schwert aus und zerschnitt mit der Klinge lediglich die Luft. Der Drache verschwand, erhob sich immer schneller in die Luft und tauchte schließlich gänzlich in die dunklen Wolken ein, die vor dem Angriff wie aus dem Nichts erschienen waren.

Ardemir ließ seine Hände sinken und starrte in die grauen Schleier hoch, die sich langsam mit dem Wind auflösten. Er wusste, es war noch nicht vorbei.

»Zurück zu den anderen!«, befahl Nevliin. »Sie kommen.«

Ardemir drehte sich um und erkannte den undurchsichtigen Nebel, der zwischen den Häusern entlang auf sie zu kroch.

Die Drachen waren lediglich die Vorboten gewesen. Wegbereiter für die schemenhaften Gestalten, die mit dem Nebel über das Dorf hinwegzogen und nur ein Ziel kannten: das Orakel und ihre Dienerinnen mit allen Novizinnen zu vernichten. Bisher war es ihnen ausnahmslos gelungen. Sie bewegten sich, als bestünden sie selbst aus dem Rauch, der sie umgab, und lieferten kein Ziel für die Schwerter der Ritter. Genauso schnell, wie sie kamen, verschwanden sie auch wieder und hinterließen die Tempeldiener mit durchgeschnittenen Kehlen. Krieger wurden verwundet, getötet oder verschwanden spurlos. Orakel wurden geblendet und hingestreckt. Nichts konnte sie aufhalten. Die Leute sprachen schon von Dämonen und bösartigen Geistern, doch im Angesicht des Nebels wollte jetzt niemand daran denken.

Ardemir und Nevliin scheuchten die letzten Priesterinnen in den Tempel und befahlen ihnen, das schwere Bronzetor zu schließen. Als der Querbalken eingelegt worden war, formierten sich die Ritter zu einem Schildwall am Fuße der Treppe. Die anderen Krieger nahmen oben vor dem Tor Aufstellung ein. Sie bildeten die zweite Verteidigungslinie, und die Erfahrung mit den Nebelgestalten hatte Ardemir gelehrt, dass sie auch zum Einsatz kommen würden.

Zwei der Tempelwachen mischten sich unter Nevliins Ritter und versuchten, in den engstehenden Reihen unterzutauchen. Damit störten sie die erprobte Aufstellung, und im Kampf wären sie vermutlich noch hinderlicher.

»Zurück zu euren Leuten!«, fuhr Ardemir sie an und stieß sie mit seinem Kriegsbogen zurück. »Ihr habt hier nichts zu suchen.«

Einer der beiden Wachen trat auf ihn zu und baute sich vor ihm auf. »Ihr habt leicht reden«, sagte er. »Ihr werdet ja auch nicht abgeschlachtet. Euch Ritter haben sie noch nie angerührt.«

»Zurück – sofort!«

Jetzt wandte sich ihnen auch Nevliin zu. Eine Einmischung, die Ardemir zu vermeiden versucht hatte, denn den Befehlshaber zu reizen war niemals eine gute Idee.

»Niemand wird hier abgeschlachtet«, sagte Nevliin mit seiner tödlich ruhigen Stimme. »Niemand außer diesen Geistern. Und jetzt zurück mit euch!«

Der Elf starrte Nevliin an. Genauso wie alle Tempelkrieger Elvions war sein Kopf bis auf einen dünnen Pferdeschwanz am Hinterkopf kahl geschoren. Es verlieh ihm etwas Kriegerisches, doch im Vergleich zu Nevliin wirkte er wie ein verletzliches Kind.

Niemand, der noch einen Funken Verstand besaß und in das Gesicht des Befehlshabers sah, wagte es, ihm zu widersprechen. Die schwarzen Augen verfehlten niemals ihre Wirkung, und die von einer langen Narbe entstellte linke Gesichtshälfte verlieh ihm einen martialischen Ausdruck. Doch es war weniger sein Äußeres, was ihn so furchteinflößend machte. Es war die Kälte, die er verströmte. Allein seine Anwesenheit war eine Drohung, und wer nicht mit ihm umzugehen wusste, merkte schnell, dass aus Drohungen leicht Taten werden konnten.

Der Krieger hatte wohl noch etwas Verstand, denn er wandte sich ab und lief mit seinem Kumpan die Stufen hinauf zu den anderen.

Seine Angst hatte einen guten Grund. Die Tempelwachen waren bei anderen Angriffen ausnahmslos niedergemacht worden. Andere Krieger des Sonnentals wurden mitunter ebenso getötet, doch die enge Formation der Ritter blieb stets unbeschädigt. Vielleicht lag es an ihren aufwendig verarbeiteten Rüstungen oder ihrem offensichtlichen Kampfgeschick. Womöglich boten die anderen Krieger auch nur zu leichte Ziele, um einzeln nacheinander getötet zu werden. Sie behielten niemals die Nerven und stoben nach dem ersten Toten auseinander, aus Angst, sie würden der Nächste sein. Sie veranstalteten Lärm und waren im Nebel so gut wie blind.

Jeder der Ritter war auf seinem Platz, als der Todesnebel sie auch schon erreichte. Weder Schritte noch Stimmen waren zu hören, als sie vom Weiß eingehüllt wurden – Schild an Schild mit einem anderen Kämpfer, wartend und lauschend. Es gab keinen Weg an ihnen vorbei zum Tempel.

Die Formation der Ritter anzugreifen war für die geisterhaften Gestalten hochgradig riskant. Selbst wenn sie einen von ihnen in der Reihe niedermachen wollten, hätte der Nebenmann sofort sein Schwert vorgestoßen. Doch auch wenn es leichtsinnig war, sich so nahe heranzutrauen, gelang es den Feinden immer wieder an der vordersten Kampflinie vorbeizukommen – als wären sie tatsächlich Rauch, der durch die geringen Lücken zog.

Vielleicht sprangen sie auch von den Seiten auf das Geländer der Treppe, doch dies müsste ein Geräusch verursachen, was nicht der Fall war.

Es war mühsam und sinnlos, sich über das Unvermeidliche Gedanken zu machen. Die Nebelgestalten kamen, und sie siegten. Die Ritter schienen sie nicht zu interessieren, und auch wenn es von Ardemir wenig ritterlich war, verspürte er über diese Tatsache doch Erleichterung. Sie taten ihr Bestes, doch wieso sollten sie sich töten lassen?

Nevliin schien anderer Meinung zu sein. Er trat plötzlich entgegen seinen eigenen Anordnungen und Gewohnheiten einen Schritt aus der Reihe und wurde sogleich vom Nebel verschlungen.

Ardemir starrte einen Moment lang reglos in dieses dichte Weiß – zu verblüfft, um zu begreifen, was sein Freund da eben getan hatte. Dann schob er sich aus der hinteren Reihe der Bogenschützen nach vorn.

»Stellung halten!«, befahl er als Nevliins Stellvertreter und trat ebenfalls aus der Formation. Er machte nur wenige Schritte, da konnte er die anderen Ritter hinter sich bereits nicht mehr sehen. Um ihn herum war nichts als Rauch.

An Ort und Stelle verharrend, versuchte er etwas auszumachen. Eine Bewegung, ein Geräusch. Doch da war nichts.

So lautlos wie möglich hängte er sich den Bogen um die Schulter und nahm sein Kampfmesser vom Gürtel. Diese Waffe würde ihm hier ohne Ziel vor Augen nützlicher sein.

»Nevliin«, flüsterte er schließlich und hielt die Klinge vor sich, bereit, zuzustechen. Er ging weiter und erkannte schon bald die dunkelgrüne Drachenpanzerung von Nevliins Rüstung. Dieser stand reglos, das Schwert hielt er senkrecht, die Spitze zeigte in die Höhe.

Einen Fluch unterdrückend, ging Ardemir auf ihn zu, und als er ihn genauer sehen konnte, legte Nevliin einen Finger an die Lippen.

Ardemir erstarrte. Was führte dieser verfluchte Mistkerl nur wieder im Schilde?

Konzentriert beobachtete er den Befehlshaber, der sich mit geschlossenen Augen langsam um die eigene Achse drehte, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Die Breitseite der Klinge war an der rechten Schulter abgelegt – bereit, einen Streich auszuführen. Seine Stirn zog sich leicht in Falten, er blieb stehen, und im nächsten Moment fuhr die geschwungene Klinge herab. Ein weiblich klingendes Stöhnen war zu hören, nichts sonst. Kein Schrei, kein Ausdruck des Schmerzes. Eher hatte es überrascht geklungen.

Ardemir klappte der Mund auf, doch Nevliin war gefasst. Er riss das Schwert zurück, streckte die Hand aus, um das Opfer zu ergreifen, und zog eine schemenhafte Gestalt zu sich heran.

Der Nebel begann sich erstaunlich schnell aufzulösen und gab blondes Haar preis, das in Wellen bis zur Hüfte der Frau reichte. Die weite Kleidung schien selbst aus Nebel zu bestehen und wurde lediglich durch eine Kordel an der Taille zusammengehalten. Ein simpler Haarreifen hielt die atemberaubende Haarpracht zurück, von dem ein Schleier über das Gesicht der Frau herabfiel und sich mit denen an ihrem Körper verband. Beide waren aus demselben hellblauen Tuch und erinnerten Ardemir an den Wind, der den Nebel fortblies.

Hätte er es nicht besser gewusst, hätte Ardemir gemeint, eine Göttin aus den Menschensagen vor sich zu haben, auch wenn er das Gesicht der Frau nicht sah.

Dann starrte er wie unter einem Bann stehend auf Nevliins gepanzerte Hand, die langsam von der Schulter seines Opfers herabglitt und schlaff an seine Seite sank.

Es waren nur wenige Herzschläge vergangen, seit Nevliin sein Schwert vorgestoßen hatte, und so schnell, wie die Gestalt vor ihnen erschienen war, verschwand sie auch wieder. Fremde Hände packten sie an den Armen und zogen sie zurück in das, was vom Nebel noch übrig war.

Nevliin senkte in unwirklicher Langsamkeit den Blick und starrte auf das Blut auf seiner Klinge.

Hinter ihnen beim Tempel brach Jubel aus. Niemand hier konnte so richtig glauben, dass der Nebel aus der Tempelstadt wich, ohne dass es Tote gegeben hatte. Am allerwenigsten Ardemir selbst.

»Sie sind aus Fleisch und Blut!«, rief eine Elfe von den Rittern. »Seht das Blut!« Die Tempelwachen stürmten jubelnd die Treppe herab. Auch das Tor wurde wieder geöffnet, und die Priesterinnen wagten sich heraus.

»Es muss eine der Anführerinnen gewesen sein«, sagte Ardemir, während er sich in der plötzlich wieder klaren Nacht umsah. »Eine Magierin, die den Nebel gebracht hat. Ihre Wunde hat den Zauber ...«

Nevliin drehte sich so abrupt um, als wäre er von einer unsichtbaren Macht herumgerissen worden. Er steckte das Schwert zurück in die Scheide und trabte los, den Blick auf den Boden gerichtet.

Ardemir seufzte. »In Ordnung«, murmelte er, als er die Blutstropfen auf dem hellen Pflaster des Hofs erkannte. »Wir verfolgen die mordgierigen Magier also.«

Er drehte sich zum Tempel um und befahl den Rittern, die Verwundeten zu versorgen, dann folgte er Nevliin.

»Lass sie gehen«, sagte er, als er den Befehlshaber einholte. »Du hast eine von ihnen verwundet. Die anderen wissen, dass es keine Geister sind. Es ist genug.«

»Sie ist es.«

»Wer?«

Nevliin blieb stehen und sah ihn an. Die Antwort war ein Strahl aus den schwarzen Augen, der einen Einblick in seine dunkle Seele bot. Nevliins blondes Haar, das er stets im Nacken zusammengebunden hatte, war grau durch all den Ruß, genauso wie sein Gesicht, doch das war es nicht, das plötzlich so fürchterlich an ihm war.

Ardemir kannte diesen Blick. Er kannte den Befehlshaber zu gut, als dass ihm dieser winzige Funke der Entschlossenheit in den immerzu kalten Augen entgehen könnte.

»Vanora.«

Mit diesem Namen auf den Lippen setzte Nevliin seinen Laufschritt fort. Ardemir folgte ihm vollkommen verwirrt. In achtzig Jahren war ihm einiges Verrücktes mit Nevliin passiert, doch das hier übertraf selbst den üblichen Wahnsinn des Befehlshabers.

Sie verließen den Tempelplatz und tauchten in den immer noch brennenden Teil des Dorfes ein.

»Und wenn wir die anderen finden?«, fragte Ardemir schließlich. Er hatte immer noch Hoffnung, dass irgendwo verborgen in dem Befehlshaber ein Rest Verstand vorhanden war. Oder hatte er seinen Verstand endgültig verloren? So wie es die Königin und die Ritter bereits lange fürchteten? »Willst du dich allein mit einem Haufen Magier anlegen, gegen die noch nicht einmal die Tempelpriesterinnen etwas ausrichten konnten? Keiner von ihnen konnte den Nebel vertreiben. Sie sind zu stark, Nevliin.«

»Dann geh zurück.« Nevliin bog um eine Hütte. Ardemir folgte ihm und blieb genauso wie sein Befehlshaber abrupt stehen.

»O bei den Sternen!«, seufzte er, als er den brennenden Stall vor sich erblickte. Aus der Heukammer im Dachboden schlugen hohe Flammen. Nicht mehr lange und das gesamte Holzlanghaus würde in sich zusammenstürzen. Eine Blutspur führte durch das Tor. »Du willst da jetzt nicht hineingehen, oder?«, fragte er, auch wenn er die Antwort bereits kannte. »Nevliin.« Er packte ihn am Oberarm. Trotzdem stürmte der Befehlshaber auf das brennende Haus zu. Mit einem Fluch auf den Lippen folgte Ardemir dem Todessehnsüchtigen.

Die Hitze, die vom brennenden Haus ausging, war unerträglich. Im Laufen riss Ardemir sich die Brust- und Schulterplatten der Rüstung vom Körper, um nicht völlig darunter geschmort zu werden, und duckte sich schließlich unter einem quer liegenden Balken hindurch, der zum Dachstuhl gehört hatte. Seine Augen tränten, als er den brennenden Stall betrat, der Rauch nahm ihm den Atem.

»Nevliin!«, rief er hustend und versuchte, in dem Trümmerfeld etwas zu erkennen oder durch das Tosen der Flammen etwas zu hören, doch nicht einmal die Blutspur konnte er mehr erkennen. Um ihn herum knisterte und ächzte das Holz, glühende Asche und brennendes Stroh rieselten auf ihn herab und versengten ihm die Haut.

Ardemir bemühte sich, schnell weiterzukommen, er schob sich durch einen halb eingestürzten Türrahmen und entdeckte schließlich eine Treppe, die auf den Heuboden führte. Das Bild der lodernden Flammen kehrte vor sein geistiges Auge zurück und ließ ihn einen Moment lang zögern. Doch die Blutspur führte dorthin, was bedeutete, dass auch Nevliin in dieser Feuerhölle war.

Einzelne Stufen schwelten, doch Ardemir musste es versuchen.

Geistesabwesend schlug er mit der Hand einen Funken an seinem Waffenrock aus und lief auf die Treppe zu. »Nevliin!«, rief er noch einmal und verfluchte ihn gleichzeitig für seine Torheit. »Nevliin!«

Es kam keine Antwort, doch Ardemir bezweifelte, dass er, selbst wenn Nevliin geantwortet hätte, durch den Lärm irgendetwas gehört hätte.

Vorsichtig trat er auf die erste Stufe, dann auf die nächste. Jeder Atemzug war eine Qual. Er versuchte, sich kaltes Wasser vorzustellen, kalten Wind, Eis, Schnee. Es nützte nichts. Die Haut an seinen Händen begann Blasen zu schlagen. Er konnte sich nicht so wie Nevliin mit einem Zauber schützen. Als Dunkelelf verfügte er nur über ein sehr geringes Maß an Magie.

Erneut fing der Stoff seiner Hose Feuer. Ardemir befand sich auf halbem Weg auf der Treppe und bückte sich, um die Flammen an seinem Bein zu ersticken, als über ihm ein ächzendes Geräusch ertönte. Er blickte hoch und sah gerade noch den glühenden Dachbalken, der auf ihn zuschoss. Ein gewaltiger Knall folgte. Die Treppe brach unter ihm zusammen.

Ardemir krachte auf herabgestürzte Bretter und stöhnte vor Schmerzen laut auf. Rauch und Tränen nahmen ihm die Sicht. Er versuchte, sich zu bewegen, doch jede Kraft hatte ihn verlassen. Sein Kopf dröhnte, er konnte kaum noch etwas wahrnehmen. Es bedurfte einer enormen Anstrengung, überhaupt noch zu denken. Er versuchte, Nevliin zu rufen, doch er konnte seine Lippen nicht bewegen. Seine Augen fielen zu, oder vielleicht wurde es auch nur plötzlich ganz dunkel um ihn herum.

Jemand packte seine Arme, kleine Hände mit festem Griff. Sie schleiften ihn über Trümmer, ließen ihn fallen. Eine verschwommene Gestalt beugte sich über ihn. Blaugrau und gleichzeitig glühend wie der Rauch, dunkles Haar. Seine Augen waren also doch noch offen, oder phantasierte er bereits?

Sein Waffenrock wurde hochgezogen, kühle Finger tasteten über seine Brust. Ardemir blinzelte, versuchte seinen Blick zu klären, doch er sah nichts als Umrisse.

»Ganz ruhig«, drang eine weibliche Stimme an sein Ohr.

Ardemir versuchte zu sprechen, brachte jedoch keinen Laut heraus.

»Ganz ruhig. Ihr Ritter sollt euch nicht einmischen. Es ist nicht euer Krieg. Jetzt müssen wir euch weh tun.« Die Finger hielten über seinem Herzen inne, ein brennender Schmerz folgte, warmes Blut floss über seine Haut.

Ardemir riss die Augen auf, er wollte sich wehren, doch er konnte sich nicht bewegen. Etwas Scharfes, Dünnes drang in sein Fleisch. Eine Nadel vielleicht.

»Ihr habt uns angegriffen. Jetzt nehmen wir einen von euch.«

Ardemir keuchte auf. Die eiskalte Nadel bohrte sich immer weiter in seinen Körper, drang in seine Brust zu seinem Herzen. Er bäumte sich auf, warf den Kopf in den Nacken. Eine unerträgliche Hitze ging von seinem Herzen aus, als würde es kochendes Blut in die Adern pumpen. Das vernichtende Feuer um ihn herum wütete plötzlich in ihm. Grelles Licht blendete ihn, zeigte die Fremde als verschleierte Silhouette. Die Hitze in seinem Körper wurde immer schlimmer. Seine Hände und Beine begannen zu zittern, sein gesamter Körper zuckte, selbst seine Zähne schlugen aufeinander. Ardemir keuchte. Fürchterliche Laute des Schmerzes steckten in seiner Kehle, und doch konnte er nicht schreien. Eingehüllt in dieses blendende Licht versuchte er sich zu bewegen, zu fliehen, doch er war machtlos. Der Schmerz nahm ihm jede Möglichkeit, zu denken, trieb ihn immer weiter an den Rand des Wahnsinns. Ein leises Summen mischte sich unter das wilde Pochen seines Herzens. Ein Flüstern. Es war wieder dieselbe Stimme, die unverständliche Worte murmelte.

Ardemir bäumte sich auf. Die Knochen seines Körpers dehnten sich, drohten zu zerbersten. Sein eigener qualvoller Schrei gellte in seinen Ohren, und mit diesem Laut verschwand das Licht. Die Stimme verstummte, die Gestalt verschwand.

Aus weiter Entfernung hörte er plötzlich eine andere Stimme. Immer und immer wieder hallte sie durch die Dunkelheit. Es war Nevliin.

»Ardemir! Kannst du mich hören? Ardemir!«

Sein Blick klärte sich. Nevliins rußschwarzes Gesicht erschien, über ihm loderten immer noch die Flammen.

»Ich ...« Ardemir versuchte sich aufzusetzen.

»Du warst bewusstlos. Wir müssen hier fort.«

»Die Frau.«

»Es ist niemand da.« Einen flüchtigen Moment lang sahen sie sich in die Augen. Es war nicht Wahnsinn, den Ardemir in den Augen seines Freundes erblickte. Es war Schmerz.

Nevliin legte sich seinen Arm um die Schultern und hob ihn hoch. Hustend und keuchend stemmte er sich Ardemir auf die Schulter und bewegte sich langsam auf den Ausgang zu.

Immer wieder fielen einzelne brennende Bretter neben ihnen zu Boden, hüllten sie ein in glühende Asche. Eine halbe Ewigkeit verging, bis sie endlich ins Freie gelangten.

Die Luft hier war verhältnismäßig kühl und klar. Ardemir atmete gierig ein, auch wenn jeder Atemzug schmerzte. Ein paar Ritter liefen ihnen entgegen, trugen ihn von den Flammen fort und legten ihn schließlich vor dem Tempel auf den kühlen Boden. Ein Ritter goss ihm Wasser in den Mund.

Ardemir fasste sich an die Brust, er versuchte zu begreifen, was in dem Haus geschehen war. Die Hitze in seinem Körper wich langsam mit jedem Atemzug. Nevliin ließ sich neben ihm auf den Boden fallen, trank ebenfalls etwas Wasser und wusch sich den Ruß aus dem Gesicht.

»Du bist ein verdammter Idiot«, keuchte Ardemir unter entsetzlichen Schmerzen.

Nevliin sah zu ihm hinunter, ausdruckslos und kalt, und wandte schließlich seinen Blick wieder ab. So konnte es nicht mit ihm weitergehen. Etwas musste geschehen, doch darüber wollte Ardemir sich im Moment keine Gedanken machen. Er würde mit Liadan nach einer Lösung suchen, später.

»Ardemir.« Einer der Ritter kniete neben ihm nieder. »Du bist schwer verletzt. Ich werde dich heilen.«

Ardemir nickte nur. Er warf noch einen flüchtigen Blick zu Nevliin und stellte fest, dass der Befehlshaber kaum einen Kratzer davongetragen hatte. Er wusste nicht, wie es dieser verfluchte Elf anstellte, stets schneller und wendiger zu sein, doch selbst wenn Nevliin schwerer verletzt wäre, würde ihn niemand auch nur danach fragen, ihn zu heilen. Es war allgemein bekannt, dass er sich niemals auf magische Weise heilen ließ. Eine weitere seiner Eigenheiten.

Der Ritter half Ardemir, sich aufzusetzen und gegen die Tempelmauer zu lehnen. Er befreite ihn vom Rest des Waffenrocks, der ohnehin nur noch in Fetzen von seinem Körper hing, und legte ihm die Hände auf die Brust.

Ardemir sah an sich herab, betrachtete die roten Brandflecken und berührte vorsichtig mit der Hand sein Herz. Es war nichts zu sehen. Er war sicher gewesen, dass er geblutet hatte, dass seine Haut aufgeschnitten worden war. Doch da war nichts, nicht der kleinste Einstich. Seine Phantasie hatte ihm also doch einen Streich gespielt. Die merkwürdige Begegnung im Nebel, die Bewusstlosigkeit ...

»Bereit?«

Ardemir blickte auf und nickte. Er konnte immer noch nicht verstehen, was mit ihm geschehen war, doch noch ehe er sich weitere Gedanken darüber machen konnte, strömte kühle Energie durch seinen Körper. Der Ritter stöhnte vor Schmerz auf, hielt jedoch tapfer durch. Die Brandblasen verschwanden, die Haut glättete sich. Es war, als würde sein Innerstes vom Rauch reingewaschen, seine Lungen, seine Kehle – die Schmerzen verschwanden. Ardemir konzentrierte sich auf die heilende Macht, als der Ritter plötzlich seine Hand zurückzog, so schnell, als hätte er sich an seiner Haut verbrannt. Mit weit aufgerissenen Augen sah er ihn an.

»Was ist los?« Ardemir blickte noch einmal an sich herab. Die Spuren des Feuers waren verschwunden, doch die seltsame Reaktion des Ritters war nicht unbemerkt geblieben. Nevliin wandte sich ihnen zu, sah zwischen den beiden hin und her.

»Da war ...« Der Ritter sah auf seine Hände hinab. »Es ist wohl nichts.«

»Was ist los?«, fragte Nevliin mit leicht gereiztem Unterton.

»Nichts.« Der Ritter schüttelte seinen Kopf. »Irgendetwas war anders, ich weiß nicht, was es war. Bestimmt nur der Kampf. Ich war geschwächt.«

»Was hast du gesehen?« Nevliin machte sich nicht die Mühe, seine Ungeduld zu verbergen.

»Ein Drache«, sagte der Ritter mit gezwungen fester Stimme. »Er war direkt vor mir. Ein gewaltiger Drache. So einen habe ich noch nie zuvor gesehen, und er ...«

»Was?«

»Er hat mich verbrannt.«

Nevliin sah zu Ardemir, dessen Herz immer schneller schlug. Die schwarzen Augen des Befehlshabers durchbohrten ihn, dann wandte er sich an den Ritter. »Der Kampf mit dem Drachen war schrecklich«, sagte er ohne Gefühl in der Stimme. »Du hast deine oder Ardemirs Ängste gesehen.«

»Ja«, antwortete der Ritter schnell und wagte es immer noch nicht, Ardemir anzusehen. »Ja, bestimmt.« Als wäre er auf der Flucht, sprang er auf und begab sich zu anderen Verwundeten, die seine Hilfe benötigten.

Ardemir sah ihm hinterher, blickte noch einmal an sich herab und berührte seine Brust. Da war nichts.

»Du hast niemanden gefunden?«, fragte er schließlich, ohne aufzusehen, an Nevliin gewandt.

»Das Haus war verlassen.« Eine unangenehme Pause entstand, bevor Nevliin fortfuhr. »Hast du denn jemanden gesehen?«

Ardemir blickte auf, sah in das vernarbte Gesicht seines Freundes, das durch den Schein der Flammen selbst für ihn unheimlich wirkte. Doch im Moment war nichts so unheimlich wie seine Gedanken.

»Nein«, sagte er.

❧

Die Königin wirkte an der verlassenen Tafel verloren. Sie waren alleine im Empfangsraum ihrer Gemächer, Ardemir und seine Cousine. Die Sorgen der letzten Wochen waren ihr deutlich anzusehen. Zudem war sie äußerst schweigsam. Sie schien ständig in Gedanken versunken zu sein und sprach nur noch das Nötigste. So schwieg sie auch jetzt, als Ardemir an eine der Säulen lehnte und auf eine Reaktion auf seinen Bericht wartete.

»Der achte Angriff«, sagte sie nach einer gefühlten Ewigkeit. »Der achte Angriff in nur einem Monat.«

»Es war derselbe Drache wie schon zu Beginn der Kämpfe. Bisher konnte ich drei von ihnen unterscheiden.«

Liadan sah auf. Ihr schwarzes Haar, durch das sich silberne Strähnen zogen, war zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt und wurde durch ein silbernes Diadem gehalten. Sie sah aus wie eine Königin, und doch wirkten ihre grauen Augen unsagbar müde. »Wo sind die anderen Drachen?«, fragte sie so hilflos, wie er sie nur selten erlebte. »Wohin sind sie verschwunden? Wo sind die Drachenelfen? Sind sie die Nebelgestalten? Wieso fliegen sie dann nicht mit den Drachen, wie üblich? Was ist mit König Hafnir geschehen? Wer steckt dahinter? Wieso die Orakel?«

Ardemir schwieg. Er hatte für keine der Fragen eine Antwort. Die Dracheninsel war verlassen. Sie hatten bereits nach dem ersten Angriff ein Schiff dorthin entsandt. Es gab keinen Hinweis auf einen Kampf. Die Drachen waren einfach alle fort. Man sollte glauben, solch riesige Geschöpfe würden auffallen, zumal wenn das gesamte Volk verschwunden war, doch es gab nicht den geringsten Hinweis. Es war noch nicht einmal möglich, jene Drachen, welche die Angriffe auf die Orakel führten, zu verfolgen, da sie stets in den mysteriösen Wolken verschwanden, die kurz vor deren Angriff erschienen und sich danach wieder auflösten. Alle waren sich einig, dass ein gewaltiges Ausmaß an Magie vonnöten war, um einen solchen Nebel zu erschaffen. Dies schränkte die Auswahl an Verdächtigen zumindest etwas ein. Die Tatsache, dass die Drachen stets allein, ohne die Drachenelfen angriffen, war ebenso sonderbar wie beunruhigend. Was nur war mit ihnen geschehen?

»Du sagst, der Nebel löste sich auf, nachdem Nevliin einen von ihnen erwischt hatte?« Liadan richtete sich in dem Stuhl auf und strich mit der Hand über ihre Stirn.

»Ja«, antwortete Ardemir nicht weniger verwirrt als seine Königin. »Ohne Kampf, einfach so. Er muss einen Volltreffer gelandet haben. Frag mich nicht, wie. Da war nichts zu sehen, nichts zu hören.«

»Aber wir wissen immer noch nicht, wer sie sind. Deine Beschreibung ... Es könnte jeder sein. Wir müssen die Drachen finden, Ardemir. Etwas Schreckliches passiert, und es wird noch viel schlimmer werden.« Sie erhob sich und ging auf den kalten Kamin zu. »Das Sonnental wurde am stärksten getroffen. Fürst Daeron und Menavor wollen weitere Unterstützung. Soll ich ihnen mehr Ritter senden?« Liadan wandte sich zu Ardemir um. »Soll ich Lurness wirklich noch weiter schwächen? Was, wenn wir die Nächsten sind? Will König Hafnir mir den Krieg erklären? Er war uns immer freundlich gesinnt, ich habe ihm oder seinem Volk nichts getan. Ich ...«

»Liadan«, Ardemir ging auf sie zu, legte seine Hände auf ihre Schultern und sah ihr tief in die Augen, »wir werden die Antworten finden. Wir werden erfahren, welches Spiel hier gespielt wird.«

Die Königin trat einen Schritt zurück. »Das ist kein Spiel, Ardemir. Elfen sterben. Wie viele waren es heute? Zwei Krieger und ein halbes Dutzend Zivilisten?« Sie ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. »Und da wären wir beim nächsten Problem«, sagte sie so leise, dass er sie beinahe nicht verstanden hätte.

Ardemir atmete tief durch. »Es wird immer schwieriger mit Nevliin. Das gestern war ...«

»Ich weiß. So kann es nicht weitergehen.«

»Die Ritter fürchten ihn. Entweder ist er aggressiv, oder er macht irgendwelche Dummheiten ... so wie gestern. Ich fürchte wirklich um seinen Verstand.«

Liadan sah wieder zu Ardemir auf. Es war ihr anzusehen, dass sie dieses Thema mindestens genauso zermürbte wie die Drachenangriffe. Nevliins Zustand schmerzte sie, und sosehr sie sich bemühte, an ihn heranzukommen, um ihm zu helfen, so sehr traf er sie mit seiner Gleichgültigkeit. »Soll ich ihm die Befehlsgewalt nehmen?«, fragte sie ratlos.

Ardemir ließ sich ihr gegenüber nieder, er strich sich mit der Hand durch das, was nach dem Brand von dem schwarzen Haar übriggeblieben war. »Nevliin ist einer der erfahrensten Kämpfer, einer der besten, der beste.«

»Ist oder war?«

»Er kennt sich im Kampf gegen Drachen aus wie niemand sonst.« Ardemir seufzte. »Er wird nicht zurück nach Valdoreen gehen. Wir haben es versucht. Solange er eine Aufgabe hat ... In Valdoreen würde er zugrunde gehen.«

»Schlimmer als jetzt?« Liadan lehnte sich zurück, sie schloss einen kurzen Augenblick die Augen, dann sah sie ihn wieder an. »Es sind vierundachtzig Jahre, Ardemir. Sie starb vor vierundachtzig Jahren.«

»Ich dachte auch, es würde besser werden, aber er will sich nicht helfen lassen.«

»Ich werde noch einmal mit ihm sprechen.«

»Nein.« Ardemir nahm die Hand seiner Cousine, doch sie entzog sie ihm sofort wieder.

»Ich kann Nevliin nicht so weitermachen lassen«, sagte sie. »Er zerstört sich selbst. Er bringt andere in Gefahr.«

»Vielleicht braucht er mehr Zeit.«

Liadan zog ihre Augenbrauen hoch, schüttelte leicht den Kopf. Es war hoffnungslos, wie sie selbst wusste. Nevliin war immer schon eine dunkle Seele gewesen, bei allen als kalt und distanziert bekannt, doch seit Vanoras Tod war er unberechenbar geworden. Liadan konnte nicht ewig über seine Eskapaden hinwegsehen und ihn stets bevorzugt behandeln. Die Ritter sahen zu ihm auf, zumindest war dies früher so gewesen, doch seine Launen und vor allem die immer häufiger und heftiger ausartenden Wutausbrüche säten Furcht unter seinen Kriegern. Sie alle wussten, wozu er fähig war. Bisher hatte Ardemir – zumeist mit Hilfe des Kobolds Bienli – das Schlimmste verhindern können, doch wie lange noch?

»Er zerstört sich«, flüsterte Liadan und holte ihn damit wieder aus seinen Gedanken.

Ardemir richtete sich auf und ließ erneut sein versengtes Haar durch die Finger gleiten. »Ist er das nicht längst?«, fragte er, wohl wissend, dass er Liadan damit weh tat. Doch er konnte Nevliins Zustand nicht schönreden. Genauso wenig wie er Liadans Gefühle für den gebrochenen Elfen übersehen konnte. Sie war schon immer in ihn verliebt gewesen – schon als Kind, als Nevliin in Lurness gelebt hatte, als bester Freund ihres älteren Bruders Eamon. Schon damals hatte sie für ihn geschwärmt wie wohl jede junge Elfe. Der großartige Weiße Ritter, ein Krieger, ein Held. Doch Liadan hatte ihren Gefühlen niemals nachgegeben, sondern sich immer nur um das allgemeine Wohl gesorgt, nicht um ihr eigenes. Mit Sicherheit würde sie es nicht zugeben, doch Ardemir kannte sie seit ihrer Geburt. Er sah, mit welchen Augen sie Nevliin immer schon angesehen hatte, er sah, dass sein Zustand ihr das Herz brach. Vielleicht wusste selbst Nevliin davon, aber der behandelte sie mit einer Kälte, zu welcher nur er fähig war, denn insgeheim machte er sie für den Tod seiner Liebe verantwortlich. Liadan hatte ihn davon abgehalten, Vanora zu retten, um sein Leben zu schützen. Würde er sie dafür hassen, wäre es für Liadan vielleicht noch eher zu verkraften, doch die Gleichgültigkeit, mit der er sie behandelte, war schlimmer.

»Wenn die Drachen erneut angreifen«, unterbrach Liadan das Schweigen, »wirst du über die Ritter befehligen.«

Ardemir blickte auf. »Du traust ihm wirklich nicht mehr.«

»Nein. Er hat eine von den Nebelgestalten verwundet oder getötet – das ist gut, aber ...«

Die Tür flog auf, krachte gegen die Wand und prallte daran zurück. Einer der Silberritter stürzte in den Saal und deutete aufgeregt hinter sich. »Eure Majestät«, brachte er mit überschlagender Stimme hervor, »eine Drachenelfe!«

Liadan sprang auf, der Stuhl kippte zurück. »Was? Wo?«

Auch Ardemir erhob sich, er blickte fassungslos zu dem aufgeregten Ritter, der sich bemühte, seine Worte zu sortieren.

»Sie kam aus der Drachenschlucht, Herrin. Sie ist kaum ansprechbar, die Ritter bringen sie zu Finola.«

Die Verzweiflung und Niedergeschlagenheit verschwanden aus Liadans Gesicht. Als wäre die Müdigkeit fortgewischt, kehrte die Königin in ihr zurück, stark und sicher. »Wurde bereits nach Heilern geschickt?«, fragte sie, als sie auch schon auf die Tür zulief.

Ardemir folgte ihr, er konnte nicht glauben, was er eben gehört hatte.

»Ja, Herrin.« Der Ritter bemühte sich, mit der Königin Schritt zu halten. »Herrin?«

Liadan blieb stehen, wandte sich zu dem Ritter um. »Was ist?«, fragte sie, ohne ihre Ungeduld zu verbergen.

Der Ritter sah zwischen Ardemir und der Königin hin und her. »Herrin.« Er atmete tief ein. »Wir glauben, es ist die Prinzessin.«

Aurün

Dutzende Stimmen hallten aus der Ferne an ihr Ohr. Sie klangen aufgeregt, so dass die Worte nicht zu verstehen waren. Das grelle Sonnenlicht blendete selbst durch die geschlossenen Lider. Ihr Körper wurde bewegt, getragen. Sie spürte die vielen Hände, die sie betasteten. Etwas Kaltes floss in ihren Mund. Unwillkürlich schluckte sie das köstliche Wasser. Kurz darauf veränderte es jedoch den Geschmack, brannte in der Kehle, schmeckte nach Kräutern, Minze und auch Alkohol. Eine meckernde Stimme übertönte das Gemurmel der anderen. Ihr Körper lag still auf einem harten Untergrund. Das Licht war nun nicht mehr ganz so grell.

»Aurün?« Die Stimme war klar und sehr nah, und sie klang vertraut und sanft. Auch die Schwingungen dieser Person hatte sie bereits einmal gespürt – klare Linien, ein starker Geist.

»Aurün, könnt Ihr mich hören?«

Ihre Lider flatterten im Versuch, die Augen zu öffnen. Die Erschöpfung wich mit jedem Atemzug. Was auch immer es gewesen war, das sie eben getrunken hatte, es half ihr.

»Aurün?«

Der dunkle Schleier fiel. Langsam öffnete sie die Augen, blickte in bekannte und auch unbekannte Elfengesichter, die sie allesamt anstarrten. Direkt über ihr klärte sich das Gesicht der Elfenkönigin, deren Energie Aurün bereits gespürt hatte. Liadan beugte sich weit über sie und betastete ihre Stirn. Es schmerzte. Aurün konnte sich an den Felsvorsprung erinnern, der ihr in die Quere gekommen war und sie beinahe hätte abstürzen lassen.

Mit letzter Anstrengung versuchte sie sich aufzurichten, doch plötzlich erschien das kleine spitznasige Gesicht einer Koboldfrau, die sie mit der Kraft eines Riesen niederdrückte.

»Noch nicht«, sagte die Koboldfrau, und Aurün erkannte in ihr die meckernde Stimme. »Zuerst müsst Ihr das hier trinken.«

Ein schlankes, mit giftig grüner Flüssigkeit gefülltes Fläschchen tanzte vor ihrem Gesicht. Es war geöffnet und verströmte den bereits bekannten Geruch von Minze.

Aurün nickte und trank die Tinktur, welche ihr die Koboldfrau einflößte. Mit ungeheurer Macht strömte die heilende Wirkung durch ihren Körper, stärkte ihren Herzschlag, vertrieb die Müdigkeit. Diesmal hinderte sie niemand daran, als sie sich in dem Bett aufrichtete. Sie befand sich in einem kreisrunden Raum, in dem sich bis zur Tür Kobolde und Elfen, hauptsächlich Wachen, drängten.

»Was ist passiert?«, fragte Liadan und trug eine Salbe auf Aurüns Stirn auf, die wie Feuer brannte.

Aurün bemerkte das leichte Lächeln und anschließende Kopfschütteln der Koboldfrau, als diese bemerkte, was die Königin eben getan hatte. Doch noch nicht einmal Liadans Freundlichkeit konnte die dunklen Bilder aus ihrem Gedächtnis bannen. Die Erinnerung ließ sie frösteln.

»Ein Angriff«, sagte sie heiser und sah die verschleierten Gestalten vor sich, die über das Meer gekommen waren.

»Ein Angriff?« Liadan blickte sich um und machte eine flüchtige Handbewegung, woraufhin die Kobolde und ein Großteil der Elfen den Raum verließen. Einzig Ardemir, ihr Vetter und noch zwei Wachen an der Tür blieben zurück.

»Wer hat Euch angegriffen?«

Aurün schüttelte ihren Kopf. »Ich weiß es nicht.« Sie fasste an ihre Stirn, spürte die raue Kruste, welche sich über der Wunde gebildet hatte.

»Schon gut.« Liadan nahm ihre Hand. »Lasst Euch Zeit.«

Ardemir schob sich einen Stuhl ans Bett. Er sah mitgenommen aus. Sie hatte ihn lange nicht mehr gesehen, zuletzt bei Liadans Krönung. Er schien selbst aus einem Kampf zu kommen. Sein schwarzes Haar war ungleichmäßig abgeschnitten, fiel verschieden lang in Stirn und Nacken. Es war nicht zu übersehen, dass dieses Kunstwerk in Eile und vermutlich auch noch mit einem stumpfen Messer vollbracht worden war. Auch seine dunklen Augen, die früher immerzu einen heiteren Ausdruck gehabt hatten, verrieten seine Erschöpfung.

»Ich weiß nicht, wer uns angegriffen hat«, fuhr Aurün schließlich fort. »Frauen mit Schleiern. Graugewandete Männer mit Schwertern an der Seite. Sie trugen Masken.«

»Masken?« Liadan und Ardemir tauschten einen kurzen Blick, dann sahen sie Aurün wieder an.

»Ja, graue Masken mit eigentümlichen Zeichen darauf. Und sie kamen mit Schiffen. Es geschah alles gleichzeitig. Ich weiß nicht ...« Sie atmete tief durch. »Mein Vater ...« Ihre Stimme zitterte. »Ich fand ihn im Thronsaal. Ich dachte, er würde schlafen ... aber er war tot.«

»Vergiftet.« Liadan wurde blass. Ihr eigener Vater war vor langer Zeit vergiftet und ebenfalls im Thronsaal gefunden worden. Bis heute wusste niemand, wer dafür verantwortlich gewesen war.

Aurün nickte. »Ich weiß nicht, wer es gewesen ist. Bestimmt niemand von unseren Leuten. Kurz nachdem ich Vater gefunden hatte, begann es.«

»Es begann?«, fragte Ardemir.

»Ja. Die Wachen schlugen Alarm. Ein sonderbarer Nebel zog über die See. Erst im letzten Moment gab er die Schiffe frei. Wir riefen die Drachen, doch wir konnten sie nicht erreichen ... Sie waren einfach nicht mehr da, nicht mehr in unseren Gedanken. Liadan, wir sind eins mit den Drachen, aber sie hörten uns nicht, und wir konnten sie nicht hören, genauso wenig wie ich jetzt irgendjemanden aus meinem Volk wahrnehmen kann. Die Drachen flogen einfach fort, und da wusste ich, was geschehen ist.«

»Wie meint Ihr das?«

»Einer von denen muss sich bei uns eingeschlichen haben. Er hat zuerst meinen Vater getötet und dann Ureliigs Herz gestohlen.«

Liadan riss ihre Augen auf, während Ardemir verwirrt zwischen ihnen hin und her sah.

»Was ist Ureliigs Herz?«, fragte er.

Die Königin wandte sich ihm zu. »Bevor es die Drachenelfen gab«, erklärte sie, »verliebte sich der Drache Ureliig in die Elfe Rinuviel. Er schenkte ihr eines seiner beiden Herzen, und Rinuviel gab ihm dafür ihre Seele.«

»Ja, und seither wird mit jedem Drachen ein Elf geboren, der sich die Seele mit ihm teilt. Sie waren die Begründer der Drachenelfen.«

»Und Ureliigs Herz befand sich immer bei euch auf der Dracheninsel?«, fragte Ardemir.

Aurün nickte. »Wir hielten es in Ehren, beschützten es davor, benutzt zu werden.«

»Bis es gestohlen wurde«, beendete Liadan den Satz.

Ardemir strich sich mit der Hand durch das schwarze Haar. »Was meint Ihr mit benutzen?«, fragte er. »Wieso wurde es gestohlen?«

»Wer Ureliigs Herz besitzt«, antwortete Liadan, »verfügt über die Drachen und kann über sie befehlen.« Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Was ist mit den anderen Drachenelfen?«

»Ich weiß es nicht. Wir waren nur noch wenige. Ohne die Drachen ... Ich glaube, sie haben sich ergeben.«

»Wie seid Ihr entkommen? Euer Drache ist doch ebenfalls fortgeflogen oder nicht?«

»Ja, ich konnte durch eine Geheimtür im Herzraum entkommen. Ich war dort, als die Krieger das Schloss erreichten, da ich nach dem Herzen sehen wollte. Die Geheimtür führt direkt zum Abstieg in die Tunnel, die unterirdisch zur Drachenschlucht führen.«

Ardemir riss seine Augen auf. »Ihr seid den ganzen Weg bis zur Drachenschlucht gelaufen? Und dann? Wie seid Ihr hochgekommen? Man benötigt drei Tage, mit einem guten Seil.«

Aurün senkte ihren Blick, sie betrachtete ihre blutigen Finger und das, was von den Fingernägeln übrig geblieben war. »Ich bin geklettert«, sagte sie und blickte hoch, in die entsetzten Gesichter der beiden Elfen. »Die Wände sind rau, es gibt viele Krater und Felsvorsprünge, an denen ich mich ausruhen konnte. Es hat wohl Wochen gedauert.« Sie atmete tief durch, wollte nicht an die vielen verzweifelten Stunden denken, in denen sie allein gegen den Schmerz, den Hunger und Durst, aber auch gegen die Angst gekämpft hatte.

Liadan, die ihr wohl ansah, dass sie nicht weiter darüber sprechen wollte, wandte sich ihrem Vetter zu. »Das erklärt die Angriffe«, sagte sie.

»Angriffe?« Aurün sah von ihren geschundenen Händen auf. »Was für Angriffe?«

»Die Drachen«, erklärte Ardemir, »greifen die Tempelstädte an, zuletzt war es Derial. Sie verbreiten Chaos und Tod, dann verschwinden sie, und die Nebelgestalten kommen. Diese töten die Orakel und all ihre Diener. Bisher traf es hauptsächlich das Sonnental. Es ist ein Fürstentum der Magier und Orakel – vielleicht können sie es deswegen nicht leiden.«

»Das ist nicht möglich.« Aurün starrte die beiden an. »Die Drachen würden niemals ...« Sie betrachtete ihre Arme; die Stichwunden waren unter dem Stoff ihres Kleides verborgen, und plötzlich wurde ihr einiges klar. Auch bei ihrem Vater hatte sie eine Wunde am Arm entdeckt. Einen winzigen Blutfleck.

»Ihr habt selbst gesagt, dass Ureliigs Herz fort ist. Jemand benutzt die Drachen«, sagte Liadan.

»Das meine ich nicht. Um das Herz zu benutzen, benötigt man den Schlüssel.«

»Was für einen Schlüssel?«, fragte diesmal Ardemir und warf Liadan einen kurzen Blick zu, doch die Königin wusste selbst nichts davon.

»Ohne den Schlüssel«, erklärte Aurün, »kann das Herz nicht benutzt werden. Sie müssen einen mächtigen Magier unter sich haben.«

»Solch einen haben sie bestimmt.« Liadan erhob sich und wanderte unruhig durch den Raum. »Das heißt, jemand hat das Drachenherz gestohlen, zwingt damit die Drachen zu Angriffen und versucht die Orakel zu vernichten.« Sie blieb stehen und sah Aurün in die Augen. »Die Frage ist nur: wieso?«

Aurün erwiderte den Blick. »Viel wichtiger wäre noch – wer?«

»Ich weiß es nicht.« Liadan ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. »Der gesamte Osten – das einstige Schattenreich – ist mir treu ergeben, ebenso Valdoreen. Fürst Nevliin ist einer meiner Ritter.«

»Blieben nur das Sonnental und Riniel«, überlegte Ardemir laut. »Den Fürsten vom Sonnental würde ich so etwas zutrauen.«

»Es ist ihr Land, das angegriffen wird«, erwiderte Liadan. »Sie hätten keinen Grund dazu.«

Ardemir lachte auf. »Daeron und Menavor brauchen keinen Grund, um ihre eigenen Leute zu vernichten. Sieh dir Acre an und wie es den Elfen dort ergeht. Vielleicht sind ihnen der Einfluss der Orakel und der Priesterinnen zu viel geworden. Sie räumen sie aus dem Weg und stellen sich selbst als Opfer dar. Zudem ist Meara Thesalis an ihrer Seite. Sie ist eine mächtige Magierin, wenn nicht die mächtigste Elvions.«

»Was ist mit den Drachenelfen?«, fragte Liadan an Aurün gewandt. »Wirkt die Macht des Herzens auch auf Euch?«

»Nein.« Aurün schüttelte ihren Kopf. »Nur auf die Drachen, doch sollte einem von ihnen etwas zustoßen, geschieht dasselbe mit dessen Seelenpartner.« Unbewusst strich sie wieder über die Wunden an ihren Armen. »Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie irgendjemand das Herz ohne Schlüssel benutzen könnte«, sagte sie, auch wenn sie bereits einen Verdacht hegte, den sie im Moment jedoch noch geheim halten wollte.

»Noch nicht einmal eine Magierin wie Meara oder die Fürsten?« Liadan riss ihre Augen auf. »Und wenn sie den Schlüssel bereits haben?«

»Nein.« Zum ersten Mal seit langem konnte Aurün lächeln. »Sie haben den Schlüssel bestimmt nicht. Der ist gut verwahrt.«

»Und wo?«, fragte Ardemir, woraufhin Liadan ihm jedoch die Hand auf den Arm legte.

»Das geht uns nichts an, Ardemir.« Sie wandte sich wieder an Aurün. »Es tut mir leid. Ihr seid die Prinzessin, entschuldigt, die Königin der Drachenelfen, und Eurem Volk ist Schreckliches widerfahren. Ich werde alles Mögliche unternehmen, um Euch zu helfen, sie wieder zu befreien. So lange seid Ihr in Lurness willkommen.«

Es waren die Worte einer Königin, doch aus Liadans Mund wirkten sie echt und tröstend. Es war kein Versprechen, das sie nur aussprach, weil sie selbst und ihr eigenes Volk durch die unbekannte Bedrohung in Gefahr waren. Sie hätte Aurün auch so geholfen. Zumindest nahm Aurün dies an. Eamon hätte es getan.

»Als Erstes müssen wir sicherstellen, dass der Schlüssel außer Gefahr ist«, sagte Aurün. »Und wir müssen herausfinden, wer meine Leute gefangen hält, wer ihnen so etwas antut.«

Liadan nickte. »Die Nebelgestalten müssen von jemandem beauftragt sein. Jemandem mit Macht.«

»Wo ist der Schlüssel?«, fragte Ardemir noch einmal, den mahnenden Blick seiner Cousine ignorierend.

Aurün lächelte. »Ich habe ihn einem Freund anvertraut. Vor nicht ganz vierundachtzig Jahren.«

»Vor ...« Liadan kniff ihre Augen zusammen. »Ihr habt ihn Eamon gegeben.«

Aurün nickte. Nach dem Tod ihres Bruders in der Schlacht bei Edora hatte sie die Verantwortung über den Schlüssel bekommen. Es war ihr zu gefährlich gewesen, diesen in der Nähe des Herzens aufzubewahren, und so hatte sie ihn dem einzigen Elfen gegeben, dem sie uneingeschränkt vertraute. Niemand würde jemals bei ihm nach dem Schlüssel suchen – zumal er sich nicht einmal in dieser Welt aufhielt.

Ardemir presste sich die Hand an die Stirn. »Sieht so aus, als müssten wir eine lange Reise antreten«, sagte er und erhob sich.

»Du hast recht.« Liadan richtete sich ebenfalls auf. »Eamon muss gewarnt werden. Ich will, dass du das machst, unser Verdacht soll vorerst unter uns bleiben und ...« Sie warf einen kurzen Seitenblick auf Aurün, wandte sich jedoch sofort wieder ihrem Vetter zu. »Sag ihm, dass wir seine Hilfe brauchen, nicht nur der Drachen wegen.«

»Ja. Eamon könnte ihm vielleicht helfen. Sie stehen sich nah. Wenn nicht er, wüsste ich nicht, wer sonst.«

»Ich werde Euch begleiten«, sagte Aurün und wagte es, aufzustehen. Sie fühlte sich noch etwas schwach, doch das würde schnell vorbeigehen. »Eamon besitzt den Schlüssel zum Herzen des letzten Drachenkönigs. Ich muss selbst mit ihm sprechen.« Sie sprach die Wahrheit, doch ebenso wusste sie, dass dies nicht der einzige Grund war, Ardemir zu begleiten. So lange hatte sie Eamon nicht mehr gesehen, und doch war kein Tag vergangen, an dem sie nicht an den einstigen König der Dunkelelfen, an Liadans älteren Bruder gedacht hatte. Er hatte sie vom ersten Augenblick an verzaubert. Niemals zuvor war ihr jemand mit reinerem Herzen begegnet, jemand, der so gütig und freundlich war und zugleich mutig und stark. Nach der Wiedervereinigung Elvions war er in die Welt der Menschen gegangen. Er hatte ihre Gefühle niemals erwidert, denn er war genauso wie Nevliin in Vanora verliebt gewesen, doch seither war viel Zeit vergangen. Zeit, die einen Funken Hoffnung in ihr weckte.

»Das ist Eure Entscheidung«, sagte Liadan. »Ihr seid jetzt Königin der Drachenelfen. Ihr solltet Euch ausruhen. Finola wird später noch einmal nach Euch sehen.«

»Ich muss ohnehin zuerst ins Sonnental«, warf Ardemir ein. »Ich will mit Vin sprechen. Falls die Fürsten etwas mit dem Verschwinden der Drachen zu tun haben, kann sie uns vielleicht helfen.«

»Vinae Thesalis«, schnaubte Liadan. »Du warst doch erst vor kurzem bei ihr. Hätte sie nicht längst etwas erwähnen müssen? Drachen können doch nicht so einfach übersehen werden. Sie müssten nach den Angriffen im Sonnental beobachtet worden sein.«

»Thesalis?«, fragte Aurün, die durch den Namen hellhörig geworden war. »Etwa wie Meara Thesalis?«

»Sie ist ihre Tochter«, antwortete Liadan immer noch in verächtlichem Tonfall.

»Ihre Tochter, die nichts mit Meara gemeinsam hat«, stellte Ardemir sofort richtig. »Sie ist auf unserer Seite. Du weißt, dass sie uns schon oft geholfen hat.« Er wandte sich an Aurün. »Sie ist so etwas wie unser eigener kleiner Spion im Sonnental«, erklärte er lächelnd, und dieses Lächeln und die blitzenden Augen verrieten, dass sie für Ardemir weit mehr war als nur ein Spion.

»Ich wusste nicht, dass Meara eine Tochter hat«, sagte sie. »Wer ist der Vater?«

»Das weiß niemand.« Liadan zuckte mit den Schultern. »Vermutlich einer der Fürsten, mit denen Meara so gut steht.«

»Nein.« Ardemir verschränkte seine Arme vor der Brust. Er war nicht besonders groß für einen Elfen, selbst Liadan überragte ihn, und doch bot er einen respekteinflößenden Anblick mit der breiten Brust eines Schützen, dem Bogen und den gefiederten Enden der Pfeile, die hinter seiner Schulter emporragten. »Keiner der beiden Fürsten ist der Vater.«

Liadan wandte sich ganz ihrem Vetter zu. »Es ist allgemein bekannt, dass Fürst Daeron ihr sehr zugetan ist. Vielleicht weil sie seine Tochter ist.«

Ardemirs Ausdruck verfinsterte sich. »Daeron ist ihr auf andere Weise zugetan«, knurrte er. »Er hätte sie gern zur Frau.«

»Ein weiterer Grund, ihr nicht zu vertrauen. Eine Verbindung des Fürsten mit einer Thesalis ist gefährlicher, als wir es uns vorstellen mögen. Vielleicht haben wir hier die Antwort auf all unsere Fragen.«

»Vin ist dir treu ergeben, Liadan. Sie verdient es nicht, dass du so über sie sprichst. Hast du überhaupt eine Ahnung, welche Opfer sie für dich bringt? Du solltest dankbarer sein.«

Liadan hob eine Augenbraue, sie lächelte und sah zu Aurün, die ebenfalls angesichts von Ardemirs Wut schmunzeln musste.

»Was gibt es da zu lachen?«, schnaubte Ardemir und fuhr zu Aurün herum, die sich ein Kichern nicht mehr verkneifen konnte. Zumindest etwas Gutes war in dieser dunklen Zeit geblieben. Dies war die wunderbare Eigenschaft der Liebe. Sie blühte selbst, wenn um sie herum alles von Tod bedroht wurde.

»Ihr und diese Thesalis«, fragte Aurün schließlich, »ihr beide seid ... ein Liebespaar?«

Ardemir riss seine Augen auf. »Wir sind Freunde, mehr nicht.« Er sah zwischen den beiden grinsenden Elfen hin und her. »Natürlich habe ich sie gern, als Freund.«

»Natürlich.« Liadan warf Aurün einen vielsagenden Blick zu, der ihr zeigte, dass auch sie schon länger anderer Ansicht war.

»Gibt es nicht Wichtigeres, worüber wir uns Gedanken machen sollten?«

»Gibt es.« Liadan winkte einem der Wachen. »Fürst Nevliin soll zu mir kommen«, sagte sie und wandte sich wieder ihrem Vetter zu. »Er wird mit dir in die Menschenwelt gehen. Er muss von hier weg, zumindest für eine Weile.«

»Das wird ihm nicht gefallen.«

Vinae

Die roten Striemen zogen von den Handinnenflächen hinauf bis zu den Ellbogen. Die Fingerkuppen hatten sich bereits schwarz verfärbt. Selbst das Weiß der Augen war mit blutroten Äderchen durchsetzt.

»Wird sie wieder gesund?«

Vinae blickte auf. Der Anblick der besorgten Mutter war beinahe schlimmer als jener des zitternden Mädchens. »Die Tinktur wird ihr helfen«, sagte sie. »Aber sie darf nicht mehr zurück auf die Felder.«

»Das ist nicht möglich, wie Ihr wisst.« Die Elfe nahm die Hand ihrer Tochter und kniete neben ihr nieder. »Fürst Daeron würde die gesamte Familie bestrafen. Es sind nur ein paar Monate. Sie wird die Ernte doch überstehen?«

Vinae betrachtete das Fläschchen in ihrer Hand. Es war beinahe alles aufgebraucht. Sie wusste nicht, ob es ihr noch einmal gelingen würde, Gegengift zu stehlen. Es waren noch so viele andere zu behandeln, und die Ernte hatte gerade erst begonnen. Das Gift war zu aggressiv, fraß sich selbst durch die Handschuhe. Dieses Jahr würde es noch mehr Tote geben. Den Winter über hatte es kaum geregnet, und die Sonne war zu stark. Für den Fürsten Daeron durchaus günstige Wetterverhältnisse, aber für die Elfen, die das hochkonzentrierte Gift aus der Artiluspflanze pressen mussten, ein Todesurteil. Der Regen hätte der Substanz zumindest einen Teil der Stärke genommen.

»Herrin Thesalis? Sie wird es doch überstehen?«

Vinae atmete tief ein und ließ das Fläschchen an der Innenseite ihres Umhangs verschwinden. »Ich werde wiederkommen«, versprach sie und erhob sich. »In der Zwischenzeit umwickelt ihre Hände mit Verbänden aus Mondsichelkraut und zieht ihr darüber die Handschuhe an. Sagt auch den anderen Bescheid. Es wird das Gift etwas aufhalten.«

»Ich danke Euch.« Die Elfe kniete vor ihr auf dem mit Stroh bedeckten Boden. »Wir alle verdanken Euch so vieles.«

Nicht genug. Es war niemals genug. Sie konnte nicht allein gegen all das Leid bestehen. Es waren zu viele Opfer zu beklagen. So viele, denen sie nicht helfen konnte.

Der langanhaltende Klang des Gongs auf dem Marktplatz hallte aus der Ferne zu der Siedlung vor den Stadtmauern. Der Laut schwang noch einige Augenblicke lang in der unbewegten Luft, ehe erneut Stille einkehrte.

Vinae trat aus der Hütte und blinzelte in das grelle Licht der Sonne in Richtung Acre, der Hauptstadt des Sonnentals, die sich in ihrer weißen Pracht an eine Hügelflanke klammerte und von dort das Tal überblickte.

»Was mag das bedeuten?« Die Feldarbeiterin gesellte sich zu ihr und hielt sich die Hand an die Stirn, um nicht geblendet zu werden.

»Ich weiß es nicht.« Doch es verhieß bestimmt nichts Gutes. Dieser Klang hatte nur selten etwas Gutes zu bedeuten.

Mit flauem Gefühl im Magen sah Vinae sich in der Siedlung um, welche nicht mehr als eine Ansammlung provisorischer Holzhütten war, die sich unweit der Stadt vor den Feldern ausbreiteten. Solche Siedlungen gab es hier auf dem flachen Land überall, und in jeder herrschte Leid.

Das Signal war kaum jemandem entgangen, denn immer mehr Elfen strömten hinaus in die Nachmittagssonne und blickten mit einer Mischung aus Angst und Neugierde in Richtung Osten. Dorthin, wo sich in der flimmernden Hitze ein Reiter gegen den hellen Stein der Stadtmauern am Fuße des Hügels abzeichnete. Er preschte aus dem offen stehenden Tor und verließ sofort die gepflasterte Straße, die in einem Bogen nach Süden führte, fort von den Feldern. Über einen der vielen Trampelpfade, welche die Wiesen durchzogen, kam er direkt auf die Siedlung zu. »Deremirs Hinrichtung!«, rief er und hob seinen Arm, bevor er eine Schleife ritt und in die andere Richtung davonstürmte. »Deremirs Hinrichtung!«

Vinae erstarrte. Das war doch nicht möglich! Die letzte öffentliche Hinrichtung lag Jahre zurück, seit die Königin ein neues Gesetz erlassen hatte, dass nur sie selbst ein Todesurteil verhängen durfte und über jeden Angeklagten durch einen ihrer Abgesandten Gericht gehalten werden musste. Zuvor waren Hinrichtungen Teil des Alltags gewesen, doch seit diesem Erlass gab es kaum noch Gefangene, die zum Tode verurteilt wurden. Die Zahl der Vermissten war jedoch drastisch gestiegen.

»Lasst das Mädchen noch etwas ruhen«, sagte sie zu der Elfe neben ihr und stürmte auf ihr Pferd zu, das angebunden an einem Pfahl neben der Hütte stand. Sie durfte keine Zeit verlieren.

»Herrin Thesalis?« Die Frau lief ihr hinterher. »Tut das nicht. Ihr riskiert zu viel für uns.«

»Es ist noch lange nicht genug.« Vinae schwang sich in den Sattel und ließ dem Pferd die Zügel frei, das sofort loslief.

Wie der Wind flog sie an den Hütten vorbei, quer durch das Flachland und erreichte die Straße, die durch das Tor in die Stadt führte. Die Wachen an den Wehrgängen hatten keine Gelegenheit, ihr zuzunicken, wie sie es für gewöhnlich taten, denn Vinae zischte bereits an ihnen vorbei, folgte der leicht ansteigenden Straße in Richtung Schloss, wo sie schon bald von der Menge verschluckt wurde. Die Elfen drängten sich so dicht auf dieser einzigen Straße, dass ein Weiterkommen zu Pferde unmöglich war. Zumindest nicht, ohne jemanden zu verletzen. Deshalb sprang Vinae aus dem Sattel, ließ ihr Pferd zurück und lief in eine der dunklen Seitengassen hinein, welche in der gesamten Stadt so schmal waren, dass sich die Wände der Häuser beinahe berührten und sie diese mit ausgestreckten Armen zu beiden Seiten anfassen könnte. Die Häuser von Acre waren allesamt aus weißem Stein erbaut und boten mit ihren flachen Dächern ein schnelles und diskretes Fortkommen, das Vinae auch dieses Mal nutzte.

Dort, wo die Mauern besonders schmal zueinanderführten, sprang sie an eine der Hauswände, stieß sich ab und landete an der gegenüberliegenden Seite. Dies wiederholte sie einige Male, bis sie hoch genug war, um die Regenrinne zu erreichen. Mit beiden Händen klammerte sie sich daran fest, biss die Zähne bei der Berührung des heißen Metalls zusammen und nutzte sogleich den Schwung ihres letzten Sprungs, um ihre Beine nach oben zu werfen und mit einem Überschlag auf dem Dach zu landen. Um das Gleichgewicht zu halten, federte sie leicht in die Knie, lief dann jedoch sofort weiter. Von einem Dach zum anderen springend stürmte sie weiter hinauf zum Hügelkamm, dorthin, wo das Schloss an den Marktplatz angrenzte und über dem Sonnental thronte. Ein jeder Weg hier führte früher oder später zum Marktplatz, und Vinae kannte sich in den engverwinkelten Gassen aus wie nirgends sonst. Doch irgendwann wäre die Menge der verstopften Hauptstraße in die umliegenden Gassen zurückgedrängt worden und hätte sie aufgehalten.

Im Laufen zog Vinae noch die Kapuze ihres dunklen Umhangs über den Kopf. Zum Glück trug sie wie meistens eine Hose, so dass sie schnell laufen konnte.

Der rhythmische Klang der Trommeln, der sich unter die aufgeregten Stimmen von der Straße mischte, drang zu ihr. Die Zeit schien sie zu verhöhnen, ließ sie nicht weiterkommen, trieb jedoch gleichzeitig den unheilvollen Laut immer schneller an. Die Hitze hier oben auf den Dächern war unerträglich, und der ansteigende Weg zehrte an ihren Kräften. In der Ferne blitzten bereits die metallenen Speerspitzen der Wachen auf der Schlossmauer in der Sonne. Der Trommelschlag wurde immer schneller.

Vinae sprang auf das letzte Dach und überblickte rasch das Geschehen unter ihr auf dem weitläufigen Platz, der von Häusern und dem Schloss gesäumt wurde. Es galt keine Zeit mehr zu verlieren. Mit Anlauf trat sie an die Kante, stieß sich ab und landete direkt auf dem Schafott, das hier niemals abgebaut wurde, da es ohnehin immer jemanden zu bestrafen gab. Der Tod war nicht das Schlimmste, was einem Elfen im Sonnental widerfahren konnte. Der Pranger, Auspeitschungen und Verstümmlungen waren hier an der Tagesordnung.

Vinae erkannte Deremir sofort, der vor einem Richtblock kniete, den Kopf bereits auf das Holz abgelegt. Neben ihm wurden seine Gefährtin und ihr Sohn mit Speeren in Schach gehalten, während der maskierte Henker die Axt wieder sinken ließ.

Ein Aufschrei schwappte wie eine Welle durch die zusammengedrängte Menge, als Vinae sich auf dem hölzernen Podest aufrichtete und die Kapuze ihres Umhangs zurückwarf. Sie blickte hoch zum Erker an der Schlossmauer, von welchem aus man die abfallende Stadt, aber auch die Siedlungen und Felder am Fuße des Hügels überblicken konnten, und hob ihre Hand, um dieser Hinrichtung Einhalt zu gebieten.

»Das darf doch nicht wahr sein.«

Die beiden Fürsten Daeron und Menavor, die sich zusammen mit ein paar Wachen und ihrer Mutter Meara dort oben aufhielten, sahen zu ihr herab.

»Vinae Thesalis!« Fürst Menavor bedeutete den Wachen, die auf sie zugelaufen kamen, innezuhalten. »Welch unerfreuliche Überraschung an diesem wundervollen Nachmittag!«

»Dieser Mann ist unschuldig!«

»Vinae!« Der kleine Nefgáld versuchte, zu ihr zu laufen, doch die Wachen hielten ihn fest. Sein Vater Deremir hingegen bewegte sich nicht, starrte lediglich vor sich hin.

»Ich bin da«, sagte sie zu dem Jungen, der immer noch versuchte, sich zu befreien.

Meara trat inzwischen unauffällig einen Schritt vom Geländer zurück, so dass sie nicht direkt zu ihrer größten Schande hinabsehen musste. Sie hatte ihrer Tochter nicht umsonst den Namen Vinae gegeben, denn dieser bedeutete »Unglück«. In Kombination mit dem Namen Thesalis, welcher »die Mächtige« bedeutete, trat der Sinn dieser Namenswahl noch stärker hervor. Vinae Thesalis – das mächtige Unglück. Wie passend! Deswegen sagten Freunde auch Vin zu ihr, was wiederum Glück bedeutete.

»Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, Vinae«, unterbrach Fürst Menavor das Raunen der Menge. »Dieser Mann hat sich gegen die Königin verschworen. Er hat ihre Ermordung geplant.«

»Das ist nicht wahr!« Vinae drehte sich zu Deremir um, der sie nicht registrierte. Seine Familie stand mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen immer noch neben ihm. »Ihr kennt Deremir, Fürst Menavor!«, rief sie über das Gemurmel der Menge. »Er ist seit Jahrhunderten eine Eurer besten Wachen. Er würde niemals ...«

»Du langweilst mich.« Menavor betrachtete die Spitzen seines silberfarbenen Haars. »Dein Einsatz für diesen einst treuen Diener in allen Ehren. Glaube mir, ich selbst konnte kaum glauben, welch heimtückisches Wesen sich in ihm verbarg, aber ...« Er zuckte mit den Schultern, schüttelte leicht seinen Kopf. »Nicht alle sind so brave Bürger, wie wir es uns wünschen.«

»Was ist mit ihnen?« Vinae zeigte auf die Frau und den Jungen. Nefgáld war gerade einmal dreizehn Jahre alt. »Sie haben nichts damit zu tun.«

»Natürlich haben sie das.«

»Er ist noch ein Kind!«

»Ach, Vinae.« Menavor lehnte sich etwas über das Geländer. »Deine Wunden sind noch nicht verheilt, und schon bettelst du erneut um den Kerker.«

Vinae ließ den Stoff des Umhangs über ihre Hände fallen. Die Abschürfungen der Eisenringe an ihren Handgelenken schmerzten immer noch, aber dies war ein geringer Preis.

»Wo wir gerade davon sprechen«, fuhr Menavor fort. »Wir konnten die Mirin wieder einfangen. Jeden Einzelnen der kleinen Flattermänner. Es tut mir leid, dass du dir umsonst solche Mühe gemacht hast.«

»Mir nicht. Lasst Deremir gehen!«

Menavor lachte. »Woher hast du nur deinen Sinn für Humor?« Er deutete mit seinem Kopf zu Meara. »Von deiner Mutter bestimmt nicht.«

»Bitte.« Vinae kannte den Fürsten gut genug, um zu wissen, dass er sich nicht würde erweichen lassen, doch wenn sie Deremir schon nicht retten konnte, dann wenigstens seine Familie, auch wenn sie es hasste, solche Kompromisse einzugehen. Die Zeit in diesem von Grausamkeit beherrschten Land hatte sie jedoch gelehrt, dass es nicht anders ging. »Nefgáld und seine Mutter haben nichts damit zu tun.« Sie sah zu Fürst Daeron, der schweigend und mit ausdruckslosem Blick zu ihr herabsah. Die Sonne ließ sein honigfarbenes Haar wie gesponnenes Gold schimmern und verlieh seiner gesamten Erscheinung eine erhabene Ausstrahlung. Eine Täuschung. »Bitte«, flehte Vinae und sah ihm in die Augen. »Er ist noch ein Kind. Fürst Daeron, ich flehe Euch an. Zeigt Gnade.«

Einen winzigen Augenblick lang flackerte etwas in den braunen Augen des Fürsten auf, ehe er seinen Blick abwandte.

»Ich bitte dich, Vinae«, ertönte sofort wieder Menavors Stimme. »Da kommen einem doch die Tränen. Sieh meinen Bruder nicht mit so großen Augen an.«

Vinae atmete tief durch. Sie wusste, dass sie nicht hilfesuchend zu ihrer Mutter blicken musste. Fürst Daeron war ihre einzige Hoffnung, und sie war noch nicht bereit, aufzugeben. »Ich bitte Euch, Fürst Daeron.« Sie beachtete Menavors schweres Seufzen nicht. »Diese Frau und dieses Kind haben nichts getan, verschont sie.«

»Langweilig.« Menavor nickte den Wachen zu. Gepanzerte Hände packten Vinae an den Armen. »Bringt sie in den Kerker«, befahl der Fürst mit einer flüchtigen Handbewegung.

»Nein!« Vinae blickte zu Daeron, der sie mit starrem Ausdruck ansah. »Ich bitte Euch, Fürst Daeron. Habt Erbarmen. Sie sind unschuldig. Ich bitte Euch. Fürst Daeron!«

Die beiden Wachen hoben sie vom Podest, hielten sie jeder an einem Arm fest und trugen sie über den Marktplatz. Ihre Füße baumelten in der Luft, der Schmerz der gepanzerten Griffe fuhr durch ihren Körper, doch Vinae wehrte sich nicht mehr. Sie wollte den Fürsten nicht die Genugtuung einer verzweifelten Szene bieten.

Während die beiden Elfen sie über die Brücke trugen, die über einem flachen Graben in den Schlosshof führte, nahm der Lärm der Menge zu. Auch der Trommelschlag setzte wieder ein.

»Lasst mich los!«, zischte Vinae den beiden Wachen zu, die bereits das Schlosstor passierten und sie durch den schattigen Gang unter der Mauer hindurchtrugen, in dem ihre Stimme leer und verloren klang. »Ich kann ihnen noch helfen.«

»Verzeiht, Herrin Thesalis.« Die Männer beschleunigten ihren Schritt und traten aus dem kühlen Gewölbe in den sonnenbeschienenen Schlosshof. Dieser Hof wurde zu allen vier Seiten von den weißen Gebäuden eingeschlossen, und in deren oberen Geschossen führten prächtige Arkadengänge um das Areal herum.

Einzelne Elfen, die sich dort oben aufhielten, blieben stehen und blickten herab, doch die meisten Wachen und Bewohner waren diesen Anblick bereits gewohnt und schenkten ihnen keine Aufmerksamkeit. Vinae Thesalis wurde wieder in den Kerker gebracht. Dieses Bild konnte niemanden mehr erschüttern.

Der Trommelschlag wurde immer schneller. Dann verstummte er abrupt. Das erneute Aufkreischen der Menge drang vom Marktplatz.

Vinae schloss einen Moment lang ihre Augen und versuchte, ruhig weiterzuatmen. Sie fragte sich nicht, wie das nur hatte geschehen können.

Die Wachen trugen sie weiter, eilten über den weiß gepflasterten Hof in die Schatten eines weiteren Bogengangs, durch welchen die Gärten zu erreichen waren. In diesem kühlen Gewölbe unter dem Wohngebäude hielten die Wachen inne, stießen die schwere Holztür zur rechten Seite auf und zogen Vinae die Treppe hinunter in die Dunkelheit. Der modrige Gestank der feuchten Wände sowie der Geruch von Verwesung und Blut drangen auf sie ein. Vinae kannte den Weg gut genug und würde wohl blind zu ihrem Verlies finden. Sie wusste, wo die Folterkammern und wo manche von Daerons Räume lagen, in denen er seine Gifte mischte. Es war ihr jedoch noch nicht gelungen, tiefer in das unterirdische Labyrinth vorzudringen.

Ein von Fackeln beleuchteter Gang folgte, der ihre Schatten weit vorauswarf, während das Licht an den kargen Wänden flackerte und die Luft noch stickiger werden ließ. Sie kamen an einigen geschlossenen Türen vorbei, hinter denen sich Vorratsräume für Elixiere befanden, und erreichten schließlich einen Wachraum, der mit einem Tisch, ein paar Stühlen und einigen Regalen an den Wänden ausgestattet war. Die beiden Elfen, die dort beim Kartenspiel saßen, blickten kurz auf, grinsten und widmeten sich wieder ihrem Zeitvertreib.

Durch einen schmaleren, kurzen Durchgang erreichten sie den Vinae bestens bekannten Raum, welcher durch Gitterstäbe zu beiden Seiten in einzelne Zellen unterteilt war. Von diesem Raum aus ging es noch unendlich weiter, doch Vinae wurde stets hier in dieser ersten Kammer festgehalten. Sie befand sich damit ein gutes Stück von den Folterkammern und den Todeszellen entfernt. Hier gab es nur einen einzigen Gefangenen, dessen Ketten klirrten, als er etwas näher an die Gitterstäbe kroch, um zu hören, wen die Wachen brachten.

»Vinae? Bist du das?«, fragte er heiser.

»Still!« Einer der Wächter schlug mit dem Schwert nach dem Gefangenen, der schnell zurückwich und stöhnend zu Boden sank.

»Ihr seid Barbaren!«, zischte Vinae, als sie ihre Arme ausstreckte, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet war.

»Den Umhang«, sagte der Wächter, der nach dem Gefangenen geschlagen hatte.

Vinae hob ihren Kopf. Sie war genauso wie ihre Mutter kleiner als die meisten Elfen, aber kaum jemand wagte es, sich mit ihr anzulegen. »Es ist kalt.« Sie sah dem Wächter in die Augen. »Wollt Ihr, dass ich erfriere?«

»Habt Ihr Waffen, Nahrungsmittel oder Medizin bei Euch?«

»Nein.«

»Den Umhang, oder ich muss Euch durchsuchen.«

Vinae breitete ihre Arme aus. »Nur zu. Ich bin neugierig, was Fürst Daeron dazu sagen wird.«

Die beiden Wächter tauschten einen flüchtigen Blick, woraufhin der andere kaum merklich den Kopf schüttelte.

»Also gut.« Der Elf packte sie grob am Arm und zerrte sie in die Zelle. »Ihr kennt ja das Spiel.«

Vinae schenkte ihm ein düsteres Lächeln und hielt ihm ihre Hände entgegen, so dass er die Eisenringe anbringen konnte. Der kalte Stahl fühlte sich im ersten Moment angenehm auf ihren Wunden an, doch als der Wächter die Ringe eng zusammenzog, musste sie sich ein Aufkeuchen verkneifen.

»Ich wünsche eine angenehme Nacht«, sagte der Wächter. Er schloss die Zellentür und verließ schließlich kopfschüttelnd mit dem anderen Elfen den Raum. Vinae konnte hören, dass die beiden draußen bei den anderen Platz nahmen, und auch das Raunen ihrer Gespräche, die zweifellos um die kleine Thesalis kreisten, die sie wieder einmal bewachen durften.

Doch Vinae schenkte ihnen keine Beachtung mehr. Kaum waren die Wächter verschwunden, kroch sie über den feuchten Boden zu der anderen Zelle. Die Ketten, die sie an die Wand fesselten, ließen sie nicht bis zu den rostigen Stäben vor, aber sie kam immerhin nah genug, um ihren Nachbarn zu sehen.

»Aden?« flüsterte sie. »Geht es Euch gut?«

Die ausgemergelte Gestalt bewegte sich und kroch auf sie zu. Sein Anblick war jedes Mal aufs Neue erschreckend. Vinae wusste nicht, ob alle Menschen ab einem gewissen Alter so fürchterlich aussahen, doch Aden hatte nichts mehr von einem menschlichen Lebewesen an sich. Das weiße Haar hing ihm wie Spinnweben in das eingefallene, von Falten und Runzeln durchzogene Gesicht. Seine Lippen waren kaum noch zu sehen, umso deutlicher stachen die milchigen Augen hervor.

Aden war blind, und dass er noch am Leben war, verdankte er einzig der Boshaftigkeit der beiden Fürsten. Sie hielten es für angemessen, den alten Menschen, der als einer der wenigen die Arbeit auf dem Feld überlebt hatte, im Verlies schmoren zu lassen, anstatt ihn wie alle anderen, die ihnen lästig wurden, einfach hinrichten zu lassen.

»Vinae?«, keuchte er und tastete mit den dürren Fingern durch die Gitterstäbe. »Was machst du denn schon wieder hier, Kind?«

Vinae schmunzelte. Er nannte sie immerzu Kind, obwohl sie doch viel älter war als er. In gewisser Weise hatte er aber recht. Sie war für eine Elfe noch sehr jung, knapp über achtzig Jahre alt, und Aden erschien ihr allein durch seine Erscheinung viel älter, so dass ihr die Bezeichnung »Kind« aus seinem Mund nicht so seltsam erschien.

»Deremir«, flüsterte sie und beantwortete damit seine Frage.

Der Alte seufzte schwer. »Sie haben ihn hingerichtet, nicht wahr?«

»Ihn und seine Familie.« Vinae stemmte sich gegen die Ketten, um etwas näher zu kommen, auch wenn der Schmerz an den Handgelenken dadurch nur noch schlimmer wurde. »Wisst Ihr etwas darüber?«, fragte sie. »Was hat er verbrochen?«

Ein fürchterliches Husten und Röcheln drang aus der Dunkelheit. Es dauerte einige Augenblicke lang, bis sich Aden wieder einigermaßen gefangen hatte.

Vinae lehnte sich ein wenig vor, spähte in das Licht, das durch den Nebenraum hereindrang und lauschte. Die Wachen unterhielten sich, waren in ein Gespräch vertieft. Sie würden nicht so schnell zurückkommen. Daher schob sie ihren Umhang zur Seite, nahm ein flaches Fläschchen aus der eingenähten Tasche an der Innenseite heraus und versuchte, es Aden zu reichen. »Streckt Eure Hand aus«, sagte sie. »Ich habe Wasser für Euch.«

»Wasser?« Aden rutschte näher, fuchtelte wild mit den Händen. Die Fürsten gaben ihm stets nur so viel zu essen und zu trinken, um ihn am Leben zu erhalten, doch Vinae wusste, dass sein Tod nicht mehr fern war.

Den brennenden Schmerz ignorierend, stemmte sie sich gegen die Ketten, versuchte, die suchenden Finger des Alten zu erreichen, und schließlich gelang es ihm, das Fläschchen zu umfassen. Schneller, als sie es diesem gebrechlichen Körper zugetraut hätte, ließ er sich zurückfallen, öffnete geschickt den Verschluss und trank gierig den gesamten Inhalt auf einmal, wobei ihm gut die Hälfte aus den Mundwinkeln floss.

»Ich danke dir«, keuchte er. »Aber du solltest besser auf dich achtgeben. Dies ist kein Ort für ein junges Mädchen.« Er schob das Fläschchen vorsichtig, um keinen unnötigen Lärm zu verursachen, zurück in ihre Zelle, und Vinae ließ es wieder unter ihrem Umhang verschwinden.

»Wisst Ihr, was mit Deremir passiert ist?«, fragte sie noch einmal.

Aden kroch wieder etwas näher. »Sie haben ihn gestern gebracht«, sagte er. »Angeblich haben sie ihn in Derial gefangen genommen.«

»In Derial?« Vinae kniff ihre Augen zusammen. »In der Tempelstadt? Was hat er dort gemacht?«

»Angeblich einen Mordanschlag auf die Königin geplant.«

»Das kann nicht sein. Hat er irgendetwas gesagt?«

»Nein.« Aden seufzte schwer. »Du weißt, sie haben ihm welche von Daerons Giften gegeben. Er wusste nicht, was um ihn herum geschah, aber warte.« Der alte Mann senkte seine Stimme, die weißen Augen starrten sie an. »Er hat immer wieder von einer Nachricht gesprochen.«

»Einer Nachricht? Was für einer?«

»Ich weiß nicht ... Nein, doch ... ›Der wahre Glaube‹. Ja, das hat er immer wieder gesagt.«

Vinae ließ sich zurücksinken und lehnte sich gegen die feuchte Wand. Sie wusste nicht, was das alles zu bedeuten hatte, aber dass es etwas bedeutete, war ihr klar. Sie musste Ardemir fragen, ob er oder vielleicht die Königin irgendetwas von Deremirs Gefangennahme wussten.

Die Nacht verging wie stets im Kerker unendlich langsam. Trotz des Umhangs fror sie. Der Gestank war fürchterlich, und Aden war zu schwach, um noch weiterzureden. So war sie allein in der Dunkelheit, dachte an Nefgáld und seine Eltern, die sie nicht hatte retten können, an das kleine Mädchen, das vom Gift der Artiluspflanze krank war, und an alle anderen, die sich für die beiden Fürsten und Meara zugrunde richten ließen. Es musste etwas geschehen. Dieses Reich war dem Untergang geweiht, und Königin Liadan saß in Lurness in ihrer Festung und unternahm nichts dagegen. Zugegeben, sie verschloss zumindest nicht ihre Augen vor den Problemen im Sonnental. Sie dachte, durch die neuen Gesetze etwas zu erreichen. Gerechte Prozesse, das Sicherstellen der Schlüssel für die Weltentore, um den Handel mit den Menschen einzustellen, doch was nützte es? Die Fürsten gaben nichts auf diese Gesetze. Sie interessierten sich nicht für Prozesse. Sie brauchten keine Menschen, um das Gift auf ihren Feldern zu ernten. Die Königin war machtlos. Sie konnte nicht überall gleichzeitig sein. Doch es musste sich etwas ändern. All dieses Leid! Wie lange würde das Volk des Sonnentals noch durchhalten? Wie lange hielt es bereits durch? Wie hatte es früher hier ausgesehen, als es noch das Lichtreich gegeben hatte? Unter der alten Königin? War das Leid immer schon so groß gewesen?

Das Klirren eines schweren Schlüsselbundes holte Vinae aus den Gedanken. Die Nacht war vorüber, und wieder hatte sie nichts erreicht.

Vinae blickte auf, erwartete die Wächter vom Vortag zu sehen, sie wurde jedoch überrascht, als sie den schwarzen, mit Goldfäden durchzogenen Mantel erkannte, den sich nur jemand von hohem Rang leisten konnte. Es war Daeron, der vor ihrer Zelle stehen blieb und mit ernster Miene zu ihr herab sah. Das braune Haar, ähnlich der Farbe von dunklem Honig, umrahmte sein markantes Gesicht mit der hohen Stirn und der schmalen, etwas zu langen Greifvogelnase. Die Augenbrauen lagen knapp über den ebenfalls honigfarbenen Augen, wobei sie etwas schräg nach oben verliefen und seinen grimmigen Ausdruck noch unterstrichen.

»Die Sonne ist aufgegangen«, sagte er, als er die Tür aufschloss. »Du kannst gehen.«

Vinae rappelte sich auf, streckte ihre steif gewordenen Glieder und hielt ihre Hände vor sich. Es kam selten vor, dass der Fürst sie selbst aus dem Kerker entließ, doch sie kümmerte sich nicht darum. Sie wollte ihn noch nicht einmal ansehen.

Daeron schloss die Eisenringe auf und betrachtete die aufgeschürfte, teilweise blutige Haut an ihren Handgelenken. »Ich kann deine Wunden heilen«, sagte er und strich vorsichtig mit einem Finger darüber.

Vinae zog ihre Hände zurück, richtete sich auf und ließ ihn all ihre Verachtung mit nur einem Blick spüren, bevor sie nach einem Knicks an ihm vorbei, aus der Zelle ging. »Ich komme wieder«, flüsterte sie zu Aden und ging durch den Durchgang in den verlassenen Wachraum.

»Vinae.«

Seufzend blieb sie stehen, wandte sich jedoch nicht um. »Du wirst nicht wiederkommen«, sagte Daeron und trat hinter sie. Er legte seine Hand auf ihre Schulter und drehte sie langsam zu sich herum. »Ich werde nicht zulassen, dass du noch einmal in den Kerker kommst.« Er sprach langsam und eindringlich, und als Vinae ihren Blick abwenden wollte, fasste er unter ihr Kinn und hob ihren Kopf. »Haben wir uns verstanden? Du wirst damit aufhören.«

Vinae riss ihren Kopf zurück, so dass Daeron von ihr abließ. Sie wandte sich um und wollte fortgehen, als sie eine Bewegung im schwach beleuchteten Gang sah.

»Vinae!«, drang die kindliche Stimme aus der Dunkelheit.

»Nefgáld?« Vinae drehte sich nun endgültig um und schlug beim Anblick des Kindes die Hand vor den Mund. Der Junge, der zwar beinahe so groß wie sie selbst war, fiel ihr in die Arme. »Du lebst.« Sie drückte ihn an sich und konnte nicht glauben, dass er tatsächlich hier war. Diesen Jungen kannte sie bereits sein Leben lang. Seiner Mutter hatte sie bei der Geburt geholfen, und die ganze Nacht über hatte sie gedacht, er sei tot.

»Enra wird sich um ihn kümmern«, hörte sie Daeron. »Sie hat einen Sohn in seinem Alter.«

Vinae blickte auf, hielt den Jungen immer noch fest, der sein Gesicht an ihre Schulter presste. »Danke«, flüsterte sie vor Freude strahlend. Ihre Worte waren ernst gemeint. Sie wusste, dass es nicht leicht für Daeron gewesen war. Sie wusste, dass er nicht von Grund auf schlecht war.

Daeron nickte und winkte den Wachmann zu sich, der mit Nefgáld gekommen war. »Bring den Jungen wieder zu Enra«, befahl er, woraufhin Nefgáld sofort herumfuhr.

»Nein, Vinae. Komm mit.«

»Ich werde dich besuchen«, versprach sie. Sie küsste den Jungen auf die Stirn und richtete sich auf. »Enra wird gut auf dich aufpassen.«

Der Junge machte ein grimmiges Gesicht, er versuchte, tapfer zu sein, und ließ sich schließlich fortführen.

Vinae wandte sich um und sah zum Fürsten auf, der sie aus leicht zusammengekniffenen Augen musterte.

»Ihr habt ihn verschont«, sagte sie zugleich verwundert und gerührt, wohl wissend, dass sie nicht nach den Eltern des Jungen fragen musste. Sie kannte deren Schicksal.

»Vinae.« Daeron hob seine Hand, berührte leicht ihre Wange, wodurch sie sich unwillkürlich anspannte, jedoch nichts dagegen unternahm. Sie hasste es, musste ihn aber gewähren lassen. So rührte sie sich auch nicht, als er sich zu ihr herabbeugte und auf die Wange küsste. »Hast du über meinen Vorschlag nachgedacht?« Er strich ihr eine Haarsträhne zurück und näherte sich langsam ihren Lippen.

»Ich kann nicht im Schloss leben«, antwortete sie schnell und wich kaum merklich ein Stück zurück. »Mein Platz ist bei meiner Mutter.«

Daeron seufzte. »Dein Platz ist bei mir, Vinae. Komm zu mir.«

Jedes seiner Worte war wie Gift, kroch als eiskalter Schauer ihren Rücken hinab. »Ich kann nicht«, sagte sie, so sanft es ihr nur möglich war. »Ich möchte dem Tempel in Averdun beitreten. Ihr wisst das.« Sie drehte sich um, damit er ihr nicht noch näher kommen konnte, doch Daeron hielt sie am Arm fest. Ihm gefielen ihre Pläne nicht. Die Priesterinnen von Averdun waren allesamt mächtige Magierinnen und hofften dadurch auf Vinaes Unterstützung. Sie versuchten – genauso wie Vinae hier in Acre –, das Leid, das die Fürsten unter die Leute brachten, zu lindern. In keinem anderen Fürstentum wurden die Orakel – die Stimmen des Schicksals – so häufig aufgesucht wie im Sonnental. Die Elfen suchten nach Trost und einem Wegweiser. Gleichzeitig benötigten sie die heilenden Kräfte der Priesterinnen. Mit ihrem einhundertsten Geburtstag würde Vinae in den Tempel gehen, fort von ihrer Mutter und den Fürstenbrüdern. Sie würde das tun, was sie am besten konnte und was leider auch am nötigsten war: helfen. Eine Zukunft, die Daeron für sie so nicht geplant hatte.

»Wir haben uns doch verstanden«, sagte er kalt und zog sie mit einem Ruck näher an sich, so dass sein Gesicht so nahe war, um den Atem auf der Haut zu spüren. »Du gehst nicht mehr zurück in den Kerker, Vinae. Nie wieder! Du wirst dich nie wieder gegen mich oder meinen Bruder stellen, hast du verstanden?«

Vinae funkelte ihn wütend an. Sie kannte diese Worte, hörte sie nicht zum ersten Mal, und so versuchte sie sich loszureißen, doch Daeron hielt ihren Arm fest umklammert. »Die Arbeiter, draußen im Dorf.« Er sah sie mit den honigfarbenen Augen an. »Es wäre doch schade, sie wegen Diebstahls einer meiner Tinkturen anzuklagen.« Vinae riss die Augen auf. Der schmerzhafte Griff um ihren Arm wurde noch stärker. »Der Junge kommt in ein gefährliches Alter. Er ist übermütig. Unfälle geschehen schnell.« Er ließ sie los. »Du gehst nicht mehr in den Kerker.«

Einen Augenblick lang starrte sie den Fürsten noch an, drehte sich dann jedoch nach einem flüchtigen Knicks um und ging durch den zwielichtigen Tunnel davon, der den Gestank des Todes in sich trug. Den Gestank des Sonnentals.

❧

Das Pferd konnte nicht schnell genug laufen, um ihr durch den schneidenden Wind der Geschwindigkeit ein Gefühl von Freiheit zu vermitteln. Die letzte Siedlung von Acre lag längst hinter ihr, und doch war Vinae immer noch eine Gefangene jenes Ortes, an welchem Daeron und Menavor herrschten. In halsbrecherischem Tempo galoppierte sie über die Ebene, vorbei an den weitläufigen Feldern der rosa blühenden Artiluspflanzen, die den süßen Duft von Vanille verströmten. Ihr Weg führte sie immer weiter Richtung Westen, dorthin, wo sich das Schneegebirge dem Himmel entgegenstreckte.

Das Sonnental war ein wunderschönes Land – die weite Graslandschaft, vor ihr die bewaldeten Berge, hinter denen sich noch höhere aus hellem Gestein emporhoben, deren schneebedeckte Gipfel über zarte Wolkenfetzen hinausragten. Doch die Schönheit konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass alles hier vergiftet war. Durch die Seuche der Fürstenbrüder und ihrer Mutter.

Vinae erreichte die ersten Ausläufer des Gebirges, verlangsamte das Tempo und bahnte sich einen Weg zwischen den steil aufragenden Felsen und den immer dichter stehenden Bäumen hindurch, die sich inmitten des Gerölls an die Bergflanke klammerten.

Bevor der Pfad steiler wurde und sich ein Dickicht aus Birken, Haselnusssträuchern und Brombeerhecken zu einem wild verwachsenen Wald schloss, passierte Vinae noch den Siberstreif – einen Nebenfluss des Rivendel, der bei Riniel ins Meer mündete. Sie kannte die Tücken dieses launischen Gewässers, das sich in hellem Grün zwischen tiefhängenden Weiden und kahlen Steilwänden hindurchwand. Nur wenige Stellen waren ruhig genug, um einen Übergang zu wagen, doch sie kannte sie alle und nahm niemals den Umweg zur Brücke.

Von zahlreich verstreuten Felsblöcken gelenkt, beschleunigte sich das Wasser zu weiß schäumenden Stromschnellen, welche die Strahlen der Sonne reflektierten und einem weniger vorsichtigen Reisenden zum Verhängnis werden konnten. Doch der Hengst lief in leichtem Galopp über den unsicheren Untergrund und hüllte Vinae dabei in glitzernde Tropfen, die ihr Gesicht und die Kleider benetzten. Durch Kies und Löwenzahn gelangte sie an das andere Ufer und wurde sofort wieder vom Wald verschluckt. Von hier aus führte ihr Weg nun steiler den Hang hinauf, wo sie das Pferd nach einer Weile wendete und durch Heidelbeersträucher gen Süden ritt. Vinae kannte den Weg, sie würde sich hier niemals verirren. Das Weltentor lag in der entgegengesetzten Richtung an einem Pfad in der Nähe der Brücke, doch es war zu gefährlich, sich dort zu treffen. Auch wenn durch das neue Gesetz der Königin nur noch ihre Ritter unter ihrem Befehl durch die Weißen Hallen schreiten konnten, war Vinae lieber vorsichtig und beließ den Treffpunkt am alten Ort. Sie selbst war noch niemals in dieser Zwischenwelt gewesen, durch die ein schnelles Reisen in die verschiedenen Welten möglich war. Ardemir hatte ihr erzählt, die Weißen Hallen bestünden nur aus Licht, über das man wandelte, als würde man schweben. Durch verschiedene Höhlengänge gelangte man von dort schließlich in eine weitere Halle der jeweiligen Welt, wo sich an den Wänden die Zugänge wie riesige bunte Wandgemälde befanden. Mit einem Schritt dort hindurch war tagelanges Reisen auf einen kurzen Augenblick verkürzt. Vor der Wiedervereinigung Elvions, als der Osten und Westen des Reiches noch durch eine Barriere ins Schattenund Lichtreich geteilt gewesen waren, hatte es auch eigene Zugänge für die jeweilige Welt in den Weißen Hallen gegeben. Heute befanden sich die Wandbilder jedoch in derselben, denn die Hallen waren mit dem Verschwinden der Barriere wieder zusammengeschmolzen und vereint. Ein Unwissender wäre wohl nicht einmal in der Lage, ein Weltentor von einem gewöhnlichen Felsen zu unterscheiden, doch jene Elfen mit hohem magischem Potential spürten die Energie selbst aus großer Entfernung.

Vinaes Weg führte sie jedoch in eine andere Richtung. Die Lichtung war nicht allzu weit entfernt, durch das dichte Gestrüpp jedoch schwer zu finden.

Dort angekommen, stieg sie vom Pferd und sah sich zwischen den weißen Stämmen der Bäume um, durch deren gelbgrünes Blätterdach einzelne Lichtstrahlen fielen und eine märchenhafte Atmosphäre schufen. Vinae zog die Kapuze des Umhangs zurück und rückte das silberne Haarband zurecht, das sich glitzernd hell von ihrem schwarzen Haar abhob. Sie trug es zumeist straff am Hinterkopf zusammengebunden, da es ihr so weniger im Weg war, auch wenn es ihre Mutter nicht gern sah. Meara sah ohnehin nichts gern, was sie tat. So gefiel es ihr auch nicht, dass ihre Tochter stets wie eine Kriegerin und nicht wie eine Magierin gekleidet war.

»Du bist spät.«

Vinae lächelte, als sie die vertraute Stimme hörte, und drehte sich um.

Ardemir trat als Erster aus dem Dickicht, wobei nicht ein Zweig unter seinen Füßen brach. Ihr fiel sofort das kurze Haar auf, das mehr an einen Unfall denn an eine Frisur erinnerte. Doch noch bevor sie sich weitere Gedanken darüber machen konnte, sah sie die hochgewachsene Frau, die dicht hinter ihm erschien. Die Augen der Fremden funkelten selbst aus dieser Entfernung in einem grellen Grün, und auch das feuerrote Haar, welches in großen Wellen beinahe bis zur Taille reichte, strahlte ungewöhnlich intensiv. Ihre weiße Haut wirkte transparent und schien einen Hauch von Grün in sich zu tragen, als wäre sie Teil des Waldes.

Vinae wusste sofort, dass dies eine Drachenelfe war, auch wenn sie niemals zuvor jemandem aus diesem Volk begegnet war.

Die Frau lächelte freundlich, und Vinae fielen die Schürfwunden an der Stirn und Wange auf. Sie hatte Mühe, das Lächeln zu erwidern und die grellen Augen nicht zu offensichtlich anzustarren, doch zu ihrem Glück erschien Fürst Nevliin von Valdoreen auf der Lichtung, der ihr kurz zunickte. Es war nicht schwer, ihm ein Lächeln zu schenken. Er war nicht besonders gesprächig oder höflich, aber sie mochte ihn trotzdem. Sie wusste nicht wieso, doch seine Schwermut hatte schon bei ihrer ersten Begegnung ihr Herz berührt. Sie hatte sich nie vor ihm gefürchtet, wie so viele andere es taten. Im Gegenteil. Solange sie zurückdenken konnte, war sie seine größte Bewunderin gewesen. Er hatte ihr einige Finten mit dem Schwert gezeigt, auch wenn sie wahrlich keine Kämpferin war und sich lieber über Magie mit ihm unterhielt. Was meistens so verlief, dass sie sprach und er nickte, doch das machte ihr nichts aus. Er war ein begnadeter Magier, und sie ließ sich lieber von ihm etwas beibringen als von ihrer Mutter, zumal er genau wie sie selbst dem Element des Wassers zugehörig war. Er strebte nicht danach, sich die weiteren Elemente anzueignen wie viele ambitionierte Magier. Er begnügte sich mit dem, was zu ihm gehörte und ein Teil von ihm war. Er konzentrierte sich ganz und gar darauf – anders als Meara, die bereits eine Magierin der »Vier« war und damit den höchsten Rang erreicht hatte. Vinae kannte niemanden sonst, der das je geschafft hatte.

»Wir warten seit Sonnenaufgang«, sagte Ardemir und kam mit einem strahlenden Lächeln auf sie zu, welches die Trostlosigkeit der Stadt plötzlich weit entfernt wirken ließ. Wenn Ardemir sie ansah, dann lachten und strahlten auch seine dunklen Augen.

»Du warst in Derial?«, fragte Vinae und deutete auf das, was von seinem ehemals langen Haar übriggeblieben war. »Was ist passiert?«

»Wurde etwas angesengt. Ich musste es abschneiden.« Er klopfte mit der Hand an den Dolch, den er am Gürtel trug.

»Ja, so sieht es auch aus.« Sie sah wieder zu der Drachenelfe, die anders als Nevliin und Ardemir keine silberne Rüstung, sondern ein smaragdgrünes Kleid trug. Ardemir folgte ihrem Blick. »Ich möchte dir Aurün vorstellen«, sagte er. »Die Prin... Königin der Drachenelfen.«

»Die Königin?« Vinae wollte sofort in einen Knicks sinken, doch die Drachenelfe ergriff sie an den Schultern und zog sie wieder hoch.

»Nicht«, sagte sie. »Du bist doch selbst von nobler Geburt. Und es scheint mir«, sie warf einen flüchtigen Blick zu Ardemir und lächelte geheimnisvoll, »wir werden uns noch häufiger begegnen. Wir sollten Freundinnen sein.«

Vinae wusste im ersten Moment nicht, was sie sagen sollte. Sie war überwältigt, zum einen überhaupt einer Drachenelfe zu begegnen und zum anderen auch noch deren Königin, die so ungewohnt freundlich war und deren Augen gütig wirkten. »Natürlich«, brachte sie schließlich hervor und wandte sich wieder an Ardemir, der sich bereits an seinem Lieblingsplatz, dem alten Baumstumpf, niedergelassen hatte. »Ich habe von Derial gehört«, sagte sie und warf noch einmal einen bedauernden Blick auf Ardemirs kurzes Haar, obwohl sie zugeben musste, dass er damit nicht so schlecht aussah. Es ließ ihn verwegen wirken. »Das Feuer war bis Acre zu sehen. Doch es ist glimpflich ausgegangen, nicht wahr? Ihr habt einen Sieg errungen.«

»So etwas in der Art, ja«, antwortete Ardemir und warf Nevliin einen kurzen Seitenblick zu. »Jetzt wissen wir zumindest, dass die Drachen zu den Angriffen gezwungen werden.« Er deutete auf Aurün und erzählte schließlich vom Angriff auf ihr Volk und vom Diebstahl des Drachenherzens. Vinae ließ sich vor ihm auf einem mit Moos bewachsenen Fels nieder und hörte mit immer größer werdendem Staunen zu. Sie war von der Beschreibung der Nebelgestalt fasziniert, auch wenn sie sich genauso wenig vorstellen konnte, um was für Elfen es sich dabei handeln mochte.

»Ihr werdet also in die Menschenwelt gehen?«, fragte sie und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass Nevliin, der an einen Baum gelehnt saß und weißblaue Flammen um seine Hand tanzen ließ, plötzlich innehielt. Einen Moment lang, bevor er sich wieder der Magie widmete.

»Ja, noch heute.« Ardemir sah durch die Baumkronen hinauf zur Sonne. »Und hier wurden tatsächlich keine Drachen gesehen?«

»Würde hier nur irgendjemand glauben, einen Drachen zu sehen, würde die gesamte Stadt davon reden. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Fürsten ... oder auch meine Mutter etwas damit zu tun haben.« Vinae wandte sich an Aurün, die sich neben ihr niedergelassen hatte. »Daeron und Menavor sind grausam, aber solch eine Tat würde nicht einmal ich ihnen zutrauen.«

»Und das?« Ardemir packte ihren Unterarm, schob den Stoff des Umhangs etwas nach oben und riss mit einem Ruck den Verband von ihrem Handgelenk. »Deswegen bist du so spät gekommen. Du warst schon wieder im Kerker.«

Vinae zog ihre Hand zurück. »Das ist etwas anderes.«

»Etwas anderes«, schnaubte Ardemir. »Was hast du diesmal Fürchterliches verbrochen, um so bestraft zu werden?«

Seine Worte versetzten ihr einen Stich. »Ich habe einem Jungen das Leben gerettet«, antwortete sie mit bebender Stimme. »Was ist diese oberflächliche Wunde im Vergleich dazu?«

»Allein die Notwendigkeit, ein Kind zu retten, beweist doch deren Skrupellosigkeit. Siehst du denn nicht, Vin, dass diese drei zu allem fähig sind? Gerade du müsstest es doch wissen.«

»Nein. Der Kerker beweist, dass in ihnen, wenn auch verborgen, ein Funke Güte lebt. Sie lassen mich nicht töten, weil ich ihnen etwas bedeute. Wäre es so, wie du sagst, wäre ich längst tot.«

Ardemir strich sich mit der Hand über die Stirn und atmete tief durch. »Und das wirst du auch bald sein, wenn du so weitermachst. Du setzt dich zu großer Gefahr aus. Und dass sie dich nicht töten, liegt allein daran, dass sie hoffen, dich eines Tages benutzen zu können.« Er hob noch einmal ihre Hand – diesmal sanfter – und begutachtete kopfschüttelnd ihre Wunden. »Vin, du kannst diese Welt nicht ändern. Heute hast du den Jungen gerettet, und in einer Woche wird er im Feld sterben.«

Vinae entzog ihm ihre Hand. Zu oft hatten sie dieses Gespräch bereits geführt. Er würde niemals verstehen, dass sie nicht tatenlos auf all das Leid blicken konnte und dass es niemand anderen gab als sie selbst, um für eine bessere Welt zu kämpfen. Sie war allein, und sosehr sie sich Hilfe wünschte, so genau wusste sie, dass sie immer allein kämpfen würde. Ardemirs Erscheinen hatte dies nur bestätigt. Die Königin hatte andere Sorgen.

»Ich werde mich umhören«, sagte Vinae, da sie sich nicht schon wieder auf einen Streit über den Sinn ihrer Bemühungen einlassen wollte. »Vielleicht erfahre ich etwas von Daeron.«

»Damit bist du uns eine große Hilfe«, sagte Aurün, noch bevor Ardemir antworten konnte. »Wir alle sind uns der Gefahr bewusst, der du dich damit aussetzt.«

»Das Risiko ist zu groß«, ließ sich Ardemir nun doch vernehmen. »Wenn sie herausfinden, dass du für uns ...«

»Sie werden es nicht herausfinden.« Vinae richtete sich auf und klopfte ihren Umhang ab. »Ich kann recht unauffällig sein, wenn ich will.«

Ardemir erhob sich ebenfalls, er lächelte, und der verschmitzte Ausdruck in seinem Gesicht kehrte zurück. »Du wirst niemals unauffällig sein«, sagte er und schob eine Strähne ihres Haares zurück unter das Band. »Aber versuch es nur.«

»Das werde ich.« Sie boxte ihm leicht gegen die Brust, bevor sie ebenfalls hinauf in die Baumkronen sah, um den Stand der Sonne zu überprüfen. »Wann werdet ihr wiederkommen?«

»In einer Woche. Kannst du dich wieder fortschleichen?«

Vinae grinste. »Natürlich.« Sie wandte sich der Königin zu. »Es war mir eine große Freude«, sagte sie und deutete einen Knicks an, ehe sie sich an Nevliin wandte, der sich die ganze Zeit über etwas abseits gehalten hatte. Sie nickte ihm kurz zu, woraufhin der Fürst den rechten Mundwinkel nach oben zog und ihr ein misslungenes Lächeln schenkte. Ohne ein Wort drehte er sich um und verschwand zwischen den Bäumen.

Aurün folgte ihm, einzig Ardemir blieb noch und begleitete Vinae zu ihrem Pferd.

»Dieser Junge«, sagte er in versöhnlichem Ton. »Wieso hätte er hingerichtet werden sollen?«

Vinae nahm die Zügel des Hengstes in die Hand und drehte sich zu Ardemir um. »Sein Vater hat angeblich den Tod der Königin geplant.« Sie seufzte. »Die Fürsten bevorzugen es in solchen Fällen, die gesamte Familie auszulöschen.«

»Glaubst du, dass er schuldig war? Dass er Liadan tatsächlich töten wollte?«

»Nein.« Vinae sah an ihm vorbei in den golden erhellten Wald, welcher so friedlich wirkte. »Ich kannte ihn. Er war ein guter Mann. Vielleicht etwas ... beschränkt. Er führte nur seine Befehle aus.« Sie sah wieder zu Ardemir auf. »Er wäre nicht dazu fähig gewesen, selbst wenn etwas Bösartiges in ihm gesteckt hätte. Es heißt, sie haben ihn vor zwei Tagen in Derial gefangen genommen. Ich kann mir nicht erklären, was er dort wollte.«

Ardemirs Ausdruck verfinsterte sich. »In Derial?«, fragte er und zog seine Augenbrauen zusammen.

»Ja, so wurde es mir gesagt. Wieso?«

Er schwieg einige Augenblicke lang, sah gedankenverloren an sich herab und berührte seine Brust.

»Ardemir?«

Wie vom Blitz getroffen, zuckte er zusammen und sah sie wieder an. »Ich ... Nichts. Ich meine nur, du hast selbst gesagt, dass dieser Mann Befehle ausführte, ohne darüber nachzudenken. Was, wenn ihn die Fürsten benutzt haben, wenn sie ihn beseitigen mussten, da er Dinge wusste, die zu gefährlich waren, um ihn weiterleben zu lassen? Der letzte Angriff war in Derial – vor zwei Tagen. Ein Zufall?«

Ihre Brust zog sich zusammen. Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte. »Es sieht so aus, als müsste ich dringender mit Daeron sprechen, als ich dachte«, sagte sie tonlos und blickte zu Ardemir auf. »Ich werde es herausfinden.«

Vinae musste sich trotz all der Sorgen, die sie ständig begleiteten, bemühen, nicht völlig in den kastanienbraunen Augen unterzugehen, die im Licht der Sonne golden glitzerten.

»Versprich mir, dass du vorsichtig sein wirst«, sagte Ardemir, wobei er ihren Blick gefangen hielt.

»Das bin ich doch immer.«

»Vin.« Er nahm ihr Gesicht in seine Hände, küsste sie auf die Stirn und verharrte so in diesem Kuss. Sie konnte ihn einatmen hören, leise seufzen, und als er sie schließlich wieder losließ, hatte sein Ausdruck etwas Zärtliches an sich. »Pass auf dich auf«, sagte er. »Du willst eine Tempeldienerin werden. Gefährliche Zeiten für solch ein Streben.«

Vinae nickte. »Ich passe schon auf mich auf.«

Wenig beruhigt, aber mit einem Lächeln ging er ebenfalls fort, um sich auf den Weg in die Welt der Menschen zu machen und den einstigen König der Dunkelelfen zu treffen.

Vinae blieb noch einige Augenblicke reglos stehen und konzentrierte sich auf das schwächer werdende Gefühl seiner Lippen auf ihrer Stirn, ehe sie sich auf den Rückweg machte.

Zu ihrer Mutter und den Fürsten.

Eamon

Die Nacht war sternenklar, die schmale Mondsichel spendete kaum Licht, jedoch genug, um das Haus der Gräfin Berill als schwarzen Schatten zu erkennen. Das vierstöckige Gebäude mit seinen vielen Erkern und Türmchen thronte an der Steilküste und überblickte von dort aus das Meer, das als schwarzer Schleier gegen die Klippen donnerte. Es waren nur vereinzelt Lichter durch die Fenster zu erkennen. Die Bewohner schliefen noch, während sich der Horizont hinter den Hügeln langsam rot zu färben begann.

Eamon hatte es nicht eilig, zurückzugehen, und überwand gemächlich die letzten Schritte des Pfads, der von der Bucht die Klippen hinaufführte.

Matt leuchtende Eiskristalle überzogen das Gras und verströmten den Geruch von Schnee. Der Winter hatte sich noch nicht gänzlich verabschiedet, auch wenn bereits die ersten Blumen blühten. Der Weg bis zum Haus war nicht weit, ein kleines Fleckchen Grün, welchem die Gräfin all ihre Liebe schenkte, indem sie sich um jede einzelne Pflanze kümmerte.

Leise, um niemanden zu wecken, öffnete Eamon die Hintertür des Hauses und schlich in den dunklen Raum, in dem sich zumeist Bedienstete aufhielten. Von dort ging er weiter in die Eingangshalle, von der zu beiden Seiten Treppen in die oberen Stockwerke führten. Über ihm funkelte das vergoldete Geländer der Galerie im Schein der Wandleuchten, der Kronleuchter war noch nicht entzündet.

Es war sein Zuhause, er hatte es erbaut, als Heim für jene, denen der Krieg alles genommen hatte. Für und mit seinem Freund Graem und dessen Frau Miadora, die längst gestorben waren. Eamon hatte ihnen beigestanden, als der Herzog sie wegen ihres Reichtums bedroht hatte. Er hatte Graems Enkeltochter auf ihrem Weg zur Gräfin von Vinelba begleitet und stand ihr immer noch zur Seite, jetzt, wo auch ihr Leben langsam zu Ende ging. Sie war beinahe siebzig Jahre alt, und in dieser Welt war dies wahrlich selten. Eamon vermutete, dass es die Zwillinge waren, die sie noch an dieses Leben banden – ihre Enkeltöchter. Die beiden Mädchen, welche ihre Eltern nie hatten kennenlernen dürfen. Ihre Mutter war bei der Geburt gestorben, und ihr Vater hatte sich kurz darauf das Leben genommen. So waren sie hier im Haus an den Klippen aufgewachsen, bei Eamon.

»Schleich da nicht so herum. Du machst mich nervös.«

Eamon hielt an der Tür zum Salon inne und spähte hinein. Dort saß die Gräfin Berill in ihrem Lehnstuhl am Kamin.

»Ich wusste nicht, dass du wach bist, Rosa.« Er trat in den zwielichtigen Raum, der einzig durch das Feuer im Kamin und ein paar wenige Kerzen beleuchtet wurde, und blickte zu der zarten Gestalt, die in dem Schaukelstuhl zu verschwinden drohte. Das weiße Haar hatte sie wie immer zu einem Zopf geflochten, ein Fell schützte sie vor der Kälte in den Nächten. Ihr Gesicht war schmal und von Falten übersät, doch die grünen Augen hatten sich immer noch etwas Jugendliches bewahrt.

»Es war das Tor, nicht wahr?« Die Gräfin deutete auf einen Stuhl ihr gegenüber. Eamon ließ sich seufzend nieder und nickte.

»Es war ein Bote meiner Schwester«, sagte er, immer noch aufgewühlt von den Informationen, die er eben erhalten hatte.

»Du siehst nicht aus, als wären es gute Neuigkeiten, die er gebracht hat.«

Eamon schüttelte den Kopf. »Es gibt Kämpfe. Ich fürchte, Elvion steht Krieg bevor.«

»Und du musst zurückgehen?« Rosa versuchte, verständnisvoll zu klingen, aber Eamon kannte sie zu gut, um die Furcht in ihrer Stimme zu überhören.

»Ich weiß es nicht.« Er strich sich mit der Hand über die Stirn. »Wir werden Besuch bekommen, heute Abend. Dann werde ich Genaueres erfahren.«

»Du siehst auch nicht aus, als würdest du dich über diesen Besuch besonders freuen. Wer ist es, der zu uns kommt, dass du so ein Gesicht machst?«

Eamon blickte auf, er musste beim Anblick der alten Frau schmunzeln, die er seit ihrer Geburt kannte und die ihn mit den arglosen Augen eines Kindes ansah. »Es ist Ardemir«, sagte er. »Du kennst ihn. Er war bereits einmal hier.«

»Ardemir.« Rosa lächelte. Die Falten an ihren Augen und um die Mundwinkel vertieften sich, ließen sie jedoch nur noch freundlicher aussehen. »Ich erinnere mich. Ich war noch ein Kind, als er hier war. Er hat mich zum Lachen gebracht.«

»Ja, darauf versteht er sich.«

»Und wer begleitet ihn?«

Eamon schüttelte erneut den Kopf. »Du kennst mich zu gut.« Er lehnte sich im Stuhl zurück und verdeckte mit den Händen die Augen. So verharrte er einige Augenblicke, ehe er sich wieder aufrichtete und zu Rosa blickte, die ihn erwartungsvoll ansah. »Eine alte Bekannte wird mit ihm kommen, Aurün, eine Drachenelfe.«

»Also eine Frau.« Sie lächelte. »Und wer kommt noch?«

Eamon seufzte schwer. »Ein ... Freund.«

»Aha.« Die kleine Gestalt stützte sich mit den Händen an den Armlehnen ab und zog sich ein Stück nach vorn. »Ich nehme an, besagter Freund ist ein berühmter Ritter und hat dir einst das Mädchen gestohlen? Ein Freund, der Erinnerungen in dir weckt, die du lieber nicht wieder ausgraben möchtest?«

»Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit ...«

»Du wusstest, dass dieser Tag kommen würde, Eamon.«

»Ja.« Er beugte sich vor, stützte seine Ellbogen auf die Knie und legte seine Stirn in die Hände. Mit geschlossenen Augen versuchte er, die Gefühle zu verdrängen, die diese Nachricht in ihm weckte.

»Du kannst nicht ewig weglaufen.«

»Ich weiß.«

»Vielleicht solltest du wirklich zurückgehen.«

Eamon blickte auf.

»Nur für eine Weile. Du bist einfach fortgegangen. Elvion ist dein Zuhause. Dort ist deine Familie.«

»Nein.« Er lehnte sich vor, nahm die kalte Hand der Frau, die einst wie eine Tochter für ihn war, später wie eine Schwester und Freundin und jetzt wie eine Mutter. »Elvion war niemals mein Zuhause«, sagte er. »Ich bin ein Dunkelelf, egal, was jetzt ist. Das Schattenreich existiert nicht mehr, ich habe in Elvion keine Familie. Hier ist mein Zuhause. Hier ist meine Familie.«

»Ach, Eamon.« Rosa legte ihre Hand auf seine. »Du musst deiner Schwester vergeben. Um deinetwillen. Stell dich deinem Freund. Dies hier«, sie deutete mit der Hand durch den Raum, »wird alles noch hier sein. Du wirst hier immer ein Heim haben, aber vergiss deine Wurzeln nicht.«

»Ich bin Tausende von Jahren alt. Wieso musst du immer so weise sein?«

»Ich bin ein Mensch.« Sie lachte, und in diesem Moment war das Mädchen in ihr wiederzuerkennen. »Wir haben nicht so lange Zeit. Bei uns geht alles etwas schneller.«

»Ja.« Eamon senkte seinen Blick. Er wusste, dass ihr nur noch wenige Jahre blieben, wenn überhaupt. Er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, Abschied zu nehmen. Doch so schwer das Leben hier in der Menschenwelt auch war, so schmerzvoll es war, diejenigen, die er liebgewonnen hatte, zu begraben, es war immer noch leichter, als zurückzugehen. Elvion war nicht mehr seine Welt. Er gehörte nicht dorthin, und er hatte auch nicht vor zurückzugehen.

»Deinem Freund wird es auch nicht unbedingt bessergehen«, sagte Rosa und tätschelte seine Hand. »Aber du wirst sehen, ihr werdet euch beide freuen.«

»Das bezweifle ich.« Eamon seufzte. »Nevliin dient meiner Schwester. Ich verstehe nicht, wie er das tun kann, nach allem ... Er ist ein Ritter, immer noch, als wäre nichts geschehen.«

»Was weißt du über sein Leben? Du hast ihn nicht mehr getroffen. Alles, was du weißt, ist eine flüchtige Nachricht irgendeines Boten.«

»Er hätte nach Valdoreen zurückgehen können, er ist der Fürst, dort ist seine Heimat.«

»So wie deine in Lurness?« Rosa schüttelte ihren Kopf. »Ihr beide scheint euch sehr ähnlich zu sein.«

»Nein.« Eamon lachte gequält. »Das sind wir nicht, nicht im Entferntesten.«

»Nun.« Rosa zog das Fell beiseite und richtete sich auf. »Ich werde ihn heute Abend kennenlernen«, sagte sie mit neckischem Lächeln, »und mir selbst eine Meinung bilden.«

»Wen kennenlernen?«

Eamon sah an der Rückenlehne des Stuhls vorbei zur Tür, durch die Isla und Mairi den Salon betraten. Die beiden rothaarigen Mädchen, deren grüne Augen denen ihrer Großmutter glichen, waren letzten Winter sechzehn Jahre alt geworden und ließen es in dem Haus niemals langweilig werden.

»Eamon bekommt Besuch aus Elvion«, sagte Rosa und deckte sich wieder zu, da sie wohl erkannte, dass sie doch nicht so schnell wegkommen würde.

»Elfen?« Isla, die kaum nennenswert größer als ihre Schwester war, riss ihre Augen auf und ließ sich freudestrahlend, in eine Decke gehüllt, neben Eamons Stuhl zu Boden sinken. Auch Mairi hatte durch diese Neuigkeit aufgemerkt, wirkte jedoch etwas angespannt. Sie ging zu ihrer Großmutter und rückte die Felldecke zurecht, ehe sie sich zu deren Füßen hinsetzte. Gespielt konzentriert streichelte sie Rosas Hand, nur um Eamons Blick auszuweichen. Sie war anders als ihre Schwester – ruhiger und wohl auch vernünftiger. Der Umstand, mit einem Elfen zusammenzuleben, gefiel ihr weit weniger als der aufgeweckten Isla, die ihn in regelmäßigen Abständen anflehte, sie nach Elvion zu bringen. Mairi war bereits jetzt für den Tag angezogen und hatte das dichte Haar zu einem Zopf geflochten, während Isla immer noch ihr Schlafkleid trug und die Haare unfrisiert über die Schultern fallen ließ. Sie spielte mit einer Haarsträhne, als sie zu Eamon aufsah. »Wann werden sie kommen?«, fragte Isla. »Wie viele? Ist es deine Familie? Wie lange werden sie bleiben? Sprechen sie unsere Sprache?«

»Ja.« Eamon kniff seine Augen zusammen, als ihm klar wurde, dass er sich lediglich auf die letzte der vielen Fragen bezogen hatte. »Es wird mein Vetter Ardemir sein, die Prinzessin, nein, sie ist jetzt Königin der Drachenelfen und«, er warf einen kurzen Blick zu Rosa, die ihn mit geschürzten Lippen betrachtete, »und ein alter Freund. Sie sprechen alle unsere Sprache und ...« Er überlegte, welche Frage er noch nicht beantwortet hatte, und fuhr schließlich fort: »Sie kommen heute Abend.«

»Eine Drachenelfe?«, rief Isla. »Mit einem Drachen?«

»Heute Abend?« fragte Mairi, ohne ihre aufgeregte Schwester zu beachten. »So spontan?«

»Hat ein Drache hier überhaupt Platz?«

»Nein.« Eamon strich sich mit der Hand über die Augen. »Nein, Aurün wird allein kommen, ohne Drachen. Und ja, sie kommen heute Abend. Es ist wichtig.«

Mairi wandte ihren Blick wieder ab, zwirbelte das lange Haar des Bärenfells zwischen ihren Fingern, während Isla noch etwas näher rückte.

»Ich habe von ihnen gelesen«, sagte sie. »Von den Drachenelfen, von deinem Vetter und von diesem Freund ... Ist das der Weiße Ritter?« Eamon nickte, woraufhin Isla so schnell aufsprang, dass selbst er einen Moment lang überrascht war. »Ich kann es gar nicht erwarten, ihn kennenzulernen. Sieht er so aus wie auf deinen Zeichnungen?« Sie lief auf ihre Großmutter zu. »Hast du das gehört? All die Elfen aus Eamons Buch kommen zu uns. Wir werden sie kennenlernen.«

Mairi verzog keine Miene, sondern spielte weiterhin mit dem Fell. Eamon lehnte sich im Stuhl zurück. Nach der Fertigstellung des Hauses hatte er nach einer Aufgabe gesucht, und da Graem und Miadora die Sprache der Elfen hatten lernen wollen und ihn immer wieder nach Geschichten aus seiner Welt gefragt hatten, war ihm die Idee eines Buches gekommen. Er hatte Zeichnungen von seiner Familie, von Schlachten und Bildern erstellt, die ihm in seinem Leben untergekommen waren. Er hatte Ereignisse erzählt, die ihm widerfahren waren, aber auch alles über den letzten Krieg aufgeschrieben.

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