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Elfengaard

Entdeckung von Elfengaard Band 1

 

 Entdeckungen

  Als er mit seinem Geländewagen die Straße hinab fuhr ärgerte ihn der Verkehr, der heute Morgen zähflüssig war und ihn immer wieder zum Anhalten zwang. Selbst jetzt noch in den Vororten der Stadt war es umständliches Fahren gewesen und Marty fürchtete zu spät zu seiner Geschäftsbesprechung zu kommen. Nervös strich er sich die kurzen blonden Haare aus dem Gesicht und schaute in den Rückspiegel. Seine hellblaugrauen Augen schauten ihn daraus  an und er dachte an sein nordisches Erbe. Irgendein Großvater vor x-Generationen war von weit dort oben  gekommen und seine Großmutter  hatte ihm als Kind immer durch die Haare gewuschelt, wenn er nach wildem Spiel von draußen kam und gelacht, er sähe aus wie ein Wikingerjunge.   Immer noch stand  er an einer Ampel und wartete auf Grün, als sein Blick umherschweifte und er ein Straßenschild sah: Elfengaard. Weite Felder erstreckten sich hinter  dem Zaun an der Ecke und die aufgehende Sonne am Horizont tauchte alles in diffuses Licht. Morgennebel waberte über Baumreihen, vereinzelt flog ein Vogel umher. Von Ferne muhte eine Kuh.

Den Blick wieder auf die  Straße richtend sah er noch einmal kurz auf das Straßenschild. Eigentlich war es ja nur ein Feldweg und er fragte sich, wohin dieser führen würde.

 Merkwürdiger Name dachte er, aber irgendetwas in ihm  wurde angerührt von dem Namen. Hier oben im  Norden gab es ohnehin immer wieder seltsame Straßennamen, die an Märchen erinnerten. Seine Großmutter hatte ihm  früher viele dänische Märchen vorgelesen, die er mit großen Augen und pochendem  Herzen in sich aufgesogen hatte, von Gnomen, Elfen, Trollen und allerlei nordischen  Sagengestalten.

 Seine Mutter hatte ihn immer angelächelt, wenn sie ihn auf dem  Schoß der Großmutter sitzen sah und er mit gebanntem  Blick der Welt entrückt schien. Sie selber hatte diese Geschichten als kleines Mädchen gehört und war begierig auf die Momente gewesen, als ihre eigene Großmutter mit ihr die berühmte Märchenstunde machte. Manchmal waren auch Freundinnen von ihr dabei gewesen und sie hatten mit Tee und Keksen im Kreis auf dem dicken Teppich im Wohnzimmer gesessen und gelauscht.

 Marty erschrak von  garstigem  Hupen hinter sich, die Ampel war schon lange auf Grün umgesprungen, aber er hatte sich so sehr in seinen Gedanken verloren, dass er es nicht gemerkt hatte. Schnell fuhr er an und da die Straße etwas feucht war und es nachts gefroren hatte, drehten die Räder kurz durch. Genervt atmete er tief durch und fuhr seinen restlichen Weg etwas bedächtiger.

 Vor der Firma blieb  er stehen und stieg aus, griff nach seiner Tasche auf dem Rücksitz und wollte mit Schwung die Tür zu werfen, als ein leises Piepsen seine Aufmerksamkeit erregte. Er hielt inne  und schaute und meinte auf der Dichtung im Türrahmen säße etwas, aber als er sich bücken wollte, war es weg. Irritiert rieb er stehen und rieb sich die Augen. Er sollte eben morgens nicht ohne Kaffee aus dem Haus, dachte er und warf die Tür zu, verschloss das Auto mit der Fernbedienung und drehte sich Richtung Eingang. Die große Halle hinter der Glastür machte immer noch immensen Eindruck auf ihn. Selten hatte er architektonisch solch Licht durchflutete Räumlichkeiten gesehen, dachte er mit ein wenig Stolz.

 Ein Blick auf seine Uhr sagte ihm, dass er spät dran sein und die Präsentation noch aufbauen musste. Eilig ging er die Treppen hinauf in sein Büro.  Seine Sekretärin kam ungefragt mit einem Becher und der Kaffeekanne hinterher, eine Perle ihrer Zunft und wies mit einer Handbewegung auf den Laptop, den  sie schon gestartet hatte. Mit schnellen Handgriffen loggte er sich in die nötigen Präsentationen und drückte nebenbei den Schalter der Gegensprechanlage am Telefon. „Sabine, würdest Du mir bitte die Bildkonferenz für zehn Uhr freischalten?“ Ein kurzes Räuspern und dann ihre frische Stimme : „klar Chef“. So war sie, kurz, knapp, präzise, das was er an ihr so schätzte in der täglichen Zusammenarbeit.

 Marty überflog kurz noch einmal die vorbereiteten  Powerpoint Daten und machte einen Testlauf. Fünfzehn Minuten noch bis zur Liveschaltung. Er beschloss kurz noch auf die Dachterrasse zu gehen, um die Morgenluft zu genießen. Seinen Kaffeebecher nahm er mit und bedeutete im Vorbeigehen Sabine, dass er gleich zurück sei.

 Sie nickte nur und hackte weiter auf Ihre Tastatur ein, das Diktafon mit Kopfhörer hinters linke Ohr gesteckt. Auch sie hatte blondes Haar,  die Augen etwas dunkleres Blau als Martys,  wie viele in diesem Landstrich, jeder zweite hatte nordische Vorfahren. Siebzehn Jahre kannten sie sich, seit der Schulzeit, auch wenn sie sich einige Jahre aus den Augen verloren hatten. Er hatte im  Ausland Architektur studiert und sie eine Ausbildung mit Fremdsprachen in Frankreich absolviert. Trotz aller Weltenbummelei hatte es sie am Ende beide zurück nach Norddeutschland verschlagen, wo sie ursprünglich herkamen. Lächelnd lehnte er am Geländer der Dachterrasse und genoss die Weite, die das Land hier oben bot. Bewusst hatte er zwar Wohnraum in der Stadt gewählt, denn auch diese Atmosphäre liebte er, aber sein Büro zog er hier draußen vor. Kurze Ausspannphasen waren so garantiert. Vorm Geschäftsgebäude streckte sich der Vorort und die in der Ferne liegenden Felder gaben dem ganzen einen Landurlaub artigen Anschein. „Marty Swenson - Architekturbüro“ stand auf dem Schild im Garten, das von allen Seiten zu lesen war. Und mit nicht wenig Stolz wurde ihm Gewahr, was er in seinen wenigen Berufsjahren schon geschaffen  hatte. 

Die heutige Präsentation würde über sein nächstes Projekt entscheiden. Eine Feriensiedlung nordischer Art, mit Holzhäusern, ähnlich den Cottages in Kanada, natürlich eingebettet in die Umgebung. Weitläufige Parkanlagen, die naturbelassenen Waldanteile nutzend. Ein Relax Ressort sollte es werden, für Familien und Singles gleichermaßen, alt und jung, so etwas gab es hier oben noch nicht und die Weite des Landes lud ideal zum Wandern ein. Die kurze Distanz  zum Meer ergab einen weiteren Anreiz, sich hier wohl zu fühlen.

Marty seufzte, nahm einen letzten Schluck Kaffee und wollte sich zum Gehen wenden, als im Augenwinkel etwas flackerte und er wieder meinte dasselbe Piepsen wie am Morgen zu hören. War er etwa doch überarbeitet ? Da er nichts weiter sehen konnte, wandte er sich um und ging hinein. Was er nicht mehr sah, war das kleine beflügelte Wesen, das sich hinter ihm durch die Tür zwängte und neugierig hinter ihm her schwebte, lautlos.

 „Es kann losgehen!“ warf ihm Sabine kurz in einem Satz zu und er ging in sein  Büro. Der Bildschirm war noch an und der Countdown- schalter wartete auf Freigabe. Das Bild wackelte kurz und dann war die Standleitung perfekt. Mr. Kamosora der von Japan aus das Projekt sponserte saß steif an seinem Schreibtisch  und meinte noch nicht auf Sendung zu sein.

„Oheio“ sagte Marty, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Gegenüber zuckte kurz zusammen, sagte etwas undeutliches auf japanisch und nickte ihm erst  in der steifen Art der Asiaten zu. „Maaarty“ sagte er dann lang gedehnt und breitgrinsend    und sämtliches Fremdeln war verflogen. „Was gibt es Neues? Wie weit bist du mit den Entwürfen?“ „Alles Roger mein Bester, „ grinste Marty zurück und warf die Dokumentation an. „Sieh selbst“ Eine Fotoshow folgte mit den bereits erschlossenen Gebieten und wieder einmal war Marty froh, dass Kenny sein Freund der Fotograf und Kameramann aus allem  ohne große Erklärungen stets das Beste herausholen konnte.

Im Anschluss zeigte er  Mister Kamosora die Zeichnungen und diversen Skizzen aus Vogelansicht mit dem Verlauf der Zuwegungen, der Aufteilung der Gebäude, dem zentralen Bereich, der später die Versorgung und die Freizeitaktivitäten gewährleisten sollte. Irgendwie kam ihm etwas bekannt vor auf den Bildern, aber er konnte zu dem Zeitpunkt keinen Zusammenhang herstellen zum dem Gebiet,  durch das er heute früh gefahren war.

Zufrieden nickte sein Gesprächspartner und machte  nicht viel  Worte, aber seine Zustimmung war ihm im  Gesicht  abzulesen. „Wie viel Vorschuss brauchst du für die weiteren Planungen?“ wollte er noch wissen und Marty nannte ihm eine circa Summe, die er am Vortag mit Sabine hoch gerechnet hatte. Auch dies erwirkte nur ein kurzes zustimmendes Nicken Mister Kamosoras und er bat ihn auf dem  Laufenden gehalten  zu werden. „Moment noch..“ sagte er, als Marty gerade zum Abschluss der Vorstellung kommen wollte, was ist das denn?„

 Marty wusste erst nicht was er meinte, doch dann sah er es auch: Am Bildrand war ein Foto mit einem Straßenschild zu sehen: ein dicker roter Pfeil und der Name Elfengaard. Kenny musste sich einen Scherz erlaubt haben... „Der Name gefällt mir“ sagte Mister  Kamosora,  „Es passt zu dem nordischen Touch, den wir der Anlage geben wollen. „Hat etwas Sagenhaftes.“ Marty wirkte etwas verstört. Diese Aktion kam etwas unerwartet, er würde Kenny später fragen wollen was es damit auf sich hatte.  „Ja, wir waren zwar noch nicht soweit, das Projekt mit einem Namen zu benennen, aber wenn es Recht ist,“ er räusperte sich „ passt es in der Tat ganz gut.“ Er fand er hatte die Situation ganz gut überspielt. Nichts schlimmer als wenn sein Geldgeber ihn plötzlich  für unprofessionell hielte!

Immer „Herr der Lage bleiben“, hatte sein Vater ihn von klein auf gelehrt und bei allen Flausen, die er im Kopf hatte, wusste er heute, wie recht sein alter Herr gehabt hatte. Es gab zwei Plattformen im Leben, das Private und  die Welt „da draußen“ - beides konnte man als Theater ansehen, in dem man  jeden Tag von Neuem seine Vorstellung gab. Nach Klärung einiger nebensächlicher Punkte beendete Marty die Telefonbildkonferenz und schaltete die Gegensprechanlage an. „Sabine?, machst du mir bitte eine Verbindung zu Kenny?“ „Geht sofort los“ rief  sie aus dem  Nebenraum und kurz darauf klingelte sein Apparat.

"Kenny, was für eine Überraschung war das mit dem Elfengaard-Schild da auf meinem Laptop?“ kam Marty gleich zur Sache und wartete auf eine  Antwort, doch Kenny sagte zunächst gar nichts, gähnte lautstark  und fragte ihn dann nur etwas grantig, ob es ihm noch gut ginge,  ihn so früh am Morgen (es wäre erst  elf!) anzurufen. Was er denn meinte, wie er denn etwas auf seinen Laptop geschmuggelt haben solle und wer überhaupt sei Elfengaard? „Nicht weeeer – was?“ quakte Marty in den Hörer zurück, hielt inne „Äh, was? … aber... „ fing er wieder  an und unterbrach sich selber. „Du meinst, du weißt von nichts?“ „fragte er dann  zögernd in den Hörer. „Nein, natürlich nicht, was ist passiert, vielleicht fängst du mal von vorne an?“ fragte Kenny nun leicht ungehalten in den Hörer.

Mit kurzen Worten erzählte Marty ihm von der Präsentation und dem Ende, das er unerwartet auf seinem Laptop vorgefunden  habe und nach kurzem Überlegen, fügte er auch die Erlebnisse der Fahrt von seinem morgendlichen Weg hinzu und das Schild, das ihm unterwegs aufgefallen war mit demselben Namen : Elfengaard.

Am andern Ende der Leitung herrschte Schweigen. Kenny schien zu überlegen. „Hm... „ brummelte er nur und Marty sah ihn in  Gedanken  vor sich, wie er verschlafen in Shorts auf seiner Bettcouch sitzen mochte und sich die dunklen Locken aus den Augen strich. Mehr der Form halber, als  dass es wirklich etwas gebracht hätte. Denn  Kenny sah schon als Kind mehr wie ein Rastaman aus, als wie jemand, der überhaupt je einen Friseurladen von innen gesehen  hätte. Nicht eine  Spur nordisches Blut schien in ihm zu fließen „im Gegensatz zu seinen Eltern“. So hatte Marty früher oft die Leute reden hören, denn nur die wenigsten wussten bis heute überhaupt, dass Kenny adoptiert war.

 "Keine Ahnung“ kam es dann aus dem Hörer und dann  schlug Kenny vor, sich zum Mittagessen zu treffen und vorher oder nachher dort einfach einmal vorbei zu fahren, ob er noch wisse, wo das gewesen sei? „Nicht so ganz, „ meinte Marty, aber er würde den selben Weg wie heute Morgen einfach zurückfahren und dann müssten sie dort schon vorbei kommen. „Dann bis später, ich komme gegen  eins“ brummte Kenny erneut in den Hörer und hängte einfach auf.

 Marty starrte irritiert auf den Telefonapparat. Was war heute in seinen Freund gefahren? So wortkarg war er sonst gar nicht. Ein Kichern von der Tür riss ihn  aus seinen Gedanken. Sabine stand dort und grinste breit. „Na, das war ja wohl wenig von dem was du gerade hören wolltest oder?“ fragte sie und erwartete aber nicht wirklich  eine Antwort. Sie wusste, wenn Marty seinen Gedanken so nach hing, brauchte er Zeit für sich allein.

 Achselzuckend ging sie an ihren Schreibtisch zurück, sie hatte noch zu tun. Auf dem  Weg dorthin beschloss sie noch in der Küche den Handzettel vom Pizzaservice zu holen, um sich fürs spätere Mittagessen Nudeln zu bestellen. Die Küche war in helles Licht getaucht und auf der Fensterbank stand ein Topf mit Blumenzwiebeln. Sie hatte sie erst vorgestern mitgebracht, da waren nur ganz kleine grüne Spitzen zu sehen gewesen, aber sie hatte beim Kauf  bereits die Vorfreude auf die kleinen gelben Narzissen und roten Tulpen gespürt,  die laut Etikett auf dem Topf in Kürze   hervor streben würden.

Sie wandte sich zum Magnetbord, wo der Flyer hing und aus dem Augenwinkel sah sie eine Bewegung. Wahrscheinlich ein Vogel  im Vorgarten dachte sie und drehte sich kurz dorthin,  erstaunt sah sie dann jedoch auf den Blumentopf,  der voller blauer Sternchenblumen war, viel mehr als Zwiebeln in dem Topf gewesen waren und natürlich  war das ja eine ganz andere seltsame Blumenart. „Marty?“ rief sie etwas verärgert, da sie vermutete er hätte die andern  Blumen bereits voreilig als Unkraut wieder entsorgt. „Wo sind meine Narzissen- und Tulpenzwiebeln hin?“

 „Bitte was?“ rief er zurück und erschien kurz darauf in der Küche. Sie deutete mit einer Handbewegung auf die Fensterbank. „Der Blumentopf, den ich vorgestern mitgebracht habe, wo ist er?“ fragte sie noch einmal. „Da steht er doch“ sagte er „ich habe nichts umgestellt, das ist doch dein Fachgebiet“ meinte er und fragte sich innerlich, ob heute Morgen alle zu Absonderlichkeiten neigten. Erst Kenny,  dann seine eigene Verträumtheit beim Autofahren, Unkonzentriertheit korrigierte er sich, aber war sich dennoch im Klaren, dass es mehr war als das. „Aber das sind ganz andere Blumen“ versuchte Sabine noch einmal aufs Thema zu kommen. „Ehrlich, ich hab keine Ahnung, ach Sabine,  frag bitte das Putzkommando“ wandte er sich wieder ab, um in seinem Büro zu verschwinden.

 Sabine blieb verdattert zurück. Die Putzdamen würden sicher genug Verstand und Kenntnis über Topfpflanzen besitzen, um nicht etwas ungefragt auszutauschen oder gar weg zu werfen. Alles machte keinen Sinn heute. Da sie aber jetzt auch  keine  sofortige Antwort dafür bekäme,  zog sie nur den Pizzaflyer vom Bord und nahm ihn mit zurück in ihr Vorzimmer. Immerhin, blaue Sternchenblumen haben ja auch etwas, dachte sie lächelnd und irgendwie fiel ihr ein, wie Marty's Großmutter früher eine Elfengeschichte erzählt hatte, wo eine Blumenelfe immer die Räume der Menschen dekoriert hatte, wenn sie meinte es täte ihnen gut, etwas Blühendes in ihrem Leben zu haben. Blumenwachstum war ein Urgesetz in der Natur. Der Jahreskreislauf, der sich stetig wiederholte und Kraft allen Lebens sich immer aufs Neue Wege suchte und Bahn brach. Tröstlich hatte Sabine diese Geschichte immer gefunden. Nichts war wirklich verloren.

 Entschlossen nahm sie den  Hörer, bestellte die Nudeln für dreizehn Uhr, dann würde Marty mit Kenny auch verschwinden und machte sich an ihre Übersetzungsarbeiten vom Diktafon. Es war noch viel zu tun. 

 

 IN ELFENGAARD

In Elfengaard war ein stetiges Treiben – Wichtel rannten geschäftig hin und her und die Elfenkinder waren heute kaum zu bändigen. Die Tageslosung hiess: „Frühlingsblumen austreiben lassen“ und alle waren darin eingebunden, alt und jung, groß und klein. Janice flog zum Dachfenster herein und schüttelte sich erst mal. Die  Schneeflockengören, die auch um diese Zeit noch ab und an ihr Unwesen trieben, gingen ihr bereits gehörig auf den Geist. Der Wintervater müsste mal seine Schützlinge langsam einsammeln und auf den Sommerschlaf vorbereiten, fand sie, aber wer fragte schon eine kleine Blumenelfe. Sie strich die Flügel glatt, die seidig schimmerten und raschelte mit ihren lilagrünen Röcken. Ihre grünen Augen blitzen übermütig. Ihren hellen, geflochtenen langen Zopf warf sie mit einem Schwung auf den Rücken zurück. Heute auf ihrer Erkundungstour war sie seit langem mal wieder Auto gefahren. Lächelnd dachte sie an den jungen Mann zurück, der nicht einmal bemerkt hatte, dass ein faules, aber neugieriges Elfchen zugestiegen war. Die Menschen  konnten so blind sein  manchmal! Dabei hatte der Kerl träumend an der Ampel gestanden, sogar das Schild sehen müssen, aber vielleicht auch nicht.

 Sie wusste, dass wieder ein Bauvorhaben der Menschen in Planung war und ihre Aufgabe war es unter anderem solche Dinge auf Ihren Touren zu erkunden und Meldung beim Oberen Rat zu machen. Zu viel Lebensraum war schon zerstört worden von diesen großen Gesellen, die einfach mit Baggern und schwerem Gerät irgendwo ankamen, ein Schild in die Erde rammten, als wäre alles ihres und drauflos gruben, dass  die Erde wackelte.

 Das Honigelfenvolk war auf diese Art beinah ausgelöscht worden. Danach hatte der Obere Rat beschlossen  künftig mehr auf der Hut zu sein und die Menschen besser zu überwachen. Früher gab man noch etwas auf Elfen und die ganzen Erd- und Naturgeister. Heute war ein Zeitalter der hochmodernen Industrialisierung entstanden, das schon lange alles überholt hatte, unabwendbar und die Naturgeister hatten es vorgezogen sich in sicherere und für andere unsichtbare Gefilde zurückzuziehen. Dennoch wurden sie ja gebraucht, denn welcher Mensch ahnte schon, dass ohne  sie nichts wuchs? Dass Tag und Nacht und alle Jahreszeiten von ihnen  abhingen. Vielleicht sollten sie einmal in richtigen Streik treten, so wie die Menschen manchmal, wenn sie etwas nicht wollten und sich dann zusammen rotteten mit Transparenten und Sprechchören. Aber würde sie jemand hören?

 Janice hing ihren tausend Gedanken mal wieder nach und hätte beinah verpasst, dass es Mittag war. Auch für Elfen ist das eine eminent wichtige Tageszeit. Danach, also nach dem Essen, konnte man sich nämlich in eine Gräserhängematte begeben und richtig dösen, bis die Abenddämmerung mit neuen Aufgaben rief. Das wollte sie genauso wenig verpassen, wie die Mittagsmahlzeit. Natürlich fand  um diese Jahreszeit alles hier drinnen statt, frische Grasmatten waren Anfang März ja kaum herzustellen, aber allein die Ruhige Phase war etwas Tolles. Da war man doch stolz Elfe zu sein. Die Menschen  besaßen so eine Auszeit kaum noch. Sie arbeiteten den ganzen Tag oder die noch so etwas wie eine Ruhige Phase kannten, taten dies dann so ausgiebig, den ganzen Tag, dass sie nichts andres mehr schafften  - beide  Extreme waren nicht richtig fand Janice... wie ihr Vater immer gesagt hatte : Die goldene Mitte zählte!