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Eisige Wahrheit

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. Leseprobe – Ostseetod

Über dieses Buch

Ein entspannter Kurzurlaub mit Freund und Kind – das ist Pia Korittkis festes Vorhaben, als die drei kurz vor Weihnachten in einem kleinen Dorf an der Ostsee eintreffen. Doch dann stoßen sie beim Schlittenfahren auf die Leiche eines jungen Mannes. Obwohl Pia eigentlich Urlaub hat, beginnt sie zu ermitteln. Dabei stellt sich heraus, dass der Tote der erwachsene Sohn und Erbe eines großen Bauernhofs im Ort war – und jede Menge Feinde im Dorf hatte. Als dann auch noch eine junge Frau verschwindet, die sich am Mordabend mit dem Opfer treffen wollte, ist Pia alarmiert …

Über die Autorin

Eva Almstädt, 1965 in Hamburg geboren und dort auch aufgewachsen, absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Seit 2001 ist sie freie Autorin. Eva Almstädt lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Schleswig-Holstein.

1. Kapitel

Der erste Schnee fiel, als sie von der Bundesstraße auf die schmale, gewundene Straße in Richtung Küste abbogen.

»Siehst du, Pia, wir haben doch das richtige Auto genommen.« Lars Kuhn schaltete die Scheibenwischer des alten Landrovers auf die zweite Stufe. Die kurzen Wischerarme ruckten hektisch hin und her, doch die dicken Schneeflocken nahmen ihnen trotzdem beinahe die Sicht.

Pia Korittki warf einen Blick nach hinten zu ihrem dreijährigen Sohn. »Schade, dass Felix eingeschlafen ist. Der würde sich bestimmt über den Schnee freuen.«

»Hat Felix überhaupt schon einmal richtig viel Schnee erlebt?«

Pia ließ die letzten drei Jahre Revue passieren. »Nein, bisher blieb es, glaube ich, immer nur bei Schneematsch.«

Wie schnell die Zeit vergangen war! Pia arbeitete als Kriminalkommissarin bei der Lübecker Bezirkskriminalinspektion, zwar mit reduzierter Stundenzahl, doch es war immer zu wenig Zeit, sowohl im Beruf als auch für Felix und nicht zuletzt für ihren Freund Lars. Umso mehr freute Pia sich auf die gemeinsamen Urlaubstage am Meer. Ihr Reiseziel lag an der Ostseeküste, nicht weit von Lübeck entfernt. Sie hatten nicht noch unnötig Zeit mit einer langen Anreise vergeuden wollen.

»Vielleicht bleibt der Schnee ja liegen.« Lars steuerte sein Lieblingsgefährt mit einem zufriedenen Lächeln über die kurvige Landstraße. Er deutete über den Ersatzreifen auf der Motorhaube nach vorn. »Schau mal den Himmel dort hinten an. Da kann noch einiges an Schnee herunterkommen.«

Seine beinahe kindliche Freude über die schwierigen Straßenverhältnisse war ansteckend. »Ich versteh schon. Du möchtest endlich mal wieder deinen Allradantrieb einschalten müssen«, neckte Pia ihn. »Hast du denn auch alles dabei? Eine Winde und einen Spaten, um uns frei zu schaufeln. Die Sandbleche und so?«

Er lachte auf. »Klar. Das werden ein paar superschöne Tage, Pia.« Lars legte die Hand auf ihr Bein und drückte leicht zu. »Wir lassen uns durch nichts stören, okay?«

Eine Viertelstunde später, nachdem sie den Küstenort Hochfeld hinter sich gelassen hatten, tauchte auf der linken Seite ein kleiner Hafen auf. Viele der Schiffe befanden sich im Winterlager, und auch die grün gestrichenen Bootsschuppen sahen verwaist aus. Kurz darauf bogen sie in einen Schotterweg ein, der zu zwei reetgedeckten Bauernhäusern führte. Hinter dem flachen Dünengürtel und der Ostsee türmten sich graue Wolken. Die beiden Häuser duckten sich unter mächtigen Linden, und die dazugehörigen Gärten waren von einem Lattenzaun und einer hohen Hecke eingefasst. Ihr Feriendomizil sah so urig und gemütlich aus, dass Pia den spontanen Wunsch verspürte, wirklich für ein paar Tage hier eingeschneit zu werden.

Lars parkte neben dem Fachwerkhaus, in dem sie eine Ferienwohnung gemietet hatten. Den Schlüssel hatten sie in Hochfeld im Büro der Ferienhausagentur von Wiebke Schütz abgeholt. Pia schloss auf und trat mit Lars, der den schlafenden Felix auf dem Arm trug, ins Haus.

Sie schaltete das Licht ein und sah sich um. Holzdielen, Sprossenfenster, offene Balken, mit kariertem Stoff bezogene Polstermöbel und ein aus Backstein gemauerter Kamin. »Das hast du gut ausgesucht«, sagte sie erfreut.

»Und es ist absolut ruhig hier. Wir haben endlich mal Zeit für uns.«

Pia sah sich in der Küche um. Sie meinte, einen herausfordernden Ton in Lars’ letzter Bemerkung herauszuhören, und lächelte. »Weißt du, selbst wenn mir gleich aus diesem Backofen eine abgehackte Hand entgegenfällt: Es gilt das Tatortprinzip. Da wären die Kollegen aus Kiel gefordert.«

»Du willst doch hier nicht etwa Backen oder Kochen?«, fragte Lars mit gespieltem Entsetzen.

»Warum nicht? Traust du mir das nicht zu?«

»Wir haben Urlaub«, sagte er.

Felix blinzelte und rieb sich die Augen. »Ich hab so ’nen Hunger«, murmelte er.

Sie sahen einander an.

»Ich habe im Ort eben noch eine offene Pizzeria gesehen«, sagte Lars.

»Eigentlich wollte ich mich hier heute gar nicht mehr vom Fleck rühren.« Die letzten Wochen im Kommissariat waren hektisch gewesen. Pia sehnte sich danach, sich im Haus einzuigeln. Je ungemütlicher das Wetter derweil draußen war, desto besser.

»Vielleicht gibt es ja auch Pizza zum Mitnehmen?«

»Himmelherrgott, Sacklzement!« Fiona Rogge blickte in ein Chaos aus wirbelnden weißen Flocken, die so dicht fielen, dass sie den vor ihr aufragenden Kirchturm der Markuskirche nicht sehen konnte, sondern gerade noch die alten Grabkreuze jenseits des Weges. Sie fluchte auf einem Kirchhof? So weit war es also schon mit ihr gekommen. Aber es war ja eine evangelische Kirche, also zählte das bei ihr vielleicht nicht.

Im Gemeindehaus war gerade die Chorprobe des Markus-Chors zu Ende gegangen. Fiona hatte es eilig. In nur fünf Minuten war sie mit Michael verabredet. Und jetzt würde sie zu spät kommen, denn mit Schnee hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.

Als sie vor gut zwei Stunden vom Behning-Hof, auf dem sie ihr landwirtschaftliches Praktikum absolvierte, mit dem Fahrrad hier angekommen war, war es ein ganz normaler Dezembernachmittag in Norddeutschland gewesen: feucht und grau und viel zu windig. Wo kam auf einmal der viele Schnee her? Wenn der jetzt liegen blieb und die holsteinischen Hügel plötzlich weiß wurden, würde sie bestimmt Heimweh nach Bayern bekommen. Die viele Weihnachtsbeleuchtung, der man in Hochfeld und auf den umliegenden Höfen auf Schritt und Tritt begegnete, war schon schlimm genug.

Fiona arbeitete und wohnte seit gut fünf Monaten auf dem Bauernhof der Familie Behning. Sie mochte Ilka und Jörn Behning und ihre kleine Tochter Lina wirklich gern, trotzdem quälten Fiona immer wieder Anfälle von Heimweh, und wenn das so war, dann wollte sie am liebsten ihren Koffer packen und sofort nach Hause fahren. Es dauerte anscheinend, bis man Gleichaltrige kennenlernte, bei denen der Kontakt über ein »Moin« und »Tschüss« und »Wie geht’s?« hinausging. Und wenn dann doch mal mehr draus wurde, konnte Fiona oft nicht richtig einschätzen, ob derjenige ernst meinte, was er sagte, oder sich nur einen Spaß mit ihr erlaubte. Ironie war ja noch nie so recht ihr Ding gewesen. Außerdem war sie wohl zu schüchtern. Fiona hatte es sich einfacher vorgestellt, Kontakte zu knüpfen. Zum Beispiel sang sie wahnsinnig gern, und das schon, solange sie denken konnte. Aber selbst im Chor fühlte sie sich nach wie vor nur wie ein gern gesehener Gast. Vielleicht lag es auch daran, dass alle außer Carola, der Tochter des Kantors, und Tobias Hollmann, dem Nachbarssohn, deutlich älter waren als sie. Doch seit ein paar Tagen gab es Anlass zur Hoffnung, und die hieß Michael.

Michael Hollmann wohnte seit Kurzem auf dem Nachbarhof. Bisher hatte Fiona dort nur Hedda und Karl Hollmann sowie Heddas stieseligen Sohn Tobias angetroffen. »Stieselig«, den Ausdruck hatte sie von Ilka Behning, und er passte so haargenau, als wäre er für Tobias erfunden worden. Seit sie mit ihm zusammen im Chor sang, verfolgte er sie mit seiner Aufmerksamkeit. Leider war er zu sehr von sich eingenommen, hatte Mundgeruch und schwitzte stark, sogar im eiskalten Gemeindehaus.

Michael Hollmann war Tobias’ Stiefbruder und ein paar Jahre älter als er. Er war erst vor einigen Wochen wieder auf den elterlichen Hof zurückgekehrt. Vorher hatte er in München gelebt. Michael musste mal irgendwann etwas Blödes angestellt haben, so wie sie alle über ihn redeten. Doch das war Fiona egal. Vielleicht waren die Leute auch nur neidisch, weil er gut aussah, witzig und charmant war und schon etwas von der Welt gesehen hatte. Oder weil er einen alten Porsche fuhr, ergänzte sie in Gedanken. Und ausgerechnet mit ihr wollte Michael ausgehen!

Fiona wischte den Schnee vom Zahlenschloss des Fahrrads und versuchte, im Dämmerlicht die richtige Zahlenkombination einzustellen. Sie hatte Michael vor ein paar Tagen in der einzigen geöffneten Kneipe von Hochfeld kennengelernt. Die Frau, mit der sie eigentlich verabredet gewesen war, war früh nach Hause gegangen, und so hatte Fiona sich irgendwann mit ihm unterhalten. Und dann hatte er sie gefragt, ob er ihr die Gegend zeigen dürfe. Fiona hatte während ihrer Zeit im Norden bisher nicht einmal Lübeck oder den Hamburger Fischmarkt gesehen. Da die Behnings den kürzlich heimgekehrten Nachbarssohn anscheinend nicht mochten und die Abneigung bei seinen Eltern in Bezug auf die Behnings offenbar auf Gegenseitigkeit beruhte, waren Michael und sie übereingekommen, dass er sie besser nicht direkt von zu Hause abholen sollte. Schade eigentlich, aber Fiona wollte nicht mit den Behnings diskutieren, warum sie sich ausgerechnet mit Michael Hollmann traf. Er hatte sie auch nicht vor dem Gemeindehaus treffen wollen.

»Zu nah an der Kirche«, hatte er spöttisch gesagt. »Der liebe Gott und ich sind nicht gerade so.« Dabei hatte er zwei überkreuzte Finger hochgehalten. Sie würden sich hinter der Feldscheune der Behnings treffen, wo niemand sie sehen konnte, und von dort aus losfahren.

Fiona hob das Fahrrad aus dem Ständer und winkte Wiebke und Carola Schütz zu, die nun ebenfalls das Gemeindehaus verließen. Bei diesem Wetter würde sich die Gruppe schnell auflösen, weil alle wieder zurück auf ihr gemütliches Sofa wollten.

Sie schob das Rad durch die Pforte, schloss sie gewissenhaft hinter sich und sah dann hoffnungsvoll zum Himmel. Das Schneetreiben war bestimmt gleich wieder vorbei. An der Straße schwang Fiona sich auf das Herrenrad, das die Behnings ihr zur Verfügung gestellt hatten, und fuhr die Hauptstraße entlang durch den Ort. Am Ortsausgang trat sie kräftiger in die Pedale. Sie wollte nicht verschwitzt und außer Atem bei Michael eintreffen, aber verpassen wollte sie ihn auch nicht.

Als Fiona die kleine Anhöhe hinuntersauste, schneite es immer noch, doch zumindest der Schnee auf der Straße schmolz schon wieder weg. Rutschig war es trotzdem. Sie hörte ein metallisches Scharren, bremste ab und geriet ins Schlingern. Fiona riss den Lenker nach rechts, um nicht auf die Fahrbahn zu geraten. Sie hatte für die abrupte Lenkbewegung zu viel Schwung, und das Vorderrad stellte sich quer.

Himmelherrgott!, dachte sie zum zweiten Mal an diesem Nachmittag. Sacklzement! Der Sturz lief wie in Zeitlupe ab. Ein filmreifer Salto über den Lenker. Abrollen!, dachte sie noch und landete nach einer klassischen Judorolle im Straßengraben.

Im ersten Moment hoffte Fiona, ihr sei nichts passiert. Sie sortierte ihre Gliedmaßen aus dem Fahrradrahmen, schob das Rad beiseite und rappelte sich auf. Dann kroch sie aus dem Graben hinauf auf den Fahrradweg. Ein weißer Kombi fuhr langsam an ihr vorbei. Es war schon zu dunkel. Sie konnte die Person am Steuer nicht erkennen, aber Fiona winkte, als wäre ihr nichts geschehen. Hoffentlich hielt der Fahrer oder die Fahrerin nicht an! Der Sturz war Fiona peinlich. Sie wollte kein Aufsehen erregen. Im nächsten Moment wurden ihr die Knie weich, und sie sackte auf dem Asphalt zusammen wie eine Marionette. Ihr rechtes Knie und ihr Ellenbogen taten so fies weh, als hätte jemand mit einem Mal eine Art Schmerzregler voll aufgedreht. Entsetzt sah Fiona, wie sich in Kniehöhe auf ihrer Jeans ein Blutfleck ausbreitete. Auch ihre Hände brannten, und aus den Schrammen sickerte Blut. Oh Gott, sie hatte doch ein Rendezvous … Vor ihren Augen flimmerte es, die Landschaft kippte nach links, und es wurde dunkel.

Als Fiona die Augen wieder aufschlug, sah sie dunkelgrauen Himmel, in dem vereinzelt Schneeflocken schwirrten. Dann tauchte ein ihr unbekanntes Gesicht über dem ihren auf.

»Hallo, können Sie mich hören?«

Sie zitterte. Was war passiert? Der Fahrradunfall! War sie etwa ohnmächtig geworden? Sie versuchte, schnell wieder hochzukommen, doch eine Hand auf ihrer Schulter hielt sie unten. »Nicht so hastig. Ganz langsam. Sie waren kurz weg. Geht es wieder?« Es war eine tiefe, vertrauenerweckende Stimme.

Der Mann sah gut und auch ausgesprochen nett aus. Er war schätzungsweise Anfang vierzig, mit etwas längeren hellbraunen Haaren und einem Bartschatten. Unter der olivfarbenen Jacke trug er ein helles Hemd, und er roch nach etwas Leckerem zu essen. Als er ihr hochhalf, als wöge sie nichts, spürte sie, wie kräftig er war.

»Danke! Mir geht es gut.« Sie sah an sich hinunter auf die blutige und zerrissene Jeans, dann auf das Fahrrad der Behnings. Das Vorderrad und der Lenker waren verbogen, das hintere Rad hing lose im Rahmen. »Jedenfalls besser als dem Fahrrad.«

»Haben Sie Kopfschmerzen?«, fragte der Unbekannte.

Sie fasste sich ins Haar. Kein Blut, keine Beule fühlbar. Vorsichtig schüttelte sie den Kopf. »Ich hab mal Judo gemacht. Ich kann fallen.«

»Na, Gott sei Dank! Schauen Sie mir mal in die Augen!«

Seine waren graublau, leicht gesprenkelt, mit gebogenen Wimpern und Lachfältchen drum herum.

»Ihre Pupillen sehen gleich groß aus«, sagte er. »Vielleicht ist es ja doch keine Gehirnerschütterung. Was meinen Sie? Soll ich Sie zum Arzt fahren?«

»Nein! Ich wohne gleich hier die Straße runter auf dem Hof der Behnings.« Das Treffen mit Michael konnte sie knicken, so wie sie sich fühlte und aussah. Sie wollte sich nur noch in ihrem Zimmer im Bett verkriechen, nachdem sie eine Handvoll Schmerztabletten eingeworfen hatte, wenn möglich.

»Okay, ich weiß, wo das ist«, sagte er. »Da steht doch dieses große Tor an der Straße, stimmt’s? Moment, ich helfe Ihnen ins Auto. Das Rad kann ich hinten einladen. Sollte passen, so wie Sie es zerlegt haben.« Er lächelte aufmunternd und half ihr, sich auf den Beifahrersitz seines Geländewagens zu hieven.

»Wonach riecht es hier?«

»Ich hab gerade für meine Familie Pizza gekauft.«

»Oh! Bestimmt in der Casa Roma. Die ist gut.«

Der Unbekannte lud ihr Fahrrad ins Auto und fuhr sie die Straße hinunter und dann den Feldweg entlang zum Behning-Hof. Er schien ihren Arbeitgeber, Jörn Behning, zu kennen, auch wenn der reichlich überrascht war, ihren Retter auf seinem Hof anzutreffen. Doch die Behnings kannten in der Gegend viele Leute, weil sie schon immer hier gewohnt hatten. So ähnlich ging es ihr zu Hause in Bayern ja auch.

Als Fiona mit von Ilka Behning fachmännisch versorgten Wunden, ein paar Schmerztabletten und etlichen Kühlkissen in ihrem Bett lag, fiel ihr ein, dass sie den unbekannten Mann nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte. Überhaupt, alles war schiefgelaufen! Vor allem ihr Treffen mit Michael hatte sie verpasst. Das tat am meisten weh. Da lernte sie endlich mal wieder einen interessanten Mann kennen, freute sich tagelang auf die Verabredung mit ihm, und dann versetzte sie ihn. Was er nun wohl von ihr dachte? Dass sie wegen der dummen Gerüchte über ihn kalte Füße bekommen hatte? Hielt Michael sie nun für eine arrogante Ziege oder für ein verschrecktes Huhn? Sie musste ihm eine Nachricht schicken und es erklären, obwohl er sicher längst nicht mehr hinter der Feldscheune auf sie wartete. Schon gar nicht bei diesem Mistwetter. Ihr Mobiltelefon befand sich in ihrer Tasche, und die lag neben dem Sessel in Sichtweite. Fiona wollte aufstehen, um das Handy zu holen, doch sie stöhnte auf und sackte in die Kissen zurück. Tränen brannten in ihren Augen. Heute ging gar nichts mehr.

Der Porsche 911 Carrera schnurrte die Landstraße entlang. Die Geschwindigkeit, die Straßenlage des Wagens, der förmlich auf dem Asphalt klebte, und das Röhren des Boxermotors versetzten Michael Hollmann sofort in bessere Laune. Er drehte die Musik lauter und schlug mit der flachen Hand im Takt auf das Lederlenkrad. Die Investition hatte sich gelohnt. Nicht nur, weil die Nachbarn sich erwartungsgemäß über seinen Wagen das Maul zerrissen, neidisch, wie sie waren. Auch sein Vater war auf den alten Trick hereingefallen und glaubte, dass er in München gutes Geld verdiente, da er ansonsten kein so kostspieliges und unvernünftiges Auto fahren würde. Wirtschaftlicher Erfolg schien ihm zumindest Respekt für Michael abzuringen, wenn schon nicht Liebe. Und Respekt war wohl das Mindeste, was er als einziger Sohn erwarten durfte, wenn er nach so vielen Jahren der Abwesenheit wieder nach Hause kam. Michael war jetzt zweiunddreißig, und der Grund, warum er damals bei Nacht und Nebel abgehauen war, erschien ihm inzwischen lächerlich. Diese blöde Weibergeschichte. Und um Geld war es natürlich auch gegangen. Sein Pech, dass sein Vater und der Filialleiter der Sparkasse einander so gut kannten. Sein Vater hatte ihn zwar »ausgelöst«, ihm aber danach den Hof verboten.

Doch in der Zwischenzeit hatten sich Hedda und ihr Sohn Tobias so richtig ins gemachte Nest gesetzt und seinen Alten bearbeitet, damit Tobias den Hof erbte und nicht er. Allein die Tatsache, dass Tobias sich hatte adoptieren lassen und nun auch Hollmann hieß! Und er, Michael, sollte nur einen Pflichtteil bekommen. Er hätte brechen können, wenn er nur daran dachte. Erbost schlug er auf das Lenkrad. Diese Schmarotzer würden sich nicht an seinem Erbe bereichern! Da musste er sich bald etwas einfallen lassen. Die Zeit drängte, wenn das Testament wieder geändert werden sollte. Sie sagten es ihm nicht, aber seinem Vater ging es offensichtlich gesundheitlich nicht besonders gut.

Michael sah die Zufahrt zum Behning-Hof im Scheinwerferlicht vor sich auftauchen, und hinter der nächsten Kurve führte der Feldweg zur alten Scheune. Er bremste, der Wagen schlitterte im Schneematsch, und er bog in den schmalen Schotterweg ab. Die Qualität des Straßen- und Wegenetzes hatte in den letzten Jahren ganz schön gelitten. Oder er war damals noch geländegängigere Vehikel gefahren. Seinen geliebten Golf GTI zum Beispiel. Michael grinste und steuerte den Sportwagen behutsam um die Schlaglöcher des Feldwegs herum. Warum hatte er das Mädchen nicht vorn an der Straße auflesen können? Das Gerede der anderen konnte ihnen doch nun wirklich egal sein. Aber es war wohl klüger, mit Provokationen zu warten, bis sein Vater sein Testament wieder zu seinen Gunsten geändert hatte. Er würde die Kleine, Fiona hieß sie, schnell knacken. Sie kam aus Bayern und kannte hier keine Sau. Sie war einsam, das hatte er sofort gespürt – und sie stand auf ihn. Nur weil er hier ein paar Familienangelegenheiten regeln musste, brauchte er ja noch lange nicht zu leben wie ein Mönch.

Er hielt in einer Senke an, wo man den Porsche weder von der Straße noch vom Hof aus sehen konnte, schälte sich aus dem Wagen und sah zu der dunklen Feldscheune der Behnings hinauf. Warum war Fiona noch nicht da? Er war doch reichlich spät dran. Da sah er sie schon. Warum kam sie denn ohne ihr Fahrrad? War sie es überhaupt? Er kniff die Augen gegen den scharfen Wind und den Schnee zusammen, doch es war hoffnungslos.

Michael lehnte sich lässig an die Fahrertür und wartete. Die Gestalt kam näher. Es war nicht Fiona. War er so viel zu spät? Das Mädel würde ihn doch nicht etwa versetzen?

»Was soll das?«, rief er genervt, als er erkannte, wer da auf ihn zukam. »Und was soll dieser Aufzug? Ich hab keine Zeit. Ich hab heute Abend schon was Besseres vor.«

Aber da täuschte er sich.

2. Kapitel

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging Pia mit Felix durch die Dünenkette hinunter an den Strand. Zu den Ferienwohnungen gehörte ein Stück Naturstrand, sodass sie eine Weile um die Findlinge und das Treibholz herumkraxelten. Danach suchten sie am Wassersaum nach heilen Muschelschalen und Hühnergöttern. Der Wind wehte kräftig aus West-Südwest, und die Ostsee war graugrün mit kleinen Schaumkronen. Als Pia und Felix wieder ins Haus kamen, waren ihre Gesichter gerötet, und Felix’ Augen leuchteten.

»Ich hab drei Huhngötter gefunden!«, rief er Lars schon aus der Diele zu. »Guck mal!« Mit der einen Hand hielt er ihm den Leinenbeutel hin, mit der anderen riss er sich die Mütze vom Kopf, sodass seine feinen blonden Haare elektrisiert nach allen Seiten abstanden. Pia strich ihm sanft über den Kopf.

Lars betrachtete die Feuersteine mit den Löchern darin von allen Seiten. »Super. So viele auf einmal. Soll ich dir eine Schnur geben, damit wir sie hier irgendwo aufhängen können?« Und an Pia gewandt: »Ich weiß allerdings bis heute nicht, warum diese Steine Hühnergötter heißen.«

»Sie werden als Amulette verwendet und sollen das Hausgeflügel vor bösen Blicken schützen.«

»So Voodoo-mäßig?«

»Nein, das rührt angeblich von einem alten Volksglauben her. Abwehr von schädlichen Einflüssen, wie der Kikimora, einer slawischen Gottheit. Das ist eine Art Poltergeist, der auch die Hühner stiehlt oder am Eierlegen hindert.«

»Ah, dank deiner Hühnergötter haben wir morgen dann ein Frühstücksei«, sagte Lars zu Felix.

»Ich mag Eier«, antwortete Pias Sohn ernsthaft.

»Der Wind da draußen ging durch und durch. Wir wärmen uns jetzt erst mal mit heißer Schokolade und Milchkaffee auf«, schlug Pia vor. »Möchtest du einen warmen Kakao trinken, Felix?«

Es klopfte laut an der Tür. Pia, die mit den Jacken in der Hand in der Diele stand, öffnete.

Ein Mann, etwa in Lars’ Alter, mittelgroß, mit einem offenen Gesicht, abstehenden Ohren und lichtem blondem Haar, grinste sie an. »Moin, ich bin Jörn. Ein alter Freund von Lars.«

Sein Händedruck ließ Pias Mittelhandknochen knirschen. »Hallo! Nett, dich kennenzulernen. Ich bin Pia.«

»Hab schon von dir gehört.« Er nickte Lars zu.

»Komm doch rein.«

Der Mann sah sich in der Diele um. »Tolles Haus. Super Lage. Und sie haben echt was draus gemacht. Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr hier drin.«

»Ja, das war ein Glücksgriff«, bestätigte Lars.

Sie gingen in die Küche, wo Pia dem Besucher einen Platz anbot und fragte, was er trinken wolle.

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