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Einladung in den Palast des Scheichs

Jackie Braun

Einladung in den Palast des Scheichs

1. KAPITEL

„Ich denke, ich weiß jetzt, wer hier heute Abend der Ehrengast ist“, raunte Arlene Williams und spähte neugierig durch den Türspalt in das elegante Esszimmer der Hendersons.

Bei Babs und Denby Hendersens Abendgesellschaften gaben sich bekannte Politiker, Professoren, Schauspieler und Angehörige des europäischen Hochadels die Klinke in die Hand. Emily Merit hatte keinen Zweifel, dass sich auch am heutigen Abend mindestens eine berühmte Persönlichkeit unter den Gästen befand. Schließlich machte sie schon seit fünf Jahren das Catering für diese Veranstaltungen, und bisher war es immer so gewesen. Warum also sollte es heute anders sein?

„Und? Wer ist es?“, fragte sie betont desinteressiert, während sie das Dessert anrichtete.

Ihre Assistentin grinste vielsagend. „Ich glaube, es ist dieses atemberaubende männliche Unterwäschemodel, dessen riesige Werbeposter gerade in ganz New York an allen U-Bahn-Stationen und Bushaltestellen hängen.“

„Ah, ja. Ich weiß schon.“

„Sieh mal an! Und ich dachte, du wärst gegen Männer immun.“

„Bin ich auch. Aber diese Poster kann man unmöglich übersehen, so groß, wie sie sind.“

Abermals spähte Arlene durch den Türspalt. Dann sagte sie nachdenklich: „Es könnte aber auch der Schauspieler sein, der in dieser neuen Fernsehserie Stürmische Nächte den CIA-Agenten spielt.“

Emily rollte mit den Augen. Arlene schwärmte jede Woche für einen anderen Star. „Kommen Sie jetzt bitte von der Tür weg, und helfen Sie mir beim Dessert! Es gibt Wichtigeres, als …“

„Oh, oh! Er ist auf dem Weg in die Küche!“

Emily verzog die Lippen. Ganz toll! Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie mochte es nicht, wenn man ihr beim Arbeiten auf die Finger sah. Erst recht nicht, wenn die ungebetenen Zuschauer dabei eigentlich nur auf einen Flirt mit ihrer Assistentin aus waren.

„Er ist in Begleitung von Mrs. Hendersen“, wisperte Arlene aufgeregt und schloss blitzschnell die Tür.

Emily atmete auf. Dann wusste sie, weshalb er zu ihr in die Küche kam. Sie kannte Babs Hendersen schon seit Jahren. Ihr Exfreund Reed war ein Kollege von Mr. Hendersen gewesen. Und eines Tages, die Hendersens befanden sich in einer misslichen Lage, weil ihnen die Catering-Firma nur wenige Stunden vor dem geplanten Dinner absagte, vermittelte er sie an Emily weiter. Damals hatte sie gerade erst ihre Ausbildung beendet und wäre vor Aufregung fast gestorben. Aber ihre Kochkünste kamen bei allen Gästen hervorragend an, und seither taten die Hendersens ihr Bestes, um ihre Karriere zu fördern.

Auch wenn Mrs. Hendersen als Kundin schwer zufrieden zu stellen war, sie kannte halb New York und hatte ihr bis heute viele gute Aufträge verschafft. Nicht zuletzt durch sie hatte Emily vor kurzem die Küche in ihrem ansonsten sehr bescheidenen Apartment im New Yorker Stadtteil East Village renovieren und neu ausstatten können, ohne dabei ihre Ersparnisse angreifen zu müssen. Diese waren nämlich einzig und allein für die Verwirklichung ihres großen Traums gedacht, eines Tages ein eigenes Restaurant zu eröffnen.

Vermutlich wollte Babs Hendersen ihr also nur einen zukünftigen Kunden vorstellen. Als sich die Tür öffnete, schlüpfte Arlene mit dem Dessert hinaus. Ein Hauch von Chanel durchwehte die Küche. Unverkennbar Mrs. Hendersen!

„Emily, meine Liebe! Sie haben wie immer Großartiges geleistet“, rief sie in ihrer gewohnt überschwänglichen Art. „Meine Gäste sind ganz begeistert von Ihrem Lachs im Kräutermantel.“ Damit wandte sie sich um und winkte das vermeintliche Unterwäschemodel herein. „Und hier ist einer Ihrer größten Bewunderer, Sch…“

„Bitte, mein Name ist Dan“, unterbrach er sie höflich, aber bestimmt und fügte zu Emily gewandt hinzu: „Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen!“

Nein, das war nicht das Unterwäschemodel. Trotzdem musste Emily sich sehr beherrschen, ihn nicht ebenso bewundernd anzustarren, wie es ihre Assistentin durch den Türspalt getan hatte. Himmel, er sah wirklich unglaublich gut aus! Aber so ganz und gar nicht wie ein Dan. Dieser Name klang viel zu unspektakulär und zu … westlich.

„Dan?“, wiederholte sie verwirrt.

„Die Kurzform meines vollen Namens“, erklärte er.

Was mochte das für ein Akzent sein? Weich und angenehm wie seine Stimme. Aus unerfindlichen Gründen wurde ihr plötzlich ganz heiß. Anscheinend war sie doch noch nicht ganz immun gegen Männer. Kaum zu glauben, nach allem, was Reed ihr angetan hatte!

„Wenn ich in Amerika unterwegs bin, werde ich meist nur Dan genannt. Das ist einfach leichter auszusprechen.“

Das mochte wohl sein. Trotzdem passte Dan nicht zu ihm. Und wie Arlene ihn mit dem Unterwäschemodel verwechseln konnte, war ihr höchst schleierhaft – auch wenn er zugegebenermaßen den Körper dafür hatte. Groß, athletisch gebaut, und der teure Maßanzug ließ daran keinen Zweifel, muskulös. Sein Gesicht jedoch hatte gar keine Ähnlichkeit mit besagtem Dressman. Es war viel attraktiver und maskuliner, mit diesen dunklen Augenbrauen über den noch dunkleren, geheimnisvollen Augen. Sein schwarzbraunes Haar trug er eben noch kurz genug, um in der Geschäftswelt als respektabel durchzugehen, und lang genug, dass Emily Lust verspürte, ihre Finger hindurchgleiten zu lassen.

Errötend streckte sie die Hand aus – allerdings nur, um seine zu schütteln. „Ich heiße Emily Merit.“

Warm und stark umschlossen seine Finger die ihren. Sofort begann ihr Herz wild zu klopfen. Mussten ihre Hormone ausgerechnet in diesem Moment wieder zum Leben erwachen? Mitten in einer Geschäftssituation?

Nachdem er ihre Hand wieder losgelassen hatte, strich sie verlegen ihre weiße Küchenschürze glatt. Normalerweise war sie überhaupt nicht eitel, aber sein perfektes Aussehen erinnerte sie daran, dass ihr Haar in einem wenig attraktiven Knoten im Nacken zusammengebunden war. Und für Make-up hatte sie noch nie sonderlich viel übrig gehabt, schon gar nicht bei der Arbeit.

„Wie ich bereits vorhin erwähnte, Dan“, meldete sich Mrs. Hendersen wieder zu Wort, „mein Mann und ich würden nicht im Traum daran denken, jemals wieder eine andere Catering-Firma zu beauftragen. Unserer Meinung nach ist Miss Merit die beste Köchin in ganz Manhattan!“

Mit einem Lächeln, das Emilys Herz gleich noch ein wenig schneller schlagen ließ, erwiderte er: „Dann muss ich sie haben!“

Ob ihm bewusst war, dass man seine Worte auch ganz anders verstehen konnte? Seine Miene verriet jedenfalls nichts. Nur in seinen Augen lag ein sonderbares Schimmern.

„Aber … aber ich kenne doch noch nicht einmal Ihren Nachnamen“, stotterte Emily.

„Das kann man ja ändern“, erwiderte er amüsiert. „Ich heiße Tarim.“

Prima, jetzt machte sie sich auch noch lächerlich. Was zum Kuckuck war los mit ihr? Sich von einem Mann so aus der Fassung bringen zu lassen sah ihr gar nicht ähnlich. Außerdem war es unprofessionell. Eine Geschäftsfrau konnte sich doch nicht wie ein albernes Schulmädchen benehmen, das den Star der Football-Mannschaft anhimmelte!

Mrs. Hendersens hörbares Räuspern riss sie aus den Gedanken. „Ich muss mich leider entschuldigen. Versprechen Sie mir, ihn nicht zu lang mit Beschlag zu belegen, Emily. Meine anderen Gäste brennen darauf, sich mit Dan zu unterhalten.“

„Selbstverständlich!“ Sobald sie das Geschäftliche besprochen hatten, würde sie ihn vor die Küchentür setzen. „Also“, begann sie, ohne lange um den heißen Brei herumzureden, „was kann ich für Sie tun, Mr. Tarim?“

„Bitte nennen Sie mich Dan, und darf ich Sie Emily nennen?“

„Wie Sie wünschen.“ Eigentlich hatte sie ihren Namen nie besonders gemocht. Sie fand ihn viel zu altmodisch. Doch aus seinem Mund klang er wie Musik.

„Ich plane eine kleine Dinnerparty, ehe ich Manhattan verlasse und in mein Heimatland zurückkehre.“

„Sind Sie zum ersten Mal in New York?“, fragte sie höflich und blickte verstohlen auf die Uhr.

„Nein, ich bin jedes Jahr mehrmals hier. Meistens geschäftlich. Bisher habe ich immer eine andere Catering-Firma beauftragt, aber Ihr heutiges Menü hat mich davon überzeugt, dass es Zeit für eine Veränderung ist.“

„Vielen Dank. Ich bin geschmeichelt.“

Und wie. Jemand wie er konnte sich schließlich jede noch so exklusive Catering-Firma der Welt leisten! Ach was, vermutlich sogar ein halbes Dutzend Privatköche. Welche Firma er wohl sonst immer beschäftigt hatte? Fragen würde sie ihn nicht, auch wenn es nie verkehrt war, die Konkurrenz im Auge zu behalten. Und ihrem angeschlagenen Ego würde es auch guttun, zumindest wenn es sich um eine angesehene Catering-Firma handelte. Aber davon ging sie eigentlich aus.

In den letzten Jahren hatte sie kaum etwas anderes getan, als zu arbeiten und sich einen Namen zu machen – auf Kosten ihres Privatlebens. Jeder Art von Anerkennung war daher Balsam für ihre Seele.

Für einen kurzen Augenblick dachte Emily an Reed. Sechs Jahre hatte ihre Beziehung gedauert. Und alle, inklusive sie selbst, hatten gedacht, dass sie eines Tages heiraten würden. Rückblickend erkannte sie, die tiefen Risse, die ihre Beziehung gehabt hatte und die nach und nach unüberwindbar geworden waren. Als das Catering nur eine kleine Nebenbeschäftigung gewesen war, hatte Reed sie noch darin unterstützt. Doch als sich das Hobby nach und nach zu einer lukrativen Karriere entwickelte und Emily sogar in der New York Times erwähnt wurde, kühlte sich seine Begeisterung sehr schnell ab. Ihren großen Traum, irgendwann ein eigenes Restaurant zu eröffnen, hatte er stets nur belächelt. Mehr noch, er tat sein Möglichstes, sie davon abzubringen. Kaum ein Tag verging, ohne dass er ihr irgendwelche Statistiken unter die Nase hielt, wie viele neu eröffnete Restaurants jedes Jahr Bankrott gingen. Und irgendwann ließ er sie einfach sitzen, weil er eine andere gefunden hatte: ihre Schwester.

„Die Gästeliste wird nicht sehr lang sein. Maximal sieben Personen“, holte Dans Stimme sie aus den unschönen Erinnerungen zurück in die Gegenwart.

„Und wann soll die Dinnerparty stattfinden?“

„Übernächsten Samstag. Ich weiß, es kommt ein wenig kurzfristig“, fügte er entschuldigend hinzu. „Wie gesagt, normalerweise beschäftige ich eine andere Firma. Aber ich hoffe, dass Sie es noch irgendwie einrichten können. Ich möchte nur die beste Köchin für meine Gäste. Und das sind Sie.“

Dan, der eigentlich Scheich Madani Abdul Tarim hieß, gab sich nie mit weniger als dem Besten zufrieden. Dank seines Reichtums hatte er dies auch nie nötig gehabt. Das heutige Dinner war erstklassig gewesen. Niemals hätte er eine so junge Köchin hinter diesem kulinarischen Meisterwerk vermutet. Und erst recht nicht eine so hübsche.

Selbst mit dieser unförmigen Schürze und dem strengen Haarknoten hatte sie einfach umwerfend ausgesehen. Nicht, dass es für ihn eine Rolle spielte, geschweige denn spielen sollte. Immerhin stand die Bekanntmachung seiner Verlobung kurz bevor. Trotzdem ging ihm Emily Merit nicht mehr aus dem Kopf, und er wünschte, seine Zukunft wäre nicht schon vor vielen Jahren für ihn entschieden worden.

Wahrscheinlich lag es an ihren Augen. Diesen unglaublichen blaugrünen Augen, die ihn an die Wellen des Mittelmeers erinnerten, wo seine Familie ihren herrschaftlichen Sommersitz hatte. Ihr Blick war direkt und unbefangen. Keine Spur von Schüchternheit oder gar Ehrfurcht.

Das gefiel ihm. Viel zu viele Menschen ließen sich von seinem Titel einschüchtern. Vielleicht hatte er es deshalb nicht zugelassen, dass er Emily mit seinem vollen Namen vorgestellt wurde, und ihr stattdessen seinen amerikanischen Spitznamen genannt. Ab und an bevorzugte er Anonymität, auch um selbst auf dem Teppich zu bleiben. Schließlich würde er sich eines Tages um die Belange seines ganzen Volkes kümmern müssen, wenn er erst einmal über Kashaqra herrschte.

Das bedeutete allerdings nicht, dass er nicht wusste, was er wollte. Ganz im Gegenteil! Darum hakte er nach: „Und?“

„Leider bin ich an diesem Tag schon für einen Kindergeburtstag gebucht.“

„Wird das den ganzen Tag beanspruchen?“ Torte, Pizza – für ihn klang das nicht nach sehr viel Arbeit.

„Normalerweise nicht“, erwiderte sie vorsichtig. „Aber diese Party findet nicht in New York statt, sondern circa zwei Stunden entfernt von hier. Außerdem bestehen die Eltern auf einer Art Mini-Bankett für Fünfjährige …“

„Anscheinend sind Sie mit den Menüvorstellungen nicht ganz einverstanden?“

Emily räusperte sich. Dann sagte sie diplomatisch: „Die Wünsche meiner Kunden zu kritisieren steht mir nicht zu.“

„Aber?“

Zögernd gestand sie nach einem kurzen Moment des Schweigens: „Aber ich bezweifle, dass durchschnittliche Kindergartenkinder viel Freude an diesem Geburtstagsessen haben werden.“

Amüsiert lachte Madani auf. Ihre Ehrlichkeit gefiel ihm. „Was haben sie denn bestellt? Blinis mit Kaviar?“

„So ungefähr.“ Gegen ihren Willen musste sie mitlachen. Dabei kam in ihrer linken Wange ein kleines Grübchen zum Vorschein, das ihrem Gesicht einen zusätzlichen Reiz verlieh. „Wenigstens konnte ich die Mutter von der Stopfleber abbringen und ein paar Schinkenröllchen zwischen Rinder-Carpaccio und Wurzelgemüsegratin schieben.“

„Also werden Sie für mich wirklich keine Zeit haben?“

Nachdenklich nagte sie an der Unterlippe. Ohne auch nur zu ahnen, wie sexy ihr potenzieller Kunde dies fand. „Vielleicht kann ich es ja doch einrichten“, sagte sie schließlich. „Meine Assistentin kann den Kindergeburtstag vor Ort betreuen. Aber um die Vorbereitungen werde ich nicht herumkommen. Darum hängt alles davon ab, um wie viel Uhr Ihre Dinnerparty stattfinden soll und was Sie anbieten möchten.“

„Oh, ich kann sehr genügsam sein, wenn es darauf ankommt“, rief er erfreut. Allerdings war er nicht ganz sicher, ob er sich mehr darüber freute, dass sie seine Dinnerparty ausrichtete oder dass er sie wiedersehen würde. „Wann wollen wir die Details besprechen?“

„Ich hätte morgen Vormittag Zeit. Wie sieht es bei Ihnen aus?“

Obwohl er bereits drei andere Meetings geplant hatte, nickte er zustimmend. Wie gesagt, er konnte sehr genügsam sein, wenn es die Situation erforderte. Und dies war so eine Situation. Auch wenn er lieber nicht darüber nachdenken wollte, wieso.

„Hier.“ Lächelnd reichte Emily ihm eine Visitenkarte. „Ich bin Frühaufsteherin. Ab neun Uhr bespreche ich gern mit Ihnen das Menü.“

Als er etwas später zu seinem Chauffeur in den Wagen stieg, hielt er die Karte noch immer in der Hand.

„Ich habe das Gefühl, du hattest einen schönen Abend“, stellte Azeem Harrah, sein langjähriger Chauffeur und Freund, schmunzelnd fest.

„Ja, sehr schön“, erwiderte er versonnen. „Die Hendersens sind hervorragende Gastgeber und das Essen war … unglaublich.“

„Dieses Lächeln kenne ich“, grinste Azeem und startete den Motor des Mercedes. „Wie heißt denn die Dame, die du heute kennengelernt hast?“

„Du irrst dich“, wehrte Madani ab. „Keine Dame.“

„Bist du sicher?“

„Diese Zeiten sind vorbei.“

„Aber wieso denn?“

„Du weißt ganz genau, wieso. Und wenn du meine Entscheidung zehnmal nicht nachvollziehen kannst.“

„Deine Entscheidung? Was hast du denn entschieden? Ich verstehe einfach nicht, weshalb du dich in eine Ehe fügst, die von deinen Eltern arrangiert wurde, als du noch Windeln trugst. Gerade du!“

In ganz Kashaqra kannte man Madani als modernen, weltoffenen jungen Mann, der sehr viel westlichere Ansichten hatte als sein Vater. Und das, obwohl Scheich Adil Hammad Tarim in den letzten dreißig Jahren seiner Herrschaft viele Reformen eingeführt hatte.

„Du kennst meine Gründe.“

„Deinem Vater geht es gut, sadiqi“, sagte Azeem, der ihn stets mit dem arabischen Wort für ‚Freund‘ anredete, eindringlich. „Der Herzanfall im letzten Herbst hat praktisch keine Spuren hinterlassen.“

Seufzend schloss Madani die Augen. Nur zu gut erinnerte er sich daran, wie sein Vater plötzlich aschfahl wurde und zusammenbrach. Damals hatten sie genau über dieses Thema gestritten. Derartige Verlobungen waren nicht in Stein gemeißelt. Unter bestimmten Umständen konnten sie annulliert werden. Allerdings traf keiner von ihnen auf seine Situation zu. Trotzdem hätte Adil die Verlobung lösen können, doch davon wollte er nichts wissen. Seine eigene Ehe sei schließlich auch auf diese Weise zustande gekommen, und er sei immer sehr glücklich gewesen.

„Meine Ehe mit Nawar ist der ausdrückliche Wunsch meines Vaters.“

Verständnislos schüttelte Azeem den Kopf. „Noch bist du nicht verheiratet. Wenigstens ein letztes … Abenteuer könntest du dir gönnen.“

Madani antwortete nicht. Stumm blickte er durch die getönten Scheiben hinaus. Noch war er nicht verheiratet. Das stimmte schon. Offiziell war er ja noch nicht einmal verlobt. Erst in ein paar Wochen würde seine Verlobung mit Nawar offiziell verkündet werden. Und trotzdem fühlte er sich nicht frei. Eigentlich hatte er sich noch nie wirklich frei gefühlt.

Kurz vor Mitternacht kam Emily zu Hause an. Nachdem sie den Wagen ausgeladen und alles in den vierten Stock transportiert hatte, ließ sie sich todmüde, aber glücklich aufs Sofa fallen. Außer Dan hatten sich noch zwei weitere Gäste ihre Visitenkarte geben lassen. Und wie immer hatten die Hendersens sie fürstlich bezahlt. Auch nach Abzug aller Kosten würde noch eine beachtliche Summe übrig bleiben, die sie für ihr Traumrestaurant zurücklegen würde.

Zufrieden streckte sie ihre schmerzenden Füße auf dem Couchtisch aus. Dann fiel ihr Blick auf einen ungeöffneten Brief. Heute Nachmittag hatte sie keine Zeit gehabt, ihn zu lesen. Sonst bekam sie fast nur Rechnungen und Werbung. Seufzend griff sie nach dem dicken Umschlag. Was er enthielt, wusste sie bereits: die Einladung zur Hochzeit ihrer jüngeren Schwester.

Lustlos riss sie den Umschlag auf und zog die auf elfenbeinfarbenem Büttenpapier gedruckte Hochzeitseinladung heraus. Sicher hatten ihre Eltern ein Vermögen dafür hingeblättert. Aber für Elle war ja schließlich nichts zu teuer.

Elle. Was auch immer sie tat, ihre Eltern fanden es großartig. Selbst jetzt, wo sie meinen Exfreund heiratet, dachte Emily. So war es schon in ihrer Kindheit gewesen. Egal was Elle wollte, sie bekam es. Emily hingegen sollte „Verständnis zeigen“ und sich „am Glück der Schwester freuen“.

Elle Lauren Merit und Reed David Benedict laden herzlich zu ihrer Hochzeit ein …

Weiter kam Emily nicht. Wütend zerknüllte sie das Papier und warf es in den Mülleimer. Sie dachte gar nicht daran, auf dieser Hochzeit zu erscheinen! Egal wie herzlich sie eingeladen wurde. Oder wie oft ihre Mutter sie noch dazu drängen würde, für Elle die Brautjungfer zu spielen.

Dass sie ihrem Ex nicht vergeben konnte, spielte dabei weniger eine Rolle. Mittlerweile stand sie über den Dingen, auch wenn sie sich zu Recht betrogen und hintergangen fühlte. Aber dass weder Reed noch Elle sich auch nur ein einziges Mal dafür entschuldigt hatten und dann auch noch überall herumposaunten, wahre Liebe sei eben nicht aufzuhalten, das war zu viel!

„Das Schicksal hat gesprochen, Emily. Meine Gebete wurden erhört. Reed und ich sind wie füreinander geschaffen“, hatte sie sich anhören dürfen und mit der Tatsache fertig werden müssen, dass ihre Schwester von Anfang an ein Auge auf ihren Freund geworfen hatte.

Reeds Argumente waren weniger romantisch gewesen. Kurzerhand hatte er die ganze Schuld auf Emily geschoben. „Wenn du nicht immer so beschäftigt gewesen wärest, Essen für andere Leute zu kochen, wäre dir vielleicht aufgefallen, wie unglücklich ich mich in unserer Beziehung fühlte.“ Mehr hatte er zu seiner Rechtfertigung nicht für nötig gehalten.

Wie Peitschenhiebe hatten seine Worte sie getroffen. „Ich habe eine Firma, Reed“, hatte sie sich verteidigt.

„Erinnere mich bloß nicht daran. Für etwas anderes hast du ja kaum noch Zeit.“

„Soll ich mich etwa dafür entschuldigen, dass ich erfolgreich bin?“

„Nein, aber dann musst du eben damit rechnen, dass ich meine Freizeit ohne dich gestalte. Und dabei habe ich eben eine neue Frau gefunden.“

„Ja, meine Schwester!“

Doch er hatte nur achselzuckend erwidert: „Elle versteht mich. Sie will nicht rund um die Uhr arbeiten und Karriere machen. Stattdessen unterstützt sich mich bei meiner.“

War Reed eigentlich immer schon so ein widerlicher Macho gewesen? Oder hatte er sich erst zu einem entwickelt, als ihr kleines Unternehmen immer erfolgreicher wurde? Egal, jedenfalls hatte sie ihm entgegengeschleudert: „Also, eine Frau kann nicht erfolgreich sein und eine Karriere haben, ohne dass der Mann an ihrer Seite fremdgeht? Ist es das, was du mir zu sagen versuchst?“

„Ich will damit sagen, dass kein Mann gern die zweite Geige spielt.“

Danach hatte Emily nichts mehr geantwortet. Welchen Zweck hatte es auch? Außerdem lag ein Fünkchen Wahrheit in Reeds Worten. Kochen war ihre einzige große Liebe. Reed verblasste daneben.

Seufzend stand sie auf und begann, ihr weißes Küchenoutfit auszuziehen. Dann ging sie langsam in Richtung Schlafzimmer, das sie noch vor einem Jahr mit dem Mann geteilt hatte, der sehr bald mit ihrer Schwester verheiratet sein würde.

2. KAPITEL

Obwohl sie erst sehr spät schlafen gegangen war, stand Emily wie gewohnt kurz vor acht auf. Allerdings brauchte sie mittlerweile ziemlich viel Kaffee, um die langen Arbeitstage und kurzen Nächte einigermaßen heil zu überstehen.

Bloß gut, dass ihr kleines Apartment zugleich als Büro diente. Sonst käme sie vermutlich nur noch zum Schlafen nach Hause. Außer dem winzigen Schlafzimmer, dessen Fenster auf die düstere kleine Nebenstraße blickte, gab es noch das enge Wohnzimmer, in dem sie auch Kundengespräche führte, und ein noch engeres, renovierungsbedürftiges Badezimmer. Die Küche jedoch war ein absoluter Traum.

Zusammen mit Reed hatte sie vor ein paar Jahren dieses Apartment angemietet. Damals hatte die Küche allerdings noch nicht die Hälfte der Wohnung eingenommen. Das hatte sich erst im Zuge der umfangreichen Umbau- und Renovierungsarbeiten ergeben, die Emily nach Reeds Auszug in Auftrag gegeben hatte. Und wenn sie heute zwischen der neuen Küche und Reeds Anwesenheit wählen müsste, fiele die Entscheidung ganz eindeutig zugunsten der Küche aus.

Die Wand zum Wohnzimmer hatte sie versetzen lassen, sodass sich endlich genug Arbeitsfläche und Stauraum ergaben. Danach hatte sie den winzigen Kühlschrank und den uralten Elektroherd durch hochmoderne Geräte ersetzt. Anschließend hatte sie eine völlig neue Ausstattung an Töpfen, Pfannen, Messern und anderen Utensilien gekauft.

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