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Eine deutsche Pfarrfrau

Bertha Josephson-Mercator, Hermann Josephson

Eine deutsche Pfarrfrau

Blätter der Erinnerung





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Vorwort

Nicht ohne inneres Beben und Widerstreben schicke ich mich an, diese Blätter zu veröffentlichen. Und doch habe ich meine Scheu überwinden zu müssen geglaubt. So viele, die die Vollendete gekannt haben, baten darum. Und keiner konnte solche Bitte erfüllen als der, der fast zwei Jahrzehnte Hand in Hand mit ihr eines jeden Tages Last und Lust getragen hat ...

Kein Lebensbild, keine Lebensgeschichte wollen diese bescheidenen Blätter bieten. Nur einige Züge von dem Bilde einer Frau und Mutter, die mit einer seltenen Fülle natürlicher Gaben ausgestattet und vielen, vielen zum Segen geworden, doch keinen höheren Ruhm kannte als den Paul Gerhardts:

“An mir und meinem Leben

Ist nichts auf dieser Erd;

Was Christus mir gegeben,

Das ist der Liebe wert.”

Abiit, non obiit.

Klein-Oschersleben, im Frühling 1907

Hermann Josephson

“Mein Leben”

 

Zu Anfang der neunziger Jahre hat die Entschlafene die nachfolgende Skizze ihres Lebens für die Schriftleitung eines christlichen Familienblattes auf deren Bitte verfasst. Nach ihrem Tode wurde sie mir auf meinen Wunsch wieder zugestellt. Sie wird hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Am 11. Juni 1861 wurde ich als das erste Kind meiner Eltern in Solingen (Rheinprovinz) geboren. Mein Vater, Wilhelm Cremer, der Älteste aus einem kinderreichen Lehrerhause, war Elementarlehrer. Seine Brüder studierten; ihm fehlten die Mittel, doch arbeitete er im Stillen mit rastlosem Fleiß und gründete kurz nach meiner Geburt eine Töchterschule in Solingen. Meine Mutter, Auguste, geb. Wolters, war seine beste Lehrerin und Hülfe dabei. Sie, eine zarte, an keinerlei anstrengende Arbeit gewöhnte Frau, hat innerhalb zwölf Jahren sechs Kinder gehabt, ihren Haushalt musterhaft geführt und täglich 5-7 Stunden unterrichtet. Ihre Gesundheit ging dabei freilich zugrunde. Wir vier Kinder aber – zwei starben bald – haben eine sonnige Kindheit gehabt in der alten Schmiede-Stadt oben auf dem Berge!

Bis zu meinem elften Jahr kannte ich nichts vom Leben als Liebhaben, Spielen, fröhlich Lernen, ein Jahr voller Feste, Erwarten, Sonnenschein, Umherstreifen, und immer wieder Sonnenschein.

Dann aber stürmten die Sorgen und Anfeindungen übermächtig. Trotz meiner Jugend ließ Mutter mich das Meiste teilen. Ich wurde ein stilles Kind – lebte nach innen, schrieb auch heimlich Märchen auf. Als ich 12½ Jahr alt war, siedelten wir über nach Wetter an der Ruhr. Mein Vater hatte dort die Rektorstelle an einer Privat-Knabenschule erhalten. “Wetter-Freiheit” hieß der Teil des Dorfes, in dem unser altes, sagenumsponnenes, spukbewohntes Haus stand. Und frei wurde unsere Mutter dort von dem erdrückenden Zuviel ihrer häuslichen und amtlichen Pflichten, frei wurde auch ich von mancherlei. Ich war “fertig” gewesen mit der Selekta unserer Töchterschule – was man so fertig nennt. Ich war hindurchgeflogen, nachdem ich mit 4½ Jahren lesen gelernt, weil ich Vater halbtot quälte um Geschichten. Ich wollte, das alles wäre langsamer und gründlicher gewesen!

Nun bekam ich noch hie und da eine Stunde von den Eltern und einer kinderlosen Dame, im Übrigen half ich Mutter morgens in Haus und Küche, ja, kochte bald ebenso feuer-eifrig, wie ich sonst gelernt hatte. Nachmittags aber ging ich, so wahr die Sonne schien, mit “meinen Jungens”, d. h. meinen beiden kleinen Brüdern, in den Busch, den Wald, auf die Ruhrwiesen – irgendwohin, wo wir nach Herzenslust tollen, spielen, und wenn wir müde waren, Geschichten ausdenken konnten. Unser Schwesterlein war lieber zu Hause, wir waren ihr zu unternehmend. O! Ich kann noch keine wilde Kamille sehen, ohne wieder zu fühlen wie damals, wenn wir drei im Grase lagen, die Gesichter mit Kamillen überschüttet, zwischen den weiß und goldnen Sternen in den blauen Himmel sahen und einander etwas vorträumten!

Als ich fast 15 Jahre alt war, wurde ich konfirmiert – viel zu früh und unreif. Gleich danach kam ich nach Stuttgart in ein englisches Pensionat, dessen Vorsteherin eine Freundin meiner Eltern war. Da hatte die goldene Freiheit ein jähes Ende. Ich war in abhängiger Stellung dort, nicht wie die andern Mädchen, und empfand dies mehr, als jemand ahnte. Hätte sich nicht eine der ältesten Pensionärinnen, eine fromme ernste Engländerin, die später Schwester wurde, meines verschmachtenden Herzens angenommen, ich wäre fast gestorben vor Heimweh. Ich verdanke ihr mehr, als ich jemals wusste. Sie hatte engelhafte Geduld mit der unfertigen kleinen Deutschen, die eine andere Pensionärin begeistert “anschwärmte”, sie, Jessie, aber nur “lieb hatte” und sich bei ihr ausweinte.

Endlich war meine Zeit um; doch nicht nach Wetter, sondern nach Moers kehrte ich ins Elternhaus zurück. Dort war meinem Vater inzwischen die Stelle eines Königlichen Kreisschulinspektors übertragen – die einzige in Rheinland und Westfalen, die nun ein früherer Elementarlehrer bekleidete. Er war so dankbar und glücklich in seinem schönen Amt und erwarb sich in dem langgestreckten Kreise bald den Namen: “Der Lehrervater”. Von meinem 16.-26. Jahre lebten wir in Moers. Jahre, denen die Sorgen und das Leid wahrhaftig nicht fehlten.

“Kind, das ist das Gewicht an der Uhr”, sagte Mutter. Meine Schwester fand ihr zweites Heim in England. Unser Haus beherbergte allerlei Pensionäre: englische Ladies, deutsche Gymnasiasten, englische Jünglinge, gutartige und bösartige, komische und tragische, passierten ein und aus. Im zweiten Jahre nach unserer Übersiedlung erkrankte Mutter schwer, und seitdem war sie nie mehr gesund. Anderthalb Jahr lang kam mein liebes Schwesterlein zurück, dann wirtschaftete ich wieder alleine und war stolz, wenn mich die Leute zuweilen für des “alten Schulinspektors junge Frau” hielten. Aus meinen Herzensjungen wurden Gymnasiasten, die ihre Bengel- und Flegel-Jahre redlich durchmachten. Aber ich musste ihnen doch noch manche Geschichte erzählen; so erzählte ich ihnen auch die vom “Kind aus Israel”, und auf Hans, des Ältesten, Bitten schrieb ich sie auf. Ich tat es heimlich in lauter alte, nicht ausgefüllte Schulhefte und schrieb den ganzen Winter und Frühling vor meinem 19. Geburtstag daran. Erst 1½ Jahr später getraute ich mich, es Mutter nach einem ihrer schweren Krankheitsanfälle vorzulesen. Sie meinte: “Kind, das ist besser als deine Märchen, das wird noch mal gedruckt.” Vorläufig aber schickten mehrere Verleger den kleinen unbekannten Mercator wieder nach Hause, und das Kind aus Israel blieb bei Muttern. Mercator nannte ich mich, weil die Cremers direkte Nachkommen des Geographen Mercator sein sollen.

Mein Kopf war immer voll Gedanken und Lust zum Schreiben, doch fehlte mir immer die Zeit; ich hatte so rechten Kinderschlaf, was ich mir heut abzog, musste ich morgen nachholen. Das war wohl kein Unglück – weder für die Welt noch für mich. Es sind gesegnete Jahre gewesen. Was rechte Mädchenfreundschaft ist, ließ mich der liebe Gott auch finden und schmecken. War ich gleich “Vaters Nönnchen”, dem die große Welt ein verschlossenes Buch war – ich lebte in meiner eigenen Welt ein bewegtes Stilleben, wenn ich so sagen darf.

Im Herbst 1882 erkrankte ich an Rippenfellentzündung und konnte mich gar nicht erholen. Ich kam im Frühling danach einige Monate nach Bonn zu Verwandten; es stand so mit mir, dass sie alle glaubten, ich würde den Winter nicht wieder erleben. In jener Zeit schickte man ohne mein Zutun das “Kind aus Israel” an Perthes und – er nahm es an. Das war eine Freude für mich! Als meine lieben Eltern mich im Sommer nach Hause holten, fand ich dort ein sonniges Zimmer ganz für mich eingerichtet, auch einen Schreibtisch und leeres Papier und allerlei Bücher. Sehr, sehr langsam erholte ich mich nun doch, und dann schrieb ich: “In eines großen Königs Armen”.

Es folgten nun Jahre, in denen ich schreiben durfte und allerlei Novellen in die Welt schickte – meist humoristisch gehalten, denn ich schrieb sie ja zunächst, um unsere kranke Mutter aufzuheitern. Wir hatten nun keine Zöglinge mehr. Ich dachte mir damals immer: “Wenn Vater und Mutter dich einmal nicht mehr gebrauchen, wirst du Schwester”; meine Angst war nur, dass ich dann vielleicht nicht zu den Kindern gestellt werden würde, wie ich mir ersehnt.

Der Vater im Himmel aber hatte schon einen schöneren Weg für mich aufgetan. In das Martins-Stift (Alumnat) bei Moers, mit dessen Vorsteher und seiner lieben Frau, unsern Verwandten, wir herzlichen Verkehr pflogen, kam zur Hülfe ein junger Kandidat der Theologie, Hermann Josephson. Das war Herbst 1885 – und im Januar 1886 war ich seine Braut – und ich glaube: Ein glücklicheres Brautpaar hat nie vorher und nie nachher auf dem Moerser Damm gestanden und dem Mondschein zugesehen, wie er glitzerte auf dem dunklen Wasser!

Wir hatten eine lange Wartezeit vor uns, auch noch beide Examensberge. Doch es ging alles schneller und leichter, als man gedacht. Schon im Herbst 1887 wurde mein Hermann in Bielefeld, wo er Hilfsprediger war, ordiniert. Im vorhergehenden Frühling war Vater nach Lennep versetzt worden, zurück in sein geliebtes bergisches Land, in einen leichteren Kreis, der ihm entgegenjubelte. In dem Sommer schrieb ich: “Gott will es”. Fast drei Monate war ich dann bei Freunden in Hamburg, wo das Buch auch seinen Verleger fand und ich zum ersten Male für ein Buch Honorar bekam.

Über Bielefeld (wo auch meine Schwiegereltern wohnten) reiste ich zurück, dort sollte ich bei der Ordination mit meinem Vater zusammentreffen. Er schickte statt seiner meine Schwester, die eben zu Gast dort war, da er sich erkältet hatte.

Wir feierten den unvergesslichen Tag mitsammen, wir fuhren heim und – fanden in Lennep eine alte Dame an der Station, die uns sagte, dass unser geliebter Vater vor zwei Stunden gestorben sei. O Gott – es war unsagbar dunkel um uns.

Von dem folgenden Winter und Frühling kann ich nichts sagen. Alles wurde anders zu Hause; und auch unsere Hochzeit sollte in Bielefeld gefeiert werden. Mein Bräutigam hatte die Diaspora-Pfarrstelle in Beverungen a. d. Weser angetreten. Im April 1888 knieten wir beiden vor seinem alten Vater im Bielefelder Elternhaus und wurden eingesegnet.

Und dann bescherte uns Gott ein Glück, größer als wir es jemals erträumt! Das war ein reiches Jahr im alten Pfarrhause mit unserer gemütlichen Einrichtung, in der jedes alte Stück von Erinnerungen umsponnen, jedes neue ein liebes Hochzeitsgeschenk war.

Gerade ein Jahr, nachdem wir eingezogen, zogen wir schon wieder aus; unser Glück und unser erstes Töchterlein nahmen wir mit nach Hamm i. W.

Wieder ein altes Pfarrhaus, wieder viele, viele Gäste, die Jahr aus Jahr ein unter feinem roten Dache herbergen, wieder ein hübscher Garten – Gott sei Dank nicht so groß wie der Beverunger – wieder ein Töchterlein, das uns der liebe Gott bescherte, wieder ein reiches Arbeitsfeld für meinen Hermann, wieder viel unverdienter, sichtbarer Segen in Haus und Amt und Herz, wieder ein Umzug für meine liebe Mutter und Schwester, und zwar hierher, und wieder, immer wieder zwei Herzen, die eins sind und sagen und singen:

“Der Herr hat alles wohl gemacht

Und alles, alles recht bedacht.

Gebt unserm Gott die Ehre!”

Im Herbst 1895 vertauschten wir, einem ungesuchten Rufe folgend, Hamm mit Bielefeld. Frühling 1899 hieß Gott uns unsern Wanderstab nach Bremen weitersetzen. Nach sechs Jahren – im Frühjahr 1905 – ging unser Weg aus der freien Hansestadt in ein stilles Dorf der Magdeburger Börde: Klein-Oschersleben, von dort am Pfingstsonnabend des folgenden Jahres – den 2. Juni 1906 – der Pfarrfrau Weg in die ewige Heimat.

Von ihrem letzten Umzug hier auf Erden mag sie selbst erzählen. Sie schreibt an ihre geliebte Kinderwelt (in ihrer Monatsschrift “Für unsere Kleinen”, April 1905):

Liebe Kinder! Heute fangen wir nicht mit einem Bilde an, sondern mit etwas, das ich Euch erzählen möchte, Euch allen, die Ihr mir oft so lieb nach Bremen, Gartenstraße 9, geschrieben habt. Also: Wir ziehen fort aus Bremen, fort aus der Stadt.

Wohin wohl?

“Nach Sachsen, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen!” Das Verschen kennt Ihr doch?

Und in dies Sachsenland wollen wir ziehen. Wenn Ihr diesen Brief lest, so sind wir eben angekommen: Vater, Mutter, vier Kinder und Tine und Lina, die beiden braven Mädchen, die mir so tüchtig helfen wollen. Denn dann gibts erst noch furchtbar viel Arbeit! Vor dem Hause steht dann ein Wagen, beinahe wir Noahs Arche so groß, und darin stecken unsere Siebensachen – es sind aber viel mehr als sieben: Tische und Stühle, Betten und Sofas, Blumentöpfe und Bilder, Kisten und Kasten, Schüsseln und Teller – alles steckt drin und will wieder heraus, will hinein in das alte Pfarrhaus unter der Linde und wills gemütlich machen vom Keller bis oben unter das rote Dach. Da gibts zu schleppen und zu schieben, zu packen und zu placken! Wer möchte helfen? Wer hat schon einen Umzug mit erlebt? Schreibt mirs doch einmal! Unsere Kinder freuen sich darauf.

Das Bremer Stadthaus ist hoch und groß und der Garten klein und mitten zwischen Häusern. Das Haus in Sachsendorf ist niedrig und eben groß genug, aber es liegt mitten im schönen Garten; ich glaube, nächstens wachsen auch Mädel auf unseren Bäumen! Ob die Mädel schön sind, das weiß ich nicht, aber dass die Äpfel auf unseren Pfarrgartenbäumen schön sind, das weiß ich. Ich denke, manches von Euch wird sie noch einmal probieren. Denn das alte Pfarrhaus liegt gar nicht weit vom Bahnhof, und die Bahn fährt nach Magdeburg und nach Halberstadt. Wer da vorbeikommt, kann mich besuchen!

Später erzähle ich Euch noch mehr davon. Ich hoffe, dies ist mein letzter Umzug. Nein! Einen möcht ich noch machen, und den macht Ihr alle hoffentlich einmal – nicht ins Sachsenreich, aber ins Himmelreich.

Überall hat Euch lieb

Eure

Frau B. Mercator,

von nun an in Klein-Oschersleben,

Bahnhof Hadmersleben.

Zu den zwei in ihrem Lebensabriss genannten Töchtern (Guste und Aenne) gesellten sich noch Käthe (1891) und ...

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