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Eine Wiener Romanze

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Wien – Stadt einer Jugend

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Über die Endfassung des Buchs

Anmerkungen

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Michael Rost warf einen Blick aus dem Fenster auf das nächtliche Flussufer, das von den feinen Schnüren eines Herbstregens überzogen war. Er machte »hm« und verließ das Zimmer. Es ging auf zehn Uhr zu. Ein rotbrauner Himmel lastete auf den Dächern, das Pflaster schimmerte feucht und modrig. Hochgewachsen, leicht vorgebeugt schlenderte er langsam durch die schon weniger belebten Straßen, vorbei an grell erleuchteten Schaufenstern, vorbei an Prostituierten unter Regenschirmen. Kurze Zeit später betrat er das Café. Er nickte ein paar Bekannten zu und setzte sich an einen gerade frei gewordenen kleinen Tisch im ersten Saal, gegenüber dem Eingang. Emmi Wittler, schlank, schwarz gekleidet, das rote Haar kurz geschnitten, streckte ihm ihre schmale, gepflegte Hand entgegen und lächelte freundlich. Dann setzte sie sich ohne Weiteres zu ihm und zündete sich eine Zigarette an.

»Ich war gerade im Kino. Bin mittendrin gegangen. Ein langweiliger Film.«

»Allein?«

»Kommt auch mal vor. Egon hat es neuerdings übrigens auf die hübsche kleine Polin abgesehen. Die kennen Sie doch. Ein wirklich liebenswürdiges Mädchen.«

Mit spitzem Mund trank sie ihren dampfenden Kaffee in kleinen Schlucken. Danach zog sie ein goldenes Puderdöschen aus ihrer schwarzen Handtasche und puderte sich das Gesicht nach. Von der glimmenden Zigarette auf dem Aschenbecher, die am unteren Ende Spuren ihres roten Lippenstifts aufwies, kräuselte ein feiner, bläulicher Rauchfaden auf, der stark und würzig duftete.

»Und wer nimmt unterdessen seine Stelle ein?«, fragte Rost lächelnd.

»Unsittlich! Trotzdem werde ich Ihnen verraten, dass ich derzeit eine kurze Pause einlege, um philosophische Betrachtungen über die großen Lebensfragen anzustellen.« Sie ließ ein neckisches, kleines Lachen vernehmen.

»Haben Sie denn schon das passende Alter erreicht? Damit fängt man normalerweise erst mit fünfzig Jahren oder darüber an. Sie haben also, soviel ich weiß, noch an die fünfundzwanzig Jahre Zeit.«

»Frauen, die nicht hübsch sind, fangen in jedem Alter an …«

»Sie möchten mir ein kleines Kompliment abluchsen? Haben Sie das denn nötig?«

»Das hat jede Frau nötig. Selbst die schönste. Ohne das wird sie hässlicher.«

»Und wer die meisten vergibt – der hat gewonnen?«

»Kann sein …«

»Ja dann … dann denken die diversen Krüppel also nur fälschlich, es sei so schwierig.«

Emmi kam gleich ein Armamputierter mit entsetzlich entstellten Zügen in den Sinn, der sich auf ihr wälzte. Vor Abscheu bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. »Hören Sie bitte auf damit. Sie wecken Albträume bei mir.«

Männer und Frauen jeden Alters und aller Nationen und Sprachen drängten sich an den Tischen, die so eng standen, dass kaum noch ein Durchkommen war. Sie tranken, redeten, lachten lauthals, rauchten, verschrieben sich mit Leib und Seele der teils echten, teils künstlichen Vergnügungslust, die diese Stadt beseelte. Rost behielt den Eingang im Blick, musterte die Gesichter der sitzenden oder ein- und ausgehenden Gäste, die den Kellnern den Weg versperrten, so dass diese die Getränketabletts gewandt über ihren Köpfen balancieren mussten. Sein violett angelaufenes Gesicht nahm einen harten, fast brutalen Ausdruck an. Wieder verfiel er in jene bohrende Langeweile, die dem Menschen tief im Herzen sitzt, wie ein Krebsbefall der Seele, vererbt von Generationen, die kein Vergnügen der Welt ausgelassen hatten, wobei Einzelne vor lauter Überdruss aus dem Leben geschieden waren. Er trank einen Schluck von seinem schwarzen Kaffee, der erkaltet war.

»Da kommt Gregor!« Emmi deutete auf einen Mann mit Kippa. Er trug einen verblichenen Sommeranzug, dessen überweite Hose ihm kaum bis an die Knöchel reichte, und steuerte schnurstracks ihren Tisch an.

Emmi stellte ihn vor. Der Mann zog sich einen freien Stuhl von einem dritten Tisch heran und nahm Platz. Sofort wandte er sich an Rost mit der Frage: »Und wo ist Ihr Atelier? Sie sind doch sicher Maler?« Dabei entblößte er ein paar gelbbraune Zahnstummel.

»Ich bin kein Maler.«

»Ach, wie schlau!« Sein Mund verzog sich zu einem lautlosen Lachen.

Während er sich mit der einen Hand die kurze Pfeife in den Mund steckte, nahm er mit der anderen die Kippa vom Kopf und warf sie in seinen Schoß. Unter der glänzenden runden Glatze fielen seine Bartstoppeln noch mehr auf. »Und welchen Philosophen lesen Sie gerade?«

»Auch das trifft es nicht. Sie irren sich gewaltig.«

»Dann sind Sie ja erst recht würdig, mir einen Kaffee auszugeben. Oder richtiger, ein Glas Wein. Sie verstehen was vom Leben, Herr Rost …! Mit Männern Ihres Schlags wechselt Paul Gregor gern ein Wort, hihi. Garçon, Weißwein!«

Emmi lachte.

»Ich bin keineswegs sicher, Ihrer würdig zu sein«, scherzte Rost.

»Aber ja doch, und wie, mein Herr! Seien Sie nur nicht zu bescheiden. Ich habe dadurch meine Haare und meine Zähne verloren und weiß, was ich sage!« Er zog heftig an seiner kalten Pfeife. »Sollten Sie jedoch zufällig Schriftsteller sein, dann dürfen Sie mich durchaus auf Herz und Nieren prüfen und sich meiner nach Herzenslust bedienen. Darin sind Ihnen schon viele gute Leute vorangegangen. Diese bedauernswerten Schriftsteller, Einfallsreichtum ist nur wenigen hervorragenden Geistern gegeben, und interessante Menschen sind ja so selten! Deshalb fallen die Leute wie eine hungrige Meute über mich her. Ich habe viel zu bieten. Genug für alle!«

»Nein, ich bin kein Schriftsteller.«

»Nicht?! Dann sind Sie ja ein ganz exotischer Vogel!«

Er drückte sich das Monokel, das an einem schwarzen Band hing, in die rechte Augenhöhle, um seinen Gesprächspartner näher zu betrachten, wobei seine wässrigen Augen flatterten und sein Mund unablässig grinste. Mit spöttischer Miene hielt Rost seinem prüfenden Blick stand.

»Nein!«, entschied Gregor. »Von Ihrer Sorte findet man hier kein halbes Dutzend, das garantiere ich Ihnen. In diesem Viertel – nein!«

»Und Sie selbst?«

»Ich? Bin Schriftsteller, selbstverständlich! Das sei vorausgestellt! Ich verfasse Bittschriften an die großen Spender! Was wollen Sie – die Deutschen sind Barbaren, unkultiviert! Von Malerei verstehen sie so viel wie ein Affe, mehr nicht! Sie sind derb, unhöflich, töricht, dumm wie Rindviecher! Und wenn Sie das Pech hatten, als deutscher Maler auf die Welt gekommen zu sein – dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als ›Schriftsteller‹ zu werden …« Zornig nahm er einen ordentlichen Schluck Wein.

Emmi sagte: »Herr Gregor ist gewiss wieder schlecht aufgelegt, dann lässt er seinen ganzen Zorn auf die armen Deutschen los.«

»Sehr richtig! Und mir ist auch ein großes Unglück passiert!«, fuhr er fort. »Mein Kater, wissen Sie, hat gestern Selbstmord begangen.«

»Selbstmord?«

»Er hat sich aus der dritten Etage gestürzt. War auf der Stelle tot. In der letzten Zeit litt er bereits unter starken Depressionen. Das war augenfällig. Er wollte auch nichts fressen. Vielleicht war er krank.« Er zwinkerte mit seinen kleinen Augen und drückte das Monokel fest. »Zum Mittagessen habe ich immer zweimal Braten bestellt, eine Portion für mich, eine für ihn. Heute habe ich wieder nur eine genommen.«

»Wahrscheinlich ist er versehentlich aus dem Fenster gefallen«, bemerkte Rost.

»Meinen Sie?!«, brauste Gregor auf und fuchtelte mit der Pfeife. »Dann verstehen Sie rein gar nichts, netter Herr! Eine Katze, müssen Sie wissen, kommt nie durch Fall zu Schaden! Sie fällt immer auf die Füße und spaziert davon. Lassen Sie sich das gesagt sein: Mein Kater hat sich umgebracht! Jawohl! Vor lauter Schwermut! Er konnte sich ja nicht erschießen, bloß damit Sie ihm glauben!«

Rost ließ kurz seine dunkelgrünen Augen auf ihm ruhen.

»Und was tun Sie sonst so, Herr Gregor?«, fiel Emmi ein.

»Ich male Bilder, wie immer. Alle auf ein und dieselbe Leinwand. Ein ganzes Jahr auf dieselbe Leinwand, hihi. Hab schon hundert so gemalt.«

»Hundert auf ein und dieselbe Leinwand?«

»Warum denn nicht! Ich übermale eines mit dem anderen. Im letzten Bild sind dann alle enthalten. Wer es kauft, muss für alle hundert bezahlen. Außerdem … schreibe ich ja an einer neuen Philosophie. Text und Illustrationen aus eigener Hand. Das wird das tiefschürfendste und originellste Werk seiner Zeit, das garantiere ich Ihnen.« Er trank seinen Wein aus und bestellte ein zweites Glas. »Dem haben Sie doch nichts entgegenzusetzen, Herr Rost!«, sagte er zum Abschluss. »Und womit beschäftigen Sie sich dann in dieser Metropole?«

»Das ist ein Geheimnis.«

»Soso! Und die Finanzmittel? Die Geheimnispflege will bekanntlich finanziert sein.«

»Sind ausreichend vorhanden.«

»Und wie wäre es da mit einer Anleihe?«

»Wer bei wem?«

»Na, ich bei Ihnen natürlich.«

»Möglich. Wie hoch?«

»Von zwanzig aufwärts. Unbegrenzt.«

»Wir stehen also bei zwanzig«, lachte Rost und reichte ihm zwei gefaltete Geldscheine.

Gregor fasste sie mit Daumen und Zeigefinger und schob sie in die Jackentasche. »Was möchten Sie dann trinken, Herr Rost? Jetzt bin ich ja wieder reich, kann einen ausgeben. Und Sie, Madame? Vielleicht einen Bénédictine?«

Er drängte so sehr, dass sie nachbestellten. »Besuchen Sie mich einmal«, sagte Gregor, während er sich die Pfeife neu stopfte.

»Vielleicht bei Gelegenheit.«

»Aber ich sitze nicht immer zu Hause.«

»Und Sie möchten, dass ich Sie besuche?«

»Eigentlich nicht nötig. Habe es nur aus Höflichkeit gesagt. Manchmal bin ich sogar etwas höflich, wie Sie sehen, hihi. Aber ich werde Sie mal mitschleppen, wenn es sich ergibt. Damit Sie meine Bilder sehen. Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie den größten deutschen Maler vor sich haben! Das weiß man in London, aber nicht in Berlin. Was verstehen die Deutschen von Malerei? So ist das, mein Herr!« Dann sprang er auf und eilte einem untersetzten Mann mit Schmerbauch, hochrotem Gesicht und vorquellenden Augen mit Silberblick entgegen, der gerade aus dem Nachbarsaal kam.

»Ein origineller Typ«, sagte Emmi, »kein Dummkopf. Ich höre ihn gern reden und von einem Thema zum anderen springen. Zuweilen sagt er ziemlich seltsame Dinge.«

Rost gab ihr Feuer. »Eigentlich wird es doch Zeit für eine kleine Liebelei zwischen uns beiden, Emmi … Ohne jede Verpflichtung.«

Sie lachte – ob zustimmend oder ablehnend, war schwer zu erraten.

»Kommen Sie morgen zu mir, Emmi. Gegen drei Uhr.«

»Vielleicht komme ich.«

»Ich werde auf Sie warten«, sagte Rost überbetont. Dann winkte er dem Kellner und zahlte.

Rost ging nicht nach Hause, sondern in die Gegenrichtung. Lucie konnte beliebig auf ihn warten! Heute war er ihrer überdrüssig. Der Regen hatte unterdessen aufgehört. Ein scharfer, kalter Wind fegte durch die Straßen. Es roch nach Herbst, nach Prostituierten, nach Bürgerschlaf, nach dem Kohlenqualm einer nahen Eisenbahn. Leuchtreklamen blinkten allenthalben, hellblau, lila, rosa, rot, erloschen und flammten von neuem auf. Kam man an klaffenden Metro-Schlünden vorbei, erfasste einen kurz der widerlich stickige, seit Jahrzehnten konservierte Menschendunst, der ihnen unaufhörlich entstieg. Gelegentlich mischte sich das dumpfe Rattern eines Zuges hinein. Aus den Türen eines Kinos quollen Menschenströme. Hier und da trug eine Frau ein schlummerndes Baby auf dem Arm. Tatsächlich hat der Mensch gelegentlich das dringende Bedürfnis, sich mit Greta Garbo, Adolphe Menjou und anderen den freudlosen, eintönigen Alltag ein wenig zu vertreiben, doch kaum hat man das Kino verlassen, springt einen unbarmherzig, schmählich dieser Tag wieder an, und schon sitzt einem die Müdigkeit in den Knochen, und der Mund wird bitter und trocken.

Ohne Hast durchmaß Rost die Rue du Bac, die sich schmal und grau zur Seine hinabschlängelte. Er hatte sich schon ganz der nächtlichen Stille hingegeben, die nur selten von einem einsamen Omnibus gestört wurde. Der Lärm der Stadt war fast verebbt. Rost verlangte dringend nach einer Tat, deren Anfang und Ende in der Nacht verborgen lägen und die der Mensch später in innerster Seele bewahrt als ewiges Geheimnis, in dem die Keime des künftigen Daseins ruhen wie der Kern in einer Frucht. Nur konnte er selbst nicht definieren, welcher Art diese Tat sein sollte. Die Lichtstreifen der Laternen flossen von beiden Ufern, schwappten sanft im dunklen Wasser, waagrecht, wie Talgflecken.

Ein Mann näherte sich hallenden Schritts, hielt bei Rost, der sich über das Brückengeländer lehnte und hinabschaute.

»Das Wasser ist kalt, mein Freund. Es ist keine Badesaison.«

»Das ist auch keinem eingefallen.«

»Stimmt keineswegs. Als ich vor einer knappen Stunde hier war, hat sich ein junges Mädchen hinabgestürzt. Verstehen Sie, genau da, wo Sie jetzt stehen. Ich bin hingerannt, um sie davon abzuhalten, aber es war zu spät.«

»Und warum wollten Sie sie davon abhalten?«

»Aus reiner Menschlichkeit, mein Freund. Schade um den Menschen. Mir ist klar, dass er es im nächsten Augenblick bereut, sogar noch im Sturz.«

»Und doch sind Sie ihr nicht nachgesprungen. Haben lieber Ihre Haut gerettet.«

»Sehen Sie, das ist wiederum eine Frage des Temperaments. Ich bin von Natur aus kein impulsiver Mensch, ich opfere mich nicht auf. Solange die Gesundheit nicht in Gefahr gerät – gern geschehen. Das ist mein Leitsatz!«

»Sehr bequem jedenfalls.«

Rost löste sich vom Fleck, und der Fremde ging neben ihm her, klein, mager, ohne Mantel, einen Schnauzer im schmalen Gesicht, den Jackenkragen hochgeschlagen, die Hände in den Hosentaschen.

»Eigentlich müssten Sie mir ein Gläschen spendieren. Wegen des Gefallens, den ich Ihnen erwiesen habe.«

»Sie haben mir einen Gefallen erwiesen?«

»Gewiss«, erwiderte der Fremde ernsthaft, »ich habe Sie doch vor dem Ertrinken bewahrt.«

Rost lachte laut auf. »Sie sind nicht bei Trost, mein Herr. Ich wollte mich gar nicht ertränken.«

»Sagen Sie das nicht. Das kann man nie wissen. Da kenne ich mich etwas besser aus. Wenn der Mensch so dasteht und aufs Wasser schaut, überkommt ihn doch plötzlich … so ist das! Mir ist das schon einmal passiert, nur mit großer Mühe gelang es mir, den Ärmsten am Schopf zu packen und ihn rechtzeitig wegzuzerren. Kaum hatte er sich hin und her gedreht, wurde er schon von hinten gepackt! Jedenfalls habe ich einen Cognac verdient.«

»Möglich, dass Sie einen verdient haben. Vielleicht hat jeder einen verdient. Es fragt sich nur, ob ich Lust habe zu zahlen.« Kurz darauf fragte er: »Nebenbei bemerkt, ist das Ihre einzige Chance, an Cognac zu gelangen?«

»Im Moment – ja.« Er steckte sich eine Zigarettenkippe unter den Schnauzer und zündete sie mit einem Feuerzeug an. »Sie werden mir doch darin zustimmen, dass man einen Menschen nicht verpflichten kann, stets selbst für sein Gläschen aufzukommen.«

Sie gingen eine Weile am Ufer entlang und bogen dann in die Straße zum Museum, in das Gewirr verwinkelter, alter Gassen um die Markthallen. Hier herrschte schon viel Verkehr. Lastwagen mit Lebensmitteln aller Art ratterten schwerfällig zu den Lagerräumen des Markts. Allseits war man damit beschäftigt, die Tagesverpflegung für fünf Millionen Menschen sicherzustellen.

»Und morgen Abend«, erklärte der Fremde, »wird nichts mehr da sein von den Tausenden Tonnen Magenfutter.«

»Sie bekommen Ihren Cognac.«

»Hab ich mir gedacht.«

»So?!«

»Die Knauserigkeit ist schon aus der Mode gekommen.«

»Beschäftigen Sie sich allein mit der Rettung von Menschenleben?«

»Sie machen Witze. Das ist nur meine Gelegenheitsbeschäftigung.«

»Und Ihre feste Tätigkeit?«

»Die feste … ich … meine Schwester …«

»Ah, Ihre Schwester!«

»Das heißt … ich war Schauspieler. Das ist nicht gelogen.«

»Ausgerechnet Schauspieler!«

»Schauspieler an einer kleinen Vorstadtbühne.«

»Und jetzt –«

»Habe ich angefangen zu stottern …«

»Aber ich höre Sie gar nicht stottern, kein bisschen.«

»So nicht. Nur auf der Bühne komme ich ins Stottern. Ich war der Rächer, wissen Sie, musste den Dolch ziehen und den Verräter erstechen mit den Worten: ›Stirb, du treuloser Schurke!‹, was ungeheures Pathos erfordert. Und da schoss mir im letzten Augenblick der Gedanke durch den Kopf: Wenn du jetzt stottern würdest, wäre das urkomisch. Und schon geriet ich ins Stottern. Kam partout von dem D und dem Sch nicht weg. Und fortan fing ich, kaum dass ich die Bühne betreten hatte, zu stottern an. Die Worte schienen mir an den Lippen festzukleben.«

»Und Ihre Schwester …«

»Sie ist eine Waise.«

Rost gab ihm eine Zigarette.

»Ich habe Ihr das Schneidern beigebracht. Sie arbeitet in einem Bekleidungsgeschäft.«

»Hm …«

»Der Direktor … er gefällt mir, der Direktor dort … Und Sie sind Ausländer. Deutscher, wenn ich mich nicht irre.«

»Sagen wir mal Österreicher.«

»Ein und dasselbe, was mich betrifft. Ich bin Kosmopolit, wissen Sie, das ist weniger anstrengend, nicht wahr? Gehen wir hier rein«, er deutete auf eine kleine Kneipe, »hier bin ich bekannt.«

In der langen, schmalen Gaststube, in der ein paar laute, etwas zweifelhaft aussehende Gäste saßen, bestellte Rost zwei Cognac. Sein Begleiter leerte sein Glas in einem Zug und wischte sich danach mit dem Handrücken über den Schnauzer. Rost betrachtete die goldene Flüssigkeit in dem bauchigen Glas, dessen Stiel so lang und schlank wie ein Strohhalm war, und in seinem gewundenen Gedankengang kam ihm Emmi in den Sinn. Ja, sie würde kommen! Sicher!

»Noch einen?«

»Wenn’s Ihnen nichts ausmacht! Wissen Sie, ich war in deutscher Gefangenschaft. Habe in einer Gastwirtschaft in einem kleinen Dorf gearbeitet. Die Wirtin dort hieß Martha. Eine sehr kräftige Frau. So groß wie Sie und Arme wie zwei Eisenstangen. Sie schrieb lange Briefe an ihren Mann im Gefecht und schlief mit mir. Was verlangen Sie – es waren Kriegszeiten! Ihre Tochter war neunzehn, und mit ihr habe ich auch geschlafen. Letzten Endes wurde es der Mutter zugetragen, und sie versetzte mir zwei Ohrfeigen und schickte mich zurück ins Lager. Das Kind, habe ich später gehört, hat die Mutter zur Welt gebracht, nicht die Tochter.«

Rost zahlte.

»Was, Sie wollen schon gehen? Schön. Ich will Sie nicht aufhalten. Aber falls Sie mich mal brauchen sollten, können Sie mich hier immer finden, hier bin ich bestens bekannt, Sie brauchen bloß nach dem Schauspieler zu fragen. Ich mische bei allerlei Dingen mit, müssen Sie verstehen …«, er setzte eine listige Miene auf und machte eine vieldeutige Handbewegung, »und ein Mann wie Sie …«

»Ein Mann wie ich?«

»Und ein Mann wie Sie braucht manchmal einen Mann wie mich …«

»Meinen Sie!«

»Ich kenne mich ein wenig mit Menschen aus.«

»Nein. Ein Mann wie ich braucht keinen wie Sie.«

»Das können Sie nie wissen. Jedenfalls finden Sie mich hier.«

Ziellos schlenderte er durch menschenleere, verwinkelte Gassen, die ein Geheimnis zu bergen schienen und ihn unwillkürlich in Spannung versetzten. Hin und wieder flitzte eine große Maus über das schmierige Pflaster und schlüpfte durch den Rost eines Gullys. Ein gedämpftes, gewissermaßen stoffloses Säuseln wehte mal hier, mal dort in der Ferne, ebbte ab und verstummte wieder, hinterließ eine lastende Stille, die mit den blinden Häuserzeilen zu steinerner Starre verschmolz. Eine vage Erinnerung an eine ähnliche Nacht, unter Massen von Jahren und Ereignissen begraben, kam Rost in den Sinn, und schon schwebte ihm auch etwas Helles, Grenzenloses vor Augen, das wohl etwas mit jener lange zurückliegenden Nacht zu tun hatte, vielleicht sogar ihr Wesenskern war. Aber Rost stocherte nicht gern in der Vergangenheit. Jedes Ereignis in seinem Leben, das einmal in der Vergangenheit versunken war, wurde für ihn irreal, wie nie gewesen. Das Stück Gegenwart hingegen, diese runde und feuchte Herbstnacht, langweilte ihn schlicht und einfach, anders als bei all den Lebenshungrigen, die auf jede Minute begierig sind und an allem Interesse finden. Ja, man musste auf die Boulevards hinausgehen und mit dem Taxi nach Hause fahren.

An einer Straßenecke erschien eben jetzt die kerzengerade Gestalt einer bisher im Schatten verborgenen Frau, die ihn geradewegs ansteuerte. Er blieb mitten auf dem Pflaster stehen, bis sie bei ihm angekommen war. Das fahlgelbe Licht einer nahen Straßenlaterne fiel auf ein junges Gesicht, dessen seltsame, tief verschattete Augen ihn etwas zaghaft anblickten. Ein eigentümlicher Charme lag auf ihren Zügen. Es dauerte einen Moment, bis sie sagte: »Bitte verbringen Sie den Rest der Nacht mit mir. Ich kann heute nicht allein sein.« Und kurz darauf fügte sie hinzu: »Sie brauchen nichts zu bezahlen. Nicht mal das Hotel.«

Rost war erst unschlüssig, folgte dann aber dem Drang, sie zu begleiten. Stumm gingen sie etwa zehn Minuten von Straße zu Straße, bis sie vor einem mittelgroßen Hotel stehenblieb. Hotel Grenoble mit allem Komfort verhieß das Schild. Rost wurde in ein Zimmer in der dritten Etage hinaufgeführt, in dem ihn ein Hauch leicht süßlichen Damenparfüms empfing. Es war ein kleiner Raum, der schmerzliche Einsamkeit ausstrahlte, an den Wänden Blumentapeten mit roten Blüten auf blauem Grund, ein breites Messingbett nahm fast ein Drittel der Grundfläche ein. Als sie Mantel und Hut abgelegt und mit denen des Gastes an den Haken an der Tür gehängt hatte, bot sie ihm einen Stuhl am Tisch an und holte eine Flasche Wein und Gläser aus dem Schrank.

»Dein Gesicht ist nicht unsympathisch«, sagte sie, als sie sich ihm gegenübergesetzt und die Beine übereinandergeschlagen hatte, »gut dass der Zufall mir gerade dich zugeführt hat.« Sie schenkte ein und nahm einen kleinen Schluck. Sie hatte ihr dickes, kastanienbraunes Haar, das hier und da golden schimmerte, so um den Kopf geschlungen, dass sie ein wenig wie ein Pilz aussah.

Nicht hässlich!, entschied Rost im Stillen.

»Heute feiere ich ja, weißt du!«, sagte sie feixend. »Meinen Geburtstag feiere ich heute! Meine Eltern, hihi, meine Eltern haben diesen Tag zum Feiertag gemacht … Hast du auch Eltern? Aber gewiss keine solchen wie ich! Solche gibt’s nicht noch einmal!«

»Hm …«, machte Rost. Er gab ihr eine Zigarette und Feuer. »Deine Eltern?«

»Aha, das willst du wohl wissen, was?! Das interessiert dich sehr?! Du meinst wohl, ich würde meine Lebensgeschichte bereitwillig jedem dahergelaufenen Mann erzählen?! Nun mal langsam, mein Lieber!« Ihre dunklen Augen funkelten ihn auf einmal hasserfüllt an. »Nichts! Kein einziges Wort wirst du aus mir rauskriegen, hörst du?!« Mit einer ärgerlichen Kopfbewegung versuchte sie die Haarsträhnen zurückzuwerfen, die ihr ins Gesicht gefallen waren. Rost nahm ihre Hand und sagte eindringlich: »Hör mal, Kleine, ich bin nicht zu Wortgefechten hergekommen, verstanden?«

»Und wozu dann? Möchtest du mit mir schlafen? Gleich auf der Stelle? Du siehst mir nicht aus wie einer, der noch keine Frau gehabt hat! Das hab ich im Blick, Freundchen! Und wenn die Leidenschaft dich gepackt hat – bitte schön!« Sie leerte ihr Glas.

Nach kurzer Pause, mit veränderter Stimme, in der ein schmerzlicher Unterton mitschwang, fuhr sie fort: »Der Mensch wünscht sich eine Illusion, weißt du … und sei es nur ein einziges Mal … Wie soll es wohl ohne das gehen? Der Liebhaber schleicht sich tief in der Nacht ins Zimmer seiner Geliebten, hahaha! Komm, stoß mit mir an! Auf das Leben deiner Geliebten …« Sie stand auf und tat einen Schritt in die Zimmermitte, machte kehrt und stellte sich neben ihn, nahm dann aber doch wieder Platz. Den Kopf in die Hand gestützt, blieb sie eine Weile reglos sitzen.

»Etwas komisch, das Ganze«, sinnierte Rost, indem er sie anschaute und rauchte, »wie lange treibst du schon dieses Gewerbe?«

Sie hob verwundert die Augen, als sei sie überrascht über seine Anwesenheit. Dann fauchte sie: »Vier, fünf Jahre – zu Ihren Diensten, Euer Hochwohlgeboren! Möchten Sie noch was wissen? Im Viertel nennt man mich ›die brünette Jeanette‹, und ›mein Mann‹ ist vor einiger Zeit zur Zwangsarbeit verurteilt worden. Ist dein Mütchen schon gekühlt? Alles wie üblich, nicht wahr!«

Rost erhob sich. »Du willst mich wohl zu einer Schlägerei anstacheln, was? Oder vielleicht zu einer kleinen Vergewaltigung, ha? Was verkaufst du denn so?«

Darauf sprang sie, knallrot geworden, vom Stuhl hoch. Fieberhaft zog sie ihr orangefarbenes Kleid aus, den rosa Seidenunterrock, den Strumpfbandgürtel, warf alles nacheinander aufs Bett. Nur Strümpfe und Schuhe behielt sie an. Ihr Körper war schön, die Figur perfekt. Im Nähertreten deutete sie auf ihre einzelnen Körperteile, kochend vor Wut: »Hier, mein Herr, das verkaufe ich! Und das! Ist das etwa schlechte Ware? Ist das Ausschuss?«

Rost brach unversehens in schallendes Gelächter aus. »Die Vorderseite ist nicht schlecht! Wirklich!« Er setzte sich wieder und zog die nackte Frau auf seinen Schoß. »Na, du hübsche Kleine! Ich bin bereit, Geburtstag mit dir zu feiern!«

Sie blieb ein Weilchen sitzen, ihre Schultern erzitterten hin und wieder. Schließlich stand sie auf und schlüpfte in einen weiten Morgenrock, den sie aus dem Schrank geholt hatte. In ihren Augen funkelten Tränen. Nachdem sie ihren Platz am Tisch wieder eingenommen hatte, schenkte sie sich Wein ein und trank. »Halte mich nicht für eine Verrückte oder für eine zänkische Frau. Ich weiß sehr wohl, dass du jeden Moment aufstehen und weggehen kannst, und dann … Vor diesem Moment habe ich große Angst. Das gebe ich offen zu. Diese Flasche, der Tisch, das Bett – alles erschreckt mich, alllles … Wenn du weggehst, bin ich wieder allein. Kennst du das Gefühl eines einsamen, von aller Welt verlassenen Menschen, der es plötzlich mit der Angst zu tun bekommt? Dem Anschein nach geht alles seinen alten Gang, aber eines schönen Tages kriegst du einen Spritzer Angst ab. Und dieser Spritzer bleibt in deinem Innern sitzen, breitet sich dort immer mehr aus, bis die Angst schließlich dein ganzes Wesen erfasst wie eine Art Blutvergiftung. Dann hast du keine Zuflucht mehr. Aber warum halse ich dir all das auf ! Ich verkaufe meinen Körper. Bedien dich bitte! Damit deine Mühe nicht umsonst gewesen ist!«

Die Augen auf den Schoß gesenkt, verharrte sie stumm, und ihre weiße Haut blitzte zwischen den spielenden Rockschößen hervor. Ihre Brust hob und senkte sich, und ihr Atem ging hastig, hörbar. Eine schwangere Nacht nahm das Zimmer und die beiden einander fremden Menschen unter Belagerung. Mäuse flitzten zu Tausenden durch diese Nacht, völlig im Geheimen, ohne dass man ihre Stimme hörte, und auch ein rätselhafter Mord wurde in ihr begangen. Fernab, oder sogar ganz in der Nähe, zerriss ein Schuss das Dunkel, gefolgt von einem verzweifelten Aufschrei. Außerdem brodelte ja noch die Liebe, die diese Nacht wie alle anderen Nächte von einem Weltenende zum anderen erfüllte. Doch die Frau hier auf dem Stuhl, mit ihrem entblößten, käuflichen Körper, war unendlich verlassen und voller Ängste und Verzweiflung – warum konnte er dann nicht aufstehen und ihr langsam mit der Hand übers Haar streichen, wenigstens ein einziges Mal? Nein, er tat es nicht. Saß nur da und rauchte. Was denn auch?! Tröstete er etwa Frauen, deren Schiff gestrandet war?! Ausgerechnet er, Michael Rost?! Dafür fehlte ihm die Begabung, aber völlig! Und wenn sie dieses Nervenspiel nicht bald beendete, stand seine Entscheidung fest … Andererseits war interessant, wo all das enden würde.

Schließlich hob die Frau den Kopf und sah ihn an. Sie öffnete ein wenig die Lippen, sagte aber nichts. Dann plötzlich stand sie auf, als gäbe sie sich selbst einen Ruck, ging zu ihm hin und schmiegte sich scheinbar völlig versöhnt an ihn, streichelte ihm den Kopf, drückte die Brust an seine Wange. Sie fiel sogar vor ihm auf die Knie, und als sie den Kopf in seinen Schoß legte, flüsterte sie unhörbare Worte.

Seine Aufgabe kam ihm letzten Endes etwas lächerlich vor. Er schwang die Frau vom Boden hoch und trug sie zum Bett.

Sie sprang ab und setzte sich. »Meinst du, ich brauche dein Mitleid! Ich spucke darauf, hörst du, ich spucke auf dieses Mitleid. Tfu!«

Er setzte sich ans Fußende. »Warum diese Aufregung? Ich bemitleide dich keineswegs. Du hast dich in mir geirrt. Ich würde dir im Gegenteil raten, deinem Leben ein Ende zu setzen.«

Sie starrte ihn entsetzt an. »Wo hast du das her?«

Rost lachte tonlos. Er sah ihre runden, weißen Schenkel neben sich, über die eben jetzt ein leichter Schauder lief, und spürte plötzlich einen Krampf in den Händen. Die Frau schreckte auf wie aus einem schlechten Traum und hüpfte ihm auf die Knie. Sogleich schlang sie ihm die Arme um den Hals und flüsterte, während ihr Atemhauch sein Gesicht erglühen ließ: »Mein Geliebter, danke, dass du diese Nacht zu mir gekommen bist! Dass du dich nicht geweigert hast zu kommen … Wie soll ich dir das vergelten …« Und einen Augenblick später: »Sag, möchtest du, dass ich meinem Leben ein Ende setze? Ja?«

Rost lachte leise und gab keine Antwort.

»Wenn ich nur das Kind sehen könnte«, redete sie mit sich selbst, »jetzt ist er sieben Jahre alt … Und sein Aussehen – ich weiß nicht, wie er aussieht … Nie werde ich sein Aussehen kennen, niemals!« Sie verstummte. Den einen Arm hatte sie immer noch um Rosts Hals geschlungen, und ihre Finger klappten selbsttätig sein Ohrläppchen um. Auf dem Korridor hörte man jetzt dumpfe Schritte, vom Teppich verschluckt. Danach ging eine Tür auf und wieder zu.

»Weißt du«, begann die Frau von Neuem, »vorhin habe ich dich angelogen. Ich bin erst ein paar Monate im Gewerbe. An die drei Monate. Und auch alles Übrige ist nicht wahr. Ich bin erst vor kurzer Zeit aus dem Süden zurückgekommen. Mein lahmender Holländer wurde mir widerwärtig, und ich habe ihn verlassen. Aber wir wollen uns doch amüsieren, nicht wahr! Du hast den Wein noch gar nicht probiert! Bitte schön!« Sie streckte den Arm zum Tisch aus und führte ihm sein volles Glas an die Lippen.

Rost tat ihr den Gefallen und trank einen Schluck. Dann nahm er ihr das Glas ab und stellte es wieder zurück. »Du bist ein nettes Mädchen«, sagte er und fuhr ihr mit gespreizten Fingern durchs Haar.

»Nicht wahr? Hihi … Aber … weißt du … Nein! Jetzt will ich fröhlich sein! Mich austoben!« Sie wandte ihm das Gesicht zu und biss ihm die Lippen blutig.

»Werd nicht übermütig, Kleine! Ich bin ein bisschen groß zum Verspeisen.«

Sie sprang von seinem Schoß und kippte ein ganzes Glas hinunter. Dann holte sie eine zweite Flasche aus dem Schrank und zog geschickt den Korken. »Sagen wir also, du heißt George, und ich liebe dich schon einen ganzen Monat, nicht wahr!«

»Sagen wir mal!«, lachte Rost.

»Sag mir nur, dass du anders gehandelt hättest. Ich werde dir glauben … Nein, sag lieber nichts.«

Sie stand weiter reglos am Tisch, den Korkenzieher mit dem Korken in der Rechten, und ihre nackte weiße Haut kam, umrahmt vom schwarzen Morgenrock mit den großen, flammend gelben Blumen, in voller Länge zur Geltung.

»Schau mich nicht so an! Deine Augen … Denk nicht, ich würde mich vor deinen Augen fürchten … Ich fürchte mich keineswegs vor ihnen, hörst du!« Sie legte den Korkenzieher auf den Tisch und setzte sich zu ihm aufs Bett.

»Dein Eau de Toilette hat einen erlesenen Duft.«

Sie schien es nicht zu hören. Ein Weilchen später sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm: »Sie sind plötzlich zusammen aufgetaucht. Der Sohn und seine Mutter, eine englische Matrone, so lang und vertrocknet wie ein Besenstiel, zischend und abgehackt hat sie gesprochen, als hätte sie eine Pfeife im Mund. Ich weiß nicht, wie sie meine Unterkunft erfahren hatten. Sie erklärten, sie wollten für uns sorgen. Ein alleinstehendes Mädchen mit einem kleinen Baby und ohne Geld, völlig mittellos … Ich war noch sehr geschwächt nach der Schwangerschaft mit Hunger, Schwerstarbeit, Abenteuern und Leiden, und nach der lebensbedrohlichen Geburt. Das Baby war erst sechs Wochen alt. Und ich glaubte ihnen. Ich war auch noch sehr jung. Was kann man schon verlangen – eine Siebzehnjährige, die vor knapp einem Jahr noch die Schulbank im Gymnasium gedrückt hatte! Sie gaben mir Geld, um drunten ein paar Dinge einzukaufen. Sie würden hier warten, um auf das Baby aufzupassen. Schließlich hätten sie eine Verbindung zu diesem Kind, und auch zu mir natürlich. Und als ich eine halbe Stunde später zurückkam, fand ich niemanden mehr vor. Nur einen leeren Kinderwagen und einen Brief auf dem Tisch.«

»Und da war nichts mehr zu machen?«

»Da war nichts mehr zu machen. Wo willst du suchen, wenn du nichts über sie weißt! Nicht mal den Namen! In dem Brief stand, sie würden das Kind nach England mitnehmen. Es war von ihm, und ich kannte seinen Namen nicht, wusste gar nicht, was mir in jener Nacht geschah. Ich war völlig berauscht gewesen. Als ich am nächsten Morgen, nach dem Maskenball am Gymnasium, aufwachte, fand ich mich in einem fremden Hotelzimmer wieder, mit jenem Engländer, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Er fuhr mich im Auto nach Hause, und die Affäre war vorbei.«

»Und du hast ihn nicht wiedergesehen.«

»Ich habe ihn ein- oder zweimal zufällig getroffen, ein paar Monate später, nachdem meine Eltern mich aus dem Haus gejagt hatten. Er wollte mir Geld geben, aber ich habe ihm ins Gesicht gespuckt.«

Sie raffte ihre Rockschöße zusammen und wickelte sich fest ein, als wäre ihr kalt. Ihre Augen starrten geradeaus, wie durch eine Mauer, in verborgene Weiten. Oder vielleicht blickten sie auch nur ins Innere, in die Seele.

Rost legte ihr die Hand auf den Leib. Durch den Satinstoff spürte er die Wärme ihres glatten, weichen Körpers, den unter der jähen Berührung ein leichter Schauder überlief. Sie wandte ihm das Gesicht zu. Es war wunderschön in diesem Moment, mit edlen, sprechenden Zügen. Dann schmiegte sie sich enger an ihn. Schutzsuchend legte sie den Kopf auf seinen Schoß und verharrte still, reglos. Rost umschloss eine ihrer kleinen Brüste mit der Hand.

»Und später?«

»Später?«

Sie schreckte hoch und saß nun aufrecht. Ein neuer Wutschwall brandete in ihr auf, beschleunigte ihren Atem. Sie bebte am ganzen Leib vor Zorn. Nur mit Mühe gelang es ihr, ihre Handtasche zu öffnen, die am Kopfende des Bettes lag, und ihr Taschentuch herauszuholen. Sie putzte sich geräuschvoll die Nase. »Später? Ich hatte fälschlich geglaubt, den Eltern würde irgendwann weich ums Herz werden. Ich habe sie nicht gebeten, mich wieder aufzunehmen, wirklich nicht, nur dass sie mir helfen sollten, das Baby zu suchen, mehr nicht. An wen hätte ich mich denn sonst wenden sollen?! Ich habe meinen Stolz heruntergeschluckt und ihnen geschrieben. Eine Woche später habe ich einen zweiten Brief geschickt, verstehst du, zweimal habe ich geschrieben.«

»Und es kam keine Antwort.«

»Als hätte ich die Briefe in die Seine geworfen. Nach sechs Wochen habe ich mich vor die Haustür gestellt, um meinen Vater bei der Rückkehr vom Büro abzupassen. Er tat so, als kenne er mich nicht. Wollte an mir vorbeigehen, als wäre ich ein Ding, ein lebloser Gegenstand. Als ich ihm den Weg versperrte, stieß er mich so heftig beiseite, dass ich auf den Bürgersteig fiel. Da habe ich einen Tobsuchtsanfall bekommen. Alles, was sich in mir aufgestaut hatte, hat sich mit einem Schlag Luft gemacht. Ich habe ihn angesprungen, geohrfeigt, gebissen, gekratzt, ihm die Brille zerbrochen, ihn zusammengeschlagen. Hätte ich eine Pistole gehabt, hätte ich ihn erschossen. Nur mit Mühe gelang es der Concierge und ihrem Sohn, mich von ihm loszureißen. Die Concierge holte mich herein, umsorgte mich, bemühte sich mit allen Mitteln, mich zu beruhigen, und ich saß nur da und heulte. Lange habe ich geweint. Dann bin ich weggegangen. Bin stundenlang ziellos durch die Straßen gewandert. Es war schon Abend, und ich streunte weiter umher, ein Wunder, dass ich mir damals nicht das Leben genommen habe. Wahrscheinlich nur, weil es mir vor lauter Dummheit nicht in den Sinn gekommen ist. Schließlich machte sich ein Mann an mich ran, ging neben mir her und redete was. Ich wies ihn nicht ab. Ließ ihn machen. Er führte mich in ein Restaurant. Ich aß mechanisch und betrank mich. Blieb bei ihm. Zwei Wochen später habe ich ihn verlassen. Warum ich ihn verlassen habe? Das weiß ich selber nicht. Er war ein netter Mensch, umgab mich mit Liebe. Vielleicht gerade deshalb. Ich konnte diese große Güte nicht mehr annehmen. Bei mir war alles schon hart und versteinert. Er war sehr traurig, als ich ging.«

Rost trank einen Schluck aus seinem Glas und zündete sich eine Zigarette an. Die Frau erbat auch eine. Seine Uhr zeigte zehn vor drei. Er war also erst eine Stunde hier, aber es kam ihm vor, als wären mindestens drei vergangen. Er stand auf und trat ans Fenster. Die Gasse war menschenleer. Die elektrischen Straßenlaternen ergossen ihr Licht umsonst. Es schien wieder zu nieseln. In seiner Heimatstadt waren die Straßen nur spärlich durch vereinzelte Laternen beleuchtet gewesen, und es hatte dort ein schwacher, leicht süßlicher Fliederduft in der Luft geschwebt, der bei jedem sanften Windhauch auflebte und sich mit dem gänzlich unverdorbenen, befreiten Lachen junger Menschen verquickte. Doch aus den umliegenden Straßen, wo die Häuser mit den roten Fenstern standen, war hin und wieder ein anderes Lachen herübergeweht, parfümiert und heiser und frivol, ein Lachen, das seine Straße in ihrem ruhigen, friedlichen Dunkel ebenfalls aufgesogen hatte. Aber er, Rost, war jetzt nicht dort. War schon vor Langem dort weggegangen.

Er drehte sich wieder der Zimmermitte zu. Die Frau rauchte schweigend. Rost betrachtete sie einen Moment. Plötzlich sah er die ganze Szene vor Augen: Ein penibler Beamter, den er sich seltsamerweise mit Bart und Schnauzer vorstellte, von seinen Mitmenschen geachtet und Herr in seinem Haus, kommt eines Nachmittags nichtsahnend aus dem Büro, und da überfällt ihn vor seiner Haustür die ungeratene Tochter, die aus seinem Haus und seiner Erinnerung vertrieben war, versetzt ihm Ohrfeigen, zertrümmert seine Brille, reißt ihm die Krawatte vom Hals und veranstaltet einen öffentlichen Skandal vor den Nachbarn und vor der Concierge.

Rost lachte laut auf. Die Frau sah ihn verständnislos an. »Hm, ja«, stieß er hervor, »nicht schlecht.« Er schenkte die Gläser neu ein und reichte ihr ihres. »Trinken wir auf deine Courage!«

»Meine Courage? Ja, prima! Auf meine Courage … Haha, ich … Du meinst, ich hätte nicht genug Courage … Komm her zu mir, du bist doch ein Mann.«

»Das will ich meinen.«

»Gefalle ich dir?«

»Das kann man sagen, ja.«

»Und warum küsst du mich nicht? He, wie eine Feuersbrunst! Küss mich zu Tode.«

1

Vor zwanzig Jahren erschien Michael Rost in einer der Hauptstädte Europas, deren Kaiser schon ein greiser Mann war, ein wenig deppert, mit üppigem Backenbart beiderseits des rasierten Kinns. Die Stadt war alt, den Nebeln des Mittelalters entrissen mit ihren Türmen und gotischen Kirchen, sie lag an einem breiten Strom. Und Michael Rost war achtzehn Jahre alt, ein großgewachsener blonder Jüngling ohne einen Bekannten und Geld. Er befand sich auf halbem Weg zu einem der Länder des Nahen Ostens, einem seit Jahrtausenden öden und verlassenen Landstrich, den eine Handvoll beseelter Menschen, die sich der fernen Vergangenheit verbunden fühlten, mit harter Arbeit und kraft ihrer flammenden Begeisterung wiederzuerwecken suchten. In seiner Geburtsstadt hatte er seinen Vater, der Lehrer war, seine Mutter und ein paar Schwestern zurückgelassen. Er fand die Stadt, in die er durch Zufall geraten war, nicht schlechter als andere, und eigentlich gab es keinen Grund, die Reise fortzusetzen. Hier konnte er sich ebenso gut niederlassen wie an jedem anderen Ort. Von den fünf Kronen, die ihm nach den Abenteuern der weiten Fahrt noch geblieben waren, zahlte er die Miete für eine Woche Unterkunft in der Wohnung von Frau Schatzmann, Wanzen und Flöhe inbegriffen, und aß ein paar fade Mahlzeiten in einer Volksküche. Dann sagte Frau Schatzmann, indem sie den Daumen an Zeige- und Mittelfinger rieb: »Moneten, junger Bursche, Moneten – bei mir wird im Voraus bezahlt. Solche komischen Vögel!« Rost wusste nicht genau, welcher Sorte Vögel sie ihn zurechnete. Statt einer Antwort blies er ihr einen Mundvoll Zigarettenrauch ins Gesicht und nahm sein Bündel.

Die Stadt bereitete sich schon auf den Frühling vor. Die letzten Eisschollen trieben auf dem Fluss vorüber. Doch in der Speisegaststätte Achdut des Herrn Stock – ein Gemisch aus Beisel, Restaurant, Herberge und Kaffeehaus, »streng koscher« – konnte man ein Glas Tee für vier Heller trinken und sich, inmitten von Tabaksqualm der billigen Sorte, penetranten Küchendünsten, Geschrei und Diskussionen den ganzen Tag gratis wärmen. Hier saß Michael Rost an einem großen Tisch, seine Nachbarn tranken dampfenden Tee und aßen Rosinenkuchen. Ein ausgemergelter, spitzbärtiger Jude trank aus und rückte den Kneifer auf der Nase zurecht.

»Wohin?«, sprach er Rost an. »Nach Amerika?«

»Vielleicht …«

»Die Agentur hat also auch Sie betrogen – das Feuer soll sie holen! Von der Grenze aus geradewegs bis nach Rotterdam, so war es versprochen – und jetzt hält sie einen hier auf, damit man seine letzten Groschen verbraucht! Renn mal einer jeden Tag dem Agenten hinterher! Und Sie, junger Bursche, nach Boston oder Philadelphia? Wen haben Sie denn dort?«

»Ich hab dort niemand.«

»So, mutterseelenallein?«

»Mutterseelenallein.«

»Und wann läuft Ihr Schiff aus?«

»Ist schon ausgelaufen.«

»Schon ausgelaufen? Wollen Sie den großen Teich zu Fuß überqueren?!«

»Ich gehe nicht über den großen Teich.«

»Sie fahren also nicht nach Amerika? Nun reden Sie doch! Warum schweigen Sie denn! Sieh dir diesen Flegel an! Du sprichst ihn als Menschen an, und er antwortet dir wie eine Bestie. Und was denn? Wollen Sie mir sagen, dass Sie hierbleiben?«

»Sie haben’s erraten«, lachte Rost, »ich bleibe hier.«

»So, er bleibt hier! Da können Sie Ihre Zähne gleich verkaufen – die werden Sie hier nicht mehr brauchen! Diese Stadt ist ein hartes Pflaster! Das ist nicht Amerika, wo jeder nach Belieben reich werden kann. Sie werden sehen und noch an meine Worte denken, ich weiß, was ich sage. Haben Sie den Namen Jankel Marder schon mal gehört? Nie gehört? Das hier ist der Mann!« – Er tippte sich an die Brust – »Berühmt von Mohilow bis Odessa, in allen Regionen der Ukraine! Wenn Jankel Marder etwas sagt, können Sie’s blindlings unterschreiben!«

Jankel Marder hatte sich immer noch nicht beruhigt. »Und was wollen Sie, Ihren Worten zufolge, hier anfangen, beispielsweise?«

»Ich werde eine Frau heiraten, zum Beispiel …«

»Eine Frau wollen Sie heiraten? Was sagst du dazu, Schewtel?«, wandte er sich an einen langen Lulatsch im schwarzen Russenkittel, dessen Adamsapfel auf und ab lief, während er emsig damit beschäftigt war, sich mit einem Taschenmesser die Nägel zu stutzen. »Eine Frau will er heiraten! Wer wird Ihnen denn eine Frau geben, Sie Grünschnabel?!«

»Man wird.«

»Lassen Sie den Unsinn! Schade um einen Burschen wie Sie, Sie werden hier versacken! Ich rate Ihnen, nach Amerika zu fahren. Sie werden es nicht bereuen! Dort werden Sie ein gutes Leben haben, werden leben wie ein Fürst, wie ein König! Wissen Sie, was Amerika ist?! Fragen Sie mich, und ich sag es Ihnen! Die Dollars rollen dort auf den Straßen. Sie brauchen nur die Hand auszustrecken und sie aufzulesen! Die dummen Yankees werfen das Geld zum Fenster raus, und Sie gehen hin und heben es auf, so ist das in Amerika!«

»Wo haben Sie das denn her? Waren Sie schon mal dort?«

»Was tut das zur Sache? Wer weiß denn nicht, wie es in Amerika zugeht?! Ein Wickelkind weiß es! Hier, schauen Sie!« Er zog ein Bild aus der Jackentasche und wedelte Rost damit vor den Augen herum. »Sehen Sie? Mein Bruder! Mein eigen Fleisch und Blut, reich wie ein Krösus!« Das Bild zeigte einen jungen Mann mit Melone auf dem Kopf und Zigarette im Mund. »Erst vor drei Jahren ist er dort eingewandert, und jetzt – Millionär! Wenn er will, kann er Ihnen den Zarenpalast kaufen!«

»Was quatschen Sie ihm denn da von Amerika vor, Mister?«, mischte sich ein Bursche mit drei Goldzähnen vom Nebentisch ein. Er hatte eine Knollnase, vorquellende Fischaugen, einen Dreitagebart und eine sehr raue Stimme. »Ich bin dort gewesen, in Ihrem Amerika – soll die Erde es verschlingen! Amerika, hahaha! Nach Amerika geht er! Der Mensch sollte sich lieber tief in der Erde begraben lassen, als in dieses verfluchte Land zu gehen! Hören Sie auf meinen Rat, Mister. Gehen Sie zu der Agentur, dass man Ihnen das Geld für die Schiffspassage erstattet, und kehren Sie dorthin zurück, wo Sie hergekommen sind, ohne nach rechts oder links zu blicken! Fliehen Sie, sage ich Ihnen, fliehen Sie, so weit Ihre Füße Sie tragen, und gehen Sie nicht in dieses Land!«

»Und mein Bruder?!«, brauste Jankel Marder auf. »Mein Bruder, der Millionär?! Hier ist das Bild! Schauen Sie!«

»Ihr Bruder? – Firlefanz!«, erwiderte sein Gesprächspartner mit wegwerfender Geste, ohne einen Blick auf das Foto zu werfen. »Ihr Bruder, der Millionär! Ein Bettler ist er, ein Hausierer, ein elender Pedlar! Verdient fünfzig Cent am Tag – allerhöchstens! Yes, Mister! Fünfzig Cent pro Tag, keinen halben Cent mehr als das, und schuftet wie ein Gaul – das ist Ihr Bruder! Was Amerika angeht, fragt bitte mich!«

»Sie haben in Amerika wohl kein Glück gehabt, wenn Sie das Land so schlechtmachen, Bruder.«

»Ich soll in Amerika kein Glück gehabt haben?! Wissen Sie denn überhaupt, mit wem Sie reden, Mister? Sie haben den berühmten Sänger Arnold Kroin vor sich! Hören Sie den Namen Arnold Kroin! Berühmt in aller Welt. Ein Heldentenor! Der erste Sänger in allen Theatern Amerikas! Arien aus Carmen, aus La Traviata und aus Tosca! Ich soll in Amerika keinen Erfolg gehabt haben?!«

Der Hüne im schwarzen Russenkittel hatte sich die Fingernägel fertig gestutzt, klappte das Taschenmesser zusammen und sagte lachend: »Heldentenor, erster Sänger – mit dieser Stimme?«

»Was verstehen Sie denn von Singstimmen? Da hätten wir ja einen ganz neuen Experten!«

»Sie sind doch heiser wie ein Gockel. Arien, Carmen, Tosca! Solche Narren sind schon ausgestorben, Mister! Wenn Sie erster Sänger in Amerika waren, dann stimme ich Ihnen zu, dass es ein verdammtes Land ist!«

»Sieh mal einer an, dieser lange Schlaks! Wo kommen Sie überhaupt her? Haben Sie jemals einen echten Sänger gehört? Sie sind ja kaum den Windeln entwachsen! Wissen Sie, was ein Heldentenor ist?! Do, re, mi, fa, sol – warten Sie ein paar Tage, bis meine Erkältung abgeklungen ist, dann werden Sie Arnold Kroin zu hören bekommen!«

»Interessiert mich nicht!«

»Das sag ich ja, Sie verstehen von Gesang so viel wie ein Frosch von Philosophie!«

»Ihren Heldentenor sollten Sie lieber dem Kuriositätenkabinett spenden, so ein komisches Geschöpf haben sie dort noch nicht.«

»Was soll man mit einem Hering wie Ihnen schon reden? Man müsste Sie zum Dörren aufhängen!«

»Was sagst du dazu, Schewtel«, assistierte jetzt Jankel Marder, »dieser falsche Fuffziger soll ein Sänger in Amerika gewesen sein, dem Land der größten Sänger der Welt. Welcher Depp soll das glauben?«

»Und Sie alten Bock würde man keinen Fuß auf den Kontinent setzen lassen! Würde Sie mit demselben Dampfer zurückschicken, auf dem Sie gekommen sind. Auf Leute wie Sie wartet dort keiner!«

»Ich bin sicher, Sie sind selber nie dort gewesen. Was sagst du, Schewtel?«

»War er nicht!«, urteilte der knapp.

»Ich hab’s gar nicht nötig, mit welchen wie Ihnen zu reden. Arnold Kroin mit solchen Kreaturen!«

»Nein, nein, reden Sie nicht! Achten Sie lieber auf Ihren Tenor, damit Sie ihn nicht verlieren.«

Michael Rost wusste da noch nicht, wo er übernachten sollte, zerbrach sich aber nicht zu sehr den Kopf darüber. Es würde sich schon ein Ausweg finden. Im Lokal war es laut und betriebsam. Die drei Säle waren voll besetzt mit Gästen aller Altersstufen und Berufsgruppen aus verschiedenen Herkunftsländern. Im Stehen und Sitzen unterhielten sie sich, diskutierten, tätigten zweifelhafte Geschäfte, führten müßige Reden, tranken Tee, Bier, Schnaps, lärmten unaufhörlich.

Hinter der Theke, in einer rein weißen Bluse, stand Malwine, die Tochter von Reb Chaim Stock, dem Wirt, ein schwarzes Samtband im goldschimmernden schwarzen Haar. Sie hatte schwarze Mandelaugen, eine schmale Adlernase und einen schmallippigen, kaum sichtbaren Mund, der meist fest verschlossen war. Beim Lachen entblößte sie hübsche kleine Zähne, aber wenn ihre Mutter in der Küchentür auftauchte, die zu einem der Säle führte, wussten alle sofort, wie die Tochter in vierzig Jahren aussehen würde. Die Mutter war dick, untersetzt und trug eine braune Perücke, die auf ihren Brauen aufsaß. Ihr breites, knochiges Gesicht leuchtete stets weißlich, ohne jede Spur von Rot, glänzte von Küchenfett, und ein paar lockige Härchen sprossen auf Kinn und Wangen. Sie blieb auf der Schwelle stehen, klapperte mit dem großen Schlüsselbund an ihren breiten Hüften wie mit einer schrecklichen Waffe und rief in den Raum: »Ein bisschen Ruhe, meine Herrschaften! Es klingen einem ja die Ohren!« Dann wurde es einen Moment ruhig, weil alle Angst vor ihr hatten. Doch kaum war sie in der Küche verschwunden, brandete der Lärm wieder auf. Dann dröhnte ihre kratzige Stimme erneut aus der Küche, wo sie die Köchin und die Dienstmädchen mit Schreien und Tadeln in Tarnower Deutsch herumkommandierte, oder sie erschien und rief: »Malwine, geh mal nachsehen, wohin Vater verschwunden ist!«

Und Vater, ein würdiger Jude mit herrlich langem weißem Bart, war in eben diesem Moment in einem dunklen Flurwinkel oder in einem freien Gästezimmer damit beschäftigt, eines der gesunden, rotbäckigen und rothändigen Dienstmädchen zu zwicken, dessen Widerstand mittels einiger Münzen geschwächt worden war. Manchmal kehrte Reb Chaim Stock mit einer rot angelaufenen Wange aus dem Flur zurück, weil er eine Ohrfeige in sein würdiges Gesicht bekommen hatte, aber sonst war ihm nichts anzumerken. Er hatte nichts von seiner Würde und Gelassenheit eingebüßt. Das Käppchen, das unter seinem Hut hervorlugte, saß wieder an Ort und Stelle auf seinem Schädel, die kleinen wässrigen Augen blickten kalt und durchdringend durch den Kneifer, von dem eine schwarze Kordel zur Jackentasche führte, und der Bart wallte in voller Pracht. Seine Bewegungen waren so ebenmäßig und gemessen wie immer, und seine Stimme klang ruhig und beherrscht. Lediglich Frau Stock, die ihren Mann nur zu gut kannte, flüsterte ihm leise zu, damit keiner es hörte: »Du alter Schmutzfink!«, ohne irgendeine Antwort zu erhalten.

So verging die Zeit in dieser Ecke der Großstadt, unter ständigem Wechsel der Dienstmädchen, verursacht zum einen durch Frau Stocks Strenge und zum anderen durch Reb Chaim Stocks übermäßige Gewogenheit. Malwine wiederum tuschelte, ohne ihren Platz hinter der Theke zu verlassen, viel mit Max Karp, einem jungen Mann aus Galizien, dessen Kopf so groß und rund war wie ein Kürbis, gekrönt von einem grünlichen Plüschhut mit hängender Krempe auf der blonden Tolle. Er erschien immer zur Essenszeit, eine dicke Tasche unterm Arm. Es gab ein Geheimnis zwischen Malwine und diesem blonden Jüngling, und sie wartete auf einen günstigen Moment, ihn zu heiraten. Vorerst päppelte sie ihn, so zuvorkommend wie einen Ehrengast, mit seinen Leibspeisen, wie Kischke (gefüllter Rinderdarm), Hühnerbraten mit Graupen und gehackter Gänseleber. Mit schwärmerischer Stimme rief sie dann quer über den Saal nach dem Kellner: »Alfred, eine schöne Hühnerkeule für Herrn Karp, ordentlich gebraten!«

Max Karp besuchte Abendkurse und bereitete sich insgeheim auf die Reifeprüfungen vor. Nach Aussage seines guten Freundes, die treuen Blicks nur würdigen Ohren zugeflüstert wurde, verfasste er herrliche Gedichte und würde einmal ein großer Mann werden. Er hatte noch nichts veröffentlicht, weil die Zeit nicht reif war, »weil, äh, das erkläre ich dir ein andermal«, verstummte dann sein Freund vor lauter Hingabe und Diskretion. Der zu Großem Bestimmte trug etwas ausgetretene schwarze Lackschuhe über grünen Socken. Oft stand er vor der Theke und tuschelte mit Malwine. Strahlenden Gesichts und kokett lächelnd verzehrte sie ihn dann mit den Augen, während sie ein Schnapsglas nach dem anderen für die Gäste ausschenkte und er seinen Stolz notgedrungen fürs Erste herunterschluckte.

Michael Rost war damals keineswegs aufgeschmissen. Ganz und gar nicht. Erfreulicherweise wurde seine Frage positiv beschieden, im gemeinsamen Zimmer von Schewtel und Jankel Marder in der ersten Etage des Achdut fand sich ein freies Sofa. Er konnte ein paar Nächte bei ihnen verbringen, so er sich beim Ein- und Ausgehen von keinem sehen ließ, und mehr noch: Man lud ihn auch zu einem Glas Tee mit Kuchen ein, was ihm sehr gelegen kam.

Unterdessen dunkelte es bereits, und Jascha aus Odessa erschien in einem weißen Leinenanzug mit Farbflecken. In der letzten Zeit war Jascha, mangels anderer Möglichkeiten, unter die Anstreicher gegangen und das mit Erfolg. Am Feierabend, nach vollbrachtem Tagewerk, zog er sich um und ging mit der fetten Fritzi ins Kino, um über das bittere Los der armen Henny Porten zu weinen, die verführt und dann mit geschwollenem Bauch verlassen wurde. Jetzt konnte er für ein paar Tage einen Gehilfen brauchen und fand keinen besseren als Michael Rost. Sie verabredeten sich für den nächsten Morgen.

Jascha war ein mutiger Bursche, und sein knochiges Gesicht trug einen zugleich herrischen und kindlichen Ausdruck. Er hatte sämtlichen Rowdys und Helden im Viertel Respekt eingebläut, und alle fürchteten ihn. Er hatte schon öfter bei der Polizei genächtigt, weil er einem von ihnen die Knochen weichgeschlagen hatte. Er wohnte seit einigen Monaten hier, und seine Vergangenheit lag im Dunkeln. Es hieß, er sei in Odessa Anführer einer Diebesbande gewesen und habe ein paar Morde begangen. Aber das waren unbewiesene Gerüchte, die man durchaus anzweifeln konnte, obwohl ihm derlei Taten seinem Wesen nach zuzutrauen waren. Man erzählte sich auch, er habe während der ...

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