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Eine Taube bringt den Tod

Peter Tremayne

Eine Taube bringt den Tod

Ein Fall für Schwester Fidelma

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Irmhild und Otto Brandstädter

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

HAUPTPERSONEN

AUF DER RINGELGANS

AUF DER INSEL HOEDIG

AUF DER HALBINSEL RHUIS

AUF DER BURG BRILHAG

AUF DER INSEL GOVIHAN

HISTORISCHE VORBEMERKUNG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

EPILOG

 

|5|Für meinen alten Freund Professor Per Denez, dem ich die Idee verdanke, Fildelma in der Bretagne wirken zu lassen; für Bernez ar Nail, der mich beriet und stets ermutigte; für Yves Borius, den ehemaligen Bürgermeister von Sarzhav (Sarzeau) unweit von Brilhag und Conseil Général du Morbihan; für Hervé Latimier & Jean-Michel Mahé, die Fidelma ins Bretonische übersetzten; für Marie-Claude und Claude David, die mich gastfreundlich aufnahmen; und für alle meine bretonischen Freunde, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen.

 

|7|Dat veniam corvis, vexat censura columbas.

 

Der Zensor vergibt den Krähen,

die Tauben jedoch verurteilt er.

Juvenal, geb. um 60, gest. nach 127

 

 

Non semper ea sunt, quae videntur.

 

Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen.

Phaedrus, geb. um 15 v. Chr., gest. um 50 n. Chr.

 

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|9|HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

 

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks, ihr Gefährte

AUF DER RINGELGANS

Bressal von Cashel, Fidelmas Vetter und Botschafter ihres Bruders Colgú, des Königs von Muman

Murchad, der Kapitän

Gurvan, der Erste Maat

Wenbrit, Schiffsjunge

Hoel, ein Seemann

AUF DER INSEL HOEDIG

Bruder Metellus, ein römischer Geistlicher

Lowenen, der Dorfälteste

Onenn, seine Frau

|10|AUF DER HALBINSEL RHUIS

Abt Maelcar von der Abtei des heiligen Gildas

Bruder Ebolbain, sein Schreiber

Aourken, eine Witwe

Berran, ein Fuhrknecht

Biscam, ein Kaufmann

 

Barbatil, Argantkens Vater

Coric, sein Mitstreiter

AUF DER BURG BRILHAG

Macliau, Sohn des mac’htiern (Lord) auf Brilhag

Argantken, Macliaus Geliebte

Trifina, Macliaus Schwester

Iuna, Vorsteherin des Haushalts

Bleidbara, Hauptmann der Burgwache

Boric, sein Stellvertreter und Fährtenleser

Iarnbud, bretat oder Richter des mac’htiern auf Brilhag

 

Riwanon, Gemahlin Alains, des Königs der Bretonen

Budic, Hauptmann ihrer Leibwache

Ceingar, ihr Kammermädchen

 

Alain Hir (der Lange), König der Bretonen

Canao, der mac’htiern, Lord oder Burgherr auf Brilhag

Kaourentin, bretat oder Richter vom Königreich Bro-Gernev

AUF DER INSEL GOVIHAN

Heraklius, Arzt und Apotheker aus Konstantinopel

|11|HISTORISCHE VORBEMERKUNG

Die in diesem Roman beschriebenen Ereignisse trugen sich im Sommer A. D. 670 zu und schließen sich unmittelbar denen im Band Das Konzil der Verdammten geschilderten an. Fidelma und Eadulf sind nach ihren Abenteuern auf dem Konzil von Autun im Reich der Burgunden auf der Heimreise. Im Land, das einstmals Armorica hieß – dem »Land am Meer« –, sind sie im Hafen Naoned (Nantes) an Bord gegangen. Ihre Seereise sollte sie zunächst entlang der Südküste der großen Halbinsel führen. Dabei waren die gefürchteten Felsmassive der Roches de Penmarc’h zu umschiffen, ehe man quer über die Baie d’Audierne nordwestwärts segeln und dann in nördlicher Richtung auf Irland zuhalten konnte.

Bereits zu jener Zeit nannte man Armorica »Klein-Britannien« (Bretagne). Seine ursprüngliche Bevölkerung aus keltischen Galliern hatte während des 5., 6. und 7. Jahrhunderts durch wiederholte Einwanderungswellen von Kelten aus Britannien Zuwachs erhalten. Es waren Britannier, die vor den gewaltsam eindringenden Angelsachsen geflohen waren und eine neue Heimstatt suchten. Die Eroberer errichteten im südlichen Britannien ihre Königreiche, die sich schließlich im 10. Jahrhundert zum Land der Angeln oder England vereinigten.

Wie einer der britannischen Flüchtlinge, der heilige Gildas |12|(er starb um 570), in seinem Werk De Excidio et Conquestu Britanniae (Über die Vernichtung und die Leiden Britanniens) festhielt, wurden die britannischen Kelten von den »ferocissimi Saxones« entweder niedergemetzelt oder gezwungen, übers Meer zu fliehen.

Die britannischen Flüchtlinge brachten ihre Mundart des Keltischen nach Armorica, die sich nicht allzu sehr von der Redeweise der einheimischen Gallier unterschied. Später entstand daraus das Bretonische.

Zu Fidelmas Zeiten waren die großen bretonischen Abteien Zentren keltischer Gelehrsamkeit und Schreibkunst. Die älteste auf uns gekommene Handschrift in bretonischer Sprache stammt aus dem 8. Jahrhundert A. D. und ist somit ein Jahrhundert älter als der früheste Text in Altfranzösisch. Sie wird in Leiden in den Niederlanden unter der Bezeichnung Leiden Mss. Vossianus für die Nachwelt aufbewahrt. Der Codex beinhaltet unter anderem eine von bretonischen Gelehrten verfasste Abhandlung über Biologie und nimmt insofern eine Sonderstellung unter den frühmittelalterlichen keltischen Handschriften ein, als er keltisches Wortgut in medizinischem Kontext enthält. Vom 8. Jahrhundert an entwickelten sich das Bretonische, das Kornische und das Walisische als eigenständige Sprachen. Davor waren sie voneinander noch nicht sehr verschieden und hatten erst begonnen, sich als Dialekte der britannischen keltischen Muttersprache zu verselbständigen. Das erklärt, warum Fidelma und Eadulf in unserer Geschichte Schwierigkeiten haben, das Bretonische zu verstehen, obwohl ihnen die Sprache der Britannier nicht gänzlich fremd ist.

Die bretonischen Geistlichen schrieben aber auch in beachtlichem Maße in Latein. So entstanden zwischen dem 7. und 14. Jahrhundert über vierzig Heiligenleben. Für uns von Interesse ist die Handschrift Libri Romanorum et Francorum; sie |13|enthält eine Sammlung von Gesetzen über die Rechtsverhältnisse in der Bretagne. Früher haben Gelehrte diesen Codex fälschlicherweise als »Canones Wallici« (Walisischer Kanon) bezeichnet, heute nimmt man allgemein an, dass das Werk im 6. Jahrhundert in der Bretagne entstand. Allerdings ist es nur in einer Abschrift aus dem 9. Jahrhundert erhalten.

Zu der Zeit, in der unsere Geschichte spielt, war die Bretagne in mehrere Kleinkönigtümer unterteilt, die einen der Fürsten als König der Bretonen anerkannten und ihm Treue gelobten. Da viele Urkunden verlorengegangen sind und die Datierung von Ereignissen oftmals unsicher ist, lassen sich genaue Angaben über die Herrscher und ihre Regierungszeiten nicht machen. Doch gilt als gesichert, dass damals Alain Hir (der Lange) regierte. Er entstammte dem Königshaus von Domnonia, einem größeren Gebiet im Norden, das um 670 A. D. unter den bretonischen Fürstentümern eine Vorrangstellung erlangt hatte. Domnonia hatten sich die südlich gelegenen Besitzungen von Bro-Erech angeschlossen, das sich bald darauf zu Ehren seines berühmtesten Herrschers Bro-Waroch nannte. Weiterhin gab es im Südwesten das Königtum Bro-Gernev (Kernev), das später auf Französisch Cornouaille hieß. Dessen Oberherr war seinerzeit Gradlon ap Alain. Im Nordwesten der Halbinsel lag das Gebiet Bro-Leon, das den Status eines Lehnguts der bretonischen Krone erhalten hatte, nachdem sein letzter König Ausoch um 590 verstorben war. Und schließlich gab es noch das halbwegs unabhängige Herzogtum von Pou-Kaer oder Poher, das späterhin mit Cornouaille vereinigt wurde.

Die Ortsnamen geben Aufschluss über die Herkunft der britannischen Flüchtlinge. Domnonia wurde von Flüchtlingen besiedelt, die ursprünglich in Dumnonia im Süden Britanniens ansässig waren. Der heutige Name der englischen Grafschaft Devon hat sich aus dieser Urform entwickelt. Kernev oder |14|Cornouaille in der Bretagne hat seine genaue Entsprechung in Kernow oder Cornwall in England.

Für Leser, die Wert auf die zeitliche Einordnung technischer Errungenschaften legen, sei vermerkt, dass ich mich auf die Angaben des heiligen Theophanes des Bekenners beziehe, der von 758 bis 818 lebte. Dieser byzantinische Adlige, asketische Mönch und Geschichtsschreiber berichtet, dass bereits um 670 das pyr thalassion, das See- oder flüssige Feuer, in Gebrauch war. Er schreibt die Erfindung dessen, was wir heute das Griechische Feuer nennen, dem Architekten Kallinikos zu, der aus Heliopolis in Phönizien (der heutigen Bekaa-Ebene im Libanon) hatte fliehen müssen, nachdem islamische Heerscharen dort eingefallen waren. Kallinikos hatte in Konstantinopel eine neue Wirkungsstätte gefunden. Dieses pyr thalassion zu löschen, war ungemein schwierig, mit Wasser war ihm schon gar nicht beizukommen, Wasser ließ die Flammen eher heftiger lodern. Noch im 10. Jahrhundert ermahnte Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos in dem von ihm verfassten Ratgeber De administrando imperio seinen Sohn, einem Fremden drei Dinge nicht zu überlassen: seine Krone, die Hand einer kaiserlichen Prinzessin und das Geheimnis des »flüssigen Feuers«.

|15|KAPITEL 1

Fidelma von Cashel lehnte sich entspannt gegen die Heckreling des Handelsschiffs und beobachtete, wie die Küste des Festlands allmählich zurückblieb.

»Ein schönes Gefühl, auf dem Weg in die Heimat zu sein«, meinte vergnügt der hochgewachsene Mann mit dem rötlichen Haar, der neben ihr stand. Er hätte Fidelmas Bruder sein können, so sehr ähnelten sie einander. Er war etwa so alt wie sie, Ende zwanzig, und hatte angenehme Gesichtszüge, wenngleich seine kantigen Kinnbacken ihnen auf den ersten Blick etwas Grimmiges verliehen; erst beim zweiten Hinsehen bemerkte man, wie lustig die blitzenden graugrünen Augen dreinschauten. Seiner sorgsam gewählten Kleidung nach hätte man ihn für einen wohlhabenden Handelsherrn halten können, doch seine kräftige Statur ließ eher auf einen Krieger schließen.

Fidelma wandte sich ihm mit leichter Kopfbewegung zu. »Ich müsste lügen, wenn ich das in Abrede stellen wollte, Vetter Bressal. Viel zu lange bin ich vom Königreich meines Bruders fort. So Gott will, haben wir eine ruhige Heimfahrt nach Aird Mhór vor uns.«

Bressal aus dem fürstlichen Geschlecht der Eóghanacht von Cashel nickte. »Das Wetter lässt sich gut an; wenn der Wind auch nicht kräftig ist, so weht er doch immerhin von Süd. |16|Sobald unser Kapitän gegen den Wind segeln kann, wird es leichter sein.«

Sie blickte wieder zurück zu den Ufern, die im Dunst verschwammen. Tatsächlich wehte ein schwacher, böiger Wind von Süd, und der Tag war warm, obwohl die Sonne nur trüb durch Wolkenschleier schien. Das hochbordige Handelsschiff, die Gé Ghúirainn, Ringelgans, war bereits eine halbe Tagesreise von den Salzwiesen an der Küste von Gwerann entfernt und wurde gegenwärtig im vorherrschenden Wind getrieben.

Bressal schaute hinauf zu den Segeln und dann zum Festland. »Nicht lange, und Murchad, unser tüchtiger Kapitän, wird kreuzen und den Wind dann noch besser nutzen können. Wie ich gehört habe, kennst du ihn und sein Schiff ziemlich gut.«

»Als wir in den Hafen von Naoned einfuhren, war ich in der Tat freudig überrascht, dort die Ringelgans vertäut zu sehen«, bestätigte sie ihm. »Ich war seinerzeit viele Tage auf dem Schiff. Damals hat Murchad mit seinem Segler eine Pilgerschar von Aird Mhor zum Wallfahrtsort des heiligen Jakob in Galicia gebracht.«

»Dich als Pilgerin kann ich mir nur schwer vorstellen, Fidelma. Ich hab nie verstehen können, warum du überhaupt ins Kloster gegangen bist.«

Sie nahm ihm seine Bemerkung nicht übel. Beide waren zusammen aufgewachsen und schätzten einander sowohl als Verwandte wie auch als Freunde. Fidelma zuckte gleichmütig die Achseln, hatte sie sich doch eine ähnliche Frage selber schon mehr als einmal gestellt.

»Abt Laisran, unser Vetter, hat mir diesen Schritt nahegelegt. Ich hatte meine Studien an der Rechtsschule von Richter Morann in Tara abgeschlossen und wusste nicht recht, was ich tun sollte, um im Leben voranzukommen.«

|17|»Aber du hattest doch schon den Grad einer anruth erreicht, dir hätte nur eine Stufe zum ollamh gefehlt, dem höchsten Titel, den unsere Hohen Schulen verleihen können. Warum hast du nicht weitergemacht und bist Professor für Rechtskunde geworden? Als ollamh hättest du sogar Oberster Richter am Königshof werden können.«

Fidelma schüttelte abweisend den Kopf. »Man sollte mir nicht nachsagen können, ich hätte eine angesehene Stellung nur meinen Familienbeziehungen zu verdanken. Ich wollte in keiner Weise gebunden sein.«

»In die Abtei der heiligen Bridget in Cill Dara einzutreten, war aber genau das Gegenteil davon, wenn du mich fragst – dort bist du durch Regeln und Verbote erst recht gebunden.«

»Das war mir damals nicht so klar«, verteidigte sich Fidelma. »Die Abtei brauchte jemand, der sich im Rechtswesen auskannte. Außerdem hast du gewiss gehört, dass ich Cill Dara den Rücken gekehrt und mich nie wieder einer anderen Gemeinschaft angeschlossen habe. Ich stehe vielmehr meinem Bruder, unserem König, zur Verfügung; er kann auf meine Kenntnisse und Fähigkeiten zurückgreifen, wann immer es nottut.«

Der junge Mann nickte und wechselte das Thema. »Eadulf hat mir erzählt, ihr seid aus dem Land der Burgunden etliche Tage unterwegs gewesen, seid flussabwärts zum Hafen am Meer gelangt.«

»Ja, wir haben Bischöfe und Äbte aus Éireann zum Konzil in Autun begleitet. Abt Ségdae von Imleach und die anderen sind zu den weiteren Beratungen noch dortgeblieben. Uns brauchte man nicht länger, und so beschlossen wir, uns zur Küste aufzumachen und auf ein Schiff zu warten, das uns nach Hause bringt.«

Gleich nach ihrer Ankunft im geschäftigen Hafen von Naoned |18|am Kai auf ihren leiblichen Vetter Bressal zu stoßen, war für Fidelma eine willkommene Überraschung gewesen. König Colgú, ihr Bruder, hatte ihn zu den Salzmarschen von Gwerann entsandt, um dort mit Alain Hir, dem König der Bretonen, ein Abkommen über Salzlieferungen nach Muman auszuhandeln. Salz war in den fünf Königreichen von Éireann hochbegehrt. Man hatte eigens Gesetze zum Handel mit dem kostbaren Gut erlassen, denn es gab Leute, die vor nichts zurückschreckten, um sich daran zu bereichern. Das Salz von Gwerann – der Name bedeutete nichts anderes als »weißes Land«, denn so sahen die ausgedehnten Salzmarschen aus –, wurde schon seit undenklichen Zeiten außerordentlich geschätzt.

Noch mehr überraschte es Fidelma, dass das Schiff, mit dem ihr Vetter seine Fahrt unternommen hatte, gerade die Ringelgans war, auf der sie schon einmal ein recht gefährliches Abenteuer bestanden hatte. Es war der reine Zufall, dass dieses Schiff im Hafen von Naoned angelegt hatte. Die Salzpfannen von Gwerann lagen am Küstenstreifen westlich davon, überdies waren die Laderäume des Seglers mit den Säcken bereits vollgestapelt, die das dem Meer abgerungene Salz enthielten. Da aber König Alain Hir sich inzwischen auf seine Festung bei Naoned begeben hatte, war Bressal nichts anderes übriggeblieben, als sich vor seiner Heimfahrt die Zeit zu nehmen, dem König der Bretonen gebührend zu danken und sich von ihm zu verabschieden, wie es die gute Sitte gebot. Immerhin bezog sich der Vertrag nicht nur auf diese eine Ladung Salz, sondern sollte den Fortbestand des Handels zwischen den Häfen von Muman und »Klein-Britannien« sichern.

»Es ist wirklich eine glückliche Fügung, dass wir in Noaned festgemacht haben«, bekräftigte Bressal und sprach damit aus, was Fidelma auch empfand. »Sonst wären wir uns hier gar nicht begegnet. O ha …!«

|19|Der Ausruf kam ihm über die Lippen, als ein stämmiger, untersetzter Mann mit ergrauendem Haar und vom Wetter gegerbtem Gesicht seinen Leuten einen Befehl zubrüllte. Man erkannte auf Anhieb den Kapitän der Ringelgans in ihm. Murchad war etwa Ende vierzig. Mit der kräftigen Nase und den dicht beieinanderstehenden seegrauen Augen hatten seine Züge etwas Unnahbares, was aber ein verschmitzter Humor, begleitet von einem Augenzwinkern, wieder wettmachte. Wie Bressal erwartet hatte, sprangen einige von der Mannschaft sofort in die Takelage, setzten Segel und zurrten Seile und Taue fest. Gurvan, der Steuermann, warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die große Ruderpinne.

Mit Hilfe eines weiteren Matrosen änderten sie so die Fahrtrichtung und bekamen den Wind von achtern. Einige Augenblicke klammerten sich Fidelma und Bressal an die Reling, weil sich das Deck plötzlich hob und die Masten über ihnen schwankten. Die Segel knatterten, als der Wind sie blähte. Bald war alles still, und das Schiff schien lautlos über die blauen Wasser zu gleiten.

Kapitän Murchad ging über das Deck, sprach mit Gurvan und prüfte den Kurs. Dann nickte er Fidelma und ihrem Begleiter freundlich zu und verschwand nach unten.

»Ein wortkarger Mensch«, meinte Bressal.

»Aber ein prächtiger Seemann«, merkte Fidelma an. »Man fühlt sich in sicheren Händen, wenn Murchad das Kommando hat. Ich habe ihn das Schiff durch Stürme lavieren und Angriffe von Piraten abwehren sehen, als wäre es das Natürlichste von der Welt.«

»Ich bin mit ihm von Aird Mhór gesegelt und hatte ein ähnlich gutes Gefühl«, bekräftigte ihr Vetter. »Trotzdem, ich bin heilfroh, wenn ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. An Land fühle ich mich entschieden wohler als auf See.« Er |20|schaute sich um. »Weil wir gerade davon reden … wo ist dein Eadulf? Seit wir Segel gesetzt haben, habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

Fidelma lachte belustigt, doch war ihr anzusehen, dass auch sie sich um ihn sorgte. »Er ist unten. Ich fürchte, er ist wie du heilfroh, bald festen Boden unter die Füße zu bekommen. Er ist nicht gerade der geborene Seemann. Murchad hat ihn von vornherein gewarnt: Wenn man leicht seekrank wird, sei es das Dümmste, unter Deck zu gehen. Man bleibt besser oben und richtet den Blick unverwandt zum Horizont. Doch Eadulf hat nicht auf ihn gehört, und nun muss er wohl büßen.«

Bressal lächelte mitfühlend. »Er ist ein guter Kerl, auch wenn …« Er zögerte und wurde rot.

Fidelma schaute ihn mit blitzenden Augen an. »… auch wenn er ein Angelsachse ist?«, beendete sie seinen Satz, ohne im Geringsten verstimmt zu sein.

Bressal zuckte die Achseln. »Man hört so viel Schlimmes über die Angeln und Sachsen und fragt sich natürlich, wenn all die Geschichten wahr sind, wie kann ein so tüchtiger, aufrechter Mann wie Eadulf aus diesem Volk stammen.«

»In allen Völkern gibt es Gute und Schlechte«, wies ihn Fidelma sanft zurecht.

»Das will ich nicht bestreiten. Aber du musst zugeben, dass sich verschiedene Leute ziemlich erregt haben, als bekannt wurde, dass du ihn heiraten würdest.«

»Widerspruch kam vor allem von denen, die lautstark die Vorstellungen von weltfremden Fanatikern unterstützen, alle Mitglieder frommer Gemeinschaften hätten gefälligst im Zölibat zu leben.«

»Das sind nicht so viele, und die zählen eigentlich nicht. Ich denke mehr an unsere eigenen Leute, an unsere Adelsfamilien, die der Ansicht waren, du solltest einen Fürsten aus den fünf |21|Königreichen heiraten und nicht einen sächsischen Fremdling.«

Einen Moment blitzte es in Fidelmas Augen, doch sie besann sich und fragte ruhig: »Und du? Hast du auch zu denen gehört?«

Bressal verzog betreten das Gesicht. »Damals kannte ich Eadulf ja noch nicht.«

»Jetzt kennst du ihn aber, was hältst du nun von ihm?«

»Ich habe längst begriffen, dass man sich erst ein Urteil über jemanden bilden kann, wenn man ihn näher kennt. Eadulf ist inzwischen einer der Unseren. Ich würde Seite an Seite mit ihm kämpfen oder mein Schwert ziehen, um ihm beizustehen.«

Das Schiff krängte plötzlich, als eine tückische Welle es längsseits traf. Fidelma schwankte einen Augenblick und klammerte sich an die Reling. Dann musste sieüber ihren Vetter lachen, der hin und her torkelte und sich mühte, das Gleichgewicht zu halten.

»Ich glaube, Eadulf wird gegenwärtig nicht in Stimmung sein, mit wem auch immer Seite an Seite zu kämpfen«, bemerkte sie trocken. Sie blickte hoch zu den Segeln; die blähten sich jedoch nicht so, wie sie erwartet hatte. Es fehlte die kräftige Brise, die das Schiff vorangetrieben hätte. Der Südwind wehte nur schwach. Gurvan, der Rudergänger, sah ihren Blick und rief ihr zu: »Die Sommerwinde sind hier meist so. Sanft und schwach. Das eben war nur eine Spaßwoge, wie wir sagen. Aber wenn wir die Treizh-an-Tagnouz-Passage hinter uns haben, müssten wir wieder Wind aufnehmen. Lange kann das nicht mehr dauern. Du wirst sehen, von morgen an geht es tüchtig vorwärts.«

Fidelma dankte für seinen ermutigenden Zuspruch mit einer Handbewegung.

»Auf unserer Herfahrt sind wir auch durch diese Treizh-an-Tagnouz-Durchfahrt |22|gekommen«, wusste Bressal zu berichten. »Die verläuft zwischen einigen Inseln und der Küste des Festlands, ist aber so breit, dass man auf beiden Seiten kein Land sehen kann.«

»Warum hat mein Bruder eigentlich gerade dich als seinen Gesandten hierhergeschickt?«

»Vor allem deswegen, weil ich die Sprache der Britannier spreche; die ist der Sprache, die hier gesprochen wird, sehr ähnlich. Du wirst dich erinnern, ich habe einige Zeit in Dyfed am Hof von Gwlyddien verbracht, nachdem du ihm dort einen so großen Dienst erwiesen hattest.«

»War es schwierig, mit dem König dieses Landes zu verhandeln?«

»Mit Alain Hir? Der ist sehr umgänglich. Sein Volk scheint in vieler Hinsicht Lebensgewohnheiten zu haben, die unseren ähnlich sind. Aber wie es Königen meistens ergeht, ist er von Neid, Habgier und Missgunst umgeben. Ich habe als Gerücht gehört, dass …«

»Wie wäre es mit einer Mahlzeit, Lady?«, unterbrach ihn eine helle Stimme. Wenbrit, der Schiffsjunge, mit dem sie schon während der Pilgerfahrt Freundschaft geschlossen hatte, war an Deck gekommen. »Die Sonne hat den Zenit überschritten. Ich habe Trockenfleisch, Käse und eine Karaffe Cidre in der Kajüte bereitgestellt.«

Fidelma schaute den Jungen fröhlich an. »Ich bin richtig hungrig«, gestand sie freimütig. »Hast du auch Eadulf gerufen?«

Der Junge grinste spitzbübisch. »Aufgefordert habe ich ihn, doch er hat mir was Unfreundliches an den Kopf geworfen und sich in seiner Koje umgedreht.«

»Überlassen wir ihn also seiner Lustlosigkeit und gehen essen, liebe Cousine«, schlug Bressal vor.

Allein mit ihrem Vetter in der Hauptkajüte der Ringelgans zu |23|speisen, kam Fidelma seltsam vor. Vor einer Reihe von Jahren hatte sie hier regelmäßig ihre Mahlzeiten eingenommen, doch damals war der Raum voller Pilger von der großen Abtei Magh Bile, die zum Schrein des heiligen Jakob unterwegs waren. Jetzt aber waren sie drei die einzigen Passagiere auf dem Schiff – ihr Vetter Bressal, sie selbst und Eadulf. Bis auf das Mannschaftsquartier waren alle verfügbaren Stauräume mit großen Salzsäcken vollgestapelt. Ein weiteres Mal an Bord zu sein, gab Fidelma das Gefühl, sich unter alten Freunden zu befinden. Sie freute sich sogar, den großen schwarzen Kater wiederzusehen, der auf einem Schrank lag und sie von oben gleichmütig mit leuchtenden grünen Augen betrachtete. Luchtigern, der »Herr der Mäuse«, wie er genannt wurde, hatte ihr auf der Fahrt zum Jakobschrein das Leben gerettet. Der Mäuseherr schien sie zu erkennen, sprang herunter und miaute leise. Gemessenen Schrittes näherte er sich ihr und rieb sich an ihrer Wade. Sie beugte sich herunter und streichelte ihm das schwarze Fell. Auf seinem Hinterkopf fühlte sie so etwas wie einen Klumpen.

Wenbrit, der gerade den Tisch deckte, bemerkte ihr Stirnrunzeln. »Stimmt etwas nicht, Lady?«

»Luchtigern hat eine Beule am Hinterkopf.« Sie hatte ein Herz für Tiere und konnte sie nicht leiden sehen.

Der Kater hatte sich ein Weilchen streicheln lassen, wandte sich nun ab, schüttelte sich, wie um seine Unabhängigkeit zu verdeutlichen, und ging seiner unerforschlichen Wege.

Wenbrit machte eine verharmlosende Bewegung. »Keine Sorge. Das ist nur ein Klecks Teer, den Luchtigern abbekommen hat. Ich werde ihn nachher herausschneiden.«

Fidelma wusste, dass man Teer, ein aus Kiefernholz gewonnenes Harz, benutzte, um Segel wasserabweisend zu machen oder auch um den Schiffsrumpf anzustreichen. Im Haushalt konnte man damit sogar Krüge und Töpfe wasserdicht machen. |24|Es war eine zähe schwarze Masse, die klebte und eine feste Oberfläche bildete oder verklumpte. Den Kater schien der Teerklecks im Nackenfell nicht zu stören.

Ihre Gedanken kreisten um den Kater. Sie hatte sich einmal mit Wenbrit darüber unterhalten, warum er »Herr der Mäuse« genannt wurde. Es gab eine Legende von einem Kater, der in den Höhlen von Dunmore in Éireann lebte und alle Krieger des Königs von Laigin zum Narren hielt, die ihn töten wollten. Der »Herr der Mäuse« war viel schlauer gewesen als die Krieger. Sie lächelte beim Gedanken daran, wie Luchtigern sie vor einem Mordanschlag gewarnt und ihr damit das Leben gerettet hatte.

Jetzt genoss sie die Heimreise und freute sich, bald wieder in Cashel, dem Herrschaftssitz ihres Bruders, zu sein, wo sie ihren kleinen Sohn Alchú in guten Händen gelassen hatte. Es schmerzte sie, so wenig Zeit mit ihm verbringen zu können und kaum zu erleben, wie er vom Kleinkind zum munteren Bürschchen heranwuchs. Aber sie hatte sich nun einmal entschieden, das Rechtswesen zu studieren, und als Schwester des Königs hatte sie Verpflichtungen und war gehalten, Aufträge ihres Bruders nach bestem Wissen und Gewissen auszuführen. Sie hoffte inständig, dass sie nicht gleich wieder würde fortreiten müssen. Nach all den Reisen, die sie und Eadulf auf Geheiß des Königs unternommen hatten, verdienten sie Ruhe. Oft genug auf gemeinsame Erlebnisse mit dem Kind verzichten zu müssen, war bitter, dennoch gebührte ihrer Rolle als Rechtsberaterin des Königs der Vorrang.

In ihre Grübelei drängte sich der Gedanke an Eadulf. Der Ärmste. Er lag in ihrer Kajüte darnieder, derselben, die man ihr auf der Pilgerreise zugestanden hatte. Vermutlich fühlte er sich so elend, dass er eher den Tod herbeisehnte, als diese Schifffahrt länger ertragen zu wollen. Selbst unter günstigsten Bedingungen |25|war er kein guter Seemann. Obwohl das Wetter recht milde war, wurde ihm schlecht, sobald sie aus der Mündung des großen Liger ausgelaufen waren. Bei ihrer Rückkehr von dem kreuzgefährlichen Unterfangen auf dem Konzil von Autun waren sie auf dem breiten Strom von Nebirnum bis zum Hafen von Naoned gereist. Sie hatten im wahrsten Sinne des Wortes ein Konzil der Verdammten hinter sich. Vom Liger aus war die Route nordwärts gegangen entlang der sogenannten »Wilden Küste«, und sofort hatte sich Eadulf in seine Koje begeben.

Wenbrit brachte ihnen frisches Brot, das er noch, kurz bevor sie Segel setzten, gekauft hatte, und verschiedene Sorten kaltes Fleisch. Auch ein im Hafen erworbener Krug Cidre gehörte zu ihrem Mahl.

Bressal hob seinen Becher. »Auf eine gute Seefahrt!«

»Auf eine rasche Fahrt«, erwiderte Fidelma ernst.

»Du denkst an euren kleinen Alchú, nicht wahr?«

Sie nickte schweigend.

»Seinetwegen musst du dir keine Sorgen machen«, versuchte ihr Vetter sie aufzumuntern. »Erst vor ein paar Wochen habe ich ihn gesehen, kurz bevor ich aus Cashel abreiste. Muirgen und Nessán umsorgen ihn wie ihr eigenes Kind. Sie scheinen ihrem Schafhirtendasein bei Gabhlán keine Träne nachzuweinen und es nicht zu bereuen, in deine Dienste getreten zu sein, sie als Amme und er als …« Er suchte nach dem rechten Wort und wählte dann den Ausdruck cobairech, der so viel wie Beistand oder Helfer bedeutete. Muirgen hatte sich in der Tat rasch daran gewöhnt, im großen Palast von Cashel als Kinderfrau zu wirken. Ihr Mann Nessán hatte sein ganzes Leben als Schäfer in den westlichen Bergen verbracht, ehe ihm dann die Aufgabe zugewiesen wurde, sich um den Viehbestand in den Ställen des Palasts zu kümmern und im Haushalt zuzugreifen, wenn Not |26|am Mann war. Seit der kleine Alchú von Uaman, dem Herrn der Pässe in den Sliabh-Mis-Bergen, dem teuflischen Aussätzigen, als Geisel verschleppt worden war, hatten die beiden sich mit großer Hingabe um das Wohl des Jungen bemüht und waren Fidelma und Eadulf treu ergeben.

Obwohl sie das Kind in guter Obhut wusste, lebte Fidelma im Zwiespalt. Ihre Aufgabe als dálaigh, als Anwältin bei den Gerichten des Landes, verschlang oft kostbare Zeit, die sie liebend gern mit ihrem Sohn verbracht hätte. Selbst Eadulf hatte von Zeit zu Zeit dagegen gemurrt. Im letzten halben Jahr hatte man sie zunächst nach Tara gerufen, um die Umstände aufzuklären, denen der Hochkönig zum Opfer gefallen war.

Kaum waren sie zurück in Cashel, da hatte Abt Ségdae von Imleach, der Hauptabtei im Königreich Muman, ihre Anwesenheit auf dem Kirchenkonzil verlangt, das in der Stadt Autun im Lande Burgund zusammentreten sollte. Es war ein Konzil, dessen Beschlüsse Gottesdienst und Glaubensgrundsätze der Kirche in den fünf Königreichen tiefgründig ändern würden. Fidelma fand, dass es höchste Zeit wurde, wieder daheim zu sein.

Ihr Vetter schaute sie mitfühlend an. »Um das Wohlergehen deines Kindes musst du dich wirklich nicht sorgen.«

Sie zuckte nur die Achseln. »Eine Mutter kann nicht umhin, sich Vorwürfe zu machen, dass sie etwas versäumt.« Sie aß einen Happen, trank einen Schluck Cidre und fragte dann: »Was gibt es Neues von Tara? Sechnussach war ein bedachter Mann, den die Barden und sein Volk zu Recht priesen. Seine Ermordung wird den Frieden in den fünf Königreichen ernstlich gefährdet haben.«

Nachdenklich stocherte Bressal in seinem Essen. »Sein Tod war wirklich ein heftiger Schlag gegen die Einheit der Königreiche«, |27|meinte er. »Dir ist zu verdanken, dass der Schuldige entlarvt und damit ein Bürgerkrieg abgewendet wurde.«

»Und der neue Hochkönig – Cenn Faelad, der Sohn des Blathmaic? Ist er so weise wie sein Bruder Sechnussach? Was halten die verschiedenen Stämme von ihm?«

»Es gibt allerlei Gerüchte«, begann Bressal.

»Was für Gerüchte?«, fragte sie stirnrunzelnd.

»Du weißt ja, Cenn Fáelad ist einer von den südlichen Uí Neill, aus dem Geschlecht der Síl nÁedo Sláine. Die Sippen liegen ständig im Streit miteinander. Sechnussach hat es verstanden, durch umsichtiges Taktieren die kleinlichen Streitigkeiten zu schlichten. Cenn Fáelad scheint dieses Feingefühl zu fehlen. Außerdem wurden viele Stimmen laut, man hätte ihn nicht zum Hochkönig wählen dürfen.«

Fidelma empörte sich. »Ich darf doch annehmen, dass seine derbhfine, der Sippenrat, zusammengekommen ist, dem immerhin Vertreter mindestens dreier Generationen angehören. Ist Cenn Fáelad etwa nicht vorschriftsmäßig nominiert und gewählt worden?«

»Das glaube ich schon, aber sein Vetter Finsnechta Fledach, der Sohn des Dúnchad, der ein Bruder von Cenn Fáelads Vater war, soll Einwände erhoben haben. Er ist der Meinung, ihn hätte man auf den Thron des Hochkönigs setzen müssen.«

Fidelma konnte nur bekümmert aufstöhnen. »Die Entscheidung der derbhfine ist eine Entscheidung, die nach dem Gesetz bindend ist.«

»Cenn Fáelad war bemüht, seinen Vetter zu beschwichtigen und hat ihn zum Herrn von Brega im Mittleren Königreich ernannt.«

»Und Finsnechta gibt dennoch keine Ruhe?«

»Angeblich versucht er, die Stammesfürsten und Kleinkönige auf seine Seite zu ziehen, damit sie ihn gegen seinen Vetter unterstützen. |28|Es heißt sogar, Finsnechta sei nach Iona gesegelt, um sich des Beistands von Abt Adomnán zu versichern.«

»Da stehen uns wohl bewegte Zeiten bevor«, stellte Fidelma ernst fest.

»Dein Bruder ist entschlossen, Muman aus dem Streit herauszuhalten, denn er sieht das Ganze nur als eine Fehde zwischen den verschiedenen Zweigen der Uí Néill an.«

»Das dürfte ihm schwerlich gelingen, wenn der rechtmäßige Hochkönig meinen Bruder auffordert, ihn zu unterstützen, und das Recht dazu hätte er.«

»Die Art, wie wir unsere Könige wählen, hat ihre schwachen Seiten. Was nützen uns Räte und Versammlungen, die unsere Könige aufstellen und wählen, wenn wir hinterher darüber streiten, ob die Entscheidung richtig oder falsch war. Bei unseren ›Freunden‹, den Sachsen, heißt es einfach, der älteste Sohn eines Königs wird der Erbe, ohne Rücksicht darauf, ob er gut oder schlecht ist. Und wenn er sich auf seinem Thron mit dem Schwert in der Hand behaupten kann, dann bleibt er eben im Amt.«

»Violentia praecedit jus«, murmelte Fidelma. »Gewalt geht vor Recht. Gutheißen kann ich so ein System nicht.«

Sie beendeten ihr Mahl, und Fidelma sah nach Eadulf in der Kajüte. Er lag in seiner Koje, ächzte hin und wieder, aber schlief immerhin. Leise schloss sie die Tür und stieg wieder aufs Deck zu ihrem Vetter.

Am Spätnachmittag war es dunkler geworden, die Sonne schimmerte nur noch durch gleichförmig geschichtete Wolken, die den Himmel ganz überzogen hatten. Fidelma hatte den Eindruck, der Wind sei erstorben – nein, doch nicht, er hatte nur gedreht und wehte ihnen jetzt entgegen.

Gurvan, der unentwegt an der Ruderpinne stand, nickte ihnen zu. »Da oben braut sich was zusammen. Aber das kümmert |29|uns nicht. Ein Sturm kann aufkommen – vielleicht gibt es auch ein paar Blitze ohne Donner. Die Vorboten lassen sich immer vom Himmel ablesen.«

»Wird das unsere Reise merklich verzögern?«, fragte Fidelma besorgt.

»Keineswegs«, erwiderte Gurvan. »Mit ein paar Tagen unbeständigem Wetter muss man in dieser Jahreszeit rechnen. Auf schöne Tage folgt manchmal Regen. Es kann sehr wechselhaft sein. Wenn wir an den Inseln da vorbei sind« – er streckte eine Hand aus und wies in die Richtung –, »und die Meerenge hinter uns haben, von der ich sprach, erwartet uns bestes Segelwetter. Der Wind wird sich wieder drehen, sei unbesorgt.«

Fidelma bemerkte südwärts die verschwommenen Umrisse einer Insel, die Gurvan als Hoedig, das »Entlein«, benannte. Weit voraus ragte die ungeschlachte Felsmasse auf, die Houad, die »Ente«, hieß. Das Schiff schickte sich an, durch die breite Passage zwischen den südlich gelegenen Inseln und der weit vorspringenden Landspitze Beg Kongell zu lavieren.

Während Gurvan eifrig Erklärungen abgab, kniff er plötzlich die Augen zusammen. Fast gleichzeitig rief jemand vom Mastkorb: »Schiff ho! Genau voraus!«

Fidelma suchte über dem sich hebenden und senkenden Bug der Ringelgans etwas zu erkennen. Am Horizont konnte sie einen winzigen Fleck ausmachen, der Gestalt gewann und sich von der im Dunst liegenden Insel Houad abhob. Soviel erkannte sie, es war ein Schiff unter schwellenden Segeln und mit dem Wind im Rücken in voller Fahrt.

»Hol den Kapitän«, wies Gurvan einen der Matrosen an.

»Was ist los?«, fragte Fidelma.

»Das ist kein Handelsschiff«, erwiderte der Maat. »Ein voll aufgetakelter Segler ist das, und er nimmt Kurs auf uns.«

|30|Murchad und hinter ihm Bressal kamen aufs Deck. Der Kapitän sprang in die Takelage und starrte auf das Schiff. Seine Miene verfinsterte sich.

»Ein Kampfschiff, so wahr ich lebe«, rief er. Er schaute hoch zu den Segeln und dann wieder auf die herankommende Bark. »Hat den Wind achterlich und hält auf uns zu.« Das sahen nun auch alle und schwiegen. »Fertigmachen zum Wenden! Müssen den Wind von achtern kriegen. Hoedig dort könnte Schutz bieten«, fügte der Kapitän hinzu, und nickte in Richtung der Insel.

Gurvan gab der Mannschaft die entsprechenden Kommandos.

»Wird es ernst, Kapitän?«, erkundigte sich Bressal.

»Die Handelsrouten entlang der Küste bieten fette Beute für jeden, der keine Skrupel hat, sie einem abzujagen. Wenn du ein schnittiges Kriegsschiff siehst, das in diesen Gewässern Jagd auf dich macht, dann ist Vorsicht geboten. Wir müssen aufs Schlimmste gefasst sein, können nur hoffen, es kommt nicht so dick.«

Bressal brummelte etwas und eilte nach unten.

Die Mannschaft unternahm alle Anstrengungen, das Schiff in den Wind zu drehen, während die schlanke Kriegsbark mit so straff gespannten Segeln, dass sie sich fast auf die Seite legte, unerbittlich immer näher kam. Beim jähen Wenden der Ringelgans hätte Fidelma fast den Halt verloren.

Wenbrit, der Schiffsjunge, steckte den Kopf aus der Luke. »Wenbrit«, rief sie, »mach Bruder Eadulf klar, was hier vorgeht, und hol ihn an Deck. Lass nicht locker, wenn er sich sträubt.«

Der Junge hob eine Hand an die Stirn und verschwand nach unten.

Vetter Bressal kam zurück. Er hatte seinen Kriegshelm aufgesetzt, sein Schwert gegürtet und das Kampfmesser griffbereit. In |31|der rechten Hand hielt er den weißen Haselstab, den Amtsstab, der ihn als techtaire, als Gesandten seines Königs, auswies. Er bezog neben Murchad Posten und suchte einen Moment das herankommende Schiff, bis er merkte, dass die Ringelgans gedreht hatte und die sie bedrohende Bark jetzt hinter ihr war.

»Sind deine Leute bewaffnet, Kapitän«, fragte er.

Murchad verzog das Gesicht. »Wir sind ein Handelsschiff ohne Waffen und können es nicht mit einem Kriegssegler wie dem da aufnehmen.« Mit einer heftigen Kopfbewegung wies er auf den Verfolger, der nicht von ihnen abließ.

»Aber wenn sie versuchen, uns zu entern, müssen wir uns doch wehren«, wandte Bressal ein.

»Vielleicht führen sie gar nichts Böses im Schilde«, erwog Fidelma. »Wir befürchten nur, dass sie feindselige Absichten haben. Es könnte ja auch eine Kriegsbark des Königs der Bretonen sein. Jedenfalls bist du ein techtaire, Gesandter unseres Königs, und somit steht unser Schiff unter deinem Schutz.«

Murchad konnte bloß den Kopf schütteln. »Dass der Kapitän dort Respekt vor so einem Schutz hat, scheint mir äußerst fraglich. Am Mast flattert keine Flagge, auf den Segeln ist kein Wappen oder Kennzeichen. Und jetzt erkenne ich sogar Bogenschützen, die ihre Waffen bereithalten. Gleich haben wir sie längsseits.«

»Meinst du etwa, das ist ein Piratenschiff?«, fragte Bressal ingrimmig. Er benutzte den Ausdruck spúinneadair-mara – Seeräuber.

»Piraten?« Es war Eadulfs Stimme, der seekrank, wie er war, leichenblass aussah. Er hatte sich an Deck gequält und klammerte sich schwankend an die Reling.

Stumm wies Fidelma auf das auf sie zuhaltende Gefährt.

»Wenn wir uns nicht zur Wehr setzen können, Kapitän, was bleibt uns dann zu tun?«, überlegte Bressal laut.

|32|Abermals schüttelte Murchad den Kopf. »Kämpfen können wir gegen die nicht. Ihnen entkommen auch nicht. Mit den Segeln, die sie haben, holen sie uns schnell ein.«

»Was also dann?«

»Ich versuche, in den Hafen von Argol zu gelangen, auf der kleinen Insel Hoedig querab vor uns. Wenn wir da anlegen, verabschieden sie sich vielleicht von dem Gedanken, uns zu entern. Die Leute dort könnten uns zu Hilfe kommen.«

Doch schon war die Bark dicht hinter ihnen. Murchad hatte Gurvan gerade ein Kommando gegeben, als etwas durch die Luft schwirrte. Röchelnd stöhnte der wackere Mann auf. Erschrocken schauten alle zu ihm und sahen voller Entsetzen einen Pfeil im Nacken des Maats stecken. Blut floss aus Mund und Wunde. Er sank aufs Deck, und die Ruderpinne schwang lose umher.

Hoel, einer der Matrosen, fasste sich als Erster, sprang zum Ruder und hielt es fest.

Übers Wasser schallte etwas in der Sprache der Bretonen. Aus ihrer Zeit im Königreich Dyfed hatte Fidelma geringfügige Kenntnis der Sprache, aber zum wirklichen Verstehen reichte es nicht.

»Dreht bei, sonst sterben noch mehr von euch!«

Murchad, der mit der Sprache besser vertraut war, zögerte nicht und gab den Befehl, die Segel einzuholen. Fast schuldbewusst erklärte er Bressal: »Wir schaffen es nicht. Die Bogenschützen legen einen nach dem anderen um, ehe wir in den schützenden Hafen kommen.«

Fidelma kniete neben dem hingestürzten Rudergänger, musste aber gar nicht erst den Puls fühlen, Gurvan war nicht mehr zu helfen. Kaum stand sie wieder neben Eadulf, begann der Überfall, Enterhaken wurden geschleudert, und mit Schwertern bewaffnete Männer kletterten hinüber auf die Ringelgans. Sie schwärmten über das Deck und trieben die Mannschaft zusammen. |33|Bressal, dem einzigen Bewaffneten, entrissen sie die Waffe, ehe er sie noch zur Gegenwehr zücken konnte. Unglücklich und mit hängenden Schultern stand der junge Krieger da.

Die Schiffe waren durch die Enterhaken aneinander gebunden, und plötzlich schwang sich eine biegsame, jungenhafte Gestalt an Bord. Sie war von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet, von den Lederstiefeln und Hosen bis zu einem wallenden Hemd und einer Kappe. Besonders auffällig war der weiße Kopfschmuck, der das Gesicht wie eine Maske verhüllte. Ein kurzes Schwert und ein Dolch, wie sie Handwerker trugen, hingen am Gürtel des Ankömmlings.

Behende schritt die Gestalt auf Murchad und Bressal zu. Fidelma und Eadulf standen ein wenig abseits von ihnen. Ohne Murchads Crew aus dem Auge zu lassen, nahmen die Angreifer Haltung an; offensichtlich hatte der Neue Befehlsgewalt. Er blieb vor Murchad stehen und stemmte die Hände in die Hüften. Nicht Murchad, der kräftig gebaut war und die schmächtige Erscheinung überragte, wirkte bedrohlich, sondern dieser Mensch in Weiß.

»Schiffsname?«, bellte die Person. Die Stimme klang, als hätte sie den Stimmbruch noch nicht überstanden, und die Sprache war die in der Gegend übliche.

»Gé Ghúirainn-Ringelgans«, gab Murchad verbissen zur Antwort.

»Ah, iwerzhoniz!«

Das eine Wort verstand Fidelma, es bedeutete »irisch«.

»Welche Ladung?«, war die nächste, scharf gestellte Frage.

»Salz von Gwerann.«

»Holen? Mat!« Der Weiße grunzte befriedigt. »Du hast die Wahl, Iwershonad. Entweder du und deine Crew segeln das Schiff dorthin, wo ich und meine Mannen es befehlen, oder ihr sterbt auf der Stelle.«

|34|Das klang dermaßen kalt und sachlich, dass sie einen Augenblick brauchten, bis ihnen die Bedeutung der Worte aufging.

Bressal wurde feuerrot. Er stellte sich vor Murchad. »Ich bin Bressal von Cashel, entsandt von König Colgú zu Alain, dem König der Bretonen. Hier ist mein Heroldsstab, Zeichen meines Amtes. Dieses Schiff und seine Ladung stehen unter dem Schutz des Vertrages, den die Könige geschlossen haben. Ich verlange …« Er verstummte mitten im Satz.

Fidelma sah, wie seine Schultern ruckartig hochzuckten und er nach vorn kippte, als hätte man ihn in die Magengrube geschlagen. Ihr Vetter sank in die Knie und fiel zur Seite. Voller Entsetzen nahm sie das blutbefleckte Messer in der Hand der weißen Gestalt wahr.

»Du irrst«, klang es höhnisch, »das Schiff und seine Ladung stehen unter meinem Schutz.«

Einen Augenblick blieb es totenstill. Ungläubig und vor Schreck gelähmt blickten die Matrosen auf das Geschehene. Ein techtaire, ein Gesandter des Königs, galt im ganzen Land als heilig und unverletzlich. Selbst die bittersten Feinde verweigerten ihm nicht den Respekt. Der weiße Amtsstab war aus Bressals lebloser Hand geglitten, eben der Stab, den Fidelmas Bruder ihm vor der Abreise aus Cashel übergeben hatte. Nun rollte er über das Deck und blieb vor ihren Füßen liegen. Sie verharrte bestürzt und fassungslos. Schließlich bückte sie sich und nahm ihn auf.

»Das ist ein Mord«, stellte sie mit Nachdruck fest.

Der in Weiß wandte sich nach ihr um, doch Murchad löste sich aus seiner Erstarrung und schrie wütend: »Das ist ungeheuerlich! Das ist Mord! Das ist …«

Wieder wurde das Messer geschwungen. Es fuhr dem stämmigen Seemann unter die Rippen. Dann sank auch Murchad, der Kapitän, vor ihr langsam in die Knie.

|35|»Erschlagt den Mönch und die Nonne und jeden von der Mannschaft, der sich weigert, unter meinem Befehl zu segeln«, rief der Weiße seinen Leuten zu, machte kehrt und schritt über das Deck, kaum dass Murchad hingestreckt neben Bressal lag. »Beeilt euch, sonst holt uns die Ebbe ein.«

|36|KAPITEL 2

Eadulf war als Erster zu einer Regung fähig. Fidelma stand wie angewurzelt und konnte das Gemetzel, das sich vor ihren Augen abgespielt hatte, nicht recht fassen; aber Eadulf packte sie am Arm und zerrte sie an die Reling. Der Schock des soeben Erlebten hatte ihn alle Übelkeit vergessen lassen. Unmittelbar neben ihnen schwirrte ein Pfeil und blieb im Holz des Schanzkleids stecken.

»Spring und schwimm!«, schrie Eadulf. »Schwimm um dein Leben!«

Er hievte Fidelma über Bord, stieß sie ins Wasser und sprang hinterher. Fast gleichzeitig schlugen sie auf die Wasserfläche auf, die Wucht des Aufpralls ließ ihren Atem stocken.

Als Eadulf wieder hoch kam, drangen undeutliche Rufe an sein Ohr. Um ihn herum prasselte und spritzte es. Pfeile! Man nahm sie vom Schiff aus unter Beschuss. Beunruhigt schaute er sich um und entdeckte Fidelma, die nicht weit von ihm aufgetaucht war.

»Nimm Kurs auf die Insel!«, rief er ihr zu. »Bleib solange du kannst unter Wasser, wir müssen möglichst unbeschadet außer Reichweite der Bogenschützen kommen!«

Sie verschwendete weder kostbaren Atem noch Zeit auf eine Antwort, aber er wusste auch so, dass sie ihn verstanden hatte. Gerade noch rechtzeitig tauchte sie unter den nächsten Geschossen |37|hinweg. Krampfhaft hielt sie den Amtsstab in der Hand und brachte es unter Wasser zuwege, ihn in ihren Gürtel zu stecken. Eadulf war sich darüber im Klaren, dass ihr Fluchtversuch misslingen konnte. Doch sich kampflos dem drohenden Tod zu stellen, verbot sich. In wenigen Minuten würden Piraten eins ihrer kleinen Boote fahrtüchtig gemacht haben und ihnen nachsetzen. Es würde für sie ein Leichtes sein, die beiden Flüchtenden einzuholen, die in den nassen, schweren Kleidern nur mühsam vorankamen. Das zusätzliche Gewicht behinderte sie ungemein, sie hatten das Gefühl, sich auf der Stelle zu bewegen.

Verzweifelt versuchte Fidelma, sich das Übergewand abzustreifen. Sie war eine großartige Schwimmerin, tröstete sich Eadulf. Kaum dass sie und ihr Bruder Colgú laufen konnten, hatten sich die Geschwister in den wilden Wassern des Suir geübt, der an Cashel vorbeifloss. Sie schwamm besser als Eadulf, aber auch ihr waren durch die nassen Sachen die Gliedmaßen wie gelähmt.

Jetzt hörte er es deutlich rufen. Ein Blick nach hinten zur Ringelgans bestätigte seine Befürchtung. Vom Schiff wurde ein Boot herabgelassen. Drei Männer kletterten hinein. Vermutlich waren sie bewaffnet. Das rettende Ufer der Insel war weit entfernt. Ihm wurde bange, doch die Angst wich sogleich einer verhaltenen Wut. Unvorstellbar, dass sein und Fidelmas Leben auf diese Weise enden sollten.

Fidelma rief ihm etwas zu. Was, konnte er nicht verstehen. Wollte sie ihn warnen?

Aufmerksam blickte er in alle Richtungen und erspähte vor ihnen ein kleines Segelboot, das auf sie zuhielt. Nur ein Mann saß darin, hockte hinten im Heck und betätigte die Ruderpinne. Schon wollte Eadulf sich unsichtbar machen und wegtauchen, doch da wurde er gewahr, dass der Mann eine Mönchstracht |38|trug. Er lehnte sich über den Bootsrand, streckte eine Hand aus und hielt mit der anderen das Ruder. Automatisch griff Eadulf nach der hilfreichen Hand, verfehlte sie, konnte sich aber an das Heck des Gefährts klammern und wurde mitgezogen.

Jetzt rief der Mann etwas, drehte sich um, ließ das Ruder los, bekam Eadulf an den Schultern oder besser an der Kleidung zu fassen und zerrte ihn über den Bootsrand zu sich hinein. Eadulf wusste nicht, wie ihm geschah. Mit seinem Gewicht im Schlepptau hatte das Boot an Fahrt verloren und war in der kurzen Zeit, in der das Ruder ohne Führung blieb, ins Schlingern geraten. Die wenigen Augenblicke hatte Fidelma genutzt, mit ein paar kräftigen Zügen den Bug des Schiffleins zu erreichen, und nun versuchte sie, sich hochzuziehen. Der Mann überließ den auf dem Boden liegenden und keuchenden Eadulf sich selbst und kletterte nach vorn, um Fidelma ins Boot zu helfen.

Er vermied unnötige Worte und warf einen Blick auf die Ringelgans, von der sich das Boot mit den drei Männern löste und auf sie Kurs nahm. Er murmelte etwas vor sich hin, griff in die Seile, die das Segel führten, und bewegte das Ruder, um rasch wieder Fahrtwind zu finden. Er schien sich auszukennen, denn im Nu blähte sich das Segel. Das kleine Gefährt gewann an Fahrt, glitt leicht wie eine Feder über das sich kräuselnde Wasser dahin und hinterließ eine silbrig glänzende Furche.

Fidelma und Eadulf hatten sich inzwischen aufsetzen können und verfolgten erleichtert, wie die Ringelgans in immer weitere Ferne rückte.

»Eurer Kleidung nach zu urteilen, seid ihr Glaubensleute«, eröffnete der Mann am Ruder aufmunternd das Gespräch in Latein.

Fidelma bestätigte seine Vermutung und bediente sich ebenfalls |39|des Lateinischen. Ihr Lebensretter war mittleren Alters, hatte ein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht, schwarzes Haar, dunkle Augen und sonnengebräunte Haut. Der äußeren Erscheinung nach machte er den Eindruck eines Seemanns, wenngleich er von der Kleidung her und dem Kruzifix, das er an einer Kette um den Hals trug, Mönch sein musste. Er hatte die Tonsur des heiligen Petrus. Im Ton gab er sich gelassen, der Gesichtsausdruck aber war angespannt, und immer wieder sah er sich nach dem Boot um, das ihnen folgte.

»Vielen Dank für unsere Rettung in letzter Minute«, sagte Eadulf und hüstelte, weil das verschluckte Salzwasser ihm in der Kehle brannte.

»Nicht, dass der Dank zu früh kommt«, entgegnete der Mann mit besorgter Miene. »Noch seid ihr nicht außer Gefahr. Man verfolgt uns. Wenn das schwarze Schiff da beschließt, euch weitere Krieger hinterherzuschicken, sind wir in Not. Wir sind einfache Fischerleute, und unsere Insel ist nicht gerade groß; lange könnten wir euch nicht verbergen.«

Fidelma schaute nach den Verfolgern. Das Ruderboot der Ringelgans hielt unverwandt auf sie Kurs.

»Was gedenkst du zu tun?«, fragte sie.

»Ich werde euch helfen, so gut ich kann. Ich war auf der Landzunge und bekam mit, dass man eurem Schiff übel mitspielte. Dann sah ich, wie zwei Gestalten über Bord sprangen und wie man ihnen einen Schwarm Pfeile hinterherjagte. Kurz entschlossen stieg ich in mein Boot und fuhr hinaus, um zu sehen, ob ich etwas ausrichten konnte. Wer seid ihr?«

»Ich bin Fidelma von Cashel, und das hier ist Bruder Eadulf.«

Dem Mann entging nicht die Art und Weise, in der sie sich vorstellte, und betrachtete sie mit abwägendem Blick.

»Ich bin Metellus, Bruder Metellus von der Gemeinschaft Lokentaz. Das ist die Abtei des heiligen Gildas auf der Halbinsel |40|Rhuis. Aber ich diene der kleinen Fischergemeinde auf Hoedig, das ist die Insel, auf die wir jetzt zuhalten.«

»Ist die Gemeinschaft dort stark?«, fragte Eadulf. »Verfügt sie über Männer, die es mit uns gegen die Piraten aufnehmen könnten?«

Metellus schüttelte den Kopf. »Du hast es mit einfachen Leuten zu tun, mein Freund. Krieger sind wir nicht. Tüchtige Fischer mit Frau und Kind. Wenn die drei dort die Einzigen sind, die euch nachsetzen, mit denen können wir es aufnehmen, aber mit einer Schar Bewaffneter von einem Kriegsschiff … das sieht schon schlechter aus. Wir tun, was wir können. Ich weiß ein gutes Versteck am Menhir der heiligen Jungfrau.«

»Menhir?«, rätselte Eadulf.

»Eine Steinsäule. Unsere Vorfahren haben sie errichtet und dem Glauben geweiht. Es war Sitte, dorthin zu gehen und zu beten.«

Sie näherten sich der Insel, deren Ausmaße sie langsam ermessen konnten. Sie war überwiegend flach, hatte an mehreren Stellen Sandstrände, und in Ufernähe schimmerte das Wasser türkis. Sattes Grün überzog das gesamte Areal, aufgehellt durch kleine gelbe Blütenköpfe. Auch bescheidene Behausungen aus grauem Granit ließen sich hier und da erkennen.

»Sie macht auf mich einen recht großen Eindruck«, fand Eadulf.

»Sie ist kaum zweitausend Schritte breit und vielleicht doppelt so lang. Wenn die dort vom Schiff es ernst meinen und hinter euch her sind, können wir euch schwerlich vor ihnen verstecken.«

Sie fuhren in die Bucht, und Bruder Metellus stand auf, um das Segel einzuholen. An der aus Holz gezimmerten Anlegestelle hatte sich eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern eingefunden, die sie neugierig erwarteten. Ganz offensichtlich |41|hatten sie beobachtet, was sich auf dem Wasser abgespielt hatte.

Ein älterer Mann begrüßte Bruder Metellus und sprach ihn mit seinem Namen an. Sie wechselten rasch ein paar Sätze, taten das aber so geschwind, dass Fidelma und Eadulf dem Gespräch nicht folgen konnten.

Sie hatten am Landesteg angelegt. Hände streckten sich ihnen entgegen, um ihnen aus dem Boot zu helfen, während Bruder Metellus das kleine Gefährt festmachte.

»Kommt, wir dürfen keine Zeit verlieren«, sagte er kurz angebunden, »Wir müssen euch in Sicherheit bringen.«

»Und was geschieht mit unseren Verfolgern? Sollten wir uns nicht auf eine Verteidigung einstellen?«, drängte Fidelma und schaute aufs Meer, wo die Ruderer in bedrohlicher Nähe zu sehen waren.

»Willst du die Mannschaft des Banditen dort herausfordern? Nein, um uns gegen die zur Wehr zu setzen, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen«, erwiderte Bruder Metellus grimmig und führte sie durch eine Häusergruppe in Hafennähe, die den Inselbewohnern als Wohnstätte diente.

Weit waren sie noch nicht gekommen, als vom Wasser her Signale zu ihnen hinüber hallten. Es klang wie eine Reihe aufeinanderfolgender Trompetenstöße.

Stirnrunzelnd blieb Bruder Metellus stehen, kletterte mit erstaunlicher Behändigkeit auf eine Granitmauer und hielt von erhöhtem Standpunkt Ausschau aufs Meer.

»Was gibt es?«, fragte Eadulf.

»Eure Verfolger rudern nicht weiter … tatsächlich, sie machen kehrt. Die Trompete oder das Horn wird für sie ein Signal gewesen sein.« Er blickte zum Himmel, als wollte er sich den Wind über das Gesicht fächeln lassen. »Der Wind dreht, und bald fällt die Tide … Vermutlich ruft der Kapitän seine |42|Leute zurück, damit das Schiff nicht in den Gezeitenwechsel gerät.«

»Gibt es einen Standort, von dem aus wir sehen können, was geschieht?«, fragte Fidelma. Ihre Stimme war ruhig und ohne innere Erregung, wenngleich Eadulf ihr ansah, dass ihr der Schreck über den miterlebten kaltblütigen Mord an ihrem Vetter und dem Kapitän noch in den Gliedern steckte.

Bruder Metellus nickte und sprang leichtfüßig von dem Steinwall. »Kommt. Die Insel ist ziemlich flach, es gibt kaum eine Erhebung, die sich als Aussichtspunkt anbietet; dafür haben wir aber …« Er wies auf einen Bau mit zwei Stockwerken, der die anderen Gebäude der Insel überragte. »Das ist unsere Kapelle, und wir sind dabei, einen Turm als Ausguck draufzusetzen«, erläuterte er.

Sie traten ein und folgten Bruder Metellus über eine hölzerne Leiter nach oben. Einen Gesamtüberblick auf das Meer hatten sie von dem halbfertigen Aufbau nicht, aber sie konnten dennoch die große Bucht sehen und dahinter, gerade noch mit bloßem Auge wie ein schwarzer Punkt zu erkennen, das Ruderboot, das den beiden großen Schiffen zustrebte. Sie machten die vertrauten Umrisse der Ringelgans aus und daneben das dunklere Schiff, das sie angegriffen hatte. Beide lagen dicht beieinander. Sie hatten den Eindruck, das feindliche Gefährt erbebte, die Segel wurden gesetzt, und langsam löste es sich von dem besiegten. Die Ruderer waren bei der Ringelgans angelangt. Einzelheiten waren bei der Entfernung nicht zu erkennen, aber sie konnten sich gut vorstellen, dass die Männer an Bord geklettert waren und das Boot hochgehievt wurde. Dann blähten sich auch diese Segel, und das Schiff nahm zögernd – seinem Widersacher folgend – Fahrt auf.

»Sie machen sich davon«, murmelte Bruder Metellus befriedigt. »Richtung Nordwest. Fürs Erste seid ihr sicher.«

|43|»Sicher!« Fidelma wiederholte das Wort voll bitterer Ironie.

Erstaunt zog Bruder Metellus die Augenbrauen hoch, doch Eadulf klärte ihn auf: »Sie haben den Kapitän unseres Schiffes und etliche seiner Mannschaft buchstäblich abgeschlachtet; selbst Fidelmas Vetter, Bressal von Cashel, der als Gesandter bei eurem König, Alain Hir, war, haben sie gnadenlos niedergemetzelt. Dass er seinen Amtsstab vorweisen konnte, hat sie überhaupt nicht gerührt. Ungeheuerlich ist das.«

Schweigend überdachte Bruder Metellus das Gehörte und gab einen tiefen Seufzer von sich.

»Ich glaube, ihr solltet erst einmal mitkommen, damit wir euch mit trockenen Sachen versorgen können. Auch ein Schluck zu trinken täte euch gut, um den Nachgeschmack des Meerwassers aus dem Mund zu spülen. Dann können wir ausführlicher über das Vorgefallene sprechen. Natürlich hast du recht – einen Gesandten des Königs zu ermorden, ist ein ungeheuerliches Verbrechen.«

Vor der Kapelle erwartete sie ein Fischer und redete hastig auf Bruder Metellus im örtlichen Dialekt ein. Nach dessen Erwiderung drehte er sich um und eilte davon.

»Er wollte uns nur bestätigen, dass die Seeräuber die Verfolgung aufgegeben haben und die Schiffe fortgesegelt sind«, gab er Eadulf und Fidelma zu verstehen. Er wies auf ein kleines Gebäude. »Das ist mein bescheidenes Heim. Ich heiße euch willkommen. Als Erstes schau ich nach etwas Trockenem zum Umziehen.«

Nach einer Weile steckten sie in frischen Sachen, mit denen sie eine Frau namens Onenn versorgt hatte. Fidelma hätte etwas darum gegeben, sich das Salzwasser aus dem Haar waschen zu können, aber den Gastgeber darum zu bitten, wäre wohl zu viel des Guten gewesen.

|44|Gemeinsam saßen sie mit Bruder Metellus in dessen kleiner Heimstatt. Ein älterer Mann namens Lowenen, der ihnen als Ältester der Inselgemeinde vorgestellt worden war, hatte sich zu ihnen gesellt. Er hatte ein kantiges, vom Wetter gegerbtes und zerfurchtes Seemannsgesicht; fast mochte man meinen, es sei aus dem Granitgestein der Insel geschlagen. Die seegrünen Augen saßen tief unter buschigen Augenbrauen, der Gesichtsausdruck aber war voller Güte – ein sympathisches Gesicht, in dem sich feiner Humor versteckte.

Sie erzählten ihre Geschichte. Bruder Metellus dolmetschte, denn Lowenen sprach nur den Dialekt der Inselbewohner. Zwar konnten Fidelma und Eadulf ein wenig Bretonisch, aber das half nicht viel, dieser Sprache der Einheimischen konnten sie nicht folgen. Einzelne Wörter, die sie zu erkennen glaubten, bedeuteten offensichtlich etwas anderes.

»Eine Schandtat«, fasste Bruder Metellus ihre Schilderung zusammen. »Und ihr habt keine Ahnung, was für ein Schiff es war? Der Kapitän hat sich in keiner Weise zu erkennen gegeben?«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Wir haben nirgends einen Namen auf dem Schiff gesehen, wenngleich wir bei dem plötzlichen Überfall auch sicher nicht an einen Namen gedacht haben. Aber am Mast hatten sie, glaube ich, eine weiße Flagge.«

Eadulf bestätigte das und ergänzte: »Auf der Flagge war auch ein Emblem, aber was für eins, konnte ich nicht erkennen. Und am Bug war irgendein Vogel eingeschnitzt, es könnte eine Taube gewesen sein.«

Fidelma hatte den Eindruck, als huschte ein Ausdruck der Überraschung über Bruder Metellus’ Gesicht, aber nur für die Dauer eines Augenblicks.

»Da hast du dich sicher geirrt, mein Freund«, meinte er. |45|»Wenn ein Kriegsschiff sich einen Vogel zum Symbol wählt, dann wohl eher einen Raubvogel.«

Gegen eine solche Überlegung ließ sich nichts einwenden.

»Das stimmt schon. Trotzdem, ich hielt das Schnitzwerk für eine Taube. Kann ja sein, dass der Künstler nicht gerade der begabteste war.«

»Ist euch an dem Kapitän etwas Besonderes aufgefallen?«

»Nur, dass er sehr jung war«, erwiderte Fidelma nachdenklich. »Außerdem war er von Kopf bis Fuß gänzlich in Weiß gehüllt, selbst das Gesicht war verdeckt.«

»In Weiß?«, sagte Bruder Metellus staunend. »Eine merkwürdige Farbwahl für einen Kapitän und Piraten. Weiß ist die Farbe des Lichts und der Unantastbarkeit. Ihr aber schildert ihn als erbarmungslosen Mörder, und das unter dem Deckmantel der Unschuld? Und jung war er, sagst du?«

»Er war von schlanker Statur und hatte eine helle Stimme. Trotz seiner Jugend gebärdete er sich wie ein Teufel. Er hat sowohl meinen Vetter als auch Murchad, unseren Kapitän, ohne zu zögern erstochen.« Fidelma machte eine Pause und fügte dann hinzu: »Dafür wird er büßen.«

»Kommt in den Gewässern hier Piraterei des Öfteren vor?«, fragte Eadulf, denn die anderen schwiegen beklommen. Fidelma hatte den Nachsatz hasserfüllt gesagt. Selbst er hatte sie nie in so eisigem Ton reden gehört.

Lowenen antwortete, und Bruder Metellus übersetzte für ihn.

»Blut ist hier wiederholt geflossen. Gar nicht weit von hier haben sich die Galeeren der Römer mit unserer Flotte eine Schlacht geliefert.«

»Mit eurer Flotte?«, fragte Eadulf erregt, denn er stellte sich eine Schlacht zwischen den römischen Galeeren und den Fischerbooten der Inselbewohner vor.

|46|»Von der Flotte der Veneter ist die Rede. Das waren die größten Seefahrer des Landes«, erklärte der Alte voller Stolz. »Mit über zweihundert Schiffen segelten sie gegen den römischen Befehlshaber. Einen ganzen Tag dauerte die Schlacht, dann legte sich der Wind, unsere Schiffe gerieten in eine Flaute, und so konnten die Römer sie vernichten. Danach fiel Gallien an die Römer. Das war ein trauriger Tag, als die Veneter geschlagen wurden.«

Tief betrübt seufzte der Alte, als spräche er von einer Sache, die sich erst gestern ereignet hätte. Von Bruder Metellus hatte Fidelma den Eindruck, als wäre es ihm irgendwie peinlich, die Sache zu übersetzen; er tat es etwas zögerlich.

»Das ist doch aber viele Jahrhunderte her, guter Freund«, wandte Eadulf ein, nachdem er begriffen hatte, dass der Gemeindeälteste von der Zeit sprach, da Caesar Gallien erobert hatte.

»Das stimmt schon«, erwiderte der achselzuckend. »Aber Blutvergießen hat es hier häufig gegeben. In jüngerer Vergangenheit sind Angelsachsen über unsere Insel hergefallen.«

Glücklich war Eadulf über diese Feststellung nicht.

»Wir sprechen aber von Piraten und von Vorfällen in heutiger Zeit«, drängte er. »Wir suchen doch nach Hinweisen, die uns auf die Spur unserer Angreifer bringen.«

»Etwas weiter östlich auf dem Festland liegt der große Hafen von Naoned. Ein reicher Hafen. Allein ihm verdanken die Kaufleute ihren Reichtum, denn sie treiben regen Handel dort. Kein Wunder, dass er Habgier weckt und Ratten anlockt. Die Franken haben ein Auge auf die Stadt, sie hat etliche Überfälle über sich ergehen lassen müssen, auch haben die Franken sich schon im Umfeld eingenistet. In meiner Jugend bin ich noch dorthin gesegelt. Die Grenzen vom fränkischen Neustrien waren damals drei Tagesritte von Naoned entfernt. Heute beanspruchen |47|die fränkischen Eindringlinge Land, von dem aus sie in drei, vier Stunden den Hafen erreichen. Immer wieder kommt es zu Überfällen. O ja, Schurken und Piraten treiben durchaus ihr Unwesen in diesen Gewässern, wenngleich ich noch nie etwas von einem schwarzen Schiff und seinem Kapitän in Weiß, wie ihr es beschreibt, gehört habe.«

Sorgenvoll blickte Bruder Metellus Fidelma an. »Ich fürchte, du sinnst auf Rache, Fidelma von Cashel.«

Fidelma zog die Brauen zusammen, ein untrügliches Zeichen, dass die Bemerkung sie erregte. Eadulf kam einem möglichen Zornesausbruch zuvor. »Fidelma ist eine hoch geschätzte dálaigh, Anwältin an den Gerichtshöfen der fünf Königreiche von Éireann«, erklärte er. »Immer wieder holen Könige und Äbte ihren Rat ein. Eben jetzt befanden wir uns auf dem Heimweg ins Königreich von Muman, nachdem wir einem Konzil in Burgund beigewohnt hatten, um die Prälaten dort auf ihre Bitte hin in Rechtsfragen zu beraten. Es geht nicht um Rache, Fidelma ist von dem Wunsch nach Gerechtigkeit beseelt.«

Bruder Metellus schien nicht sonderlich beeindruckt.

»Manchmal schiebt man Gerechtigkeit vor und ist doch auf Rache aus«, rechtfertigte er sich.

Um Fidelmas Mundwinkel zuckte es.

»Ich habe einen Eid darauf geleistet, dem Gesetz zu dienen und für Gerechtigkeit zu sorgen, sofern es verletzt wurde. Der kaltblütige Mord, der an meinem Vetter, Bressal von Cashel, und meinem Freund, Murchad von Aird Móhr, begangen wurde, ist die eine Sache, aber auch der Angriff als solcher und wie man mit dem Kapitän und seiner Mannschaft umgegangen ist, verlangt Klärung und Rechtsprechung. Es ist eine Frage von Recht und Unrecht, nicht von Rache.«

Bruder Metellus zuckte die Achseln, als wollte er es dabei bewenden lassen.

|48|»Ich bin ganz sicher, Bruder Metellus, dass euer Rechtssystem hier dem der fünf Königreiche von Éireann gar nicht so unähnlich ist«, warf Eadulf ein. »Gilt bei euch nicht auch, dass wenn ein Mörder gefasst wird, er von Rechts wegen zur Verantwortung gezogen wird?«

»Ich bin kein Bretone«, gestand Bruder Metellus mit leichtem Lächeln. »Trotzdem habe ich mit den Auffassungen von Recht und Gesetz hier keine Probleme. Solange klar ist, dass Gerechtigkeit darin besteht, den Täter der begangenen Schändlichkeiten zu finden, bin ich es zufrieden.«

Fidelma sah ihm unverwandt in die dunklen Augen, aber gleichzeitig funkelte es in ihren eigenen grünen.

»Genau das ist mein Anliegen«, sagte sie unmissverständlich. »Woher stammst du, wenn du kein Bretone bist?«

»Ich bin in Rom geboren und auch dort aufgewachsen.«

Das erklärte, warum er zuvor beim Übersetzen von Lowenens Bemerkungen gezögert hatte.

»Dann ist die Heimat für dich ganz schön weit weg«, fand Eadulf.

»Meine Heimat ist jetzt hier.« Es klang überzeugt. Nach einer kleinen Pause verständigte er sich rasch mit Lowenen. Offensichtlich gab er ihm eine Zusammenfassung ihres Gesprächs. Der Alte blickte betrübt drein und stellte eine Frage.

»Er möchte wissen, was ihr zu tun gedenkt«, übersetzte Bruder Metellus.

Fidelma machte ein ernstes Gesicht. »Ehe wir nicht eine Möglichkeit finden, auf das Festland zu gelangen, sind uns die Hände gebunden. Uns nützt nur ein Hafen, wo wir vielleicht jemand finden, der willens ist, uns zu meines Bruders Königreich zu schaffen. Aber fürs Erste können wir nichts ausrichten, wir stehen bis auf einige wenige persönliche Dinge und die von euch geliehenen Kleider ohne alles da.«

|49|»Wie weit wäre es bis zum nächstgelegenen Punkt auf dem Festland, von wo aus man zu einem Hafen käme?«, fragte Eadulf.

»Nördlich von hier, ungefähr zehn Meilen über das Wasser, liegt die Abtei Gildas«, gab Bruder Metellus rasch zur Antwort. »Der Abt dort ist mein Vorgesetzter. Bei günstigem Wind könnten wir es an einem halben Vormittag schaffen. Ich bin die Strecke mehrfach gesegelt. Wenn ihr euch noch einmal meinem kleinen Boot anvertrauen wollt, können wir uns morgen früh auf den Weg machen. Um heute noch loszufahren, ist es zu spät. Ihr seht ja selbst, der Himmel wird schon dunkel.«

»Ich möchte nicht, dass du dir unseretwegen abermals Beschwerlichkeiten zumutest, Bruder Metellus«, meinte Fidelma zurückhaltend. »Du hast bereits viel für uns getan, hast unser Leben gerettet, als es schon verloren schien.« Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, dass Bruder Metellus, was das Zeichen anging, das Eadulf am Schiff gesehen haben wollte, seine Vorbehalte hatte. Das Sinnbild der Taube musste für ihn eine Bedeutung haben, und doch hatte er sie beide vor Gefangennahme und Tod bewahrt.

»Ist es nicht genau das, was wir im Dienste Christi tun sollen?« Er winkte achselzuckend ab. »Abgesehen davon ist es an der Zeit, dass ich mich mal wieder auf dem Festland sehen lasse. Die Abtei versorgt mich mit dem Nötigen für meinen Dienst, und ich brauche etliches.«

Rasch wechselte er einige Worte mit Lowenen, ehe er sich ihnen erneut zuwandte.

»Wie ihr seht, lebe ich hier so beengt, dass ich euch nicht für die Nacht beherbergen kann. Aber Onenn, Lowenens Frau, hat eine Bettstatt für euch … Sie gehörte einst ihrem Sohn. Der ist vergangenes Jahr beim Fischen vor Beg Lagad ertrunken. Ich gehe davon aus, ihr …« Verlegen blieb er mitten im Satz stecken.

|50|»Wir können dir versichern, dass wir Mann und Frau, Eheleute sind«, beantwortete Eadulf die ungestellte Frage. »Wir gehören nicht zu denen, die das Zölibat für Klosterangehörige verfechten.«

»So was habe ich mir schon gedacht«, erwiderte der römische Mönch mit einem Stoßseufzer. »Was mich angeht, so glaube ich an die Lehren des heiligen Benedikt. Keuschheit ist ein Zeichen dafür, dass wir es mit dem Glauben ernst meinen.« Er blickte Fidelma an. »Mir ist aufgefallen, dass du dich als Fidelma von Cashel vorstelltest und nicht als Schwester Fidelma. Und Bruder Eadulf hat erwähnt, dass du Anwältin an euren Gerichtshöfen bist. Ist es bei euch statthaft, gleichzeitig sowohl das eine als auch das andere zu tun?«

Fast ein wenig von oben herab erwiderte Fidelma: »Ich bin die Schwester von Colgú, König von Muman, dessen Hauptstadt Cashel ist. Es ist eins der Länder, die die fünf Königreiche von Éireann ausmachen, das Land, das meine Heimat ist. Es ist das größte von den fünf Königreichen«, ergänzte sie nicht ohne Stolz. Von ihren Erfahrungen in Rom her wusste sie, dass man Römern gegenüber am besten eine leichte Arroganz an den Tag legte. »Mein vorrangiges Anliegen ist es, dem Gesetz und meinem Volk zu dienen. Bei uns kann man dieser Berufung nachgehen und gleichzeitig einem Kloster dienen.«

Bruder Metellus neigte den Kopf und schien fast ein wenig amüsiert, als er erwiderte: »Ich bin sicher, ich spreche im Namen unseres Gemeindeältesten Lowenen, wenn ich sage, dass es uns eine Ehre ist, dich und Bruder Eadulf auf unserer kleinen Insel als Gäste beherbergen zu dürfen. Was mich betrifft, so war ich leider nur ein armer Schafhirt auf den Hängen der Monti Sabatini, ehe ich mich entschied, Anhänger Christi zu werden und seinem Pfad zu folgen.«

Fidelma war sich nicht sicher, ob der Mann sich über sie lustig |51|machte oder nicht. Noch ehe sie sich entscheiden konnte, hatte er sich wieder dem Alten zugewandt und ihm alles übersetzt. Der erhob sich daraufhin, verbeugte sich vor Fidelma und sprach einige Worte mit Nachdruck.

»Er sagt, er fühle sich außerordentlich geehrt, eine Prinzessin auf dieser bescheidenen Insel begrüßen zu dürfen. Was immer er sein Eigen nennt, stehe dir zur Verfügung.«

Auch sie verneigte sich ehrerbietig vor Lowenen.

»Sag ihm, er habe uns bereits mehr als genug gegeben, wir seien es, die sich geehrt fühlen.«

Bruder Metellus stand auf. »Heute Abend wird ein Fest stattfinden«, verkündete er. Lowenen besteht darauf. Ein Fest, um euer Erscheinen auf dieser Insel zu feiern. Wir beweisen damit unsere Gastfreundschaft, es ist ein alter Brauch.

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