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Eine Leiche zum Advent

Otto Penzler (Herausgeber)

Eine

Leiche

zum Advent

Das große Buch der Weihnachtskrimis

Ins Deutsch übertragen von Stefan Bauer, Winfried Czech, Axel Franken, Stefanie Heinen, Daniela Jarzynka, Helmut W. Pesch, Barbara Röhl, Anna-Lena Römisch, Thomas Schichtel, Dietmar Schmidt, Rainer Schumacher

Mit Illustrationen von Melanie Korte

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Bradford Morrow

Einen originellen und wunderbaren Schriftsteller

Und weisen, unersetzlichen Freund.

Einleitung

Otto Penzler

Weihnachten ist die glücklichste Zeit des Jahres, heißt es, und das gilt wohl für die meisten von uns außer für die Mürrischsten – jene, die behaupten, sie könnten es gar nicht erwarten, dass die Feiertage vorbei sind, denn sie hassen die (ihrer Meinung nach) erzwungene Fröhlichkeit, die religiösen Aspekte von Christi Geburtstagsfeier (obwohl es keinerlei biblische oder historische Beweise dafür gibt, dass Jesus tatsächlich am 25. Dezember geboren wurde) und den krassen Konsumwahn, der mit dem Ganzen einhergeht.

Diesen Griesgramen wird dieses Buch gefallen.

Während die meisten von uns damit beschäftigt sind, Geschenke für ihre Lieben zu kaufen, das Haus zu schmücken, den Weihnachtsbaum aufzustellen, Mistelzweige an die Türen zu hängen und ganz allgemein die zusätzliche Wärme in den Grüßen der Freunde und Ladenbesitzer zu genießen, finden diese unsympathischen Seelen Trost in der Tatsache, dass Verbrechen, Gewalt und sogar Mord auch zu dieser Jahreszeit blühen, in der angeblich doch nur Friede, Freude und Liebe herrschen.

Kriminalgeschichten, die in der Weihnachtszeit spielen, begleiten uns schon lange Zeit, und es ist wahrlich erstaunlich, wie viele Schriftsteller ihre Kreativität genau auf diese Zeit im Jahr konzentriert haben. Vielleicht liegt das ja daran, dass Gewalt zur Weihnachtszeit ganz besonders fehl am Platze wirkt, wodurch sie zusätzliches Gewicht erhält. Erinnern Sie sich doch nur einmal daran, wie oft Sie den wütenden und traurigen Ausruf »und das ausgerechnet zur Weihnachtszeit!« gelesen oder gehört haben, wenn von schrecklichen Ereignissen während der Feiertage berichtet wird.

Wenn man an Weihnachtsgeschichten denkt, dann kommt einem unwillkürlich als erstes Charles Dickens in den Sinn, der mit seiner Weihnachtsgeschichte die größte ihrer Art geschrieben hat. Schon zum Zeitpunkt ihrer Erstveröffentlichung im Jahre 1843 genoss sie enorme Popularität, und seitdem tragen wir sie in unserem Herzen, und das nicht nur als Buch, sondern auch als Film. Tatsächlich ist sie sogar gleich mehrfach verfilmt worden, sodass jede Generation sie von Neuem kennen- und schätzen lernen kann. (Allerdings ist die Version mit Alastair Sim nach wie vor die beste.) Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte bereicherte die englische Sprache sogar um ein Wort. Heute weiß jeder, was es heißt, ein »Scrooge« zu sein, ein Geizhals. Und sie veränderte auch eine Weihnachtstradition. Nachdem Ebenezer Scrooge einen Straßenjungen gebeten hatte, den größten Truthahn aus dem Schaufenster des Geflügelhändlers zu holen, überdachte ganz England noch einmal sein Weihnachtsessen, dessen Mittelpunkt bis dahin eine gebratene Gans gewesen war.

Als reine Geistergeschichte erscheint Dickens’ Weihnachtsgeschichte jedoch nicht in dieser Sammlung. Außerdem ist sie ohnehin schon in verschiedenen Ausgaben zu haben. Im Gegensatz dazu sind viele der Geschichten in dieser Anthologie nicht so einfach zu bekommen. Manche sind sogar nicht mehr erhältlich oder auch nur irgendwie auffindbar. In Bezug auf Anthologien gibt es ein Klischee (und Klischees werden zu Klischees, weil sie für gewöhnlich wahr sind). Oft werden Anthologien mit einer guten Party verglichen, auf der man alte Freunde wiedersieht und neue kennenlernt.

Mit den Geschichten von Arthur Conan Doyle und Ellery Queen sind Krimileser vermutlich vertraut, auch wenn sie sie schon länger nicht mehr gelesen haben. Doch nur wenige werden auch die eher obskuren Geschichten von Edgar Wallace, Norvell Page oder Mary Roberts Rinehart kennen.

Die Vielfalt der Themen und Stile mag überraschen. Die Palette reicht von wahrlich beängstigend über herzerwärmend und humorvoll bis hin zu verwirrend. Das ist natürlich kein Zufall, denn jeder wahrhaft talentierte Autor hat seine eigene Stimme, und wie Schneeflocken sind keine zwei gleich … auch wenn nie jemand wirklich bewiesen hat, dass das tatsächlich auf Schneeflocken zutrifft, und ich nehme an, das wird in nächster Zeit auch niemand tun.

Aus gutem Grund wird zu Weihnachten mehr gelesen als zu jeder anderen Zeit im Jahr. Wenn Familien und Freunde in früheren Zeiten zusammenkamen, gab es nicht allzu viele Unterhaltungsmöglichkeiten. Wohlhabendere Familien besaßen Musikinstrumente, und für junge Damen war es üblich, Klavier, Cembalo oder andere Instrumente zu erlernen. Bei den Armen war das anders. Doch eine gruppenfreundliche Form der Unterhaltung, die sich in allen sozialen Schichten fand, war das Vorlesen aus einem Buch, und dafür gab es keine bessere Zeit im Jahr als jene paar Tage, da der Alltag einmal vergessen war.

Auch heute noch sind Bücher das beliebteste Weihnachtsgeschenk, egal ob in gedruckter oder elektronischer Form. Und so ist Lesen nach wie vor ein wesentlicher Bestandteil der Weihnachtszeit. Einige der Geschichten zwischen diesen Buchdeckeln eignen sich ganz besonders dafür, zum Vergnügen einer Gruppe von Nachbarn, Freunden und Familie vorgelesen zu werden. Machen Sie es ruhig. Versammeln Sie ein paar Menschen um den Weihnachtsbaum, bieten Sie ihnen Süßigkeiten und warme Getränke an, suchen Sie sich einen bequemen Stuhl und lesen Sie laut Ed McBains Krippenspiel vor oder Das größte aller Rätsel von Colin Dexter. Das mag ja vielleicht nicht besser sein, als sich Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte oder Ist das Leben nicht schön? im Fernsehen anzusehen, aber es wird jene Art von Abend werden, an den man sich noch nach Jahren mit einem Lächeln auf den Lippen erinnert.

Und falls irgendjemand diese nette, altmodische Aktivität nicht zu schätzen weiß … Nun, Sie können ihn immer noch umbringen.

Otto Penzler, Weihnachten 2012, New York

Ins Deutsche übertragen von
Rainer Schumacher

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Gold, Weihrauch und Mord

Catherine Aird

Catherine Airds Detektivgeschichten sind bekannt für ihr Verständnis von Fairplay – diese nette, altmodische Vorstellung, dass der Autor seinen Detektiv die Rätsel durch Beobachtung und Deduktion lösen lassen sollte – nicht durch reines Glück, Zufall oder Geständnisse –, und das wird in der hervorragenden und seit Langem fortgeführten Reihe bewiesen, in deren Mittelpunkt Inspektor C. D. Sloan steht. Gold, Weihrauch und Mord wurde zuerst in Tim Healds Anthologie A Classic Christmas Crime (London, Pavilion, 1995) veröffentlicht.

Gold, Weihrauch und Mord

Catherine Aird

»Weihnachten!«, sagte Henry Tyler. »Bäh!«

»Und wir erwarten dich wie gewöhnlich an Heiligabend«, fuhr seine Schwester Wendy gelassen fort.

»Aber …«, sagte er durchs Telefon von London aus, »aber, Wen…«

»Es ist zwecklos, so zu tun, als wärst du der verkleidete Ebenezer Scrooge, Henry.«

»Humbug!«, rief Henry mit mehr Nachdruck aus.

»Unsinn!«, verkündete seine Schwester gänzlich ungerührt. »Du genießt Weihnachten ganz genauso wie die Kinder. Und das weißt du auch.«

»Ah, aber dieses Jahr muss ich vielleicht über die Feiertage in London bleiben …« Henry Tyler verbrachte seine Arbeitstage – und in diesen unruhigen Zeiten auch ziemlich viele seiner Arbeitsnächte – im Außenministerium in Whitehall.

Was er gerade mit seiner Schwester machte, wäre in Botschaftskreisen sofort als »die Reaktion testen« erkannt worden. In den unteren Chargen seiner Abteilung war es schlichter bekannt als »einen Versuchsballon starten«. Wie man es auch nannte, Henry Tyler war Experte darin.

»Und es ist auch zwecklos, zu erwähnen, dass es Schwierigkeiten im Baltikum gibt«, entgegnete Wendy Witherington herzlich.

»Eigentlich«, sagte Henry, »ist es der Balkan, der uns im Moment ein wenig Kopfschmerzen bereitet.«

»Die Kinder würden es dir nie verzeihen, wenn du nicht da wärst«, sagte Wendy und spielte damit eine Trumpfkarte aus; allerdings war das nicht wirklich nötig. Sie wusste, dass nichts außer einer internationalen Krise Henry zur Weihnachtszeit von ihrem Zuhause in dem kleinen Marktflecken Berebury im Herzen des ländlichen Calleshire fernhalten konnte. Das Problem war, dass internationale Krisen heutzutage nicht annähernd so selten waren wie früher einmal.

»Ach, die Kinder!«, sagte ihr in sie vernarrter Onkel. »Und was wünschen sie sich dieses Jahr vom Weihnachtsmann?«

»Edward will eine Lok für seine Modelleisenbahn.«

»Tatsächlich?«

»Eine rote Hornby-LMS-Lok mit dem Namen ›Princess Elizabeth‹«, fügte Wendy Witherington sogleich hinzu. »Es ist eine 4–6–2.«

Henry machte sich eine Notiz und staunte dabei darüber, dass seine Schwester, die völlig außerstande schien, zwischen dem Baltikum und dem Balkan zu unterscheiden – und den Balearen vermutlich ebenfalls –, die Einzelheiten einer Lokomotive für die Modelleisenbahn eines Kindes sofort abrufbereit hatte.

»Und Jennifer?«, fragte er.

Wendy seufzte. »Das Gute Schiff Lollipop. Ach so, und wenn du kommst, Henry, dann solltest du ihr besser erklären können, wie es kommt, dass sie zwar Shirley Temple im Kino sehen konnte – wir haben sie letzte Woche mitgenommen –, Shirley Temple sie aber nicht.«

Henry, der während der vergangenen zehn Tage eine Menge Zeit dem Versuch gewidmet hatte, einem Minister der Regierung Ihrer Majestät zu erklären, was genau Monsieur Pierre Laval wohl für die beste Zukunft Frankreichs im Sinn haben mochte, sagte, dass er sein Bestes tun würde.

»Wer wird sonst noch da sein, Wen?«

»Unsere alten Freunde Peter und Dora Watkins – du erinnerst dich doch an sie, oder?«

»Er ist irgendwas bei der Bank, richtig?«, fragte Henry.

»Fast Filialleiter!«, entgegnete Wendy. »Und dann wird noch Toms alter Onkel George kommen.«

»Ich hoffe«, stöhnte Henry, »dass dein Barometer dem gewachsen ist! Letztes Jahr musste es schwere Zeiten durchmachen.« Toms Onkel George war seinerzeit ein angesehener Hersteller wissenschaftlicher Instrumente gewesen. »Er hat es fast zu Tode angetippt!«

Wendy war mit den Gedanken immer noch bei ihren Hausgästen. »Ach ja, es werden auch noch zwei Flüchtlinge da sein.«

»Zwei Flüchtlinge?« Henry runzelte die Stirn, obwohl er allein in seinem Zimmer im Außenministerium war. Man wurde allmählich sehr vorsichtig bei manchen Flüchtlingen.

»Ja, der Pfarrer hat uns gebeten, zwei Flüchtlinge aus dem Lager in der Calleford Road einzuladen, dieses Jahr über Weihnachten bei uns zu wohnen. Du erinnerst dich doch noch an unseren Mr. Wallis, nicht wahr, Henry?«

»Lange Predigten?«, riskierte Henry.

»Dann erinnerst du dich also an ihn«, sagte Wendy ohne Ironie. »Nun, er hat alles über irgendeine Kirchenorganisation arrangiert. Wir müssen sehr nett zu ihnen sein, weil sie alles verloren haben.«

»Mach ihnen nützliche Geschenke, meinst du«, sagte Henry, der den letzten Satz mühelos dechiffriert hatte.

»Warme Strümpfe und Schals und solche Sachen«, stimmte Wendy Witherington ihm vage zu. »Und dann sind da noch ein paar Leute, die an Heiligabend hierher zum Abendessen kommen.«

»Ach ja?«

»Unser Doktor und seine Frau, Friar heißen sie. Ihr mangelt es ein bisschen an Feingefühl, aber seine Gesellschaft ist ganz angenehm. Und«, sagte Wendy und holte Luft, »unsere neuen Nachbarn von nebenan – mit dem Namen Steele – kommen auch. Er hat letzten Sommer die Apotheke am Platz gekauft. Wir kennen sie nicht besonders gut – ich glaube, er hat eine seiner Mitarbeiterinnen geheiratet –, aber es schien mir richtig, sie zu Weihnachten einzuladen.«

»Ganz recht«, sagte Henry. »Das war’s?«

»Ah, und die kleine Miss Hooper.«

»Hat ihre Maße geschickt, stimmt’s?«

»Du weißt, was ich meine«, entgegnete seine Schwester unbeeindruckt. »Sie kommt dann immer. Übrigens rechne ich damit, dass sie die Flüchtlinge kennt. Sie macht viel Kirchenarbeit.«

»Was sind das für Flüchtlinge?«, erkundigte Henry sich vorsichtig.

Aber das wusste Wendy nicht.

Henry war sich selbst nicht sicher, auch nicht, nachdem er sie kennengelernt hatte, und sein Schwager war ebenfalls keine Hilfe.

»Tut mir leid, alter Mann«, sagte dieser große Held, als sie sich an Heiligabend im Wohnzimmer versammelten, um das Eintreffen der restlichen Tischgäste zu erwarten. »Ich weiß nur, dass dieses Paar letzten Monat von irgendwo aus Mitteleuropa angekommen ist mit nichts als dem, was sie am Leib hatten.«

»Besser arm dran als Arm ab«, steuerte Gordon Friar, der Doktor, seine medizinische Sicht der Dinge bei.

»Soviel ich weiß«, sagte Tom Witherington, »sind sie auch nur knapp mit heiler Haut dort rausgekommen. Um Haaresbreite und so.«

»Wie der Dichter so weise sagte«, murmelte Henry: »›Die einzige sichere Freiheit liegt im Weggehen‹.«

»Wenn ihr mich fragt«, sagte der alte Onkel George, ein Veteran des Burenkriegs, »sie taten recht daran, zu gehen, solange die Gelegenheit noch günstig war.«

»Es ist die Art von Sache, mit der man gerne zu lange wartet«, verkündete Dr. Friar gewichtig. Zu lange mit etwas zu warten war der Albtraum jedes Doktors.

»Ich beneide sie nicht darum, dort zu sein, wo sie jetzt sind«, meinte Tom. »Das Lager, in dem sie untergebracht sind, ist ziemlich trostlos, besonders im Winter.«

Dies wurde in dem Moment, als sie den Raum betrat, sofort von Mrs. Godiesky bestätigt. Sie betrachtete das flackernde Feuer der Witheringtons mit tiefer Wertschätzung. »War uns so kaaalt, so kaaalt!«, sagte sie, während sie die Scheite, die neben dem offenen Kamin gestapelt waren, gierig anstarrte. »So viel kaaalt …«

Das Englisch ihres Ehemanns war etwas besser, obwohl auch er mit starkem Akzent sprach. »Wenn wir zu jenem Zeitpunkt nicht gegangen wären«, er öffnete ausdrucksstark die Hände, »wer weiß, was dann aus uns geworden wäre!«

»Ja, wer weiß!«, echote Henry, der eigentlich eine sehr viel bessere Vorstellung als irgendein anderer der Anwesenden davon hatte, was womöglich aus den Godieskys geworden wäre, wenn sie den heimischen Herd nicht verlassen hätten, als sie es getan hatten. Berichte, die das Außenministerium erreichten, waren sehr, sehr entmutigend.

»Mein Fachbereich wurde über Nacht geschlossen«, erklärte Professor Godiesky. »Ohne irgendeine Warnung.«

»Es war schrrreeecklich«, sagte Mrs. Godiesky und streckte die Hände zum Feuer hin, als könnte sie sie nie wieder warm bekommen.

»Um welchen Bereich handelte es sich, Sir?«, erkundigte sich Henry beiläufig beim Professor.

»Chemie«, antwortete der Flüchtling, als gerade die beiden Watkins hereinkamen und vom aufgehängten Mistelzweig guten Gebrauch machten. Ihnen folgten kurz darauf durch die Tür daneben Robert und Lorraine Steele. In ihrem Fall waren die Vorstellungen förmlicher. Robert Steele war ein gutes Stück älter als seine Frau, die eine äußerst vorteilhafte Mischung aus Rot und Dunkelgrün trug, allerdings mit einem Rock, der ein Stück kürzer war als der von Wendy oder Dora und sogar noch auffälliger als der von Marjorie Friar, die offensichtlich nicht sehr modebewusst war.

»Wir sind ja so froh, dass sie es noch rechtzeitig geschafft haben!«, rief Wendy aus, während Tom sich damit beschäftigte, alle mit Sherry zu versorgen. »Es muss schwierig sein, wenn noch spät Medikamente auszugeben sind.«

»Heutzutage kein Problem mehr!«, dröhnte Robert Steele. »Ich habe jetzt einen jungen Mitarbeiter. Er ist eine große Hilfe.«

Dann wurde Miss Hooper, deren Rock der längste von allen war, hereingeführt. Sie war außer Atem und sprudelte über von Entschuldigungen dafür, dass sie so spät kam. »Wendy, Liebes, es tut mir ja so leid!«, sagte sie aufgeregt. »Ich fürchte, die Waits werden ruck, zuck hier sein …«

»Und die werden nicht warten«, sagte Henry unschuldsvoll, »nicht wahr?«

»Wenn ihr mich fragt«, steuerte daraufhin Tom Witherington seine Meinung bei, »werden sie es nicht eilig haben, an der ›Königlichen Eiche‹ vorbeizukommen.«

»Die Kinder kommen in ihren Hausmänteln runter, um den Weihnachtsliedern zuzuhören«, sagte Wendy, die beide Bemerkungen richtigerweise ignorierte. »Und es ist mir egal, wie müde sie heute Abend werden!«

»Wer spielt den Weihnachtsmann?«, fragte Robert Steele jovial. Er war ein molliger Bursche, dessen Blick die meiste Zeit über verliebt auf seiner Frau ruhte.

»Ich nicht«, sagte Tom Witherington.

»Ich mach’s!«, erklärte Henry. »Für meine Sünden.«

»Dann kann ich, wenn ich in dieser Sache angegangen werde«, sagte der Kindsvater fromm, »die Hände auf mein Herz legen und völlige Unschuld beteuern.«

»Und wie willst du darum herumkommen, eine ehrliche Antwort zu geben, Henry?«, erkundigte sich Dora Watkins scherzhaft.

»Ich will hoffen«, erwiderte Henry, »dass es mir gelingt, den Traditionen des Auslandsdienstes treu zu bleiben und eine Antwort zu geben, die gleichzeitig korrekt und völlig nichtssagend ist …«

In welchem Moment der Klang des Essensgongs, der geschlagen wurde, aus der Diele ertönte und die gesamte Gesellschaft sich augenblicklich ins Esszimmer begab, wobei Onkel George auf dem Weg das Barometer argwöhnisch antippte.

Henry Tyler musterte die Festgäste unter dem Deckmantel eines gewissen Anteils an fröhlicher Plauderei. Es war ein wesentlicher Bestandteil seiner Ausbildung, dass er zu ein und derselben Zeit mit der bedauernswerten Mrs. Godiesky die Weihnachtsfeierlichkeiten in England erörtern und heimlich die anderen Gäste beobachten konnte. Lorraine Steele war unverkennbar der Apfel von ihres Gatten Aug’, aber er war sich nicht sicher, ob Gleiches auch von Marjorie Friar gesagt werden konnte, die sich als Nörglerin entpuppte und sich so anhörte – und auch so aussah –, als wäre sie vom Leben ziemlich benachteiligt worden.

Lorraine Steele hingegen war alles andere als unelegant. Henry kam zu dem Schluss, dass ihre Entscheidung für Grün und Rot – Weihnachtsfarben – das Vorzeichen einer neuen Kombination für diese Jahreszeit war.

Er lauschte auch nach nützlichen Hinweisen in der Unterhaltung des Professors über dessen Heimatland, während ihm zugleich bewusst wurde, dass Toms alter Onkel George inzwischen ziemlich senil wurde, und er außerdem erfuhr, dass Mrs. Friars letztes Hausmädchen gekündigt hatte.

»Und ausgerechnet an Weihnachten!«, beklagte sie sich. »So etwas von rücksichtslos!«

Peter Watkins stellte ein bescheidenes Maß an Stolz auf sein Weihnachtsgeschenk an seine Frau zur Schau.

»Nun«, sagte er im gemessenen Tonfall des Bankberufs, »ich für meinen Teil bin mir sicher, dass Kühlschränken die Zukunft gehört.«

»Es ist nichts falsch an einer guten, altmodischen Speisekammer«, sagte Wendy tapfer wie die gute Gattin, die sie war. Die Chancen, dass Tom Witherington sich in naher Zukunft einen Kühlschrank leisten konnte, standen äußerst schlecht. »Außerdem glaube ich nicht, dass unsere Köchin sich jetzt noch umstellen möchte. Sie hat sich nämlich sehr gut an die Gegebenheiten gewöhnt.«

»Aber denkt mal an die Lebensmittel, die wir sparen werden«, meinte Dora. »Es wird jetzt nie mehr was schlecht werden!«

»›Braucht es auf, tragt es auf.‹« Etwas hatte sich im Gedächtnis des alten Onkel George gerührt.

»›Behelft euch damit, behelft euch ohne es, oder wir schicken es nach Belgien.‹«

»Und die Gefahr einer Lebensmittelvergiftung ist auch geringer«, verkündete Robert Steele gesetzt. »Nicht wahr, Dr. Friar?«

»Ja, in der Tat«, stimmte der Mediziner sofort zu. »Davon haben wir immer zu viele, und so was kann sehr gefährlich sein!«

Der Apotheker blickte die beiden Watkins an und sagte galant: »Ich kann mir kein besseres Geschenk vorstellen.«

»Aber du schon, Liebling«, warf Lorraine Steele strahlend ein, »ist es nicht so?«

Henry merkte, dass eine wortlose Kommunikation zwischen den beiden Steeles im Gange war; und dann ließ Lorraine Steele ihre linke Hand beiläufig über dem Tisch erscheinen. Ihren Ringfinger schmückten sowohl ein breiter goldener Trauring als auch ein Ring, der mit einem wunderschönen einzelnen Diamanten besetzt war.

»Roberts Geschenk«, sagte sie ziemlich selbstgefällig, betätschelte ihr onduliertes Haar und drehte den Diamantring herum. »Ist er nicht entzückend?«

»Ich wollte, dass sie ihn an der rechten Hand trägt«, warf Robert Steele ein, »weil sie Linkshänderin ist, aber sie will nichts davon wissen.«

»Das kann ich mir denken«, sagte Dora Watkins sogleich. »Der goldene Trauring bringt ihn so hübsch zur Geltung!«

»Genau das sage ich auch«, pflichtete Mrs. Steele ihr reizend bei und senkte die zweifach beringte Hand wieder außer Sicht.

»Horcht!«, rief Wendy plötzlich. »Es sind die Waits! Ich kann sie jetzt hören! Kommt alle mit … im Vorzimmer gibt es anschließend Mince Pies und Kaffee!«

Die Berebury-Sternsinger stellten ihre Laternen draußen vor der Haustür ab und scharten sich um den Weihnachtsbaum in der Eingangshalle der Witheringtons, die Notenblätter zur Hand.

»In Ordnung!«, rief ihr Leiter, ein junger Mann mit einem ziemlich hervorstehenden Adamsapfel. Er fing an, einen kleinen Taktstock zu schwingen. »Und jetzt alle zusammen …«

Bald schallten die vertrauten Worte von »Once in Royal David’s City« durchs Haus und erfüllten es mit fröhlichem Klang. Henry erhaschte den Schimmer einer Träne in Mrs. Godieskys Auge und bemerkte einen Ausdruck großer Nostalgie in der ernsten Miene der kleinen Miss Hooper. Auch für sie musste diese Szene die Geister vergangener Weihnachten wachrufen.

Später, als es wichtig wurde, das Bild für die Polizei vor seinem inneren Auge wieder zu erschaffen, konnte Henry nur die Steeles im hinteren Teil der Eingangshalle platzieren, mit Dr. Friar und Onkel George zwischen ihnen. Peter und Dora Watkins hatten sich entschieden, ein paar Stufen oben auf der Treppe vor dem Absatz zum ersten Stock zu stehen, ein wenig außerhalb des Gedränges, aber mit guter Sicht. Mrs. Friar stand unbeholfen vor dem Chorleiter. Von Professor Hans Godiesky war nichts zu sehen, während die Weihnachtslieder gesungen wurden.

Henry erinnerte sich daran, dass ihm die unterdrückte Begeisterung in den Gesichtern seiner Nichte und seines Neffen aufgefallen war, die oben auf der Treppe hockten, und dass er gehofft hatte, dass es die Musik war, die sie hinreißend fanden, und nicht die Haufen von Mince Pies, die zwischen den dekorativen Stechwinden auf der Anrichte im rückwärtigen Teil der Halle auf sie warteten.

Sie – und alle anderen – fielen nichtsdestoweniger darüber her, sobald das letzte Weihnachtslied verklungen war. Es gab auch einen heißen Punsch, von Tom Witherington sorgsam mit Gewürzen und Zucker auf genau die richtige Temperatur erhitzt, für diejenigen, die alt genug waren, welchen zu sich zu nehmen, und hausgemachte Limonade für die Kleinen.

Noch fast bevor der letzte Chorknabe den letzten Mince Pie verputzt hatte, löste sich die Gesellschaft bei den Witheringtons auf.

Der Apotheker und seine Frau waren die Ersten, die gingen. Sie schüttelten ringsum Hände.

»Ich weiß, dass es noch früh ist«, sagte Lorraine Steele entschuldigend, »aber ich fürchte, Roberts armer alter Bauch rumort wieder.« Henry, der eine ziemlich schlaffe Pfote erwartet hatte, stellte überrascht fest, wie kräftig ihr Händedruck war.

»Bitte vergeben Sie uns«, sagte Lorraines Gatte zu Wendy, »aber ich denke, wir sollten uns jetzt besser auf den Nachhauseweg machen.« Robert Steele versuchte ein glasiges, bemühtes Lächeln, aber für Henrys Augen sah er mehr als nur ein bisschen weiß um die Nase aus. Vielleicht hatte er ja ebenfalls bemerkt, dass der Ring, den er seiner Frau zu Weihnachten geschenkt hatte, an der Seite eine hässliche Verfärbung bekommen hatte.

Gemeinsam eilte das Paar in einem Schwall von Abschiedsgrüßen davon. Dann erklärte die dünne Miss Hooper den Abend zu einem großen Erfolg, sagte jedoch, sie wolle vor der Mitternachtsmesse noch einmal in St. Faith nach dem Rechten sehen, und auch sie schlüpfte davon.

»Was mich interessieren würde«, sagte Dora Watkins provokant, als die restlichen Gäste sich wieder im Salon versammelt hatten und Edward und Jennifer – sehr zu ihrem Widerwillen – erneut zu Bett geschickt worden waren, »ist, ob es besser ist, das Liebchen eines alten Mannes zu sein oder die Sklavin eines jungen?«

Ein Stirnrunzeln legte sich auf Wendys Miene. »Da bin ich mir nicht sicher«, sagte sie ernsthaft.

»Ich schätze, unsere Mrs. Steele hat ihren Gatten schon da, wo sie ihn haben will«, sagte Peter Watkins, »meint ihr nicht?«

»Komm zurück, William Wilberforce, es gibt noch mehr gegen die Sklaverei zu tun!«, sagte Tom Witherington leichthin. »Möchte irgendjemand vielleicht einen Schlummertrunk?«

Aber er fand keine Abnehmer, und ein paar Momente darauf waren auch die Friars gegangen.

Plötzlich sagte Wendy, sie habe sich schließlich doch dagegen entschieden, in die Mitternachtsmesse zu gehen, und würde alle morgen früh wiedersehen. Der Rest des Haushalts entschloss sich ebenfalls zu einer frühen Nachtruhe, und letzten Endes war Henry Tyler der Einzige der Gesellschaft, der in dieser Nacht der Christmette in der St.-Faith-Kirche beiwohnte.

Die Worte des letzten Weihnachtslieds »We Three Kings of Orient Are« tönten noch in seinen Ohren, als er über den Marktplatz zur Kirche schritt. Henry wünschte, das Außenministerium hätte nur mit Königen zu tun: Dann wäre sein Leben einfacher. Diktatoren und Präsidenten – insbesondere ein Präsident, gar nicht so viele Meilen vom »perfiden Albion« entfernt – waren viel unberechenbarer.

Er summte die Worte der letzten Strophe vor sich hin, als er die Stufen zur Kirche erklomm:

Mein ist die Myrrhe; ihr bittrer Duft

Atmet ein Leben aus dunkelster Kluft.

Trauern, seufzen, bluten, sterben,

Versiegelt in steinkalter Gruft.

Vielleicht, so dachte er, während er sich eine Bank im hinteren Teil suchte und ihm der unangenehme Duft von einer Mischung aus brennenden Kerzen und Kirchenblumen in die Nase stieg, hätte er an Weihrauch denken sollen oder sogar – als er die polierten Kerzenhalter und das Altarkreuz sah – an Melchiors Gold …

Seine persönlichen Gebete wurden ein paar Minuten später von einer plötzlichen, hektischen Aktivität im vorderen Teil der Kirche gestört, und er blickte gerade noch rechtzeitig auf, um zu sehen, wie der kleinen Miss Hooper von den beiden Kirchenältesten hinausgeholfen wurde.

»Wenn ich einfach nur ein Glas Wasser bekommen könnte«, hörte er sie sagen, bevor sie zur Sakristei davongetragen wurde. »Mir geht es gleich wieder gut. Es tut mir ja so leid, dass ich so ein Tamtam mache. So sehr leid …«

Die Predigt des Pfarrers war wie üblich ellenlang, sodass es dauerte, bis er seiner Gemeinde beim Verlassen der Kirche frohe Weihnachten wünschen konnte. Als Henry über den Platz zurückging, begegnete ihm Dr. Friar, der gerade aus dem Haus der Steeles kam.

»Der Bursche ist zusammengebrochen«, brummte er. »Starke epigastrische Schmerzen und Erbrechen. Mrs. Steele kam vorbei, um mich zu fragen, ob ich nach ihm sehen könnte. Es war Blut im Erbrochenen, und das hat ihr Angst gemacht.«

»Kein Wunder!«, sagte Henry.

»Er ist ziemlich krank«, fuhr der Doktor fort. »Ich werde ihn so schnell wie möglich in ein Krankenhaus schaffen lassen.«

»Kann es etwas sein, was er hier gegessen hat?«, fragte Henry und erzählte ihm von der kleinen Miss Hooper.

»Zu früh, um das zu sagen, aber durchaus möglich«, meinte der Doktor unwirsch. »Sie sollten besser nachsehen, wie es den anderen geht, wenn Sie nach Hause kommen. Ich könnte mir vorstellen, dass Wendy auch krank ist, so, wie sie ausgesehen hat, als wir gegangen sind, und ich muss sagen, dass meine Frau sich auch nicht allzu großartig gefühlt hat, als ich aus dem Haus bin. Rufen Sie mich an, wenn Sie mich brauchen.«

Henry kehrte tatsächlich in ein sehr unruhiges Haus zurück, in dem mehrere Schlafzimmerlichter an waren. Zwar war niemand krank, doch Wendy und Mrs. Godiesky fühlten sich ausgesprochen unwohl. Dora Watkins war vollkommen wohlauf und kümmerte sich geschäftig um diejenigen, die es nicht waren.

Zum Glück drang aus dem Kinderzimmer kein Laut, und er schlich sich hinein, um neben jedes der Betten einen vollen Strumpf zu legen. Als er wieder nach unten ins Vorzimmer kam, meinte er nebenan die Glocke eines Krankenwagens zu hören.

»Morgen früh wird die Lage klarer sein«, sagte er sich, ein Mann des Außenministeriums bis in die Kuppen seiner Fingerspitzen.

Und so war es.

Der halbe witheringtonsche Haushalt hatte während der Nacht eine schwere Magen-Darm-Verstimmung gehabt, und Robert Steele war gegen zwei Uhr früh im Königlichen Krankenhaus von Berebury gestorben.

Als Henry seiner Schwester am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags begegnete, war sie tatsächlich ganz bleich im Gesicht.

»Ach Henry«, rief sie, »ist das mit Robert Steele nicht schrecklich? Und der Pfarrer sagt, die Hälfte der jungen Waits war in der Nacht auch krank und die arme kleine Miss Hooper ebenfalls!«

»Damit scheidet der Punsch aus, nicht wahr?«, meinte Henry nachdenklich. »Die jungen Leute sollten ja keinen bekommen.«

»Die Köchin sagt …«

»Geht es ihr gut?«, erkundigte sich Henry neugierig.

»Sie war nicht krank, falls du das meinst, aber sie ist ganz aufgeregt.« Wendy klang ziemlich nervös. »Die Köchin sagt, so etwas ist ihr noch nie zuvor passiert.«

»Es ist ihr auch jetzt nicht passiert«, legte Henry herzlos dar, aber Wendy hörte ihm nicht zu.

»Und Edward und Jennifer geht es gut, Gott sei Dank!«, fuhr Wendy ein bisschen weinerlich fort. »Tom fühlt sich allmählich besser, aber ich habe gehört, dass Mrs. Friar immer noch ziemlich krank ist und die arme Mrs. Godiesky sich schrecklich fühlt. Und was Robert Steele anbelangt … ich weiß einfach nicht, was ich denken soll. Ach Henry, ich habe das Gefühl, es ist alles meine Schuld!«

»Nun, die Limonade war es nicht«, kombinierte Henry. »Beide Kinder hatten massenhaft davon; ich habe sie trinken sehen.«

»Jedes hatte auch einen Mince Pie«, sagte ihre Mutter. »Ich habe es gesehen. Aber einige Leute, die auch davon gegessen haben, sind seitdem ganz krank …«

»Genau, meine Liebe. Einige, aber nicht alle.«

»Aber was kann es dann gewesen sein?«, fragte Wendy mit zitternder Stimme. »Die Köchin ist sich ganz sicher, dass sie nur das Beste von allem genommen hat. Aber es leuchtet ein, dass es etwas gewesen sein muss, was sie hier gegessen haben.« Sie rang darum, ihre Ängste in Worte zu fassen. »Hier war der einzige Ort, wo sie alle waren.«

»Es leuchtet ein, dass es etwas gewesen sein muss, was ihnen hier gegeben wurde«, stimmte Henry ihr zu, dem schon mehr als ein Botschafter Pedanterie vorgeworfen hatte, »was nicht ganz dasselbe ist.«

Sie starrte ihn an. »Henry, was meinst du?«

Inspektor Milsom wusste, was er meinte.

Es war am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages, als er und Wachtmeister Bewman zum Haus der Witheringtons kamen.

»Eine Reihe von Personen scheint an den Folgen der Einnahme einer kleinen Menge einer gefährlichen Substanz bei dieser Adresse gelitten zu haben«, verkündete Milsom der Gesellschaft, die sich auf sein Geheiß hin versammelt hatte. »Eine davon mit tödlichem Ausgang.«

Mrs. Godiesky erschauderte. »Ich, ich leide viel.«

»Ich auch!«, fiel Peter Watkins ein.

»Jedoch nicht, denke ich, Sir, Ihre Frau?« Inspektor Milsom blickte Dora Watkins fragend an.

»Nein, Inspektor«, bestätigte Dora. »Mir ging es völlig gut.«

»Zu unserm Glück«, sagte Tom Witherington. Er sah immer noch blass aus. »Sie musste nämlich nach uns sehen.«

»Ganz recht«, sagte der Inspektor.

»Dann war es keine Lebensmittelvergiftung?«, fragte Wendy begierig. »Das wird die Köchin aber freuen …«

»Präziser wäre es, Madam«, sagte Inspektor Milsom, der keine Köchin hatte, vor der er Ehrfurcht hatte, »zu sagen, dass in einem Lebensmittel Gift war.«

Wendy erbleichte. »Oh …!«

»Diese gefährliche Substanz, von der Sie sprechen«, erkundigte sich Professor Godiesky interessiert, »ist ihre Natur bekannt?«

»In England«, antwortete der Inspektor, »nennen wir sie Sublimat …«

»Quecksilber? Ah«, der Flüchtling nickte weise, »das würde alles erklären.«

»Nicht ganz alles, Sir«, widersprach der Inspektor milde. »Nun, wenn wir Sie jetzt einen nach dem andern sprechen dürften, bitte.«

»Dieses Gift, Inspektor«, sagte Henry, nachdem er den beiden Polizisten seine Darstellung des Sternsingens gegeben hatte, »ich nehme an, es ist nicht leicht zu bekommen?«

»Das ist korrekt, Sir. Aber bestimmte Personenkreise können es sich verschaffen.«

»Ärzte und Apotheker?«, wagte Henry sich vor.

»Und gewisse Fabrikanten …«

»Gewisse … Oh, Onkel George?«, sagte Henry. »Natürlich! In Thermometern ist reichlich Quecksilber!«

»Der alte Herr ist definitiv ein wenig verwirrt, Sir.«

»Und Professoren der Chemie?«, fragte Henry.

»In seiner Situation«, sagte der Inspektor verständig, »hätte ich selbst in Betracht gezogen, etwas bei mir zu haben, nur für den Fall.«

»Denn es gibt Schicksale, die schlimmer sind als der Tod«, stimmte Henry ihm schnell zu, »wie das Leben in einigen Gebieten Europas heutzutage. Inspektor, dürfte ich fragen, welche Form dieses Gift annimmt?«

»Es ist eine weiße kristalline Substanz.«

»Leicht mit Zucker zu verwechseln?«

»Das wäre wohl nicht schwer«, sagte der Polizist trocken.

»Und was Sie nicht wissen, Inspektor«, schlussfolgerte Henry klug, »ist, ob es auf den Mince Pies verstreut war infolge … ich nehme an, es war auf den Mince Pies?«

»Sie sind die wahrscheinlichste Trägersubstanz«, räumte der Polizist ein.

»Infolge eines Versehens oder weil es dazu gedacht war, eine Reihe von Personen ein bisschen krank zu machen oder …«

»Oder«, warf Wachtmeister Bewman ein, »eine Person wirklich sehr krank?«

»Oder«, sagte Henry leise, »beides.«

»So ist es.« Er hustete trocken. »Wie es aussieht, hat es sowohl mehrere Personen krank gemacht als auch eine umgebracht.«

»Was womöglich auch beabsichtigt war?« Niemand hatte Henry je begriffsstutzig genannt.

»Nach übereinstimmenden Aussagen«, sagte Milsom verblümt, »hatte Mr. Steele schon ein schwaches Bäuchlein, bevor er das Sublimat des Quecksilbers zu sich nahm.«

»Onkel George war nicht krank, oder?«

»Nein, Sir, und Dr. Friar auch nicht.« Er hustete sein trockenes Husten. »Mir wurde gesagt, dass Dr. Friar nie Gebäck zu sich nimmt.«

»Mrs. Steele?«

»Ein wenig unwohl. Sie sagt, sie habe nur einen Mince Pie gehabt. Mrs. Watkins hatte gar keinen, ebenso der Professor.«

»›Der ohne die Petersilie‹«, zitierte Henry, »›ist derjenige ohne das Gift.‹«

»Genau, Sir. Auf den ersten Blick lassen es unsere unmittelbaren Ermittlungen durchaus möglich erscheinen, dass …«

»Inspektor, wenn Sie immer so auf Nummer sicher gehen, ehe Sie etwas sagen, könnten wir für Sie eine Stelle im Außenministerium finden.«

»Danke, Sir. Wie gesagt, Sir, es ist möglich, dass das Gift nur in denjenigen Mince Pies war, die sich von der Treppe am weitesten weg befanden. Bewman hier hat eine grafische Darstellung angefertigt, von wo die Opfer ihre Pies genommen haben.«

»Was erklären würde, warum manche Personen nicht betroffen waren«, sagte Henry.

»Was es erklären könnte, Sir.« Der Inspektor stand Henry in puncto Genauigkeit eindeutig um nichts nach. »Der Professor war einfach nicht da, um sich überhaupt eins zu nehmen. Er sagt, er ist in sein Zimmer gegangen, um das Weihnachtsgeschenk für seine Frau fertig zu machen. Er hat irgendetwas aus einem Stück altem Holz für sie geschnitzt.«

»›Not kennt kein Gebot‹«, erwiderte Henry geistesabwesend. Er war immer noch am Nachdenken. »Das ist ein hübsches kleines Problem, wie man so sagt.«

»Mittel und Gelegenheit scheinen da zu sein«, brummte Milsom.

»Fehlt nur noch das Motiv, richtig?«, sagte Henry.

»Der alte Herr mag vielleicht keins gehabt haben, wenn man betrachtet, dass er ist, wie er ist, Sir, wenn Sie verstehen, was ich meine, und natürlich wissen wir nichts über den Professor und seine Frau, nicht wahr, Sir? Noch nicht.«

»Überhaupt nichts.«

»Damit bleiben der Doktor …«

»Ich hätte Mrs. Friar schon vor Jahren ermordet«, verkündete Henry aufgeräumt, »wenn sie meine Frau gewesen wäre.«

»Und Mrs. Steele.« Es entstand eine kleine Pause, und dann sagte Inspektor Milsom: »Wie mir zu Ohren gekommen ist, ist der neue junge Mitarbeiter in der Apotheke mehr so etwas wie ein Altersgenosse von Mrs. Steele.«

»Ach, daher weht der Wind, richtig?«

»Und dann, Sir«, sagte der Polizist, »kommt nach dem Motiv noch das, was wir unten auf der Wache immer die vierte Verbrechensdimension nennen …«

»Und die wäre, Inspektor?«

»Beweise.« Er erhob sich zum Gehen. »Danke für Ihre Hilfe, Sir.«

Nachdem die beiden Polizisten fort waren, saß Henry ganz still da, während sein Gedächtnis ihn piesackte. Jemand, den er kannte, war mit Sublimat von Quecksilber vergiftet worden, das in Torten serviert worden war. Und auch von einer Torte, wenn man der Geschichte Glauben schenken durfte.

Nein, nicht jemand, den er kannte.

Jemand, von dem er wusste.

Jemand, von dem sie im Außenministerium wussten, denn es war ein politischer Mord gewesen, ein berühmter politischer Mord, der sich um ein Dreiecksverhältnis herum abgespielt hatte …

Henry Tyler suchte Professor Godiesky auf und erklärte es.

»Von zeitgenössischen Autoren wurde berichtet«, sagte Henry, »dass, als die mit Quecksilber vergifteten Torten für Sir Thomas Overbury zum Tower von London geliefert wurden, der Fingernagel der Frau, die sie brachte, versehentlich den Teig durchstoßen hatte …«

Der Professor nickte weise. »Und er hatte sich schwarz verfärbt?«

»Das stimmt«, bestätigte Henry. Die Geschichte konnte einen manche Lektion lehren, ungeachtet dessen, was Henry Ford gesagt hatte. »Aber es würde sich abwaschen lassen?«

»Ja«, sagte Hans Godiesky schlicht.

»Dann fürchte ich, das führt uns nirgendwohin, nicht wahr?«

Der Wissenschaftler beugte sich ein wenig vor, als würde er sich an ein Seminar wenden. »Es gibt jedoch eine Substanz, auf der Quecksilber immer seine Spur hinterlässt.«

»Tatsächlich?«, fragte Henry.

»Seine – wie sagt man es auf Englisch – seine unauslöschliche Spur.«

»So sagen wir es«, sagte Henry langsam, »und welche Substanz, Sir, wäre das?«

»Gold, Mr. Tyler. Quecksilber verfärbt Gold.«

»Für immer?«

»Für immer.« Er fuchtelte mit der Hand. »Es wird ein Amalgam erzeugt.«

»Und ich«, meinte Henry schmunzelnd, »ich war so dumm zu glauben, dass es Diamanten sind, die unvergänglich sind!«

»Wie bitte?«

»Nichts, Professor. Gar nichts. Vergeben Sie mir, aber ich denke, vielleicht kann ich den Inspektor noch einholen und ihm ›Cherchez la femme‹ mit auf den Weg geben. Und ihren goldenen Ehering.«

»Cherchez la femme?« Der Flüchtling war jetzt völlig verwirrt. »Ich verstehe nicht …«

»Es ist ein Zitat.«

»Ach, Sir, ich fürchte, ich bin bloß ein Wissenschaftler!«

»Es gibt ein besseres Zitat«, sagte Henry, »darüber, dass man auf die Wissenschaft bauen soll, um einen Fehler wiedergutzumachen. Ich glaube fast, auch Mrs. Steele erwartete von der Wissenschaft, ihr – äh – Los zu verbessern. Und falls sie das Sublimat sorgfältig auf einige Mince Pies gestreut hat und auf andere nicht, dann wäre es mit der linken Hand geschehen …«

»Weil sie Linkshänderin ist!«, sagte der Professor sofort. »Daran erinnere ich mich. Und Sie meinen, ein Mince Pie hätte – ich weiß, dass die Engländer dem Bedeutung beimessen – mehr als seinen Teil abbekommen?«

»Das tue ich. Dann brauchte sie dieses bloß noch ihrem Mann zu geben, und fertig ist der Lack! Raffiniert von ihr, es im Haus von jemand anders zu machen!«

Hans Godiesky sah vollkommen verwirrt aus. »Was hat sie lackiert?«

»Machen Sie sich keine Gedanken wegen des Lacks!«, sagte Henry von der Tür aus. »Denken Sie lieber an Melchior und sein Gold!«

Originaltitel: Gold, Frankincense and Murder

Ins Deutsche übertragen von Axel Franken

Der wahre Geist der Weihnacht

Robert Barnard

Als Serienkillerthriller, Polizeikrimis und gewaltbetonte Krimiunterhaltung das Spannungsgenre zu dominieren begannen, hielt eine Handvoll englischer Autoren das Erbe der traditionellen Detektivgeschichte hoch. Einer der Stars dieses anspruchsvollen Subgenres im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts war Robert Barnard. Geboren in Burnham-on-Crouch, zog er nach Australien, um dort nach Abschluss seines Studiums in Oxford zu unterrichten. Anschließend lehrte er an zwei norwegischen Universitäten Englisch, bevor er sich in Leeds niederließ. In vielen seiner humorvollen und satirischen Detektivgeschichten steht der Scotland-Yard-Inspector Perry Trethowan im Mittelpunkt. Der wahre Geist der Weihnacht wurde zuerst veröffentlicht in A Claasic Christmas Crime, herausgegeben von Tim Heald (London, Pavilion, 1995.)

Der wahre Geist
der Weihnacht

Robert Barnard

»Der wahre Geist der Weihnacht«, meinte Sir Adrian Tremayne und befingerte den Stiel des kleinen Glases Portwein, das ihm als Einziges noch erlaubt war, »liegt nicht in der Völlerei und dem Gepränge, zu dem dieser Scharlatan und Gefühlsmensch Charles Dickens die Leute ermutigt hat.« Er schaute verächtlich über die Reste des Abendessens, die immer noch auf dem langen Tisch standen. »Weder im Truthahn noch im Plumpudding und noch weniger in Crackern oder teuren Geschenken. Nein, tausendmal nein!« Seine Stimme war durchdringend, auch wenn er sie zu einem Flüstern absenkte, und sie trug seine Worte, wie sie sie einst durch die Theater des Landes getragen hatte. »Der wahre Sinn von Weihnachten liegt eindeutig in der Versöhnung.«

»Versöhnung – sehr wahr«, sagte Reverend Sykes.

»Warum sonst finden wir in der Weihnachtsgeschichte einfache Hirten und reiche Könige gemeinsam im Stall bei der Anbetung?«

»Ich denke nicht, dass sie tatsächlich …«, setzte Reverend Fortescue an, doch er wurde mit einer Handbewegung zum Schweigen gebracht.

»Um zu zeigen, dass in Gottes Augen alle Menschen gleich sind. Diese Versöhnung der Gegensätze ist der wahre Kern der Weihnachtsbotschaft. Auch mir und meiner lieben Frau Alice, die nun leider nicht mehr unter uns weilt, war dies jedes Jahr zur Weihnachtszeit ein besonderes Anliegen. Den ersten Weihnachtsfeiertag haben wir immer still und bescheiden verbracht, nur wir beide, nachdem die Kinder herangewachsen waren und begonnen hatten, ihr eigenes Leben zu führen. Für den zweiten Weihnachtstag haben wir immer viele Menschen nach Herriton Hall eingeladen, vor allem jene, mit denen es so etwas wie einen Bruch gegeben hatte und mit denen es sich zu versöhnen galt.« Er machte eine kleine Pause, mobilisierte alle Kräfte für seine zuckersüße, salbungsvolle Stimme, mit der er die Zuhörer im ganzen Land in seinen Bann gezogen hatte.

»Genau das haben wir auch an diesem denkwürdigen Weihnachtsfest 1936 gemacht. Vor … zehn … Jahren.«

Rund um den Tisch nickten viele – sowohl jene, die die Geschichte schon einmal gehört hatten, als auch jene, die sie zum ersten Mal hörten.

»Der erste Weihnachtstag war ruhig, vielleicht – das muss ich zugeben – sogar ein wenig langweilig«, fuhr Sir Adrian fort. »Wir verfolgten die Rundfunkrede des neuen Königs und staunten über die Fortschritte, die er in Bezug auf seine unglückselige Sprechbehinderung gemacht hatte. Es ist immer gut, auch an die zu denken, die nicht über die eigenen natürlichen Talente verfügen. Ich gebe zu, dass an diesem Tag für mich hauptsächlich die Vorfreude im Mittelpunkt stand. Ich dachte schon mit Freude an das wunderbare Werk der Versöhnung, das wir am nächsten Tag begehen würden. Und an das andere Werk …«

Ein bedauernswertes Kichern klang hier und da am Tisch auf.

»Versöhnung hat ihre Grenzen«, behauptete Martin Lovejoy.

»Das hat sie, leider«, gab Sir Adrian zu und beugte sich höflich in Martins Richtung. »Wir sind immer noch Menschen. Ich kann nur hoffen, dass das christliche Werk der Versöhnung in allen Dingen außer dem einen einst vor dem Richterstuhl für mich sprechen wird und aufgewogen wird gegen das eine, bei dem … Ach, wer weiß schon! Spricht nicht die Bibel davon, dass es nur eine unverzeihliche Sünde gibt?«

Die drei anwesenden Reverends schienen alle auf einmal lossprechen zu wollen, wodurch es Sir Adrian möglich wurde, mit seiner Geschichte fortzufahren. »Die Erste, die an diesem zweiten Weihnachtstag ankommen sollte, war Angela Montfort, unmittelbar gefolgt von Daniel West, dem Kritiker. Ich muss zugeben, es ist durchaus möglich, dass sie zusammen kamen, denn es gab kein Anzeichen dafür, mit welchem Verkehrsmittel Angela gekommen sein sollte. Wests Kritiken ihrer letzten Auftritte waren dermaßen uneingeschränkt enthusiastisch, dass ich mich schon gefragt hatte, ob zwischen ihnen etwas am Laufen war. Angela hatte immer irgendetwas am Laufen, und die Idee, dass die englische Kritik unbestechlich sei, ist nichts als Sternenstaub. Meine Streitigkeiten mit Angela hatten aber nichts mit Sex zu tun. Es waren ihre ständigen lächerlichen Versuche während der Englandtournee von Private Lives, mir die Schau zu stehlen. Ich hatte die Rolle des Coward übernommen und lieferte eine Vorstellung ab, von der viele dachten – aber, egal. Vergangene Erfolge, vergangene Erfolge.« Er sagte es so ermattet, als verabschiede sich Prospero gerade von seiner Kunst.

»Und Wests Vergehen?«, fragte Martin Lovejoy unschuldig. Er wusste es, denn er kannte sich mit dem Theater am besten von allen aus.

»Eine Besprechung zu meinem Malvolio in seinem Provinzblatt«, sagte Sir Adrian kurz angebunden. »Sehr verletzend.«

»War das die, in der er von Ihren ›geschrumpften Unterschenkeln‹ schrieb?«, fragte Peter Carbury, der als Einziger der Anwesenden den Manchester Guardian las.

»Ein gewollter Effekt des Kostüms!«, sagte Sir Adrian heftig. »Eine sehr clevere Umsetzung meiner lieben Freundin Binkie Mather. Typisch für die Ignoranz eines Kritikers, dass er es nicht gesehen hat.«

Er nahm einen Schluck seines Portweins, um zu seinem inneren Gleichgewicht zurückzufinden, und während er das tat, zwinkerten Peter und Martin einander zu.

»Angela redete natürlich in einem fort, als ich sie in den Salon führte«, nahm Sir Adrian seine Erzählung wieder auf. »›Es ist so schön, wieder im guten alten Herriton zu sein‹ – so etwas in der Art. West sah sich derweil mit zynischem Gesichtsausdruck um. Er war schon einmal hier gewesen, als ich noch der Illusion nachhing, er sei einer der scharfsinnigeren Jungkritiker, und ich wusste dass er mich um das Haus mit seiner wunderbaren Aussicht über die Sussex Downs beneidete. Ich nehme an, dass er die Idee, ein Schauspieler könne ein Gentleman sein, ziemlich lächerlich fand, die Idee eines Kritikers als Gentleman hingegen keineswegs. Der Codex des Gentlemans erlaubt, sich als Amateur zu betätigen. West hatte ein großes eigenes Einkommen, was keine Garantie für ein verlässliches und neutrales Urteilsvermögen ist. Sein zynischer Ausdruck war Absicht, aber ich war dennoch durchweg höflich zu beiden, und während ich für beide Cocktails mischte, brachte Alice – meine liebe Alice – Frank Mandeville herein.«

»Ihren Liebhaber«, sagte Peter Carbury.

»Mein lieber Freund, verschonen Sie uns mit Ihrer Provinzialität und Vulgarität«, sagte Sir Adrian ernst. »Im Theater werden wir mit solchen Dingen spielend fertig. Lassen Sie uns einfach sagen, er war ihr Cavalier servente

»Ihr was?«, fragte Stephen Coates gekränkt. Er hegte einen oft geäußerten und sehr britischen Hass gegenüber allem Prätentiösen.

»Ein italienischer Ausdruck für einen Mann, der einer Lady als eine Art zusätzlicher Ehemann zu Diensten ist«, erklärte Sir Adrian freundlich. »Es gibt eine lange Tradition solcher Männer in Italien.«

»Sie sind üblicherweise um einiges jünger als in diesem Fall«, sagte Peter Carbury.

»Jünger«, räumte Sir Adrian ein. »Aber kaum um einiges jünger. Frank Mandeville hatte so lange jugendliche Hauptrollen gespielt, dass er einen Doktortitel in Jugendlichkeit tragen könnte. Alice hatte ihn nur für kurze Zeit … protegiert, und das war lange vorbei, und als sie ihn hereinführte, sah ich ihrem Gesicht an, dass es ihr inzwischen ein Rätsel war, was sie einst so zu ihm hingezogen hatte. Als ich sein Haar sah, das mit so viel Öl zurückgekämmt war, dass er sich fühlen musste, als wäre er einem Automechaniker in die Hände gefallen, war ich ebenfalls verblüfft.«

»Das muss eine heitere Party gewesen sein«, kommentierte Stephen Coates.

Sir Adrian lächelte ihm zu, um ihnen allen zu bedeuten, dass Stephen nicht zu den jungen Männern gehörte, von denen man erwarten durfte, dass sie verstanden, wie sich eine vornehme Gesellschaft, geschweige denn eine Gesellschaft von Theaterleuten verhielt.

»Ich muss zugeben, dass Angela, als Frank hereinkam, fragte: ›Was ist das jetzt?‹, und argwöhnisch von Alice zu mir und zurück schaute. Aber wir waren – ich war – so umsichtig gewesen, ein paar Leute aus dem Volk einzuladen: den Direktor einer guten Schule, einen verarmten Gutsherrn und seine langweilige Gattin, mindestens zwei Vikare und andere einfache Leute aus der Umgebung. Und als sie nun nach und nach eintrafen, entschärften sie sozusagen die angespannte Lage.«

»Angespannte Lage?«, fragte Mike, der die Geschichte noch nie zuvor gehört hatte und keine große Leuchte war.

Sir Adrian winkte mit der lässigen Grandezza, die er sich angeeignet hatte, als er Aristokraten der alten Schule gespielt hatte. »Die Dinge sollten erst ins Rollen kommen, als Richard Mallatrat und seine Frau eintrafen.«

»Der beste Hamlet seiner Generation«, warf Peter Carbury bösartig ein.

»Ich kann mir kein schwächeres Lob vorstellen«, antwortete Sir Adrian erhaben. »Die Kunst des Shakespear’schen Schauspielens ist tot. Wenn man den Zeitungen Glauben schenken darf, wird das Theater heute vom jungen Olivier beherrscht, der die Worte des Barden ebenso wenig deklamieren, wie er eine Rolle unterspielen kann.«

»Sie und Mallatrat haben um die Rolle konkurriert, nicht wahr?«, fragte Carbury.

Sir Adam schwieg einen Moment, ließ das Argument dann aber zu. »Am Old Vic. Es ging nicht ums Geld, sondern ums Prestige. Natürlich wollte ich die Rolle um jeden Preis.«

»Um Ihre Karriere wiederzubeleben?«, schlug Reverend Sykes vor. Er erntete dafür einen Blick konzentrierten Hasses.

»Meine Karriere hatte es nie nötig, wiederbelebt zu werden. Um der jungen Generation zu zeigen, wie man so eine Rolle spielt! Um den Menschen, die die wahre Kunst des Schauspielens verloren haben, ein Vorbild zu sein. Stattdessen bekam Mallatrat die Rolle und hatte mit ihr einen großen Erfolg, ohne jedoch die Idee umzusetzen, die so grundlegend für die Rolle ist, und auch ohne die Musik, die … ein erfahrenerer Schauspieler ihr verliehen hätte.« Er lehnte sich hasserfüllt, mit glitzernden Augen vor. »Und mir wurde die Rolle des Polonius angeboten.«

»Das ist eine gute Rolle«, sagte Reverend Fortescue, möglicherweise, um noch mehr Salz in die Wunde zu streuen.

Er wurde ignoriert.

»Das hatte ich natürlich seiner Bösartigkeit zu verdanken. Er leitete das in die Wege, brachte das Management darauf und erzählte die Geschichte dann allen seinen Freunden. Ich spielte nie wieder im Old Vic. Ich musste meine zahlreichen Fans enttäuschen, aber es gibt Beleidigungen, die man nicht hinnehmen darf.«

»Sie haben es sogar über seine Frau versucht, nicht wahr?«, fragte Martin Lovejoy, der in diesen Dingen stets zu gut informiert war.

»Eine reine Zeitungsente. Gloria Davere war damals nicht seine Frau, auch wenn sie dem recht nahekam, und sie war auch nicht der billige Hollywood-›Star‹, der sie später wurde. Gewiss, wir hatten – wie heißt noch einmal dieser neue Film? – eine kurze Begegnung. Ich habe bereits erwähnt, dass die Moral des Theaters nicht die Moral Leamington Spas oder Catfords ist. Wir trafen uns eines Samstagnachts an der Crewe Station, nach unseren anderweitigen Theater-Engagements. Ich gebe zu – so schäbig es auch klingen mag –, dass es für mich nicht mehr bedeutete als eine Art des Zeitvertreibs, um die Launenhaftigkeit der Fahrpläne britischer Transportsysteme zu überbrücken. Mir kam der Gedanke, dass ich diesem unbeholfenen jungen Ding etwas mehr Anmut beibringen könnte, indem ich es in die Kunst der Liebe einer früheren Generation einführte, als noch die Romantik regierte und eine Lady mit Ritterlichkeit und Respekt behandelt wurde.«

»Ich glaube, sie sagte der News of the World, dass es gewesen sei, wie die gute alte Zeit zu vögeln«, sagte Carbury zu Martin Lovejoy, aber seine Stimme war so gedämpft, dass es Sir Adrian möglich war, darüber hinwegzugehen.

»Sie sprach später natürlich gehässig darüber, aber der Gedanke, dass unsere Begegnung von meiner Seite aus irgendetwas mit Rache zu tun hatte, ist reiner Unsinn. Von ihrer Seite, angesichts ihres Geredes, möglicherweise – aber ich selbst, ich plädiere auf unschuldig in Bezug auf diese schäbige Regung.«

»Damit ist die Liste der Versammelten vollständig, nicht wahr?«, fragte Reverend Sykes.

»Beinahe, beinahe«, sagte Sir Adrian mit der gemütlichen Haltung des geübten Erzählers, der er im Falle dieser Geschichte zweifellos war. »Soweit schien die Party gut zu verlaufen. Mit der Anziehungsgskraft von Richard Mallatrat und seiner protzigen Frau auf die einfachen Leute hatte ich gerechnet; sie scharten sich um sie, spickten sie mit Lobhudeleien und Ausdrücken der Bewunderung für diesen oder jenen billigen Auftritt auf der Bühne oder der Leinwand. Jeder, so schien es, hatte einen Gloria-Davere-Tonfilm oder Richard Mallatrat als Hamlet oder Romeo oder Richard II. gesehen. Ich wusste vorher schon, es würde widerlich, und widerlich war es in der Tat. Angela Montfort hingegen stand völlig abseits – ohne ein Grüppchen von Bewunderern, die ihre Selbstliebe nährten. Sie tröstete sich, indem sie mit Frank Mandeville spitze Bemerkungen austauschte, der seinerseits natürlich wütend über die Aufmerksamkeit war, die Richard Mallatrat zuteilwurde.«

»Schwerlich ein Shakespeare-Darsteller, dieser Frank Mandeville«, warf Peter Carbury ein.

»Schwerlich ein Darsteller überhaupt«, ergänzte Sir Adrian. »Aber Logik hilft bei Fehden und Eifersüchteleien unter Theaterleuten nicht weiter. Mandeville als Hamlet hätte den Anforderungen eines verregneten Dienstags in Bolton kaum genügt, aber das hielt ihn nicht davon ab, wegen der Popularität von Richard Mallatrat mit den Zähen zu knirschen.«

»Er war nicht der Einzige«, flüsterte Stephen Coates.

»Und so wurde es Zeit für eine zweite Runde Getränke. Zu dieser Einschätzung kam ich, als ich sah, dass mein guter alter Garderobier Jack Roden die Einfahrt hochkam. Mein guter alter Ex-Garderobier. Ich schenkte eine Auswahl von Getränken ein, auch einige bereits gemixte Cocktails, zwei Gläser Sherry, einige Gin Tonics und zwei Gläser ordentlichen Whisky. Es gab nur eine Person im Raum mit der fürchterlichen Angewohnheit, Whisky vor dem Lunch zu trinken. Indem ich zwei Gläser einschenkte, gab ich dieser Person eine Fifty-fifty-Chance zu überleben. Mit dem Rücken zu den Gästen ließ ich das Scopolamin in eines der Whiskygläser tropfen.«

»Wer war der Whiskytrinker?«, fragte Roland, obwohl er wusste, dass diese Frage nicht beantwortet werden würde.

»Der mit dem schlechtesten Geschmack«, sagte Sir Adam wegwerfend. »Dann ging ich, um die Haustür zu öffnen. Jack schob sich herein, murmelte etwas über den schrecklichen Zug und die wenigen Busverbindungen, die es über Weihnachten gibt. Er bot einen erbärmlichen Anblick. Der Mann, der mir von Richard Mallatrat weggeschnappt und dann fallengelassen wurde, weil er nicht den aktuellen Ansprüchen seines Berufs genügte, war nicht mehr länger in der Lage, sich selbst sauber und gepflegt zu halten, geschweige denn jemand anderen. Ich warf die Flasche Scopolamin so weit ins Gebüsch, wie ich konnte, und geleitete ihn mit augenfälliger Freundlichkeit in den Salon, wo ich ihn eifrig jenen vorstellte, die er nicht kannte, sowie denen, die er kannte. ›Aber ihr zwei seid alte Freunde‹, erinnere ich mich gesagt zu haben, als ich ihn zu dem Schurken Mallatrat führte. Sogar dieser Schuft hatte den Anstand, ein wenig betreten zu lächeln. Aus dem Augenwinkel konnte ich zu meiner Freude sehen, dass einige Gäste sich bereits vom Tablett bedient hatten.«

»Warum zu Ihrer Freude?«

»Das bedeutete, dass andere als ich am Tablett gewesen waren. Und es waren sicherlich die Theaterleute gewesen – das einfache Volk hätte es nicht gewagt.«

»Klingt nicht nach der beschwingtesten Party«, kommentierte Lovejoy.

»Nicht? Oh, Theaterleute können sich überall entspannen, vor allem wenn Bewunderer anwesend sind. Irgendwann hatten einige der einfachen Leute das Gefühl gehabt, sie müssten sich vom Star-Duo Mallatrat und Davere entfernen, und so erhielt auch Angela ihren Anteil Aufmerksamkeit. Auch um Alice als Gastgeberin scharte sich ein kleines Grüppchen – sie hatte der Bühne schon lange den Rücken gekehrt, liebte es aber noch immer, im Rampenlicht zu stehen. Nein, es war alles andere als eine traurige Party.«

»Bis zum Todesfall«, sagte Reverend Fortescue.

»Bis zum Todesfall«, stimmte Sir Adrian zu. »Obwohl selbst dann …«

»Dämpfte das nicht die Stimmung?«

»Nicht gänzlich. Gift wirkt natürlich langsam. Mit Cyanid bewirkt man einen schnellen, dramatischen Effekt – sogar ich habe gelegentlich in Reißern mitgespielt und weiß das –, aber die meisten Gifte brauchen ihre Zeit. Die Leute dachten zuerst, es handle sich um eine Magenverstimmung. Alice sagte, sie hoffe, es handle sich darum. Mit ihr hatte ich selbstverständlich nicht gerechnet. Ich habe Frauen nie wirklich für berechenbar gehalten, Sie etwa?«

Er sah sich am Tisch um. Keiner seiner Zuhörer hatte Frauen je für berechenbar gehalten.

»Es war also nicht sie gewesen, die das Tablett herumgereicht hatte?«, fragte Simon. »War es einer Ihrer Bediensteten?«

»Nein, ganz bestimmt nicht. Das Personal hatte einzig die Aufgabe, den Lunch vorzubereiten, und daran hielt es sich auch. Als Gentleman habe ich eine instinktive Abneigung dagegen, loyale Bedienstete in … in eine Sache wie diese hineinzuziehen.«

»Ich nehme an, Sie haben es dennoch nicht selbst herumgereicht?«

»Nein, das habe ich nicht. Ich klopfte dem armen alten Jack Roden auf die Schulter – er war gerade darin vertieft, weitschweifende Erinnerungen mit Daniel West auszutauschen (von Ereignissen, die weit außerhalb jeden Rampenlichts gestanden hatten) – und fragte ihn, ob er mir helfen könnte, eine Runde frischer Getränke zu reichen. Das war von Anfang an mein Plan gewesen, obwohl ich zugebe, dass ich diesen fast geändert hätte, als ich sah, wie tatterig und unsicher Roden geworden war. Ich fürchtete, er würde alles auf den Boden fallen lassen. Dennoch gab ich ihm das Tablett so in die Hände, wie ich es vorgehabt hatte – so, dass der vergiftete Whisky dem Opfer am nächsten stand, wenn er es erreichte.«

»Und – um das Offensichtliche auszusprechen – das Opfer nahm ihn«, sagte Reverend Fortescue.

»Er nahm es. Das war das Zeichen, einen Toast auszubringen. Ich räusperte mich, und alle wurden still. Ich lobe mich selbst, aber ich weiß, wie man für Ruhe sorgt. Ich hatte lange über den Toast nachgedacht, und auch heute noch finde ich ihn sehr schön: ›Auf die Freunde‹, sagte ich. ›Auf die alten und die neuen Freunde, auf die Erneuerung der Freundschaft und die Versöhnung, auf den wahren Geist der Weihnacht.‹ Es gab viel herzliche Zustimmung für meine Worte, Gläser wurden gehoben. Wir alle tranken auf das Weihnachtsfest, und das Opfer trank sein Glas in einem Zug leer.«

»Es war kein Nipper?«, fragte Stephen.

»Nein, das Opfer gehörte zu denen, die ihren Drink herunterkippen und dann eine Pause machen, bevor sie den nächsten nehmen. Ich persönlich bin der Ansicht, dass Nippen geselliger ist.«

»Wie lange war das, bevor die Folgen offensichtlich wurden?«

»Oh, zwanzig Minuten oder mehr«, sagte Sir Adrian, dessen Gesicht ein Lächeln der Erinnerung durchzog. »Erst der Anschein von Unwohlsein, dann etwas später das Bekenntnis, sich nicht gut zu fühlen. Alice war die Fürsorge in Person. Sie brachte das Opfer in mein Arbeitszimmer, versorgte es mit Gläsern voll Wasser und Geheimmitteln aus unserer Hausapotheke. Es schwitzte stark, und seine Sehkraft war beeinträchtigt. Schließlich kam Alison zu mir und schlug vor, dass ich Dr. Cameron aus dem Dorf rufen sollte. Er war alles andere als glücklich, am zweiten Weihnachtstag hinausgerufen zu werden, vor allem, da er nicht zur Party eingeladen gewesen war.«

»Weil er möglicherweise erkannt hätte, was dem Opfer fehlte, und es rechtzeitig gerettet hätte?«

»Exakt. Glücklicherweise war Dr. Cameron ein altmodischer Arzt, wie es sie heute nur noch selten gibt. Er kam zu Fuß. Und als er ankam – ganz schottische Gereiztheit und mit verletztem Stolz –, gab es nichts mehr, was er hätte tun können. Es folgten Fragen, Verdächtigungen und schließlich Forderungen, die Polizei zu rufen. Das alles sorgte für eine aufregende, wenn auch etwas unbehagliche Atmosphäre – kein zweiter Weihnachtstag, glaube ich, den irgendeiner der Anwesenden je vergessen wird.«

»Und die Polizei hat den Schuldigen schnell gefunden, nicht wahr?«, fragte Mike.

Sir Adrian seufzte einen Tschechow’schen Seufzer. »Schneller, gebe ich zu, als selbst ich befürchtet hatte. Der Dorfpolizist war für mich eine unbekannte Größe, da er neu im Bezirk war. Ich hatte mit einem dickköpfigen Landbullen der üblichen Art gerechnet, aber sogar mein erster Eindruck sagte mir, dass er ungewöhnlich gescheit war. Er telefonierte sofort nach einem Vorgesetzten aus Mordwick, der nächsten Stadt, aber noch bevor der mit der üblichen Truppe anrückte, was wir aus den Detektivgeschichten so gut kennen, hatte der Constable schon den Ablauf des Geschehens rekonstruiert und konnte dem ermittelnden Inspector alle relevanten Fakten im Detail darlegen.«

»Aber danach hätten viele Leute unter Verdacht stehen müssen«, sagte Peter Carbury.

»Oh, natürlich! Neben dem Opfer war eigentlich jeder der Theaterleute in der Nähe des Tabletts gewesen, und von einem jeden von ihnen hätte man denken können, dass er gegen das Opfer einen Groll hegte. Es war letztlich, leider, meine Frau Alice, die die Auswahl so unheilvoll einengte – völlig ungewollt, natürlich.« Sir Adrian merkte nicht, wie Reverend Sykes’ Fuß in diesem Moment den Fuß von Reverend Fortescue berührte. Die beiden Gottesmänner wussten das ein oder andere über die menschliche Natur, zweifellos. Und das betraf nicht nur ihre eigenen Fleischessünden. »Ja, Alice stand offensichtlich bereits in einem freundschaftlichen Verhältnis zu unserem neuen Constable.« Die beiden Füße berührten einander wieder. »Und als sie mit ihm nach einem ziemlich angespannten Lunch ganz zwanglos plauderte, sagte sie irgendwann so nebenbei, dass sie etwas durch die Luft habe fliegen sehen, als sie neben dem Fenster stand.«

»Die Flasche?«

»Die Flasche. Das reichte. Das Gelände wurde durchsucht, die Flasche gefunden und ihr Inhalt untersucht. Dann konnte es keinen Zweifel mehr geben.«

»Keinen Zweifel?«, fragte Mike, der nicht die hellste Person in der Runde war.

»Weil das Scopolamin in die zweite Runde Getränke gegeben worden war und der Einzige, der den Raum verlassen hatte, um zur Tür zu gehen, ich selbst war – um Jack Roden einzulassen. Roden konnte es nicht getan haben, weil die Flasche leer und schon weggeworfen worden war, als er in den Salon kam. Es konnte nur ich gewesen sein. Ich wurde festgenommen und angeklagt und die Theaterwelt um einiges ärmer.«

Alle schüttelten den Kopf. Den Zuhörern war bewusst, dass sie nun den vorletzten Punkt von Sir Adrians Geschichte erreicht hatten.

»Kommt schon«, sagte Archie an der Tür, genau aufs Stichwort und mit den Schlüsseln klappernd. »Zeit, aufzubrechen. Auf uns wartet schließlich auch noch ein Weihnachtsessen.«

»Aber verraten Sie uns noch«, sagte Mike, der nicht nur dumm war, sondern die Geschichte auch noch nie gehört hatte, »wer das Opfer war.«

Sir Adrian drehte sich um und musterte sie, wie sie um den Tisch und die Reste ihres Mahls standen. Er war nun auf dem besten Weg zum Höhepunkt seines besonderen Auftritts: Es waren genau zehn Weihnachten vergangen, seit ein mehrstimmiger Chor von Schauspielern den neuen König überzeugt hatte, seine Krönung nicht damit zu feiern, einen alten Theaterrecken aufs Schafott zu schicken. Er hob den Kopf, streckte die Brust heraus und erinnerte beinahe wieder an seine lang zurückliegende Darstellung von Richard III.

»Das musst du fragen?«, krächzte er. »Wer sonst sollte es sein, wenn nicht der Kritiker?« Wie er es hervorstieß! »Wer sonst sollte es sein, wenn nicht der Mann, der meine Beine verunglimpft hat?«

Als er sich umdrehte und der kleinen Prozession voran in seine Zelle zurückschlurfte, waren alle Augen auf seine eingefallenen Schenkel und Waden gerichtet, die einmal für Oberschenkel das gewesen waren, was Betty Grable jetzt für Seidenstrumpfhosen war.

Originaltitel: Boxing Unclever

Ins Deutsche übertragen von
Stefanie Heinen

Die Puddingprobe

Peter Lovesey

Alle Bücher, die Peter Lovesey im frühen Teil seiner Karriere geschrieben hat, spielten in der Vergangenheit, darunter die Abenteuer von Sergeant Cribb und Constable Thackeray in der viktorianischen Ära, die ihr Debüt in Wobble to Death (1970) gaben und später zur Grundlage für eine populäre Fernsehserie im PBS-Mystery!-Programm wurden. Später schrieb er eine Reihe, in deren Mittelpunkt Albert Edward, Prinz von Wales, stand, besser bekannt als Bertie – späterer König Edward VII. Seine jüngeren Romane, insbesondere diejenigen mit dem jähzornigen Detektiv Peter Diamond aus Bath als Protagonisten, spielen in neuerer Zeit. Die Puddingprobe wurde erstmals in A Classic Christmas Crime veröffentlicht, herausgegeben von Tim Heald (London, Pavilion, 1995).

Die Puddingprobe

Peter Lovesey

Frank Morris ging mit großen Schritten in die Küche und knallte einen kalten, weißen Truthahn auf den Tisch. »Siebzehn Pfund gerupft! Zufrieden?«

Seine Frau Wendy stand an der Spüle und wusch die letzten paar Frühstücksschalen ab. Ihre Schultern hatten sich angespannt. »Was ist das, Frank?«

»Du schaust ja noch nicht mal hin, Frau, verdammt noch mal!«

Sie nahm das als Befehl und wirbelte herum und wischte sich die nassen Hände an der Schürze ab. »Ein Truthahn! Das ist ja ein feiner Vogel. Wirklich!«

»Fein?« Frank ging in die Luft. »Wir haben 1946, um Himmels willen! Es ist ein verdammtes Wunder! Die meisten hier in der Gegend werden sich vor Schweine- und Hammelbraten setzen – wenn sie Glück haben. Ich bringe am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags einen verflucht großartigen Truthahn heim, und alles, was du dazu sagst, ist ›fein‹?«

»Ich war nur einfach nicht darauf vorbereitet.«

»Du bringst mich echt in Rage, wirklich.«

Wendy fragte zaghaft: »Woher hast du ihn, Frank?«

Ihr riesiger Ehemann kam auf sie zu, und einen Moment lang dachte sie, er würde sie schlagen. Er neigte den Kopf, bis sein Gesicht nur noch Zentimeter von ihrem weg war. Nicht mal neun in der Früh, und sie konnte süßen Whisky in seinem Atem riechen. »Ich habe ihn gewonnen, oder etwa nicht?«, sagte er mit der stillen Herausforderung an sie, es nicht zu glauben. »Eine Fleischverlosung im ›Wackeren Soldaten‹ gestern Abend.«

Wendy nickte und tat so, als würde sie ihm auf den Leim gehen. Es brachte nichts, Franks Behauptungen anzuzweifeln; blaue Augen und Prügel hatten sie eines Besseren belehrt. Sie wusste, dass Franks Herrschaft mit der Faust ihm vermutlich auch den Truthahn eingebracht hatte. Frank verlor nie bei irgendwas. Solange er sich den Weg zum Gewinn eines anderen Mannes freiboxen konnte, betrachtete er es als faires Spiel.

»Füll das Ding einfach und steck es in den Ofen!«, befahl er. »Wo ist der Junge?«

»Ich glaube, er ist oben«, antwortete Wendy vorsichtig. Norman war beim Geräusch von Franks Schlüssel in der Haustür geflohen.

»Oben?« Frank tobte. »Am verdammten ersten Weihnachtsfeiertag?«

»Ich werde ihn rufen.« Wendy war dankbar für die Entschuldigung, von Frank weg in den dunklen Flur zu kommen. »Norman!«, rief sie sanft. »Dein Vater ist zu Hause. Komm und wünsche ihm frohe Weihnachten!«

Ein blasser, ernster kleiner Junge kam vorsichtig herunter und blieb am Fuß der Treppe stehen, um seine Mutter zu umarmen. Anders als den meisten Kindern seines Alters – er war neun – tat es Norman leid, dass der Krieg 1945 geendet hatte. Er hatte sein Vertrauen in den Feind gesetzt, dass der sich tapfer schlagen und den Kampf endlos in die Länge ziehen würde. Er erinnerte sich noch an die Feier zum Tag der Befreiung, als er auf einer langen Holzbank saß, umgeben von lachenden Nachbarn. Er und seine Mutter hatten in der Neuigkeit, dass ›die Jungs bald zu Hause sein werden‹, wenig Grund zum Feiern gesehen.

Wendy glättete ihm das Haar, flüsterte etwas und führte ihn behutsam in die Küche.

»Frohe Weihnachten, Papa!«, sagte er und fügte dann unaufgefordert hinzu: »Bist du gestern Abend nach Hause gekommen?«

Wendy sagte schnell: »Mach dir darüber keine Gedanken, Norman!« Sie wollte nicht, dass ihr Sohn Frank ausgerechnet heute provozierte.

Frank schien nichts gehört zu haben. Er griff gerade hoch in ein Schrankfach, den Platz, wo er normalerweise seinen alten Armeegürtel aufbewahrte. Wendy schob den Arm schützend vor den Jungen.

Doch statt des Gürtels holte Frank ein braunes Papierpäckchen herunter. »Das ist für dich, Sohn«, sagte er und winkte Norman zu sich. »Damit wird dich die ganze Straße beneiden. Ich habe es extra für dich aufgehoben.«

Norman trat vor. Er packte sein Geschenk aus, angefeuert von seinem grinsenden Vater.

Er besaß jetzt einen alten Stahlhelm. »Danke, Papa«, sagte er höflich und drehte ihn in den Händen herum.

»Ich habe ihn einem toten Jerry ausgezogen«, erzählte Frank mit Begeisterung. »Dem Dreckskerl, der deinen Onkel Ted erschossen hat. Scharfschütze war er. Hatte sich in einem ausgebombten Gebäude in Potsdam verkrochen, außerhalb von Berlin. Er hat Ted mit einem außergewöhnlichen Schuss erwischt. Zwölf von uns haben das Gebäude gestürmt und ihn beseitigt.«

»Ihr habt ihn weggebracht?«

»Ihn hingerichtet, Norman. Siehst du hinten das runde Loch? Das stammt von einer Lee Enfield .303. Meiner.« Frank zielte mit einem imaginären Gewehr auf Wendys Kopf und drückte ab, wobei er sowohl Rückstoß als auch Knall nachahmte. »War nicht mehr viel übrig von Fritz, als wir mit ihm fertig waren. Aber ich habe den Helm für dich mit zurückgebracht, Sohn. Trage ihn mit Stolz! Das hätte dein Onkel Ted auch gewollt.« Er nahm den Helm und rammte ihn dem Jungen auf den Kopf.

Norman verzog das Gesicht. Er merkte, dass ihm gleich schlecht werden würde.

»Frank, Liebling, vielleicht sollten wir ihn aufheben, bis er ein bisschen älter ist«, erprobte Wendy ihr Fingerspitzengefühl. »Wir wollen doch nicht, dass eine solche Besonderheit beschädigt wird, oder? Du weißt doch, wie Jungens sind.«

Frank war unbeeindruckt. »Was redest du da – ›eine solche Besonderheit‹? Es ist ein verdammter Helm, kein dreißigteiliges Teeservice! Schau dir den Burschen doch an: Er ist völlig überwältigt! Er liebt ihn! Warum kommst du nicht endlich in die Gänge und füllst diesen verflucht großartigen Truthahn, wie ich’s dir gesagt habe?«

»Ja, Frank.«

Norman hob die Hand; sein kleiner Kopf in dem großen Helm war ein absurder Anblick. »Darf ich jetzt gehen?«

Frank strahlte. »Natürlich, Sohn! Willst wohl vor all deinen Freunden damit angeben, was?«

Norman nickte, wodurch ihm der Helm über die Augen rutschte. Er nahm ihn ab. Er lächelte seinen Vater schwach an, verließ die Küche und sauste nach oben. Als Erstes würde er sich jetzt die Haare waschen.

Wendy fing an, den Vogel zu säubern und vorzubereiten, wobei sie Frank zuhörte.

»Ich weiß genau, wie sich das Kind fühlt. Ich erinnere mich noch daran, wie mein alter Papa mir ein Bajonett schenkte, das er aus Flandern mitgebracht hatte. Sagte, er hätte sechs Männer damit durchbohrt. Ich habe immer nach Blutflecken darauf gesucht, und er erzählte mir dann, wie er sie wie Schweine aufgespießt hatte. Es war das beste Weihnachtsgeschenk, das ich jemals bekommen habe!«

»Ich habe dir eine Kleinigkeit zu Weihnachten besorgt. Es ist hinter der Uhr«, sagte Wendy und zeigte auf ein kleines Päckchen, das in Zeitungspapier eingewickelt und umschnürt war.

»Ein Geschenk?« Frank schnappte es sich und riss die Verpackung runter. »Strümpfe?«, fragte er angewidert. »Das ist alles? Unser erstes gemeinsames Weihnachten seit drei verdammten Jahren, und alles, was du deinem Mann schenken kannst, ist ein elendes Paar Strümpfe!«

»Ich habe nicht viel Geld, Frank«, rief Wendy ihm ins Gedächtnis und wünschte sofort, sie hätte es bleiben lassen.

Frank packte sie an den Schultern und stieß dabei fast den Truthahn vom Tisch. »Willst du damit sagen, dass das meine Schuld ist?«

»Nein, Liebling.«

»Ich verdiene nicht genug – ist es das, was du mir zu sagen versuchst?«

Wendy versuchte, ihn zu besänftigen, und machte sich gleichzeitig auf das heftige Schütteln gefasst, das gewiss gleich kommen würde. Frank verstärkte den Griff, zwang sie vom Tisch weg und stieß sie fest gegen die Schranktür, während er jedem seiner Worte mit einem harten Schubser Nachdruck verlieh.

»Dieser Helm hat mich nichts gekostet!«, tobte er. »Begreifst du das nicht, Frau? Es ist der Gedanke, der zählt! Man braucht kein Geld, um Zuneigung zu zeigen. Man braucht nur ein bisschen Grips, ein bisschen Intelligenz! Beschissene Strümpfe – eine Beleidigung!«

Brutal stieß er sie zurück zum Tisch. »Jetzt geh wieder an deine Arbeit! Heute ist Weihnachten. Ich bin ein vernünftiger Mensch. Ich bin bereit, über deine Dummheit hinwegzusehen. Hör auf zu schniefen, hörst du, und bring den prächtigen Vogel in den Ofen! Mama wird um zehn hier sein; ich will, dass das Haus nach Truthahn duftet! Ich werde mir von dir nicht mein Weihnachten ruinieren lassen!«

Er ging hinaus; seine schweren Stiefel dröhnten auf dem Boden des Flurs. »Ich schaue bei Polly rein«, rief er. »Sie weiß, wie man einen Helden behandelt. Schau dir diese Müllkippe an! Keine Dekoration, keine Stechpalme über den Bildern! Du hast nicht mal Bier gekauft, hab ich gesehen. Bring das in Ordnung, bevor ich zurückkomme!«

Wendy war zwar noch verunsichert von der Schüttelei, aber sie wusste, dass sie es zur Sprache bringen musste, ehe er das Haus verließ. Wenn sie ihn jetzt nicht daran erinnerte, würde sie später teuer dafür bezahlen müssen. »Polly hat gesagt, sie würde den Plumpudding bringen, Frank. Würdest du dich darum kümmern, dass sie es nicht vergisst? Bitte, Frank!«

Er stand mit grimmigem Gesicht in der Tür, sich als Silhouette gegen die trostlosen Reihenhäuser auf der anderen Seite abzeichnend. »Sag du mir nicht, was ich tun soll, Wendy!«, erwiderte er drohend. »Du bist diejenige, die mal verdammt gründlich daran erinnert werden müsste, was hier alles zu tun wäre!«

Die Tür bebte im Rahmen. Mit pochendem Herzen stand Wendy am Fuß der Treppe. Sie wusste, was Frank mit einer verdammt gründlichen Erinnerung meinte. Der Gürtel kam nicht nur bei dem Jungen zum Einsatz.

»Ist er weg, Mama?«, rief Norman von der obersten Stufe.

Wendy nickte, rückte die Nadeln in ihrem dünnen blonden Haar wieder zurecht und trocknete sich die Augen. »Ja, Liebling. Du kannst jetzt runterkommen.«

Am Fuß der Treppe sagte er ihr: »Ich will den Helm nicht. Er macht mir Angst.«

»Ich weiß, Liebling.«

»Ich glaube, es ist Blut daran. Ich will ihn nicht. Wenn er einem unserer Soldaten gehört hätte oder einem der Yankees, dann wollte ich ihn, aber es ist der Helm eines Toten.«

Wendy drückte ihren Sohn fest an sich. Ihr Steißbein schmerzte. Ein Schluchzen baute sich hinten in ihrem Hals auf.

»Wo ist er hin?«, fragte Norman aus den Falten ihrer Schürze.

»Deine Tante Polly aufsammeln. Sie bringt einen Plumpudding mit, weißt du. Wir sollten besser Vanillesoße machen. Ich werde deine Hilfe brauchen.«

»War er letzte Nacht dort?«, fragte Norman unschuldig. »Bei Tante Polly? Ist es, weil sie Onkel Ted nicht mehr hat?«

»Ich weiß es nicht, Norman.« In Wahrheit wollte sie es gar nicht wissen. Ihrer verwitweten Schwägerin war Frank willkommen. Polly ahnte nichts von der Erleichterung, die Wendy manchmal verspürte, wenn sie ihn los war. Jedwede Demütigung verblasste angesichts des Umstandes, dass Frank die ganze Nacht ausblieb und ihr dadurch eine Atempause vor der Anspannung und der Brutalität verschaffte. Das Geschwätz im Ort war der Wahrheit schnell nahegekommen, aber sie konnte nichts tun, um ihm ein Ende zu setzen.

Norman, der die Richtung spürte, die ihre Gedanken genommen hatten, sagte: »Billy Slater meint, Papa und Tante Polly tun es.«

»Das reicht, Norman!«

»Er sagt, sie hat kein Gummiband in ihren Unterhosen. Was bedeutet das, Mama?«

»Billy Slater ist ein widerlicher kleiner Junge. Und jetzt wollen wir nichts mehr davon hören! Wir gehen jetzt die Vanillesoße machen.«

Die nächste Stunde verbrachte Norman damit, seiner Mutter in der Küche zu helfen. Der Truthahn passte kaum in den Ofen, und Norman machte sich allmählich Sorgen, dass er nicht rechtzeitig fertig werden würde. Wendy wusste es besser: Es war noch reichlich Zeit. Sie konnten nicht anfangen, bevor Frank und Tante Polly aus dem »Tapferen Soldaten« angewankt kamen. Da die letzte Bestellung dort um Viertel vor drei erfolgen würde, blieben dem Truthahn fünf Stunden zum Garwerden.

Als es sacht an der Haustür klopfte, lief Norman hin, um zu öffnen.

»Mama, es ist Großmama Morris!«, rief er aufgeregt, während er die mollige alte Frau in die Küche führte. Maud Morris war während der Kriegsjahre eine fabelhafte Unterstützung gewesen. Sie wusste genau, wann Hilfe willkommen war.

»Ich habe dir ein bisschen Gemüse mitgebracht«, sagte Maud zu Wendy und kippte eine Tasche mit schlammigem Kohl und Karotten auf dem Tisch aus, bevor sie sich ihres Mantels und Huts entledigte. »Wo steckt mein nichtsnutziger Sohn? Muss ich das überhaupt fragen?«

»Er ist Polly holen gegangen«, antwortete Wendy ruhig.

»Ach ja, tatsächlich?«

Norman sagte: »Vor ungefähr einer Stunde. Ich vermute, dass sie in die Kneipe gehen.«

Die alte Dame begab sich in den Flur, um ihre Sachen aufzuhängen. Als sie wiederkam, sagte sie zu Wendy: »Du weißt, was die Leute sagen, nicht wahr?«

Wendy ignorierte die Frage. »Er hat heute Morgen einen Siebzehn-Pfund-Truthahn mitgebracht.«

»Hast du ein Messer?«, fragte ihre Schwiegermutter.

»Ein Messer?«

»Für den Kohl.« Maud drehte sich um und blickte ihren Enkel an. »Hast du ein paar gute Geschenke gekriegt?«

Norman starrte auf seine Schnürsenkel hinab.

Wendy sagte: »Großmama hat dich etwas gefragt, Liebling!«

»Hast du alles gekriegt, worum du gebeten hast?«

»Ich weiß nicht.«

»Hast du an Sankt Nikolaus geschrieben?«, fragte Maud mit einem Seitenblick auf Wendy.

Norman verdrehte die Augen nach oben. »An dieses Zeug glaube ich nicht mehr.«

»Das ist aber schade!«

»Papa hat mir den Helm eines toten Deutschen geschenkt. Er sagt, er gehörte dem, der Onkel Ted erschossen hat. Ich hasse ihn.«

Wendy raffte die Karotten vom Tisch zusammen und legte sie in die Spüle. »Ich bin sicher, er hat bloß das gemacht, was er für das Beste hielt, Norman.«

»Es ist ein Einschussloch drin.«

»Hat er dir sonst nichts geschenkt?«, fragte seine Großmutter.

Norman schüttelte den Kopf. »Mama hat mir Schokolade geschenkt und den ›Dandy Annual‹.«

»Aber dein Vater hat dir außer dem Helm nichts geschenkt?«

Wendy sagte: »Bitte sag nichts! Du weißt ja, wie es ist.«

Maud Morris nickte. Es war zwecklos, ihren Sohn zu tadeln; er würde es nur an Wendy auslassen. Sie kannte das Dilemma der geprügelten Ehefrau aus eigener Erfahrung. Zu protestieren hieß, mehr Gewalt auf sich zu ziehen. Das Wissen, dass ihr zweiter Sohn sich als solch ein Tyrann herausgestellt hatte, beschämte sie und machte sie wütend. Ted, ihr lieber, erstgeborener Ted, hätte nie einer Frau etwas zuleide getan. Dennoch war Ted ihr genommen worden. Sie nahm sich eine Schürze von hinter der Tür und fing an, den Kohl zu zerkleinern. Norman wurde geheißen, den Tisch im Wohnzimmer zu decken.

Vier Stunden später, als der König zur Nation sprach, hörten sie, wie ein Schlüssel an der Haustür ausprobiert wurde. Wendy schaltete das Radio aus. Es waren mindestens drei Versuche nötig, bis die Tür sich öffnete und Frank und Polly in den Flur torkelten. Frank stand schwankend da, eine Flasche in der Hand und einen Papierhut lächerlich schief auf dem Kopf. Seine Schwägerin klammerte sich an seinen Mantel und schüttelte sich vor Lachen; in ihrer rechten Hand baumelte ein Paar Fesselriemchenschuhe.

»Frohe Weihnachten!«, grölte Frank. »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, außer den Jerrys und den Leuten nebenan!«

Polly lachte sich krumm.

»Lass mich dir deinen Mantel abnehmen, Polly«, bot Wendy an. »Hast du an den Pudding gedacht? Ich will gleich damit anfangen.«

Polly wandte sich an Frank. »Der Pudding. Was hast du mit dem Pudding gemacht, Frank?«

»Was für ein Pudding?«, fragte Frank.

Maud war hinter Wendy in den Flur gekommen. »Ich weiß, dass sie einen gemacht hat. Hör auf mit dem Blödsinn, Frank! Wo ist er?«

Frank deutete unbestimmt über seine Schulter.

Wendy sagte verzweifelt: »Bei Polly zu Hause? Oh nein!«

»Dumme Kuh! Was redest du da?«, sagte Frank. »Er liegt auf unserer eigenen verdammten Schwelle! Ich musste ihn ja wohl absetzen, um die Tür aufzumachen, oder nicht?«

Wendy zwängte sich an ihnen vorbei und holte die weiße Schüssel, die mit Butterbrotpapier abgedeckt war. Sie trug sie rasch durch den Flur in die Küche und ließ sie in die wartende Kasserolle mit köchelndem Wasser herunter. »Das sieht nach einem schönen großen aus.«

Diese freizügige Bemerkung trug der Runde eine weitere Lachsalve Pollys ein. Schließlich lallte sie: »Ihr müsst nachsichtig sein. Wendys Alter ist ein sehr unartiger Junge. Er hat mich ausgeführt und mich beschwipst gemacht.«

Maud sagte zu Wendy: »Es ist mir ein Rätsel, woher dein Mann das Geld dazu hat, wo ihr doch daheim den Gürtel enger schnallen müsst.«

»Ist auch Wendy ein Rätsel, vermute ich«, sagte Polly. Sie beugte sich näher zu ihrer Schwägerin hin; eine Locke braunen Haars baumelte vor ihrem Gesicht. »Obwohl nach dem, was ich gehört habe, der Gürtel bei euch ja eigentlich recht locker sitzt, nicht wahr, Wen?« Die Bemerkung war nicht von Mitgefühl geprägt. Sie war triumphierend.

Wendy spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Polly grinste hämisch und wirbelte herum, sodass ihr schwarzer Rock rauschte, als sie das Zimmer verließ. Die dicken Bleistiftlinien, die sie sich hinten auf die Beine gemalt hatte, um Strumpfnähte zu imitieren, waren weiter oben arg verschmiert. Wendy wollte lieber nicht darüber nachdenken, wieso.

Sie nahm den durchgegarten Vogel aus dem Ofen, legte ihn auf eine Platte und trug ihn ins Wohnzimmer. Maud und Norman brachten das Gemüse.

»Möchtest du tranchieren, Frank?«

»Immer mit der Ruhe, Frau! Wir haben das Tischgebet noch nicht gesprochen.«

»Aber wir haben noch nie …«, setzte Wendy an.

Frank hatte die Worte bereits intoniert. »Gütiger Herr, allmächtiger Gott.«

Alle senkten den Kopf.

»Danke für das, was wir gleich empfangen werden«, fuhr Frank fort, »und dass du dafür gesorgt hast, dass ein dürrer kleiner Winzling die Fleischtombola gewonnen und beschlossen hat, es der Familie Morris zu spenden.«

Maud schnalzte missbilligend mit der Zunge.

Polly fing zu kichern an.

»Nicht einmal ansatzweise begreife ich die Wirkungsweise deiner wundersamen Wege«, ließ Frank sich nicht vom Weiterreden abbringen, »denn wenn da oben wirklich jemand ist, dann hätte er verdammt noch mal dafür sorgen sollen, dass mein Bruder Ted heute an diesem Tisch sitzt!«

Maud sagte: »Das reicht, Frank! Setz dich hin!«

Frank sagte: »Amen! Wo ist das Tranchiermesser?«

Wendy reichte es ihm, und er widmete sich der Aufgabe, schnitt dicke Scheiben ab und häufte sie auf die Teller, die ihm seine Mutter hinhielt. »Der ist für Polly. Sie hat es gern dampfend heiß.«

Polly giggelte wieder.

Die Teller wurden um den Tisch herum verteilt.

Unübertrefflich, was geselligen Esprit betraf, sagte Polly: »Du hast es übertrieben mit der Brust, Frankie-Schatz. Ich dachte, du wärst ein Bein-Mann!«

Maud sagte knapp: »Du musst es ja wissen!«

»Vorsicht, Mama!«, warnte Frank sie und fuchtelte mit dem Messer herum. »Und den Menschen ein Wohlgefallen!«

Polly sagte: »Nur wenn sie sich benehmen.«

Eine Stimme meldete sich zu Wort: »Billy Slater sagt, dass –«

»Sei still, Norman!«, befahl seine Mutter.

Sie aßen in lastender Stille, abgesehen von Franks viehischem Kauen und Schlucken. Als Erster fertig, füllte er sein Glas schnell mit noch mehr Bier.

»Papa?«

»Ja, Sohn?«

»Hätten wir ohne die Amerikaner den Krieg gewonnen?«

»Die Yanks? Ein Haufen Teilzeitarbeiter, Sohn!«, spottete Frank. »Sie stießen erst dazu, nachdem Männer wie ich und dein Onkel Ted bereits das ganze richtige Kämpfen erledigt hatten. Genau wie in dem anderen Krieg, dem, den mein alter Papa gewonnen hat. Sie warteten bis 1917. Ist das etwa keine Tatsache, Mama? Amerikaner? Wo waren sie in Dünkirchen? Wo waren sie in Afrika? Ich sag dir, wo sie waren – sie saßen ein paar Tausend Meilen weit weg auf ihren fetten Hintern!«

»So, wie ich mich erinnere, Frank«, warf Maud ein, »hast du im kuscheligen ›Tapferen Soldaten‹ auf deinem gehockt.«

»Das war etwas anderes!«, protestierte Frank wütend. »Ted und ich wurden erst 1943 einberufen. Und als das geschah, taten wir unser Teil! Wir haben Jerry quer durch Europa gejagt, geradewegs zurück in den Bunker. Ted und ich, Waffenbrüder, die für König und Vaterland kämpften. Bereit, das höchste Opfer zu bringen. Wenn Papa hätte hören können, was du gerade gesagt hast, er würde sich im Grab umdrehen!«

Maud sagte eisig: »Das wäre schwierig, wenn man bedenkt, dass er in einem Gefäß auf meinem Kaminsims steht.«

Polly brach in hilfloses Gelächter aus und erstickte dabei fast an einer Bratkartoffel. Es war unklug von ihr.

»Halt die Klappe, wirst du wohl?«, herrschte Frank sie an. »Wir reden vom heiligen Andenken deines toten Ehemanns! Meines Bruders!«

»Tut mir leid, Frank.« Polly hielt sich die Hand vor den Mund. »Ich weiß auch nicht, was über mich gekommen ist. Ehrlich.«

»Ihr habt ja keine Ahnung, ihr Frauen!«, sprach Frank weiter. »Gott weiß, was ihr getrieben habt, während wir den Krieg gewonnen haben.«

»Jedenfalls«, sagte Norman, »haben Amerikaner Kaugummi. Und Jeeps.«

Zum Glück war Frank in diesem Moment abgelenkt.

Wendy flüsterte etwas in Normans Ohr, und sie begannen beide den Tisch abzuräumen, doch Maud legte ihre Hand auf die von Wendy. Sie sagte: »Warum setzt du dich nicht? Du hast schon mehr als genug gemacht. Ich werde den Pudding und die Vanillesoße holen. Ich möchte mich etwas bewegen; es wird allmählich ein bisschen warm hier drin.«

Polly bot ihre Hilfe an. »Es ist ja schließlich mein Pudding.« Aber sie hatte gar nicht vor aufzustehen, denn ihre Hand ruhte, ungesehen von den anderen, auf Franks Oberschenkel.

Maud sagte: »Ich komme schon zurecht.«

Norman fragte: »Ist es ein richtiger Pudding?«

»Ich weiß nicht, was du mit richtig meinst«, antwortete Polly. »Es hat mich den Großteil meiner Zuteilungen gekostet, ihn zu machen. Sie müssen reifen, die Puddings. Der hier ist zwei Jahre alt; er sollte köstlich sein. Es gab nur einen Missstand – 1944 hatte ich keinen Mann zu Hause, um mir zu helfen, die Zutaten umzurühren.« Sie schenkte Frank ein kokettes Lächeln.

Ohne es zu beachten, sagte Wendy: »Als Norman fragte, ob es ein richtiger Pudding sei, denke ich, wollte er wissen, ob er vielleicht einen Glückspfennig darin findet.«

Mit einem einfältigen Lächeln antwortete Polly: »Kann schon sein, falls er ein guter Junge ist, so wie sein Vater. Natürlich ist es ein richtiger Pudding!«

Frank witzelte: »Was ist mit der anderen Sorte? Hast du jemals einen unrichtigen Pudding gemacht?«

Bevor jemand ihn aufhalten konnte, sagte Norman: »Das müsstest du doch wissen, Papa.« Seine Reflexe waren zu schnell für seinen betrunkenen Vater, und der weit ausgeholte Schlag verfehlte ihn komplett.

»Für diese Bemerkung wirst du bezahlen, mein Sohn!«, rief Frank. »Du wirst dir den Mund mit Wasser und Seife auswaschen, und dann werde ich dir den Hintern wund schlagen!«

Schnell sagte Wendy: »Der Junge weiß nicht, was er redet, Frank. Es ist Weihnachten; lass uns doch vergeben und vergessen!«

Er richtete seine Wut auf sie. »Und ich weiß sehr wohl, wer dem Jungen diese Flausen in den Kopf setzt! Und die dreckigen Gerüchte im ganzen Ort verbreitet! Du kannst deinen ersten Weihnachtsfeiertag haben, Wendy. Mach das Beste draus, denn morgen werde ich dich lehren, warum man den zweiten auch Boxing Day nennt!«

Maud betrat das plötzlich stille Wohnzimmer mit dem dunklen, gestürzten Pudding, der mit einem Stechpalmenzweig dekoriert war. »Sei ein Engel und hol die Soße, Norman!«

Der Junge war dankbar dafür, nach draußen in die Küche laufen zu können.

Frank warf einen Blick auf den Pudding, dann auf Polly und grinste. »Was für ein prachtvoller Anblick!« Er glotzte auf ihren Ausschnitt.

Polly strahlte ihn an, wieder ganz sie selbst, denn ihre Stimmung war durch die Demütigung, die ihre Schwägerin soeben erlitten hatte, wiederhergestellt. »Die Puddingprobe …«, säuselte sie.

»Wir werden sehen, ob 1944 ein herausragendes Jahr war«, sagte Frank.

Maud schnitt den Pudding an und servierte ihn, wobei sie Norman eine extra große Portion gab. Der Pudding war köstlich, ganz wie Polly versprochen hatte, und rings um den Tisch konnte man Komplimente hören.

Norman stocherte mit dem Löffel in der schweren, fruchtigen Masse in der Hoffnung auf eins jener heiß begehrten silbernen Sixpence-Stücke. Aber Frank war der Erste, der eins fand.

»Du hast einen Wunsch frei. Was immer du willst, du glücklicher Mann«, sagte Polly mit rauchiger, anzüglicher Stimme.

Franks Gedanken gingen in eine andere Richtung. »Ich wünsche mir«, sagte er traurig, während er die kleine Münze zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, »ich wünsche mir Gottes Frieden für meinen Bruder Ted, Ruhe seiner Seele. Und ich wünsche all den Burschen, die mit uns gekämpft und überlebt haben, frohe Weihnachten. Und Gott lasse all unsere Feinde verrotten! Und die verdammten Yanks, wo wir gerade davon sprechen.«

»Das sind ungefähr vier Wünsche«, sagte Polly, »und es wird sich keiner davon erfüllen, wenn du sie jedem erzählst.«

Wendy fühlte den scharfen Rand eines Sixpence-Stücks im Mund und nahm es unbemerkt von den andern heraus. Sie wünschte Frank aus ihrem Leben weg, von ganzem Herzen.

Schließlich fand auch Norman seinen Teil des verborgenen Puddingschatzes. Er spuckte die Münze auf seinen Teller und nahm sie anschließend genau in Augenschein. »Schaut euch das an!«, sagte er überrascht. »Das ist gar kein Sixpence. Der Kopf des Königs ist nicht drauf!«

»Gib sie her!« Frank nahm die Silbermünze. »Jesus Christus! Er hat recht! Es ist ein Zehncentstück! Ein amerikanisches Zehncentstück! Wie zum Teufel ist das in den Pudding gekommen?«

Alle Blicke richteten sich auf Polly und verlangten eine Erklärung. Sie starrte Frank mit großen Augen an. Sie war sprachlos.

Frank war es nicht. Er war selbst zu einer Schlussfolgerung gekommen. »Ich werde euch genau sagen, wie es da reingekommen ist«, sagte er und streckte es Polly unter die Nase. »Du hast was mit einem Yank angefangen. Unten an der Straße war ein GI-Stützpunkt, nicht wahr? Wann, sagst du, hast du den Pudding gemacht? 1944?«

Er erhob sich vom Tisch; die Spucke flog herum, so tobte er. Norman rutschte vom Stuhl und versteckte sich unterm Tisch und klammerte sich ängstlich an die Beine seiner Mutter. Er sah die schweren Stiefel seines Vaters, die in Pollys Richtung gedreht waren, deren Beine sich versteiften. Ihr Rocksaum zitterte.

Franks Stimme dröhnte durch das kleine Zimmer. »Ted und ich haben wie verdammte Helden gekämpft, während du es mit Amerikanern getrieben hast! Hure!«

Norman sah ganz kurz seines Vaters Hand, als sie in den Kamin griff und einen Schürhaken nahm. Er hörte die Frauen schreien, dann einen Übelkeit erregenden dumpfen Schlag.

Der Schürhaken fiel zu Boden. Pollys Beine zuckten einmal und schienen sich dann zu entspannen. Einer ihrer Arme baumelte schlaff herunter und blieb dann ganz still. Ein Blutstropfen fiel von der Tischkante. Kurz darauf ein anderer. Dann wurde ein Rinnsal daraus. Eine dunkelrote Lache bildete sich auf dem Boden.

Norman rannte aus dem Zimmer. Aus dem Haus. Hinaus in den kalten Nachmittag, die Schreie hinter sich lassend. Er rannte über die Straße und schlug mit den Fäusten an die Tür eines Nachbarn. Seine panischen Schreie »Hilfe, Mord!« erfüllten die Straße. Innerhalb kurzer Zeit war er von einer interessierten Menge in Partyhütchen umringt. Er zeigte entsetzt auf seine eigene Haustür, als sein blutbefleckter Vater herausstürzte und auf ihn zuwankte.

Es brauchte drei Männer, um Frank Morris niederzuhalten, und fünf Polizisten, um ihn abzuführen. Der letzte Polizist verließ das Haus erst, lange nachdem Norman eigentlich hätte zu Bett gegangen sein sollen. Seine Mutter und seine Großmutter saßen eine Zeit lang schweigend in der Küche, nicht fähig dazu, im Wohnzimmer zu bleiben, obwohl Pollys Leiche fortgebracht worden war.

»Er wird nicht zurückkommen, oder, Mama?«

Wendy schüttelte den Kopf. Sie fing gerade erst an, darüber nachzudenken, wie es weitergehen würde. Natürlich würde es eine Gerichtsverhandlung geben, und sie würde versuchen, Norman vor der Öffentlichkeit abzuschirmen. Er war so beeinflussbar.

»Wird man ihn hängen?«

»Ich glaube, es ist Zeit fürs Bett, junger Mann!«, sagte Maud. »Du musst stark sein. Deine Mama braucht deine Unterstützung jetzt mehr denn je.«

Der Junge fragte: »Wie ist das Zehncentstück in den Pudding gekommen, Großmama Morris?«

Wendy riss sich von den Gedanken an das, was kommen würde, los und blickte ihre Schwiegermutter an.

Maud ging zur Tür, und einen Moment lang sah es so aus, als wollte sie nach ihrem Mantel greifen, um zu gehen, aber sie hatte schon versprochen, über Nacht zu bleiben. Tatsächlich nahm sie nur etwas aus einer der Taschen.

Es war eine Weihnachtskarte, an den Ecken inzwischen ein bisschen verbogen. Maud reichte sie Wendy. »Es stand zwar ›persönlich und vertraulich‹ drauf, aber auch mein Name, weißt du. Ich öffnete sie, weil ich dachte, sie sei für mich. Sie kam letzte Woche. Die Adresse stimmte nicht; es wurde ein Fehler bei der Hausnummer gemacht. Der Postbote hat sie der falschen Mrs. Morris zugestellt.«

Wendy nahm die Karte und öffnete sie.

»Das Traurigste daran ist«, redete Maud weiter, während Wendy die Nachricht im Innern las, »dass er der einzige Sohn ist, der mir noch geblieben ist, aber ich kann nicht wirklich behaupten, dass es mir leidtut, wie es gekommen ist. Ich weiß, was er dir angetan hat, Wendy. Sein Vater hat fast vierzig Jahre lang dasselbe mit mir gemacht. Ich musste den Kreislauf durchbrechen. Ich habe die Karte gelesen, Liebes. Ich hatte ja keine Ahnung! Ich konnte diese Chance nicht verstreichen lassen. Deinetwillen und um des Jungen willen.«

Eine Träne rollte über Wendys Wange. Norman beobachtete, wie die beiden Frauen sich umarmten. Die Karte fiel von Wendys Schoß, und sofort stürzte er sich darauf. Seine begierigen Augen hefteten sich auf jedes Wort.

Mein Liebling Wendy,

seit ich in die Heimat zurückgekehrt bin, sind meine Gedanken erfüllt von dir und der kurzen Zeit, die wir zusammen gehabt haben. Es ist irgendwie eigenartig, es zuzugeben, aber ich ertappe mich manchmal bei dem Wunsch, die Deutschen hätten dich zur Witwe gemacht. Ich kann es nicht ertragen, dich mir mit irgendeinem andern Kerl vorzustellen.

Mein Herz verzehrt sich nach einer Nachricht von dir. Nicht ein Tag vergeht, an dem ich nicht davon träume, wieder in deinen Armen zu liegen. Mein Haus und mein Herz werden dir immer offen stehen.

Pass auf dich auf und bleib gesund,

Nick

Nick Saint (Ex-33ste US-Reserve)

221C Plover Avenue

Mountain Home

Idaho

PS: Das Zehncentstück ist ein kleines Weihnachtsgeschenk für Norman, das ihn an mich erinnern soll.

Norman sah zu seiner Großmutter auf und verstand, was sie getan hatte und warum. Er sagte nichts. Er konnte ein Geheimnis ebenso gut bewahren wie ein Erwachsener. Er war jetzt der Mann im Haus, zumindest so lange, bis sie nach Amerika kamen.

Originaltitel: The Proof of the Pudding

Ins Deutsche übertragen von Axel Franken

Ellery Queen und die Puppe des Dauphin

Ellery Queen

Es war eine brillante Marketingidee der beiden Cousins, die unter dem Pseudonym Ellery Queen zusammenarbeiteten (Frederic Dannay und Manfred B. Lee), auch ihren Detektiv Ellery Queen zu nennen. Sie dachten sich, wenn, dann würde ein Leser entweder den Namen des Autors oder der Hauptfigur vergessen, aber nicht beide. Waren beide Namen jedoch gleich, dann würde Ellery Queen den Lesern in jedem Fall im Gedächtnis bleiben. Und das funktionierte, denn heute ist Ellery Queen einer der bekanntesten Namen der Kriminalliteratur. Mehr als ein Dutzend Filme sowie Radioshows und Fernsehserien basieren auf den Queen-Büchern. Ellery Queen und die Puppe des Dauphin wurde im Dezember 1948 in der Dezemberausgabe von Ellery Queen’s Mystery Magazine erstveröffentlicht.

Ellery Queen und
die Puppe des Dauphin

Ellery Queen

Für Geschichtenerzähler gilt ein Gesetz – ursprünglich von Herausgebern aufgrund der (wie sie behaupten) lautstarken Forderungen ihrer Kunden erlassen –, demzufolge in Weihnachtsgeschichten immer Kinder vorkommen müssen. Die vorliegende Geschichte macht da keine Ausnahme; tatsächlich werden Misopädisten sich sogar beschweren, wir hätten es übertrieben. Und wir gestehen lieber gleich ein, dass es auch eine Geschichte über Puppen ist, dass der Weihnachtsmann darin vorkommt und sogar ein Dieb, obwohl über Letzteren gesagt werden muss, dass es sich gewiss nicht um Barabbas handelte, nicht einmal gleichnishaft. Immerhin war die Frage nach seiner Identität eine Kernfrage der ganzen Geschichte.

Ein weiterer Paragraf im Weihnachtsgeschichtenstatut besagt, dass derlei Erzählungen das Niedliche und das helle Licht betonen sollten. Ersteres ergibt sich natürlich aus den Waisenkindern und dem niemals schal werdenden Geschmack des jährlich wiederkehrenden Wunders; was nun das erhellende Licht anbetrifft, so wird das am Ende der Geschichte wie üblich von jenem brillanten Naturwunder namens Ellery Queen geliefert. Ein Leser von eher düsterem Naturell wird aber auch reichlich Finsteres entdecken, und zwar in der Person und den Werken von jemandem, bei dem es sich zumindest in der Perspektive des gequälten Inspektors Queen um den geflügelten Fürsten jener höllischen Region handelte. Sein Name lautet, nebenbei gesagt, nicht Satan, sondern Comus, was paradox genug ist, da es sich ja bekanntermaßen beim ursprünglichen Comus um den Gott der Festfreude und Heiterkeit handelte, von Gefühlen also, die man im Allgemeinen nicht mit der Unterwelt in Beziehung bringt. Während Ellery sich darum bemühte, seinen Phantomgegner zu verstehen, rang er vergeblich um dieses non sequitur – will heißen, so lange vergeblich, bis Nikki Porter, keineswegs eine Verächterin des Offensichtlichen, vorschlug, er könnte ja die Antwort dort suchen, wo es jeder Sterbliche sofort tun würde. Und zu des großen Mannes Beschämung war sie dort tatsächlich zu finden, genauer gesagt auf Seite 262b von Band 6, Coleb bis Damasci, der 175. Jahresausgabe der Encyclopaedia Britannica. Ein französischer Zauberer jenes Namens – Comus – ließ bei einer Vorstellung im Jahre 1789 in London seine Frau von einem Tisch verschwinden – das, wie es schien, allererste Mal, dass dieses Kunststück, ob nun mit Frau oder nicht, ohne die Zuhilfename von Spiegeln gelang. Die Spur des nom de nuit seines finsteren Widersachers zur historischen Quelle zurückverfolgt zu haben, vermittelte Ellery das einzige Gefühl der Zufriedenheit, bis jener gesegnete Augenblick eintrat, in dem es rings um ihn Licht und die Finsternis vertrieben wurde, mit Fürst und allem.

Aber so erzählt, ist das das reinste Chaos.

Richtig beginnt die Geschichte nicht mit dem unsichtbaren Charakter, sondern mit dem toten. Miss Ypson war nicht immer tot gewesen; au contraire. Sie hatte achtundsiebzig Jahre lang gelebt und die meiste Zeit davon schwer geatmet. Wie ihr Vater zu sagen pflegte: »Sie war ein sehr aktives kleines Verbum.« Miss Ypsons Vater war Professor für Griechisch an einer kleinen Universität im mittleren Westen. Konjugiert hatte er seine Tochter mit der ziemlich verwirrten Unterstützung einer seiner kräftigeren Studentinnen, einer Geflügelfarmerbin aus Iowa.

Professor Ypson war ein distinguierter Mann. Im Gegensatz zu den meisten Griechisch-Professoren war er ein griechischer Professor für Griechisch, geboren als Gerasymos Aghamos Ypsilonomon in Polykhnitos auf der Insel Mytilini, »wo«, wie er bei bestimmten Gelegenheiten gerne anmerkte, »die verzehrende Sappho liebte und sang« – ein Zitat, das er bei seinen nicht lehrplanmäßigen Aktivitäten immer wieder hilfreich fand; und ungeachtet des hellenischen Ideals glaubte Professor Ypson aus ganzem Herzen an Unmäßigkeit in allen Dingen. Diese kulturelle Herkunft erklärt sein Interesse daran, Vater zu werden – sehr zum Verdruss seiner Frau, denn Mrs. Ypsons erzeugerische Leistungen blieben auf den Geflügelhof beschränkt, aus dem ihr Einkommen resultierte; eine Tatsache, an die ihr Ehemann sie immer wieder mitfühlend erinnerte, wenn er ein weiteres ungeratenes Küken gezeugt hatte. Die gemeinsame Tochter hielt er für nichts Geringeres als ein biologisches Wunder.

Die Gedankengänge des Professors trugen ebenfalls zu Mrs. Ypsons Verwirrung bei. Niemals hörte sie auf, sich darüber zu wundern, warum ihr Mann nicht so verständig gewesen war, sich Jones zu nennen, anstatt seinen Namen zu Ypson abzukürzen. »Meine Liebe«, erwiderte der Professor einmal darauf, »du bist ein richtiger Iowa-Snob.«

»Aber niemand«, rief Mrs. Ypson, »kann unseren Namen buchstabieren oder aussprechen!«

»Das ist ein Kreuz«, murmelte Professor Ypson, »das wir mit Ypsilanti tragen müssen.«

»Oh«, sagte Mrs. Ypson.

Ihre Konversation gewann stets zwangsläufig sibyllinische Züge. Des Professors Lieblingsadjektiv für seine Frau lautete ›ypsiliform‹, was sich, wie er erläuterte, auf das Aufkeimen reifender Eier bezöge und demzufolge ausgesprochen passend wäre. Mrs. Ypson machte weiterhin ein verwirrtes Gesicht; sie starb jung.

Und der Professor brannte mit einem außerordentlich talentierten Varieté-Girl aus Kansas City durch und ließ sein getauftes Küken in der Obhut einer eiförmigen Verwandten ihrer Mutter zurück, einer Presbyterianerin namens Jukes.

Die einzige Gelegenheit, bei der Miss Ypson von ihrem Vater hörte – außer wenn er bezaubernde und gelehrte kleine Briefe schrieb, die, wie er es nannte, lucrum erforderten –, ergab sich während des vierten Jahrzehnts seiner Odyssee, als er ihr ein neues hübsches Stück für ihre Sammlung schickte, eine über dreitausend Jahre alte Terrakotta-Puppe griechischen Ursprungs. Unglücklicherweise fühlte sich Miss Ypson verpflichtet, die Puppe dem Brooklyn-Museum zurückzugeben, aus dem sie auf unerklärlichem Wege verschwunden war. Die Notiz, die ihr Vater dem Geschenk beigefügt hatte, war absonderlich: »Timeo Danaos et dona ferentes.«

Miss Ypsons Puppen hatten etwas Poetisches an sich. Aus Anlass ihrer Geburt hatte der stets auf Harmonie besonnene Vater seine Begeisterung für Fruchtbarkeit dadurch unterstrichen, dass er sie Cytherea nannte. Dies bewies sich als Ironie wahrhaft olympischen Zuschnitts, denn es stellte sich heraus, dass ihres Vaters Zeugungskraft nicht auf sie übergegangen war; obwohl Miss Ypson nacheinander fünf Ehemänner begrub, die mit ausreichendem Eifer gesegnet gewesen waren, blieb sie bis zum Ende ihrer Tage unfruchtbar. Daher ist es ein Bild von klassischer Tragik, sie nach Verausgabung aller Leidenschaften als süße, kleine alte Dame wiederzufinden, die, wieder unter dem Namen ihres Vaters, in ihrer riesigen New Yorker Wohnung voller Chaos umhertrippelt und mit Puppen spielt, ein vages und trotzdem lebhaftes Lächeln auf den Lippen.

Anfangs handelte es sich um Puppen gewöhnlicher Art: eine Billiken, ein pausbäckiger Engel, eine Käthe Kruse, eine Patsy, eine Foxy Grandpa und so weiter. Als ihr Bedarf jedoch wuchs, machte sich Miss Ypson daran, die Vergangenheit auszuplündern.

Sie begab sich hinab ins Land des Pharao, um zwei Stücke zu erstehen, aus dünner, ausgedörrter Pappe, zurechtgeschnitten und bemalt und mit Haaren aus aufgereihten Perlen, dazu ohne Beine, damit sie nicht weglaufen konnten. Jeder Kenner wird Ihnen bestätigen, dass es ganz ausgezeichnet erhaltene Exemplare der altägyptischen Kinderpuppen sind, denen im British Museum weit überlegen, auch wenn bestimmte Kreise das bestreiten werden.

Miss Ypson entdeckte eine Vorfahrin von ›Letitia Penn‹, wobei Letztere bis dahin als älteste Puppe Amerikas gegolten hatte. William Penn hatte sie 1699 als Geschenk für eine Spielgefährtin seiner kleinen Tochter von England mit nach Philadelphia gebracht. Bei Miss Ypsons Fund handelte es sich um eine kleine Dame mit hölzernem Kern, angetan mit Brokat und Samt, und sie war von Sir Walter Raleigh an das erste in der Neuen Welt geborene englische Kind geschickt worden. Und da Virginia Dare 1587 auf die Welt gekommen war, wagten nicht einmal die Experten vom Smithsonian, Miss Ypsons Triumph anzufechten.

Auf den Regalen und in den Spiegelglaskästen der alten Dame konnte man den Reichtum von tausend Kindheiten bewundern sowie ein paar Schätze erwachsener Kinder – da nun einmal die Entwicklungsrichtung von Puppen so verläuft. Man konnte hier ›Modepuppen‹ aus dem Frankreich des vierzehnten Jahrhunderts finden, heilige Puppen des Fingo-Stammes aus dem Oranje-Freistaat, Satsuma-Papierpuppen und höfische Puppen aus dem alten Japan, knopfäugige ›Kalifa‹-Puppen der Hopis, Mammutzahnpuppen der Eskimos, Federpuppen der Chippewa, Marionetten aus dem antiken China, koptische Knochenpuppen, der Diana geweihte römische Puppen, Zappelmänner, bei denen es sich um Straßenspielzeuge Pariser Stutzer gehandelt hatte, ehe Madame Guillotine die Boulevards leerfegte, frühe christliche Puppen in ihren Krippen, die die Heilige Familie darstellten – um nur eine Handvoll aus der vielhändigen Sammlung Miss Ypsons zu erwähnen. Sie besaß Puppen aus Pappe, aus Tierhäuten, Zwirnpuppen, Klauenpuppen, Eierschalenpuppen, Maishülsenpuppen, Stoffpuppen, Kiefernzapfenpuppen mit Mooshaar, Strumpfpuppen, Bisquepuppen, Palmblattpuppen, Pappmachépuppen, sogar welche aus Samenhülsen. Es gab vierzig Zoll große Puppen und solche, die in Miss Ypsons Fingerhut passten.

Cytherea Ypsons Sammlung entstammte zahlreichen Jahrhunderten und war ein Spiegelbild der Geschichte. Nirgendwo fand man eine größere – nicht die sagenumwobenen Spielsachen Montezumas oder Victorias oder Eugene Fields, nicht die Metropolitansammlung oder die in South Kensington oder im Königspalast des alten Bukarest oder irgendwo sonst außerhalb der verzauberten Träume kleiner Mädchen.

Die Sammlung war ein Produkt aus Iowa-Eiern und den attischen Gestaden, korngespeist und myrtenbekränzt, und sie führt uns schließlich zu Anwalt John Somerset Bondling und seinem Besuch bei den Queens am dreiundzwanzigsten Dezember vor gar nicht langer Zeit.

Der dreiundzwanzigste Dezember ist normalerweise kein guter Tag für einen Besuch bei den Queens. Inspektor Richard Queen mag es an Weihnachten gern altmodisch; seine Kunst des Truthahnstopfens erfordert zum Beispiel vierundzwanzig Stunden allgemeiner Vorbereitungen, und einige der Zutaten findet man nicht so leicht beim Kaufmann an der Ecke. Und Ellery ist ein verhinderter Geschenkeverpacker. Schon einen Monat vor Weihnachten verwendet er seinen meisterhaften Spürsinn darauf, ungewöhnliches Geschenkpapier, feine Bänder und kunstfertige Aufkleber ausfindig zu machen; und die letzten Tage widmet er der Kunst, Schönheit zu schaffen.

Als Anwalt John S. Bondling eintraf, befand sich Inspektor Queen daher in der Küche, angetan mit einer Barbecueschürze und bis zu den Ellbogen voller Truthahninnereien, während Ellery hinter der verschlossenen Tür seines Arbeitszimmers damit beschäftigt war, eine geheime Sinfonie aus glitzerndem Fuchsienpapier, waldgrünen moirierten Bändern und Kiefernzapfen zu schaffen.

»Ich fürchte, es hat gar keinen Zweck«, sagte Nikki mit einem Achselzucken, während sie Anwalt Bondlings Karte studierte, die nicht weniger grobkörnig wirkte als der Anwalt selbst. »Sie sagen, Sie wären mit dem Inspektor bekannt, Mr. Bondling?«

»Melden Sie ihm einfach Bondling, den Nachlassanwalt«, sagte Bondling genervt. »Park Row. Er weiß schon.«

»Geben Sie nicht mir die Schuld, wenn Sie in seiner Füllung enden«, sagte Nikki. »Der Himmel weiß, dass er schon alles mögliche versucht hat.« Und sie machte sich auf, um Inspektor Queen Bescheid zu sagen.

Als sie fort war, ging die Tür zum Arbeitszimmer geräuschlos einen Zoll weit auf. Ein argewöhnisches Auge musterte durch den Spalt die Lage.

»Beunruhigen Sie sich nicht«, sagte der Eigentümer des Auges, glitt durch den Spalt und schloss die Tür hastig hinter sich. »Man kann ihnen nicht trauen, wissen Sie? Kinder, es sind einfach Kinder!«

»Kinder!«, knurrte Anwalt Bondling. »Sie sind Ellery Queen, nicht wahr?«

»Ja, und?«

»Interessiert an Kindern, nicht wahr? Weihnachten? Waisenkinder, Puppen, derlei Dinge?«, fuhr Mr. Bondling in bemerkenswert garstigem Ton fort.

»Ich schätze, schon.«

»Um so schlimmer für Sie. Ah, da kommt Ihr Vater. Inspektor Queen!«

»Oh, dieser Bondling«, sagte der alte Gentleman geistesabwesend und schüttelte ihm die Hand. »Mein Büro hat angerufen und mir einen Besucher angekündigt. Hier, nehmen Sie mein Taschentuch – das ist ein Stück Truthahnleber. Kennen Sie bereits meinen Sohn? Seine Sekretärin, Miss Porter? Was beschäftigt Sie, Mr. Bondling?«

»Inspektor, ich bin für den Nachlass von Cytherea Ypson zuständig und …«

»Schön, Sie kennenzulernen, Mr. Bondling«, sagte Ellery. »Nikki, die Tür ist abgeschlossen, also tun Sie nicht so, als hätten Sie vergessen, wo es zum Badezimmer geht.«

»Cytherea Ypson«, brummte der Inspektor stirnrunzelnd. »O ja! Sie ist erst kürzlich gestorben!«

»Und hat es mir überlassen«, sagte Mr. Bondling bitter, »über ihre Pollektion zu verfügen.«

»Ihre was?«, fragte Ellery und hob den Blick vom Schlüssel.

»Puppenkollektion. Pollektion. Sie hat den Begriff geprägt.«

Ellery steckte den Schlüssel in die Tasche zurück und schlenderte zu seinem Lehnstuhl hinüber.

»Soll ich das aufschreiben?«, fragte Nikki seufzend.

»Pollektion«, sagte Ellery.

»Sie hat dreißig Jahre darauf verwandt! Auf Puppen!«

»Ja, Nikki, schreiben Sie es auf.«

»Na ja, Mr. Bondling«, meldete sich Inspektor Queen. »Was für ein Problem haben Sie? Weihnachten ist nur einmal im Jahr, wissen Sie.«

»Das Testament schreibt vor«, krächzte der Anwalt, »dass die Pollektion versteigert und von dem Erlös ein Fonds für Waisenkinder errichtet wird. Ich halte die öffentliche Versteigerung direkt nach Neujahr ab.«

»Puppen und Waisenkinder, wie?«, sagte der Inspektor und dachte dabei an Schwarzen Javapfeffer und Country-Gentleman-Gewürzsalz.

»Das ist aber nett!«, strahlte Nikki.

»O wirklich?«, fragte Mr. Bondling leise. »Offensichtlich haben Sie, junge Frau, noch nie versucht, einen Nachlassrichter zufriedenzustellen. Ich verwalte jetzt seit neun Jahren Nachlässe, ohne dass auch nur ein geflüstertes Wort gegen mich erhoben wurde. Geht es bei einem Nachlass aber jemals um die Interessen auch nur eines Ba… – ich meine, vaterlosen Kindes, schon könnte man aus der Haltung des Nachlassrichters den Schluss ziehen, ich wäre Bill Sykes persönlich.«

»Meine Füllung …«, begann der Inspektor.

»Ich habe einen Katalog über die Puppen anfertigen lassen. Das Ergebnis ist erschreckend! Wussten Sie schon, dass es keine festen Marktpreise für die abscheulichen Dinger gibt? Und von wenigen persönlichen Habseligkeiten abgesehen, besteht der gesamte Nachlass der alten Dame aus der Pollektion. Sie hat jeden ihrer roten Heller hineingesteckt!«

»Aber sie sollte ein Vermögen wert sein!«, protestierte Ellery.

»Für wen, Mr. Queen? Museen wollen solche Sachen stets nur als Geschenk erhalten, möglichst ohne irgendwelche Ansprüche. Ich sage Ihnen, von einem einzigen Posten abgesehen, werden diese hypothetischen Waisenkinder nicht genug Gewinn aus der Versteigerung erzielen, um auch nur zwei Tage lang mit Kaugummi versorgt zu werden!«

»Welcher Posten wäre das, Mr. Bondling?«

»Nummer acht-vierundsiebzig!«, schnauzte der Anwalt. »Dieser hier!«

»Nummer acht-vierundsiebzig«, las Inspektor Queen in einem dicken Katalog, den Bondling aus einer großen Tasche seines Überziehers gefischt hatte. »Die Puppe des Dauphin. Einzigartig. Acht Zoll große Elfenbeinfigur eines jungen Prinzen in höfischer Kleidung, echtes Hermelin, Brokat und Samt. Zeremonielles Schwert aus Gold an der Hüfte. Goldene Ringkrone mit einem einzelnen blauen Diamanten feinsten Wassers von annähernd 49 Karat …«

»Wie viel Karat?«, rief Nikki.

»Mehr als der Hope und der Star of South Africa«, sagte Ellery mit einer gewissen Erregung.

»… geschätzt«, fuhr sein Vater fort, »auf einhundertzehntausend Dollar.«

»Teures Püppchen.«

»Unanständig!«, meinte Nikki. »Diese unanständige – ich meine, exquisite königliche Puppe«, las der Inspektor weiter, »war ein Geburtstagsgeschenk König Louis’ XVI. von Frankreich an Louis Charles, seinen zweitältesten Sohn, der beim Tode seines älteren Bruders 1789 Dauphin wurde. Die Royalisten riefen den kleinen Dauphin während der französischen Revolution zu Louis XVII. aus, während er sich im Gewahrsam der Sansculotten befand. Sein Schicksal ist ungeklärt. Ein romantischer, historischer Gegenstand.«

»Le prince perdu, würde ich sagen«, murmelte Ellery. »Mr. Bondling, ist die Puppe echt?«

»Ich bin Anwalt, kein Antiquitätenhändler«, fauchte ihr Besucher. »Es sind Dokumente beigefügt, eines davon eine eigenhändig verfasste, eidesstattliche Aussage von Lady Charlotte Atkyns, einer englischen Schauspielerin und Freundin der Familie Capet – sie hielt sich während der Revolution in Frankreich auf. Wenigstens wird behauptet, es handele sich um Lady Charlottes Handschrift. Es spielt keine Rolle, Mr. Queen. Selbst wenn die Sache historisch nicht zutrifft, der Diamant ist jedenfalls echt!«

»Wenn ich Sie richtig verstehe, dann ist dieses Hundertundzehntausend-Dollar-Püpp-
chen der Haken bei der Geschichte?«

»Sie sagen es!«, rief Mr. Bondling und ließ qualvoll die Fingergelenke knacken. »Die Puppe des Dauphin ist der einzig verwertbare Posten dieser Sammlung. Und was macht die alte Dame? Sie bestimmt testamentarisch, dass die Cytherea-Ypson-Pollektion am Tag vor Weihnachten öffentlich ausgestellt werden soll – und das in der Haupthalle von Nashs Warenhaus! Am Tag vor Weihnachten, Gentlemen! Stellen Sie sich das einmal vor!«

»Aber warum?«, erkundigte sich Nikki verwirrt.

»Warum? Wer weiß das schon? Zur Unterhaltung der Heerscharen kleiner Bettler in New York, denke ich! Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Leute am Tag vor Weihnachten Nash besuchen? Meiner Köchin zufolge – sie ist eine sehr religiöse Frau – ist es das reinste Armageddon.«

»Am Tag vor Weihnachten«, überlegte Ellery. »Das ist morgen.«

»Es hört sich wirklich riskant an«, meinte Nikki besorgt, aber dann hellte sich ihre Miene wieder auf. »Oh, vielleicht sind die von Nash gar nicht damit einverstanden, Mr. Bondling.«

»Oh, sind sie es nicht?«, schrie Mr. Bondling. »Dabei hat die alte Dame Ypson diese Nummer doch zusammen mit dieser Bande von Lieferanten des Pöbels vor Jahr und Tag ausgeheckt! Seit dem Tag ihrer Bestattung sind mir die Leute von Nash ständig auf den Fersen!«

»Das wird jeden Gauner in New York anlocken«, meinte der Inspektor, und sein Blick ruhte dabei auf der Küchentür. »Die Waisenkinder«, warf Nikki ein. »Die Interessen der Waisenkinder müssen geschützt werden.« Sie bedachte ihre Arbeitgeber mit einem anklagenden Blick.

»Besondere Maßnahmen, Dad«, sagte Ellery.

»Sicher, sicher«, antwortete der Inspektor und stand auf. »Machen Sie sich keine Sorge darum, Mr. Bondling. Wenn Sie jetzt so freundlich sein wollen, mich zu entschu…«

»Inspektor Queen«, zischte Mr. Bondling und beugte sich angespannt vor, »das war noch nicht alles.«

»Ah.« Ellery zündete sich schwungvoll eine Zigarette an. »In dem Stück spielt noch ein besonderer Schurke mit, und Sie wissen, wer das ist.«

»Das tue ich«, sagte der Anwalt dumpf. »Andererseits wiederum weiß ich es auch nicht. Was ich sagen will: Es ist Comus.«

»Comus!«, schrie der Inspektor.

»Comus?«, fragte Ellery bedächtig.

»Comus?«, fragte Nikki. »Wer ist das denn?«

»Comus«, nickte Mr. Bondling. »Gleich heute früh. Kam direkt in mein Büro marschiert, frech wie Oskar – muss mir gefolgt sein; ich hatte noch nicht mal den Mantel ausgezogen, und meine Sekretärin war noch nicht da. Kam der Kerl hereinspaziert und warf mir seine Karte auf den Schreibtisch.«

Ellery nahm sie entgegen. »Das übliche, Dad.«

»Sein Markenzeichen«, knurrte der Inspektor, dessen Lippen arbeiteten.

»Aber auf der Karte steht nur ›Comus‹«, beschwerte sich Nikki. »Wer …«

»Fahren Sie fort, Mr. Bondling!«, donnerte der Inspektor.

»Er verkündete mir in aller Ruhe«, erzählte Bondling und tupfte sich die Wangen mit einem vielbenutzten Taschentuch ab, »er hätte vor, morgen bei Nash die Puppe des Dauphin zu stehlen.«

»Oh, ein Verrückter«, meinte Nikki.

»Mr. Bondling«, fragte der alte Gentleman mit düsterer Stimme, »wie genau hat dieser Bursche ausgesehen?«

»Ausländer – schwarzer Bart – mit einem Akzent, den ich nicht genau einordnen konnte. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich war dermaßen vom Donner gerührt, dass mir keine Einzelheiten aufgefallen sind. Ich habe mich nicht mal an seine Verfolgung gemacht, bis es zu spät war.« Die Queens bedachten einander mit einem typisch gallischen Achselzucken.

»Die alte Geschichte«, meinte der Inspektor. Er war leicht grünlich um die Nase. »Ist einfach nicht dingfest zu machen, und wenn er sich dann mal blicken lässt, erinnert sich niemand an was anderes als an Bärte und ausländische Akzente. Nun, Mr. Bondling, mit Comus’ Mitwirkung wird das Spiel ernst. Wo befindet sich die Sammlung gegenwärtig?«

»Im Tresor der Life Bank & Trust, Filiale an der dreiundvierzigsten Straße.«

»Zu welchem Zeitpunkt sollen Sie sie zu Nash bringen?«

»Sie wollten sie unbedingt schon heute abend geliefert bekommen. Ich sagte, das wäre unmöglich. Ich habe besondere Vereinbarungen mit der Bank getroffen, und die Sammlung wird morgen früh um sieben Uhr dreißig hinübergebracht.«

»Da bleibt nicht mehr viel Zeit, um sie aufzustellen, bis das Warenhaus öffnet«, überlegte Ellery und warf seinem Vater einen Blick zu.

»Überlassen Sie Operation Püppchen nur uns, Mr. Bondling«, erklärte der Inspektor grimmig. »Rufen Sie mich am besten heute nachmittag mal an.«

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, Inspektor, wie erleichtert …«

»Sind Sie das?«, entgegnete der alte Gentleman mürrisch. »Worauf gründet sich Ihre Hoffnung, dass er sie nicht bekommt?«

Nachdem Anwalt Bondling gegangen war, steckten die Queens die Köpfe zusammen, wobei Ellery wie gewöhnlich am meisten redete. Schließlich begab sich der Inspektor zu einem ausgedehnten Telefonat mit dem Präsidium ins Schlafzimmer.

»Man könnte glatt denken«, meinte Nikki naserümpfend, »Sie beide planten die Verteidigung der Bastille. Wer ist dieser Comus überhaupt?«

»Das wissen wir nicht, Nikki«, meinte Ellery langsam. »Könnte jeder sein. Begann seine kriminelle Laufbahn vor etwa fünf Jahren und folgte dabei der großen Tradition Lupins – ein unverschämter, hochintelligenter Schurke, der aus Diebstahl eine Kunst gemacht hat. Besonderes Vergnügen bereitet es ihm scheinbar, wertvolle Dinge unter buchstäblich unmöglichen Umständen an sich zu bringen. Ein Meister der Verkleidung – man hat ihn bereits in einem Dutzend verschiedener Rollen gesehen. Er ist ein unheimlicher Schauspieler. Wurde niemals erwischt oder fotografiert, und auch seine Fingerabdrücke wurden nie gefunden. Einfallsreich, wagemutig – ich würde sagen, er ist der gefährlichste Dieb, der gegenwärtig in den Vereinigten Staaten tätig ist.«

»Wenn er noch nie erwischt wurde, woher wissen Sie dann, dass er all die Verbrechen, die ihm zugeschrieben werden, tatsächlich begangen hat?«, fragte Nikki skeptisch.

»Sie meinen, wieso es kein anderer gewesen sein kann?« Ellery lächelte matt. »Die Vorgehensweise ist sein Markenzeichen. Und dann hinterlässt er noch – wie Arsène – an jedem Ort, an dem er tätig wird, seine Karte mit dem Namen ›Comus‹ darauf.«

»Ist es üblich, dass er im voraus verkündet, wann er die Kronjuwelen kassieren wird?«

»Nein.« Ellery schnitt ein finsteres Gesicht. »Soweit ich weiß, ist es das erste Mal. Und da er nie etwas grundlos unternimmt, muss sein heutiger Besuch in Bondlings Büro zu einem größeren Plan gehören. Ich frage mich …«

Das Telefon im Wohnzimmer klingelte laut und deutlich.

Nikki sah Ellery an. Ellery sah das Telefon an.

»Denken Sie vielleicht …?«, fragte Nikki und antwortete sich dann selbst: »Oh, das wäre einfach zu absurd!«

»Wo Comus beteiligt ist«, versetzte Ellery heftig, »ist nichts zu absurd.« Und er stürzte zum Telefon. »Hallo?«

»Hier spricht ein alter Freund«, meldete sich eine tiefe, dumpfe Männerstimme. »Comus.«

»Na ja«, meinte Ellery. »Noch mal hallo.«

»Hat Mr. Bondling Sie überredet«, fragte die Stimme aufgeräumt, »mich daran zu ›hindern‹, dass ich morgen die Puppe des Dauphin bei Nash stehle?«

»Sie wissen also, dass Bondling hier war.«

»Dabei ist nichts Wundersames im Spiel, Queen. Ich bin ihm gefolgt. Übernehmen Sie den Fall?«

»Schauen Sie, Comus«, sagte Ellery. »Unter normalen Umständen würde ich mich über die sportliche Herausforderung freuen, Sie dorthin zu bringen, wo Sie hingehören. Aber wir haben es nicht mit normalen Umständen zu tun. Diese Puppe repräsentiert den Hauptanteil an einem künftigen Fonds für Waisenkinder, weshalb ich lieber nicht Fangen damit spielen möchte. Comus, was hielten Sie davon, diese Sache abzublasen?«

»Also dann«, sagte die Stimme liebenswürdig, »morgen früh in Nashs Warenhaus, ja?«

Und so finden wir am frühen Morgen des vierundzwanzigsten Dezember Messrs. Queen und Bondling sowie Nikkie Porter zusammengedrängt auf dem eisernen Bürgersteig der Dreiundvierzigsten Straße vor den mit Stechpalmen verzierten Fenstern der Life Bank & Trust Company, direkt neben einer Doppelreihe bewaffneter Schutzmänner. Die Schutzmänner bilden einen Gang zwischen dem Bankeingang und einem gepanzerten Lieferwagen, und durch diesen Gang bewegt sich mit hoher Geschwindigkeit die Cytherea-Ypson-Pollektion. Ringsherum steht gaffend New York und stampft mit gefühllosen Füßen auf das alte, gefrorene Antlitz der Straße, um sich im unbarmherzigen Weihnachtswind zu wärmen.

Es ist der Winter seiner Unzufriedenheit, und Mr. Queen flucht.

»Ich weiß gar nicht, worüber Sie meckern«, stöhnt Miss Porter. »Sie und Mr. Bondling sind eingewickelt wie Prospektoren am Yukon. Sehen Sie mal mich an!«

»Dieser verräterische Werbeleiter von Nash ist für das hier verantwortlich«, stellt Mr. Queen in mörderischem Ton fest. »Dabei haben sie alle geschworen, die Sache geheimzuhalten, einschließlich dieses Verräters. So viel zu Ehre! Und dem Geist des Weihnachtsfestes!«

»Alle Radiosender haben es gestern gemeldet«, wimmert Mr. Bondling. »Und die Morgenzeitungen heute!«

»Ich schneide diesem Schuft das Herz heraus. Hier! Velie, halten Sie die Leute fern!«

Und vom Eingang der Bank her lässt sich Sergeant Velie freundlich vernehmen: »Ihr Gesindel, haltet gefälligst Abstand!« Noch ahnt er nicht, der Sergeant, was das Schicksal für ihn bereithält.

»Gepanzerte Lieferwagen«, sagt Miss Porter verächtlich. »Schrotflinten.«

»Nikki, Comus hielt es für nötig, uns vorab zu informieren, dass er die Puppe des Dauphin in Nashs Warenhaus zu stehlen plant. Es würde ihm ähnlich sehen, das nur zu verkünden, damit es ihm leichter fällt, die Puppe unterwegs an sich zu bringen.«

»Warum machen die nicht schneller?«, fragt Mr. Bondling zitternd. »Ah!«

Inspektor Queen erscheint plötzlich in der Tür der Bank. Seine Hände umklammern einen Schatz.

»Oh!«, ruft Nikki.

New York pfeift.

Es ist eine schiere Pracht, eine Beleidigung der Demokratie, aber wie Kinder sind die Leute von der Straße tief im Herzen royalistisch gesonnen.

New York pfeift, und Sergeant Thomas Velie baut sich in bedrohlicher Abwehrhaltung vor Inspektor Queen auf, den Schlagstock in der Hand. Inspektor Queen huscht zwischen den waffenstarrenden Reihen der Schutzmänner über den Bürgersteig hinweg, die Puppe des Dauphin in den Armen. Queen der Jüngere verschwindet, nur um einen Augenblick später an der Tür des Panzerwagens wieder zu materialisieren.

»Sie ist einfach unmoralisch und abscheulich schön, Mr. Bondling«, haucht Miss Porter mit funkelnden Augen.

Mr. Bondling macht den Hals lang.

AUFTRITT: Der Weihnachtsmann mit Glocke.

Weihnachtsmann: Hört, hört! Friede und gesegnete Weihnacht. Ist das das Püppchen, worüber sie sich im Radio das Maul zerrissen haben, Leute?

Mr. B.: Hauen Sie ab.

Miss P.: Aber warum denn, Mr. Bondling?

Mr. B.: Na ja, er hat hier nichts zu suchen. Los, zurück da, äh, Weihnachtsmann. Zurück!

Weihnachtsmann: Was frisst an Ihnen, mein magerer und zorniger Freund? Empfinden Sie kein Mitgefühl in dieser Jahreszeit?

Mr. B.: Oh … Hier! (Klimper.) Würden Sie jetzt bitte …?

Weihnachtsmann: Mächtig hübsches Püppchen. Wohin bringen Sie es, Kleine?

Miss P.: Rüber zu Nash, Weihnachtsmann.

Mr. B.: Sie haben es nicht anders gewollt! Officer!!!

Weihnachtsmann (in Eile): Kleines Geschenk für Sie, Mädchen. Beste Grüße vom Weihnachtsmann. Immer lustig, immer froh!

Miss P.: Für mich?

(ABGANG Weihnachtsmann, in Eile und mit Glocke.) Also wirklich, Mr. Bondling! War es denn nötig …?

Mr. B.: Opium für das Volk! Was hat dieser schwülstige Betrüger Ihnen da gegeben, Miss Porter? Was enthält dieser unsägliche Umschlag?

Miss P.: Das weiß ich nicht, aber ist es nicht eine höchst ergreifende Idee? Oh, er ist ja an Ellery adressiert! Elleryyy!

Mr. B.: (ABGANG Aufgeregt.) Wo steckt er? Sie da – Officer! Wohin ist dieser Kinderbetrüger verschwunden? Ein Weihnachtsmann!

Mr. Q.: (Erscheint im Laufschritt.) Ja? Nikki, was ist los? Was ist passiert?

Miss P.: Jemand, der als Weihnachtsmann verkleidet war, hat mir diesen Umschlag überreicht. Er ist an Sie adressiert.

Mr. Q.: Ein Brief? (Er schnappt ihn sich und zieht ein schäbiges Stück Papier hervor, auf dem in mit Bleistift geschriebenen Druckbuchstaben eine Nachricht steht, die er sehr ausdrucksstark vorträgt.) »Lieber Ellery, vertrauen Sie mir denn nicht? Ich sagte, ich würde den Dauphin in Nashs Laden stehlen, und genau dort werde ich es auch tun. Ihr …« Unterzeichnet …

Miss P.: (Reckt den Hals.) »Comus.« Dieser Weihnachtsmann?

Mr. Q.: (Presst die mannhaften Lippen zusammen. Ein eiskalter Wind weht.)

Selbst der Meister musste einräumen, dass ihre Abwehrmaßnahmen gegen Comus genial waren.

Von der Ausstellungsabteilung von Nash hatten sie sich vier gehrgefugte Ladentische von gleicher Länge besorgt und aneinander befestigt. Im Zentrum des so geschaffenen hohlen Quadrates hatten sie eine sechs Fuß hohe Plattform errichtet. Auf den Ladentischen lagen in langen Reihen Miss Ypsons Babys in gestuften Plastikständern. Auf dieser Plattform, die Szenerie völlig beherrschend, stand ein großer Stuhl aus handgeschnitzter Eiche, stibitzt aus der Sektion für schwedische Moderne der Qualitätsmöbelabteilung. Und auf diesem walhallahaften Thron hielt groß, rosig und rundlich Sergeant Thomas Velie vom Polizeipräsidium hof, verdrossen und doch dankbar für die Anonymität, die ihm der rote Anzug, die lustige Maske und der Bart der ihm zugewiesenen Rolle boten.

Und das war noch nicht alles. In sechs Fuß Abstand zu den Ladentischen schimmerte ringsherum ein Schutzwall aus Spiegelglas, dessen verschiedene Elemente aus der Ausstellung Das Gläserne Heim der Zukunft im fünften Stock geborgt waren und die man so zusammengefügt hatte, dass eine acht Fuß hohe, chrombekränzte Wand entstanden war, die glänzende Oberfläche ganz makellos, außer an den Stellen, wo eine dicke Glastür installiert war. Deren Kanten fügten sich jedoch perfekt ein, und obendrein hatte man sie mit einem formidablen Schloss gesichert, dessen Schlüssel tief in Mr. Queens rechter Hosentasche vergraben lag.

Es war acht Uhr vierundzwanzig morgens. Die Queens, Nikki Porter und Anwalt Bondling standen mit Angestellten des Warenhauses und einer Arme von Polizisten in Zivil in der Hauptverkaufshalle von Nash und begutachteten das Ergebnis ihrer Mühen.

»Ich denke, das wird wohl reichen«, brummte Inspektor Queen schließlich. »Männer! Auf eure Positionen rings um die gläserne Trennwand!«

Vierundzwanzig ausgesuchte Gendarmen in Zivil rempelten sich gegenseitig an, bezogen markierte Stellungen entlang der Trennwand und ihr gegenüber und grinsten zu Sergeant Velie hinauf. Sergeant Velie funkelte von seinem Thron zurück.

»Hagstrom und Piggott zur Tür.«

Zwei Detectives lösten sich von einer Reservegruppe. Während sie Richtung Glastür marschierten, zupfte Mr. Bondling den Inspektor am Ärmel des Überziehers. »Können wir all diesen Männern vertrauen, Inspektor Queen?«, wisperte er. »Ich meine, dieser Comus …«

»Mr. Bondling«, erwiderte der alte Gentleman kalt, »tun Sie Ihren Job, und überlassen Sie mir meinen.«

»Aber …«

»Ausgesuchte Männer, Mr. Bondling! Ich habe sie selbst ausgewählt.«

»Ja, ja, Inspektor, ich dachte nur, ich …«

»Lieutenant Farber.«

Ein kleiner Mann mit wässrigen Augen trat vor.

»Mr. Bondling, das ist Lieutenant Geronimo Farber, Schmuckexperte des Präsidiums. Ellery?«

Ellery zog die Puppe des Dauphin aus einer Tasche seines Paletot, sagte aber: »Wenn es dir nichts ausmacht, Dad, behalte ich sie lieber bei mir.«

Jemand sagte: »Wow!« Und es trat Stille ein.

»Lieutenant, diese Puppe in der Hand meines Sohnes ist die berühmte Puppe des Dauphin mit der Diamantenkrone, die …«

»Fassen Sie sie bitte nicht an, Lieutenant«, sagte Ellery. »Ich hielt es für das beste, wenn niemand sie anfasst.«

»Die Puppe«, fuhr der Inspektor fort, »kommt gerade aus einem Banktresor, den sie niemals hätte verlassen sollen, und Mr. Bondling, der den Ypson-Nachlass verwaltet, behauptet, dass wir es mit einem echten Stück zu tun haben. Lieutenant, begutachten Sie den Diamanten, und sagen Sie uns Ihre Meinung.«

Lieutenant Farber zauberte eine loupe hervor. Ellery hielt die Puppe fest umklammert, und Farber berührte sie nicht.

Schließlich räusperte sich der Experte: »Ich kann natürlich nichts zu der Puppe selbst sagen, wohl aber etwas über die Schönheit des Diamanten. Er ist bei den aktuellen Preisen leicht einhunderttausend Dollar wert – vielleicht sogar mehr. Sieht, nebenbei, nach einer sehr stabilen Fassung aus.«

»Danke, Lieutenant. Okay, mein Junge«, sagte der Inspektor. »Leg los.«

Die Puppe des Dauphin weiterhin fest im Griff haltend, schritt Ellery zu der Glaspforte und schloss sie auf.

»Dieser Farber«, flüsterte Bondling in das haarige Ohr des Inspektors. »Inspektor, sind Sie absolut sicher, dass er …«

»Ob er wirklich Lieutenant Farber ist?« Der Inspektor mühte sich um Selbstbeherrschung. »Mr. Bondling, ich kenne Gerry Farber seit achtzehn Jahren. Beruhigen Sie sich!«

Ellery absolvierte gerade eine riskante Krabbelpartie über den am nächsten stehenden Ladentisch hinweg. Dann eilte er, die Puppe hoch erhoben, durch den Zwischenraum zur Plattform.

»Maestro«, wimmerte Sergeant Velie, »wie zum Teufel soll ich es aushalten, hier den ganzen Tag lang zu sitzen, ohne mir die Hände zu waschen?«

Mr. Queen bückte sich jedoch nur und hob einen schweren kleinen Gegenstand vom Boden auf, eingefasst mit schwarzem Samt und zusammengesetzt aus einem Sockel und einer Rückwand mit zweiarmiger Chromhalterung. Diesen Gegenstand platzierte er auf der Plattform direkt neben Sergeant Velies dicken Beinen.

Vorsichtig stellte er die Puppe des Dauphin in die samtene Nische. Dann kletterte er wieder über den Ladentisch, ging durch die Pforte, schloss sie ab und drehte sich um, um seine Arbeit zu begutachten.

Stolz stand das Spielzeug des Prinzen da, und das Juwel auf seiner kleinen goldenen Krone funkelte regelrecht unter dem konzentrierten Ansturm eines Dutzends der stärksten Scheinwerfer, die das Warenhaus aufzubieten hatte.

»Velie«, sagte Inspektor Queen, »fassen Sie diese Puppe nicht an! Berühren Sie sie nicht mal mit dem Finger!«

»Gaaa«, antwortete der Sergeant.

»An alle Diensthabenden. Machen Sie sich keine Sorge über den Besucherstrom. Ihr Job ist es, diese Puppe dort im Auge zu behalten. Wenden Sie den ganzen Tag lang nicht den Blick von ihr! Mr. Bondling, sind Sie zufrieden?« Mr. Bondling öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, nickte dann aber nur hastig. »Ellery?« Der große Mann lächelte. »Seine einzige Möglichkeit, an das Püppchen zu kommen«, meinte er, »wäre präzises Mörserfeuer oder Zauberei. Lasst die Zugbrücke herunter!«

Damit begann der endlose Tag, dies irae, der letzte verkaufsoffene Tag vor Weihnachten. Traditionellerweise ist es der Tag der Trägen, der Zaudernden, der Unentschlossenen und Vergesslichen, die durch die unerbittliche Mühle der Zeit schließlich doch zwischen die Mühlsteine des Merkantilismus gezerrt werden. Wenn es Frieden auf Erden geben sollte, dann erst nach diesem Tag, und zu keinem Zeitpunkt gibt es im Kreise der in dieses Geschehen Verwickelten so etwas wie Nächstenliebe. Um es mit den Worten Miss Porters auszudrücken: Ein Katzenkampf in einem Vogelkäfig wäre christlicher.

Aber an diesem vierundzwanzigsten Dezember wurde das übliche Chaos bei Nash noch verstärkt durch die schrillen Schreie Tausender von Kindern. Vielleicht trifft zu, was der Psalmist behauptet, dass nur der sich glücklich schätzen kann, der einen Köcher voll von ihnen hat, aber keine Bogenschützen umringten Miss Ypsons Lieblinge an diesem Tag, nur Detectives mit Revolvern, und nicht wenige dieser Polizisten hielten sich nur durch heroische Selbstbeherrschung vor dem Einsatz ihrer Waffen zurück. In den dunklen Menschenmassen, die die Haupthalle überfluteten, huschten die Kleinen wie elektrisch geladene Elritzen hin und her, verfolgt von verzweifelten mütterlichen Schreien und den Verwünschungen derjenigen, deren Schienbeine und Allerwertesten und Zehen der Gnade heißblütiger glücklicher Kindergliedmaßen ausgeliefert waren; in der Tat, nichts war vor ihnen sicher, und man konnte Anwalt Bondling dabei bewundern, wie er zitternd den Paletot fest um sich zog, um sich vor der stürmischen Unschuld der Kinder zu schützen. Die Hüter des Gesetzes, denen man befohlen hatte, sich als Angestellte des Hauses auszugeben, besaßen keine solche Rüstungen, und manch einer verdiente sich am heutigen Tag eine Belobigung für außerordentlichen Einsatz. Sie standen inmitten der tosenden Fluten, die ringsherum Schaumkronen warfen und kreischten: »Puppen! Puppen!« Und schon dieses Wort verlor seine vertraute Bedeutung und wurde zum unbarmherzigen Schrei von Tausenden Loreleis, die starke Männer in den Untergang zu locken versuchten – gnadenlos und aus Kniehöhe.

Jedoch, diese Männer hielten stand.

Und Comus sah seine Absichten vereitelt. Oh, er probierte es! Um elf Uhr achtzehn versuchte ein zittriger alter Mann, der die Hand eines kleinen Jungen hielt, Detective Hagstrom dazu zu verleiten, dass er ihm die Glaspforte öffnete, »damit mein Enkel hier – er ist so schrecklich kurzsichtig – sich die hübschen Puppen besser anschauen kann«. Detective Hagstrom brüllte: »Tölpel!« Und der alte Gentleman ließ sofort die Hand des Jungen los und tauchte mit bemerkenswerter Gelenkigkeit in der Menge unter. Eine sofortige Untersuchung ergab, dass der alte Gentleman, als er den nach seiner Mutti weinenden Jungen gefunden hatte, ihm versprochen hatte, sie mit ihm zu suchen. Der kleine Junge, der seinen Namen mit Lance Morganstern angab, wurde in die Abteilung ›Verloren und Gefunden‹ verfrachtet, und alle waren zufrieden, dass der berühmte Dieb schließlich doch seinen Angriff eingeleitet hatte. Alle, will heißen, von Ellery Queen einmal abgesehen. Er schien verwirrt. Als Nikki ihn nach dem Grund fragte, antwortete er nur: »Dummheit, Nikki, ist einfach nicht sein Stil.«

Um dreizehn Uhr sechsundvierzig gab Sergeant Velie ein Alarmsignal. Anscheinend musste er sich die Hände waschen. Inspektor Queen signalisierte zurück: »Okay. Fünfzehn Minuten.« Sergeant Santa C. Velie verließ eilig seinen Hochsitz, krallte sich den Weg über einen Ladentisch und klopfte drängend an die Innenseite der Glaspforte. Ellery ließ ihn heraus und verschloss die Tür gleich wieder, während des Sergeanten rotgewandete Gestalt sich mit hoher Geschwindigkeit in Richtung des Herrenörtchens auf der Hauptetage entfernte und der Dauphin im alleinigen Besitz des Podestes zurückblieb.

In Abwesenheit des Sergeanten zog Inspektor Queen seine Kreise durch die Reihen seiner Männer und wiederholte den Tagesbefehl.

Velies Reaktion auf den Ruf der Natur führte zu einer vorübergehenden Krise, als der Sergeant weder am Ende der ihm zugeteilten fünfzehn Minuten noch gar nach einer halben Stunde wieder zurückkehrte. Ein zum Herrenörtchen entsandter Bote meldete zurück, dass er ihn dort nicht vorgefunden habe. Üble Machenschaften wurden auf der gleich an Ort und Stelle abgehaltenen Krisensitzung befürchtet und Gegenmaßnahmen geplant, selbst dann noch, als man um vierzehn Uhr fünfunddreißig der vertrauten Weihnachtsmannverkleidung des stämmigen Sergeanten wieder ansichtig wurde, die sich ihren Weg durch die Massen freikämpfte und dabei ihre Maskierung zurechtrückte.

»Velie«, knurrte Inspektor Queen, »wo haben Sie gesteckt?«

»Beim Mittagessen«, grollte die Stimme des Sergeanten abwehrend. »Den ganzen verdammten Tag lang habe ich meine Strafe wie ein guter Soldat auf mich genommen, Inspektor, aber selbst im Dienst ist irgendwann für mich die Grenze erreicht, wenn es ans Verhungern geht.«

»Velie!« Dem Inspektor versagte die Stimme, aber dann winkte er matt ab und sagte nur: »Ellery, lass ihn wieder hinein.«

Und das war schon fast alles. Der einzige sonst noch erwähnenswerte Zwischenfall ergab sich um sechzehn Uhr zweiundzwanzig. Eine gut gepolsterte Frau mit rotem Gesicht schrie gellend: »Haltet den Dieb! Er hat mir die Handtasche gestohlen! Polizei!« Sie tat dies in etwa fünfzig Fuß Entfernung zur Ypson-Ausstellung. Ellery schrie sofort: »Das ist ein Trick! Männer, lasst ja diese Puppe nicht aus den Augen!«

»Es ist Comus, als Frau verkleidet!«, rief Anwalt Bondling, während Inspektor Queen und Detective Hesse die weibliche Gestalt durch die Menge zerrten. Das Gesicht der Frau zeigte jetzt eine wundervolle tiefrote Tönung. »Was macht ihr eigentlich?«, kreischte sie. »Verhaftet nicht mich, sondern den Halunken, der mir die Handtasche gestohlen hat!«

»Ist nicht drin, Comus«, antwortete der Inspektor. »Wischen Sie Ihr Make-up weg.«

»McComus?«, fragte die Frau mit lauter Stimme. »Ich heiße Rafferty, und alle Leuten haben es gesehen. Es war ein dicker Mann mit Schnurrbart.«

»Inspektor«, meldete sich Nikki, die heimlich ein wissenschaftliches Experiment durchgeführt hatte, »das ist eine Frau, glauben Sie mir.« Und wahrhaftig stellte sich heraus, dass sie recht hatte. Alle stimmten darin überein, dass der beschnurrbarte dicke Herr Comus gewesen sein musste, der ein Ablenkungsmanöver hatte durchführen wollen, in der verzweifelten Hoffnung, in dem entstehenden Durcheinander eine Gelegenheit zum Raub des kleinen Dauphin zu erhalten.

»Dumm, dumm«, brummte Ellery und kaute auf den Fingernägeln.

»Sicher«, grinste der Inspektor. »Wir haben ihm die Tour vermasselt, Ellery. Es war sein letzter, verzweifelter Versuch. Er ist gescheitert!«

»Offen gesagt«, bemerkte Nikki naserümpfend, »bin ich etwas enttäuscht.«

»Besorgt«, stellte Ellery fest, »würde auf mich schon eher zutreffen.«

Inspektor Queen war ein zu erfahrener Gaunerschreck, um in diesem kritischen Augenblick in seiner Aufmerksamkeit nachzulassen. Als um siebzehn Uhr dreißig die Gongs läuteten und die Menschenmassen sich in Richtung der Ausgänge vorkämpften, bellte er: »Männer, haltet eure Stellung! Behaltet diese Puppe im Auge!« Also blieb jedermann auf der Hut, obwohl sich das Geschäft leerte. Die Reserveleute drängten die Kunden, sich zu beeilen. Ellery, der auf einem Informationsschalter stand, sah, dass es Engpässe gab, und wedelte mit den Armen.

Um siebzehn Uhr fünfzig gehörte die Hauptetage nicht mehr zum eigentlichen Kriegsgebiet. Alle Nachzügler waren vertrieben. Nur Flüchtlinge waren noch zu sehen, die die Schlussglocke in den oberen Etagen erwischt hatte, und die jetzt aus den Fahrstühlen strömten und von einer geschlossenen Front aus Polizisten und ordentlichem Geschäftspersonal zu den Türen geleitet wurden. Um achtzehn Uhr fünf war aus diesem Strom ein Rinnsal geworden, das um achtzehn Uhr zehn schließlich ganz versiegte. Selbst das Personal verlief sich jetzt langsam.

»Halt, Leute!«, rief Ellery mit scharfer Stimme von seinem Beobachtungsposten herüber. »Bleibt, wo ihr seid, bis alle Angestellten gegangen sind!« Die Schalterbediensteten waren schon lange verschwunden.

Von der anderen Seite der Glaspforte aus ertönte Sergeant Velies klagende Stimme: »Ich muss nach Hause und den Baum schmücken! Maestro, würden Sie sich bitte mit dem Schlüssel beeilen!«

Ellery sprang vom Schalter herunter und eilte herbei, um Velie hinauszulassen. Detective Piggott erkundigte sich höhnisch: »Haben Sie vor, morgen früh für Ihre Kinder den Weihnachtsmann zu spielen, Velie?« Woraufhin der Sergeant sogar durch seine Maske hindurch laut und deutlich ein unanständiges Wort hervorbrachte – ungeachtet der Anwesenheit Miss Porters – und in Richtung Herrentoilette davonstampfte.

»Wohin wollen Sie, Velie?« fragte der Inspektor lächelnd.

»Ich muss doch irgendwo aus diesen vermaledeiten Weihnachtsmannklamotten heraus, oder nicht?«, tönte die Stimme des Sergeanten dumpf unter der Maske hervor, und Velie verschwand in einem Lachorkan seiner Kollegen.

»Immer noch besorgt, Mr. Queen?«, gluckste der Inspektor.

»Ich verstehe das nicht.« Ellery schüttelte den Kopf. »Nun, Mr. Bondling, dort ist Ihr Dauphin, von Menschenhand unberührt.«

»Ja, ausgezeichnet!« Anwalt Bondling wischte sich glücklich die Stirn ab. »Ich muss einräumen, dass ich es ebenfalls nicht verstehe, Mr. Queen, es sei denn, Comus wäre ein weiterer Fall von jemandem mit einem ganz ungerechtfertigten Ruf …« Plötzlich packte er den Inspektor. »Diese Männer da«, flüsterte er. »Wer sind sie?«

»Entspannen Sie sich, Mr. Bondling«, sagte der Inspektor gutgelaunt. »Es sind nur die Leute, die die Puppen zurück zur Bank bringen. Warten Sie mal, Sie da drüben! Vielleicht wäre es besser, Mr. Bondling, wenn wir den Dauphin persönlich zurück in den Tresor brächten.«

»Halten Sie diese Burschen zurück«, wies Ellery die Männer des Präsidiums leise an und folgte dem Inspektor und Mr. Bondling in die Umschließung. Sie zogen zwei der Ladentische an einer Ecke auseinander und schlenderten zur Plattform hinüber. Der Dauphin blinzelte ihnen freundlich zu. Sie standen da und schauten ihn an.

»Niedlicher kleiner Teufel«, meinte der Inspektor.

»Es kommt einem jetzt richtig töricht vor«, strahlte Anwalt Bondling, »sich den ganzen Tag lang solche Sorgen gemacht zu haben.«

»Comus muss doch irgendeinen Plan gehabt haben«, murmelte Ellery.

»Sicher«, sagte der Inspektor. »Die Verkleidung als alter Mann. Und die Nummer mit der geklauten Handtasche.«

»Nein, nein, Dad! Etwas Clevereres. Er hat sich bislang immer ganz schlau angestellt.«

»Nun, da ist der Diamant«, bemerkte der Anwalt gelassen. »Also hat er es diesmal nicht.«

»Verkleidung …« brummte Ellery. »Es war bislang immer eine Verkleidung. Weihnachtsmannkostüm – hat er schon mal benutzt – heute morgen vor der Bank … Haben wir heute hier irgendwo einen Weihnachtsmann gesehen?«

»Nur Velie«, grinste der Inspektor. »Und ich glaube kaum …«

»Warten Sie mal«, sagte Anwalt Bondling mit ganz merkwürdiger Stimme. Er starrte die Puppe des Dauphin an.

»Worauf warten, Mr. Bondling?«

»Was ist los?«, fragte Ellery, ebenfalls mit ganz merkwürdiger Stimme.

»Aber … unmöglich …«, stammelte Bondling. Er riß die Puppe von ihrem schwarzen Samtständer. »Nein!«, heulte er. »Das ist nicht der Dauphin! Es ist eine Fälschung, eine Kopie!«

Etwas machte in Mr. Queens Kopf leise klick!, als hätte sich ein Uhrzeiger weiterbewegt. Und es wurde Licht.

»Ein paar von euch Männern!«, donnerte er. »Los, hinter dem Weihnachtsmann her!«

»Hinter wem, Mr. Queen?«

»Wovon redet er?«

»Hinter wem, Ellery?«, keuchte Inspektor Queen.

»Was ist los?«

»Keine Ahnung!«

»Stehen Sie doch nicht so herum! Schnappen Sie ihn!«, kreischte Ellery und hüpfte dabei auf und nieder. »Den Mann, den ich gerade hinausgelassen habe! Den Weihnachtsmann, der zu den Toiletten gegangen ist.«

Etliche Detectives rannten wie verrückt los.

»Aber Ellery«, ließ sich eine dünne Stimme vernehmen, und Nikki stellte fest, dass es ihre eigene war, »das war doch Sergeant Velie.«

»Es war nicht Velie! Als Velie kurz vor vierzehn Uhr verschwand, um sich zu erleichtern, hat Comus ihm aufgelauert! Es war Comus, der in Velies Weihnachtsmannausrüstung zurückkehrte, komplett mit Bart und Maske! Comus hat den ganzen Nachmittag lang auf der Plattform gesessen!« Er entriss Anwalt Bondling den Dauphin. »Eine Kopie! Irgendwie hat er es geschafft, er hat es tatsächlich geschafft.«

»Aber Mr. Queen«, flüsterte Anwalt Bondling, »seine Stimme! Er hat uns doch … mit Sergeant Velies Stimme angesprochen.«

»Ja, Ellery«, hörte Nikki sich selbst sagen.

»Ich sagte Ihnen bereits gestern, dass Comus ein fantastischer Schauspieler ist, Nikki. Lieutenant Farber! Ist Lieutenant Farber noch hier?« Der Schmuckexperte, der aus einiger Entfernung mit offenem Mund zugeschaut hatte, schüttelte den Kopf, als wollte er seine Gedanken klären, und kam in die Umschließung geschlurft.

»Lieutenant«, sagte Ellery mit erstickter Stimme. »Untersuchen Sie diesen Diamanten. Ich meine, ist es überhaupt ein Diamant?«

Inspektor Queen nahm die Hände vom Gesicht und fragte benommen: »Nun, Gerry?«

Lieutenant Farber blickte mit zusammengekniffenen Augen durch seine loupe. »Verdammt! Es ist ein Strass …«

»Ein was?«, erkundigte sich der Inspektor kläglich.

»Straß – Bleiglas – ein Similistein. Eine wundervolle Imitation, die schönste Arbeit, die ich je gesehen habe.«

»Bringt mich zu diesem Weihnachtsmann«, flüsterte Inspektor Queen.

Aber der Weihnachtsmann wurde schon zu ihnen gebracht. Im Griff von einem Dutzend Detectives, den roten Mantel heruntergerissen, die rote Hose um die Knöchel, die Bartmaske aber noch im Gesicht, wehrte sich ein großer, lauthals schimpfender Mann.

»Aber ich sag euch doch, ich bin Sergeant Velie!«, tobte er. »Nehmt doch einfach die Maske herunter und seht selbst!«

»Das ist ein Vergnügen«, knurrte Detective Hagstrom, der dem Gefangenen gerade den Arm zu brechen versuchte, »das wir für den Inspektor reserviert haben.«

»Haltet ihn gut fest, Jungs«, flüsterte der Inspektor. Seine Hand zuckte wie eine Kobra vor und riss das Gesicht des Weihnachtsmanns an sich.

Und dahinter kam tatsächlich Sergeant Velie zum Vorschein.

»Wieso ist es denn Velie?«, staunte der Inspektor.

»Ich habe es schon tausendmal erklärt«, sagte der Sergeant und verschränkte die Arme vor der breiten, behaarten Brust. »Wo ist jetzt dieser Typ, der mir den Arm brechen wollte?« Dann setzte er hinzu: »Meine Hose!« Und während sich Miss Porter feinfühlig abwandte, bückte sich Detective Hagstrom demütig und zog Sergeant Velie die Hose hoch.

»Lassen wir das«, sagte eine kalte Stimme wie von ferne.

Es war der Meister persönlich.

»Yeah?«, fragte Sergeant Velie feindselig.

»Velie, wurden Sie nicht angegriffen, als Sie kurz vor vierzehn Uhr die Herrentoilette betraten?«

»Sehe ich aus, als könnte man mich so einfach angreifen?«

»Sie waren zu Mittag – persönlich?«

»Und es schmeckte absolut mies.«

»Sie haben den ganzen Nachmittag lang hier zwischen den Puppen gesessen?«

»Niemand sonst, Maestro. Jetzt, meine Freunde, möchte ich Action sehen und ein paar flotte Sprüche hören. Worum geht es hier eigentlich? Und möglichst«, ergänzte er leise, »bevor ich die Geduld verliere.«

Während verschiedene Redner aus dem Präsidium vor dem schweigenden Sergeant improvisierte Vorträge zum besten gaben, wandte sich Inspektor Richard Queen an seinen Sohn.

»Ellery, mein Junge. Wie in drei Teufels Namen hat er das nur geschafft?«

»Pa«, antwortete der Meister, »ich habe keine Ahnung!«

Man dekoriere sein Zimmer mit Stechpalmzweigen, aber nicht, wenn man Queen heißt und es ein ganz bestimmter vierundzwanzigster Dezember ist. Trägt man an diesem beklagenswerten Abend den Namen Queen, sitzt man vielmehr im Wohnzimmer einer New Yorker Wohnung und starrt betrübt in ein düsteres Kaminfeuer, statt Lieder anzustimmen. Und man hat Gesellschaft. Die Gästeliste ist kurz, aber erlesen. Sie enthält zwei Namen, eine Miss Porter und einen Sergeant Velie, und die haben auch keinen Trost zu bieten.

Nein, es wird kein altes Weihnachtslied geträllert; nur die Stille singt.

Klage in deiner Gruft, Cytherea Ypson, denn alles war umsonst; dein kleiner Dauphinschatz ruht nicht in der leeren Schatulle der Waisen, sondern im heißen Griff eines Menschen, der seine üble Inspiration von einem seit Langem dahingeschiedenen Spezialisten im Verschwinden bezog.

Alles Reden hatte sich erledigt. Sollte ein kluger Mann eitles Wissen von sich geben und seinen Bauch mit heißer Luft füllen? Wer zu viel spricht, begeht eine Sünde, sagt der Talmud. Er vergeudet auch seinen Atem. Und die erwähnten Personen hatten den Punkt erreicht, wo sie damit haushalten mussten, denn ihr verfügbarer Vorrat war erschöpft.

Tatsache war: Lieutenant Geronimo Farber vom Polizeipräsidium hatte den Diamanten auf der Krone des echten Dauphin untersucht, und das nur wenige Sekunden bevor die Puppe an ihren gesicherten Platz in der Umschließung gebracht worden war. Lieutenant Farber hatte den Diamanten als Diamanten ausgewiesen und nicht nur als einen beliebigen Diamanten, sondern einen, der seiner Meinung nach über hunderttausend Dollar wert war.

Frage: Hatte Lieutenant Farber gelogen?

Antwort: Lieutenant Farber war (a) ein integrer Mann, bewährt in tausend Prüfungen, und (b) unbestechlich. (a) und (b) hatte Inspektor Queen heftig bezeugt und dabei auf den Bart seines persönlichen Propheten geschworen.

Frage: Hatte sich Lieutenant Farber geirrt?

Antwort: Lieutenant Farber war ein landesweit berühmter Polizeiexperte auf dem Gebiet wertvoller Steine. Man musste davon ausgehen, dass er einen echten Diamanten von einem zurechtgeschnittenen Stück Glas unterscheiden konnte.

Frage: War es denn der echte Lieutenant Farber gewesen?

Antwort: Beim Barte desselben Propheten, es war Lieutenant Farber und kein Faksimile gewesen.

Schlussfolgerung: Der Diamant, den Lieutenant Farber untersucht hatte, kurz bevor morgens die Tore von Nash geöffnet hatten, war der echte Diamant des Dauphin gewesen und die Puppe die echte Puppe des Dauphin; und dieses echte Stück hatte Ellery persönlich in die gläserne Festung gebracht und zwischen den echten Füßen des authentischen Sergeant Velie plaziert.

Tatsache war: Den ganzen Tag lang – insbesondere von dem Zeitpunkt, an dem der Dauphin in seiner Nische abgestellt worden war, bis zum Anblick seiner Entlarvung als Fälschung, das heißt, über den ganzen Zeitraum hinweg, in dem Diebstahl und Austausch zumindest theoretisch möglich gewesen waren, hatte keine Person, weder Mann noch Frau, weder Erwachsener noch Kind, einen Fuß in die Umschließung gesetzt, ausgenommen Sergeant Thomas Velie alias der Weihnachtsmann.

Frage: Hatte Sergeant Velie bei einer der beiden Gelegenheiten, zu denen er die Umschließung verlassen hatte, den echten Dauphin, versteckt in seinem Aufzug als Weihnachtsmann, fortgebracht, um ihn später irgendwo abzuholen oder ihn an Comus oder einen seiner Spießgesellen zu übergeben?

Antwort (von Sergeant Velie):*

Bestätigung: Einige Dutzend Personen mit Polizeiausbildung und besonderen Instruktionen, ganz zu schweigen von den Queens selbst, von Nikki Porter und Anwalt Bondling, bezeugten übereinstimmend, dass Sergeant Velie die Puppe den ganzen Tag lang nicht angefasst hatte.

Schlussfolgerung: Sergeant Velie konnte die Puppe des Dauphin nicht gestohlen haben und hatte sie demzufolge auch nicht gestohlen.

Tatsache war: Alle mit der Bewachung der Puppe beauftragten Personen schworen, dass sie ihrer Aufgabe den ganzen lieben langen Tag über nachgekommen waren, ohne einmal zu schwanken oder behindert zu werden; und darüber hinaus, dass zu keinem Zeitpunkt irgendjemand oder irgendetwas die Puppe von innerhalb oder außerhalb der Umschließung aus berührt hatte.

Frage: War es nicht in Anbetracht der Fehlbarkeit des Menschen möglich, dass sich die Personen, die diesen Eid ablegten, im Irrtum befanden? Hatte ihre Aufmerksamkeit nicht vielleicht unter Müdigkeit, Langeweile usw. gelitten?

Antwort: Ja, das war möglich, aber nach allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit nicht bei allen gleichzeitig. Und während der beiden einzigen Ablenkungen im Verlauf des Risikozeitraumes hatte Ellery, wie er selbst bezeugte, den Dauphin im Auge behalten, und ihm zufolge hatte sich der Puppe nichts und niemand genähert.

Tatsache war: Trotz allem musste letztlich festgestellt werden, dass der echte Dauphin verschwunden und durch eine wertlose Kopie ersetzt worden war.

»Es war einfach brillant und unvorstellbar clever«, meinte Ellery schließlich. »Eine meisterhafte Illusion. Es war natürlich eine Illusion …«

»Hexerei!«, ächzte der Inspektor.

»Massenhypnose«, schlug Nikki Porter vor.

»Massenvogelmist«, knurrte der Sergeant.

Zwei Stunden später meldete sich Ellery wieder.

»Also hatte Comus eine wertlose Kopie des Dauphin schon vorbereitet, um den Austausch vorzunehmen«, brummte er. »Es ist ein weltberühmtes Püppchen, von dem es zahllose Illustrationen gibt, präzise Beschreibungen, Fotografien … Aber wie in aller Welt hat er es nur geschafft? Wie? Wie?«

»Das haben Sie«, stellte der Sergeant fest, »schon ein paar Dutzend Mal gefragt.«

»Die Glocken läuten«, seufzte Nikki, »aber für wen? Nicht für uns.« Und wahrhaftig, während sie dort zusammengesackt saßen, hatte die Zeit, von Seneca als Vater der Wahrheit bezeichnet, die Schwelle zum Weihnachtsfest überschritten. Und Nikki wirkte beunruhigt, denn als gerade jenes segensreiche alte Lied um Mitternacht ganz klar und deutlich vernehmbar erklang, strahlte ein helles Licht aus Ellerys Augen und zauberte ein seliges Lächeln auf sein bis dahin verzerrtes Gesicht. Frieden breitete sich darin aus, der Frieden, der aus dem Verstehen resultiert. Und Ellery warf das edle Haupt zurück und lachte mit der Heiterkeit eines unschuldigen Kindes.

»Hey!«, sagte Sergeant Velie und starrte ihn an.

»Sohn«, hub Inspektor Queen an und traf Anstalten, sich aus dem Sessel zu erheben, als das Telefon läutete.

»Fantastisch!«, schrie Ellery. »Oh, ausgezeichnet! Wie hat Comus den Austausch durchgeführt, wie? Nikki …«

»Von irgendwoher«, sagte Nikki und reichte ihm den Hörer, »ruft jemand an, und wenn Sie mich fragen, stellt er sich mit ›Comus‹ vor. Am besten fragen Sie ihn nach einer Antwort?«

»Comus«, flüsterte der Inspektor und sackte in sich zusammen.

»Comus«, echote der Sergeant verblüfft.

»Comus?«, fragte Ellery herzlich. »Wie nett! Hallo da! Meinen Glückwunsch.«

»Nun, ich danke Ihnen«, sagte die schon bekannte tiefe, dumpfe Stimme. »Ich rufe an, um Ihnen für einen wundervollen Tag meine Anerkennung auszusprechen und Ihnen frohe Weihnachten zu wünschen.«

»Sie sehen selbst einem recht frohen Fest entgegen, wenn ich es richtig verstehe.«

»Laeti triumphantes«, sagte Comus jovial.

»Und die Waisenkinder?«

»Ihnen gelten meine besten Wünsche. Aber ich möchte Sie nicht lange aufhalten, Ellery. Wenn Sie einen Blick auf die Fußmatte vor Ihrer Wohnungstür werfen wollen, werden Sie dort – dem Geist der Jahreszeit gemäß – ein kleines Geschenk entdecken, mit den besten Grüßen von Comus. Wollen Sie bitte Inspektor Queen und Anwalt Bondling von mir grüßen?«

Ellery legte lächelnd auf.

Auf der Fußmatte entdeckte er die echte Puppe des Dauphin. Sie war intakt, von einem nebensächlichen Detail abgesehen. Der Edelstein auf der kleinen goldenen Krone fehlte.

»Es handelte sich«, sagte Ellery später, während er ein Rindfleischsandwich verspeiste, »um ein fundamental einfaches Problem. Das gilt für alle großen Illusionen. Ein wertvoller Gegenstand wird offen erkennbar in einer undurchdringlichen Umschließung platziert und mit Adleraugen von ein paar Dutzend gründlich ausgesuchten und zuverlässigen, gut ausgebildeten Personen überwacht. Er ist zu keinem Zeitpunkt ihrem Blick entzogen, wird weder von Menschenhand noch sonst etwas berührt und ist doch am Schluss des fraglichen Zeitraums verschwunden – gegen eine wertlose Kopie ausgetauscht. Wunderbar. Erstaunlich. Es übersteigt die Vorstellungskraft. Und doch ist es – wie jeder magische Hokuspokus – sofort erklärbar, wenn man nur in der Lage ist – wie ich es leider nicht war –, das Wunder zu ignorieren und sich an die Tatsachen zu halten. Andererseits dient das Wunder jedoch genau diesem Zweck: den Blick auf die Tatsachen zu verstellen.

Welches sind nun die Tatsachen?«, fuhr er fort und bediente sich mit einer in Dill eingelegten Gurke. »Tatsache ist, dass zwischen der Aufstellung der Puppe auf der Plattform und der Entdeckung des Diebstahls niemand und nichts sie berührt hat. Deshalb kann der Dauphin in diesem Zeitraum nicht gestohlen worden sein! Woraus wiederum schlicht und unvermeidlich folgt, dass er außerhalb dieses Zeitraums gestohlen worden sein muss.

Vorher? Nein. Ich habe den echten Dauphin mit eigener Hand innerhalb der Umschließung aufgestellt; bis zum Beginn des fraglichen Zeitraums hat keine Hand außer meiner die Puppe angefasst – nicht einmal die von Lieutenant Farber, wie Sie sich erinnern werden.

Also muss der Dauphin nachher gestohlen worden sein.«

Ellery fuchtelte mit der halben Gurke herum. »Und wer«, verlangte er mit ernster Stimme zu wissen, »ist die einzige Person außer mir, die nach Ende des fraglichen Zeitraumes die Puppe in der Hand hatte, ehe Lieutenant Farber bekanntgab, der Diamant wäre nur ein Glasimitat? Die einzige?«

Der Inspektor und der Sergeant tauschten verwirrte Blicke aus, und auch Nikki schaute verständnislos drein.

»Nun, Mr. Bondling natürlich«, sagte sie, »und der zählt nicht.«

»Er zählt sogar sehr, Nikki«, erwiderte Ellery und griff nach dem Senf, »denn die Tatsachen besagen, dass Bondling zum genannten Zeitpunkt den Dauphin gestohlen hat.«

»Bondling!« Der Inspektor wurde bleich.

»Ich verstehe das nicht«, beschwerte sich Sergeant Velie.

»Ellery, Sie müssen sich irren«, meinte Nikki. »Als Mr. Bondling die Puppe von der Plattform nahm, hatte der Diebstahl bereits stattgefunden. Was er aufhob, war bereits die wertlose Kopie.«

»Das«, sagte Ellery und streckte die Hand nach einem weiteren Sandwich aus, »bildete den Kern der Illusion. Woher aber wissen wir, dass das, was er zur Hand nahm, tatsächlich die wertlose Kopie war? Nun, weil er es behauptet hat. Einfach, nicht wahr? Er sagte es, und als die Trottel, die wir waren, akzeptierten wir seine unbewiesene Aussage wie das Evangelium.«

»Das stimmt!«, brummte sein Vater. »Eine richtige Begutachtung der Puppe hat erst etliche Sekunden später stattgefunden.«

»Genau«, bestätigte Ellery mit vollem Mund. »Es kam für kurze Zeit zu einem herrlichen Durcheinander, wie es Bondling vorhergesehen hatte. Ich schrie die Jungs an, sie sollten dem Weihnachtsmann folgen und ihn festnehmen – ich meine, unseren Sergeanten hier. Die Detectives waren für einen Moment demoralisiert. Du, Dad, warst ganz benommen. Nikki zog ein Gesicht, als wäre das Dach eingestürzt. Ich gab eine aufgeregte Erklärung zum besten. Ein paar Detectives rannten los, andere liefen wild durcheinander. Und während all das geschah, während der wenigen Augenblicke, in denen niemand einen Blick für die echte Puppe in Bondlings Hand übrig hatte, weil alle sie für eine Fälschung hielten, steckte Bondling sie in aller Ruhe in eine Tasche seines Überziehers und zog die wertlose Kopie, die er schon den ganzen Tag lang mit sich herumgeschleppt hatte, aus einer anderen Tasche. Als ich mich ihm wieder zuwandte, war es die Fälschung, die ich ihm aus der Hand riss. Und seine Illusion war komplett.

Ich weiß«, ergänzte er trocken, »es ist eine ziemliche Enttäuschung. Deshalb hüten Illusionisten ihre Berufsgeheimnisse so eifersüchtig; Wissen bedeutet Entzauberung. Zweifellos wäre es dem ungläubigen Staunen des perückengekrönten Londoner Publikums von Comus, dem französischen Magier, nicht anders ergangen, hätte er die Falltür gezeigt, durch die seine Frau verschwand, als er sie von einem Tisch hexte. Ein guter Trick – wie eine gute Frau – kommt im Dunkeln am besten zur Geltung. Sergeant, nehmen sie sich doch noch ein Rindfleischsandwich.«

»Komisches Futter für den frühen Weihnachtsmorgen«, sagte der Sergeant und streckte die Hand aus. Dann hielt er inne. Dann sagte er: »Bondling«, und schüttelte den Kopf.

»Jetzt, wo wir wissen, dass es Bondling war«, sagte der Inspektor, der sich etwas erholt hatte, »ist es ein Klacks, den Diamanten zurückzuholen. Er hatte noch nicht genug Zeit, um ihn an den Mann zu bringen. Ich brauche nur in der City anzurufen …«

»Warte, Dad«, bat Ellery.

»Worauf?«

»Wem willst du die Hunde auf den Hals hetzen?«

»Was?«

»Du möchtest im Präsidium anrufen, einen Haftbefehl beantragen und so weiter. Aber wer ist dein Mann?«

Der Inspektor fasste sich an den Kopf. »Wieso … Sagtest du nicht Bondling?«

»Es wäre vielleicht klug«, meinte Ellery und suchte nachdenklich auf der Zunge nach einem Samenkörnchen, »seinen Decknamen anzugeben.«

»Seinen Decknamen?« fragte Nikki. »Hat er denn einen?«

»Welchen Decknamen, Junge?«

»Comus.«

»Comus!«

»Comus?«

»Comus.«

»Ach, kommen Sie«, sagte Nikki und goss sich elegant Kaffee ein, denn sie hatte für das Weihnachtsessen des Inspektors geübt. »Wie kann es sich bei Bondling um Comus handeln, wenn Bondling doch den ganzen Tag mit uns zusammen war? Comus ist mehrmals in Verkleidung aufgetreten … Dieser Weihnachtsmann, der mir vor der Bank den Brief übergab; der alte Mann, der Lance Morganstern geknidnappt hatte; der Dieb mit dem Schnurrbart, der sich Mrs. Raffertys Handtasche schnappte.«

»Yeah«, warf der Sergeant ein, »wie sollte das gehen?«

»Diese Illusionen sind schwer zu durchschauen«, meinte Ellery. »War es nicht Comus, der vor wenigen Minuten angerufen hat, um mich mit dem Diebstahl aufzuziehen? War es nicht Comus, der mitteilte, er hätte den gestohlenen Dauphin – abzüglich des Diamanten – auf unsere Fußmatte gelegt? Eben aus diesem Grund sind Comus und Bondling identisch.

Ich erklärte bereits, dass Comus niemals etwas ohne guten Grund tut«, fuhr er fort. »Warum verkündete ›Comus‹ unserem Herrn ›Bondling‹, er plante, die Puppe des Dauphins zu stehlen? Bondling selbst teilte uns das mit – und legte damit den Finger auf sein Alter ego –, damit wir glaubten, dass es sich bei ihm und Comus um verschiedene Personen handelte. Er wollte, dass wir nach Comus Ausschau hielten und Bondling gar nicht erst verdächtigten. Und um seine Strategie taktisch in die Tat umzusetzen, lieferte er uns im Verlauf des Tages drei ›Comus‹-Auftritte – offensichtlich mit Hilfe von Spießgesellen.

Ja«, ergänzte er, »ich denke, Dad, wenn du die Sache zurückverfolgst, wirst du feststellen, dass der große Dieb, den du seit fünf Jahren zu fassen versuchst, die ganze Zeit über als angesehener Nachlassanwalt an der Park Row ansässig war, der nachts seine Kniffe und Spitzfindigkeiten gegen weiche Schuhe und abgedunkelte Laternen vertauschte. Und jetzt wird er all das gegen eine Nummer und eine vergitterte Tür eintauschen müssen. Schön, schön, es hätte zu keiner passenderen Jahreszeit geschiehen können. Ein altes englisches Sprichwort besagt, dass sich der Teufel seine Weihnachtspastete aus Anwaltszungen macht. Nikki, würden Sie bitte die Sandwiches herumreichen?«

Originaltitel: The Adventure of
the Dauphin’s Doll

Ins Deutsche übertragen von
Thomas Schichtel

* gestrichen. (Der Herausgeber)

Das größte aller Rätsel

Colin Dexter

Wie Dorothy L. Sayers und Michael Innes, in deren Tradition er steht, verknüpft Colin Dexter in seinen Kriminalgeschichten Klugheit und Humor mit einer clever konstruierten Handlung. Sein Held, Inspector Morse, taucht in all seinen Romanen auf und hat eine überaus erfolgreiche, nach ihm benannte britische Fernsehserie inspiriert, Inspector Morse, in der Dexter in fast jeder Folge (ähnlich wie Alfred Hitchcock) einen Cameo-Auftritt hat. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass Dexter einer der weltbesten Kreuzworträtsel-Löser ist, der die bedeutendsten Wettbewerbe in dieser Disziplin gewonnen hat. Das größte aller Rätsel wurde erstmals in Morse’s Greatest Mystery and Other Stories (London, Macmillan, 1993) veröffentlicht.

Das größte aller Rätsel

Colin Dexter

»Hallo!«, polterte Scrooge, wobei er seine gewohnte Stimme nachahmte, so gut er es vermochte. »Was erlauben Sie sich, hier so spät zu erscheinen?«

– Dickens, Ein Weihnachtsmärchen

Sergeant Lewis klopfte verhalten an die Tür zu Inspector Morses Wohnung in North Oxford. Nur wenigen war bisher Einlass in diese Räumlichkeiten gewährt worden, in denen sich Buch an Buch reihte und Richard Wagner Dauergast war. Nicht einmal Lewis hatte sich hier je besonders willkommen gefühlt, selbst an Weihnachten nicht. Auch diesmal passte es so gar nicht zum Fest der Liebe, als Morse seinen Sergeant hereinwinkte, denn er führte dabei ein höchst unweihnachtliches Telefonat mit dem Geschäftsführer seiner Bank.

»Zum Henker! Wenn ich ein paar Hunderter auf meinem Tageskonto habe, ist das meine Sache. Ich verlange nicht einmal Zinsen! Dafür erwarte ich aber auch, dass Sie verdammt noch mal keine Gebühren erheben, wenn ich – wie oft? Ein-, zweimal im Jahr? – mein Konto überziehe. Nicht dass ich geizig wäre«, Lewis’ Augenbrauen hoben sich einen guten Zentimeter, »aber wenn so etwas noch einmal vorkommt, bestehe ich darauf, dass Sie mich unverzüglich anrufen und mir erklären, warum

Damit knallte Morse den Hörer auf die Gabel und saß dumpf brütend da.

»Hört sich nicht so an, als wären Sie in Weihnachtsstimmung«, wagte Sergeant Lewis anzumerken.

»Ich hasse Weihnachten. Schon immer.«

»Fahren Sie weg, Sir?«

»Nein. Bleibe in Oxford. Dringende Verschönerungsarbeiten.«

»Den Weihnachtsbaum schmücken!«

»Die Küche streichen. Ich hasse Weihnachtsbäume. Schon immer.«

»Sie hören sich mehr und mehr wie Scrooge an, Sir.«

»Und ich werde einen Roman von Dickens lesen. Wie immer. Vielmehr wieder lesen.«

»Also, wenn ich gerade erst mit Dickens beginnen würde, Sir, welchen Roman …«

»Bleak House. Danach Little Dorrit, und dann …«

Das Telefon klingelte. Es war Inspector Morses Sekretärin in der Polizeizentrale. Sie teilte ihm mit, dass er bei der Wohltätigkeits-Tombola der Polizei einen Geschenkgutschein über 50 £ gewonnen habe. Diesmal legt Morse den Hörer viel manierlicher auf als nach dem Gespräch zuvor. Er blickte seinen Sergeant an.

»Scrooge, sagten Sie, Lewis? Habe ich Ihnen erzählt, dass ich bei der Tombola sage und schreibe fünf Lose gekauft habe, für ein Pfund das Stück!«

»Ich auch, Sir. Nur dass ich nichts gewonnen habe.«

Morse lächelte selbstzufrieden. »Großzügigkeit – das ist die frohe Botschaft, Lewis! Es ist der wohltätige Zweck, um den es geht, nicht der schnöde Gewinn.«

»Gewiss, Sir. Ich warte im Wagen, Sir«, erwiderte Lewis, der wütend wurde, wie er sich eingestehen musste. Mit Morses aufbrausendem Temperament kam er halbwegs zurecht, aber der Gedanke, seinen Vorgesetzten noch länger über seine selbstlose Großzügigkeit schwadronieren zu hören, erschien ihm unerträglich!

Morses alter Jaguar war wieder mal in der Werkstatt (»Zu geizig, um sich einen neuen zu kaufen!«, lästerten die Kollegen); deshalb war es Lewis’ Job, den Chief Inspector an diesem Tag herumzukutschieren und ihm zweifellos (wenn alles so lief wie gewohnt) das ein oder andere Pint zu spendieren. In der Tat deutete alles darauf hin: Morse hatte es so geschickt gedeichselt, dass ihre Ankunft im George an diesem Morgen genau mit dessen Öffnungszeit zusammenfiel.

Während sie am Bahnhof vorbei zum Pub fuhren, berichtete Lewis, was er über die Geschehnisse am Tag zuvor in Erfahrung hatte bringen können. Die Besitzer des George hatten 400 £ zur Unterstützung der Littlemore-Stiftung für geistig zurückgebliebene Kinder gesammelt. Ende der Woche sollte diese formidable Summe dem Schriftwart der Stiftung überreicht werden. Die Oxford Times hatte sogar versprochen, einen Fotografen vorbeizuschicken, um das große Ereignis für die Nachwelt zu dokumentieren.

Mrs. Michaels, die Wirtin, war von ihrem Mann gegen 10:30 Uhr zur Bank in Carfax gefahren worden, wo sie die kunterbunte Mischung aus Münzen und kleinen Scheinen gegen vierzig brandneue Zehner eingetauscht hatte. Nachdem sie anschließend ein paar Dinge einkaufen war (darunter Weintrauben für ihre Tochter, die seit Kurzem im Krankenhaus lag), war sie in den Kleinbus zurück nach Hause gestiegen, wo sie kurz nach Mittag eintraf. Das Geld steckte in einem langen weißen Umschlag in ihrer Einkaufstasche, zusammen mit ihren morgendlichen Erwerbungen.

Mrs. Michaels betrat das George durch den großen Schankraum, in dem sich bereits die Gäste drängten, um die sich der Aushilfskellner kümmerte, denn der Wirt, Mr. Michaels, war noch nicht vom Großmarkt zurück.

Kaum hatte Mrs. Michaels den Pub betreten, hörte sie das Telefon klingeln. In der (zutreffenden) Annahme, dass es das Krankenhaus war, stellte sie ihre Tasche auf die Theke und beeilte sich, an den Apparat zu gehen. Als sie zurückkam, war der Umschlag verschwunden.

Zum Zeitpunkt des Diebstahls hatten sich etwa dreißig Personen im Schankraum aufgehalten, einschließlich der üblichen Stammgäste wie Rentnern und einem Trupp Billard spielender Arbeitsloser sowie der Teilnehmer der Vorweihnachtsfeier einer ortsansässigen Firma.

Von Anfang an war Sergeant Lewis klar gewesen, dass die Aussichten, das Geld wiederzubekommen, gleich Null waren. Dennoch empfand er die drei ausgesprochen laschen Vernehmungen, mit denen Chief Inspector Morse nun die Ermittlungen aufnahm, als äußerst unbefriedigend.

Nachdem Morse eine Zeit lang den wenig erhellenden Ausführungen des Wirtes gelauscht hatte, fragte er ihn, weshalb er für seine Geschäfte im Großmarkt so lange gebraucht habe. Obwohl Mr. Michaels’ Antwort vollkommen einleuchtend klang, entließ Morse ihn geradezu unhöflich brüsk.

Doch niemanden hätte man wohl schneller gegen sich aufbringen können als den nächsten Zeugen, den Aushilfskellner, der am gestrigen Morgen Dienst gehabt hatte und sich nun schlichtweg weigerte, Morses schroffe Frage nach seinem gegenwärtigen desolaten Kontostand zu beantworten.

Und Zeugin drei, die attraktive rothaarige Mrs. Michaels?

Nachdem Morse dank ihres (ziemlich gequälten) Lächelns der ebenmäßigen, jedoch nikotingelben Zähne der Dame ansichtig geworden war, konnte die Unglückliche ihre Tränen nicht mehr bei sich halten. Schluchzend versuchte sie zu erklären, weshalb sie darauf bestanden habe, dass auf dem Zeitungsfoto echte Banknoten zu sehen sein müssten statt eines falschen überdimensionalen Schecks.

Doch halt! Just in diesem Augenblick ging mit Chief Inspector Morse eine dramatische Veränderung vor sich. Lewis sah es so deutlich, als wäre plötzlich ein Lichtstrahl auf einen Mann gefallen, der bis dahin im Dunkeln gesessen hatte. Aus heiterem Himmel wollte der Chief Inspector nun von Mrs. Michaels wissen, ob sie ein Paar hellgrüner hochhackiger Lederschuhe besäße. Als sie ihm antwortete, dies sei tatsächlich der Fall, lächelte Morse heiter, beinahe glückselig, als hätte er sämtliche Rätsel des Universums gelöst.

Sofort ließ er alle in den großen Schankraum rufen – nicht nur die drei, die er soeben verhört hatte, sondern sämtliche Personen, die sich im George aufhielten und bereits am Tag zuvor dort gewesen waren.

Während die Versammelten gespannt warteten, erkundigte Morse sich nach den Seriennummern der gestohlenen Banknoten. Lewis reichte ihm einen Notizzettel, auf den er mit einem klecksenden Schreiber hastig ein paar Zahlen gekritzelt hatte.

»Du lieber Himmel!«, polterte Morse nach einem Blick auf den Zettel. »Hat man Ihnen auf der Schule nicht das Schreiben beigebracht?«

Lewis atmete tief durch, zählte bis fünf und schrieb die Zahlen dann noch einmal sorgfältig auf ein jungfräuliches Blatt Papier: 773 741–773 780. Morse schaute neugierig darauf, ehe er den Zettel in die Tasche schob, um sich anschließend an die versammelten Stammgäste des George zu wenden.

»Ich bin mir ziemlich sicher«, verkündete er, »wer das Geld gestohlen hat. Und ich bin mir absolut sicher, wo es sich in genau diesem Augenblick befindet. Ich habe die Seriennummern der Scheine, aber die sind jetzt unwichtig. Bis vorhin noch war der Dieb in Versuchung, das Geld auf den Kopf zu hauen, da bin ich sicher, aber jetzt nicht mehr! Und woran liegt das? An Weihnachten! Der Dieb bringt es nicht mehr über sich, gegen sein Gewissen zu handeln. Sein besseres Ich hindert ihn daran!«

Im George war es still geworden wie in einem Grab. Niemand rührte sich. Alle starrten wie gebannt auf den Chief Inspector. Daran änderte sich auch nichts, als dieser die Anweisung erteilte, das Geld in seinen ursprünglichen Umschlag zu stecken und (auf welchem Weg auch immer) in Sergeant Lewis’ Büro in der Zentrale der Thames Valley Police abzugeben, und zwar innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden.

Als Lewis seinen Chef zurück zum Revier kutschierte, konnte er seine Neugier nicht mehr bezähmen. »Sie glauben wirklich, Sir, dass …«

»Natürlich! Liegt doch auf der Hand!«

»Also, mir scheint es nie zu gelingen, anhand von Hinweisen einen Fall zu lösen …«

»Hinweise? Was denn für Hinweise, Lewis? Wusste gar nicht, dass wir welche haben.«

»Diese Schuhe zum Beispiel. Wie passen die ins Bild?«

»Wer hat denn gesagt, dass die Schuhe irgendwo reinpassen? Es ist nur so, dass ich mal eine rothaarige Schönheit gekannt habe, die sechs Paar hellgrüner Schuhe besaß – sechs Paar, Lewis! Sie würden ihr einfach nur gut stehen, hat sie gesagt.«

»Dann haben die Schuhe gar nichts mit dem Fall zu tun?«

»Nicht, dass ich wüsste«, murmelte Morse.

Am nächsten Morgen wurde ein weißer Umschlag in Lewis’ Büro weitergeleitet. Niemand am Empfang konnte sich erinnern, wann oder wie der Umschlag abgeliefert worden war.

Lewis rief umgehend Chief Inspector Morse an, um ihm zum glücklichen Ausgang des Falles zu gratulieren.

»Da wäre nur eine Sache, Sir«, fügte er hinzu. »Ich habe den Zettel mit den Seriennummern aufgehoben …«

»Und?«

»In dem Umschlag stecken zwar neue Scheine, aber es sind nicht dieselben.«

»Ach wirklich?« Morse hörte sich ausgesprochen gelangweilt an.

»Kümmert Sie das gar nicht, Sir?«

»Du liebe Güte, nein! Bringen Sie das Geld einfach ins George zurück, zu Rotschöpfchen, und sagen Sie ihr, sie soll sich das nächste Mal mit einem dieser Riesenschecks zufriedengeben. Und noch etwas. Ich bin im Urlaub. Also keine Störungen. Von niemandem, verstanden?«

»Jawohl, Sir. Und, ähm … frohe Weihnachten, Sir!«

»Frohe Weihnachten, alter Freund«, murmelte Morse – nachdem er aufgelegt hatte.

Am selben Tag, kurz vor Mittag, rief der Geschäftsführer der Bank an. »Es geht um die vierhundert Pfund, die Sie gestern abgehoben haben, Inspector. Ich musste Ihnen ja versprechen, Sie unverzüglich anzurufen, wenn weitere Gebühren anfallen …«

»Ich habe es diesem jungen Ding doch schon erklärt!«, protestierte Morse. »Ich hab das Geld dringend gebraucht!«

»Oh, das ist schon in Ordnung. Aber Sie hatten gesagt, Sie würden sich gleich heute früh melden, um das Konto …«

»Morgen, nicht heute! Im Augenblick stehe ich auf einer Leiter, einen Pinsel in der Hand.«

Morse legte auf und ließ sich mitsamt seinem Kreuzworträtsel im Sessel zurücksinken. Doch im Geiste war er weit weg, während seine Bemerkungen über »das Beste im Menschen«, die er im George von sich gegeben hatte, in ihm widerhallten.

Bei diesem Gedanken lächelte der Chief Inspector. Er wusste, dass er dieses Weihnachtsfest genießen würde – vielleicht genauso sehr wie die Kinder drüben in Littlemore.

Er hatte im Leben schon manches Rätsel gelöst, manche harte Nuss geknackt. Kam er jetzt, ganz allmählich, einem neuen Rätsel auf die Spur? Dem vielleicht größten von allen?

Originaltitel: Morse’s Greatest Mystery

Ins Deutsche übertragen von Stefan Bauer

Mehr als Fleisch und Blut

Susan Moody

Susan Moody hat einige denkwürdige Figuren für ihre Kriminalgeschichten erschaffen, insbesondere die Jetsetterin Penny Wanawake, die groß, hinreißend und »schwarz und glänzend wie eine Lakritzstange« ist. Ihr Geliebter ist ein Juwelendieb, dessen Beute zweckgebunden ist: Die Einnahmen werden von Penny an die Armen in Afrika geschickt. Sie selbst ist eine schlagkräftige Verbrechensbekämpferin, allerdings betrachtet sie das Stehlen von den Reichen nicht als Verbrechen. Moodys andere Seriendetektivin ist die etwas traditionellere Cassandra Swann, eine Geschäftsfrau und Bridgelehrerin. Mehr als Fleisch und Blut wurde zuerst in A Classic Christmas Crime veröffentlicht, herausgegeben von Tim Heald (London Pavilion, 1995).

Mehr als Fleisch und Blut

Susan Moody

Rückblickend sollte er den Ort immer als Honigwabe in Erinnerung behalten, voll von goldenem Licht. Die Häuserwände, die aus irgendeinem hiesigen gelblichen Stein bestanden, waren damit glasiert. Dächer, mit ockergeränderten Flechtenringen bewachsen, ließen es in die einzige schmale Straße zurücktropfen, wo die Haustüren direkt in das führten, was man einst die gute Stube genannt hätte.

Nach der langen Reise durch die kargen Hügel hieß ihn das Dorf willkommen. Als er über die holprige Steinbrücke fuhr, wusste er sofort, dass er gefunden hatte, wonach er suchte. Er hielt den Wagen an und stieg aus. Es gab keine Geschäfte, keine Kneipe, niemanden, den man nach dem Weg hätte fragen können. Am anderen Ende der Straße waren Kühe, cremig-golden im glühenden Licht der im Sinken begriffenen Sonne, die auf ein offenes Hoftor zuzockelten. Dahinter deuteten Steingebäude, Schlamm und Heu, große Milchkannen aus Metall auf einen milchverarbeitenden Betrieb hin. Er folgte ihnen.

Eine Frau war bereits dabei, die erste Kuh an die Melkbecher einer elektrischen Melkmaschine anzuklemmen. Sie blickte zu ihm hoch, ohne sich aufzurichten; ihrem derben Gesicht war anzusehen, dass es fünfzig oder sechzig Jahre lang ungeschützt dem Wetter getrotzt hatte.

»Ich versuche, dieses Haus zu finden«, sagte er mit der Scheu des Städters in der Gegenwart der Elementargewalten. Er zeigte ihr das Foto, hielt die dicke Pappe mit Daumen und Ringfinger an den Rändern.

»Aye«, sagte sie.

»Haus Beckwith nennt man es, glaube ich.«

»Aye.«

»Steht es hier? Im Dorf?«

»Nee.« Ihre Stimme war weich, rundlich wie die Kühe, die sie hütete. »Nee, is nich hier.«

Das erschütterte ihn ein bisschen. Er war sich so sicher gewesen, dass es hier wäre, in trauter Nähe mit anderen Häusern, benachbart.

»Wo dann?«

»’n Stück ’s Tal hoch.« Mit einem Kopfnicken deutete sie auf die Straße hinter ihm und die tiefen Hügel, in die sie führte. Schon fielen Schatten die Hänge hinunter, nur die höheren Gipfel lagen noch in vollem Tageslicht, auch wenn er die Umrisse der Bruchsteinmauern, die sich im Zickzack über die tiefer gelegenen Hänge zogen, und die brütende Masse einer Scheune hier und da noch sehen konnte.

»Wie weit?«

»Zwei, drei Meilen. V’leicht auch vier. Is direkt an der Straße.«

»Danke.«

Als er zurück zum Tor ging, rief sie ihm hinterher: »Weiß sie, dass Sie kommen?«

Er blieb stehen. »Weiß wer, dass ich komme?«

»Die Hausherrin.«

Er lächelte und schüttelte den Kopf. »Nein, weiß sie nicht.«

Wieder unter freiem Himmel nach der zeitweiligen Beengtheit des Dorfes spürte er den Wind, der von den hohen, kahlen Bergen herabfegte und das Auto auf den Rand der schwarzen Straße zudrückte. Jetzt, wo er dem Ort nahe war, den er den größten Teil seines Lebens angesteuert hatte, empfand er nichts von der Erregung, die er erwartet hatte, bloß ein Gefühl einer wartenden Leere, die sehr bald ausgefüllt werden würde.

»…irgendwo …«, hatte sie immer gesagt, grausam. Aber wo? Bis heute hatte er es nicht gewusst. Jetzt passten ihm der Ort, die Zeit, der Abend, der sich von oben langsam auf ihn herabsenkte, als wären sie von einem Schneider maßgefertigt.

Die Straße begann sich zu winden. In der Biegung einer Kurve sah er steinerne Torpfosten; das dazugehörige Eisentor war doppelt so hoch wie er; hinter Mauern wucherte Lorbeer. Er parkte am Rand nahe beim Tor. Hinter dem Tor führte eine kurze Auffahrt im Bogen auf ein Haus zu, quadratisch und zweistöckig. Obwohl er noch nie hier gewesen war, wusste er genau, wie sich der Pfad ums Haus herum nach hinten zog, vorbei an Fenstern mit tief liegenden Fensterbänken zu einer Seitentür mit Vorbau. Er wusste, dass sie auf eine Terrasse mit Steinfliesen führte, die auf einen ummauerten Garten hinausging. Er kannte den Ausblick von den Fenstern im rückwärtigen Teil des Hauses und wusste, wo die Pflaumen- und Apfelbäume zu beiden Seiten des schmiedeeisernen Tors stehen würden, das in die Gartenmauer eingelassen war und durch das, wie auf einem Foto, ein Ausschnitt der Landschaft zu sehen war. Es würde auch einen Teich geben, neben der Terrasse, und einen Steingarten voller Alpenpflanzen, kleine Kriechgewächse, die überquollen und sich über die Ränder der weißen Steine ergossen. An einem der Torpfosten hing eine runde Schiefertafel. Haus Beckwith. Er zog die beiden Bögen des B mit dem Finger nach. Er drehte den Griff des rechten Torflügels herum. Er wimmerte metallisch. Die Eisenstangen leisteten Widerstand, als er dagegendrückte, dann öffneten sie sich, folgten einer tiefen Furche in der kiesbedeckten Erde dahinter.

»… irgendwo …«

Hier. Er hatte es endlich gefunden, war dazu hingezogen worden, beinahe, obwohl das vielleicht ein wenig abstrus war. Er hatte so wenig zum Weitermachen gehabt, bloß das geflüsterte, halb vernommene Wort – »Garthway …« Garthway? Je mehr er versuchte, die Sequenz im Kopf noch einmal abzuspielen, die sterbenden Augen, die glasig wurden, als sie ihn anblickten, der gewaltige, wogende Körper, die Lippen, die Runzeln bildeten, als sie versuchten, das Wort zu formen, während eine Hand langsam am Saum des Leinenlakens mit der Durchbruchstickerei zupfte, umso weniger konnte er sich daran erinnern, was tatsächlich gesagt worden war.

Seine Füße verursachten kein Geräusch auf dem Boden. Der Kies war schon längst ins Erdreich gesunken und lag jetzt eingebettet darin wie die Augen ertrinkender Menschen unter der Oberfläche des Wassers. Vernachlässigung umfing das Haus. Er ging zwischen dem Laub nicht gestutzter dunkler Lorbeerbäume. Durch eins der Fenster, dessen schmutzgeäderte Scheiben fast von lange nicht gepflegten Kletterpflanzen verborgen wurden, drang ein schwaches Licht.

Auch hinter dem verschnörkelten Oberlicht über der Eingangstür lag ein Schimmern. Er pochte mit dem Türklopfer an und spürte, wie das Haus innehielt, horchend, prüfend. Schritte kamen durch den Korridor auf ihn zu, flott, beinahe eifrig.

Die Frau, die die Tür öffnete, starrte ihn eine Zeit lang an. Später hätte er nicht sagen können, für wie lange. Zwei oder drei Sekunden? Oder waren es Minuten gewesen? Ihr Mund bewegte sich auf ein Willkommen heißendes Lächeln zu, ließ es dann jedoch bleiben. Sie strich sich mit der Hand über die Schläfe, obwohl ihr Haar gepflegt und ordentlich war.

»Martin«, sagte sie. Keine Frage.

»Ja.«

»Ich wusste, dass du kommen würdest.«

»Ja.«

»Hat ja lange genug gedauert.«

»Ich wusste nicht genau, wo ich suchen sollte.« Auch mit der Hilfe der Polizeicomputer hatte es Wochen gebraucht, diesen Ort, diese Frau ausfindig zu machen.

Sie nickte, als wüsste sie, worin die Schwierigkeiten, sie aufzuspüren, bestanden hatten.

»Dann kommst du wohl am besten mal rein.« Sie trat zur Seite, drückte sich an die Wand des schmalen Flurs, um ihn an sich vorbeizulassen.

»Geradeaus durch. Ich bin in der Küche.«

Die Küche war warm, frisch geputzt, voller guter Gerüche. Sie waren Teil der Dinge, die ihm verwehrt worden waren. Er sah, dass der Raum renoviert worden war: Die Tapete war gewechselt worden, und es gab Regale, die vorher nicht da gewesen waren.

Im helleren Licht konnte er sie richtig sehen. Sie war jünger, als er erwartet hatte. Und viel weniger traurig. Ihm schien, sie hätte traurig sein sollen.

»Was bist du jetzt?«, fragte sie. »Zweiunddreißig?«

»Beim nächsten Geburtstag«, sagte er.

»Anfang Juni, stimmt’s?«

Er nickte, ohne sich darüber zu ärgern, dass sie das genaue Datum vergessen hatte; obwohl sie sich seit über dreißig Jahren nicht gesehen hatten, wusste sie den Monat, so wie er wusste, dass hinter der Tür links vom Herd die Speisekammer war, dass, obwohl nur fünf messingne Tellerglocken darüberhingen, es einmal sieben gewesen waren. Sie lehnte sich zurück gegen die warmen Rundungen des Aga-Herds und schüttelte den Kopf. »Ich hätte dich überall erkannt«, sagte sie.

»Ja.« Natürlich hätte sie das.

Sie runzelte die Stirn. »Du bist bei der Polizei, nicht wahr?«

»Bin ich?«

»Das hat sie jedenfalls gesagt, letztes Mal, als ich sie gehört habe. Dass du bei der Polizei wärst.«

War er? Manchmal konnte er sich kaum daran erinnern, wer er war oder woher er kam. Manchmal konnte er sich kaum daran erinnern, dass er die Antwort auf die Frage nicht wirklich wusste. Was der Grund war, weshalb er jetzt hier war.

Er griff in die Manteltasche und nahm ein Päckchen heraus. Er breitete den Inhalt auf dem glänzenden Wachstuch aus, das den Küchentisch bedeckte. Dabei kehrten die Stimmen, die nie weit weg zu sein schienen, zurück.

»… irgendwo …«

»Wo?«

»Irgendwo.«

»Wo, Oma?«

»Oben im Norden.«

»Wo oben im Norden?«

»Das wüsstest du wohl gerne, was?«

»Sag’s mir, Oma! Sag’s mir!« Denn selbst damals, als Kind, sechs, sieben, zehn Jahre alt, hatte er gewusst, dass es wichtig war. Wenn sie ihm einfach nur den Ort genau sagen würde, ihm einfach Raum, Bedeutung geben würde, dann wäre er selbst endlich verwurzelt.

»Was ist passiert, Oma?«

Dann fing sie immer wieder an. »Es war Heiligabend.« Dann hörte sie auf, lachte ihn an, und die schweren Fleischrollen wälzten sich an ihrem Körper rauf und runter. Sie war sich der Tiefe seines Verlangens zu wissen, das ihn erfüllte, nur allzu sehr bewusst. Nur zu wissen.

»Der erste Weihnachtsfeiertag, Oma.« Es war Teil des grausamen Rituals, dass der Anfang nie variieren durfte.

»Ach ja! Du bist ein kleiner Schlauberger, was?« Ein Nicken, ein Blick über den Brillenrand, ein leises, nicht ganz angenehmes Lächeln. »Es war der erste Weihnachtsfeiertag, und in einem Silberkübel stand Champagner …«

Ah, dieser Champagner! Jahrelang hatte er nicht richtig gewusst, was das war. »Wein, Schätzchen, mit einem Prickeln«, hatte sie ihm erzählt. »Wenn du ihn getrunken hast, hast du dich gut gefühlt. Oder schlecht, je nach deinem Standpunkt.«

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