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Eine Leiche zu Ferragosto

Diana Fiammetta Lama

Eine Leiche zu Ferragosto

Maresciallo Santomauro fischt im Trüben

Kriminalroman

Aus dem Italienischen von Esther Hansen

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

Der Haufen in der ...

Donnerstag, 9. August

Freitag, 10. August

Samstag, 11. August

Sonntag, 12. August

Montag, 13. August

Dienstag, 14. August

Mittwoch, 15. August

Donnerstag, 16. August

Freitag, 17. August

Samstag, 18. August

Sonntag, 19. August

Montag, 20. August

Dienstag, 21. August

Donnerstag, 23. August

Dank

Persönlicher und absolut subjektiver Wegweiser durch die Cilento-Region

Leseprobe aus Rosa Cerrato - Das Blut der Donna Luna

Für Domenico und Germano,

die mir das Cilento geschenkt haben.

 

Der Haufen in der Sonne getrockneter Algen stank, als wäre eine Leiche darunter begraben.

Und wirklich lag dort eine Leiche.

Als der Bagger begann, mit großen Schaufelladungen die modrigen Meeresabfälle aufzunehmen, stiegen dichte Verwesungsschwaden in die warme Nachmittagsluft auf.

Dann stießen die Metallzähne auf Widerstand und zogen einen Arm unter den Algen hervor, daran hängend den übrigen Körper: schwarz, aufgedunsen, nackt und stinkend wie ein alter Hundekadaver.

Die wenigen Zuschauer, die träge an der Brüstung der kleinen Piazza lehnten und das Spektakel verfolgten, schraken zurück, manch einer bekreuzigte sich.

Es war der erste greifbare Hinweis darauf, dass dieser Sommer in Pioppica anders werden würde.

Es hatte schon frühere, weniger deutliche Anzeichen dafür gegeben, doch keinem der Urlauber oder Dorfbewohner waren sie aufgefallen.

 

Donnerstag, 9. August

Maresciallo Simone Santomauro gehörte zu denjenigen, die an diesem Donnerstag Anfang August auf einer der Bänke der Piazzetta die nachmittägliche Brise genossen. Als er die aufgeregten Stimmen am Strand hörte, legte er das Buch, in dem er gelesen hatte, beiseite, stellte sein Glas Mandelmilch ab und trat ans Geländer. Zehn Sekunden später war er schon die kleine Treppe hinuntergehechtet und näherte sich mit umsichtigen, aber entschlossenen Schritten, bei denen seine nackten Füße im verdorrten Algenteppich versanken, dem Grüppchen um den übelriechenden Haufen.

»Bitte nichts anfassen. Lassen Sie alles so, wie es ist.«

»Wer sind denn Sie?«, fragte ein muskulöser Mann in Trägerhemd.

»Maresciallo Santomauro. Carabiniere«, erwiderte er knapp und kurzerhand darüber hinwegsehend, dass er in T-Shirt und Badehose nicht unbedingt auf Anhieb als Vertreter der Staatsgewalt zu erkennen war. Im Übrigen war dies sein erster freier Tag seit Wochen und angesichts dessen, was da unter den Algen zum Vorschein kam, wohl auch erst mal sein letzter.

»Wer von Ihnen hat die Leiche gefunden?«

Die Menschen wichen auseinander und bildeten einen Kreis um die Leiche und den Mann im Trägerhemd, als wollten sie die gegenseitige Zugehörigkeit demonstrieren.

»Ich habe sie gefunden, Di Gregorio Giuseppe, genannt Peppenuzzo. Ich bin der Baggerführer.« Und er trat stolz einen Schritt vor, als sichere ihm der Umstand, die Leiche ausgegraben zu haben, besondere Rechte an dem verfaulenden Schatz in seinem Rücken.

»Gut, dann halten Sie sich hier zu meiner Verfügung und passen auf, dass niemand näher kommt. Die anderen können gehen«, sagte Santomauro an die Schaulustigen gewandt, die in der Zwischenzeit immer zahlreicher geworden waren, »es sei denn, jemand hat eine Aussage zu machen. Hier gibt es absolut nichts zu sehen.«

Widerwillig und mit schlurfenden Schritten löste die Menge sich langsam auf, während Peppenuzzo, die Arme vor der haarigen Brust verschränkt, wie eingepflockt neben der Leiche Wache hielt, mit der zufriedenen Miene dessen, dem man seine wohlverdienten Rechte zugestanden hat. Santomauro eilte wieder die Stufen hinauf und rief von einem der Münztelefone auf der Piazzetta das zuständige Carabinieri-Revier an.

Für eine eigene Wache war das Dörfchen Pioppica Sotto, das nur im Sommer von Urlaubern bevölkert wurde, zu klein und gehörte daher zu dem wenige Kilometer entfernten Pioppica Sopra, von dem es, wie die Namen Unter- und Oberpioppica schon besagten, bis vor kurzem ein Ortsteil gewesen war. Seit undenklichen Zeiten standen die beiden Ortschaften in erbittertem Wettstreit, und wo die Oberpioppicaner die größere Altstadt und mehr ständige Einwohner für sich verbuchen konnten, brüsteten sich die Unterpioppicaner mit der größeren Grundfläche, auf der es nicht nur zahlreiche schöne Ferienvillen gab, sondern auch einige illustre Sommergäste, die seit Jahrzehnten dieses winzige Fleckchen im süditalienischen Cilento zu ihrem Feriendomizil erklärt hatten.

Die Carabinieri jedoch waren über jedes lokalpatriotische Schachern erhaben. Dank der Regel, dass Carabinieri stets fern ihrer Heimatstadt eingesetzt werden, zählte Santomauro eine bunte Mischung aus allen möglichen Regionen Italiens zu seinem Trupp. Trotzdem war Kampanien gut vertreten, nicht zuletzt durch ihn.

Es war schon eine Weile her, dass der Maresciallo als Erster am Fundort einer Leiche eingetroffen war. Um den Tod festzustellen – reine Formsache, aber unabdingbar –, musste er unter den Schaulustigen am Geländer nur den örtlichen Arzt ausfindig machen; danach blieb ihm nichts weiter übrig, als zu warten. Zuerst würden seine Männer kommen, dann das Einsatzkommando der Carabinieri aus dem nächstgrößeren Vallo della Lucania, schließlich der Rechtsmediziner, der in der Gegend Urlaub machte und nicht mehr Eile als nötig an den Tag legen würde. Der Staatsanwalt, ebenfalls aus Vallo, bemühte sich in den Sommermonaten für Todesfälle normalerweise gar nicht erst her, da es sich fast immer um Ertrunkene handelte.

Dieser Fall lag allerdings anders.

Peppenuzzo war noch auf seinem Posten, die Leiche ebenso. Santomauro ging in die Hocke und dankte innerlich dem Himmel, dass er keine besseren Sachen als seine Badehose und ein altes Poloshirt anhatte. Der Verwesungsgeruch schien in tausend kleinen Tröpfchen von der Leiche aufzusteigen und sich in Kleidern und Haaren, auf Händen und Zunge festzusetzen. Doch er musste dichter ran, um das, was bis vor einigen Tagen ein Mensch gewesen war, aus der Nähe zu betrachten. Wahrscheinlich eine Frau, überlegte Santomauro, auch wenn sich das wegen der fortgeschrittenen Zersetzung nicht mit Sicherheit sagen ließ. Die Ratten und Krebse hatten ihre Arbeit bereits begonnen; die Augenhöhlen waren zwei dunkle Löcher, an Händen und Füßen fehlten die Glieder, ebenso das Gewebe an Wangen, Nase, Kinn sowie große Stücke aus den Leisten und der Brust. Die schlimmsten Verletzungen jedoch waren ihr ohne Zweifel von Menschenhand zugefügt worden. Tiefe und zahlreiche Wunden klafften in ihrem Oberkörper, im Unterleib, in den verdrehten und aufgedunsenen Beinen und Armen. Trotz der Zerstörung sah man, dass es ein gut gebauter Körper gewesen sein musste, die dichten, schwarzen Haare lagen wie ein Kranz um ihren Kopf, die Beine waren lang und schlank. Ein Gedanke nahm im Geiste des Maresciallo Gestalt an.

»Seit wann liegen die Algen hier?«, wandte er sich an den Baggerführer, der neugierig und beinah misstrauisch jede seiner Bewegungen verfolgte.

»Mal sehen … heute ist Donnerstag … Seit Sonntag. Sonntagnachmittag wurden sie am ganzen Strand zusammengekehrt, und heute sollte ich alles wegschaffen, fürs Wochenende. Das machen wir zwei oder drei Mal in der Hochsaison.«

Santomauro nickte, während er gedankenverloren den in der Ferne heulenden Sirenen lauschte. Der Rechtsmediziner würde das Seine dazu sagen, doch in einem war er sich schon sicher: Die Frau in den Algen war seit mindestens zehn Tagen tot.

 

»Vierzehn Tage, über den Daumen gepeilt.«

Professor Leandro de Collis streifte sich die Schutzhandschuhe ab und warf sie angeekelt hinter sich. Untadelig wie immer, selbst im flaschengrünen Lacoste-Hemd und gleichfarbigen Shorts, überragte er mit seinen ein Meter neunzig die Carabinieri, die sich wie Kakerlaken um den Leichnam zu schaffen machten. Der Blick, mit dem er sie bedachte, war kaum freundlicher als der, mit dem er eine Ansammlung von Schaben gemustert hätte.

»Hoffentlich richten sie keinen Schaden an. Der Abtransport fällt nicht in mein Ressort, aber ich will nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Ihre Männer etwas verbocken. Mit dem Material tue ich selbstverständlich mein Möglichstes, aber erwarten Sie bitte keine Wunder. Sie hören von mir.«

Ein Nicken des aristokratischen Hauptes mit dem schlohweißen, sorgsam gepflegten Haar, und weg war er. Erst als das Brummen des sich entfernenden Ferraris an sein Ohr drang, hörte Santomauro auf, die Zähne zu fletschen. Ganz abgesehen davon, dass der Professore die Toten, die das Pech hatten, auf seinem Seziertisch zu landen, als Material bezeichnete, woran der Maresciallo sich niemals gewöhnen würde, war es sein ganzes Gehabe, das bei ihm ein Gefühl von Schmirgelpapier auf nackter Haut auslöste. Bis vor wenigen Jahren hatte de Collis den Lehrstuhl für Rechtsmedizin an der Universität Rom innegehabt, woran er jedermann unaufhörlich erinnerte. Und das, obwohl er den Lehrstuhl hatte abgeben müssen, als er ziemlich überstürzt die Demission eingereicht hatte, um einen aufkeimenden Skandal um den illegalen Handel mit Augenhornhäuten und Sperma von Leichen zu vertuschen.

Nun arbeitete er im Krankenhaus von Vallo della Lucania und schmückte sich immer noch mit dem Professorentitel, der wie gottgegeben an ihm hängengeblieben war, und obwohl er unbestritten der beste Rechtsmediziner der Gegend war, empfand Santomauro den Umstand, mit ihm zusammenarbeiten zu müssen, immer wie einen Tritt in die Eier. Im Sommer nun residierte der Professore leider in einer wunderschönen Villa in der Nähe von Pioppica, so dass seine Präsenz – und mit ihr der Tritt ins Gemächt – garantiert war.

»Maresciallo, die Spurensicherung ist abgeschlossen. Der Leichnam wird jetzt weggebracht. Soll ich Sie zur Wache mitnehmen?« In Habachtstellung und diensteifrig wie immer stand der Gefreite Cozzone vor ihm. Santomauro seufzte. »Nein, danke, Pasquale, ich komme mit meinem Wagen nach, dann kann ich im Anschluss an meinen Bericht gleich nach Hause fahren.« Es widersprach all seinen Prinzipien, einen Untergebenen mit dem Vornamen anzureden, doch bei Pasquale Cozzone war er gezwungen, eine Ausnahme zu machen. Klein gewachsen, fast an der Grenze des für das Heer vorgeschriebenen Mindestmaßes, dazu geplagt von einer außergewöhnlich großen Anzahl an Muttermalen, die sich dick und haarig über sein Gesicht verteilten, hatte Cozzone – im Übrigen ein hervorragender Mitarbeiter, diszipliniert und intelligent – noch ein weiteres Kreuz zu tragen, das um einiges schwerer wog als seine Statur und die Leberflecken.

Er hatte sich um Abhilfe bemüht, indem er ein hochkompliziertes Verfahren einleitete, um offiziell seinen Nachnamen zu ändern, doch nach langen, mühevollen und schmiergeldintensiven Jahren hatte er lediglich erreicht, dass ein Vokal ausgetauscht wurde. Santomauro, der sich noch nicht daran gewöhnt hatte, wollte kein Risiko eingehen und nannte ihn beim Vornamen. Die weniger mildtätigen Kollegen spielten oft und gerne die Vergesslichen, so dass der arme Cozzone nach wie vor innerhalb und außerhalb der Carabinieriwache der »Megaschwanz« Cazzone blieb.

 

Eins ergab das andere, und so konnte Santomauro erst um neun Uhr abends nach Hause fahren. Eigentlich stand ihm als Stationskommandant eine Wohnung vor Ort zu, doch er verzichtete lieber auf dieses Privileg. Nicht weil ihm die Lokalität nicht gut genug war, im Gegenteil. Das Gebäude der Carabinieri lag am Rand der Straße, die sich von Pioppica Sopra nach Censola hinaufzog, und die Unterkünfte waren so gelegen, dass sie eine grandiose Aussicht aufs Meer boten und von der Straße her uneinsehbar waren. Der Maresciallo jedoch hatte seinen Platz lieber an Brigadiere Manfredi abgetreten, der Familie hatte. Er selbst lebte allein und konnte so in aller Ruhe das Fischerhäuschen mit direktem Zugang zu einem einsamen Strand genießen und sich gleichzeitig Manfredis ewiger Dankbarkeit sicher sein.

Im Sommer schlossen die Geschäfte von Pioppica Sotto nicht vor dem späten Abend, um möglichst viele Kunden anzulocken, bevor sie dann in ihre winterliche Lethargie zurückfielen. So konnte Santomauro, der keine Vorräte mehr hatte, sich noch etwas hausgemachtes Brot und Mozzarella in Myrtenblättern kaufen. Anschließend parkte er am Ortsausgang und lief zu Fuß den Trampelpfad hinab, der zu seinem Haus führte. Es war noch nicht dunkel, und er konnte sehen, wo er hintrat, doch das machte kaum einen Unterschied: mittlerweile kannte er jeden Stein des Weges und hätte ihn auch mit geschlossenen Augen gehen können. Der Ort, an dem er seit einem Jahr lebte, hatte sich um ihn gelegt wie das Schneckenhaus um die Schnecke. Es war seine Zuflucht, seine Höhle, in die er sich als frisch nach Pioppica Gezogener verkrochen hatte und von der er sich nun nicht mehr trennen würde, selbst wenn man ihm eine Luxusvilla in den Wohnanlagen Sigmalea oder Krishnamurti schenkte.

Er deckte den Tisch auf der Terrasse und trug eine Kerze hinaus. Auf dem Meer spiegelte sich die dünne Sichel des zunehmenden Mondes. Die Myrte duftete nach Myrte, das Brot war köstlich, und vor ihm stand ein Teller mit vollreifen Feigen von den beiden Bäumen im Garten. Langsam entspannte er sich und wollte schon fast zu seinem Buch greifen, als das Klingeln des Telefons durch die Stille schrillte. Ruhig stand er auf; vorbei die Zeiten, als er noch gehetzt aufgesprungen war und mit klopfendem Herzen den Hörer abgenommen hatte zwischen Bangen und Hoffen, eine gewisse Stimme zu hören und nur diese.

Es war Manfredi, wie er schon vermutet hatte.

»Also, da haben wir eine ganz schön harte Nuss zu knacken«, fiel der Brigadiere wie üblich mit der Tür ins Haus.

»Ach, das ist noch lange nicht gesagt«, erwiderte Santomauro gedehnt. »Vielleicht meldet sich ja morgen jemand, der die Leiche kennt und sagt, es sei seine arme Tante aus dem Kloster und er habe selbst gesehen, wie sie sich in die Tiefe gestürzt hat.«

»Was redest du da, Simone! Das sieht doch ein Blinder, dass die sich nicht selbst umgebracht hat! Die ist in Scheiben geschnitten wie ein Parmaschinken!« Eine Pause folgte und dann ein tiefer Seufzer. »Schon klar, du hast mich wieder mal drangekriegt. Ich gehe dir aber auch immer auf den Leim, Himmelarsch!«

»Reg dich nicht auf, Totò, du weißt doch, dass ich’s nicht böse meine. Bist du gerade erst zurückgekommen?«

»Ja, bei den Grotte Verdi gab’s eine Schlägerei, du weißt schon, die Bar an der Straße nach Ascea: drei Leichtverletzte und zwölf zertrümmerte Tische. Zwei Polinnen, Dienstmädchen in Sigmalea, du kannst es dir denken, blond, schlank, lange Beine, einem unserer Gockel ist der Kamm geschwollen, ein anderer hat’s ihm krummgenommen, und schon war die schönste Prügelei im Gange. Und rate mal, was eine der Damen zu mir gesagt hat, als ich sie nach Hause fuhr?«

»Was denn, du hast sie sogar nach Hause gefahren? Werd ich Maria Pia erzählen.«

»Nein, um Himmels willen, für wen hältst du mich? Heiße ich etwa Gnarra? Wenn ich die beiden dagelassen hätte, wären es morgen vier gewesen. Also, diese Christine sagte mit ihrem Deutschen-Akzent, den die Polinnen so haben: ›Ihr kamt gerade, als es am lustigsten war.‹ Ganz schön freches Mundwerk! Aber hübsch, solche Augen. Und Beine!«

»Also muss ich doch mal mit Maria Pia sprechen.«

Es war ein altes Spiel zwischen ihnen, das mit Maria Pia, Brigadiere Totò Manfredis legendärer Ehefrau, einer tollen Köchin, liebevollen Mutter, einer witzigen, intelligenten und ganz nebenbei auch bildhübschen Person. Der Brigadiere war ein glücklicher Mann und fähiger Kollege, gewissenhaft und mit gutem Spürsinn, den Santomauro sehr schätzte, auch wenn er sich hin und wieder einen Spaß daraus machte, ihn auf den Arm zu nehmen.

»Mal im Ernst, Totò, ab morgen müssen wir uns wirklich reinknien. Ich sehe schon die Schlagzeilen vor mir: ›Geheimnisvoller Triebtäter überzieht Cilento-Küste mit Blut. Urlauber flüchten. Wer ist der Nächste?‹«

»Na komm, so schlimm wird’s schon nicht werden.«

»Schlimmer! Im Sommerloch reißen sich die Journalisten doch um jede Meldung. Ein Mord im Sommer zieht immer. Vor allem, wenn die Versager von Polizei und Carabinieri es nicht schaffen, ihn aufzuklären.«

»Lass bloß die Polizei aus dem Spiel, das ist unsere Sache. Hast du irgendeine Idee?«

»Nichts, was diese Bezeichnung verdient hätte. Nur eins … wann war noch mal Neumond, Anfang dieser Woche?«

»Montag oder Dienstag, glaube ich. Das kann ich herausfinden. Warum, ist das wichtig?«

»Nein, war nur so ein Gedanke. Wir reden morgen darüber.«

Während er die letzte Zigarette in der Abendfrische rauchte, überlegte Santomauro, was vorgefallen sein mochte. Vielleicht war es ja kein vorsätzlicher Mord gewesen, zumindest der blinden Gewalt nach zu urteilen, mit der die Messerstiche angebracht worden waren. Das Versteck der Leiche hingegen war sehr sorgfältig gewählt. Eine mondlose Nacht, ein Haufen Algen, die noch einige Tage dort verrotten würden … Ja, aber warum? Es gab zahllose Orte, an denen man eine Leiche für viel länger verschwinden lassen konnte, vielleicht sogar für immer. Warum also die ganze Mühe, mit einer in Verwesung befindlichen Leiche bis Neumond zu warten und sie dann im Dunkeln an einen Ort zu bringen, wo sie auf jeden Fall früher oder später entdeckt werden würde?

 

Freitag, 10. August

»Weil er wollte, dass sie gefunden wird. Vielleicht stank sie ihm zu sehr, vielleicht hatte er Angst.«

»Gnarra, entscheide dich. Entweder der Mörder hat einen ausgeklügelten Plan entworfen, oder er hat im Affekt gehandelt. Aber nicht beides zugleich.«

»Warum nicht?«, widersprach Brigadiere Gnarra seelenruhig. »Vielleicht hat er das Verbrechen geplant und wollte die Leiche bei sich im Haus behalten, bis die Frau nur noch Staub und Knochen wäre, oder er wollte sie in handlichen Stücken einfrieren und in Ruhe verzehren. Aber dann hat die Alte ihre Farbe verändert und er musste sie entsorgen, was er irgendwann zwischen Sonntag- und Mittwochnacht getan hat.«

Das Schlimme an Pietro Gnarra war, dass man nie wusste, wann er etwas ernst meinte und wann nicht. Santomauro hatte sich schon des Öfteren gefragt, ob nicht ein Teil des unzweifelhaften Erfolges, den der Kollege sowohl im Berufs- als auch im Privatleben genoss, darauf beruhte, dass die Leute das, was er an dummem Zeug redete, für Spaß hielten und seine Späße für Geistesblitze. Sicher war nur, dass die Frauen Gnarra, Pedro für seine Freunde, anbeteten, dass er von seinen Vorgesetzten auf Händen getragen, von den Straftätern respektiert, den Ortsansässigen verehrt und den Kollegen, die die Legende aus nächster Nähe erleben durften, geduldet wurde. Aber er war in Ordnung, großzügig, immer zu einem Lachen aufgelegt, und auch Santomauro konnte nicht anders, als ihn zu mögen. Jetzt flegelte sich Gnarra mit lang ausgestreckten Beinen auf seinem Stuhl und tat so, als grübele er über den Fall nach, dabei waren seine Gedanken schon wieder ganz woanders, wie man an der zerstreuten Handbewegung ablesen konnte, mit der er das neue Goldkettchen auf seiner braungebrannten Brust streichelte.

Forschend sah Santomauro ihn an: »Blond oder braun, Pedro?« Sein Gegenüber biss sofort an und seufzte grinsend: »Rot, Simone, rot, aber nicht von der schamlosen Sorte. Holländerin, übersät mit Sommersprossen, du hast ja keine Ahnung, wie viele Sommersprossen so eine sommersprossige Rote haben kann, überall, wirklich. Heute Morgen ist sie abgereist, aber das hier hat sie mir zur Erinnerung dagelassen.«

Die anderen zwei lachten höhnisch auf. Gnarra war bekannt für seine Frauengeschichten, seine Verführungsrate – beziehungsweise die Zeitspanne vom Moment des Kennenlernens bis zum Sex – war rekordverdächtig, er brauchte einer Frau nur in die Augen zu schauen und schon zog sie sich aus. Doch nicht nur von ihren Slips trennten sich Pedros Damen freigiebigst, auch von ihren Ketten und Armbändern, natürlich durchweg aus Gold, die der Brigadiere sich gerne stolzgeschwellt umhängte, so dass er schon den Spitznamen »Maronna ’ell’Arco« weghatte, die güldene Madonna von Neapel.

»Was gibt’s denn da zu lachen, ihr Scherzkekse, ich bin echt verliebt, ich habe ihr versprochen, sie im Winter in Rotterdam zu besuchen.«

»Ja klar! Und da gehst du zu Fuß hin, nach Rotterdam!« Manfredi schlug sich lachend auf die Schenkel. Gnarra sah ihn beleidigt an, doch seine krankhafte Angst vor allem, was aus eigenem Antrieb vorankam, war legendär: Schiffe, Flugzeuge, Züge, alles war ihm verwehrt, und auch im Auto bewegte er sich nur mit äußerster Vorsicht fort und immer deutlich unter achtzig Stundenkilometern.

»Wenn ihr fertig seid, euch auf meine Kosten zu amüsieren, könnten wir vielleicht mit dem Fall weitermachen.«

»Du hast recht, sorry, aber manchmal bist du wirklich zu gut.«

»Ja, ja, du bist guuut, das hat die Sommersprossige sicher auch gesagt.«

»Ruhe, Manfredi, nur keinen Neid, weil du selbst quasi von Geburt an verheiratet bist. Obwohl, bei einer Frau wie deiner würde ich vielleicht auch nicht nein sagen.«

»Pietro, halt die Klappe, über meine Frau werden keine Witze gemacht.« Und schon war Manfredi gereizt, sein Gesicht gerötet, der Blick verfinstert. Gnarra war ein ernst zu nehmender Rivale, er hingegen untersetzt und stämmig, mit viel weniger Haaren, als ihm lieb war. Manchmal tröstete sich Santomauro bei seinem Anblick; bei ihm hatte der Haarausfall schon früh eingesetzt, und nun, mit dreiundvierzig, trug er einen glänzenden, gebräunten, perfekt rasierten Schädel zur Schau, was zu seinen blauen Augen und gleichmäßigen Gesichtszügen gar nicht übel aussah, und Männer seines Alters, die jetzt mit ihrem grauen oder schütteren Haar zu kämpfen hatten, entschädigten ihn irgendwie für die Leiden seiner Jugend.

»Was habt ihr heute nur alle gegen mich?! Also gut, dann werde ich mich mal ein wenig umhören, während ihr euch hier die Schenkel platt haut. Bis dann.«

Immer noch eingeschnappt machte sich Gnarra zu seiner Erkundungstour auf, um zu tun, was er am besten konnte, am Strand entlangschlendern und durch Bars, Läden und Restaurants ziehen und mit allen reden, die ihm über den Weg liefen. Santomauro argwöhnte manchmal, dass er dabei insgeheim an einer zukünftigen Karriere als Politiker strickte, so bekannt, wie er war, aber er sammelte auch unumstritten die meisten Informationen, Neuigkeiten und Gerüchte von der gesamten Cilento-Küste. Wenn in Ogliastro Cilento, Casale Marino oder Pisciotta etwas passierte, erfuhr Gnarra es als Erster, und aufgrund dieser Gabe durfte er nach Gutdünken umherstreifen und die ungeliebte Schreibtischarbeit den weniger umtriebigen Kollegen überlassen.

 

»Maresciallo, hier spricht Staatsanwalt Gaudioso. Ich will ganz offen sein: Hier in Vallo versinken wir in Arbeit, es ist heiß und meine Frau muss jeden Moment niederkommen, mit dem fünften Mädchen, unter uns gesagt, ich kann Sie also nur bitten, mir mit dieser namenlosen Leiche vom Hals zu bleiben, kümmern Sie sich darum und halten Sie mich auf dem Laufenden, und wenn Sie etwas herausfinden, teilen Sie es mir mit, und wir schließen die Sache ab.«

»Aber vielleicht wird es nicht ganz so einfach …«

»Hauptsache, Sie verschwenden nicht meine Zeit! Finden Sie heraus, wer sie war, und garantiert ist der Ehemann dann der Mörder! Sie wissen doch genauso gut wie ich, Maresciallo, dass die meisten Morde innerhalb der Familie geschehen, nicht wahr? Also dann, tun Sie Ihre Arbeit und lassen Sie mich damit in Frieden, wenn ich meine Frau nach der ersten Schwangerschaft um die Ecke gebracht hätte, ginge es uns heute auch allen besser.«

»Ja, aber …«

»Finden Sie den Mann!«

 

»Einen viertel Liter Milch und vier Brötchen, bitte. Haben Sie schon gehört?«

»Ja ja, Signora, mittlerweile passieren so schlimme Geschichten nicht mehr nur in der Stadt. Die mit Öl gebackenen Brötchen?«

»Ja, danke. Es heißt, sie war in Stücke geschnitten und über den ganzen Strand verteilt.«

»Das glaube ich nicht, ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass sie noch so gut wie ganz war, nur ein paar von diesen gewissen Teilen fehlten … na, Sie wissen schon welche. Darf es sonst noch etwas sein?«

»Ein Glück, ich wollte schon den Strand wechseln. Stellen Sie sich vor, plötzlich eine Hand oder ein Ohr unterm Sonnenschirm zu finden … Geben Sie mir noch dreihundert Gramm Schinken, aber dünn geschnitten.«

»Hier, bitte sehr, hauchdünn. Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, es könnte das Monster von Florenz1 sein. Vielleicht macht es ja hier Urlaub.«

»Um Himmels willen, da kriege ich gleich eine Gänsehaut. Haben Sie auch Myrte? Aber frische, nicht wie vorgestern.«

 

»Verschwunden. Gustavo ist einfach verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Seit heute Morgen kann ich ihn nicht finden, Simone, wie soll ich das nur den Kindern sagen? Ich bin verzweifelt.«

Santomauro nickte mit düsterer Miene.

Die Lage war wirklich ernst, die Manfredi-Kinder liebten Gustavo heiß und innig, das schneeweiße Angorakaninchen, das seit einigen Wochen zur Familie gehörte. Gerne hätte er Maria Pia getröstet, die händeringend vor ihm saß, doch er wusste, dass bei Vermisstenanzeigen die ersten vierundzwanzig Stunden entscheidend waren, und ihm schwante Übles. Gustavo war noch nicht ganz ausgewachsen gewesen, aber dennoch schön dick und zart. Es sah nicht gut aus für ihn.

»Ich verspreche dir, ich tue, was ich kann, aber sag Totò lieber nichts davon, du kennst ihn ja, er geht gleich in die Luft und könnte etwas Dummes sagen oder tun. Und wenn ihr, du und die Kinder, es ihm verschweigt, merkt er nicht einmal, dass Gustavo nicht mehr da ist.«

Maria Pia versprach es, die Augen tränengefüllt, dann rang sie sich ein zittriges Lächeln ab und stand anmutig auf.

Sie war eine wirklich schöne Frau, von einer üppigen Schönheit, mediterran und reif wie eine sonnengewärmte Frucht. Am liebsten trug sie Kleider in warmen Farben, Orange, Gelb oder Rot, die ihre Beine und ihr gebräuntes Gesicht betonten.

In der Kaserne hatten sie und die Kinder, drei kleine Rabauken zwischen zwei und sechs Jahren, bisher keine größeren Probleme gehabt. Gustavo war schnell zum Maskottchen der Carabinieri geworden, und dem Maresciallo gefiel der Gedanke gar nicht, einer von ihnen könnte für sein Verschwinden verantwortlich sein. Er wollte lieber glauben, dass das unvorsichtige Tierchen sich Hals über Kopf in die umliegenden Büsche geschlagen hatte.

Aber Gustavo war alles andere als unvorsichtig, er war ein stilles, ruhiges Pummelchen, und Santomauro wusste, dass er den faulen Apfel im Korb suchen musste.

In der Kaserne lebten fünfzehn Männer, plus er selbst, Gnarra und Manfredi, allesamt seit mindestens drei Jahren in Pioppica, bis auf Bancuso und Licalzi, die im Frühjahr dazugestoßen waren. Mit finsterer Miene stand der Maresciallo auf.

 

Der erste Messerstich: Staunen auf ihrem Gesicht, dann Schmerz, Unglauben, Erschrecken. Und die Angst. Und das Blut, viel Blut, dunkel und zäh, während das Messer tiefer fuhr. Dreiundvierzig Stiche, jeder einzeln gezählt. Eins, für deine Haare. Zwei, für deine Augen. Drei, für den Busen. Vier, für die Hände, bis es nichts mehr zu zählen gab.

 

»Ein Cœur. Wisst ihr schon das Neuste?«

»Ein Pik. Was denn, hier passiert doch sowieso nie was.«

»Drei Cœur. Was ist denn los, hat Tina sich Strähnchen machen lassen?«

»Passe. Nun sag schon, Evelina, spann uns nicht auf die Folter.«

»Sechs Cœur. Sie haben eine Leiche gefunden, eine Frauenleiche, völlig unkenntlich, unter den Algen am Strand versteckt. Ermordet.«

»Passe. Um Himmels willen, das ist ja furchtbar! Und wer …?«

»Passe. Ermordet, du liebe Güte, wer hätte das gedacht, so etwas hier …«

»Ich passe. Meinst du, wir sollten Pippo informieren? Also, Evelina, sechs Cœur, das sehe ich wirklich nicht.«

 

Wenn er nervös war, musste Santomauro einfach raus an die frische Luft.

Er hatte keine Zeit, um bis ans Meer hinunter zu fahren, außerdem waren die Strände um diese Zeit ohnehin noch überfüllt mit Badegästen. Er sehnte sich nach Ruhe, also schlug er zu Fuß einen Pfad ein, der sich fast genau gegenüber der Kaserne den Berg hinaufschlängelte.

Nach wenigen Minuten hatte er die Geräusche der Straße hinter sich gelassen. Es war nicht besonders heiß, deshalb spazierte er mit den Händen in den Taschen weiter, einfach der Nase nach.

Seit er am Vortag die Leiche in den Algen gesehen hatte, schwebte ihm ein Bild vor Augen, das er erst jetzt in der Erinnerung richtig zu fassen bekam.

Einige Monate zuvor hatte er sich unbedachterweise von Totò Manfredi ins Kino schleppen lassen.

Salerno, Programmkino, ein japanischer Film von seltener und authentischer Schönheit, stark und direkt wie ein Schlag in die Magengrube, dabei zart und poetisch wie ein Märchen. Das Ganze gewürzt mit ungewöhnlicher, verstörender Erotik, exotisch und grenzüberschreitend, kurz, ein Film, den man gesehen haben musste.

Er hatte ihn gesehen. In einem kleinen, dunklen Saal, zusammen mit zwanzig anderen Zuschauern, die sich genauso unbehaglich fühlten wie er. Manche schwiegen verblüfft, andere machten aus ihrer Häme keinen Hehl, einer war mit vor den Mund gepresster Hand hinausgerannt.

Mit dem bestürzten Manfredi an seiner Seite hatte er sich von Anfang bis Ende die Geschichte eines japanischen Malers angetan, der im Straßengraben eine wunderschöne Meerjungfrau findet und sie mit zu sich nach Hause nimmt. Doch in seiner Badewanne darbt sie dahin, und zwischen einer Sexszene und der nächsten beginnt sie sich mit schrecklichen, eitrigen Blasen zu überziehen, die aufplatzen und dabei Säfte und Schleim in allen Farben des Regenbogens absondern. Noch ein paar Sexszenen in perfekter Balance zwischen Grauen und unfreiwilliger Komik, dann stößt die arme Kreatur aus allen natürlichen und unnatürlichen Körperöffnungen vielfarbigen Eiter aus. Der Künstler hält sich wacker: In der Schlussszene hat er sich mit Leinwand, Pinseln und Staffelei bewaffnet und zeichnet ein unsterbliches Porträt der Seejungfrau, indem er die Pinsel direkt in ihre eitrigen Wunden taucht. Ende, Erlösung, alle raus, Manfredi mit gesenktem Kopf und zitterndem Schnurrbart.

Bei der Leiche, die unter den Algen am Strand von Pioppica versteckt gelegen hatte, konnte man ja an so einiges denken, nicht jedoch an eine betörende Sirene. Sämtliche Spuren von Schönheit, wenn es sie gegeben hatte, waren verschwunden, auf schreckliche Weise ausgelöscht durch den Wahnsinn eines Menschen und die Grausamkeit der Natur.

Und doch fiel Santomauro beim Gedanken an sie immer wieder eine Sirene ein. Eine Sirene unter den Algen.

 

Am Ende des Tages war das Rätsel um Gustavo noch immer nicht gelöst, Manfredis Kinder waren mit rotgeweinten Augen zu Bett gegangen und Santomauro saß mit Cozzone in seinem Büro und zog Resümee.

Es war die Stunde der Dämmerung, wenn alles irgendwie trostlos wirkt, der Tag ist zu Ende, die Dinge aber noch nicht abgeschlossen, die Nacht bricht nur langsam an und alles scheint in einem zeitlosen Limbus zu schweben. Santomauro war niedergeschlagen. Das Büro deprimierte ihn mit der brennenden Schreibtischlampe und den Landkarten, die an den Wänden im Halbdunkel hingen. Cozzone deprimierte ihn mit seinem hässlichen Braver-Junge-Gesicht und der traurigen, sorgenvollen Miene. Die Stille um sie herum deprimierte ihn, nicht einmal die Grillen zirpten, auf der Landstraße regte sich keine Menschenseele, und selbst die streunenden Hunde hielten sich von der Kaserne fern, wo Tiere verschwanden.

Er zwang sich, seinem Gefreiten zuzuhören.

»Ich bin mit äußerster Vorsicht vorgegangen, Maresciallo, ohne Beweise kann ich ja niemandem was anhängen. Bancuso und Licalzi teilen sich das Zimmer mit Bartocci, und der hat bis Mittwoch kommender Woche Urlaub. Keiner von beiden geht in naher Zukunft in Urlaub, so dass ich sie unter Kontrolle habe, aber ich glaube einfach nicht, dass einer von ihnen …«

»Schon gut, Pasquale, ich kann mir das auch nicht vorstellen«, fiel ihm Santomauro ins Wort und erhob sich, die Depression wie einen schwarzen Hut auf dem Kopf, »wir werden sehen, was passiert. Halt die Augen offen.«

»Und Sie, Maresciallo, bleiben sie nicht zum Abendessen? Ab heute hat Ammaturiello wieder Küchendienst, Sie wissen doch, der war früher Hilfskoch bei Mimì von der Eisenbahn.«

»Ach ja? Und was gibt’s?«

»Geschmortes Kaninchen, Maresciallo, wir haben solche Prachtexemplare erstanden, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft«, erwiderte Cozzone und hatte immerhin den Anstand, gleich darauf zu erröten.

 

Die Nachtstunden widmete Santomauro der Lektüre.

Er gehörte nicht zu den Menschen, denen ab elf Uhr die Augen zufallen, und wenn er nichts anderes vorhatte, machte er es sich abends auf der Veranda in seinem Klappliegestuhl mit grüner Kunststoffbespannung, einem Erbstück seiner längst verstorbenen Tante, mit einem Buch bequem. Oder, wenn es zu kühl war, im Bett oder auf dem Sofa. Er hasste den Fernseher, der in einer Ecke des Wohnzimmers langsam einstaubte, stattdessen war jedes freie Stück Wand seines Häuschens mit Holzregalen vollgestellt, die vor Büchern überquollen, als wären sie eine eigenständige Spezies mit der Fähigkeit, sich fortzupflanzen.

Santomauro war ein allesverschlingender, unersättlicher Leser, was in der Familie liegen musste, da schon von besagter Liegestuhl-Tante die Sage ging, sie habe aus Mangel an Nachschub sogar das Telefonbuch gelesen.

So weit war es bei Santomauro noch nicht, doch er kannte das Lesestoff-Entzugs-Syndrom und hatte daher immer ein paar Bände für den Notfall bereitliegen, Bücher der Sorte, die man beliebig oft im Leben lesen kann, ohne dass man ihrer überdrüssig wird, und in denen man immer wieder etwas Neues entdeckt.

Seit ein paar Tagen war er an einem Buch über das Enneagramm, beziehungsweise »diesen Zahlenquatsch«, wie Gnarra es einmal respektlos ausgedrückt hatte, dessen eigene Lektüre sich auf das Ergebnis der Lottozahlen beschränkte. Es war eine spannende Theorie, eine Einordnung der Menschen nach ihrer Wesensart in bestimmte Psycho-Typen; Santomauro war ziemlich überzeugt davon, eine Fünf zu sein, Manfredi musste eine Eins sein, aber angesichts der komplexen Schlichtheit von Gnarras Psyche hatte er die Waffen strecken müssen und war sich immer noch nicht sicher, ob er ihn als Sieben, als Vier oder als misslungene Acht einordnen sollte.

Das Telefon drängte sich störend in seine Ruhe, widerstrebend ging er ran. Ausgerechnet Gnarra war am Apparat, seine Stimme versank fast in einer Kakophonie aus Musik und Gelächter, die durch den Hörer drang. Trotz des Lärms entging dem Maresciallo nicht seine mühsam unterdrückte Erregung: »Es ist so weit, Simone, ich habe eine Spur. Vielleicht weiß ich, wer die Frau in den Algen ist.«

»Was hast du herausgefunden?«

»Ich kann dazu jetzt nichts sagen, mir fehlt noch die Bestätigung, wir sehen uns morgen in der Kaserne, dann erzähle ich dir alles«, und schon hatte er aufgelegt, ohne eine Antwort abzuwarten.

Santomauro kehrte in seinen Stuhl zurück, doch schon nach einer Minute ließ er nervös das Buch sinken.

Aus war’s mit der Ruhe.

 

Von wegen Ruhe! Regina Capece Bosco rappelte sich aus ihrer Yogaposition auf, in der sie mühsam verrenkt vier scheinbar endlose Minuten ausgeharrt hatte. Bridge und nur Bridge brachte ihr Entspannung, alles andere konnte man vergessen.

Sie legte sich auf das Bett vor dem Panoramafenster, von dem aus sie die ganze Küste bis hin zum Leuchtturm überblicken konnte, eine weite, samtene, tiefblaue Fläche, übersät mit gelben Glitzerpünktchen. Die Partie am Nachmittag war zu ihrer Zufriedenheit ausgegangen, die dumme Gans Bebè Polignani hatte sich wie gewöhnlich bis aufs letzte Hemd ausziehen müssen, weil sie unter sechstausend gelandet war. Die anderen Spielerinnen hatten sie niedergemacht. Woher also dieses vage Gefühl der Unzufriedenheit? Die Leiche in den Algen? Vielleicht hätten sie am Ende doch Pippo anrufen sollen. Die anderen hatten ja davon gesprochen, vielleicht wäre es wirklich das Beste, auf Nummer sicher zu gehen.

Mitternacht, um diese Uhrzeit rief man bei anständigen Leuten nicht mehr an, besser morgen.

Oder vielleicht, noch besser, würde sie einfach die dumme Gans Bebè anrufen lassen.

 

Pippo Mazzoleni schlief. Niemand hatte ihn informiert, dass unter den Algen eine Frauenleiche gefunden worden war. Im Schlaf tastete sein Arm hinüber auf Elenas Bettseite, die Hand fand das kühle Bettlaken, und er wachte nicht auf.

 

Samstag, 11. August

»Carmela Tatariello, genannt die Puppe. Wie du siehst, serviere ich sie dir quasi auf dem Silbertablett. Sie wurde seit einer Woche nicht mehr zu Hause gesehen, ebenso wenig ihr Mann. Was hältst du davon?«

Santomauro unterdrückte den Anflug von Ärger, der ihn angesichts von Pietro Gnarras selbstzufriedenem Lächeln überkam.

Als er am frühen Morgen ins Büro gekommen war, saß der Kollege schon dort – ausgerechnet an seinem Schreibtisch –, ausgeschlafen, frisch rasiert und bei der zweiten Tasse Kaffee. Ohne ein Wort der Entschuldigung hatte er den Stuhl geräumt und weiter an Panguros ungenießbarem Kaffee genippt.

Er selbst fühlte sich zerknittert und mürrisch, grau und vom Alter gebeugt, wie im Übrigen jeden Morgen bis zur vierten oder fünften Tasse Kaffee. Der Freund hingegen wirkte nicht im Geringsten angekratzt von dem Trubel der vergangenen Nacht und hatte zudem auch noch etwas herausgefunden. Was ihm fehlte, war die positive Lebenseinstellung, attestierte sich der Maresciallo. Vielleicht sollte er lieber von der Fünf zur Sieben wechseln, und in der Zwischenzeit zündete er sich, nur um Gnarra zu ärgern, der zu alledem auch noch Grün wählender Gesundheitsfanatiker war, eine Zigarette an.

Viel zu zufrieden, um etwas mitzubekommen, fuhr jener fort: »Diese Carmela ist eine schöne Frau um die dreißig oder etwas darüber. Brünett, gute Figur, das Äußere passt, habe ich schon mit dem Leichenschauhaus abgeklärt.«

Santomauro blies ihm mit unerschütterlicher Ruhe den Rauch ins Gesicht.

»Sie hat ganz früh geheiratet, Aniello Frangiello, besser bekannt als ’o Fravicino1. Dieses arme, mickrige Männlein – nie war ein Spitzname treffender – war quasi gleich nach der Hochzeit zum Malochen nach Venezuela gegangen, während sie hierblieb, offiziell um die alte, kranke Mutter zu pflegen, inoffiziell um äußerst erfolgreich den Kopf des armen Fravicino mit unzähligen Hörnern zu überziehen. Zwei Mal kam er nach Hause in all den Jahren, und zwei Mal fuhr er völlig verzweifelt und gedemütigt nach Caracas zurück. Nun jedoch sieht es so aus, als wolle er endgültig nach Italien zurückkehren. Das Emigrantenleben sei zermürbend, hat er seinen Freunden anvertraut, außerdem hat er ein ganz ansehnliches Landgut geerbt, nur Carmela stellt ein Problem dar. Die Puppe ist in allen Bars und Diskotheken der Gegend berüchtigt, nicht vorbestraft, wohlgemerkt, aber sie tut eben, was sie will, und wenn ein Mann ihr gefällt, nimmt sie ihn ohne viel Federlesen mit nach Hause. Nun könntest du sagen, was ist schon dabei, wenn der Ehemann in Caracas ist?«

Santomauro schwieg, von Nikotinschwaden umhüllt. Allmählich wachte er auf, doch seine Stimmung war und blieb düster.

»Aber es ist sehr wohl was dabei, denn ’o Fravicino ist nun schon seit einigen Wochen wieder zurück, und Carmela hat ihren Lebensstil nicht geändert, kommt frühmorgens oder gar nicht nach Hause. Der arme Mann war verzweifelt, und er hat zu seinen Freunden gesagt, eines Tages würde er sie noch erschlagen. Was er dann ja auch getan zu haben scheint.«

Beim Blick in Gnarras selbstgerechte Miene fragte sich der Maresciallo, warum es immer ausgerechnet die Hurenböcke und Aufreißer waren, die sich lauthals empörten, wenn eine Frau es wagte, sich ebenso zu verhalten wie sie.

»Was meinst du, Simone, könnte sie’s sein? Die Nachbarn sagen, sie hätten sie seit Tagen nicht gesehen, und auch ihr Mann ist unauffindbar. Ist das eine heiße Spur?«

Und die Frage dahinter schien zu lauten: Habe ich das nicht gut gemacht? Das rührte Santomauro nun doch. »Aber ja, Pedro, die Spur glüht ja geradezu, wir werden mal ein bisschen herumfragen. Das war wirklich gute Arbeit.«

Und während er Gnarra mit freudestrahlendem Gesicht hinausgehen sah, fühlte sich der Maresciallo, warum auch immer, wieder mit der Welt versöhnt.

 

Zwei Stunden später sah das anders aus.

Von Aniello und Carmela Frangiello keine Spur.

Stattdessen stapelten sich auf seinem Schreibtisch ein Haufen Papiere und Zettel: Faxe, Telefonnotizen und Kopien von alten Berichten und Anzeigen.

Im Gebiet um Salerno waren im vergangenen Monat zwölf Frauen verschwunden. Zu viele, dachte er entmutigt.

Er begann das Material zu durchforsten. Einige ließen sich von vornherein ausschließen, wie die zweiundvierzigjährige Mutter von sechs Kindern, die mit den Ersparnissen aus der Zuckerdose auf und davon war. Auf den Fotos sah man, dass sie mindestens hundert Kilo wog. Ganz offensichtlich hatte die arme Frau beschlossen, dass dies der Moment war, einmal nur an sich selbst zu denken. Dann war da die Studentin, deren Eltern die Vermisstenanzeige aufgegeben und zwei Tage später wieder zurückgezogen hatten, eine Ausreißerin, die Liebeskummer oder Stress mit Mama und Papa hatte. Zwei psychisch kranke Frauen waren beide wieder aufgefunden worden, eine spazierte halbnackt über die Strandpromenade von Salerno, die andere lag überfahren unter einer Autobahnbrücke, der Unfallfahrer war flüchtig. Drei weitere Frauen hatten sich telefonisch bei den besorgten Verwandten gemeldet. Eine vorbestrafte Prostituierte, deren Freundinnen sich Sorgen gemacht hatten, weil sie nicht mehr am Arbeitsplatz erschienen war, saß wegen Diebstahls im Gefängnis. Über den Verbleib einer Babysitterin von den Kapverden, die vor zwei Wochen verschwunden war, wusste man noch nichts, doch ihre Hautfarbe schloss sie automatisch aus. Drei Drogenabhängige zwischen neunzehn und vierzig, die zu verschiedenen Zeitpunkten in Vallo, Agropoli und Salerno verschwunden waren.

Eine von ihnen könnte es sein, überlegte Santomauro.

Oder Carmela die Puppe, wenn Gnarra richtiglag.

 

Pioppica Sopra war ein entzückender Urlaubsort, wenn man die Ruhe und die Natur liebte und Diskos, Trubel, Meer, Eisdielen und lärmende Jugendliche hasste, alles Dinge, die trotzdem in geringer Entfernung zu haben waren.

Santomauro saß an einem der Tischchen vor der Bar Colapelato, dem legendären Treffpunkt auf der Piazza dei Martiri d’Italia im Ortskern, nippte an einer Mandelmilch und betrachtete die nachmittäglichen Flaneure. Ein paar Grüppchen übellauniger Teenager, zu jung für den Führerschein und ohne jede Hoffnung auf ein Mofa, hingen auf dem Aussichtsmäuerchen herum und warteten darauf, älter zu werden, um endlich ihre Ferien weit weg von diesem elenden Kaff verbringen zu können. Ihre Eltern, in ahnungsloser Glückseligkeit schwelgend, unterhielten sich, spielten Karten oder genossen einfach das Panorama, froh darüber, weit weg von dem normalen, gemeinen Urlaubsgetümmel zu sein.

Die Aussicht war wirklich einzigartig.

Der Blick schweifte über die Landschaft hinab, wo die Kurven der Landstraße nach Pioppica Sotto zu erkennen waren, und dahinter das Meer, das in der Nachmittagssonne glitzerte, ein von Berghängen eingefasster Türkis, dann die ehemalige Feste La Rocca und weiter weg die Küstenlinie, die sich in der Ferne verlor, der Leuchtturm, Kap Palinuro und die Windsurfer, die wie Möwen am Himmel durch das Blau der See wirbelten. Es musste sich fürchterlich anfühlen, vierzehn Jahre alt zu sein und von hier oben, einer gottverlassenen Bergspitze, nach unten zu schauen, wo das Leben tobte.

Erleichtert sah Santomauro Manfredi herankommen. Wie er selbst trug der Brigadiere Uniform, und die Jugendlichen beäugten sie mit finsteren Mienen.

 

Samstags fand die Nachmittagspartie bei Bebè Polignani statt.

Die anderen trafen sich ungern bei ihr, denn die Kanapees mit Lachscreme, die Bebè beharrlich anbot, schmeckten einfach grauslich.

Olimpia behauptete ja, gehässig wie immer, sie bereite sie mit Fertigpaste aus der Tube zu, aber darüber herrschte noch keine Einigkeit.

Wenn es am Samstagabend nicht irgendwohin zum Essen oder Tanzen ging, bot sich der Panoramasalon der Signora Capece Bosco in der Villa La Rocca immer für ein gemischtes Spiel mit zwei oder drei Tischen an, zu dem dann auch die Herren zugelassen waren, die wochenends von den Mühen der Stadt heimkehrten, und Regina ließ es nie an schmackhaften Häppchen und alkoholischen Getränken fehlen.

Die anderen stellten ihre Wohnungen im Wechsel zur Verfügung, alle mit anständiger Bewirtung, doch der Samstagnachmittag gehörte allein Bebè, die darauf bestand, weil sie sich dann die Haare legen und die Lockenwickler so lange auf dem Kopf lassen konnte, bis es abends Zeit zum Ausgehen war.

Auch an diesem Tag waren die Damen also auf der Terrasse ihres Hauses versammelt, der Villa Bebè, wie der verstorbene Notar Polignani sie kokett getauft hatte, als er sie seiner zweiten Frau schenkte. Sie waren wieder zu fünft, da Mina D’Onofrio die fehlende Elena Mazzoleni ersetzte. In gemütlicher Runde diskutierten sie rauchend die letzte Hand. Olimpia Casaburi war schmachvoll untergegangen, weil sie fünf Karo angesagt und nur drei erfüllt hatte. Nun musste sie wohl oder übel die Schmähungen ihrer Partnerin über sich ergehen lassen. Annamaria Musso Palladino war bekanntermaßen eine fast ebenso große Niete wie Bebè, und sie konnte ihr Glück kaum fassen, endlich einmal einer anderen das unbesonnene Bieten vorwerfen zu dürfen.

»Mal ganz abgesehen davon, dass einfach keine fünf Karo da waren, kannst du mir bitte erklären, warum in Gottes Namen du den Cœurbuben im zweiten Stich hast durchlaufen lassen?«

»Das war doch Bluff, du dumme Gans, und außerdem wäre ich damit durchgekommen, wenn du nicht so getan hättest, als hättest du noch ein Honneur in der Reserve. Du hattest ein grauenhaftes Blatt, meine Liebe, aber im Übrigen gehen die Stiche ja bekanntlich an den, der sie verdient.«

»Und für uns sind das weitere dreihundert Punkte. Besser so, Mina, als wenn wir drei Pik gespielt hätten. Die beiden scheinen uns helfen zu wollen.«

»Ja wirklich, und außerdem finde ich das Spiel in der Defensive äußerst anregend, so kreativ.«

»Entschuldige, Mina, aber wenn du so gestelzt daherredest, bist du unausstehlich. Und puste mir bitte nicht den Rauch ins Gesicht, du weißt, dass ich das hasse!«

»Olimpia, meine Liebe, die Niederlage hat dir wohl die Laune verdorben. Gibt es noch Cola? Danke, sonst noch wer?«

»Bloß nicht! Das nächste Mal bringe ich meinen eigenen Wodka mit.«

»Was meckert ihr denn herum, ihr Klatschweiber? Seht nur, was ich Feines für euch gemacht habe.«

Bebè Polignani, die ihre Lockenwickler mit einem zu ihrem Kaftan passenden rosa-orangefarbenen Tuch umwickelt hatte, trug aus der Küche ein Tablett herein. Die anderen stöhnten: Außer den verhassten falschen Lachskanapees entdeckten sie die gefürchteten Teigringe mit Kaviarersatz, den die Hausherrin völlig schamlos für echten Wolga-Kaviar ausgab.

»Mädchen, hört auf, euch zu streiten, in der Pause wird nicht über Bridge geredet. Was gibt es Neues? Hat man etwas über dieses schreckliche Verbrechen herausgefunden?«

Bebè war eine zweiundvierzigjährige, blondgefärbte, buttrige Person mit langen, manchmal zum Dutt hochgesteckten, manchmal mädchenhaft auf die Schultern herabfallenden Haaren. Sie hatte volle Lippen, einen mehr als passablen Körper, das Stimmchen einer Gans und eine Art, die Männer von unten herauf anzusehen, die all ihre vermeintlichen Freundinnen in Rage versetzte. Sie rühmte sich eines Abschlusses in Pharmazie, doch dem seligen Notar hatte sie den Gerüchten zufolge bei der Maniküre den Kopf verdreht. Ganz dumm war sie aber auch nicht, denn mit der Heirat hatte sie sich einen mehr als ansehnlichen Status gesichert, und immerhin hatte Signor Polignani für sie seine erste Frau verlassen, mit der er zwanzig Jahre lang verheiratet gewesen war. Im Übrigen war Bebè schlagfertig und sympathisch, neugierig und stand immer gern im Mittelpunkt.

Regina Capece Bosco stürzte sich ganz ungezwungen auf das Thema, das ihr am Herzen lag. »Ich habe versucht, etwas aus Ester, der Tochter des Obstverkäufers, herauszubekommen, die geht ja mit einem Carabiniere, aber die wissen wohl selbst nichts. Anscheinend haben sie noch nicht mal eine Ahnung, wie das arme Ding überhaupt hieß.«

»Selbst Barbarella wusste nichts, dabei ist sie doch wirklich das Oberwaschweib von Pioppica!« Bebè lachte erfreut über ihre eigene Pointe – Barbarella Pilerci war Friseurin und kam zu ihnen allen zum Waschen, Schneiden, Legen nach Hause.

»Gestern Abend haben wir bei Leandro gegessen, ihr wisst schon, Leandro de Collis, der Rechtsmediziner, er nimmt die Autopsie vor«, warf Olimpia mit gewichtiger Miene ein, konnte aber, als die anderen überrascht die Augen aufrissen, nicht viel hinzufügen: »Er war extrem zugeknöpft. Aber seine Frau hat mir gesagt, dass dieser Fall ihn sehr beschäftigt. Und das will etwas heißen bei Leandro. Der Mann hat das Einfühlungsvermögen einer Schildkröte.«

»Ich frage mich, wer das arme Ding nur sein kann. Stellt euch vor, in diesem Moment macht sich jemand Sorgen um sie.«

»Mina, dein weiches Herz rührt mich. Aber ausnahmsweise hast du einmal recht. Bebè, hattest du nicht gesagt, wir sollten Pippo informieren? Man kann nie wissen, wenn nun … Warum rufst du ihn nicht an?«

»Das war eigentlich nicht meine Idee, aber wenn ihr meint …«

 

»Pedro war also wieder mal in Höchstform.«

Die Verachtung in seiner Stimme war unüberhörbar. Santomauro klammerte sich an den Griff, als das Auto eine Haarnadelkurve nahm. Das Meer befand sich noch ein ganzes Stück weiter unten, und der Maresciallo hatte keine Lust, schneller als nötig anzukommen. Manfredi war eigentlich der großzügigste und uneigennützigste Mensch der Welt, doch Gnarra schaffte es, seine schlimmsten Seiten zum Vorschein zu bringen, und das quasi unwissentlich.

»Man wird sehen, bevor die Leiche nicht offiziell identifiziert ist, können wir nicht davon ausgehen, dass es sich bei ihr um Carmela die Puppe handelt. Auch wenn es sehr wahrscheinlich klingt, die Beschreibung passt und es ein Motiv gäbe … Na ja, wir werden sehen.«

»Bravo, Gnarra!« Totò schlug zornig mit der Hand auf das Lenkrad. »Stolziert wie ein Gockel durch die Bars und Kneipen und findet trotzdem einen Hinweis, während wir depperten Familienväter über den Akten brüten dürfen.«

Santomauro sah ihn verstohlen an: Ob sich hinter der puritanischen Feindseligkeit des superverheirateten Manfredi vielleicht weniger tugendhafte Motive verbargen, zum Beispiel ein gesunder Neid auf das lustige Singledasein des Kollegen? Sein Nebenmann bemerkte den Seitenblick und versuchte zu lächeln.

»Entschuldige, Simone, das war unfair. Pietro hat wirklich gute Arbeit geleistet, und wir können es ihm nur danken, wenn wir mit seiner Hilfe den Fall schnell lösen. Die Sache ist halt nur«, fuhr er fort, während er die Verbindungsstraße nach Pioppica Sotto einschlug, »dass ich gereizt bin. Maria Pia war heute den ganzen Tag so komisch, ich habe das Gefühl, sie geht mir aus dem Weg. Die Kinder hat sie zum Baden zu den Cousins nach Acciaroli geschickt, die sind vor heute Abend nicht zurück. Aber wo sie selbst steckt, keine Ahnung, ich habe das Gefühl, sie verheimlicht mir etwas. Pah! Frauen sind merkwürdig. Vielleicht tut Pedro ja genau das Richtige, wenn er sich immer nur die Rosinen herauspickt.«

Santomauro fühlte sich ein bisschen mitschuldig, aber er hatte versprochen, nichts von Gustavo zu sagen, also sagte er nichts. Jetzt, wo sein Kollege sich Luft gemacht hatte, dachte der Maresciallo, könnten sie wieder auf die Arbeit zu sprechen kommen. Doch da irrte er sich.

»Entschuldige, Simone, wenn ich chronischer Nörgler dir hier die Ohren volljammere! Dabei hast du genug eigene Sorgen … Hast du denn in letzter Zeit was von ihr gehört?«

Der Maresciallo lächelte, schwieg und wechselte dann das Thema. Warum kümmerten die Leute sich nicht um ihren eigenen Kram?

Fünf Minuten später erreichten sie die Einfahrt zu Sigmalea, einer der beiden exklusiven privaten Wohnanlagen der Gegend mit ihren wenigen Luxusvillen im Besitz erlesener Feriengäste. Das Tor an der Einfahrt sollte Unbefugten den Zutritt verwehren, welche von dem Privatzugang zum Strand profitieren wollten. Der Wagen der Carabinieri schob sich in die Lücke, aus der gerade ein erdbeerfarbener Smart mit einer scharfen Brünetten am Steuer ausgeparkt hatte. Zwischen den Baumkronen konnte man die Dächer der Villen erahnen.

Die dritte davon gehörte Professor de Collis. Sie erreichten sie über eine kleine Auffahrt, die vom Hauptweg abzweigte. Vor allem die Koryphäen der Medizin schätzten die Gegend, seit vor vierzig Jahren die Erfinder der mediterranen Diät, amerikanische und italienische Ernährungsexperten mit Weitblick, hier ihren Zufluchtsort vor dem hart umkämpften Wissenschaftsbetrieb gefunden hatten.

Die Villa war im typischen Baustil der Region gehalten. Große Rundbögen hin zur Panoramaterrasse, geweißte Mauern, rote Ziegel, grüne und himmelblaue Majoliken. Rundherum war die üppig sprießende Natur kunstvoll auf die Bedürfnisse des Eigentümers zurechtgestutzt. Voller Neid betrachtete Santomauro eine wunderschöne, handgewebte Hängematte, die im Schatten zweier Bäume leicht hin und her schaukelte.

Die Haustür war abgesperrt, und außer der schwingenden Hängematte war kein Lebenszeichen zu entdecken. Dabei hatten sie sich telefonisch angemeldet, und der Professore hatte sich, wenngleich wenig begeistert, bereit erklärt, sie zu empfangen. Während Santomauro an das Geländer trat und auf das Meer hinunterschaute, dessen Wellen sich mehrere Dutzend Meter weiter unten kräuselten, klopfte Manfredi mit Nachdruck an die Tür. Sie zuckten zusammen, als der Arzt unvermittelt aus einer Terrassentür im Rücken von Santomauro trat.

»Entschuldigen Sie, ich war hinten im Garten und habe lieber abgeschlossen. In letzter Zeit hatten wir einige Einbrüche in Sigmalea. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«

Überrumpelt von so viel Zuvorkommenheit konnte der Maresciallo nicht ablehnen, und wenige Minuten später saßen alle drei in bequemen Korbsesseln und nippten an ihren Getränken, die beiden Carabinieri an dem angebotenen Kaffee und der Professore an einem ungleich stärkeren Bourbon.

»Meine Frau ist heute Morgen weggefahren. Zu ihrer Schwester nach Pescasseroli, es ist einfach zu heiß hier und zu voll.«

Merkwürdig, wie die Menschen, wenn sie nervös waren, dazu neigten, zu viel zu reden, zu viele Informationen preiszugeben, um den Anschein von Normalität zu erwecken. Die Hand, die das Glas hielt, war ruhig, die gebräunten Beine locker übereinandergeschlagen, das Lächeln herzlich, vielleicht sogar ein wenig zu herzlich für seine Person, doch ein Augenlid zuckte unkontrolliert, während Leandro de Collis sich in überflüssigen Erklärungen erging.

»Tja, aber nun sind Sie ja nicht gekommen, um Einzelheiten über mein Familienleben zu erfahren. Was kann ich für Sie tun?«

Die gewohnte Arroganz brach wieder durch, ganz offensichtlich glaubte der Professore trotz seiner Nervosität, den tumben Carabinieri erfolgreich seine wahren Gefühle verborgen zu haben. Und vielleicht hatte er sogar recht, dachte Santomauro, der unter seiner Uniform schwitzte. Manfredi rauchte glückselig vor sich hin, ein wahres Abbild der Arglosigkeit.

»Wie Sie sich denken können, Professore, interessieren wir uns außerordentlich für den Obduktionsbefund«, Schleimer, dachte er bei sich, der aalglatte Vertreter der Ordnungskräfte schleimt sich ein bei der Macht und Intelligenz, »und hoffen daher, von Ihnen ein paar Vorabinformationen zu bekommen.«

»Wessen Obduktion?«, fragte de Collis scheinheilig.

Schleimer ja, aber verarschen lasse ich mich nicht. »Die der unbekannten weiblichen Leiche, die letzten Donnerstag unter den Algen am Strand gefunden wurde, Professore, oder haben Sie noch andere auf dem Tisch?«

»Zufälligerweise habe ich noch so einige Leichen außer der Ihren auf dem Tisch, Maresciallo. Ich bin Rechtsmediziner von Beruf, nicht Metzger.«

Irre ich mich, oder läuft der Mistkerl gerade zu Bestform auf? Runter mit der Maske, und schon hat man wieder den gewohnten Hurensohn vor sich. Aber warum zuerst die Nervosität? Santomauro machte sich im Geiste eine Notiz, da es ihm affig vorkam, den Block hervorzuziehen.

»Natürlich, aber aufgeschlitzte und halb verweste Leichen doch eher wenige, oder, Professore? Also, was können Sie uns dazu sagen? Oder gibt es etwas, das Sie uns lieber nicht sagen möchten?« Manfredi war aus seinem Nikotinkoma erwacht und nahm den Arzt scharf ins Visier. De Collis schien sich wieder unwohl zu fühlen und kippte einen zwei Finger breiten Schluck Bourbon hinunter.

»Es ist einfach so, dass ich Ihnen den Befund lieber mitgeteilt hätte, wenn die Obduktion abgeschlossen ist. Ich habe erst einen oberflächlichen Blick darauf werfen können, aber wie dem auch sei …« Er räusperte sich und nahm eine aufrechte Haltung ein, während er sich den Schnäuzer glattstrich. Zum ersten Mal fiel Santomauro auf, dass seine Haare zwar schlohweiß, seine Augenbrauen und der Bart aber tiefschwarz waren.

»Es handelt sich um die Leiche einer Frau kaukasischer Abstammung, wohlgenährt, körperlich in gutem Zustand, keine nennenswerten Krankheiten, zumindest soweit sich das angesichts des Fäulnisgrades des Materials sagen lässt. Geschätztes Alter zwischen dreißig und vierzig, Körpergröße eins siebzig, etwa sechzig Kilo. Perfektes Gebiss, was mich quasi ausschließen lässt, dass es sich bei der Leiche um eine Prostituierte aus dem Osten oder Ähnliches handelt.«

Er hatte sich während seines Berichts erhoben und deklamierte mit einer Stimme, die seinen Studenten in guten alten Zeiten wohl vertraut gewesen sein musste.

»Todeszeitpunkt vor etwa vierzehn oder fünfzehn Tagen, Todesursache Messerstiche. Mit einer breiten Klinge, wahrscheinlich einem Küchenmesser. Ich habe dreiundvierzig Einstiche gezählt, mindestens zehn tödlich, viele davon an Armen und Händen, mit denen sie sich möglicherweise gewehrt hat. Das Verbrechen wurde mit brutaler oder von Hass genährter Energie begangen. Der Körper weist Zeichen fortgeschrittener Zersetzung auf, und auch die Müllabfuhr des Meeres hat das ihre dazu beigetragen, aber ich glaube, dass ein Teil der Läsionen dem Mörder zuzuschreiben sind, ein Versuch post mortem, die Identifizierung zu erschweren. Ich beziehe mich dabei auf die Entfernung der distalen Gliedmaßen an Händen und Füßen, allzu akkurat und vollständig, auch das Gesichtsgewebe scheint mir willentlich zerstört worden zu sein. Ein merkwürdiger Mörder: Zuerst sticht er sie wie ein Wilder ab, dann komplettiert er sein Werk mit quasi chirurgischer Sorgfalt. Ich fürchte, da haben Sie eine ganz schön harte Nuss zu knacken, meine Herren.« Die Befriedigung in seiner Stimme war kaum zu überhören. Doch der Mann verstand sein Geschäft, und das war im Moment das Einzige, was zählte.

»Sonst noch etwas, das uns bei der Identifizierung helfen könnte?« Santomauro nahm eine minimale Irritation wahr, ein Aufblitzen in den Augen des Arztes, doch vielleicht war es nur ein Reflex der untergehenden Sonne.

»Tatsächlich gibt es da etwas, besser gesagt, zwei Dinge. Das Erste ist nicht so wichtig: Sie wurde mit quasi leerem Magen ermordet. Die Art des Mageninhalts lässt sich bei dem Zersetzungszustand des Materials nicht mehr feststellen, die Menge jedoch ist so gering, dass ich vermute, seit der letzten Mahlzeit waren Stunden vergangen. Das Zweite, vielleicht nicht minder peripher«, und dabei erschien wieder dieser Glanz in seinen Augen, »ist, dass sie sich erst vor kurzem die Haare hatte schneiden lassen.«

 

Santomauros Handy klingelte, als sie durch Pioppica Sotto gingen: Pedros Grabesstimme verhieß nichts Gutes.

Zwanzig Minuten später parkten sie vor der Notaufnahme des San-Luca-Krankenhauses in Vallo della Lucania. Gnarra erwartete sie am Eingang mit versteinerter Miene. Stumm und in sich gekehrt, als besuchten sie einen todkranken Verwandten, folgten sie ihm im Gänsemarsch über Treppen und Flure. Vor Aniello Frangiellos Bett strebten sie fächerartig auseinander und postierten sich an den drei freien Seiten.

Der arme Mann blickte sie von unten herauf an und sah hektisch von einem zum anderen. Mit einer theatralischen Armbewegung begann Gnarra: »Da ist er also, Aniello Frangiello, der berühmte Fravicino, ein blaues Auge, zwei gebrochene Rippen und ein Loch in der Lunge.

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