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Eine Hochzeit zum Verlieben

PROLOG

„Was zum Teufel tust du da?“

Gabriella hob die langen dunklen Wimpern und blickte mit ihren tiefblauen Augen, die an Veilchen erinnerten, über die Terrasse zu Rufus. Dem Mann, in den sie sich vor einem Jahr verliebt hatte, als ihre Mutter von seinem Vater vor den Traualtar geführt worden war. Und mit ihren achtzehn Jahren erhoffte sie sich in jugendlichem Eifer, dass er ihre Gefühle erwiderte.

Sie hatte den Kies auf der Auffahrt zu der mallorquinischen Villa der Greshams knirschen gehört, als Rufus in seinem Leihwagen vorgefahren war. Doch sie zwang sich, ihre Nervosität zu unterdrücken und scheinbar entspannt auf der Sonnenliege liegen zu bleiben. Dabei spürte sie den heftigen Drang, aufzuspringen und zu ihrem Schwarm zu laufen, um ihn überschwänglich zu begrüßen. Doch sie wusste, dass es bei einem Mann wie ihm ratsamer war, sich in Geduld zu üben und darauf zu warten, dass er sich näherte – auch wenn er die Liebe ihres Lebens war und sie allein bei seinem Anblick weiche Knie bekam.

Lässig stand er in der Tür, die auf die Terrasse führte. Wegen der starken Hitze hatte er das Jackett seines leichten Straßenanzugs abgelegt. Das relativ lange dunkelblonde Haar glänzte golden in der Sonne. Die hellgrünen Augen verbarg eine sehr dunkle Sonnenbrille.

Aber seine Frage und der missbilligende Zug um die wohlgeformten Lippen verrieten hinreichend, dass es ihn nicht gerade erfreute, Gabriella in einem knappen orangefarbenen Bikini bei einem Sonnenbad auf der Terrasse anzutreffen.

Rufus hatte die Angewohnheit, sie entweder wie ein ungezogenes Kind zu behandeln oder völlig zu ignorieren. Dabei wünschte sie sich sehnlichst, von ihm als begehrenswerte Frau angesehen zu werden.

„Was ich hier tue? Wonach sieht es denn aus?“, erwiderte sie keck. „Ich pflege meine Bräune.“ Mit einem Lächeln rekelte sie sich geschmeidig auf der Liege und bog den Rücken durch, sodass sich ihr voller Busen aufrichtete und die erregten Brustspitzen sich deutlich unter dem dünnen Stoff des Bikinioberteils abzeichneten.

„Das sehe ich selbst, verdammt noch mal“, knurrte er bissig, und während er hinaus auf die Terrasse trat, sagte er brüsk: „Herrje, zieh dir gefälligst was über!“

„Wie soll ich denn dann braun werden, Herr Oberlehrer?“, entgegnete Gabriella schmollend. Dann fügte sie herausfordernd hinzu: „Und warum sollte ich mir was anziehen, wenn mich außer dir keiner sehen kann?“

Bougainvillea, der Familiensitz der Greshams, thronte oberhalb des terrassenförmig errichteten Dorfes auf einem Berghang, der einen atemberaubenden Panoramablick auf das Mittelmeer bot.

Ungehalten fragte Rufus sich, warum es ihn überhaupt kümmerte, was dieses Mädchen trieb. Zum Glück verbargen die dunklen Brillengläser seine Gefühle, während er den Blick langsam über Gabriellas geschmeidigen vollkommenen Körper gleiten ließ, der bereits golden gebräunt war. Ihre samtige Haut glänzte von dem Sonnenöl, das sie auf ihren Oberkörper und diese schier endlos langen Beine gestrichen hatte.

Es war ein wundervoll schlanker Körper, ohne jeden Makel, wie ihn nur ein sehr junger Mensch besaß. Ihm zu widerstehen, wäre sicher jedem Mann schwergefallen.

Doch genau darin hatte Rufus viel Übung, seit Gabriella vor einem Jahr in sein Leben gestürmt war und nicht im Geringsten versuchte, ihr Interesse an ihm zu verhehlen.

Ein Interesse, das er mit seinen dreißig Jahren keineswegs zu befriedigen gedachte.

Zumindest hatte er diese Absicht nicht gehegt, bevor er Gabriella auf der Terrasse erblickt hatte …

„Jeder x-Beliebige hätte hier auftauchen können und …“

„Es ist aber kein x-beliebiger aufgetaucht, sondern nur du“, widersprach sie. „Außerdem tragen die Frauen unten am Strand auch nicht mehr.“

Erfahrungsgemäß wimmelte es am Strand zu dieser Tageszeit von Badegästen, und die meisten Frauen trugen tatsächlich knappe Bikinis. Einige sonnten sich sogar barbusig, aber sie waren auch nicht allein mit dem Mann, den sie seit einem Jahr schamlos anhimmelten!

„Wo sind unsere Eltern?“, fragte Rufus schroff – ja sogar ein wenig verzweifelt, wie er selbstkritisch zugeben musste. Ihre Anwesenheit hätte die Situation bedeutend entschärft und ihn daher erleichtert, obwohl er seine Stiefmutter Heather beinahe so lästig fand wie diese wundervolle Kreatur, seine Stiefschwester.

Überhaupt war er nur da, weil er gerade von einer Geschäftsreise auf das spanische Festland zurückfuhr und seinen Vater ein paar Tage besuchen wollte.

„James wollte unbedingt nach Palma fahren, um für Mum ein total extravagantes Geschenk zu ihrem Jahrestag zu kaufen. In ein paar Stunden müssten sie wieder hier sein.“ Gabriella setzte sich auf und sah ihn an. „Sie haben heute Morgen auf dich gewartet. Als du nicht gekommen bist, haben sie bei der Fluggesellschaft nachgefragt und erfahren, dass dein Flug sich um drei Stunden verspätet. Und Margarita besucht heute Nachmittag ihre Familie.“ Sie zuckte mit den nackten Schultern. „Deshalb habe ich angeboten, hierzubleiben und auf dich zu warten.“

Verdammt, verdammt, verdammt!

Also konnte nicht einmal die mallorquinische Haushälterin und Köchin als Anstandsdame einspringen.

„Ach, Rufus, zieh doch nicht so ein Gesicht.“ Gabriella wirkte ein wenig unsicher, da sie seinen Unmut spürte. „Oder bist du nur müde von der Reise? Warum schwimmst du nicht eine Runde?“, schlug sie mit ihrer verführerischen Stimme vor. Diese allein reichte, um ihm einen Schauer der Erregung über den Rücken zu jagen.

Gabriella Maria Lucia Benito, Tochter von Heather und dem verstorbenen Antonio Benito …

Abgesehen von den tiefblauen Augen hatte Gabriella das Aussehen ihres italienischen Vaters geerbt. Das prachtvolle üppige Haar fiel ihr in pechschwarzen glänzenden Locken fast bis zur Taille. Ihr Teint war von Natur aus dunkel und nun, nach wochenlangem Aufenthalt in der Ferienvilla, wunderschön gebräunt.

Vor ihrer zweiten Heirat hatte Heather in einer schäbigen Mietwohnung gelebt und als Sekretärin bei James gearbeitet, um sich und ihr Kind durchzubringen. Daher glaubte Rufus, dass sie seinen Vater nur seines Geldes wegen geheiratet hatte. James Gresham, mehrfacher Millionär und Eigentümer von Gresham’s – der namhaften Kaufhauskette mit Hauptsitz in London, die weltweit für Exklusivität bekannt war.

Ebenso stand für Rufus fest, dass er von der atemberaubend exotischen und sinnlichen Gabriella gleichermaßen nur aus Berechnung als Ehemann auserkoren worden war. Denn immerhin war er James’ einziger Sohn und Erbe.

Ihre Strategie hatte nur einen Haken: Rufus hatte nicht die Absicht, jemals wieder zu heiraten. Der erste Versuch hatte gezeigt, dass es auch seiner Exfrau Angela lediglich um das Familienvermögen gegangen war. Nach nur einem Jahr Ehe verließ sie ihn und ihre zwei Monate alte Tochter.

Als es sechs Monate später zur Scheidung kam, verlief diese schmutzig und in aller Öffentlichkeit. Rufus überschrieb Angela die Hälfte seines riesigen Privatvermögens, um das Sorgerecht für das Baby zu erhalten, für das sie ohnehin kein Interesse aufbrachte.

Und mitten in diesen Aufruhr platzte Gabriella Maria Lucia Benito. Damals nämlich verkündete der verwitwete James, der anscheinend nichts aus der Erfahrung seines Sohnes gelernt hatte, in einem Atemzug, dass er zugunsten seines Sohnes als Vorstandsvorsitzender von Gresham’s zurücktreten und die fünfzigjährige Witwe heiraten werde, die seit einem Jahr als seine Sekretärin arbeitete und eine siebzehnjährige Tochter aus erster Ehe mitbrachte.

Die eigene Sekretärin heiraten – herrje, was für ein Klischee!

Groß und von Natur aus graziös, in knappen T-Shirts und hautengen Jeans, hatte Gabriella sich anscheinend auf den ersten Blick vorgenommen, Rufus mit allen in ihrer jugendlichen Macht stehenden Mitteln zu verführen. Jedes Mal, wenn er seinen Vater in Gresham House in Surrey besuchte, verfolgte sie ihn auf Schritt und Tritt mit ihren hungrigen Blicken.

Doch selbst wenn er jemals wieder heiraten sollte, würde seine Wahl zuallerletzt auf eine Frau wie Gabriella fallen. Denn eine geldgierige Person in der Familie, nämlich ihre Mutter, reichte für seinen Geschmack.

Und doch war Gabriella ein äußerst reizvolles Mädchen, wie er sich mit einem verstohlenen Blick auf ihren Körper eingestand.

„Ich glaube, ich springe wirklich in den Pool“, murmelte er rau, während er sein Hemd aufknöpfte. „Du hast doch gesagt, dass unsere Eltern erst in ein paar Stunden zurückkommen, oder?“

„Ja.“ Fasziniert beobachtete sie, wie er sich das Hemd von dem tief gebräunten und muskulösen Oberkörper streifte. Dann öffnete er die Hose und ließ sie achtlos auf den Boden fallen.

Die schwarzen engen Boxershorts eigneten sich durchaus als Badehose. Und doch errötete Gabriella, während ihr Blick von der breiten Brust nach unten glitt – dorthin, wo sich die Härchen zu einem V verjüngten und unter dem Hosenbund verschwanden. Und dann riss sie verblüfft die Augen auf, denn sie entdeckte die Anzeichen einer Erregung.

Rufus begehrte sie!

Während sie den Blick zu den harschen Linien seines Gesichts hob, schluckte Gabriella schwer und atemlos. Noch immer lagen die hellgrünen Augen hinter den dunklen Gläsern verborgen.

Rufus setzte sich auf die Kante ihrer Liege. Sein Oberschenkel berührte ihr Bein und setzte ihre Haut in Flammen. „Reibst du mir bitte den Rücken ein?“

Gabriellas Finger zitterten ein wenig, als sie Sonnenöl auf ihre Handflächen träufelte, bevor sie die breiten Schultern berührte. Wie sie das Spiel seiner Muskeln genoss, als sie die Haut massierte.

Nicht einmal in ihren wildesten Fantasien, von denen es sehr viele gab, hatte sie sich erträumt, dass Rufus sie einmal so nah an sich heranlassen würde – so nah, dass sie diese Wärme zwischen den Beinen spürte.

„Und jetzt vorn.“ Er legte sich auf den Rücken, nahm endlich die Sonnenbrille ab und sah zu Gabriella auf, die nun neben ihm saß.

Sie ölte seine Brust ein, und ihr stockte der Atem, als sie den anerkennenden Blick bemerkte, mit dem Rufus ihren Körper bedachte und unter dem sie sich nun wie gefangen fühlte.

„Tiefer“, verlangte er verführerisch sanft, und dabei ließ er eine Hand zu ihrem Schenkel gleiten.

Sie spürte, wie ihre Wangen erglühten, mied seinen Blick und starrte auf die eigenen gebräunten Hände, die den straffen muskulösen Bauch massierten.

„Tiefer, Gabriella“, drängte er rau.

Nun zitterten ihre Hände so, dass sie Sonnenöl aus der Flasche auf seine Oberschenkel verschüttete.

„Ja, genau da“, murmelte Rufus ermutigend.

Er seufzte, als sie schließlich zögerlich seine Beine einölte, und musste zugeben, dass ihre federleichte Berührung äußerst erregend wirkte und sein Bedürfnis steigerte, mit ihr zu schlafen.

Aber das sollte – und wollte – er nicht tun.

Mochte er auch entschlossen sein, sie genauso aufreizend zu berühren, wie sie es gerade bei ihm tat, nehmen wollte er sie nicht.

„Jetzt bist du dran“, murmelte er schroff, setzte sich hastig auf und drückte sie blitzschnell auf die Liege.

Beim Einölen seiner Hände sah er ihr tief in die Augen. Als er sie dann einrieb, stöhnte sie vor Entzücken und weckte damit eine ähnliche Reaktion in seinem Körper.

Ja, er wollte es auskosten, jeden Zentimeter dieser provokanten jungen Frau anzufassen.

Gabriella vermochte den Blick nicht von ihm zu lösen, derart verzückten sie die Empfindungen, die er in ihr hervorrief.

Gerade als sie glaubte, es nicht länger zu ertragen, nahm Rufus die Hände von ihrem Körper, sah ihr erneut in die Augen und fragte: „Tiefer?“

Sie konnte kaum atmen, geschweige denn sprechen. Doch die kokett gesenkten Lider reichten als Antwort.

Er träufelte sich Öl auf die Handflächen und ließ diese anschließend über Gabriellas schmale Taille zu ihrer Hüfte wandern. Wieder suchte er ihren Blick und hielt ihn gefangen, als er sie schließlich ganz intim berührte. Und sie rieb aufreizend die Schenkel an ihm, als er sie immer begehrlicher liebkoste. Ihre Erregung wuchs und wuchs, und dabei nahte ein Entzücken, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Als Woge um Woge der Lust ihren Körper erschütterte, bäumte Gabriella sich auf. Mit einem kehligen Schluchzen vergrub sie die Finger in Rufus’ dunkelblondem Haar, drückte ihn fest an sich. Dann gipfelte die Erregung in einem Höhepunkt, bei dem sie sich in unverhohlener hemmungsloser Hingabe an Rufus klammerte.

Nie zuvor hatte sie so etwas erlebt. Nicht einmal die romantischen Tagträume hatten sie auf die Wirklichkeit vorbereitet, auf ihre völlig unkontrollierte Reaktion gegenüber seinen Zärtlichkeiten.

In diesem glücklichsten Moment ihres Lebens war Gabriella überzeugt, dass Rufus sie ebenso heftig lieben musste. Sonst hätte er sie gewiss nicht derart überwältigend berühren können.

Verklärt lächelte sie vor sich hin, während sie sich eine Zukunft mit ihm ausmalte. Als seine Ehefrau. Wie überrascht ihre Mutter und James auf die Ankündigung reagieren würden …

„Nicht schlecht, Gabriella“, höhnte Rufus trocken. Sein Blick wirkte nicht länger verlangend heiß, sondern abschätzig und kühl. „Sehr reaktionsfreudig. Aber du solltest dich jetzt lieber wieder salonfähig machen, bevor unsere Eltern zurückkommen. Wir wollen ihr Zartgefühl doch nicht verletzen, oder?“

Verunsichert blinzelte sie an, mit gerunzelter Stirn. Gerade noch hatte er sie liebkost, wie kein anderer zuvor, und ihr eine Ekstase geschenkt, die ihre kühnsten Erwartungen übertraf. Auch wenn sie nicht miteinander geschlafen hatten, mussten die Intimitäten ihm doch ebenfalls etwas bedeuten!

„Ich glaube, ich gehe jetzt schwimmen.“ Rufus stand auf und streckte sich genüsslich. „Und dann möchte ich etwas essen“, fügte er gelassen hinzu.

Wie kann er jetzt an Essen denken?

Sie hatten sich gerade geliebt – na ja, zumindest hatte er sie gerade liebkost, und da fiel ihm nichts anderes ein als Nahrungsaufnahme?

„Was ist los?“ Mit diesen abschätzig kalten Augen und einem spöttischen Zug um den Mund sah er zu ihr. „Bist du noch nicht befriedigt? Tja, lass mir etwas Zeit für ein erfrischendes Bad und eine Stärkung, und dann bin ich vielleicht in der Stimmung nach mehr …“

Ihre Augen schimmerten feucht. „Warum bist du bloß so?“

„Wie denn?“, konterte Rufus, ungerührt von ihren Tränen. In den achtzehn Monaten ihrer Beziehung hatte Angela jedes Mal welche vergossen, wenn sie ihren Kopf nicht hatte durchsetzen können. Krokodilstränen.

„Aber wir haben doch gerade …“

„Nein. Nicht wir, nur du“, korrigierte er schroff. „Du wolltest schon das ganze letzte Jahr, dass ich dich anfasse. Und jetzt, wo ich es getan habe, worüber beschwerst du dich da eigentlich?“

Wie betäubt schüttelte sie den Kopf. „Ich verstehe nicht, was …“

„Gabriella, ich habe geschlagene sieben Stunden auf einem Flughafen und in einem Flugzeug festgesessen“, erinnerte er sie. „Ich bin müde und hungrig. Wenn du mehr von mir willst, dann musst du schon warten, bis zumindest mein anderer Appetit gestillt ist.“

Sie rückte ihr Bikinioberteil zurecht, dabei murmelte sie: „Aber ich dachte, du und ich …“

„Was?“ Rufus’ Geduld war am Ende. „Dass du mich nach allen Regeln der Kunst verführen würdest, worauf du es schon das ganze letzte Jahr anlegst? Und dass ich dich dann bitte, mich zu heiraten? Dass ich mich benehme wie der liebeskranke Narr von meinem Vater, als er deine geldgierige Mutter geheiratet hat?“ Verächtlich verzog er die Lippen. „Da hast du dich gewaltig getäuscht. Du hast gerade alles von mir bekommen, was ich dir zu geben habe. Wenn du eine Wiederholung willst, bin ich vielleicht dazu bereit. Aber später, nicht jetzt.“

Unter Tränen sah Gabriella ihn an. Sie liebte diesen Mann. Und hatte geglaubt, dass sein Verhalten bewies, dass er ihre Gefühle erwiderte. Doch für ihn bedeutete es offenbar nur eine körperliche Angelegenheit, über die er völlig die Kontrolle behalten hatte, während sie vor Lust dahingeschmolzen war. Zudem zielten seine Bemerkungen darauf ab, sie zu demütigen – und zwar erfolgreich.

Am meisten jedoch quälte sie, dass er ihre Mutter als geldgierig bezeichnet hatte – ihre wundervolle Mutter, die in erster Ehe so viel Elend erlebt hatte und der deshalb jeder Augenblick des Glücks vergönnt sein sollte, das sie nun bei James gefunden hatte.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass meine Mutter … Sie liebt deinen Vater“, protestierte Gabriella nachdrücklich.

„Verschon mich bitte damit! Es ist verdammt leicht, jemanden zu lieben, der so millionenschwer ist wie mein Vater.“

„Aber sie liebt ihn wirklich!“

„Sicher tut sie das“, höhnte Rufus. „Jedenfalls genug, um ihn noch vor der Hochzeit um hunderttausend Pfund erleichtert zu haben. Das ist ein bisschen viel für Kleidergeld, meinst du nicht?“

„Wie bitte?“ Schockiert sprang sie auf. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“

„Ach, tu doch nicht so. Akzeptier einfach, dass ich von dem Geld und den Schulden deiner Mutter weiß, und lass es uns dabei bewenden, okay?“

Gabriella wusste wirklich nicht, wovon er redete. Bestimmt lag da ein Missverständnis vor. Ihre Mutter hätte sich niemals auf so schamlose Weise von einem Mann aushalten lassen.

„Du bist einfach nur verbittert. Schließlich weiß jeder, dass Angela dich nur geheiratet hat, weil …“ Sie hielt inne, als sich sein Gesicht verfinsterte und ihr bewusst wurde, dass sie zu weit gegangen war.

Drohend baute Rufus sich vor ihr auf, und seine grünen Augen funkelten so hell, dass sie silbrig wirkten. „Ja?“, hakte er gefährlich sanft nach. „Angela hat mich nur geheiratet, weil …?“

Ihre Mutter, die alle Einzelheiten dieser Ehe und Scheidung kannte, hielt es für das Beste, dieses Thema Rufus gegenüber nicht anzusprechen. Doch immerhin hatte er sie beleidigt und völlig zu Unrecht beschuldigt. Ganz bestimmt hatte sie keine Schulden von hunderttausend Pfund gemacht! Gabriella schüttelte den Kopf. „Nicht alle Frauen sind wie Angela.“

„Ach nein? Willst du etwa leugnen, dass du das ganze letzte Jahr versucht hast, dich mir an den Hals zu werfen?“

Angesichts seiner unverhohlenen Verachtung, die sie sich einfach nicht erklären konnte, schon gar nicht nach den körperlichen Intimitäten, die sie gerade getauscht hatten, brannten ihre Wangen. Es stimmte, sie hatte ihm schamlos nachgestellt, aber nicht um ihn auszunehmen, sondern weil sie sich auf den ersten Blick in ihn verliebt hatte.

„Und bestreitest du, dass du heute ganz allein hiergeblieben bist – mit dem festen Vorsatz, mich zu verführen?“

Auch das konnte sie nicht guten Gewissens leugnen. Aber sie verhielt sich doch nur so, weil er völlig immun gegen alle anderen Versuche war, ihm ihre Liebe zu zeigen.

Und nun kannte sie den Grund für sein abweisendes Verhalten. Er glaubte im Ernst, dass sie ihn nur wegen seines Geldes begehrte und dass ihre Mutter seinen Vater nur aus materieller Gier geheiratet hatte!

Entschieden schüttelte sie den Kopf. „Ich glaube kein Wort von dem, was du über meine Mutter gesagt hast.“

„Dann frag sie doch selbst“, konterte er herausfordernd. „Ich habe keine Ahnung, warum mein Vater sich überhaupt die Mühe gemacht hat, Heather zu heiraten, obwohl er sowieso schon dafür bezahlt …“ Als Gabriella ihm eine schallende Ohrfeige verpasste, verstummte er abrupt.

Rufus packte ihr Handgelenk und umklammerte es mit hartem Griff. In seinen Augen glitzerte eisige Wut. Sein Gesicht, auf dem sich rote Striemen abzeichneten, kam ihrem gefährlich nahe. „Mach das noch ein Mal, und du wirst es bitter bereuen. Das schwöre ich“, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

Mit blitzenden Augen hielt Gabriella seinem Blick unverwandt stand. Vor Aufregung ging ihr Atem rasch und flach. „Ich hasse dich!“

„Gut“, erwiderte er mit einem zufriedenen Unterton. „Vielleicht lehrt dich das, mich in Zukunft bei deiner Suche nach einem reichen Ehemann auszuklammern.“

„Ich würde mich dir nicht einmal mehr nähern, wenn du der letzte Mann auf Erden wärst!“

„Wie originell“, höhnte Rufus.

„Du bist ein Schuft, und ich hasse dich!“, erklärte Gabriella nachdrücklich, und dann machte sie auf dem Absatz kehrt und lief in die Villa.

Einige Minuten blieb Rufus aufgebracht am Rand des Swimmingpools stehen. Dann wirbelte er herum, tauchte mit einem Kopfsprung in das tiefe Wasser und genoss die erfrischende Kühle.

Gabriella hasst mich also.

Das ist gut so, dachte er. Aber warum verschaffte es ihm nicht die erhoffte Befriedigung?

1. KAPITEL

Fünf Jahre später begegneten sich Gabriella und Rufus gezwungenermaßen in einer Kanzlei. Nachdenklich musterte sie sein Gesicht und erkannte, wie sehr sie ihn noch immer hasste.

Sobald sie Platz genommen hatten, drängte der Anwalt David Brewster: „Wenn ich gleich zu den Konditionen von Mr. Greshams Letztem Willen kommen dürfte?“

„Ich bitte darum“, erwiderte Rufus in etwas angespanntem Ton.

Gabriella wusste, dass er ihr die Anwesenheit bei der Testamentsverlesung zutiefst verübelte. Ebenso wenig behagte ihm offensichtlich die Gegenwart seines jüngeren Cousins Toby – zumindest der Feindseligkeit nach zu urteilen, mit der die beiden Männer sich begrüßt hatten. Nach allem, was Toby ihr angetan hatte, konnte sie Rufus in diesem Punkt nur beipflichten.

Sie selbst litt mindestens ebenso darunter, hier zu sein, auch wenn Rufus das nicht geglaubt hätte.

Denn sie wünschte sehnlichst, James würde noch leben. Schon jetzt vermisste sie seine väterliche Zuneigung und die Ratschläge, die ihr unschätzbar lieb und teuer geworden waren, seit ihre Mutter vor einem Jahr gestorben war.

Dass Heather bei einem Autounfall starb, erschütterte James zutiefst. Von diesem Schicksalsschlag hatte er sich nie wirklich erholt. Sechs Monate später erlitt er einen Herzanfall und vor einem Monat einen weiteren, der zu seinem Tod führte.

Gabriella hätte viel dafür gegeben, wenn sie nicht zur Verlesung von James’ Testament in die Kanzlei zitiert worden wäre.

Seit sie und Rufus vor einigen Minuten getrennt eingetroffen waren, hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Wie sie auch in den letzten fünf Jahren nicht miteinander gesprochen hatten und es nie wieder tun würden, sobald diese letzte Verbindung zwischen ihnen gelöst war.

Mit ernster Miene öffnete David Brewster die Akte auf seinem Schreibtisch, blickte über den Rand seiner halbmondförmigen Lesebrille zu den Erben und erklärte: „Die Empfänger kleinerer Hinterlassenschaften, wie die Hausangestellten, habe ich bereits schriftlich verständigt. Darüber hinaus existiert ein Treuhandfonds für Mr. Greshams Enkeltochter Holly, der bis zu ihrer Volljährigkeit gemeinsam von ihrem Vater und mir zu verwalten ist.“

„Die glückliche kleine Holly“, warf Toby munter ein. Er war von Beruf Schauspieler. Doch leider ging sein durchaus gutes Aussehen nicht mit Talent einher, sodass er häufiger pausierte als auftrat.

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