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Ein süßer Kuss als Antwort

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1. KAPITEL

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1820

Es war früh am Morgen, und die meisten Leute schliefen noch. Dichter Nebel lag über dem weitläufigen Londoner Park. Die junge Frau blieb stehen und lauschte. Kein einziger Laut drang an ihr Ohr. Es kam ihr vor, als wäre sie allein auf der Welt. Diese Stunden vor Tau und Tag liebte sie über alles.

Mit einem Mal erklang der donnernde Hufschlag eines Pferdes, und fast hatte die junge Frau das Gefühl, den Boden unter ihren Füßen beben zu spüren. Verärgert, dass jemand ihre kostbare Ruhe störte, spähte sie angestrengt um sich, um herauszufinden, aus welcher Richtung das Geräusch wohl kommen mochte. Plötzlich zerriss ein lauter Warnruf die Stille, und wie aus dem Nichts tauchte die riesige dunkle Gestalt eines Reiters hoch zu Ross vor ihr auf.

Die junge Frau schrie, warf sich zur Seite und landete unsanft im Gras. Der Reiter riss an den Zügeln, und das Pferd stieg auf die Hinterhand. Für einen Moment blitzten die Hufeisen gefährlich nah über ihrem Kopf auf, und entsetzt beobachtete die junge Frau das Tier. Mit seinen geblähten Nüstern und schäumendem Maul wirkte es wie eine bedrohliche Kreatur aus einer anderen Welt. Dann kamen die Hufe krachend – haarscharf neben ihrem Körper – zu Boden.

Nur schemenhaft, wie durch einen langen Tunnel, nahm die junge Frau den Reiter wahr. Sie schrie abermals auf, als sie erkannte, dass seine dunkle, geisterhafte Gestalt vom Pferd glitt. Mit dem wehenden Mantel wirkte er wie ein Vampir, der sich auf sie stürzen wollte. Von Panik ergriffen, rappelte sie sich auf und starrte ihm entgegen.

„Sind Sie von Sinnen?“, brüllte der Mann. „Was zum Teufel machen Sie auf dem Reitweg? Ich hätte Sie umbringen können.“

Die junge Frau reckte das Kinn. „Wie bitte?“, erwiderte sie scharf, strich ihre Röcke glatt und rückte ihren schief sitzenden Hut zurecht. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um dem Mann überhaupt ins Gesicht schauen zu können. Es war schreckensbleich. Rabenschwarzes Haar betonte die eisblauen Augen. Die Lippen waren grimmig zusammengepresst.

„Noch ein paar Zoll, und Sie wären zu Tode getrampelt worden. Haben Sie denn den Verstand verloren?“

„Wie können Sie es wagen, so mit mir zu reden?“ Seine Worte trieben ihr die Zornesröte ins Gesicht. „Und würden Sie wohl aufhören, mit der Reitgerte herumzufuchteln, als wollten Sie mir einen Hieb versetzen!“

Der Fremde ließ die Hand, in der er die Peitsche hielt, sinken. „Den hätten Sie wahrlich verdient. Wissen Sie nicht, dass es gefährlich ist, auf dem Reitweg herumzuspazieren? Er ist für Pferde gedacht, nicht für Damen, die darauf lustwandeln.“

Kämpferisch hob die junge Frau das Kinn noch ein wenig höher. „Dessen bin ich mir durchaus bewusst. Ich hätte nur nie damit gerechnet, dass jemand die Narretei begehen würde, bei diesem Nebel auszureiten. Und ich habe den Reitweg benutzt, um nicht die Orientierung zu verlieren.“

„Unvernünftig genug. Selbst unter normalen Umständen.“ Er hielt inne und musterte sie besorgt. „Sind Sie verletzt?“

Immer noch wütend stieß sie hervor: „Nein. Aber das ist bestimmt nicht Ihr Verdienst. Hätten Sie etwas besser aufgepasst, wäre das alles gar nicht passiert. Doch vielleicht ist ja auch Ihr Pferd mit Ihnen durchgegangen? Vielleicht haben Sie es nicht richtig im Griff?“

„Ich versichere Ihnen, es weiß genau, wer sein Herr und Meister ist.“ Der Fremde betrachtete sie etwas eingehender. Vor ihm stand eine unglaublich attraktive junge Frau, die den Eindruck machte, als ob sie vor nichts und niemandem Angst habe – und schon gar nicht vor ihm. Doch selbst ohne ihren beherzten Sprung zur Seite hätte er sie nicht niedergeritten. Dafür war er ein viel zu guter Reiter. Allerdings war es doch ziemlich knapp gewesen. Er lächelte amüsiert. „Welch ein Hitzkopf! Sind Sie sicher, dass Sie wirklich gestolpert sind und es nicht etwa der Anblick meiner beeindruckenden Gestalt hoch zu Pferde war, bei dem Sie schwach wurden?“

Machte er sich etwa lustig über sie? Erneut stieg Wut in ihr hoch, und ihre Augen sprühten förmlich Funken, als sie erwiderte: „Sie impertinenter Kerl! Was fällt Ihnen ein! Wie können Sie nur die Arroganz besitzen und annehmen, dass ich bei Ihrem Anblick schwach werden würde. Gott sei Dank liegt mir nichts ferner als das.“ Vorsichtshalber wich sie einen Schritt zurück. Die körperliche Nähe des Fremden, der sie um mehr als Haupteslänge überragte, wirkte doch leicht beunruhigend. „Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Sir.“

Nicht willens, sie einfach so gehen zu lassen, ergriff er sie beim Arm. „Darf ich Ihnen wenigstens meine Begleitung anbieten?“

Sie maß ihn mit einem verachtungsvollen Blick und schob seine Hand von ihrem Arm. „Fassen Sie mich nicht an! Ich bin sehr gut in der Lage, selbst auf mich aufzupassen. Gehen Sie, und nehmen Sie dieses Untier gleich mit“, sagte sie mit einem Blick auf den schwarzen Hengst, der ungeduldig schnaubte und mit den Hufen scharrte. Sein Temperament stand dem seines Besitzers in nichts nach.

„Finden Sie das nicht zu gefährlich? Was, wenn Sie auf Wegelagerer treffen? Eine junge Dame sollte zu solcher Stunde nicht allein unterwegs sein. Ihr könnte alles Mögliche zustoßen.“

„Wie man soeben gesehen hat.“ Hoch erhobenen Hauptes wandte sie sich ab.

„Wie kann man nur so undankbar sein!“

Wutentbrannt drehte sie sich wieder um. „Undankbar? Sie nennen mich undankbar? Ihr Pferd hat mich fast zu Tode getrampelt, und dafür soll ich Ihnen dankbar sein?“

„Wie Sie wollen.“ Er schwang sich wieder in den Sattel. „Einen schönen Tag noch.“

Er trieb seinen Hengst an und jagte davon. Wütend stampfte die junge Frau mit dem Fuß auf, als sie ihm hinterherblickte. Noch nie im Leben war ihr ein Mann begegnet, der sie so in Rage gebracht hatte.

Es versprach ein strahlend schöner Frühlingstag zu werden. Die Sonne war aus dem morgendlichen Dunst emporgestiegen. Kleine, fast fedrig wirkende Wolken zogen am blauen Himmel dahin. Die Bäume begannen wieder grün zu werden, Narzissen und Himmelsschlüssel schmückten die Blumenbeete. In der Luft lag noch eine leicht kühle Frische, die die vom Fluss her wehende Brise in den Hyde Park herüberbrachte. Es herrschte eine idyllische Ruhe, nur eine Lerche ließ ihren Gesang ertönen, und vereinzelt waren ein paar Spaziergänger unterwegs, unter ihnen eine junge Frau mit zwei kleinen Mädchen.

Eve saß auf einer Bank und sah ihrer fünfjährigen Tochter Estelle zu, die mit Jasper, einem Labradorwelpen, spielte. Was ist nur mit mir los? dachte sie. Warum erscheint mir das Leben so schal? Sie erfreute sich bester Gesundheit und hatte in Beth Seagrove eine gute Freundin. Sie war durchaus attraktiv und würde – dank ihres lieben, leider verstorbenen Vaters – bald auch über ein beträchtliches Vermögen verfügen. Sie war intelligent und hatte vielfältige Interessen. Und jeder sagte ihr, wie glücklich sie sich schätzen müsse, Estelle zu haben. Das alles sollte sie eigentlich erfüllen – aber unerklärlicherweise war dem nicht so. Es musste noch irgendetwas geben, irgendetwas anderes, das ihrem Leben einen Sinn verlieh.

Am heutigen Abend war sie bei Lady Ellesmere in der Curzon Street eingeladen. Diese Soireen im engsten Kreis, wo man praktisch jeden kannte, lagen Eve mehr als die hochoffiziellen Empfänge in großem Rahmen. Sie freute sich darauf, mit Beth und deren Gatten dorthin zu gehen. Obschon sie sich im Hause der Seagroves sehr wohlfühlte, war sie jedoch entschlossen, sich eine Beschäftigung zu suchen, um etwas zu ihrem Lebensunterhalt beizusteuern. Wenn sie dann die Erbschaft ihres Vaters anträte, würde sie sich eine eigene Wohnung nehmen.

Eve wandte den Kopf und sah zu der benachbarten Bank hinüber. Die junge Frau mit den beiden Kindern hatte dort Platz genommen. Sie mochte vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein. Ihre Kleidung war von guter Qualität, jedoch in schlichtem Grau. Schmucklose Kleidung, wie sie Kinderfrauen trugen. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten – sie wirkte, als bedrücke sie etwas. Mit gesenktem Kopf saß sie da, und ihre zuckenden Schultern verrieten, dass sie weinte.

Die Mädchen standen vor der Bank und sahen sie ratlos an. Verwirrung spiegelte sich auf ihren Gesichtern. Es war deutlich zu erkennen, dass ihnen die Situation Angst machte. „Nicht weinen, Sarah“, sagte die Ältere der beiden schließlich. „Es wird bestimmt alles wieder gut.“

Die junge Frau hob den Kopf und lächelte dem kleinen Mädchen zu. An ihrer Haltung war jedoch deutlich abzulesen, dass sich ihr Kummer keineswegs gemindert hatte.

Eve stand auf und ging zu den dreien. „Kann ich irgendwie helfen?“ Sie beugte sich zu den Kindern hinab und lächelte sie an. „Wie heißt ihr denn?“

„Ich bin Sophie, und das ist meine Schwester Abigail. Sie ist drei, fast vier, und ich bin fünf.“

„Ich freue mich, euch kennenzulernen“, sagte Eve. Was für hübsche Kinder, dachte sie. Die beiden hatten niedliche Gesichter, glänzende dunkle Locken, und sie trugen die gleichen blauen Kleider. Eve blickte sich suchend nach Estelle um und winkte sie zu sich. „Estelle, während ich mich mit …“ Fragend blickte sie die junge Frau an.

„Sarah, Sarah Lacy.“

„… mit Miss Lacy unterhalte, möchtest du da nicht ein bisschen mit Sophie und Abigail spielen? Hättet ihr dazu auch Lust?“ Die beiden Mädchen nickten und warfen Estelle einen schüchternen Blick zu, rührten sich aber nicht von der Stelle, bis Sarah sagte: „Geht nur, Kinder. Ich kann euch von hier aus ja sehen.“

Estelle, die es gewohnt war, mit den Jungs von Beth rumzutoben, nahm die kleine Abigail gleich bei der Hand. Die drei rannten auf dem Rasen Jasper hinterher und versuchten, ihn einzufangen. Eve setzte sich aufmunternd lächelnd neben die junge Frau. Offensichtlich hatte sie großen Kummer. In ihren Augen lag ein Ausdruck tiefer Verzweiflung.

„Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen?“, fragte Eve sicherheitshalber noch einmal nach. „Estelle und Jasper sind manchmal ein wenig wild.“

„Nein, nein, es ist schon in Ordnung.“ Sarah schüttelte den Kopf. „Es tut ihnen sogar gut. Viel zu selten haben sie Gelegenheit, mit anderen Kindern zusammen zu sein. Die armen Kleinen. Ich bin ihre Kinderfrau.“ Sie senkte den Kopf und fing wieder an zu schluchzen. „Es tut mir leid …“

„Aber nicht doch, Sarah. Übrigens, ich heiße Eve Brody. Was bekümmert Sie so?“

Sarah blickte auf ihre Hände. „Ich habe nur etwas Kopfweh“, wich sie verlegen aus.

„Möchten Sie nicht lieber einen Arzt aufsuchen?“

Sarah schüttelte den Kopf. „Das ist nicht nötig. Es geht mir schon besser.“

„Aber warum weinen Sie dann? Sie wirken so unglücklich.“

„Um ehrlich zu sein, ich bin wirklich verzweifelt. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.“

„Was ist denn los?“

„Mark, mein Verlobter, hat mich gefragt, ob ich ihn heirate. Leider arbeitet er in Surrey. Dort ist er erster Pferdepfleger auf einem großen Landgut. Ich müsste also meine Stellung aufgeben – und die Kinder.“

„Und was ist daran so schrecklich? Es gibt doch sicherlich jemanden, der sich dann um sie kümmert. Die Mutter, zum Beispiel.“

„Sie haben keine Mutter. Mein Herr, Lord Stainton, der Vater der Kinder, ist dabei, den Haushalt aufzulösen, und nicht gerade in bester Laune. Deshalb bin ich auch schon so früh am Morgen im Park – damit die Kinder nicht diesem Chaos ausgesetzt sind. Bis auf die Haushälterin und mich wurden fast alle Bediensteten entlassen, und wir werden binnen Kurzem nach Oxfordshire ziehen, auf Lord Staintons Landsitz. Ich habe Mark noch nichts davon gesagt. Mir graut davor. Er kann einfach nicht verstehen, was für eine starke Bindung zwischen mir und den Kindern besteht.“

„Wenn Ihre Stellung Ihnen so viel bedeutet, warum kommt Ihr Verlobter denn dann nicht mit Ihnen?“

„Lord Stainton kann es sich nicht mehr leisten, weitere Bedienstete einzustellen. Seine finanzielle Situation ist sehr angespannt. Deshalb muss er das Haus in London verkaufen.“

„Aber das ist sein Problem, Sarah, und Sie sollten es nicht zu Ihrem machen. Lord Stainton wird sich jemand anders für die Kinder suchen müssen. Das dürfte nicht so schwierig sein. Ich bin mir sicher, dass es genug junge Damen mit den entsprechenden Referenzen gibt, die diese Stellung nur zu gern antreten würden.“

„Ja … schon. Nur kann ich den Gedanken, die Kinder zu verlassen, kaum ertragen. Sie haben in ihrem jungen Leben bereits so viel Leid erfahren. Seit Abigail ein Jahr alt ist, befinden sie sich in meiner Obhut. Ich kann nicht einfach fortgehen. Es wird ihnen das Herz brechen – und mir, aber ich weiß auch, dass ich nicht bleiben kann.“

„Ihre Sorge um die Kinder ehrt Sie, Sarah, doch Sie müssen jetzt an sich selbst denken.“

Eve blickte über die Rasenfläche zu den Kindern. Estelle tollte mit Jasper herum, und Abigail und Sophie vervollständigten das Quartett. Sie wandte sich wieder Sarah zu und musterte die junge Frau.

„Sie sehen wirklich angegriffen aus“, stellte sie besorgt fest. „Am besten gehen Sie nach Hause und legen sich ein bisschen hin.“

Sarah schüttelte den Kopf. „Das wird leider nicht möglich sein, aber ich mache mich trotzdem mit den Kindern auf den Heimweg.“ Sie stand auf, sank jedoch sofort wieder auf die Bank zurück. „Du meine Güte. Mir ist ganz schwindlig.“

Eve stand auf und ergriff sie beim Ellbogen. „Kommen Sie, ich begleite Sie. Sie können unmöglich alleine gehen.“

„Nein, nein. Bitte, ich habe Ihre Zeit schon viel zu lange in Anspruch genommen.“

„Unsinn. Ich bestehe darauf. Außerdem habe ich im Moment ohnehin nichts anderes vor. Wo arbeiten Sie?“

„Gar nicht weit von hier. Auf der anderen Seite des Parks in der Upper Brook Street.“

„Das ist ja ganz in der Nähe der Berkeley Street, wo ich wohne. Kinder, kommt, wir gehen! Estelle, du trägst am besten Jasper.“ Eve sah lächelnd zu ihrer Tochter, die den zappelnden Welpen auf den Arm nahm.

Sarahs Bemerkung, dass in Stainton House Chaos herrsche, war nicht übertrieben gewesen. Schon auf der Straße konnte man sehen, wie Möbel auf wartende Fuhrwerke verladen wurden. Die beiden jungen Frauen nahmen die Kinder bei der Hand und betraten das Haus, dessen Größe und Pracht Eve in Erstaunen versetzte.

Sie wollte sich gerade verabschieden, als sich Jasper aus Estelles Armen wand und freudig kläffend die breite Treppe hochstürmte, die in einem eleganten Bogen von der Eingangshalle zu den oberen Stockwerken hinaufführte.

„Warten Sie“, sagte Sarah, die sich inzwischen etwas erholt hatte. „Ich gehe ihn holen.“

Eve blieb bei der Tür stehen, während die drei Kinder sich auf die unterste Stufe setzten und mit großen Augen dem Treiben in der Halle zuschauten. Plötzlich ertönte die laute Stimme eines Mannes: „Verdammt noch mal! Passt doch auf! Dieses Porträt ist ein Vermögen wert. Ein Kratzer, und ich kann es nicht mehr verkaufen!“

Eve wirbelte herum. „Müssen Sie vor den Kindern so fluchen?“, fragte sie empört. Beim Klang ihrer Stimme schien der Mann, der ihr den Rücken zuwandte, zu erstarren. Er drehte sich langsam zu ihr um, und sie konnte regelrecht spüren, wie viel Anstrengung es ihn kostete, seine Wut zu zügeln. Dann begegnete ihr Blick seinem, und sie unterdrückte ein erschrockenes Aufkeuchen, als sie erkannte, wen sie vor sich hatte: den Mann, der sie am Vortag beinahe niedergeritten hatte.

„In meinem eigenen Haus fluche ich, wann ich will …“ Überraschung malte sich plötzlich auf seinen Zügen. „Mein Gott, Sie sind das!“

„Ja, leider. Müssen Sie so schreien? Meine Ohren sind absolut in Ordnung. Außerdem machen Sie den Kindern Angst.“

„Den Kindern? Lächerlich. Ich bin ihr Vater.“

„Genau. Und deshalb sollten Sie auch etwas mehr Selbstbeherrschung an den Tag legen.“ Eve hatte sich inzwischen von dem Schock erholt, dem ungehobelten Gentleman ein weiteres Mal begegnet zu sein.

Lord Stainton wandte sich ruckartig um. „Wer zum Teufel hat diese überspannte Person hereingelassen?“, schrie er seine Bediensteten an.

„Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, mein Gehör funktioniert einwandfrei“, erklärte Eve ungerührt. „Sie brauchen also nicht so zu brüllen. Außerdem bin ich nicht überspannt.“ Sie ging zur Treppe, um Estelle zu holen.

„Wo wollen Sie hin?“ Mit weit ausgreifenden Schritten kam Lord Stainton hinter ihr her. Als er außer seinen beiden Sprösslingen noch ein drittes Kind auf den Stufen sitzen sah, blieb er abrupt stehen und maß das fremde kleine Mädchen mit einem wütenden Blick. Dann rief er nach Miss Lacy, und als sie nicht erschien, traf Eve die volle Wucht seines Zorns. „Wo kommt dieses Kind her?“

Dieses Kind ist meine Tochter.“

„Hätten Sie dann bitte die Güte, Ihre Tochter samt Ihrer eigenen Person aus meinem Haus zu entfernen, Miss …?“

„Brody … Mrs. Brody, wenn es recht ist.“ Eves Stimme zitterte vor unterdrückter Wut.

Lucas Stainton bedachte sie mit einem bohrenden Blick, den sie erwiderte, ohne mit der Wimper zu zucken. Irritiert registrierte er ihren amerikanischen Akzent, der überhaupt nicht zu dem schottischen Nachnamen passte. Einen Moment lang herrschte angespanntes Schweigen zwischen ihnen.

Wider Willen kam Eve zu dem Schluss, dass er ein ungewöhnlich gut aussehender Mann war. Er musste Anfang dreißig sein und bot mit seinen knapp ein Meter neunzig eine stattliche Erscheinung. Seine Augen hatten etwas Fesselndes, und sein Gesicht strahlte trotz des sinnlichen Mundes Kraft und Entschlossenheit aus. Allerdings auch eine gewisse Arroganz und Härte.

Sich des Missfallens, das ihr Anblick bei ihm erregte, vollends bewusst, fragte sie schließlich: „Und? Sind Sie fertig mit Ihrer Musterung, Lord Stainton? Der sind Sie doch, oder?“

„Allerdings, Mrs. Brody.“

„Sie sind der unhöflichste und arroganteste Mann, dem ich jemals begegnet bin.“

„Adel verpflichtet eben.“

Eve war nicht in der Stimmung für einen ironischen Schlagabtausch. Es gefiel ihr ganz und gar nicht, dass Lord Stainton sie offensichtlich überhaupt nicht ernst nahm. „Dann hoffe ich, dass Sie der letzte Adlige sind, dem ich in meinem Leben begegne“, schoss sie zurück. „Gestern habe ich ein Stoßgebet zum Himmel gesandt, dass sich unsere Wege nie mehr kreuzen mögen. Und daran hat sich auch durch unsere heutige Begegnung nichts geändert. Im Gegenteil. Ein Benehmen wie das Ihre zeugt für mich von einer schlechten Erziehung.“

Die Fäuste in die Seite stemmend trat Lord Stainton einen Schritt auf sie zu. „Wie können Sie es wagen, mich in meinem eigenen Haus zu beleidigen!“

„Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Sie verbreiten eine Atmosphäre des Schreckens. Ihre Angestellten und die Kinder zittern vor Angst in Ihrer Gegenwart. Und Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sage ich Ihnen da nichts Neues. Aber lassen Sie Ihren Gefühlen ruhig freien Lauf, denn ich fände es ausgesprochen unangenehm, wenn ich Zeuge davon werden müsste, dass Sie an Ihrer Wut ersticken.“

Lord Stainton verengte die Augen. „Eins können Sie mir glauben, Mrs. Brody“, begann er, diesmal mit gefährlich leiser Stimme. „Das möchten Sie nicht wirklich erleben, wenn ich einen Wutausbruch bekomme. Ich gestehe, ein hitziges Temperament zu haben, wenn ich provoziert werde. Aber wie ich meine Kinder erziehe und meine Bediensteten behandle, das lassen Sie gefälligst meine Angelegenheit sein.“

Er musterte sie. Eine Frau wie sie war ihm noch nicht untergekommen. Sie war geradlinig und äußerte unerschrocken ihre Meinung. Außerdem fand er sie durchaus reizvoll, wie er sich eingestehen musste, mit ihren blauen Augen, ihrem zarten Gesicht und den kastanienbraunen Locken, die unter ihrem Hut hervorlugten. Er ließ seinen Blick mit einer Vertraulichkeit über ihren Körper wandern, die ihr die Röte in die Wangen trieb.

Mrs. Brody, die er auf Anfang zwanzig schätzte, besaß eine Schlagfertigkeit, die anderen Frauen fehlte. Obwohl anscheinend verheiratet, hatte sie sich eine gewisse mädchenhafte Natürlichkeit bewahrt. Er ahnte, dass sich unter ihrem vornehmen Äußeren ein Wesen mit Mut und Eigensinn verbarg. Verärgert, dass er sich angesichts dieser doch so unerquicklichen Situation derartigen Betrachtungen hingegeben hatte, wandte er sich ab.

„Das wäre dann alles, Mrs. Brody. Niemand hat Sie gebeten, in dieses Haus zu kommen. Und niemand wird es bedauern, wenn Sie jetzt gehen. Dort ist die Tür.“

Eve fühlte, wie eine Welle des Zorns in ihr hochschoss. Wie kann er es wagen, derart unhöflich zu sein?

„Stimmt“, sagte sie dennoch ruhig, „es hat mich niemand darum gebeten hierherzukommen. Ich hielt es allerdings für meine Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass Ihre Kinderfrau, die unpässlich war, sicher mit ihren Schützlingen nach Hause kam. Da ich dieser Pflicht nun nachgekommen bin, wird es mir eine Freude sein, mich mit meiner Tochter aus Ihrem Haus zu entfernen – sobald ich meinen Hund wiederhabe, der in diesem Chaos leider entwischt ist.“

Lord Stainton drehte sich um und sah sie ungläubig an. „Ein Hund? Was für ein Hund?“

„Der Hund, der diese Treppe hier hochgelaufen ist, als wir die Halle betraten.“

„Wollen Sie damit andeuten, dass eine wild gewordene Bestie frei in meinem Haus herumspringt?“

„In der Tat – genau das wollte ich damit sagen. Sie müssen aber keine Angst haben. Die Bestie beißt nicht.“ Eves Stimme triefte vor Sarkasmus. „Ah, da ist Jasper ja.“ Erleichtert stellte sie fest, dass Sarah, den Welpen auf dem Arm, die Treppe herunterkam. Eve ging ihr ein paar Schritte entgegen und nahm ihr den Hund ab. Mit der freien Hand zog sie Estelle von der Treppenstufe hoch. Jetzt hatte sie es sehr eilig, aus diesem Haus hinauszukommen.

„Lord Stainton hat sich über irgendetwas aufgeregt, nicht wahr?“, flüsterte Sarah ihr zu und sah sie ängstlich an. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Es ist nicht einfach, mit Seiner Lordschaft zurechtzukommen, wenn er einen seiner Wutanfälle hat.“

Eve lachte. „Machen Sie sich keine Sorgen, Sarah. Ich glaube, ich bin ganz gut mit ihm fertig geworden. Passen Sie bitte auf sich auf. Heiraten Sie Ihren jungen Mann, und warten Sie nicht zu lange damit.“

Hocherhobenen Hauptes ging sie an Lord Stainton vorbei. „Ich werde jetzt gehen. Toben Sie ruhig weiter. Ich finde es nur bedauerlich, dass meine Tochter diese unschöne Situation miterleben musste.“

„Mrs. Brody, Sie haben mich einfach an einem sehr schlechten Tag erwischt.“

Eve drehte sich um. „Nachdem ich nun bereits zum zweiten Mal das Vergnügen einer Begegnung mit Ihnen hatte, scheint es mir eher so zu sein, dass es in Ihrem Leben nur schlechte Tage gibt.“

„Ganz im Gegenteil, Mrs. Brody. Sollte Ihre Tochter jedoch unter meinem Zornesausbruch gelitten haben, würde ich das bedauern. Mein aufrichtiges Mitleid hingegen gilt Ihrem Gatten, den das Schicksal mit Ihnen gestraft hat.“ Nun triefte seine Stimme vor Sarkasmus.

Eve sah ihm geradewegs in die Augen. „Ich bin Witwe, Lord Stainton. Und mein Gatte wurde auch nicht vom Schicksal gestraft, sondern von der Kugel eines Engländers getroffen. Das war in New Orleans. Und nun …“, sie fasste Estelle fester bei der Hand und drückte Jasper an sich, „… will ich Sie nicht länger aufhalten. Guten Tag.“ Ohne ein weiteres Wort rauschte sie hinaus.

Lord Stainton starrte auf die Tür, durch die sie entschwunden war. Ein Gefühl des Unbehagens machte sich in ihm breit. Wenn ich das mit ihrem Mann nur gewusst hätte, dachte er. Seine Eltern und Hauslehrer hatten seit seiner frühesten Jugend darauf geachtet, dass er die Contenance wahrte, wie es sich für einen Mann seines Rangs gehörte. Man zeigte seine Gefühle nicht, egal, wie einem zumute war. Er musste sich eingestehen, dass er in der Situation gerade eben kläglich versagt hatte.

„Miss Lacy“, rief er. „Diese Mrs. Brody – wer ist sie, und wo wohnt sie?“

„Es tut mir leid, Sir. Ich weiß nur ihren Namen und dass sie in der Berkeley Street wohnt.“

„Nun gut.“ Er wandte sich zum Gehen, als ihm einfiel, was Mrs. Brody gesagt hatte. „Miss Lacy?“

„Ja, Sir?“

„Mrs. Brody erwähnte, dass Ihnen unwohl war. Wollen Sie einen Arzt aufsuchen?“

„Nein, Sir. Es geht mir schon viel besser.“ Sarah machte einen kleinen Knicks. „Aber danke der Nachfrage!“

„Gut.“ Und damit strich er Mrs. Brody aus seinem Gedächtnis.

Wieder zurück im luxuriösen Zuhause der Seagroves in der Berkeley Street, sank Eve im Salon erschöpft auf die Chaiselongue. Der Anflug einer Migräne ließ sie die Hände an die Schläfen pressen. Wie konnte ich mich nur zu einem solch unrühmlichen Auftritt hinreißen lassen? Ihr Ärger war zwar inzwischen verflogen, und sie hatte sich etwas beruhigt, aber sie fühlte sich seltsam niedergeschlagen. Was ist nur mit mir los? fragte sie sich zum zweiten Mal an diesem Tag.

Die Kinder spielten oben in ihrem Zimmer, und William, Beths Gatte, weilte noch im Außenministerium, wo er eine hohe Position bekleidete. Beth – froh, etwas Ruhe zu haben – gab dem Dienstmädchen Anweisung, Tee zu servieren, und gesellte sich zu Eve.

„Was hast du? So kenne ich dich gar nicht.“ Beth warf Eve einen besorgten Blick zu.

„Ich habe heute eine Bekanntschaft gemacht.“

„Das ist ja nun nicht weiter ungewöhnlich. Jemand, den ich kenne?“

„Davon gehe ich aus. Lord Stainton. Und ich muss dir sagen, er ist der ungehobeltste und arroganteste Mann, dem ich jemals begegnet bin.“

Beth lachte. „Das erklärt freilich alles. Was ist passiert?“

Eve ließ sich nicht lange bitten und erzählte Beth, wie sie Sarah Lacy im Park getroffen und wie Lord Stainton sie später wie eine Verbrecherin regelrecht aus seinem Haus geworfen hatte. Die allererste Begegnung mit Lord Stainton verschwieg sie jedoch, da Beth ihre einsamen Spaziergänge im Park nicht billigte. Als Eve zu Ende erzählt hatte, schaute ihre Freundin sie konsterniert an.

„Du meine Güte! Du bist ihm anscheinend gehörig auf die Zehen getreten.“

„Ja, es scheint so. Aber ich versichere dir, das lag keineswegs in meiner Absicht. Es ist eigentlich nicht mein Stil, jemanden in seinem eigenen Haus zu beleidigen. Kennst du ihn näher, Beth?“

„Aber natürlich, meine Liebe! Ganz London kennt Lord Stainton.“

„Und was weißt du über ihn?“

„Na ja, zunächst einmal … dass er unglaublich gut aussehend ist … das zumindest musst auch du zugeben.“

„Ja … schon … irgendwie“, antwortete Eve widerstrebend.

Beth seufzte auf. „Ich kann mir nicht helfen, ich fliege nun mal auf gut aussehende Männer.“

„Ich weiß. Deshalb hast du ja auch William geheiratet.“

„Keineswegs.“ Beth lächelte versonnen. „William habe ich geheiratet, weil er vernünftig und zuverlässig ist … aber auch einfühlsam und idealistisch.“

„Da kann ich dir nur zustimmen. William ist ein Schatz. Nicht so ein grober Klotz wie Lord Stainton. Was weißt du noch über ihn?“

„Nun, seine physischen und intellektuellen Vorzüge sind unübersehbar. Er hat den Titel von seinem Bruder geerbt, der vor ein paar Monaten gestorben ist. Er lebt ziemlich zurückgezogen. Man sieht ihn nicht oft bei gesellschaftlichen Anlässen. Obschon ich ihn hin und wieder bei kleineren Gesellschaften getroffen habe. Allerdings brodelt die Gerüchteküche, seit er sich vor einem Jahr von seiner Frau Maxine, der Tochter des Earl von Clevedon, getrennt hat. Die Scheidung verursachte damals einen Riesenskandal im ton.“

Eve starrte Beth schockiert an. „Scheidung? Er hat sich von seiner Frau scheiden lassen – von der Mutter dieser zwei reizenden Kinder? Warum denn, um Gottes willen?“

„Ich kenne natürlich nicht alle Einzelheiten. Ich weiß nur, dass es seit dem Tag der Eheschließung nichts als Schwierigkeiten gegeben hat. Eins der Probleme war, dass die beispiellose Schönheit seiner Frau zahlreiche Verehrer auf den Plan rief. Aber ein Mann wie Lord Stainton kann eheliche Untreue natürlich nicht tolerieren.“

„Sie hatte eine Affäre?“

„Anscheinend nicht nur eine. Man sagt, dass sie nach der Geburt ihrer zweiten Tochter eine Indiskretion nach der anderen beging. Unter anderem auch eine äußerst intensive mit Stephen, Lucas Staintons eigenem Bruder, mit dem sie dann sogar auf dem Landsitz der Familie zusammenlebte.“

„Sie hat ihre Kinder im Stich gelassen?“ Dass eine Frau und Mutter dies übers Herz bringen konnte, überstieg Eves Vorstellungsvermögen.

„Ja. Und man sagt, dass die Scheidung eine extrem kostspielige Angelegenheit war. Sie hat Lord Stainton praktisch ruiniert. Was die Situation noch verschlimmerte, ist die Tatsache, dass sein Bruder ein hemmungsloser Spieler war, der das Familienvermögen schon lange vor seinem Tod durchgebracht hatte.“

„Und Lord Stainton muss jetzt zusehen, dass er finanziell wieder auf die Beine kommt. Wird er gesellschaftlich gemieden?“

„Ganz im Gegenteil. Das alles verleiht ihm eine gewisse geheimnisvolle Aura, die nur zu seiner Anziehung beiträgt. Der ton reißt sich förmlich um ihn. Niemand wagt es, ihn zu schneiden. Er könnte wieder heiraten, aber die Mütter, die Ausschau nach passenden Ehemännern für ihre Töchter halten, erachten einen verarmten, geschiedenen Baron natürlich nicht gerade für eine geeignete Partie. Jede Gastgeberin, die auf sich hält, versucht jedoch, ihn zu ihren Soireen einzuladen, was er aber meist ablehnt.“

„Er verkauft gerade sein Haus in London und zieht auf seinen Landsitz.“

„Ja, ich weiß. Nach Laurel Court. Übrigens ein wundervolles Anwesen. Allerdings auch stark renovierungsbedürftig. Es liegt ganz in der Nähe des Familiensitzes von Williams Eltern in Oxfordshire. Hoffentlich erzielt Lord Stainton für das Haus in der Upper Brook Street einen guten Preis, damit er wenigstens einen Teil der Schulden bezahlen kann. Wer weiß, wie es sonst weitergehen soll. Wenn er den Landsitz behalten will, wird ihm vielleicht sogar nichts anderes übrig bleiben, als eine reiche Erbin zu heiraten. Und warum auch nicht? Er wäre nicht der erste und auch nicht der letzte Adlige, der sich auf eine Geldheirat einlässt.“

„Aber wäre das nicht eine sehr drastische Entscheidung, Beth?“

„Für dich vielleicht. Du bist an amerikanische Verhältnisse gewöhnt. Aber in England ist eine Eheschließung aus pekuniären Gründen gesellschaftlich akzeptiert. Nun ist Lord Staintons hervorstechendster Charakterzug allerdings sein Stolz. Es würde ihn sehr hart ankommen, eine solche Maßnahme zu ergreifen. Aber da wir schon von ihm reden, ich glaube, dass wir ihn heute Abend bei Lady Ellesmere antreffen werden. Er ist ein enger Freund der Familie.“

„Lord Stainton wird anwesend sein?“, rief Eve entsetzt aus.

Beth lachte. „Keine Angst. Vielleicht kommt er ja gar nicht.“

„Und wenn doch?“

„Mach dir keine Sorgen. Wahrscheinlich hat er sich inzwischen beruhigt und betrachtet die ganze Episode im Nachhinein mit Humor.“

„Wenn dem so sein sollte, würde mich das sehr wundern. Glaub mir, Beth, er dürfte unsere Begegnung nach wie vor alles andere als amüsant finden. Ich glaube wirklich, ich bleibe besser zu Hause. Lord Stainton wird ganz gewiss nicht den Wunsch haben, mich wiederzusehen – und ehrlich gesagt, bei mir verhält es sich ebenso. Außerdem habe ich entsetzliche Kopfschmerzen. Mich verlangt nach nichts mehr, als früh zu Bett zu gehen.“

„Unsinn. Du kommst mit. Ich zähle auf deine Gesellschaft, Eve. Bei Lady Ellesmere werden kaum Frauen in unserem Alter sein. Ich werde außer dir niemanden haben, mit dem ich mich unterhalten kann. Ich gebe dir einfach eins meiner Pülverchen. Nimm etwas davon, bevor wir ausgehen, und dann noch mal, bevor du zu Bett gehst.“

Sobald die Kutsche vor Lady Ellesmeres hell erleuchteter Stadtresidenz zum Stehen kam, eilte ein livrierter Diener heran, half den Damen beim Aussteigen und geleitete die Neuankömmlinge in die marmorne Eingangshalle. Als sie an der Seite von Beth und William den Salon betrat, blieb Eve, beeindruckt von der Pracht, die sich ihr bot, einen Augenblick stehen. Die Damen trugen modische Roben aus Seide und Spitze, die Herren elegante Abendfräcke.

Die goldenen und grünen Ornamente der Wandtapisserien wurden von den Bezügen der Sitzpolster und den schweren Vorhängen aufgegriffen. Teure orientalische Teppiche bedeckten den Boden. Der Raum erstrahlte im Schein unzähliger Kerzen, und das geschliffene Kristall der Leuchter warf das Licht tausendfach zurück. Ein Streichquartett spielte leise im Hintergrund, und für Gäste, die Zerstreuung beim Spiel suchten, waren eigens zwei Räume hergerichtet. Durch die geöffneten Flügeltüren, die auf eine Terrasse führten, kam die frische Abendluft herein. Das Licht von zahlreichen Laternen illuminierte den Garten.

Lady Ellesmere, eine Dame mittleren Alters, verwitwet und von imposanter Erscheinung, thronte auf einer Chaiselongue mit goldfarbenem Bezug. Ihre Juwelen funkelten im Kerzenlicht, und die prachtvolle Seide ihres violetten Kleides verlieh ihr etwas Königliches.

„Beeindruckend, nicht wahr?“, flüsterte William. Er nahm zwei Gläser Champagner von einem silbernen Tablett, um sie Beth und Eve zu reichen.

„Wie immer“, antwortete Beth. „Nichts anderes ist von Lady Ellesmere zu erwarten. Eve, was machen deine Kopfschmerzen? Hat das Pulver dir geholfen?“

Eve lächelte. Ihr Blick, der suchend durch den Raum geschweift war, hatte den gefürchteten Gast nicht entdeckt, und nun begann sie sich zu entspannen. „Ja, ich glaube, das hat es wirklich. Obwohl – um ganz sicherzugehen, habe ich die zweite Dosis auch genommen.“

„Was, du hast beide genommen?“, rief Beth entsetzt aus. „Oh, Eve, das hättest du nicht tun sollen. Das Medikament ist ziemlich stark. Du solltest besser keinen Champagner trinken.“

„Ja, eine Dosis von Beths Zauberpulver reicht aus, um dich eine Woche in Tiefschlaf zu versetzen“, bestätigte William schmunzelnd.

Eve lachte unbekümmert. Sie fühlte sich großartig und nahm einen Schluck Champagner. „Ich trinke sowieso nie mehr als zwei Gläser. Also macht euch keine Sorgen. Und wenn wir Lady Ellesmere begrüßt haben, werde ich eine kleine Stärkung zu mir nehmen.“ Sie deutete auf den angrenzenden Salon, wo ein üppiges Buffet auf die Gäste wartete.

Lucas erblickte Eve im gleichen Moment, in dem er Lady Ellesmeres Salon betrat. Abrupt blieb er stehen. Er traute seinen Augen nicht, dass er diese unmögliche Person, diese Furie, hier antreffen musste. Hier, unter der crème de la crème der feinen Gesellschaft, und dazu auch noch in Begleitung von William Seagrove und dessen Gattin.

Lucas war mit Henry Channing, einem guten Freund, gekommen. Henry, eine Seele von Mensch, liebte das Londoner Leben, das so viel mehr an Unterhaltung bot als das provinzielle Newcastle, wo er seine Jugend verbracht hatte. Bei seinem guten Aussehen und dem Reichtum seines Vaters war er überall ein gern gesehener Gast. Seine bürgerliche Herkunft wurde dabei geflissentlich übersehen.

Henry folgte dem Blick seines Freundes: „Bei diesem göttlichen rothaarigen Wesen handelt es sich um Mrs. Eve Brody“, erklärte er freudestrahlend. „Sie ist in England geboren und in Amerika aufgewachsen. Ich hörte, ihr Vater sei unlängst verstorben und habe ihr ein immenses Vermögen hinterlassen.“

„Ach, tatsächlich?“, erwiderte Lucas trocken und starrte auf das Glas in seiner Hand.

„Mrs. Brody ist Witwe“, fuhr Henry fort. „In Amerika konnte sie sich vor Heiratsanträgen kaum retten. Und auch hier in England ist sie durchaus begehrt. Aber sie weist alle Verehrer zurück.“

Lucas warf seinem Freund einen sarkastischen Blick zu. „Du bist ja außerordentlich gut informiert, was die Dame betrifft, Henry.“

„Meine Schwester ist eine enge Freundin von Beth Seagrove.“

„Ach ja? Ich für meinen Teil bin nicht im Geringsten an Mrs. Brody interessiert.“ Damit wandte Lucas sich ab und ging lächelnd auf Lady Ellesmere zu, um sie zu begrüßen.

Später am Abend ertappte Lucas sich dabei, dass sein Blick immer wieder Eve suchte. Das Licht der Kristalllüster verlieh ihrem Teint einen elfenbeinfarbenen Schimmer.

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