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Schätze der Liebe: Ein perfektes Paar

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.


1. KAPITEL

Es war kein Weltuntergang und kam nicht einmal unerwartet. Doch nach sechs Wochen unerfreulicher Erlebnisse war es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Neil Hersey blickte mit finsterer Miene aus dem Fenster seines Anwaltsbüros, das im Zentrum von Hartford im Bundesstaat Connecticut lag.

“Raus mit der Sprache, Bob. Wir sind zu lange miteinander befreundet, als dass ich erst auf den Busch klopfen müsste.” Neil hatte die Hände tief in die Hosentaschen geschoben. “Wir wissen beide, dass ich für den Job gut geeignet bin. Ryoden hat sich seit einem Jahr um mich bemüht. Wenn sie jetzt plötzlich absagen, muss etwas dahinterstecken.” Er drehte sich langsam um. “Ich habe da so einen Verdacht. Also, sag etwas!”

Robert Balkan, einer der Vizepräsidenten des Ryoden-Konzerns, musterte den hoch gewachsenen Mann, der ihm so grimmig gegenüberstand. Sie kannten sich seit vielen Jahren und mochten einander aufrichtig. Bob respektierte Neil viel zu sehr, als dass er ihn anlügen könnte.

“Wir haben die Information direkt von Wittnauer-Douglass”, erklärte er. “Dass man die Beziehungen zu dir als anwaltlicher Berater der Firma gekündigt hat, war ein Akt reinen Mitleids. Die Alternative wäre gewesen, gegen dich Strafanzeige zu erstatten.”

Neil schimpfte leise vor sich hin. “Rede weiter.”

“Sie behaupten, du seist für einige Geschäfte verantwortlich, die gegen die guten Sitten verstießen und zum Teil regelrecht kriminell waren. Einzelheiten wollte man nicht mitteilen, um dich zu schützen. Die Firma trifft interne Maßnahmen, um den Schaden in Grenzen zu halten.”

“Darauf hätte ich gewettet.”

“Was soll ich dazu sagen, Neil? Die Vorwürfe sind nicht näher begründet worden, aber es reichte, um den Vorsitzenden unseres Aufsichtsrats zu erzürnen. Wer auch immer von Wittnauer-Douglass angerufen hat, er muss genau gewusst haben, was er damit anrichten würde. Dann wurde Ned Fallenworth unterrichtet, und damit war die Sache gelaufen.”

Fallenworth war der Präsident von Ryoden. Bob hatte ihn noch nie geschätzt und hatte jetzt weniger Grund dazu als je zuvor. “Ich habe ihm sehr zugesetzt, aber mit dem Mann war überhaupt nicht zu reden. Er ist ein engstirniger Bursche, Neil, ein kleiner Geist.”

“Ja, ein kleiner Geist – aber mit sehr viel Macht”, fügte Neil hinzu, während er im Zimmer auf und ab ging. Schließlich lehnte er sich gegen seinen Mahagonischreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust. “Sechs Wochen, Bob. Seit sechs Wochen ist diese Hölle nun schon im Gange. Man setzt mich unter Druck und verleumdet mich. Das wirkt sich inzwischen sogar auf mein Privatleben aus. Ich muss etwas dagegen unternehmen.”

“Brauchst du Geld? Wenn es eine Frage der Finanzen ist, wäre ich froh …”

“Nein, nein”, wehrte Neil ab. Dann zwang er sich zu einem freundlichen Lächeln. “Geld ist für mich kein Problem, jedenfalls noch nicht.” Er holte tief Luft, seine Miene wurde wieder ernst. “Aber als Rechtsanwalt sehe ich in dieser Stadt keine Zukunft mehr. Und das ist genau das, was Wittnauer-Douglass beabsichtigten.”

“Ich finde, du solltest sie verklagen.”

“Soll das ein Witz sein? Es ist zwar richtig, dass du mir vertraust, aber du kennst diese Leute nicht so gut wie ich. Zuerst werden sie alle möglichen Behauptungen über mich aufstellen. Dann werden sie den Prozess so lange hinziehen, bis mir das Geld ausgeht. Und schließlich würde auf jeden Fall etwas an mir hängen bleiben, ganz gleich, wie der Prozess endet. Wir reden hier über Piranhas, Bob.”

“Aber warum hast du dann für sie gearbeitet?”

“Weil ich das lange Zeit nicht gewusst habe.” Er wirkte niedergeschlagen. “Das ist wohl das Schlimmste an der Sache. Ich habe es einfach nicht gewusst.” Neil schaute bedrückt zu Boden.

“Irren ist menschlich, Neil.”

“Ein schöner Trost ist das.”

Bob stand auf. “Ich wollte, ich könnte mehr für dich tun.”

“Du hast deine Pflicht getan, und nun ist es Zeit zu gehen.” Neil wusste, wie verbittert seine Worte klangen.

“Ich habe für drei Uhr eine Verabredung”, erwiderte Bob entschuldigend.

Neil wurde sofort misstrauisch. Er hatte sechs Wochen voller Enttäuschungen hinter sich und es wiederholt erlebt, dass so genannte Freunde ihn plötzlich fallen ließen.

Um die Lage zu prüfen, streckte er die Hand aus. “Ich habe Julie schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Wollen wir uns nicht demnächst einmal zum Abendessen treffen?”

“Aber natürlich.” Bob lächelte etwas zu strahlend, wie Neil fand, und schüttelte ihm die Hand.

Bob ist erleichtert, dachte Neil. Die Schmutzarbeit war erledigt. Und ein “Aber natürlich” war genauso unverbindlich, wie er es befürchtet hatte.

Gleich darauf war Neil mit seinem Zorn allein. Er ließ sich in den Sessel fallen, in dem Bob gesessen hatte, und rieb sich die Stirn. Er hatte heftige Kopfschmerzen. War das ein Wunder? Wie konnte man gesund bleiben, wenn ringsum alles zusammenbrach? Wo blieb da die Gerechtigkeit?

Neil konnte verstehen, dass die geschäftlichen Beziehungen zwischen ihm und Wittnauer-Douglass nach der Auseinandersetzung vor sechs Wochen beendet waren. Nach heftigen Meinungsverschiedenheiten hatte er nicht mehr den Wunsch gehabt, als Berater für die Firma zu arbeiten, ebenso wenig hatte man ihn weiter beauftragen wollen. Aber warum musste man ihn noch zusätzlich bestrafen? Das war einfach nicht gerecht.

Gut, er hatte nun auch noch Ryoden als Mandanten verloren. Das hätte er jedoch verschmerzen können, wenn nicht in den vergangenen Wochen drei weitere wichtige Firmen die Beziehungen zu ihm abgebrochen hätten. Man verleumdete ihn im Geschäftsleben. Wie konnte er sich dagegen wehren, wo doch seine Gegner so sehr viel größer und mächtiger waren?

Neil blickte auf und sah sich in seinem Büro um. An den Wänden standen Mahagonischränke, bis zur Decke mit juristischer Literatur gefüllt. Eine aufwändige Telefonanlage war auf seinem großzügigen Schreibtisch installiert. Ein weiterer Schrank war mit Vertragsentwürfen und Akten gefüllt. Doch was wirklich zählte, sein Wissen, das hatte er im Kopf. Wenn er nicht mehr als Jurist tätig sein konnte, war alles Übrige wertlos.

Noch nie in seinem ganzen Leben hatte Neil Hersey sich so hilflos gefühlt. Etwas musste geschehen, und er selbst musste jetzt die Initiative ergreifen. Aber er hatte nicht die geringste Ahnung, was er nun unternehmen sollte. Zorn und Verdruss beherrschten seine Gedanken und ließen ihn nicht klar denken.

Wütend stand er auf. Er brauchte eine Pause, einen Tapetenwechsel, musste von hier fort. Neil ging um den Schreibtisch herum, zog sein persönliches Telefonverzeichnis aus der Schublade und schlug es unter dem Buchstaben L auf. Lesser – Victoria Lesser. Innerhalb weniger Sekunden hatte er die Nummer gewählt, die ihn mit der eleganten Wohnung an der Park Avenue von Manhattan verband.

Eine weibliche Stimme meldete sich. “Hier bei Lesser.”

“Neil Hersey. Ist Mrs. Lesser zu sprechen?”

“Bitte bleiben Sie am Apparat.”

Neil rieb sich ungeduldig die Stirn, wartete und schloss die Augen. Als er sich vorstellte, wie Victoria zwischen ihren eleganten Möbeln in Jeans und Arbeitshemd zum Telefon eilte, musste er einen Moment lächeln.

Victoria Lesser war eine einmalige Frau. Dank ihres Ehemanns, den sie sehr geliebt hatte, bis er vor sechs Jahren starb, war sie sehr wohlhabend und einflussreich. Sie tat, was ihr gefiel, reiste, gab Partys, nahm trotz ihrer zweiundfünfzig Jahre Ballettunterricht, malte und war äußerst großzügig.

Auf diese Großzügigkeit zählte Neil jetzt.

“Neil Hersey … du bist mir ein schöner Freund.” Victorias Stimme klang fröhlich. “Weißt du, wie lange ich nichts von dir gehört habe? Das sind Monate.”

“Ich weiß, Victoria. Es tut mir Leid. Wie geht es dir?”

“Wie es mir geht, ist im Moment unwichtig. Die Frage ist vielmehr, wie es dir geht.”

Natürlich hatte Victoria bereits gehört, was passiert war. Kein Wunder, denn der gemeinsame Freund, durch den sie und Neil sich kennen gelernt hatten, arbeitete als leitender Angestellter bei Wittnauer-Douglass.

“Du sprichst mit mir, Victoria, da geht es mir schon besser”, erwiderte Neil vorsichtig.

“Ich weiß, was geschehen ist, Neil. Ich kenne diese Schlangen, die im Vorstand von Wittnauer-Douglass sitzen, und ich kenne dich. Ich habe nicht vergessen, was du für meine Nichte getan hast. Du sitzt in der Patsche, nicht wahr?”

“Ja, und ich muss für einige Zeit von hier fort.” Neil war nicht in der Stimmung, lange um die Sache herumzureden. “Ich kann hier nicht denken, brauche Ruhe und Abgeschiedenheit.”

“Eine abgelegene und unbewohnte Insel vor der Küste von Maine?”

“Etwas in der Art.”

“Sie gehört dir.”

“Ist niemand dort?”

“Im Oktober? Die Leute sind heutzutage verweichlicht, wer fährt schon im Herbst in den Norden? Du kannst die Insel haben, Neil, solange du willst.”

“Zwei Wochen sollten genügen. Wenn ich bis dahin keine Lösung gefunden habe …” Er schwieg.

“Wie ich dich kenne, willst du mit der Situation allein fertig werden. Aber wenn ich dir irgendwie helfen kann, dann sag es mir.”

Neil empfand bei diesen Worten Trost. “Dass ich die Insel haben kann, ist schon mehr als genug.”

“Wann willst du hinfahren?”

“So bald wie möglich, wahrscheinlich morgen. Du musst mir den Weg sagen.”

“Nun, wenn du in Spruce Head bist, frag nach Thomas Nye. Er ist groß und breit, hat einen buschigen roten Bart. Er fängt dort Hummer. Ich werde ihn anrufen und ihm Bescheid sagen. Dann setzt er dich zur Insel über.”

Neil bedankte sich sehr herzlich. Den Rest des Nachmittags verbrachte er damit, die verbliebene Arbeit den beiden jungen Rechtsanwälten zu übertragen, die mit ihm gemeinsam die Sozietät bildeten. Als er abends ging, ließ er zum ersten Mal in seinem Leben die Aktentasche im Büro. Er nahm nichts außer einigen Havannazigarren mit.

Karen Joyce betrachtete verärgert den weißen Gipsverband, der ihr linkes Bein vom Oberschenkel bis zu den Zehen einhüllte. Dieser Blick war ein Ablenkungsversuch. Wenn sie in die Gesichter derjenigen aufgeschaut hätte, die sich um ihr Krankenbett versammelt hatten, hätte sie sich noch mehr geärgert.

“Das war ein Wink des Himmels”, sagte ihre Mutter. “Seit Monaten versuche ich schon, es dir klarzumachen. Dein Platz ist in der Firma, neben deiner Schwester, statt Gymnastik zu unterrichten.”

“Der Unterricht hat hiermit überhaupt nichts zu tun”, widersprach Karen. “Ich bin in meinem eigenen Haus auf der Treppe ausgerutscht, hinuntergefallen und habe mir dabei das Bein gebrochen.”

“Der Wink”, fuhr Maria Joyce unbeeindruckt fort, “soll dir zeigen, dass es dich nicht weiterbringt, wenn du deinen Körper überstrapazierst. Für die nächsten Wochen bist du lahm gelegt. Wäre es da nicht wirklich besser, du würdest Sandra helfen?”

Karen sah ihre Schwester an. Früher einmal hatte sie Mitleid mit ihr gehabt. Doch das war ihr nach sechs Monaten unaufhörlichen Drucks inzwischen vergangen. “Es tut mir Leid, Sandra, aber ich kann es nicht.”

“Warum nicht?” Sandra sah ihrer Mutter ähnlich, sie war groß und dunkelhaarig, während Karen eher zierlich wirkte und dunkelblonde Haare hatte. Die beiden Schwestern waren sich auch sonst nicht ähnlich. “Du hast die gleiche Ausbildung gehabt wie ich.”

“Aber ich habe nicht das richtige Temperament für diese Arbeit.”

Ihre Mutter runzelte die Stirn. “Mit Temperament hat das überhaupt nichts zu tun. Du hast dich schon früh dafür entschieden, den einfacheren Weg zu gehen. Nun siehst du ja, wohin das führt.”

“Mutter…” Karen schloss erschöpft die Augen. Vier Tage strenger Bettruhe hatten an ihren Kräften gezehrt. Sie war sehr gereizt. Entschieden erklärte sie: “Wir haben das schon hundert Mal erörtert. Du und Vater mögt von einer Familienfirma geträumt haben, aber das war nie mein Traum. Ich bin nicht dafür geeignet, eine Firma zu leiten. Ich habe es einmal versucht, und es war ein Reinfall.”

“Für ganze acht Monate hast du es versucht”, warf ihre Mutter ein, “vor einigen Jahren.”

“Deine Mutter hat Recht.” Das war die tiefe Stimme ihres Onkels. “Du hast damals gute Ansätze gezeigt. Du bist der Typ des Machers wie dein Vater. Allerdings warst du wohl noch zu jung. Du hast viel zu früh aufgegeben.”

Karen schüttelte den Kopf. “Ich kenne mich doch, für diese Art von Geschäftsleben bin ich nicht geeignet. Dass ich es vom Wissen her schaffen könnte, reicht nicht. Es widerstrebt mir einfach.”

“Aber wir brauchen dich, Karen”, sagte Sandra. “Glaubst du denn, ich sei für diesen Job besser geeignet als du?”

“Dir macht es jedenfalls Spaß.”

“Das ist nicht entscheidend. Vaters Tod hat vieles durcheinander gebracht.”

Seit Vaters Tod – das war der springende Punkt. Sechs Monate war es jetzt her, dass Allan Joyce völlig unerwartet im Schlaf gestorben war. Karen schloss wieder die Augen. “Diese Diskussion führt zu nichts. Dass die Dinge seit Vaters Tod nicht mehr in Ordnung sind, liegt ganz einfach daran, dass keiner von euch – von uns – den notwendigen Überblick hat, um ein so großes Unternehmen zu leiten. Was Joyce Enterprises braucht, ist Hilfe von außen.”

“Wir sind ein Familienunternehmen …” begann Maria, wurde aber sofort durch Karen unterbrochen.

“Leider ist uns die Familie ausgegangen, Mutter. Du kannst die Firma nicht leiten, Sandra auch nicht. Onkel Peter ist ebenso hilflos wie Onkel Max. Aber ich bin offenbar die einzige Person, die erkennt, dass ein Wechsel nötig ist.” Karen seufzte resigniert. “Was mich am meisten wundert, ist der Umstand, dass die Firma überhaupt noch läuft. Verkauf den Laden, Mutter. Und wenn du das nicht willst, dann engagiere ein paar tüchtige Geschäftsführer …”

“Die haben wir doch”, entgegnete ihre Mutter. “Wir brauchen jemanden, der alles koordiniert. Dafür wärst du gut geeignet. Du kannst doch auch sonst alles so gut organisieren.”

“Du meinst die Wohltätigkeitsveranstaltungen, oder nicht? Aber das ist nur wenige Male im Jahr und etwas völlig anderes. Wir reden jetzt vom echten, harten Geschäft.”

“Du bist deines Vaters Tochter.”

“Ich bin aber nicht mein Vater.”

“Trotzdem …”

“Bitte, Mutter, ich habe schreckliche Kopfschmerzen. Du verstärkst sie noch. Onkel Peter, kannst du meine Mutter nicht nach Hause fahren?”

Maria blieb unbeirrt. “Moment mal, Karen, so leicht bin ich nicht zu vertreiben. Du bist selbstsüchtig. Schon immer hast du zuerst deine eigenen Wünsche berücksichtigt. Verspürst du denn gar kein Verantwortungsgefühl gegenüber deiner Familie?”

Jetzt kam die Schuldmasche. Das war unvermeidbar gewesen. “Ich bin im Moment nicht dazu aufgelegt, darüber zu diskutieren.” Karen stöhnte.

“Gut.” Maria richtete sich auf. “Dann werden wir das morgen tun. Du wirst morgen früh aus dem Krankenhaus entlassen. Wir werden dich abholen und dich zu uns bringen …”

“Ich will nicht zu euch. Ich will in mein Haus.”

“Mit einem gebrochenen Bein? Das ist doch töricht, Kind. Du kannst nicht einmal Treppen steigen.”

“Wenn ich das nicht kann, wie soll ich dann wohl eine Millionenfirma vom Büro im siebzehnten Stock aus leiten können?”

“Es gibt Fahrstühle.”

“Das ist nicht der entscheidende Punkt.” Karen verdeckte die Augen. Sie war müde und unendlich frustriert. “Wenn ich hier morgen früh entlassen werde, fahre ich sofort in mein Haus. Und wohin ich danach auch gehen mag: bestimmt nicht in die Firma.”

“Darüber reden wir morgen.”

“Es gibt nichts zu reden. Mein Entschluss steht fest.”

Maria zuckte leicht mit dem Kinn. Das war eine nervöse Bewegung, die sie immer dann zeigte, wenn etwas nicht nach ihrem Willen lief. Karen war schon oft die Ursache dafür gewesen. “Du bist jetzt aufgebracht, Karen. Kein Wunder nach dem, was du durchgemacht hast.” Maria tätschelte ihrer Tochter die Wange. “Bis morgen, dann besprechen wir alles in Ruhe.”

Karen erwiderte nichts. Mit zusammengekniffenen Lippen sah sie zu, wie ihre Besucher sie verließen. Als die Tür sich endlich hinter ihnen geschlossen hatte, legte sie sich völlig erschöpft in die Kissen zurück.

Die Zukunft sah düster aus. Ihr Beinbruch war kompliziert, und es war fraglich, ob das Bein jemals die frühere Beweglichkeit wiedererlangen würde. Musste sie dann vielleicht ihren Beruf aufgeben? Für die nächsten sechs Wochen musste sie den Gips tragen, dann würden mehrere Wochen mit heilgymnastischen Übungen folgen, und erst danach würde sie Klarheit über ihren Zustand haben.

Und bei allem auch noch der Ärger mit der Familie! Es ging dabei ausschließlich nur um die Firma. Seitdem es mit dem Unternehmen nicht recht lief, hatte sich der Druck auf sie verstärkt. Was sollte sie nur tun? War sie ihrer Familie ausgeliefert, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde? Eine schreckliche Vorstellung. Wenn es nur irgendwo einen ruhigen, abgeschiedenen Ort gäbe, an dem sie keiner behelligen konnte …

Aus einer plötzlichen Eingebung heraus griff sie zum Telefonhörer und ließ sich mit New York verbinden. Eine Mädchenstimme meldete sich. “Hier bei Lesser.”

“Karen Joyce. Ist Mrs. Lesser zu sprechen?”

“Bitte bleiben Sie am Apparat.”

Karen wartete ungeduldig und schloss die Augen. Sie stellte sich vor, wie Victoria in Jeans und Arbeitshemd durch ihre elegante Wohnung zum Telefon ging. Von allen Freunden der Familie, die Karen in den vierundzwanzig Jahren ihres Lebens kennen gelernt hatte, verehrte sie Victoria am meisten. Sie war ein völlig unabhängiger Mensch. Statt Trübsal zu blasen, nachdem ihr Mann gestorben war, hatte sie ihr Leben selbst in die Hand genommen und große Aktivität entwickelt. Sie tat, was sie wollte - aber alles innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks.

“Hallo, Karen”, erklang Victorias Stimme durch die Leitung. “Wo steckst du?”

“In Providence, wie immer. Wie geht es dir?”

“Nicht schlecht. Und dir? Warum rufst du an, hast du Sorgen?”

“Ach, Victoria …”

“Nun komm schon, erzähl es mir. Kann ich dir helfen? Bedrängt dich die Familie schon wieder?”

“Ja, das auch. Und diesmal bin ich in einer ziemlich schwachen Position. Ich habe mir das Bein gebrochen und liege im Bett. Kannst du dir das vorstellen? Die Gymnastiklehrerin bricht sich ein Bein.”

Victoria schwieg.

“Falls du mich jetzt auslachen solltest, liebe Victoria: Hilf mir lieber.”

“Ich lache nicht über dich, aber eigenartig ist es schon. Was hast du nun vor?”

“Ich weiß auch nicht. Ob ich jemals wieder in meinem Beruf arbeiten kann, steht in den Sternen. Die Verwandtschaft lässt mir jetzt keine Ruhe mehr. Ich muss einfach von hier fort. Man wird mir keine Zeit lassen, ich komme nicht zum Nachdenken, aber das muss ich tun, oder …” Sie brauchte ihren Satz nicht zu beenden, Victoria verstand sie schon.

“Du denkst an Maine?”

“Ja, wenn es dir recht ist. Du hast es mir gegenüber so oft erwähnt, aber nie hatte ich Zeit. Es ist vielleicht genau das, was ich jetzt brauche. Es liegt weit genug entfernt und ist ruhig.”

“Und es gibt dort kein Telefon.”

“Du verstehst mich.”

“Natürlich.” Victoria schwieg einen Moment. “Maine könnte gut für dich sein. Wann willst du losfahren?”

Zum ersten Mal seit ihrem Sturz auf der Treppe empfand Karen etwas Hoffnung. “So bald wie möglich, vielleicht morgen. Aber du musst mir sagen, wie ich dorthin komme.”

Das tat Victoria. “Hast du jemanden, der dich fahren kann?”

“Ich werde selbst fahren.”

“Mit dem gebrochenen Bein?”

“Es ist das linke.”

“Welch glücklicher Zufall.”

“Was soll ich tun, wenn ich in Spruce Head bin?”

“Frag nach Thomas Nye. Er ist groß und breit, hat einen buschigen roten Bart. Er fängt dort Hummer. Ich werde ihn anrufen und vorwarnen. Er wird dich zur Insel übersetzen.”

Karen lächelte. “Du bist eine wirkliche Freundin, Victoria, ein richtiger Engel.”

“Das hoffe ich. Rufst du mich an, sobald du wieder hier bist, damit ich erfahre, wie es dir ergangen ist?”

“Natürlich.” Karen bedankte sich sehr und legte auf. Victoria rief zum zweiten Mal an diesem Tag Thomas Nye an. Und nachdem sie das Gespräch beendet hatte, sah sie sehr zufrieden aus.

Es goss immer noch in Strömen. Neil blickte angestrengt auf die Fahrbahn. Das Unwetter war ihm augenscheinlich nach Norden gefolgt, von Connecticut durch Massachusetts und New Hampshire bis nach Maine. Mehr als vier Stunden hatte es pausenlos geregnet. Der bleigraue Himmel sah nicht verheißungsvoll aus.

Obwohl die Scheibenwischer sich mit der größten Geschwindigkeit bewegten, erkannte man die Landschaft draußen nur verschwommen. Alles wirkte grau und braun, und in der Mitte verlief die Straße, die die ganze Aufmerksamkeit des Fahrers beanspruchte. Das Geräusch der Scheibenwischer vermischte sich mit dem Dröhnen des Motors und dem Prasseln des Regens.

Neil hatte keine Lust mehr zu fahren, und seine Stimmung verschlechterte sich immer mehr. Kurz vor drei Uhr nachmittags hielt er schließlich den schwarzen Sportwagen auf dem verwitterten Kai von Spruce Head an.

Er hätte erleichtert sein sollen, dass die anstrengende Fahrt endlich vorüber war, und sich auf das nahe Ziel seiner Reise freuen sollen. Doch stattdessen empfand er Enttäuschung. Die Bootsstege sahen schmutzig aus. Mehr als die vertäuten, wild auf und ab tanzenden Boote war praktisch nichts zu sehen. In der Luft lag ein unangenehmer Geruch, der jetzt auch in das Innere des Wagens drang.

Mit gerümpfter Nase betrachtete Neil die großen Hummerbehälter, die längs des Kais aufgestellt waren, und die Fässer mit verrottenden toten Fischen, die als Köder für die Hummer benutzt werden sollten. Seine Vorliebe für Hummerfleisch machte den üblen Geruch nicht erträglicher.

Ein heftiger Windstoß traf den Wagen. Neil lehnte sich auf dem Sitz zurück und fluchte leise. Ihm fehlte jetzt Ölzeug, so wie es die Fischer trugen. Kein Mensch war bei diesem Unwetter draußen.

Er hingegen musste hinaus und Thomas Nye suchen. Neil griff nach der Windjacke, die auf dem Rücksitz lag, und mühte sich, sie im Sitzen anzuziehen. Dann holte er tief Luft, öffnete die Wagentür, stürzte hinaus und schlug die Tür wieder zu. Er lief auf das nächste Gebäude zu.

Die erste Tür, die er aufstieß, quietschte laut in den Angeln. Drei Männer saßen in einer Art Büroraum, waren allerdings wohl kaum mit ernsthafter Arbeit beschäftigt. Jeder hatte einen dampfenden Becher vor sich stehen. Zwei Stühle waren auf die hinteren Beine gekippt, auf dem dritten saß rücklings ein Mann.

Die Männer schauten überrascht auf. Neil fühlte sich erleichtert, dass er so lässig gekleidet war. Das Haar war nass und zerzaust. Die Windjacke und die abgewetzten Jeans waren nass, die Turnschuhe schmutzig. Er passte in diese Umgebung.

“Ich suche Thomas Nye”, erklärte er ohne Umschweife. Fischer waren wortkarg, das passte ihm gut. Er war jetzt nicht in der Stimmung, höflich zu plaudern. “Ein großer Bursche mit einem buschigen roten Bart.”

Einer der Stühle bewegte sich und stand nun mit vier Beinen auf dem Boden. Der Mann, der auf ihm saß, machte eine Handbewegung. “Den Kai hinunter, die Erste links, das zweite Haus auf der rechten Seite.”

Neil nickte und ging. Mit eingezogenem Kopf lief er zu seinem Wagen und stieg hastig ein. Er achtete nicht darauf, dass das Wasser von seiner Windjacke auf die Ledersitze tropfte. Ihm war jetzt nur noch eines wichtig: auf Victorias Insel zu kommen. Er wollte sich im Haus einschließen, sich in das breite Doppelbett im Schlafzimmer legen und durch die großen Fenster nach draußen schauen. Er freute sich schon auf ein prasselndes Kaminfeuer.

Neil ließ den Motor an und fuhr in die beschriebene Richtung. Das Haus, das er suchte, stand in einer Reihe von anderen kleinen Anwesen. Wenn er in besserer Stimmung gewesen wäre, hätte er vielleicht gesagt, es besitze Charme. Es war klein und weiß gestrichen, mit grauen Fensterläden aus Holz. Die Farbe blätterte überall ab, und das Haus schien sehr alt zu sein.

Neil lief darauf zu. Da er keine Klingel sah, klopfte er laut. Gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Ein großer Mann mit buschigem roten Bart erschien.

Neil seufzte erleichtert. “Thomas Nye?”

Der Mann nickte, öffnete die Tür weiter und machte eine Kopfbewegung zum Inneren des Hauses hin. Neil nahm die wortlose Einladung dankend an.

Eine knappe Stunde später hielt Karen vor demselben Haus. Sie musterte erst das bescheidene Bauwerk, dann den schwarzen Sportwagen, der davor parkte. Selbst wenn sie das Kennzeichen von Connecticut nicht gesehen hätte, wäre sie jede Wette eingegangen, dass es nicht das Fahrzeug des Hummerfischers war.

Thomas Nye hatte offenbar Gäste. Das gefiel ihr gar nicht. Sie selbst bot nicht gerade den vorteilhaftesten Anblick.

Bisher hatte sie Glück gehabt. Ein Mann auf dem Kai hatte ihr den Weg gezeigt und es ihr so erspart, aus dem Wagen zu steigen, was für sie mit dem Gipsbein sehr mühsam gewesen wäre.

Doch jetzt war es anders. Wenn sie mit Thomas Nye reden wollte, musste sie den sicheren Hort verlassen. Das bedeutete, dass sie die Krücken herausziehen, das eingegipste Bein aus dem Wagen schieben und sich in eine stehende Position bringen musste. Und sie würde dabei ziemlich nass werden.

Aber was machte das jetzt noch aus? Der ganze Tag war wie ein Albtraum für sie gewesen. Sie nahm den Parka vom Rücksitz und zog ihn mühsam an. Mindestens eine Minute brauchte sie, bis sie mit Gipsbein und Krücken zurechtgekommen war. Dann öffnete sie die Tür und stieg aus.

Als sie die Haustür erreichte, biss sie erschöpft die Zähne zusammen. Was sonst allenfalls zehn Sekunden gedauert hätte, hatte eine kleine Ewigkeit in Anspruch genommen - Zeit genug, um vom Regen völlig durchnässt zu werden. Das nasse Haar hing ihr in die Augen.

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