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Ein köstliches Spiel

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1. KAPITEL

Unser Schicksal steht nicht in den Sternen geschrieben, sondern in uns selbst.

William Shakespeare

Dereham Court, Norfolk, England, 1816

Prue! Prue! Komm schnell. Er schlägt wieder Grace, diesmal auf dem Dachboden!“ Die siebzehnjährige Hope stürmte aufgelöst in das Zimmer. Ihre Zwillingsschwester Faith war mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen direkt hinter ihr.

Prudence Merridew schrak von ihrer Arbeit über dem Haushaltsbuch hoch. Der Federhalter, den sie in der Hand gehalten hatte, fiel unbeachtet auf die Seite und verspritzte dabei mehrere Tintenflecke. Eilig verließ sie den Raum, dicht gefolgt von ihren Schwestern.

„Was war diesmal der Auslöser?“, erkundigte sich Prudence im Laufen über ihre Schulter.

„Ich weiß nicht. Charity sagt, er habe sie auf dem Dachboden gefunden, als sie gerade ein Geschenk für deinen Geburtstag bastelte“, antwortete Hope keuchend.

„Charity hat versucht, ihn aufzuhalten“, warf Faith ein. „Aber er hat sie auch geschlagen.“

Ihre Zwillingsschwester fügte hinzu: „Ich wollte ebenfalls hochgehen und es versuchen, aber ich konnte das hier nicht rechtzeitig aufbekommen.“ Sie deutete auf ihr linkes Handgelenk. Es zeigte die Schürfspuren von Stricken. „Außerdem hat er die Tür abgeschlossen. Charity hat gesagt, ich sollte dich und die Schlüssel holen.“

„Ja, ich habe sie. James! James!“, rief Prue nach ihrem jungen, kräftigen Lakai. Sie rannte die Treppe empor, wobei sie immer zwei Stufen auf einmal nahm. Auf dem zweiten Treppenabsatz hatte der Diener die jungen Mädchen eingeholt.

„Lord Dereham schlägt Grace auf dem Dachboden. Schnell!“, drängte ihn Prudence. Sie erreichten den dritten Treppenabsatz und nahmen die schmaleren Stufen, die zu den Dienstbotenquartieren und dann auf den Dachboden führten. Die neunzehnjährige Charity saß auf den obersten Stufen und hielt sich mit einer Hand ihre Wange.

„Oh Prue! Ich habe versucht …“

Prudence zog sacht die Hand ihrer Schwester weg. Zwei leuchtend rote Striemen verunstalteten die ansonsten makellose Reinheit von Charitys hellem Teint. Prue biss sich auf die Lippe. Charity war immer so sanftmütig und gut!

„Es war sehr tapfer von dir, es zu versuchen, Liebes!“

Sie schaute zu Faith, der furchtsamsten ihrer Schwestern. Sie zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub, aber sie war dennoch gekommen, sich Großvater in einem seiner Wutanfälle entgegenzustellen. „Faith, nimm Charity mit nach unten in mein Zimmer. Hol von Mrs. Burton Salbe und etwas zum Einreiben. Charity, fort mit dir und lass deine Wange versorgen. Und bereite alles für Grace vor.“

Die beiden jungen Mädchen stiegen die Treppe vorsichtig hinab, und Prudence rief ihnen nach: „Sobald Hope und Grace bei euch sind, schließt die Tür ab und macht niemandem außer mir auf.“ Sie hasteten weiter nach oben. Als sie am letzten Absatz ankamen, blieb Prudence stehen. „Wir werden möglichst lautlos hineingehen, dann stürze ich mich auf ihn. Genau in dem Augenblick nehmen Sie, James, Miss Grace und bringen sie in Sicherheit.“

„Sie können sich auf mich verlassen, Miss Prue!“, erklärte der große Lakai mit grimmiger Entschlossenheit.

Prue nickte. „Danke. Ich weiß nicht, welche Folgen dies hier nach sich ziehen wird, aber ich werde dafür sorgen, dass Sie keinen Nachteil davon haben, James. Das verspreche ich.“

„Aber Prue, er ist außer sich vor Wut!“, rief Hope. „Er wird dich auch schlagen.“

„Aye, Miss Prue, besser ich werfe mich auf ihn.“ In James’ Augen glomm ein rebellisches Funkeln. „Ich bin größer als Sie.“

„Nein, er wird Sie dafür deportieren oder hängen lassen! Wenn er mich schlägt, dann schlage ich zurück!“, erwiderte Prue wild entschlossen. „Ich habe endgültig genug von diesen abscheulichen Wutanfällen und seinen Einschüchterungsversuchen. Ich bin beinahe einundzwanzig, und wenn ich volljährig bin …“ Sie brach ab, da sie die Dachbodentür erreicht hatten, und senkte ihre Stimme zu einem Flüstern: „Hope, du musst mit Grace in Faiths Zimmer gehen. Und bleib da.“

„Nein! Ich will dir helfen. Ich hasse ihn, Pru…“

„Ich weiß, Liebes, aber du kannst mir besser helfen, indem du Grace wegbringst und sie tröstest.“

Hope öffnete ihren Mund, um zu widersprechen, Prudence hingegen hielt ihre Hand hoch, um sie zur Stille zu mahnen. Sie schob den Schlüssel ins Schlüsselloch, drehte ihn herum und öffnete die schmale Tür, kaum größer als eine Schranktür. Es bestand keine Notwendigkeit, sich heimlich anzuschleichen. Ihr Großvater brüllte, heiser vor Wut, völlig taub für knarrende Türangeln oder Ähnliches. Er stand über eine kleine, zusammengekauerte Gestalt gebeugt.

„Du schmierige kleine Heidin!“ Die Peitsche sauste auf sie nieder. „Das ist Götzendienerei!“ Wieder war das Knallen der Reitpeitsche zu hören. „Widerliche Gotteslästerung!“ Erneut schlug er zu.

Nach jeder wütenden Anschuldigung ließ er seinen sehnigen Arm mit all der Kraft, die er aufbringen konnte, niedersausen. Die Reitgerte zischte hässlich. Die zehnjährige Grace hatte sich auf dem Boden zusammengerollt; die Hände schützend über den Kopf gelegt, versuchte sie, sich so klein wie möglich zu machen.

Prudence schoss durch den Raum wie eine kleine, wütende Kanonenkugel. „Lass meine Schwester in Ruhe, du ekelhafter Tyrann!“ Sie warf sich auf ihn, stieß ihn mit aller Kraft zur Seite, denn sie war nicht sonderlich groß. Ihr Großvater dagegen war zwar weit über sechzig, aber über sechs Fuß groß, und sein Körper war schlank und kräftig, da er viel Zeit auf der Jagd und beim Angeln verbrachte.

Und mit dem Schlagen kleiner Mädchen.

Er taumelte, aus dem Gleichgewicht gebracht. Prudence nutzte seinen unsicheren Stand aus und versetzte ihm einen weiteren kräftigen Stoß. Er stolperte über eine Truhe, aus der alte Kleider quollen – für die Verkleidungsspiele von Grace und den Zwillingen –, und fiel hin. Einen Moment lag er um Atem ringend auf dem Boden ausgestreckt, inmitten von verblasstem Brokat und mottenzerfressener Spitze.

Wie Prudence ihn angewiesen hatte, hob James Grace auf seine Arme und trug sie aus dem Raum. Hope zögerte.

„Geh!“, zischte ihr Prudence zu. „Schnell!“ Die Schwester verschwand.

Ihr Großvater rappelte sich aus den alten Kleidern auf. Sein Gesicht war dunkelrot vor Zorn. Geschwollene Adern standen sichtbar auf seiner Stirn, schaumige Spucke hing an seinen Lippen. „Du dreistes Luder! Ich werde dich Mores lehren!“ Er nahm seine Reitgerte und kam auf Prudence zu.

Sie betrachtete ihn verächtlich. „Wie kannst du es wagen, mit diesem grässlichen Ding auf ein kleines Mädchen loszugehen!“, hielt sie ihm vor.

„Das kleine Heidengör war mit etwas Gotteslästerlichem, Bösem beschäftigt, und ich werde es ihr mit der Peitsche austreiben, mein Wort darauf.“

Gotteslästerliches? Böses? Prudence schaute auf den dreibeinigen Tisch, an dem Grace heimlich gearbeitet hatte. Darauf lagen ein Retikül aus Pappe und ein paar ältere Ausgaben eines Modemagazins, die ihre Nachbarin Mrs. Otterbury den Mädchen heimlich hatte zukommen lassen. Damals hatten sie alle die Modeartikel in ägyptischem Stil bestaunt, die in einer der Zeitschriften vorgestellt wurden – verziert mit merkwürdigen, fremdartigen Wesen wie der Sphinx und anderen Kreaturen, halb Mensch, halb Tier.

Ein Funke Schuldgefühl wallte in Prudence auf, als sie sich daran erinnerte, wie sehr sie diesen ägyptischen Stil bewundert hatte. Grace hatte diese „gotteslästerlichen und bösen“ Bilder verwendet, um das Retikül aus fester Pappe zu verzieren. Ihre kleine Schwester war dafür geschlagen worden, dass sie Prudence ein Geburtstagsgeschenk gebastelt hatte.

„Es ist keine widerliche Götzendienerei, sondern nur eine Modelaune. Grace ist doch nur ein Kind! Diese Muster sind einfach nur ausgefallene Verzierungen.“

„Sie sind gotteslästerlich, und das … das Ding, das sie gemacht hat, trägt das Zeichen des Teufels. Es muss verbrannt werden, und sie muss gereinigt werden. Ich prügele das Böse aus ihr heraus, und wenn es das Letzte ist, was ich tue! “ Er fegte die Zeitschriften und das Retikül vom Tisch, sodass es auf dem Boden landete.

Prudence lief hin, hob das Retikül auf und barg es an ihrer Brust. „In Grace ist kein Funke Böses. Sie ist ein liebes, süßes Kind und …“

„Sie trägt das Jezebel-Mal, so wie du auch!“

Prudence strich sich ihre feurigen Locken aus der Stirn. „Es ist kein Jezebel-Mal! Es sind einfach nur Haare, Großvater! Grace und ich können nichts für unsere Haarfarbe. Unsere Mutter hatte rotes Haar.“

Der alte Mann stieß ein wütendes Knurren aus und schlug mit der Gerte nach Prudence. „Ich habe dir ausdrücklich verboten, dieses Flittchen unter meinem Dach zu erwähnen! Sie war eine schamlose Jezebel, die meinen Sohn verhext und von mir weggelockt hat, und du und die andere Teufelsgeburt sind mit ihrem Mal gezeichnet! Aus dir habe ich vielleicht noch nicht alles Böse herausprügeln können, aber ich werde dafür sorgen …“

Prudence unterbrach ihn: „Wenn du jemals wieder auch nur einen Finger an sie legst, geschweige denn die ganze Hand, oder an Hope oder eine andere meiner Schwestern … dann werde ich … dann werde ich dich umbringen! Hope kann nichts dafür, dass sie Linkshänderin ist, und Graces und mein Haar ist doch nur ein Vorwand! Du bist nichts als ein widerwärtiger alter Tyrann, und ich werde es nicht länger dulden, hast du verstanden?“

„Unverschämtes Gör!“, schrie der alte Mann. „Ich bin dein gesetzlicher Vormund, und ich werde dafür sorgen, dass du mir Gehorsam und Respekt entgegenbringst – so, wie deine Schwestern es tun –, selbst wenn ich dich halb totprügeln muss!“

„Ha!“ Prudences Stimme war voller Verachtung. „Respekt entsteht nicht durch Prügel, Großvater; man muss ihn sich verdienen! Du siehst in dem ängstlichen Gehorsam meiner Schwestern Respekt, aber du weckst in ihnen nur Furcht und Hass. Und in mir nichts, gar nichts!“

Er stürzte vor und traf sie mit der Gerte schmerzhaft im Gesicht. Prudence wich zurück und hielt sich die Wange. Blut bedeckte ihre Finger. Er beobachtete sie voller Befriedigung. „Wir werden sehen, ob du noch dasselbe Liedchen singst, wenn ich mit dir fertig bin. Eine Hündin gehorcht immer viel besser nach einer Tracht Prügel.“

„Ich bin kein Setter oder Beagle, Großvater! Du kannst mich nicht dazu bringen, mich zu ducken, wie du es getan hast, als ich noch ein Kind war. Und ich sage dir offen ins Gesicht, die Prügel haben ein Ende. In acht Wochen werde ich einundzwanzig, und dann erhalte ich die gesetzliche Vormundschaft über meine Schwestern. Das kannst du nicht verhindern. Papa hat es so verfügt.“

Er lehnte sich kurz gegen einen zerbrochenen Tisch und atmete schwer von der Anstrengung. Die dunkelrote Farbe verließ langsam sein Gesicht. „Oh, das kann ich nicht?“, fragte er. „Du hast dann zwar vielleicht die gesetzliche Vormundschaft, mein Mädchen, aber ich habe die Kontrolle über eure Börse, bis du heiratest.“ Er lachte hässlich. „Du wirst keinen Penny erhalten, es sei denn, du heiratest, und ich werde dafür sorgen, dass du das nicht tust! “ Seine dünnen Lippen verzogen sich verächtlich. „Du kannst deine Schwestern herzen und verhätscheln, so viel du willst, Mädchen, aber ihr werdet verhungern, wenn ihr kein Geld habt.“

„Vielleicht habe ich im Augenblick kein Geld, aber ich verfüge über Mittel, von denen du nichts weißt. Sobald ich volljährig bin, werden wir von hier weggehen, und du wirst uns nicht aufhalten können.“

Prudence verspürte ein zaghaftes Aufwallen von Zufriedenheit. Er hatte ihr vor Jahren, als sie neu auf Dereham Court angekommen waren, die meisten Juwelen ihrer Mutter weggenommen, aber die elfjährige, frisch verwaiste Prudence war zu sentimental gewesen, um dem grimmigen alten Mann auch die Lieblingsschmuckstücke ihrer Mutter auszuhändigen, wie er es verlangt hatte. Sie hatte ein wenig Schmuck zurückbehalten und all die Jahre versteckt. Die Juwelen würden nun ihre Rettung sein.

„Du Flittchen! Deinen Körper verkaufen, was? Das überrascht mich nicht! Aber du wirst mir nicht entkommen, um deine Familie in Schande zu bringen!“ Er fuhr zu ihr herum, von frischer Wut gepackt. Prudence lief zur Tür und so schnell sie konnte die schmalen, steilen Stufen hinunter.

Ihr Großvater war dicht hinter ihr und schlug bei jedem Schritt laut fluchend mit der Gerte nach ihr. Mehr als einmal traf er sie, und gerade als sie den Treppenabsatz erreichte, trat sie sich auf den Saum ihres Kleides und fiel auf die Knie.

Mit triumphierendem Gebrüll kam er die letzten Stufen herab, aber in seiner Eile stolperte er, rutschte aus und fiel wild um sich schlagend und schimpfend die Treppe hinab. Prudence duckte sich zur Seite, und von seinem Schwung vorwärtsgetragen stürzte ihr Großvater an ihr vorbei, sich immer wieder überschlagend.

Sein Sturz wurde erst von dem Geländer am Absatz bei der Treppenbiegung aufgehalten.

Mit einem Mal war es im Haus erschreckend still.

Prudence eilte nach oben in ihr Schlafzimmer. „Ich bin es, Hope. Mach bitte die Tür auf!“

Die Tür öffnete sich knarrend einen Spaltbreit, und Hope spähte hinaus. „Prudence! Dein Gesicht! War er das?“

Prudence berührte vorsichtig mit einem Finger ihr Gesicht. In all der Aufregung hatte sie den Schnitt in ihrer Wange völlig vergessen. „Mach dir keine Sorgen, es sieht vermutlich schlimmer aus, als es ist. Wie geht es Grace?“

Hope deutete auf das Bett, wo Charity und Faith saßen, die Arme um Grace geschlungen, die sich fest zusammengerollt hatte. Ihr Gesicht drückte sie gegen ihre angezogenen Knie, und ihre Arme waren über und über mit hässlichen roten Striemen überzogen. Schluchzer schüttelten ihren schmalen Körper.

Prudence kniete sich auf die Matratze und legte ihren Arm um die angespannte kleine Gestalt. „Graciela?“ Das war der Kosename ihrer Mutter für sie.

Grace sah auf, und ihr blasses, tränenüberströmtes Gesicht verzog sich erneut, sobald sie die Verletzung im Gesicht ihrer älteren Schwester und deren besorgten Blick sah. Sie warf sich Prudence in die Arme. „Oh Prue! Prue, er hat dir auch wehgetan. Das tut mir leid, so sehr leid.“

Prudence spürte neue Wut in sich aufwallen auf den Mann, der das Leben eines jungen Mädchens so mit Schuldgefühlen vergiftet hatte, dass Grace sich nun die Schuld an Prudences Verletzung gab. Sie zwang sich, leichthin zu antworten: „Das muss es nicht, Liebes. Es tut gar nicht weh, ehrlich. Großvater hat es wesentlich schlimmer erwischt. Im Moment ist er nicht länger in der Lage, einer von uns etwas zu tun.“

Ihre Worte bewirkten, dass alle sich aufsetzten und sie ansahen. „Was meinst du damit?“, fragte Faith.

„Er ist gestolpert und die Treppe hinuntergefallen.“ Sie erschauerte. Im Geiste hörte sie wieder das Geräusch, wie sein Körper die Treppe hinabstürzte und gegen die Wand prallte. Und dann die jähe Stille …

Hope fand als Erste ihre Stimme wieder. „Ist er tot?“

„Nein, obwohl ich das zuerst einen Augenblick lang glaubte – das taten wir alle. Er lag völlig reglos da, rührte sich nicht – ganz lange.“ Sie holte tief und zitternd Luft. „Aber er war natürlich nicht tot. Ihr wisst ja, was für einen harten Schädel Großvater hat.“

„Leider“, bemerkte Hope halblaut.

„Er wurde in sein Schlafzimmer getragen, und Dr. Gibson ist jetzt bei ihm. Er wird keine von uns je wieder anrühren, das verspreche ich.“

Eine Weile herrschte Schweigen in dem Zimmer. Keine der Schwestern glaubte, dass Prudence so ein Versprechen halten könnte. Sie wussten, dass es leere, tröstend gemeinte Worte waren. Graces Gesicht verzog sich aufs Neue, und sie schmiegte sich wieder in die Arme ihrer großen Schwester. „Oh Prue, warum hasst er mich so?“, schluchzte sie.

Prudence drückte ihre kleine Schwester fester an sich. „Liebes, er verwechselt dich und mich mit unserer Mutter. Weil wir das gleiche rote Haar haben wie sie.“

„War Mama denn wirklich so schlecht?“

„Nein! Sie war überhaupt nicht schlecht! Kein bisschen. Es war nur so, dass Papa, als er sich in sie verliebte, von Dereham Court weggegangen und nie mehr zurückgekehrt ist. Das hat Großvater ihr nie verziehen.“

„Erzähl uns noch einmal von Mama und Papa, bitte, Prue“, bettelte Grace und lehnte sich gegen sie.

Ihre Eltern waren gestorben, als Grace noch ein Baby war. Die Zwillinge waren auch noch klein gewesen, Charity neun und Prue elf. Die Jüngeren hatten nur wenige Erinnerungen an ihre Eltern, und es tröstete sie, die alten Geschichten zu hören, immer wieder und wieder.

„Mama war sehr schön. Ihr kommt alle ganz nach ihr. Charity ist ihr Ebenbild – bis auf das goldblonde Haar. Und die Zwillinge und du, Grace, ihr seht ihr auch sehr ähnlich. Ihr alle habt das Aussehen von Mamas Teil der Familie geerbt – von den schönen Ainsleys.“ Sie schnitt eine Grimasse. „Ich bin der Pechvogel, der mit der schrecklichen Merridew-Nase geschlagen ist und den langweiligen Merridew-Augen. Ich wünschte nur, ich hätte auch die Größe und die schlanke Figur von ihnen.“

„Deine Nase ist eigentlich gar nicht so schrecklich, nur … ein wenig lang“, erklärte Faith.

„Es ist eine sehr nette Nase“, verteidigte Grace ihre älteste Schwester hitzig, „und deine Augen sind sehr hübsch, grau, freundlich und …“

„Sch, sei still! “, sagte Prudence und lachte leise. Ihre Schwestern scharten sich auf dem Bett um sie. „Meine dumme Nase kümmert mich nicht. Und außerdem haben wir von Mama gesprochen.“

Ihre Stimme verfiel in den leisen Singsang einer lieb gewordenen, oft erzählten Geschichte. „Mama war eine große Schönheit, aber ihre Familie war im Handel tätig. Papa sah sie und verliebte sich auf der Stelle in sie. Und obwohl sie Hunderte von Bewunderern hatte und er bei Weitem nicht der am besten aussehende unter ihnen war und auch weder der reichste noch der mit dem bedeutendsten Titel, verliebte Mama sich ebenfalls auf den ersten Blick in ihn.“ Alle Mädchen seufzten beseligt.

„Aber sowohl die Ainsleys als auch die Merridews waren gegen die Verbindung“, warf Grace ein, „und das ist der Grund, weshalb Mama und Papa nach Italien durchgebrannt sind, dort geheiratet und uns bekommen haben. Mach weiter, Prue. Erzähl uns von Mamas Haar.“

Prue lehnte sich in die Kissen zurück. Ihre Schwestern rückten näher, und Grace schmiegte sich wie ein kleines Kätzchen an ihre Seite. „Mama war ganz golden, überall“, sagte sie. „Ihr Haar war rot, aber es war, als sei es gerade erst aus dem Ofen des Schmieds gekommen – ganz rot und gold und voller Leben –, so wie deines, Grace. Und Papa liebte Mutters Haar – ich will, dass du das nie vergisst, Grace, wann immer du denkst, dein Haar sei schlecht oder hässlich! Papa spielte immerzu mit ihren Haaren, streichelte darüber, liebte es, wie es sich um seine Finger kringelte. Er pflegte zu scherzen, dass Mama ihn ganz genauso um ihren kleinen Finger wickeln könnte. Und eines Tages wirst du einen Mann finden, der dich und deine Haare ebenso liebt, wie Papa Mama liebte.“

Grace seufzte. „So, wie Phillip dich liebt?“

Prudence lächelte und strich ihr zärtlich die Locken aus dem Gesicht. „Vielleicht.“ Dann fuhr sie fort: „Es war nicht nur Mamas Aussehen, das golden war – sie hatte auch eine herrlich weiche Stimme, wie Honig, so wie Faiths Stimme. Sie sang uns immer vor, stundenlang. Und wenn sie lachte, war es wie Musik im Sonnenschein …“

„Ich erinnere mich an das Lachen“, erklärte Charity plötzlich. „Es war so fröhlich und ansteckend, dass ich immer mit ihr lachen wollte.“

„Das hast du auch“, stimmte Prudence ihr zu. „Das haben wir alle. Mama und Papa beteten einander an. Sie berührten sich dauernd, hielten sich ständig an den Händen, küssten sich, umarmten sich und lachten …“

Alle Schwestern lachten. Es war ein gewaltiger Unterschied zu dem kalten und lieblosen Regime, unter dem sie aufgewachsen waren.

„Und sie liebten uns auch, so sehr. Papa hob uns immer auf den Arm, um uns zu drücken und zu herzen. Er scherte sich nie um klebrige Finger oder verschmierte Gesichter. Mama trug immer das Baby – das warst du, Grace – mit sich, wenn wir am Strand entlanggingen oder durch das Dorf, auch wenn Concetta – sie war dein Kindermädchen – behauptete, frische Luft schade Babys. Mama sagte nur, sie wolle alle ihre Sonnenstrahlen um sich haben …“

Sie schaute ihre Schwestern an, die dicht gedrängt auf dem großen, alten Bett saßen. Im kühlen grauen Licht erinnerten sie nicht unbedingt an Sonnenstrahlen mit ihren spitzen, schmalen Gesichtern und den vom Weinen geröteten Augen. Liebe war ihr Geburtsrecht. Das hatte Mama ihnen versprochen, und Prudence musste dafür sorgen, dass sie daran glaubten, das musste sie einfach!

„Nie, niemals dürfen wir vergessen, dass wir nicht in Großvaters grimmige und liebeleere Welt gehören“, verkündete sie. „Wir wurden in Italien geboren, in einem Haus voller Lachen und Sonnenschein, Liebe und Glück, und ich verspreche euch, egal, wie schlimm es im Moment auch aussehen mag, eines Tages werden wir wieder so leben. Umgeben von Sonnenschein und Lachen und Liebe und Glück. Das verspreche ich euch!“

Draußen pfiff der bitterkalte Wind um die Giebel, als wollte er sich über ihre Worte lustig machen. Prudence schenkte ihm keine Beachtung. Sie hatte einen Plan.

Dr. Gibson stellte seine Tasche auf das Beistelltischchen und setzte sich. „Lord Dereham hat eine ernste Gehirnerschütterung, und sein Knöchel ist an mehreren Stellen gebrochen.“

Prudence schenkte dem Arzt eine Tasse Tee ein. „Aber er wird sich erholen?“ Sie mochte ihren Großvater verabscheuen, für seinen Tod dagegen wollte sie nicht verantwortlich sein.

Dr. Gibson nippte vorsichtig an seinem heißen Tee, bevor er antwortete: „Seine Verletzungen sind ernst, aber ich glaube, sein Verstand hat keinen Schaden genommen. Ich bin mir sicher, dass er sich wieder erholt, auch wenn es nicht allzu rasch gehen wird.“

„Wie lange wird es etwa dauern?“ Prudence beugte sich vor und reichte ihm einen Teller mit gebutterten Scones. Sie fragte aus einem besonderen Grund.

Es war kühn. Es war gewagt. Es war riskant. Aber es könnte klappen.

Es war die einzige Lösung, die ihr für ihre Probleme einfiel. Der Doktor kaute einen Ingwerkeks. „Die Kopfverletzung wird ein paar Tage brauchen, vielleicht auch eine Woche. Er wird still in einem abgedunkelten Raum liegen müssen, völlig ungestört.“ Er trank von seinem Tee und fügte hinzu: „Allerdings wird es etwas länger dauern, bis der Knöchel verheilt ist. Er ist an mehreren Stellen gebrochen. Ihr Großvater wird sein Bein wenigstens fünf oder sechs Wochen lang ganz ruhig halten müssen.“

Fünf oder sechs Wochen! Prudence wurde bei diesen Worten vor Freude ganz warm. Fünf Wochen oder gar mehr würden reichen, damit ihr Plan aufging. Doch sie würde die Hilfe des Arztes brauchen. Sie stellte ihre Tasse ab, holte tief Luft und sagte: „Dr. Gibson, wissen Sie, wie es zu Großvaters Unfall kam?“

Er schnaufte und nahm sich einen weiteren Keks. „Der Bursche, der mich geholt hat, erzählte eine wüste Geschichte, aber Sie wissen ja, wie die Dienstboten immer übertreiben.“

„Ich bezweifle, dass er übertrieben hat. Haben Sie nicht davon gehört, wie schlimm die Wutanfälle meines Großvaters …“

Der Arzt machte eine wegwerfende Handbewegung. „Pah! Ich hoffe, ich weiß es besser, als auf Dorfklatsch zu hören.“

„Aber die Geschichten stimmen“, erwiderte Prudence heftig, „und wir können so nicht weitermachen. Können Sie nicht selbst sehen, wie … heftig Großvater außer sich gerät?“

„Er war nie jemand, der den Stock sparsam eingesetzt hat, das räume ich gerne ein, aber ein Mann muss streng sein …“

„Streng! Es ist weit mehr als das, glauben Sie mir. Die arme Hope hat den größten Teil ihres Lebens ihre linke Hand auf den Rücken gebunden gehabt, damit sie sie nicht benutzt – er sagt, es sei die Hand des Teufels. Faith lebt in ständiger Angst, aus Versehen vor sich hin zu summen, weil das Prügel nach sich ziehen würde. Und Sie sollten sehen, wie er meine kleine Schwester Grace behandelt. Er ist überzeugt, sie trägt das Mal von Jezebel, bloß wegen ihrer Haarfarbe.“

Der Blick des Doktors glitt zu Prudences eigenen feurigen Locken, und sie nickte. „Ja, ich auch. Er hat versucht, den Teufel aus mir herauszuprügeln, seit ich elf bin.“ Prudences Stimme bebte vor unterdrücktem Zorn und Sorge. „Und ich werde das nicht dulden – verstehen Sie? Er wird meine kleine Schwester nicht so brutal schlagen, wie er es bei mir getan hat.“

Der Arzt rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. „Hopes Linkshändigkeit muss korrigiert werden, allerdings kann ich verstehen, dass es Ihnen nicht gefällt. Aber Faith und Grace sind so reizend und artig.“

„Grace hat dies hier gemacht.“ Sie hielt ihm das Retikül in ägyptischem Stil hin.

Verwundert nahm der Arzt die verzierte Tasche. „Dieses ägyptische Zeug war vor ein paar Jahren der letzte Schrei in London. Ich weiß es, weil meine Frau ganz verrückt danach war. “

„Ist Ihre Gattin eine schmierige Heidin?“, fragte Prudence unverblümt. „Hat sie einen Hang zur Gotteslästerung? Götzenverehrung? Ist das Schmutz?“

Der Doktor zuckte verwirrt zurück. „Was soll das …“

„Weil Großvater Grace so beschimpft hat, weil sie dies hier gebastelt hat – eine schmierige kleine Heidengöre. Und er hat sie mitleidlos mit seiner Reitgerte geschlagen, bis ich ihn aufgehalten habe. So ist es zu dem Unfall gekommen. Er ist hinter mir her die Treppe heruntergelaufen und schlug mit der Gerte nach mir. Es war mein Glück, dass er gestolpert ist.“

Sichtlich erschüttert legte der Arzt das Retikül auf den Tisch. „Er hat sie geschlagen, weil sie dies hier gemacht hat?“

„Aufs Übelste. Er nutzt jeden Anlass, jeden Vorwand, der sich bietet. Ich möchte, dass Sie uns helfen, damit wir von hier weggehen können.“

Dr. Gibson seufzte schwer. „Prudence, Sie wissen, dass ich das nicht kann. Er ist kein einfacher Mann, das gebe ich gerne zu, aber ich bin sein Arzt, Mädchen! Erwarten Sie von mir, dass ich ihm in die Augen sehe und ihn anlüge? Ihn täusche …?“

„Graces ganzer kleiner Körper ist mit roten Striemen überzogen, nur weil sie dieses Retikül gebastelt hat“, erklärte Prudence ruhig, aber nachdrücklich. Sie war wild entschlossen, sein Gewissen zu wecken, damit er etwas unternahm, und ihn dazu zu bringen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Grace war immer sein Liebling gewesen. „Es ist nicht das erste Mal, dass Grace ohne Grund brutal geschlagen wurde. Er misshandelt uns alle. Wir durften Sie nie rufen, wenn er vorher eine von uns verletzt hatte, aber ich möchte, dass Sie jetzt mit mir in ihr Schlafzimmer kommen und es sich selbst ansehen.“

Schwer seufzend stellte er seine Tasse ab. „Nun gut, ich werde sie mir anschauen, aber ich verspreche nichts.“

Der Arzt untersuchte Grace in grimmigem Schweigen. Die Schrammen in Charitys und Prudences Gesicht entgingen ihm nicht. Nachher, als sie wieder unten im Salon saßen, ließ er sich schwer auf seinem Stuhl nieder, sichtlich erschüttert. „Es tut mir leid, aber ich hatte keine Ahnung. Und Sie sagen, das hier ist nicht das erste Mal?“

Prudence nickte. Es brachte nichts, sich wegen Vergangenem den Kopf zu zerbrechen. Sie hielt den Blick fest auf die Zukunft gerichtet. „Wenn ich in acht Wochen einundzwanzig werde, werde ich nach dem Willen meines Vaters der gesetzliche Vormund meiner Schwestern.“

„Gut, dann …“

„Allerdings können wir nur erst an das Geld, das unsere Mutter uns hinterlassen hat, wenn wir heiraten. Wir haben kein eigenes Geld. Nur genug für ein paar Monate. Danach sind wir mittellos und müssen verhungern, es sei denn, Großvater händigt uns unser Erbe aus.“ Sie schaute dem Arzt ins Gesicht. „Und er wird uns das Geld nicht geben. Er sagt, er wird keine von uns je heiraten lassen. In dem Punkt ist er unerbittlich. Wir gehen nirgendwo mehr hin, noch nicht einmal mehr in die Kirche. Wir sehen niemanden, und niemand sieht uns. Wie kann eine von uns da heiraten? Sie wissen selbst, wie schön meine Schwestern sind, was für ein Verbrechen es ist, sie vor der Gesellschaft abzuschotten.“

Prudence betrachtete seine Miene, versuchte zu entscheiden, ob sein Gewissen ausreichend geweckt war. Sie nahm seine Hand und erklärte: „Dr. Gibson, wir müssen entkommen. Wir haben diese kleine Zeitspanne geschenkt bekommen, in der er ans Bett gefesselt ist. Aber wenn Großvater es nicht sofort merken soll, dann müssen Sie uns helfen.“

Der Arzt seufzte. „Gut. Was soll ich tun?“

Prue schaute kritisch und mit gerunzelter Stirn auf die Worte, die sie geschrieben hatte. Die zittrige Handschrift sah genau richtig aus. Höchstens ein bisschen weniger schnörkelig und exakter bei den i-Punkten. Großvater setzte jeden i-Punkt immer ganz genau.

„Ist der Arzt fort? Was hat er gesagt?“ Prudences Schwestern betraten das Zimmer.

Charity spähte ihr über die Schulter. „Wem schreibst du? Wieder Phillip?“

„Nein, nicht Phi…“

„Wen interessiert schon Phillip?“, unterbrach sie Hope. „Du schreibst ihm ständig. Was hat Dr. Gibson über Großvater gesagt?“

„Der Brief ist nicht an Phillip.“ Prudence tupfte sorgfältig die Tinte ab. „Er ist an Großonkel Oswald.“

„Großonkel Oswald?“, rief Hope verwundert. „Großvaters missratener Bruder?“ Sie runzelte die Stirn. „Wird Großvater doch sterben?“

„Nein, er müsste sich in etwa fünf oder sechs Wochen erholt haben.“

„Warum willst du dann Großonkel Oswald schreiben?“, erkundigte sich Charity. „Er wird Großvater nicht am Krankenbett Trost spenden wollen. Zwischen den beiden gibt es keine brüderliche Zuneigung.“

„Darauf verlasse ich mich“, erklärte Prudence. „Was die Frage angeht, warum ich ihm schreibe, so schreibe ich ihm gar nicht. Dieser Brief ist von Großvater.“

„Was?“, ertönten mehrere Stimmen im Chor.

Sie las laut:

„Werter Oswald,

ich weiß, wir sind nicht immer einer Meinung gewesen, wie Brüder es sicher sollten, dennoch bin ich bereit, Vergangenes ruhen zu lassen – zum Wohl der Mädchen.“

In dem erstaunten Schweigen, das darauf folgte, hielt sie den Brief mit zwei Fingern in die Höhe und wedelte das Blatt in der Luft, um die Tinte zu trocknen. „Kurz gesagt, Großvater bittet seinen Bruder, uns eine Saison in London zu ermöglichen. Und uns Ehemänner zu suchen.“ Sie legte den Brief vorsichtig auf den Tisch. „Wir entkommen von hier. Wir kehren nie mehr nach Dereham Court zurück.“

„Prudence!“, rief Charity. „Der Brief ist schlimmer als eine Irreführung – er ist eine Fälschung. Das ist Betrug!“

Prudence zuckte die Achseln. „Ja, aber welche andere Wahl haben wir? Ich bin fest entschlossen, dass Großvater nie wieder Hand an eine von uns legen wird.“

„Es ist Sünde“, flüsterte Faith.

Prudence warf den Kopf in den Nacken. „Nun, Großvater hat immer schon behauptet, ich sei verdorben und schlecht, daher werde ich ihm eben zeigen, dass er recht gehabt hat. Wir gehen alle zusammen nach London. Und wir nehmen Lily und James mit. Lily, weil Großonkel Oswald ein Witwer ist und vielleicht keine Dienstmädchen hat, und James, weil Großvater ihm niemals verzeihen wird, was er heute getan hat.“

Ihre Schwestern schauten sich gegenseitig an, sie alle staunten über die Gewagtheit ihres Plans. Prudence schrieb sorgfältig Großonkel Oswalds Londoner Adresse in einer leicht zittrigen Handschrift.

„Großvater wird uns niemals gehen lassen“, bemerkte Hope. „Er wird nichts davon wissen. Er wird glauben, wir seien in das Witwenhaus umgezogen …“

„Das vermoderte alte Gemäuer! Warum sollten …“

„Weil Grace bis zu dem Moment, da seine Kopfschmerzen nachlassen, sich mit Scharlach angesteckt haben wird und wir alle in Quarantäne sein werden. Dr. Gibson hilft uns dabei, ihn zu täuschen. Ihr wisst alle, wie sehr sich Großvater vor ansteckenden Krankheiten fürchtet. Er wird nicht in unsere Nähe kommen. Mrs. Burton sagt, sie könne als Haushälterin die Hand dafür ins Feuer legen, dass die anderen Dienstboten nichts verraten. Und sie und der Arzt werden Großvater mit falschen Berichten über unsere Genesung versorgen.“

Ihre Schwestern starrten sie mit offenem Mund an.

„In der Zwischenzeit werden wir bei unserem Großonkel wohnen, all die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt bestaunen, Gesellschaften besuchen, hübsche Kleider tragen und … ach, ich weiß nicht, zu venezianischen Frühstücken oder Ähnlichem gehen. Und in die Oper! Mit ein bisschen Glück wird eine von uns, bis Großvater genesen ist, einen Ehemann gefunden haben, und ich werde einundzwanzig sein, sodass ihr dann alle mit dem Segen des Gesetzes bei mir leben könnt.“

„Gesellschaften und hübsche Kleider“, flüsterte Charity.

„Was ist ein venezianisches Frühstück?“, wollte Grace wissen.

„Wen kümmert das schon?“, erklärte Hope achselzuckend. „Es wird jedenfalls keine Schüssel Haferschleim sein, so viel steht fest.“

Faith seufzte hingerissen. „Oh, wie gerne ich eine Oper hören würde!“

„Aber wie sollen wir das schaffen? Wir haben kein Geld, Prue“, wandte Hope ein, die praktisch veranlagt war. „Wir haben noch nicht einmal genug, um die Reise für eine von uns nach London zu zahlen.“

„Mamas Juwelen“, erklärte Prudence. „Ihr Granatarmband wird uns genug einbringen, um Fahrkarten für die Postkutsche zu kaufen.“ Sie betrachtete ihre Schwestern ein wenig schuldbewusst. „Genau genommen habe ich es schon vor Monaten verkauft, für den Fall, dass sich so eine Gelegenheit ergeben sollte.“

„Damit wir nach London gehen können“, hauchte Charity.

„Ja, genau.“ Prudence lächelte. „Und wenn eine von euch für sich einen sagenhaft reichen, gut aussehenden, freundlichen und liebevollen Ehemann findet, hätte sie doch nichts dagegen, auf ihren Teil an Mamas Erbe zu verzichten, um den Rest von uns zu unterstützen, oder?“

„Oh, bestimmt nicht! Es klingt einfach himmlisch, Prue. Vielleicht findest du ja auch einen gut aussehenden Ehemann für dich“, fügte Hope hinzu.

„Hope, hast du Phillip vergessen?“ Charity wirkte schockiert.

„Ach ja, Phillip“, verbesserte sich Hope hastig. „Sicher, da ist ja noch Phillip. Wie lange ist es her, seit er zum letzten Mal geschrieben hat?“

„Sechs Monate“, antwortete Prudence würdevoll, „aber ihr wisst ja selbst, wie lange die Post von Indien braucht und wie unzuverlässig sie ist. Die Reise allein dauert Monate, und wenn das Schiff in Seenot gerät und sinkt, auf dem sich Phillips Brief befindet …“

„Ja, ja. Die Post ist langsam und unzuverlässig“, stimmte ihr Charity zu. „Aber wenn er antwortet …“

„Ich bin sicher, er wird kommen. Und dann werde ich heiraten, und wir alle werden in Sicherheit sein.“

„Nun, ich werde mich nicht allein auf Phillip verlassen“, verkündete Hope. „Ich werde mir allergrößte Mühe geben, in London einen Ehemann für mich zu finden. Ich will auf rauschende Bälle gehen und hübsche Kleider tragen statt dieser grässlichen selbst genähten Dinger. Und ich werde in den Armen eines attraktiven Mannes Walzer tanzen! Ich werde mich Hals über Kopf unsterblich verlieben, genau wie Mama und Papa.“

Eine kurze Stille entstand, als ihnen mit einem Mal die Tragweite ihres Unterfangens bewusst wurde.

Prudence sprach als Erste wieder. „Walzer tanzen, Hope? Da keine von uns eine Ahnung vom Tanzen hat, können wir uns nicht wegen Walzern Sorgen machen.“

„Das ist mir egal. Ich weiß nicht, wie es geschehen wird, aber irgendwie, irgendwann werde ich Walzer tanzen!“, erklärte Hope trotzig.

„Vielleicht solltest du das in den Brief schreiben, Prue – bitte Großonkel Oswald, uns einen Tanzlehrer zu besorgen“, schlug Faith vor.

Grace schnitt eine Grimasse. „Dann, Dummerchen, würde er wirklich wissen, dass der Brief eine Fälschung ist. Kannst du dir vorstellen, dass Großvater so etwas vorschlagen würde?“

Prudence lächelte verschmitzt. „Großvater würde keinesfalls Großonkel Oswald bitten, uns tanzen zu lehren, Faith. Hör dir dies mal an:

„Und, Bruder, da Musik und Tanz verabscheuenswert und Teufelswerk sind, muss ich Dich daran erinnern, dafür Sorge zu tragen, dass die Mädchen während ihres Aufenthaltes in London nicht dem verderblichen Einfluss solcher Übel ausgesetzt werden. Ich habe die Mädchen nach den strengsten Regeln und Prinzipien erzogen, und da sie nun einmal Frauenzimmer sind und deshalb einfältig und leicht zu beeinflussen, musst Du sorgsam über sie wachen und nicht erlauben, dass sie vom rechten Pfad abkommen.“

„Was?“, keuchte Hope. „Bist du verrückt?“

Prudence zwinkerte ihr zu und fuhr fort:

„Daher, Bruder, verbiete ich als Oberhaupt der Familie Dir ausdrücklich, meine Enkelinnen zu irgendeiner Form von Ball, Musikabend oder einer ähnlichen Verruchtheit zu bringen. Ich möchte einfach nur sichergehen, dass sie anständige, nüchterne Ehemänner von angemessenem Stand mit soliden Überzeugungen und Vermögen finden. Ältere Kandidaten wären höchst willkommen – keine jungen Tunichtgute.“

„Aber das ist ja furchtbar!“, beklagte sich Hope. „Ich will keinen muffigen alten Ehemann mit soliden Überzeugungen – ein junger Tunichtgut dagegen klingt wundervoll. Jemand, der nett und jung ist!“

„Ich auch“, pflichtete ihr Faith bei. „Wenn du den Brief so abschickst, Prue, kannst du uns genauso gut hierlassen, damit wir hier alt und unglücklich mit Großvater werden.“

„Und geschlagen und gefesselt werden“, fügte Grace trübselig hinzu.

„Hör auf, so zu reden, Grace“, verlangte Prudence. „Ich habe dir doch schon gesagt, niemand wird dich je wieder schlagen! Und niemand wird Hope je wieder die Hand auf den Rücken binden! Jetzt vertraut mir bitte alle und denkt nach: Erstens“, zählte sie an den Fingern ab, „Großonkel Oswald lebt seit Jahren in London, daher muss es ihm dort gefallen. Und er ist nicht einmal zu Besuch auf Dereham Court gewesen, seit wir hier wohnen, daher gefällt es ihm hier offensichtlich nicht.“

„Wer würde es hier mögen?“, fragte Hope leise.

Prudence lächelte schief und fuhr mit ihrer Aufzählung fort: „Zweitens wissen wir von Phillips Mutter, dass Großonkel Oswald in die Oper geht, grässlich mondän ist und viele Gesellschaften besucht. Drittens hatte er einen üblen Streit mit Großvater – Großvater nennt ihn einen gottlosen Hund und einen frivolen Geck und lauter andere so beleidigende Dinge.“

„Die alte Köchin sagt, der junge Master Oswald, an den sie sich erinnert, war freundlich und nett und immer zu einem Scherz aufgelegt“, gab Charity zu bedenken.

„Ganz genau“, erklärte Prudence triumphierend. „Wenn Großonkel Oswald auch nur halb der Mann ist, wie ich es mir denke, wird er so erbost sein über Großvaters Anweisungen, dass er uns praktisch in ein Meer aus Bällen und Gesellschaften und anderen frivolen Verruchtheiten werfen wird, sodass wir eine ganze Reihe entzückender junger Männer kennenlernen, einfach, um Großvater eins auszuwischen!“

Alle fünf Schwestern dachten darüber nach. „Wenn du recht behieltest, Prudence, dann wäre das einfach wundervoll!“, flüsterte Charity.

„Es wird schiefgehen“, prophezeite Grace düster. „Das tut es immer. “

„Unsinn!“ Prudence drückte ihre kleine Schwester an sich. „Versuche, nicht alles so schwarz zu sehen, Liebes. Ich bin sicher, ich habe an alles gedacht.“

2. KAPITEL

Oh, was für ein wirres Netz wir spinnen, wenn wir mit Trug und Täuschungen beginnen.

Sir Walter Scott

Du hast gesagt, wenn wir nach London kommen, würden wir zu Gesellschaften gehen, Prue!“, rief Hope in vorwurfsvollem Ton. „Und zu Bällen und venezianischen Frühstücken!“

„Und in die Oper!“, fügte Faith bettelnd hinzu.

„Ich weiß.“ Prudence verzog wie im Schmerz das Gesicht. „Aber …“

„Und du hast gesagt, ich könnte mit einem gut aussehenden jungen Mann Walzer tanzen.“

Wieder verzog Prudence ihr Gesicht.

„Wenigstens haben wir alle Tanzunterricht gehabt …“, begann Charity.

„Pah! Was sind schon Tanzstunden! Als Nächstes willst du wohl behaupten, Monsieur Lefarge sei ein gut aussehender junger Mann!“, erklärte Hope empört.

Alle Schwestern kicherten bei dem Gedanken an den affektierten Franzosen mittleren Alters, den Großonkel Oswald beauftragt hatte, den Merridew-Mädchen die Tanzschritte beizubringen. Aber Hope hatte nicht vor, sich vom Thema abbringen zu lassen. „In zwei oder drei Wochen wird Großvaters Knöchel wieder weit genug geheilt sein, dass er das Bett verlassen kann, und was denkst du, wie lange er brauchen wird, um herauszufinden, dass wir nicht mehr auf Dereham Court sind? Eine von uns muss vorher einen Ehemann finden, Prue, und bislang hat nur eine einen Mann getroffen – einen infrage kommenden Ehekandidaten –, und das bist du! Und wie ist dir damit gedient?“

„Du hast gesagt, es könne nicht schiefgehen“, warf Grace ein, „aber das ist es doch.“ Sie seufzte betrübt. „Ich habe es ja gesagt. Das tut es immer.“

Schweigen legte sich über den kleinen Salon, der den jungen Damen während ihres Besuches in London zur Verfügung gestellt worden war. Prue sank in ihrem Stuhl zusammen. Es war schiefgegangen – und es war alles ihre Schuld.

Großonkel Oswald hatte jede von Prudences hoffnungsvollen Erwartungen erfüllt und sogar noch übertroffen. Er war großzügig und freundlich – kurz, ein Onkel, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Weit davon entfernt, davor zurückzuschrecken, fünf junge weibliche Wesen bei sich aufzunehmen, die ihm ohne jegliche Vorwarnung aufgedrängt worden waren, hatte der ältliche Witwer seine Großnichten in seinem weitläufigen, eleganten Londoner Stadthaus mit allen Anzeichen von Freude willkommen geheißen.

In mancher Beziehung überstieg er selbst ihre kühnsten Träume. Als ein Mann, dem selbst die unwissendste Landpomeranze sofort ansehen konnte, dass er modisch auf dem neusten Stand war, auch wenn er schon älter war, hatte er nur einen kurzen, entsetzten Blick auf ihre selbst genähten Kleider aus grauem, grobem Stoff geworfen und verkündet, sie müssten unverzüglich eine komplett neue Garderobe erhalten.

„Denn während ich absolut nichts in der Welt dagegen einzuwenden habe, euch bei mir aufzunehmen und herumzuzeigen, kann und will ich nicht dulden, dass meine Großnichten – und was für hübsche Geschöpfe ihr alle seid! – in so abscheulicher Kleidung herumspazieren!“ Er hatte den Kopf geschüttelt. „Gleich morgen früh werde ich euch zu Modistinnen, Hutmacherinnen, Handschuhmacherinnen und so weiter bringen.“

Die Mädchen waren wie vom Donner gerührt; sie kannten nur Großvaters knauserige Art, mit Geld umzugehen.

Großonkel Oswald musterte jede seiner erstaunten Nichten mit erfahrenem Auge. „Solche Farben und der makellose Teint, den ihr alle habt, diese Haltung – Charity, meine Liebe, du bist ein echter Diamant, einfach himmlisch. Diese goldenen Locken, diese Augen. Und die Zwillinge – ihr seid ein wahrhaft göttliches Paar. Ich denke, ich werde noch lernen, euch auseinanderzuhalten, aber das ist eigentlich nebensächlich, so atemberaubend, wie ihr ausseht! Und erst die kleine Grace, sie schickt sich an, ihre Schwestern noch zu übertreffen, das kann man jetzt schon sehen. Ach, es wird eine ungetrübte Freude sein, euch alle so gekleidet zu sehen, wie es eure Schönheit verlangt.“

Er rieb sich zufrieden die Hände. „Es wird nicht schwer sein, Ehemänner für euch zu finden – ich denke, es ist nicht zu hoch gegriffen, herzogliches Interesse zu erwarten … ja, ein Duke soll es mindestens sein, bei eurem Aussehen!“ Er strahlte sie der Reihe nach an. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals vier so reizende junge Dinger zur selben Zeit nach London gekommen wären. Und alle auch noch aus derselben Familie – meiner Familie! “ Begeistert klatschte er in die Hände. „Es wird eine Sensation sein! Die gute Gesellschaft wird gar nicht wissen, wie ihr geschieht!“

Und dann fiel sein Blick auf Prudence, und sein Lächeln verblasste langsam. Er presste die Lippen zusammen und runzelte die Stirn, während er sie sinnend betrachtete. Und je länger er sie mit besorgter Miene anschaute, desto deutlicher wurde es Prudence bewusst: Im Vergleich mit ihren Schwestern schnitt sie schlecht ab.

Ihr Haar mochte dieselbe Farbe wie Graces haben, aber es hatte die unglückselige Neigung, sich bei feuchtem Wetter zu kräuseln. Es ließ sich nicht vergleichen mit den schimmernden seidig-goldenen Locken ihrer Schwestern. Ihr Teint war hell und ihre Haut zart wie bei ihnen, aber da fanden sich fünf oder sechs winzige Sommersprossen, die die Makellosigkeit störten, denn sie achtete oft nicht darauf, einen Hut zu tragen, wenn sie sich in der Sonne aufhielt. Und ihre Augen waren von einem langweiligen Grau, wo alle anderen Mitglieder der Familie verschiedene Schattierungen von strahlendem Blau aufzuweisen hatten.

Sie spürte Großonkel Oswalds Blick auf ihrer Merridew-Nase verweilen und sah, wie sich sein Mund zu einer noch schmaleren Linie zusammenpresste. Er hat dieselbe Nase, dachte sie trotzig, und ihre war dazu um einiges kleiner als seine. Allerdings musste sie einräumen, dass sie einem Mann vermutlich besser stand.

In Dereham Court gab es nur wenige Spiegel, denn Eitelkeit war eine schlimme Sünde. Da sie praktisch nie Besucher hatten und ihnen verboten war, auszugehen, und weil Phillip schon ein paar Jahre fort war, hatte Prudence nicht viel über ihr Aussehen nachgedacht.

Doch nun traf es sie wie ein Schock, in den Augen ihres lieben Großonkels zu lesen, dass sie die Hässliche in einer Schar von Schönheiten war. Aber es gab Wichtigeres, um das man sich sorgen musste, rief sich Prudence sogleich zur Ordnung.

„Wenn du ehrlich glaubst, eine meiner Schwestern könnte bis zum Ende der Saison glücklich verheiratet sein – oh, das wäre einfach wundervoll, Großonkel Oswald! Es ist …“, Prudence schaute ihre Schwestern erleichtert an, „. genau das, worauf wir gehofft hatten!“

Sie war so entzückt, dass ihr Plan aufgehen könnte, dass sie sich vergaß, aufsprang und ihn umarmte. „Oh, danke, danke, liebster Onkel Oswald! Du bist so gut und so großzügig!“ Ihre Stimme klang ein wenig belegt. „Ich kann gar nicht sagen, wie froh du uns machst!“ Sie küsste ihn auf die Wange.

Er wurde ganz rot, lächelte strahlend und erklärte verlegen, sie solle keinen Unsinn reden; sie müssten wissen, dass sie einem einsamen alten Mann eine große Freude machten! Wozu seien Onkel sonst schließlich gut?

Ihre Schwestern, die sich von ihrer Überraschung darüber erholt hatten, dass er Prudence erlaubt hatte, ihn zu umarmen und zu küssen, statt sie barsch abzuweisen, drängten nun ebenfalls vor, um den alten Herrn zu umarmen und schüchtern Küsse auf seine Wange und seinen kahl werdenden Kopf zu drücken.

Aber als die Mädchen wieder Platz genommen hatten und sich zögernd dem Kräutertee und den Kornkeksen widmeten, die ihr Onkel zu ihrer Erfrischung geordert hatte, musterte er Prudence eine Weile stirnrunzelnd.

Prudence hatte in ihrer jugendlichen Unbekümmertheit nicht bedacht, dass sie das Haar in der Suppe sein könnte.

Die Modistin war es, die es schließlich in unmissverständliche Worte fasste. Während sie ihre Schwestern für neue Kleider vermaß, rief die elegante Französin aus: „So hübsche Figuren haben die Mesdemoiselles, so anmutig und elegant wie junge Gazellen, vraiment!“ Und dann fiel ihr Blick auf Prudence, worauf sie ihre Lippen spitzte. Sie legte die Stirn in Falten und erklärte dann mit französischer Offenheit: „Bei Ihnen, Mademoiselle, wird es ein wenig mehr difficile sein. Sie sind keine Gazelle, sondern mehr wie ein kleines Pony. Aber ich verzweifele nicht, oh nein! Ich, ich kann jede elegant machen.“

Prudence war geneigt, gekränkt zu sein. Sie aß nicht mehr als ihre Schwestern – im Grunde genommen sogar einiges weniger als die Zwillinge –, sodass es wirklich nicht gerecht war, dass sie alle rank und schlank waren, während sie … ein stämmiges kleines Pony war.

Eitelkeit ist Sünde, mahnte sich Prudence am Ende des Tages, als sie in ihr Bett stieg und eine gewisse Niedergeschlagenheit verspürte. Es war oberflächlich, zu meinen, ihr Aussehen sei wichtig. Wichtig war, dass eine ihrer Schwestern rasch einen Mann fand, dann wären sie alle, und vor allem Grace, sicher vor Großvater. Aber ihr Aussehen war wichtiger, als sie glaubte.

Am vierten Morgen beim Frühstück eröffnete Großonkel Oswald ihnen seinen unheilvollen Entschluss. Er brachte Großvaters vermeintlichen Brief mit an den Frühstückstisch und las einen Absatz laut vor:

„Für Prudence, die Älteste, habe ich andere Pläne, daher besteht keine Notwendigkeit, sie in die Gesellschaft einzuführen. Sie kann als Anstandsdame ihre Schwestern begleiten und sich um alles kümmern, damit sie Dich mit ihrem Frauengeschwätz nicht über Gebühr belästigen.“

Er sah Prudence an und fragte: „Du weißt, was dein Großvater vorhat, nicht wahr? Er war immer schon ein selbstsüchtiger Geselle, mein Bruder. Es passt zu ihm, dass er dich bei sich behalten will, damit du dich im Alter um ihn kümmerst.“ Er schnaubte und legte den Brief beiseite. „Ich habe dich mit deinen Schwestern beobachtet, Fräulein. Du kümmerst dich ausgezeichnet um sie, nicht wahr?“

Prudence blinzelte angesichts des ungewohnten Lobes überrascht. Sie konnte sich nicht erinnern, wann irgendjemand schon etwas so Nettes zu ihr gesagt hatte.

Großonkel Oswald nickte bekräftigend. „Ja, du bist ein gutes, liebes Mädchen, Prudence Merridew, und – verflixt noch einmal! – du sollst deine Chance haben! Du siehst vielleicht nicht so hinreißend aus wie deine Schwestern, aber ich bin überzeugt, dass wir dich gut unter die Haube bringen. Es gibt genug vernünftige Männer, die mehr bei einer Frau suchen als Schönheit. Wir werden einen Ehemann für dich finden, kleines Fräulein, mach dir keine Sorgen! Du wirst dein Leben nicht verschwenden, dich für andere aufzureiben und selbstsüchtige alte Männer zu pflegen.“

„Oh, aber sie hat scho…“, begann Charity, verstummte aber unter Prudences mahnendem Blick.

„Das ist in Ordnung so, Großonkel Oswald“, versicherte ihm Prudence hastig. „Bitte mach dir meinetwegen keine Gedanken. Ich bin glücklich, so wie es ist. Ich freue mich schon darauf, die Anstandsdame meiner Schwestern zu sein und mit ihnen überallhin zu gehen. Es wird solchen Spaß machen.“

Großonkel Oswald lächelte sanft und mitleidig. „Du liebes, edelmütiges Geschöpf. Dir mag die Schönheit deiner Schwestern fehlen, aber du hast ein wunderschönes Wesen!“

Prudence biss die Zähne zusammen und zwang sich, zu lächeln. Seine nächste Äußerung wischte jedoch das Lächeln von ihrem Gesicht.

„Ich werde dich zuerst herausbringen, ohne deine Schwestern. Wenn die Leute erst einmal diese Schar von Schönheiten gesehen haben, hast du keine Chance mehr.“ Er nickte und köpfte schwungvoll sein gekochtes Ei. „Sobald du dann sicher unter der Haube bist, können wir diese Diamanten auf die gute Gesellschaft loslassen, um aller Welt den Kopf zu verdrehen.“ Er hatte alle am Tisch der Reihe nach angestrahlt, und ehe Prudence etwas eingefallen war, um ihn umzustimmen, war die Kutsche gekommen, um sie zum Einkaufen zu fahren.

Aber jetzt, nach mehr als drei Wochen in London, war es klar, dass Großonkel Oswald meinte, was er gesagt hatte. Er erlaubte Charity, Hope oder Faith nicht, in die Gesellschaft eingeführt zu werden, bis Prudence verheiratet war! Und nichts, was Prudence sagte oder tat, konnte ihn von seinem Vorhaben abbringen.

„Es tut mir leid“, erklärte sie ihren Schwestern in verzweifeltem Ton an diesem Abend im Salon im ersten Stock, „obwohl Großonkel Oswald so überaus großzügig und freundlich ist, kann er auf seine Art und Weise genauso unzugänglich Vernunftgründen gegenüber sein wie Großvater. “

„Du musst ihm von Phillip erzählen“, erwiderte Hope. „Es ist die einzige Möglichkeit. Wenn er erst einmal begriffen hat, dass du bereits verlobt bist, gibt es keinen Grund mehr, uns andere wegzusperren.“

„Ich kann ihm nicht von Phillip erzählen“, wandte Prudence müde ein. „Ich habe Phillip versprochen, dass ich nichts verrate, bis er es mir gestattet, und du weißt doch, dass ich meine Versprechen nicht breche.“

„Könnten wir Großonkel Oswald das mit Phillip nicht erklären?“, erkundigte sich Faith.

Prudence biss sich auf die Lippe. „Das ist mir zu riskant. Er widersetzt sich Großvaters Anweisungen sicher in unwichtigeren Dingen wie Tanzen und Gesellschaften, aber Heirat ist etwas völlig anderes. Außerdem würde er Phillip vermutlich nicht als passenden Ehekandidaten ansehen – er ist ein jüngerer Sohn aus einer unbedeutenden Familie ohne Vermögen!“ Sie seufzte. „Und da die Otterburys so nahe bei Dereham Court leben, könnte er sich in der Sache an Großvater wenden …“ Sie schüttelte den Kopf. „Dann würden wir ernsthaft in Schwierigkeiten stecken. Und uns bei sich Zuflucht gewähren kann er vermutlich auch nicht, denn Großvater würde dann seine finanzielle Unterstützung für ihn einstellen – ihr wisst doch, wie er ständig über seine Extravaganz klagt.“

„Ich liebe Großonkel Oswalds Extravaganz!“, rief Hope und drehte sich fröhlich um sich selbst, sodass die Röcke ihres hübschen neuen Kleides wehten.

Charity nickte. „Ja, aber lass uns nur hoffen, dass er die Rechnungen für die Modistin nicht Großvater zum Bezahlen schickt. Er wüsste sofort, dass etwas nicht stimmt. Aber, liebste Prue, Großonkel Oswald scheint romantisch veranlagt. Würde er sich nicht freuen, dass du einen Mann gefunden hast, der dich heiraten will?“

Prudence verzog das Gesicht. „Vielleicht, aber er ist auch ehrgeizig und so etwas wie ein Snob – erinnere dich nur an all die Dukes, denen ihr den Kopf verdrehen sollt! Doch von meinem Versprechen Phillip gegenüber einmal abgesehen, hast du vergessen, dass Phillip für Großvaters Orient-Handelsgesellschaft arbeitet und dass Großonkel Oswald auch Verbindungen dorthin hat? Denkt ihr wirklich, die Nachricht würde ihn freuen, dass einer seiner Angestellten, ein mittelloser jüngerer Sohn, der im Moment in Indien weilt, vor Jahren eine heimliche Verlobung mit seiner ältesten Großnichte eingegangen ist? Ich habe da meine Zweifel.“

Ihre Schwestern schwiegen betrübt.

„Genau! Phillip würde seine Stellung verlieren und sich eine Ehefrau gar nicht leisten können, ich wäre in Ungnade gefallen und wir würden wieder zu Großvater zurückgeschickt.“

„Ja, aber Großonkel Oswald ist nicht gemein und bösartig wie Großvater. Gewiss würde er …“, begann Hope.

„Nein, Hope.“ Prudence schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, aber das Risiko ist zu groß. Großonkel Oswald ist ein lieber, süßer Mann, aber wir können nicht erwarten, dass er unser Wohlbefinden über sein eigenes stellt. Du weißt doch, wie schwer es war, Dr. Gibson davon zu überzeugen, uns zu helfen, und er hat die Striemen und blauen Flecken gesehen! Aber ich verspreche euch, ich werde mir etwas einfallen lassen. Und zwar rasch.“

Hope rümpfte die Nase. „Du machst immer solche Versprechen.“

„Und ich halte sie auch“, erwiderte Prudence ruhig.

„Hättest du etwas dagegen, wenn ich versuche, den alten Herrn durch gutes Zureden umzustimmen? Denn lieber würde ich sterben, als nach Dereham Court zurückzukehren“, verkündete Hope leidenschaftlich.

„Selbstverständlich nicht, Hope, Liebes. Solange du mein Geheimnis wahrst, bin ich mehr als froh, wenn du es versuchst.“ Prudence verdrehte die Augen. „Je mehr ich mich dafür einsetze, euch schon jetzt in die Gesellschaft einzuführen, für desto edelmütiger erklärt er mich.“

„Nein, ich habe es einmal gesagt, und ich werde meinen Atem nicht mit Wiederholungen verschwenden!“ Großonkel Oswald schaute finster in die ihm flehentlich entgegengehobenen Gesichter der beiden gleich aussehenden jungen Mädchen.

„Aber wir dürfen nur diese eine Saison lang in London bleiben“, wandte Hope ein. „Großvater wird uns gewiss nicht erlauben, länger zu bleiben. Er hat uns nur eine Handvoll Wochen Zeit gelassen, um Ehemänner zu finden. Und Prudence ist schon so gut wie eine alte Jungfer …“

„Sie ist fast einundzwanzig …“, warf ihre Zwillingsschwester ein.

„Und daher ist es nicht wahrscheinlich, dass sie so spät noch einen Ehemann findet – selbst mit ihrer schönen Seele“, fügte Hope hastig hinzu, sich des schiefen Blicks von Prudence bewusst. „Wenn wir gezwungen sind, noch länger zu warten, werden wir alle als alte Jungfern enden.“

„Unsinn!“, entgegnete Großonkel Oswald hinter seiner Zeitung hervor. „Schönheiten wie ihr werden in dem Augenblick weggeschnappt, in dem sie sich das erste Mal in der Gesellschaft zeigen. Sei nicht selbstsüchtig. Gönn deiner Schwester ihren Augenblick des Ruhmes.“

„Aber wenn wir alle zusammen …“

„Nein! Nicht ehe deine Schwester einen Mann gefunden hat. Unsere Prudence ist ein liebes, gutes Mädchen, und eines Tages wird ein Mann daherkommen, einen Blick auf sie werfen und sie sich schnappen – aber nicht, wenn ihr alle um sie herumsteht und den armen Kerl blendet.“

„Ich, für meinen Teil, kümmere mich nicht darum, ob Prudence einen Mann bekommt oder nicht“, verkündete Grace loyal. „Ich bezweifle, dass ich jemals heiraten werde. Ich werde wie Großtante Hermione sein – eine traurige, einsame alte Dame, von meiner einzigen wahren Liebe verschmäht. Ich werde mir Katzen halten und von meinen Erinnerungen zehren.“

Großonkel Oswald schnaubte abfällig. „Du wirst heiraten, mein Mädchen, und ich werde mir nicht länger solchen Unsinn von dir anhören. Katzen halten – was denn noch? Hermione war schon immer etwas merkwürdig.“

Es entstand eine kurze Stille, während alle Mädchen über ihre trübe Zukunft nachdachten.

„Muss Prudence eigentlich heiraten, ehe Charity in die Gesellschaft eingeführt werden darf?“, erkundigte sich Hope mit einem Mal.

Großonkel Oswald, am Ende seiner Geduld angekommen, ließ seine Zeitung sinken. „Ich habe doch schon gesagt …“

„Ich meine, was wäre, wenn sie verlobt wäre?“, erläuterte Hope eilig. „Und was, wenn ihr Verlobter noch eine Weile warten will mit der Hochzeit? Wenn Prudence verlobt wäre, könnten wir anderen dann unser Debüt machen?“

Großonkel Oswald zuckte die Achseln. „Wenn Prudence verlobt wäre, sähe ich keinen Grund, warum nicht. Aber Prudence ist nicht verlobt, darum hör auf, mir so zuzusetzen, bis es so weit ist.“

Hope warf Prudence einen triumphierenden Blick zu. „Siehst du? Wir könnten in die Gesellschaft eingeführt werden! Sag’s ihm, Prudence“, verlangte sie.

Wenn Blicke töten könnten, Hopes Leben hätte ein abruptes Ende gefunden. Prudence sagte kein Wort. Wie konnte sie auch, wenn der Ruf ihres Verlobten, sein Lebensunterhalt und seine Zukunft von ihrem Schweigen abhingen? Und außerdem hatte sie versprochen, es vor allen außer ihren Schwestern geheim zu halten.

Großonkel Oswald runzelte die Stirn, als ihm ein Verdacht kam. „Etwas, das du mir sagen solltest, Mädchen?“

„Nein, Onkel, nichts.“ Prudence fädelte mit zitternden Händen scharlachrotes Seidengarn durch das Nadelöhr.

„Wenn du es nicht tust, dann werde ich es ihm erzählen“, erklärte Hope vehement. „Es ist nicht gerecht, dass wir alle in Gefahr geraten, nur weil Phil…“

„Sei ruhig, Hope!“ Prudence sprang auf. „Du hast kein recht …“

„Ruhe!“, rief Großonkel Oswald mit dröhnender Stimme. Er starrte seine Großnichten finster und mit verärgerter Miene an. „So also ist das, ja? Betrug und Lügen unter meinem Dach? Ihr beide – verlasst das Zimmer!“ Er deutete mit dem Finger auf Faith und Grace. „Und zwar sofort!“ Die beiden flohen.

Prudence versuchte, nachzudenken. In wenigen Augenblicken würden Hope oder Charity dazu gebracht worden sein, zuzugeben, dass Prudence eine geheime Verlobung eingegangen war. Dann würde Großonkel Oswald den Namen ihres Verlobten wissen wollen. Prudence war sich darüber im Klaren, welchen Schaden das anrichten konnte, und hatte geschworen, ihn nie ohne Phillips Einverständnis preiszugeben. Sie musste etwas unternehmen. Aber was?

„Nun, Mädchen?“ Großonkel Oswald schaute sie der Reihe nach eindringlich an. Sie schwiegen. Er wandte sich an Hope. „Komm, Miss Hope, heraus damit! Hat deine Schwester sich heimlich verlobt?“

Hope nickte und fing gleich darauf an, laut zu schluchzen. Charity tat es ihr nach.

„Möge der Herr mich erlösen! Müssen Frauen immer weinen?“, brummte ihr Großonkel. „Hört mit dem verflixten Geheule auf, ja?“ Er wartete, bis die meisten Tränen versiegt waren, dann sagte er zu Prudence: „Nun, mein Fräulein, ich glaube, du hast jetzt einiges zu erklären. Wer ist dieser Schuft, der dich mit Süßholzgeraspel dazu überredet hat, deinen gesetzlichen Vormund zu hintergehen?“

Prudence dachte fieberhaft nach. Sie konnte ihm nicht die Wahrheit sagen. Sie hatte Phillip versprochen, ihn zu schützen. „Äh … er ist ein vollkommen respektabler Ehrenmann, das verspreche ich.“

Großonkel Oswald rümpfte die Nase. „Vollkommen respektable Ehrenmänner gehen keine überstürzten Verlobungen hinter dem Rücken der Verwandten ein.“

„Oh, aber er ist ein zurückhaltender Gentleman, der bloß den Aufruhr und das Trara einer offiziellen Feier der Verlobung so gar nicht schätzt.“

Großonkel Oswald schnaubte abfällig. „Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen einem verschwiegen abgehaltenen Arrangement und einer klammheimlichen Verlobung. Jetzt hör auf, um den heißen Brei herumzuschleichen, Mädchen. Nenn mir unverzüglich den Namen des Schuftes.“

Prudences Gedanken überschlugen sich. „Es ist … es ist …“ Sie konnte Phillip einfach nicht verraten. Das konnte sie nicht!

„Spuck es aus, Mädel.“

„Es ist …“ Prudence kam ein Gedanke. Am Abend zuvor, bei einem kleinen Essen im Haus ihres Großonkels, hatte sie gehört, wie sich zwei Damen über einen Mann unterhalten hatten, der als Eigenbrötler bekannt und unverheiratet war und angeblich nie nach London kam. „Es ist der Duke of Dinstable.“

Eine kurze, erstaunte Pause entstand. Hope und Charity betrachteten sie verwundert aus tränenfeuchten, wunderschönen Augen.

„Der Duke of Dinstable?“, wiederholte Großonkel Oswald verblüfft. „Du bist mit dem Duke of Dinstable eine heimliche Verlobung eingegangen?“

„Ja.“ Prudence versuchte sich an einem strahlenden Lächeln, während sie sich verzweifelt den Kopf zerbrach, um sich an alles zu erinnern, was sie die beiden Damen über ihn hatte sagen hören.

„Der Kerl, den sie Einsiedler-Ned nennen?“

Sie nickte.

„Dinstable? Der, der Städte hasst? Der sich seit Jahren nicht in London hat blicken lassen? Der in einer gottverlassenen Gegend irgendwo in Schottland lebt?“

Wieder nickte Prudence. Sie begann, eine gewisse Zufriedenheit mit sich zu empfinden. Der Duke of Dinstable. Der Name war wie vom Himmel gesandt. Der Duke of Dinstable mochte ein merkwürdiger Kauz sein, aber es hieß, er sei enorm reich. Und wenn er nie nach London kam, konnte Großonkel Oswald ihn nicht bitten, eine geheime Verlobung zu erklären. Natürlich konnte er ihm immer noch schreiben, aber Briefe benötigten lange und vielleicht würde der zurückgezogen lebende Duke gar nicht antworten. Es war ein Aufschub, wenn auch nur vorübergehend.

„Der Duke of Dinstable?“, wiederholte Großonkel Oswald und schüttelte verwundert den Kopf.

Prudence, des Nickens müde, neigte den Kopf.

„Wie hast du ihn kennengelernt, diesen Dinstable, wenn er nie nach London kommt? Man stelle sich nur vor, London nicht zu mögen!“

„Er kommt vielleicht nicht nach London, aber es gibt keinen Grund, warum er nicht nach Norfolk reisen sollte“, sagte sie, sorgsam darauf bedacht, ihre Sünden nicht noch zu verschlimmern, indem sie mehr Lügen erzählte.

Ihr Großonkel runzelte die Stirn. „Wie alt warst du denn, als du dich auf diese ungehörige Verbindung eingelassen hast?“

„Beinahe siebzehn“, sagte Prudence. Das war auch keine Lüge, jedenfalls nicht direkt. Nicht, dass sie je den Duke of Dinstable getroffen hätte, aber sie hatte sich mit sechzehn verlobt – mit Phillip Otterbury, den sie ihr ganzes Leben lang kannte. Phillip, der sie zur Verschwiegenheit verpflichtet hatte, nach Indien gegangen war und versprochen hatte, als unvorstellbar reicher Nabob zurückzukehren.

„Du warst erst sechzehn?“ Großonkel Oswald ging beinahe vor Empörung in die Luft. „Und du hast mehr als vier Jahre darauf gewartet, dass dieser verflixte Duke sich festlegt und dich heiratet?“

Prudence nickte. War es wirklich schon so lange?

„Kein Wunder, dass deine Schwestern an den Zügeln zerren. Kann ihnen keinen Vorwurf daraus machen, jetzt, wo ich darüber nachdenke. Verteufelt nachlässige Einstellung meiner Großnichte gegenüber. Vier Jahre! Warum, zum Teufel, hast du mir nichts davon gesagt?“

Prudence antwortete nicht. Sie konnte ihm kaum in die Augen sehen, er war so freundlich und großzügig gewesen. Aber sobald sie sicher wären, würde sie ihm alles gestehen. Und sie schwor sich, es wiedergutzumachen.

„Dinstable, ja?“ Großonkel Oswald ging zum Kamin und legte die Stirn in nachdenkliche Falten. „Dukes, selbst wenn sie wie Einsiedler leben, machen blutjungen Dingern von sechzehn Jahren nicht so mir nichts, dir nichts einen Heiratsantrag. Du hast ihn doch nichts mit dir machen lassen, oder? Etwas, das du ihn nicht hättest tun lassen sollen.“ Er musterte sie scharf. „Du weißt, was ich meine.“

Prudence wurde rot. „Er hat mich nicht angefasst.“

„Hm. Und es war vor vier Jahren.“ Während er überlegte, bildete sich eine steile Falte zwischen seinen Augenbrauen. „Und warum diese Heimlichtuerei? Es ist ja schließlich nicht so, als wäre er der jüngere Sohn eines Bauern.“

Prudence errötete wieder. Das war eine peinlich treffende Beschreibung von Phillip. „Großvater hat keine Besucher geduldet und erst recht keine Verehrer. “

Großonkel Oswald schnaubte. „Theodore war schon immer kurzsichtig, was geschäftliche Dinge angeht. Ich nehme an, dieser Duke hat nichts niedergeschrieben, oder?“

Prudence schüttelte den Kopf. „Großvater hat uns keine Korrespondenz erlaubt.“

„Hast du noch nicht einmal heimliche Briefe? Das weibliche Wesen ist mir noch nicht untergekommen, das in Herzenssachen keinen verbotenen Briefwechsel zustande gebracht hätte.“

Die Röte in ihren Wangen vertiefte sich, und sie blickte zum Feuer.

„Ach, du hast sie verbrannt, was? Schade. Briefe hätten die Sache vielleicht wasserdicht gemacht. Ich nehme nicht an, dass er dir ein Pfand als Beweis seiner Zuneigung gegeben hat, oder doch? Etwas mit Wappen oder Ähnlichem.“

Prudence zögerte, dann zog sie den Ring von Phillips Großmutter aus ihrem Ausschnitt. Sie hatte ihn vier Jahre lang an einer Kette um den Hals getragen.

„Aha!“ Großonkel Oswald war mit einem Schritt bei ihr und besah ihn sich. „Wertloser Plunder und kein herzogliches Wappen, um ihn festzunageln, aber alt. Vermutlich ein Familienerbstück. Es könnte ausreichen.“ Er nickte entschlossen. „Nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte, wenn er dir einen Ring gegeben hat. Vielleicht hat er kalte Füße bekommen, aber wenn er nicht lebenslang gebunden sein wollte, hätte er dir den Ring nicht aushändigen sollen. Jetzt mach dir nicht länger Sorgen, meine Liebe, ich bringe das in Ordnung, mache es wasserdicht. Ha! Vierzigtausend im Jahr, habe ich gehört.“

Prudence nickte benommen und hoffte, dass das Wetter die Straßen im Norden unpassierbar machen würde, damit die Post länger brauchte oder vielleicht sogar weggespült wurde.

Hope, die sich von ihrem Anfall von Schuldgefühlen mit erstaunlicher Geschwindigkeit erholte, fragte zögernd: „Also dürfen Charity, Faith und ich ausgehen?“

„Eh? Was? Charity und ihr Zwillinge? Nun, wenn eure Schwester verlobt ist – selbst auf eine so verflixt zwielichtige Art und Weise –, sehe ich keinen Grund, warum die Merridew-Diamanten nicht anfangen können, die Gesellschaft im Sturm zu erobern.“ Hope quietschte vor Freude, daher sandte er als Dämpfer hinterher: „Charity kommt zuerst. Wegen dir und deiner Zwillingsschwester werden wir danach weitersehen. Miss Prudence, du wartest keinen Monat länger. Du kannst mit deinen Hochzeitsvorbereitungen beginnen. Ich werde bei dem Herrn gleich als Erstes morgen vorstellig werden und die Arrangements machen.“

Prudences Magen sackte in der unguten Vorahnung drohenden Desasters nach unten. „W…was hast du gesagt, Großonkel Oswald? Bei wem willst du morgen gleich vorstellig werden?“

„Bei Dinstable natürlich, bei wem sonst?“, antwortete Großonkel Oswald. „Alle Arrangements für die Hochzeit treffen – St. George am Hanover Square, denke ich. Und all das übliche Tamtam, das die Damenwelt so liebt. Der Kerl hat vielleicht die Verlobungsfeier vermieden, aber wir bringen dich in großem Stil unter die Haube, Liebes, also mach dir keine Sorgen mehr.“

Prudence, Hope und Charity starrten ihn an. Prudence fasste sich als Erste. „Aber der Duke of Dinstable lebt doch weit oben, im Norden von Schottland, Onkel. Wie kannst du ihm da einen Morgenbesuch abstatten?“

Großonkel Oswald grinste und klopfte sich mit einem Finger wissend an die Nase. „Ha! Du hast nichts davon gewusst, was? Zweifellos habe ich ihm die Überraschung verdorben. Das würde erklären, warum er mit seiner Gewohnheit nach all den Jahren gebrochen hat. Alle Klatschbasen in der Stadt haben die Zungen gewetzt, sich gefragt, was der Grund für seine unerwartete Ankunft in der Hauptstadt sein könnte. Und wenn er es nicht als romantische Überraschung für dich geplant hat, dann werde ich ihm eine bereiten! An Sir Oswald Merridew wird er nicht vorbeikommen.“ Er rieb sich schadenfroh die Hände. „Die Mamas der anderen Mädchen werden grün vor Neid werden, sobald sie es hören. Meine unscheinbare kleine Prudence – eine Duchess! Am Ende ziehen wir gleich mehrere Dukes an Land, ha!“ Damit verließ er den Raum, schmunzelnd in Vorfreude.

Die drei Mädchen starrten einander in entsetztem Schweigen an.

„Was, um alles in der Welt, hat dich dazu gebracht, das zu sagen, Prue?“ Charity schüttelte den Kopf. „Jetzt stecken wir noch tiefer in Schwierigkeiten.“

Prudence ließ sich auf einen Stuhl fallen und zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht. Ich habe nach einem Strohhalm gegriffen. Ich wollte verhindern, dass Phillip seine Stellung verliert, und Großonkel Oswald hat uns angeschrien, so wie Großvater, da ist mir der Name plötzlich eingefallen und einfach entschlüpft.“

„Kann er wirklich morgen zum Duke of Dinstable gehen?“, erkundigte sich Charity nach einer Weile.

Prudence zog verzweifelt die Schultern hoch. „Aber die Leute haben doch gestern Abend noch gesagt, der Duke of Dinstable käme nie nach London – darum habe ich ihn doch genommen. Sie sagten, er sei seit Jahren nicht mehr hier gewesen.“

„Ich muss schon sagen, Prue, es war schrecklich klug von dir …“, begann Hope.

„Wag es nicht, auch nur ein Wort von dir zu geben, du grässliche kleine Schlange!“, fuhr ihre liebevolle ältere Schwester sie an. „Wärst du nicht gewesen …“

„Ja, und es tut mir ja auch leid, aber ich war verzweifelt, Prue. Ich möchte doch so gerne zu Bällen gehen und Gesellschaften. Ich möchte mit einem gut aussehenden Mann Walzer tanzen und mich wahnsinnig verlieben. Ich würde lieber sterben, als zurückzugehen und wieder bei Großvater zu leben. Phillips Zaudern hat alles für uns ruiniert. Ich gebe dir keine Schuld – ich hätte ihn mir an deiner Stelle auch geschnappt, wenn es die einzige Chance gewesen wäre, die ich vermutlich bekäme …“

„Ich habe mir Phillip nicht geschnappt!“, unterbrach Prudence sie gekränkt. „Noch war er die einzige Chance, die ich bekommen konnte! Es war der romantischste Augenblick meines Lebens …“

„Es war der einzige romantische Augenblick deines bisherigen Lebens“, unterbrach Hope sie, „und es ist mehr als vier Jahre her.“

„Ich verstehe immer noch nicht, wie Großonkel Oswald dem Duke of Dinstable als Erstes morgen früh einen Besuch abstatten kann, wenn er in Nordschottland lebt“, schaltete sich Charity ein, ohne dem schwesterlichen Schlagabtausch weiter Beachtung zu schenken.

Prudence und Hope, wieder an das drohende Desaster erinnert, vergaßen sogleich ihre Meinungsverschiedenheiten.

„Als er sagte, der Duke plane vielleicht eine romantische Überraschung, hat er auf die Zeitung geguckt“, bemerkte Prudence nachdenklich. „Vielleicht …“ Die Schwestern fielen über die Zeitung her, teilten sie unter sich auf und begannen, hastig die Seiten zu überfliegen.

„Hier ist es!“, verkündete Charity nach wenigen Momenten. Mit hohler Stimme las sie vor:

Diese Metropole wird derzeit mit der seltenen Anwesenheit des D… of D… beehrt, der seine Einsiedelei im Norden verlassen hat und in die Stadt gekommen ist. Die Gerüchte besagen, dass der D… of D… eine Heirat in Betracht zieht

Sie starrte Prudence bestürzt an und reichte ihr das Stück Zeitung.

„Der Duke of Dinstable ist in der Stadt? Er hat sich seit mehr als zehn Jahren hier nicht blicken lassen! “ Prudence blickte ungläubig auf das Papier und knautschte es langsam in ihrer Hand. „Wie furchtbar! Er war doch jahrelang glücklich und zufrieden in der Wildnis Schottlands! Warum ist er jetzt in die Stadt gekommen?“

Sie dachte eine kleine Weile nach und fügte dann mit einem Stöhnen hinzu: „Und was wird er wohl denken, wenn Großonkel Oswald kommt und ihn zu einer Hochzeit mit mir zwingen will?“

Sie schwiegen entsetzt.

„Was willst du tun, Prue?“

Prudence betrachtete das Problem von allen Seiten. „Egal, wie ich es drehe und wende, ich sehe keine Alternative.“

Charity nickte. „Ich weiß. Oje, oje!“ Tränen begannen über ihre zarten Wangen zu rinnen.

Hope begann ebenfalls zu schluchzen. „Jetzt wird er uns zu Großvater zurückschicken. Oh Prue, es tut mir so leid, dass ich etwas gesagt habe. Ich habe einfach nicht nachgedacht.“ Sie schniefte und tastete blindlings nach ihrem Taschentuch.

Prudence setzte sich aufrecht hin und betrachtete ihre Schwestern verwundert. „Was redet ihr da? Wir gehen nicht zurück nach Dereham Court.“

Charity blinzelte unter Tränen. „Aber wenn du Großonkel Oswald alles gestehst, wird er …“

„Großonkel Oswald alles gestehen?“, rief Prudence. „Ich habe nicht die geringste Absicht, Großonkel Oswald irgendetwas zu gestehen.“

„Aber was sonst kannst du tun?“

„Ich werde mit dem Duke of Dinstable sprechen, natürlich. Es gibt keine andere Lösung.“

Nach einer erstaunten Pause fanden ihre Schwestern schließlich ihre Sprache wieder. „Aber wo … wie willst du ihn treffen? Und wann? Großonkel Oswald hat vor, ihn morgen früh aufzusuchen!“

Prudence lächelte grimmig. „Nun, dann wird Prudence Merridew eben noch etwas früher vorsprechen müssen, nicht wahr?“ Charity war sichtlich entsetzt. „Zu einem Mann gehen? In sein Haus? Unangemeldet und ohne ihm vorgestellt worden zu sein? Prudence, das geht nicht.“

Prudence reckte die Schultern. „Warte es ab.“

3. KAPITEL

Ein Mädchen, keine Jungfer, möcht ich wetten – ein freches Gör, mir aufgehalst wie die Ladung einem Schiff, um meine Seelenruhe zu zerstören.

Sophokles

Miss Merridew, um Seine Gnaden, den Duke of Dinstable zu sprechen.“

Ein Butler betrachtete sie missbilligend von oben herab. Prudence richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und starrte geradeaus auf seine Livree, bemüht, unbeeindruckt und selbstsicher zu wirken, als besuche sie jeden Tag fremde Herren in ihren Häusern. Fremde herzogliche Herren. Fremde herzogliche Einsiedler.

Der Blick des Butlers wanderte zu Prudences nervöser Zofe Lily, die rot wurde und auf die weißen Stufen des Londoner Stadthauses des Duke of Dinstable starrte. Der Butler wandte seine Aufmerksamkeit wieder Prudence zu.

„Und Seine Gnaden erwartet Sie, Miss?“, erkundigte sich der Butler mit unendlich gelangweilter Stimme.

Prudence bemühte sich im Gegenzug, ebenfalls unendlich gelangweilt zu wirken. Das war gar nicht so einfach, solange ihr Herz so hastig klopfte wie eines dieser von Herrn Mälzel erfundenen Metronome, aber notwendig. Langeweile, so hatte sie seit ihrer Ankunft in London gelernt, war chic. Je gelangweilter sie aussah, desto weltgewandter würde sie erscheinen, und sie konnte sehen, dass nur die mondänste junge Dame von diesem Butler vorgelassen würde.

Und außerdem roch er modrig. Keinesfalls war sie gewillt, sich von einem modrig riechenden Butler einschüchtern zu lassen. Sie zog eine Augenbraue hoch und musterte ihn in vornehmer Überraschung. „Ich glaube, Seine Gnaden wird nicht erfreut sein, mich zu verpassen.“

Der Butler zögerte.

„Kommen Sie“, erklärte Prudence bestimmt. „Es regnet, und meine Zofe fängt an zu frieren.“

Der Butler schaute Lily an, die, diskret von Prudence angestoßen, gehorsam erschauerte.

„Nun gut, Miss, wenn Sie im grünen Salon warten wollen, werde ich Seine Gnaden von Ihrer Anwesenheit unterrichten.“ Er hielt die Tür auf, und Prudence trat mit einem erleichterten Seufzer ein.

Wortlos Lily bedeutend, sich auf eine Bank in der Eingangshalle zu setzen, nahm er Prudence Hut, Regenschirm und den feuchten Umhang ab und führte sie in einen großen, im ägyptischen Stil eingerichteten Raum.

„Wenn Sie hier warten wollen, Miss.“ Der Butler verbeugte sich und verließ das Zimmer.

Prudence schaute sich auf der Suche nach einer passenden Sitzgelegenheit um. Die Wahl fiel ihr nicht leicht. Das Möbelstück, das am meisten ins Auge stach, war ein grün-goldenes Sofa aus Ebenholz, das seltsamerweise wie Kleopatras Barke geformt und mit einem kunstvoll geschnitzten Kopfstück versehen war, das eine Wasserlandschaft zeigte, komplett mit Wasserlilien, Flussdelfinen und sich krümmenden Nattern. Das andere Ende war teilweise vergoldet und wie die Spitze am Schuh eines Sultans nach oben gebogen. Die Füße sahen wie die eines Krokodils aus.

Es war nicht die Sorte Sofa, auf der man züchtig Platz nehmen konnte; es lud einen vielmehr dazu ein, sich zu rekeln. Sie konnte keinen ihr unbekannten Duke treffen, während sie sich auf dem Sofa rekelte. Vielmehr brauchte sie jede Unze Würde und Haltung, die sie aufbringen konnte.

Vorsichtig setzte sie sich auf einen geschnitzten Ebenholzstuhl mit vergoldeten Armlehnen, die in fauchenden Löwenköpfen endeten. Prudence wartete.

Sie saß so züchtig und damenhaft, wie es ihr nur möglich war, strich ihr Kleid und die Handschuhe glatt, versuchte ihren Herzschlag mit schierer Willenskraft zu verlangsamen. Der schakalköpfige Anubis und der falkenköpfige Horus starrten sie von einer Kommode aus an. In der Nähe stand ein Schemel, dessen vier Löwenfüße geheimnisvollerweise weiter oben in die Oberkörper von unsittsam bekleideten Frauen übergingen. Sie versuchte, sich Großvater in diesem Raum vorzustellen. Er würde einen Anfall bekommen, da war sie sich sicher. Der Gedanke munterte sie auf.

Nie in ihrem ganzen Leben hatte sie etwas so Ungehöriges getan. Einmal abgesehen von ihrer heimlichen Verlobung mit Phillip. Aber für eine unverheiratete junge Dame war es schlicht unerhört, uneingeladen einen ihr unbekannten Herrn in seinem Heim aufzusuchen. Großonkel Oswalds Kutscher war sogar schockiert gewesen, als sie sich nur nach dem Weg zum Haus des Dukes erkundigt hatte. Das war offensichtlich etwas, wonach junge Frauen noch nicht einmal fragten.

Eine Sphinx starrte von der Wand stumm auf sie herab. Mit ihren Fingern klopfte Prudence nervös auf ihr Retikül. Es war das Retikül aus Pappmaschee, ein wenig schief, nachdem Großvater es in seiner Wut beschädigt hatte, und Prudence lieb und teuer. Es passte zu dem Raum, denn es war wie ein ägyptischer Sarkophag geformt und sorgfältig in Blau, Grün, Gold und Schwarz angemalt.

Grace würde sich freuen, dieses Zimmer zu sehen. Ihre kleine Schwester würde sehen, dass nicht alle Welt glaubte, der ägyptische Geschmack sei verderbt, heidnisch und böse. Prudence wurde bewusst, dass ihre Finger sich angestrengt um das Retikül krampften, und sie zwang sich, sie zu lockern.

Wenn sie es richtig machte, würde Grace nie wieder für einen unschuldigen Fehler geschlagen werden. Es hing alles davon ab, wie gut sie mit dem Duke zurechtkam. Und mit Großonkel Oswald.

Eine verschnörkelte Uhr auf goldenen Greifen tickte laut auf dem Kaminsims. Es war schon weit nach neun Uhr. Großonkel Oswald würde seinen Aufguss aus heißem Wasser und Apfelessig ausgetrunken haben und sich nun seinen Eiern zuwenden. Ihr blieben vielleicht noch zwanzig Minuten. Wenn Großonkel Oswald nicht früher als sonst dran war. Er war ein Mann mit regelmäßigen Angewohnheiten.

Prudence strich ihre Röcke zum hundertsten Male glatt. Sie hatte immer gedacht, es wäre aufregend, kühn und abenteuerlich zu handeln, statt sich immer nur zu bemühen, unsichtbar zu sein, um nicht unnötig Großvaters Aufmerksamkeit zu erregen. Aber je länger sie wartete, desto mulmiger wurde ihr.

Sie mahnte sich, Ruhe zu bewahren. Nichts Schreckliches konnte geschehen, solange Lily in der Nähe war. Außerdem blieb ihr keine andere Wahl.

Die Uhr tickte gnadenlos weiter. Die Sphinx starrte blicklos. Die Löwenköpfe fauchten in goldener Wut.

Wo war dieser verflixte ...

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