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Ein Traum von Verlangen

Zu diesem Buch

Lady Talia Hall hegt schon lange tiefe Gefühle für James Forester, den sie seit ihrer Kindheit kennt. Doch der scheint in ihr nur die kleine Schwester seines besten Freundes zu sehen. Bevor James wieder einmal zu einer abenteuerlichen Reise in ferne Länder aufbricht, nimmt Talia all ihren Mut zusammen und gesteht ihm ihre Liebe. Es kommt zu einem leidenschaftlichen Kuss zwischen ihnen – aber James weist Talias Avancen trotzdem zurück. Tief verletzt stürzt sich die junge Frau in ihre wohltätige Arbeit zugunsten jugendlicher Straftäter, entschlossen, James ein für alle Mal aus ihrem Herzen zu verbannen. Als dieser nach einem Jahr nach London zurückkehrt, ist Talia alles andere als begeistert. Denn James heftet sich an ihre Fersen, da er befürchtet, Talia könnte durch ihr soziales Engagement in Gefahr geraten. Schnell wird klar, dass es beiden unmöglich ist, sich länger nur als Freunde zu begegnen. Zu groß ist die Anziehungskraft, die sie verspüren – und zu leugnen versuchen. Um die Kluft zwischen ihnen zu schließen, muss sich James endlich den dunklen Erinnerungen seiner Vergangenheit stellen. Aber kann er auch Talias Vertrauen wiedergewinnen und ihr gebrochenes Herz heilen?

Für meine Familie –
früher, jetzt und immer

1

Mai 1854

Er reiste ab. Schon wieder.

Lady Talia Hall sah von ihrem Schlafzimmerfenster aus, wie James Forester, Baron Castleford, den Garten von Floreston Manor durchquerte. Das Sonnenlicht ließ sein dunkelbraunes Haar schimmern. Mit langen, leichten Schritten ging er zwischen Glockenblumen und Narzissen entlang und wirkte im Schein der Nachmittagssonne, als gehöre er ganz und gar hierher.

Bei seinem Anblick keimte in Talia eine leise Hoffnung auf. Sie hatte erst vor Kurzem erfahren, dass James in diesem Sommer nach Australien reisen würde. Obwohl es sie schmerzte, gestattete sie einem tief verwurzelten, kostbaren Traum, an die Oberfläche zu kommen. Wenn James dann wieder nach London zurückkehrte – falls er zurückkehrte –, würde er das mit einem Lächeln tun, das seine Augen zum Leuchten brachte, und er würde übersprudeln von Geschichten über sturmgepeitschte Meere, gefährliche Krokodile, bedrohliche Fluten und einsame, von Myriaden von Moskitos bewachte Dschungelpfade entlang morastiger Flussufer.

Und vielleicht würde er sie bei seiner Rückkehr anschauen und endlich die Frau in ihr sehen, zu der sie herangewachsen war. Ein großes, mächtiges Gefühl der Liebe würde sein Herz erfassen und ihn vor Staunen erbeben lassen. In diesem wundervollen Augenblick würde er sich gestatten, dem Verlangen nachzugeben, das er seit so vielen Jahren unterdrückte. Er würde sie in die Arme schließen und sie leidenschaftlich und stürmisch küssen …

Oder auch nicht.

James stieg die Stufen zur Terrasse hoch und verschwand im Haus.

Mit ziemlicher Sicherheit würde er das nicht tun.

Talia seufzte, als ihr Tagtraum zerplatzte wie immer, und presste eine Hand auf ihr wehes Herz. Wenn James in sechs Monaten nach London zurückkehrte … oder vielleicht in einem Jahr … oder, was Gott verhüten mochte, erst in zwei Jahren … würde er Talia wie immer mit brüderlicher Zuneigung umarmen, sich nach ihrer Gesundheit erkundigen, ihren Freunden und ihrer wohltätigen Arbeit, und dann würde er sich auf einen Ball oder eine Dinnerparty begeben und die zahlreichen Anwesenden mit seinen fesselnden Abenteuergeschichten bezaubern, vor allem die Damen.

Einige Wochen oder Monate lang würde er ab und an ein Teil von Talias Leben sein, kommen und gehen, wie es ihm beliebte, und nichts ahnen von ihrer beständigen Liebe zu ihm. Und dann würde er erneut fortgehen, es sei denn, Talia brachte den Mut auf, das Schicksal herauszufordern und die Dinge in eine andere Richtung zu lenken.

Es sei denn, sie brachte den Mut auf. Seit dem Weggang ihrer Mutter vor drei Jahren und der Scheidung ihrer Eltern hatte Talia darum gekämpft, ihren Platz in der Welt zu finden. Ihre vier älteren Brüder lebten inzwischen ihr eigenes Leben, während Talia bei ihrem Vater geblieben war und versuchte, dem hinter jeder Ecke lauernden Klatsch keine Nahrung zu geben.

Der einzige Mensch, vor dem sie sich nicht verstecken wollte, war James. So lange Talia sich erinnern konnte, war er für sie da gewesen, ein verlässlicher Freund seit Kindertagen. Und er gehörte zu den wenigen Menschen, die sich während des Skandals nicht von der Familie Hall abgewandt hatten. Jetzt, da sich die Lage ein wenig beruhigt hatte, brachten ihr Vater und Alexander, Talias ältester Bruder, ein ums andere Mal das Thema Heirat zur Sprache. Immerhin war sie schon vierundzwanzig.

Wenn sie vor James’ Abreise nichts unternahm, würde Alexander, stur wie ein Ochse, seine Pläne für sie in die Tat umzusetzen versuchen, war er doch überzeugt, Lord Fulton sei eine ausgezeichnete Partie für sie. Und sollte es ihm gelingen, ihren Vater auf seine Seite zu ziehen, dann wäre James in der Tat für alle Zeiten außer Reichweite.

Ihr Magen zog sich nervös zusammen. Sie drehte sich um und betrachtete sich im Spiegel. Ihr Kleid fiel elegant über diverse Lagen von Unterröcken und betonte ihre schmale Taille. Das satte Grün der Chinaseide harmonierte mit der Farbe ihrer Augen und bildete einen schönen Kontrast zu ihrem braunen Haar und der hellen Haut.

Das Oberteil ließ die Schultern frei und enthüllte ungewohnt viel nackte Haut. Talia hatte schon immer eher unauffällige Abendkleider bevorzugt, doch nachdem die skandalöse Affäre ihrer Mutter auch zu Gerüchten um ihre eigene Tugendhaftigkeit geführt hatte, achtete sie ganz besonders darauf, keinen Anstoß zu erregen.

Sie legte einen Seidenschal um die Schultern, um die Rundung ihres Busens zu verbergen, die dank des tiefen, herzförmigen Ausschnitts deutlich zur Geltung kam. Dann holte sie tief Luft und nickte ihrem Spiegelbild entschlossen zu.

Zwar hatte sie sich, seit sie von James’ bevorstehender Abreise erfahren hatte, wieder und wieder gefragt, ob es wirklich klug sei, einen derart kühnen Vorstoß zu wagen, doch es war längst überfällig, dass er sie endlich als begehrenswerte Frau wahrnahm, statt in ihr immer nur die kleine Schwester der Hall-Brüder zu sehen.

Talia schaute zur Uhr. Sie und ihr Vater, zwei ihrer Brüder und James waren für ein paar Tage nach Floreston Manor gekommen, und dies war das erste Mal, dass alle außer Haus waren. Alle außer Talia und James. Sie musste es tun, bevor ihr Vater und Sebastian von ihrem Angelausflug zurückkamen und Alexander mit seiner geliebten Lydia von einem Besuch im Dorf.

Bei dem Gedanken an Alexander, ihren strengen ältesten Bruder, dessen Herz ganz offensichtlich von Lydia erobert worden war, ohne dass er es bisher bemerkt zu haben schien, musste Talia lächeln.

Sie war fest entschlossen, bei James Forester dieselbe Wirkung zu erzielen, obgleich dieser mit ziemlicher Sicherheit wissen würde, dass sie ihn erobert hatte. Es war das Einzige, was ihn möglicherweise davon überzeugen konnte, nicht wieder wegzufahren.

Angetrieben von dem Gedanken, dass dies ihre letzte Chance war, mit ihm allein zu sein, da sie morgen alle wieder nach London zurückkehren würden, eilte sie die Treppe hinunter. Die Haushälterin, die eben aus dem Salon kam, lächelte Talia freundlich zu.

»Lord Castleford hat den Tee verpasst, Mylady. Ich habe eine frische Kanne und etwas Gebäck hingestellt.«

»Danke, Mrs Danvers.«

Die ältere Frau nickte und rauschte schnaufend Richtung Küche ab. Talia betrat den Salon. Ihr stockte der Atem.

James stand neben dem Kamin und blätterte durch einen Stapel Papiere. Die knisternden Flammen tauchten seine hochgewachsene, muskulöse Gestalt in ein brillantes Farbenspiel. Sein überlanges braunes Haar, dessen dunkle Strähnen im rötlich-goldenen Licht schimmerten, ringelte sich um Ohren und Kragen.

Schatten tanzten über die maskulinen Gesichtszüge, die scharf geschnittenen Wangenknochen, die energische Nase und die von dichten Wimpern umrahmten Augen, die Talia immer in ihren Träumen vor sich sah, bei Tag und bei Nacht.

»Hallo, Schätzchen.« James sah auf und lächelte. Die Wärme in seinem Blick milderte die harte Kinnlinie.

»Hallo, James.« Seinen Namen auszusprechen schmeckte wie eine köstliche Speise, und sein Blick reichte aus, um ihr Herz vor Freude hüpfen zu lassen.

Doch sein Kosename für sie, den Talia immer gemocht hatte, weil in ihm so ein zärtlicher Unterton mitschwang, erinnerte sie inzwischen nur allzu deutlich daran, dass James sie noch immer nicht als Frau betrachtete.

»Ich nehme an, du hattest einen schönen Nachmittag?«, fragte er.

Seine dunkle, volle Stimme flutete über sie hinweg wie Sonnenlicht. »Ja … ja, danke, James.«

Talia ging zum Sofa und setzte sich, nicht ohne sich zu vergewissern, dass der Schal ihr Dekolleté züchtig bedeckte. Sie goss Tee ein und folgte James mit Blicken, während dieser die Papiere auf einen Tisch legte.

Sie wurde niemals müde, ihn anzusehen. Jede einzelne seiner kleinen, unbewussten Gesten war ihr vertraut – die Art, wie er sich den Nacken rieb, wie er sich hinsetzte, wie er die Teetasse hielt oder die Hand um ein Glas Brandy schloss.

Er strahlte eine rastlose Energie aus, die keinen Raum für Müßiggang ließ. Wenn er sprach, ging er dabei hin und her, wenn er saß, trommelte er mit den Fingerspitzen auf die Knie. Er lächelte oft, lachte laut und gern und unterstrich seine Worte mit weit ausholenden Gesten, als könnten sie allein nicht alles ausdrücken, was er sagen wollte.

Niemand außer Talia kannte die subtilen Feinheiten in James Foresters Bewegungen und Verhalten. Dessen war sie sich sicher.

»Eine Liste der Expeditionsmitglieder und die Transportpläne«, erklärte er und deutete mit einem Kopfnicken auf die Papiere.

In Talia machte sich Unruhe breit. James setzte sich ihr gegenüber und musterte das Teetablett, auf dem sich eine Auswahl an Gebäck, Kuchen, Muffins und Törtchen türmte.

»Du reist also im Sommer ab?«, fragte Talia und reichte ihm eine Tasse Tee.

»Nächsten Monat, um genau zu sein.«

»N-Nächsten Monat? So bald?«

Er nahm sich ein Stück Pflaumenkuchen. »Ich dachte, es würde sich alles verzögern, weil uns noch ein Expeditionsarzt fehlte, doch nun haben wir einen gefunden und konnten eine Passage auf der Ballarat buchen. Wir legen Mitte Juni von Southampton ab.«

»Alexander sagte, du willst nach Neusüdwales.« Es hörte sich an, als wäre es das Ende der Welt.

»Ja. Die Royal Geographical Society hat eine Vermessung des gesamten Territoriums in Auftrag gegeben, einschließlich diverser Flüsse. Ich hatte den Plan für eine Erkundung bereits im November eingereicht und seither nichts mehr gehört. Doch jetzt hat der Gouverneur die Sache genehmigt. Daher mussten wir unsere Vorbereitungen in großer Eile treffen.«

»Hattest du nicht vor, im Herbst nach Asien zu fahren?«

»Dafür fehlen noch die finanziellen Mittel, also ziehen wir die Australien-Expedition vor. Mit ein bisschen Glück ist die Vermessung in ein paar Monaten beendet und ich kann von dort aus direkt auf die Malaiische Halbinsel reisen.«

Talia wurde das Herz schwer. Sie würde sich um ihn sorgen, während er unterwegs war. Jedes Mal, wenn er fern von England weilte, stiegen in ihr die finstersten Gedanken auf. Dass er in der Fremde sterben würde oder dass er nach Hause zurückkehrte und ihnen mitteilte, er habe eine schöne Prinzessin aus irgendeinem exotischen Land geheiratet.

Bisher – allen Heiligen sei Dank – war keiner dieser beklagenswerten Umstände eingetreten, doch das Glück, das sie bis jetzt davor bewahrt hatte, könnte sie verlassen, und die Zeit drängte, denn die Wahrscheinlichkeit, dass etwas in dieser Art passierte, wurde ständig größer. Selbst wenn James von dieser bevorstehenden Expedition heil zurückkehren sollte – Talia konnte nicht länger warten.

»Also.« Sie zwang sich zu einem Lächeln und nahm allen Mut zusammen. »Musst du dann nicht bald nach London zurück? Was ist mit deinem Anwesen?«

Er runzelte die Stirn. »Während meiner Abwesenheit kümmert sich mein Verwalter um alles.«

»Ja, aber er kann das doch nicht auf ewig machen, James. Sicher erwartet man von dir, dass du deinen Pflichten nachkommst. Und auch, dass … dass du bald heiratest.«

»Es gibt irgendwo einen entfernten Cousin. Ich bin sicher, er kann den Besitz übernehmen, wenn die Zeit gekommen ist.« James zuckte mit den Schultern und nahm sich ein Stück Sandkuchen. »Solange es einen Erben gibt, ist der Fortbestand der Familie gesichert, egal, was mit mir passiert.«

Talia wickelte ihren Schal um die Finger. Ihr missfiel diese gleichgültige Haltung gegenüber seiner Zukunft. Sie selbst hatte in den letzten Jahren über kaum etwas anderes nachgedacht und sich dabei an die Hoffnung geklammert, dass James’ Zukunft unausweichlich mit ihrer eigenen verbunden sein würde. Dann hatte der Skandal um ihre Mutter Gerüchte um Talias Ruf ausgelöst. Es war ihr jedoch gelungen, all den entsetzlichen Spekulationen aus dem Weg zu gehen, indem sie im engen Kreis ihrer vertrautesten Freunde blieb, anstatt sich in der feinen Gesellschaft zu tummeln.

James gehörte zu den wenigen Menschen, die immer fest zu ihrer Familie gestanden hatten. Zu ihr.

Doch jetzt, so wusste Talia, konnte sie sich nicht länger verstecken. Nicht, wenn ihr ältester Bruder sich anschickte, ihr Leben zu regeln. Nicht, wenn James wieder auf Reisen ging. Sie fasste ihren Schal fester und holte tief Luft.

»Da wir gerade vom Heiraten sprechen«, sagte sie. »Hast du gewusst, dass Alexander, dieser große Spinner, doch tatsächlich Lord Fulton gegenüber Andeutungen gemacht hat, ich sei offen für einen Heiratsantrag?«

Sie hatte erwartet, dass James auf diese Eröffnung mit Entsetzen reagierte – Fulton war immerhin doppelt so alt wie sie und so rund wie ein Weinfass. Talia hatte ihrem Bruder unmissverständlich klargemacht, dass sie nie und nimmer Lady Fulton werden würde. Was sie dabei allerdings nicht erwähnt hatte, war die Tatsache, dass sie niemals irgendjemanden heiraten würde außer James Forester.

Sie wusste schon seit ihrer Kindheit, dass James eines Tages ihr Ehemann sein würde. Sie musste es ihm nur endlich sagen, da er offenbar zu begriffsstutzig war, von selbst auf diesen Gedanken zu kommen.

»Fulton, eh?« James runzelte die Stirn, und ein Schatten huschte über sein Gesicht. »Wie schade, dass North keine bessere Partie für dich ins Auge fasst.«

»Das spielt keine Rolle. Es ist ohnehin nicht seine Entscheidung.« Nervös setzte Talia ihre Tasse ab, stand auf und ging hinüber zum Kamin. Ihr Magen zog sich zu einem Knoten zusammen, als sie sich ängstlich zu James umwandte und ihm in die Augen sah. »Außerdem habe ich für mich etwas sehr viel Besseres ins Auge gefasst.«

»Hast du das, Schätzchen?«

»Ja.« Sie nestelte an ihrem Schal. »Und meine Entscheidung ist die Einzige, die zählt.«

»Das sehe ich auch so.« James langte wieder nach dem Teller mit dem Teegebäck.

Du liebe Güte. Wäre sie ein Törtchen, würde er auf die Knie fallen und ihr seine unsterbliche Liebe gestehen.

Talia sah zur Uhr. Jetzt. Sie musste es jetzt tun.

»James.«

»Hm?«

»Ich … ich muss dir ein Geständnis machen.« Sie zog den Schal ganz eng um ihren Hals. Die Hitze des Feuers erfüllte die Luft. Ein Schweißtropfen rann ihren Nacken hinunter.

»Ein Geständnis? Was für ein Geständnis?« James begutachtete eine Fruchtschnitte und entschied sich dann für einen Muffin.

»Du weißt eine ganze Menge über mich. Immerhin sind wir seit unserer Kindheit befreundet.« Talia wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. In ihrem Kopf konnte sie das Pochen ihres Herzens hören. »Aber da ist … es gibt da etwas, das du noch nicht über mich weißt. Etwas, das dir noch nicht aufgefallen ist.«

»Was könnte das denn sein, Schätzchen?« James biss herzhaft in den Muffin und sah sie an.

Jetzt.

Talia ließ den Schal los, so dass er hinter ihr zu Boden fiel. Die Wärme der Flammen traf auf ihre ohnehin schon gerötete Haut.

»Ich möchte dich heiraten.«

Der Muffin folgte dem Schal Richtung Boden. Einen schrecklichen Moment lang starrte James sie einfach nur an. Alles Blut wich aus Talias Kopf, während sie angespannt auf seine Reaktion wartete.

Und dann passierte es. Sein Blick huschte zum milchweißen Ansatz ihres Busens. Und verweilte.

»Ich konnte nicht zulassen, dass du ein weiteres Mal abfährst, ohne meine wahren … meine wahren Gefühle für dich zu kennen«, stammelte sie. »Ich liebe dich, James. Ich liebte dich schon, als ich noch ein Kind war, damals, als wir gemeinsam auf Bäume kletterten und Reifen rollen ließen und ausritten. Ich liebte dich schon, als du zur Universität gingst und jedes Mal, wenn du dich auf eine deiner Expeditionen begabst. Ich wartete auf deine Briefe, sehnte deine Rückkehr herbei, und … und als ich hörte, dass du wieder fort willst, wusste ich, dass ich dir die Wahrheit sagen musste. Du müsstest eigentlich schon längst eine Frau haben. Ich aber habe nie … niemals irgendjemand anderen heiraten wollen als dich. Weil ich dich liebe.«

Es gelang ihm, den Blick von ihrem Busen zu lösen und ihr in die Augen zu sehen. Doch in seinen spiegelte sich eher Erschrecken als Begehren.

Talia hielt sich mit einer Hand an der Kaminumrandung fest und versuchte, normal zu atmen. »Ich weiß, das kommt sehr plötzlich, ich weiß, dass du mich immer nur als Freundin betrachtet hast, aber ich –«

»Talia.«

Seine gepresste Stimme ließ die Angst wieder aufflammen. Sie packte den Kaminsims fester. Ein Strom von Worten staute sich in ihrer Kehle.

James stand auf und kam zu ihr. Einen Augenblick lang glaubte Talia, ihre lang gehegten Träume würden sich erfüllen, er würde sie in die Arme schließen, ihr seine Liebe gestehen und dann seine Lippen auf ihre pressen …

»Talia!«

Der Gestank verbrennender Seide stach genau in jener Sekunde in ihre Nase, als James sie an den Schultern packte und sie vom Kamin wegriss. Talia stolperte. Ihr Herz klopfte wie wild. James fluchte.

Entsetzt drehte sie sich um. Aus dem Kamin loderten Flammen und verzehrten ihren seidenen Schal, der mit seinen Fransen dem Feuer viel zu nahe gekommen war.

James schnappte sich eine Blumenvase vom Buffet, goss das Wasser mitsamt den Blumen auf den Schal und trat das Feuer mit den Füßen aus. Ein großer rußschwarzer Fleck verunzierte den Teppich. Von der verkohlten Seide des Schals stieg Rauch auf.

James hustete. Er griff sich eine zweite Vase und goss auch deren Inhalt aus. Dann klingelte er nach einem Diener.

»Mylord?« Hamilton öffnete die Tür. Als er den Rauchgeruch wahrnahm und den verbrannten Schal sah, schaute er Talia bestürzt an. »Mylady?«

James stellte sich vor Talia, um sie vor den Blicken des Dieners zu schützen, und deutete auf den nassen, rußgeschwärzten Haufen. »Hamilton, holen Sie Kemble und kümmern Sie sich bitte darum.«

»Sehr wohl, Mylord.«

Talia wurde feuerrot. War das peinlich! Sie wandte sich ab, als ein zweiter Diener in den Raum geeilt kam, obwohl James immer noch schützend vor ihr stand. Männerstimmen erfüllten den Raum, während die Bediensteten die Gefahr endgültig bannten und das Chaos beseitigten.

Dann ging die Tür mit einem Klicken wieder zu. Im Raum breitete sich eine Stille aus, die wie Donnerhall dröhnte. Talia schlug die Hände vors Gesicht und wünschte, sie könnte in einem Mauseloch verschwinden. Sie spürte, dass James hinter ihr stand, konnte sich aber nicht überwinden, sich umzudrehen und ihn anzusehen. Kälteschauer jagten über ihren Körper.

Ein wollener Mantel legte sich um ihre Schultern. Der Stoff roch wie James – nach dem Salz des Meeres und einem Hauch Exotik. Zimt und Nelken. Indischer Tee. Schwarzer Kaffee. Sie atmete den vertrauten Duft ein und ließ zu, dass er ihre Verzweiflung ein wenig linderte.

»Meine liebe Talia.«

Seine Stimme klang sanft – nicht mitleidig oder, was noch schlimmer gewesen wäre, amüsiert. Talia zwang sich, ruhig und tief zu atmen und drehte sich um. Er stand direkt hinter ihr, nahe genug, dass sie die goldenen Pünktchen in seiner Iris und den Anflug von Bartstoppeln auf seinen Wangen erkennen konnte.

»Es tut mir leid«, flüsterte sie. Ihre Kehle schmerzte.

»Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest.« Er legte eine Hand an ihre Wange. »Bitte, glaube mir, wenn ich dir sage, dass ich mich durch dein Bekenntnis zutiefst geehrt fühle.«

Talia blickte ihn unverwandt an. Fast hatte sie erwartet, er würde irgendeinen halbherzigen Unsinn stammeln und versuchen, sie irgendwie loszuwerden und die ganze leidige Angelegenheit vom Tisch zu wischen. Das tat er nicht. Und doch hatte sie das deutliche Gefühl, er hätte noch mehr zu sagen … und nichts davon würde dem ähneln, was sie so unendlich gern hören wollte.

Erneut packte sie die Angst. Ihr Herz raste.

Er war ihr so nahe, seine Hand lag so warm auf ihrer Wange. Sie starrte auf seinen Mund. Wie oft hatte sie sich gefragt, wie sich seine Lippen wohl auf ihren anfühlen mochten?

Bevor er weitersprechen konnte, trat Talia ganz dicht an ihn heran und presste ihre Lippen auf seine. James spannte sich vor Überraschung an. Er wollte zurückweichen, doch sie packte seine Hemdbrust und küsste ihn umso heftiger. Hitze durchströmte sie, als ihr bewusst wurde, dass sie einen jener Momente erlebte, von denen sie so oft und leidenschaftlich geträumt hatte.

James riss in einer heftigen Bewegung den Kopf zurück und holte scharf Luft. Talia, fest entschlossen, eine weitere Flucht zu verhindern, trat näher und presste ihre Brüste gegen seinen muskulösen Oberkörper. James erstarrte, dann packte er Talia an den Unterarmen. Sie umschlang seinen Nacken und zog ihn zu sich herunter, um ihre Lippen noch einmal fest auf seine zu drücken.

Er fasste härter zu. Seine Muskeln waren hart vor Anspannung. Als Talia wagte, ihre Lippen zu öffnen, war sie schockiert und erregt zugleich ob ihrer Kühnheit. Das Blut pulsierte heiß und schnell durch ihre Adern, während sie den warmen, süßen Geschmack seiner Lippen mit allen Sinnen genoss. Er ließ seine Hände auf ihre Taille gleiten, doch sein Körper blieb angespannt. Seine Finger gruben sich in ihr Korsett, als suche er dort die Kraft, sie von sich wegzustoßen.

Und dann ergab er sich plötzlich. Ein Stöhnen drang aus seiner Kehle, als er sich ihren Lippen öffnete und er ihren Kuss voller Verlangen erwiderte. Talia schloss die Augen und versank in diesem Kuss, genoss, wie es sich anfühlte, von seinen Armen gehalten zu werden, so eins zu sein mit James.

Süße, köstliche Erleichterung und eine tiefe Sehnsucht erfüllten ihr Herz. Sie löste die Hände von seinem Hemd und ließ die gespreizten Fingern über seine Brust wandern, stellte sich vor, wie sich seine glatte, nackte Haut anfühlen mochte. Sie bog sich zu ihm hin, ermutigt von seiner Kapitulation und der wachsenden Erregung, die sich zwischen ihnen ausbreitete …

James löste sich von ihr und wich einige Schritte zurück. Er atmete schwer, in seinen Augen spiegelten sich Schock und unerfüllte Leidenschaft.

Talia starrte ihn an. Ihr Herz hämmerte. Sie presste die Hand auf ihre geröteten Lippen, auf denen sie noch seinen Kuss spürte.

»Verfluchte Hölle, Talia.« James’ Stimme klang rau, abgehackt. Er wandte sich ab und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Das darf nicht sein. Das wird nicht sein.«

Irgendwie gelang es ihr zu sprechen. »Es ist gewesen, James.«

Er fuhr herum und sah sie zornig an. »Grundgütiger! Du bist Northwoods Schwester.«

Talia drückte den Rücken durch, hob das Kinn und suchte nach jenem beneidenswerten Stolz, den ihre Mutter immer verkörpert hatte, jener kühlen Erhabenheit, die sie selbst irgendwo tief in ihrem Inneren auch besaß.

»Ich bin weit mehr als Northwoods Schwester, James«, sagte sie und ließ ihre Stimme sachlich und beherrscht klingen. »Ich bin Lady Talia Hall. Ich bin die einzige Tochter des Earls of Rushton. Und selbst im Schatten des Skandals gibt es zahlreiche Adlige, die sich um meine Hand bemühen. Doch ich biete mich dir an, ohne jede Zurückhaltung. Ich will bei dir sein, James. Ich wollte nichts mehr als das seit –«

»Hör auf.« Der Befehl kam mit so großer Heftigkeit, dass nun auch Talia einen Schritt zurückwich. James fluchte noch einmal und presste die Hände auf die Augen. Dann wandte er sich ab und trat an eines der Fenster.

»Ich werde niemals heiraten, Talia. Weder dich noch eine andere«, sagte er gepresst und ballte die Hände zu Fäusten. »Selbst wenn ich den Wunsch hätte zu heiraten: Wie könnte ich einer Frau eine Ehe zumuten, in der ihr Mann Monate oder Jahre abwesend ist?«

»Du musst …« Talia versuchte, den Kloß in ihrer Kehle hinunterzuschlucken, der immer größer zu werden schien. Vor ihrem inneren Auge entrollte sich die Zukunft, öde und leer. »Du musst doch nicht so oft weg sein, James. Und eines Tages wirst du –«

»Werde ich was?« Er wandte sich um und fixierte sie. »Ich bin verantwortlich für das Anwesen, das schon, aber ich hatte niemals die Absicht, einen Erben zu zeugen. Weil ich nicht in England zu bleiben gedenke. Ich bin nicht für die Ehe bestimmt, Talia, egal, wie … wie verlockend das Angebot auch sein mag.«

Talias Herz krampfte sich schmerzvoll zusammen. »Willst du damit sagen, dass du niemals nach London zurückkommen wirst, um für immer zu bleiben?«

»Ich habe nicht die leiseste Absicht, das zu tun.« Sein Zorn schien etwas zu verrauchen, als er wieder zu ihr ging. Seine Stimme klang weich, als er sagte: »Talia, es gibt so vieles zu sehen in der Welt, so vieles zu entdecken. Ich möchte die Quelle des Nils finden. Ich möchte eines Tages nach Grönland reisen. Ich möchte das Innere von Australien kartografieren und eine Expedition nach China leiten, um geologische Proben zu nehmen. Es wird Jahre brauchen, alles zu tun, was ich möchte.«

»Und dann, wenn du endlich all deine Expeditionen gemacht hast, wirst du ein einsamer alter Mann sein, um den sich niemand kümmert und den niemand liebt«, schnappte Talia und schlug sofort erschrocken eine Hand vor den Mund. Schockiert von der Vehemenz ihrer Worte starrte sie James an, in stummer Entschuldigung.

Seine Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln. Er streckte die Hand aus und strich ihr eine Haarlocke hinter das Ohr. Die leichte Berührung seiner Fingerspitzen sandte Schauer über ihren Körper.

»Und du«, sagte er, »wirst eine über alles geliebte Ehefrau und Mutter sein. Du wirst einen großen Kreis von Freunden haben, die dich über alle Maßen schätzen. Du wirst die Liebe deines Lebens heiraten.«

Du bist die Liebe meines Lebens.

Talias Herz fühlte sich an wie ein Stück Papier, das von einer eisernen Faust zusammengeknüllt wird. Nichts würde James in England halten. Nicht einmal sie.

»Talia, bitte.« James legte den Finger unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Zorn auf sich selbst verdunkelte seine braunen Augen. »Bitte, mach mir nicht das Geschenk deiner Liebe. Ich würde schlecht damit umgehen. Hebe dein Herz für einen Mann auf, der es wirklich verdient.«

Talia presste die Zähne zusammen, um die aufsteigenden Tränen niederzukämpfen. Niemals zuvor hatte James in irgendeiner Weise angedeutet, dass er glaubte, einer Sache nicht wert zu sein, schon gar nicht der Liebe einer Frau. Ein Teil von ihr wollte ihm widersprechen, ihn zwingen zu verstehen, dass sie sich ihm nicht angeboten hätte, würde sie seinen Wert nicht kennen. Doch Talia besaß den Stolz ihrer Mutter – auch wenn er möglicherweise bis jetzt brachgelegen hatte. Wenn James ihr Herz nicht wollte, dann würde sie es eben zurücknehmen.

»Also gut.« Sie entzog sich seiner brennenden Berührung und ging zur Tür, sein Mantel hüllte sie noch immer warm und fest ein.

An der Tür hielt sie inne. James stand neben dem Büffet, mit hängenden Schultern, die Hände in den Hosentaschen. Das Haar fiel ihm unordentlich in die Stirn.

Ein ziehender Schmerz aus Sehnsucht und Liebe schoss durch Talia hindurch, doch sie stieß diese Gefühle zurück unter den Teppich aus Kälte, der sich bereits über ihre Seele zu legen begann.

»James, ich bitte dich nur um eines: Behandle das, was vorgefallen ist, vertraulich.«

»Eher würde ich sterben, Talia, als dir Peinlichkeit und Scham zu bereiten.« Er räusperte sich. »Niemand wird davon erfahren. Wenn … falls ich zurückkomme, dann machen wir einfach weiter wie zuvor.«

»Einverstanden.« Talia zog die Tür auf, und ihr Herz brach entzwei, als sie sich von ihm abwandte. »Dann viel Glück für deine Expedition, James. Ich hoffe, du findest, wonach du suchst.«

Denn ich werde es nie mehr finden.

Geblendet von Tränen, lief Talia hastig hinauf in ihr Zimmer.

2

Mai 1855

Ein Jahr später

Am Frühlingshimmel türmten sich dunkle Wolken, die Vorboten eines Sturms, aus denen die ersten Regentropfen auf die gepflasterten Straßen von Middlesex fielen. Ein entlaufener Gockel pickte in einer Lache im Rinnstein nach Futter. Ein Zeitungsverkäufer lief mit seinem Karren vorbei, und ein Milchmädchen hatte sich, die bunten Kannen zu ihren Füßen, in einem Hauseingang untergestellt. Die Türen zu den Läden des Gemüsehändlers, des Bäckers und des Barbiers standen offen, doch es waren nur wenige Leute unterwegs.

Talia saß in der Droschke, die sie am Bahnhof gemietet hatten. Ihr gegenüber hatte Mr Matthew Fletcher Platz genommen, seines Zeichens Lehrer und zugleich Mitglied der Ragged School Union, eines wohltätigen Vereins, der Schulen und Asyle für arme Kinder gegründet hatte. Neben ihm saß Miss Alice Colston, auf deren bleichem Gesicht ein besorgter Ausdruck lag. Doch weder die blaue Haube, die sie trug, noch das herrschende Zwielicht noch ihre offensichtliche Beklommenheit konnten verbergen, dass sie schön war wie ein Engel.

Alice blickte auf, und ihr Blick traf den von Talia. Talia, die die Gerichtspapiere fest in der Hand hielt, lächelte ihr aufmunternd zu, obwohl auch ihr Magen sich vor Aufregung zusammenkrampfte.

»Peter hat seine Strafe abgesessen«, sagte sie beruhigend.

»Und wir haben die schriftliche Anordnung für seine Freilassung«, fügte Mr Fletcher hinzu und nahm seinen Hut ab. Darunter kam braunes Haar zum Vorschein, das er aus der hohen Stirn gekämmt trug, was sein hageres Gesicht noch hagerer aussehen ließ. Seine Augen hinter den runden Brillengläsern blickten Talia ruhig an.

»Alles wird gut«, sagte er, doch sehr überzeugend klang es nicht.

Und auch Talia war sich nicht sicher.

Während die Droschke weiter durch die Straßen rollte, begann der Regen auf das Dach zu trommeln. Bald tauchte vor ihnen die düstere Gefängnismauer aus roten Ziegelsteinen auf, hinter der die spitzen Dächer der innenliegenden Gebäude aufragten. Am Eingang stand ein Gefangenenwagen, eiserne Gitter hielten jedes seiner Fenster umklammert wie rostige Kiefer.

Vor dem Tor hielt die Kutsche, und Mr Fletcher reichte dem Wachmann die Einlasspapiere. Nachdem dieser das Tor geöffnet hatte, fuhren sie bis vor den Eingang des Gefängnisses. Die hohen grünen Türflügel waren in einen steinernen Torbogen eingelassen, über dem die Inschrift prangte: Besserungsanstalt Newhall.

Sie stiegen aus und begaben sich in das Empfangsbüro, einen schmalen Raum mit Regalwänden, deren Fächer zum größten Teil leer waren, sowie einem Schrank voller Akten. Der Türwächter bedeutete ihnen, sich in das Besucherbuch einzutragen, bevor er die Tür öffnete, die auf den Innenhof führte. »Mr Lawford wird gleich bei Ihnen sein.«

Talia trat an ein schmutziges Fenster und spähte hinaus. Dort standen in Habachtstellung ein Dutzend Wärter, das von einem blonden Mann in der Uniform des Stellvertretenden Gefängnisdirektors inspiziert wurde. Jetzt ließ er die Wärter wegtreten, die im Gänsemarsch in das Hauptgebäude des Gefängnisses marschierten.

William Lawford, der Stellvertretende Gefängnisdirektor, begab sich in seinen am hinteren Ende des Gefängnishofes gelegenen Dienstraum und tauchte ein paar Minuten später in Begleitung eines mageren, groß gewachsenen Jungen von etwa sechzehn Jahren auf, der mit eingezogenen Schultern hinter ihm herschlich. Das schwarze Haar hing ihm in die Augen, und er trug ein graues Gefängnishemd zu Hosen, die ihm viel zu groß waren.

In Talia stiegen Schuldgefühle auf, als sie den Jungen sah. Sie trat vom Fenster zurück und widerstand dem Versuch, sich vorzustellen, was er während seiner Haft wohl alles hatte ertragen müssen. Dann öffnete sich die Tür, und Lawford und Peter Colston traten ein.

»Peter!« Alice schrie auf, als sie ihren Bruder erblickte, und eilte zu ihm, um ihn in die Arme zu schließen. Der Junge ergab sich geduldig der Umarmung, erwiderte sie jedoch nicht.

»Ich bin ja so froh, dich zu sehen, Peter«, stieß Alice atemlos hervor.

»Peter hat sich sehr auf den heutigen Tag gefreut«, sagte William Lawford, wobei er seine Finger hart in die Schulter des Jungen grub und Talia anlächelte. Er war ein gut aussehender Mann Mitte dreißig und schien sich sowohl seiner Stellung als auch seines guten Aussehens sehr bewusst zu sein. »Und wir ebenso«, fuhr er fort. »Es ist immer eine Freude zu sehen, wie einer unserer Jungs in den Schoß seiner Familie zurückkehrt.«

Alice strich Peter die Haare aus der Stirn. »Du siehst schrecklich dünn aus.«

»Peter war etwas störrisch, was das Essen betraf«, sagte Lawford und richtete sein Lächeln jetzt auf den Jungen. »Nicht wahr, Peter? Ich habe ihn von einem Arzt untersuchen lassen. Der meinte, es würde ihm an nichts fehlen. Also liegt es gewiss nicht an mangelnder Verpflegung.«

»Das will ich auch hoffen«, bemerkte Talia spitz.

Peter blinzelte. Seine Miene war immer noch ausdruckslos, und Talia fragte sich einen Augenblick, ob er sich überhaupt noch an sie erinnerte. Ihre Kehle wurde eng. Mit ziemlicher Sicherheit wollte er sich nicht an sie erinnern.

Lawfords Lächeln schien wie in Stein gemeißelt. »Ah, Lady Talia Hall. Welch überaus unerwartetes Vergnügen.«

»Miss Colston zu begleiten verschafft mir endlich die Gelegenheit, einmal einen Blick in das Innere Ihres Gefängnisses zu werfen«, meinte Talia. »Mein Antrag auf Besichtigung wurde letzte Woche zum dritten Mal abgelehnt.«

»Wie bedauerlich.« Lawford unterzeichnete ein Dokument und schob es Peter hin. »Hier unterschreiben, Peter. Smythe, nehmen Sie ihn mit. Er soll seine eigenen Sachen wieder anziehen.«

Peter beugte sich nach unten, um sein Zeichen auf das Dokument zu kritzeln, und folgte dann dem Türwärter in einen angrenzenden Raum. Auf Lawfords Anweisung hin setzte Alice ihren Namen ebenfalls unter das Schriftstück.

»Da Mr Fletcher und ich nun schon einmal hier sind«, sagte Talia zu Lawford, »könnten Sie vielleicht eine halbe Stunde erübrigen und einen kleinen Rundgang mit uns machen?«

»Ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn ich diese halbe Stunde erübrigen könnte«, gab Lawford aalglatt zurück. »Doch leider müssen wir hier einen strengen Zeitplan einhalten. Und da Ihr Antrag abgelehnt wurde … nun, es widerstrebt mir, meine Stellung zu gefährden, indem ich Ihnen Einlass gewähre.«

»Sie haben doch sicher den aktuellen Gefängnisbericht gelesen, Mr Lawford?« Talia hielt ihm die Dokumente hin, die sie mitgebracht hatte. »Darin werden zahlreiche Haftanstalten wegen unzulänglicher Bedingungen und Zwangsarbeit angeprangert. Eine Inspektion der Jugendgefängnisse ist erst für das kommende Jahr vorgesehen. Ich habe allerdings vor, im zuständigen Unterhaus-Ausschuss einen Antrag einzubringen, die Inspektion bereits in diesem Sommer durchzuführen, da die Ergebnisse einen starken Einfluss darauf haben werden, welche finanziellen Mittel wir bewilligt bekommen.«

Nach Talias Worten breitete sich eine unbehagliche Stille im Raum aus. Ihr Herz schlug schneller. Lawford nahm die Papiere nicht entgegen, sondern studierte stattdessen noch einmal Peters Akte, bevor er sie langsam zuklappte.

»Mylady, ich bewundere Ihren Einsatz für Kriminelle und bin sicher, dass diese ihn ebenso zu schätzen wissen. Doch gewiss gibt es für eine Dame Ihres Standes dringendere Angelegenheiten zu regeln? Warum würdigen Sie sich so weit herab, den wertlosesten Mitgliedern unserer Gesellschaft zu helfen?«

Talia presste die Zähne zusammen. Sie hasste dieses Wort. Wertlos. Vor nicht allzu langer Zeit noch, als die Gesellschaft sie verunglimpft hatte und sie um ihren Platz in der Welt hatte kämpfen müssen, hatte sie sich selber so gefühlt. Und erst vor Kurzem hatte sie herausgefunden, dass sie die Fähigkeit besaß, Menschen zu helfen, die in einer aussichtslosen Lage waren, dass sie imstande war, ihren eigenen Wert und den jener Menschen zu beweisen. Ganz gewiss würde sie weder Mr Lawford noch sonst jemandem gestatten, ihre Anstrengungen kleinzureden.

»Sie sind nicht wertlos, Mr Lawford«, erwiderte sie. »Es sind Jungen, die zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft werden könnten, wenn man ihnen eine anständige Bildung zukommen ließe oder ihnen die Möglichkeit gäbe, ein Handwerk zu erlernen.«

»Was ich bei Jungs wie Peter Colston versucht habe.« Lawford deutete eine Verbeugung in Alice’ Richtung an. »Es tut mir leid, Miss Colston. Ich habe mich in der Tat bemüht, Ihrem Bruder zu helfen, doch er hat sich allen Anstrengungen meinerseits verweigert.«

»Welche Art von Hilfe haben Sie ihm denn angeboten?«, wollte Mr Fletcher wissen. »Hat Peter in Ihrer Obhut Lesen und Schreiben gelernt?«

Der Blick aus Lawfords klaren, blauen Augen flackerte nicht einen Moment. »Selbstverständlich hat der Junge täglich Lektionen religiöser Natur erhalten. Uns ist sehr wohl bewusst, dass es sich hier um verirrte Seelen handelt, deren moralischer Verfall nicht unumkehrbar ist. Außerdem glauben wir daran, dass man sie auf den richtigen Weg bringen muss, bevor man ihnen gestatten kann, ihren eigenen zu gehen.«

»Und schließt das für Sie auch Züchtigungen jener Art ein, wie sie aus Birmingham bekannt geworden sind?«, fragte Fletcher eisig.

Lawford lachte glucksend. »Ich fürchte, Sie ziehen Parallelen, wo keine sind, Mr Fletcher. Birmingham war ein Gefängnis für erwachsene Verbrecher. Newhall ist für Jungs wie Peter Colston gedacht, die … vergeben Sie mir, Miss Colston … ein gemeingefährliches Naturell besitzen.«

»Peter ist ein guter Junge, Mr Lawford«, sagte Alice und legte eine Hand an die Kehle. »Wir sind eine geachtete Familie.«

Lawford zog skeptisch eine Augenbraue hoch. »Ich weiß, dass Sie und Ihr Vater das Beste versucht haben, Miss Colston. Und ich hoffe wirklich, dass Peter sein großes Glück erkennt und von seinem kriminellen Tun ablässt. Trotzdem muss ich Ihnen sagen, sein Ungehorsam unter meiner Obhut gibt nicht gerade zu der Hoffnung Anlass, dass er geläutert werden kann.«

»Mr Lawford, ich empfehle Ihnen mit Nachdruck, uns vor der Unterhaussitzung Zugang zu Ihrer Einrichtung zu gewähren«, sagte Talia. »Sollten Sie einer vorbildlich arbeitenden Institution vorstehen, wie Sie behaupten, warum gestatten Sie uns dann nicht, das Gefängnis zu besichtigen und mit den Insassen zu sprechen –«

»Ihr Antrag wurde abgelehnt, Mylady«, fiel Lawford ihr scharf ins Wort. »Ich habe keine weiterreichenden Befugnisse in dieser Angelegenheit.« Dann lenkte er seinen Blick auf Alice. »Miss Colston, bitte verzeihen Sie diese Unannehmlichkeiten an einem Tag, der doch für Sie und Ihre Familie ein Tag der Freude sein sollte.«

»Können wir mit Lieutenant Lawford sprechen, Sir?«, fragte Talia und stellte zufrieden fest, wie sich Lawfords Miene vor Widerwillen verzog.

»Mein Onkel ist erkrankt und hat sich nach London in ärztliche Behandlung begeben«, gab er betont höflich zurück. »Aufgrund seines … gebrechlichen Zustands hat er die Verantwortung über Newhall mir übertragen.«

Noch ein Grund, warum auf Newhall ein dunkler Verdacht lastete. Was George Lawfords Krankheit betraf, so kursierte das Gerücht, er sei dem Alkohol verfallen. Außerdem hatte er die Gefängnisschiffe beaufsichtigt, die Verurteilte nach Australien und in andere Kolonien brachten, war jedoch seines Amtes enthoben worden, als Inspektionen der Schiffe entsetzlichste Bedingungen und zahlreiche Todesfälle ans Licht gebracht hatten. Daraufhin war er im vergangenen Jahr auf den »Ruhestandsposten« in Newhall versetzt worden und führte seitdem die Aufsicht über die dort inhaftierten jugendlichen Delinquenten.

Kurz nach seiner Versetzung hatte er seinen Neffen William zu seinem Stellvertreter ernannt, angeblich als Gehilfen bei der Ausführung seiner Amtspflichten. Wie jedermann wusste, hatte William jedoch recht schnell den gesamten Gefängnisbetrieb an sich gerissen und fungierte inzwischen zwar nicht nach Titel und Gehalt, aber de facto als Direktor der Einrichtung, während er das Desinteresse seines Onkels an diesem Posten geschickt deckte.

»Ich glaube, mein Vater, der Earl of Rushton, ist mit Lieutenant Lawford bekannt«, sagte Talia und strich ihre Handschuhe glatt. »Er bekleidet seit über einem Jahr einen Posten im Innenministerium. Ich hege keinen Zweifel, dass er gewillt ist, mich nach seiner Rückkehr nach London in der Angelegenheit der Gefängnisberichte zu unterstützen.«

Eigentlich hegte sie keinen Zweifel, dass ihr Vater vor Zorn rasen würde, wenn er erfuhr, dass seine einzige Tochter Zugang zu Haftanstalten zu erlangen suchte und sich um jugendliche Straftäter kümmerte … doch das musste Mr Lawford ja nicht unbedingt wissen.

Lawford schüttelte den Kopf. »Nun, ich bin sicher, Ihr Vater wird entzückt sein, wenn er von Ihrem neuesten Vorhaben erfährt, Mylady.«

Seine Stimme troff vor Sarkasmus.

Bevor Talia antworten konnte, trat der Türwärter wieder ein, gefolgt von Peter. Dieser trug nun ein altes Hemd, Jackett und Hose und hielt den Blick gesenkt. Er verharrte auch so, als Alice zu ihm ging und leise mit ihm sprach.

Talia wandte sich zum Gehen und versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen. Auch wenn sie kaum damit gerechnet hatte, dass Mr Lawford ihr Zugang zu Newhall gewährte, hatte sie doch gehofft, eine Schwachstelle in seiner Deckung zu finden, die sie zu ihrem Vorteil nutzen konnte.

Sie warf einen Blick auf Alice und ließ ihn dann zu Lawford wandern, der hinter seinem Schreibtisch stand. Der Mann musterte Alice, in seinen Augen lag ein abwägender, abschätzender Ausdruck, als versuche er, ein Rätsel zu lösen.

Talia war alarmiert. Mit dieser Art von Blick war sie nur allzu gut vertraut, und er gefiel ihr nicht. Sie war nach der Affäre ihrer Mutter mit einem jüngeren Mann oft genug selbst solchen Blicken ausgesetzt gewesen. Auch knapp vier Jahre nach der Scheidung ihrer Eltern musste sie sich manchmal immer noch unerwünschter männlicher Aufmerksamkeit erwehren.

Sie trat zu Alice, nahm sie beim Arm und deutete Richtung Tür. Alice nickte und forderte Peter auf, ihnen zu folgen. Doch bevor der Junge reagieren konnte, packte Lawford ihn bei der Hand.

»Du bist nun wieder in Freiheit, Peter, und ich hoffe, ich sehe dich innerhalb dieser Mauern nie wieder«, sagte er. »Wenn du beständig nach dem Königreich Gottes und Seiner Gerechtigkeit strebst, dann wird es dir gut gehen. Verlass dich darauf. Und, Miss Colston …«

Er umrundete den Tisch und ergriff Alice’ Hand. »Ich werde Ihnen und Ihrem Vater alsbald einen Besuch abstatten, um mich zu überzeugen, dass Peter sich gut in die Gesellschaft einfügt.«

»Danke, Sir.«

Mr Fletcher hielt die Tür auf. Alice und Peter verließen das Gebäude und gingen zu der wartenden Kutsche. Als Talia ihnen folgen wollte, schloss sich Lawfords Hand um ihren Arm. Obwohl sie wegen der Anwesenheit Mr Fletchers nicht beunruhigt zu sein brauchte, verstärkten sich ihre dunklen Vorahnungen.

»Ich empfehle Ihnen mit Nachdruck, meine Worte zu beherzigen«, murmelte Lawford. »Ich werde nicht zulassen, dass mein Antrag auf ein neues Gefängnis wegen Ihres lächerlichen Greinens nach Reformen und einer besseren Behandlung jugendlicher Straftäter abgelehnt wird. Und den Namen Ihres Vaters können Sie in die Waagschale werfen, so oft Sie wollen. Wir wissen beide, dass er Ihre abenteuerlichen Unternehmungen niemals unterstützen wird. Ich würde sogar vermuten, dass er weit eher geneigt sein würde, mir bei den meinen zu helfen.«

»Mylady.« Fletcher musterte Lawford mit zusammengekniffenen Augen.

»Kümmern Sie sich um Ihre Teepartys und Bälle, Lady Talia«, sagte Lawford noch, bevor er ihren Arm losließ. »Und halten Sie sich von meinem Gefängnis fern.«

»Guten Tag, Sir«, sagte Fletcher steif.

»In drei Tagen werde ich nach London reisen, um meinen Onkel zu besuchen und mich mit Lord Thurlow wegen meines Vorschlags zum Bau eines Gefängnisses in Shipton Fields zu besprechen«, sagte Lawford. »Vielleicht treffe ich Sie beide dort … na ja, natürlich nicht Sie, Mr Fletcher, aber auf jeden Fall Lady Talia. Ich habe bereits zahlreiche Einladungen.«

Talia fand den Gedanken, Mr Lawford während der Saison zu begegnen, zwar wenig reizvoll, trotzdem könnte es eine Möglichkeit sein, mehr Unterstützung für ihre Sache zu gewinnen. Als Gast auf einem eleganten Ball würde er sie zumindest nicht bedrohen, müsste er doch fürchten, dass jegliches Aufsehen alle Anstrengungen, seine gesellschaftliche Stellung zu verbessern, zunichtemachen könnten.

Ohne Lawford einen guten Tag zu wünschen, verließ Talia das Büro und stieg in die wartende Droschke. Sie nahm gegenüber von Peter und Alice Platz, während Mr Fletcher den Kutscher anwies, sie zurück in die Stadt zu fahren.

»Lasst uns Peter wohlbehalten nach Hause bringen«, sagte Talia. »Ich glaube, der nächste Zug geht um zwölf Uhr mittags, also haben wir noch genügend Zeit für einen kleinen Imbiss in der Stadt. Du bist doch sicher hungrig, Peter?«

Der Junge zuckte gleichgültig mit den Schultern. Talia und Alice tauschten einen Blick, und als sie die Verzweiflung in den Augen der jungen Frau sah, zog sich Talias Herz zusammen. Sie würden wohl niemals erfahren, was Peter hinter den dicken Mauern von Newhall hatte erdulden müssen.

Zwar ließ der Junge äußerlich keinerlei Anzeichen für eine schlechte Behandlung erkennen, doch von anderen, die dort ihre Strafe abgesessen hatten, wusste Talia mancherlei über die disziplinarischen Maßnahmen, die man in Newhall anwandte. Obgleich ihr der Gedanke an die Grausamkeiten zuwider war, die die Wärter an den Jungen verübten, hoffte sie doch, dass Peter eines Tages über seine Erfahrungen sprechen würde. Seine Aussage konnte entscheidend zum Erfolg der geplanten Reformen beitragen, und das war der einzige Weg, diesen Zuständen abzuhelfen.

»Dein Vater freut sich darauf, dass du nach Hause kommst, Peter«, sagte Mr Fletcher.

»Nee, tut er nich.« Peter starrte aus dem Fenster.

»Aber natürlich tut er das.« Alice tätschelte ihrem Bruder die Hand. Ihre Stimme klang fröhlich, doch ihre Augen waren dunkel vor Sorge. »Papa war sehr beschäftigt, darum konnte er heute nicht mitkommen. Aber wir haben anlässlich deiner Rückkehr ein besonderes Essen geplant. Gekochten Schinken, Gemüse und Steckrübenmus. Und Lady Talia hat als Dessert einen leckeren Aprikosenkuchen mitgebracht.«

Peters Reaktion nach zu urteilen, hätte sie genauso gut über die Anzeigenrubriken in der Times reden können. Talia versuchte, eine neuerliche Welle von Schuldbewusstsein zu unterdrücken, die in ihr aufstieg, während die Droschke sich dem Stadtzentrum näherte. Alice drückte Peters Hand.

Sie sehen sich ähnlich, dachte Talia, als sie die beiden betrachtete. Besonders die Augenpartie. Zwar hatte Alice blaue Augen und Peter braune, doch waren sie bei beiden mandelförmig und von dichten, dunklen Wimpern beschattet. Ansonsten waren die beiden Geschwister das genaue Gegenstück des jeweils anderen – Alice’ wunderhübsches Gesicht mit dem blonden Haar bildete einen starken Kontrast zu Peters schwarzem Haar und dessen scharf geschnittenen Gesichtszügen.

Alice deutete aus dem Fenster und sagte etwas zu ihrem Bruder. Obwohl er immer noch nicht reagierte, erschien in seinen Augen ein schwaches, amüsiertes Glitzern.

Talia, der gar nicht aufgefallen war, dass sie die Luft angehalten hatte, atmete hörbar aus. Alice und Peter waren Geschwister. Ganz gleich, was Peter in Newhall oder vorher erduldet hatte, ganz gleich, was ihm nach neun Monaten Gefängnis bevorstand … zumindest würde er immer Alice haben.

Die roten Mauern des Gefängnisses verschwanden in der Ferne. Bedauern begann an Talia zu nagen, als sie an ihre eigenen Brüder dachte. Alle vier lebten weit entfernt von London ihr eigenes Leben. So sehr sie sie auch vermisste, hoffte sie doch, sie wären zu beschäftigt, um sich Sorgen um ihre kleine Schwester zu machen.

Zum ersten Mal in den vierundzwanzig Jahren ihres Lebens waren die Dinge genauso, wie sie sie wollte. Außerdem konnte sie ohne ihre Brüder, die ihr Vorhaben vereiteln würden, endlich versuchen, sich bei Peter Colston dafür zu revanchieren, dass er ihretwegen im Gefängnis gelandet war.

In Konstantinopel überzog das Licht der untergehenden Sonne die Kuppeln der Gebäude und die Spitzen der Minarette mit einem rotgoldenen Schimmer. Händler, Dienstmänner und verschleierte Frauen gingen an Läden vorbei, in denen sich einheimische Waren und Güter aus England türmten. Soldaten mit rotem Fez aus Filz patrouillierten in den Straßen oder saßen lässig in Straßencafés. An den Verkaufsständen gegenüber einer Moschee hingen farbenprächtige Teppiche, und die Luft war geschwängert von Rauchgeruch und dem Duft nach Gewürzen.

Ein Kellner kam an den Tisch, um James’ Tasse mit frischem Kaffee aufzufüllen. Er war dickflüssig und stark, ein deutlicher Unterschied zu dem wässrigen Aufguss, den man in den Londoner Teehäusern servierte. Nachdem er noch einen Teller Süßigkeiten aus Reis und Honig auf den Tisch gestellt hatte, machte der Kellner eine kleine Verbeugung und verschwand.

»Ein Gefängnis.« Alexander Hall, Lord Northwood, blickte James von der anderen Seite des Tisches her finster an. »Was hat meine Schwester in einem Gefängnis verloren?«

Auch in James löste die Vorstellung, Talia könne sich auch nur in der Nähe eines solchen Ortes befunden haben – geschweige denn darin –, Beklemmung aus. Trotzdem versuchte er, seinen Ton höflich fragend zu halten.

»Woher weißt du, dass sie dort war?«

»Haverton begleitete Lieutenant Colonel Jebb bei einer Untersuchung«, erläuterte North. »Er sah, wie Talia Smithton verließ. Rushton würde ihr mit Sicherheit nicht erlauben, ein Gefängnis aufzusuchen, was bedeutet, dass er nichts davon gewusst haben kann.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«

»Noch nicht. Er besucht uns in St. Petersburg, sobald er seine Geschäfte für das Innenministerium in Kiew erledigt hat. Er wird außer sich sein, wenn er erfährt, dass Talia in etwas so Unappetitliches verwickelt ist.«

»Du weißt doch gar nicht genau, ob es stimmt, North«, widersprach James, immer noch bemüht, einen pragmatischen Tonfall zu wahren. »Sie ist ein vernünftiges Mädchen und würde nie und nimmer sich selbst oder jemand anderen einem Risiko aussetzen.«

»Das habe ich auch immer geglaubt«, murmelte Northwood. »Und hätte ich auch nur den kleinsten Hinweis darauf gehabt, dass sie sich mit kriminellen Elementen einlässt, hätte ich ihrer Wohltätigkeitsarbeit schon längst einen Riegel vorgeschoben. Ich dachte, ihr Engagement bei den Armenschulen bestünde darin, Kindern aus ärmlichen Verhältnissen Zugang zu Bildung zu verschaffen, um Himmels willen.«

James spreizte die Finger und ballte sie dann zu Fäusten. Es war jetzt ein Jahr her, dass er London verlassen hatte, und er hatte auf seinen Reisen eine ganze Menge mit Strafgefangenen zu tun gehabt, an Bord von Schiffen oder auch in den Docks. Er wusste, wie sie tickten, diese rauen, gebrochenen Männer, die alle Hoffnung verloren hatten und denen es egal war, wen sie verletzten. Falls es stimmte, falls Talia sich wirklich in Gefahr brachte … unvermittelt stieg Furcht in ihm auf und beschleunigte seinen Puls.

»Es gefällt mir nicht«, fuhr Northwood fort. »Und Rushton wird es auch nicht gefallen. Doch er kann erst etwas unternehmen, wenn er im September nach London zurückkehrt. Er hegt die Hoffnung, dass Talia sich bis dahin entschieden haben wird, wen sie heiratet.«

James hustete und griff nach seiner Tasse, um die Bestürzung zu verbergen, die ihn bei der Erwähnung von Talias Heirat überfiel. Er nahm einen Schluck Kaffee und versuchte, seiner Stimme einen neutralen Ton zu geben.

»Wie ich hörte, hat sie letzten Sommer deinen Vorschlag, Lord Fulton zu ehelichen, nicht gerade gut aufgenommen«, bemerkte er.

»Eine Ehe mit Fulton würde ihre Zukunft sehr gut absichern«, erwiderte Northwood. »Und als ich sie fragte, ob sie jemand anderen im Sinn hätte, weigerte sie sich, es mir zu sagen. Allerdings machte sie sehr deutlich, dass sie diesbezüglich keinerlei Einmischung wünscht.«

James lehnte sich zurück und sah über Northwoods Schulter hinweg auf den Basar. In bunten Farben leuchtende Schals flatterten von einem der Stände wie riesige Schmetterlinge. Vor James’ geistigem Auge tauchte ein Bild auf: Talias weiße Haut, die im Licht des Kaminfeuers glänzte, eine Haarlocke, die auf ihre Schulter fiel, als sie ihn mit ihren smaragdgrünen Augen anblickte …

Er schob die Erinnerung zusammen mit der unweigerlich aufwallenden Hitze beiseite. Während des ganzen letzten Jahres hatte er sich gezwungen, nicht an jenen Abend in Floreston Manor zu denken, sich nicht daran zu erinnern, wie sein Innerstes in Flammen gestanden hatte, als ihm klar geworden war, dass Lady Talia Hall nicht nur eine schöne Frau war, sondern auch eine außerordentlich begehrenswerte.

Zwar war es ihm gelungen, die Erinnerung an sie zumindest tagsüber zu unterdrücken, doch des Nachts war er machtlos dagegen gewesen. Des Nachts hatten sich immer wieder aufreizende Bilder von ihm und Talia in seine Träume gestohlen und ihn erregt und voller schmerzlicher Sehnsucht nach einer Frau zurückgelassen, die er nicht begehren durfte.

Northwood redete immer noch. James blinzelte und versuchte, sich wieder auf die Worte seines Freundes zu konzentrieren.

»… soll das letzte Mal in Kalifornien gesehen worden sein«, sagte North gerade. »Und was ist mit deiner nächsten Expedition? Du sagtest, du seist auf Schwierigkeiten gestoßen?«

James nickte und zwang sich, die Gedanken an Talia endgültig zu verdrängen und sich auf das zu fokussieren, weswegen er diesen Abstecher gemacht hatte, um sich mit Northwood zu treffen.

»Der russische Vizeadmiral blockiert unsere Zufahrt nach Norden«, erklärte er. »Aus diversen Quellen verfügen wir über finanzielle Mittel, und die Vorbereitungen sind beinahe abgeschlossen, aber wir können nicht die Segel setzen, ehe wir nicht wissen, ob wir ins Amur-Becken dürfen.«

Er schob Northwood einen Stapel Papiere hin. »Das ist die detaillierte Planung. Wie du feststellen wirst, dürfte auch dein Handelsunternehmen ganz gut davon profitieren. Besonders, wenn wir erst die Zuwege und Straßen zu den Städten und Häfen kartiert haben. Bitte lege bei Vizeadmiral Petrow ein gutes Wort für mich ein.«

Northwood begann, mit gerunzelter Stirn die Papiere durchzugehen. James konnte beinahe sehen, wie es im Kopf des Freundes arbeitete. Schon als Junge hatte North niemals vorschnell seine Zustimmung zu etwas gegeben, ein Problem immer zuerst von allen Seiten betrachtet, ehe er eine Entscheidung traf.

Zwar machte James es oft genauso, doch jetzt verspürte er eine leichte Ungeduld, während er zusah, wie North die Planung studierte. Die Russen hatten die Grenzen Sibiriens beträchtlich nach Süden ausgedehnt, und das war der Grund, warum sie es einer britischen Expedition nicht gestatten wollten, in das Gebiet zu reisen. Insbesondere, wenn solch eine Expedition den vollen Umfang der russischen Geländegewinne im Osten ermessen und womöglich zu der Schlussfolgerung gelangen könnte, diese stellten eine potenzielle Bedrohung für den Süden und die britischen Territorien dar.

James war nicht daran interessiert, Spekulationen über russische Gebietsansprüche anzustellen und noch weniger daran, militärische Geheiminformationen an die britische Regierung zu liefern. Er wollte lediglich das Land kartografieren und in der Region ethnografische Studien treiben. Doch das wusste Vizeadmiral Petrow nicht.

»Die Planung steht. Sie sieht vor, dass ich im Juni aus London abreise«, erklärte er Northwood. »Aber Petrow hat seine Zustimmung verweigert, und der Generalgouverneur von Sibirien hat seine bereits erteilte Genehmigung unseres Vorhabens wieder zurückgezogen.«

North musterte seinen Freund. »Du hast schon alles vorbereitet? Eine Crew angeheuert?«

»Und Schiffe. Ich möchte sie keinesfalls einem Risiko aussetzen, indem ich ohne Genehmigung in das Amur-Becken steuere. Aber sollte ich gezwungen sein, das gesamte Vorhaben abzublasen, dann verliere ich meine Glaubwürdigkeit bei der Royal Geographical Society. Sie werden meine Fähigkeit in Frage stellen, in Zukunft erfolgreiche Expeditionen zu leiten.«

James wusste nicht, was er tun würde, falls ihm die Finanzierung für künftige Unternehmungen wegbrach. Die Vorstellung, unfreiwillig in London festzusitzen und sich mit den Hinterlassenschaften seines Vaters und den hässlichen Schatten der Vergangenheit beschäftigen zu müssen …

Er holte tief Luft. Er brauchte diese Reisen. Er brauchte die kalte, salzige Meeresluft, die tanzenden Wogen, das Rollen des Schiffes unter seinen Füßen, die Weiten unerforschter Länder. Er brauchte es, in der Welt unterzutauchen.

Ein Gefühl des Gedrängtseins überkam ihn, und er beugte sich vor. »Ich brauche deinen Einfluss, North. Du hast gute Geschäftsbeziehungen zu Petrow. Wenn du ihm versichern würdest, dass wir lediglich ethnologische Studien treiben und das Land kartografieren wollen, dann ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass er uns die Einreise erlaubt.«

»Du meinst, auf mein Wort hin.«

»Ja. Petrow vertraut dir. Ich ebenfalls.«

Und dieses Vertrauen in Northwood war grenzenlos. North wusste, warum James immer wieder neue Expeditionen plante.

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