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Ein Mann will nach oben

Inhaltsübersicht

Erstes Buch: Der Jüngling

Vorspiel: Die kleine Stadt

1. Staub zu Staub

2. Die Zukunft in der Küche

3. Abschied von der Jugend

Erster Teil: Rieke Busch

4. Fahrt mit der Kleinbahn

5. Auf der Reise

6. Ankunft in der Wiesenstraße

7. Der alte Busch

8. Auf der Arbeitsuche

9. Rein in die Arbeit! Raus aus der Arbeit!

10. Reue

11. Herr von Senden, Schwager des Kalubrigkeit

12. Der eifersüchtige Bäcker

13. Suche nach Vater

14. Auf dem Zeichenbüro von Kalubrigkeit & Co.

15. Bruder und Schwester

16. Die Nähmaschine

17. Der Laufbursche

18. Ein Zwischenfall im Zeichenbüro

19. Kalli Flau tritt auf

20. Später Besuch und Streit

21. Schlag um Schlag

22. Es geht um Geld

23. Alles am Ende

Zweiter Teil: Kalli Flau

24. Ein harter Winter

25. Karl Siebrecht macht ein Angebot

26. Zusammenstöße

27. Streit mit Kalli Flau

28. Die rote Mütze

29. Ein Geldmann meldet sich

30. Franz Wagenseil tritt auf

31. Auszug von Rieke

32. Der erste Tag

33. Der zweite Tag – am Tage

34. Der zweite Tag – am Abend

35. Der dritte Tag

Dritter Teil: Franz Wagenseil

36. Vier Jahre später

37. Telefongespräch mit einem alten Bekannten

38. Kriegserklärung an Franz Wagenseil

39. Fräulein Bruder im Tiergarten

40. Ein Vertrag mit Herrn von Senden

41. Schlimme Nachrichten

42. Ein Hausfriedensbruch

43. Warten auf einen Zwischenfall

44. Der Zwischenfall

45. Die Niederlage

46. Rettung?

47. Herr Regierungsrat Kunze

48. Der Vater einer jungen Dame

49. Der frische Wind und die Kanalljenvögel

50. Nach dem Sieg

Zwischenspiel: In der fremden Heimat

51. Bowle und Bild

52. Auf Wiedersehen zu Weihnachten

53. Die Heimat aus der Ferne

54. Derselbe und verwandelt

55. Die alte Minna

56. Der Vormund

57. Erika

58. Das Silberherz

Zweites Buch: Der Mann

Vierter Teil: Friederike Siebrecht

59. Mahnung an ein Versprechen

60. Der Kriegsgefangene

61. Das rote Kleid wird genäht

62. Hochzeitsvorbereitungen

63. Suche nach dem Vergangenen

64. Dann sprechen wir uns wieder

65. Eine letzte Mahnung

66. Der Taxichauffeur

67. Eine neue Karte wird gespielt

68. Dumala tritt auf

69. Die erste verbotene Fahrt

70. Heimkehr von der Fahrt

71. Keine Ehe, keine Heimat

72. Zwei seltsame Fahrgäste

73. Herr von Senden bekommt und gibt Nachrichten

74. Kalli empört sich

75. Bruch mit Rieke

76. Hertha Eich heharrt

77. Karl Siebrecht wird Aufkäufer

78. Kalli Flau bittet und fordert

79. Kampf um Autos

80. Spiel um ein Lastauto

81. Vorbereitungen – für nichts

82. Der Mann mit dem Traum

83. Abschied von einem Arzt

84. Ein letzter Befehl von Dumala

85. Heb sie doch auf!

Fünfter Teil: Hertha Siebrecht

86. Neue kleine Anfänge

87. Abschied von Kalli Flau

88. Eine Heilspredigt des Herrn von Senden

89. Nächtliche Aussprache im Tiergarten

90. Hertha Eich ist recht überraschend

91. Erste Verhandlung mit Herrn Eich

92. Das Geld strömt herbei

93. Hertha Eich verreist

94. Die Firma kommt in Gang

95. Bist du es, Hertha?

96. Hertha Eich ergreift die Zügel

97. Sie leben sich ein

98. Souper mit Senden

99. Der Gute Ruf

100. Der dritte Punkt

101. Warten vor der Hochzeit

102. Ein letzter Versuch

103. Das lange Zwiegespräch

104. Die Hochzeit

105. Es ist soweit

Sechster Teil: Ilse Gollmer

106. Im Juni 1931

107. Herr von Senden braucht Geld

108. Bremer als Mahner

109. Beim Anwalt Lange

110. Hertha Siebrecht contra Karl Siebrecht

111. In der Weißen Maus

112. Maria Molina

113. Zu zweien

114. Streit

115. Trunkenheit

116. Suche nach Geld

117. Bremer geht in Urlaub

118. Ungewißheit

119. Du sollst frei sein!

120. Man kehrt heim

Nachspiel: Der Sohn

121. Zwei Landleute auf dem Stettiner

122. Der Sohn Karl Flau

123. Berlin erobert uns

124. Was blieb vom Traum?

 

In diesem Buch ist alles erfunden; es ist ein Roman, also ein Werk der Phantasie.

Das möchte der Verfasser, wie bei manchem seiner früheren Werke, einleitend feststellen. Diese Feststellung gilt nicht nur für die Personen und Ereignisse, sondern auch ganz besonders für die Gründung und das Werden jenes in diesem Roman geschilderten Berliner Unternehmens, das die Gepäckbeförderung zur Aufgabe hat.

Der Verfasser vermied es mit Absicht, über die Geschichte eines tatsächlich bestehenden derartigen Unternehmens auch nur das geringste in Erfahrung zu bringen; er wollte frei erfinden können, und das hat er dann auch getan.

Trotzdem hofft der Verfasser, ein getreues Bild verschiedener Zeitepochen seit 1910 in der Hauptstadt Berlin gegeben zu haben.

H. F.

Erstes Buch

Der Jüngling

VORSPIEL • DIE KLEINE STADT

1. Staub zu Staub

»Asche zu Asche! Erde zu Erde! Staub zu Staub!« rief der Pastor, und bei jeder Anrufung menschlicher Vergänglichkeit warf er mit einer kleinen Kinderschippe Erde hinab in die Gruft. Unerträglich hart polterten die gefrorenen Brocken auf das Holz des Sarges.

Den jungen Menschen, der hinter dem Geistlichen stand, schüttelten Grauen und Kälte. Er meinte, der Pastor hätte dem Vater die Erde sanfter ins Grab geben können. Doch als er nun selbst die Erde auf den toten Vater hinabwarf, schien sie ihm noch lauter zu poltern. Ein Schluchzen packte ihn. Aber er wollte nicht weinen, er wollte nicht hier weinen vor all diesen Trauergästen, er wollte sich stark zeigen. Fast hilfeflehend richtete er den Blick auf den Grabstein von rötlichem Syenit, der senkrecht zu Häupten des Grabes stand. »Klara Siebrecht, geboren am 16. Oktober 1867, gestorben am 21. Juli 1893« war darauf zu lesen. Von diesem Stein konnte keine Hilfe kommen. Die goldene Schrift war vom Alter schwärzlich angelaufen, das Sterbedatum der Mutter war zugleich sein Geburtstag; er hatte die Mutter nie gekannt. Und nun würde bald auch der Name des Vaters auf diesem Stein zu lesen sein mit dem Todestag: 11. November 1909.

Asche zu Asche! Erde zu Erde! Staub zu Staub! dachte er. Nun bin ich ganz allein auf der Welt, dachte er, und wieder schüttelte ihn ein Schluchzen.

»Gib mir die Schippe, Karl«, flüsterte der Onkel Ernst Studier und nahm sie ihm schon aus der Hand.

Karl Siebrecht trat verwirrt zurück neben Pastor Wedekind. Der gab ihm fest die Hand, sah ihm ernst ins Auge. »Ein schwerer Verlust für dich, Karl«, sagte er. »Du wirst es nicht leicht haben. Aber halte die Ohren steif und vergiß nicht, daß Gott im Himmel keine Waise verläßt!«

Und nun kamen sie alle, der Reihe nach, schüttelten ihm die Hand und sagten ein paar Worte, meist ermahnenden Inhalts, stark zu sein; sie alle, von dem gelblichen Onkel Studier an bis zu dem dicken Hotelier Fritz Adam. Und keiner von ihnen allen sagte auch nur ein nettes Wort über Vater, der ihnen doch immer gefällig und hilfreich gewesen war, viel zu gefällig und viel zu hilfreich, dachte der Sechzehnjährige mit Erbitterung. Aber ich will nicht so gutmütig sein wie Vater, dachte er. Ich werde in meinem Leben stark und hart sein!

Sein Herz wurde gleich wieder weich, als nun nach all den Männern als einzige Frau die alte Minna am Grabe stand, Minna mit ihrem wie aus Holz geschnittenen Gesicht, die schon bei seiner Mutter gedient und ihn großgezogen, die jahraus, jahrein den heranwachsenden Sohn betreut hatte. Ein sanftes Gefühl machte ihn beben, als er sie so starr und tränenlos am Grabe stehen sah. Arme alte Minna, dachte er. Was wird nun aus dir? Sie umfaßte seine Hand mit einem Griff. »Mach schnell, daß du nach Hause kommst, Karl –«, flüsterte sie. »Du siehst schon ganz blau aus. Ich setze gleich was Warmes für dich auf!«

Nun gingen alle. Karl Siebrecht sah das Barett des Geistlichen schon nahe der Kirchhofspforte, ihm folgte in kleinem Abstande der Troß der Trauergäste. Alle hatten es eilig, aus dem eisigen Novemberwind zu kommen. »Nun mach schon zu, Karl!« drängte der Onkel Ernst Studier. »Deinem Vater ist auch nicht damit geholfen, daß wir hier stehen und frieren.«

»Recht hast du, Ernst!« stimmte der Hotelier Adam zu und setzte sich auf der anderen Seite Karl Siebrechts in Marsch. »Wir wollen sehen, daß wir rasch ins Warme kommen!«

Aber der Junge achtete gar nicht auf die lieblosen Worte der beiden. Ihm war es, als habe er hinter einem Grabstein etwas huschen sehen, nach dem Grabe des Vaters zu. Wirklich, es war Erika, seine kleine Nachbarin, die vierzehnjährige Tochter des Pastors Wedekind. Sie hatte sich heimlich zum Begräbnis geschlichen, und sie hätte doch in dieser Nachmittagsstunde im Handarbeitsunterricht sein müssen! Gute, kleine Erika – jetzt warf sie Blumen in das Grab …

»Was hast du denn, Karl?« rief der Onkel und hielt den Stolpernden. »Wo hast du denn deine Augen?«

»Süh mal süh«, sagte der Hotelier, und seine Augen waren vor heimlichem Vergnügen ganz klein geworden. »Ist das nicht Wedekinds Erika? Das sollte Pastor Wedekind wissen! Um deinen Vater ist die auch nicht hierhergekommen, Karl!«

»Das finde ich nicht hübsch von dir, Karl!« Onkel Ernst Studier führte den Jungen fast gewaltsam aus der Kirchhofspforte. »Am Begräbnistag deines lieben Vaters solltest du andere Dinge im Kopf haben! Und überhaupt: Du bist erst sechzehn, und sie kann kaum vierzehn sein …!«

»Was ihr auch immer gleich denkt!« rief der Junge zornig. »Wir sind nicht so, wie ihr – denkt!«

»Wir denken schon das Richtige – leider!« antwortete der Onkel streng. »Überhaupt, eine Pastorentochter steht viel zu hoch für dich«, erklärte er. »Du kannst froh sein, wenn dich irgendwer in die Lehre nimmt!«

»Das kannst du!« stimmte Adam zu. »Für einen Lehrling bist du mit deinen Sechzehn zu alt, und für die Schule ist kein Geld da!«

Aber Karl Siebrecht achtete nicht mehr auf ihr Geschwätz, er war nur froh, daß sie nicht mehr von Erika Wedekind sprachen. Mit Abneigung sah er auf die nüchternen Backsteinfassaden der märkischen Kleinstadt, auf die dürftigen Ladenauslagen der kleinen Krämer, wie der Onkel Ernst Studier einer war. Dreimal war er mit dem Vater in Berlin gewesen, immer nur auf ein paar Tage, aber doch hatte ihn die Großstadt bezaubert. Der Vater hätte gar nicht erst zu sagen brauchen: »Mach es nicht wie ich, Karl, setz dich nicht in einem solchen Nest fest. Alles wird klein und eng dort. Hier hat man Platz, hier kann man sich rühren.« Oh, er wollte sich rühren, die sollten ihn nicht halten können!

Vor dem Hotel »Hohenzollern« stand wartend ein ganzer Trupp der Leidtragenden. »Das hab’ ich mir doch gedacht!« rief Fritz Adam. »Ja, kommt nur alle ’rein, meine Alte hat das Grogwasser schon heiß! Das wird uns guttun! – Du darfst auch mitkommen, Karl! Heute darfst du ausnahmsweise ein Glas Grog trinken!«

»Nein, danke!« sagte Karl Siebrecht. »Ich geh schon nach Haus!«

»Wie du willst!« sagte der Hotelier etwas beleidigt. »Viel Grog wird dir in den nächsten Jahren bestimmt nicht angeboten!«

Und der Onkel Studier: »Um fünf sind wir dann alle bei dir und besprechen deine Zukunft. Sage der Minna, sie soll uns einen guten Kaffee kochen.«

Hinter der nächsten Hausecke wartete Karl Siebrecht, bis sie alle in Adams Hotel verschwunden waren. Dann lief er im Trab zum Friedhof zurück. Aber sosehr er sich dort auch umsah, es war alles leer und still. Seine kleine Freundin war schon gegangen. So schlich er leise an das Grab. Es lag, wie er es verlassen, die Totengräber waren noch nicht dagewesen. Er sah hinab auf den Sarg. Über der hinabgeworfenen Erde lagen drei Blumen, die sie gebracht, drei weiße späte Astern. Zwischen Schauder und Verlangen kniete er an des Vaters Grab nieder, beugte sich tief in die Gruft und nahm sich eine Blume vom Sarg.

2. Die Zukunft in der Küche

In der Stube redeten sie immer lauter; sie wurden wohl über seine Zukunft nicht einig. Der Junge starrte aus dem Küchenfenster in die vom Wind durchpfiffene nasse Novembernacht. Hinter seinem Rücken wirtschaftete die alte Minna mit ihren Töpfen am Herde. Jetzt schraubte sie den Docht der Petroleumlampe niedriger, daß die Küche fast im Dämmer lag. Sie sagte: »Es ist bald Abendessenszeit, soll ich dir Stullen machen, Karl?«

»Ich kann nicht essen – wenigstens so lange nicht, bis über meine Zukunft entschieden ist!«

»Da wird nicht viel zu entscheiden sein! Du wirst Verkäufer werden müssen bei deinem Onkel Ernst!«

»Nie, Minna! Das nie! Hast du wirklich gedacht, ich würde bei Onkel Ernst unterkriechen und in seinem Kramladen grüne Seife verkaufen? Nie – nie – nie!«

»Aber was dann, Karl? Du weißt, es ist kein Pfennig da. Wenn alles verkauft ist, reicht es vielleicht gerade für die Schulden. Was willst du denn anfangen?«

»Ich gehe fort, Minna. Minna, verrat mich nicht, ich gehe nach Berlin!«

»Das werden die nie erlauben!«

»Ich gehe, ohne sie zu fragen!«

»Aber was willst du denn in Berlin anfangen? Du hast nichts gelernt, du bist nur ein Schüler gewesen, du bist körperliche Arbeit nicht gewohnt!«

»Ich bin stark, ich bin stärker als alle, Minna. Ich will raus hier aus der Enge! – Ich hasse hier jeden Stein, jedes Haus, jedes Gesicht – nur dein gutes, altes Gesicht nicht, Minna! Ich will fort von dem allen, es hat den Vater kaputtgemacht, ich will nicht, daß es mir ebenso geht!«

»Du weißt nicht, Karl, wie schwer ein Leben ist, in dem man ganz auf sich allein gestellt ist!«

Karl Siebrecht rief mit heller Stimme: »Es soll ja schwer sein, Minna! Ich will gar kein leichtes Leben haben. Ich will viel werden, ich fühle dazu die Kraft in mir!«

Unbeirrt fuhr das alte Mädchen fort: »Und dann das Leben in der großen Stadt! Du, der nie ruhig sitzen kann, der jede freie Stunde draußen war – du willst immer in solchen hohen Steinhäusern hocken, ohne Licht und Sonne – du wirst todunglücklich dabei, Karl!«

»Und wenn ich dort unglücklich werde, Minna, so weiß ich, es hat sich gelohnt. Hier wäre ich auch jeden Tag unglücklich, und wofür, Minna, wofür? Was kann ich denn hier werden –?!«

»Man kann überall etwas Rechtes werden, Karl!«

»Das ist so ein Spruch, wie ihn der Pastor Wedekind sagt. Ich kann mit solchen Sprüchen nichts anfangen. Ich hab’s hier in der Brust, Minna, ich muß fort von hier, wo mich jedes Gesicht, jeder Baum an den Vater erinnert, wo sie alle in meinem Rücken flüstern: Das ist der Junge vom Maurermeister Siebrecht, der Bankrott gemacht hat!«

Sie hatte die Hände auf seine Schulter gelegt, sie sagte: »Also geh, mein Junge, geh! Ich halte dich gewiß nicht, wenn du mußt!«

»Ja, ich muß, Minna, weil ich etwas werden will – ein wirklicher Mann! Die hier werden schon nachgeben, der Onkel Studier, mein Vormund, und der dicke Fritz Adam, Vaters Freund. Ich werde ihnen nie lästig fallen, ich werde sie nie um etwas bitten! Ich komme nicht eher zurück, bis ich etwas geworden bin, etwas Richtiges! Und dann besuche ich dich, Minna, dann hole ich dich zu mir nach Berlin, vielleicht in einem Automobil …!«

Minna sah in seine leuchtenden Augen. Plötzlich – sie wußte selbst nicht, wie das gekommen war –, plötzlich hatte sie ihn umfaßt, sie hatte ihn gegen ihre Brust gedrückt, sie preßte ihn fest an sich. »Ach, du Kind, du«, flüsterte sie und war froh, daß er die ungewohnten Tränen in ihren Augen nicht sehen konnte. »Ach, du großer, kleiner Junge, du! Willst du mir jetzt aus dem Nest fliegen?! Paß nur auf, es gibt so viele große, böse Vögel, und es kommen Stürme, für die deine Flügel zu schwach sind …! Aber fliege nur fort, du hast ja recht; besser fliegen als kriechen!«

3. Abschied von der Jugend

Der Tag war grau, es wollte nicht hell werden. Am Fenster der Schlafstube stand Karl Siebrecht, sah hinaus in den kleinen Garten, dessen kahle Bäume von immer neuen Stößen des Novemberwindes erzitterten, sah über den Garten fort, zu der Rückseite des Wedekindschen Hauses … Hinter ihm packte Minna Anzüge und Wäsche in einen Reisekorb. Sie hielt eine Hose aus gelblichem geripptem Samt in die Höhe und sagte: »Dann ist da noch Vaters Manchesterhose, die ist noch ganz gut. Wenn du ein bißchen wächst, wird sie dir passen!«

»Pack bloß nicht zuviel ein, Minna!« rief, ohne sich umzuwenden, der Junge ungeduldig. »Was soll ich mit all dem Zeug?«

»Es ist schon nicht zuviel Zeug da, Karl!« antwortete Minna trübe und legte die Hose in den Korb. Sie griff nach einem Stoß Wäsche.

Der Junge hielt in der Handfläche verborgen einen kleinen runden Taschenspiegel. Von der kahlen, leeren Rückwand des Pastorenhauses sah er ungeduldig empor zum vorwinterlichen Himmel, auf dem sich graue, lockere Wolken jagten. Er flehte um eine, um eine halbe Minute Sonnenschein …

An seinem Stehpult, mit der Ausarbeitung der Sonntagspredigt beschäftigt, stand der Pastor Wedekind – ihm fuhr der im Spiegel gefangene Sonnenstrahl zuerst blitzend ins Auge. »Da ist doch wieder dieser infame Bengel mit seinem Taschenspiegel zugange!« rief er, empört auffahrend. »Und so was am Tage, nachdem wir seinen Vater zur Ruhe geleitet haben!«

Der Sonnenfleck war schon über die Stubendecke fortgetanzt, er glitt, von dem mißbilligenden Blick des Geistlichen verfolgt, am Kachelofen hinab und blieb einen Augendblick auf der Stirn der Frau Pastor ruhen. Sie schlug nach ihm, als sei er eine lästige Fliege. »Erika!« rief der Geistliche entrüstet. »Erika! Sofort gehst du – –«

Den Geistlichen, der zwischen Fenster und Tisch getreten war, traf ein zweites Mal das Licht des Novembertages, diesmal bestrahlte es die fleischige Backe. Er fuhr mit dem Kopf zurück, und der goldene Fleck ließ sich auf der Tischplatte nieder, gerade vor Erikas häkelnden Händen. Er zitterte ein wenig hin und her, schob sich nahe an die Hände heran, berührte, vergoldete, umspielte die Finger – – »Sofort gehst du in das Siebrechtsche Haus und sagst dem infamen Bengel, daß ich mir diesen Unfug verbitte – ein für allemal! Ich sei empört, daß er heute, an einem solchen Tage – ich meine, nach einem solchen Tage – –«.

»Jawohl, Papa!« sagte Erika und löste mit einem leichten Bedauern ihre Hände aus dem Lichtgruß. Sie ging zur Tür.

»Aber in zwei Minuten bist du wieder hier!« befahl die nicht ganz so ahnungslose Mutter.

»Jawohl, Mama!«

»Ach nein, laß mich lieber selbst gehen!«

Doch war Erika schon aus der Stube. Leise und eilig lief sie die Treppen hinunter, trat in den winderfüllten Garten, schwang sich, ihre langen Röcke rücksichtslos raffend, über das Mäuerchen, das die beiden Gärten trennte, und lief durch den Siebrechtschen auf den Schuppen zu, in dem sowohl spärliches Gartengerät verwahrt wurde, als auch den Hühnern mit Stangen und Nestern eine Stätte des Verweilens bereitet war.

Nicht nur den Hühnern. Denn als sie in das halbe Dunkel hineinfragte »Karl?«, antwortete er sofort: »Ria!«, und der Freund zog sie an der Hand zu einer Karre. »Setz dich, Ria! Ich habe direkt zu Gott gebetet, um einen Moment Sonne! Ich glaube ja sonst nicht an Gott, aber diesmal –«

»Diesmal hast du Vater schön wütend gemacht! Ich soll dir sagen …«

»Laß ihn! Es war das letzte Mal, Ria!« Mit einer gewissen Feierlichkeit wiederholte der Junge: »Es war das letzte Mal. Ich gehe fort, Ria! Ganz fort!«

»Du, Karl? Warum denn – –? Wer soll mir dann meine Schularbeiten machen?! Ich bleibe bestimmt zu Ostern kleben! Bleib doch hier, Karl, bitte!«

»Ich muß fort, Ria! Ich gehe nach Berlin!«

»Ach, Karl, warum denn? Hier ist es doch auch ganz schön – manchmal –!«

»Ich will was werden, Ria!«

»Und wenn ich dich bitte, Karl?! Bleib hier, Karl! Ich bitte dich!«

»Es geht nicht, Ria, es muß sein!«

Einen Augenblick schwieg sie, auf ihrer Karre hockend. Er, vor ihr stehend, zu ihr niedergebeugt, sah gespannt in ihr dämmriges, doch helles Gesicht. Dann stampfte sie mit dem Fuß auf. »Also geh, geh doch in dein olles Berlin!« rief sie zornig. »Warum gehst du denn nicht? Ich bin froh, wenn du gehst! Du bist genauso ein ekliger Junge wie alle andern!«

»Aber, Ria!« rief er ganz bestürzt. »Sei doch nicht so! Versteh doch, daß ich fort muß! Hier kann ich nie etwas werden!«

»Ich muß gar nichts verstehen! Du willst wohl bloß weg, weil du uns alle über hast, mich auch – und ich habe gedacht, du möchtest mich ein bißchen gern …« Bei den letzten Worten versagte ihr fast die Stimme. Sie sprang von ihrer Karre auf und zog sich tiefer in das Dunkel des Schuppens zurück, damit er nicht ihre Tränen sehen sollte. Sie scheuchte eine Henne von ihrem Nest auf, die mit lautem Protest gackernd aus der Tür flüchtete.

Karl Siebrecht hatte ihre Hand gefaßt und streichelte sie ungeschickt. »Ach, Ria, Ria«, bat er. »Nimm es doch nicht so! Ich muß doch wirklich fort. Hier sollte ich Hausdiener im Hotel Hohenzollern werden.«

»Das tust du nicht, Karl, unter keinen Umständen!«

»Und ich will doch viel werden, und dann komme ich wieder.«

»Dauert es lange, bis zu wiederkommst?«

»Es dauert wohl seine Zeit, Ria – ziemlich lange!«

»Und dann, Karl –?«

»Dann frage ich dich vielleicht etwas, Ria …!«

Pause. Dann sagte das Mädchen leise: »Was willst du mich denn fragen, Karl?«

Er wagte es nicht. »Es ist noch so lange hin, Ria! Erst muß ich etwas geworden sein.«

Und sie, ganz leise flüsternd: »Frag es doch schon jetzt, Karl. Bitte!«

Er zögerte. Dann zog er vorsichtig etwas aus der Innentasche seines Jacketts. »Weißt du, was das ist?«

»Was soll das sein?«

»Das ist eine von den Blumen, Ria«, sagte er feierlich, »die du in Vaters Grab geworfen hast. Ich nehme sie mit nach Berlin und werde sie immer bei mir tragen!«

Der Wind jagte mit Schnee vermischten Regen zur Türöffnung herein. Sie drängte sich enger an ihn, sie flüsterte angstvoll: »Das ist doch eine Totenblume, Karl!«

»Aber ich habe sie von dir, Ria, sie bringt mir bestimmt Glück! Und hier habe ich einen kleinen Ring von meiner Mutter – willst du den nicht tragen, Ria, damit du immer an mich denkst?!«

»Ich darf doch keinen Ring von dir tragen. Vater würde es nie erlauben!«

»Du kannst ihn tragen, wo dein Vater ihn nicht sieht. Ich trage deine Blume auch auf dem Herzen!«

Sie schwiegen eine Weile. Dann flüsterte sie: »Ich danke dir für den Ring, Karl. Ich will ihn immer tragen.«

Und wieder Schweigen. Nahe sahen sie sich in die blassen Gesichter, ihre Herzen klopften sehr. Nach einer Weile flüsterte Siebrecht: »Möchtest du mir wohl einen Kuß zum Abschied geben, Ria?«

Sie sah ihn an. Dann hob sie langsam die Arme und legte sie sachte um seinen Hals. »Ja …« flüsterte sie.

Krachend warf der Wind die Tür des Schuppens ins Schloß, gerade vor dem nahenden Pastor Wedekind, der in Sturm, Regen und Schnee seine Tochter suchte. Er rüttelte an der Tür. Mit Mühe öffnete er sie gegen den Winddruck und rief in den dunklen Schuppen. »Bist du hier, Erika?« rief er.

Der Junge, im Dunkeln das Mädchen im Arm, trat mit dem Fuß nach den Nestern. Laut gackernd flatterte eine Henne auf und torkelte gegen den geistlichen Herrn. Eine andere Antwort gab der Schuppen nicht.

ERSTER TEIL • RIEKE BUSCH

4. Fahrt mit der Kleinbahn

Das letzte Winken von Minna war entschwunden – Karl Siebrecht konnte sich in einer Ecke des geräumigen Wagens hinsetzen und seine Tränen trocknen. Ja, er hatte nun doch geweint, wie auch die alte Minna beim Abschied geweint hatte. So leicht, wie er geglaubt hatte, war ihm die Trennung von der kleinen Stadt nicht geworden.

Er fuhr hoch und sah aus dem Fenster. Aber der Ausblick auf das Städtchen mit seinem roten spitzen Kirchturm war schon durch Wald versperrt, nun fuhr er wirklich in die Welt hinaus, hatte alles dahinten gelassen, was bisher sein Leben bedeutet hatte. Er mußte schon wieder nach dem Taschentuch suchen, fand es aber nicht gleich, sondern statt seiner ein Päckchen, das ihm Minna im letzten Augenblick noch in den Zug gereicht hatte. Er knotete das rote Wäscheband darum auf und fand, in einem Schächtelchen, Vaters dicke silberne Uhr und darunter, unter einer Schicht Watte, zehn große Goldfüchse!

Zweihundert Mark! Er starrte ungläubig darauf – aber sie waren da, auf dem Schachtelboden, und es sah der Minna so recht ähnlich, ihm ihre Ersparnisse so zuzustecken, daß er weder die Annahme verweigern noch ihr danken konnte! Wie lange mußte das alte Mädchen an diesen zweihundert Mark gespart haben! Denn sie hatte nur wenig verdient, und auch mit dem Auszahlen dieses Wenigen hatte es bei Vater in den letzten Jahren gar nicht mehr klappen wollen! Sobald ich in Berlin bin, schicke ich ihr das Geld zurück, dachte der Junge. Aber damit würde er sie nur kränken, fiel ihm gleich ein. Ich werde ihr das Geld schicken, sobald ich feste Arbeit und ein bißchen was gespart habe, dann freut sie sich um so mehr! Sorgfältig legte er das Geld in das Schächtelchen zurück. Alles in allem besaß er jetzt zweihundertsechzig Mark, er kam als reicher Mann nach Berlin! Vaters Uhr aber steckte er sorgfältig in die Westentasche – er würde sie gleich auf der nächsten Station stellen. Zum ersten Mal in seinem Leben besaß er eine Uhr!

Der Zug fing kräftig zu bimmeln an, und eilig nahm Karl Siebrecht die Uhr wieder aus der Tasche. Sie fuhren jetzt über die Wegkreuzung kurz vor dem Dorfe Priestitz, gleich würden sie in Priestitz halten, und er konnte die Uhr stellen. Er war so beschäftigt damit, daß ihn erst eine scheltende, helle Stimme an eine andere Pflicht erinnern mußte.

»Na, du langer Laban!« schalt die helle Stimme unter einem kaputzenförmigen Hut hervor. »Siehste nich, det ick mir mit die Reisekörbe eenen Bruch heben tue?! Kiek nich und faß lieber an!«

Rasch griff Karl zu und zog den schweren Korb in den Wagen. »Entschuldigen Sie nur«, sagte er eilig. »Ich dachte –«

»Dachte sind keene Lichte! Hier, faß noch mal an – hau ruck! Siehste, den hätten wa … So, un nu nimmste Tilda’n hoch!« Und zu dem plärrenden Kind: »Weene nich, Tilda! Der Mann tut dir nischt – er is ja gar keen Mann, er is bloß dußlig, und dußlig is er, weil er nie aus seinem Kuhkaff rausjekommen is! Na, und nu jib mir ooch mal die Hand, du Kavalier – Hau ruck! Diese verfluchten Kleedagen!«

Als Karl Siebrecht diese energische Dame in den Wagen zog – sie hatte dabei die Röcke ungeniert hochgenommen und zwischen die Knie geklemmt –, sah er zum ersten Mal ihr Gesicht. Nach der Stimme hatte er gemeint, es müsse eine junge Frau sein, eine sehr junge vielleicht. Nun sah er mit Staunen, daß es ein Kind war, ein Mädchen von dreizehn oder vierzehn Jahren, schätzte er, in den viel zu weiten Kleidern einer alten Frau, aber mit dem ein bißchen frechen, vergnügten Gesicht einer Spitzmaus! Ganz hell – mit einer langen dünnen Nase, hellen flinken Augen und mit einem schmalen, sehr beweglichen Mund. »Na, wat grinste?« fragte das Mädchen gleich. »Ach, du dachtest, ick wär deine Jroßmutta! Nee, is nich! Wetten, du rätst nich, wie alt ick bin? Na, wie alt bin ick?« Und gleich weiter, ohne eine Antwort abzuwarten: »Warum halten wir denn noch immer in disset Kaff?! Wejen mir kanns weiterjehn! Wär ick nich gewesen und die Tilda, hätt’ er übahaupt nich halten brauchen! Er soll man machen, det wa weiterkommen, sonst vapassen wa in Prenzlau noch den Anschluß!«

»Sie müssen erst die Milchkannen einladen«, erklärte Karl. »Die sollen auch mit nach Berlin.«

»Ach, so is det! Du weest hier woll Bescheid? Biste von hier? Aber ick habe dir hier nie jesehen! Ick bin schon drei Tage hier, ick kenne jeden Schwanz in det Kaff!«

»Nein, ich bin eine Station weiter her. Aber ich weiß hier Bescheid, mein Vater hat hier mal den Bahnhof gebaut. Bei wem waren Sie – warst du denn hier?«

»Ach nee, den Bahnhof? So wat nennt ihr hier Bahnhof?! So wat nenn ick ne Sommerbluse – vorne offen und hinten ooch nich ville. Die kann dein Vater sich an den Hut stecken!«

Unwillkürlich sagte Karl Siebrecht: »Mein Vater ist am Montag gestorben.«

»Ach nee, det tut mir aba leid! Desterwegen biste so schwarz, ick habe jedacht, du bist beim Paster in de Lehre. Na ja, wa müssen alle mal abhauen, det is nicht anders! Bei uns is die Mutta verstorben – seitdem spiel ick die Ziehmutter zu det Jör. – Tilda, wenn du den Nuckel noch eenmal hinschmeißt, ballre ick dir eine! Siehste, wie die pariert?! Respekt muß sind – die jehorcht mir, als wär ick nich die Schwester, als wär ick die Mutta. Mutta haste noch?«

»Nein, meine Mutter ist schon lange tot.«

»Ach, du bist Vollwaise? Det kann janz jut sind, vastehste, wir haben Vata’n noch, aber manchmal denk ick, ohne Vata jings bessa. Er is Maurer, aber meistens macht er blau! Sonst een tüchtjer Maurer, allens, wat recht is, ooch jutmütig, bloß, det der Mann so wasserscheu is –. Na ja, wa haben alle unsre Fehler …«

Der Zug fuhr wieder eifrig bimmelnd durch die Felder. Die kleine energische Person hatte sich auf ihren Reisekorb gesetzt, hatte aus der Tasche ihres Unterrockes einen Apfel geholt und biß eifrig davon ab. Darüber vergaß sie ihre Schwester nicht, die auch abbeißen durfte, während die flinken Augen der Großen bald zum Fenster hinaus, bald zum Jungen hinüber gingen. Nun musterte sie wieder sein Gepäck. Karl Siebrecht hatte den Eindruck, daß diesem Mädchen auch nicht das geringste entging: er hatte noch nie ein so waches, lebendiges Menschenkind gesehen. Und ein so redseliges! »Die Äpfel sind jut«, sagte sie jetzt. »Willste ooch eenen? Ick habe den halben Korb voll! Nee, nich? Na, laß man, nötigen tu ick dir nich, wer Hunger hat, frißt von alleene! Da staunste woll, wat ick in deinem Kaff jemacht habe? Det haste wohl jemerkt, det ick nich vom Lande bin? Nee, ick bin mit Spreewasser jetauft, det heeßt, et wird woll Pankewasser jewesen sein, ick bin mehr aus dem Wedding, bei de Pankstraße her! Weeßte, wo det is?«

»Ja, daß du aus Berlin bist, habe ich auch schon gemerkt!« lachte Karl Siebrecht vergnügt. Er wußte nicht, wie es ihm erging, aber diese kleine Person ließ ihn all seinen Kummer und sein Abschiedsweh vergessen. Sie war eine so unglaubliche Mischung von Kind und Erwachsenem! Lebensklug – und doch kindlich!

Jetzt lachte sie auch. »Ach, du meinst, von wejen meine Sprache? Na, laß man, wa können nich alle uff dieselbe Tonart piepen! Det wäre zu langweilig! Übrijens, Friederike Busch is mein Name!«

»Karl Siebrecht«, stellte sich der Junge vor.

»Sehr anjenehm, Karl!« Und sie gab ihm ihre kleine, graue, schon sehr verarbeitete Kinderhand. »Karl heeßt auch mein Vetter, in dem Kaff da, von dem ick komme, in Priestitz. Aber er is man doof uff beede Backen, mit dem kann ick keen Wort reden, mit dir kann ick jut reden, Karl –!«

»Ich mit dir auch!«

»Na, siehste! Und warum ick in Priestitz war? Da is doch Muttas Schwesta, Tante Bertha! Solange Mutta noch lebte, und ooch det Jahr nach ihrem Wegscheiden hat se uns imma von’s Schlachtefest Pakete jeschickt. Aber letztet Jahr: Neese! Da ha’ ick disset Jahr zu Vata’n jesagt: det gibt et ja nu nich, wenn so wat erst inreißt, denn kucken wa det janze Leben in den Mond! Ick fahre hin! Na, der Olla hat ja jenuschelt, aba da mach ick ma nischt draus. Ick ihm einfach ’nen Zettel hinjelegt, die Tilda uffjepackt und losjeschoben!«

»Und was hat die Tante gesagt, als du da so einfach ankamst? Du hattest dich doch nicht angemeldet, Friederike?«

»Rieke heeß ick, Friederike is bloß fors Amt, und wenn ick Schläje kriege, aber ick krieje keene mehr, jejen mir hebt keener mehr die Hand! – Die Frau hat Oojen jemacht, det kann ick dir flüstern, wie Mantelknöppe! Wat willste denn hier? fragt mir die Frau. Und denn noch mit det Balg?! – Erlobe mal, Tante Bertha, sare ick zu die Frau, der Balg is deine fleischliche Nichte und dir wie aus’t Jesichte jeschnitten, und denn wollt ick mir man bloß die kleene Anfrage erlauben, ob hier unter deine Schweine Keuchhusten ausjebrochen is? – Na, da mußte se doch lachen, und denn war se janz ordentlich. Det von’t vorje Jahr, hat se wieder jutgemacht und mehr wie det. Und det nächste Jahr soll ick wiederkommen, mit det Schicken is et ihr zu umständlich. Na, laß se, die is schlecht mit die Feder, vastehste? Adresseschreiben und so! – Det Kleed is ooch von ihr! Schöne Wolle, er jing nich mehr in’n Korb, aba dalassen, keene Ahnung! Hab ick’s über die andre Kleedage jezogen, haste det jemerkt?«

Aber ehe Karl Siebrecht noch antworten konnte, fing die Lokomotive wild zu klingeln an, die Bremsen schrien, es gab einen gewaltigen Ruck, und der Zug hielt ganz plötzlich: sie wankten auf ihren Sitzen, Tilda fiel schreiend von der Bank – »Det is die Höhe!« schrie Rieke Busch. »Mir mein Kind von de Bank zu schubsen! Die Bande mach ick haftbar!«

Karl Siebrecht hatte zum Fenster hinausgesehen: der Zug, aber eigentlich war es nur ein Zügle, hielt auf freier Strecke. Ein Schaffner lief an ihm entlang, ein langer, schwarzer, jetzt sehr aufgeregter Mensch, der in jeden Wagen stürzte … »Da ist was passiert«, sagte Karl Siebrecht zu Rieke Busch, die das weinende Kind zu beruhigen suchte.

Sofort ergoß sich die Schale ihres Zorns über ihn. »Wat soll den passiert sind? Hier passiert doch nie nischt! Hier saren sich bloß die Hühner jute Nacht – und denn passieren! Det ist ja lachhaft! Und mir schmeißen se det Kind von de Bank – so wat is doch rücksichtslos! Det Kind kann sich doch eenen Leibesschaden tun! – Hören Se, Männecken«, wandte sie sich ohne weiteres an den aufgeregten Schaffner, der jetzt in ihr Abteil für Reisende mit Traglasten gestürzt kam, »hören Se, Männecken, wat is denn mit Ihre Klingelbahn los? Ihr Lokomotivführer hat woll eenen zu ville jekippt! Sie schubsen mir det Kind von de Bank –!«

Aber ohne das empörte Mädchen zu beachten, hatte sich der Schaffner an die Untersuchung der rotweiß bemalten Notbremse gemacht. Nun wandte er sich an die beiden. »Ihr habt die Notbremse gezogen!« schrie er. »Wer von euch beiden hat die Notbremse gezogen? Das kost’ Strafe – das kost’ zehn Taler Strafe!« Er fing an, den Boden abzusuchen. »Da liegt ja der Draht! Und da ist die Plombe! Das sieht ja jeder, daß ihr die abgerissen habt! Das kost’ zehn Taler, und wenn ihr die nicht zahlen könnt, kommt ihr ins Loch!«

»Entschuldigen Sie«, sagte Karl Siebrecht, »wir haben bestimmt nicht an der Notbremse gezogen! Wir haben uns hier ganz ruhig unterhalten –«

Aber seine Gefährtin war nicht für höfliche Erklärungen. »Sie sind ja komisch!« schrie sie im schrillsten Ton. »Sie sind ja ’n komischer Vertreta! Erst schmeißen Se det Kind von de Bank, und denn kommen Sie noch mit so ’ne Redensarten! Saren Se mal, haben Se keene Oogen im Koppe nich! Sehen Se vielleicht, wat für ’ne Jröße ick habe? Ick bin nich so’n langer Laban wie jewisse andere, ick reiche jar nich an Ihre dußlige Notbremse! Ja, kieken Se mir mit Ihre schwarzen Kralloojen ruhig an, ooch nich, wenn ick uff den Reisekorb klettre …«

»Aber der Junge –«, wollte der Schaffner anfangen.

»Der Herr! meenen Se! Det is een jebildeter Herr, der is nich wie andere, der rennt nich ’rum und brüllt die Leute an, det er se ins Loch steckt. Der hat ’nen Todesfall in die Familie jehabt, dem is nich nach Notbremse, und da kommen Se hier reinjestürzt!«

»Aber man sieht doch deutlich, einer hat den Draht durchgerissen«, fing der Schaffner wieder an.

»So, det sehen Se? Wat Sie allet sehen, an so ’nem Stücksken Draht! Woran sehen Se denn det, det eener den abjerissen hat? Kann denn Draht nich von selber reißen? Ich weeß det nich, aber Sie wissen’t: Draht reißt nie, der wird jerissen! Na ja, wer hier wohl jerissen is, Sie nich, Männecken, Sie nich!«

Sie stand in ihrer grotesken Frauentracht, funkelnd vor Zorn, mit ihrem ganz hellen, völlig furchtlosen Gesicht vor dem Mann, der sie mit einem einzigen Schlage hätte niederschmettern können. Aber er dachte gar nicht daran, sie hatte ihn wirklich in Verwirrung gebracht. Er probierte noch immer an Draht und Plombe herum, aber nicht mehr mit der richtigen Überzeugung. »Das melde ich aber in Prenzlau auf dem Bahnhof!« sagte er noch drohend, aber seine Drohung klang nur schwach. »Euch werde ich das besorgen! Hier einfach die Notbremse ziehen!« Damit stolperte er aus dem Wagen. Sie sahen ihn am Zug entlang gehen, immer noch Draht und Plombe in der Hand. Dann stand er neben der Lokomotive, verhandelte mit dem Führer. Sie meinten, ihn sagen zu hören: »Den hat doch einer durchgerissen, das sieht man doch!« Dann setzte sich der Zug keuchend wieder in Bewegung, klingelte aufgeregt.

»Du kannst die Leute aber ausschelten!« sagte Karl Siebrecht nicht ohne Bewunderung zu Rieke Busch. »Hast du denn keine Angst gehabt, er haut dir einfach eine runter?«

»Ick hab so ville Dresche in meinem Leben bezogen, früher, davor ha’ ick keene Angst mehr! Und denn det Schimpfen, det lernt man, wo wir wohnen. Wenn de dir da nich wehrst, biste glatt erschossen. Na, du hast det nich nötig jehabt, for dir is immer jesorgt worden, det sieht man.«

»Aber vielleicht habe ich es jetzt auch nötig. Ich fahre nach Berlin, für immer.«

»Na, und –? Da haste doch sicher ’nen Onkel oder jehst uff ’ne bessere Schule?«

»Nein. Ich habe niemanden dort. Und ich muß mir selber mein Geld verdienen.«

»Wat du nich sagst! Aber du hast schon ’ne Stellung ausjemacht, wat? Du bist Koofmich oder so wat, mit deinem tipptopp jestärkten Halsabschneider –!«

Karl Siebrecht faßte unwillkürlich zu seinem hohen steifen Stehkragen, der ihm wirklich die Kehle fast abschnitt. Minna hatte verlangt, daß er das mörderische Ding umband: er solle in Berlin doch einen guten Eindruck machen! Aber ehe er noch Rieke Busch über seine gänzliche Unversorgtheit hatte aufklären können, fing die Lokomotive ein zweites Mal aufgeregt zu bimmeln an. Wieder gab es einen Ruck, aber nicht mehr ganz so schlimm wie den ersten – Tilda blieb auf der Bank –, und wieder hielt der Zug.

»Na, wat sagste nu?« rief Rieke Busch empört. »So wat jibt’s nu in Berlin nich! Paß mal uff, jleich haben wa den schwarzen Affen wieder hier!«

Und wirklich, schon wurde die Tür wieder aufgerissen, der Schaffner sprang herein, stürzte auf die Notbremse los, ohne die beiden auch nur eines Blickes zu würdigen, untersuchte sie, schob den Griff in die Höhe … Bis hierher hatte Rieke Busch schweigen können, nun sagte sie in höchst vernehmlichem Flüsterton: »Det is bloß det eenzije Jlück, det keen Draht mehr dran is! Ohne Draht können se uns nämlich nischt beweisen, Karl! da muß erst wat jerissen sind, denn kommen wa ins Loch –!«

Der Schaffner warf der Sprecherin einen wütenden Blick zu, zog einen Draht aus der Tasche und band mit ihm die Notbremse wieder fest.

»Na also!« sagte Rieke Busch höchst befriedigt. »Nu muß noch ’ne Plombe ran! Ich bin scharf uff Plombe – ohne Plombe is det man der halbe Spaß!« – Der Schaffner machte einen Schritt auf sie zu, überlegte sich dann den Fall und verließ überstürzt das Abteil. – »Haste det jesehen?« lachte Rieke Busch. »Ebend hätte ick beinahe eene jeschallert jekriegt! Da hätte ick mir aber ’nen Ast jelacht. Wat so Leute komisch sind, die immer jleich wütend werden. Det macht mir Laune, so eenen zu kitzeln.«

»Und wirst du nie wütend?«

»Aber feste! Ick kann mir jiften, sare ick dir! Wenn se mir so for dumm koofen wollen, und ick soll beim Jrünkrämer immer det Verfaulte kriegen, oder bei die Preßkohlen jehen bei mir achtzig uff den Zentner, bei andere aber vierundneunzig, oder Vata hat wieda mal blau jemacht, wo keen Jeld im Hause is – denn jifte ick mir! Denn merk ick ordentlich, wie ick anloofe wie ’n Löffel mit Jrünspan. Aber merken lassen, det die Leute merken lassen – nich in den nackten Arm. Denn wer’ ick immer feiner, denn wer’ ick so fein, fast wie der Paster in de Kirche. Nee, meine Dame! sare ick. Ick nich! Nich, wie Se denken, meine Dame! Mein Jeld stinkt nich anders wie det von andere Leute – wozu soll da mein Kohl stinken –?« Soweit war Rieke Busch mit ihrer Charakterbeschreibung gekommen, als die Lokomotive zum dritten Mal aufschrie, der Zug zum dritten Mal plötzlich bremste und anhielt. »Det wird ja eintönig!« rief Rieke Busch. Und mit einem raschen Blick zur Notbremse: »Siehste, da is der Draht wieder jerissen! Nu werden se uns bestimmt inspunnen!«

Sie lehnte sich aus dem Fenster. Sie rief dem Schaffner entgegen: »Wat saren Se nu? Der Draht is wieder jerissen!«

Diesmal brachte der Schaffner den Lokomotivführer mit. Aber er beachtete Rieke Busch gar nicht. Der Lokomotivführer sagte: »Wir müssen einfach die Luft abstellen, Franz!« Und sie machten sich daran, die Preßluftschläuche am Waggon zu lösen. Die beiden – und viele andere lachende, spöttische und empörte Gesichter – sahen dem Werk interessiert zu.

Als die Männer aber wieder zur Lokomotive gehen wollten, rief Rieke Busch: »Du, Franz, hör mal her!« Unwillkürlich blieb der Schaffner stehen, wütend starrte er das Mädchen an. »Wenn ick du wäre«, sagte sie mit ehrlichem Nachdruck, »ick täte mir entschuldigen – wat meenste?«

Auf dem Gesicht des schwärzlichen Schaffners kämpfte Zorn mit Lachen. Aber das Lachen gewann doch die Oberhand. »Du Aas, du!« sagte er. »Du kleines Berliner Aas mit so ’ner süßen Schnauze! Wenn du meine Tochter wärst!«

»Und du mein Vata!« lachte sie mit Überzeugung. »Du tätest was erleben!«

»Na, gib mir ’nen Süßen«, sagte der Schaffner, »bist ja noch ein Kind!«

Sie gab ihm ungeniert aus dem Abteilfenster einen Kuß. »Und nu mach een bißchen Dampf, Franz«, sagte sie. »Det wa noch rechtzeitig nach Prenzlau kommen! Und da hilfste mir bei die Körbe, vastanden? Det biste mir schuldig, Franz!«

Der Zug fuhr schon wieder, da sagte sie zu Karl Siebrecht: »Du, der sollte mein Mann sind! Der sollte aber een richtijer Mann werden, nich so’n Teekessel! Aber die meisten Frauen sind dumm. Nich so dumm wie die Männer, aber anders dumm, eben mit die Männer! – Und wat fängste nu in Berlin an, Karl?«

5. Auf der Reise

Sie hatten wirklich ihren Anschluß in Prenzlau nicht mehr erreicht, was niemand mehr bedauert hatte als der so freundlich gewordene Schaffner Franz. Aber tu etwas gegen eine wild gewordene Notbremse!

Trotzdem sie nun drei Stunden in Prenzlau auf dem Bahnhof sitzen mußten und trotzdem Tilda den beiden das Leben durch ewiges Plärren nicht leichter machte, wurde Karl Siebrecht die Zeit nicht lang. Und was die Rieke Busch anging, so schien es bei diesem Mädchen keine leeren Minuten zu geben, immer war sie quicklebendig, voller Interesse für alles. Immer flitzten ihre hellen Augen umher, mit jedem wußte sie gleich auf du und du zu kommen. Im kleinen Heimatstädtchen hätte sich Karl Siebrecht nur ungern mit einem so grotesk angezogenen, derart schnellzüngigen Mädchen öffentlich sehen lassen. In der großen Stadt Prenzlau saß er bei ihr im Wartesaal zweimal Zweiter, als gehörte er dazu, half ihr die Tilda beruhigen und lauschte mit unermüdeter Aufmerksamkeit ihrem Gerede. Aber Rieke Busch konnte nicht nur reden, sie konnte auch fragen, und nur schwer war ihren bohrenden Fragen zu widerstehen. Und Karl Siebrecht wollte gar nicht widerstehen, gerne erzählte er diesem – er hatte es nun erfahren – fast vierzehnjährigen Dingelchen von der abgeschlossenen Vergangenheit und von seinen großen Plänen für die Zukunft. Niemand schien ihm fähiger, zu raten, als dieses Kind mit seinem Mutterwitz, seinem nüchternen Lebensverstand, seiner Tüchtigkeit. Was er erst erreichen wollte, sich selbst ernähren, das hatte Rieke schon geschafft. Und sie ernährte nicht nur sich selbst, sondern die Schwester Tilda dazu und fütterte auch oft noch den blaumachenden Vater. Waren Karls Hoffnungen für die Zukunft aber noch reichlich vage, so hatte sie da ganz bestimmte Pläne, und sie war die Person dazu, sie durchzusetzen.

»Ick muß nur wachsen«, sagte Rieke Busch. »Noch zwanzig Zentimeter, denn kann ick mit Waschbalje und Waschbrett hantieren, ohne ’ne Kiste unterzusetzen, und denn nehm ick Waschstellen an. Da vadien ick mehr Geld, jetz mach ick bloß Halbtagsmädchen – von wejen Schule –, det klappert nich so! Aba Wäsche kann ick, alle Tage ’nen Taler und denn die Stullen, da mach ick uns dreie von satt. Und denn spar ick! Uff wat spar ick? Uff ’ne Nähmaschine, und denn leg ich mir uff die Schneiderei, damit wird Jeld vadient. Arbeet? Arbeet jenug, det wirste selba bald sehen, bloß genieren mußte dir nich, aussuchen is nich. Und deine feinen Hände – na, det weeßte selba, die werden wohl nich lange fein bleiben!«

»Ich hätte gerne was mit Autos zu tun«, sagte Karl Siebrecht.

»Siehste!« antwortete sie, und ihre Augen funkelten vor Spott. »Det lieb ick! Schon willste dir die Arbeet aussuchen! Erst nimm, wat de kriegst! Und wenn’s Kinderwagenschieben is – Auto kommt denn von alleene! Und überhaupt Auto – det sind doch allet Schlosser und Mechaniker, jloobste denn, det kannste von alleene, wat die sich in vier Jahren Lehre beijebogen haben?! So mach man weiter, denn brauchste jar nich erst anzufangen, denn fahr man jleich bei deine Minna!«

Verdammt noch mal, die nahm kein Blatt vor den Mund, diese kleine Nüchterne! Ganz im geheimen hatte ja Karl Siebrecht wohl einen Traum in der Brust gehegt von einem sagenhaft reichen, edlen Mann, dem er irgendwie helfen konnte – manchmal rettete er ihm sogar das Leben! –, und dieser edle Einsame erkannte sofort die außerordentlichen Fähigkeiten des jungen Karl Siebrecht und ließ ihn aufrücken, bis er in ganz kurzer Zeit sein Nachfolger und Erbe wurde. Solchen Traum hatte er gehegt, manchmal. Aber Rieke Busch hatte nie geträumt, oder wenn sie geträumt hatte, war es um Waschfaß und Nähmaschine gegangen. Sie hatte eine außerordentlich feine Nase für verstiegene Erwartungen.

»Wenn de denkst, dir schenkt wer was«, sagte sie, und Karl Siebrecht hatte doch kein Wörtchen von seinem Traum verlauten lassen, »denn biste doof! Dir schenkt keener nischt, wat de dir nich nimmst, det kriegste nich. Und wat de jenommen hast, halt feste, sonst biste et jleich wieda los! Det is ’nen Haufen Jeld, wat de da hast, ick hab noch nie so ’ne Masse Jeld jesehen, aber wenn du’s nich festhälst, bistet los, ehe de Piep jesagt hast. Und übahaupt – du kannst nich schnell jenug Arbeeter werden und wie ’n Arbeeter aussehen. Wat denkste, wat se dir mit deinem Stehkragen und deine feine Tolle vaäppeln werden. Mach deinen Korb mal uff, ick will sehen, ob de vanünftije Klamotten hast, die de anziehen kannst bei de Arbeet. Sonst vascheuern wa morjen deinen Schraps, und du kaufst dir wat Richtijet. Röllchen – haste Töne! Aba die manchesterne Hose is jut. Wat, zu lang ist die? Da näh iß dir ’nen Einschlag rin, wat denkste, wat du aussehen wirst, wenn de erst richtig arbeetest. Ick werde mit meinen Ollen reden, valleicht jeht er jrade uff den Bau, und valleicht brauchen se da ’nen Handlanger.«

Ja, sie waren noch nicht in den Berliner Zug gestiegen, da war es schon ausgemacht – übrigens ohne daß Karl Siebrecht gefragt worden wäre –, daß Rieke zu Schwester und Vater auch noch diesen Jüngling unter ihre schützenden Fittiche nehmen würde. Sie wußte auch schon eine Schlafstelle für ihn (»Zimmer is nich, det mach dir man ab – wat denkste, wat du zu Anfang vadienen wirst?!«), und sein Geld brachte er morgen noch auf die Sparkasse! Karl Siebrecht war mit all diesen Verfügungen über seine Person ganz einverstanden, nicht etwa, weil er aus Schlappheit oder Feigheit gewillt war, sich gleich wieder unter ein neues Kommando zu begeben, sondern weil er das Gefühl hatte, in den ersten Wochen seines Berliner Aufenthaltes tue ihm eine Führung recht gut. Später würde er dann schon selber sehen … Und außerdem gefiel ihm diese Rieke Busch sehr, sie kommandierte nicht etwa aus Herrschsucht, sondern aus gesundem Menschenverstand. Sie wußte Bescheid, und er hatte keine Ahnung.

Der Berliner Zug war proppenvoll. Sie mußten ihre Körbe übereinander stapeln, aber sie fanden dank Riekes Schlagfertigkeit doch Sitzplätze, und keine drei Minuten, so erheiterte Rieke den ganzen Wagen mit der Schilderung ihrer Kleinbahnfahrt. Karl Siebrecht vergaß den toten Vater, er mußte Tränen lachen, wie Rieke Busch in ihrer Frauentracht den langen Laban von Schaffner nachmachte. Sie hielt ein imaginäres Stück Draht zwischen spitzen Fingern und sagte immer wieder: »Der is doch jerissen, det sieht man doch! Der is doch nich jeplatzt, i wo!«

Und kaum war diese Vorstellung vorüber, so war Rieke Busch schon zu Karl Siebrechts Überraschung in einer sehr offenherzigen Erörterung seiner vergangenen und zukünftigen Lebensumstände. Irgendwelche Geheimnisse schien es bei ihr nicht zu geben. Da im Wagen viele Berliner saßen, war bald die lebhafteste Besprechung im Gange. Siebrecht wurde viele Male prüfend von der Seite angesehen, mußte Auskunft geben über seine Schulkenntnisse, die Rechenkünste, die Schönheit seiner Schrift, ja er mußte das Jackett ausziehen und die Oberarmmuskeln spannen. Er tat das alles gutwillig und lachend. Es waren wohl alles kleine Leute, die da mit ihnen im Wagen saßen, aber sie dachten wirklich darüber nach, ob sie was für ihn wüßten, sie wollten ihm gerne behilflich sein.

Leider stellte sich bald heraus, daß bei solchen Berufen, von denen die Mitfahrer Kenntnis hatten, mehr Kräfte verlangt wurden, als dem Karl Siebrecht zuzutrauen waren. »Ick habe jedacht«, sagte ein biederer Schnauzbart, »du könntest vielleicht bei uns in den Stall, Junge. Ick bin bei die städtischen Omnibusse, vastehste? Mit ’nem Lackpott hoch vom Bock, vastehste? Unsa Futtameista braucht mal wieder ’nen Jehilfen. Mit dem Putzen und dem Futterschütten, det jinge ja noch, aba all die Säcke vom Boden, jeder anderthalb Zentner, det kannste nich, da machste bei schlapp.«

»Ich habe schon anderthalb Zentner getragen«, sagte Karl Siebrecht.

»Ja, eenmal! Aba det weeßte doch, eenmal is keenmal. Und wenn de denn nacheinander zwanzig Säcke runterbuckeln mußt, da wirste weich! Denn wat biste? Du bist weich! Det is keen Fleesch von ’nem Arbeeter, wat du auf dem Leibe hast, det ist so nüchterenet Kalbfleesch, vastehste? Allens Zadder, so is det.«

»Er wird schon ander Fleesch kriejen!« rief Rieke Busch. »Der is nich schlapp!«

»Nee, vielleicht nich, aba für uns is er nischt. Unsa Futtameesta, der is nich jut, der haut jleich.«

»Vielleicht wüßte ich etwas für Sie«, ließ sich jetzt ein blasser, langer junger Mensch vernehmen, mit vielen Pickeln im Gesicht. »Wenn Sie fleißig sind, können Sie bei mir gutes Geld verdienen.«

»Bei Sie –?!« antwortete Rieke Busch schnell, ehe noch Karl Siebrecht den Mund hatte auftun können. Karl kannte nun schon den etwas gedehnten, schrillen Ton in ihrer Stimme – er kam immer, wenn sich ein Sturm bei ihr zusammenbraute. »Bei Sie kann er jutet Jeld vadienen?« Sie musterte den Jüngling. »Von wat vadienen Sie denn erst mal Jeld?«

»Ich habe«, sagte der Jüngling bereitwillig, »die Generalvertretung für Berlin und die Mark Brandenburg des Pfiffikus-Sparbrenners. Spart bis zu sechzig Prozent des Petroleumverbrauchs …«

»Ach, den Dreck kenn ick«, sagte Rieke rasch. »Wenn man so ’n Ding uff de Lampe setzt, is’t duster, wie wenn Neumond scheint, oder blakt, als wenn Ruß schneit. Det is doch Mist, Sie!«

»Na, erlauben Sie mal«, protestierte der Jüngling. »Ich komme soeben aus Prenzlau und Umgegend, ich habe dreiundsechzig Stück von dem Pfiffikus verkauft.«

»Det wollen wa dahinjestellt sein lassen! Valleicht sind se in Prenzlau so helle, det se’t jern een bißchen duster haben wollen. Wat vadienen Se denn nu an so een Stück?«

»Zwanzig Pfennige!«

»Det is achtbar! – Det is nich schlecht! – Zwölf Mark sechzig – det hat unsereener die ganze Woche nur! – Na, aba die Bahnfahrt jeht ab! – Wat denn, die Bahn ist doch nich teuer!« So ging es hin und her im Abteil.

»Ick frage mir nur«, ließ sich Rieke Busch wieder vernehmen, »wenn Se uff Kundschaft jehn, wollen Sie ja doch ’nen juten Eindruck machen, wat?«

»Selbstredend!«

»Ick frage mir nur, warum Se sich da so ’ne olle Kluft anpellen? In der Jacke da haben Se direkt een Loch! Det ist wohl vom Pfiffikus? Bei zwölf Mark den Tag müssen Se doch Klamotten haben wie Jraf Kooks!«

»Aber, meine Dame«, sagte der Jüngling und fiel vor lauter Patzigkeit in das schönste Berlinisch, »Sie haben sich bei det Wetta ooch nich jrade fein injepuppt! Denken Sie, ick lasse mir mein bestet Zeug einweechen?«

»Da haben Se recht!« rief Rieke Busch. »Und weil’s so naß is, haben Se Schuhe mit Wasserlöcher anjezogen, det et nich so lange dauert, bis de Füße naß werden, wat?«

»Mit Ihnen spreche ich überhaupt nicht«, sagte der Jüngling wieder sehr fein. »Ich spreche nur mit dem Herrn. – Ich würde Sie anlernen«, sagte er überredend, »es ist ganz leicht, der Artikel geht reißend. Ich will sowieso mehrere Untervertreter anstellen. Ich lasse Ihnen den Pfiffikus mit neunzig Pfennig, wenn Sie fünfzig Stück abnehmen, Verkaufspreis ist eine Mark. Da ist überhaupt kein Risiko dabei!«

»Nein, danke wirklich!«

»Und Sie kost’ er achtzig!« rief Rieke Busch wieder. »Det is een Jeschäft ohne Risiko, det jloob ick – aber für Sie! – Nee, Karl, laß man. Uff so ’ne mußte nie hören. Wenn schon eener und erzählt dir, du kannst zwölf Mark am Tag vadienen, und ohne Arbeet, und sieht aus, als hätte sein Magen seit sieben Wochen keene Schrippe nich jesehen – denn sag bloß: hau ab, dir kenn ick!«

»Na, erlauben Sie mal, meine Dame! Ich kann Ihnen beweisen –«

»Det können Se mir aba nich beweisen, det det Loch in Ihre Jacke keen Loch is und det Ihre Schuhe keen Wassa ziehen. Und det jenügt mir! – Nee, Karl, wir reden erst mal mit Vata’n. Wenn Vata seinen hellen Tag hat, is es ooch helle. Bloß, mir schwant, er ist mal wieda blau!«

6. Ankunft in der Wiesenstraße

Es war schon dunkle Nacht gewesen, als der Zug im Stettiner Bahnhof einlief. Mit unglaublicher Zungenfertigkeit hatte Rieke Busch einem Dienstmann, der Feierabend machen wollte, seine Karre abgeschwatzt. Das alte Gesicht unter der roten Mütze wurde immer verwirrter, dann stets vergnügter. »Na, Männecken, Sie sind doch ooch müde?« hatte Rieke gefragt und ihre Hand ganz sachte neben die altersfleckige, ausgemergelte Hand auf den einen Holm des Handwagens gelegt. »Wat wollen Se da mit de Karre nach Haus zuckeln? Alleene jeht sich det doch ville besser?«

»Du bringst mir die Karre ja nich wieda, du freche Kröte, du!« jammerte der alte Mann.

»Wo wohnen Se denn? In de Müllerstraße? Ooch ’ne feine Jejend! Und ick wohne in de Wiesenstraße – kennste de Wiesenstraße, Opa?«

»Det hab ick doch jleich jemorken, det du vom Wedding bist, du Aas du!« strahlte der Alte.

»Na, siehste«, lachte Rieke, »da weeßte schon, wie ick heiße! Aas heiße ick! Und wie heißt du, Opa?«

»Küraß heiß ich. Nummer siebenundachtzig. Müllerstraße, vergiß nicht!«

»Küraß –?« Rieke sprach den Namen wie Kieraß. »Kieraß, ick hab jedacht, so heeßen nur die Hunde. Na jut, Opa, det wer’ ick schon nich verjessen, siebenundachtzig, Müllerstraße, Kieraß. – Schieb ab, Opa! Huste dir man sachte in den Schlaf!«

»So ein frechet Aas!« hatte der Alte wieder gesagt und war ganz gehorsam abgeschoben, ohne Rieke auch nur nach ihrem richtigen Namen zu fragen. Aas aus der Wiesenstraße schien ihm als Pfand für seinen Handwagen völlig zu genügen.

Vereint hatten Karl und Rieke nun die Körbe aufgeladen, die fast schlafende Tilda wurde so dazwischengestopft, daß sie nicht herunterfallen konnte, und nun waren die beiden losmarschiert. Karl zwischen den Holmen des Wagens, Rieke bald nachschiebend, bald neben ihm, um ihm den Weg zu zeigen. Ihre überlangen Röcke hatte sie mit einem Strick wulstartig um die Hüften gebunden. Die Gaslaternen flackerten in einem böigen Wind, stumm, verschlossen sahen die dunklen Häuser auf sie herab. Ab und zu wusch ein plötzlicher Schauer die Gesichter der Kinder. Wenn Karl Siebrecht daheim in der kleinen Stadt sich je seinen Einzug in die große Kaiserstadt Berlin ausgemalt hatte, dann nie so! Nie hatte er daran gedacht, vor einem Handwagen, Körbe ziehend, durch dunkle Straßen zu schieben, als einzige Freundin und Bekannte eine echte Berliner kesse Nummer, als einzige Aussicht eine Schlafstelle, die er mit einem Bäcker teilen sollte: »Janz ordentlich, der Junge! Säuft nich, arbeetet, nur schwach uff de Beene mit de Mächens, da fällt er zu leicht um«, hatte Rieke seinen Schlafgenossen charakterisiert. Vormittags noch daheim, von der Minna betreut, in den altvertrauten Wänden, zwischen den Möbeln, die sein ganzes Leben um ihn gewesen waren – ach, fühlte er nicht noch Rias frischen Kuß auf den Lippen? –, und nun ganz draußen, für immer draußen, und seine Lippen schmeckten nichts als den faden Regengeschmack, der doch nicht rein nach Regen wie da draußen schmeckte, sondern nach Rauch, nach Ruß …

»Wie heißt diese Straße?« sagte er zu Rieke und sah fast scheu zu den dunklen Häusern hoch.

»Det is die Ackerstraße! Wenn wa die hoch sind, haben wa’s nich mehr weit!«

»Ackerstraße? Wo ist denn hier ein Acker?« Er empfand wirklich schon Sehnsucht nach einem wirklichen Acker, über den der Herbstwind weht.

»Acker? Ach, du meenst Feld, wo se Kartoffeln druff bauen? Det jibt’s hier nich. Det war valleicht mal früha. Wir wohnen ja ooch Wiesenstraße, aba Wiese is nich, dafür haben wa de Palme!«

»Die Palme? Was ist denn das? Ein botanischer Garten?«

»Mensch! De Palme, det weeßte nich? Det is de Herberje zur Heimat, die haben wir jrade vis-à-vis! Wo die Penna und die Stroma schlafen, wenn se sonst keene Bleibe haben! So wat haben wa, aba Wiese haben wa nich. Und Acker ooch nich. Na, laß man«, sagte sie fast tröstend. »Wenn wa imma Kartoffeln satt haben, broochen wa keen Acker nich!«

Sie schoben stumm weiter. In so vielen Fenstern brannte Licht, rötliches vom Gas, schwach gelbliches vom Petroleum, manchmal auch strahlend weißes elektrisches – hinter den Fenstern bewegten sich Schatten, auf der Straße glitten Schatten eilig vorüber, in der Eckdestille grölte und schrie es. Ein Schutzmann in Pickelhaube mit herabhängendem grauen Schnauzbart trat nahe an die Karre heran, musterte stumm die kleine Fuhre – unwillkürlich sagte Karl Siebrecht »guten Abend«, und der Schutzmann drehte sich wortlos um und ging weiter. Niemand wußte von Karl Siebrecht, keiner nahm Notiz von ihm, jeder hatte seinen Arbeitsplatz, sein Heim, etwas Verwandtes, selbst die kleine Rieke. Er nur schob alleine dahin, ohne Rieke wäre auch für ihn die Palme dagewesen, die Heimat der Heimatlosen. Ein beklemmendes Gefühl schnürte ihm die Kehle zusammen, noch nie, selbst damals nicht, als er am Bett des Vaters begriffen hatte, daß der Vater tot war, daß er nicht mehr atmete – noch nie hatte er sich so einsam und verlassen gefühlt. Dieses verfluchte sentimentale Lied kam ihm nun auch noch ins Gedächtnis: »Verlassen bin i«, mußte er summen, »wie der Stein auf der Straßen …« Er fühlte die Steine, Hunderte, Tausende unter seinen Füßen, sie wuchsen ihm zur Seite zu himmelausschließenden Mauern empor, Steine, nur Steine, nichts Lebendiges mehr … Und er allein darunter, etwas Lebendiges, etwas Atmendes, mit Blut in den Adern, mit einem Herzen, etwas Gefühl – und doch nur ein Stein unter Steinen, verlassen, wertlos. Niemand wußte von ihm, wie niemand von den Steinen wußte, über die sein Fuß eben gegangen war!

»Da links um de Ecke!« kommandierte Rieke Busch. »Rin in de Hussiten! Wie is dir denn, Karl? Du klapperst ja! Keene fünf Minuten, denn sind wa zu Hause, da koch ick dir wat Warmet!«

»Es ist nur, Rieke«, sagte der Junge, »es ist alles so viel, alle diese Häuser, und alles Stein, und keiner weiß von uns …«

»Mußte eben machen, det se bald von dir wissen! Det is deine Sache! Und det mit de villen Häuser, det muß dir nich imponieren, ob det fünfstöckige wie hier oder kleene Häuserkens wie bei euch sind, mit Wassa kochen se hier wie da, und wenn de dir nich unterkriejen läßt, denn stehste, hier wie da! – So, und det is nu de Wiesenstraße. Wie Blume riecht det hier nich, aber komisch, wenn ick hier komme, is mir det imma wie zu Hause. Der Jeruch is mir direkt sympathisch. – Halt, Karl! Bleib da bei de Karre, ick mach ruff bei Vata’n, wenigstens de Körbe kann der Mann anfassen. Und laß dir nicht listen und locken, die klauen hier alle wie die Raben, namentlich was de Penner sind! – Jib mir die Tilda, ick wer’ ihr schon schleppen – det Kind muß in de Betten! Is ja ganz naß vom Regen! Komm, meine Tilda, jetz jeht’s in de Heia!«

Damit verschwand die kleine groteske Gestalt in einem dunklen Torweg, und Karl Siebrecht stand allein auf der Straße. Er setzte sich auf die Karre, ihn fror. Er bohrte die Hände in die Taschen und malte sich aus, wie schön es sein würde, nach diesem langen Tag endlich behaglich im Bett zu liegen. Freilich, wie würde sein Bett aussehen? Und was für ein Mensch würde der Bäcker sein, der so leicht umfiel, wenn Mädchen in Frage kamen? Dieses Kind Rieke Busch schien über alles im Leben Bescheid zu wissen, wie eine Alte. Sie sollte nur machen und schnell kommen – ihn fror jetzt sehr. Eine Gestalt hatte sich aus dem Häuserschatten gelöst und hatte schon eine Weile vor Karl Siebrecht gestanden. Nun sagte der junge, geisterhaft blasse Bursche: »Na, Mensch?«

»Ja?« fragte Karl Siebrecht, aus seinen Gedanken hochfahrend.

»Na –?« fragte der andere wieder.

»Guten Abend!« sagte Karl Siebrecht, der nicht wußte, welche Antwort von ihm erwartet wurde.

»Sore –?« fragte der, trat noch einen Schritt näher und legte eine Hand auf den Korb.

»Hände weg!« rief Karl Siebrecht scharf. Und als die Hand sofort zurückgezogen wurde, fragte er milder: »Was ist Sore?«

»Det weeßte nich? Na, Mensch! Jibste mir een Stäbchen, wenn ick dir sare, wat eene Sore ist?«

»Nein!« erklärte Karl Siebrecht entschieden. »Was ist denn ein Stäbchen?«

»So grün!« grinste der Bursche jetzt. »So grün und denn im November! Du kommst wohl grade vons Land?«

»Wirklich! Ich bin noch keine Stunde in Berlin!«

»Mensch!« sagte der Bengel fast fieberhaft, drängte sich dicht an Karl Siebrecht und flüsterte ihm ins Gesicht: »Sei helle, hau wieda ab. Hier is nischt los, nur Kohldampf und Frieren! Det wird een Winter, sare ick dir!«

»Keine Arbeit?« fragte Karl.

»Arbeet? Nich so ville hab ick letzte Woche vadient, wie ick Schwarzet unterm Daumennagel habe! Du rennst dir die Sohlen ab – aber nischt! Mensch!« sagte der Bursche und drängte sich noch näher. »Mach und schenk mir ’nen Jroschen! Ick habe nich mal so ville, det ick in de Palme nächtigen kann. Weeßte, wat de Palme is?«

»Ja, es ist mir erzählt worden.«

»Det letzte Nacht ha’ ick in ’ne Sandkiste im Tiergarten jeschlafen. Mensch, und es is so kalt! Ick bin janz verklammt uff dem nassen Sande, ich war krumm wie ’n Affe. Eenen Jroschen nur, det ick eenmal wieder warm schlafen kann!«

Der Bursche, kaum zwei, drei Jahre älter als Karl Siebrecht, hatte so fieberhaft, so eindringlich geredet, daß es für den Jungen kein Zögern gab. Flüchtig hatte er daran gedacht, wie abfällig er sich eben noch seiner Schlafstelle erinnert hatte, und der hier hatte in einer Sandkiste geschlafen … Er zog das Portemonnaie aus der Tasche. »Ich will dir gerne einen Groschen geben«, sagte Karl Siebrecht –

– und bekam im gleichen Augenblick einen Faustschlag in den Bauch, daß ihm der Atem verging, daß er sich zusammenkrümmen mußte. Das Portemonnaie wurde ihm aus der Hand gerissen. »Na, Mensch!« rief der Bursche triumphierend. Und ebenso schnell kläglich: »Laß mir los! Ick habe bloß Spaß jemacht! Ick jebe det Jeld wieda! Es war bloß Spaß! Rieke, Ernst –!«

Karl Siebrecht richtete sich ächzend wieder auf. Ja, da war die kleine Rieke Busch und ein junger, blasser Mensch mit einer ungeheuren Rabentolle bei ihr. Sie hielten den Burschen, der jammerte: »Warraftig, Rieke, et war bloß Spaß! Ick wer’ doch nich eenen, den du kennst, fleddern! Laß mir loofen, bitte! Rieke, Ernst, sagt’s nich meenem Ollen. Meen Olla haut mir zuschanden.«

»Und det soll er ooch!« sagte Rieke böse. »Jarnich genug kann der dir vertrimmen! Du faulet Aas – am Tage dir rumdrücken und nachts die Leute fleddern! Du jehörst uff den Alex, in de Plötze jehörste, nich bei uns Arbeeta!«

»Rieke, beste Rieke –« fing der Bursche wieder an.

»Halt’s Maul! – Zähl’s Jeld nach, Karl, stimmt’s? Und een Kamel biste ooch, Karl, nach allem, wat ick dir jesagt habe, zeigste dem Lulatsch in der Nacht dein Jeld! Dir kann man ooch nich eene Minute alleene lassen, so een Dussel biste. Da is ja Tilda hella.«

»Er hat mich nur um einen Groschen für die Palme gebeten«, versuchte der sehr beschämte Karl Siebrecht sich zu entschuldigen. »Er hat mir erzählt, er hat im Tiergarten in einer Sandkiste schlafen müssen –«

Die beiden, Rieke und der Rabentollige, brachen in ein Gelächter aus, selbst der gefangene Verbrecher grinste schwach. »Und det jloobste?!« rief Rieke. »Dir können se wohl alles erzählen. Denn wirste nicht lange mehr Jeld haben, wenn de de Leute allens jloobst. Du fängst ja jut an, Karl. Weeßte, wer det is? Det is det Früchtchen von dem Schustameesta Krull in de Pankstraße, der is bei seinem Vata Lehrling ins letzte Jahr, der hat een Bett, bessa als du und ick, keene Sandkiste, du! Bloß, det is een fauler Knochen, der will und will nich arbeeten. Sein Vata hat ihn schon halbtot jeschlagen, aba det hilft nischt mehr. Ick jloobe, bei dir hilft nur noch die Plötze, wat?«

»Laß mir loofen, Rieke, dies eene Mal noch! Ick will ooch jewiß nich wieda …« bettelte der Bursche.

»Natürlich willste wieda! Aba hau ab, Jott sei Dank biste nich mein Sohn. Ich brächte dir zurecht, ick sare dir –!« Und das kleine Wesen funkelte den langen Bengel so gefährlich an, daß er mit einem verlegenen Grinsen einen Schritt zurücktrat. Gleich nutzte er die Gelegenheit und stürzte fort ins Dunkel. Sie sahen ihm alle drei einen Augenblick schweigend nach.

»Na ja, der Fritze Krull!« sagte Rieke dann. »Weg mit Schaden! Den schnappen se ooch ohne uns. – So, Karl, und det is der Ernst, von dem ick dir berichtet habe, Ernst Bremer, wat? Det is der Bäcker, een juter Junge, wie ick dir gesagt habe, bloß zu leicht. Hinter alle kleenen Mädchen her.«

Der Bäcker Ernst Bremer, der einen so weißen Teint hatte, als sei er mit Weizenmehl bestreut, lachte recht geschmeichelt: »Det jloobe ihr nich, Karl«, sagte er und gab dem Jungen die Hand. »So fett fiddelt Voß nich. Ha’ ick dir schon süße Oogen gemacht, Rieke?«

»Na, weeßte!« antwortete Rieke im höchsten Ton. »Det wollte ick mir ooch sehr vabeten haben! Det wäre woll dein letzter Tag jewesen, wo de ’ne heile Fassage rumjetragen hast. – Und nu faß den Korb an, Karl. Ick dachte eijentlich, der Ernst soll de Körbe tragen, aba dir laß ick nich wieda alleene uff de Straße. Du mußt Berlin erst bessa kennenlernen. Det war ’ne Lehre wie ’ne Ohrfeige for dir.«

»Wir können ja beide die Körbe rauftragen, und du paßt auf«, schlug Karl Siebrecht, doch wieder sehr beschämt, vor.

»Na ja, wenn ihr det wollt, denn mal los! Ick reiße mir nich darum.«

Es ging über zwei, drei dunkle Höfe, einer schien immer enger, riechender, trostloser als der andere. Karl schauderte. Dann ging es eine enge Treppe hoch, eine so vertretene, beschmutzte Treppe mit so scheußlicher Luft, daß es unbegreiflich schien, wie die offene, zungenförmige blaue Gasflamme in dieser Luft überhaupt brennen konnte. Türen über Türen, Gänge über Gänge, Lärm, Sprechen, Poltern, Töpfegeklapper. Frauen, die schweigend und, wie es Karl Siebrecht vorkam, mit feindlichen Augen den Korb an sich vorbeiließen. Immer höher hinauf, immer höher. Und die Luft wurde immer schlimmer. »Wollen wa nich mal vapusten?« fragte der Bäcker. »Du bist det ja nich jewohnt!«

»Nein, laß man, es geht schon. Ist hier immer so schlechte Luft?«

»Ach, du meenst den Mief? Ja, det mieft hier immer, so’n Mief hält warm im Winta. Der hilft Preßkohlen sparen.« Und wieder schüttelte es Karl Siebrecht.

»Da sind wa«, sagte der Bäcker und stieß mit der Schulter eine Tür auf, die nur angelehnt gewesen war. »Wa stellen den Korb nur ab, det die Rieke nich zu lange alleene is.«

Karl konnte nur einen hastigen Blick in eine von einem Petroleumblaker schwach erhellte Küche tun. Gottlob, hier sah es sauber aus, und es roch auch nicht so schlimm wie draußen. Aus einer Stube drang ärgerliches Brummen. »Det war der Olle«, erklärte der Bäcker, als sie wieder die Treppe hinabstiegen. »Der is ungnädig, die Rieke hat ihm schon ’ne Predigt vapaßt, aber aus der Mulle hat se ihn ooch nich gekriegt.«

Noch dreimal mußten die Jungen mit den Körben die Treppen hoch, denn Rieke hatte angeordnet, daß auch Karls Körbe zu ihr kämen. »Du kriegst nur, wat de brauchst, det kannste dir alle Tage von mir holen. Uff dir muß man uffpassen. Nich, daß ick deine Schlummamutta mißtraue, die Brommen is janz ordentlich, aber mit dir weeß man ja nich –« Und Karl Siebrecht protestierte nicht.

Beim letzten Mal blieb der Bäcker oben, als Wachtposten. »Dat du den Ollen nich ranläßt! Die Körbe pack ick alleene aus, Ernst! Und wir sind ooch schnell wieda da, wir müssen bloß die Karre abliefern, is ja nich weit bis in de Müllerstraße. Und die Karre is leer.«

7. Der alte Busch

»Setz dich doch auf die Karre«, sagte Karl zu Rieke.

»Nee, ick zieh bei dir. Is zu kalt zu’s Sitzen. Is dir ooch kalt, Karl?«

»Ein bißchen.«

»Na, laß man, det jibt sich. Uff ’n Heimweg hol ick jleich eenen Eimer Kohlen, sollst mal sehen, wie warm wa det noch kriejen. Ick hatt’n janz schönen Vorrat liejen, als ick zu Tante Bertha machte, aba der Olle hat allet wegjefeuert. Der kennt keene Einteilung, Männer sind so.«

»Er wollte wohl bei den Körben nicht anfassen?«

»Laß ihn. Det is sein schlechtet Jewissen, denn is er grade pampig, grade aus’ schlechtet Jewissen. Der besinnt sich. Paß uff, wenn wa jetzt heemekommen, weeß er nich, wat er mir zuliebe tun soll. Schlecht is er nich, da jibt’s janz andere! Und überhaupt –« Sie schwieg gedankenvoll.

»Was meinst du mit: und überhaupt?«

»Wat ick damit meine? Na ja, früher war er janz ordentlich, aba er hat sich det mit Mutta’n doch so zu Herzen jenommen, seitdem is er so.«

»Seit deine Mutter gestorben ist?«

»So kann man det ooch sagen. Aba de Wahrheit is, er hat Mutta’n doch rausgeschmissen, weil sie mit ’nem anderen Kerl jing. Tilda is ja nich von Vata’n, aba er läßt det Kind det nicht entjelten, allet, wat recht is. Und denn hat der Kaschube Mutta’n sitzenlassen, und Mutta is wieda jekommen bei uns, da war se schon in der Hoffnung. Na, Vata hat ihr nischt in den Weg jelegt, aba er hat nie wieda een Wort mit die Frau jeredet, ooch, als se allemachte, und det reut ihm nu. Darum säuft er, aba nur manchmal.«

Der Junge, Karl Siebrecht, schwieg überwältigt. Ihn packte die nüchterne, klagelose Selbstverständlichkeit, mit der die dreizehnjährige Rieke Busch von dem allen redete. »Und das trägst du alles so selbstverständlich, Rieke?« rief er und legte seine Hand auf der Stange des Karrens sachte über die kleine verarbeitete Kinderhand.

»Wat denn sonst? Wat soll ick denn dabei tun? Det is doch so! Da kann keener wat bei machen! Bloß det eene sare ick dir, Karl: mir soll keener nischt von der Liebe erzählen. Die richt’ bloß Unfug an. Wie der Ernst vorhin anfing – na ja, det wissen se alle, ick bin kalt wie ’n Eiszappen!«

»Aber du bist doch auch noch nicht vierzehn, Rieke!« rief Karl Siebrecht.

»Na wat denn? Wat denkste, wat de Mächen hier schon früh rumknutschen? Is det denn bei euch nich so? Biste ehrlich, Karl, haste noch nie een Mächen jeküßt?«

»Doch – aber …«

»Na siehste! Da gibt’s jar keen Aba! Jünger als du wird se wohl jewesen sind! Aba det sare ick dir, hier paß uff! Und wenn de dir doch verknallst, denn komm bei mir! Ick wer’ dir schon raten! Die Mächen hier kenn ick, und die anderen Mädchen seh ick mir eenmal an, dann weeß ick Bescheid. Komm man immer bei Rieke, Karl, die hilft dir!«

Karl Siebrecht mußte lachen: »Du redest, Rieke, als wärest du meine Großmutter. Und außerdem werde ich mich hier bestimmt nicht verlieben.«

»Verrede es nich! Du bist een hübscher Junge, und det werden die Mächens hier ooch sehen. Und die in deinem Kaff is weit weg.«

»Ich verliebe mich bestimmt nicht!«

»Wart’s ab, Karl, wart’s ab!«

Trotzdem die Uhr schon halb elf war, trafen sie den alten Dienstmann doch unruhig vor dem Hause Müllerstraße 87 wartend. »Na, Opa«, sagte Rieke triumphierend, »du hast woll Angst jehabt? Da haste deine Karre. Und siehste, wat ick hier for dir habe: eene Wurscht. Aber keene von Aschinger, denk det bloß nich, die kommt direkt von’t Land, di ha’ ick dir mitjebracht, Opa!«

»Jott, Mächen«, sagte der Alte ganz gerührt. »Det wär ja nu nich nötig jewesen. Jott, riecht die schön! War die im Rooch?«

»Natürlich war die im Rooch, und nich so Kiefernrooch, wie die Schlachter hier machen, nee, richtijen Buchenrooch. Na, nu jute Nacht, Opa!«

»Jute Nacht, Mächen. Dank ooch schön.«

»Nischt zu danken!« rief Rieke schon im Gehen. »Weeßte übahaupt, weswegen du de Wurscht jekriegt hast, Opa?«

»Na, von wejen meine Karre doch.«

»Keene Ahnung!« schrie Rieke. »Weil de wie ’n Hund heeßt, und alle Hunde fressen jerne Wurscht!« Sie pfiff durchdringend, dann lockte sie: »Komm, Kieraß, komm, mein Hundeken! Kieraß, kuschste –?« Noch zwei Straßenecken weit hörten sie den Alten lachen. Karl Siebrecht konnte ihn sich recht gut vorstellen, wie er dastand, ausgemergelt und abgearbeitet, seine Wurst in der Hand, an der Schwelle der Siebzig, dankbar für jedes gute Wort.

Es war nach elf Uhr, als sie wieder über die engen, dunklen, riechenden Höfe, diese bloßen Lichtschächte des Hauses, in der Wiesenstraße gingen. In den Fenstern brannte kaum noch Licht, auch die Gasflammen auf der Treppe waren erloschen. Rieke mußte Karl bei der Hand nehmen und ihn im Dunkeln führen; Streichhölzer, sich hinauf zu leuchten, hatte keines von beiden. Dann zog Rieke ihn in die Küche. »Wo is’n Ernst?« fragte sie sofort den großen schweren Mann, der dort bei der kleinen Lampe am Tisch saß, den Kopf in den riesigen Händen. »Ick habe Ernsten doch jesagt, er soll uff mir warten!«

Der Mann hob den Kopf. Karl war erstaunt, einen verhältnismäßig jungen Mann, vielleicht Ende der Dreißig, vor sich zu sehen. Er hatte sich Riekes Vater uralt vorgestellt und fand nun einen kräftigen, fast blühend aussehenden Mann, mit einem rötlichen, kurzgehaltenen Vollbart, einer auffallend zarten, weiß und roten Haut und einer schönen Stirn. Nur die Augen, diese sehr hellen Augen, von einem verwaschenen Blau, wollten ihm nicht gefallen: der Blick, der auf den beiden Kindern ruhte, schien sie nicht zu sehen, er schien fast nichts zu sehen. »Der Ernst?« fragte er. »Der Ernst? Den ha’ ick jehen heißen, Tochter, den juckte det Fell! Den zog’s weg! Wat soll er hier ooch sitzen? Brooch ick ’nen Wachtposten, Tochter?«

»Nee, Vata, broochste nich!«

»Ick bin nich bei die Schließkörbe jegangen, nee. Ick habe dir ’ne Suppe jekocht. Det Mehl hat mir Ernst noch von de Brommen jeholt, een halbet Pfund, du jibst ihr det wieda, Tochter.«

»Tu ick, Vata. Jleich morgen. Wat denkste, wat ick for feinet Mehl von Tante Bertha im Schließkorb habe, so’n Mehl hat hier nich mal Tamaschke! Vata, det is Karl, Karl Siebrecht, der sucht hier Arbeet in Berlin. Is’n Freund von mir, Vata!«

»Is recht, Tochter. Setze dir, Karl. Wie war’n Tante Bertha?«

»Die war richtig, Vata«, antwortete Rieke, die schon am Herde wirtschaftete. »Die ha’ ick abserviert. Wat denkste, wat ich allens im Korbe habe, sogar ’nen janzen Schinken!« Und jetzt strahlte Rieke Busch wirklich voll stolzer Freude.

Busch schien es kaum zu sehen. »Ja, du bist tüchtig, Tochter«, sagte er, immer in der gleichen leidenschaftslosen Sprechweise, die ohne Nachhall schien. Die Worte erloschen gleichsam, sobald sie seinen Mund verließen. »Du bist tüchtig, janz wie Mutta. Mutta war ooch tüchtig, det weeßte, Tochta, det ha’ ick dir tausendmal gesagt.«

»Haste, Vata …«

»Det ha’ ick. Ha’ ick je ein Wort jejen deine Mutta jesagt, Tochter?«

»Is ja jut, Vata! Ick weeß ja, is ja jut! Biste stille, Vata! Mutta war die beste! – Schläft Tilda?«

»Se schläft, Tochter, ick ha’ ihr in meen Bett jepackt. Se wollte so jerne, weil’s so scheene warm war. Ick ha’s ihr een bißcken zurecht jezogen. Laß ihr drin liejen, Tochter, ick habe meine Tour rum, morjen jeh ick wieda arbeeten.« Die letzten Worte hatte er fast belebt gesprochen, mit einer beinahe ängstlichen Betontheit.

»Is jut, Vata. Det machste, wie de willst. Da kann dir keener Vorschriften machen.«

»Und du reist nich wieda weg? Du bleibst jetzt hier, Tochter?«

»Natürlich, Vata. – Komm, Karl, nu ißte Suppe mit, die is schön heiß. Nachher tuste jleich det nasse Zeug vom Leibe, und wa puppen dich anders in. Mach bloß den Stehkragen los, Karl, du bist ja schon janz wund am Halse. – Vata, weeßte Arbeit for Karle?«

»Det is jut, Tochter«, sagte der Vater, der nichts gehört zu haben schien, »daß de nich wieder wegmachst. Ick kann nich alleene sind. Wat heeßt hier Schinken – bei mir sollste sind!«

»Is ja jut, Vata. Wohin soll ick denn noch reisen? Ick bleib nu hier.«

Vater Busch hatte eine Hand gegen seine Wange gelegt, nun hob er die andere und zeigte damit auf Rieke. »Tochter!« rief er fast aufgeregt, in aller Leblosigkeit fast aufgeregt. »Tochter! Sieh mir an!«

»Reje dir nich uff, Vata«, sagte das Mädchen und legte den Löffel aus der Hand. Sie sah den Alten aufmerksam an. »Reje dir nich uff, ick hole dir lieber noch ’ne Pulle. War se so schlimm?«

»Schlimm?« fragte er. »Schlimm? Det nennste schlimm? Tochter, is det wahr, wat mir der Ernst erzählt hat, willste mir mit de Brommen vaheiraten?« Die Hand, die auf die Tochter zeigte, zitterte so sehr, als habe der Mann einen Schüttelfrost, aber der Mann saß unbeweglich wie eine Mauer, nur die Hand bebte.

»Det machste, wie du willst, Vata, es is wahr, ick habe mit der Brommen jeredet. Ihr paßt jut, Vata, und die Brommen is tüchtig. Ick tu, wat ick kann, Vata, aba ne richtije Frau bin ick doch nich, wenn ihr mir alle ooch dafor nehmen tut: ick bin bloß een Kind. Und denn, wenn ’ne Frau hier wäre, könnte ick een bißcken mehr lernen, ick bin zu doof, Vata. – Aber det machste, wie du willst, Vata. Sagste nee, denn Schwamm drüber, weg is et.«

»Sie war bei mir, Tochter«, sagte der Mann, und die Hand bebte immer stärker. »Die janzen Tage war sie bei mir, im Suff. Jetzt weeß ick, warum se’s so eifrig hatte, die janzen Tage, wo ick jing und stand, hat se mir über die Schulter jeflüstert: Du sollst bei keinem Weibe schlafen, Vata, hat se jeflüstert. Ick ha’ ihr nich vastanden, nu versteh ick ihr. Ick bin for ihr ohne Sünde, Tochter, in diesem bin ich ohne Sünde!«

»Biste, Vata! Es war man ’ne Idee von mir, Vata. Wenn se dir nich in Ruhe läßt, is erledigt. Schluß!«

»Is erledigt, Tochter. Du hast’s jesagt, is jut.« Die Hand sank schwer auf den Tisch herab, blieb dort liegen, wie vergessen. Die Augen schlossen sich fast. »Wat haste dir da anjepröhlt, Tochter? Jeh, zieh dir wat anderet an, wat Helles. Is erledigt, Tochter. Ick kann wieda atmen.« Er sprach wie im Schlaf. Das Mädchen legte zu Karl hin den Finger auf den Mund und schlich auf Zehenspitzen in die Stube. Karls Löffel lag in der ungegessenen, kalt gewordenen Mehlsuppe. Wie gebannt sah er auf den Mann, der nicht ihn, der nichts zu sehen schien. Noch einmal murmelte der: »Is erledigt, hat se jesagt …« und seine Glieder entspannten sich. »Sie gibt wieder Ruhe …«

Aus der Stube kam Rieke in einem weißen Kleid. Der Junge machte eine Bewegung der Überraschung: aus der grotesken, kleinen, verschrobenen Figur war ein helles, zartgliedriges Mädchen geworden, fast groß für sein Alter.

»Da biste, Tochter«, meinte der Vater. »Setze dir auf meinen Schoß! So, du weißt schon. Leg den Arm um meinen Hals, kraul mir’n Bart een bißcken, janz wie deine Mutta. Rieke, wat biste?« Zum ersten Mal nannte der Mann seine Tochter Rieke, aber selbst der unerfahrene Karl Siebrecht verstand, daß er nicht seine Tochter so nannte.

»Deine Beste«, antwortete Rieke.

»Wen liebste, Rieke?«

»Dir, Walter, bloß dir!«

»Ha’ ick dir was Böses getan, Rieke?«

»Nie nich, Walter, immer jut. Immer jeduldig. Immer arbeetsam.«

»Jib mir ’nen Kuß, Rieke.« Und sie gab ihm einen Kuß.

»Un nu schlaf in, Walter«, sagte das Mädchen und löste sanft den Arm von seinem Hals. »Komm, leg dir in de Klappe!« Und sie führte den vor Schlaf fast Taumelnden nebenan in die Stube.

Als sie zurückkam, stand Karl Siebrecht am Fenster und starrte hinaus in die Nacht. Das helle Mädchen stellte sich neben ihn und sah mit ihm, zum ersten Mal auch sie wortlos, hinaus in die Nacht, über die Dächer fort, über die der Novemberwind stürmte. Vom Himmel war nichts zu sehen, noch lastete das Dunkel über der Stadt. Kein Stern, kein Mond – nur ein fahler Schein, der die Finsternis noch unterstrich. Schließlich sagte Rieke: »Von deine Arbeet ha’ ick mit Vata nu nich reden können, det vastehste?«

»Natürlich.« Er wandte den Blick vom Dunkel fort, sah in ihr helles Gesicht und sagte: »Wie du das alles aushältst, Rieke? Ich komme mir ganz schlapp vor. Ich bewundere dich!«

»For wat denn, Karl?« fragte sie. »Sag bloß, for wat? Wejen de Arbeet und wejen Vata’n? Sei man bloß ’ne Weile bei uns, denn siehste andere Arbeet. Und Vata is doch jut. Vata tut keenem nischt.«

»Und du hast nie Angst vor ihm?«

»Vor Vata’n? Doch, Karl, manchmal. Der is ja oft nich janz von hier. Denn denk ick, er richt’ noch mal een Unheil an. Darum hätt ick ihn ja jerne vaheirat’, det er ’ne richtje Uffsicht hat, aba wat nich is, det is nich. Ick wer’s der Brommen jleich saren, die is ne vanünftije Frau, se wird det bejreifen. – Un nu, Karl, packe nur aus, und du puppst dir um. Die Tracht hängen wa weg, bis de weiter bist. Vorläufig biste nischt als een unjelernter Arbeeta, da mußte dir ooch wie so eena tragen.« Nach einer halben Stunde war alles ausgepackt, und Karl trug die reichlich weite Manchesterhose des Vaters und eine Joppe. Erst hatte er protestiert, aber Rieke hatte gesagt: »Du mußt aussehen, det se dir nich jleich uff de Schippe nehmen. Se werden dir noch jenug verasten von wejen deine Sprache und deine feinen Pfoten. Aba laß sie, da mußte doch durch, det wirste schon schaffen.«

Nun ging er mit Rieke durch das dunkle, immer geräuschvolle Haus. Sie trug den kleinen Petroleumblaker, der Lichtschein fiel auf die ausgetretenen, beschmutzten Stufen und manchmal auf ihre kleinen Füße, die so müde sein mußten, ach, so müde!

»Wann gehst du schlafen, Rieke?«

»Jetzt jleich, wenn de versorgt bist.«

»Und wann stehst du auf?«

»Wo Vata wieder arbeet, um halb sechse. Hab keene Angst, ick weck dir rechtzeitig, wenn Vata wat for dir weeß.«

»Dann hast du kaum fünf Stunden Schlaf.«

»Det macht nischt, Karle, da schlaf ick een bißcken schneller zu. Det jleicht sich aus.« Sie gingen über zwei Höfe zurück, dann in ein Quergebäude und fingen wieder an, Stufen zu erklettern. »De Brommen hat’s jut, die hat ’ne feine Wohnung«, sagte Rieke. »Ick dachte schon, ick könnte mit Vata’n und Tilda bei ihr ziehen. Na, wieder mal nischt!«

»Aber es riecht hier genauso, und die Treppen sind genauso scheußlich wie bei euch!«

»Aber der Hof, Karl! Haste nich uff ’n Hof jeachtet?«

»Der Hof? Der ist genauso düster wie bei euch.«

»Du hast ’nen Blick, Karl, dir sollten se zum Baurat machen – for Arbeeterwohnungen! Der Hof hier is fast doppelt so jroß wie unserer! Wenn de Brommen de Fenster uffmacht, kriegt se Luft, ick bloß Gestank, und sie hat im Sommer Sonne, ick nie!« Damit waren sie an der Tür angelangt, Rieke klopfte leise, und die Tür ging auch gleich auf. Die Brommen war eine schwere Frau mit fast zu frischen Farben, sehr mit gestrickter Wolle bedeckt.

»Seid ihr endlich da?« fragte sie. »Der Ernst hat ma schon Bescheid jesagt. Det Bett is frisch bezogen, und det du’s jleich weißt: det Schlafen kost’ vier Mark die Woche, immer im voraus. Alle vier Wochen wird frisch bezogen. Und wenn de Frühstück haben willst, kost’ es ’ne Mark fünfzig extra, aber bloß Brot, mit Schrippen freßt ihr mir arm! Einverstanden?«

»Det is jerecht, Karl«, sagte Rieke. »Det is in Ordnung. Da schlag in und jib ihr jleich det Jeld for de erste Woche! Wie de dir sonst beköstigst, davon reden wa noch. Ick denke, du ißt bei mir und jibst mir Kostgeld! – Hier is ooch det Mehl, Brommen, wat se Vata’n jeliehen haben!«

»Na, so eilig wär det nu ooch nich jewesen, Rieke. Det ist ja nich so bei mir, Rieke, det ick een halbet Pfund Mehl direkt entbehren tu!«

»Det weeß ick doch, Brommen. Et is nur von wejen die Ordnung.«

»Ja, ordentlich biste, Rieke!«

»Aba kieken Se sich det Mehl an, Brommen, det is een Mehl! Det ha’ ick von Tante Bertha’n mitjebracht, so’n Mehl kriejen Se nich mal bei Tamaschke!«

Und nun ergingen sich die beiden über die Vorzüge ländlichen Mehls, und dann berichtete Rieke von ihren Anschaffungen bei Tante Bertha, und Karl Siebrecht stand stumm und ein wenig verdrossen und übermüdet dabei. Vorläufig konnte er noch nirgends mitreden, es war eine zu fremde Welt. Aber er fand doch, Rieke hätte nun Schluß machen und ins Bett gehen können, sie beide hatten den Schlaf nötig. Aber damit bewies Karl Siebrecht nur, daß er wirklich ein ahnungsloser Knabe war. Man fällt nicht mit der Tür ins Haus, weder auf dem Lande noch in der großen Kaiserstadt Berlin. Rieke wußte wohl, was sich schickt, und die Brommen wußte es auch. Eine ganze Weile verging, ehe die Bromme fragte: »Und wat sagt denn der Olle dazu, Rieke? Hat er sich denn jefreut über all det jute Essen, wat du anjeschafft hast? Da habt ihr doch den janzen Winter jut von!«

»Heute noch nich, Brommen«, antwortete Rieke Busch. »Aber det kommt noch.«

Eine kleine Pause entstand, dann sagte die Brommen: »Na ja, wenn’t man kommt! Unsereener is ja Warten jewohnt, wat, Rieke?«

»Det ja. Aber manchmal wart’ man ooch umsonst, Brommen.«

»Ach nee –?« Sehr gedehnt: »Du meinst –?«

»Ja, det meen ick, Brommen. Vata will nich.«

»Ach so!« Tiefes gedankenvolles Schweigen. Dann: »Der Ernst hat mir jesagt, der Olle spinnt heute …«

»Det ooch, Brommen.«

»Det jibt sich doch, Rieke!«

»Det nich, Brommen, det nich! Der Umstand ist der: sie hat’s ihm verboten!«

»Wat hat se ihm vaboten? Mir hat se ihm vaboten?! Haste Töne, Rieke? Sich hat se doch nischt vaboten, oder –?«

»Nee, det nich! Aba, Brommen, det bild er sich doch bloß in!«

»Denn red ihm doch seine Inbildungen aus!«

»Det kann ick nich! Er sieht ihr wirklich, und er hört ihr ooch, da kann man nich gegen an reden.«

»Spricht se denn wirklich mit ihm? Nee so wat!«

»Ick weeß nich, ob er sich mit ihr unterhält, det jloobe ick eijentlich nich.«

»Wat hat se ihm denn jesagt?«

»Ick weeß ooch nich so. Det er keen Weib berühren soll oder so!«

»Nu schlägt’s dreizehn! Die spinnt wohl? Wenn der Olle spinnt, die spinnt noch zehnmal mehr. Det is doch direkt unjesund, der Mann is doch in den besten Jahren! Nee, so wat ha’ ick noch nich jehört! Uff wat die nich noch im Jrabe kommt – und gerade die!«

Und die geduldige, so müde Stimme Riekes: »Vata bild sich det doch bloß in, Brommen!«

»Det sage nich! So wat kann sich keen Mensch inbilden! Det is se, wie se leibt und lebt!«

»Na ja, Brommen, wie Se denken, Se können ja recht haben. Aba ick meine imma, wa lassen Vata erst mal zufrieden. Det se erst wieda Ruhe jibt. Der Mann is ja ganz durcheinander.«

»Da haste recht, Rieke! Den Jefallen tun wa ihr nich, det se ihn noch weiter ängstigt. Die soll man bleiben, wo se ist. Da liegt se gut. Und am Sonntag mach ick mal raus uff den Friedhof bei ihr und bring se Blumen, det besänftigt se valleicht.«

»Det tun Se man, Brommen, det is ne jute Idee. Jute Nacht, Brommen! Jute Nacht, Karl! Schlaf ooch schön, Karl!«

»Schlaf du auch schön, Rieke!«

»Hier is dein Bette, Jung!« sagte die Brommen und führte, eine Kerze in der Hand, den Karl in eine Dachkammer, unter deren schräger Decke zwei Betten standen. Das seine stand aber ganz unter der Schrägung, so daß er im Bett nicht würde aufrecht sitzen können, das sah er gleich. »Det andre Bett hat Ernst, der is noch unterwejens. Deine Sachen legst du übers Bette, det wärmt ooch noch. Det zucht hier een bißcken durch’t Dach. Na, du hast ja junget Blut, da macht det noch nischt. – Jute Nacht ooch.«

»Also denn jute Nacht, Frau Bromme!«

Das Bett war feuchtkalt. Karl Siebrecht hatte gemeint, sofort einschlafen zu können, aber nun zitterte er vor Frost. Der Wind stieß so nahe an die Schieferplatten, und unter der Decke war immer wieder ein Loch, durch das es eiskalt hereinkam, er mochte sich noch so fest einwickeln. Und schlief doch schon. Schlief und sah das weiße, wie mehlbestäubte Gesicht des Bäckers Ernst über sich, eine Hand lag fast ganz um die Kerzenflamme, ein schmaler Lichtstreif stach in seine Augen. Er blinzelte mühsam.

»Du!« flüsterte der Bäcker. »Haste ooch schon wat mit die kleenen Mächen?« – Ich will bloß schlafen, dachte er. Was will denn der? Er hatte es vielleicht auch laut gesagt. – »Haste wat mit die Rieke?« flüsterte der Bäcker wieder. »Se hat dir so komisch anjekuckt, so hat se noch nie uff mir jesehen.« Er gab dem Karl Siebrecht einen Stoß. »Hörste, Jenosse –?!« – Aber Karl Siebrecht war trotz des Stoßes davon überzeugt, daß er nur träumte. Er warf sich herum gegen die Wand. – »Ick habe dir jewarnt«, hörte er den anderen noch. »Wenn ick wat merke, ick flüstre es dem Ollen, und der Olle bringt dir um!« Aber das war nur Traum, Traum, Traum. Das war nichts Wirkliches.

Und am nächsten Morgen hatte Karl Siebrecht wirklich alles vergessen. Nur den Bäcker, den er am Abend doch noch ganz gerne gemocht hatte, konnte er nun nicht mehr ausstehen. Er wußte nur nicht, warum.

8. Auf der Arbeitsuche

Der Junge meinte, kaum eingeschlafen zu sein, da riß die Brommen an seiner Decke und rief: »Sollst machen, mit dem ollen Busch uff Arbeet jehen! Die Rieke ist dajewesen!«

Karl Siebrecht fuhr hoch im Bett und gegen einen Dachsparren, daß sein Schädel krachte. Durch das schräge kleine Fenster fiel noch kein Tageslicht, das Bett des Bäckers war leer. In Hosen schlurrte er in die Küche und wusch sich kalt ab. Die Brommen drehte ihm den Rücken. »Genier dir nich und zier dir nich«, versuchte sie zu singen. »Ick kieke nich. – Jott, ooch Zähneputzen? Det muß ick die Rieke erzählen, so’n feinen Schlafburschen ha’ ick noch nich jehabt. – Mach zu mit’s Kaffeetrinken, Jung, der olle Busch muß um achten an der Baustelle sind, weil’s erst so spät helle wird, aber det muß er.«

Der Kaffee schmeckte anders als der von Minna gekochte, und die Butter war keine Butter, sondern Margarine, aber Karl Siebrecht hatte den Appetit der Jugend und aß tüchtig. »Na, det is richtig, iß man tüchtig!« sagte die Witfrau Bromme. »Und nu jeh los, den Weg zu Buschens wirste ja wohl finden.«

Es war aber gar nicht so einfach, diesen in der Nacht gemachten Weg wiederzufinden. Bei dem ersten schwachen Tagesschimmer sahen die Höfe womöglich noch trostloser, noch dunkler aus. Die vielen Eingänge verwirrten Karl. Erst als er eine Treppe bis ins oberste Stockwerk hinaufgelaufen war, merkte er, daß er sich geirrt hatte, und mußte noch einmal treppab und treppauf. Als ihm Rieke die Tür öffnete, keuchte er vom Laufen. Es war wieder eine ganz andere, sehr kindhafte Rieke, mit einer Schultasche auf dem Rücken. »Ick muß in de Schule – sonst müssen wa wieda Strafe zahlen. Muß Tilda alleen bleiben, die wird schön wat plärren. Aber ick sage unserm Frollein Bescheid – ick ha’ nich so viel Zeit wie die, zur Schule zu jehen! Mach’s jut, Karl!« Sie gab ihm die Hand und lief schon die Treppe hinunter. Karl Siebrecht sah ihr nach. Der vor ihm liegende Tag schien ihm plötzlich ohne seine kleine helle Freundin sehr grau.

Maurer Busch saß, schon mit der kalkweißen Schirmmütze auf dem Kopf, am Tisch und fütterte die Tilda von einem Teller. »Na, Tilda«, sagte er, »da ist der Junge. Morjen, Junge! Nu legste dir noch schön in deine Betten und spielst mit deinem Püpping.« Schon bei seinen ersten Worten hatte das Kind zu weinen angefangen, nun brüllte es lauthals. Einen Augenblick stand der starke Mann unentschlossen mit dem zornigen, strampelnden Kind auf dem Arm, den unbestimmten Blick seiner hellen Augen wie um Hilfe auf Karl gerichtet, dann murmelte er: »Det hilft nischt, Tilda! Brüllen hilft bei uns allen nischt.« Er verschwand mit dem Kind in der Stube, das Brüllen verstärkte sich. Dann erschien der Mann rasch wieder, nahm seinen Rucksack, in dem das Maurergeschirr klirrte, und drückte dem Jungen ein Paket in die Hand: »Det sind deine Stullen, Jung!«

Er drängte ihn aus der Tür. Nicht zu früh, denn in der Stubentür erschien wie ein tobender Zwerg Tilda und schoß auf sie zu. Aber Busch hatte schon die Tür eingeklinkt und verschlossen. Es war erstaunlich, welchen Lärm mit Mund, Händen und Hacken so ein kleines Mädchen an der Tür vollführen konnte! Der alte Busch seufzte noch einmal schwer und stieg dann, ohne ein Wort an seinen Begleiter, die Treppe hinunter. Schweigend folgte ihm Karl Siebrecht.

Wenn der Junge aber gemeint hatte, Busch würde ihm irgendein Wort über das Ziel ihres Weges und die Art der möglichen Arbeit sagen, so hatte er sich geirrt. Der Mann ging dahin, mit einem ruhigen, wie abwesenden Schritt, als gingen die Beine, ohne vom Kopf geführt zu werden, und nicht einmal sah er sich um nach dem Jungen. So plötzlich blieb Busch stehen, daß Karl schon fünf Schritte weiter war. Er kehrte um. Busch stand mit anderen an einer Straßenbahnhaltestelle. »Fahren wir mit der Straßenbahn, Herr Busch?« fragte Karl, den es drängte, dies drückende Schweigen zu brechen.

Der Mann kramte in seinen Taschen, brachte eine kurze Pfeife zum Vorschein, stopfte sie umständlich aus einer Tabaktüte, brannte sie an, tat die ersten Züge – und längst waren Frager und Frage vergessen. Da er aber an der Haltestelle stehenblieb, so nahm Karl an, daß doch gefahren wurde. So war es auch. Manche Elektrische war schon weitergefahren, nun ging Busch auf die Fahrbahn, stieg in eine eben haltende ein, zwängte sich auf die volle Vorderplattform, und Karl sprang schnell nach. Graue Straßen glitten vorbei, nicht unterscheidbar, schien es dem Jungen, Dutzende, Hunderte, Tausende von Häusern, alle grau in grau im Novembernieseln, eines wie das andere. Und die Menschen, alle grau, alle grämlich oder verbissen, alle stumm …

Dann stieg Maurer Busch ab. Hier war Berlin schon locker geworden. Die Reihen nüchterner fünfstöckiger Mietskasernen an der Straße waren zahnlückig, es gab zwischen ihnen eingeplankte Bauplätze, Holz- und Brikettlager, wüste Schuttansammlungen und auch einmal ein Stück Feld, das mißfarben, wie zum Tode verurteilt, unter dem grauen Novemberhimmel dalag. Noch immer sprach Maurer Busch kein Wort zu dem Jungen. Er ging mit demselben geistesabwesenden Schritt und grüßte auch die anderen Maurer nicht, die gleich ihm ihren Baustellen zustrebten. Sie riefen wohl einmal: »Na, Blaumachen alle, Walter?« Aber er starrte halb schräg vor sich auf die Erde und schien sie nicht zu hören.

Sie waren zwei- oder dreimal um eine Ecke gebogen und gingen nun auf einer sandig zerfahrenen Straße, die ungepflastert war. Hier war noch nichts gebaut, es gab Feld, es gab Lauben, es gab Sandgruben, wieder viel Schutt und Müll – und nur gerade vor ihnen gab es einen ganzen großen Häuserblock in allen Stufen der Fertigstellung: halbhoch, hoch und ungedeckt, schon geputzt, mit Fenstern und Türen darin. Ja, es gab sogar schon ein paar jämmerliche Ziehwagen mit den zusammengestoppelten, verbrauchten Möbeln ärmster Leute. In manchen Fenstern gloste die rote Glut der Kokskörbe, die aus den noch feuchten Wänden das Wasser vertreiben sollte. Hier war Buschs Arbeitsstelle. Die anderen Maurer gingen in einen langen Schuppen, um ihre Säcke abzulegen. Busch aber blieb, mit gesenktem Kopf, in der Nähe eines schnurrbärtigen Mannes stehen, der eine ähnliche Joppe wie Karl Siebrecht trug, der also, der Junge erriet es, so etwas wie ein Polier oder Werkführer war. Der Mann sprach mit einem anderen, den eine Peitsche als Fuhrmann auswies. Nun drehte sich der Polier um, und sein Blick fiel auf den geduldig wartenden Busch. »Was, Sie, Busch?« rief er. Busch stand unbewegt.

Der Polier trat hitzig einen Schritt näher. »Sie haben doch wohl Ihre Papiere und Ihr Geld gekriegt, Busch?« rief er. »Machen Sie, daß Sie fortkommen! Für Sie gibt’s hier keine Arbeit mehr!« Der Mann stand wie zuvor, mit gesenktem Kopf, den Blick zur Erde. Noch einen Schritt näher rief der Polier: »Ich lasse mich nicht länger von Ihnen an der Nase herumführen, Busch! Ja, das glaube ich, jetzt beißt Sie die Reue! Aber das hilft Ihnen gar nichts – Sie lassen mich doch wieder sitzen, wenn uns die Arbeit am meisten auf den Nägeln brennt!«

Busch hob den Blick, diesen verwaschenen Blick, der nichts zu sehen schien. Da stand er, ein Bild der Kraft, mit einem rötlichen Vollbart, mit der Gesichtsfarbe eines Kindes, hübsch rosa und weiß, und genauso schuldbewußt wie ein Kind. »Sie lassen mich doch wieder sitzen, wenn uns die Arbeit am meisten auf den Nägeln brennt!« hatte der Polier gerufen.

Und »Ja, Herr!« hatte der Maurer Busch – ganz sinnlos – geantwortet.

»Daß Sie das verfluchte Saufen nicht lassen können, Busch!« rief der Polier wieder und trat noch einen Schritt näher an den Mann. »Ein Kerl wie Sie, tüchtig – was könnten Sie für ein Geld machen, wenn Sie richtig arbeiteten! Aber so!« Er sah den wortlos vor ihm Stehenden an. Dann zuckte er die Achseln. »Tut mir leid, Busch, aber ich kann Sie nicht wieder einstellen. Ich bekäme Krach mit dem Chef. Morjen!« Und er wandte sich kurz um und ging auf die Baustelle.

Karl Siebrecht stand einen halben Schritt hinter dem Entlassenen. Einen kurzen Augenblick war der Blick des Poliers auf ihn gefallen, er hatte ihn aber nicht weiter beachtet. Nun kämpften Zorn und Mitleid im Herzen des Jungen. Solche Szenen waren ihm nicht neu. Auch sein Vater hatte auf der Baustelle manchmal einem Faulen oder Trunksüchtigen den Magen reingemacht. Aber es war ein gewaltiger Unterschied, ob man hinter dem Scheltenden oder hinter dem Gescholtenen stand! Hier, angesichts des Baues, auf dem nun schon überall die Maurerhämmer klopften, die Steine auf die Gerüstbretter fielen, die Schaufeln der Mörtelmischer in den schwappenden Kübeln klatschten, hier, angesichts einer Arbeit, die Hunderten ihr Brot gab, aber ihm nicht, ermaß er, wie tief unten er stand, wie hoch er klimmen mußte, wie sich in wenigen Tagen sein Leben von Grund auf verändert hatte.

Der Maurer Busch verharrte noch immer mit gesenktem Kopf. Kein Glied hatte er gerührt, seit der Polier gegangen war. Aber der Junge warf den Kopf zurück, er sah noch einmal auf den Übergeduldigen, dann suchte er auf dem Gerüst mit den Augen den Polier und fing an, die Leitern emporzuklettern. Das konnte er, auf Baugerüsten war er schon als Knirps geklettert, er lief die Leitern hinauf wie nur einer vom Bau, eine Katze konnte nicht schneller und sicherer sein. Der Polier hatte die fremde Gestalt hochkommen sehen. Als Karl Siebrecht noch nicht von der Leiter im vierten Stock war, sagte er schon: »Hat keinen Zweck, Jung. Ich stell deinen Vater doch nicht ein.«

»Aber vielleicht stellen Sie mich ein als Handlanger, ich mache alles!«

»Mit den Händen –?«

»Einmal muß man anfangen. Ich weiß auf ’nem Bau Bescheid.«

»Das habe ich schon an deinem Klettern gesehen. Von wo bist du?«

»Mein Vater war auch – Polier. Er ist tot.«

»Nun mußt du arbeiten? Bist auf die Schule gegangen?«

»Ja.«

»Junge, das ist doch nichts. Geh in irgendein Büro.«

»Irgendwo muß man anfangen! Ich muß Geld verdienen. Lassen Sie mich hier anfangen!«

Der Polier dachte nach: »Wie kommst du zum Busch?«

»Meine Wirtin wohnt im selben Hause. Wir dachten, er könnte mir Arbeit verschaffen.«

Der Polier sah den Jungen noch einmal an, von oben bis unten. Er zögerte sichtlich: »Mit so feinen Jungens macht man immer schlechte Erfahrungen …«

»Ich bin kein feiner Junge!«

Das Auge des Poliers war, erst unachtsam, auf der manchesternen Hose des Jungen haften geblieben. »An der Hose«, sagte er lächelnd, »sehe ich, du schwindelst nicht. Das ist die Hose von einem Polier.«

»Ja, es ist Vaters Hose.«

»Na also, geh da drüben hin, wo der Umzugwagen vor der Tür hält, ich bin in fünf Minuten da. Aber mehr als zehn Mark gebe ich dir die erste Woche nicht, ich muß erst sehen, was du wert bist.«

Also zehn Mark die Woche bin ich doch schon wert! dachte der Junge und ging an dem Maurer Busch vorbei, der noch immer geduldig, unverändert auf demselben Fleck stand. Es ist vielleicht nicht viel, aber es ist ein Anfang, dachte er. »Er will mich einstellen, Herr Busch«, sagte er im Vorbeigehen.

Der Mann hob den Blick, etwas wie Leben war darin. »Sag der Tochter nischt – von dem hier«, flüsterte er.

»Natürlich nicht, Herr Busch«, antwortete Karl Siebrecht und ging zum Ziehwagen hinüber.

Sie luden einen Schrank, dann eine Kommode ab. Der Junge bekam gleich etwas zum Zufassen. Es war ein Mann, lang, mit hohlen grauen Backen, und ein Weib, das so schwach schien, daß es kaum stehen konnte. Immerzu hustete sie. Die beiden nahmen Karl Siebrechts Hilfe ohne Dank mit einer mürrischen Selbstverständlichkeit hin. Als einmal die Frau, von einem nicht enden wollenden Husten geschüttelt, an die Wand gelehnt dastand, sagte der Mann verbissen: »Det ist nu die neunte Wohnung, die wa trocken wohnen. Ick jloobe nich, det se noch die zehnte mitmacht.«

»Was tun Sie –?« fragte Karl Siebrecht.

»Na wat wohl? Kennste det nich? Det weeßte wohl nich, du mit deine Samtpfoten? Wa wohnen die Wohnungen trocken for die, die Miete zahlen. Dafor blechen wa keene Miete, und die Schwindsucht jibts jratis zu! Det nennt man Trockenmieter – weil wa ewig ins Nasse sitzen!«

»Und das ist erlaubt?!« rief Karl Siebrecht. »Sie gehen doch zugrunde dabei!«

»Meenste?« fragte der Mann, und etwas wie ein grimmiger Spott wurde in seinen grauen, hoffnungslosen Augen wach. »Wenn de nich solche Samtpfoten hättest, Junge, denn wüßtest de, daß unsereenem nur det Krepieren erlaubt ist, sonst nischt! – Na, faß an, det wa den Schrank rinkriegen!«

Karl Siebrecht war so erfüllt von dem Erlebten, daß er auch den Polier, der ihn holte, mit der Frage bestürmte, ob denn so etwas wirklich erlaubt sei? Der Polier maß das junge, vor Entrüstung gerötete Gesicht mit einem Blick. »Det jeht mir nischt an«, sagte er, plötzlich urberlinerisch. »Ick baue; wat denn mit die Bauten wird, det jeht mir nischt an. Und dir ooch nich.« Und wieder hochdeutsch: »Ich hab den Busch doch wieder eingestellt. Ich krieg bestimmt Krach mit dem Chef, aber ich kann den Mann doch so nicht stehenlassen!«

»Danke schön«, sagte der Junge.

Sie waren in einen ganz fertigen Neubau gekommen. Alle Fenster und Türen standen weit offen, der Zugwind pfiff durch die Räume, in denen die großen Körbe mit glühendem, knisterndem Koks standen.

»Hier trocknen wir vor – für deine Trockenmieter«, sagte der Polier mit einem trüben Lächeln. Er pfiff gellend auf zwei Fingern. Nach einer Weile schurrte ein kleiner buckliger Alter heran, grauschwarz vom Rauch und Kohlenstaub, mit hängenden langen Armen. »Edwin, da ist ein Junge, der kann dir beim Kokstragen helfen. Laß ihn machen, was nötig ist. Er hat gesagt, er macht alles. Und seht, daß ihr oben den fünften Stock bald fertigkriegt, der soll nächste Woche schon bezogen werden. Also los, Jung, der Edwin zeigt dir alles. – Und noch eins, Edwin! Daß du mir nicht mit dem Jungen stänkerst wie sonst. Wenn diesmal einer fliegt, dann bist du das!« Damit ging der Polier.

9. Rein in die Arbeit! Raus aus der Arbeit!

Der kleine Buckel mit den hängenden Affenarmen stand vor Karl Siebrecht und sah ihn schräg von unten schweigend an. Dabei zeichnete sich das Weiß des Augapfels, das einzige Weiß in diesem kohlegeschwärzten Gesicht, stark ab – das gab dem Alten ein böses Aussehen! Nach einer Weile, als Edwin ganz sicher war, der Polier war wirklich fort, fragte er: »Wat bist denn du for eener?«

»Genauso einer wie du!« lachte Karl Siebrecht.

»Det sare nich! Biste verwandt mit’n Polier?«

»Nein!«

»Aber aus seine Freundschaft biste?«

»Kein Gedanke!«

Der Buckel dachte nach. Dann: »Denn kennste den Chef! Kennste den Chef?«

»Auch nicht. Nie gesehen.«

»Wen kennste denn uff den Bau?«

»Keinen. – Doch – den alten Busch.«

»Den hat er doch jeschaßt!«

»Und heute früh wieder eingestellt!«

»Hat er? Wirklich?«

»Hat er! Wirklich!«

»Und dir hat er ooch injestellt? Woher kennste denn den Polier?«

»Kenne ihn gar nicht.«

»Den mußte doch kennen! Ick soll dir doch sanft anfassen – det hat er noch uff keenen jesagt.«

»Du brauchst mich auch nicht anders anzufassen als die anderen!«

»Det sare nicht. Sare det nur nich.« Der Buckel seufzte. Dann, dringlich: »Junge, sare bloß, warum hat er dir injestellt?«

»Wahrscheinlich, weil ich ihm leid getan habe, ich bin nämlich arbeitslos.«

»Und denn sanft anfassen!« Der Buckel seufzte, noch kummervoller. »Ich sehe schon, du bist stickum …«

»Was bin ich?«

»Du willst es nur nich sagen. Na, denn laß, aba det sare ick dir: wer uff mir jesagt hat, hier stinkt’s, der hat jelogen!« Er erregte sich stärker: »Hier schnüffelste nischt raus! Ick habe keenen Koks nich verschoben! Wer det sagt, lügt. Und sonst ooch nischt.«

»Ich bin kein Spion vom Polier.«

»Siehste! Nun ist’s raus! Aber vom Chef biste eener! Ich hab’s jleich an deine Pfoten jesehen, wie ich deine Pfoten jesehen habe, ha’ ick mir jesagt, det is eener von’s Büro, der kommt schnüffeln!«

»Aber bestimmt nicht! Ich weiß nich mal, wie der Chef heißt!«

»Det sare nich – ick bin reell bis uff de Knochen! Bei mir schnüffeln Se nischt aus! Wat wollen Se sich de schönen Pfoten dreckig machen?! Ich zeige Sie alles, und denn setzen Sie sich irgendwo ins Warme, und denn saren Se dem Chef: der Edwin is reell. Und det können Se mit ruhigem Gewissen sagen, ohne sich die Pfoten dreckig zu machen –«

Karl Siebrecht zog sich die Joppe aus. »Also jetzt fangen wir mit der Arbeit an. Das ist alles Gefasel von dir, Edwin! Wo liegt der Koks? Im fünften Stock sollen wir anfangen –« Der Buckel starrte ihn mit einem so verzweifelten Augenverdrehen an, daß er lachen mußte. »Wirklich! Ich arbeite. Zehn Mark soll ich die Woche kriegen – was kriegst du, Edwin?«

Edwin seufzte, sehr schwer. »Ick nehm dir’s nich ab. Von meinswejen, wenn de dir partuh insauen willst! Aber desterwejen schnüffelste doch nischt raus!«

Und nun fingen sie wirklich an, die Kokskörbe herumzuschleppen, Glut von einem in den anderen zu tragen, mit einem Blasebalg loszufauchen, neue Feuerung in Körben aus dem Keller heraufzuholen. Es war eigentlich eine vergnügliche Arbeit, der Polier hätte Schlimmeres und Schwereres für Karl Siebrecht finden können. Der Koks prasselte so angenehm in den Körben, die rote Glut leuchtete und wärmte so freundlich in der kalten Novemberluft, friedlich ächzte und knarrte das Leder des großen Blasebalges, während freundliche Wärme Karls Gesicht und Hände bestrich … Und nun hinein in die eisig pfeifende Zugluft der Treppen und Gänge, an den offenen Fenstern vorbei, hinab in die schwarze, naßkalte Höhle der Kokskeller, den Korb gefüllt und wieder hinauf im Trab zu der Wärme, der sanften Glut, dem behaglichen Ächzen.

Wenn nur dieser verfluchte Zwerg, dieser Edwin nicht gewesen wäre! Immer wieder, mitten in der Arbeit, im schönsten Laufen fing er an: »Sag es mir doch: wer hat dir jeschickt? Bloß, det ick es weiß!«

Bis es Karl Siebrecht zu dumm wurde und er ärgerlich rief: »Du mußt ein verdammt schlechtes Gewissen haben, Edwin, daß du mit dem Quatsch nicht aufhörst! Nun halt endlich den Mund, oder ich erzähle wirklich dem Polier, wie du mir hier zusetzt mit deinem Gefasel!«

Von da an schwieg der langarmige Zwerg völlig. Er trennte sich sogar von Karl, wies ihm ein Stockwerk zu, das er allein besorgen sollte – und doch ertappte ihn Karl immer wieder, wie er schweigend unter einer Tür stand und mit hängenden Armen und verdrehten Augen ihn beobachtete, als könne er aus solchem Beobachten erraten, welche Bewandtnis es nun wohl mit seiner neuen Hilfskraft habe. Und einmal überraschte Karl Siebrecht den Zwerg dabei, wie der sich seine Joppe vorgenommen hatte. Er hatte sie sich über die Knie gelegt und fingerte mit seinen schwarzen Pfoten in der Brieftasche herum.

Das war nach der Frühstückspause gewesen. Karl hatte sie benutzt, um schnell noch einmal zu den Trockenmietern herumzuspringen, ob sie wohl noch Hilfe gebrauchten. Oh, sie gebrauchten schon Hilfe! Jetzt lag die Frau, völlig erledigt, im Bett, zitternd, am ganzen Leibe fliegend, und der Mann mühte sich ab, die verquollenen Fenster zu schließen, im Herd mit einer zerschlagenen Kiste Feuer zu machen und seiner Frau etwas Warmes aufzusetzen. Karl Siebrecht hatte sich nicht lange besonnen. Das bißchen Kistenholz war nur wie ein rasch aufflammendes, gleich wieder zusammenfallendes Papierfeuer, er holte von drüben aus »seinem« Keller einen Arm voll Anmachholz und einen Korb Kohlen, ohne viel Nachdenken, ob das nun auch »zulässig« war. Es schien ihm »recht«, und es war ihm ganz egal, daß der Buckel dabei zusah. Es war ihm auch egal, daß die beiden Trockenmieter ihm für sein Tun nicht mit einem Wort dankten, daß der Mann sogar noch sagte: »Ick habe dir nich darum jebeten, det weeßte, du!« Karl Siebrecht hatte es nicht um Dank getan.

Aber als er da nun bei seiner etwas verspäteten Rückkehr aus der Frühstückspause den Zwerg Edwin mit seiner Brieftasche in den Kohlenpfoten fand – und in der Brieftasche war doch, neben manchem Gleichgültigen, die Aster der Erika Wedekind –, da hatte ihn Zorn erfaßt. Noch keine vierundzwanzig Stunden, und die kleine Stadt und die unbeschwerte Jugend waren so fern gerückt, so fern. Aber die Erika Wedekind, die saß fest in ihm, mit ihrem zutraulichen, halboffenen Kindermund – wie oft hatte er während der Arbeit nach einem bayrischen Jodler »Riariatiritiro!« gesummt, und hatte doch nicht den Jodler gemeint … Er riß dem Edwin die Brieftasche aus der Hand und schrie ihn an: »Nun ist aber Schluß mit deiner Schnüffelei, Edwin! Wenn ich dich noch einmal bei so was erwische, gibt’s Krach!«

Der Buckel schien sich aber endlich davon überzeugt zu haben, daß hinter der neuen Hilfskraft nichts anderes steckte als eben eine neue Hilfskraft. Er stand ohne Verlegenheit auf und sagte nur mürrisch: »Bei wem det wohl kracht, du Neuer?! Mach lieber, det de nach deinem Feuer siehst, det verschmookt ja allens! Und übahaupt – es is bald ’ne Viertelstunde nach Frühstück –« Drohendes murmelnd ging er.

Der Junge arbeitete munter fort und sang dabei sein »Riariatiritiro!« immer lauter – keiner konnte ja wissen, was er sich dabei dachte! Und je mehr gegen die Mittagsstunde zu die Knochen von der ungewohnten Arbeit zu schmerzen, die Füße zu brennen anfingen, um so mehr steigerte er sein Tempo: er ließ sich nicht unterkriegen! Er sollte zehn Mark die Woche verdienen, und die wollte er auch wert sein.

Gegen zwölf, kurz vor der Mittagsstunde, wurde es laut im Bau: es kam Besuch. Es war der Herr Chef selbst, mit Spitzbauch und Gehpelz, laut in Sprache und Benehmen. Ach, Karl Siebrechts Vater war eine andere Art von Unternehmer gewesen, er hatte mit seinen Arbeitern so gesprochen, daß immer noch zu erkennen gewesen war, er war auch einmal ein Maurer gewesen. Er hatte ihre Sprache gesprochen, ihre Sorgen nicht vergessen. Darum hatte er es wohl auch nie zu einem Gehpelz gebracht und nie zu einem ganzen Häuserblock mit Hunderten von Wohnungen. Der Herr Kalubrigkeit schien nur schimpfen zu können, und was auch gemacht worden war, es war schlecht gemacht. »Ist das der Junge, den Sie mir wieder mal aufgeladen haben, Polier?« bullerte er los. »Ich bin keine Wohltätigkeitsanstalt! Was soll ich denn mit so ’nem Jungen?!«

»Er ist ja billig, Herr Kalubrigkeit«, antwortete der Polier, der all dies wohl gewohnt war, gleichgültig. »Und wenn er sich erst eingearbeitet hat, wird er soviel schaffen wie ein Mann.«

»Immer machen Sie so ’ne Geschichten! Erst den Busch – wo ich Ihnen den Busch extra verboten habe, und nun diesen Bengel! – Halt keine Maulaffen feil, Junge! Siehst du nicht, daß das Feuer nicht brennt?! Da steht er und glotzt! Und überhaupt, wozu hier noch trocknen? Die Wohnung ist trocken!« – Ein langer Herr mit einem scharfen Gesicht, aber dunklen, nicht unangenehmen Augen bemerkte, daß die Wände noch feuchte Flecken zeigten. – »Ach was! Die Wände schwitzen eben. Das kommt, weil die Feuchtigkeit rauszieht. Seit wann heizt ihr hier in der Wohnung, Junge? Das kostet alles ein Geld! Nu –?«

»Ich bin erst seit heute früh hier.«

»Hättest du dich erkundigt! Dieser andere soll kommen, wie heißt er doch, dieser schwarze Buckel! Da wird einfach losgefeuert, ohne Sinn und Verstand, Polier –!«

»Hier wird erst seit gestern geheizt.«

»Ach was, seit gestern! Das sagen Sie auch so aufs Geratewohl! Und immerzu ist der Koks alle, natürlich, der Kalubrigkeit bezahlt neuen! Nächstens heize ich ganz Berlin! Nu, wo ist der Zwerg?« – Edwin war schon da. Mit hängenden Armen und rundem Rücken stand er vor dem Chef und verdrehte die Augen zum Gotterbarmen. – »Nu, seit wann heizt ihr hier – wie heißt du doch?«

»Edwin! Edwin Raabe, Herr Chef«, krächzte der Buckel und schoß einen schnellen Blick nach dem Polier. »Wir heizen –«

»Sieh nicht den Polier an! Sieh mich an. Seit wann heizt ihr diesen Abschnitt?«

»Ick jloobe, ick jloobe, ich ha’ so’n schlechtet Jedächtnis –«

»Heizt ihr nicht erst seit gestern?« sagte plötzlich zu dem sich Windenden der lange Herr mit den dunklen Augen.

»Ich bitte dich, Schwager –!« schrie Herr Kalubrigkeit. »Steckst du mit der Bande auch noch unter einer Decke? Natürlich heizt ihr schon seit Dienstag oder gar seit Montag! Aber ich fasse euch, und wenn ich euch fasse, schmeiße ich euch alle raus, und Sie zuerst, Polier!«

»Sie haben mich schon oft rausgeschmissen, Chef!« sagte der Polier gleichmütig. »Und die Wände sind eben noch naß. Wenn nachher die Baupolizei kommt, und es gibt Stunk, schmeißen Sie mich wieder raus, aber nur vor den Herren, weil ich nicht genug geheizt habe.«

»Einmal schmeiß ich dich aber zum letzten Mal raus«, murrte Herr Kalubrigkeit. Er sah sich um und fand einen Anlaß, seinen Ärger auszutoben. »Da steht der verdammte Bengel noch immer!« schrie er. »Steht und glotzt! Steht hier zehn Minuten und glotzt! Für mein Geld! Was ist mit dem Bengel?« schrie er den Edwin Raabe an. »Sieh mich an, nicht den Polier! Tut er was, der Bengel, oder glotzt er bloß?«

Der Buckel wand sich. »Er tut schon was, Herr Chef«, sagte er, und mit plötzlichem Entschluß: »Aber von’t Frühstück is er ooch ’ne Viertelstunde zu spät jekommen, allens, wat recht is, Herr Chef, aber ick bin reell.«

»So, vom Frühstück eine Viertelstunde zu spät und hier dann gleich wieder zehn Minuten glotzen! Das ist ’ne feine Arbeitsstelle, der Kalubrigkeit ist ja doof, der zahlt’s ja! Alles mein Geld! Wo hast du denn gesteckt über Frühstück?«

»Ich war bei den Trockenmietern nebenan –« fing Karl Siebrecht an, der seinen Entschluß gefaßt hatte. Er hatte diesen Unternehmer Kalubrigkeit vom ersten Sehen an gehaßt.

»Bist du stille von den Trockenmietern, Junge!« schrie der Polier.

»Und was war bei den Trockenmietern?« fragte Herr Kalubrigkeit fast sanft.

»Stille biste, Jung!«

»Schande war da«, sagte der Junge fast feierlich. »Schande für Sie und Tod für die Leute! Die Frau ist schon beinahe hinüber, und der Mann wird’s auch nicht mehr lange machen. Die Wände sind naß, nicht ganz so wie hier, wo’s schon so schön trocken ist, Herr Chef, aber noch so, daß die Hand feucht wird, wenn man drüber wischt. Und die Fenster sind so verquollen, daß sie nicht auf- noch zugehen. Die Frau ist ein paarmal umgefallen, jetzt hustet sie sich die Seele aus dem Leibe.«

»Und er hat denen ’nen janzen Korb Koks und zwei Arme voll Anmachholz rüberjeschleift«, krächzte der Zwerg.

»Das habe ich!« rief der Junge. »Aber ich will’s bezahlen, Herr, ich will gar nicht, daß Sie’s denen schenken! Herr«, wandte sich Karl Siebrecht an den Langen mit den dunklen Augen, »Sie sehen doch anders aus – wie können Sie es mit anschauen, daß die Menschen in diesen nassen Löchern verrecken?«

»Mein lieber Freund«, sagte der Herr, aber ein wenig verlegen, trotz aller Sicherheit. »Ich fürchte, wir sind beide gleich wenig geeignet, die soziale Frage zu lösen …«

Sein Schwager, der Unternehmer Kalubrigkeit, unterbrach ihn. Mit einem wahren Schrei stürzte er sich auf den Jungen. »Aber das ist ja ein Anarchist! Das ist ja ein roter Leuteaufhetzer! Raus! Raus aus meinem Bau! Auf der Stelle runter von der Baustelle! Und er wird wegen Diebstahls angezeigt! Nein, er wird nicht angezeigt! Ich will keinen Krach in den roten Blättern haben. Schmeißen Sie ihn doch raus, Polier! Machst du, daß du fortkommst, Bengel! Oder ich schmeiße dich eigenhändig die Treppe runter!«

»Wieviel«, fragte Karl Siebrecht in kaltem Zorn, »wieviel kostet es?«

»Was?! Was redet er? Was will er?«

»Was Koks und Holz kosten – ich möchte es Ihnen bezahlen, Herr Kalubrigkeit!«

»Schmeißen Sie die Trockenmieter auch raus! Er soll sehen, was er erreicht mit seiner Frechheit! Den Busch schmeißen Sie auch raus, Polier! Und Sie –«

»Mich schmeiß ich auch raus, jawohl, Chef!«

»Davon hab ich kein Wort gesagt! Das möchten Sie, mitten aus der eiligsten Arbeit, kurz vorm Frost! – Ist der Junge noch nicht weg?!«

»Also geh, mein Sohn«, flüsterte der lange Herr nahe bei Karl Siebrecht. »Du bringst deinen Freunden nur Unheil. Ich werde nach ihnen sehen. Und heute nachmittag, vier Uhr, Kurfürstenstraße zweiundsiebzig, Senden. Behältst du das?«

»Ja.«

»Also mach, daß du fortkommst!« – Und Karl Siebrecht ging – von seiner ersten Arbeit.

10. Reue

»Da hast du es!« hatte der Polier recht böse gesagt, als Karl Siebrecht frisch gewaschen in seiner Joppe von der Baustelle ging. »Den Busch habe ich eben auch rausgeschmissen, wie ein gestochenes Kalb hat er mich angesehen. Wie ich den Mann kenne, sitzt er in der nächsten Destille, und da bleibt er auch hocken, bis der letzte Groschen alle ist. Wenn du kannst, dann nimmst du ihn mit, aber das kannst du nicht.«

»Wo sitzt er denn wohl?« hatte Karl Siebrecht gefragt.

»Bei der Haltestelle von der Straßenbahn. Im Grünen Baum heißt es. Aber er wird wohl nicht mit dir gehen.« Der Polier hatte sich ein wenig beruhigt. Plötzlich streckte er dem Jungen die Hand hin: »Na also, Jung, dann mach’s gut! Denk bloß nicht, ich verstehe dich nicht. Ich verstehe dich ganz gut. Der Kalubrigkeit ist ein Aas! Jetzt ist er bei den Trockenmietern. Na, laß ihn, du siehst ja, was unsereiner ausrichtet!«

»Da muß ich eben etwas werden, wo man was ausrichten kann«, sagte der Junge entschlossen.

Der Polier lachte, aber grimmig. »Vergiß nicht, was du dir da vornimmst! Das ist ein langer Weg bis dahin, da kann man leicht was vergessen.«

»Ich danke Ihnen auch, Polier!« hatte der Junge gesagt und war von der Baustelle gegangen.

Einen Augenblick hatte er noch nach dem Neubau hingesehen, in dem die Trockenmieter saßen, jetzt wohl bedrängt von Herrn Bauunternehmer Kalubrigkeit. Der Hafer stach Siebrecht noch immer: er wäre zu gerne hinübergegangen und hätte denen geholfen, irgendwie. Nur daß er jetzt wußte, daß seine »Irgendwie-Hilfe« bloß schadete, ein wenig positiver müßte sie schon aussehen. Der lange Herr mit den dunklen Augen hatte ihm ja auch versprochen, nach den Leuten zu sehen. Was freilich von einem solchen Versprechen zu halten war, besonders wenn es von einem Schwager des Herrn Kalubrigkeit ausging, darüber wollte Karl Siebrecht jetzt lieber nicht nachdenken. Ihm blieb noch der Grüne Baum mit dem einsam süffelnden Maurer Walter Busch, und beides fand er schnell genug, den Grünen Baum und in ihm den Busch. In der Kneipe war es still um diese Stunde nach der Mittagspause. Busch saß einsam an seinem Holztisch, auf der Bank neben ihm lag in dem grau bestäubten Rucksack sein Maurerzeug, auf dem Tisch vor ihm stand ein großes Glas Schnaps. Aber Busch hatte von diesem Glas noch nicht getrunken.

Karl Siebrecht rührte den Maurer an der Schulter an. »Herr Busch«, sagte er, »wollen wir nicht zusammen nach Hause fahren? Die Tilda freut sich bestimmt, wenn Sie kommen, und die Rieke, ich meine, Ihre Tochter, ist vielleicht auch schon wieder zu Hause.« Zu spät war ihm eingefallen, daß Rieke für den Mann eine andere bedeutete.

»De Rieke?« fragte der Mann und sah aufmerksam zu ihm auf. »Meinste wirklich, se wartet uff mir?«

»Doch!« sagte der Junge nur.

»Na denn!« meinte der Maurer und stand auf. Er hatte sowohl Schnaps wie Rucksack vergessen. Aber Karl Siebrecht hatte den Rucksack schon genommen. In der Tür wandte sich Busch noch einmal zu ihm. »Biste sicher mit de Rieke?« fragte er und sah den Jungen an, sah ihn diesmal richtig an mit seinen verwaschenen Augen.

Und wieder spielte dem Jungen seine Ehrlichkeit einen Streich. Er hätte nur »ja« zu sagen brauchen, und der Maurer wäre wohl mit ihm gegangen. Aber es kam ihm gemein vor, diesen verwirrten Mann zu täuschen, er sagte: »Ja, ich glaube, Ihre Tochter wird jetzt aus der Schule zurück sein, Herr Busch.«

»Ach so«, sagte der Mann und verfiel. Sein Auge glitt vage umher. Er ging nicht mehr weiter.

»Kommen Sie, Herr Busch!« drängte Siebrecht. »Gehen wir nach Haus. Morgen finden wir andere Arbeit.«

Aber der Mann, der nichts zu sehen schien, hatte schon das einsame Schnapsglas auf dem fleckigen Holztisch entdeckt. Er schob den Jungen nur beiseite, nicht, als sei er ein Mensch, sondern etwa ein Stuhl, der im Wege stand. Busch ging auf den Tisch zu und trank im Stehen das große Glas leer. Er ging an die Theke und reichte es dem Wirt. Er legte, während der eingoß, Geld auf die Theke. Wieder im Stehen, diesmal an der Theke stehend, goß er das Glas hinunter. Und reichte es wieder dem Wirt, fingerte wieder nach Geld … Leise ging der Junge aus der Kneipe.

Das ist kein guter Anfang, dachte er. Das ist alles kein guter Anfang. Seit gestern abend mit dem Schuster Fritz Krull ist alles, was ich tue, verkehrt. Wie kommt es, daß die Rieke alles richtig macht, und ich mache alles falsch? Ich glaube, ich bin dumm. Ich verstehe nichts von den Menschen, und ich verstehe nichts vom Leben, alles wird verkehrt, was ich tue. Die Rieke lügt auch nicht und schmeichelt auch nicht, und es wird doch richtig bei ihr. Wie hätte ich den alten Busch aus der Kneipe kriegen sollen, ohne zu lügen? Und wie hätte ich was für die Trockenmieter tun können, ohne Streit mit dem Kalubrigkeit zu bekommen? Ich will nicht kriechen, nie, und ich will doch etwas erreichen! Aber ich fange es falsch an.

So dachte der Junge, und es drängte ihn, zu Rieke Busch zu kommen und ihr alles zu erzählen. Er hatte solch ein Zutrauen zu dem kleinen Ding, sie würde ihm schon sagen können, was er falsch gemacht hatte, und sie würde ihm erklären, wie sie es angefangen hätte. Ich muß es lernen, dachte er. Wenn ich vorwärts will, muß ich das zuerst lernen, wie ich mit den Leuten hier umzugehen habe. Jetzt rede ich noch nicht richtig mit ihnen. Sie denken, ich bin bloß ein Junge. Ich bin ja auch nur ein Junge, aber ich will doch ein Mann werden, ein richtiger Mann. Rieke muß es mir sagen.

Aber obwohl es ihn drängte, zu Rieke zu kommen und sich mit ihr auszusprechen, fuhr er nicht mit der Elektrischen. Es war nicht der Fahrgroschen, den er sparen wollte, er gab sogar noch mehr aus: er ging in das nächste Papierwarengeschäft und kaufte sich einen Stadtplan von Berlin. Er mußte ja doch diese Stadt kennenlernen, diese graue, tote, im Novembertrübsinn trotz allen Treibens wie ersterbende Stadt. Er wollte die Stadt sehen, er wollte sie bis in den letzten Winkel kennenlernen. So faltete er sich den Stadtplan zurecht und ging den Weg von der Baustelle in Pankow bis zum Wedding, den Rucksack des Maurers Busch hatte er sich auf den Rücken gehängt. Er ging und ging. Er verweilte sich nicht, aber immerzu ging sein Kopf hin und her. Die lockere Stadt schloß sich enger und enger um ihn, sie saugte ihn in sich hinein. Der Lärm wuchs, höher schienen die Häuser zu wachsen, grauer wurden ihre Fassaden, eiliger liefen die Menschen. Es schien ihm nicht eine Stadt zu sein, durch die er ging, sondern ein Gemisch von vielen Städten, fast jede Straße trug ein anderes Gesicht, nach breiten, in spiegelndem Asphalt liegenden kam er in enge, über deren Kopfsteine schwere Wagen donnerten.

Ein wenig bedrückt und trübe ging Karl Siebrecht durch die große Stadt, und es munterte ihn erst wieder auf, als er jetzt, gegen den Schluß seiner Wanderung, nach so viel Steinen einen grünen Fleck entdeckte mit Bäumen und Gebüsch, Humboldthain genannt. So etwas gab es also doch in allernächster Nähe der Wiesenstraße – ein wahrer Trost, auch für die Füße, die von dem ungewohnten Stadtpflaster höllisch brannten. Langsam ging er auf den regenerweichten Fußwegen, sah das entfärbte Grün des Rasens wohlgefällig an, als habe er so etwas schon Jahre nicht mehr gesehen, und besann sich schließlich sogar auf seine Frühstücksbrote, die noch immer die Taschen seiner Joppe strammten. Auf und ab wandelnd, verzehrte er sie. Berlin war nicht ganz so strahlend, wie er es sich erträumt hatte, aber es war auch nicht so schlimm, wie es an diesem grauen Novembertage aussah: er würde die Stadt schon kriegen! Freilich, als er dann den Humboldthain wieder verlassen mußte, als er in die Wiesenstraße einbog, als er dann über die Höfe ging, als er die Treppe zur Buschschen Wohnung hinaufstieg und es ihm wieder klarwurde, daß er nun gleich der Rieke würde erzählen müssen, er hatte keine Arbeit, er hatte aber ihren Vater um seine Arbeit gebracht, und daß der Vater wieder in einer Schenke saß und trank – da fiel alle Aufmunterung von ihm ab, und er war nur noch ein Junge, der etwas ausgefressen hat, der sich seiner Taten schämt und der nur den Wunsch hat, die nächste Viertelstunde möchte erst vorbei sein.

Doch Rieke kam noch gar nicht, und das war ihm auch wieder nicht recht. Die Wohnungstür war verschlossen, drinnen hörte er Tilda trappeln und schwätzen, draußen hing eine Schiefertafel mit dem Satz »Bin um Fier wieder da«, was auf einen nicht völlig erfolgreichen Schulbesuch Riekes schließen ließ. Blieb als letzte Hoffnung nur die Wirtfrau Bromme, und die wußte auch nicht viel Tröstliches. »Der Schlüssel? Na, den einen hat die Rieke, die is uff ihre Abwaschstelle. Die kommt nur schnell um vieren vorbei und sieht nach Tilda und jibt ihr Milch. Und denn jeht se ins Büro von Rechtsanwalt Schneider reinmachen, da kommt se nich vor siebenen zurück –« War also Beichte und Aussprache bis auf den Abend verschoben, und dann war vielleicht der alte Busch schon wieder in der Wohnung, aber in welchem Zustand! »– und den anderen Schlüssel hat der olle Busch, biste denn mit dem nich losjezittert, Jung?« Doch das war er, nur … »Hat wohl nich so jeklappt mit de Arbeet? Ha’ ick mir jleich jedacht! Wat haste denn jemacht den janzen Morjen? Koks jetragen? Ick seh’s an deine Hände! Wat haste denn dafür jekriegt? Nischt? Ach, red nicht – entweder biste doof oder du schwindelst!«

»Ich soll um vier bei einem Herrn in der Kurfürstenstraße sein«, lenkte Karl Siebrecht ab.

»In der Kurfürstenstraße? Det is ja der feine Westen! Da würde ick nich hinjehen, det ist doch nischt für unsereinen! Bleibe im Lande und nähre dich redlich!«

»Und da hätte ich gerne mein anderes Zeug angezogen …«

»Ach so! Desterwejen der Schlüssel! Ja, Jung, da kann ick dir ooch nich helfen! Wenn de nich bis vieren uff Rieken warten willst? Det Zeug von meinem Seligen ist dir zu füllig. Aber der Bäcker, der Bremer, liegt ja uff sein Bette und pennt, weil er Frühschicht jehabt hat – vielleicht det der dir seine Klamotten pumpt. Dieselbe Jröße habt ihr ja, nur det der Bäcker breiter is …«

Der Bäcker Ernst Bremer lag wirklich auf dem Bett, in seinem Arbeitszeug, das genauso weiß bestäubt aussah wie sein Gesicht, mit den traditionellen nackten Bäckerfußen: die Latschen lagen vor dem Bett. Aber er schlief nicht, sondern blinzelte mit seinen dunklen Augen den Karl Siebrecht an. Der brachte, ein wenig stockend, sein Anliegen vor. »Nee!« sagte der Bäcker und drehte sich mit einem Ruck zur Wand. »Ick kenn dir ja jar nich! Und überhaupt –!«

»Und was überhaupt?« fragte Karl Siebrecht die Bremersche Rückseite, nun doch etwas verblüfft über die schroffe Abweisung. Gestern abend hatten sie doch noch ganz vergnügt und kollegial mit den Körben geschleppt. Aber er bekam keine Antwort. »Na, denn nicht!« sagte Karl Siebrecht und wußte jetzt, warum er sein Anliegen vorhin nur so stockend vorgebracht hatte: er konnte diesen Bäcker Ernst Bremer einfach nicht ausstehen, gleich von Anfang an nicht.

Und Karl Siebrecht mußte sich mit einer gründlichen Waschung in der Küche begnügen.

11. Herr von Senden, Schwager des Kalubrigkeit

Im Hause Kurfürstenstraße 72 hatte ihn natürlich als erstes der Portier von der marmornen und samtenen Vordertreppe gröblich heruntergeholt und ihn die Dienstbotentreppe hinaufgeschickt. All dies waren neue Erfahrungen für Karl Siebrecht, im ersten Augenblick ärgerlich, bei einigem Nachdenken sofort erträglich. Er war nun eben nicht mehr der Sohn des Bauunternehmers Siebrecht – obwohl er das natürlich noch immer war –, er war der Arbeiter Karl Siebrecht, der arbeitsuchende Karl Siebrecht.

Auch die dickliche Köchin, die ihm die Hintertür geöffnet hatte, schaute ihn recht mißtrauisch an. »Stimmt das auch?« fragte sie. – Karl Siebrecht versicherte, er sei vom Herrn zu vier bestellt. – »Dann warte man!« sagt sie und ballerte ihm die Tür wieder vor der Nase zu.

Es hatte höchst sympathisch nach Gänsebraten und Rotkohl gerochen – der Herr Senden, der Herr von Senden, wie das porzellanene Namensschild an der Hintertür auswies, mußte ein wohlhabender Mann sein. Gänsebraten an einem Alltag – das hatten Siebrechts sich in ihren besten Zeiten nicht erlaubt. Es konnte übrigens auch Ente sein – und dem Jugen fiel ein, daß er heute, vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben, kein warmes Mittagessen bekommen hatte. Bei diesem Gedanken fing sein Magen, trotz der Stullen, auf das unverschämteste zu knurren an.

Karl Siebrecht machte den Mund weit auf und schluckte mehrmals hintereinander beträchtliche Mengen Luft, bekanntlich ein unfehlbares Mittel gegen solche Rebellion des Magens. Aber der noch immer spürbare Enten-Gänsebraten-Geruch erwies sich als stärker: der Magen knurrte fort. Er knurrte auch weiter, als die Tür aufging und ein grünlivrierter Knabe den Besucher von oben bis unten musterte, dann ziemlich unverschämt sagte: »Mitkommen!« und den Karl Siebrecht erst durch die duftende Küche führte – das Knurren nahm bedrohliche Formen an –, dann durch einen langen Gang, in dem Schritte und Knurren hohl widerhallten, dann durch ein strahlend erhelltes Riesenzimmer – das Eßzimmer, das Berliner Zimmer –, in dem eine Dame mit einem Riesenhut mit zwei Riesenpleureusen einsam am endlosen, weißgedeckten Tisch saß und etwas Braungebratenes vom Teller aß – oh, dieses Knurren! –, und ihn schließlich in ein wiederum großes, aber dämmriges Zimmer brachte, in dem der Herr von Senden in einen Sessel gegossen lag, angestrahlt vom rötlichen Gasfeuer im falschen Kamin, die Füße in braunen knöpfbaren Halbschuhen auf dem Kamingitter.

»Hier ist der junge Mann, Herr Rittmeister!« sagte der grünlivrierte Knirps.

»Raus!« antwortete der Herr von Senden, der nun also auch noch Rittmeister war. Der Knirps verschwand. Der Rittmeister winkte, ohne hochzusehen, mit einer langen weißen Hand, an der viele Ringe saßen.

»Setz dich, mein Sohn. Du bist doch der vom Bau?«

»Jawohl!« sagte Karl Siebrecht möglichst laut, denn der Magen knurrte wieder sehr. »Ich heißte übrigens Karl Siebrecht.«

»Sehr angenehm«, sagte der Rittmeister. »Sitzt du?«

»Ich stehe ebenso gern«, meinte der Junge, eine Spur trotzig. Der Empfang verdroß ihn. Trotzdem knurrte sein Magen unentwegt weiter; was die Dame im Eßzimmer auf ihrem Teller gehabt hatte, war bestimmt eine Gänsekeule gewesen.

»Aber warum denn?!« rief der Herr von Senden erstaunt. »Zieh dir einen Sessel heran und setz dich. Wozu stehen, wenn man sitzen kann? Wozu sitzen, wenn man liegen kann? – Na also, das ist vernünftig! Ich dachte schon, nach deinen Taten heute vormittag, du seiest der geborene Rebell!«

»Ich bin überhaupt kein Rebell! Nie gewesen!« erklärte der Junge mürrisch. Er war immer noch nicht mit seinem Gastgeber zufrieden.

»Und was bist du also gewesen?« fragte der. – Der Junge sagte es, so gut es in vier, fünf Sätzen ging. – »Und so hast du denn«, meinte der Rittmeister von Senden, »dein Herz für die Armen und Elenden, als da sind Trockenmieter, erst entdeckt, seit du selbst arm und elend bist. Findest du das nicht komisch?«

»Nein«, sagte der Junge böse. »Bei uns zu Haus gibt es so was nicht! Ich finde das gar nicht komisch.«

»Oh! Oh! Oh!« rief der Rittmeister zweiflerisch. »Du hast also im Himmel gelebt?! Bei euch gab’s keine Ortsarmen? Und nicht den bekannten Stadttrottel, den die lieben Bürger in vorgerückter Stunde besoffen machten und in den Stadtteich stießen? Wirklich nicht –?«

In dem Jungen tauchte blitzartig das Bild des langen Ludwig auf, wie ihn alle nannten, eines mit der Fallsucht behafteten Armen. War er nicht selbst hinter dem Betrunkenen als Junge hergelaufen und hatte gedankenlos mit den anderen den Vers gegrölt:

Der lange Ludewig

Find seine Bude nich!

Linksrum! Rechtsrum!

Marsch! Arsch!

»Du bist ja so stille, mein Sohn Karl?« fragte der Rittmeister nach einer langen Weile.

»Ja«, sagte der Junge leise. »Sie haben ganz recht. Wir haben so etwas auch bei uns, und ich habe sogar beim Verhöhnen mitgemacht!«

»Deswegen brauchst du dich nicht zu schämen«, sagte der Rittmeister freundlich. »Es ist nun einmal eine komische Tatsache, daß wir Menschen erst daran denken, wie schlecht es einem gehen kann, wenn es uns selber schlecht geht.«

»Aber Ihnen ist es doch bestimmt nicht schlecht gegangen!« sagte der Junge überzeugt und dachte an die dufterfüllte Küche, die schöne Dame mit den Pleureusen in dem strahlenden Eßzimmer, dachte an den Gänsebraten und sah hinein in den rötlich strahlenden Kamin. »Und Sie wissen doch, wie schlecht es einem gehen kann!«

»Meinst du?« fragte der Rittmeister nachdenklich. Und plötzlich lachend: »Sag doch, wie hat dir mein Schwager, der Herr Kalubrigkeit, gefallen?«

»Ach, mit dem haben Sie doch gar nichts zu tun!«

»Irrtum, mein Sohn! Mit dem baue ich nämlich zusammen die Häuser, wir sind Kompagnons. Er leistet die Arbeit, und ich verdiene Geld dabei.«

»Ich mag nicht, daß Sie so reden«, sagte der Junge nach einer Weile. »Entweder ekelt Sie das alles an, dann sollten Sie es hinschmeißen und nicht davon reden, oder Sie tun’s um des Geldes willen, dann – gehe ich lieber!« Er stand auf. Der Magen hatte das Knurren vergessen, er wußte auch nicht mehr, warum er hierhergegangen war, zu diesem Mann, der so vornehm durch die Nase säuselte.

»Ach, wie einfach ist doch das Leben in deinen Jahren!« rief der Herr von Senden. »Immer entweder oder! Entweder wird den Trockenmietern geholfen, oder ich werde arbeitslos! Setze dich wieder. Übrigens ist deinen Trockenmietern geholfen.«

»Ja?« fragte der Junge und setzte sich widerstrebend, aber hiervon wollte er doch noch hören.

»Soweit es noch möglich war. Sie hat einen Blutsturz gehabt und ist im Krankenhaus. Und er ist irgendwo trocken und warm untergebracht. Siehst du, so was kann ich nun doch tun, wenn’s mich auch anekelt, wie du sagst.«

»Was ekelt Sie an? Das Tun?«

»Alles!«

»Was alles –?«

»Das ganze Leben!«

»Das ganze Leben?! Warum leben Sie dann noch?!« rief der Junge.

»Vielleicht wegen so einer Unterhaltung wie jetzt. Glaubst du, ich war immer so? Ich war auch mal so wie du!«

»Und warum sind Sie so geworden? Wie wird man so?«

»Was willst du werden?«

Der Junge schwankte einen Augenblick. Dann richtete er sich auf und sagte: »Ich will Berlin erobern!«

»Dann«, sagte der Rittmeister und richtete sich auch auf, »dann bist du auf dem besten Wege, das zu werden, was ich geworden bin!«

»Nie!« sagte der Junge. »Ich nie!«

»Doch! Dann immer!« widersprach der Rittmeister.

Der Junge rief: »Ich lasse mir keine Angst machen!«

Und der Herr von Senden: »Bin ich so, daß man Angst vor mir haben muß?«

Und wieder Karl Siebrecht: »Nie werde ich so werden, wie Sie sind!«

»Und wie bin ich, mein Sohn?«

»Zynisch sind Sie! Angeekelt sind Sie! Sie zweifeln an allem und glauben an gar nichts! Sie lachen über alles, und am schlimmsten finde ich, daß Sie über sich selbst lachen!«

»Einen Augenblick, mein Sohn Karl!« sagte der Rittmeister fast lebhaft, nahm die Füße in veilchenblauen Socken vom Kamingitter und hängte sie über die Seitenlehne des Sessels, so daß er dem Jungen das Gesicht nun voll zuwendete. »Eine Frage nur, Karl Siebrecht! Was wirst du tun, wenn du Berlin erobert hast –?«

Der Junge schwieg verwirrt einen Augenblick, da sagte der Rittmeister schon: »Dann wirst du deiner Eroberung überdrüssig sein! Sie wird dich anekeln! Dann wirst du dasitzen, mit der Macht in Händen, mit dem Reichtum in Händen, und wirst dich fragen: wozu das alles? Was soll ich nun tun? Es ist todeslangweilig, alles. Ich war tausendmal glücklicher damals, als ich noch nichts war und hundert Hoffnungen hatte! Heute bin ich alles und habe nichts mehr zu erwarten.«

»Ich …« fing der Junge an.

»Noch einen Augenblick, Karl Siebrecht! Noch eine Frage! Glaubst du an Gott?«

»Ich … ich weiß nicht …«

»Nun stelle ihn dir immer vor irgendwo da oben im All, seinen Sternen die Bahn zumessend und seiner Menschen Geschicke lenkend. Und seit Äonen von Jahren laufen die Sterne auf ihrer leuchtenden Spur, und seit Äonen von Jahren werden die Menschen geboren, hoffen und sterben, sie lieben und hassen, und sie sterben dann, sie führen blutige Kriege und bauen Kulturen auf, die wieder vergehen – glaubst du nicht, daß Gott längst weiß, daß gar nichts geschieht? Daß alles gleichgültig ist? Er muß das zynischste, das ungläubigste, das am meisten angeekelte Wesen im Weltall sein, dieser Gott! Und das unglücklichste!«

»Warum sagen Sie mir das alles?!« rief der Junge wild und sprang von seinem Sessel auf. »Warum haben Sie mich zu sich bestellt?! Warum haben Sie dann den Trockenmietern geholfen? Bloß um mich zu verderben?! Wollen Sie mir meine Hoffnungen nehmen? Ich habe es auch in der Schule gelernt, daß alles eitel ist! Aber das ist was für die Alten, die satt sind! Ich bin jung und ich bin hungrig …« Gerade als er dies in seiner Erregung und Empörung rief, fiel ihm die Gänsebraten essende Dame mit den Pleureusen ein, der Hunger überfiel ihn wie ein Wolf, und sein Magen kullerte ganz laut. Unwillkürlich aus all seiner Erregung heraus mußte der Junge hemmungslos lachen. Er konnte gar nicht wieder aufhören mit Lachen, mit seinem Lachen übertönte er sogar das gierige Kullern des Magens.

Der Rittmeister mußte mitlachen. »Warum lachst du nur, Mensch?« rief er. »Sage mir doch, warum du so lachst, damit ich mitlachen kann!« Aber er lachte schon mit.

Atemlos, immer wieder von krampfhaften Lachanfällen geschüttelt, erzählte ihm der Junge, daß er heute zum ersten Mal kein warmes Mittagessen gehabt hatte und daß es hier in der Wohnung so schön nach Gäsenbraten gerochen habe … »Entenbraten«, verbesserte der Rittmeister. – Und daß, als er eben gerufen habe, er sei jung und hungrig, plötzlich die Vision des Entenbratens vor ihm aufgetaucht sei, daß sein Magen sofort sich gemeldet habe und daß er darüber habe lachen müssen, lachen …

»Siehst du, mein Sohn«, sagte der Rittmeister behaglich. »Ich habe doch den richtigen Riecher gehabt. Du bist weder Rebell noch kaltherziger Streber, denn diese beiden Gattungen haben nie Humor. Du aber hast welchen, und deswegen gefällst du mir. Also sage, was ich für dich tun kann.«

»Warum wollen Sie denn etwas für mich tun?«

»Wie vorsichtig!« rief der Rittmeister und goß sich wieder in seinen Sessel hinein. Der Junge empfand zum ersten Mal wirkliche Sympathie für diesen Mann, weil er gar nicht daran dachte, ihm nun Entenbraten anzubieten. »Mißtrauisch wie ein junges Waldtier, das zum ersten Mal ins Freie tritt und sogar der verlockenden Hafersaat mißtraut. Aber vielleicht hellt es meine Langeweile ein bißchen auf, wenn ich dir auf deinem Wege zur Eroberung Berlins vorwärts helfen kann.«

»Ich bin nicht dazu da, um Ihre Langeweile zu vertreiben!« sagte der Junge störrisch.

»Sehr richtig! Aber vielleicht kannst du deinen Weg machen, ohne dich viel um mich zu kümmern? Ich würde schon auf meine Kosten kommen. So ein Schwätzchen wie heute abend alle Vierteljahre würde mir vollkommen genügen!«

»Ich mag nicht mit Ihnen schwatzen! Ich mag Ihre Art zu schwatzen nicht!«

»Zu gefährlich?«

»Ach was! Ich mag’s einfach nicht – solch ein zynisches Geschwätz! Ich will etwas tun, nicht schwatzen!«

»Und was gedenkst du zu Anfang zu tun? Ich nehme an, daß diese Koksschlepperei nur ein Notbehelf war.«

»Natürlich.«

»Und was tätest du lieber?«

»Am liebsten«, sagte der Junge, »wäre ich Chauffeur von einem erstklassigen Auto!«

»Was?!« rief der Herr von Senden ein wenig enttäuscht. »Das denkst du dir als den Anfang deiner Eroberung Berlins?! Und wie soll das etwa weitergehen?«

»Das weiß ich nicht. Das wird sich schon finden. Erst mal möchte ich Chauffeur sein.«

»Nun gut«, sagte der Rittmeister. »Ich finde zwar diese Automobile unausstehlich. Sie machen Krach und stinken. Sie sind unfein – nur Pferde sind wirklich fein. Aber da auch der Kaiser darin fährt – meinetwegen! Also, mein Sohn, wir werden beide morgen früh ein erstklassiges Auto erstehen, und du wirst mein Chauffeur werden.«

»Wie?« fragte der Junge. »Sie wollen wirklich?«

»Ganz wirklich!«

»Aber ein wirklich gutes Auto kostet einen Haufen Geld – über zehntausend Mark!«

»Darum mach dir keine Sorgen. Das Geld wird da sein. Einverstanden, Karl Siebrecht?«

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