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Ein Gebet für die Verdammten

Peter Tremayne

Ein Gebet für die Verdammten

Historischer Kriminalroman

 

Aus dem Englischen von Irmhild und Otto Brandstädter

 

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Inhaltsübersicht

Hauptpersonen

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

 

Für Paul und Wendy

und die nächste Generation der Familie Ellis:

Declan und Caleb,

nicht zu vergessen Jamie

 

AD 668: Muircetach Nar rí Connacht. i. mac Guaire moritur

Chronicon Scotorum

 

AD 668: Muirchertach Nár, König von Connacht, der Sohn

von Guaire, verstarb

 

Vigilate et orate ut non intretis in damnationem aeternam …

Gelasius I., Decretum, AD 494

 

Wachet und betet, auf daß ihr nicht in Versuchung fallet …

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ihr Begleiter, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

IN DER ABTEI IMLEACH

Ségdae, Abt und Bischof von Imleach

Bruder Madagan, Verwalter von Imleach

Ultán, Abt von Cill Ria und Bischof der Uí Thuirtrí

Bruder Drón, Schreiber und Verwalter von Cill Ria

Schwester Sétach, Nonne in der Abtei Cill Ria

Schwester Marga, Nonne in der Abtei Cill Ria

BEI ARDANE IM EATHARLAÍ-TAL

Miach, Stammesfürst der Uí Cuileann

Bruder Berrihert, ein angelsächsischer Mönch

Bruder Pecanum, sein Bruder

Bruder Noavan, sein Bruder

Ordwulf, ihr betagter Vater, ein heidnischer angelsächsischer Krieger

IN CASHEL

Colgú, König von Muman, Fidelmas Bruder

Finguine, sein tánaiste oder Thronfolger, Colgús und Fidelmas Vetter

Brehon Baithen, Brehon von Muman

Caol, Hauptmann der Leibwache des Königs von Muman

Gormán, ein Krieger in der Leibwache

Dego, ein Krieger in der Leibwache

Enda, ein Krieger in der Leibwache

Bruder Conchobhar, Apotheker und Heilkundiger in Cashel

Muirgen, Amme von Alchú, Fidelmas und Eadulfs Sohn

Nessán, ihr Ehemann

Rónán, Jäger und Fährtenleser

Della, Gormáns Mutter

GÄSTE IN CASHEL

Sechnassach, Hochkönig von Irland

Brehon Barrán, Oberster Brehon der Fünf Königreiche

Muirchertach Nár, König von Connacht

Aíbnat, seine Ehefrau

Dúnchad Muirisci, sein tánaiste oder Thronfolger

Augaire, Abt von Conga

Laisran, Abt von Durrow

Ninnid, Brehon von Laigin

Blathmac mac Mael Coba, König von Ulaidh

Fergus Fanat von Ulaidh, Blathmacs Vetter

 

Die Handlung des vorliegenden Romans spielt im Monat Dubh-Luacran, (dunkelste Tage), d. h. im Januar des Jahres 668 u. Z., sowie zum Imbolc-Fest am 1. Februar, wenn die Schafe ihre Lämmer werfen, und folgt auf den im Band »Tod vor der Morgenmesse« geschilderten Ereignissen.

 

Für das bessere Verständnis der damaligen Zeit und der Anspielungen in diesem Roman sei daran erinnert, daß im Irland des 7. Jahrhunderts ein Bischof im Rang unter einem Abt stand. Viele Äbte führten auch den Titel Bischof als zweite Ehrenbezeichnung. Erst vom 9. Jahrhundert an überflügelten die Bischöfe vom Ansehen und ihrer kirchlichen Stellung her allmählich die Äbte.

 

Noch ein Wort zur Klarstellung: Der große Fluß, der durch Tipperary, in der Nähe von Cashel und bis Waterford fließt, wird der »Schwestern-Fluß« genannt – der Siúr. Die anglisierte Form davon ist Suir. Ich habe die ursprüngliche irische Schreibweise beibehalten. Es ist also kein Druckfehler.

PROLOG

Das junge Mädchen war schön. Mit dem Adjektiv »schön« ging Bruder Augaire nicht freigiebig um, schon gar nicht, wenn es sich um die Beschreibung einer Person des weiblichen Geschlechts handelte. Aber ihm fiel kein passenderes Wort ein, um das sinnliche Vergnügen zu beschreiben, das der Anblick in ihm erweckte. Es war kein fleischliches Verlangen; das hätte seine Frömmigkeit nicht zugelassen. Es war Schönheit im wahrsten Sinne des Wortes, die nach Bewunderung um der Schönheit willen heischte; man konnte nicht umhin, ihr zu huldigen.

Sie war ihm nicht gleich aufgefallen. Er hatte am Ufer der Bucht auf einem der sonnenbeschienenen Felsen gehockt, völlig in sich und seine Angelei versunken. Es war ein günstiger Standort, um Barsch zu angeln; den zog es immer zum Laichen in die Flußmündungen und Binnenseen. Bruder Augaire hatte mit Rute und Angelschnur schon etliche Fische aus dem Wasser geholt. Dann hatte er, einer Eingebung folgend, schräg nach oben gesehen und sie erblickt. Wie aus heiterem Himmel gefallen stand sie unbeweglich auf der Felsplatte des schmalen Uferstreifens und schaute unverwandt auf das ruhige Wasser in der Bucht.

Als erstes hatte er ihr Profil bewundert. Angetan war sie mit einem bratt, einem weiten wollenen Umhang, purpurrot und mit Biberfell abgesetzt. Die Kapuze hing lose auf den Schultern und gab die blonde Lockenpracht frei, die in der Morgensonne schimmerte und glänzte. Er konnte die Stirn erkennen, die zierliche Nase, die vollen Lippen, das entschlossene Kinn, den wohlgeformten Nacken. Doch wie sich Züge und Formen zu einem Ganzen fügten, vollendeter als er es von den großen Skulpturen aus Griechenland und Rom kannte, hätte er nicht beschreiben können. Und Bruder Augaire wußte, welchen Vergleich er zog, denn in beiden fernen Ländern war er auf Wallfahrt gewesen.

Offensichtlich hatte sie ihn nicht bemerkt, und so konnte er sie in aller Ruhe betrachten. Wohlgefällig glitten seine Augen über ihren schlanken Körper; die fraulichen Rundungen kamen trotz des Überwurfs zur Geltung. Sie trug eine enganliegende purpurrote Tunika und einen weichfließenden blauen Rock aus sida, teurer Seide, wie man sie von weitgereisten Handelsherren erwerben konnte, es hätte aber auch gut sróll, glänzender Satin sein können. Ein gemusterter criss oder Gürtel betonte die schmale Taille und den Schwung ihrer Hüfte. Ihr Halsschmuck leuchtete im Sonnenlicht, eine Kette aus rotem Jaspis. Nur kurz tastete sie mit einer blassen Hand danach, und Bruder Augaire erhaschte den Blick auf ein Armband aus Blattgold. An den Füßen hatte sie Schuhe aus Wildleder mit Schmuckelementen.

Ganz eindeutig handelte es sich um ein Mädchen aus dem Adel, aus einer wohlhabenden Familie.

Bruder Augaire schaute in die Runde, vermutete in ihrer Nähe einen Begleiter oder Leibwächter. Aber es war niemand zu sehen, nicht einmal ein geduldig wartendes Pferd irgendwo am Ufer. Als wäre sie plötzlich aus dem Nichts erschienen.

Am liebsten hätte er ihr einen Gruß zugerufen, doch kummervoll und sehnsüchtig blickte sie unentwegt aufs Meer; es verbot sich einfach, sie in ihrem Träumen zu stören. Fast kam er sich wie ein Unbefugter auf fremdem Grund und Boden vor und rutschte unruhig auf seinem Felsblock hin und her. Er glaubte, sich davonstehlen zu müssen.

Dann drehte sich das Mädchen um und sah kurz zu ihm hinüber, oder besser, sah durch ihn hindurch. Er hatte eher das Gefühl, daß ihre dunklen, melancholischen Augen ihn gar nicht richtig wahrnahmen. Doch der kurze Moment genügte, daß er den tiefen Schmerz in ihrem Gesicht erkannte, ein Ausdruck, der von mehr als nur Kummer zeugte. Die schönen Züge waren zu einer bleichen Maske gefroren, als hätte ein grausames Erlebnis das Blut in ihren Adern erstarren lassen. Auch die Tränen schienen für immer versiegt, doch den erschreckenden Abgrund in der Tiefe ihres Herzens und die dunkle Quelle, der sie entsprungen waren, die gab es noch. Deutlich konnte er das in ihrem gequälten Blick erkennen.

Einen Moment senkte Bruder Augaire die Augen. Als er wieder aufsah, lenkte das Mädchen seine Schritte sorgsam, doch entschlossen vom Ufer fort und stieg den felsigen Pfad zu der sich weiter hinten erhebenden Landspitze bergan. Jenseits des Findlings, auf dem Bruder Augaire saß, ragte eine Felsnase von mehr als einem Kilometer Länge in das Meer. Rinn Carna nannte man sie oder Cairns Point, weil die hohen Felsgebilde, die die kleine Halbinsel umschlossen, wie Grabhügel anmuteten.

Er beobachtete sie beim Aufstieg und konnte sich nicht verzeihen, sie nicht gegrüßt zu haben. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und rief ihr laut nach: »Paß gut auf dich auf, Tochter. Der Weg dort ist steil, und die Steine sind spitz.«

Das Mädchen reagierte nicht. Vielleicht hatte sie ihn auch nicht gehört. Sie blieb in ihre Melancholie versunken und ging weiter.

Unverhofft gab es einen scharfen Ruck an der Angelschnur, und ein prachtvoller Barsch verlangte Bruder Augaires ganze Aufmerksamkeit. Als er ihn glücklich ans Ufer befördert hatte und ihn in den Korb zu den anderen Fischen tun wollte, vernahm er Schritte auf dem Strandkies und schaute auf. Ein junges Mitglied der Bruderschaft kam auf ihn zu.

»Dominus tecum, Bruder Augaire. Glück mit dem Fischfang?«

»Wenn noch drei anbeißen, Deo volente, dann reicht es zum Abendessen für die ganze Gemeinschaft«, erwiderte Bruder Augaire fromm. Er hielt inne und warf einen besorgten Blick auf Rinn Carna. »Hast du auf deinem Weg hierher Fremde bemerkt, Bruder Marcán?«

»Fremde?« Der junge Mann schüttelte den Kopf.

»Auch kein angepflocktes Pferd oder irgendein Fuhrwerk? Niemand, der vielleicht auf jemanden gewartet hat?«

Lächelnd schüttelte Bruder Marcán abermals den Kopf. »Warum auch? Außer unserer kleinen Bruderschaft gibt es doch keine weitere Ansiedlung hier in der Nähe.«

»Dir ist kein junges Mädchen aufgefallen, das an unserer Klause vorbeigekommen ist?« fragte Bruder Augaire mit leichtem Stirnrunzeln. »Ich würde meinen, sie hätte zu Pferd und in Begleitung einer Leibwache gewesen sein müssen.«

»Ein junges Mädchen? Ich habe überhaupt niemanden heute früh hier gesehen. Worauf willst du hinaus?«

»Es ist nur, weil …«

Er verstummte, als er bemerkte, daß Bruder Marcán verdutzt über ihn hinweg in die Höhe schaute. Jetzt wandte auch er den Kopf.

Hoch oben, aber doch nicht so weit entfernt, daß er Genaueres nicht hätte erkennen können, sah er das Mädchen von vorhin. Sie stand am äußersten Rand der Klippe, hoch über den tosenden Wellen. Die blassen Arme hielt sie erhoben wie zum Gebet.

»Ein merkwürdiger Ort, Zwiesprache mit Gott zu halten«, stellte Bruder Marcán fest.

Er hatte seinen Satz noch nicht beendet, da warf Bruder Augaire das Angelzeug beiseite und sprang auf. Der Aufschrei »Halt!« erstarb auf seinen Lippen, als sich das Mädchen wie zu einem Kopfsprung vom Felsen löste, die Hände immer noch in flehender Gebärde von sich gestreckt.

»Deus misereatur …«, murmelte Marcán, während sein Mitbruder bereits über die Felsbrocken am Ufersaum hastete.

»Folg mir!« rief er über die Schulter. »Unter der Felswand hier gibt es einen schmalen Weg. Vielleicht gelangen wir an die Stelle, wo sie ins Wasser gestürzt ist; noch hat die Flut nicht ihren Höhepunkt erreicht.«

Keuchend, rutschend, stolpernd, die Kleidung nicht schonend, überwanden die beiden Männer Felsen und Tümpel, die ihnen am Fuße der gezackten Steilküste das Vorwärtskommen erschwerten. Dank seiner Angelleidenschaft kannte sich Bruder Augaire hier gut aus, und so verloren sie nur wenige kostbare Minuten. Trotzdem brauchten sie eine Weile, bis sie an dem Unglücksort waren. Der leblose Körper des Mädchens schwamm mit dem Gesicht nach unten auf dem Wasser. Sanft schaukelte er auf den flüsternden Wellen.

Der Leichnam war blutig und zerschunden. An dem schlanken Hals nach einem Pulsschlag fühlen zu wollen war vergebene Liebesmüh; Bruder Augaire tat es dennoch, eine automatische Reaktion. In vollem Bewußtsein eines grauenvollen Endes hatte sie sich in die Felsnadeln gestürzt, hatte gar nicht erst versucht, das Gesicht zu schützen. Sie war nicht ausgerutscht, nicht aus Versehen in die Tiefe gefallen, hatte nicht ins Wasser tauchen wollen. Sie hatte es vorsätzlich getan, hatte wissentlich den Tod auf den scharfkantigen Felsen in der Tiefe gesucht.

Behutsam nahm er den Leichnam auf die Arme und bedeutete Bruder Marcán voranzugehen. Langsam und vorsichtig tasteten sie sich am Fuße der Felswand zurück, bis sie den mit Muschelresten übersäten Sandstrand erreichten, wo er seine Last ablegte.

»Da bleibt nichts mehr zu tun, Bruder«, sagte Bruder Marcán leise, als sein Gefährte versuchte, das tote Mädchen und dessen Kleidung leidlich herzurichten. »Deus vult. Es ist Gottes Wille.«

»Gottes Wille?« wiederholte Bruder Augaire. »Du irrst. Das kann Gott nicht gewollt haben. Er muß gerade anderweitig beschäftigt gewesen sein. Das hier hätte er nicht geschehen lassen.«

Unbehagen regte sich in Bruder Marcán. »Sie ist von der Klippe gesprungen. Es war kein Unfall. Sie hat sich vorsätzlich das Leben genommen. In den Augen Gottes ist das eine Sünde. Steht nicht geschrieben, das Leben des Menschen ist heilig wegen seiner Verbindung zum Göttlichen und daß man sich im Jenseits die schwerste aller Strafen auferlegt, wenn man sich selbst das Leben nimmt? Das Mädchen wird nicht seine ewige Ruhe finden.«

Bruder Augaire starrte auf das blasse Antlitz. Die melancholischen Züge waren im Tod weicher geworden, die Trauer nahezu gewichen. Fast friedlich mutete ihn jetzt ihr Gesichtsausdruck an. Ein plötzliches Schuldgefühl quälte ihn.

»Ich habe gesehen, wie ihr zumute war, sie litt, die Verzweiflung stand ihr im Gesicht. Ich hätte sie ansprechen müssen, aber ich habe sie in ihrer erschreckenden Einsamkeit allein gelassen. Gott möge mir verzeihen, ich hätte ihr helfen können.«

Bruder Marcán preßte einen Augenblick lang die Lippen zusammen; dann fing er sich und wies auf die Kammtasche, in der Frauen ihre kleinen Toilettenartikel und andere persönliche Dinge bei sich trugen und die noch an ihrem Gürtel hing.

»Vielleicht finden wir darin etwas, das nähere Auskunft über sie gibt. Der Kleidung nach muß sie aus reichem Hause stammen.«

Bruder Augaire löste das Band von dem Beutel und beförderte den Inhalt ans Tageslicht. Das meiste war das Übliche – ein Spiegel, ein Kamm … Dann ein Stück Pergament. Das war ungewöhnlich. Neugierig entfaltete er es.

»Was ist es?« wollte Bruder Marcán wissen. »Hilft es uns weiter?«

Bruder Augaire las die Worte auf dem Pergament und schüttelte den Kopf. »Sieht eher nach ein paar Zeilen aus einem Gedicht aus.«

Bruder Marcán streckte die Hand danach aus, und er reichte ihm den Fetzen. Der junge Mann las laut vor, was er entzifferte:

Ein Schrei aus tiefster Not,

Gebrochen ward mein Herz in Pein.

Es schlägt nicht ohne ihn, bleibt tot.

Er schniefte verächtlich. »Ziemlich sentimentales Zeug.«

»Das Mädchen ist tot«, tadelte ihn Bruder Augaire.

»Aber aus eigenem Entschluß. Abgesehen von unserem Glauben gilt auch nach dem Gesetz unseres Landes Selbstmord als ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Es ist die höchste Form von fingal, Totschlag eines nahen Verwandten, eine Tat, die in einer Gesellschaft wie der unseren, die auf Familienbanden beruht, weder vergeben noch vergessen werden kann.«

»Aber Verständnis für das Geschehene muß man doch wenigstens aufbringen?« begehrte Bruder Augaire auf.

»Verständnis wofür?«

»Daß dieses junge Mädchen, das noch das ganze Leben vor sich hatte, all seiner Hoffnungen beraubt gewesen sein muß.« Erneut blickte er auf das fahle Gesicht der Toten. »Wer konnte jemanden wie dich dazu treiben, sich das Leben zu nehmen? War es ein Mann, der dir solchen Kummer bereitet hat?« fragte er mit gedämpfter Stimme. »Was für ein Mann muß das gewesen sein, der solche Macht über dich hatte?«

Bruder Marcán neben ihm hüstelte nervös. »Darüber zu rätseln, wer das wohl war, ist müßig. Unser Glaube lehrt eindeutig: Die Seele des Mädchens ist verloren, es sei denn, es gäbe Vergebung über das Grab hinaus. Komm, Bruder, laß uns unsere Stimmen im Gebet für die Verdammten erheben. De profundis clamavi ad te Domine … Aus der Tiefe ruf ich, Herr, zu dir …«

KAPITEL 1

»Nimm dich in acht, Ségdae von Imleach, dich könnte sonst Tod oder ewige Verdammnis ereilen!« Abt Ultán unterstrich seine Warnung, indem er mit der Faust auf den Tisch hämmerte.

Die Gruppe, die auf der gegenüberliegenden Seite des dunklen Eichenholztisches saß, hielt deutlich den Atem an. Nur der großgewachsene, weißhaarige Mann, dem die Worte galten, schien ungerührt. Voller Gleichmut und mit einem Lächeln auf dem Gesicht saß Ségdae, Abt und Bischof aus Imleach, in seinem Armsessel.

Insgesamt hatten an dem Tisch im Studierzimmer des Abts von Imleach sechs Männer und zwei Frauen Platz genommen. Abt Ségdae mit seinem Verwalter und zwei ehrwürdige Gelehrte der Abtei saßen auf der einen Seite, ihnen gegenüber Ultán, Abt von Cill Ria und Bischof der Uí Thuirtrí, zusammen mit seinem Schreiber und zwei weiblichen Mitgliedern seiner Abtei.

In dem flackernden Kerzenlicht, das den düsteren Raum etwas erhellte, wirkten selbst Abt Ultáns Begleiter angesichts der Maßlosigkeit seiner Drohgebärde leicht verstört.

Seinem Ausbruch folgte eine kurze Pause. Dann beugte sich Bruder Madagan, Abt Ségdaes Verwalter, der rechtaire der Abtei von Imleach, etwas vor.

»Du wagst, uns zu drohen, Ultán von den Uí Thuirtrí? Weißt du, mit wem du sprichst?« fragte er mit finsterem Gesicht. »Du hast den Comarb, den Nachfolger des heiligen Ailbe vor dir, den obersten Bischof des Glaubens in unserem Königreich Muman. Imleach hat nie die Forderungen von Ard Macha anerkannt. Weiß nicht ein jeder, daß der heilige Ailbe das Wort Christi hierhergebracht hat, noch ehe Patrick seine Fahrt zu den Königtümern im Norden unternahm? Du solltest deine Worte mit mehr Bedacht wählen und dich Drohungen enthalten, allzu leicht könnten sie auf dich selbst zurückfallen.«

Bei aller Entrüstung hatte sich Bruder Madagan unter Kontrolle; er setzte die Worte mit frostiger Stimme, und daß es ihm ernst war, erkannte ein jeder.

Beschwichtigend legte Abt Ségdae die Hand auf den Arm seines Verwalters, wandte aber nicht den Blick von Bischof Ultáns zornig rotem Gesicht ab.

»Aequo animo, Bruder Madagan«, meinte er begütigend. »Aequo animo. Ich bin ganz sicher, Abt Ultán hat mir nicht ernsthaft drohen wollen. Niemand, der die Gastfreundschaft dieses Hauses erfährt, käme auf einen solchen Gedanken.« Schwang da eine leichte Betonung, ein sanfter Tadel in dem Satz mit? »Der Abt hat lediglich seiner Überzeugung von der Richtigkeit seines Anliegens Nachdruck verleihen wollen. Kann sein, er ist in der Wahl seiner Worte ein wenig über das Ziel hinausgeschossen.«

Abt Ségdae hielt inne, wartete geduldig auf eine Erwiderung.

Das allseitige Schweigen wurde nur vom Knacken der trockenen Holzscheite unterbrochen, die in der Feuerstelle weiter hinten im Raum brannten; auch hörte man draußen den Wind heulen, wie er heftig um die grauen Steinmauern des Klosters fegte. Es war dubhluacran, die dunkelste Jahreszeit, und obwohl es erst später Nachmittag war, hätte man es von der Finsternis her gut und gerne für Mitternacht halten können. Wenige Tage noch, und sie hatten die Mondphase, die sie von alters her mi faoide, die Ruhephase nannten. Der Brauch wollte es, daß sie völlig im Gegensatz zu der Namensgebung den Jahresabschnitt mit dem Imbolc-Fest begrüßten, wenn die Schafe lammten. Dann war die lange und sorgenvolle Zeit vorüber.

Gegen Mittag war Abt Ultán mit seinen drei Gefährten im Kloster angekommen und hatte verkündet, er käme als Abgesandter von Ségéne, dem Abt und Bischof von Ard Macha, dem Comarb oder Nachfolger des heiligen Patrick. Ségéne wurde von vielen als ranghöchster Kirchenmann im nördlichen Königreich Ulaidh angesehen. Die Ankömmlinge erfuhren die ihnen gebührende Gastfreundschaft, und Abt Ultán hatte sich mit seiner Begleitung in Abt Ségdaes Privatgemach eingefunden, um seine Botschaft zu überbringen.

Das Anliegen, das er vorbrachte, war einfach: Abt Ségdae, höchster Kirchenmann in Muman, sollte Ségéne von Ard Macha als archiepiscopus, Hauptbischof aller Königreiche von Éireann anerkennen. Um der Forderung den nötigen Nachdruck zu verleihen, wies Abt Ultán darauf hin, daß der heilige Patrick das pallium vom Bischof aus Rom erhalten hätte, der als oberster Bischof des Glaubens galt. Patrick hatte dann begonnen, die Bewohner von Éireann zu bekehren. Er hatte sich Ard Macha zum Hauptsitz erkoren, und daraus leitete man den Anspruch ab, daß die dort ansässigen Bischöfe von eben dem Ort aus die religiöse Herrschaft über die fünf Königreiche und die ihnen unterstellten Stammesfürstentümer ausüben sollten.

Höflich schweigend hatte Abt Ségdae zugehört, wie der Geistliche aus dem Norden sein Begehren vortrug. Das war in so unverblümter Wortwahl geschehen, daß es praktisch einer Forderung gleichkam. Als der Gesandte fertig war und sich zurücklehnte, wies Abt Ségdae in aller Höflichkeit, aber mit Entschiedenheit darauf hin, daß Kirchenmänner und Gelehrte aus den anderen Königreichen von Éireann die Auffassung vertreten würden, daß Patrick der Britannier, geheiligt wie er war, nicht der erste gewesen sei, der den Neuen Glauben im Land gepredigt hätte. Viele vor ihm hatten es bereits getan, und einer von ihnen hatte Ailbe, den Sohn des Olcnais von Araid Cliach im Nordwesten Mumans, bekehrt, und der wiederum hatte Imleach als seinen Sitz gewählt. Es handelte sich um eben die große Abtei, in der sie jetzt zusammensaßen und die das Volk von Muman als das Hauptzentrum seines Glaubens ansah. Immer wenn Äbte und Bischöfe von Ard Macha versucht hatten, ihre Ansprüche geltend zu machen, waren sie von Imleach und den meisten anderen Kirchen in den fünf Königreichen von Éireann zurückgewiesen worden.

An diesem Punkt der Ausführungen hatte Abt Ultán nicht länger an sich halten können. Aufgebracht hatte der etwas düster wirkende, durchaus gutaussehende, aber eitle Mann mittleren Alters – nicht daran gewöhnt, daß ihm widersprochen wurde – mit der Faust auf den Tisch geschlagen.

Nach Abt Ségdaes gemessener Zurechtweisung herrschte Schweigen in der Runde. Aller Blicke waren auf den arroganten Gesandten von Ard Macha gerichet.

Abt Ultán errötete, als er begriff, daß er bei Bruder Madagan und den anderen links und rechts von seinem Gastgeber Sitzenden auf Widerstand stieß. Bruder Drón, sein Schreiber neben ihm, ein dünner, älterer Mann mit scharfkantigem Gesicht und vogelähnlicher Körperhaltung, war bemüht, den Abt zur Zurückhaltung zu bewegen, ihm »den goldenen Mittelweg« nahezulegen, und flüsterte ihm die Worte »Aurea mediocritas« ins Ohr. Angesichts einer derart geschlossenen Gegnerschaft war Angriff keine kluge Vorgehensweise.

Abt Ultán zuckte schließlich mit den Schultern und rang sich ein Lächeln ab.

»Im Eifer des Gefechts habe ich mich zu unbedachten Äußerungen hinreißen lassen und möchte sie nicht als tätliche oder anderweitige Drohung verstanden wissen«, erklärte er salbungsvoll, »weder dir gegenüber, lieber Bruder in Christo, noch gegenüber einem der Anwesenden hier.« Wortwahl und Ton konnten nicht über seine wahre Meinung hinwegtäuschen. »Ich hätte nur gern mein Begehr noch einmal erläutert, damit es nicht mißverstanden bleibt.«

»Wir haben den Standpunkt von Ard Macha nun vernommen und vertreten eine andere Auffassung«, erwiderte Bruder Madagan abweisend.

Abt Ségdae versuchte zu vermitteln. »Ähnlich wie du setzt sich mein Verwalter leidenschaftlich für die Rechte unserer Abtei ein. Audi alteram partem – wir sind bereit, die Gegenseite zu hören, gibt es doch stets zwei Auffassungen zu jeder Frage. Offensichtlich liegt dir daran, lieber Bruder in Christo« – Ultán blickte scharf auf, machte man sich über ihn lustig? –, »uns weitere Überlegungen zu unterbreiten. Sehe ich das richtig?«

Abt Ultán nickte rasch. »Bruder Drón, mein Schreiber, wird das für mich tun.«

Der so Aufgeforderte räusperte sich. »Ich nehme mir die Freiheit, aus einem heiligen Buch von Ard Macha zu zitieren.« Er wandte sich zu der frommen Schwester neben ihm. »Schwester Marga, das Buch, bitte.«

Sie griff in eine Tasche, die sie bei sich führte, und beförderte ein kleines, in Kalbsleder gebundenes Buch zutage, das sie Bruder Drón reichte. Der nahm es, schlug eine bereits markierte Seite auf und begann zu lesen: »Ein himmlischer Bote erschien dem heiligen Patrick und sprach: ›Der Herrgott hat dir und deiner Stadt, die in der Sprache der Iren Ard Macha heißt, alle irischen Gebiete in modum parochiae übereignet … ‹«

»Bruder Drón, ich habe den Eindruck, du liest uns aus dem Buch vor, das bei euch Liber Angeli heißt«, unterbrach ihn Abt Ségdae. »Das ist uns wohlbekannt. Genauer gesagt, wir haben sogar Ard Macha um Erlaubnis gebeten, einen Schreiber dorthin schicken zu dürfen, damit er eine Kopie für unser scriptorium anfertigt.«

Stirnrunzelnd sah Bruder Drón auf. »Ganz recht. Ich lese aus dem Buch des Engels. Angesichts dieser wundersamen Erscheinung, die der heilige Patrick hatte, besteht Ard Macha auf der Oberhoheit über die Kirchen und Klöster der fünf Königreiche von Éireann. Alle Glaubenshäuser haben sich Ard Macha unterzuordnen und ihm in geistlicher und materieller Hinsicht Tribut zu zollen.« Bruder Drón tippte mit dem Zeigefinger auf die Pergamentseite. »Hier steht es geschrieben, Abt Ségdae. Das ist der Grund unseres Hierseins, euch darauf hinzuweisen, daß ihr euch der heiligen Weisung entsprechend zu verhalten habt.«

Lächelnd schüttelte Abt Ségdae den Kopf.

»Als junger Mann habe ich eure große Abtei besucht.« Er sprach langsam, fast ein wenig verträumt. »Ich habe die Schreiber und Gelehrten von Ard Macha kennengelernt.« Er redete nicht weiter, und alle warteten, aber er verharrte in Schweigen, schien von seinen Erinnerungen fortgetrieben.

Nervös blickte Bruder Drón zu Abt Ultán. »Was hat das mit unseren Darlegungen zu tun?« fragte er schließlich.

»Was es damit zu tun hat?« Mit krauser Stirn schaute Abt Ségdae auf, als überraschte ihn die Frage. Doch sogleich lächelte er wieder. »Ich habe nur an die Zeiten gedacht, ehe überhaupt irgend jemand in Ard Macha etwas von dieser himmlischen Botschaft ahnte. Das Buch und die darin erhobenen Ansprüche sind ganz offensichtlich erst neuerlichen Datums.«

Schwester Margas Federkiel, mit dem sie Notizen machte, brach. Bruder Drón sah sie strafend an, und sie murmelte eine Entschuldigung.

Unbeeindruckt von der kleinen Störung führte Bruder Madagan den Gedankengang seines Abts fort. »Nicht einmal bei Muirchú maccu Machtheri, dem ersten großen Biographen von Patrick, steht geschrieben, daß Patricks sterbliche Überreste in Ard Macha zur Ruhe gebettet sind. Jedermann weiß, daß er in Dún Pádraig begraben liegt und daß er just diesen Ort allen anderen als Mittelpunkt seiner Kirche vorzog. Wer den heiligen Patrick zu verehren wünscht, muß nach Dún Pádraig gehen.«

Abt Ultán schwollen die Zornesadern an. Er kämpfte mit sich, es nicht zu einem weiteren Wutausbruch kommen zu lassen.

»Sind das die Worte, die ich dem archiepiscopus Ségéne, dem Comarb des heiligen Patrick, als Antwort überbringen soll?« fragte er drohend.

Andeutungsweise neigte Abt Ségdae den Kopf. »Du kannst diese Worte dem Abt und Bischof von Ard Macha übermitteln. Imleach erkennt weder seine Ansprüche, archiepiscopus sein zu wollen, an noch eine Vorrangstellung von Ard Macha unter den Kirchen der fünf Königreiche.«

»Du solltest es dir gut überlegen, ob du tatsächlich eine abschlägige Antwort geben willst«, mahnte ihn Abt Ultán spitz.

»Auch erneute Überlegungen führen immer zu dem gleichen Schluß, lieber Bruder in Christo«, erwiderte Abt Ségdae mit einem leichten Stoßseufzer. »Wie sollte es auch anders sein? Wir von Imleach erkennen die Ansprüche von Ard Macha nicht an, es bleibt dabei. Selbst in deinen nördlichen Königreichen gibt es viele fromme Häuser, die sich weigern, Ard Macha als den Mittelpunkt der parochia Patricii zu betrachten. Warum also sollten wir es tun, wenn es nicht einmal die Klöster von Ulaidh machen?« Er hob die Hand zum Zeichen, daß er nicht unterbrochen zu werden wünschte. »Ich spreche von Tatsachen, mein lieber Bruder in Christo.«

»Dann nenn sie bei Namen!« forderte Bruder Drón gereizt. »Nenn uns die religiösen Häuser des Nordens, die Ard Macha das Recht verwehren, unter den fünf Königreichen eine Vorrangstellung einzunehmen.«

Abt Ultán preßte die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen und warf einen verärgerten Blick auf seinen Schreiber. Er hatte offensichtlich begriffen, daß er mit Abt Ségdae jemanden vor sich hatte, der nicht Dinge behauptete, ohne sich in den Fakten auszukennen. Bruder Drón hoffte vielleicht, ihn der Großsprecherei zu überführen, aber Ultán glaubte eher, daß sein Gegner wußte, wovon er redete.

Abt Ségdae blieb die Freundlichkeit in Person und gab die gewünschte Auskunft.

»Die Abtei von Ard Sratha, im Gebiet der Uí Fiachracha gelegen, verweigert sich euren Ansprüchen. War es nicht der heilige Eógan, der vor über hundert Jahren mit eigenen Händen jene Steinkirche errichtete und noch davor eins der wichtigsten Zentren der Gelehrsamkeit im Norden schuf?«

Bruder Madagan, sein Verwalter, nickte eifrig. »Der heilige Patrick höchstpersönlich begründete das Haus in Dumnach hUa nAilello und ließ drei seiner Schüler da, die die Einrichtung leiten und dort wirksam werden sollten – Macet, Cétgen und Rodan«, wußte er zu berichten. »Überall in den fünf Königreichen sind ihre Werke bekannt, und die Bischöfe von dort lassen es nicht gelten, daß Ard Macha wichtiger sei als ihre Abtei. Im Königreich von Laigin erhebt das Haus von Brigid in Cill Dara im Land der Uí Faéláin den Anspruch darauf, das oberste Glaubenshaus der fünf Königreiche zu sein. Und Cogitosus bezeichnet in der Tat Cill Dara als die principalis ecclesia. Warum also sollten wir nicht Cill Dara statt Ard Macha den Vorzug geben?«

Ein weiteres Mal erhob Abt Ségdae die Hand und gebot somit Bruder Madagan, der in seiner Aufzählung fortfahren wollte, zu schweigen. Mit herausforderndem Lächeln sah er Abt Ultán direkt ins Gesicht.

»Gewiß legst du nicht Wert darauf, daß wir dir alle Einrichtungen auflisten, die nicht gewillt sind, Abt Ségéne als archiepiscopus anzuerkennen?«

Abt Ultán wurde hochrot und fühlte sich außerstande, zu antworten.

»Wir mögen ja hier im Süden wohnen«, fuhr Abt Ségdae fort, und sein Ton entbehrte nicht einer Spur Schadenfreude, »aber wir haben dennoch Augen zu sehen und Ohren zu hören. Wir sind in all diesen Fragen durchaus bewandert.«

Verärgert räusperte sich sein Gast. Abt Ségdae stand auf und führte die Hände zu den Ohren, als wollte er sie sich zuhalten. »Hören wir auf damit«, sagte er ernst. »Soll Ard Macha tun und lassen, was es für richtig hält. Wir werden hier keine Übereinstimmung finden, also lassen wir den Streit. Übermorgen ist auf unseres Königs Burg von Cashel ein großes Fest angesagt. Die Schwester unseres Königs wird heiraten. Morgen früh reiten mein Verwalter und ich nach Cashel, wo ich den Vorsitz bei den religiösen Zeremonien führen werde. Friede und Freude sollen herrschen. Wie ich höre, haben viele Könige, auch die aus dem Norden, ihr Kommen zugesagt. Also sollten auch wir, lieber Bruder in Christo, diesen Tag ausklingen lassen, wie es wahren Brüdern im Glauben geziemt – in Frieden und Brüderlichkeit. Vergessen wir fürs erste unsere strittigen Auffassungen, machen wir uns lieber gemeinsam auf den Weg nach Cashel.«

Abt Ultán blieb mißgelaunt. »Ich hatte durchaus die Absicht, nach Cashel zu reisen, aber nicht, um fröhlich zu feiern«, tat er mürrisch kund.

Abt Ségdae stöhnte innerlich, sagte aber nichts. Er setzte sich auch nicht wieder, obwohl Abt Ultán keine Anstalten machte, sich zu erheben. Seine Begleiter waren alle drei aufgestanden, das verlangte der Anstand. Es gehörte sich nicht, sitzen zu bleiben, wenn der Gastgeber, selbst Abt und Bischof, stand. Nur zögernd und umständlich löste sich Abt Ultán von seinem Sitz.

»Meine Reise nach Cashel dient einzig und allein dem Zweck, Einspruch gegen diese Eheschließung zu erheben«, erklärte er.

Ganz gegen seine Gewohnheit ließ sich Abt Ségdae seine Überraschung anmerken. »Einspruch? Wogegen?«

»Einspruch dagegen, daß eine Schwester des Glaubens ein Ehebündnis eingeht, noch dazu mit einem Fremdländischen, einem angelsächsischen Bruder, der aus freiem Willen heraus sich den Beschlüssen der Synode von Whitby verpflichtet fühlen und die von Rom festgelegten Regeln befolgen müßte.«

Abt Ségdae legte sorgenvoll die Stirn in Falten. »Was hast du gegen eine Eheschließung der Lady Fidelma?«

»Lady Fidelma?« Es klang fast höhnisch. »Wenn ich mich recht erinnere, hat sie in Cill Dara das Gelübde abgelegt, dem Glauben zu dienen. Nach unserer Auffassung ist es unrecht, wenn Nonnen heiraten. Die heilige Lehre besagt, daß wir unserem Herrn nur in Keuschheit dienen können.«

Abt Ségdae schüttelte entschieden den Kopf.

»Das ist deine Art zu glauben. Nicht einmal alle, die den Regeln Roms folgen, denken so wie du. Es ist wahr, es gibt einige einflußreiche Verkünder des Evangeliums, die das Zölibat predigen, aber bislang ist die Auffassung nicht allgemein verbindlich. Selbst in Rom gilt das Zölibat nicht als streng zu befolgende Regel. Und sogar das Haus von Ard Macha, das du als deinen Leitstern betrachtest, ist ein gemischtes Haus.«

»Das wird nicht mehr lange so sein«, versicherte ihm Abt Ultán. »Der Erzbischof hat entschieden, dem Beschluß des Konzils von Nicäa Folge zu leisten, nach dem Eheschließungen dieser Art verdammt wurden.«

»Verdammt ja, aber nicht per Gesetz verboten«, berichtigte ihn Bruder Madagan.

»Das ist pure Wortfechterei«, wies ihn Abt Ultán zurecht. »Ich werde jedenfalls in Cashel vorbringen, was ich vorzubringen habe.« Abrupt drehte er sich um und verließ ohne eine versöhnliche Verabschiedung, gefolgt von seiner Begleitung, den Raum.

Gedankenverloren blickte ihm Abt Ségdae nach, während die anderen um ihn herumstanden und nervös der Dinge harrten, die da kommen würden. Er seufzte vor sich hin und entließ dann die beiden Gelehrten. Allein geblieben mit Bruder Madagan, sagte er zu ihm: »Sorge dafür, daß Abt Ultán und seine Gefährten mit äußerster Ehrerbietung behandelt werden, solange sie unsere Gäste sind, und auch morgen, sollten sie tatsächlich mit uns gemeinsam nach Cashel reisen, ist ihnen alle Höflichkeit entgegenzubringen. Ich bedauere, daß uns Ard Macha mit Abt Ultán einen Gesandten geschickt hat, der jegliches diplomatische Geschick vermissen läßt.«

»Mir gefällt die Sache nicht«, meinte Bruder Madagan besorgt. »Ich fürchte, uns erwarten in Cashel nicht nur eitel Freude und Sonnenschein. Mich schaudert’s, wenn ich daran denke. Ich spüre es und habe regelrechte Angst.«

Begütigend schüttelte Abt Ségdae den Kopf. »Abt Ultán droht mit göttlichem Zorn und ewiger Verdammnis. Dennoch ist er ein Glaubensbruder und wird es nicht wagen, jemanden ernsthaft anzugehen. Fürchten muß man ihn nicht.«

Froh stimmten die Worte Bruder Madagan nicht. »Ich komme mir vor wie ein Seemann, der bei ruhiger See auf Deck steht, die Windstille, die in der Luft liegende Ruhe spürt und doch sieht, wie sich am Horizont dunkle Wolken zusammenballen. Er weiß, daß sich Unheil zusammenbraut. Auch ich weiß es. Was ist falsch daran, daß ich es fürchte? Die Wolken deuten auf Sturm hin. Ich bete, daß sie über Cashel hinwegfegen, ohne sich zu entladen.«

 

Ein ähnlich heftiger Wind, wie er um die grauen Gemäuer der Abtei von Imleach wütete, fegte auch um den großen Kalksteinfelsen von Cashel, der aus der Ebene aufragte. Darauf standen, von hohen Festungsmauern umschlossen, zahlreiche Gebäude, die von alters her den Herrschaftssitz der Könige von Muman ausmachten. Auf den Felsen gebaut war auch die Kirche, die cathedra oder der Sitz des Bischofs von Cashel, ein stolz emporstrebender Rundbau mit Verbindungswegen zum Palas. Die Anlage umfaßte Ställe, Nebengebäude, Herbergen für Gäste, Unterkünfte für die Leibwache des Königs und natürlich auch ein Kloster für die frommen Brüder, die ihren Dienst in der Kirche taten. Unterhalb des Felsens, gewissermaßen in seinem Schatten, lag das Marktstädtchen, das sich unter dem Schutz der Burg zum Mittelpunkt des größten Königreichs im äußersten Südwesten von Éireann entwickelt hatte.

Der Wind trieb Eisregenschauer vor sich her, die einem wie kalte und harte kleine Pfeile schmerzhaft ins Gesicht peitschten. Bruder Conchobhar, der sich, so gut er konnte, vor den häßlichen Windstößen zu schützen suchte, wußte, daß es seit dem Nachmittag auf den Bergen schneite. Auch über Cashel und das umliegende Land hatte sich eine dünne Schneedecke gebreitet. Lange würde sich das Weiß bei dem Schneeregen nicht halten, und das mißfiel dem Alten.

Der fromme Mann fröstelte, und er drückte sich gegen die Mauer, als er mit zusammengekniffenen Augen in den dunklen Himmel über sich blinzelte. Er war Astrologe und führte gleichzeitig die Burgapotheke. Um die Position der Himmelskörper zu bestimmen, brauchte er keinen klaren Himmel. Er wußte, daß abnehmender Mond war, daß er im Haus von an Partán, im Zeichen des Krebses stand, daß er sich gegenüber dem kriegerischen Planeten an Cosnaighe, dem Angreifer befand. Betrübt schüttelte Bruder Conchobhar den Kopf.

»Ach, Fidelma, Fidelma«, flüsterte er. »Habe ich dich nicht eines Besseren gelehrt? Habe ich dich nicht in der alten Kunst des nemgnacht, der Himmelsdeutung unterwiesen? Warum hast du dich nur entschieden, zum Imbolc-Fest deine Hochzeit zu feiern, wenn doch nur wenige Tage später der junge Mond höher steigt und die bösen Zeichen an Kraft verlieren?« Er zog den Mantel fester um die gebeugten Schultern. »Es liegt Böses in der Luft, ich kann es beschwören. Sei auf der Hut, Fidelma von Cashel. Sei auf der Hut.«

KAPITEL 2

Es ging schon auf Mittag zu, und doch war es dunkel und kalt. Die ohnehin niedrighängenden Wolken waren von einem düsteren Grau, und hier und da trieben Wolkenfetzen tief über dem Erdboden, Vorboten von Regen. Wohl fühlte sich Bruder Eadulf nicht im Sattel seines dahintrottenden Pferdes, und nichts Gutes ahnend, schaute er zum Himmel. Neben ihm ritt Caol, der Befehlshaber der Leibwache des Königs von Muman. Eadulf sah, daß etliche Winterblüten, die eigentlich ihr zartblasses Farbenspiel hätten zeigen müssen, sich bereits schlossen, um gegen das zu erwartende Unwetter gewappnet zu sein. Wieder sah er fröstelnd zum Himmel und entdeckte ein, zwei Wolken in Amboßform, und die kündigten Sturm an.

»Ist es noch weit?« rief er dem jugendlichen Wegführer zu, der vor ihnen ritt.

Mitfühlend lächelte ihm Caol zu. Er wußte, daß Eadulf nicht versessen aufs Reiten war und jede andere Art der Fortbewegung vorgezogen hätte. Doch an starkem Willen und Ausdauer mangelte es dem Angelsachsen nicht. Seit Tagesanbruch waren sie unterwegs, und Eadulf hatte, ohne zu murren, durchgehalten. Dabei hätte Caol die Pferde gern auf den leichter zu bewältigenden Strecken im Trab gehen lassen. Sie rit-ten westwärts auf den angeschwollenen Siúr zu, überquerten ihn an der Eselsfurt und zogen durch die harmloseren Flüsse Fidgachta und Ara dem sich öffnenden breiten Tal entgegen.

»Nein, nicht mehr weit«, tröstete ihn der junge Führer. »Hinter dem Wald dort fließt der Eatharlaí, und dort, wo die Baumgruppe ansteigt, ist schon der Hügel, zu dem wir wollen. ›Kleine Anhöhe‹ heißt er bei uns.«

Eadulf versuchte die Entfernung abzuschätzen. »Und dort wohnt der Anführer der Uí Cuileann?«

»Nein, seine Hügelfestung steht auf dem Nordhang am Anfang des Taleinschnitts.«

»Weshalb sind wir dann hier mit ihm verabredet? Ardane, nanntest du den Ort wohl? Auf der Kleinen Anhöhe?«

Der junge Mann zuckte mit den Schultern. »Ich bin nur ein Bote, Bruder Eadulf. Von dem, was im Kopf meines Herrn vorgeht, habe ich keine Ahnung. Ich weiß nur, was ich dir schon gesagt habe. Miach, der Gebieter der Uí Cuileann, hat mich nach Cashel gesandt, mit der Bitte, du möchtest hierher nach Ardane kommen und dich mit ihm um die Mittagszeit treffen, weil er in einer wichtigen Angelegenheit deinen Rat braucht.«

Eadulf war beunruhigt. Das Anliegen hatte viele Fragen in ihm aufgeworfen. In zwei Tagen sollten er und Fidelma in Cashel getraut werden, die Feierlichkeiten waren offiziell angesetzt. Er wußte, daß viele nicht damit einverstanden waren, daß eine Prinzessin von Muman einen Angelsachsen ehelichte. Zuerst hatte er gedacht, es könnte sich um eine Verschwörung handeln, ihn vom Ort des Geschehens fortzulocken. Doch Fidelma hatte sich für Miach, den Stammesfürsten der Uí Cuileann, verbürgt. Seine Leute waren ein wichtiger Nebenzweig der Eóghanacht Áine, eng verwandt mit ihrem eigenen Haus der Eóghanacht von Cashel. Die Uí Cuileann wohnten in der großen Talaue, durch die der Eatharlaí strömte. Sein Name bedeutete so viel wie Fluß zwischen den beiden Hochländern, und die wiederum verwiesen auf die Gebirgszüge im Norden und Süden. Fidelma war mit dem Gebiet bestens vertraut, aber nicht um ihr Kommen hatte Miach gebeten.

Fidelma hatte ohne Eadulfs Wissen darum ersucht, daß Caol, Cashels oberster Kriegsherr, ihn begleitete, und Caol hatte sich dazu bereit erklärt. An sich war es kein langer Ritt von Cashel bis zum Eatharlaí-Tal, doch im ihnen aufgezwungenen Schrittempo ging es nur langsam voran, und würde es zu unvorhergesehenen Zwischenfällen kommen, müßte man sich auf eine Übernachtung einstellen.

Nicht lange, und der junge Ortskundige verließ mit ihnen den Hauptweg und führte sie in ein schattiges Gehölz, das an einem großen Teich lag, der von einer Quelle gespeist wurde. Sie befanden sich inmitten des ausgedehnten Eichenwaldes, der das ganze Tal einnahm. Es waren alte Bäume mit mächtigen Stämmen; die knorrigen Äste strebten zum Licht und verzweigten sich oben zu Kronen. Schon der andere Weg war Eadulf durch die tiefhängenden Wolken dunkel und bedrückend erschienen, jetzt aber war es um ein vieles schlimmer. Man konnte meinen, es wäre Nacht. Kalte, modrige Luft umfing ihn und ließ ihn erschauern. Der Weg unter seinen Füßen stieg sanft an. Demnach waren sie auf der sogenannten Kleinen Anhöhe.

Plötzlich drang ein heiserer Ruf durch die Stille. Ihr Anführer machte Halt und antwortete. Einen Augenblick später tauchte zwischen den Bäumen ein kleiner untersetzter Mann auf, gefolgt von zwei anderen. Alle drei trugen die Ausrüstung von Kriegern. Der erste war vom Typ her dunkel, hatte lange Haare und einen Vollbart. Er wirkte streng, aber nicht unsympathisch. Aus der Tatsache, daß der junge Anführer und Caol vom Pferd stiegen und wie sie ihn begrüßten, schloß Eadulf, daß es sich um den Stammesfürsten der Uí Cuileann handeln mußte.

Reichlich ungeschickt glitt auch Eadulf von seinem Pferd, fing sich aber, sobald er festen Boden unter den Füßen spürte und konnte den Stammesfürsten standfest begrüßen, der ihm freundlich lächelnd die Hand entgegenstreckte.

»Ich heiße dich willkommen, Bruder Eadulf.«

»Gehe ich in der Annahme recht, daß du Miach bist?« Es klang etwas mürrisch, war aber nicht so gemeint, und der Mann nahm es ihm nicht übel.

»Ich weiß, daß du mit anderen Dingen beschäftigt bist, Eadulf, aber ich brauche Rat. Ja, ich bin Miach, Stammesfürst der Uí Cuileann, und ich habe nach dir geschickt, denn deine Hilfe ist vonnöten.«

Eadulf versuchte, seine steife Begrüßung wieder wettzumachen. »Mit welchem Rat kann ich dienen?«

Miach drehte sich um und wies auf den weiter nach oben führenden Weg. »Folge mir, und du wirst sehen.«

Sie führten die Pferde an den Zügeln und stapften hinter den dreien her. Erst ging es durch den Wald, und dann kamen sie auf eine größere Lichtung mit etlichen Holzbauten. Dort standen und saßen weitere Krieger herum. Dazwischen fielen Eadulf drei Männer in frommer Tracht auf und auch ein älterer Mann, der von seiner Kleidung her ein Fremder war. Die Gruppe hatte sich mitten auf der Lichtung an einem Feuer niedergelassen, auf dem einer der Krieger in einem dampfenden Kessel etwas kochte.

Miach blieb stehen, und Eadulf tat es ihm gleich. Er war sich unsicher, wohin das Ganze führen sollte.

»Kommt dir einer von denen bekannt vor?« forschte Miach.

»Müßte ich jemanden kennen?«

»Komm her, Bruder!« rief der Stammesfürst einem der frommen Brüder zu.

Der Mann blickte auf und erhob sich. Er war groß, gut aussehend und mittleren Alters. Als er sich näherte, erinnerte sich Eadulf vage, ihm schon früher begegnet zu sein. Er blickte zu Miach hinüber, der aber verzog keine Miene. Dann wurde er gewahr, daß der fromme Bruder ihn anlächelte und auf angelsächsisch begrüßte.

»Eadulf? Bruder Eadulf? Bei den Zähnen des Wodan! Du bist es tatsächlich, Eadulf von Seaxmund’s Ham!«

Die Erinnerung wurde wach. »Bist du es, Berrihert? Was machst denn du hier?«

Freudestrahlend umarmte ihn der Angesprochene. »Viel ist geschehen, seit wir das letzte Mal zusammen beim Bier saßen, mein Freund.« Er schaute sich nach den beiden anderen in den Mönchskutten um, die verunsichert aufgestanden waren. »Besinnst du dich noch auf meine jüngeren Brüder? Pecanum und Naovan? Und dort hinten sitzt mein Vater, Ordwulf, der mit uns gekommen ist. Aber den wirst du nicht kennen.«

Leicht verwirrt blickte Eadulf Bruder Berrihert an. »Ich dachte, ihr wärt alle in Northumbrien. Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?«

»Auf der großen Synode von Whitby.« Beglückt ob des Wiedersehens winkte Berrihert seine Brüder heran. Eadulf begrüßte sie, reichte ihnen freundlich die Hand und nannte sie beim Namen. Nur der Alte blieb, in sich versunken, sitzen und nahm keinerlei Notiz von dem, was vor sich ging.

»Eine verhängnisvolle Ratsversammlung«, meinte der jüngste von den dreien, dessen lateinischer Name, wie Eadulf sich erinnerte, auf einen Menschen hinwies, der ohne Fehl und Tadel war. Auf der Synode von Whitby hatte König Oswy von Northumbrien sich zugunsten der Gepflogenheiten und Lehren der römischen Kirche und gegen die Bräuche und praktische Handhabung der Iren entschieden, die ursprünglich die heidnischen Angeln und Sachsen zum neuen Glauben bekehrt hatten.

»Eine verhängnisvolle Ratsversammlung?« wiederholte Eadulf. Er hatte zu denen gehört, die das Gedankengut aus Rom unterstützt hatten, wenngleich er in den letzten Jahren, seit er im Lande Éireann lebte, sich wiederholt über die Entscheidung von damals Gedanken gemacht hatte. »Demnach warst du über Oswys Festlegung nicht glücklich?«

Bruder Berrihert nickte.

»Bist du deswegen hier?«

»Das ist eine lange Geschichte.«

Sie hatten sich auf angelsächsisch unterhalten. Jetzt trat Miach zu ihnen.

»Ich habe den Eindruck, du kennst die angelsächsischen Brüder, Bruder Eadulf«, mischte er sich in seiner Sprache ein.

»Ja, ich kenne sie. Gibt es mit ihnen Probleme?«

»Ich hätte von dir gern gewußt, wie sie heißen.«

»Das hier ist Bruder Berrihert aus Northumbrien, und seine beiden Brüder – Bluts- ebenso wie Glaubensbrüder – heißen Pecanum und Naovan. Wir haben uns auf der großen Synode in der Abtei Hilda kennengelernt.«

»Und der ältere Mann dort drüben?«

»Den kenne ich nicht. Aber Bruder Berrihert hat mir erzählt, er sei sein Vater.«

»Mein Vater heißt Ordwulf«, ergänzte Berrihert, der offensichtlich ihre Sprache beherrschte.

»Gibt es irgendwelche Probleme?« wiederholte Eadulf seine Frage.

Miach winkte ab. »Ich wollte mich nur über ihre Herkunft vergewissern. Sie gaben an, dich zu kennen, und so nahm ich mir die Freiheit, das von dir bestätigen zu lassen. Sie haben mich um comairce bei uns ersucht.«

»Um Asyl gebeten?«

»Sie möchten hier im Tal unter meinem Schutz zusammen mit den Unsrigen leben und wohnen. Sie möchten sogar ihre eigene Kirche bauen dürfen. Wir haben schlimme Zeiten hinter uns. Man möchte meinen, es ist noch gar nicht so lange her, daß hier in der Nähe die große Schlacht von Cnoc Áine geschlagen wurde. Du weißt genausogut wie ich, Leuten aus der Fremde müssen wir vertrauen können. Ich würde dich bitten, dir ihre Geschichte anzuhören. Am besten, wir gehen zu dem Feuer rüber und gönnen uns eine Erfrischung, während Bruder Berrihert uns alles erzählt.«

Ihr junger Wegführer übernahm die Pferde, und Eadulf machte im Gehen die angelsächsischen Brüder mit Coal bekannt. Er selbst wurde dann Ordwulf vorgestellt; der Alte blieb unfreundlich und schweigsam. Eadulf nahm das nicht weiter tragisch und führte sein Verhalten auf mangelnde Sprachkenntnisse zurück. Berrihert erklärte, daß sein Vater in der Jugend ein Krieger gewesen sei, ein Than von Deira. Die Söhne hatten ihn mit hierhergebracht, da es sonst niemanden in der Familie gab, der sich hätte um ihn kümmern können. Als sich alle um das Feuer herum gruppiert und gesetzt hatten, brachte man Krüge mit schäumendem Met, und Bruder Berrihert begann mit seiner Geschichte.

»Ja, es stimmt, Bruder Eadulf. Wir haben um Erlaubnis ersucht, uns in diesem Tal niederlassen zu dürfen. Ich habe inzwischen die Sprache des Landes gelernt, und meine Brüder können sie auch. Mein Vater hingegen beherrscht sie weniger gut. Ich will also von uns erzählen, damit Miach, unser Gastgeber, und seine Männer sich davon überzeugen können, daß es genau die Geschichte ist, die sie schon einmal von mir gehört haben.«

Er machte eine kurze Pause, als müßte er sich sammeln.

»Als König Oswy verkündete, daß er fortan die Lehren aus Rom befolgen würde, war die Bestürzung unter den Gemeinden in Northumbrien groß. Abt Colmán von Lindisfarne, der Wortführer aller Gegner der Reformen, konnte die Entscheidung weder gutheißen noch weiterhin als Hauptabt für den König Dienst tun. Sie stand nicht nur im Widerspruch zu seinem Glauben und seiner Lehrmeinung, sondern auch zu der Auffassung von vielen unter uns, die im Sinne derer aufgewachsen und erzogen waren, die ursprünglich das Wort Christi in unseren Königreichen verbreitet hatten. In vielen Klöstern und Kirchen kam es zu Auseinandersetzungen, und mancherorts wurde im Eifer des Gefechts auch Blut vergossen.«

Eadulf nickte bedächtig. »Daß Oswy mit seinem Beschluß bei den Glaubensbrüdern und im Volk auf wenig Verständnis stieß, war mir bekannt, aber daß es auch zu blutigen Zusammenstößen kam, höre ich zum ersten Mal.«

Berrihert verzog das Gesicht. »In diesem Zusammenhang von ›wenig Verständnis‹ zu sprechen, wird dem Problem nicht gerecht, Eadulf. Abt Colmán erklärte, er könne nicht länger Lindisfarne vorstehen und Oswys Kirchen dienen. Er würde in sein Heimatland zurückkehren und dort seinen Glauben auf die Art und Weise praktizieren, wie man es ihn von Kindesbeinen an gelehrt hatte. Viele waren gewillt, ihm zu folgen. Colmán bat Oswy, einen Nachfolger für Lindisfarne zu bestimmen. Der König entschied sich für Tuda aus dem Königreich Laigin. Der gehörte zu denjenigen, die die Reformen aus Rom begrüßten, obwohl er seine Ausbildung in Lindisfarne beim heiligen Aidan genossen hatte. Als Tuda sich damit einverstanden erklärte, die Nachfolge anzutreten, verließ Colmán das Königreich. Viele zogen mit ihm, auch an die dreißig Leute aus der frommen Gemeinde von Lindisfarne.«

»Ich dachte immer, Eata, der Abt von Melrose, wäre Abt von Lindisfarne geworden«, warf Eadulf ein.

»Tuda starb noch im gleichen Jahr an der Gelben Pest, und Eata kam nach ihm. Meine Brüder und ich, ja, auch mein Vater und meine Mutter, hatten sich Colmán angeschlossen. Zunächst zogen wir nach Norden durch Rheged und dann weiter Richtung Westen nach Iona. Von der kleinen Gemeinschaft auf Colmcilles Insel, der wir viel verdanken, sind wir dann übers Meer hierher gesegelt. Colmán stammt aus dem Königreich Connacht und hat beim Fürsten der Uí Briúin darum ersucht, sich auf Inis Bó Finne, der Insel der weißen Kuh, niederlassen zu dürfen. Das wurde ihm gestattet, und wir begründeten dort unsere kleine Gemeinde.«

»Von der Gemeinde habe ich verschiedentlich gehört. Sie soll es zu Wohlstand gebracht haben.«

Traurig schüttelt Bruder Berrihert den Kopf. »Das erste Jahr ging es gut voran, aber dann tauchte ein Sendbote von Ard Macha auf.«

»Ard Macha?« fragte Eadulf erstaunt. Er wußte, daß die Abtei im nördlichen Königreich von Ulaidh lag. »Was hatte Ard Macha in Connacht zu suchen?«

»Der Abgesandte war ein Abt. Er verlangte, daß Colmán und unsere Gemeinde Ard Macha als das Zentrum des Glaubens anerkennen wie alle Königreiche dieses Landes. Seine Arroganz und sein ganzes Auftreten haben mich ungemein an Wilfrid erinnert.«

»Meinst du Wilfrid, den glühenden Verfechter von Rom in Whitby?«

»Genau den. Ich kannte ihn schon, da war er noch ein Grünschnabel. Königin Eanflaed hatte ihn nach Lindisfarne geschickt, damit er im christlichen Glauben unterwiesen werde. Wilfrid war und ist von Ehrgeiz besessen. Er ging nach Rom und dann nach Canterbury; ich glaube, er rechnete damit, das Oberhaupt aller Kirchen der Angeln und Sachsen zu werden. Als nichts daraus wurde, war er außer sich vor Wut. Jedenfalls versucht er, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Einzig und allein er wandelt auf dem rechten Weg; daß es auch andere Auffassungen in der Religion gibt, wird er nie dulden.«

»Und eben diese Charaktereigenschaften fandest du in dem Abt von Ard Macha wieder?«

»Er und Wilfrid hätten dem gleichen Schoß entsprungen sein können. Der Abt kam, wie gesagt, als Gesandter vom Abt und Bischof von Ard Macha. Colmán, der sich schon einmal den Ideen von Rom widersetzt hatte, scheute sich nicht, es bei ähnlich gearteten Forderungen erneut zu tun. Jener Mensch aber war heuchlerisch und redegewandt. Auch dieses Mal kam es unter den Glaubensbrüdern zu Meinungsverschiedenheiten. Einige schlossen sich der vom Gesandten gepredigten Auffassung an. Ein gewisser Bruder Gerald von den Ostsachsen wurde ihr Anführer. Mit ihm und seinen Anhängern in Eintracht zu leben erwies sich als unmöglich. Letztendlich verließen sie unsere Insel und begründeten auf dem Festland ein neues Kloster, meines Wissens mit dem Namen Maigh Éo …«

»Der Eibenhain? Ja, den gibt es.«

»Meine Brüder und ich verfolgten mit Betroffenheit, wie sich die Dinge entwickelten. Wir mußten miterleben, wie dieser Mann unsere harmonische Gemeinschaft zerstörte, und uns war klar, daß er keine Ruhe geben und weiterhin gegen die vorgehen würde, die an den althergebrachten Lehren festhalten wollten. Als er erneut auf unsere Insel kam, führte das zu großen Unruhen.« Er machte eine Pause und schluckte schwer. »Damals wurde unsere Mutter, ähnlich alt wie unser Vater, getötet. Daraufhin faßten wir den Entschluß, uns von Colmán und unserer kleinen Inselgemeinde zu trennen und Richtung Süden zu ziehen; wir suchten einen Ort, wo es keine Auseinandersetzungen gab, wo wir in Frieden würden wohnen und nach unserer Religionsauffassung leben können, ohne behelligt zu werden.«

An dieser Stelle mischte sich Caol zum ersten Mal in das Gespräch ein. »Und warum habt ihr euch ausgerechnet für diesen Ort hier entschieden?«

Berrihert grinste über das ganze Gesicht und hob hilflos die Hände in die Höhe. »Wir haben uns von Gott leiten lassen.«

Obwohl ihm die ganze Geschichte schon einmal zu Gehör gebracht worden war, hatte Miach der Unterhaltung geduldig gelauscht. Jetzt nickte er bedächtig. »Ich verlasse mich auf deine Aussage, daß diese Angelsachsen dir keine Unbekannten sind, Eadulf.«

»Das kannst du, Miach.«

»Wenn das so ist, dann will ich ihnen in diesem Tal unter meinen Leuten Zuflucht bieten.«

Bruder Berrihert stand auf und streckte dem Stammesfürsten seine Hand entgegen. »Gott segne dich für deine Großmut, Miach.«

»Der Segen gebührt meinen Leuten, angelsächsischer Freund«, erklärte der Gebieter mit herzlichem Händedruck. »Es ist noch gar nicht so lange her, daß wir hier Angriffen seitens der Uí Fidgente ausgesetzt waren, wie Eadulf dir bestätigen wird. Erst vor einigen Jahren gelang es unserem König Colgú auf den Hängen von Cnoc Áine hier ganz in der Nähe, ihre Heerscharen zu schlagen. Viel hat mein Volk durchmachen müssen. Aber dank weisen Ratgebern scheinen wir den Konflikt hinter uns gebracht zu haben und sehen jetzt friedlichen Zeiten entgegen, stimmt’s, Caol?«

Der bekräftigte die Ausführungen mit heftigem Kopfnicken.

»Eadulfs angelsächsische Freunde konnten zu gar keiner besseren Zeit kommen«, ergänzte er. »In zwei Tagen nämlich erneuern und bekräftigen Eadulf und unsere Lady Fidelma, Schwester unseres Königs Colgú, ihren ehelichen Bund auf einem großen Fest in Cashel.«

Bruder Berrihert wandte sich Eadulf zu. »Uns wurde verschiedentlich von Fidelma und Eadulf und ihren Taten berichtet. Handelt es sich um die Fidelma, der du seinerzeit geholfen hast, die Täter zu entlarven, die die gräßlichen Morde in Whitby auf dem Gewissen hatten, und wodurch ein Krieg zwischen den angelsächsischen Königreichen abgewendet werden konnte?«

»Ja, eben die Fidelma«, bestätigte Eadulf ernst und nicht ohne Stolz.

Fröhlich klopfte ihm Bruder Berrihert auf die Schulter. »Dann dürfen wir bei den Feierlichkeiten nicht fehlen, falls uns gestattet wird, unsere Segenswünsche zu überbringen.«

»Ihr seid mir willkommen. Habt ihr tatsächlich vor, euch in diesem Tal anzusiedeln und eure eigene Kirche zu errichten?«

»Ja, es ist uns ernst damit, Eadulf. Einen besseren Ort als dieses liebliche Tal mit seinen Eichen, seinen friedlichen Bergpässen und dem reißenden Fluß, in dem sich die Lachse tummeln, können wir gar nicht finden. Hierher wurden unsere Schritte auf unserer Suche nach Geborgenheit gelenkt. Und da wir nun das Einverständnis von Miach haben, können wir auf ein Leben ohne Zank und Streit hoffen, ein Leben ohne das ständige meum et tuum unter den Kirchenmännern.«

»Dem was?« fragte Miach, der des Lateinischen nicht mächtig war.

»Dem Mein und Dein«, übersetzte Eadulf automatisch. »Meine guten Wünsche begleiten dein Bestreben, Berrihert. Aber denke nicht, daß es in diesem Teil der Welt keine Streitigkeiten über Glaubensauffassungen gibt. Hier gibt es genauso viele gegensätzliche Meinungen wie anderswo. Steht nicht schon in der Bibel geschrieben Et ponam redemptionem inter populum meum et populum tuum …‹?«

»Und ich will eine Trennung setzen zwischen meinem und deinem Volk«, übersetzte Bruder Berrihert. Er wies auf die Wälder, die sie umgaben. »Sie sollen unser Hort des Friedens sein. Jedem, der die Auffassungen des anderen nicht respektiert, werden wir bedeuten, daß sein Unfrieden stiftender Einfluß nicht geduldet wird.«

»Eine wahrhaft lohnenswerte Zielstellung«, pflichtete ihm Miach bei. »Allein einer solchen Lebensphilosophie wegen dürft ihr gern bleiben.« Er erhob sich und reichte Eadulf die Hand. »Es tut mir leid, daß ich dir so einen beschwerlichen Ritt zugemutet habe, aber ich mußte mich vergewissern, daß diese deine Landsleute keine Fremden für dich sind. Vielen Dank, Bruder Eadulf. Ich gestehe ihnen die Unterkünfte hier und dieses Stück Land zu, um sich fürs erste einzurichten. Ich selbst muß jetzt zurück zu meiner Wohnstatt.«

Er sagte ihnen Lebewohl und zog mit seinen Kriegern von dannen.

Caol spähte durch die Baumkronen zum Himmel.

»Wenn wir gleich aufbrechen, Bruder Eadulf, könnten wir bis zum Einbruch der Dunkelheit wieder in Cashel sein.«

»Gern würde ich mich mit euch noch über vieles unterhalten«, sagte Eadulf etwas wehmutsvoll zu Berrihert und dessen Brüdern. »Es ist lange her, daß ich das letzte Mal daheim war, gar nicht zu vergleichen mit euch. Es täte ungemein gut, miteinander zu reden und die Veränderungen zu erörtern, die wir durchleben.«

Verständnisvoll sah ihn Bruder Berrihert an. »In den nächsten Tagen mußt du dich um andere Dinge kümmern, Eadulf. So Gott will, werden wir zu dem denkwürdigen Ereignis nach Cashel kommen. Danach wirst du uns jederzeit hier antreffen.«

Caol holte die Pferde, und Eadulf verabschiedete sich von allen mit Handschlag, auch von Ordwulf. Der Alte schien immer noch geistesabwesend und hatte von dem Gespräch keinerlei Notiz genommen. Offensichtlich lebte er in einer anderen Welt.

»Ich bin froh, daß ich Miach beruhigen konnte«, meinte Eadulf beim Abschied zu Berrihert. »Und es tut gut zu wissen, daß in Zukunft Landsleute von mir hier wohnen. Ich bete zu Gott, daß sich für euch alles zum Guten wendet.«

»Zumindest wird in diesem Königreich kein Abgesandter von Ard Macha auftauchen und auf untertäniger Gefolgschaft bestehen.«

»Da magst du recht haben.« Eadulf lachte. »Wer war eigentlich dieser Abt von Ard Macha, der dich so aufgebracht hat, Berrihert?«

»Dessen Namen vergesse ich nicht, viel zu sehr hat der mich mit seinem arroganten Auftreten an Wilfrid erinnert. Ultán hieß er. Abt Ultán von Cill Ria.«

 

Es war bereits dunkel, als Eadulf und Caol Cashel erreichten, denn um diese Jahreszeit brach die Nacht schon früh herein. Kurz nachdem sie bei der Eselsfurt den reißenden Fluß Siúr, die »Schwester«, überquert hatten, ballten sich die düsteren Wolken dräuend zusammen, und aus der Ferne war das Grollen des Donners zu hören. Dann öffneten sich die Schleusen des Himmels. Binnen weniger Minuten waren sie naß bis auf die Haut.

»Sollen wir versuchen, einen Unterschlupf zu finden, Bruder Eadulf?« rief Caol, der tief nach vorn gebeugt über seinem scheuenden Pferd hing und es straff am Zügel hielt.

»Nein, das bringt nichts, wir sind ohnehin schon völlig durchnäßt. Und weit ist es auch nicht mehr.«

In dem Moment zuckte ein heller Blitz über den Himmel und erleuchtete die weite Ebene vor ihnen. Gewaltig ragte der Kalksteinblock in die Höhe, und darauf thronte die Burg der Könige von Muman, eine natürliche Festung, die weithin alles beherrschte.

Sie lagen mehr auf den Pferden, als daß sie saßen, preschten durch den peitschenden Regen, unbeirrt von Blitz und Donner. Auch wenn es Eadulf wie eine Ewigkeit vorkam, es dauerte nicht lange, und sie erreichten die Siedlung am Fuße des Felsens und ritten über den menschenleeren Platz, der nur spärlich von im Winde schwankenden Laternen erhellt war. Leicht stechender Duft von brennendem Torf stieg Eadulf in die Nase, und im Vorgefühl auf ein wärmendes Feuer, einen Krug Wein, ja, auch auf ein heißes Bad, ließ die Anspannung nach. Bei den Iren war es Sitte, sich vor der Abendmahlzeit gründlich zu waschen, möglichst ein Vollbad zu nehmen, eine Gepflogenheit, an die sich Eadulf nie recht hatte gewöhnen können. Er hielt nicht viel von diesem täglichen Ritual, dem fothrucud, in einem dabach, einer großen Wanne oder einem Zuber. Jede Herberge, jedes Gasthaus war per Gesetz verpflichtet, ein Badehaus zu betreiben. Da, wo er herkam, reichte ein rascher Sprung in einen Fluß, um sich der Pflicht der Körperreinigung zu entledigen, und selbst das geschah eher selten.

Ein barscher Anruf riß ihn aus seinen Betrachtungen. Aus einer Ecke des Gevierts tauchte ein Wachposten auf. Caol gab sich zu erkennen, woraufhin der Mann wieder verschwand.

Sie ließen die Häuser hinter sich und trotteten bergan zu der Felserhebung mit den gewaltigen, von Menschenhand errichteten Steinmauern, die sich mit dem Urgestein zu einer unbezwingbaren Festung verbanden. Die hohen Holztore waren verschlossen, öffneten sich aber auf einen Ruf von Coal hin und gewährten den beiden Reitern Einlaß. Stallburschen kamen angerannt, halfen ihnen von den Pferden und nahmen die Tiere in ihre Obhut. Nach kurzer Verständigung trennten sich Eadulf und Caol, und Eadulf eilte zu den Gemächern, die er und Fidelma bewohnten.

Muirgen, die Amme, öffnete ihm und sah mit Besorgnis, daß er vor Nässe triefte.

»Rasch aus den nassen Sachen, Bruder Eadulf, du holst dir sonst eine Erkältung. Ich sage gleich meinem Mann, er soll dir ein Bad bereiten.«

Sie hatte noch gar nicht recht ausgesprochen, da kam auch schon Fidelma und nahm ihn voller Mitgefühl in Empfang.

»Muirgen hat recht. Nichts wie raus aus dem nassen Zeug, sie richtet inzwischen das Bad.«

Die war schon davongeeilt, um Nessán, ihren Mann zu suchen. Beide standen seit einigen Monaten im Dienst von Eadulf und Fidelma, kümmerten sich um die täglichen Dinge und versorgten ihren kleinen Sohn Alchú. Eadulf zog es ans flackernde Feuer, während Fidelma ging, um Handtuch und einen wollenen Umhang zu holen. Wenige Minuten später saß er, in ein wärmendes Tuch gehüllt, am Feuer, tat sich an heißgemachtem Wein gütlich und erläuterte Fidelma, warum Miach von den Uí Cuileann ihn zu sich gebeten hatte.

Aufmerksam hörte sie ihm zu und unterbrach ihn nur gelegentlich, wenn sie etwas genauer wissen wollte. Als er mit seinem Bericht fertig war, fiel ihm auf, daß sie ein gedankenvolles Gesicht machte, und er sprach sie daraufhin an.

»Ich finde es seltsam, daß sich diese Angelsachsen ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt und just hier einfinden.«

»Seltsam? Wieso?«

»Sie haben von den Problemen auf Inis Bó Finne in der Gemeinde von Abt Colmán erzählt, und die seien der Grund gewesen, weshalb sie sich auf den Weg nach Süden begeben hätten. Der Abt aus Ard Macha hätte Zwietracht unter ihnen gesät, woraufhin etliche davongezogen seien und in Maigh Éo, dem Eibenhain, eine neue Ansiedlung gegründet hätten. Stimmt’s?«

»So und nicht anders haben sie es gesagt.«

»Haben sie auch ein Wort darüber verloren, was sie just zu diesem Zeitpunkt ausgerechnet hierher ins Eatharlaí-Tal geführt hat?«

Eadulf schüttelte den Kopf. »Aber wenn ich es recht bedenke, so hat Caol ihnen genau diese Frage gestellt.«

»Und was haben sie erwidert?«

»Gott hätte sie geleitet.«

»Das ist so gut wie keine Antwort. Bist du sicher, daß dieser aufdringliche Abt von Ard Macha den Namen Ultán trug?«

Ihre Fragen verwirrten Eadulf.

»Manche Schwächen mag ich ja haben, aber mein Gehör ist noch in Ordnung«, verteidigte er sich gereizt. »Ultán ist ein so einfacher Name, den kann man nicht verwechseln. Weshalb fragst du?«

Nachdenklich gab sie einen Stoßseufzer von sich.

»Vielleicht ist es nur ein harmloser Zufall, es könnte aber ebensogut auch etwas anderes sein.«

»Wenn ich wüßte, wovon du sprichst, könnte ich dir vielleicht zustimmen«, meinte Eadulf, immer noch leicht verärgert.

»Es gibt nur einen Abt Ultán, der etwas mit Ard Macha zu tun hat, und das ist Ultán von Cill Ria, und der ist gleichzeitig Bischof der Uí Thuirtrí. In dieser Eigenschaft tritt er als Sendbote des Comarb des heiligen Patrick auf, und der ist einer der beiden höchsten Äbte der fünf Königreiche. Ich habe ihn einmal erlebt, das war bei der Ratsversammlung, auf der man beschloß, daß ich zu der von Cill Dara nach Whitby entsandten Delegation gehören sollte, um sie bei eventuellen Rechtsfragen beraten zu können. Er ist, wie auch deine angelsächsischen Freunde fanden, arrogant und anmaßend.«

»Ich verstehe trotzdem noch nicht, was du mit einem ›harmlosen Zufall‹ meinst.«

»Heute nachmittag erschien ein Reiter aus Imleach bei meinem Bruder und teilte ihm unter anderem mit, daß Abt Ultán von Cill Ria mit Begleitung in Imleach eingetroffen sei. Er vertrete den Anspruch von Ard Macha, als Hauptsitz des Glaubens für alle fünf Königreiche zu gelten, und komme außerdem mit seinen Begleitpersonen hierher nach Cashel, um Einspruch gegen unsere Eheschließung zu erheben.«

Verblüfft sah Eadulf sie an. »Wieso das? Welcher Art Einwände sollte es da geben?«

»Er gehört zu den wenigen, die der Auffassung sind, daß Brüder und Schwestern, die dem Neuen Glauben dienen, keine Ehe eingehen dürfen.«

Eadulf gluckste amüsiert. »Ich kann nur hoffen, daß sich eine solche Ansicht nie ernsthaft durchsetzt. Was denkt dieser Mensch denn, weshalb Gott Mann und Frau erschaffen hat?«

»Verstehst du jetzt, daß ich es seltsam finde, daß sich zum gleichen Zeitpunkt auch die Angelsachsen hier einfinden?«

»Quam saepe forte temere eveniunt«, zitierte Eadulf. »Wie oft geschehen Dinge rein zufällig.«

»Ich wußte gar nicht, daß du Terenz gelesen hast«, reagierte Fidelma überrascht.

»Beim Stöbern in der Bibliothek ist mir eine Abschrift seines Stücks ›Phormio‹ in die Hände gekommen«, erwiderte er.

»Wie gut kennst du eigentlich diese Angelsachsen?«

»Ehrlich gestanden, daß ich sie genau kenne, kann ich nicht gerade behaupten«, meinte er nachdenklich. »Kennengelernt habe ich Berrihert beim Studium in Tuam Brecain, er war dort Schüler wie ich. Im Grunde genommen ist er nicht wirklich ein Sachse, er gehört zu den Angeln in Deira, einem Teil des Königreichs Northumbrien.« Er machte diesen Zusatz, um die Stammeszugehörigkeit klarzustellen, war ihm doch bewußt, daß in den Augen der Iren alle Angeln und Sachsen schlicht als Sachsen galten. »Dann bin ich ihm erst wieder in Whitby auf der großen Synode begegnet, wo ja auch wir uns kennengelernt haben. Er war in sein Heimatland zurückgekehrt und hatte die jüngeren Brüder bekehrt. Ich wüßte nicht, weshalb ich ihre Beweggründe anzweifeln sollte. Schließlich haben sie ihre Heimstatt aufgegeben und sind Colmán hierher gefolgt in der Zuversicht, ihren Glauben in diesem Land so praktizieren zu können, wie man sie es gelehrt hat.«

Recht überzeugt schien Fidelma nicht. »Vielleicht bin ich ein wenig zu argwöhnisch«, meinte sie achselzuckend.

»Nur weil sie Fremdlinge in deinem Land sind? Ein Sprichwort besagt sogar: ›Kalt ist der Wind, der Fremde ins Land weht‹!«

Er erntete nur einen kritischen Blick. »Darf ich dir die Redensart richtig deuten? Sie ist vor allem bei unseren Küstenbewohnern verbreitet und bezieht sich auf deren Befürchtungen, wenn Segel von Seeräubern gesichtet werden.«

Eadulf entging nicht der ihm bekannte bissige Unterton, d

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