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Ein Abenteuer in den Highlands 300516

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Abenteuer in den Highlands

 

 

Karin Lindberg

 

 

 

Liebesroman

 

 

Lektorat: Katrin Engstfeld

Korrektorat: Sandra Nyklasz

Umschlaggestaltung: Vivien Stennulat

 

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Copyright © Karin Lindberg

www.karinlindberg.info

 

Prolog

New York

„Ian, mein Freund, wie geht es Ihnen?“ Ians Kiefer spannte sich an. Er kannte die heisere Stimme mit dem harten russischen Akzent und wusste, wenn Sokolow ihn persönlich anrief, bedeutete dies selten etwas Gutes.

„Darius, was kann ich für Sie tun?“, antwortete er kühl.

„Im Moment gar nichts, vielen Dank. Ich wollte Ihnen nur persönlich für die Idee mit dem Gebäudekomplex an der West Side danken. Ich habe heute Morgen mit dem Bürgermeister die Verträge unterzeichnet.“

Ians Herz setzte einen Schlag aus.

Unmöglich! Es war doch alles unter Dach und Fach, er hatte den geplanten Notartermin für morgen im Kalender stehen! Ian griff nach der Schreibtischkante, dabei traten seine Knöchel weiß hervor. Seine Stimme zitterte vor Wut, als er entgegnete: „Sie Bastard, das letzte Wort ist hier sicherlich noch nicht gesprochen!“

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten – Sokolow lachte.

Ian verabscheute den Mann abgrundtief. Der russische Oligarch verkörperte alles, was er hasste: Hinterlist, Rücksichtslosigkeit und Geldgier.

„Ich fürchte, es ist zu spät, MacLachlan. Eben in diesem Moment beginnen die Abrissarbeiten. Tut mir leid für Sie, beim nächsten Mal haben Sie vielleicht mehr Glück. Auf Wiedersehen, Ian. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Damit legte Sokolow auf und Ian blieb wie versteinert auf seinem Stuhl sitzen.

Das war einfach undenkbar! Wie war Sokolow ihm zuvorgekommen? Da ging es nicht mit rechten Dingen zu. Wütend schlug er mit der Faust auf seinen Schreibtisch ein. Der Bildschirm zitterte bedenklich und das Bild flackerte, bevor es sich wieder beruhigte.

„Verfluchte Scheiße!“, schrie er und sprang auf. Nach einigen Sekunden öffnete sich die Tür zu seinem Büro und seine Sekretärin Mae steckte ihren Kopf vorsichtig herein. „Mr. MacLachlan, ist alles in Ordnung?“

„Gar nichts ist in Ordnung!“, donnerte Ian. „Das Schwein Sokolow lässt gerade die Gebäude an der West Side abreißen!“

Maes Gesicht wurde blass und sie riss ihre Augen weit auf: „Wie ist das möglich? Sie haben doch morgen einen Termin beim Notar. Es sollte doch alles unter Dach und Fach sein!“

„Der Teufel weiß, wie Sokolow das gedreht hat. Ich verstehe es nicht, aber ich werde es herausfinden. Das Schwein geht über Leichen, das wissen wir beide, und einige Kameraden hier in New York sind leider so korrupt wie indische Polizisten. Er hat gute Kontakte zu den Behörden und seine Männer sitzen überall. Geld spielt für ihn keine Rolle. Für ihn zählt nur der Triumph über mich. Verdammt, ich fasse es nicht!“ Ian lief aufgebracht durch sein Büro, sein Atem ging flach und Wut schnürte ihm den Hals zu.

„Kann ich etwas tun?“, fragte Mae unschlüssig. Sie hatte die Hände vor der Brust verschränkt und wäre jetzt ganz offensichtlich lieber woanders gewesen. Ian blieb stehen und überlegte.

„Ja. Finden Sie heraus, was passiert ist, und melden Sie sich bei mir. Ich bin jederzeit telefonisch erreichbar.“

Ian griff nach seinem Handy, dem Notebook und der braunen Aktentasche: „Ich denke nicht, dass ich heute noch einmal reinkomme. Ich höre von Ihnen, Mae!“
„Natürlich, Sir.“

Ian stürmte aus dem Büro. So einfach würde er sich nicht geschlagen geben. Als erstes würde er sich den Mitarbeiter der Stadt New York vorknöpfen, der ihm hoch und heilig versichert hatte, dass alles glattgehen würde. Vielleicht wusste er ja, wo die undichte Stelle war. Im Gehen rief er die Zentrale der Baubehörde an. Der besagte Stadtmitarbeiter war für ihn nicht zu sprechen und an höherer Stelle hielt man sich mit Informationen bedeckt. Keiner wollte etwas wissen. Was hatte er anderes erwartet?

Wutentbrannt legte Ian auf, als er in der Tiefgarage ankam. Ihm waren anscheinend tatsächlich die Hände gebunden. Das wurmte ihn, aber er würde alle Register ziehen, um Sokolows Machenschaften aufzudecken. Sein Chauffeur war von Mae benachrichtigt worden und wartete bereits.

Es war Rushhour und die Fahrt zur Wohnung zog sich unendlich in die Länge, was Ians Laune nicht gerade verbesserte.

„Soll ich einen anderen Weg nehmen, Sir?“, frage sein Fahrer Jim und riss ihn aus dem Traum, wie er Sokolow den Hals umdrehte, wenn er ihm das nächste Mal begegnete.

„Nein, ist schon gut. Wir kommen zu dieser Zeit sicherlich nirgendwo schneller voran.“

„In Ordnung, Sir. Wie war Ihr Tag, Sir?“

Ian seufzte leise, bevor er antwortete. Jim war ihm in den letzten drei Jahren ans Herz gewachsen und der Mann kannte ihn mittlerweile so gut, dass er sofort merkte, wenn etwas in der Luft lag.

„Ach, Jim, es ist zum Kotzen. Sokolow – du erinnerst dich an den russischen Oligarchen, der alles abreißt, was er finden kann, um moderne Ultrawolkenkratzer aufzuziehen?“

„Natürlich erinnere ich mich. Sein Name ist ja ständig in der Presse.“

„Er ist in genau diesem Moment dabei, die Gebäude an der West Side abzureißen, die ich renovieren lassen wollte. Ich habe sechs Monate an diesem Deal gearbeitet. Es sollte ein Business- und Familiencenter entstehen, ein Treffpunkt für Geschäftsleute, aber auch ein Freizeitcenter für Familien und Kinder. Der Russe sieht nur den Profit; historische Gebäude und Werte sind diesem Kriminellen völlig egal.“ Ian spürte die Wut abermals auflodern. Sein Magen verkrampfte sich.

„Verstehe, das ist ärgerlich“, meinte Jim.

„Das ist nicht nur ärgerlich. Hier geht der Stadt New York ein großartiges Stück Geschichte verloren. Sowas dürfte man nicht zulassen. Ich bin mir sicher, dass Sokolow an verschiedenen Stellen nachgeholfen hat, und das nicht nur mit freundlichen Worten. Ich war fast durch damit! Es ist nicht das erste Mal, dass er sowas macht.“ Man hörte am Klang seiner Stimme, wie gereizt Ian war. Um sich zu beruhigen, atmete er ein paarmal tief durch und schloss für einen Moment die Augen.

„Das tut mir leid, Sir. Ich verstehe, dass Sie aufgebracht sind. Können Sie das noch rückgängig machen?“

„Wie soll das gehen? Die Gebäude sind mittlerweile sicher komplett zerstört. Die Abrissfirma stand bereits vor Ort und hat direkt nach der Beglaubigung losgelegt. Sokolow ist nicht dumm. Er wusste, dass ich etwas anderes vorhatte.“ Ian hatte noch nicht aufgegeben, aber nachdem er von den Behörden ebenso aalglatt abgewiesen worden war, ging er davon aus, dass er ziemlich schlechte Karten hatte.

„Sie kennen ihn schon länger?“, fragte Jim, seinen Kopf ein wenig nach hinten neigend.

„O ja. Für ihn hat es sich zu einem Wettbewerb entwickelt. Es ist mittlerweile fast etwas Persönliches daraus geworden.“ Ian fügte im Stillen hinzu, dass es für Sokolow ziemlich genau vor drei Jahren persönlich geworden war, als ihn seine damalige Geliebte für Ian verlassen hatte. Seither war Ian mit Jamila Alimah, einem amerikanischen Topmodel mit afghanischen Wurzeln, zusammen. Allerdings war sich Ian damals nicht darüber im Klaren gewesen, dass sie Sokolows Geliebte gewesen war – bis Sokolow damit anfing, seine Geschäfte zu sabotieren. Dann erst war Jamila mit der Sprache rausgerückt, aber Ian war es egal gewesen, denn er liebte Jamila und trennte grundsätzlich Privates von Geschäftlichem. Immerhin hatte er es geschafft, den Wert des Familienunternehmens in den letzten fünf Jahren, seit dem Tod seines Vaters, zu verdoppeln. Ian hatte den ursprünglich schottischen Konzern ausgebaut, globale Märkte erschlossen und ihn schließlich an die Börse gebracht.

„So etwas ist nie gut und die Russen kämpfen selten fair. Als die italienische Mafia hier noch das Sagen hatte, war das alles viel einfacher. Aber die Russen, na ja, die sind komplizierter“, riss Jim ihn aus seinen Überlegungen. Ian lachte kurz auf; der erste Anflug von Humor, seit er Sokolows Anruf entgegengenommen hatte.

„Ich weiß nicht, italienische Mafia oder russische ... Am Ende kannst du bei beiden mit Betonklötzen an den Füßen im Hafen versenkt werden. Mir sind ehrliche Geschäftspartner immer noch am liebsten.“

Der Verkehr bewegte sich nach wie vor im Schneckentempo, aber wenigstens ging es überhaupt voran. Hupen und Straßenlärm bedeuteten Alltag in dieser Stadt, die niemals schlief. Auch nach der langen Zeit, die er nun schon in New York lebte, sehnte sich Ian gelegentlich nach der Ruhe der Highlands, aber Jamila mochte Schottland nicht. Sie war einmal mit ihm dort gewesen und hatte von der ersten Minute an gequengelt, wann sie endlich wieder nach London abreisen würden. Es war ihr zu kalt, zu nass und vor allem zu einsam gewesen. Deswegen hatte er seinen Wohnsitz vollständig nach New York verlegt. Er fühlte sich hier wohl. Nur manchmal, da wünschte er sich zurück in die Abgeschiedenheit der schottischen Highlands, seiner Heimat. So wie jetzt.

 

Der afroamerikanische Concierge nickte Ian zu und rief den Lift. „Bitte sehr, Sir. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Tag?“

„Danke, Adam. Bis jetzt war er eher mittelmäßig, aber nun bin ich ja zuhause und werde was Schönes mit Jamila unternehmen.“

„Hab’ sie heute noch gar nicht gesehen, aber meine Schicht hat ja eben erst angefangen. Wenn Sie noch etwas benötigen, Mr. MacLachlan, dann rufen Sie kurz an.“

„Natürlich, Adam. Vielen Dank. Wie geht es den Kindern?“ Ian blieb in der Aufzugtür stehen und drehte sich noch einmal um.

Adams Lachen wurde breiter. „Oh, sehr gut, Sir. Die Zwillinge halten meine Frau ganz schön auf Trab und Michael ist ein sehr guter Schwimmer. Er will mal zu den Olympischen Spielen, wenn er groß ist.“

„Das klingt toll! Dann grüßen Sie Ihre Frau und bringen Sie ihr mal wieder Blumen mit.“ Ian steckte Adam zwanzig Dollar zu, bevor er im Lift verschwand. Der Concierge war zuverlässig und kümmerte sich immer bereitwillig um jedes Anliegen, das er oder Jamila hatten.

„Vielen Dank, Sir. Ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag.“

„Danke, Adam.“ Die Aufzugtür schloss sich, in Gedanken war Ian schon bei Jamila. Hoffentlich war sie überhaupt zuhause. Sie arbeitete oft sehr lange, das brachte ihr Job als Model mit sich. Wahrscheinlich führten sie deswegen auch eine außerordentlich harmonische Beziehung. Sie hatte ihm noch nie Vorhaltungen gemacht, wenn er selbst länger arbeiten musste. Jamila konnte ihm zwar in der Angelegenheit mit Sokolow nicht helfen, aber sie würde ihm auf eine andere Art und Weise Freude bereiten und ihn für ein paar Stunden von seiner geschäftlichen Misere ablenken.

Als er die Tür zum Penthaus öffnete, war Ian enttäuscht. Sie war nicht zuhause. Er schlüpfte aus den Schuhen, lockerte die Krawatte und zog sie sich schließlich vom Hals, während er Richtung Schlafzimmer ging, um den Anzug gegen Jeans und Shirt zu tauschen.

Die Krawatte fiel ihm aus der Hand, als er die angelehnte Schlafzimmertür aufstieß und sah, was dort vor sich ging.

Jamila war auf allen Vieren und hinter ihr kniete ein dunkelhäutiger Kerl mit Glatze und einem ziemlich muskulösen Hintern. Die riesigen Hände des nackten Typen klammerten sich an ihrer Hüfte fest, offenbar, um noch kraftvoller zustoßen zu können. A tergo war eine von Jamilas Lieblingspositionen. Bisher hatte Ian allerdings gedacht, dass er der Einzige wäre, mit dem sie dieses Vergnügen auslebte. Anscheinend hatte er sich da getäuscht. Die Erkenntnis legte sich wie eine Schlinge um seinen Hals und das Atmen fiel ihm schwer.

„Was ist denn hier los, verdammt!“, brüllte er und das Paar fuhr erschrocken auseinander. Jamila rollte auf den Rücken und zog sich das Laken über die Brust, die dunklen Augen weit aufgerissen. Ihr Sexpartner fiel ruckartig vom Bett und jaulte erstaunt auf: „Fuck! Fuck! Fuck!“

Ian hatte das Gefühl, jeden Moment zu explodieren, und zwischen zusammengebissenen Zähnen presste er gefährlich leise hervor: „Du da, raus. Nimm deinen Scheiß und hau ab. Jamila, das Gleiche gilt für dich.“ Jamilas Liebhaber hastete mit einer unglaublichen Geschwindigkeit durch Ians Schlafzimmer und sammelte seine verstreuten Klamotten ein. Innerhalb weniger Sekunden war er aus dem Raum verschwunden und kurz darauf knallte die Haustür zu. Ians Blick war unverwandt auf Jamila geheftet, die sich nicht gerührt hatte – sie schaute ihn an und schien in Schockstarre verfallen zu sein. Schließlich senkte sie die Augen und stammelte: „Aber Ian, es ist nicht, wie du denkst …“

Ian war einen Moment sprachlos, dass Jamila angesichts der Tatsache, dass er sie eben in flagranti mitten im Geschlechtsakt erwischt hatte, tatsächlich die Kaltblütigkeit besaß, mit einer derart abgedroschenen Phrase zu kommen.

Und dann lachte er. Er lachte aus vollem Halse, aber es war kein fröhliches Lachen, es war bitter. Abrupt hörte er wieder auf und seine Stimme klang kalt, als er antwortete: „Spar dir den Atem, Jamila. Nichts, was du noch sagen könntest, würde etwas an dem ändern, was ich eben gesehen habe. Ich gehe jetzt und wenn ich nachher zurückkomme, bist du mit deinem Scheiß verschwunden. Ich will dich hier nie wiedersehen. Deinen Schlüssel kannst du auf den Esstisch legen.“ Jamila hatte sich mittlerweile aufgesetzt und hielt das seidene Laken schützend vor ihre vollen Brüste. Sie sah aus, als suchte sie nach den richtigen Worten. Aber die gab es nicht. Ian hörte noch, wie sie endlich zu einer Antwort ansetzte und seinen Namen rief, aber er war bereits auf dem Weg nach draußen. Noch wenige Minuten zuvor hatte er gedacht, dass sein Tag nicht mehr schlimmer werden könnte … Wie man sich doch täuschen konnte.

 

Kapitel 1

Schottland

Eva war müde, hatte Hunger und wollte nur noch schlafen. Vor Aufregung hatte sie in der letzten Nacht kein Auge zugetan und der lange Reisetag forderte nun seinen Tribut. Der mürrische Taxifahrer hatte ihre Fragen zur Umgebung nur einsilbig oder gar nicht beantwortet und lieber telefoniert; ununterbrochen hatte sein Bluetooth-Set in einem grellen blauen Licht geblinkt. Eva hatte Mühe gehabt, bei seinem starken schottischen Akzent etwas zu verstehen, aber das würde sich in den nächsten Tagen sicherlich geben. Außerdem interessierten sie die Privatgespräche des Fahrers ohnehin nicht. Stattdessen saugte sie die Eindrücke, die an ihrem Fenster vorbeiflogen in sich auf und genoss es in vollen Zügen, endlich in Schottland angekommen zu sein. Die Landschaft der Highlands war in Realität noch viel beeindruckender, als sie es sich jemals hätte vorstellen können. Das Grün war viel satter, als sie es von zuhause kannte, und das Blau des Himmels weitaus kräftiger, als sie es in Frankfurt jemals gesehen hatte.

„Sind Sie sicher, dass Sie zu Glennmore Castle wollen? Wir sind fast da“, fragte der Fahrer in diesem Moment. Eva hatte keine Kraft, sich über seine Frage zu ärgern. Sie nahm an, dass sie nach der langen Reise und der schlaflosen Nacht aussah, als würde sie üblicherweise unter einer Brücke schlafen, was jedoch kein Grund für den alten Kerl sein sollte, ihre Angabe in Zweifel zu ziehen. Aber sie hatte keine Lust auf eine Diskussion, daher antwortete sie nur knapp: „Ja genau. Da möchte ich hin.“

„Aye, wie Sie wollen, Miss. Im Dorf ist eine hübsche kleine Pension, sauber und günstig, vielleicht wäre das ja etwas für Sie?“

Das war doch nicht zu fassen! Der grauhaarige Schotte nahm sich ganz schön was raus. Eva schnaubte und blaffte zurück: „Das ist ja nett von Ihnen, aber vielen Dank. Ich habe ein Zimmer auf Glennmore Castle.“ Der Blödmann musste ja nicht erfahren, dass sie dort für die nächsten drei Monate als Praktikantin logieren würde und nicht als Gast.

„Aye, verstanden. Aber sagen Sie hinterher nicht: ‚Das hätten Sie mir gleich sagen können‘.“

Sie sparte sich eine Antwort und presste die Lippen fest aufeinander. Das Taxi fuhr durch ein großes schmiedeeisernes Tor. Daneben stand ein kleines, altes Steinhäuschen, das wohl in früheren Tagen vom Pförtner bewohnt worden war. Ob immer noch jemand in dem alten Haus lebte? Sie würde es bald herausfinden. Die nächsten gefühlten fünf Kilometer fuhren sie auf einer kleinen geteerten Straße bergauf durch den Privatwald des Schlosses. Den Wegrand säumten kleine Laternen. Unwillkürlich fragte sich Eva, ob vor hundert Jahren Fackeln aufgestellt worden waren oder ob Reisende im Dunkeln hatte vorankommen müssen. In Evas Magen kribbelte es und ihre Hände waren feucht. Die Müdigkeit war verflogen und freudiger Erregung gewichen.

Endlich, ihr lang gehegter Traum würde in Erfüllung gehen! Sie hatte sich ihr ganzes Leben lang gewünscht, nach Schottland zu reisen, und jetzt, zum Ende ihrer Ausbildung an der Tourismusfachschule, wurde ihr Wunsch wahr – zumindest teilweise. Ob sie ihren Lebenstraum, nach Schottland auszuwandern und eine kleine Pension zu betreiben, tatsächlich verwirklichen können würde, musste sich noch zeigen.

Als das gelbe Taxi in die Auffahrt zum Schloss einbog, stockte Eva der Atem und sie unterdrückte einen Begeisterungsschrei. Ihr bot sich ein wahrhaft atemberaubender Blick auf Glennmore Castle. Das gewaltige Schloss hatte einen runden Turm, der die anderen Anbauten bei weitem überragte. Reihe um Reihe spiegelnder Fenster mit Simsen, Vorsprüngen und Verzierungen bildeten einen eindrucksvollen Kontrast zu dicken, vom Alter verwitterten Mauern. Das Dach war mit schwarzen Ziegeln gedeckt und Zinnen rundeten die Erscheinung einer ehrwürdigen Burg ab. Vor dem Eingang standen sogar zwei alte Kanonen, die natürlich nur zu Marketingzwecken dort aufgestellt worden waren, weil das Schloss mittlerweile als Hotel fungierte – aber sie waren trotzdem beeindruckend.

Im Inneren musste sich ein Burgfräulein wie im siebten Himmel fühlen, dachte Eva, die ein freudiges Jauchzen gerade noch zurückhalten konnte. Sie ließ ihre Augen wandern und entdeckte in der Mitte der Auffahrt einen Springbrunnen, der das Zentrum des Platzes bildete.

Der Taxifahrer stoppte im knirschenden Kies vor den großen, dunklen Eingangsportalen und bat sie zur Kasse. Eva musste kurz schlucken, denn die Fahrt kostete sie ihr ganzes verbliebenes Bargeld. Sie hatte in den sauren Apfel beißen und ein Taxi nehmen müssen, denn öffentliche Verkehrsmittel gab es hier in den Highlands nicht. Jedenfalls nicht bis Glennmore Castle. Egal, Kost und Logis waren beim Praktikum inklusive, Trinkgelder durfte sie behalten und sehr viel mehr würde sie hier auch nicht benötigen. Sie bat den Taxifahrer um einen Beleg, den er mürrisch ausstellte und ihr mit einem „Da haben Sie’s!“, nach hinten reichte. Er machte sich nicht die Mühe, ihr die Tür aufzuhalten – das wäre wohl zu viel verlangt gewesen. Wenigstens öffnete er den Kofferraum für sie, aus dem sie den alten Reisekoffer selbst herauswuchtete.

„Auf Wiedersehen, junge Dame. Einen schönen Aufenthalt.“ Der Kofferraumdeckel knallte zu und dann verschwand der grauhaarige Mann in seinem gelben Taxi und brauste davon. Hoffentlich waren die Schotten im Allgemeinen etwas freundlicher, dachte Eva, bevor sie am Eingangstor nach einer Klingel oder etwas Ähnlichem suchte. Die Suche war vergeblich, sie fand aber einen großen Türklopfer, den sie schwungvoll betätigte. Doch es tat sich nichts. Keine Menschenseele kam und die Pforte blieb verschlossen. Sie klopfte noch einmal, aber die Minuten verstrichen und nichts rührte sich. Merkwürdig. Eva sah sich um. Das hier war doch ein Hotel! Es musste doch ein Mitarbeiter im Haus sein.

Sie stellte ihren Koffer ab und ging ein paar Meter, als sie jemanden auf dem Kies kommen hörte. Na also! Sie atmete erleichtert auf.

In freudiger Erwartung setzte sie ein möglichst gutgelauntes Gesicht auf. Die Schritte kamen schnell näher, dann bog ein hochgewachsener Mann um die Ecke. Er hatte pechschwarzes Haar, das ihm wirr in die Stirn hing, und trug Reithosen und -stiefel, die von oben bis unten mit Matsch bespritzt waren. Als er sie sah, verfinsterte sich sein ohnehin schon nicht gerade freundlich dreinblickendes, markantes Gesicht noch mehr.

„Was wollen Sie hier?“, brummte er barsch mit schottischem Akzent. Er gehörte also zum Schloss, schlussfolgerte sie aus seiner unfreundlichen Frage.

Eva konnte den Schotten nur anstarren, fasziniert vom Klang seiner dunklen Stimme und seiner Ausdrucksweise. Er rollte das ‚r‘ so typisch und zog das ‚e‘ in die Länge.

„Haben Sie die Sprache verloren?“, herrschte er sie an. Mittlerweile stand er dicht vor ihr, sodass sie ihm direkt ins Gesicht schauen konnte und in ein paar herrlich grüne Augen starrte, die misstrauisch zusammengekniffen waren.

„Ähm“, begann Eva zu stottern, „ich, äh, soll hier arbeiten. Ein dreimonatiges Praktikum, um genau zu sein.“

Der athletische Mann hatte seine Arme vor der Brust verschränkt und stand breitbeinig vor ihr. Irgendwie schüchterte er sie ein; der breitschultrige Kerl strahlte etwas absolut Beeindruckendes, etwas Herrschaftliches aus. Er sah nur wenig älter aus als ihre Kommilitonen, hatte aber etwas Rohes und Männliches an sich, das ihr Blut in Wallung brachte. Leider beeinträchtigte seine imposante Erscheinung ganz offensichtlich auch ihr Sprachzentrum; mehr als ein Stammeln kam ihr nicht über die Lippen.

„Sie arbeiten hier? Das kann ich mir nicht vorstellen“, äußerte er trocken und neigte seinen Kopf leicht, um sie langsam von oben bis unten zu mustern. Sie fühlte sich unbehaglich unter seinem prüfenden Blick und ihr wurde in ihrem olivgrünen Parka unangenehm warm. Eva runzelte die Stirn und ihr Gehirn nahm langsam die Arbeit wieder auf.

Warum war der Mann so unfreundlich zu ihr? An diesem Tag schien sie kein Glück zu haben. Mit einem Mal kehrte die Müdigkeit zurück und alle Kraft verließ sie schlagartig. Sie wollte nur noch ins Bett. Aber was, wenn sie hier tatsächlich falsch war? Wie viele Glennmore Castles konnte es in den Highlands geben?

Nein. Sie war sich sicher, dass dies die richtige Adresse war.

Leider bedeutete Müdigkeit bei Eva auch, dass ihre Ungeduld die Oberhand gewann, deswegen entschlüpfte ihr die etwas zickig klingende Bemerkung: „Ach, ja? Und woher wissen Sie das so genau? Wer sind Sie denn überhaupt, dass Sie so mit mir umgehen können? Ich möchte jetzt bitte mit dem Verwalter hier sprechen. Er weiß, dass ich komme, und hat sicher alles vorbereitet!“ Dazu baute sie sich ebenso breitbeinig vor ihm auf und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

Eva stellte sich auf eine unerquickliche Diskussion mit dem schlechtgelaunten Mann ein, aber dann sah sie, wie seine Mundwinkel zuckten. Plötzlich lächelte er und raubte ihr damit zum zweiten Mal den Atem.

Sie musste zu ihm aufsehen, was ihr komisch vorkam, da sie nicht klein war. Er strahlte eine unbändige Kraft aus. Sofort hätte sie es ihm abgenommen, wenn er behauptet hätte, dass er in Wahrheit ein Clanführer aus der Vergangenheit wäre. Breite Wangenknochen, intensive, grüne Augen, hochgewachsen, breitschultrig, mit schmalen Hüften und kräftigen Oberschenkeln. Dazu war er unrasiert, was ihn noch verwegener erscheinen ließ. Eva musste schlucken, als sie bemerkte, dass sie ihn mit offenem Mund anstarrte und er sie nach wie vor amüsiert fixierte. Was hatte sie Komisches gesagt, das er so erheiternd fand? Der Mann machte sie schrecklich nervös und sie trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

„Aye, wenn das so ist ... Der Verwalter hat also bereits alles vorbereitet. Und wo ist der Verwalter jetzt?“, meinte er mit spöttisch nach oben gezogener Augenbraue.

Der Kerl glaubte ihr kein Wort, das gab’s doch nicht! In ihrem Bauch breitete sich ein leichtes Unbehagen aus, vermischt mit der Erschöpfung kein gutes Gefühl.

„Woher soll ich das denn wissen? Ich bin doch eben erst angereist. Wer sind Sie eigentlich, Mr. …?“ Der Mann trat nun einen Schritt zurück und neigte den Kopf ein wenig, als müsste er überlegen.

„Ich bin Ian, ähm, der Hausmeister.“

„Der Hausmeister?“, fragte sie leicht dümmlich, wie sie hinterher bemerkte.

„Aye, wieso? Hast du ein Problem damit? Lassen wir doch die Förmlichkeiten, wo du doch hier arbeitest. Sag einfach Ian.“

Eva musterte ihn von oben bis unten und ihr wurde trotz Müdigkeit ganz heiß bei den anzüglichen Gedanken, die sein beeindruckender Anblick bei ihr hervorrief. Ihr Gesicht fühlte sich an, als wäre es puterrot – wie unangenehm. Verärgert über ihre mädchenhafte Reaktion wechselte sie das Thema: „Gut, das hätten wir dann ja geklärt. Aber wo ist Mr. Boyd?“

Ian machte große Augen und kramte einen Schlüssel aus seiner Reithose. „Die ganze Belegschaft ist eine Woche im Urlaub, du musst da irgendwas durcheinander gebracht haben. Wie heißt du überhaupt?“

„Ach, du liebe Zeit!“, entfuhr es Eva. Ihr wurde schummerig.

Sie musste sich setzen. Das durfte doch nicht wahr sein … eine Woche zu früh? Das konnte unmöglich stimmen. Aber der Hausmeister sah nicht aus, als würde er scherzen.

„Hey, du bist ja mit einem Mal ganz blass! Wie heißt du denn nun?“, fragte Ian und sah sie ein wenig freundlicher an. Sein Bild verschwamm vor ihren Augen und sie musste blinzeln. Dann sagte sie: „Eva. Entschuldigung. Ich bin einfach nur schon eine Weile unterwegs und mein Bargeld ist aufgebraucht und was soll ich jetzt machen? Ich komme hier nicht mehr weg. Wo sollte ich überhaupt hin? Wie man unschwer erkennen kann, bin ich nicht aus der Gegend.“

Die Aufregung der letzten Tage tat ihr übriges und dicke Tränen kullerten über Evas Wangen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Sie hasste sich selbst dafür, dass sie vor dem Fremden weinte wie eine Heulsuse. Schlimm genug, dass sie zu blöd war, zur richtigen Zeit ihr Praktikum anzutreten. Schnell wischte sie die salzigen Spuren auf ihrem Gesicht mit einem Ärmel weg.

Ian seufzte, drehte sich um und steckte den Schlüssel ins Schloss.

„Auch das noch, plärrende Weiber! Na toll. Warum hat Boyd dir nicht Bescheid gegeben, als der, äh, Boss alle in den Urlaub beordert hat? Wegschicken kann ich dich jetzt wohl nicht, es wird bald dunkel. Eva“, fügte er noch genervt hinzu, „kannst du nicht nach Hause gehen und in einer Woche wiederkommen?“

„Nein, das kann ich nicht!“, schniefte sie. „Ich wohne in Deutschland und könnte mir höchstens einen Hin-, aber keinen Rückflug mehr leisten. Beim besten Willen nicht. Ich habe alleine für diesen Trip zwei Jahre gespart!“ Sie ließ die Schultern hängen und konnte ein weiteres Schluchzen nur mit Mühe unterdrücken. Eva kramte in ihrem Rucksack nach einem Taschentuch und schnäuzte sich anschließend lautstark.

„Scheiße, dann komm rein. Für den Fehler des Verwalters kannst du ja nichts“, teilte ihr Ian kurz angebunden, aber immerhin etwas netter mit.

Eva tat, wie ihr geheißen worden war, schnappte sich ihren Koffer und folgte Ian ins Haus. Sie wollte einfach nur ein Dach über dem Kopf haben und ein paar Stunden schlafen. Unter normalen Umständen hätte sie ehrfürchtig jeden Stein im Schloss betrachtet, aber dazu war sie momentan nicht in der Lage.

Ian setzte sich auf einen alten Schemel, der neben dem Eingang stand, zog seine verschmutzten Reitstiefel aus und kickte sie in die Ecke.

„Und jetzt hör endlich auf zu heulen, du kannst ja bleiben.“

Eva wischte sich noch einmal verstohlen über die Augen, um eventuelle Mascaraspuren zu beseitigen, damit sie nicht zu allem Übel auch noch aussah wie ein Pandabär. Wenigstens hatte sie fürs Erste ein Dach über dem Kopf. „Danke“, sagte sie leise und traute sich kaum, dem schlechtgelaunten Schotten ins Gesicht zu schauen.

Sie erschrak, als er plötzlich dicht vor ihr stand und ihr eine Geruchsmischung aus Pferd, frischem Schweiß und herbem Aftershave entgegenschlug. Sie musste schlucken, denn so nah war ihr seit langem kein Mann mehr gekommen. Schon gar nicht so einer mit breiten Schultern, pechschwarzen Haaren und sinnlichen, grünen Augen. Ian hob sanft ihr Kinn an. „Komm, kleine Eva, ich mach dir einen Tee. Danach sieht die Welt gleich viel besser aus. Lass den Koffer erstmal hier stehen, den klaut schon keiner.“

„Danke“, krächzte sie und folgte dem Hausmeister mit wackeligen Beinen weiter ins Schloss. Mittlerweile nahm sie auch wieder mehr von ihrer Umwelt wahr und bewunderte im Vorbeigehen die Großzügigkeit des Hauses. Der alte Holzboden war großflächig mit teuren Perserteppichen ausgelegt und überall gab es Sitzgelegenheiten und gemütliche Ecken, in denen es sich die Hausgäste gutgehen lassen konnten. Allerdings war das Schloss momentan, da anscheinend niemand außer dem Hausmeister vor Ort war, ziemlich kühl und es fröstelte sie.

Ian führte sie auf einer kleinen Treppe nach unten. „Die Küche liegt noch am ursprünglichen Ort im Haus, hier hat sich räumlich nicht so viel verändert. Das Hotel hat ja nur fünfzehn Zimmer, das kann man von hier aus gut wuppen“, erklärte er ihr, als er ihr die Tür zur Küche aufhielt.

In der Küche war es gemütlich warm und gusseiserne Töpfe und Pfannen hingen mit ein, zwei Lücken dazwischen feinsäuberlich aufgereiht an Haken über dem Herd. In der Spüle stapelte sich allerdings das schmutzige Geschirr und die Edelstahloberfläche der Arbeitsplatte war übersäht mit Krümeln, schmutzigem Besteck und Essensresten. Ach du liebe Zeit, durchfuhr es Eva, hier sieht es ja aus!

Ian ging auf Strümpfen zum Waschbecken, wusch sich zuerst gründlich die Hände und ließ anschließend Wasser in einen Teekessel ein, den er dann auf dem Gasherd erhitzte. „Es wird einen Moment dauern, daran muss man sich hier erstmal gewöhnen. In Schottland ticken die Uhren noch anders. Wo kommst du her, kleines Mädchen?“

Eva stand noch im Türrahmen, trat nun aber ein und schloss die Tür hinter sich. Als ‚kleines Mädchen‘ war sie das letzte Mal vor zehn Jahren bezeichnet worden, schließlich war sie eins zweiundsiebzig groß und mittlerweile fünfundzwanzig Jahre alt. Es irritierte sie ein wenig, so angesprochen zu werden. „Ich besuche die Tourismusfachschule in Frankfurt und meine Familie lebt zum größten Teil in Rüsselsheim in Deutschland.“

„Rüsselsheim sagt mir gar nichts. Außer in Berlin war ich noch nie in Deutschland.“

Eva beobachtete, wie Ian mit fließenden Bewegungen Tassen, Zucker und ein paar Kekse aus einem kleinen Schrank neben dem Gewürzregal fischte.

„Es ist auch nicht sonderlich spannend dort, deswegen bin ich ja auch hier. Ich habe schon mein ganzes Leben davon geträumt, einmal nach Schottland zu reisen.“

„Und wieso kommst du erst jetzt?“

„Ich habe lange für den Trip gespart. Meine Familie kann mich finanziell nicht unterstützen und ich muss mir die Wohnung und meine Fachausbildung selbst finanzieren.“ Der Teekessel pfiff und Ian goss das heiße Wasser über die losen Blätter.

„Das braucht jetzt ein paar Minuten. Setz dich hin. Was macht deine Familie?“

Eva war müde und hungrig und eigentlich hatte sie keine Lust auf ein Frage-und-Antwort-Spiel. „Können wir ein andermal darüber reden? Ich bin echt fertig, tut mir leid. Ich habe vor Aufregung letzte Nacht nicht geschlafen und war heute Morgen zu spät dran und hab’ den Flug fast verpasst und dann war ich beim Umsteigen in London am falschen Gate und … Ach Mann, der ganze Trip war bis hierhin eine Katastrophe. Und dann erfahre ich, dass ich eine Woche zu früh bin. Ich bin einfach nicht so gut in puncto Pünktlichkeit und Vorausplanung – nicht so wie das Klischee der Deutschen. Bitte setzen, sechs, würde man in der Schule sagen.“ Sie ließ die Schultern hängen und betrachtete ihre langen Finger, um seinem Blick auszuweichen. Dann hob sie den Kopf doch ein wenig und sah, dass Ian sie skeptisch musterte. Als nächstes öffnete er einen Schrank und holte eine Flasche mit einer goldbraunen Flüssigkeit raus. „Dann bekommst du nicht einen einfachen Tee, sondern meine Spezialbrühung. Klingt nach einem harten Tag, den du hinter dir hast. Und ich glaube, dass der Verwalter vergessen hat, dich zu informieren. Es ist also gar nicht deine Schuld.“ Ians Stimme klang erstaunlich sanft. So viel Einfühlsamkeit hätte sie dem Klotz gar nicht zugetraut, nachdem er sie so unhöflich empfangen hatte.

„Danke.“ Es fühlte sich gut an, nach dem desaströsen Tag ein wenig umsorgt zu werden, auch wenn es nur was zu trinken war. Ian goss den Tee durch ein Sieb, füllte anschließend zwei Tassen auf und gab einen Schuss Whisky für jeden dazu.

„Ein guter Tropfen, der wärmt von innen. Und was machen wir jetzt mit dir?“

Eva zuckte mit den Schultern.

„Kann ich dir zur Hand gehen? Keine Ahnung … ich könnte das Chaos hier beseitigen?“

Er seufzte leise und trank einen Schluck. „Ich weiß nicht. Eigentlich wollte ich hier meine Ruhe haben.“

„Kann ein Hausmeister das so bestimmen?“

„Ähm.“ Ian rieb sich am unrasierten Kinn und sah aus, als ob er überlegen würde. „Das hat doch damit nichts zu tun“, meinte er dann. „Mr. Boyd kommt erst in sechs Tagen wieder. Wie wäre es, wenn du so lange meine Wäsche machst, und kochst und hier für klar Schiff sorgst?“

„Wie bitte? Ich soll für all das dein Hausmädchen spielen?“

Ian grinste und gab den Blick auf eine Reihe weißer, gerader Zähne frei. „Ja, wieso nicht? Ist doch sonst niemand da, dann kannst du schon mal üben.“

Eva nahm einen Schluck und verbrannte sich die Zunge.

„Autsch! Du hast sie ja wohl nicht mehr alle.“

„Wofür bist du denn sonst eingestellt worden?“

„Ich soll hier ein Praktikum machen, alle Abteilungen durchlaufen und so weiter.“ Sie hielt ihre Teetasse umklammert und wärmte sich die eiskalten Finger.

„Ja und, was ist dann dein Problem? Wie man hier die Waschmaschine bedient und die Küche benutzt, musst du doch sowieso lernen.“

„Pff – aber doch nicht für den Hausmeister! Also, ne.“ Eva schüttelte den Kopf. Sein Aussehen musste ihm zu Kopf gestiegen sein. Im nächsten Moment fiel ihr auf, dass sie für eine Praktikantin ganz schön unverschämt auf seine Frage geantwortet hatte. Unbehagen beschlich sie, was wenn sie es sich jetzt mit ihm verscherzt hatte?

„Überleg’s dir. Du kannst auch ins Dorf und dir da eine Bleibe suchen.“

Eva runzelte die Stirn. Wie es aussah, hatte sie die schlechteren Karten. Er war zumindest momentan die Person im Schloss, die das Sagen hatte.

Wie viel Wäsche kann so ein Kerl produzieren?, überlegte sie. Sie war es immerhin gewohnt, ihrer Mutter im Haushalt ihrer Großfamilie zu helfen, so schlimm konnte es wohl nicht werden. Und Essen kochen war kein Problem, darin hatte sie genug Übung und es machte ihr sogar Spaß.

„Na gut. Aber in Zukunft räumst du dein dreckiges Geschirr gleich in die Spülmaschine, klar?!“

Plötzlich grinste er spitzbübisch, was ihn noch attraktiver wirken ließ, falls das überhaupt möglich war. „Gut, dann haben wir einen Deal. Du darfst bleiben.“

„Sehr großzügig“, gab Eva sarkastisch zurück und trank ihre Tasse aus. Der Whisky war stark und in ihrem Bauch breitete sich eine wohlige Wärme aus.

„Hier, nimm einen Keks, kleines Mädchen.“

„Ich bin nicht klein.“

„Für mich bist du klein. Du bist noch sehr jung, oder?“

„Was willst du denn? Ich bin fünfundzwanzig, und du?“

„Echt? Du siehst irgendwie jünger aus, so unschuldig. Neunundzwanzig.“

„Ja, das erklärt einiges. Du bist ja steinalt. Und ich seh’ ganz normal aus. Wo lebst du denn, dass du meinst, ich wäre ein Landei, oder was? Sieht hier auch ziemlich ländlich aus!“ Sie streckte ihm die Zunge raus und er hob eine Augenbraue. „Und nenn’ mich nicht kleines Mädchen, ich habe einen Namen. Eva“, fügte sie noch hinzu und reckte ihr Kinn ein wenig nach vorne.

„Von mir aus … Eva.“

„Siehst du, geht doch.“ Sie lächelte und nickte sanft mit dem Kopf. Ian stand abrupt auf.

„So, ich geh’ jetzt duschen. Ich zeig’ dir, wo du schlafen kannst. Ob das dann auch dein Zimmer bleibt, weiß ich nicht, aber zumindest ist es momentan frei.“ Ian trank aus und stellte seine Tasse scheppernd auf den Tisch.

„Okay.“

„Dann komm. Aufräumen kannst du hier später.“

„Wie bitte?“ Sie schnappte nach Luft.

„Na, wir haben doch soeben ausgemacht, dass du dich hier soweit um alles kümmerst!“

Eva blieb die Spucke weg. „Echt?“

„Ich mache keine Witze.“

Damit war Ian aus der Küche verschwunden und sie musste sich beeilen, um hinterherzukommen.

Es würde sicher eine Weile dauern, bis sie sich in dem verwinkelten Schloss auskannte, aber sie liebte es jetzt schon. Sicher gab es hier noch das ein oder andere Geheimnis zu entdecken und sie konnte es kaum erwarten, durch das alte Gemäuer zu streifen und jeden Winkel zu erforschen. Am Treppenaufgang schnappte sie sich ihren Koffer und hastete Ian hinterher. Ein Gentleman war er jedenfalls nicht, denn er machte keinerlei Anstalten, ihr das schwere Ding abzunehmen.

Ian führte sie in einen Nebentrakt, der anscheinend nur für das Personal zugängig war.

„Hier.“ Er öffnete eine Tür. „Das Zimmer ist jetzt deins. Bad ist auf dem Flur. Ich hab’ Hunger, also mach es dir nicht zu lange gemütlich, ich will nur eben duschen. Sagen wir in einer Stunde essen?“

Eva legte den Kopf schief und fragte sich, ob der Kerl das ernst meinte. Aber er sah nicht aus, als würde er scherzen, und sie war zu erschöpft, um zu streiten. Deswegen antwortete sie nur mit: „Ja, ja.“

„Dann bis nachher.“

Eva sog tief Luft ein, ging in ihr Zimmer und stellte den Koffer ab. Dann drückte sie die Tür hinter sich zu und lehnte sich einen Moment mit geschlossenen Augen dagegen. Wo war sie nur gelandet? Sie öffnete die Augen wieder und inspizierte ihr vorübergehendes Zuhause. Das Zimmer war spärlich, aber gemütlich eingerichtet und hatte alles, was sie brauchen würde.

Eva entschied sich, einen Moment auf dem Bett auszuruhen, bevor sie ihren Koffer auspackte. Wahrscheinlich waren sowieso alle ihre Sachen verknittert und eine halbe Stunde mehr oder weniger im Koffer würde daran auch nichts mehr ändern.

Sie war es nicht gewohnt, Hochprozentiges zu trinken, und der Whisky im Tee hatte sie schläfrig gemacht. Kaum lag Eva auf dem Bett, war sie auch schon eingeschlafen.

 

Ian genoss es, das heiße Wasser über seine verspannten Muskeln laufen zu lassen. Er war es nicht mehr gewohnt körperlich zu arbeiten, aber es tat ihm erstaunlich gut und half ihm abzuschalten.

Erst eine Woche zuvor hatte er Jamila aus seiner Wohnung und damit aus seinem Leben geworfen. Im Moment kam es ihm vor, als wäre es hundert Jahre her. Er war noch am gleichen Abend aus New York abgereist, um Abstand zu ihr und der Niederlage gegenüber Sokolow zu bekommen. An der Tatsache, dass der Russe ihn gelinkt hatte, war nichts mehr zu rütteln gewesen, und Ian wusste, wann er verloren hatte. Aber das war nur eine Schlacht in einem immerwährenden Krieg gewesen; so ein Fehler würde ihm nicht noch einmal unterlaufen. Fortan würde er dafür sorgen, dass die Ratte ihn nicht mehr übervorteilen konnte. Er war auch deswegen nach Schottland gekommen, weil er auf der Insel etwas wichtiges Geschäftliches zu erledigen hatte – seinem Glück würde er ganz sicher nicht mehr vertrauen. Aber vorher brauchte er ein paar Tage, um seine Wunden zu lecken. Die Ruhe und Abgeschiedenheit seiner Heimat würde ihm dabei helfen runterzukommen. Dafür hätte er Alfi, den Stallmeister und Chauffeur des Schlosses, nicht mit allen anderen in den Urlaub schicken müssen, aber er hatte es so gewollt. Und nun musste sich Ian täglich um die Pferde in den Stallungen am Schloss kümmern: ausmisten, füttern und natürlich reiten. Das wiederum machte ihm Spaß und gab ihm ein Gefühl der Freiheit. Es erinnerte ihn an seine Jugend und seinen verstorbenen Vater, mit dem er oft ausgeritten war.

Ian verteilte Duschgel in seinen Handflächen und seifte sich ausgiebig ein, während er sich fragte, warum er Eva nicht einfach wieder fortgeschickt hatte. Vielleicht hatte es an ihren Tränen, ihrem schönen, traurigen Gesicht oder an der Tatsache gelegen, dass sie irgendetwas in ihm auslöste, das er sich nicht erklären konnte. Wahrscheinlich lag es aber einfach nur daran, dass er ein Idiot war, der sich nicht nur von seiner Freundin betrügen ließ, sondern nicht mal eine wildfremde Person von seinem Besitz schicken konnte, nur weil sie ihn mit ihren großen, unschuldigen Augen angesehen hatte. Und weil sie nichts dafür konnte, dass Boyd vergessen hatte, ihr Bescheid zu geben. Er versuchte sich die Sache schönzureden, indem er sich sagte, dass er sie ohnehin nicht viel sehen würde, von daher konnte es ihm auch egal sein, ob noch jemand hier war oder nicht. Er würde einfach die praktischen Vorteile genießen, wie nicht selbst kochen zu müssen, was er auch nicht wirklich beherrschte. Und nicht zuletzt, dass ihm jemand seine Wäsche wusch – ein deutliches Plus, denn er hatte in den letzten drei Tagen bereits zwei seiner liebsten Kaschmirpullover ruiniert. Zum Glück hatte die junge Frau keine Ahnung, wer er war, und er würde es ihr auch ganz gewiss nicht mitteilen. Er war glücklich, ein paar Tage nicht der reiche Unternehmer Ian MacLachlan zu sein, und so sollte es auch bleiben. Ohnehin würde er viel zu schnell wieder nach New York reisen und seinen Geschäften nachgehen müssen. Schottland war zwar seine Heimat, aber sein berufliches Leben fand, zumindest bis auf Weiteres, in New York statt. Ian stellte das Wasser ab und griff sich ein Handtuch. Hoffentlich hatte sie wenigstens was Ordentliches gekocht, denn ihm hing der Magen bis zu den Knien – ein Nebeneffekt der Stallarbeit.

 

Auf dem Weg zur Küche stellte Ian fest, dass das Schloss im Finstern lag. Eva würde doch nicht im Dunkeln umherschleichen? Er knipste das Licht in den Fluren zur Küche an und seine Stimmung verschlechterte sich, als er auch dort niemanden vorfand. Genervt stöhnte Ian auf. Vielleicht sollte er sie doch rauswerfen. Er stapfte in Richtung Dienstbotentrakt und riss die Tür zu ihrem Zimmer auf, ohne anzuklopfen.

„Wo steckst du denn? Bist du zum Arbeiten oder Faulenzen hier?“ Dann machte er das Licht an und sah, dass Eva zusammengerollt auf dem Bett lag und offensichtlich geschlafen hatte. Sie regte sich und ihre Augenlider flatterten, bevor sie murmelte: „Was? Was ist los? Hab’ ich verschlafen?“
Mit einem Satz war sie aus dem Bett und schaute sich verwirrt um. Sie wusste offensichtlich nicht, wo sie sich befand. Ians Ärger verflog, als sie so verschlafen und mit wehenden Haaren vor ihm stand. Ihre blauen Augen sahen ihn verschleiert an, bis sie die Situation erfasste. Dann schnaubte sie laut: „Was fällt dir eigentlich ein, mich so zu erschrecken? Geht’s noch?!“

Ian verzog die Mundwinkel. „Ich dachte, ich hätte mich vorhin deutlich ausgedrückt, als ich sagte, dass ich hungrig bin?“

Eva fuhr sich durch die Haare und band sich die blonde Mähne zu einem Knoten zusammen, bevor sie antwortete: „Ja, ja, schon gut. Man könnte meinen, du bist hier der Hausherr und nicht der Hausmeister. Meine Güte, Entschuldigung!“

Ian fühlte sich ertappt, sagte aber nichts, denn es ging sie schließlich gar nichts an, wer er tatsächlich war.

„Gut, also in zwanzig Minuten bin ich in der Küche. Es wäre gut, wenn du mit dem Kochen bis dahin in die Pötte gekommen wärst.“

„O Mann, ja, ich bin dabei. Vielen Dank, ich komme sicher alleine zurecht“, gab sie bissig zurück. Ian drehte sich auf dem Absatz um und machte sich auf den Weg in die Bibliothek. Dort hatte er vorhin ein Feuer angezündet und wollte ein paar E-Mails abarbeiten und beantworten. So ganz konnte er sich als Konzerninhaber seinen Pflichten nicht entziehen.

 

Das würde sicher eine tolle Woche werden, dachte Eva verärgert, als sie den Koffer nach ihrer Zahnbürste durchwühlte. Nach dem kurzen Nickerchen fühlte sie sich wie durch den Wolf gedreht und hatte einen Pelz auf den Zähnen, den sie loswerden wollte, bevor sie sich daran machte, etwas für den Hausmeister zu kochen. ‚Hausdrachen‘ wäre eine treffendere Bezeichnung für den Kerl, überlegte sie. Während sie in kleinen Kreisen ihre Zähne putzte, fragte sie sich, was sie ihm getan hatte, dass er so unfreundlich zu ihr war. Aber vielleicht war er ja von Natur aus so miesepetrig.

Eva begutachtete das Badezimmer und ihr Blick fiel auf die Badewanne und den Duschvorhang. Vielleicht würde eine kurze Dusche nicht schaden. Sie fühlte sich eklig nach zwei Flügen und zwölf Stunden Reise. Sie spuckte die Zahnpastareste aus und schälte sich blitzschnell aus ihren Klamotten, dann stieg sie in die Dusche und ließ das angenehm warme Wasser über ihre Schultern laufen. Herrlich!

 

Es hatte ein wenig länger gedauert, sich frisch zu machen, aber das mit den zwanzig Minuten konnte der Sklaventreiber ohnehin nicht ernst gemeint haben. Sie kannte sich weder im Haus noch in der Küche aus.

Eva war schon froh, dass sie den Weg zur Küche überhaupt ohne Kompass wiederfand, das würde sie ihm aber ganz sicher nicht erzählen. Sie hatte keine Lust, wieder einen seiner spöttischen Kommentare abzubekommen, von wegen kleines Mädchen und so, denn das war sie ganz und gar nicht mehr. Sie war eine selbstständige junge Frau, die auch ohne Lageplan in einem Schloss zurechtkam. Sie drehte den altmodischen Lichtschalter in der Küche an und es wurde hell.

Gut, das hätten wir also schon mal, dachte sie, bevor sie begann, die Küche nach Vorräten zu durchsuchen.

Es dauerte nicht lange, bis sie herausgefunden hatte, dass sich im Kühlraum neben der Küche noch einiges an Lebensmitteln befand, womit sie ein anständiges Abendessen zubereiten konnte. Sie entschied sich für einen einfachen Eintopf mit Bohnen, Kartoffeln und Speck. Zuhause hatte es oft derartige Gerichte gegeben, denn die kosteten nicht viel und machten satt, was immer ein Hauptargument für den Speiseplan gewesen war.

Auf dem Fensterbrett erspähte sie ein altes Radio. Eva schaltete es an und sogleich fühlte sie sich wohler in der Hotelküche, die ihr so allein, leer und ungemütlich vorgekommen war. Stille und Einsamkeit waren zwei Dinge, die Eva nur schlecht ertragen konnte. Sie hatte es lieber, wenn ihre Familie lautstark um sie herumtobte. Umso trauriger war sie, dass ihre Eltern ihre Träume nicht unterstützten und sie im Streit aus Deutschland abgereist war. Aber das würde sich sicherlich auch wieder einrenken, so wie immer. Sie wollte jetzt nicht weiter daran denken. Heimweh war etwas, das sie im Moment ganz und gar nicht brauchen konnte.

Im Radio lief ein bekannter Song von Lady Gaga. Eva wiegte ihre Hüften zum Takt und summte leise vor sich hin, während sie die Zwiebeln und den Speck im Topf anbriet. Neben dem Herd standen vier weitere Schälchen mit den vorbereiteten Bohnen, den akkurat gewürfelten Kartoffeln, Möhren und Sellerie.

„Das nennst du zwanzig Minuten? Das ist ja wohl ein Witz. Ich würde sagen, das sind eher zwei Stunden.“

Eva ließ den Kochlöffel fallen und schrie auf. Ian stand mit einem Glas, in dem er vermutlich Whisky schwenkte, in der Tür und blickte sie grimmig an. Er trug ein sauberes Hemd und eine dunkle Jeans. Rasieren hielt er anscheinend nicht für nötig. Es konnte ihr auch egal sein, dass er aussah wie ein verwegener Pirat mit seinen pechschwarzen Haaren und dem Dreitagebart.

„Verdammte Scheiße, musst du mich so erschrecken?“, blaffte sie wütend zurück.

„Hatte ich mich vorhin nicht klar ausgedrückt?“, gab er nicht weniger unfreundlich zurück.

Eva presste die Lippen aufeinander und schluckte eine weitere Antwort herunter. Sie wollte wirklich keinen Streit, deswegen kippte sie wortlos die Kartoffeln in den Topf, nahm sich einen frischen Kochlöffel und rührte um.

„Es dauert noch dreißig Minuten. Tut mir leid.“

Ian rümpfte die Nase und setzte sich an den großen Küchentisch, an dem für mindestens zehn Personen Platz war. Es sah so aus, als ob die Angestellten hier essen würden, aber nachfragen wollte Eva nicht, so mies wie der Hausmeister drauf war.

„Willst du auch einen?“, fragte er sie unvermittelt.

Whisky? Eva blickte vom Kochtopf auf und legte den Kopf ein wenig schief.

„Ich weiß nicht. Ich vertrage so starkes Zeug nicht gut. Dürfen wir hier überhaupt Alkohol trinken?“

Ian starrte sie an, als würde er selbst überlegen, was natürlich Quatsch war. Der Hausmeister kannte seine Rechte und Pflichten sicherlich genauestens. Schließlich antwortete er: „Das ist mein privater Whisky. Willst du jetzt oder nicht?“

„Na gut“, sagte sie, denn sie wollte ihn nicht noch mehr vergrätzen, „dann nehme ich einen. Aber nur wenig, bitte.“

„Geht doch“, murmelte Ian, als er aufstand, um ein Glas aus dem Schrank zu holen. Dabei stieß er sich mit der Hüfte an einer Kante der Arbeitsfläche und schrie auf: „Fuck!“

War er etwa betrunken? Seine Bewegungen wirkten jedenfalls nicht mehr ganz so geschmeidig. Eva begutachtete die Flasche etwas genauer. Sie war nur noch halb gefüllt, aber sie wusste natürlich nicht, ob er alles am heutigen Tag geleert oder sich nur einen Drink genehmigt hatte, wie er ihn ihr nun anbot. Ian stellte ihr ein Glas vor die Nase und goss ein, dabei schwappte ein wenig über. Sie ließ es unkommentiert, stieß mit ihm an und nahm einen kräftigen Schluck des starken Gebräus. Der Whisky brannte in ihrem Mund und anschließend in ihrem Hals. Eva musste husten und schlug sich mit der Hand auf die Brust, um wieder Luft zu bekommen. Ian beobachtete sie mit seinen undurchdringlich grünen Augen, zeigte dabei aber keine Regung. Lediglich ein Mundwinkel zuckte leicht.

Der Eintopf köchelte vor sich hin und mittlerweile war sie sich sicher, dass Ian mehr als nur einen kleinen Schwips hatte. Er sagte nicht viel, trank dafür aber in regelmäßigen Abständen und füllte sich auch gleich wieder auf.

„Soll ich dir ein Glas Wasser geben, Ian?“, fragte Eva vorsichtig.

„Nein, ich bin doch keine Kuh.“ Dann brach er in Gelächter aus. Eva drehte sich um und verdrehte die Augen. Auch das noch! Ein betrunkener Schotte, den sie nicht kannte und der sie ganz offensichtlich nicht leiden konnte, sich selbst aber unglaublich witzig fand. Zum Glück war der Eintopf bald fertig, vielleicht brauchte er einfach eine vernünftige Mahlzeit im Bauch.

Als sie das Gericht schließlich servierte, langte Ian kräftig zu und hörte erst nach der dritten Portion auf zu essen.

„Wow, wo hast du denn Kochen gelernt? Schmeckt echt gut“, sagte er und schenkte sich noch ein Glas ein.

„Danke. Wir haben eine große Familie, ich helfe oft in der Küche.“

Ian saß ihr gegenüber und sie war sich allzu bewusst, dass er sie mit seinem etwas verhangenen Blick fixierte. Er machte sie nervös, was nicht nur am Whisky lag. Der Mann hatte eine gefährliche Ausstrahlung, der sie sich baldmöglichst entziehen wollte, aber wohl oder übel würde sie die Küche zuerst aufräumen und säubern müssen, sonst machte der dunkelhaarige Schotte wieder Ärger, und das wollte sie in seinem Zustand unter allen Umständen vermeiden. Eva räumte gerade den Geschirrspüler ein, als sie seine tiefe Stimme mit dem kehligen schottischen Akzent viel zu nah an ihrem Ohr vernahm.

„Gute Nacht, kleines Mädchen.“ Ihr ganzer Körper überzog sich mit einer Gänsehaut. Als sie sich aufrichtete, war er beinahe schon aus der Küche verschwunden und ließ sie verwirrt zurück. Sie sah Ian gerade noch um die Ecke biegen und erhaschte einen Blick auf seine Kehrseite.

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