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Edelweißpiraten

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Inhaltsübersicht

27. November 1944

Alles begann damit...

12. März 1941

15. März 1941

30. März 1941

3. April 1941

1. Mai 1941

9. Mai 1941

14. Mai 1941

16. Mai 1941

23. Mai 1941

27. Mai 1941

2. Juni 1941

Das Erste, das...

22. Juni 1941

9. Juli 1941

25. Juli 1941

3. August 1941

19. August 1941

4. September 1941

28. September 1941

26. Oktober 1941

Die Wohnung des...

17. März 1942

14. April 1942

24. April 1942

26. Mai 1942

Etwa eine Woche...

31. Mai 1942

18. Juni 1942

10. Juli 1942

11. August 1942

16. September 1942

Es war inzwischen...

4. Februar 1943

24. Februar 1943

15. März 1943

17. April 1943

18. April 1943

Auf eine gewisse...

14. Juni 1943

29. Juni 1943

31. Juli 1943

22. August 1943

Die Tage nach...

26. Januar 1944

19. Februar 1944

1. April 1944

2. April 1944

An einem der...

21. Juli 1944

5. August 1944

13. August 1944

27. August 1944

Am Tag, nachdem...

3. September 1944

5. September 1944

20. September 1944

22. Oktober 1944

14. November 1944

An einem Tag...

28. November 1944

15. Dezember 1944

25. Dezember 1944

17. Januar 1945

24. Januar 1945

Das letzte Mal...

25. Januar 1945

12. Februar 1945

23. Februar 1945

1. März 1945

6. März 1945

Der alte Gerlach...

21. Mai 1945

Nachwort

 

Im Gedenken an

 

Jean Jülich

(18. 4. 1929–19. 10. 2011)

 

Fritz Theilen

(27. 9. 1927–18. 4. 2012)

27. November 1944

Die Bilder verfolgen mich. Sie lassen mich nicht los. Drei Tage ist es her, dass sie meinen Bruder ermordet haben. Aber ich sehe es immer noch jede Sekunde vor mir.

Tom und Flint wollten nicht, dass ich hingehe. Sie hatten Angst, mir könnte was zustoßen. Dachten, die Gestapo würde mich erkennen und einkassieren. Aber ich hab nicht auf sie gehört. Ich musste hin. Schließlich haben sie nachgegeben und sind mitgekommen, um wenigstens dafür zu sorgen, dass ich keine Dummheiten mache.

Es war in der Hüttenstraße. Da, wo die Hinrichtungen seit ein paar Monaten sind. Vor dem Ehrenfelder Bahnhof.

Als wir ankamen, war der Platz schon voll. Überall Schaulustige, angelockt von den Plakaten. Stumpfe, sensationsgierige Gesichter. Wir haben uns unter sie gemischt. Gleich vor dem Bahnhof hat der Galgen gestanden. Zwei lange Querbalken, durch ein Gerüst abgestützt. Der untere für die Füße, über den oberen waren die Schlingen geworfen.

Weiter vorn hab ich meine Mutter gesehen. Zwei Frauen haben sie gestützt. Ich wär am liebsten zu ihr gelaufen, aber Tom und Flint haben mich zurückgehalten. Die Spitzel von der Gestapo waren überall. Standen da, gaben sich unauffällig. Horchten, ob einer was Falsches sagt. Lauerten auf Leute wie uns, die auf den Fahndungslisten stehen. Wir haben die Köpfe eingezogen und die Kapuzen ins Gesicht gedrückt.

Nach ein paar Minuten ist die SS aufmarschiert. Als ich sie gesehen hab mit ihren Maschinenpistolen, da wusste ich, dass alles, worauf ich gehofft hatte, vergebens war. Insgeheim hatte ich mit dem Gedanken gespielt, meinen Bruder zu befreien. Aber es war sinnlos. Alles, was ich an Waffen besaß, waren ein altes Messer und einer von unseren primitiven Molotowcocktails.

Meine Mutter hat sich umgedreht, als würde sie mich suchen. Ängstlich und verzweifelt hat sie ausgesehen. Hilflos. Ohne dass ich’s eigentlich wollte, hab ich die Hand in die Tasche geschoben und das Messer umklammert. Vielleicht sollte ich gehen, hab ich noch gedacht. Jetzt sofort – bevor es zu spät ist.

Aber dann war auch schon der Lastwagen mit den Gefangenen da. Sie haben auf der offenen Ladefläche gesessen, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Auch Horst war dabei. Er trug seine SS-Uniform, aber die Rangabzeichen, auf die er früher so stolz gewesen ist, waren runtergerissen. Zusammen mit den anderen haben sie ihn zum Galgen gezerrt. Er ist mit gesenktem Kopf auf den Balken gestiegen. Während ihm einer der SS-Männer die Schlinge um den Hals gelegt hat, hat er mit leerem Blick vor sich hin gestarrt.

Gleich darauf hat ein Gestapomann den Hinrichtungsbefehl verlesen. Ich hab nichts davon mitbekommen. Hab nur Horst gesehen. Meinen Bruder! Der früher immer so stark gewesen war. Den ich bewundert hatte. Jetzt lag der Strick um seinen Hals. Doch in dem Moment, als ich ihn angesehen hab, hat er plötzlich den Kopf gehoben. So, als wenn er mich suchen würde.

Ich hab das Messer losgelassen und den Molotowcocktail gepackt. Hab gedacht: Wenn ich es schaffe, ihn zu entzünden und so zu werfen, dass er unter den SS-Leuten hochgeht? Wenn sie in Panik geraten? Vielleicht könnte ich Horst in dem Tumult befreien, und dann würden wir …

Aber noch bevor ich dazu kam, etwas zu tun, ist Tom bei mir gewesen. Er muss mich beobachtet haben. Wahrscheinlich hat er geahnt, was ich vorhatte. Er hat meine Hand gepackt und mich festgehalten.

Ich bin zusammengesackt und hab die Augen geschlossen. Er hatte recht. Ich wusste es ja selbst, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ein paar Sekunden standen wir so, dann ging ein Raunen durch die Menge. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, warum: Die SS hatte mit der Hinrichtung begonnen. Die Stricke wurden mit einem Ruck stramm gezogen, die Gefangenen verloren den Halt auf dem Balken und strampelten im Todeskampf in der Luft. Bei jedem das gleiche grausige Schauspiel.

Als ich die Augen wieder aufgemacht hab, hat Horst noch dagestanden. Aber sein Nebenmann wurde gerade in die Höhe gezogen, er würde der Nächste sein. Ich konnte den Anblick nicht ertragen und hab versucht, mich von Tom zu befreien. Da ist von der anderen Seite Flint gekommen. Er hat mich gepackt, mir die Hand vor den Mund gehalten und Tom zugenickt. Dann haben sie mich weggeschleppt.

Über die Köpfe der Leute hab ich gesehen, wie mein Bruder in die Höhe gerissen wurde. Und ich hab den Schrei meiner Mutter gehört. Hab mich aufgebäumt, wollte mich von Tom und Flint losreißen. Aber sie haben mich weiter festgehalten und davongezerrt, bevor einer auf uns aufmerksam wurde.

Irgendwann hab ich aufgehört, mich zu wehren. Horst war tot, weil er uns gerettet hatte. Es war, als wäre ein Teil von mir dort gestorben.

 

Alles begann damit, dass ich jemanden nicht gehen ließ. Ob er auch von sich aus geblieben wäre? Wahrscheinlich nicht. Er war zu scheu dafür.

Es war vor zwei Monaten. Ich stand am Grab meines Großvaters, der kurz zuvor gestorben war. Der Himmel war kahl und grau, überall fielen die letzten Blätter von den Bäumen. Ich stand da und vermisste ihn, wie ich ihn auch jetzt noch vermisse. Ich bin oft zu ihm gegangen – damals. Wenn es etwas gab, womit ich nicht zurechtkam. Er war so gelassen. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Egal, was mir auf dem Herzen lag: Wenn ich es mit ihm besprach, hatte ich nach einer Weile das Gefühl, es sei klein und unwichtig und hätte eigentlich gar keine Bedeutung.

Es wurde allmählich dunkel, ich wollte gehen. Da fiel mir, ein Stück entfernt, vor einem der anderen Gräber, dieser alte Mann auf. Er hatte nichts Besonderes an sich. Aber ich war schon letzte und vorletzte Woche hier gewesen, und jedes Mal hatte ich ihn genau dort an dieser Stelle gesehen. Ich betrachtete ihn genauer und konnte erkennen, dass er die Lippen bewegte, so als spräche er mit jemandem – aber es war niemand in der Nähe. Da war nur der Grabstein vor seinen Füßen.

Und noch etwas bemerkte ich. In regelmäßigen Abständen sah er zu mir herüber. Die anderen Leute beachtete er nicht. Wenn er den Kopf hob, sah er immer nur zu mir, zu niemandem sonst. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Es war mir unheimlich.

Nach einiger Zeit wandte er sich ab und ging. Während ich ihm nachsah, hatte ich mit einem Mal das Gefühl, ihn wegen seines Verhaltens zur Rede stellen zu müssen. Normalerweise bin ich nicht so, aber an dem Tag hatte ich dieses Bedürfnis, und bevor es nachließ, war ich ihm schon hinterhergelaufen. Es war ein gutes Stück bis zu dem Grab, vor dem er gestanden hatte, aber da er sehr langsam ging, mit kleinen, vorsichtig tastenden Schritten, war er noch nicht weit gekommen, als ich dort anlangte.

»Entschuldigen Sie!«, rief ich ihm nach.

Er blieb stehen und drehte sich um.

»Entschuldigen Sie«, sagte ich noch einmal. »Könnte es sein, dass wir uns kennen?«

Er sah mich unsicher an. »Nein. Ich – ich glaube nicht.«

»Es ist nur, weil – Sie haben andauernd zu mir herübergesehen. Da dachte ich, vielleicht kennen wir uns ja, und ich habe Sie nur nicht erkannt.«

»Oh!« Was ich sagte, schien ihn verlegen zu machen. »Dir ist das also aufgefallen?«

»Na ja, was heißt aufgefallen? Es war so ein Gedanke.«

Er kam zögernd näher. »Ja, du hast recht, ich habe über dich nachgedacht. Ich habe mich gefragt, was so ein junger Mensch wie du wohl hier tut. Immerhin sehe ich dich nun schon zum dritten Mal. Du solltest – ich weiß nicht – Fußball spielen oder so.«

Das war es also, er hatte sich nur über mich gewundert. Oder gab es da noch etwas anderes? Als ich ihn ansah, wurde ich den Eindruck nicht los, dass er mir nur die halbe Wahrheit erzählt hatte. Er schaute zur Seite und wandte sich um, als wollte er gehen, tat es dann aber doch nicht. Ein peinliches Schweigen entstand. Bevor es zu lange anhielt, zeigte ich auf das Grab, vor dem wir standen.

»Ist das – ein Verwandter von Ihnen?«

»Ja«, sagte er. »Mein Bruder. Heute ist sein 67. Todestag.«

Ich sah mir den Grabstein genauer an. »Horst Gerlach« stand da. Und darunter: »18. 2. 1925–24. 11. 1944«. Dann fiel es mir ein. Heute war ja der 24. November!

»Ist er im Krieg gefallen?«, fragte ich.

»Nein. Er ist ermordet worden.«

Es hörte sich seltsam an, wie er das sagte. Ich überlegte, ob nicht im Krieg irgendwie alle »ermordet« worden waren – jedenfalls auf die eine oder andere Weise.

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte er, als ich nicht reagierte. »Aber vielleicht würde sie dich interessieren. Gerade dich!«

Ich hörte nur mit halbem Ohr hin. Vor dem Stein seines Bruders standen drei rote Grablichter, die alle brannten, und daneben lagen Blumen. Weiße Blumen.

»Wenn du sie hören willst, erzähle ich sie dir«, fuhr er fort. »Was meinst du? Du könntest mich besuchen.«

Ich stutzte. Sein Vorschlag kam überraschend. Wir kannten uns nicht. Warum bot er mir an, ihn zu besuchen? Ich muss ihn ziemlich erstaunt angesehen haben, denn er zuckte zusammen.

»Nein«, sagte er schnell. »Nein, das war dumm von mir. Vergiss es bitte, ja?«

Im nächsten Moment drehte er sich um und ging. Das hatte ich nicht beabsichtigt. Ich hob die Hand und wollte ihm nachrufen – aber da war dieses plötzliche Gefühl, das mich ihm eben noch hatte hinterherlaufen lassen, bereits wieder erloschen. Ich sah ihm nur nach, bis er verschwunden war, und ging ebenfalls.

Auf dem Nachhauseweg ließ mich eine Sache nicht mehr los. Er hatte es so auffällig betont. Was hatte er damit gemeint – diese Geschichte könnte gerade mich interessieren?

12. März 1941

Es ist endlich passiert. Seit Monaten hat es sich aufgestaut, und heute war der große Knall. Tom und ich und die anderen sind in der HJ mit Morken und seinen Leuten aneinandergeraten, und es hat ’ne Prügelei gegeben, die in halb Köln zu hören war. Ich bin immer noch grün und blau. Macht aber nichts: Morkens Leute sehen schlimmer aus.

Angekündigt hat es sich seit langem. Seit über einem Jahr. Seit der Krieg ausgebrochen ist. Damals sind viele von den älteren HJ-Führern freiwillig zur Wehrmacht gegangen. Seitdem werden wir von Jungzugführern rumkommandiert, die gerade mal 14 oder 15 sind, kaum älter als wir. Kommen alle vom Gymnasium. Dass in der HJ jeder gleich behandelt wird und die gleichen Chancen hat, ist nämlich ’n Märchen. Das kapiert man schnell. Keiner käm auf die Idee, einen von uns Arbeiterjungs aus der Klarastraße zum Jungzugführer zu machen. Am Ende nehmen sie doch immer die Typen von der höheren Schule, mit den reichen Vätern.

Die verachten uns. In ihren Augen sind wir »Krade«, Abschaum, von dem man sich fernhält. Und deshalb quälen sie uns in der HJ bis aufs Blut. Der Schlimmste von ihnen ist Morken, Sohn von irgend ’nem Fabrikanten mit dem richtigen Parteibuch. Er ist seit ein paar Monaten unser Jungzugführer und spielt sich auf wie ’n kleiner General. Lässt uns stundenlang strammstehen und im Regen durch den Matsch robben. Auf den Schulungsabenden müssen wir Aufsätze vortragen, und er macht sich mit seinen Spießgesellen über unsere Dummheit lustig. Sie lassen keine Gelegenheit aus, uns zu beweisen, dass sie was Besseres sind.

Deshalb ist der Dienst in der HJ inzwischen zum Kotzen. Früher, vor dem Krieg, war’s besser. Aber jetzt: marschieren, antreten, exerzieren, noch mal antreten und wieder marschieren. Immer das Gleiche. Und wenn einer was falsch macht oder zu spät kommt, muss er strafexerzieren, wie beim Militär. Ständig fallen Morken neue Gemeinheiten ein. Und sie treffen natürlich immer uns, nie seine Leute.

»Soldatische Tugenden« sollen wir lernen. Aber das ist echt das Letzte, was Tom und ich und die anderen Jungs aus unserer Gegend wollen. Unser ganzes Leben ist schon Drill und Gehorsam. Wir kennen gar nichts anderes: erst in der Familie, dann in der Schule, am Ende im Betrieb. Überall werden wir rumkommandiert und durch die Gegend geschubst. Wir brauchen wirklich nicht noch mehr davon.

Am schlimmsten ist das Gerede vom »Heldentod«. Mein Vater ist letztes Jahr gefallen. Morkens Alter ist gar nicht im Krieg, und die von den anderen Gymnasiasten auch nicht. Die wissen, wie sie sich drücken können. Und dann kommt Morken an den Schulungsabenden daher und schwafelt, es gäb nichts Schöneres, als für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod zu sterben. Und dabei diese spöttischen Blicke! Ich bin immer kurz davor, ihm an die Gurgel zu springen.

Jedenfalls hab ich vor ’n paar Wochen angefangen, den Dienst zu schwänzen. Und weil Tom und ich immer alles zusammen machen, schwänzt er gleich mit. Wir haben uns immer neue Ausreden einfallen lassen, warum wir nicht kommen können. Alle wissen natürlich, dass sie erstunken und erlogen sind. Morken hat sich schwarzgeärgert, weil er seine Lieblingsopfer nicht mehr quälen kann.

Vor ein paar Tagen ist ’ne schriftliche Mahnung gekommen. Wenn wir nicht sofort wieder erscheinen, müssten wir mit »ernsten Konsequenzen« rechnen. Weil uns keine neue Ausrede mehr eingefallen ist, sind wir also heute hingegangen.

Darauf hat Morken nur gewartet. Er war so richtig in seinem Element. Hat uns befohlen, als Strafe für unsere Schwänzerei durch den Schneematsch zu robben. Aber wir hatten uns vorgenommen, wir machen uns auf keinen Fall lächerlich. Also haben wir Nein gesagt.

Morken war sprachlos. Es gibt nichts Schlimmeres in der HJ als Befehlsverweigerung. Man kann seine eigene Mutter umbringen, aber bloß keinen Befehl verweigern. Er hat’s noch mal gesagt, aber wir haben’s wieder nicht getan. Da hat er Hordenkeile angeordnet. Der ganze Jungzug sollte über Tom und mich herfallen und uns verprügeln. Eigentlich ist das verboten, aber ab und zu wird’s trotzdem gemacht.

Nur hat sich die Sache nicht so entwickelt, wie Morken es wollte. Die Jungs aus unserer Straße haben sich nämlich gegen ihn gestellt. Und deshalb hat es keine Hordenkeile gegeben, sondern ’ne wüste Schlägerei zwischen der »Krade« und Morkens Leuten. Der ganze aufgestaute Hass hat sich entladen. Keiner hat mehr an die HJ oder an Dienstränge oder Befehle oder sonst was gedacht.

Rache kann verdammt süß sein. Wir haben einfach das getan, was wir schon seit Monaten tun wollten.

15. März 1941

Heute mussten Tom und ich beim Jungstammführer antreten. Wegen der Sache am Mittwoch. Klar, dass sie so was in der HJ nicht einfach hinnehmen. Vor allem, weil es sich längst rumgesprochen hat.

Als wir angekommen sind, ist Morken schon da gewesen. Hat erzählt, wie’s zu der Sache gekommen ist. Natürlich in den buntesten Farben. Man hätte meinen können, Tom und ich wären Schwerverbrecher. Mindestens Doppelmord oder so was. Danach haben wir selbst was sagen dürfen. Besondere Mühe haben wir uns dabei allerdings nicht gegeben. Weil uns ja sowieso keiner glaubt.

Der Jungstammführer, so ein komischer blasser Typ, zwei oder drei Jahre älter als wir, hat sich alles angehört. Es wirkte, als wenn er am liebsten kein Aufsehen will. Wahrscheinlich, weil ihm die Sache mit der Hordenkeile peinlich war. Jedenfalls hat er am Ende entschieden, wir sollten uns bei Morken und unserem Jungzug offiziell entschuldigen. Damit wär die Sache erledigt.

Tom und ich, wir haben uns angeguckt und hatten beide den gleichen Gedanken. Bei Morken entschuldigen? Niemals! Nur über unsere Leiche! Also haben wir uns geweigert.

Der Jungstammführer, der wahrscheinlich glaubt, er wär besonders milde zu uns gewesen, hat seinen Ohren nicht getraut. Er hat sich vor uns aufgebaut und uns ein paar geknallt. Aber das hat uns in unserer Meinung nur bestärkt. Wir sind stur geblieben. Schließlich hat er uns rausgeworfen, allerdings mit der Ankündigung, er würd sich noch ’ne ganz besondere »Spezialbehandlung« für uns überlegen.

Als wir nach Hause gegangen sind, haben wir uns überboten mit Vorschlägen, was wir mit Morken anstellen, wenn er uns auf der Straße begegnet. Ihn den Gehsteig vom Schneematsch freilecken lassen? Teeren und federn? Seine Füße einbetonieren und ihn in der Kanalisation versenken? Na, zum Glück hat er sich nicht blicken lassen.

30. März 1941

Das war’s. Aus und vorbei. HJ ade! Jetzt gibt’s für Tom und mich kein Zurück mehr.

Seit wir beim Jungstammführer waren, haben wir ein paar »allerletzte« Aufforderungen bekommen, wieder zum Dienst zu erscheinen. Aber wir haben uns nicht daran gehalten. Stattdessen haben wir uns geschworen, nie wieder zur HJ zurückzugehen. Nie mehr durch den Matsch zu kriechen und uns von Typen wie Morken oder sonst wem rumkommandieren zu lassen. Egal, was sie mit uns anstellen.

Heute, am letzten Märzsonntag, ist die »Verpflichtung der Jugend«. Nach vier Jahren im Jungvolk werden die Junggenossen in die »große« HJ aufgenommen. Stehen da mit ihren Fackeln und hören sich tausend Reden an. Tom und ich müssten eigentlich auch hin. Aber wir wollen nicht mehr.

Klar haben wir ein schlechtes Gefühl dabei. Alle erzählen, man kriegt tierischen Ärger, wenn man aus der HJ austritt. Aber wer weiß, vielleicht ist es nur Gerede. Vielleicht wollen sie einem nur Angst machen, und am Ende ist es gar nicht so schlimm. Denn was sollen sie schon tun? Umbringen können sie uns nicht, für den Krieg sind wir noch zu jung, zum Wegnehmen haben wir nichts, und an Ohrfeigen sind wir gewöhnt.

Also: Was bleibt da noch?

3. April 1941

Gestern ist unser letzter Schultag gewesen. Acht Jahre Volksschule sind vorbei. Tom und ich sind jetzt 14. Alt genug, Führer, Volk und Vaterland als fleißige Arbeitskräfte zu dienen.

Ich bin froh, aus der Schule raus zu sein, Tom geht’s genauso. Was vor allem an Kriechbaum liegt. Er ist sieben Jahre unser Klassenlehrer gewesen. Am Anfang haben wir noch ’n anderen gehabt. Den konnten wir gut leiden, er war nicht so verbissen. Aber irgendwann war er weg, und dann ist Kriechbaum gekommen. Das muss 34 oder so gewesen sein.

Unter ihm ist alles anders geworden. Gleich als erste Aufgabe mussten wir den Lebenslauf des Führers auswendig lernen. Und danach mussten wir jeden Morgen strammstehen und »Heil Hitler!« brüllen.

Zuerst haben wir das nicht so ernst genommen, fanden’s eher komisch, aber da waren wir bei Kriechbaum an der falschen Adresse. Eines Mittags hat er uns nach der letzten Stunde antreten lassen, und jeder musste den Gruß vorführen. Nur wer’s ordentlich gemacht hat, durfte gehen. Alle anderen mussten’s noch mal machen. Tom und ich haben zehn Versuche oder so gebraucht, bis wir endlich raus durften. Aber zwei andere Jungs aus unserer Straße, denen ihre Eltern den Hitlergruß verboten hatten, sind stur geblieben. Kriechbaum konnte machen, was er wollte, sie sind einfach dagestanden und haben die Klappe gehalten.

Wahrscheinlich hätten wir drüber gelacht, wenn das Ganze nicht so üble Folgen gehabt hätte. Von da an hat Kriechbaum nämlich mindestens einmal in der Woche »die aus der Klarastraße«, also auch Tom und mich, nach vorn geholt und uns vor der ganzen Klasse verprügelt. Ob’s dafür ’n Anlass gegeben hat oder nicht, ist ihm egal gewesen. Er hat’s einfach getan. Wir konnten die Uhr danach stellen.

Nicht, dass es neu für uns gewesen wär, verprügelt zu werden. Das haben unsere Väter auch gemacht. Aber die hatten wenigstens ’n Grund – oder bemühten sich, einen zu haben. Kriechbaum hat’s nur getan, weil wir aus den dummen Arbeiterfamilien in der Klarastraße kamen, die nicht mal den Hitlergruß kennen. Das ist alles. Wir haben ihn gehasst. Und am Ende haben wir die ganze Schule nicht mehr leiden können.

Aber jetzt sind wir den Kerl los. Ist ein gutes Gefühl. Kein Kriechbaum mehr! Kein Morken mehr! Kein ewiges Durchprügeln, kein dummes Exerzieren. Manchmal gibt’s Tage, da fühlt man sich frei und leicht. Heute ist so einer.

1. Mai 1941

Tag der Arbeit! Ist ja wohl ’n schlechter Witz! Seit drei Wochen lauf ich mir die Hacken ab von einer Fabrik zur nächsten und finde nichts. Muss nämlich dringend Geld ranschaffen. Seit mein Vater gefallen und Horst auf dieser Schule in Bayern ist, herrscht Ebbe in der Kasse. Wir haben überall Schulden, können kaum noch die Miete bezahlen. Bei Tom und seiner Mutter sieht’s genauso aus. Deshalb versuchen wir verzweifelt, irgendwo unterzukommen.

Das Problem ist nur: Keiner will uns. Alle anderen aus unserer Klasse haben längst ihre Lehrstelle gefunden. Das heißt – alle, die in der HJ sind. Ist schon auffällig. Egal, wo wir hinkommen, können wir gleich wieder gehen. Die reden nicht mal mit uns. Als ob wir die Seuche hätten oder so. Langsam wird uns die Sache klar: Das ist es also, was sie mit dem »Ärger« gemeint haben.

Meine Mutter ist sauer. An den letzten Tagen hat sie die Fabriken, die mich nicht wollten, noch mal abgeklappert. Hat gesagt, ihr Mann ist schon im Dienst fürs Vaterland gestorben, und jetzt dürfen sie ihrem Sohn nicht auch noch Steine in den Weg legen. Dass sie das nicht hinnimmt und wir verdammt noch mal ’ne anständige Behandlung verdient haben. Ist ganz schön mutig von ihr. Aber Erfolg hat’s keinen gehabt.

Deswegen sind wir allmählich ziemlich fertig. Was, wenn es so weitergeht? Wenn ich wirklich nichts finde? Was wird dann aus uns?

9. Mai 1941

Auf einmal ist es ganz schnell gegangen mit der Lehrstelle. Ausgerechnet bei Ostermann & Flüs. Wo mein Vater auch war, damals, vor dem Krieg. Schiffspropeller stellen sie her. »Die größten Schiffspropeller der Welt«, wie mein Vater immer gesagt hat. Sie sind hier in Ehrenfeld am Grünerweg, nicht weit von unserer Wohnung.

Ein paar alte Kollegen von meinem Vater müssen ein gutes Wort für mich eingelegt haben. Jedenfalls durfte ich heute Morgen zum Personalleiter kommen, um meinen Vertrag zu unterschreiben. Ich hatte gute Laune, weil’s endlich so weit war. Aber als ich zu ihm rein bin, hat sich das schnell wieder gelegt. Er hat mich angesehen, dass mir ganz anders wurde, und ich hab gleich gemerkt, bei dem muss ich vorsichtig sein.

Erst hat er mich einfach vor seinem Schreibtisch stehen lassen. Hat so getan, als wär ich nicht da, und die ganze Zeit in seinen Papieren gekritzelt. Aber dann, nach zehn Minuten oder so, hat er sich zurückgelehnt und mich von oben bis unten gemustert.

»Weißt du, warum wir dich nehmen, Gerlach?«

»Nein. Eigentlich nicht.«

»Dachte ich mir, dass deine Intelligenz dafür nicht ausreicht. Also, ich sag’s dir: Wir nehmen dich, weil dein Vater hier gearbeitet hat. Und zwar gut und zuverlässig. Viele Jahre lang. Das ist der einzige Grund. Mit dir hat das nichts zu tun, kapiert?«

»Ja, hab ich.«

»Na, hoffentlich. Ich sag dir nur eins: Wenn dir irgendwas an deinem Vater liegt, dann streng dich verflucht noch mal an und mach ihm keine Schande.« Er hat mich angesehen und den Kopf geschüttelt. »Verdammte Scheiße, wie ist der Mann nur zu ’nem Saukerl wie dir gekommen? Hätte wirklich was Besseres verdient!«

Ich hab lieber nichts dazu gesagt. Er ließ mich schwitzen und blätterte in seinen Unterlagen. Dann sah er wieder hoch.

»Weißt du, warum ich dich Saukerl genannt habe?«

»Nein.«

»Natürlich nicht! Du weißt ja nicht mal deinen Namen. Also, ich sag’s dir: Du bist ein Saukerl, weil du nicht mehr in der HJ bist. Und warum bist du das nicht?«

»Na ja, es gab Ärger, und –«

»Halt dein blödes Maul, oder ich werf dich raus und du kannst sehen, wo du bleibst! Glaub bloß nicht, dass du dir alles erlauben kannst, nur weil dein Vater hier war! Und merk dir eins: Es gab keinen Ärger. Du hast Ärger gemacht! War es nicht so?«

Ich war froh, dass sie mich nehmen wollten, und hatte mir vorgenommen, ’n guten Eindruck zu machen. Also hab ich ihm zugestimmt.

»Ja, ich hab Ärger gemacht.«

»Wie war das? Geht’s vielleicht etwas lauter?«

»JA, ICH HAB ÄRGER GEMACHT!«

Er schlug mit der Hand auf den Tisch, dass es knallte. »Was fällt dir ein, hier rumzuschreien? Pass auf, dass ich dir nicht gleich eine scheure!«

Wieder ließ er mich stehen und kritzelte in seinen Papieren. Dann hat er eins davon genommen und es mir hingeknallt.

»Hier, unterschreib deinen Vertrag, Dummkopf!«

Das hab ich mir nicht zweimal sagen lassen. Kaum war ich fertig, hat er mir das Papier wieder aus der Hand gerissen.

»Mann, ich weiß wirklich nicht, warum wir uns mit Typen wie dir so viel Mühe geben! Jetzt hau ab und meld dich in der Gießerei. Und wehe, ich krieg dich hier oben noch mal zu sehen, dann landest du in der Scheiße!«

Dass man als Lehrling nicht viel gilt, hab ich ja schon vorher gewusst. Trotzdem, so schlimm hätte ich’s mir doch nicht vorgestellt. Aber egal! Hauptsache, ich hab meinen Vertrag und verdien mein eigenes Geld, auch wenn’s nicht viel ist. Als ich heute durch die Straßen gegangen bin, ist es mir vorgekommen, als würden die Leute mich ganz anders ansehen. Ist bestimmt Blödsinn, aber – das Gefühl ist gut.

14. Mai 1941

Meine ersten Lehrlingstage sind vorbei. Manche von den Ausbildern behandeln mich wie ’n alten Putzlappen, aber viele von den Arbeitern sind nett. Vor allem die, die meinen Vater gekannt haben. Bei denen hab ich ’n Stein im Brett, die mögen mich. Sie sagen immer, ich erinnere sie an ihn. Ist vielleicht nur so ein Spruch, aber vielleicht auch nicht. Jedenfalls hör ich’s ganz gern. Und die anderen können mir gestohlen bleiben.

Einer von den älteren Arbeitern, der ein Freund von meinem Vater war, kümmert sich so ein bisschen um mich. Heute hat er mir in der Mittagspause erzählt, wegen der Lehrstelle hätte ich mir eigentlich keine Sorgen machen müssen. Die HJ würd Leuten wie mir nur ’n Denkzettel verpassen. Uns zappeln lassen, damit wir zur Vernunft kommen. Auf Dauer könnten sie im Krieg gar nicht auf uns verzichten in den Betrieben. Natürlich hat er’s nur heimlich erzählt.

Die Arbeit ist ganz schön hart und dauert länger, als sie eigentlich soll. Heute bin ich erst rausgekommen, als es schon dunkel war. Ich geh dann immer die Vogelsangerstraße runter und über den Neptunplatz, am Schwimmbad vorbei. Normalerweise ist da um die Zeit nichts mehr los, aber heute war’s anders. ’ne Gruppe von Jugendlichen hat da rumgehangen, ungefähr so alt wie ich oder ein bisschen älter. Haben ziemlichen Lärm gemacht. Fast so, als würd der ganze Platz ihnen gehören. Ich bin stehen geblieben und hab sie aus der Ferne beobachtet. Und dann ist mir eingefallen, dass ich damals bei der HJ schon von Leuten wie denen gehört hab.

Die Streifendienstler haben davon erzählt. Seit letztem Jahr haben die gut zu tun, weil Jugendliche ja im Dunkeln nicht mehr raus dürfen, und die Streifendienstleute müssen’s überprüfen. Dürfen sich die Ausweise zeigen lassen und Leute festnehmen. Jedenfalls haben sie uns Jüngeren gegenüber immer große Reden geschwungen. Von wegen, was letzte Nacht los war und was für Heldentaten sie begangen haben. Dass sie wieder irgendein »lichtscheues Gesindel«, irgendeinen »Dreck« oder »Abschaum« von der Straße gekratzt und vertrieben haben.

Tom und ich, wir haben uns damals gefragt, warum sie das lichtscheue Gesindel eigentlich jede Woche neu vertreiben müssen. Und warum sie danach manchmal so geschwollene Gesichter haben. Und dann haben uns ein paar Jungs hinter vorgehaltener Hand erzählt, sie hätten ganz andere Geschichten gehört. Angeblich wären die Streifendienstler bei uns in Ehrenfeld schon mal richtig verprügelt worden. Deswegen kämen sie nachts gar nicht mehr her. Und die Typen, die das getan haben, würden sich unglaubliche Sachen trauen.

Zum Beispiel machen sie sich über das Fahnenlied lustig. Unser heiliges Fahnenlied von der HJ! Singen nicht »Unsre Fahne flattert uns voran, in die Zukunft ziehn wir Mann für Mann«, sondern »Unser Baldur flattert uns voran, unser Baldur ist ein dicker Mann«. Damit ist natürlich unser ehemaliger Reichsjugendführer gemeint, Baldur von Schirach. Den nennen sie – und das haben die Jungs, die’s uns erzählt haben, wirklich nur geflüstert – »Baldur von Riecharsch«. Tom und ich, wir haben nicht gewusst, ob wir das glauben sollen. Wer so was in der HJ gewagt hätte, den hätten sie halb totgeprügelt dafür.

Jedenfalls frag ich mich, ob die Typen am Neptunbad diese Leute sein könnten. Laut genug sind sie dafür. Und aussehen tun sie auch so, wie’s die Streifendienstler damals gesagt haben. Ich möcht’s wirklich zu gerne wissen!

16. Mai 1941

Tom hat inzwischen auch seinen Lehrlingsvertrag unterschrieben, fast am selben Tag wie ich. Er lernt Kesselschmied bei Klöckner-Humboldt-Deutz, drüben auf der anderen Rheinseite. Ich hab ihm von der Sache am Neptunbad erzählt, und nach der Arbeit sind wir heute zusammen hin. Wir haben uns in der Gegend rumgedrückt und gewartet. Und tatsächlich! Als es dunkel war, sind diese Typen wieder aufgetaucht. Fast wie Gespenster, wir haben sie gar nicht kommen sehen.

Zuerst haben wir uns nicht rangetraut. Aber dann wollten wir unbedingt wissen, was die eigentlich machen und worüber sie reden. Also sind wir hingeschlichen. Immer in Deckung, sodass sie nichts merken. Aber ich glaub, die haben uns von Anfang an gesehen und sich über uns lustig gemacht. Und wir haben nichts davon mitgekriegt!

Jedenfalls sind wir ihnen richtig in die Falle getappt. Wir haben uns zu ’ner Mauer in ihrer Nähe geschlichen, hinter der wir liegen und sie belauschen konnten. Sie haben die ganze Zeit laut geredet – allerdings nur, um uns abzulenken, wie uns bald klar geworden ist. Auf die Weise haben wir nämlich nur nach vorne gesehen und nicht darauf geachtet, was hinter uns passiert.

Und genau von da ist auf einmal diese Stimme gekommen: »Was die beiden Tierchen wohl hier zu suchen haben? Was glaubst du, Kralle?«

»Hm! Spionieren vielleicht?«, hat eine zweite Stimme geantwortet, tiefer und dumpfer als die erste.

»Spionieren?«, hat die erste wieder gesagt. »Am Ende für die HJ, was? Das wär aber schlimm für sie. Dann müssten wir ihnen ja furchtbar die Ohren langziehen!«

Wir sind erschrocken hochgefahren. Zwei von ihnen haben direkt hinter uns gestanden. Die hatten sich rangeschlichen und uns die ganze Zeit beobachtet – während wir dachten, wir beobachten sie. Der eine, der als Erster gesprochen hat, ist so ein düsterer Typ gewesen. Ganz schwarze Haare, die ihm wirr in die Stirn fielen. Und Augen wie Kohlen. Mit ’nem Blick, der einem durch und durch geht. Ich hab richtig ’n bisschen Angst vor ihm gehabt. Der andere war so ein großer, kräftiger Kerl mit Händen wie Kohlenschaufeln.

Es hat nicht lang gedauert, da sind auch die anderen da gewesen. Sie standen alle um uns rum und haben uns angestarrt, halb grinsend und halb feindselig. Wir haben uns mit dem Rücken an die Mauer gedrückt, mir war verdammt mulmig zumute.

»Hey, den da kenn ich!«, hat einer von ihnen gesagt und auf mich gezeigt. »Der ist schon mal hier rumscharwenzelt.«

Der Düstere ist noch ein Stück nähergekommen. »Tja, schlechte Karten, Jungs«, hat er gesagt. »Gebt am besten gleich zu, dass der Streifendienst euch schickt. Dann machen wir’s mit der Haue nicht so schlimm.«

Mir ist fast das Herz in die Hose gerutscht, ich wusste nicht, was ich machen soll. Zum Glück war Tom mutiger. Er hat gesagt: »Wir sind nicht bei der HJ. Mit dem Verein sind wir fertig.«

Da sind sie neugierig geworden. Der Düstere hat sich vor uns hingehockt und gesagt: »Dann lasst mal hören, Jungs. Aber wenn ihr aus der Sache ohne blutige Nasen rauskommen wollt, sollte es ’ne verdammt gute Geschichte sein.«

Also haben wir alles erzählt, mit Morken und der Schlägerei und dem Jungstammführer und dass wir nicht mehr zur Verpflichtung der Jugend sind und überhaupt alles.

Danach ist es erst mal ruhig gewesen. Dann ist einer von ihnen, so ein langer Typ, einen Kopf größer als die anderen, zu dem Düsteren hin und hat sich neben ihn gehockt.

»Was hältst du davon, Flint?«, hat er gesagt.

Der Düstere hat mir in die Augen gesehen. Ich hab versucht, seinen Blick auszuhalten, hab’s aber nicht geschafft. Irgendwann musste ich weggucken.

»Bin mir nicht sicher«, hat er gesagt. »Könnte stimmen. Das mit der Prügelei hab ich schon irgendwo gehört. Könnte aber auch erfunden sein.«

Tom und ich, wir haben dagesessen wie zwei Angeklagte, die auf ihr Urteil warten. Aber dann war da auf einmal ’ne neue Stimme, heller als die anderen.

»Ich kenn die beiden«, hat sie gesagt. »Die sind aus der Klarastraße.«

Wir haben uns umgedreht. Ein Mädchen! Bis dahin war uns gar nicht aufgefallen, dass Mädchen dabei sind. Vielleicht war sie auch gerade erst dazugekommen. Jedenfalls war das ziemlich ungewohnt für uns. In der HJ haben wir mit denen vom BDM ja nie viel zu tun gehabt, und in der Schule waren wir auch immer unter uns. Ich glaub, wir haben sie mit offenen Mündern angestarrt.

»Klarastraße?«, hat der Düstere gesagt. »Edle Herkunft. Immer schön von Kriechbaum verprügelt worden, was?«

Wir haben gesagt, ja, jede Woche, und dann gab’s Gelächter. Die Spannung war weg, und ich hab gedacht: Na also! Da ist sogar der alte Kriechbaum mal für was gut.

»Kennst du sie näher?«, hat der Düstere das Mädchen gefragt.

»Nein. Aber ich glaub, die sind in Ordnung.«

»Ach, Tilly! Du bist einfach zu gutmütig. Wenn’s nach dir ging, wär die halbe HJ in Ordnung.«

Aber irgendwie muss er ihr doch geglaubt haben, denn gleich darauf hat er zu uns gesagt: »Mal angenommen, ihr seid wirklich keine Spione. Was wollt ihr dann hier?«

Wir haben uns angesehen. Tom hat nichts gesagt. Diesmal war ich an der Reihe. »Bei euch mitmachen wollen wir«, hab ich gesagt. Ohne groß drüber nachzudenken. Es ist einfach aus mir rausgeplatzt.

Der Düstere hat überlegt. Dann wollte er alles Mögliche wissen. Wie wir heißen, wer unsere Eltern sind, wo wir arbeiten und so. Wir haben alles beantwortet, so gut wir konnten. Er ist aufgestanden und hat sich mit den anderen beraten, dann ist er wieder zu uns gekommen.

»Hört sich so weit ganz gut an«, hat er gesagt. »Aber wir müssen uns noch ’n bisschen über euch erkundigen. Kommt nächste Woche wieder. Gleicher Tag, gleiche Zeit. – Übrigens: Warum hängt ihr immer noch da unten rum? Wollt ihr nicht mal langsam wieder aufstehen?«

Eingeschüchtert, wie wir waren, haben wir immer noch mit dem Rücken an der Mauer gesessen. Jetzt sind wir natürlich aufgesprungen, alle haben über uns gelacht. War aber nicht weiter schlimm, wir mussten auch lachen. Kurz drauf haben wir uns verabschiedet und sind gegangen.

Tom wollte wissen, warum ich das gesagt hab: dass wir bei ihnen mitmachen wollen. Darüber hätten wir doch vorher gar nicht gesprochen. Womit er natürlich recht hatte. Ich hab nicht so richtig gewusst, was ich ihm antworten soll.

Jetzt hab ich noch mal drüber nachgedacht. Irgendwie gefallen mir diese Typen am Neptunbad. Sie senken ihre Stimme nicht, wenn sie reden. Sie sehen einem in die Augen und nicht zu Boden. Sie albern rum und haben Spaß dabei. Sie tragen bunte Klamotten, nicht das ewige Braun wie in der HJ, nicht wie die vielen grauen Mäuse, die über die Straße laufen. Sie wirken irgendwie ungezwungen und – frei. Ja, ich glaub, das ist das richtige Wort. Sie wirken frei.

Manchmal frag ich mich, was einer wie ich zu erwarten hat im Leben. Immer die gleiche stumpfsinnige Arbeit? Bloß nicht auffallen? Und dann die Wehrmacht, wo’s jeden Tag vorbei sein kann? Irgendwo muss es doch noch was anderes geben, was Besonderes, wofür es sich zu leben lohnt. Das ist der Grund, warum ich das mit dem Mitmachen gesagt hab. Ich werd’s Tom erzählen, wenn ich ihn morgen sehe.

23. Mai 1941

Die letzte Woche hab ich vor Spannung kaum ausgehalten. Bei Ostermann konnte ich mich überhaupt nicht auf die Arbeit konzentrieren und hab ziemlichen Mist gebaut. Außerdem hab ich mich ’n paarmal nicht mit »Heil Hitler!« abgemeldet, wenn ich aufs Klo musste. Deswegen war ich gestern beim Personalleiter, meinem besonderen Freund. Er hatte mich ja gewarnt, ich soll bloß nicht wieder bei ihm erscheinen, und hat mir erst mal links und rechts eine gescheuert. Dann hat er gesagt, beim nächsten Mal werfen sie mich raus.

Aber die anderen Arbeiter meinten, ich soll mir deswegen keinen Kopf machen. »Tun sie sowieso nicht«, hat einer von ihnen gesagt. »Schlimmstenfalls prügeln sie dich ordentlich durch und scheren dir den Kopf kahl.« Hat sich echt beruhigend angehört! Ich glaub, ich muss mich in Zukunft mal ’n bisschen zusammenreißen.

Heute Abend sind Tom und ich wieder am Neptunbad gewesen und haben die anderen getroffen. Flint hat gesagt, ihre Erkundigungen hätten nichts Schlimmes ergeben. Anscheinend wären wir alles in allem ganz in Ordnung. Auch die Geschichte von der HJ, die wir erzählt hatten, würd stimmen. Kurz, sie hätten noch mal drüber gesprochen und wollten uns aufnehmen.

»Moment, Moment!«, hat er aber gesagt, als wir aufgesprungen sind. »Erst müsst ihr noch eure Bewährungsprobe bestehen.«

»Was für ’ne Bewährungsprobe?«, haben wir gefragt.

»Och, nichts Großes. Ihr kommt mit auf unsere Pfingstfahrt.«

»Und wohin?«

»Erfahrt ihr früh genug. Jedenfalls kommt ihr mit. Und wenn ihr euch vernünftig anstellt«, er hat die anderen angesehen, und die haben sich weggedreht und gegrinst, »dann gehört ihr dazu. Einverstanden?«

Natürlich waren wir das. Wir würden zur Not auch zwanzig Pfingstfahrten mitmachen – was immer das sein soll.

»Na, bestens«, hat Flint gesagt. »Dann nur noch eins: In den Klamotten da nehmen wir euch nicht mit. Da muss schon was anderes an den Start, das ’n bisschen was hermacht, klar?«

Wir haben erst uns angesehen und dann ihn und die anderen. War nicht schwer zu erkennen, was er meint. Wir sehen aus wie brave HJler, die nur grade mal ihre Uniform ausgezogen haben. Er und die anderen dagegen sind echt schräge Vögel, mit karierten Hemden und bunten Halstüchern, Lederjacken und Gürteln mit riesigen Schnallen. Einige haben Riemen an den Handgelenken und witzige Hüte auf dem Kopf. Wir haben uns fast ein bisschen geschämt dafür, wie wir aussehen.

Als wir vom Neptunbad nach Hause gegangen sind, haben wir überlegt, wie wir auch an solche Klamotten kommen. Und was mit der Bewährungsprobe gemeint ist. Aber egal: Wir werden’s schon schaffen. Wir sind einfach nur froh, dass sie uns haben wollen.

27. Mai 1941

Flint hat Tom und mich gewarnt. Wir sollen nichts aufschreiben, was uns oder die anderen verraten kann. Keine Namen. Keine Orte. Nichts von unseren Treffpunkten und den Sachen, die wir tun. Er sagt, wenn die Nazis unsere Wohnungen durchsuchen, dürfen sie nichts finden, womit sie uns festnageln können.

Ich hab mit Tom drüber geredet. Eigentlich finden wir’s übertrieben. Warum sollen die unsere Wohnungen durchsuchen? Wir sind doch harmlos. Wir wollen nur ’n bisschen unsere Freiheit haben. In Ruhe gelassen werden. In den paar Stunden, die neben der Arbeit bleiben, nicht auch noch in der HJ Dienst schieben. Das ist alles. Wir tun keinem was.

Und außerdem: So viel ist passiert in letzter Zeit, ich muss es einfach aufschreiben!

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