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Dunkles Feuer

Vorwort

Die Idee zu meinem Debüt-Roman „Dunkles Feuer“ habe ich mit siebzehn Jahren entwickelt und einen großen Teil dieser Geschichte noch in meiner Teenager-Zeit verfasst.

Die Ihnen nun vorliegende Ausgabe habe ich an einigen Stellen inzwischen ein wenig überarbeitet, der Großteil entspricht jedoch noch dem Originaltext. Insbesondere habe ich an der ursprünglichen Romanidee und dem ursprünglich angedachten Ende festgehalten. Allerdings habe ich nun als ein besonderes Bonuskapitel ein alternatives Ende für den Roman verfasst, das mir aus heutiger Sicht angemessener erscheint. Sie können also selbst entscheiden, welches Ende Ihnen eher zusagt.

Ich bedanke mich für Ihr Verständnis und wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.

 Ihre Elvira Zeißler

Mai 2013

Prolog

„Ich habe Angst!“ Der schrille Schrei seiner Tochter ließ den Grafen Lerouge zusammenfahren. Erschrocken sprang er hoch und lief so schnell er konnte zu Annes Kammer. Er hatte die Tür schon fast erreicht, als er eine unbekannte Männerstimme hörte: „Du musst es tun, du musst!“ sagte der Mann beschwörend. „Nur so kannst du auf ewig bei mir sein. Jetzt spring!“

Ohne inne zu halten, riss der Graf die Tür auf und stürmte hinein.

Seine Tochter stand unsicher am offenen mannshohen Fenster. Ihre Augen waren panisch geweitet und ihre Hände so fest in den Fensterrahmen gekrallt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sir riss ihren wirren Blick von dem zwei Stockwerke unter ihr liegenden Hof und sah den fremden Mann an, der sich irgendwie Zutritt zu ihrem Zimmer verschafft haben musste.

„Jetzt tu es endlich!“ rief der Mann beschwörend, wobei er die Ungeduld in seiner Stimme nur mühsam unterdrücken konnte. „Dann kann uns nichts mehr trennen!“

Mit einem Schaudern erkannte der Graf, dass dieser unheimliche Fremde mit vor Erwartung glänzenden Augen nur darauf zu warten schien, dass seine Tochter sich aus dem Fenster stürzte.

Mit flatternden Haaren und völlig verstört wandte Anne sich wieder dem Fenster zu. „Liebster, ich komme!“, murmelte sie schließlich fieberhaft.

„Anne, nein!“ rief der Graf erschrocken und stürmte nach vorn. Gerade noch rechtzeitig schaffte er es, seine Tochter an der Taille zu packen und sie ins Zimmer zu ziehen.

Während dessen eilten ein paar Bedienstete durch den Lärm alarmiert herbei. Auf einen Wink des Grafen hin nahmen sie den Eindringling fest, der nicht einmal den Versuch unternahm, sich zu widersetzen. Er stand einfach nur ruhig da, mit einem hämischen Lächeln auf den Lippen, beinahe so, als bemerkte er die ihn festhaltenden Männer gar nicht. Sein Blick war ununterbrochen auf Anne gerichtet. Er schien sie mit seinen Augen in seinen Bann zu ziehen, sie seinem Willen untertan zu machen. Selbst die Umstehenden konnten die unsichtbare, aber kräftige geistige Brücke spüren, die er mit seinem Blick zwischen sich und der jungen Frau aufbaute.

Unsicher sahen die Männer den Grafen an. Sie waren dem Fremden zahlenmäßig weit überlegen und dennoch machte die von ihm ausgehende Macht sie nervös.

„Schließ das Fenster“, befahl der Graf einem der Männer. Erst danach traute er sich, die Hand seiner Tochter loszulassen. Dann trat er entschlossen vor und schirmte sie vor dem Fremden ab. Sobald der Blickkontakt zu dem Fremden abbrach, sank Anne bewusstlos zu Boden.

„Sperrt ihn ein“, befahl der Graf knapp seinen Männern. „Ich werde mich später mit ihm befassen.“ Dann nahm er seine Tochter sanft in die Arme und trug sie aus dem Zimmer.

Sobald Anne den Raum verlassen hatte, schwand das Lächeln des Fremden und die leuchtende Kraft des Blickes erlosch. Mit einem Stöhnen, das halb Enttäuschung und halb verborgene Wut verriet, entwand er sich mit übermenschlicher Kraft den ihn festhaltenden Armen und lief aus dem Zimmer. Die verdutzten Männer setzten ihm sofort nach, doch der Fremde war spurlos verschwunden.

Als Anne endlich zu sich kam, blickte sie ihren Vater verwirrt an. „Wo bin ich?“ flüsterte sie benommen. Dann schien sie sich zu erinnern. „Ich bin nicht tot?“ fragte sie beinahe erschrocken. „Warum lebe ich noch? Warum soll ich leben, wo er doch so nicht bei mir sein kann?“ Unruhig wandte die junge Frau ihren Kopf hin und her. „Frederik ... wo ist Frederik?“ stammelte sie immer wieder wie in einem Fiebertraum.

„Aber mein Engel, so beruhige dich doch. Wer ist Frederik?“ Hilflos blickte der Graf seine Tochter an.

„Ich sehe ihn nicht, wo ist er? Was hast du mit ihm gemacht?“ stammelte sie hysterisch. Dann wurde sie jedoch ruhiger. „Er kommt wieder“, sagte sie mit einer Gewissheit in der Stimme, die ihrem Vater überhaupt nicht gefiel. „Ich weiß, dass er kommen wird. Er braucht mich, das hat er selber gesagt. Er wird kommen, um mich glücklich zu machen.“

Der Graf runzelte unwillig die Stirn und beschloss schließlich, nach dem Arzt zu schicken.

Doch auch der Doktor konnte nur wenig gegen Annes Zustand ausrichten. „Sagt Ihnen der Name Fredrik etwas?“ fragte er den Grafen, nachdem er dessen Tochter ein Beruhigungsmittel gegeben hatte.

„Ich glaube, sie meinte den Fremden. Auch wenn sie ihn mir gegenüber noch nie zuvor erwähnt hatte“, erwiderte Graf Lerouge nachdenklich. „Ich verstehe nicht, was er von ihr gewollt haben könnte. Sie hätten es sehen sollen, richtig diabolisch sah er aus, als er Anne zum Springen gedrängt hatte. Was für ein Spiel hat er nur mit meiner Tochter getrieben?“ Müde wischte der Graf sich über das Gesicht. „Und nun ist er spurlos verschwunden.“

Mitfühlend sah der Arzt den Vater an. „Fällt Ihnen vielleicht sonst noch etwas ein?“

Der Graf stieß ein bitteres Lachen hervor. „Nein, außer dass Frederik in den alten Legenden auftaucht, die man sich über das Schloss erzählt. Aber damit möchte ich Sie nun wirklich verschonen.“

Der Arzt nickte bedächtig. „Vielleicht hat ja jemand eine dieser Geschichten benutzt, um das Vertrauen Ihrer Tochter zu gewinnen. Und nun ist das arme Kind völlig verstört. Sie sollten sie von hier wegbringen. Ein Aufenthalt am Meer könnte ihr gut tun.“

In den nächsten Tagen ließ Graf Lerouge das Schloss und die angrenzenden Ländereien nochmals gründlich durchsuchen, aber keine Spur des Fremden, kein Zeichen dafür, dass er je existiert hatte, wurden gefunden. Wäre Annes Zustand nicht so besorgniserregend gewesen, hätte er meinen können, alles nur geträumt zu haben. Doch er hatte während seiner Wachen am Bett seiner Tochter mehrmals das Gefühl gehabt, von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden.

Annes Protesten zum Trotz ließ der Graf alles für einen eiligen Aufbruch vorbereiten. Und nur wenige Tage später verließen sie für immer das düstere Schloss unter der kalten Sonne Nordenglands. Obwohl der mysteriöse Vorfall nie aufgeklärt wurde, glaubte der Graf, die Angelegenheit mit seiner Abreise abgeschlossen zu haben. Er ahnte ja nicht, dass ein Paar grimmige schwarze Augen seine Abfahrt verzweifelt beobachteten, denn ihr Besitzer wusste sehr wohl, dass seine nächste Chance nicht so bald kommen würde. Doch der entschlossene Gesichtsausdruck und das dunkle Feuer in seinen Augen verrieten, dass er diese Chance, wann auch immer sie kommen würde, um jeden Preis zu nutzen gedachte.

 

1. Kapitel

„Warten Sie bitte einen Augenblick, ich schreibe das auf.“ Julie klemmte sich den Telefonhörer zwischen Kinn und Schulter fest und nahm sich einen Stift und einen Notizblock zur Hand. „Ich höre“, fuhr sie fort. „Also, ein altes Schloss, seit gut hundert Jahren leer“, sprach sie mit, während sie sich diese Information notierte. „Der Besitzer ist gezwungen zu verkaufen. Also gut, wir übernehmen den Auftrag. Bei einem Gebäude dieser Größe, das so lange leer stand, wird die vollständige Inventur und Wertschätzung mindestens drei bis vier Monate in Anspruch nehmen, vor allem, da mein Team recht klein ist“, schätzte sie vorsichtig. „Na, wenn Ihnen das nichts ausmacht... Gut, jetzt brauche ich nur noch die genaue Adresse, und wenn es Ihnen passt, können wir uns schon nächste Woche auf den Weg machen. Möchten Sie wöchentliche Berichterstattung? ... Gut, ich werde Ihnen wöchentlich einen umfassenden Bericht vom Fortgang der Arbeit schicken ... Also dann, auf Wiederhören.“

Sie legte den Hörer auf und strich sich eine ungehorsame dunkle Strähne aus der Stirn. Ihr bis dahin fachlich konzentriertes Gesicht entspannte sich zu einem erleichterten Grinsen.

„Peter“, rief sie ins Nachbarzimmer, „du wirst es nicht glauben, aber wir haben wieder einen Auftrag, und was für einen!“

Peter, der Fotograf dieses kleinen Unternehmens und außerdem ihr bester Freund und Partner, kam sofort aus seinem Büro, wo er seine Fotos einsortierte. Sein Gesicht zeigte dieselbe Erleichterung, die schon bei der jungen Frau am Schreibtisch deutlich zu erkennen war. „Wie gut ist dieser Auftrag denn wirklich?“ fragte er dennoch ein wenig skeptisch, denn so leicht wie seine Partnerin war er nicht zu begeistern.

„Einfach phantastisch!“ erwiderte sie strahlend. „Ein altes, seit fast hundert Jahren leerstehendes Schloss. Der Eigentümer hat es von seinem Onkel, irgend so einem Graf Lerouge geerbt, muss es jedoch verkaufen, da er das Schloss nicht unterhalten kann. Und nun sollen wir eine vollständige Inventur und Wertschätzung machen. Der Besitzer verlangt einen wöchentlichen Bericht, doch der Vorteil ist, dass wir so viel Zeit haben, wie wir benötigen.“ Schwungvoll ließ sie sich auf ihrem Drehstuhl zurückrollen und sah ihn aufgeregt an. „Ich sag’s dir, ich fühle, es wird eine ganz wunderbare Sache werden, etwas ganz Besonderes. Dieser Job kann uns in den oberen Kreisen einen guten Ruf machen. Das ist der Durchbruch, auf den wir so lange warten! Wenn wir dieses Projekt erfolgreich abschließen, und das werden wir, wird man uns bestimmt weiter empfehlen und...“

„Schon gut, du kleine Träumerin“, unterbrach Peter lachend ihren Redefluss. „Aber sag’ mal, Julie“, fuhr er etwas ernster fort, „kommt es dir nicht merkwürdig vor, dass ein altes Schloss seit hundert Jahren leer steht, ohne dass die Besitzer dort einkehren?“

„Nein“, erwiderte die junge Frau trotzig. Es war nun mal Peters Eigenart, manchmal übervorsichtig zu sein. Doch diesmal, beschloss sie, würde sie ihren Optimismus trotz seiner Einwände beibehalten. Dieser Auftrag war für ihr Geschäft der rettende Strohhalm, den sie bitter nötig hatten, und das wussten sie beide. Für ein so kleines Unternehmen war es schwer, konkurrenzfähig zu bleiben, deshalb verdiente Peter nebenbei als Fotograf. Julie hatte die Firma früher zusammen mit ihrem Vater und Peter betrieben, aber nach dem Tod ihres Vaters gingen die Geschäfte zunehmend bergab. Doch sie versuchte mit allen Mitteln, das Unternehmen am Leben zu halten. Sie fand, dass sie es ihrem Vater einfach schuldete, und dieser Auftrag war das, worauf sie schon so lange gewartet hatte. „Was soll denn da schon sein?“ fragte sie daher spöttisch. „Ein düsteres Geheimnis, das auf dem Schloss lastet, vielleicht sogar ein hauseigenes Gespenst?“ Sie lächelte fröhlich, setzte dann aber eine nachdenkliche Miene auf. „Obwohl … Ich muss schon zugeben, dass diese Idee etwas Verführerisches an sich hat. Ich hätte bestimmt nichts dagegen, ein altes charmantes Gespenst kennen zu lernen. Denn, weißt du, früher hatten die Männer etwas Geheimnisvolles und Romantisches an sich“, neckte die junge Frau ihren Freund. „Nicht so wie die Jugend von heute.“ „Ist ja gut“, brummte Peter, von ihrem Spott doch etwas gekränkt. „Ich meinte bloß, ein bisschen Vorsicht könnte nicht schaden.“

Betreten blickte Julie ihn an, sie hatte ihn nicht verstimmen wollen. „Ich habe noch nur Spaß gemacht“, sagte sie versöhnlich. „Es ist nur so - mit deiner Vorsicht kannst du einem manchmal die ganze Freude verderben. Natürlich ist es ungewöhnlich, dass ein Schloss so lange leer steht, aber dafür gibt es wahrscheinlich eine Million vernünftiger Gründe, und wer weiß schon, was in den Köpfen dieser reichen Grafen vorgeht, ok?“

„Ok“, erwiderte Peter mit einem kleinen Lächeln.

„Gut. Ich habe diesen Auftrag nämlich schon angenommen und versprochen, am Montag aufzubrechen“ Sie blickte auf ihre Notizen und ihr Tonfall wurde sachlich. „Heute ist Dienstag, also haben wir noch fast eine Woche Zeit, um unsere Angelegenheiten zu regeln. Du solltest bis dahin alle deine Fotos entwickeln, ich will sämtliche übrigen Verpflichtungen geregelt haben, bevor wir wegfahren.“

Peter nickte, doch Julie nahm das kaum noch wahr, denn in ihrem Kopf stellte sie schon die Liste der Dinge zusammen, die vor ihrer Abreise noch unbedingt erledigt werden mussten. Plötzlich huschte ein kleines Lächeln über ihre Lippen, und gleich darauf entstand zwischen ihren Augenbrauen eine tiefe Denkfalte.

„Was ist denn nun schon wieder?“ fragte Peter, der ihr Gesichtsspiel mitverfolgt hatte.

„Was ist, wenn es dort reiche Nachbarn gibt“, antwortete Julies mit gespielter Verzweiflung. „Was soll ich dort denn bloß anziehen?“

„Das ist alles, was dir Probleme bereitet?“ fragte Peter fassungslos. „Wir erhalten einen Riesenauftrag, müssen noch so viel vor unserer Abreise erledigen, und du fragst dich, was du anziehen sollst?“ Plötzlich schlich sich ein belustigter Funke in seine Augen. „Ich würde vorschlagen, du nimmst etwas Altmodisches mit“, meinte er mit einem schelmischen Augenzwinkern, „schließlich willst du ja von einem alten charmanten Gespenst umworben werden.“ Er gluckste amüsiert, als Julie ihm die Zunge herausstreckte und aus dem Zimmer ging, um mit ihren Vorbereitungen zu beginnen.

Sechs Tage später saß Peter im Auto und wartete, bis Julie die letzten Kleinigkeiten hinten im Kofferraum verstaut hatte. Er trug ein Sommerhemd und eine leichte Hose. Seine sonnengebräunte Haut bildete einen starken Kontrast zum hellen Stoff seiner Kleidung. Das kurz geschnittene Haar umrahmte sein regelmäßiges Gesicht und die dunkelblauen Augen wirkten nachdenklich und in sich gekehrt, obwohl er die ganze Zeit über Julie beobachtete. Ein amüsiertes Lächeln lag auf seinen Lippen, während er beobachtete, wie Julie konzentriert überlegte, ob sie auch wirklich alles mitgenommen hatte. In seinem Blick lag aber noch etwas anderes, als er Julie betrachtete – ein leichtes Bedauern und eine Art verborgene Sehnsucht. In ihrem luftigen Sommerkleid und mit den in sanften Wellen auf ihren Rücken und ihre Schultern fallenden dunklen, im Sonnenlicht leicht rötlich schimmernden Haaren, sah sie wirklich bezaubernd aus. Ihre Wangen waren von der Hitze leicht gerötet und in ihren großen, von dichten Wimpern umschatteten Augen spiegelte sich ihre innere Aufregung wieder. Sie war einfach wunderschön.

Peter riss sich schnell zusammen, bevor er zu sehr ins Träumen geriet. Eigentlich war er mit der Art ihrer Beziehung recht zufrieden, wenigstens redete er sich das immer ein. Sie kannten sich schon lange, sehr lange. Und wenn man es genau bedenkt, hatte ihre erste Begegnung etwas sehr Romantisches an sich – Peter als hilfreicher Ritter in der Not – mal abgesehen davon, dass sie beide noch Kinder gewesen waren.

Er war gerade vierzehn geworden, als in das Nachbarhaus endlich eine neue Familie eingezogen war. Er erinnerte sich noch, wie sehr er sich damals gewünscht hatte, es möge eine Familie mit einem gleichaltrigen Jungen sein. Denn obwohl es in der Nachbarschaft viele Jungs gab, hatte Peter mit ihnen praktisch nichts gemeinsam. Wie enttäuscht war er damals gewesen, als statt eines gleichaltrigen Jungen ein neunjähriges Mädchen mit seiner Familie in das Haus eingezogen war! Er hatte sie von Anfang an geflissentlich ignoriert, denn irgendwie hatte er in seiner kindischen Enttäuschung ihr die Schuld dafür gegeben, dass sie ein kleines Mädchen und kein Junge war. Vielleicht wäre es auch dabei geblieben und sie hätten sich niemals näher kennen gelernt, denn auch Julie, die seine Abneigung zwar nicht verstand, aber deutlich spürte, versuchte, ihrem finsteren Nachbarn nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen.

Doch eines Tages hatte Peter auf dem Rückweg von der Schule gesehen, wie zwei von den Nachbarjungs das kleine Mädchen eingekreist hatten und seine Mütze, denn es war im Winter, fröhlich lachend zwischen sich hin und her geworfen hatten, während das Mädchen, schon ganz in Tränen aufgelöst und der Verzweiflung nahe, der Mütze hinterher gerannt war.

Mädchen oder nicht, aber das ging deutlich zu weit! hatte Peter damals gedacht und außerdem hatte er die beiden Jungs sowieso nicht leiden können, weil sie ihn nie mitspielen ließen. Voll gerechten Zorns war er also auf sie zugestürmt. Indessen hatte das kleine Mädchen seinen Widerstand verzweifelt aufgegeben und wimmerte nur noch leise vor sich hin, was immer wieder Anlass zu heftigen Heiterkeitsausbrüchen ihrer Peiniger gegeben hatte. Das Lachen war ihnen jedoch vergangen, als sie Peter gesehen hatten.

„Mist, da ist der schon wieder, lass uns lieber verschwinden!“ hatte einer der Jungen gerufen und war weggerannt. Mit einem abschätzenden Blick auf Peter hatte sich der Zweite kurzerhand entschlossen, dem Beispiel seines Freundes Folge zu leisten. Denn obwohl sie zu zweit gewesen waren, hatten sie keine Lust gehabt, es auf einen Kampf mit Peter ankommen zu lassen.

Als die Jungs weg waren, hatte Julie den Kopf hochgehoben und sich hoffnungsvoll, wenn auch noch ein wenig ängstlich umgesehen, da sie nicht wusste, was sie nun von ihrem sonst so grimmigen und abweisenden Nachbarn zu erwarten hatte. Andererseits hatte sie sich schon gedacht, dass er sie nicht gerettet hätte, wenn er wie die anderen gewesen wäre.

Und als Peter in dieses kleine Gesicht geblickt und ihn der Blick dieser schon damals bemerkenswerten, aber total verheulten Augen getroffen hatte, da hatte sich etwas in ihm geregt, und er hatte instinktiv gewusst, dass er diesen Blick niemals vergessen würde, denn in ihm waren so viel Dankbarkeit, Freude und ein so grenzenloses Vertrauen gewesen, dass Peter sich unwillkürlich gefragt hatte, ob das alles wirklich ihm galt.

Dieser inneren Regung folgend war er auf Julie zugegangen, hatte ihr aufgeholfen, ihr sorgfältig die kleine Mütze auf den Kopf gesetzt und sogar die Tränen aus ihrem Gesicht gewischt. Das war damals der Beginn einer Freundschaft gewesen, die noch Jahre später nichts von ihrer Intensität eingebüßt hatte, und die sich für beide schon mehr als ein Mal als ein Fels in der Brandung erwiesen hatte. Von dem Tag an hatte Julie ihren Retter als ihren persönlichen Beschützer betrachtet, er wurde für sie der große Bruder, den sie schon immer hatte haben wollen. Sie machte sogar etwas wie Besitzansprüche auf Peter geltend, als würde er in erster Linie ihr gehören und konnte sehr eigersüchtig werden, wenn er ihr nicht die nötige Aufmerksamkeit schenkte.

Peter wehrte sich nicht gegen diese ihm von Julie zugedachte Rolle. Er sah sie gern als eine Art kleine Schwester, die er vor allem Unheil beschützen wollte. Doch tief in seinem Herzen wusste er, dass Julie für ihn von Anfang an mehr als eine Schwester gewesen war. Aber diese Gedanken hielt er in seinem Inneren verschlossen, denn ihre bedingungslose Freundschaft war ihm viel zu wichtig, als dass er sie durch irgendetwas gefährdet hätte.

„Ich glaube, jetzt habe ich alles“, riss Julies fröhliche Stimme ihn plötzlich aus seinen Gedanken, als sie sich neben ihn in den Beifahrersessel fallen ließ.

„Bist du dir ganz sicher?“ vergewisserte er sich vorsichtig. „Ich kenne dich doch, denk lieber noch einmal nach. Ich werde nämlich nicht auf halbem Weg umkehren, nur weil du meinst, etwas vergessen zu haben.“

„Ich sagte doch, ich habe alles, nun fahr schon los“, erwiderte sie lachend. Hoffentlich stimmt das auch, fügte sie in Gedanken hinzu. Sie hasste es, aber es stimmte nun mal, dass sie kaum verreiste, ohne irgendetwas, und sei es nur eine Kleinigkeit, zu vergessen. Aber diesmal hatte sie alles dreimal überprüft, und es schien wirklich alles da zu sein.

„Ich habe eine Route ausgearbeitet“, unterbrach Peter ihre Grübelei, „und wenn keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten auftauchen, werden wir wohl gegen Abend am Ort sein. Hoffentlich finden wir das Schloss und müssen nicht erst lange suchen!“ Auf einmal war diese seltsame Unruhe wieder da, die er schon am Vorabend empfunden hatte, als sie über das Schloss geredet hatten. Es war nicht einmal ein richtiges Gefühl, sondern eher die Vorahnung eines drohenden Unheils. Peter schüttelte leicht den Kopf, um dieses irrationale Gefühl zu verdrängen.

„Was ist los?“ fragte Julie, die seinen Gemütswechsel beobachtet hatte.

„Es ist nichts“, versicherte Peter mit einem gezwungenen Lächeln. Und auf die Gefahr hin, dass Julie ihn verspottete, obwohl er es sich eigentlich wünschte, dass sie mit ihrem Spott seine Besorgnis zerstreute, sagte er: „Ich möchte bloß, dass du vorsichtig bist, wenn wir im Schloss ankommen.“

Entgegen seiner Erwartung sah Julie ihn nur einen Augenblick lang ernst an und sagte ruhig: „Das werde ich, und du auch.“

Einige Stunden haben sie bereits ein gutes Stück des Weges zurückgelegt und Julie konnte sich an der vorüber ziehenden Landschaft kaum satt sehen. Als sie weiter nach Norden kamen, tauchten immer mehr von den Hügeln auf, die so charakteristisch für Nordengland waren, und in den Tälern dazwischen lagen pittoreske Dörfer und kleinere Städte verstreut.

Julie warf einen Seitenblick zu Peter, der am Steuer saß und schon recht erschöpft wirkte, deshalb unterdrückte sie ihren egoistischen Wunsch, einfach weiter aus dem Fenster zu schauen. „Lass mich jetzt mal fahren“, schlug sie ihm schließlich vor.

Peter nickte dankbar, denn, obwohl er müde war, hätte er es nicht ohne weiteres zugegeben. Er hielt an, und sie wechselten die Plätze. „Es ist nicht mehr weit“, erklärte er ihr, du musst jetzt einfach da raus fahren und dann...“

„Schon gut“, unterbrach Julie ihn lachen. „Ich weiß, wie man eine Karte liest und einen Führerschein habe ich auch“.

Bei der Erinnerung an ihren Führerschein mussten beide lächeln, aber es kam nicht zu einem Erinnerungsaustausch, denn Peters Augen fielen zu, und kurze Zeit später war er eingeschlafen.

Irgendwo auf Schloss Lerouge erwachte Frederik aus seiner Lethargie. Er wusste nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, seit er das letzte Mal Menschen gesehen hatte. Irgendwann, vor langer Zeit, hatte er aufgehört die Tage, Wochen, Jahre zu zählen. Er wusste nur, dass es sehr, sehr lange her war. Er war zur Einsamkeit verdammt.

„Wenn es mir möglich wäre, ich wäre daran gestorben, aber nicht einmal diesen Ausweg haben sie mir gelassen!“ dachte er voll bitteren Zorns.

Doch er bereute nichts, zu diesem Gefühl war er nicht länger fähig. Er verfluchte diejenigen, die ihn dazu verurteilt hatten, sie und alle anderen Menschen. Und weder die Zeit noch sein grausames Schicksal vermochten etwas dagegen auszurichten. Im Gegenteil, sie verstärkten bloß seinen Hass. Oh nein, er wollte nicht wirklich sterben. Der Tod war etwas für Feiglinge. Er wollte von seinem Fluch erlöst werden, aber durch das Leben, nicht durch den Tod. Er wollte leben, und die Menschen für seine Qualen und seine Einsamkeit, die ihn langsam um den Verstand brachten, bezahlen lassen.

Er wusste, dass er es diesmal schaffen würde. Tief in den Abgründen seiner Seele spürte er, dass er bald eine neue Chance, ein neues Opfer bekommen würde. Seine Lebensgeister erwachten bei diesem Gedanken. So wie ein Tiger in der Wildnis seine Beute von weitem kommen hört und ihr auflauert, so spürte auch diese Bestie ihr Nahen.

Das schwarze Feuer seiner Augen, das seit Jahren fast erloschen war, glühte wieder auf, als dieser dunkle Genius sich daran machte, sich auf die Ankunft seiner Gäste vorzubereiten.

„Sie wird kommen, sie wird kommen“, dieser Gedanke beflügelte und stärkte ihn. Und er lachte, er lachte wieder sein unheilverkündendes, drohendes Lachen, das in den verlassenen Gemäuern der Burg widerhallte.

Nachdem seine anfängliche Euphorie abgeklungen war, fing Frederik an, sich Gedanken über seine Vorgehensweise zu machen. Er wusste, dass viel Zeit vergangen war, und dass die Menschen sich verändert haben mussten. Das machte ihm Angst. Er hatte Angst davor, dass sie reifer und klüger geworden waren, dass er sie nicht mehr richtig manipulieren könnte, dass er keine Macht mehr über sie besaß.

Er hatte schon vorher festgestellt, dass es im Laufe der Jahrhunderte immer schwieriger wurde, die Menschen nach seinem Willen zu beeinflussen. Schon viele Male war er gescheitert, aber noch nie so kurz vor dem Ziel, wie damals, als die kleine Anne, die so schwach und verletzlich erschienen war, sich im letzten Moment doch als stärker herausgestellt hatte und ihm gerade genug Widerstand entgegengebracht hatte, um seinen wundervollen Plan, für den er so viel Energie und Geduld verwendet hatte, zum Scheitern zu bringen.

Doch diesmal würde er keinen Fehler machen, er würde sie beobachten, würde lernen, jede ihrer Gesten zu deuten, und auf keinen Fall würde er sich ihr zu früh zu erkennen geben, bevor sie gänzlich in seinem Netz gefangen war.

Denn so war es mit Anne geschehen. Sie hatte gesagt, sie würde alles für ihn tun, aber sie hatte es nicht so gemeint. Jetzt verstand Frederik, dass er zwar ihren Verstand verwirrt, ihr Herz aber noch nicht ausgefüllt hatte. Deshalb hatte ihre Angst über ihre Liebe gesiegt.

„Weil sie keine Liebe empfand!“ hielt er sich immer wieder vor Augen. Er war sich damals zu sicher gewesen, das wusste er jetzt. Aber im Laufe der Jahre hatte er wohl etwas von seinem Geschick eingebüßt.

Diese Niederlage entmutigte ihn, er fragte sich, ob ihn überhaupt jemals eine Frau wirklich geliebt hatte. Früher, als er noch lebte, hatte ihn so etwas nicht gekümmert. Nur einmal hatte er diesen Fehler begangen. Und dafür büßte er immer noch.

Dennoch war Liebe seine einzige Möglichkeit, den Fluch, der auf ihm lastete, zu brechen.

„Schluss damit“, rief er sich zur Ordnung. Ob wahre Liebe oder nur Verlockung, im Grunde war es ihm egal, solange es seinen Zweck erfüllte. Und eins wusste er mit Sicherheit: wie viel Zeit auch vergehen und wie weit sich die Menschheit auch entwickeln mochte, eine Frau blieb immer eine Frau.

„Zeig mal her, jetzt hast du dich aber ganz bestimmt verfahren!“

Peter saß wieder am Steuer und hörte sich mit einem gezwungen geduldigen Gesichtsausdruck Julies ärgerliche Vorwürfe an.

„Gib es doch endlich zu, du weißt genauso wenig wie ich, wo wir uns befinden.“

„Schon gut, ich gebe es ja zu, ich habe mich ein wenig verfahren, aber es ist nicht halb so schlimm, wie du es darstellen möchtest.“

„Nicht halb so schlimm? Deinen Optimismus möchte ich haben! Wir sitzen hier auf einer völlig verlassenen Landstraße in einer wildfremden Gegend fest, es wird schon dunkel, und es regnet. Und alles, was du dazu zu sagen hast, ist nicht halb so schlimm?!“

„Komm schon Julie, bis vor kurzem hat es dich doch auch nicht gestört.“

Doch so leicht ließ Julie sich nicht beruhigen. „Natürlich hat es mich bis vor kurzem nicht gestört, ich habe schließlich geschlafen.“

Peter zog bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch, zog es jedoch vor, nichts zu sagen, da er ihr Temperament sehr gut kannte.

Schmollend drehte sich Julie von ihm weg und schaute zum Fenster hinaus.

Draußen goss es in Strömen, so dass sie im ersten Augenblick nichts erkennen konnte. Während sie geschlafen hatte, hatte sich das Wetter schlagartig verändert. Die Sonne schien nicht mehr, und die vorher nur flockigen Wölkchen bildeten nun einen dichten grauen Schleier, der den gesamten Himmel verdeckte. Sie wusste schon nicht mehr, wie lange sie in dieser Gegend auf der Suche nach dem Schloss herumkreisten.

„Jetzt reicht es mir!“ verkündete Julie entschlossen. „Sobald wir wieder zurück sind, kaufe ich ein Navigationsgerät.“

„Ich bezweifle, dass die Gegend hier überhaupt kartographisch erfasst ist“, brummte Peter missgelaunt und versuchte, etwas durch den Regen zu erkennen.

Obwohl es erst neun Uhr abends war, war es wegen des Wetters schon beinahe dunkel. Julie fröstelte und zog ihre Jacke enger um sich. Sie hatte schon vor einiger Zeit ihr leichtes Sommerkleid gegen Jeans, T-Shirt und eine Sommerjacke eingetauscht. „Nicht gerade ein guter Anfang“, dachte sie, als ihre anfänglich so optimistische Laune durch das trübe Wetter einen ziemlichen Dämpfer bekommen hatte.

Auch Peter blieb von den Umständen nicht unbeeindruckt. Der Wunsch nach einer Zigarette wurde immer stärker in ihm, doch hatte er keine bei sich, da er doch Julie zuliebe damit aufgehört hatte.

Julie war eine ausgeprägte Gesundheitsfanatikerin, und sie konnte sich einfach nicht damit abfinden, dass Peter sich, wie sie es ausdrückte, das eigene Grab schaufelte. Als diese Argumentationslinie keine Wirkung erzielte, stellte sie ihm ein regelrechtes Ultimatum: entweder die Zigaretten verschwinden oder sie. Denn sie, Peter erinnerte sich noch genau an ihren entschlossenen Gesichtsausdruck, der dieser eigentlich absurden Situation eine gewisse Komik verlieh, denn sie wäre auf keinen Fall länger dazu bereit, das Gift, das er ausatmete, wieder einzuatmen. Wenn er sich vergiften wollte, so meinte sie, könnte sie es wohl nicht ändern, doch sie würde es nicht zulassen, dass er sie mit sich ins Verderben zog. Es folgten Tage der Debatten und Auseinandersetzungen, doch am Ende verfehlte dieser für Peters Geschmack ein wenig zu theatralische Auftritt nicht sein Ziel. Peter lenkte ein, und alle waren glücklich. „Wenigstens war Julie es“, dachte er jetzt, als er bereit war, fast alles für eine Zigarette zu geben.

Peter spähte abermals nach draußen, inzwischen hatte er den Wagen angehalten, um sich in der Dunkelheit nicht noch mehr zu verfahren. Es kam ihm fast vor, als unternähme die Natur, oder andere mysteriöse Kräfte, den allerletzten Versuch, sie von ihrem Bestimmungsort fernzuhalten. Als er jedoch zu Julie herüber blickte, um eine Bestätigung seiner Gefühle zu erhalten, sah er in ihrem Gesicht nur den immer größer werdenden Ärger darüber, sich mitten im Nirgendwo verfahren zu haben. Deshalb beschloss er, sich lieber auf die vor ihm liegende Karte zu konzentrieren.

Nach einiger Zeit meinte Peter schließlich, etwas gesehen zu haben. „Julie, schau mal, ich glaube, da vorne ist jemand“, sagte er erleichtert.

Zusammen versuchten sie, mit ihren Blicken die durch den Regen noch verstärkte Dunkelheit der Landstraße zu durchdringen. Peter hatte sich nicht geirrt, sie sahen einen Lichtkegel, wie von einer Taschenlampe, der immer näher kam. Vor dem Auto blieb der Lichtkegel stehen, und das Gesicht eines alten Mannes erschien im Fenster.

Das Gesicht war von Falten zerfurcht, und der Rest der Gestalt war bäuerlich gekleidet. Obwohl der Mann im gießenden Regen stand und schon völlig durchnässt war, schien dies seine Laune in keinster Weise zu beeinträchtigen. Er pfiff munter vor sich hin und betrachtete mit offensichtlicher Neugier die Insassen des Autos.

Peter öffnete das Fenster, und sofort prasselten große Tropfen ins Innere des Wagens. „Guten Abend“, grüßte er den Mann höflich.

Der Alte nickte nur und hörte nicht auf zu pfeifen.

Etwas verunsichert fuhr Peter fort. „Wir haben uns verfahren, könnten Sie uns wohl helfen?“

Der Mann neigte seinen Kopf und betrachtete ihn neugierig, brummte etwas vor sich hin, machte jedoch keine Anstalten zu antworten.

„Entschuldigen Sie, Sir, können Sie uns weiter helfen?“ wiederholte Julie.

Der Mann schaute sie leicht verärgert an, da sie seine Gedanken unterbrochen hatte. „Ich habe Sie schon beim ersten Mal verstanden, junge Lady. Keine Geduld mehr, die jungen Leute. Wahrscheinlich kann ich Ihnen helfen, ich meine, wenn nicht ich, wer dann? Was fällt Ihnen auch ein, nur einige Kilometer vom Dorf entfernt auf dieser einsamen Landstraße einen Halt einzulegen, und das bei diesem Wetter? Da hätten Sie es im Dorf wesentlich bequemer!“

„Wir sagten doch, wir haben uns verfahren und wissen nicht, wo das Dorf ist. Außerdem wollen wir gar nicht ins Dorf, wir suchen das...“

„Nicht ins Dorf?“ unterbrach ihn der alte Mann erstaunt. „In dieser Gegend gibt es sonst nichts. Sie müssen sich ja ganz schön verfahren haben.“ Der Alte gluckste amüsiert bei diesem Gedanken. „Früher, wissen Sie, da war das hier ganz anders, da war hier eine richtig blühende Gegend, nicht so verlassen wie jetzt. Aber das Landleben reizt die Jugend nicht mehr, alle wollen sie jetzt in die Großstädte, wer weiß, was sie daran so anziehend finden. In meiner Jugend, wissen Sie, da war das alles noch ganz anders...“

„Entschuldigung“, unterbrach ihn Julie, bevor eine längere Geschichte folgte, auch auf die Gefahr hin, den Mann zu verärgern. „Wir suchen das Schloss Lerouge, es ist doch in dieser Gegend?“

Schlagartig wichen jegliche Schwärmerei und Vergnügtheit aus dem Gesicht des Alten, es wurde ernst, beinahe erschrocken.

Julie fragte sich, warum ihre Worte eine solche Reaktion verursachen konnten.

„Das Schloss steht leer, es ist nicht zu besichtige“, erwiderte der Mann vorsichtig und ein wenig zu hastig. „Erst recht nicht um diese Uhrzeit“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu. „Sie kommen wohl besser mit ins Dorf, und morgen können sie dann ihren Weg fortsetzen.“

„Wir wollen es nicht besichtigen, und wir wollen auch nicht weiterfahren. Das Schloss ist unser Bestimmungsort“, erklärte Peter ruhig.

„Sie meinen, Sie beide wollen wirklich dahin, aber warum wollen Sie das auf sich nehmen?“

„Es ist unser Job.“ Langsam ging Julie die Geduld aus. Sie war müde, sie hatte Hunger und hatte darüber hinaus das Gefühl, dass das Gespräch sich im Kreis drehte. Sie befürchtete fast, nie zu einer zufrieden stellenden Antwort zu gelangen. Dabei hatten sie doch nur nach einer Wegbeschreibung gefragt, so schwierig konnte die Antwort wohl nicht sein. Sie atmete einmal tief durch und zwang sich zur Ruhe. „Das Schloss soll verkauft werden und unsere Aufgabe ist es, seinen Wert zu schätzen“, erklärte sie ihm. „Sie verstehen doch sicher, dass wir dafür ins Schloss müssen?“ Erwartungsvoll sah Julie ihn an, doch sie war sich gar nicht so sicher, dass er sie wirklich verstand.

Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. „Das dürfen Sienicht“, der Alte sah nun aufrichtig bekümmert aus.

Julie, die diese Gefühlsregung falsch verstanden hatte, versuchte den Mann zu beruhigen. „Wir verstehen ja, dass Sie nicht wollen, dass das Schloss verkauft wird, aber es ist wirklich nicht unsere Entscheidung.“

„Sie verstehen gar nichts!“ rief der Alte auf einmal beinahe wütend aus. Er sah Julie ganz genau an, hielt sie bewusst mit seinen Augen fest, als wollte er, dass seine Worte ganz zu ihr durchdringen. „Sie dürfen da nicht hin. Sie dürfen da nicht bleiben, kehren Sie um, fahren Sie weg, solange noch nichts passiert ist, was Ihnen leid tun könnte!“

Julie war sich nicht sicher, ob sie das als Drohung oder als gut gemeinte Warnung auffassen sollte. Der alte Mann schien so erregt, dass sie es vorzog, ihn nicht noch einmal darauf anzusprechen. Sie fühlte sich schon ohnehin wie in einem verrückten Traum.

Während dessen versuchte Peter, sich einen Reim auf die Reaktion des Mannes zu bilden. Dieser Blick, den er auf Julie richtete, seit er erfahren hatte, dass sie zum Schloss wollten, und die eigenartige Betonung der Anrede Sie, als er seine merkwürdige Warnung aussprach, ließen Peter zweifeln, ob das ganze wirklich ihnen beiden galt oder nur Julie.

„Also gut“, Julie schien zu einem Entschluss gekommen zu sein, als sie merkte, dass sie auf direktem Weg nichts bei dem Mann erreichen konnte und befürchtete, er wäre dazu in der Lage, sie hier einfach zurückzulassen, wenn sie darauf bestanden, sofort zum Schloss zu fahren. „Heute ist es sowieso schon zu spät. Ich denke, Sie haben Recht, wir sollten heute wirklich ins Dorf fahren, morgen werden wir dann weiter sehen.“ Sie machte eine kleine Pause, wie um Peter die Gelegenheit zu geben, Einspruch zu erheben, doch ihm war diese Verzögerung gar nicht so unlieb. Also fuhr Julie fort: „Sir, können Sie uns dann den Weg zum Dorf beschreiben?“

„Aber natürlich“, der alte Mann wirkte aufrichtig erleichtert, „Sie fahren diese Straße einfach zurück, bis zu einer kleinen Kurve, danach geht rechts sofort eine Straße ab, sie ist nicht beleuchtet, also passen Sie auf, dass Sie sie nicht übersehen. Dieser Straße folgen Sie dann bis ins Dorf, das dritte Haus auf der linken Seite ist eine Gaststätte, Sie können es nicht verfehlen.“ Der Mann winkte ihnen zu und machte Anstalten zu gehen.

„Sollen wir Sie nicht mitnehmen?“ erkundigte sich Peter.

„Ach, lassen Sie nur, ich habe meinen Spaziergang noch nicht beendet, und außerdem“, er lächelte schelmisch, „würde ich doch nur Ihre schönen Sitzpolster nass machen.“ Er schaltete seine Taschenlampe wieder ein und ging pfeifend weiter.

Peter und Julie warteten, bis sich der Lichtkegel etwas entfernt hatte, dann startete Peter den Motor.

„Das war aber ein komischer alter Kauz, ich weiß gar nicht, ob ich beunruhigt, amüsiert oder verärgert über ihn bin“, kommentierte er nachdenklich.

„Er scheint mir eigentlich harmlos, nur etwas verwirrt“, erwiderte Julie Stirn runzelnd. „Ich hoffe nur, er hat uns den Weg richtig erklärt.“

„Was ich beunruhigend fand, waren seine Warnungen und dieser Blick, mit dem er dich angeschaut hat“, sagte Peter.

„Ach was, du musst das weniger ernst nehmen. Das war wahrscheinlich nur ein alter Mann, der an den Traditionen hängt und nicht will, dass das Schloss, das immerhin eine historische Bedeutung für die Landbevölkerung hat, den Besitzer wechselt. Außerdem wollte er sich bestimmt nicht die Gelegenheit entgehen lassen, ein paar Stadtmenschen einen leichten Schrecken einzujagen. Du hast doch auch gesehen, dass er es richtig genossen hat, uns hinzuhalten, statt auf deine Frage einzugehen. Deshalb denke ich nicht länger darüber nach, sondern freue mich einfach auf eine Mahlzeit und ein Bett.“

„Ja, du hast wahrscheinlich recht“, sagte Peter, doch er klang nicht ganz überzeugt, schließlich hat er deutlich die Angst im Gesicht des Mannes gesehen.

„Peter, schau, da vorne ist die Kurve, von der der alte Mann gesprochen hat“, sagte Julie plötzlich.

„Ja, gleich müsste die Abzweigung kommen.“ Obwohl Peter aufmerksam Ausschau hielt, hätte er die Abzweigung beinah übersehen.

„Um Himmelswillen, langsamer!“ schrie Julie erschrocken aus, als der Wagen auf der nassen Erde ins Rutschen geriet. Doch es ging noch einmal gut. Peter quittierte Julies wütenden Blick mit einem entschuldigenden Achselzucken, fuhr jedoch vorsichtiger weiter. Schließlich hatte auch er keine Lust, in einem mit Wasser gefüllten Straßengraben zu landen.

Etwa fünf Minuten später befanden sie sich im Dorf. Es war ein kleiner Ort, der fast so aussah, als wäre die Zeit dort vor gut hundert Jahren stehen geblieben. Die Landstraße ging mitten durch die kleine Siedlung und bildete somit die Hauptstraße. Kleinere Gassen zweigten hier und da von ihr ab. An beiden Seiten der Straße standen hübsche, wenn auch teilweise schon etwas verfallene ein- bis zweistöckige Häuser. Einige sahen so aus, als ständen sie schon mehrere Jahre leer. Julie dachte, dass der Alte nicht übertrieben hatte, als er sagte, der Ort würde zunehmend verfallen. Jedes der noch bewohnten Häuser hatte einen kleinen umzäunten Garten vor dem Eingang. Da diese Gärten größtenteils Blumen enthielten, vermutete Julie, dass der eigentliche Garten erst im Hinterhof begann und zweckmäßiger eingerichtet war. Das Dorf war um diese Zeit schon still, was Julie nicht überraschte, sie wusste, dass die Leute auf dem Land früher zu Bett gingen, da sie am nächsten Morgen harte körperliche Arbeit verrichten mussten. Einige der Fenster waren noch erleuchtet, und ihr Licht schien auf die Straße, so dass Julie und Peter etwas mehr vom Dorf sehen konnten. Julie fand sich in eine andere Welt oder zumindest in eine andere Zeit versetzt. Das einzige Anzeichen dafür, dass sie sich noch im richtigen Jahrhundert befanden, waren einige Autos, die vor den Häusereingängen geparkt waren. Natürlich wusste Julie, dass es landwirtschaftliche Maschinen geben musste, doch sie befanden sich außerhalb ihres Sichtfeldes, und so störte nichts die altertümliche Atmosphäre, die dieser kleine Ort ausstrahlte. Weder Julie noch Peter hätten die Existenz solch idyllischer Plätzchen in der hoch technisierten modernen Welt für möglich gehalten.

Vor dem dritten Haus auf der linken Seite hielt Peter den Wagen an und suchte nach Anzeichen dafür, dass dieses Gebäude eine Gaststätte war. Es unterschied sich kaum von den anderen Häusern. Es hatte einen kleinen Garten mit wunderschönen blühenden Rosen aller Farben und Arten. Die Zauntür führte unter einem Bogen aus Kletterrosen hindurch. Unsicher traten Peter und Julie durch den Bogen in den Garten. Der einzige auffallende Unterschied zu den anderen Häusern bestand darin, dass die Fenster im Erdgeschoß hell erleuchtet waren und lautes Stimmengewirr erschallte. Julie atmete tief die frische Luft ein. Der Regen hatte fast aufgehört, es tröpfelte nur noch leicht, und die Luft roch würzig und erfrischend.

Sie gingen durch den Garten hindurch und öffneten nach kurzem Zögern vorsichtig die Haustür. Sie fanden sich in einer großen gemütlichen Stube wieder, in der es appetitlich nach Essen roch. Julie und Peter blickten sich um und stellten fest, dass sich in diesem Zimmer wohl ein Großteil der männlichen Bevölkerung des Ortes versammelt hatte.

Bei ihrem Eintritt verstummte das Gemurmel der Gespräche für einen Augenblick, und alle Köpfe drehten sich in ihre Richtung. Doch das Interesse war nur von kurzer Dauer. Nachdem die Neuankömmlinge vermutlich als einfache Touristen eingestuft wurden, widmeten sich die anderen Gäste wieder ihren Geschäften.

Die Wirtin, eine ältere rundliche Frau, wies Julie und Peter an einen freien Tisch in einer Ecke des großen Saals und versprach, gleich zu ihnen zu kommen. Erschöpft ließen sich die beiden auf die bequemen Holzstühle fallen und atmeten erleichtert auf, da sie nun endlich einen Teil der Reise überstanden hatten. Morgen würde es weitergehen, doch das würde erst morgen sein.

Während sie noch die Speisekarte studierten, öffnete sich noch einmal quietschend die Eingangstür – ein Geräusch, das von heulendem Wind begleitet wurde.

Julie blickte auf und sah den alten Mann von vorhin munter pfeifend auf sich zukommen. Im hellen Licht der Stube konnte sie seine Gestalt nun besser erkennen. Obwohl er noch ganz energisch aussah, stellte Julie fest, dass er noch älter sein musste, als sie ihn zuerst eingeschätzt hatte. So etwa um die neunzig musste er sein. Sein wettergegerbtes Gesicht war sonnengebräunt. Seine leicht zusammengedrückten Augen blickten weise, ruhig und amüsiert. Doch war das Feuer in ihnen durchaus nicht erloschen, von Zeit zu Zeit blitzten sie auf, eine alte Erinnerung vielleicht, ein nicht verheilter Schmerz. Die Kleidung des Alten schien mehr auf den Zweck als auf die äußerliche Erscheinung ausgerichtet zu sein, doch insgesamt ergab sie ein Bild, das wirklich zu ihrem Besitzer passte, etwas anderes wäre undenkbar gewesen. Er hatte die nasse Jacke am Eingang abgelegt, ebenso wie seine alte Baskenmütze. Schwarze Gummistiefel, eine alte Cordhose und ein dunkles, grob kariertes Hemd vervollständigten seine Garderobe.

Peters Gesicht, der nun auch aufblickte, zeigte dasselbe Staunen, das sich auch in Julies Zügen spiegelte. Der Mann blickte sich kurz um und nickte einigen der Männer freundlich zu. Als er Julie und Peter bemerkte, lächelte er erfreut und ging zu ihnen herüber.

„Wie kommt es, dass Sie so schnell hier sind?“ brachte Julie perplex heraus. „Immerhin sind wir gefahren und sind gerade erst angekommen.“

Der Alte schaute sie mit seinen schlauen Augen an und lächelte sein spöttisches geheimnisvolles Lächeln, das Peter und Julie bereits kannten. „Magie“, sagte er dann nur und sein Lächeln weitete sich. Die beiden jungen Menschen sahen ihn erstaunt an. „Ja“, fuhr er fort, „Magie ist es... nun wirklich nicht. Ich kenne einfach eine Abkürzung, die mit dem Auto unpassierbar ist, das ist alles.“ Julie und Peter sahen beinahe enttäuscht aus. Beide waren schon so weit an diesem verrückten Abend, dass sie ihm ohne weiteres geglaubt hätten, wenn er von seinen übersinnlichen Kräften oder der Magie dieses Ortes erzählt hätte.

In diesem Moment kam die Wirtin und unterbrach die merkwürdige Unterhaltung, die den beiden über den Kopf zu wachsen drohte. „Na, was darf es denn sein?“ fragte sie.

Julie und Peter nahmen beide das Tagesgericht und erkundigten sich auch, ob es im Dorf ein Hotel oder ähnliches gäbe, wo sie übernachten könnten. Es stellte sich heraus, dass es keine Herberge im Ort gab und sie auch noch nie benötigt wurde. Die Wirtin bot ihnen jedoch an, das Zimmer über der Essstube zur Verfügung zu stellen.

„Und was soll ich dir bringen, Walter?“ wandte sich die Wirtin an den Alten.

„Das Übliche, zum Aufwärmen“, zwinkerte er ihr zu. Die Wirtin eilte weg, um den Bestellungen nachzugehen.

Julie musterte den ihr gegenüber sitzenden Mann neugierig. „Sie hatten uns gar nicht Ihren Namen genannt.“

„Sie haben mich nicht gefragt.“ Er erwiderte ihren Blick. „Und außerdem, was sind schon Namen. Wenn ich auf alle Namen hören würde, die die Menschen hier mir geben. ‘Der verrückte alte Walter‘ nennen sie mich. Und das bloß, weil ich meine Augen und Ohren nicht vor der Wahrheit verschließe und genug Verstand besitze, um dem guten alten Mr. Shakespeare zuzustimmen. Er war nämlich auch der Meinung, dass es ‘viel mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit es sich träumen lässt‘ und wir demzufolge nicht alles erklären können müssen, um zu akzeptieren, dass es ihn gibt!“

„Wen?“ fragten Julie und Peter beinahe gleichzeitig.

„Was wen?“ Walter wurde dadurch aus seinen Gedanken gerissen und blickte die beiden fragend an.

„Sie haben eben gesagt, dass wir akzeptieren müssen, dass es ihn gibt. Wen meinen Sie damit?“ fragte Julie nach.

„Ach, habe ich das?“ Walter sah nun sogar ein bisschen verlegen aus. „Sie sollten weniger auf das Geschwafel eines alten Mannes achten, der schon viel, vielleicht zu viel gesehen hat, sonst halten Sie mich auch noch für verrückt.“ Er schien darüber nachzudenken, entschloss sich aber dennoch weiter zu reden. „Ob Sie mir nun glauben oder nicht, achten Sie auf meinen Rat. Sie“, dabei sah er Julie fest in die Augen, „sollten nicht im Schloss übernachten, wenn Sie schon meine Warnung ausschlagen und trotzdem dahin fahren wollen. Und Sie“, sein Blick wechselte zu Peter und hielt den seinen mit einer Intensität fest, die Peter ihm nie zugetraut hätte. „Sie müssen auf sie aufpassen und sie von dort wegbringen, wenn etwas Merkwürdiges passiert.“ Bevor Julie oder Peter etwas erwidern konnten, wandte er seinen Blick auch schon wieder ab. „Ah, da kommt endlich Ihr Essen und mein Ale“, sein Ton wurde wieder normal und verlor seine gespannte Kraft.

Peter und Julie konzentrierten sich auf ihr Essen und waren froh, diesen Vorwand zu haben, um nicht über das Gehörte nachdenken zu müssen. Sie beendeten ihre Mahlzeit in Stille, während Walter sich zu den anderen Männern an der Theke gesellte.

Gesättigt und erschöpft betraten sie kurze Zeit später das ihnen von der Wirtin überlassene Zimmer, das, wie sie direkt feststellten über nur ein Bett verfügte.

„Jetzt mach keine Anstalten, Peter, du bist mindestens genau so müde wie ich.“ Julies Stimme war wieder energisch und ganz entschieden, als Peter vorschlug, sie könne das Bett haben, und er würde im Sessel übernachten. „Ich kenne dich schon seit meiner Kindheit, und wir haben schon alles Mögliche miteinander erlebt. Da können wir wohl auch dieses Bett teilen. Sonst würde ich mich schuldig fühlen und nicht schlafen können.“

Peter war ohnehin zu müde zum Streiten, deshalb wurde alles Julies Wünschen entsprechend geregelt. Wie so oft, fügte Peter in Gedanken hinzu.

„Julie, schläfst du schon?“ Trotz der Müdigkeit hielt ein Gedanke Peter immer noch wach.

„Mmhh“, war die einzige Antwort, die er bekam.

„Weißt du noch, heute Abend. Der Alte hat da jemanden erwähnt, erinnerst du dich? Er sagte, wir müssten seine Existenz akzeptieren, auch wenn wir sie nicht verstehen können. Was hat er wohl damit gemeint?“

„Ich weiß es nicht“, murmelte Julie verschlafen, „vielleicht hat er allgemein gesprochen, von Gott vielleicht, schlaf jetzt lieber.“

„Du hast wahrscheinlich Recht. Gute Nacht.“ Doch Julie war schon eingeschlafen.

Am nächsten Morgen weckte ein Hahnenschrei Julie aus ihrem Schlaf, und kurz darauf schloss sich ihm ein ganzer Chor von bellenden Hunden an. Verwirrt blickte sie sich um und versuchte, diese merkwürdigen Geräusche in einen Zusammenhang mit ihrem Aufenthaltsort zu bringen. Dann erinnerte sie sich an die Ereignisse, die Peter und sie in dieses Zimmer geführt hatten.

Sie schubste den neben ihr schlafenden Peter in die Seite. Er öffnete schläfrig die Augen und schaute sie fragend an. Nach einem kurzen Moment der Orientierung lächelte er neckisch. „Oh Cherie, war es für dich genauso schön wie für mich?“ Das fing ihm einen missbilligenden Blick und einen weiteren Knuff in die Seite ein.

„Beeile dich lieber, sonst bekommen wir bestimmt kein Frühstück mehr ab.“

Das Frühstück war einfach, aber herzhaft. Es bestand aus einer Kanne schwarzen Kaffees, Brot, Speck und Eiern. Beim Essen legten sie sich ihr weiteres Vorgehen zurecht.

„Zuerst sollten wir uns nach dem Weg ins Schloss erkundigen“, schlug Julie herzhaft kauend vor.

„Es könnte auch nicht schaden, uns über die allgemeine Situation im Dorf zu informieren. Es würde mich schon interessieren, wie die Leute zu unserem Vorhaben stehen“, fügte Peter hinzu.

„Du glaubst doch nicht etwa, dass die anderen hier genauso merkwürdig reagieren werden wie dieser Walter?“

„Das weiß ich eben nicht. Vielleicht kann uns jemand ja etwas über ihn erzählen. Ich meine, ob er wirklich verrückt ist oder ob man ihn ernst nehmen sollte.“

In diesem Augenblick trat die Wirtin an ihren Tisch, scheinbar in der Stimmung ein Schwätzchen zu halten. Am vorangegangenen Abend hatte sie wohl zu viel Betrieb gehabt, um sich in Ruhe mit den Neuankömmlingen unterhalten zu können, und schien sie vor Neugier förmlich zu platzen.

„Guten Morgen, die Herrschaften. Ich hoffe, es ist alles zu Ihrer Zufriedenheit“, fragte sie.

„Oh ja, danke, alles ist wirklich wunderbar“, erwiderte Peter.

„Sie sind hier wohl auf der Durchfahrt, wohin wollen Sie denn weiterfahren?“ Die Wirtin konnte ihre Neugier nicht zurückhalten.

„Eigentlich sind wir schon fast am Ziel, wir wollen nur ein Stück weiter, zum Schloss.“

„Meinen Sie etwa unser altes Herrenschloss? Aber das ist schon längst verlassen. Ich glaube kaum, dass Sie es werden besichtigen können. Und wenn doch, so würde ich sagen, dass es die Mühe kaum wert ist, es gibt viel lohnendere Ausflugsziele hier in der Gegend.“

„Das wissen wir“, erwiderte Julie vorsichtig. „Wir sind jedoch nicht an einer Besichtigungstour interessiert. Das Schloss soll verkauft werden und wir sind im Auftrag des Besitzers gekommen, um eine vollständige Inventur durchzuführen.“ Julie verstummte und sah, ebenso wie Peter, die Frau erwartungsvoll an. Aber außer einer milden Verwunderung ließ das Gesicht der Wirtin nichts erkennen.

Als sie ihre gespannten Mienen sah, lachte sie. „Ah, wie ich sehe, haben Sie sich mit dem alten Walter unterhalten und fürchten jetzt, alle Menschen hier wären so merkwürdig wie er. Da kann ich Sie beruhigen, der alte Walter ist ein wahres Unikat.“

Julie und Peter lächelten erleichtert. „Dann können Sie uns den Weg zum Schloss erklären?“

„Aber natürlich, ich gebe Ihnen nachher auch eine Karte dieser Gegend mit, damit Sie es auf jeden Fall finden.“

„Darf ich Sie etwas fragen?“ fing Peter zögernd an. Als er das zustimmende Nicken der Wirtin sah, fuhr er fort. „Dieser Alte, Walter, können Sie uns etwas über ihn erzählen? Er hat uns gestern ziemliches Unbehagen eingeflößt. Alle diese Andeutungen über das Schloss, man könnte beinahe meinen, es wäre verflucht oder so.“

„So geht es uns allen hier“, winkte sie ab. „Aber wir haben uns daran gewöhnt, an seine Geschichten, meine ich. Deshalb schenken wir ihnen auch keine Beachtung. Ich glaube nicht, dass er wirklich verrückt ist, ein wenig merkwürdig, vielleicht. Er ist eben Walter, er gehört einfach zum Dorf dazu, und wenn er gute Laune hat, kann er viele interessante Geschichten erzählen.“

„Aber warum gerade er? Er ist zwar ziemlich alt, aber doch wohl nicht der einzige alte Mensch im Dorf“, warf Julie ein.

Die Wirtin rückte näher an die beiden heran und senkte verschwörerisch ihre Stimme. „Ich habe gehört, es hängt mit einem Erlebnis in seiner Jugend zusammen. Es gab da wohl einen Unfall, bei dem er einen geliebten Menschen verloren hatte. Manche sagen, es war seine Schwester, andere seine Verlobte. Seit dem Vorfall hat er sich verändert. Er meint, etwas Schreckliches war für diesen Tod verantwortlich. Aber höchst wahrscheinlich war es bloß ein tragischer Unfall.“

Mehr schien die Wirtin darüber nicht erzählen zu können. Eine letzte Frage beschäftigte Peter jedoch noch. „Diese Behauptungen von Walter, sind sie wirklich so ungewöhnlich, oder gibt es Legenden rund um das Schloss und seine Vergangenheit?“

„Na hören Sie mal“, die Wirtin gab sich empört. „Schließlich ist das hier ein respektables altes Schloss, natürlich gibt es dort ein oder zwei Schlossgespenster und eine ganze Reihe Spuk- und Gruselgeschichten. Was denken Sie denn? Aber sie gleichen mehr den üblichen Legenden, wir haben keine besonders ungewöhnlichen oder schauerlichen Geschichten im Angebot. Leider“, fügte sie bedauernd hinzu. „Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, reden Sie am besten mit unserem Lehrer. Es ist sein Hobby, alte Geschichten zu sammeln und aufzuschreiben.“

„Danke, vielleicht werden wir das tun“, erwiderte Peter. „Wir würden dann gerne zahlen“, fügte er mit Blick auf ihre Teller hinzu.

„Aber sicher doch.“ Geschickt begann die Wirtin damit, den Tisch abzuräumen. „Kommen Sie am besten mit nach vorne“, schlug sie ihnen anschließend vor. „Dann kann ich Ihnen gleich auch die Karte geben.“

Dank der Karte brauchten Julie und Peter nicht lange, um das Schloss zu finden. Dass diesmal alles glatt verlief, nahmen sie als gutes Omen dafür, dass auch ihr Projekt erfolgreich verlaufen würde.

Langsam fuhren sie die gepflasterte Auffahrt hinauf auf den großen Hof.

Imposant ragte das alte Hauptgebäude vor ihnen auf. Am auffälligsten war daran der prächtige Eingang aus weißem Marmor, der wohl erst später dazu gebaut worden war, da er nicht dem sonst eher schlichten Stil des Bauwerkes entsprach. Vor langer Zeit musste das Schloss wunderschön und majestätisch gewesen sein. Und auch jetzt ließ sich seine frühe Pracht noch erahnen. Die Zeit, die viele Risse und Spalten hinterlassen hatte, hatte dem Gebäude auch eine Ruhe und Ausstrahlung verliehen, die es nun zu einer Art Wächter der Ewigkeit machten.

Neben dem Hauptgebäude erstreckten sich die Nebengebäude, die früher die Ställe und die Dienstunterkünfte beherbergt hatten. Das Bauwerk wies unterschiedliche Architekturstile auf, doch schienen die Architekten zu jeder Zeit darauf bedacht gewesen zu sein, immer ein harmonisches Ganzes entstehen zu lassen.

Hinter dem Schlossgebäude erstreckte sich der alte Fruchtgarten. Der früher sorgfältig gepflegte, nun aber völlig überwucherte Park enthielt Jahrhunderte alte Bäume und hat trotz mangelnder Pflege nichts von seiner Schönheit eingebüßt. Vielmehr hat ihm diese wilde Note etwas noch Ursprünglicheres verliehen und seinen Reiz noch verstärkt.

Ein kaum noch wahrnehmbarer Pfad führte verschlungen durch den gesamten Park, bis zu einem Ort vollkommener Stille und Schönheit. Tief im Herzen des Parks, im Schatten einer alten großen Platane, stand ein kleiner zierlicher Pavillon, die einmal für die Tochter des Grafen errichtet worden war. Das kleine Bauwerk stellte das romantischste Fleckchen Erde auf dem gesamten Schlossgelände dar und war im Laufe der Jahrhunderte wohl Zeuge unzähliger heimlicher Treffen, geflüsterter Versprechen und vergossener Tränen gewesen.

Doch selbstverständlich wussten Julie und Peter dies alles noch nicht, als sie das Schloss endlich vor sich liegen sahen. Sie stiegen aus ihrem Auto aus, um sich fasziniert umzuschauen.

Als Julie die Fassade des Hauses betrachtete, stockte sie plötzlich. Etwas schien ihren Blick magisch auf sich zu ziehen. Wie gebannt starrte sie auf das Schloss, doch sie bemerkte nicht die Schönheit des im Hintergrund halb verborgenen Parks, den elegant geformten Torbogen oder die gesamte Majestät des Anblicks. Vielmehr versuchte ihr Blick durch die steinernen Mauern hindurch zu sehen, etwas zu erkennen, das sich hinter der prächtigen Fassade befand. Denn da war etwas, das spürte sie ganz deutlich.

Sie fröstelte und zog unbehaglich ihre Schultern hoch. Irgendwo hinter den Fenstern des dritten Stockwerkes war jemand oder etwas, und es beobachtete sie.

Doch so sehr Julie sich auch bemühte, konnte sie nichts erkennen, nichts bewegte sich. Und so riss sie sich schließlich von dem sie beunruhigenden Anblick los und schrieb die flüchtige Empfindung ihren überspannten Nerven zu.

Julie blickte Peter an und zwang sich zu einem tapferen Lächeln. Peter erwiderte es unsicher. „Lass uns rein gehen“, sagte er. Julie nickte.

Hinter einem der Fenster des dritten Stockwerks stand eine dunkle Gestalt mit verschränkten Armen und beobachtete ihre Ankunft. Ein leichtes Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er Julie sah. Diese Frau würde eine Herausforderung sein, doch je intensiver er sie betrachtete, desto deutlicher erkannte er, dass sie die Mühe wert sein würde. Er war sich sicher, dass er am Ende triumphieren, dass er nach den Jahrhunderten der Einsamkeit und Verzweiflung wieder frei sein würde.

Plötzlich merkte er, dass Julie zu ihm hinauf starrte, fast so, als ahnte sie seine Gegenwart. Nun, das machte das Spiel umso spannender. Er musste sehr vorsichtig sein, doch am Ende wartete der große Preis auf ihn.

Als er sich vom Fenster abwandte, verspürte er einen leichten Anflug von Besorgnis gemischt mit tiefer Faszination, denn er spürte, dass diese junge Frau, die sich nichts ahnend in die Höhle des Löwen begeben hatte, etwas wirklich Besonderes war.

Das Spiel möge beginnen, dachte Frederik. Er lächelte zufrieden und … verschwand.

„Allein schon dieses Türschloss hier muss etwas wert sein“, keuchte Peter, als er versuchte, mit dem großen schweren Eisenschlüssel das verrostete Türschloss aufzuschließen. „Das verdammte Ding geht einfach nicht auf“, beschwerte er sich dann.

„Lass mich mal versuchen“, schlug Julie vor, doch Peter winkte ab.

„Ich schaffe das schon noch.“ Mit einer letzten Kraftanstrengung gelang es ihm schließlich, den Schlüssel zu drehen. Mit einem lauten Knarren ging Schloss auf. Der Weg vor ihnen lag frei.

Ehrfürchtig öffnete Julie die Tür und betrat das alte Gebäude. Sie sah sich staunend um. Es übertraf bei weitem ihre Erwartungen. Das Schloss war in einem besseren Zustand, als sie beide es befürchtet hatten. Allein der Anblick der großen Eingangshalle hatte genügt, um ihnen neuen Mut zu machen. Abgesehen von einer dicken Staubschicht, stickiger Luft und einigen Fledermäusen, die bei ihrem Eintritt erschrocken wegflatterten, war die Halle in einem verhältnismäßig guten Zustand. Sie bestand aus einem langen Korridor mit gewölbter Decke, an dessen Seiten sich massive Holztüren befanden. Der Korridor endete in einem großen Saal, dem Festsaal, vermutete Julie.

Zahlreiche Fresken an den Wänden des Ganges stellten ruhmreiche Momente in der Ahnengeschichte der Besitzer dar. Doch musste Julie zu ihrem Bedauern feststellen, dass diese zu sehr von Zeit und Motten zerfressen waren, als dass man sie noch hätte retten können.

Julie und Peter störte der verfallene Zustand jedoch kaum, als sie staunend und begeistert die Gänge entlang gingen. Sie waren erfüllt von Vorfreude und brannten voller Ungeduld darauf, möglichst bald mit der Arbeit anfangen zu können.

„Gott sei Dank, dass früher für die Ewigkeit gebaut wurde“, sagte Peter nachdenklich.

„Du hast recht“, führte Julie seinen Gedanken fort, „stell dir nur vor, man hätte für den Bau Holz verwendet, anstatt Steine einzuführen. Dann gäbe es für uns hier nichts mehr zu tun.“

Julie und Peter schritten langsam den Korridor entlang, wobei sie versuchten, so viele Einzelheiten wie möglich in sich aufzunehmen. Die Seitentüren, die wahrscheinlich zu den Küchenräumen und den Schlafstuben der Bediensteten führten, waren morsch und hingen, von der Luftfeuchtigkeit aufgequollen, schräg in ihren Angeln. Peter und Julie merkten sich sofort einige Gegenstände, die noch etwas wert sein könnten, wie ein antik aussehender Kerzenhalter an der Wand oder hier und da einige wie durch ein Wunder unversehrte Bilder.

Die schweren Seitentüren konnten die beiden nicht allein aufstemmen, und so mussten sie sich nach einigen fruchtlosen Versuchen geschlagen geben. Deshalb beschlossen sie, sich später Hilfe aus dem Dorf zu holen. Es war ihnen ohnehin von Anfang an bewusst gewesen, dass sie die ganze Arbeit nicht allein schaffen konnten. Es wurde sogar extra ein Spesenkonto eingerichtet, um etwaige Hilfskräfte zu bezahlen.

Am Ende des Ganges blieb Peter stehen und schaute sich staunend um. „Das ist einfach überwältigend“, flüsterte er.

Sie befanden sich nun im Festsaal, der wahrlich einen beeindruckenden Anblick bot. Die gerade noch durch die dreckigen Scheiben durchschimmernde Sonne erhellte wunderbar gestaltete alte Möbel mit geschnitzten Füßen und von mythischen und biblischen Motiven verzierten Türen. An beiden Seiten der Halle standen Ritterrüstungen - die letzten Zeugen einer längst vergangenen Epoche. Der Festsaal endete in einer Ahnengalerie, die das Geschlecht der Lerouge darstellte. An der prächtigen Kleidung der Porträtierten und dem Malstil konnte man das Alter der Gemälde in etwa erraten, und selbst die gröbste Schätzung zeigte, dass sie bis ins tiefe Mittelalter hinein reichten. Julie wurde von Ehrfurcht überwältigt, als sie an der langen Ahnenreihe entlang schritt und unbewusst nach familiären Gesichtsmerkmalen suchte. Sie konnte nicht anders, als sich zu fragen, wie das wohl wäre, seinen gesamten Stammbaum zu kennen und genau zu wissen, woher man stammte. Sie drehte sich nach Peter um, um ihm ihre Gedanken mitzuteilen, doch er war nicht da. In ihm war der Fotograf erwacht. Julie lächelte unwillkürlich, als sie sah, wie er langsam in der Halle umherging und mit einer imaginären Kamera in der Hand versuchte, die riesige Halle möglichst von allen Seiten zu erfassen.

„Nun komm schon, wir müssen weiter, zum Spielen hast du später auch noch Zeit“, rief Julie ihm fröhlich zu.

„Ja, Mami“, lautete Peters gehorsame Antwort.

Der Rest des Schlosses war nicht weniger eindrucksvoll. Die Möbel, die früher in den unteren Stockwerken gestanden haben, waren im Laufe der Jahre nach oben gewandert, als die Mode sich geändert hatte, und die Besitzer neue Möbel für die Gemächer im Erdgeschoß erworben hatten. Dadurch hatte das Obergeschoß jedoch eine besondere Ausstrahlung bekommen, denn da schien die Zeit vor Hunderten von Jahren stehen geblieben zu sein. In dem schwachen Licht, das durch die schmalen Fenster einfiel, sahen sie uralte Betten aus kostbarem Holz, das jetzt zwar schon morsch, aber noch immer eindrucksvoll war. Sie sahen große, mit Eisen beschlagene Truhen; es gab Decken mit kaum noch sichtbaren Mustern, die von Händen gewebt waren, die schon vor langer Zeit zu Staub zerfallen waren.

Ja, das Obergeschoß war die Verkörperung der Vergangenheit, ein Wächter der Erinnerungen. Peter und Julie kamen sich wie Eindringlinge vor, die nicht dorthin gehörten. Und obwohl sie von der Schönheit und Majestät, die in diesen Gemächern herrschten, tief beeindruckt waren, drückten die Stille und die phantastischen Motive der Decken und Gobeline auf ihr Gemüt. Julie gestand sich ein, dass sie nie dazu bereit gewesen wäre, auch nur eine Nacht in diesen gespenstisch stillen, auch bei Tag halb dunklen Räumen zu verbringen.

„Peter, lass uns lieber weitergehen.“ Sie fasste ihn am Arm und zog ihn weiter.

Peter, der auch diese Stimmung spürte, widersprach ihr nicht. Am Ende des Ganges entdeckten sie noch eine kleine Treppe, die nach oben, auf das Dach führte. Als Peter diese mühsam aufstemmte, kam ihnen frische, warme Sommerluft entgegen.

Julie und Peter stiegen aufs Dach hinauf, und als ob sie an diesem Tag noch nicht genug Überwältigendes gesehen hätten, offenbarte sich ihren Blicken ein Panorama, das sie für einige Augenblicke sprachlos machte.

Die gesamte Gegend lag wie auf einer Handfläche vor ihnen ausgebreitet. Der satte Rasen umrahmte wie ein grünes Meer das gesamte Schlossgelände; etwas abseits sahen sie das kleine Dorf, in dessen Mitte die Dorfkirche ragte. Ihr von der Sonne beleuchteter Stiel zeichnete sich deutlich vom azurblauen Himmel ab. Ein kleiner Feldweg schlängelte sich durch all das Grün bis hin zum Horizont und ließ die Frage offen, wohin und wie weit er wohl führen mochte.

2. Kapitel

 

„Eins, zwei und stemmen“, kommandierte Peter. Er und zwei andere junge Männer aus dem Dorf versuchten gerade, die schweren, aufgequollenen Holztüren zu öffnen, was ihnen nicht immer ohne weiteres gelang. Peter schnaufte und keuchte bereits schwer.

Auch Julie und die Frauen, die zur Hilfe geholt worden waren, saßen nicht untätig herum. Im gesamten Schlossgebäude wurde gelüftet, geputzt und gewaschen. Julie und Peter war es bis zum Beginn der Arbeit gar nicht klar gewesen, was diese „Arbeit“ eigentlich beinhaltete. Sie hatten gewiss nicht damit gerechnet, dass ihre Aufgabe zunächst darin bestehen würde, sich in regelrechte Putzteufel zu verwandeln und das alte Schloss, das sie jetzt nur noch als ein stickiges verfallenes Gemäuer bezeichneten, auf Vordermann zu bringen. Nach dem ersten Arbeitstag war Julie so müde, dass sie ganz frustriert behauptete, sie hätte genug von diesem Schloss gesehen, um sich zu wünschen, den Auftrag niemals angenommen zu haben. Den ganzen Tag hatten sie geschuftet und hatten nur einige Räume, die sie zum Leben brauchten, notdürftig hergerichtet. Am nächsten Tag schmerzte ihr Körper wie gerädert. Deshalb bestand ihre erste Aktion darin, ins Dorf zu gehen und ein paar Leute als Aushilfe einzustellen. Sie war angenehm überrascht, als, entgegen ihren Erwartungen, sich viele bereit erklärten, ihnen zu helfen. Niemand schien irgendwelche Bedenken zu haben, deshalb legte sich Julies und Peters Unruhe, die sie aufgrund ihres mysteriösen ersten Abends verspürt hatten. Die Menschen aus dem Dorf waren froh darüber, etwas Geld dazu zu verdienen, und außerdem freuten sie sich über jedes außergewöhnliche Ereignis, da ihr Leben sonst sehr ruhig und abwechslungsarm verlief.

Seitdem herrschte im gesamten Schloss ein Zustand des geordneten Chaos, der jeder großen Aufräumarbeit voran geht. Julie lief inmitten dieses Durcheinanders aufgeregt hin und her und lernte so viel übers Putzen und Waschen, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Beim Sonnenaufgang fing es an - sie gab Anweisungen, packte selber mit an, organisierte und kommandierte, bis sie dann abends ganz erschöpft ins Bett fiel. Nach drei Tagen fing das Ergebnis der Mühen endlich an, sichtbar zu werden. Das Chaos ließ nach und auch wenn es noch nicht ganz beseitigt war, so konnte man schon erahnen, wie das Endprodukt aussehen sollte.

Von der Arbeit ganz in Anspruch genommen, erlebten Julie und Peter einige glückliche und verhältnismäßig sorglose Tage. Jetzt, wo sie die Arbeit angepackt und einen Anfang gemacht hatten, grauste es ihnen nicht mehr vor der gewaltigen Aufgabe, die sie übernommen hatten. Alles schien möglich.

 

Ein lautes Klopfen an der Eingangstür ließ Peter in seiner Arbeit innehalten. Er putzte seine Hände an seiner Hose ab und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Dann öffnete er die Tür.

„Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“ fragte Peter und musterte neugierig den vor ihm stehenden jungen Mann. Der Fremde war groß und gut gebaut. Peter schätzte ihn auf Ende zwanzig. Das Gesicht des Fremden strahlte Gutmütigkeit und gute Laune aus. Er streckte Peter freundlich die Hand hin.

„Mein Name ist Daniel Mend, ich bin sozusagen ihr Nachbar“, stellte er sich vor. „So, Sie wollen also wirklich das alte Gemäuer auf Vordermann bringen? Ich muss gestehen, ich konnte es kaum glauben, als ich das Gerücht zum ersten Mal hörte. Wenn ich ehrlich bin, Ihr Vorhaben ist zwar nicht zu beneiden, aber auf jeden Fall einfach bewundernswert. Mich würde nichts in der Welt dazu bringen, diese wirklich prometheische Aufgabe zu übernehmen“, meinte er lächelnd, „aber ich bin ja auch kein Fachmann.“

Das Lächeln auf seinem Gesicht stockte für einen Augenblick, bevor es sich mit einem bewundernd überraschten Ausdruck noch weitete. Peter folgte seinem Blick und sah Julie auf sie beide zukommen. Sie trug eine alte kurz abgeschnittene Jeans und ein T-Shirt, ihr Gesicht war schmutzig und ihre Haare zerzaust, dennoch machte sie auf den Fremden ziemlichen Eindruck.

„Na, Peter, willst du mir unseren Gast nicht vorstellen?“

„Natürlich. Julie das ist sozusagen unser Nachbar, Daniel Mend. Und das ist meine Partnerin Julie Callahan. Ach ja, ich bin Peter Thorn.“ Julie und Daniel reichten sich die Hände, wobei Julie die ihre ebenfalls erst hastig an ihren Shorts abwischte.

„Sehr erfreut.“

„Nun, da Sie unser erster Gast sind, haben Sie das Privileg auf eine einzigartige und unvergleichliche Führung, damit Sie erkennen, wie gewaltig unsere Aufgabe wirklich ist. Selbstverständlich nur, wenn Sie interessiert sind“, lud Peter den Besucher ein.

„Na, das lasse ich mir nicht zweimal sagen.“

Julie und Peter traten beiseite, um ihren Gast eintreten zu lassen.

„Warum sagten Sie, Sie wären nur „sozusagen“ unser Nachbar, Mr. Mend?“ fragte Julie, als sie die große Halle betraten.

„Bitte nennen Sie mich einfach Daniel.“

„Na gut, Daniel, also was meinten Sie damit?“

„Ich besitze die Farm, die dem Schloss am nächsten liegt, aber da bin ich kaum. Die meiste Zeit verbringe ich im Dorf. Ich arbeite da als Lehrer. Aus diesem Grund konnte ich Sie auch nicht früher besuchen. Sie verstehen schon, die Arbeit.“

„Sie können sich gar nicht vorstellen, wie gut wir Sie verstehen“, meinte Peter mit einem beredten Blick auf das Schlossgewölbe. Alle drei lachten entspannt.

„Dann störe ich Sie doch bestimmt, vielleicht sollte ich jetzt lieber gehen.“

„Aber nicht doch“, protestierte Julie. „Wir sind froh, endlich eine gute Ausrede zu haben, um die Arbeit zu schwänzen. Und außerdem sind gute nachbarschaftliche Beziehungen doch sehr wichtig, oder?“

Die Abwechslung von der Arbeit tat den beiden gut, und außerdem genoss die kleine Kokette in Julie die Aufmerksamkeit und die Blicke, die Daniel ihr zuwarf.

„Wo wir gerade dabei sind, ich möchte ihnen gern einen Rat geben.“

Das zerstörte in Julies Augen vollkommen den Augenblick, ihr Lächeln verschwand, und stattdessen bildete sich eine trotzige Falte zwischen ihren Augenbrauen. Oh nein, wenn er jetzt auch noch mit Warnungen anfängt, drehe ich durch, dachte sie nur. Auch Peters Gesicht wirkte auf einmal abweisend.

„Ich möchte Ihnen empfehlen, am Sonntag in die Kirche zu gehen“, fuhr Daniel, über ihren Gesichtsausdruck etwas verwirrt, fort. „Es ist ein sehr kleiner Ort, und die Leute hier sehen so etwas gern. Wozu unnötigen Unmut erregen.“

Julies Gesicht entspannte sich wieder. Sie atmete sogar erleichtert auf. „Sie haben vollkommen Recht, danke, daran haben wir noch gar nicht gedacht.“

„Sie scheinen erleichtert, was haben Sie denn gedacht, was ich Ihnen vorschlagen würde?“

„Eigentlich nichts. Es ist nur, ich dachte, Sie wollten uns auch noch etwas über Schlossgespenster und verborgene Gefahren erzählen.“

„Die Idee ist mir noch gar nicht gekommen. Sind Sie denn an solchen Geschichten interessiert?“

„Nein!“ entfuhr es Julie und Peter wie aus einem Mund. „Sollten wir denn? Ich meine, gibt es etwa Gespenster in diesem Schloss?“ fügte Julie leicht verunsichert hinzu.

„Ich glaube zwar nicht alles, was darüber geredet wird, aber ich könnte Ihnen einige ziemlich amüsante und sogar pikante Geschichten rund um das Schloss erzählen.“

„Inwieweit pikant?“

„Na ja, es sind schon einige merkwürdige Dinge passiert, vor allem mit Frauen. Sie fanden das Schloss wohl schon immer sehr anziehend.“ Daniel hob leicht anzüglich die Brauen.

„Ach wirklich?“ ließ Julie sich skeptisch vernehmen.

„Bei Gelegenheit könnte ich Ihnen ja ein paar von diesen Geschichten erzählen, wenn Sie doch Ihre Meinung ändern und mehr wissen wollen. Sonst fragen Sie einfach den alten Walter, der weiß fast alles, was mit dem Schloss zu tun hat, er erzählt Ihnen bestimmt gerne ein paar Gruselgeschichten.“

„Ja, wir hatten schon Gelegenheit, sein Repertoire kennen zu lernen“, bemerkte Peter trocken.

„Nun gut, ich möchte Sie nicht noch länger von der Arbeit abhalten. Julie, Peter, es hat mich sehr gefreut, und vielen Dank für die Führung.“

„Gern geschehen, also dann, bis Sonntag!“

Peter beobachtete sorgfältig Daniels Gesichtsausdruck und Benehmen, während dieser mit Julie sprach. Er wusste, er hatte eigentlich kein Recht darauf, eifersüchtig zu sein. Er sollte sich das also möglichst schnell wieder abgewöhnen.

 

Als sie sich voneinander verabschiedeten, ahnte keiner der drei, dass ein anderes, weitaus grimmigeres und gefährlicheres Augenpaar die kleine Szene mitverfolgte. Der Besitzer dieser Augen bewertete Daniel und schätzte ab, inwieweit er den sorgsam durchdachten Plan gefährden konnte. Für Frederik war Daniel eine neue Unbekannte in der sorgfältig aufgestellten Gleichung, ein neuer Risikofaktor. Doch er wusste, dass er keine Risiken eingehen würde, nicht dieses Mal. Und dass alle Hindernisse, die zwischen ihm und seinem Ziel auftauchten, beseitigt werden würden.

 

* * * * * *

 

Eine elegante Kutsche fuhr die gepflasterte Einfahrt herauf.

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