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Dunkle Vergangenheit

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28
  36. Kapitel 29
  37. Kapitel 30
  38. Kapitel 31
  39. Kapitel 32
  40. Kapitel 33
  41. Kapitel 34
  42. Kapitel 35
  43. Kapitel 36
  44. Kapitel 37
  45. Kapitel 38
  46. Kapitel 39
  47. Kapitel 40
  48. Kapitel 41
  49. Kapitel 42
  50. Kapitel 43
  51. Kapitel 44
  52. Kapitel 45
  53. Kapitel 46
  54. Kapitel 47
  55. Kapitel 48
  56. Kapitel 49
  57. Kapitel 50
  58. Kapitel 51
  59. Kapitel 52
  60. Kapitel 53

Über dieses Buch

Wie weit würdest du gehen, um dein Kind zu retten?

Lilly, die achtjährige Tochter der TV-Journalistin Kim Jansen, verschwindet spurlos. Wenig später meldet sich der Entführer: Entweder Kim gesteht öffentlich die Taten ihrer Vergangenheit, oder er tötet Lilly. Für Kim beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie muss ihre Tochter und den Erpresser finden – vor der Polizei. Denn die Wahrheit darf niemals ans Licht kommen …

Nach »Kalte Erinnerung« der neue hochspannende Psychothriller von Patricia Walter.

Über die Autorin

Patricia Walter, geboren 1974, studierte in München Statistik und arbeitet in der Versicherungsbranche. In ihrer Freizeit betreibt sie neben dem Schreiben Kampfsport, insbesondere Judo und Kung Fu. In Judo hat sie den zweiten Schwarzgurt und ist ehrenamtlich als Trainerin tätig. Sie lebt in München.

www.facebook.com/AutorinPatriciaWalter

www.patricia-walter.de

Patricia Walter

Dunkle Vergangenheit

Für meine Eltern

Prolog

Kim Jansen beschlich ein ungutes Gefühl. Sie konnte nicht sagen, warum, aber irgendetwas stimmte nicht.

Die Hände tief in den Manteltaschen vergraben folgte sie den beiden Männern. Sie verließen den Trampelpfad um den See und gingen auf den schmalen Holzsteg zu.

Hatte er sie erkannt?

Kurz geriet sie ins Grübeln. Es konnte unmöglich sein. Ihre braune modische Kurzhaarfrisur war unter einer schwarzen Langhaarperücke versteckt, die grünen Augen wurden von blauen Kontaktlinsen überdeckt, und die Maskenbildnerin hatte gute Arbeit geleistet: Kim sah um einige Jahre älter aus, als sie in Wirklichkeit war.

Sie ignorierte ihr dumpfes Bauchgefühl und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe.

»Es sind wirklich harte Zeiten«, sagte sie, schloss zu den beiden Männern auf und ergriff Michaels Hand, die sich eiskalt anfühlte und kaum merklich zitterte. Wahrscheinlich war er genauso nervös wie sie. Mittlerweile hatte sie eine gewisse Routine, doch eine leichte Grundanspannung ließ sich nicht vermeiden. Ein Restrisiko bestand trotz der gründlichen Vorbereitung immer. »Die Konkurrenz und die Finanzkrise machen uns sehr zu schaffen. Wir haben einfach keine Lust mehr, dass am Ende kaum was übrig bleibt.« Sie seufzte theatralisch und ergänzte mit gesenkter Stimme: »Deshalb suchen wir nach neuen Geschäftsmöglichkeiten.«

»Ich weiß«, antwortete der Mann, der sich ihnen als Berger vorgestellt hatte, obwohl sein Aussehen osteuropäische Züge aufwies. Seine hohe Stimme passte nicht zu seinem bulligen Erscheinungsbild, und er betonte das ß übermäßig stark. »Aus diesem Grund haben Sie sich an uns gewandt.«

Sie hatten das Ende des Holzstegs erreicht und blieben stehen.

Das Schilf am Ufer des Sees bog sich im auffrischenden Novemberwind, und eine Ente zog laut schnatternd ihre Bahn auf dem sich kräuselnden Wasser. Vom gegenüberliegenden Ufer drang Kinderlachen durch den Nebel zu ihnen, ansonsten war zu dieser frühen Morgenstunde keine Menschenseele unterwegs.

Kim fröstelte und schlang ihre Arme um den Oberkörper, wobei sie darauf achtete, die versteckte Kamera und das Mikrofon nicht zu verdecken.

»Wissen Sie«, sagte Michael und legte seinen Arm um Kims Schultern, »meine Frau und ich haben schon immer davon geträumt, eines Tages nach Thailand auszuwandern und das Leben zu genießen. Aber dafür brauchen wir Geld. Unser regulärer Geschäftsbetrieb gibt das leider nicht mehr her.«

Er spielte den Ehemann wirklich überzeugend.

Berger musterte mit seinen raubtierhaften Augen zuerst Michael und dann sie. Erneut überkam Kim dieses mulmige Gefühl.

Irgendetwas stimmt hier nicht.

Vor einigen Monaten hatten sie verdeckt an Schulen über die dortige Drogenproblematik recherchiert, bis sie per Zufall an den Namen eines Hintermannes gekommen waren. Ein ehemaliger Schüler, der für ihn gearbeitet hatte und ausgestiegen war, nachdem sein Bruder eine Überdosis genommen hatte, stellte den Kontakt her. Unter der Voraussetzung, dass sein Gesicht und seine Stimme später im Fernsehen unkenntlich gemacht würden, war er bereit, über die Machenschaften der Drogendealer auszupacken.

In den folgenden Wochen bauten sie sich eine Tarnidentität auf und kamen über weitere Mittelsmänner schließlich mit Berger in Kontakt. Zunächst telefonisch, schließlich persönlich.

»Wie sieht’s aus, haben Sie Interesse an einer Zusammenarbeit?«, fragte Kim so forsch wie möglich.

»Was können Sie uns denn konkret anbieten?«

»Wir wissen, dass Sie expandieren wollen und dafür geeignete Transportmöglichkeiten suchen. Unser Familienunternehmen produziert Mineralwasser und Multivitamingetränke und füllt sie in einer Anlage nahe der polnischen Grenze ab. Wir haben die technischen Möglichkeiten, Kokain und Crack zu verflüssigen. Abgefüllt in Flaschen können Sie sie getarnt zwischen normalen Getränken problemlos nach ganz Deutschland oder Europa ausliefern.«

Berger zündete sich eine Zigarette an. Sein Blick verlor sich am diesigen Horizont, während er einen tiefen Zug nahm.

»Welche Menge ist möglich?«, wollte er wissen.

»Fünfhundert Flaschen pro Tag«, antwortete Kim. »Sofern sie uns die notwendigen Rohstoffe zur Verfügung stellen.«

Berger schwieg, zog seelenruhig an seiner Zigarette.

Eine Windböe kam auf und trieb vom See den Geruch von vermodernden Algen zu ihnen hinüber. Kim rümpfte die Nase.

Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde sie nervöser, wenngleich sie sich nach außen hin nichts anmerken ließ. Ihr Herz pochte, und trotz der morgendlichen Kälte legte sich ein feiner Schweißfilm auf ihre Stirn. Hoffentlich bemerkte Berger nichts davon.

Komm schon, sag endlich zu und nenn uns einen Termin für konkrete Gespräche.

Mehr wollte sie gar nicht. Die Formalitäten abklären und anschließend wieder nach Hause fahren. Um den Rest konnte sich dann irgendwann die Polizei kümmern. Sie hatten sich ohnehin schon viel zu weit vorgewagt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schnippte Berger die Zigarette ins Wasser und wandte sich zu ihnen.

»Wir brauchen einen Vertrauensvorschuss. Fünfzigtausend Euro in bar und im Voraus, dann bekommen sie ein Kilo Rohstoff. Sollte uns das ganze Paket überzeugen, sind wir im Geschäft. Alles Weitere besprechen wir dann.«

Kim triumphierte innerlich.

Hoffentlich war das Bild scharf und der Ton gut zu hören.

»In Ordnung«, antwortete sie, bemüht, sich ihre Erleichterung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. »Wir besorgen das Geld. Wie setzen wir uns mit Ihnen in Verbindung?«

»Wir werden Sie kontaktieren. In einer Woche …«, begann er, wurde jedoch vom Klingeln seines Handys unterbrochen. Er warf einen Blick aufs Display, entfernte sich ein paar Meter und nahm das Gespräch an. Kim versuchte zu verstehen, was er sagte, doch er redete in einer ihr fremden Sprache. Vermutlich Tschechisch.

Sie sah zu Michael, der nur mit den Schultern zuckte.

Nach einer Minute beendete Berger das Telefonat und kehrte zu ihnen zurück.

»Tut mir leid für die Unterbrechung. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, in einer Woche …«

Im nächsten Moment schnellte seine Faust vor und traf Michael völlig unvermittelt an der Schläfe. Es geschah so schnell, dass dieser nicht den Hauch einer Chance hatte, den Schlag abzuwehren. Er wurde nach hinten geschleudert und kippte wortlos über den Rand des Stegs. Mit einem lauten Platschen schlug er auf dem Wasser auf und versank in der Tiefe.

Kim benötigte eine Sekunde, bis sie begriff, was passiert war.

Verfluchte Scheiße!

Berger kam auf sie zu. Er schäumte vor Wut, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt.

»Großer Fehler«, schnaubte er. »Wen glauben Sie eigentlich, hier zu verarschen?«

Erschrocken wich Kim zurück. Ihr Puls raste, und ihr keuchender Atem kondensierte in der kalten Luft. Der nächste Schritt ging ins Leere. Sie taumelte, fand erst im letzten Moment ihr Gleichgewicht wieder. Voller Angst warf sie einen Blick nach hinten über den Stegrand. Die Nebelschwaden wirkten wie die Vorboten eines Geisterheeres. Von Michael war nichts zu sehen.

Darauf waren sie nicht vorbereitet gewesen.

Berger kam näher.

Kim schluckte schwer. Ihr Blick verengte sich, sie blendete alles andere aus. Sie nahm nur noch den Mann vor ihr wahr, der mit geballter Faust ausholte. Automatisch nahm sie zum Schutz die Arme hoch.

Plötzlich zerriss ein schriller Schrei die Stille.

Berger hielt inne und wirbelte herum. Kim folgte seiner Bewegung.

Am Ufer stand eine junge Frau und sah mit vor Entsetzen geweiteten Augen zu ihnen herüber. Der Schäferhund an ihrer Seite fletschte bedrohlich die Zähne.

Berger schien kurzzeitig irritiert. Sein Blick wanderte zwischen Kim, der Frau und ihrem Hund hin und her, als wäge er seine Optionen ab. Dann rannte er den Steg zurück.

Die Frau schrie noch lauter, als der Mann auf sie zustürmte, und der Schäferhund begann, gefährlich zu knurren. Berger stieß die Frau brutal zur Seite, bog auf den Trampelpfad ab und verschwand zwischen den Bäumen. Der Hund bellte ihm lautstark hinterher.

Erleichtert atmete Kim auf. Das war verdammt knapp gewesen.

Sie fuhr herum und starrte angestrengt auf den See. Vergeblich versuchte sie, Michaels Umrisse unter der kräuselnden Wasseroberfläche auszumachen.

»Einen Krankenwagen!«, rief sie in das am Mantelkragen versteckte Mikrofon, obwohl sie sicher war, dass ihre Leute bereits den Notruf wählten. Damit Berger sie nicht bemerkte, hatten sie sich mit starken Kameraobjektiven in einiger Entfernung postiert.

Zu weit weg für Michael.

Kim zögerte nicht länger. In Windeseile schlüpfte sie aus Mantel, Pullover und Stiefeln und sprang.

Die eisige Kälte raubte ihr im ersten Moment den Atem. Reflexartig öffnete sie den Mund und schluckte Wasser. Panik übermannte sie. Ihre mit Wasser vollgesogene Jeans zog sie in die Tiefe. Sie schlug mit Armen und Beinen um sich, ein unangenehmer Druck legte sich auf ihre Ohren. Schließlich gewann ihr Überlebenswille die Oberhand und zwang sie zur Ruhe. Nach ein paar schnellen Schwimmbewegungen gelangte sie zum schlammigen Seegrund. Ihr Instinkt riet ihr, sofort wieder nach oben zu tauchen, doch das würde Michaels sicheren Tod bedeuten.

Kim sah sich um. Das Gewässer war so trüb, dass die Sicht gleich null war. Sie tastete ihre Umgebung ab.

Die Kälte kroch immer stärker in ihre Glieder. Kim begann zu zittern und musste all ihren Willen aufbringen, in dem eisigen Wasser ihre Suche fortzusetzen. Sie schluckte einige Male, um den Unterdruck in ihren Ohren auszugleichen. Ihre Lungen ächzten nach Sauerstoff.

Sie spürte Schlamm und Steine unter ihren Fingern, aus denen jegliches Gefühl wich. Taubheit machte sich im gesamten Körper breit.

Er musste hier irgendwo sein.

Ihre Lungen brannten wie Feuer. Lange würde sie ihren Atemreflex nicht mehr unterdrücken können.

Und genau in dem Moment, als sie das Gefühl hatte, es nicht länger auszuhalten, berührten ihre Hände eine Lederjacke.

Gott sei Dank, sie hatte ihn gefunden!

Michael lag reglos im Schlamm. Sie umklammerte seinen Oberkörper und drückte sich vom Boden ab. Wegen seiner nassen Kleidung schien er eine Tonne zu wiegen, Kim hatte das Gefühl, sich keinen Zentimeter vom Fleck zu bewegen. Als ob eine unsichtbare Hand sie mit eisernem Griff festhielt und zurück auf den Grund des Sees zog. Wild paddelte sie mit den Beinen.

Sie blickte nach oben und sah das fahle Licht, das durch das Wasser schimmerte.

Weiter! Du hast es fast geschafft.

Verzweifelt kämpfte sie sich voran und durchbrach die Wasseroberfläche. Gierig japste sie nach Luft. Mehrmals atmete sie tief ein und aus, bevor sie sich orientierte.

Der Steg war viel zu hoch, sie würde ihn niemals erreichen. Blieb nur das Schilfufer.

Mit letzter Kraft schwamm sie rückwärts darauf zu. Ihren Körper spürte sie längst nicht mehr. Die Finger waren so taub, dass ihr Michael beinahe entglitten wäre.

Aus schier unendlicher Entfernung drangen Rufe und lautes Hundegebell in ihr Bewusstsein.

Etwas berührte sie am Kopf. Schilf. Sie streckte ihre Beine aus und trat auf schlammigen Untergrund. Mehr stolpernd als gehend näherte sie sich dem Ufer, während sie Michael durch das dichte Schilf schleifte.

Sie vernahm Stimmen hinter sich. Jemand packte sie unter den Achseln und zerrte sie aus dem Wasser. Ihr Griff um Michael löste sich. Kraftlos sank sie ins Gras. Der Wind strich mit eisigem Hauch über sie hinweg, während ein Mann aus ihrem Team seine Jacke um sie wickelte.

Erschöpft drehte Kim den Kopf zur Seite. Zwei weitere Männer hatten mittlerweile Michael aus dem Wasser geholt und knieten neben ihm. Gerade begannen sie mit der Reanimation.

Atme, Michael! Verdammt! Atme!

Es war ihr letzter Gedanke, dann fielen ihr völlig entkräftet die Augen zu.

Kapitel 1

»Ich sterbe.«

»Schon wieder?« Kim zog die Augenbrauen hoch und räumte das Geschirr zusammen. »Bist du nicht erst letzte Woche gestorben?«

»Dieses Mal wirklich.« Lilly folgte ihrer Mutter in die Küche. »Komm schon, Mami! Ich muss auf Mias Party.«

»Mia ist sechzehn«, sagte Kim und stellte die Teller in die Spülmaschine. »Du bist acht. Also nein, du wirst da nicht hingehen.«

»Linda darf aber«, protestierte sie und stemmte die Hände in die Hüften.

»Weil sie Mias Schwester ist. Und ich bin mir sicher, dass ihre Mutter sie nach spätestens einer Stunde ins Bett schickt.«

Kim ließ den Rollladen in der Küche runter und ging in den Flur hinaus.

»Gar nicht wahr. Sie darf länger.«

»Lilly, ich hab Nein gesagt, und dabei bleibt es.«

Ihre Tochter drängte sich an ihr vorbei. »Aber …«

»Vorsicht! Die Giraffe!«

Lilly stieß gegen die hüfthohe Steinfigur, die an der Wand stand – ein Geschenk von Julian zu Kims letztem Geburtstag. Die Skulptur wackelte bedrohlich, blieb jedoch stehen.

»Ups.« Lilly schnitt eine entschuldigende Grimasse und entblößte dabei eine Zahnlücke.

Kim atmete tief durch. Sie musste die Giraffe endlich woanders hinstellen. Ein Wunder, dass sie noch heil war, so oft, wie Lilly schon dagegengestoßen war. Vielleicht war sie im Wohnzimmer zwischen Fernseher und Yuccapalme besser aufgehoben.

»Bitte, Mami. Ich versprech dir auch, dass ich mein Zimmer aufräume und jeden Tag um sieben im Bett bin.«

»Wirklich?«

»Hoch und heilig.«

Kim neigte den Kopf und strich ihrer Tochter über die braunen, zu zwei Zöpfen gebundenen Haare, die ihr bis über die Schultern reichten und ihr freches Gesicht mit den rehbraunen Augen betonten.

»Und warum überkreuzt du dann die Finger hinter deinem Rücken?«

»Ach menno. Das kannst du doch gar nicht sehen.« Ertappt zupfte sie ihr blaues Kleidchen mit den weißen Rüschen und der großen Schleife zurecht und zog einen Schmollmund.

Kim sah auf ihre Armbanduhr, das einzige Schmuckstück, das sie trug. »In einer Stunde ist Bettgehzeit. Was ist, wollen wir noch eine Runde Hexentanz spielen?«

Lillys Lieblingsbrettspiel.

»Au ja. Aber wehe du beschwerst dich wieder, dass du verlierst.«

»Niemals.«

Sie gingen ins Wohnzimmer, und Lilly holte das Spiel aus dem Schrank. Im nächsten Moment klingelte Kims Handy.

Julian.

»Bau schon mal auf«, sagte sie, und Lilly hüpfte auf die blaue Alcantaracouch. »Und nicht schummeln!«

»Hey, Kimmi«, begrüßte Julian sie, nachdem sie das Gespräch angenommen hatte.

»Ich hasse es, wenn du mich so nennst.«

»Ich weiß«, antwortete er lachend. »Aber du regst dich jedes Mal so herrlich auf, und das mag ich an dir.«

»Du bist ein Kindskopf.«

»Ach, nicht mehr dein Toyboy?«

Sie seufzte. Es war jetzt zwei Wochen her, seit die Bild-Zeitung ihn so tituliert hatte, aber offenbar nagte es noch immer an ihm. Kim hatte den Artikel erst gar nicht gelesen, schließlich betrug ihr Altersunterschied gerade einmal vier Jahre.

»Vergiss das endlich. Seit wann gibst du etwas auf solch einen Blödsinn?«

»Du weißt, dass ich nicht mit dir zusammen bin, weil du berühmt bist, oder?«

»Natürlich weiß ich das. Hätte ich dir sonst meinen Haustürschlüssel gegeben?«

Für einen kurzen Moment legte sich ein Schweigen zwischen sie.

Julian war Schauspieler und Model, der nach dem Ausstieg aus einer Vorabendserie kürzlich seinen ersten Erfolg im Kino feiern konnte. Eigentlich müsste er den Umgang mit den Medien gewohnt sein.

Kim hatte ihn vor einigen Monaten auf einer Gala kennengelernt. Sie hatte gerade – wohl etwas zu gründlich – das Buffet inspiziert, als er neben ihr aufgetaucht war und sie angesprochen hatte.

»Suchst du die Schnecke im Salat, oder überlegst du, wie du möglichst viel davon in Tupperdosen einpacken und mit nach Hause nehmen kannst?«

Seine ungezwungene Art war ihr sofort sympathisch gewesen. Mit den schulterlangen blonden Haaren und dem sonnengebrannten Teint erinnerte er sie an einen dieser Surfertypen aus Kalifornien – wild, frei und abenteuerlustig.

Genau das Gegenteil von Oliver.

In Julians Gegenwart fühlte sie sich wieder wie Anfang zwanzig und nicht wie eine Frau, die auf die vierzig zuging. Er störte sich nicht an den Falten um ihre Augen, die in den letzten Jahren immer tiefer geworden waren und sich allmählich nicht mehr überschminken ließen. Und es war ihm egal, dass sie sich die Haare färbte, weil sie frühzeitig ergrauten. Sie konnte nicht sagen, wohin sich ihre Beziehung entwickeln würde, sie wollte es einfach auf sich zukommen lassen.

»Tut mir leid, ich hab das nicht so gemeint«, brach Julian das Schweigen wieder. »Wie geht’s meiner Prinzessin?«, wechselte er das Thema. »Hat sie sich schon auf die Pariser Fashion Week nächstes Wochenende vorbereitet?«

Kim schmunzelte und schielte zu ihrer Tochter, die, ganz in Gedanken versunken, das Brettspiel auf dem Glastisch aufbaute. Sie senkte ihre Stimme, damit Lilly sie nicht hören konnte. »Sie übt heimlich und meint, dass ich es nicht bemerke.«

Lillys Lieblingsbeschäftigung mit Julian war, im Flur eine Modenschau zu veranstalten. Sie zog dafür Kims Kleider an, die ihr viel zu groß waren, stolzierte über die weißen Fliesen und posierte, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Genau so, wie Julian es ihr beigebracht hatte. Kim musste dabei auf der untersten Treppenstufe Platz nehmen, sozusagen in der ersten Reihe. Julian moderierte und spielte gleichzeitig den Fotografen, indem er mit seinem Handy Fotos schoss. Wenn sie sich diese anschließend gemeinsam am großen Fernsehbildschirm anschauten, quiekte Lilly jedes Mal vor Begeisterung.

»Sie wird mal ein erfolgreiches Model werden«, sagte Julian, und Kim konnte förmlich sehen, wie er grinste. Er wusste, sie würde keinesfalls zulassen, dass ihre lebenslustige Tochter am harten und oberflächlichen Modelgeschäft zerbrach.

»Oder wäre es dir lieber, wenn sie in deine Fußstapfen tritt und Enthüllungsjournalistin wird?«

»Um Gottes willen!« Der Gedanke daran versetzte sie in noch größere Panik.

Sie fragte sich, wie wohl die Reaktion ihres Vaters auf ihre Berufswahl ausgefallen wäre, hätte er damals noch gelebt.

Ihr Blick fiel auf die goldene Trophäe, die auf einer Kommode neben der Urkunde über die erfolgreiche Teilnahme am München-Marathon mit knapp fünf Stunden stand. Vor vier Jahren hatte ihre Sendung Kim undercover den Deutschen Fernsehpreis gewonnen – für Kim der Höhepunkt in ihrer beispiellosen Karriere. Bestimmt wäre ihr Vater stolz auf sie gewesen.

Die Auszeichnung hatte sie für ihren bisher gefährlichsten Einsatz erhalten: die Aushebung eines Drogenschmugglerrings, der sich in Bayern ein Netz an Vertriebskanälen über Schulen, Autowerkstätten und Essenslieferanten aufgebaut hatte. Kim und ihre Familie mussten für einige Zeit unter Polizeischutz gestellt werden, bis diese den Drogenring zerschlagen und die Drahtzieher verhaftet hatte.

Die Sendung erreichte damals Rekordeinschaltquoten, und es erfüllte Kim auch heute noch mit Stolz, dass sie in den eiskalten See gesprungen und Michaels Leben gerettet hatte, wenngleich sie anschließend zwei Wochen lang krank gewesen war. Und alles nur, weil ihr Kontaktmann, ein ehemaliger Schüler und Kleindealer, Angst bekommen und sie verraten hatte.

»Bis Lilly erwachsen ist, dauert es zum Glück noch einige Jahre«, sagte Kim. »Wie schaut’s bei dir aus? Wann gehen die Dreharbeiten los?«

»In einer Stunde muss ich in der Maske sein. Und ich muss davor unbedingt noch was essen. Ich fürchte, das wird heute eine lange Nacht werden.«

»Mami«, ertönte es hinter ihr. »Wir wollen doch spielen.«

»Gleich, mein Schatz«, sagte sie und wieder an Julian gewandt: »Dann lass es dir schmecken. Nicht dass du verhungerst und wir uns am Wochenende nicht sehen. Ich vermisse dich nämlich schon.«

»Dann werd ich zur Sicherheit die doppelte Portion essen. Vermiss dich auch. Und gib meiner Prinzessin einen Kuss, ja?«

»Mach ich.«

Sie verabschiedeten sich, und Kim nahm neben ihrer Tochter auf der Couch Platz. »Bereit zu verlieren?«

Die Frage entlockte Lilly nur ein müdes Lächeln.

Kaum hatten sie die Startplätze ihrer Spielfiguren ausgewürfelt, klingelte Kims Handy erneut. Auf dem Display wurde keine Nummer angezeigt.

»Hallo?«

»Sprech ich mit Kim Jansen?«, fragte eine ihr unbekannte Männerstimme.

»Wer will das wissen?«

»Ich möchte anonym bleiben. Aber ich biete Kim undercover ein Thema an, das Sie interessieren wird.«

Kim zögerte. Es war keine Seltenheit, dass derartige Anrufe beim Sender eingingen, und einige hatten sich in der Vergangenheit tatsächlich als interessant herausgestellt.

Doch woher hatte dieser Mann ihre private Handynummer?

»Schießen Sie los.«

»Ich stehe auf dem Dach eines Hochhauses an der Kreuzung Landsberger und Fürstenrieder Straße. In genau einer halben Stunde werde ich von dort hinunterspringen. Wenn Sie bis dahin bei mir sind, verspreche ich Ihnen die Story Ihres Lebens. Ansonsten werde ich den größten Skandal der letzten Jahre mit ins Grab nehmen.«

Mit diesen Worten legte er auf.

Kapitel 2

Kim nahm das Handy vom Ohr, blieb jedoch reglos und mit zusammengepressten Lippen sitzen. Ihre Gedanken überschlugen sich.

Ich verspreche Ihnen die Story Ihres Lebens.

Von welchem Skandal hatte er gesprochen? Oder war der Mann nur ein Spinner, jemand, der sich wichtig machen wollte?

Ich stehe auf dem Dach eines Hochhauses. In genau einer halben Stunde werde ich von dort hinunterspringen.

Seine Worte gingen ihr nicht aus dem Kopf. Würde er wirklich springen?

»Mami?«

Sie wohnte im Münchner Westen. Bis nach Laim würde sie mit dem Auto um diese Uhrzeit etwa zwanzig Minuten brauchen.

»Mami? Spielen wir jetzt?«

Lilly hielt ihr erwartungsvoll den Würfel hin. Kim zögerte noch immer.

Ihr Instinkt sagte ihr, dass der Unbekannte kein Wichtigtuer war.

»Schatz, es tut mir wahnsinnig leid, aber ich muss noch mal los.«

Der enttäuschte Gesichtsausdruck ihrer Tochter versetzte ihr einen Stich. Erneut haderte sie mit sich. Doch ihr Bauchgefühl riet ihr, sich die Geschichte des Mannes anzuhören.

Und ihn davon abzuhalten zu springen.

Sie konnte ein Leben retten.

Wie das von Michael.

Sie nahm das Handy und wählte die Nummer ihrer Babysitterin. Das Freizeichen ertönte, während Kim mit den Fingern auf ihren Oberschenkel trommelte.

Komm schon, geh ran.

Endlich wurde abgehoben.

»Hi Kim.«

Im Hintergrund war eine laute Geräuschkulisse zu hören.

»Hallo, Pia. Ich hab einen Notfall. Könntest du spontan kommen?«

»Ja klar«, antwortete Pia zu Kims Erleichterung. »Ich bin grad auf dem Heimweg vom Sport und sitz noch in der S-Bahn. In einer Viertelstunde kann ich bei dir sein. Reicht das? Allerdings hab ich noch nicht geduscht.«

Kim überlegte. Dann blieben ihr weniger als fünfzehn Minuten, um nach Laim zu kommen. Das war unmöglich zu schaffen.

»Ja«, meinte sie nach einer Weile. »Ich muss zwar jetzt sofort los, aber Lilly macht dir auf. Und duschen kannst du bei mir. Danke dir. Was würde ich nur ohne dich tun?«

Auf Pia war einfach Verlass. Im Gegensatz zu den beiden Babysitterinnen vor ihr. Die eine hatte heimlich ihren Freund mitgebracht, die andere Horrorfilme angeschaut, woraufhin Lilly monatelang mit Albträumen zu kämpfen gehabt hatte. Selbst wenn Kim wie jetzt spontan losmusste, war Pia immer zur Stelle. Was vermutlich auch daran lag, dass Kim ihr das Doppelte des üblichen Stundenlohns zahlte. Ein guter Zusatzverdienst für eine knapp Sechzehnjährige.

»Hör zu, Lilly. Ich muss los. Pia ist in einer Viertelstunde hier. Kann ich dich in der Zeit alleine lassen, ohne dass du was anstellst?«

Lilly verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie mit ernster Miene an. »Ich fürchte nicht, Mami. Du weißt ja, ich bin erst acht. Und wenn ich zu jung für Mias Party bin, dann kann ich leider auch nicht allein zu Hause bleiben.«

Kim stutzte und konnte sich nur mit Mühe ein Schmunzeln verkneifen.

Das war ihre Tochter!

»Eine Stunde«, sagte sie schließlich. »Du darfst eine Stunde lang auf die Party.«

»Zwei«, pokerte Lilly, doch Kim schüttelte den Kopf.

»Eine oder gar nicht. Also, was ist?«

Lilly wollte protestieren, überlegte es sich aber doch anders. »Okay«, antwortete sie übers ganze Gesicht strahlend.

Kim stand auf und reichte ihrer Tochter die Fernbedienung. »Im DVD-Player ist Arielle, die Meerjungfrau. Schau dir das an, bis Pia da ist, dann kannst du mit ihr Hexentanz spielen. Ich sperr die Haustür von außen ab und lass den Zweitschlüssel innen stecken. Und mach keinen Blödsinn. Verstanden?«

»Ja, Mama. Ich bin doch kein kleines Kind mehr.«

Kim lächelte und drückte sie an sich.

Nein, das war sie wirklich nicht mehr. Sie wuchs so schnell. Nicht mehr lange und …

Kim wagte gar nicht, daran zu denken.

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und gab Lilly einen Kuss auf die Stirn. »Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch«, sagte Lilly und schaltete den Fernseher ein.

Bevor Kim die Haustür hinter sich schloss, hörte sie noch das Anfangslied von Lillys Lieblingsfilm.

Draußen empfing sie eine ungewöhnlich kalte Oktobernacht.

Kapitel 3

Kim eilte zur Garage, die direkt an das Einfamilienhaus angrenzte. Unterwegs rief sie ihren Sender an und orderte ein Kamerateam zur angegebenen Adresse. Sie hatte nicht vor, einen möglichen Selbstmord im Fernsehen zu zeigen, vielmehr wollte sie den Unbekannten davon überzeugen, vom Dach zu steigen und mit ihr zu sprechen. Die Entscheidung, ob vor laufender Kamera oder nicht, würde sie ihm überlassen. Hauptsache, er beging nicht Selbstmord, davon musste ihn Kim unbedingt abhalten.

Sie steckte das Handy in die Innentasche ihrer Jacke und fuhr los.

In Laim angekommen bog sie an der großen Kreuzung in die Fürstenrieder Straße und stellte ihren VW Golf vor einer Metzgerei im Halteverbot ab. Einen Strafzettel nahm sie gern in Kauf, wenn sie dafür ein Menschenleben retten konnte.

Sie zog ihre Jacke zu und sah zur gegenüberliegenden Straßenseite. Das Hochhaus ragte wie ein grauer Betonriese in die Nacht empor. Davor hatte sich eine Menschentraube gebildet. Einige hatten ihre Smartphones gezückt und richteten sie gen Himmel. Andere deuteten nach oben und tuschelten aufgeregt miteinander. Der Schein der Straßenlaternen reichte gerade so weit, dass der obere Teil des Hochhauses nicht völlig im Dunkeln lag. Schemenhaft konnte Kim die Umrisse eines Menschen erkennen, der auf dem Dach auf und ab ging.

Das musste der Mann sein, der sie angerufen hatte.

Sie lief über die mehrspurige Straße, obwohl die Fußgängerampel rot war. Neben ihr quietschten Reifen. Ein Auto legte eine Vollbremsung hin, und der Fahrer hupte wild. Sie warf ihm eine entschuldigende Geste zu und erreichte die andere Seite.

Die ersten Kamerawagen trafen ein, aber das Team von TV4 war nirgends zu sehen. Hoffentlich standen sie nicht im Stau. Sie bahnte sich einen Weg durch die Schaulustigen, nur um festzustellen, dass die Polizei den unmittelbaren Bereich vor dem Hochhaus bereits abgeriegelt hatte. Das rot-weiße Absperrband flatterte im Wind. Mehrere Polizisten, teils in Zivil, bewachten den Eingang, daneben parkten drei Einsatzfahrzeuge und ein Krankenwagen. Feuerwehrmänner waren damit beschäftigt, einen Sichtschutz zwischen dem Haus und den gaffenden Menschen zu errichten, für den Fall, dass der Unbekannte seine Drohung wahr machte und sprang.

Kim fluchte innerlich. Wie sollte sie in das Gebäude kommen?

Ihr blieben noch sieben Minuten.

Vielleicht gab es einen Hintereingang?

Sie wollte gerade um das Gebäude herumlaufen, als sie eine vertraute Stimme hinter sich vernahm.

»Na sieh mal einer an. Unsere Starreporterin höchstpersönlich.«

Kim verdrehte die Augen. Nicht die auch noch!

Betont langsam drehte sie sich um und setzte ein übertriebenes Grinsen auf.

»Nur kein Neid, Anna.«

Anna Matuschek erwiderte ihr falsches Lächeln und strich mit einer anmutigen Bewegung die schulterlangen honigblonden Haare aus ihrem hübschen Gesicht mit dem spitz zulaufenden Kinn. Wie immer trug sie einen knallroten Lippenstift, und die enge Jeans betonte ihre schlanken Beine.

Kim sah sich um. »Wo hast du denn dein Schoßhündchen gelassen?«

»Wenn du meinen Kameramann Manuel meinst«, antwortete Anna weiterhin lächelnd, »der steht auf dem Mittleren Ring im Stau. Die viel interessantere Frage ist, was dich hierher treibt.«

Sie zückte ein Diktiergerät und hielt es Kim vor die Nase.

»Ein vermeintlicher Selbstmörder steht auf dem Dach des Hochhauses, vor dem wir uns gerade befinden. Kim Jansen von Kim undercover ist soeben am Ort des Geschehens eingetroffen. Kim, erzähl unseren Zuschauern doch, was du über diesen Mann weißt.«

Kim atmete tief durch und zählte innerlich bis drei. Annas Diktiergerät hatte sie damals schon zur Weißglut getrieben, als sie beide noch für TV4 arbeiteten. Seitdem waren viele Jahre vergangen, doch zwischen ihnen hatte sich nichts geändert.

Sie beugte sich vor und antwortete: »Ich glaube, was die Zuschauer wesentlich mehr interessieren dürfte, ist die Frage, ob du das Diktiergerät auch beim Sex laufen lässt.«

Für einen kurzen Moment entgleisten Anna die Gesichtszüge. Sie schaltete das Aufnahmegerät aus.

»Du Miststück«, fauchte sie mit gesenkter Stimme, damit es die Menschen um sie herum nicht mitbekamen. »Du mobbst mich aus dem Sender und kannst es immer noch nicht lassen, mich bei jeder Gelegenheit zu schikanieren.«

Kim lachte belustigt auf. »Soweit ich mich erinnern kann, warst du diejenige, die Gerüchte über mich verbreitet hat, um aus Kim undercover ein Anna undercover zu machen.«

»Was auch das bessere Format gewesen wäre. Ohne Behrendts Rückendeckung hättest du die Sendung ohnehin nie bekommen.«

Kim blieb gelassen.

»Aber hier hast du Pech«, sagte Anna und deutete zum Hauseingang. »Die lassen selbst eine …« Sie malte mit den Fingern zwei imaginäre Anführungsstriche in die Luft. »… Starreporterin nicht durch.«

Womit sie leider recht hatte.

Kim schielte auf ihre Uhr.

Noch fünf Minuten.

Sie musste in das Gebäude, und zwar sofort. Oder der Mann auf dem Dach würde sein Geheimnis mit ins Grab nehmen.

Ich verspreche Ihnen die Story Ihres Lebens.

Vielleicht konnte sie die Polizei überzeugen, dass er sie angerufen und explizit nach ihr verlangt hatte. Dass sie ihn von seinem Vorhaben abbringen konnte, wenn sie sie nur zu ihm ließen.

Aus der Gruppe der Polizisten löste sich ein Mann mit stämmiger Statur und kam direkt auf sie zu. Als Kim ihn erkannte, schwand ihre Hoffnung.

»Ich kann nicht behaupten, dass ich mich freue, Sie zu sehen, Frau Jansen«, sagte er, nachdem er sie erreicht hatte, und fixierte sie mit einem stechenden Blick.

»Kommissar Neumann«, erwiderte Kim und schien augenblicklich ein paar Zentimeter zu schrumpfen. Es kostete sie jedes Mal Mühe, seinem Blick standzuhalten, bei dem sie das Gefühl hatte, er könnte bis in die dunkelsten Tiefen ihrer Seele vordringen.

»Aber Sie kommen genau zum richtigen Zeitpunkt«, fuhr er fort und hob das Absperrband. »Los, beeilen wir uns.«

Verblüfft öffnete Kim den Mund und schlüpfte unter dem Plastikband hindurch, bevor er es sich anders überlegte.

»Moment mal«, protestierte Anna hinter ihr. »Ich bin ebenfalls von der Presse. Wenn sie hineindarf, dann fordere ich …«

»Sie bleiben, wo Sie sind!«, unterbrach Neumann sie in solch scharfem Tonfall, dass sie erschrocken zusammenzuckte. Die Aufmerksamkeit der umstehenden Menge richtete sich auf sie, was ihr sichtlich unangenehm war.

Kim folgte Neumann, der zum Hauseingang lief, und spürte dabei noch immer Annas hasserfüllten Blick im Nacken.

»Der Mann hat mich angerufen«, sagte sie.

»Ich weiß«, antwortete Neumann zu ihrer Überraschung. »Vor zwanzig Minuten hat er den Notruf gewählt und seinen Selbstmord angekündigt.«

Kim runzelte die Stirn. Er hat die Polizei informiert?

»Wir haben versucht, mit ihm zu reden. Aber sobald wir uns ihm nähern, steigt er auf die Mauer und droht zu springen. Er beharrt stur darauf, nur mit Ihnen zu sprechen. Und dass Sie bereits hierher unterwegs seien.«

»Wer ist er?«

»Wissen wir noch nicht.«

Sie erreichten den Eingang, und einer der Polizisten gab Kim eine schusssichere Weste. Irritiert sah sie Neumann an. »Ist der Mann bewaffnet?«

»Unserer Einschätzung nach nicht, aber wir können es nicht mit Sicherheit ausschließen. Und wir wollen doch nicht, dass Ihnen etwas passiert. Wer sollte sonst in Zukunft unsere Arbeit übernehmen?«

Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Sie betraten das Haus und gingen zum Fahrstuhl. Kim legte währenddessen die Weste unter ihrer Jacke an. Neumann drückte den Knopf für das neunte Stockwerk, und der Aufzug setzte sich ruckelnd in Bewegung. Es roch muffig in der engen Kabine, und die matte Aluminiumverkleidung war an mehreren Stellen zerkratzt.

»Ich habe keine Ahnung, warum der Mann ausgerechnet mit Ihnen reden möchte. Normalerweise würden wir nicht darauf eingehen, aber er will in drei Minuten springen. Und das muss um jeden Preis verhindert werden.«

Neumann strich sich über den Kopf, den nur noch vereinzelt Haare bedeckten. Seine Nase sah aus, als sei sie ihm schon mindestens ein halbes Dutzend Mal im Laufe seines Lebens gebrochen worden. »Ich warne Sie, Frau Jansen, sollten Sie das in Ihrer Sendung ausschlachten, dann lernen Sie mich kennen.«

»Sie können ganz unbesorgt sein«, versicherte ihm Kim. »Ich werde einem Selbstmörder garantiert keine Plattform für potenzielle Nachahmungstäter liefern. Außerdem decken wir Skandale auf und senden keine Dramen.«

Dafür war Anna zuständig.

»Das scheint in Ihren Augen ein dehnbarer Begriff zu sein«, entgegnete Neumann. »Missstände in Pflegeheimen, Ekelessen auf Deutschlands Autobahnraststätten oder Hygienemängel in Krankenhäusern – alles Themen, deren Aufklärung ich unterstütze. Meine Mutter ist an Alzheimer erkrankt und in einem Pflegeheim untergebracht, und ich möchte, dass sie dort gut behandelt wird. Aber sobald es um gefährlichere Delikte wie Drogen oder illegale Adoptionen geht, ist das Aufgabe der Polizei.«

Mag sein, dachte Kim. Aber sie brachten auch die höheren Einschaltquoten.

Sie erreichten das oberste Stockwerk, und die Fahrstuhltür öffnete sich scheppernd. Im Flur hielt ein Polizist die Stellung, vermutlich um neugierige Nachbarn abzuhalten. Kim stieg nach Neumann die Treppe zum Dach hinauf.

»Wie ist er überhaupt dort hochgekommen?«, wunderte sie sich. Normalerweise waren die Ausgänge von Hochhäusern verriegelt.

»Er hat die Tür gewaltsam geöffnet. Ein Brecheisen lag auf dem Boden.«

Sie traten ins Freie, und die Temperatur schien schlagartig um mehrere Grad gefallen zu sein. Der Wind blies ihr scharf ins Gesicht.

Es war ziemlich dunkel, das wenige Licht kam von der Straße. Auf der gegenüberliegenden Seite des Dachs konnte sie einen Mann erkennen, der auf der kniehohen Umrandung stand. Zwei Polizisten redeten in einiger Entfernung auf ihn ein, doch Kim hatte den Eindruck, dass er ihnen gar nicht zuhörte.

»Sie nähern sich ihm maximal auf zwei Meter«, sagte Neumann. »Falls er wider Erwarten doch eine Waffe ziehen und Sie angreifen sollte, werden wir sofort eingreifen. Achten Sie also darauf, dass Sie nicht in die Schusslinie der beiden Beamten geraten. Verstanden?«

Kim nickte.

»Überreden Sie ihn, von der Mauer zu steigen, und locken Sie ihn von dort weg. Fünf, sechs Meter sollten reichen, damit meine Kollegen ihn erreichen und sichern können. Schaffen Sie das?«

»Ich werde mein Bestes geben.«

»Viel Glück.«

Kim atmete einmal tief durch, dann überquerte sie das mit Betonplatten ausgelegte Dach. Neumann blieb am Eingang zurück.

Eine leichte Anspannung machte sich in ihr breit und vermischte sich mit dem prickelnden Gefühl, einer großen Sache auf der Spur zu sein.

Wer war der Mann, und welches Geheimnis hütete er?

Ansonsten werde ich den größten Skandal der letzten Jahre mit ins Grab nehmen.

In wenigen Augenblicken würde sie es erfahren.

Noch immer war er nur unscharf in der Dunkelheit auszumachen. Ruhig stand er auf der Mauer, kratzte sich kurz an den Armen. Die zwei Polizisten verstummten, als sie sich dem Selbstmörder näherte.

Im nächsten Moment riss die Wolkendecke auf, und der Mond tauchte das Dach in bleiches Licht. Kim konnte den Mann nun klar und deutlich erkennen.

Er war etwa Anfang dreißig und nicht sehr groß. Dünnes, stoppeliges Haar bedeckte seinen Kopf mit den abstehenden Ohren und den eingefallenen Wangen. Die olivgrüne Jacke mit den Buchstaben T und S auf der Brust hing wie ein Sack an seinem Oberkörper, die schwarze Hose schlackerte im Wind um seine Beine.

Er sieht krank aus, war ihr erster Gedanke. Sie war sich sicher, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben.

Wie vereinbart blieb sie in zwei Meter Entfernung vor ihm stehen. Ihre Blicke trafen sich, und Kim spürte einen kalten Schauer über ihren Rücken jagen.

»Hallo«, sagte sie und versuchte dabei, möglichst unverkrampft zu klingen. »Ich bin Kim Jansen von Kim undercover. Wir haben telefoniert.«

»Ich weiß.«

Ein Lächeln legte sich über sein Gesicht.

Seine nächsten Worte trafen sie mit der Wucht eines Vorschlaghammers und hallten dumpf in ihren Ohren wider.

»Tut mir leid um Ihre Tochter.«

Dann ließ er sich rückwärts in die Tiefe fallen.

Kapitel 4

Kim stand starr vor Schreck da. Wie in Zeitlupe sah sie den Mann fallen, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war. Den Aufschrei, der von der Straße kam, nahm sie nur entfernt wahr. In ihrem Kopf dröhnte es plötzlich, als stünde sie neben einem startenden Düsenjet.

Tut mir leid um Ihre Tochter.

Die beiden Polizisten, die einige Meter entfernt gewartet hatten, stürzten herbei und beugten sich über die Mauer, um sich im nächsten Moment würgend abzuwenden.

Lilly.

Kim wirbelte herum und stieß beinahe mit Kommissar Neumann zusammen. Sie wollte an ihm vorbei, doch er hielt sie zurück.

»Wer war der Mann?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht. Lassen Sie mich durch.«

Doch Neumann hielt sie fest.

»Was hat er gesagt?«

Kim schluckte schwer. Mit tonloser Stimme antwortete sie: »Tut mir leid um Ihre Tochter.«

Neumann runzelte die Stirn. Er benötigte einen Moment, um zu begreifen.

»Wo ist Ihre Tochter?«

»Zu Hause. Meine Babysitterin passt auf sie auf.«

»Können Sie sie anrufen?«

Kim nickte und zog mit zitternder Hand ihr Handy aus der Innentasche ihrer Jacke. Das Display zeigte einen Anruf in Abwesenheit an.

Sie spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte.

Pia hatte vor zehn Minuten versucht, sie zu erreichen, doch Kim hatte das Klingeln nicht gehört. Sie lauschte der Nachricht, die Pia auf der Mailbox hinterlassen hatte.

»Hi, ich bin’s, Pia. Ich stehe seit fünf Minuten vor deiner Haustür, aber Lilly macht nicht auf. Es scheint gar keiner da zu sein. Hast du es dir anders überlegt und sie mitgenommen?«

Kims Hand zitterte so stark, dass ihr beinahe das Handy entglitten wäre. Ein dumpfer Schmerz pochte in ihren Schläfen. Sie drückte den Rückruf, das Freizeichen ertönte, doch niemand hob ab. Nach einer Weile sprang der Anrufbeantworter an. Kim legte auf und versuchte es erneut erfolglos, bevor sie bei ihr zu Hause auf dem Festnetz anrief.

Geh ran, Lilly, bitte geh ran, flehte sie innerlich.

Neumann beobachtete sie stumm.

Kim hatte das Gefühl, es läutete eine Ewigkeit, dann vernahm sie ihre eigene Stimme: »Hallo, wir sind momentan nicht da, aber wenn Sie uns eine Nachricht hinterlassen, rufen wir schnellstmöglich zurück.«

Der Piepton ertönte. Kim presste die Lippen zusammen und beendete die Verbindung. Ihr Atem ging nur noch flach. Eine nicht gekannte Kälte breitete sich in ihrem Inneren aus. Krampfhaft versuchte sie, sich einzureden, dass alles in bester Ordnung war und nur deshalb keiner ans Telefon ging, weil Pia und Lilly in Hexentanz vertieft waren.

Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass sie sich irrte.

In ihrer Verzweiflung wählte sie die Nummer von Lillys Handy, das sie ihr zum achten Geburtstag geschenkt hatte. Kim wusste, dass sie nicht rangehen würde, noch bevor auch hier die Mobilbox ansprang. Sie konnte die Schreckensszenarien in ihrem Kopf nicht länger mit eingeredeter Hoffnung zurückhalten. Übelkeit überkam sie, und ihr Magen verkrampfte sich. Wenn Lilly etwas passiert sein sollte, würde sie sich das niemals verzeihen.

Neumann schien ihre Panik richtig zu deuten, denn er zückte sein eigenes Handy und orderte einen Streifenwagen zu Kims Adresse, die sie ihm angab.

Während sie zum Aufzug eilten, setzte Kim ihn mit knappen Sätzen ins Bild. Ihre Stimme zitterte.

»Und auf diese Pia ist Verlass?«, wollte er wissen.

Kim bejahte und hämmerte im Fahrstuhl auf die Taste für das Erdgeschoss. Die Tür schloss sich quälend langsam.

»Wie lange ist sie bereits Lillys Babysitterin?«

»Seit einem Jahr.«

Unruhig trat sie von einem Bein auf das andere. War der Aufzug vorhin auch schon im Schneckentempo gefahren?

»Der Mann, der gerade vom Dach gesprungen ist, war derselbe, der mich angerufen hat. Ich habe seine Stimme erkannt.«

»Kannten Sie ihn?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Kam er Ihnen denn irgendwie bekannt vor? Sind Sie ihm schon mal begegnet?«

Angestrengt dachte sie nach, doch sosehr sie sich auch bemühte, irgendeine Verbindung zu dem Unbekannten herzustellen, es gelang ihr nicht. Sie war sich sicher, ihn noch nie in ihrem Leben gesehen zu haben.

Endlich erreichten sie das Erdgeschoss und liefen zum Ausgang. Vor dem Hochhaus war hektischer Betrieb ausgebrochen. Der Sichtschutz, den die Feuerwehr errichtet hatte, schirmte den Toten von der gaffenden Menschenmenge ab, dennoch vernahm Kim Schluchzen und lautes Gemurmel. Zwei Sanitäter packten ihre Ausrüstung zusammen und verstauten sie im Krankenwagen. Für sie gab es hier nichts mehr zu tun. Die Polizisten, einige von ihnen kreidebleich im Gesicht, begannen mit der Tatortsicherung.

Kim sah nach rechts und wünschte sich im selben Augenblick, sie hätte es nicht getan.

Der zerschmetterte Körper des Mannes lag keine sieben Meter von ihr entfernt. Der Schädel war aufgeplatzt, Hirnmasse hatte sich in einem größeren Umkreis auf dem Asphalt verteilt. Die Unterarme standen in einem unnatürlichen Winkel ab, als hätte der Mann noch versucht, seinen Sturz abzufangen.

»Sehen Sie nicht hin«, mahnte Neumann.

Kim würgte heftig und wandte rasch ihren Blick ab.

Der Kommissar verzog keine Miene. Offenbar waren ihm derartige Bilder vertraut. Er gab seinen Kollegen Anweisungen, dann schlüpfte er, gefolgt von Kim, durch einen Spalt im Sichtschutz.

»Wir nehmen meinen Wagen«, sagte er und steuerte auf einen dunklen BMW zu. Er schaltete das Blaulicht ein und raste los.

Unterwegs versuchte es Kim noch einmal bei Pia und auf ihrem Festnetz. Die Ungewissheit, warum niemand ans Telefon ging, war kaum auszuhalten.

Neumann fragte sie immer wieder zu dem Selbstmörder aus. Es waren dieselben Fragen, die er ihr schon auf dem Dach gestellt hatte. Wer war er? Was hat er gesagt? Kam er ihr bekannt vor?

Sie wiederholte ihre Antworten.

Für die Strecke zu ihrem Haus benötigten sie dreizehn Minuten. Kim konnte es auf die Sekunde genau sagen, so oft hatte sie während der Fahrt auf ihre Uhr geschaut.

Neumann parkte hinter dem Streifenwagen, der am Straßenrand stand, und Kim sprang noch bei laufendem Motor aus dem Auto.

Es gab keine Straßenlaternen, nur die Scheinwerfer der beiden Polizeiwagen spendeten Licht.

Ihr Grundstück war von einem mannshohen schmiedeeisernen Zaun umgeben, dessen Oberseite in kunstvoll geformten und gezackten Spitzen zulief. Das Eingangstor, das in ein breites Gatter für die Garagenausfahrt eingelassen war, stand offen. Zwei uniformierte Beamte durchstreiften den Vorgarten und versuchten vergeblich, einen Blick ins Haus zu werfen. Die Rollläden waren überall heruntergelassen.

Kim rannte den gepflasterten Weg entlang, vorbei an dichtem Buschwerk und zwei riesigen Tannen, die von der Straße aus die Sicht auf die Eingangstür versperrten. Sie bog um die Ecke und fischte den Schlüssel aus ihrer Hosentasche. Vor lauter Aufregung entglitt er ihren Händen und fiel zu Boden. Die über einen Bewegungsmelder gesteuerte Beleuchtung über der Tür brannte.

Hinter ihr hörte sie Neumann, der die beiden Streifenbeamten um einen kurzen Lagebericht bat.

»Es macht niemand auf«, antwortete der Größere der beiden. »Durch die Ritzen der Jalousien dringt Licht, aber es scheint keiner zu Hause zu sein.«

Kim spürte, wie sich ihr Magen umdrehte, während sie den Schlüssel aufhob und nur mit Mühe ins Schloss brachte. Die Tür öffnete sich bei der ersten Umdrehung.

Ihr Herz stockte. Sie hatte ganz sicher abgesperrt.

Der Flur war dunkel, doch im Wohnzimmer brannte Licht.

»Lilly!«, schrie sie und stürmte in den Raum.

Es war niemand da.

Auf dem Fernsehbildschirm war ein Standbild eingefroren: Sebastian, die Krabbe, der von zwei Fischen in einer Muschelschale durchs Wasser gezogen wurde. Die Fernbedienung lag auf dem Tisch, gleich neben Hexentanz. Kim erkannte sofort, dass sich die Position der Spielfiguren nicht verändert hatte.

»Lilly«, rief sie erneut und lief mehrere Stufen auf einmal nehmend in den ersten Stock hinauf. Das Zimmer ihrer Tochter grenzte direkt an Kims Schlafzimmer.

Sie riss die Tür auf und schaltete das Licht an. Chaotische Unordnung empfing sie. Bücher, Stofftiere und Spielsachen lagen auf dem Boden verteilt, ihr Schulranzen neben dem Schreibtisch in der Ecke. Die Wände zierten Poster von Arielle und Marc Jonas, ihrem Lieblingssänger, dessen Tanzchoreografien Lilly und Linda eifrig einstudierten. Das Bett war wie üblich ungemacht. Auf dem Nachtkästchen lag ihr Handy, ein billiges Smartphone, das Kim kindersicher eingerichtet hatte. Sie griff danach. Zwei Anrufe in Abwesenheit. Ihre.

In panischer Angst durchsuchte Kim ihr Schlaf- und Arbeitszimmer sowie das Bad, bevor sie zurück ins Erdgeschoss und weiter in den Keller lief. Immer wieder rief sie Lillys Namen, jedes Mal lauter, doch diese blieb unauffindbar.

Tut mir leid um Ihre Tochter.

Kim war so schlecht, dass sie sich fast übergeben musste.

Neumann stand im Gang und telefonierte. Er beendete das Gespräch, als Kim aus dem Keller kam.

»Ich finde sie nicht«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. Nach wie vor weigerte sie sich, die schlimmste aller Möglichkeit zu akzeptieren. Es durfte einfach nicht sein.

»Ihr Handy lag neben dem Bett.«

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