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Du mich auch und Das bisschen Kuchen

Informationen zum Buch

Du mich auch

Beim 25-jährigen Abi-Jubiläum treffen sich drei Freundinnen von einst wieder: Die brave Evi hat ihrem wunderbaren Gatten und den süßen Kindern zuliebe die Karriere an den Nagel gehängt und ihr Glück in der Küche gefunden. Beatrice hat Vorzeigetochter und -ehemann und jettet für ihren Marketingjob rund um den Globus. Katharina, die einstige Einser-Kandidatin, ist zur Staatssekretärin eines Ministers aufgestiegen und fröhlicher Single. – So weit die Erfolgsgeschichten vom Klassentreffen. Doch am Ende des promillereichen Abends kommt die traurige Wahrheit ans Licht: Alle drei sind von ihren Männern betrogen, ausgenutzt oder sitzengelassen worden. Im Vollrausch der Depression kommen sich die drei Frauen wieder näher. Und sie haben die Nase voll davon, dass auf ihren Herzen herumgetrampelt wird. Sie beschließen, den Spieß umzudrehen – ihre Männer sollen büßen. Und das nicht zu knapp.

Das bisschen Kuchen

Der Feind trägt Größe 34 und hat es auf Nikis Gatten Wolfgang abgesehen. Nach Jahren der molligen Idylle nimmt Niki den Kampf auf: um ihren Mann, ihre Familie – ihren Körper! Sie geht in eine Fastenklinik, wo sie unter Glaubersalz und Schlemmerphantasien leidet. Bis sie Bekanntschaft mit dem Shiatsu-Masseur macht. Sollte Fasten der neue Sex sein? Aber was war noch mal Sex?

Ellen Berg

Du mich auch & Das bisschen Kuchen

Zwei Romane in einem E-Book

 

Ellen Berg

Du mich auch

Ein Rache-Roman

|5|Für meine besten Freundinnen

|7|Kapitel 1

»Unverschämtheit«, murmelte die Frau mittleren Alters und holte einen kleinen Computer aus der Tasche. Ihre dunkelblaue Uniform spannte um die Hüften. Ihr Gesicht hätten selbst freundlichere Zeitgenossen einen schlechten Scherz der Natur genannt. Missmutig tippte sie die Nummer eines nussbraun lackierten Geländewagens ein, der direkt neben einem Halteverbotsschild parkte. Sie wartete ein paar Sekunden. Dann zog sie den frisch gedruckten Zettel aus ihrem Gerät und klemmte ihn hinter den Scheibenwischer.

Beatrice sah die Politesse schon von weitem. Sie beschleunigte ihren Schritt. Ihre Pumps klackerten auf dem Asphalt wie Kastagnetten, ein grünseidener Mantel umwehte sie. Sie war spät dran. Eigentlich war sie immer spät dran. Ein Passant drehte sich nach ihr um. Selbst hier, auf dem elegantesten Boulevard der Hauptstadt, war sie eine aufsehenerregende Erscheinung. So blond, so schlank, so perfekt gestylt, als käme sie von einem Covershooting für die Vogue. Mindestens.

Okay, okay, ein Ticket mehr, dachte Beatrice. Geschenkt. Sie stieg ins Auto und ließ den Motor an, ohne die uniformierte Frau eines Blicks zu würdigen. Doch sie hatte nicht mit deren Hartnäckigkeit gerechnet. In bemerkenswertem Tempo umrundete die Politesse den Wagen und klopfte an die Seitenscheibe. Beatrice ließ die Scheibe herunter.

»Und?«, fragte sie gelangweilt.

Es war purer Hass, der ihr entgegenschlug. Der Hass auf eine Frau, die einen teuren Wagen besaß, beneidenswerte |8|Modelmaße und ein Kleiderbudget, das die Monatsmiete normaler Leute vermutlich um ein Vielfaches überstieg. Und die einfach neben einem Halteverbotsschild parkte. Aber sie war erwischt worden, wenigstens das.

Die Politesse grinste höhnisch. »Pech gehabt!«

Beatrice setzte ihr reizendstes Lächeln auf. »Sehen Sie mal in den Spiegel. Dann wissen Sie, wer von uns beiden Pech gehabt hat.«

Sie ließ die Scheibe wieder hochgleiten und raste davon. Beatrice hatte einen wichtigen Termin. Eigentlich hatte sie immer wichtige Termine. Heute Abend war es allerdings ein ganz besonderer. Sie fuhr bei Rot über die Ampel, eine Farbe, die sie »Dunkelgelb« nannte. Hupend überholte sie eine schwere, schwarze Limousine mit abgedunkelten Scheiben.

»Dicke Karre, aber Slow Motion«, schimpfte sie, während sie die Adresse ins Navi eingab. Seestraße, Kahndorf in Brandenburg. Dieses komische Hotel lag offenbar am Ende der Welt. Auch gut. Sie konnte eine kleine Auszeit vertragen.

»Fahren Sie noch, oder halten Sie schon?« Katharina sah im Fond von ihrem Laptop auf und sendete polarkalte Blicke nach vorn.

Der Fahrer ließ sich davon nicht im mindesten beeindrucken. Wie in Trance steuerte er die gepanzerte schwarze Limousine, während er mit seiner Freundin telefonierte. Seine Stimme war zu einem Raunen gedämpft, doch Katharina verstand jedes Wort.

»Schatzilein, ist was Berufliches«, gurrte er. »Nein, heute Abend nicht. Ja, morgen Nachmittag. Kochst du was Schönes? Ziehst du die schwarze Wäsche an? Was? Eine – ÖL-MASSAGE? Wow, wow, wow!«

|9|Einfach ekelhaft, dachte Katharina. Und so was arbeitet ausgerechnet als Fahrer fürs Familienministerium. Nicht auszuhalten war es mit diesem Mann. Aber mit welchem Mann war es schon auszuhalten?

»Finden Sie nicht, es wäre angebracht, Ihr regressives Frauenbild zu überdenken?«, fragte Katharina schneidend.

»Moment, Schatzilein, ja, bleib dran« – der Fahrer drehte sich um, was zu einer Beinahekollision mit einem Motorradfahrer führte – »Frau Dr. Severin? Haben Sie etwas gesagt?«

Solche Männer gehörten ins Frauenhaus. Dreimal täglich die Klos putzen und sich die Geschichten geknechteter Opfer anhören, das könnte den Typen vielleicht kurieren, überlegte Katharina.

»Keine Privatgespräche in der Dienstzeit!«, blaffte sie. »Sonst sitzen Sie demnächst wieder in der Pförtnerloge.«

»Wie Sie wünschen«, erwiderte der Fahrer achselzuckend. Halblaut wisperte er in die Freisprechanlage: »Bist so ein geiler Hase. Muss jetzt Schluss machen. Sie zickt wieder.«

Demnächst kann er sich seine Entlassungspapiere abholen, beschloss Katharina. Dem fehlt es einfach an Respekt. Immerhin gehörte sie zur politischen Elite der Republik. In ihrem dunklen Nadelstreifenanzug und mit ihrem strengen Haarknoten war sie die Verkörperung der selbstbewussten Karrierefrau. Leider entging das diesem verblödeten Steinzeitmacho.

Die Fahrt schien endlos. Katharina telefonierte. Katharina checkte ihre Mails. Katharina verschickte SMS an Parteifreunde. Handynetworken. Das machten Politikerinnen heutzutage so.

Nach einer Ewigkeit bog der Wagen in einen holprigen Feldweg ein. Sie ließ ihr Handy sinken und klappte den Laptop |10|zu. Auf der rechten Seite kam ein See in Sicht, auf der linken ein Parkplatz. Mitten auf dem Weg stand ein roter Kleinwagen. Der Fahrer hupte ihn an. Keine Reaktion. Leise fluchend setzte er zurück, umfuhr das Auto und kurvte eine geschwungene Auffahrt hoch. An deren Ende, auf einem kleinen Hügel, stand ein rosafarbenes Schlösschen. Mit Säulen und Zinnen und Türmchen. Wie eine XXL-Version von Barbies Traumhaus.

»Gefunden!«, strahlte der Fahrer. »Schlosshotel Seeblick. Soll ich Sie hineinbegleiten?«

Zwischen zusammengekniffenen Lippen stieß Katharina hervor: »Danke. Frauen können im einundzwanzigsten Jahrhundert mehr als kochen, nuttige Wäsche anziehen und Ölmassagen verabreichen. Und sie können ganz allein auf eine Party gehen.«

Der Fahrer verzog keine Miene.

Evi saß schon länger in ihrem kleinen roten Auto, mit abgestelltem Motor. Sie hatte überhaupt keine Lust auszusteigen. Nicht einmal der aufdringliche Huper hatte sie aus ihrer Antriebsschwäche reißen können. Wenn sie ehrlich war: Ihr graute vor dem Abend. Im Grunde war ihr ganzes Leben grauenhaft. Aber sie hatte nun mal zugesagt, an dem Treffen teilzunehmen. Und ihre preußische Erziehung gebot ihr, dass sie jetzt nicht kneifen durfte.

Sie drehte den Rückspiegel so, dass sie sich betrachten konnte. Diese verhuschte kleine Person, die aus ihr geworden war. Das spießige Muttchen. Eine Lachnummer vom Scheitel bis zur Sohle. Die Frisur eine Dauerbaustelle, das Kleid ein Sack, die Schuhe wie geschaffen für ausgedehnte Bergwanderungen.

|11|Warum war ihr das alles nicht schon zu Hause aufgefallen? Warum stellte sie erst jetzt fest, dass sie völlig falsch angezogen war, dringend zum Friseur musste und in einer Verfassung war, in der man am besten ins Bett ging und die Nacht durchheulte? Ganz zu schweigen vom üppig wuchernden Fettgewebe, das ihr den Charme einer Presswurst verlieh. Mit den Mengen von Anticellulitegels in ihrem Badezimmer hätte man den Grand Canyon glätten können. Nur, dass das Zeug bei ihr leider nicht wirkte.

Sie fingerte ein Taschentuch aus ihrer abgegriffenen Handtasche und rieb die Schminke von ihrem Mund. Es hatte keinen Sinn. Selbst ein Chanel-Lippenstift konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Mundwinkel steil nach unten zeigten und ihre Augen rettungslos verquollen waren. Der tränentreibende Ehestreit war das Abschiedsgeschenk ihres Gatten gewesen, bevor sie losgefahren war. Netter Versuch, eigentlich. Immerhin zeigte er nach langer Zeit mal wieder Interesse.

Sie sah auf die Uhr. Halb acht schon. Seit sieben war drinnen im Hotel vermutlich der Teufel los. Nach den zahllosen Autos auf dem Parkplatz zu schließen, musste die alte Crew ziemlich vollzählig sein. Ihr Herz klopfte. Warum hatte sie den verdammten Brief nicht einfach ungeöffnet entsorgt? Warum hatte sie die Einladung gelesen und pflichtbewusst ihr Kommen angekündigt?

Ein nussbrauner Geländewagen näherte sich von hinten und raste so haarscharf an ihr vorbei, dass eine Ladung Sand auf der Windschutzscheibe landete. Evi drehte den Rückspiegel wieder in die korrekte Position. Sie war am Ende. Und das Schreckliche war: Jeder würde es merken. Sie kannte ihn ja, den Mitleidsblick, mit dem man sie streifte, wenn sie |12|ausging. Wenn sie überhaupt ausging. Sie hatte sich längst abgewöhnt, auf irgendwelchen Partys rumzustehen.

So richtig wohl fühlte sie sich nur in ihrer Küche. Landhausstil, frühe Neunziger, altmodischer ging’s nicht. Aber sie liebte diese Küche. Sehnsuchtsvoll dachte sie an den Apfelkuchen, den sie am Nachmittag gebacken hatte. Für die Kinder. Die Kinder, die sich kaum noch zu Hause aufhielten, weil sie ihre Freunde spannender fanden als das trauernde Muttertier. Gleich würde sie aussteigen. Nur ein paar Minuten noch. Sie richtete sich sehr gerade auf und wischte sich eine Träne von der Wange.

|13|Kapitel 2

»Liebe Schülerinnen, liebe Schüler! Äh, liebe Ehemalige!« Es piepste. Es piepste sogar ganz gewaltig. Der grauhaarige Herr mit den Schuppen auf dem Jackett schraubte aufgeregt an seinem Mikro herum. »Ich heiße Sie im Namen des gesamten Kollegiums herzlich – piieeeps – willkommen zum fünfundzwan… – pieppiep – …zigsten Jubiläum Ihres …«, er drehte den Zettel in seinen verschwitzten Händen um, »… Abiturs!«

Stolz auf seine rednerische Leistung hob er die Arme und nahm den Mix aus Applaus, Gelächter und Pfiffen entgegen wie ein depressiver Rockstar. Vor ihm standen etwa hundert Damen und Herren, die diese Bezeichnungen überhaupt nicht verdienten. »Ausziehen!«, kreischte eine Frau. »Pornoooo!«, grölte ein Mann. Die Stimmung hatte schon jetzt den Pegel eines Junggesellenabschieds erreicht.

Kopfschüttelnd begutachtete Oberstudiendirektor Hans-Walter Meier seine Schüler von einst. Sie standen dicht gedrängt in einem festlich geschmückten Bankettsaal mit Stuck an den Wänden und rotsamtenen Stühlen. Das Stimmengewirr schwoll stetig an. Es war ein Fehler gewesen, bereits zur Begrüßung Sekt zu kredenzen, so viel war sicher. Er schaute in die Menge, auf der Suche nach Gesichtern, an die er sich erinnerte. Ah ja. Evi Diepholt, die altkluge Musterschülerin. Und Beatrice Kramer, das kleine Luder. Er hatte den grässlichsten Beruf der Welt.

Meier räusperte sich. War es nicht immer ein aufsässiger Jahrgang gewesen? Die beschlagnahmten Haschzigaretten auf der Schultoilette fielen ihm wieder ein. Die Alkoholexzesse |14|auf den Klassenfahrten. Die Knutschereien im Halbdunkel, wenn im Biologieunterricht Filme vorgeführt wurden. Eine unzähmbare Bande. Und das war sie immer noch.

»Ruhe bitte!«, rief er mit sich überschlagender Stimme. »Ich bitte um Auf-merk-sam-keit!« Piiiieeeeep.

Er hatte sich eine wohlklingende Rede ausgedacht. Mit Goethe-Zitaten, geschönten Erinnerungen und ein paar verlogenen Sentimentalitäten. Die Rede konnte er knicken.

»Hiermit, äh, erkläre ich … das Buffet für … für eröffnet!«, krähte er in letzter Verzweiflung.

Frenetischer Jubel brandete auf. Kellner flitzten umher und sorgten für mehr Sekt, während sich die Gästeschar in Richtung Buffet schob. Es roch bereits penetrant nach Bratensauce. Oberstudiendirektor Hans-Walter Meier war Vegetarier. Ächzend kletterte er von der Bühne, wo die Musiker gerade ihre Instrumente aufbauten.

»Gut gemacht«, sagte ein verwitterter älterer Herr im Tweedanzug und klopfte ihm auf die beschuppte Schulter. Er war der Lateinlehrer des Jahrgangs gewesen und sichtlich froh, dass nicht er die undankbare Rolle des Zeremonienmeisters spielen musste. »Schade nur, dass man Ihren Auftritt nicht recht zu schätzen wusste. Tja. Homo homini lupo, der Mensch ist des Menschen Wolf.«

»Ekelhafte Meute«, knurrte Meier. »Aus denen ist nix geworden. Sieht man ja.«

Am Buffet war man da ganz anderer Meinung. Unter Freudengeheul fielen sich Männer in die Arme, die einander als Halbwüchsige nie hatten ausstehen können. Lautstark prahlten sie mit ihren Erfolgen.

»Hey Sven, geil, dich zu sehen. Ich zock an der Börse. Die erste Mio hatte ich schon mit zwanzig. Und du?«

|15|»Hautarzt. Lauer Job, fette Kohle.«

»Loser. Schon mal von Gesundheitsreform gehört?«

»Ach nee. Und du von Finanzkrise?«

Die weiblichen Gäste dagegen beäugten einander erst einmal stumm. Ihr Wettbewerb fand an der Mode- und Beautyfront statt. Faltenstatus, Hüftumfang und Outfit wurden im Sekundentakt gescannt. Der Konkurrenzkampf war so erbittert wie bei einem Casting. Sie waren Frauen. Sie waren Anfang vierzig. Und wer in den letzten zehn Jahren nicht jede Menge Geld, Schweiß und Disziplin in sein Erscheinungsbild investiert hatte, fiel hier gnadenlos durch. Aber natürlich fand sich ausnahmslos jede weit besser konserviert als alle anderen. Jede. Außer Evi.

Evi hatte das Desaster der gescheiterten Rede mit Schrecken verfolgt. Warum waren die alle so gemein? Sie verstand es nicht. Ihre gute Erziehung hätte ihr niemals erlaubt, einen ehemaligen Lehrer von der Bühne zu johlen. Sie war und blieb eben die höhere Tochter. Etwas abseits stand sie da und drehte ihr volles Sektglas in den Händen. Sie hatte nicht einmal genippt.

Freudlos nahm sie den Saal in Augenschein, die üppigen Blumenarrangements, die Papiergirlanden, die große silberne »25« über der Bühne. Immerhin hatte sie es bis hierher geschafft. Eine halbe Stunde noch und dann Abmarsch, nahm sie sich vor. Sie hatte hier nichts verloren.

Plötzlich zerriss eine schrille Stimme ihre trüben Gedanken. »Eviiii? Oh my god, bist du’s wirklich?«

Sie zuckte zusammen. Entgeistert starrte sie in das Gesicht einer Fremden. Deren hochblondiertes Haar war zu einem rasanten Bob gefönt, eine cremig glänzende Bräune lag auf dem unwirklich glatten Gesicht. Und weder das grünseidene |16|Designerkleid, der kostbare Schmuck noch die Wolke erlesenen Parfums ließ einen Zweifel offen, dass sich ein illustrer Hotelgast in dieses Inferno verirrt hatte. Die Frage war nur: Woher kannte die fremde Frau Evis Namen?

»Sweetheart, erkennst du mich denn gar nicht? Hallo? Be-a-trice! Trio fatal! Na?«

Aus dem Dämmer längst vergessener Tage stieg eine vage Erinnerung in Evi hoch. Das Trio fatal. Der verwegenste Mädchenclub der Schule. Katharina die Große, Bella Beatrice und Evi Forever. So hatten sie sich genannt. Es war Millionen Jahre her. Und das hier sollte wirklich Beatrice sein?

»Come on, wir nehmen einen Drink«, sagte das glamouröse Wesen. »Ich kann’s gebrauchen. Dreimal hab ich mich verfahren, weil mein Navi dieses verstaubte kleine Hideaway nicht finden konnte.«

Vor Evis innerem Auge gewann eine Gestalt Kontur. Beatrice. Das Mädchen mit den roten Haaren. Die extravagante »Hochgeschwindigkeitsschlampe«, wie die Jungs sie verächtlich genannt hatten. Weil sie flirtete wie ein Vorstadtvamp und keinen zweimal ranließ. Extravagant war Beatrice noch immer. Nur die blonden Haare und das polierte Gesicht waren neu.

»Oh, Beatrice, nett, dich zu sehen«, sagte Evi lahm. Nie hatte sie sich unscheinbarer und übergewichtiger gefühlt als neben dieser mondänen Frau.

»Und, was machst du so?«, fragte Beatrice. Ihr Blick glitt über Evis Notfrisur, dann über das biedere graue Kleid, um schließlich an den geländegängigen Schuhen hängenzubleiben.

Auf der Stelle wurde Evi drei Zentimeter kleiner. Die Sache war klar: Beatrice hatte die Schlacht so gut wie gewonnen. |17|Aber Feigheit vor dem Feind war das Letzte, sagte Evis Vater immer. Contenance wahren! Haltung annehmen!, hatte er ihr eingeschärft. Während sie ein Schluchzen unterdrückte, straffte Evi sich unwillkürlich. Los jetzt, lächeln. Na, also. Geht doch.

»Ich habe das große Los gezogen!«, strahlte sie. »Ein wunderbarer Mann, zwei wohlgeratene Kinder, was will man mehr? Wir leben in einer Villa im Grunewald, genau das, wovon ich immer geträumt habe. Du weißt schon, die weiße Villa mit den viktorianischen Säulen und dem Park, in dem ich Rosen züchte.«

Beatrice runzelte die Stirn, wovon infolge der regelmäßigen Botoxinjektionen nur ein millimeterfeines Anheben der Augenbrauen zu sehen war. Es stimmte, Evi hatte immer von so einem Haus gesprochen. Und von der Familie, die sie dereinst gründen wollte. Dummerweise sah sie nicht gerade aus wie eine Frau, die ihre Träume verwirklicht hatte.

»Freut mich für dich«, sagte Beatrice höflich.

»Und du?«, erkundigte sich Evi.

Das gehörte sich schließlich so. Sie spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Umständlich kramte sie ein Taschentuch heraus und betupfte sich damit das Gesicht.

Beatrice legte los. »Honey, ich arbeite als Presenterin in einer Agentur. Koordiniere die Guidelines, mache Consulting und Controlling. Meine Kernkompetenz ist Concept Supervisor. Du weißt schon, Branding tunen, Kunden toasten, das übliche Business. Immer hart an der Deadline, bis zum nächsten Newsflash. Demnächst lasse ich mich vielleicht outsourcen, damit der private Cashflow stimmt. Du verstehst?«

Evi verstand kein Wort. Ein Schweißgerinnsel lief ihren |18|Rücken entlang. Wenn sie nicht bald floh, war alles aus. Lange konnte sie die Komödie nicht mehr spielen.

»Ab an die Bar!«, rief Beatrice munter. »Bella Beatrice braucht dringend einen Sundowner. Man nennt mich jetzt übrigens Bea-Bee. Die fleißige Biene. Du verstehst? Bea? Bee?«

»Klingt spannend«, lächelte Evi verlegen. »Aber das mit dem Drink wird leider nichts. Ich trinke nie, wenn ich fahre.«

»Wie jetzt?« Beatrice stemmte die Hände in die Hüften. »Übernachtest du denn nicht hier? Der olle Meier sagte mir eben, die ganze Truppe hätte gebucht. Oh my god! Der hat bestimmt Angst, dass wir austicken wie damals bei den Klassenfahrten. Weißt du noch?«

Evi wusste nicht weiter. Natürlich hatte sie ihren Koffer dabei. Aber den würde sie unausgepackt wieder mit nach Hause nehmen. Nach Hause. Sie schluckte.

»Also dann …«

»Eviiii!« Mit einem spitzen Schrei stürzte eine Frau im Nadelstreifenanzug auf sie zu und blieb dicht vor ihr stehen. »Evi Forever! Du lieber Himmel, ich habe dich sofort erkannt!«

Beatrice stutzte, dann riss sie die Arme hoch. »Yeah! Katharina die Große, Evi Forever und Bella Beatrice! Das Trio fatal is back!«

Eine peinliche Pause entstand. Sie waren ein verschworenes Dreiergespann gewesen. Damals, als Teenager. Alles hatten sie geteilt, Schulstress, Schminktipps, ersten Liebeskummer. Wie Sekundenkleber hatten sie zusammengehalten, getreu ihrem Motto: »Für immer, für ewig, für uns!«

Ein Vierteljahrhundert war das her. Beim Abiturball hatten |19|sie noch beschlossen, für immer zusammenzubleiben. Doch es kam anders. Die rituellen Treffen wurden seltener, die ausgedehnten Telefonate auch, und schließlich verloren sie einander aus den Augen. Die Freundschaft von einst war in Vergessenheit geraten, so wie der Schulstress, die Schminktipps und der erste Liebeskummer.

Es war Beatrice, die die Situation rettete. »Gehe ich richtig in der Annahme, dass wir Staatssekretärin Dr. Katharina Severin vor uns haben, bekannt aus Funk und Fernsehen, die Hoffnung der Familienpolitik?«

»Könnte man so sagen«, antwortete Katharina geschmeichelt. »Gerade haben sie mich zur stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt. Mit steilen Karriereoptionen. Und was macht ihr so?«

Die Herablassung in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Da hieß es mithalten. Eingehend berichteten Evi und Beatrice von ihrem grandiosen Leben. Katharina hörte konzentriert zu. Ihr blasses Gesicht mit den winzigen Sommersprossen war ungeschminkt und kaum gealtert. Die Haut schimmerte wie Porzellan. Eine Rose aus Stahl, dachte Evi, während Beatrice sich vornahm, später nach Katharinas Schönheitschirurgen zu fragen.

»Hört sich doch ganz gut an«, sagte Katharina obenhin, als die beiden fertig waren.

Evi fühlte sich zunehmend unwohl neben ihren furchtbar erfolgreichen Freundinnen. »War schön, dass wir uns mal wiedergesehen haben.« Sie improvisierte aufs Geratewohl. »Leider muss ich los. Ich bekomme« – sie holte Luft – »Besuch. Übernachtungsgäste. Deshalb …«

»Kommt überhaupt nicht in Frage«, fiel Katharina ihr ins Wort. »Da treffen wir uns nach fünfundzwanzig Jahren, |20|und du willst schon wieder den Abflug machen? Ich habe sogar eine Strategiesitzung im Familienausschuss abgesagt!«

»Und ich ein Skype-Meeting mit chinesischen Managern!«, trumpfte Beatrice auf.

Evi hatte Derartiges nicht vorzuweisen. Kleinlaut suchte sie nach plausibleren Ausflüchten, doch es gab keine. »Aber, aber …«

»Nichts aber«, bekräftigte Beatrice. »Dein ›wunderbarer Mann‹ und deine ›zwei wohlgeratenen Kinder‹ werden es ja wohl mal eine Nacht ohne dich aushalten, oder?« Sie zwinkerte Katharina zu.

Nicht nur eine Nacht, dachte Evi. Die würden nicht mal merken, wenn ich eine ganze Woche wegbliebe.

»Komm schon«, sagte Katharina. »Heute zeigen wir den Jungs, wo die Wurst wächst. Wie in alten Tagen.«

»It’s raining men!«, fiel Beatrice ein. »Hallelujah!«

Zusammen mit Katharina hakte sie Evi unter, und gemeinsam schleiften sie ihre widerstrebende Freundin zur Bar. Die war ein dämmriges Gewölbe mit genoppten Ledersofas und nachgedunkelten Landschaftsgemälden an den Wänden. Am Tresen lungerten ein paar Herren herum, die sich gegenseitig mit Erfolgsgeschichten überboten. Gerade waren sie bei ihren Autos angekommen. Der Barkeeper zapfte unablässig Bier, das mit Getöse geleert wurde.

Das Trio steuerte einen ruhigen Tisch in der Ecke an. Beatrice hob lässig drei Finger und rief dem Barkeeper zu: »Caipi! Aber pronto please!«

»Echt jetzt? Caipirinha?«, gluckste Katharina.

»Warum nicht? Um eine unfallfreie Syntax müssen wir uns wohl nicht mehr kümmern«, lachte Beatrice. »Oder |21|willst du etwa auf die Bühne schlüppern und eine Rede halten? Goodness, den Meier haben sie doch schon gegrillt! Wisst ihr noch, wie er uns das Schwimmen beibringen wollte? Und immer sein Gebiss am Beckenrand ablegte? Der ist schon durchs Wasser gepflügt, als Jopi Heesters noch sein Seepferdchen machte.«

»Nee, nee, keine Rede«, winkte Katharina ab. »Ich habe heute schon drei Reden gehalten.«

Beatrice rollte mit den Augen. Katharinas Arroganz konnte einem ganz schön auf die Nerven gehen.

»Wollt ihr denn nichts essen?«, meldete sich Evi zu Wort.

Ihr Magen war ein gähnend leerer Abgrund. Sie hatte vor lauter Aufregung den ganzen Tag nichts gegessen, und die Düfte des Buffets verhießen so einiges. Außerdem konnte man immer etwas lernen für daheim, wenn man auswärts aß. Fand Evi.

»Essen?« wiederholten Beatrice und Katharina im Chor.

»Ja! Habt ihr gar keinen Hunger?«

Beatrice verzog den Mund. »Low-carb-Diät.«

»Und ich hatte schon meinen abendlichen Müsliriegel im Wagen«, fügte Katharina hinzu. »Der Fahrer besorgt ihn immer für mich.«

Jetzt bestand der Chor aus Evi und Beatrice. »Du hast einen – Fahrer?«

»Nee, einen Neandertaler, der sein Hirn in der Hose spazieren fährt. Dafür muss ich nie einen Parkplatz suchen.«

»Krass«, sagte Beatrice.

Dann kamen die Getränke.

Evi wollte protestieren, doch sie traute sich nicht. Alkohol hatte sie noch nie vertragen, schon gar nicht auf nüchternen Magen. Aber wenn sie jetzt nicht mitmachte, würde sie |22|noch jämmerlicher dastehen als sowieso schon. Ergeben griff sie nach dem Glas, in dem eine gefährlich aussehende Flüssigkeit die Eiswürfel leise knacken ließ.

Beatrice prostete ihren Freundinnen zu. »Für immer, für ewig, für uns!«

Zu dritt wiederholten sie ihre alte Parole: »Für immer, für ewig, für uns!«

Und nun? Alle drei wunderten sich insgeheim, wie unterschiedlich sie doch waren. Damals, in der Schulzeit, war es ihnen nicht aufgefallen, aber im Laufe der Jahre hatten sich die Kontraste verschärft. Nun saßen sie fremdelnd da, drei Frauen, drei Lebensentwürfe, drei Welten. Ein unbefangener Beobachter hätte kaum vermutet, dass es etwas gab, was sie einst verbunden hatte.

»Evi und ich ankern ja im beschaulichen Hafen der Ehe«, sagte Beatrice, nachdem sie eine Weile in ihrem Drink gerührt hatte. »Und du, Katharina?«

»Nichts für mich.« Katharina lächelte nadelfein. »Ich meine, die Familie ist selbstverständlich der Nukleus der Gesellschaft, die unverzichtbare Keimzelle allen sozialen Lebens. Aber einer muss ja die Arbeit machen. Ich bin vierundzwanzig Stunden im Dienst. Da kann man keine Breichen kochen, Apfelkuchen backen und dem Herrn Gemahl abends den Rücken kraulen.«

Beim Stichwort Apfelkuchen zuckte Evi. »Aber macht das auf die Dauer nicht ein bisschen einsam?«, fragte sie.

»Ich ziehe Freundschaften vor«, erklärte Katharina. »Besonders Arbeitsfreundschaften. Der Familienminister zum Beispiel ist mein engster Vertrauter.« Sie machte eine Kunstpause, um die Verblüffung der beiden auszukosten. »Er ist ein starker professioneller Partner. Ich recherchiere für ihn, |23|arbeite Dossiers aus. So etwas ist weit befriedigender als die Isolationsfolter einer konventionellen Zweierbeziehung.«

»Na, na!« Beatrice rührte etwas schneller in ihrem Drink. »Mein Mann ist jedenfalls sensationell – one in a million! Er verwöhnt mich, wo er kann, und hält mir den Rücken frei. Unsere Tochter ist sowieso schon aus dem Haus. Total tough, die Kleine. Sie studiert Jura.«

»Schick sie mal vorbei, wenn sie ein Praktikum machen will«, sagte Katharina gönnerhaft.

Beatrice wirkte mit einem Mal angespannt. »Nicht nötig«, flötete sie. »Die Praktika sind längst history. Nächste Woche geht sie nach Cambridge. Ist irre teuer, aber eine unverzichtbare opportunity zum Networken. Think global, sage ich immer. Sorry, Katharina, aber was soll sie hier in der Provinz?«

Der Punkt geht an Beatrice, stellte Evi fest, die den Schlagabtausch fasziniert verfolgt hatte. Die beiden spielten in derselben Liga. Und waren fest entschlossen, einander auszustechen. Evi dagegen war längst aus dem Rennen. Das machte die Sache für sie wesentlich einfacher.

Verstimmt strich sich Katharina über die festgezurrten Haare. Sie setzte eine randlose Brille auf und sah zum Tresen hinüber. Immer schön von Niederlagen ablenken, war ihre bewährte Taktik.

»Der leicht verfettete Blonde auf elf Uhr. Ist das nicht Bernd, der Schrecken unserer Mädchenblüte?«

Sie hatten damals eine Geheimsprache gehabt, so wie die tollen Kerle in den Agentenfilmen ihrer Jugendzeit. Elf Uhr, das hieß: geradeaus, etwas links. Wie auf Kommando sahen sie zum Tresen.

Sofort löste sich ein stämmiger Mann aus der Runde, der |24|die Blicke der drei Frauen aufgefangen hatte. Breitbeinig baute er sich vor ihnen auf.

»Na, immer noch zusammengetackert?«, fragte er. »Hui. Der flotte Dreier. Da weiß man ja gar nicht, wo man anfangen soll!«

Er grinste herausfordernd.

»Der Bernd, sieh an«, sagte Beatrice kühl. »Früher konntest du nicht mal eine Chipstüte aufreißen. Und jetzt gleich drei Mädels auf einmal? Vergiss es!«

Sofort vereiste seine Miene. »So was Überspachteltes wie du hätte bei mir sowieso nie eine Chance. Und ich stehe auch nicht auf Übergrößen und Emanzen in Nadelstreifen. Wirsing.«

Er drehte sich abrupt um und kehrte an den Tresen zurück, wo er mit Gelächter empfangen wurde.

»Typen wie der gehören auf DIN A4 gefaltet«, grantelte Katharina.

Evi war einfach nur sprachlos. Natürlich war Bernd zu weit gegangen. Doch auch in solch heiklen Momenten siegte stets ihr gutes Herz. Evi gehörte zu den sanftmütigen Menschen, die nicht einmal Spinnen töten, sondern sie gewissenhaft hinaus in den Garten tragen.

»Einen schönen guten Abend, die Damen! Darf ich mich zu Ihnen gesellen?«

Die drei hätten sich fast erhoben, so wie früher. Oberstudiendirektor Meier stand vor ihnen, ein Glas in der Hand. Sehr standfest sah er allerdings nicht mehr aus. Offenbar war er es nicht gewohnt, lauwarmen Sekt zu trinken.

»Bitte. So setzen Sie sich doch«, antwortete Evi und machte eine einladende Handbewegung. »Ist uns eine Ehre.«

Sichtlich erleichtert hockte sich der Lehrer auf einen Sessel. |25|Der Abend war für ihn ein einziges Survival Camp. Er hatte sich den großen Auftritt erhofft, jedoch feststellen müssen, dass er nur der Statist in einem lärmenden Chaos war. Aber wenigstens an diesem Tisch wusste man, was sich gehörte.

»Eva-Maria Diepholt, Beatrice Kramer, Katharina Severin, richtig? Sie drei waren die vielversprechendsten Schülerinnen des Jahrgangs«, seufzte er. »Intelligent, interessiert, und wie man hört«, er deutete eine Verbeugung in Katharinas Richtung an, »hat Ihr enormer Fleiß Sie ganz nach oben gebracht.«

Katharina lächelte selbstzufrieden. »Könnte man so sagen.«

»Und das, obwohl Sie, nun ja, genau genommen aus eher kleinen Verhältnissen stammen«, fügte Meier hinzu.

»Aus der bildungsfernen Schicht«, verbesserte Katharina ihn scharf. »Und Sie sollten jedem mit Respekt begegnen, der die Durchlässigkeit einer demokratisch verfassten Gesellschaft demonstriert, um sich einen Platz in der politischen Elite zu erobern.«

Eine Zornesfalte erschien zwischen ihren akkurat gezupften Augenbrauen. Es ärgerte sie maßlos, dass Meier sie an ihre Herkunft erinnerte. Evi wusste, dass Katharina es immer als wunden Punkt empfunden hatte, dass ihr Vater Maurer war und ihre Mutter putzen ging. Sie hatte diese vermeintliche Schmach mit brennendem Ehrgeiz kompensiert. Von ihrer Vergangenheit wollte sie jedenfalls nichts mehr wissen.

»O ja, sicher, Sie sind ein schönes Beispiel dafür, dass wirklich jeder es schaffen kann«, beeilte sich Meier, seinen Fehler wiedergutzumachen. Dann wechselte er rasch das Thema.

|26|»Und Sie, Evi? Ich darf doch wohl noch Evi sagen? Wie geht es dem Herrn Vater? Seiner großzügigen Spende verdanken wir ja unsere neue Turnhalle. Ein beeindruckender Mann.«

»Bestens«, murmelte Evi.

Es war ihr mindestens so unangenehm wie Katharina, dass Meier sie auf ihre Familie ansprach. Auf ihre vermögende, einflussreiche Familie, deren Erwartungen sie nie entsprochen hatte. Ihr Vater hatte ganz selbstverständlich angenommen, Evi werde mindestens einen Nobelpreis für atemberaubende wissenschaftliche Leistungen erhalten. Stattdessen sah er seine Tochter weitgehend untätig an der Seite eines Emporkömmlings, den er nicht ausstehen konnte.

Meier lächelte vertraulich. »Wenn ich fragen darf, Evi, welchen Karriereweg haben Sie eingeschlagen?«

Evi hüstelte. »Den rosenumrankten Weg der Hausfrau und Mutter.«

»Ach.«

Das anschließende Schweigen war drückend wie eine aufziehende Gewitterfront. Ohne dass er ein Wort sagte, wussten alle drei, was er dachte: Da hatte er sich so viel Mühe mit dieser Einserschülerin gegeben, der Hoffnung seines öden Lehrerlebens, und sie hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als zur heimischen Servicekraft zu mutieren. Was für eine Enttäuschung. Betreten spielte Evi mit ihrem Ehering.

»Sehen Sie, wir alle haben etwas aus unserem Leben gemacht«, unterbrach Beatrice die Stille, die eingetreten war. »Ich bin Managing Director bei einer Agentur, Dollar & Dime heißt sie, die kennen Sie bestimmt, Consulting, Controlling, Concept Supervisor, Branding tunen, Kunden toa…«

|27|»Allerhand«, unterbrach Meier sie. »Offen gestanden hatte ich mir bei Ihnen immer Sorgen gemacht. Sie waren ja als Schülerin, wie soll ich sagen, ziemlich leichtlebig.«

»Wie bitte?«

»Entschuldigung, in vino veritas, der Wein hat meine Zunge gelöst. Nichts für ungut. Aber Ihre kurzen Röcke und der lockere Umgang mit den Jungs und …« Er kam ins Stocken.

Beatrice kniff angriffslustig die Augen zusammen. In ihr brodelte es, das war nicht zu übersehen. Sehr langsam und sehr laut sagte sie: »Dieser Typ ist wie Herpes. Ungeheuer lästig und geht nie wieder weg.«

Erschrocken fuhr Evi zusammen. Sie wusste nicht, was schlimmer war: Meiers taktlose Bemerkungen oder Beatrices flapsiger Spruch.

»Herpes?« Meier begriff den Satz erst nach längerem Nachdenken. Als sein sektumspültes Stammhirn ihn endlich als Beleidigung klassifiziert hatte, sprang er auf, als hätte ihn ein Skorpion gebissen.

»Ich weiß, wann ich gehen muss!«, rief er aus.

»Verbindlichsten Dank, dass Sie uns nicht weiter belästigen«, setzte Beatrice nach. Betont beiläufig nahm sie einen Schluck Caipirinha, während Meier davonschlich.

»Das verspricht ja, ein netter Abend zu werden«, sagte Katharina und orderte die nächste Runde.

Beatrice lehnte sich zufrieden zurück. »Speedlästern. Wie in alten Zeiten. I love it!«

|28|Kapitel 3

Evi schlug zu. Ohne Rücksicht auf Verluste. Vorspeisen, Nachspeisen, kalten Braten, alles lud sie durcheinander auf ihren Teller. Das Buffet hatte sich geleert, aber sie war mit den Resten vollauf zufrieden. Es war höchste Zeit. Nach zwei Caipirinhas war ihr so schwindelig, dass sie handeln musste. Mit fahrigen Bewegungen nahm sie auch noch Nudelsalat und Räucherlachs. Was sonst? Unschlüssig stocherte sie in einer Schüssel herum, in der etwas seltsam Grünes lag.

»Verzeihung, darf ich fragen, was das ist?«, fragte sie den bemützten Koch hinter dem Buffet.

»Algen, gnädige Frau. Auf einem Carpaccio vom Babybuttfilet.«

Wo war sie nur in den letzten fünfundzwanzig Jahren gewesen? Im Mustopf? Dabei waren die einzigen Bücher, die sie las, Kochbücher. Ihre Sammlung füllte inzwischen zwei ganze Regale.

»Und das Dressing?«, erkundigte sie sich.

Der Koch setzte ein verschwörerisches Gesicht auf. »Ist eigentlich ein Betriebsgeheimnis. Aber ich verrate es Ihnen.«

Evi lächelte dankbar. Sie war glücklich, dass sie über Rezepte fachsimpeln durfte, ohne von ihren emanzipierten Freundinnen als Hausmütterchen abgestraft zu werden. Aber waren es denn überhaupt noch ihre Freundinnen? Wo war sie geblieben, die Vertrautheit von einst? Evi fand Katharina und Beatrice nur noch anstrengend.

»Traubenkernbalsamico mit portugiesischem Meersalz |29|first flush, in einer Paranussölemulsion«, flüsterte der Mann mit der Kochmütze.

In Gedanken hatte Evi das Rezept bereits abgespeichert. Schließlich besaß sie den Ruf einer exzellenten Köchin, den es zu verteidigen galt. Sie bedankte sich artig und steuerte einen verlassenen Tisch an. Ohne Hast stapelte sie die schmutzigen Teller, räumte Gläser und Besteck beiseite und wischte ein paar Krümel von der Tischdecke. Dann setzte sie sich.

Ringsum an den Tischen war kaum noch jemand zu sehen. Die meisten Gäste drängelten sich schon auf der Tanzfläche und bewegten sich entfesselt zu den Klängen der Band. Die spielte Hits aus den Achtzigern, die begeistert mitgebrüllt wurden. Gerade war es »All Night Long« von Lionel Ritchie. Der lärmende Discosoul ließ die Gläser auf dem Tisch leise klirren.

Evi begann mit dem Tiramisu. Sobald die weiche, fette Creme ihren Gaumen streichelte, fühlte sie sich wohler. Sie liebte es zu essen. All night long. Es war der verlässlichste Trost, den sie hatte. Voll Wonne löffelte sie das süße Dessert in sich hinein.

Ihre Drinks bereute sie schon bitterlich. Nun war sie gefangen in diesem Hotel. Aber es würde bestimmt niemandem auffallen, wenn sie gleich mit einer Portion Algen nebst Babybuttfilet-Carpaccio in ihrem Zimmer verschwand. Und am nächsten Morgen würde sie sich vor dem Frühstück aus dem Staub machen. Die anderen hatten sie sowieso schon vergessen.

»Hier bist du also!«

Ertappt. Nein, die anderen hatten sie noch nicht vergessen. Schuldbewusst sah Evi von ihrem Teller auf und direkt in das Gesicht von Beatrice. Es war stark gerötet, das Make-up |30|wirkte fleckig. Auch die Frisur hatte einiges von ihrer Perfektion eingebüßt. Da waren mehr als zwei Caipirinha im Spiel, mutmaßte Evi. Beatrice schwankte merklich und musste sich an einer Stuhllehne festhalten, um nicht aufs Parkett zu kippen. Voll Abscheu begutachtete sie Evis überladenen Teller.

»Dschieesus, isst du immer so wahllos? Was hast du dir denn da alles gekapert?«

»Schmeckt himmlisch«, erwiderte Evi in einer Aufwallung von Trotz.

Sie hatte mehr als genug von der Schlacht um Erfolg und Anerkennung. Das Schaulaufen hier war nicht ihr Ding. Sie gehörte nicht dazu, sie, die graue Maus im Zoo der Königstiger. Morgen früh würde der Spuk ohnehin vorbei sein. Warum also länger ihr wahres Gesicht verbergen?

»Du kannst gern weiterhungern. Ich esse, worauf ich Lust habe«, erklärte sie.

»Das sieht man, Sweety, das sieht man. Bist ein bisschen out of shape.« Beatrice ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Und dein wunderwunderbarer Mann findet das – okay?«, fragte sie eine Spur zu spitz.

»Er hasst dicke Frauen«, sagte Evi. »Na und?«

Verblüfft sah Beatrice sie an. Dann wurde sie von einem Lachanfall geschüttelt.

»Du bist ja voll abgefahren«, kicherte sie. »Na und, sagt sie. Ich fass es nicht.«

»Die Zeiten, als wir uns gegenseitig den Kaviar von den Zehen geschleckt haben, sind lang vorbei«, verkündete Evi. »Wenn du meine Meinung wissen willst: Ich halte ehelichen Sex für überschätzt.«

Gleich darauf erschrak sie. Ach du liebe Güte, hatte sie das jetzt wirklich gesagt? Andererseits: War es nicht vollkommen |31|gleichgültig, wem sie hier was über das Notstandsgebiet ihrer Ehe erzählte? Sie würden sich nie wiedersehen. Dieser Abend war lediglich eine weitere trübselige Episode in ihrem überaus trübseligen Leben. Nur ein bisschen unterhaltsamer.

Mit offenem Mund saß Beatrice da. Sie konnte kaum glauben, was Evi da gerade zwischen zwei Bissen zum Besten gegeben hatte.

»Äh – hast du das etwa ernst gemeint?«

Evi nickte und schob sich seelenruhig eine Gabel Nudelsalat in den Mund. Ein bisschen zu viel Mayonnaise und die Erbsen viel zu weich. Aber genauso war es richtig. Futtern wie bei Muttern. Sie rülpste dezent.

»Was ist denn hier los?«

Mittlerweile hatte auch Katharina den Tisch gefunden, an dem Evi mit sichtbarem Behagen die Reste des Buffets vernichtete. »Nudelsalat! Herrje, das ist ja fiesester Partyfraß aus den Siebzigern!«

»Schmeckt super«, sagte Evi ungerührt. »Willst du auch?«

»Bloß nicht.« Angewidert sah Katharina zu, wie Evi eine Scheibe kalten Bratens zersäbelte. »Hausmannskost ist der Sex der Rentner«, giftete sie. »So weit bin ich noch nicht.«

»Ach was«, sagte Evi schlicht.

Beatrice sah von einer zur anderen. Unter ihrem linken Auge zuckte es. Ihr Kopf wackelte, und ihr Magen fühlte sich an, als habe jemand einen Ameisenhaufen angezündet. Irgendetwas war anders als sonst. Was bloß? Sie kam nicht gleich drauf, doch dann wusste sie es: Sie hatte Hunger. Schrecklichen Hunger.

»Ich hole mir auch was zu essen«, beschloss sie. »Ist doch total egal heute Abend.«

Mit einiger Mühe richtete sie sich auf und stakste zum |32|Buffet. Drei Minuten später kam sie wieder. Sie hatte alles auf ihren Teller getürmt, was sie finden konnte, und das Ganze mit ein paar Löffeln Nudelsalat gekrönt. Ohne Zögern machte sie sich über ihre Beute her.

Katharina hob eine Augenbraue. Keine Selbstdisziplin, diese bemitleidenswerten Mädels, dachte sie. Leider sah es gar nicht so schlecht aus, was sie da in sich hineinschaufelten.

»Halloooo, die Damen!«

Drei Herren kamen an den Tisch geschlendert. Alle hielten sie Biergläser in den Händen und befanden sich in einem Zustand, den sie vermutlich »angeheitert« genannt hätten. Neugierig beäugten sie das Trio, das sich bestens ohne männliche Gesellschaft amüsierte.

»Hmmm, lecker, die drei Cremeschnittchen«, sagte einer von ihnen. »Immer noch sahnig, nach all den Jahren.«

Weder die glänzende Halbglatze noch der vorgewölbte Bauch konnte ihn davon abhalten, sich für unwiderstehlich zu halten. Gierig leckte er sich die Lippen. Es war mehr als offensichtlich, dass er das Klassentreffen nutzen wollte, um erotische Erinnerungen aufzufrischen.

»Oha. Kennen wir uns?«, fragte Beatrice.

»Besser, als du wahrhaben möchtest, Süße«, behauptete der Herr.

Beatrice lehnte sich zurück. »Ihr hohes Alter und Ihre traurige Gestalt sagen mir, dass Sie einer unserer Lehrer gewesen sein müssen.«

»Oder der Hausmeister«, gluckste Katharina. »Der hatte doch auch so eine Gruselfrisur.«

»Ich tippe auf eine missglückte Haarverpflanzung«, sagte Beatrice und deutete auf die spärlichen Flusen, die der Mann zu einem Puschel auftoupiert hatte.

|33|»Sieht aus, als hätte er eine Teppichfliese auf dem Kopf!«, sekundierte Katharina.

Eine dunkle Wolke erschien auf der Stirn des Angesprochenen. »Nur nicht frech werden«, drohte er. »Ich bin’s, Rainer, euer ehemaliger Mitschüler, und wenn ihr’s genau wissen wollt: Ich hatte euch alle drei!«

Die anderen beiden Herren feixten erfreut.

»Stimmt. Du hattest uns alle drei tief in deinem verwundeten Herzen«, grinste Beatrice. »Und dann musste Oberstudiendirektor Meier einen Notarzt rufen, auf der Klassenfahrt nach Rüdesheim. Weil du dich aus lauter Liebeskummer mit einer Flasche Asbach Uralt betankt hast und wimmernd in deinem Erbrochenen herumgekrochen bist.«

Das saß. Der Mann wich zurück. »Ihr seid wohl immer noch die Königinnen der dummen Sprüche«, schnaubte er.

»Und du bist der Prinz des Klamauks«, sagte Beatrice kalt. »Husch, husch, geh spielen, Kleiner!«

Sie klatschte in die Hände wie eine Kindergärtnerin, die einen unerzogenen Youngster in die Schranken weisen musste. Die drei trollten sich ohne nennenswerten Widerstand.

Evi hörte auf zu kauen. »Ich bin beeindruckt. Denen habt ihr ja echt mal gezeigt, wo die Lampe hängt. So was bringe ich nicht fertig. Aber manchmal würde ich es gern, das muss ich zugeben.«

»Ist easy«, erwiderte Beatrice. »Fang am besten gleich damit an.«

Katharina sah den drei Männern versonnen hinterher. »Mein Bauchgefühl sagt mir, dass da was war mit dem rattigen Rainer. Eklige Engtanzfete …«

»… schlechter Wein«, ergänzte Beatrice.

»… und schlechter Sex!«, vollendete Katharina den Satz.

|34|»Bei so viel Bauchgefühl bekomme ich Magenschmerzen!«, rief Beatrice.

Die beiden schütteten sich aus vor Lachen.

Auch Evi lachte. Ihre anfängliche Empörung über Beatrices und Katharinas Respektlosigkeit war verflogen. Ihr gefiel es mit einem Mal, wie selbstbewusst die beiden mit Männern umgingen. Für sie war das nie in Frage gekommen, in all den Jahren, die sie brav an der Seite ihres Gatten verbracht hatte. Gefangen in der Etikette, eingeklemmt auf steifen Partys, abgeschottet in ihrer Küche. Aber das hier, das war das wahre Leben. Sie konnte plötzlich gar nicht genug davon bekommen.

Ein Kellner erschien mit Gläsern und zwei Weinflaschen. »Rot oder weiß?«, fragte er.

»Beides«, antwortete Evi. Die Komödie war vorbei, jetzt kam der Spaß. »Am besten, Sie lassen die Flaschen gleich hier und bringen uns danach Champagner. Aber bitte kalt wie ein Eisbärpopo.«

Wie vom Blitz getroffen starrten Beatrice und Katharina sie an. Hatten sie sich verhört? Nein, da war sie wieder, die alte Evi Forever. Das verrückte Huhn, hinter deren guter Erziehung stets die Anarchie lauerte. Die höhere Tochter, die einst unter ihren braven Blusen heimlich Reizwäsche trug. Und als Erste ihre Unschuld verloren hatte, auf dem Rücksitz eines Fiat Panda, am helllichten Nachmittag.

»Evi forever!«, rief Katharina.

»Nudelsalat forever«, korrigierte Beatrice. »Worauf wartest du?«

»Na jaaa«, sagte Katharina gedehnt. Man sah, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. »Warum eigentlich nicht?«

Sie zog ihr Jackett aus. Darunter kam eine gestreifte Hemdbluse |35|zum Vorschein, die ihre dürre Figur unterstrich. Dann rannte sie zum Buffet.

Kurze Zeit später hatten sie den gesamten Nudelsalat verschlungen, die zwei Flaschen Wein erledigt und sich vom Koch eine Riesenschüssel Bratkartoffeln bringen lassen. Mit Speck und Zwiebeln. Schmatzend machten sie sich darüber her, als sei es das Köstlichste, was sie jemals gegessen hatten.

Als der Kellner mit dem Champagner und einem Eiskübel kam, ließen sie unter Applaus die Flasche öffnen.

Beatrice hob ihr Glas. »Auf den guten alten Rentnersex!«

Sie schlürften geräuschvoll. Ihre guten Manieren brauchten sie nicht mehr. Sie waren wieder unter sich, das Trio fatal. Die Beschwörung der glorreichen Zeiten zu dritt gab ihnen das Gefühl, unverwundbar zu sein. Der ganze Übermut war wieder da, die Unbekümmertheit dreier junger Mädchen, die einst ausgezogen waren, die Welt zu erobern. Und nichts und niemand konnte sie daran hindern, wieder genau das zu tun, was ihnen Spaß machte.

Drüben auf der Tanzfläche waren die Musiker zu simplen Schlagern übergegangen. Zuckende Leiber drehten sich im farbigen Licht. Die drei Freundinnen kümmerte das nicht. Die Party, das waren sie. Die letzten Schranken fielen, die sich in fünfundzwanzig Jahren aufgebaut hatten. Ausgelassen kramten sie in ihren Erinnerungen – durchfeierte Nächte, heiße Flirts, erster Sex. Kaum zu glauben, wie wild sie damals gewesen waren.

»Wisst ihr noch, als wir nachts mit einer Flasche Wodka an den Baggersee gefahren sind? Und nackt gebadet haben?«, fragte Katharina.

»Voll der white trash«, bestätigte Beatrice. »Das war doch mit dem Wagen von Evis Vater, oder?«

|36|»Wir mussten nicht mal Angst um unseren Führerschein haben – weil wir gar keinen hatten!«, kicherte Evi.

Katharina fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. »Am nächsten Morgen haben wir die Sitze mit Sagrotan abgerubbelt, um die Spuren zu verwischen …«

»… und es gab Riesenärger, weil mein Vater die Kondome im Handschuhfach gefunden hat«, stöhnte Evi. »Er hat mir eine volle Woche Hausarrest verpasst!«

»Aber du bist Nacht für Nacht aus dem Fenster gestiegen und hast mit uns dummes Zeug angestellt!« Beatrice fischte einen Eiswürfel aus dem Champagnerkübel und ließ ihn in ihr Glas gleiten. »Die Straps-Modenschau, erinnert ihr euch?«

»Aber wie!«, rief Katharina.

»Ich habe die Sachen noch«, bekannte Evi. »Als Souvenir. Dieses rosa Mieder mit der schwarzen Spitze war der Bringer bei den Jungs. Kam nur leider nie wieder zum Einsatz …«

»Hört doch! Sie spielen unser Lied!«, rief Beatrice.

Gebannt lauschten sie auf die Stimmen der Weather Girls. Zu dritt fielen sie in den Refrain ein: »It’s raining men!«

Es war vier Uhr morgens, als der Kellner die Rechnung für zwei Flaschen Wein und drei Flaschen Champagner brachte. Die anderen Tische waren längst abgeräumt. Nur ein eng umschlungenes Paar tapste noch selbstvergessen über die Tanzfläche, obwohl die Musiker längst gegangen waren. Bevor Beatrice und Katharina ihre Kreditkarten zücken konnten, hatte Evi schon ein paar große Scheine hervorgeholt, die sie dem Kellner reichte.

»Und jetzt?«, fragte Katharina.

»Wir sollten vernünftig sein, lasst uns zu Bett gehen«, schlug Evi vor. »Es ist spät geworden«

|37|»Och nö«, widersprach Katharina. »Ist doch gerade so schön.«

Sie öffnete den obersten Knopf ihrer Hemdbluse. Man sah ihr an, dass sie es genoss, sich endlich mal ein bisschen gehenzulassen. Ein paar Strähnen hatten sich aus ihrem korrekten Dutt gelöst, ihre Augen glänzten unternehmungslustig.

»Ziehen wir erst mal – Billlanz«, sagte Beatrice mit schwerer Zunge.

Sie hatte schneller getrunken als die anderen beiden. Die letzte Flasche Champagner hatte sie fast allein geleert. Etwas stimmt nicht mit ihr, dachte Evi besorgt.

In der Tat, Beatrice wirkte mehr als derangiert. »Klassentreffen sind totaaal daneben«, murmelte sie. »Kann mich nicht erinnern, dass ich jemals so viele schlechte Sprüche an einem einzigen Abend gehört habe. Ein Glück, dass wir uns damals abgeseilt haben. Die Männer hier sind doch alle Rohrkrepierer. Oversexed und underfucked.«

»Jetzt mal ganz unter uns – was läuft wirklich bei euch?«, fragte Katharina aufgekratzt. »In Sachen Sex, meine ich?«

Verträumt beobachtete Evi die perlenden Blasen in ihrem Rest Champagner. Was hatte sie schon zu verlieren? »Also, mein Mann sagt immer: Wenn er mit mir schläft, ist das wie einen Airbus A 380 einweisen.«

Beatrice und Katharina prusteten los vor Lachen. Kreischend trommelten sie mit den Handflächen auf den Tisch. Ein Glas fiel um, und der Champagner ergoss sich auf das Kleid von Beatrice.

Mit einem Schrei sprang sie auf. »Einen ganzen Riesen habe ich für das Ding bezahlt!«

»Beruhige dich, Champagner macht keine Rotweinflecken«, sagte Evi lapidar.

|38|Sie sah sich nach dem Kellner um und deutete auf die leere Champagnerflasche. Sogleich eilte er davon, trotz der späten Uhrzeit. Evi hatte ihm ein so absurd hohes Trinkgeld gegeben, dass er die Gunst der Stunde nutzte.

Katharina kicherte immer noch hemmungslos. »Du bist ganz großes Kino, Evilein. Wie einen Airbus A 380 einweisen, du lieber Himmel, ich könnte mich wegschmeißen!«

»Und ich kann das Kleid wegschmeißen«, schmollte Beatrice.

Katharina klopfte ihr auf den Rücken. »Kopf hoch, Montagmorgen haben die Boutiquen wieder geöffnet, und du kannst deine Kreditkarte quälen.«

Beatrice hörte kaum hin. In ihren Ohren summte es. Sie nahm alles nur noch wie durch einen Schleier wahr. Was als Lockerungsübung begonnen hatte, war mittlerweile ein bisschen aus dem Ruder geraten. Vor allem hatte sie keine Lust mehr auf das Beeindruckungsprogramm, das sie sich auferlegt hatte. Insgeheim bewunderte sie Evi für ihre Offenheit.

Katharina betrachtete sie interessiert. »Wie steht’s überhaupt bei dir, Bella Beatrice? Ich meine, in puncto Sex? Dein Mann scheint ja eine Granate zu sein.«

Beatrice ließ sich schwerfällig auf den Stuhl fallen und stützte den Kopf in beide Hände. Ihre Miene verdüsterte sich plötzlich. »Ausgedehnte Liebesspiele in der Sauna.«

»Holla«, sagte Katharina anerkennend.

»Nix holla. Der Mistkerl geht fremd.«

Mit einem Schlag wurde es still. Fassungslos sahen Evi und Katharina auf die fleckige Tischdecke. Das hatten sie nicht erwartet. Ausgerechnet diese perfekte Traumfrau wurde schnöde hintergangen?

»Vor drei Monaten habe ich zum ersten Mal eine Rechnung |39|in seiner Manteltasche gefunden«, erzählte Beatrice mit brüchiger Stimme. »Saunaclub Désirée, neunhundert Euro. So viel kann kein Mann vertrinken. Da ist es handfest zur Sache gegangen, hundertpro.«

»War bestimmt nur ein Ausrutscher«, versuchte Evi zu trösten. »So was kommt vor. Wie lange seid ihr denn schon verheiratet?«

»Fast zwanzig Jahre. Aber ein Ausrutscher war das nicht. Ich habe seine Kreditkartenabrechnung gecheckt.« Beatrice fuhr sich mit zitternden Fingern durch ihr Blondhaar. »Einmal ist eine Tragödie. Zweimal ist ein Mordgrund. Dreimal ist ein Muster.«

»Brill-llante Analyse«, sagte Katharina.

Auch ihr war die Überdosis alkoholischer Getränke mittlerweile anzumerken. Normalerweise trank sie auf Partys nur Wasser, schließlich musste sie auf ihren Ruf achten. Untadelig musste sie sein, in jeder Lebenslage. Nur hier, hier war ungefährliches Terrain.

Sie umklammerte ihr Glas. »Männer sind sowieso nicht für den täääg-lichen Bedarf geeignet.«

»Wie meinst du das denn?«, fragte Evi, die noch einigermaßen geistesgegenwärtig wirkte.

»Ach, die sind einfach – vollll daneben«, murmelte Katharina.

»Auch der, der Dingens, na, dein Minister?«, wollte Beatrice wissen. Sie hatte einen untrüglichen Instinkt. Den Instinkt einer betrogenen Frau.

Katharina starrte in ihr leeres Glas. »Der ist der schlimmste von allen. Soll ich euch mal was verraten?«

Evi und Beatrice sahen sie erwartungsvoll an. Was kam denn jetzt?

|40|»Ein Heuchler ist er, ein mieser Heuchler!«, stieß Katharina hervor. »Lässt sich rauf und runter mit der lieben Familie fotografieren. Hält Sonntagsreden über Treue und den ganzen Krempel. Aber nachts steigt er in mein Bett und rattert, als gäb’s kein Morgen. Ich habe das alles so satt.«

Beatrice neigte den Kopf. »Sieh an, der ehrenwerte – hicks – Herr Minister.«

»Aber, aber – hast du denn keine Angst, dass euer Verhältnis auffliegt?«, fragte Evi furchtsam.

»Er ist gaaanz vorsichtig«, seufzte Katharina.

»Und hat dir versprochen, dass er dich irgendwann vor den Traualtar führt. Wenn die Kinder größer sind. Und wenn er nicht mehr im Rampenlicht rumtanzt«, sagte Beatrice.

»Woher weißt du das denn?«

»Männer sind Schufte. Da kannst du genauso gut auf den Osterhasen warten«, erwiderte Beatrice.

Der Kellner kam mit der neuen Flasche. Sie ließen sich die Gläser vollgießen und stürzten den Champagner in einem Zug hinunter. Die Luft vibrierte. So nah waren sie einander noch nie gewesen. Selbst damals nicht. Alles konnten sie sich jetzt sagen. Die Stunde der Wahrheit war gekommen.

Evi nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Wo wir gerade dabei sind – mein Mann will sich scheiden lassen.«

Beatrice fiel fast vom Stuhl. »Was, was, was?«

»Sei doch froh«, ätzte Katharina.

»Bin ich aber nicht.«

»Erzähl. Wann hat er es dir gesagt?«, fragte Beatrice. Eine Welle zärtlichen Mitgefühls überrollte sie. Evi wirkte trotz ihrer Leibesfülle plötzlich erschreckend zerbrechlich.

»Nee, nee.« Eine Träne rollte über Evis Wange. »Ich habe es ganz zufällig gehört, als er in seinem Arbeitszimmer telefonierte. ›|41|Sie ist so langweilig geworden‹, sagte er. ›Dick und langweilig. Ich regle das auf die coole Art. Sie kriegt das Haus, Ende. Das Geld liegt auf den Cayman-Inseln, davon sieht sie keinen Cent.‹«

Sie schluchzte los. Noch niemandem hatte sie diese niederschmetternde Neuigkeit anvertraut. Wem auch? Die Kinder waren ihr fremd geworden. Eine beste Freundin hatte sie nicht. Und die Damen aus dem Bridgeclub kamen schon gar nicht in Frage. Die waren alle so einschüchternd mit ihrer ewig guten Laune.

»Hat er was laufen?«, erkundigte sich Beatrice. »Andere Frauen, meine ich.«

Evi zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Verstehen würde ich’s. Seht mich doch an: Welcher Mann steht denn auf eine wie mich?«

Wo sie recht hatte, hatte sie recht. Evi war irgendwie liebenswert, aber verströmte die mütterliche Erotik einer Tupperdose. Und kein Mann war scharf darauf, mit seiner eigenen Mutter zu schlafen.

»Jetzt hör mir mal gut zu«, sagte Beatrice. Sie legte einen Arm um ihre weinende Freundin. »Du bist wunderbar. Na ja, vielleicht nicht gerade das Playmate of the year. Aber ich mag dich. So wie du bist.«

Erstaunt sah Evi auf. »Ehrlich?«, schluchzte sie.

»Aber klar doch«, bekräftigte Katharina. »Du bist der Knaller, immer noch. Und die Nummer mit deinem Herrn Gemahl ist längst noch nicht gelaufen.« Sie dachte kurz nach. »Wisst ihr was? Wir sollten uns bald wiedersehen. Ich glaube, es gibt einiges zu besprechen.«

»Was’n?«, fragte Beatrice.

»Männer«, erwiderte Katharina knapp.

|42|Kapitel 4

Am nächsten Morgen erschien Evi mit einer überdimensionalen Sonnenbrille zum Frühstück. Sie sah aus wie Puck, die Stubenfliege. Ihr Magen tanzte Tango, dennoch schaufelte sie sich am Buffet eine großzügige Portion Rührei mit Speck auf den Teller. Essen hilft immer, sagte sie sich, während sie auch noch ein Stück Camembert dazulegte. Dann sah sie sich suchend nach Beatrice und Katharina um.

Der Frühstücksraum war ein weitläufiger Salon mit weißen Chippendale-Möbeln und hellgrünen Seidentapeten. Es war mittlerweile Viertel nach elf, und die Kellner deckten bereits die Tische für das Mittagessen ein. Von den anderen Gästen war nichts mehr zu sehen. Nur am großen Panoramafenster, das den Blick auf den See freigab, saßen zwei Frauen. Stumm starrten Beatrice und Katharina in den verregneten Morgen. Sie schienen fix und fertig zu sein.

»Ausgeschlafen?«, fragte Evi. Sie rückte einen Stuhl an den Tisch.

»War crazy, der Abend. Ich bin voll auf Trümmerlotte«, ächzte Beatrice. Auch sie hatte eine Sonnenbrille auf der Nase. In ihrem beigefarbenen Kaschmir-Twinset und dem riesigen Seidentuch, das sie um den Hals geschlungen hatte, wirkte sie, als käme sie direkt vom Laufsteg.

Evi dagegen hatte einen schwarzen Faltenrock und einen verwaschenen roten Pullover angezogen. Nicht gerade eine vorteilhafte Kleiderwahl, wie sie selbst bei einem flüchtigen Blick in den Spiegel festgestellt hatte. Aber was war schon vorteilhaft bei ihrer Figur?

|43|»Mein Kopf fühlt sich an, als würde gerade mein Gehirn zersägt«, murmelte Katharina und nestelte nervös an ihrem Dutt herum. Sie trug denselben Nadelstreifenanzug wie am Abend zuvor, diesmal mit einer weißen Bluse.

»Wir haben wohl ein bisschen über die Stränge geschlagen«, sagte Evi und errötete wie ein Backfisch. »Mein lieber Herr Gesangverein.«

Unauffällig besah sie sich Beatrices fast leeren Teller. Wie konnte man bloß mit drei Gurkenscheiben überleben? Auch Katharina schien wieder auf Diät zu sein. Sie hatte gerade mal eine halbe Scheibe Knäckebrot genommen.

»Einen doppelten Espresso macchiato«, rief Beatrice einer vorbeieilenden Kellnerin zu. »Aber strrrong, bitte. Und eine große Flasche Mineralwasser.«

»Und für mich bitte eine heiße Schokolade«, ergänzte Evi.

»Äh, das gestern Abend, das – bleibt aber unter uns?«, fragte Katharina unsicher. »Ich meine, diese ganzen Katastrophen und so.«

Beatrice spießte eine Gurkenscheibe auf. »Die ehrenwerten Mitglieder des Trio fatal sind Geheimnisträger, Stufe Rot. Aber was ist mit dem Plan, Katharina?«

»Welcher Plan?«

»Na, dass wir uns bald wiedertreffen!«, sagte Evi aufgeregt. Ihre Röte steigerte sich zu hektischen Flecken.

»Ach, das.« Katharina nippte an ihrem Orangensaft und warf einen Blick in die Sonntagszeitung, die neben ihrer Teetasse lag. Es schien ihr höchst unangenehm zu sein, dass sie am Abend zuvor so redselig gewesen war. »Nun, man wird sehen.«

»Also wirklich«, empörte sich Beatrice, »jetzt tu mal nicht so, als wäre der gestrige Abend ein One-Night-Stand gewesen. |44|Für mich war’s ein Crashkurs in Frauenpower. Wenn ihr mich fragt: Es gibt Beratungsbedarf an der Männerfront.«

»Und wie stellst du dir das vor?«, fragte Katharina. »Wir sind keine Teenager mehr. Wir müssen uns halt arrangieren.«

»Gar nichts müssen wir«, drehte Beatrice auf. »Wir sitzen alle im selben Boot. Und haben schon ziemlich nasse Füße. Wollt ihr warten, bis euch das Wasser bis zum Hals steht? Und dann first class in den Untergang?«

»Ich finde die Idee jedenfalls großartig«, ereiferte sich Evi. »Ich bin so froh, dass wir uns wiedergefunden haben. Was haltet ihr vom nächsten Wochenende? Ich habe sowieso nichts vor.«

Beatrice unterdrückte eine Bemerkung über Evis wunderbaren Mann und die zwei wohlgeratenen Kinder. Für Sarkasmus bestand wahrlich kein Anlass mehr. Sie holte ihr Smartphone aus der Handtasche und klickte den Kalender an.

»Maniküre, Golfturnier, Opernpremiere. Nichts, worauf ich nicht verzichten könnte.« Sie sah zu Katharina. »Aber unsere Hochglanzpolitikerin hat bestimmt lauter oberwichtige Meetings auf der Agenda.«

»So ist es nun auch wieder nicht.« Katharina faltete ihre Zeitung zusammen. »Die Wochenenden sind eigentlich immer das Schlimmste. Systemabsturz, sozusagen.«

»Weil deine Affäre dann bei Mutti sitzt und mit den lieben Kinderchen Mensch-ärgere-dich-ganz-doll spielt?«, fragte Beatrice.

»Genau. Und ich hänge vereinsamt in meinem Appartement rum und donnere irgendwelche sturzlangweiligen Dossiers in meinen Laptop. Ich hasse meine Wochenenden!«

Sie atmete schwer. Endlich fand ihre aufgestaute Wut ein Ventil. Das war immerhin ein Anfang. Aber würde das reichen? |45|Zweifelnd sah sie Beatrice und Evi an. Ausgerechnet eine Boutiquenbeauty und eine treuherzige Hausfrau sollten ihre Coachs in Liebesdingen sein? Doch Katharina spürte plötzlich, dass sich vielleicht doch noch etwas ändern könnte.

»Also? Was sagst du?«, fragte Evi erwartungsvoll.

»Na schön, wenn’s nach mir geht, steht einem konspirativen Treffen nichts entgegen«, gab Katharina nach. »Sonst verliebe ich mich am Ende noch in meinen Laptop.«

»Bullshit. Demnächst startest du durch«, erklärte Beatrice. »With a little help from your friends. Also? Selbe Location, so um vier?«

»Nächsten Samstag! Um vier im Schlosshotel Seeblick!«, juchzte Evi.

Sie griff zu ihrer Tasse und trank die heiße Schokolade mit dem Vergnügen eines kleinen Mädchens, das gerade unverhofft zu einem Kindergeburtstag eingeladen worden war.

Ein Mann in einem dunkelgrauen Anzug trat an den Tisch. »Entschuldigung, die Damen – Frau Dr. Severin? Um zwei ist die Kindergarteneröffnung. Wir müssten dann mal los.«

Katharina war vollkommen klar, dass sich ihr Fahrer mehr Gedanken um sein Ölmassagen-Date machte als um die Einhaltung ihrer Termine. Dennoch erhob sie sich. Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps, sagte ihre Mutter immer. Zwanzig Kleinkinder und jede Menge Fotografen erwarteten sie. Wenn sie Glück hatte, erschien morgen ein herziges Foto in der Zeitung. Kinder und Tiere, der alte Trick. So was zog immer im Kampf um öffentliche Sympathie.

Im Stehen trank sie ihren Tee aus. Währenddessen beäugten ihre Freundinnen den Fahrer, der in einigem Abstand auf Katharina wartete.

|46|»Ist das dein Neandertaler?«, flüsterte Evi kichernd.

Beatrice lachte los. »Der sein Hirn in der Hose spazieren fährt?«

»Genau der«, erwiderte Katharina. Dann lächelte sie, zum ersten Mal an diesem Morgen. »Macht’s gut, Mädels. Ich freu mich auf euch. Ehrlich.«

Es war ein heiterer Sommertag, als sie sich eine Woche später wieder in der Lobby des Schlosshotels Seeblick einfanden. Lachend fielen sie einander in die Arme, als seien sie nie getrennt gewesen. Sie waren in Hochstimmung. Nur Evi hatte das unsinnige Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Warum eigentlich? Was war schon dabei, mit alten Freundinnen ein Wochenende zu verbringen?

Doch da war mehr. Das Klassentreffen hatte sie zu Komplizinnen gemacht. Denn nun gab es ein gemeinsames Feindbild: Männer. Männer, die logen und betrogen, Männer, die Frauen benutzten wie Tempotaschentücher.

Evi war extra beim Friseur gewesen und betrachtete sich verstohlen in einem Kristallspiegel des Hotelfoyers. Doch, mit den frischen Strähnchen war es schon besser. Auch wenn die neue karierte Hose ihren Bauch einschnürte. Natürlich konnte sie sich nicht annähernd mit ihren Freundinnen vergleichen. Katharina führte ein edles graues Kostüm spazieren, Beatrice glänzte in einem Designer-Jogginganzug aus schwarzem Samt mit Goldapplikationen. Doch das machte Evi überhaupt nichts aus, wie sie beglückt feststellte.

»Habt ihr auch so ein Klassenfahrt-Feeling?«, fragte Beatrice. »Fehlt nur noch, dass der olle Meier um die Ecke schnürt und uns zu gutem Betragen ermahnt.«

»Nichts gegen Meier, das geschuppte Monster«, widersprach |47|Katharina. »Ohne ihn hätten wir uns wahrscheinlich nie wiedergesehen.«

»Wir können ihm ja eine Ansichtskarte schreiben«, sagte Evi arglos. »Und uns bedanken.«

Beatrice kniff die Lippen zusammen. »Du träumst wohl, Schatzi.«

Sie hatte die Zimmer gebucht und ging zum Empfang, wo sie eine Weile mit dem Concierge verhandelte. Dann drückte sie dem wartenden Pagen ihre teure Reisetasche in die Hand und kehrte zu ihren Freundinnen zurück. Bestens gelaunt winkte sie mit einer Zimmerkarte.

»Das Best of!«, rief sie. »Die Premiumabteilung!«

»Und warum nur eine Zimmerkarte?«, fragte Katharina. »Schon vergessen? Wir sind zu dritt.«

»Weil ich die Präsidentensuite ergattert habe«, antwortete Beatrice triumphierend. »Drei Schlafzimmer, drei Bäder, Salon und Bar. Sonst noch Fragen?«

»Eine Suite …«, staunte Evi.

»Damit wir uns nicht wieder aus den Augen verlieren. Und? Was machen wir zuerst? Sauna? Eine Runde schwimmen? Oder ein Welcome Drink?«

»Wellness, bitte«, antwortete Katharina. »Habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gehabt. Einverstanden, Evi? Es soll hier Massagen geben, die besser sind als Sex!«

Evi schwieg unbehaglich. Doch, sie hatte sogar einen Badeanzug dabei, wenn man das unförmige Ding überhaupt so nennen konnte. Aber sie hatte es seit Jahren vermieden, irgendwem den Anblick ihres Körpers zuzumuten, es sei denn, strategisch verhüllt.

»Äh, na ja, bei mir ist wohl eher Wellfleisch als Wellness angesagt«, druckste sie herum.

|48|Sofort war Beatrice bei ihr und legte schützend einen Arm um sie. »Nur, damit das mal klar ist: Wir sind unter uns. Du musst dich nicht verstecken. Mach locker. Oder willst du dich für den Titel der Miss Swimmingpool bewerben?« Evi schüttelte energisch den Kopf. »Na, siehst du. Also, wir checken die Suite, und dann ab ins Spieleparadies für body and soul!«

Beatrice tänzelte voraus, während Evi ihren roten Rollkoffer hinter sich herzog und Katharina eine dicke lederne Aktentasche unter den Arm klemmte. Im Gänsemarsch machten sie sich auf den Weg zum Lift.

Die Präsidentensuite war unglaublich. Eine Orgie in Rosa, voller Sesselchen und Deckchen und Rosensträuße. Die Wände waren mit goldgerahmten Gemälden geschmückt, auf denen sich Liebespaare anglühten. Ein riesiger Obstkorb zierte den Couchtisch. Die Balkontüren waren weit geöffnet. Hinter den zarten Gardinen, die von einem leichten Wind bewegt wurden, schimmerte der See.

Katharina warf sich auf eine rosasamtene Couch und schleuderte ihre Pumps von den Füßen. »Ist ja Hammer! Ein bisschen puffig, aber total gemütlich. Hier gehe ich nie wieder weg!«

»Honey, warte, bis du den Wellnessbereich gesehen hast«, sagte Beatrice. »Ich hab ihn mir auf der Website angeschaut. Die ganze Packung Luxus. Und wisst ihr was? Wir haben’s uns verdient!«

»Mein Mann war sogar ein bisschen eifersüchtig, als ich weggefahren bin«, sagte Evi selig, während sie in einen betroddelten Sessel plumpste. »Schon wieder ein ganzes Wochenende allein verreist, so kennt er mich gar nicht.«

Beatrice nahm sich einen Orangensaft von der Bar. »Und das ist erst der Anfang, Darling!«

|49|»Der Anfang wovon?« Evi verstand nicht ganz.

»Mach ihn verrückt. Zeig ihm, dass er einen Diamanten wegschmeißen will. Und wenn du ihn so weit hast, dass er auf allen vieren vor dir kniet, nackt und mit einer Rose zwischen den Zähnen, dann gibst du ihm die Kante.«

»Das bringe ich nicht fertig«, hauchte Evi.

Beatrice grinste. »Und wie du das fertigbringst! Wart’s nur ab!«

Eine Viertelstunde später schlurften sie in Frottéschlappen und Hotelbademänteln zum Lift. Die Fahrt ging ins Untergeschoss. Als sich die Lifttür öffnete, riss Evi die Augen auf. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Ein riesiger Raum lag vor ihnen, mit Wänden aus grünem Marmor und Säulen, deren Kapitelle vergoldet waren. In der Mitte erstreckte sich ein mit Travertin eingefasster Swimmingpool. Daneben waren kleinere Wasserbecken in den Boden eingelassen, aus denen Dampfschwaden aufstiegen. Das Ganze schien für überirdisch schöne Göttinnen gemacht. Aber ganz bestimmt nicht für Evi.

»Ich, ich … weiß nicht, ich glaube, mir ist nicht so nach Wellness«, flüsterte sie.

»Nur Mut, Evilein«, sagte Beatrice. »Die haben hier schon ganz andere Sachen gesehen.«

Zögernd legte Evi ihren Bademantel ab, hängte ihn an einen messingfarbenen Haken an der Wand und stürzte panisch zum Pool. Ein unförmiger Busen quoll hüpfend aus ihrem schwarzen Badeanzug hervor. Eine Taille war nicht zu erkennen. Die unrasierten Beine wirkten mehr als stämmig. Und die Füße wollte Beatrice lieber gar nicht genauer betrachten. Mit einem klatschenden Geräusch tauchte Evi ins Wasser.

|50|Beatrice sah betreten zu Katharina. »Totalschaden. Meinst du, da ist noch was zu retten?«

»Langsam«, erwiderte Katharina. »Sie hat einfach vergessen, dass sie eine Frau ist.«

Beatrice fand, dass man dasselbe auch von Katharina sagen konnte. Mit ihrer knochigen Figur und ihrem flachen Oberkörper hätte man sie von weitem glatt für einen Jungen halten können. Harte Sehnen und Muskeln spannten sich unter der schneeweißen Haut. Vermutlich machte Katharina täglich Liegestütze und nahm außer Müsliriegeln keine feste Nahrung zu sich. Unterhalb des dunkelblauen Bikinioberteils zeichnete sich jede Rippe einzeln ab.

Ganz anders Beatrice. Sie hatte nach der dritten Operation endlich ihren Traumbusen und sich bei der Gelegenheit auch gleich den Po mit Silikon aufpolstern lassen. Der silberne Bikini bildete einen grellen Kontrast zu ihrer gelblichen Bräune, eine Folge der Self-tan-Duschen, die sie regelmäßig absolvierte.

»Warum kommt ihr nicht rein? Es ist herrlich!«, rief Evi ihnen zu.

Katharina folgte der Aufforderung mit einem gekonnten Kopfsprung, während Beatrice sich vorsichtig ins Wasser gleiten ließ, um ihre sorgsam gefönte Frisur nicht zu zerstören.

Sie paddelten eine Weile herum, dann stiegen sie in einen Whirlpool. Darin war eine Stufe eingelassen, auf der man bequem sitzen konnte. Mit Seufzern des Behagens ließen sie sich vom blubbernden Wasser massieren. Evi lehnte sich zurück und starrte an die Decke, die über und über mit Putten und Blumen bemalt war. Seit Menschengedenken hatte sie sich nicht mehr getraut, ihren Körper zu zeigen.

|51|»Ist es sehr schlimm?«, fragte sie.

»Mittelschlimm«, log Beatrice.

»Lasst uns was trinken«, wechselte Katharina das Thema.

Sie spähte umher und entdeckte etwas entfernt ein Mädchen in einem weißen Kittel, das auf einem Liegestuhl hockte. Katharinas fordernder Blick genügte. Sofort legte das Mädchen ihre Zeitschrift beiseite und näherte sich im Laufschritt.

»Herzlich willkommen in der Wellnessoase des Schlosshotels Seeblick«, sagte sie atemlos. »Mein Name ist Madeleine. Was kann ich für Sie tun?«

»Wir sollten da weitermachen, wo wir letzten Samstag aufgehört haben«, schlug Katharina vor. »Drei Gläser Champagner bitte.«

Das Mädchen wollte schon gehen, doch Beatrice winkte sie noch einmal heran. »Maniküre, Pediküre, Ganzkörper-Waxing, Meersalzpeeling, Lymphdrainage. Geht das klar, Schätzchen?«

Verständnislos musterte Katharina Beatrices perfekt gepflegte Hände und Füße und ihren glatten, vollkommen haarlosen Körper. »Übertreibst du nicht ein bisschen?«

»Ist doch nicht für mich«, erwiderte Beatrice. »Ist ein Geschenk für Evi.«

»Für – mich?« Evis Augen weiteten sich vor Schreck. »Aber …«

Beatrice betrachtete ihre eigenen manikürten Fingernägel. »Sweety, reden wir nicht lange drum rum: Da ist einiges schiefgelaufen. Betrachte das hier als Wiederaufbereitungsanlage. Tu’s nicht für deinen grottigen Ehemann, tu’s für dich.«

Evi schluckte. »Ich bin peinlich, oder?«

»Quatsch.« Beatrice schlug mit der flachen Hand ins |52|gluckernde Wasser. »Nur ein bisschen – verpeilt. Aber das ändert sich jetzt. Ich bin auch nicht mehr jung, aber ich arbeite daran, wie du siehst. Pump up the volume!« Sie machte einen Schmollmund. »Ich habe mir sogar die Lippen aufspritzen lassen!«

»Ohhh«, entfuhr es Evi. Solche Sachen kannte sie nur aus Frauenmagazinen. Dass sich auch im wahren Leben jemand so etwas traute, flößte ihr mehr als Respekt ein.

Die Angestellte blätterte währenddessen in einem Notizbuch. »Sie haben Glück. Ist nicht voll heute. In einer halben Stunde kann’s losgehen. Wenn Sie das Königin-von-Saba-Package nehmen, bekommen Sie noch eine Enzym-Gesichtsmaske dazu.«

»Her damit«, nickte Beatrice. »Machen Sie alles, was für Geld zu haben ist.«

Wortlos ergab Evi sich in ihr Schicksal.

Es war schon fast acht Uhr, als die drei in ihre Suite zurückkehrten. Wohlig erschöpft ließen sie sich auf die Couchen fallen. Ihre Gesichter waren vom Wasserdampf gerötet, ihre Bewegungen träge.

»Essen um halb neun im Restaurant – schafft ihr das?«, fragte Beatrice. »Der Koch soll sensationell sein.«

Katharina gähnte. »Wollen wir uns nicht lieber was aufs Zimmer bestellen? Ich bin viel zu faul, um mich jetzt umzuziehen.«

Auf der Stelle wurde ein Bademanteldinner beschlossen. Beatrice reichte ihren Freundinnen die Speisekarten, die auf dem Couchtisch lagen. Sie waren dick wie Bibeln und mehr als appetitanregend.

»Koberind, yeah«, frohlockte Beatrice. »Das sind diese |53|japanischen Rindviecher, die rund um die Uhr massiert und mit Musik beschallt werden. Das Fleisch ist so zart wie ein Jungfernhäutchen.«

»Keine frauenfeindlichen Sprüche!«, sagte Katharina streng, was Beatrice demonstrativ überhörte.

Evi streckte ihre Füße von sich und bewunderte ihre frisch lackierten Zehennägel. Auch sie war massiert und mit Musik beschallt worden. Noch dazu gepeelt, enthaart und manikürt. Wie ungewohnt. Und wie herrlich. Warum war sie nie selbst auf die Idee gekommen, sich einmal verwöhnen zu lassen? Immer hatte sie nur ihre Familie verwöhnt. Damit war jetzt Schluss.

Angestrengt studierte sie die Speisekarte. »Soll ich einen Salat nehmen?«, fragte sie. »Wäre doch mehr als angebracht.«

»Abspecken kannst du immer noch«, widersprach Beatrice. »Ich esse jedenfalls das Seeblick-Schlemmermenü. Acht Gänge, acht Weine und zum Schluss die Rohmilchkäseplatte Brandenburg.«

»Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?«, fragte Katharina.

»Nö«, befand Beatrice. »Das sollten wir uns alle antun. Wir haben lange genug gehungert. Ich klingle mal beim Zimmerservice durch, damit sie in der Küche losschnippeln können.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm sie den Hörer vom Haustelefon ab und bestellte. Dann ließ sie sich zufrieden aufs Sofa sinken.

»Das achtgängige Schlemmermenü …«, sagte Evi beeindruckt. Ein Strahlen breitete sich auf ihrem runden Gesicht aus. Dann wurde sie ernst. »Eigentlich kann ich mir so was doch nicht leisten. Ich schleppe schon so viel Hüftgold mit |54|mir rum, dass ich bald nur noch Umstandskleider tragen kann.«

Beatrice grinste. »Mach dir keine Gedanken, Sweety, zieh’s einfach durch. Später gebe ich dir die Adresse von meinem Doc, der saugt dir alles von den Hüften, was du dir hier anfutterst! Und wenn du brav bist, spritzt er es dir anschließend in die Lippen!«

»Was hast du eigentlich alles schon machen lassen?«, erkundigte sich Katharina neugierig.

»Frag lieber, was ich noch nicht habe machen lassen«, antwortete Beatrice. »Ich würde es eine Generalüberholung nennen.«

Detailliert berichtete sie von den Treatments, die sie hinter sich hatte. Von der Lidstraffung, den Botox-Spritzen, den aufgepolsterten Wangen, den Torturen ihrer Brust-OPs. Jeder Eingriff wurde mit Schreien wonnevollen Entsetzens kommentiert. Deshalb überhörten sie das Klopfen an der Tür. Erst, als es sich zu einem lauten Bummern steigerte, stand Katharina auf und öffnete.

»Einen wunderschönen guten Abend!«

Zunächst sah man nur einen Rollwagen, der mit Geschirr, Besteck, Gläsern und silbernen Hauben beladen war. Dahinter tauchte das Gesicht eines Kellners auf. Mit sicheren Bewegungen bugsierte er sein Gefährt durch den Hindernisparcours der Couchen und Sessel zum Esstisch, der am Fenster stand.

»Bitte sehr, die Damen«, sagte er, während er mit geübten Griffen den Tisch deckte. »Kleiner Gruß aus der Küche. Selleriemousse mit einem Langustino. Dazu servieren wir einen Jahrgangschampagner rosé. Guten Appetit.« Dann zog er sich zurück.

|55|»Das ist ja wie im Märchen!«, flüsterte Evi andächtig.

»Tja, Tischlein-deck-dich gibt’s auch im wahren Leben«, sagte Beatrice. »Worauf wartet ihr?«

Sie setzten sich an den Tisch und begannen sogleich, die Selleriemousse aus den winzigen Gläsern zu löffeln. Kaum hatten sie den Gruß aus der Küche verschlungen, als es ein zweites Mal klopfte.

»Ist offen!«, rief Katharina.

Einen Gang nach dem anderen brachte der Kellner herein. Evi las jedes Mal vor, was serviert wurde: Romanescosalat mit Lammfiletstreifen, Trüffelschaumsüppchen, Loup de mer auf Fenchelrisotto, Tagliatelle mit Belugakaviarcreme, Wachtelbrust an geeister Tomatenessenz und Kerbelkonfit, Wodka-Limonen-Sorbet, Kaninchenrücken mit Backpflaumen-Chutney, Variationen von weißer Schokolade auf Himbeerbavaroise.

Zu jedem Gang wurde ein anderer Wein kredenzt, allesamt beste Lagen aus den berühmtesten Weingütern der Welt. Auch die Etiketten las Evi hingebungsvoll vor. Es war ein Fest. Sie lachten und redeten ohne Pause, während die Gläser unaufhörlich neu gefüllt wurden.

»Fehlt nur noch der Nudelsalat«, sagte Evi, als sie die letzte Himbeere von ihrem Dessertteller fischte. »Huch, ich glaube, ich habe einen Schwips!«

Katharina lockerte den Gürtel ihres Bademantels. »So viel habe ich in den letzten zehn Jahren nicht gegessen!«, stöhnte sie.

Dabei hatte sie die letzten drei Gänge kaum angerührt. Und war auffällig oft in ihrem Badezimmer verschwunden.

»Wieso bist du eigentlich so mager?«, platzte Beatrice heraus. »Ich meine, schlank ist was anderes. Du siehst aus |56|wie dein eigenes Röntgenbild. Bist ja nur noch Haut und Knochen.«

Sie sprach aus, was auch Evi dachte. Obwohl sie ihre Freundinnen um ihre tadellose Figur beneidete, hatte Katharinas Statur etwas Abgezehrtes. Als wäre sie gerade von einer schweren Krankheit genesen.

Katharina schob den vollen Dessertteller von sich. »Redet mir bloß nicht ein, dass ich eine – Essstörung habe«, sagte sie.

»Hm.« Beatrice musterte sie aufmerksam. »Jetzt mal Klartext: Du hast das ganze Zeug erbrochen, oder?«

»Ein Infekt«, wiegelte Katharina ab. »Magen-Darm-Virus. Den haben sie momentan alle im Büro.«

»Das kannst du deiner gnädigen Frau Großmutter erzählen«, sagte Beatrice scharf. »Die Märchenstunde ist vorbei. Raus mit der Sprache. Was ist wirklich los?«

Zu ihrer größten Bestürzung füllten sich Katharinas Augen mit Tränen. »Hab eine schwere Zeit hinter mir. Es war …« Sie konnte nicht weitersprechen.

»Um Gottes willen! Was denn?«, fragte Evi angstvoll.

»Ein Kind«, flüsterte Katharina tonlos. »Ein Unfall, trotzdem wollte ich es. Doch er …«

Beatrices Gesicht verhärtete sich. »Was für ein grauenerregender Schuft. Er hat dir die Adresse einer Klinik gegeben, richtig? Mit der Ansage, dass du den kleinen Unfall gefälligst canceln sollst?«

Katharina nickte schwach. Ihre Schultern zuckten. Wie ein Häufchen Elend saß sie da.

Evi konnte sich gar nicht wieder beruhigen. »Wie furchtbar, wie schrecklich«, jammerte sie. »Du Arme. Was musst du durchgemacht haben!«

Katharina nahm ihre Serviette und trocknete sich die Tränen. »|57|Ist echt bitter. Zu Hause hat er drei Kinder, und für mich tickt die Uhr. Vielleicht war das die letzte Chance, noch ein Baby zu haben. Nicht mal angerufen hat er, als ich nach dem Eingriff mit einer fetten Depression in der Klinik rumlag …«

»Scht, scht«, Beatrice streichelte ihr die Wange. »Das geht vorbei.«

In diesem Moment surrte Katharinas Handy. Wie elektrisiert sprang sie auf und holte ihre Handtasche. Während sie noch darin herumwühlte, bemerkte sie Beatrices strafenden Blick.

»’tschuldigung, das ist – er«, sagte sie.

»Stell sofort das Ding aus«, befahl Beatrice. »›Er‹ muss leider, leider auf dich verzichten. Frau Dr. Severin ist nämlich unerreichbar.«

»Meinst du wirklich?«, fragte Katharina zweifelnd.

»Erreichbarkeit ist der erste Fehler im weiblichen Betriebssystem«, erläuterte Beatrice. »Be beasty. Mach dich rar. Sonst wirst du uninteressant.«

»Und was ist der zweite Fehler?«, fragte Evi neugierig.

Beatrice dachte kurz nach. »Verständnis. Für jeden Pups sollen wir die Geduld einer Mutter Theresa aufbringen. Und was ist der Dank?«

»Dass sie uns wie Fußabtreter behandeln«, antwortete Katharina. »Der dritte Fehler ist übrigens, dass wir warten. Darauf, dass sie sich ändern. Die ändern sich nie. Im Gegenteil: Wenn sie erst mal gemerkt haben, dass sie alles mit uns machen können, hauen sie uns mit Kawumm in die Tonne.«

Sie schwiegen, während jede ihren unerfreulichen Gedanken nachhing.

»Wenn ich daran denke, dass er mir sogar das Geld wegnehmen |58|will …«, sagte Evi nach einer Weile mit tränenerstickter Stimme. »Dabei ist es im Grunde mein Geld. Mein Erbe. Keine müde Mark hat er in diese Ehe mitgebracht.«

»Wenn ich daran denke, dass er unsere hart verdiente Kohle irgendwelchen billigen Mädels hinterherschmeißt …«, sagte Beatrice verbittert.

»Und wenn ich daran denke, dass er mich wie seine persönliche Sklavin behandelt, dieser Ausbeuter …«, sagte Katharina.

Beatrice gab dem Tisch einen beherzten Handkantenschlag, so dass die Gläser klirrten. »Was ist überhaupt das Ziel? Wollen wir sie wiederhaben, diese Kerle? Wollen wir um sie kämpfen?«

Evi zog die Nase kraus. »Ja, schon. Allerdings, wenn ich es mir so überlege – wieso eigentlich? Dann fängt das ganze Elend nur wieder von vorn an.«

»Stimmt«, sagte Katharina. »Ich kämpfe nun schon zwei Jahre um ihn. Aber selbst, wenn er sich tatsächlich von seiner Frau trennen würde, ich weiß nicht … Es ist zu viel passiert.«

»Dann gibt es nur eins!« Beatrice richtete sich kerzengerade auf und sah angriffslustig in die Runde. »Rache!«

Verblüfft sahen Evi und Katharina sie an. »Rache?«

»Jawolll!«, bekräftigte Beatrice. »Das weibliche Imperium schlägt zurück. Ich habe mehr als genug vom Betroffenheitsmanagement. Benutzt doch zur Abwechslung mal euer brain. Diese Kerle sind skrupellos und triebgesteuert. Da reicht es nicht, dass wir uns nobel zurückziehen. Da muss was passieren, was sie nie wieder vergessen werden! Was richtig weh tut!«

Evi räusperte sich. »Manchmal, wenn er besonders gemein |59|zu mir war, habe ich schon darüber nachgedacht, ob ich ihm ein Abführmittel in den Kaffee mogele. So ungefähr?«

»Du bist rührend, Liebes«, lachte Beatrice. »Sorry, aber Rache nach Hausfrauenart ist Kinderkram. Ich meine echte, fiese, grausame Rache. Mit Taktik. Und mit Raffinesse. Den Masterplan. Klar kannst du ihm ein Abführmittel unterjubeln, wenn du emotional auf der Talsohle entlangschrammst. Aber wahre Rache ist ein Gericht, das kalt genossen wird.«

Die Wirkung ihrer Sätze glich der einer Aufputschtablette. Von einer Sekunde zur anderen kippte die melancholische Stimmung. Aufgeregt redeten sie durcheinander.

»Als Erstes ist der feine Herr Minister dran«, beschloss Beatrice. »Der hat’s vergurkt, auf der ganzen Linie. Ein Grund, ihn fachgerecht zu zerlegen. Rache ist das Gebot der Stunde. Du wirst ihn rückstandslos entsorgen, klar?«

Katharina atmete tief ein. »Verdient hätte er’s. Aber ich hoffe, es gibt eine elegantere Lösung, als ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen.«

»Um Himmels willen!« Evi schlug die Hände vors Gesicht.

»Elegant ist gar kein Ausdruck«, sagte Beatrice. »Na, los doch – jetzt ist Kreativität gefragt!«

Sogleich erwogen sie verschiedene Strategien, wie sie Katharinas Geliebten zu Fall bringen könnten. Allmählich erholte sich Katharina wieder. Die Aussicht, dass sie sich für das erlittene Unrecht revanchieren würde, tat ihr gut. Als der Kellner den Wagen mit einer riesigen Käseplatte hereinrollte, nahm sie sogar todesmutig ein ...

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