Logo weiterlesen.de
Draußen lauert der Tod

In ihrem vierten Fall haben die Ermittler Gruber und Bischoff es nicht nur mit einem flüchtigen Mordverdächtigen zu tun, sondern auch mit einem mysteriösen Todesfall: Der ehemalige Unternehmer und Privatier Horst Grabowski wird in der Nähe von Siegsdorf tot in einem Wildbach aufgefunden. Unfall oder Mord? Feinde hatte der vermögende Mann in der kleinen Gemeinde mehr als genug. Seine Affäre mit einer verheirateten Frau blieb nicht unbemerkt. Blieb sie auch folgenlos? Als er sich auch noch gegen eine von der Lokalpolitik geplante Windkraftanlage stark gemacht hatte, brachte er damit das halbe Dorf gegen sich auf. Gruber und Bischoff gehen vielen Spuren nach, die zunächst ins Leere führen.

Und dann ist da noch der mutmaßliche Mörder, der sich in den Wäldern rings um Traunstein versteckt hält, und der Polizei das Leben schwer macht.

Wolfgang Schweiger wurde 1951 in Traunstein geboren. Er veröffentlichte ein gutes Dutzend Krimis und schrieb Drehbücher für TV-Serien wie „SOKO 5113“ und „Der Fahnder“. 2008 erschien sein erfolgreicher Chiemgau-Krimi „Der höchste Preis“. 2009 folgte„Kein Ort für eine Leiche“ und 2010 „Tödlicher Grenzverkehr“.

Wolfgang Schweiger

Draußen lauert

der Tod

PENDRAGON

Es muss doch einen Weg hier raus geben.

Bob Dylan „All Along the Watchtower“

1

Als Ulrich Schwab an diesem Morgen kurz vor neun aus dem Bett stieg, ahnte er nicht, dass am Ende des Tages sein Leben in Scherben liegen würde. Dass er ab heute ein Mann auf der Flucht sein würde, verfolgt von der Polizei wegen Mordverdachts und gehetzt von ein paar Unterweltfiguren, die ihn tot sehen wollten. Wie üblich begnügte er sich zum Frühstück mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette, bevor er in seine Laufklamotten schlüpfte, Brieftasche und Handy einsteckte und das Haus verließ. Keine zehn Minuten später hatte er das alte Hafengelände erreicht, wo er seinen Wagen wie gewohnt auf dem Parkplatz einer längst aufgelösten Speditionsfirma abstellte. Er blieb noch kurz sitzen und hörte sich den Wetterbericht an, ehe er ausstieg und sich umblickte. Die Gegend schien wie ausgestorben, aber das war schon immer so gewesen, seitdem er hier seine Runden drehte. Er machte ein paar Auflockerungsübungen, nahm sich erneut vor, demnächst mit dem Rauchen aufzuhören, und trabte los. Erst am Kanal entlang, dann über den Eisensteg hinüber zu den stillgelegten Motorenwerken und weiter, vorbei an leerstehenden Lagerhäusern und etlichen weiteren Firmengebäuden, die ebenfalls verwaist dastanden.

Am Rheinufer angekommen, wandte er sich auf dem Dammweg stromabwärts und legte ein wenig an Tempo zu. Noch immer war kaum jemand zu sehen, und er fing zufrieden die Ruhe und Leere ein, die ihn umgaben. Irgendwann laufe ich einfach weiter, dachte er, einfach weiter bis ans Meer. Und dann? Er lächelte kurz vor sich hin und kam wieder einmal ins Grübeln. Wie fast immer an solchen Tagen, wenn ihm zwei Wochen Nachtschicht bevorstanden. Er liebte seinen Beruf, keine Frage, aber wollte er wirklich alt damit werden? Er war immerhin erst sechsunddreißig, rein theoretisch stand ihm die Welt noch offen. Zumal er keinerlei private Verpflichtungen hatte. Seine Ex-Frau war längst wieder verheiratet, seine Mutter schon lange tot, und an seinen Vater, sollte der noch leben, hatte er schon seit Jahren keinen ernsthaften Gedanken mehr verschwendet. Und seit ihm Anni vor vier Monaten erklärt hatte, dass sie beide doch nicht zusammenpassen würden, war er wieder mal Single. Blieben Frank und Oliver, zwei Kollegen, die zugleich seine besten Freunde waren. Die inzwischen aber auch auf Familie machten, entweder keine Zeit mehr hatten oder ihn mit ihren häuslichen Sorgen langweilten.

Er passierte die alte Zuckerfabrik und folgte dem ausgetretenen Pfad, der zu der kleinen Anhöhe hinter dem Gebäudekomplex hinaufführte. Oben angekommen, ließ er sich auf eine der verwitterten Holzbänke fallen, die hier um einen runden Holztisch gruppiert waren. Er fühlte sich plötzlich ein wenig erschöpft und entschied nach einem Blick auf die Uhr, nach einer kurzen Rast, umzukehren und irgendwo in der Stadt eine Kleinigkeit zu essen. Und sich dann zu überlegen, was er mit dem Rest des Tages anfangen könnte.

All dies löste sich in Luft auf, als er zurück auf den Parkplatz kam und den schwarzen Ford Mondeo erblickte, der hier mit laufendem Motor stand – frontal gegen die Hauswand der Speditionsfirma geprallt. Schwab blieb verblüfft stehen und fixierte den Fahrer, einen jüngeren Mann mit blonden, knapp schulterlangen Haaren, der mit gesenktem Kopf dasaß und kein Lebenszeichen von sich gab. Was war passiert? Von dem Ford abgesehen war der Platz so leer wie vor knapp einer Stunde. Vielleicht ein Herzinfarkt, dachte er und rannte los. Er öffnete die Fahrertür, und zuckte unwillkürlich zurück. Es war jedoch nicht das viele Blut, das ihm zu schaffen machte. An den Anblick von Blut war er gewöhnt. Aber er spürte instinktiv, dass hier kein Unfall vorlag, dass die Verletzungen des Mannes, der hier zusammengesackt reglos auf dem Sitz hockte, anderer Art waren. Bauchschuss, war sein erster Gedanke, als er sich wieder in den Wagen beugte und den Kopf des Fahrers anhob, dessen Hemdbrust unter der schwarzen Lederjacke blutgetränkt war. Blut klebte auch an seinen Händen und am Lenkrad.

Der Mann zeigte keinerlei Reaktion.

Schwab überprüfte sein linkes Auge, obwohl ihm bereits klar war, dass hier nichts mehr zu machen war. Er hatte während seiner acht Jahre als Feuerwehrmann genug erlebt, um zu wissen, wann jede Hilfe zu spät kam. Dennoch griff er nach dem schlaff herunterhängenden Arm und versuchte, den Puls zu fühlen. Auch nichts. Er trat vom Wagen zurück und kramte nach seinem Handy. Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf. Wer war der Tote? Ein Polizist? Ein Gangster? Einfach irgendwer? Und wieso war er hier gelandet? War er geflüchtet? Wenn ja, vor wem? Oder was steckte sonst dahinter? Er blickte besorgt in die Runde, konnte jedoch nichts Verdächtiges ausmachen.

Er hatte das Telefon schon in der Hand, als sein Blick auf die blaue, prall gefüllte Sporttasche fiel, die auf dem Beifahrersitz lag. War diese Tasche vielleicht der Grund, weswegen der Mann erschossen worden war? Er zögerte kurz. Wollte er das wirklich wissen? Vielleicht war es klüger, sich da rauszuhalten. So eine Sache konnte ungeahnte Folgen haben. Doch dann siegte seine Neugier, er steckte sein Handy wieder ein, lief hastig um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertür. Er zog den Reißverschluss der Tasche auf und erblickte genau das, was er befürchtet hatte: Geldscheine.

Gebrauchte, aber bestens erhaltene Hunderteuroscheine, mit roten Gummibändern fingerdick gebündelt. Er griff hinein, wühlte sich bis zum Boden der Tasche durch. Er fand nur Geld, sonst nichts. Er nahm ein paar der Bündel in die Hand und versuchte, den Wert des Tascheninhalts zu schätzen. Mindestens eine halbe Million, sagte er sich, vermutlich sogar viel mehr. Vielleicht die Beute aus einem Banküberfall? Er warf das Geld zurück in die Tasche und wandte sich nochmals dem Toten zu. Scheute sich aber, dem Mann in die Taschen zu greifen und nach einem Ausweis oder dergleichen zu suchen. Stattdessen lief er ein paar Schritte auf und ab und überlegte. Er spürte, dass er sich schnell entscheiden musste. Jeden Augenblick konnte jemand auftauchen. Er sollte die Polizei rufen, ganz klar. Am besten anonym, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. So dass man ihn später nicht beschuldigen könnte, etwas von dem Geld abgezweigt zu haben. Falls die Kohle überhaupt echt war und kein Falschgeld. Aber hätte der Typ sein Leben riskiert, wenn es sich um Blüten gehandelt hätte?

Er beugte sich wieder in den Wagen und starrte wie hypnotisiert auf die Tasche. Das war mehr Geld, als er bislang in seinem Leben verdient hatte. Mehr Geld, als ihm jemals zur Verfügung stehen würde. Zugegeben, er hatte sein Auskommen, war gesund und auch sonst relativ abgesichert. Aber so eine Gelegenheit würde nie wieder kommen. Zumal er nichts weiter tun müsste als einfach danach zu greifen. Er blickte nochmals prüfend in die Runde, aber nichts. Weit und breit niemand, der später bezeugen könnte, dass er hier war und sich bedient hatte. Dann packte er die Tasche, warf die Wagentür zu und lief zu seinem Opel zurück. Sollte das Geld wirklich aus einem Banküberfall oder dergleichen stammen, würde er es irgendwo deponieren und die Polizei verständigen. Sollte er aber nichts in der Richtung hören, sollte es sich um schmutziges Geld aus einem Drogendeal oder so handeln, würde er es behalten.

2

Schwab hatte den Parkplatz kaum hinter sich gelassen, als am Ende der Straße vor ihm ein Wagen sichtbar wurde und auf ihn zuhielt. Er blickte nach links und nach rechts, sah aber keine Chance, sich zu verdrücken. Links zog sich ein Maschendrahtzaun die Straße entlang, rechts reihten sich ein paar Lagerhäuser. Eines hatte zwar eine Zufahrt zur Rückseite, die aber garantiert eine Sackgasse war und somit keinen Ausweg bot. Er setzte schnell seine Sonnenbrille auf, dann war der Wagen, ein silbergrauer, mit zwei Personen besetzter BMW, auch fast schon auf seiner Höhe. Am Lenkrad ein Mann unbestimmbaren Alters mit viel Kinn und spitzer Nase, der ebenfalls eine Sonnenbrille trug, darüber ein braunes, tief in die Stirn gezogenes Käppi. Der Beifahrer war vielleicht fünfundzwanzig – ein finster dreinblickender Kerl mit glatt rasiertem Schädel. Aus dem Augenwinkel registrierte Schwab, dass ihn die beiden angestrengt musterten. Er unterdrückte den Impuls, voll aufs Gas zu steigen. Jetzt nur kein Aufsehen erregen, befahl er sich. Er behielt seine Geschwindigkeit bei, selbst dann noch, als er im Rückspiegel die Bremslichter des BMW aufleuchten sah. Dann hatte er endlich die Ecke erreicht, und der BMW verschwand aus seinem Blickfeld. Schwab beschleunigte. Nun aber nichts wie weg hier. Obwohl er sicher war, dass die zwei sich sein Autokennzeichen gemerkt hatten.

Er bog um eine weitere Ecke und atmete erleichtert auf. Hier war schon mehr los, der Fahrer eines Lieferwagens schleppte eben ein Paket zu einem der Firmengebäude, und vor einer Autowerkstatt stand ein junges Pärchen und begutachtete einen Sportwagen. Niemand beachtete ihn, und dann hatte er auch schon die Einfahrt zur Mülheimer Straße vor sich. Noch ein paar hundert Meter und er könnte im Verkehr untertauchen. Die Frage war nur: Was sollte er jetzt machen? Wenn die zwei harmlos waren und den Toten entdeckten, wäre er fällig. Sie mussten sich nur sein Kennzeichen gemerkt haben, und die Bullen könnten ihm glatt einen Mord anhängen. Nur dass die zwei überhaupt nicht harmlos ausgesehen hatten! Sein Blick wanderte zwischen Straße und Rückspiegel hin und her, doch nichts. Kein BMW in Sicht. An der Mülheimer Straße angekommen, fädelte er sich in den Verkehr ein und checkte seine Optionen. Sollte er es darauf ankommen lassen? Was aber, wenn die zwei hinter dem Mann her waren – vielleicht sogar seine Mörder waren? Dann steckte er echt in der Klemme.

Scheiße, Scheiße und nochmals Scheiße. Schwab schlug mit der Faust aufs Lenkrad und wünschte sich, das verdammte Geld niemals angerührt zu haben. Sei vernünftig, sagte er sich dann. Fahr’ auf der Stelle zu den Bullen und erkläre ihnen alles. Er hatte sich bisher nichts zuschulden kommen lassen, übte einen ordentlichen – um nicht zu sagen angesehenen – Beruf aus, kannte ein paar nicht unwichtige Leute, die ein gutes Wort für ihn einlegen würden. Kurzum: Man würde ihm seinen Fehltritt wohl verzeihen.

Dennoch zögerte er plötzlich. Klar, er hatte gute Chancen, strafrechtlich davonzukommen. Und seinen Job könnte er vermutlich auch behalten. Trotzdem war er ein Dieb, der einem Toten – nein, schlimmer noch: einem Ermordeten – Geld abgenommen hatte. Seine Kollegen würden ihm nie wieder hundertprozentig vertrauen. Die Sache würde an ihm kleben bleiben wie ein übler Geruch. Außerdem, wer wusste schon, in was für eine Chose er da reingeraten war, was für Typen das in dem BMW waren. Dass die zwei zufällig dort aufgekreuzt waren, daran mochte er nicht glauben.

Er warf erneut einen Blick in den Rückspiegel – und erstarrte. Der BMW war hinter ihm, der zweite Wagen auf seiner Spur, hinter einem Mercedes Coupé. Also doch! Er spürte, wie ihm am ganzen Körper der Schweiß ausbrach. Vielleicht Zivilbullen, dachte er, verwarf diesen Gedanken aber sofort wieder. Die würden nicht so hinter ihm herschleichen, die würden ihr Blaulicht aufs Wagendach setzen und losbrettern.

Also hatte er zwei Gangster am Hals! Zwei Typen, die auch vor einem Mord nicht zurückgeschreckt waren. Und die garantiert wieder töten würden, schon um an das Geld zu kommen. Von der Ausschaltung lästiger Zeugen ganz zu schweigen. Oder die sich für den Verlust des Geldes rächen würden, vorausgesetzt, er schaffte es überhaupt bis zur Polizei. Und dann? Polizeischutz oder gar eine neue Identität würde er unter diesen Umständen kaum kriegen. Im Gegenteil, die Bullen würden sagen: selber schuld, Arschloch, und ihn mit seinen Problemen allein lassen. Also würde er trotzdem um sein Leben rennen müssen, nur mit dem Unterschied, dass er dann keine Kohle mehr hätte. Dass er leichte Beute wäre. Dass er kaum eine Chance hätte.

Schwab schüttelte den Kopf. Egal, wie man es betrachtete, es gab keinen legalen Ausweg. Nein, da musste er jetzt durch, koste es, was es wolle. Die Kreuzung Mülheimer/Moselstraße kam in Sicht. Was nun? Wenn er eines vermeiden musste, dann ein Stopp vor einer Ampel. Dann wären die Typen ruckzuck bei ihm am Wagen. Er behielt den Seitenspiegel im Auge, zählte jeden Meter, der ihn der Kreuzung näherbrachte. Noch mit zwei Autos vor sich, sprang die Ampel auf Gelb um. Schwab hielt die Luft an. Ein oder zwei packten es erfahrungsgemäß bei Gelb, aber sicher war es eben nicht. Der erste, ein Mitsubishi-Geländewagen, fuhr weiter. Jetzt hing alles von dem Fahrer des Fiat Panda ab, dem er bereits an der Stoßstange klebte.

Mach zu, flehte Schwab innerlich, mach, dass du weiterkommst. Doch das Wunder geschah nicht: Der Panda stoppte, und Schwab wusste, dies war das Ende. Er blickte nach rechts zum Gehsteig und entdeckte seine Chance. Zwischen dem Gehsteig und der nächsten Hauswand lag eine schmale, mit grobem Kies bedeckte Fläche, die bis zur Straßenecke reichte. Doch würde der Platz ausreichen, um seine Karre da hindurch zu manövrieren? Egal, das oder der Tod! Schwab riss das Steuer herum und trat aufs Gas. Bemerkte erst jetzt die Fußgängerin, die plötzlich von rechts aufgetaucht war. Zu spät, um darauf noch zu reagieren. Er überwand auf Anhieb die Bordsteinkante, und die Frau verschwand aus seinem Blickfeld. Er lenkte dagegen, vorbei am Ampelmast und stieß auf die Straße vor. Riss das Steuer erneut nach rechts, einen Sekundenbruchteil, bevor das erste der von links heranrauschenden Fahrzeuge, ein alter VW-Käfer, auf seiner Höhe war. Der Fahrer des VW drückte wütend auf die Hupe, vergaß dabei aber nicht zu bremsen, so dass Schwab ungehindert wieder Fahrt aufnehmen konnte. Er beschleunigte, bog bei nächster Gelegenheit ab und sah den VW zurückbleiben. Schwab grinste unwillkürlich vor sich hin. Vermutlich eine Frau am Steuer, denn ein Mann hätte möglicherweise die Verfolgung aufgenommen. Aber egal, er hatte es geschafft. Dieser kleine Vorsprung würde ihm schon reichen. Immerhin war er in der Stadt aufgewachsen und kannte sich allein durch die vielen Einsätze bestens aus.

3

Als Schwab sicher war, dass er seine Verfolger fürs Erste abgehängt hatte, lenkte er seinen Opel auf den Hinterhof eines Farbengeschäfts, parkte neben einem Lieferwagen ein und kaute lustlos auf einem Stück Schokolade herum, das er im Handschuhfach entdeckt hatte. Ihm war flau im Magen und er hatte Mühe, sich zu konzentrieren, aber ihm war klar, dass seine nächsten Schritte entscheidend sein würden. Wenn er nur gewusst hätte, wie gut organisiert diese Typen waren. Handelte es sich nur um die beiden oder steckte eine ganze Bande mit entsprechenden Verbindungen dahinter? Zum Glück hatte er seine Brieftasche bei sich, mit Ausweis und Kreditkarten, so dass er sich wenigstens einen Wagen mieten konnte. Aber was dann?

Jedenfalls gab es jetzt kein Zurück mehr. Nur gut, dass er weder Frau noch Kinder hatte noch sonst jemanden, der ihm besonders nahestand. Denn sollten diese Typen seine Adresse ausfindig machen, und davon musste er ausgehen, würden sie als Nächstes seine Wohnung auf den Kopf stellen und dabei in seinen Unterlagen auch seine Handynummer entdecken. Fragte sich nur, ob sie auch über die Möglichkeit verfügten, sein Handy zu orten? Aber dieses Risiko musste er eingehen, schon um seiner Kollegen und Bekannten willen, an die sich diese Mistkerle als Erstes ranmachen würden. Also konnte er nur eines tun: in Bewegung bleiben und darauf warten, dass man ihn anrufen würde. So dass er Gelegenheit hätte, den beiden zu erklären, dass niemand wüsste, wohin er flüchten würde.

Und die Polizei? Schwab schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Herrgott noch mal, die hatte er ganz vergessen. Auch wenn bei seinem Fluchtmanöver niemand zu Schaden gekommen war, die eine oder andere Anzeige würde es vielleicht dennoch geben. Diese Fußgängerin, der Lenker des VW, irgendein übereifriger Zeuge … Andererseits, so beruhigte er sich wieder, hatte die Polizei wohl Wichtigeres zu tun, als einer Verkehrssache ohne Verletzte und Sachschaden nachzugehen. Das Gleiche galt für seinen Chef bei der Feuerwehr. Der würde sich fürs Erste mit einer Krankmeldung zufriedengeben müssen, dann würde man weitersehen.

Er gönnte sich noch ein paar Minuten Ruhe, bevor er wieder losfuhr und seinen Wagen ganz in der Nähe in einer ruhigen Seitenstraße abstellte. Dann marschierte er zu einer Autovermietung in der Goethestraße, darauf bedacht, sich immer unter möglichst viele Passanten zu mischen. Er legte seine Kreditkarte vor und mietete sich für zwei Wochen einen VW-Golf mit Automatik. An der nächsten Tankstelle tankte er voll, kaufte sich ein paar Tafeln Schokolade, eine Packung Cashewnüsse und zwei Flaschen Mineralwasser, und fuhr anschließend hinaus in die südlichen Randgebiete, wo weniger Verkehr herrschte. Sein Handy eingeschaltet neben sich auf dem Beifahrersitz.

Kurz vor vierzehn Uhr war es dann so weit: Sein Handy klingelte. Er nahm den Apparat zur Hand. Keine Nummer auf dem Display. Er schluckte schwer und sagte „Ja …?“

„Hallo Arschloch“, war die Antwort. Eine Männerstimme, unerwartet sanft, aber mit einem bösartigen Unterton.

Schwab sagte nichts.

„Ich mache dir jetzt einen Vorschlag, also hör gut zu“, sagte der Mann weiter. „Du gibst uns das Geld zurück und wir vergessen, dass es dich gibt. Was hältst du davon?“

„Wer’s glaubt, wird selig“, erwiderte Schwab.

„Wie du meinst. Aber das ist deine absolut einzige Chance, mit heiler Haut davonzukommen. Und das wäre eine Menge mehr, als dir zusteht, das kann ich dir versichern.“

„Oder deine Chance, nicht als Mörder dazustehen“, sagte Schwab. „Ich habe nämlich auch euer Kennzeichen. Ein Anruf von mir bei den Bullen und ihr seid dran.“

„Red keinen Blödsinn. Oder glaubst du im Ernst, wir benutzen für unsere Geschäfte unsere eigenen Autos?“

„Wir können es ja darauf ankommen lassen … Und noch eins: Spart euch die Mühe, irgendwem aus meinem Bekanntenkreis Angst zu machen. Keiner weiß, wo ich hinfahren werde, schon allein deswegen, weil ich es selber nicht weiß. Schreibt die Kohle einfach ab, okay?“

„Du kommst dir wohl sehr schlau vor, was?“

Schwab stieß einen Seufzer aus. „Wenn ich wirklich schlau wäre, hätte ich das verdammte Geld nie angefasst. Aber jetzt muss ich wohl damit leben, schätze ich.“

„Musst du eben nicht, wenn du vernünftig bist. Und das bist du doch, so als braver, pflichtbewusster Feuerwehrmann, wie wir inzwischen wissen … Also, wir wollen nur das Geld, mehr nicht.“

„Und was ist mit dem Typ in dem Ford?“

„Ein Drogendealer weniger, na und? Deswegen machen die Bullen keinen Aufstand. Vielleicht tun sie eine Woche lang so, als würde sie die Sache interessieren, aber dann landet der Fall bei den Akten.“

„Und warum das Ganze? Ich meine, warum ist der Mann tot?“

„Weil er uns bescheißen wollte, was denkst du denn? Also, können wir auf dich zählen?“

Schwab blickte in den Rückspiegel und wieder nach vorne, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Dennoch war ihm verdammt mulmig zumute. Was war, wenn dieses ganze Gelaber nur zu seiner Ablenkung diente, seine Verfolger bereits ganz in seiner Nähe waren? Dann eilten seine Gedanken voraus und beschäftigten sich damit, was er als Nächstes unternehmen müsste. Das Geld würde er jedenfalls nicht zurückgeben, da könnte dieser Typ noch so säuseln.

„Hey, was ist, bist du eingeschlafen?“, meldete sich der Mann wieder.

Schwab gab sich einen Ruck. „Tut mir leid“, sagte er, „aber es bleibt, wie es ist.“

„Dann bist du ein toter Mann. Wir kriegen dich, ist nur eine Frage der Zeit. Wir haben überall unsere Leute, in ganz Europa. So weit kannst du gar nicht rennen, dass wir dich nicht finden würden.“

„Warten wir’s ab“, sagte Schwab und beendete die Verbindung. Nach etwa einem Kilometer bog er in eine Seitenstraße ab, die auf ein Waldstück zuführte. Dort parkte er am Rande einer Lichtung, löschte alle Daten auf dem Handy, zertrat den Apparat und warf die Teile ins Gebüsch. Zuletzt vergrub er die SIM-Karte ein paar Meter entfernt davon unter einem Baum, bevor er sich wieder in den Wagen setzte, einen Schluck Wasser trank und überlegte, wo er das Geld deponieren könnte, jedenfalls den größten Teil davon. Da musste er absolut sichergehen, sonst wäre wirklich alles umsonst gewesen. Zumal er nicht wusste, wann er wieder an das Versteck ran könnte. Er fröstelte plötzlich. Wohin sollte er überhaupt gehen, wenn dies alles erledigt wäre? Seine wenigen Freunde und Bekannten schieden logischerweise aus, also wohin? In das Dorf im Hunsrück, wo seine Eltern aufgewachsen waren und noch ein paar entfernte Verwandte lebten? Lieber nicht, die würden nur einen Haufen Fragen stellen und irgendwann würden diese Typen auch davon erfahren. Also doch ins Ausland? Vielleicht in den Süden? Am besten in eine Gegend, die zwar touristisch erschlossen war, aber noch nicht überlaufen. So dass er einen gewissen Überblick hätte, ohne dabei selbst aufzufallen.

Also dann, dachte er, hit the road, Jack. Doch zuerst nahm er Kurs auf ein Einkaufszentrum, um sich dort neben einem Spaten und etwas Plastikfolie auch gleich ein paar Dinge zu besorgen, die er für die nächsten Wochen benötigen würde.

4

Gruber trank einen Schluck Kaffee und griff erneut nach den beiden Eintrittskarten, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Er freute sich noch immer wie ein Kind über dieses Geschenk. Auch wenn er in den letzten Jahren viele Konzerte von Altmeistern besucht hatte, von Bob Dylan über Leonard Cohen bis zu Kris Kristofferson, aber dass er sich jemals einen Auftritt von Paul Anka ansehen würde, hätte er nicht gedacht. Und das auch noch im Großen Festspielhaus in Salzburg, von der achten Reihe aus. Zugegeben, der Mann war ein Schnulzensänger, aber zumindest ein begnadeter. Und so ziemlich der Letzte seiner Art. Wie alt mochte der Typ inzwischen sein? Mindestens siebzig, schätzte er. Gruber schob die Tickets wieder in das Kuvert zurück und verdrückte den Rest seines Kuchens. Dann lehnte er sich zurück, den Blick auf die Bergstation gerichtet, und lächelte zufrieden vor sich hin. Er dachte daran, wie glücklich er sich schätzen konnte, dass er Ingrid an seiner Seite hatte. Da verlor alles seinen Schrecken, sogar das Älterwerden. Und wenn er in zwei, drei Jahren pensioniert wäre, könnten sie auch auf Reisen gehen.

„Na, Herr Hauptkommissar, auch den schönen Tag genützt?“

Gruber schreckte auf, ein wenig peinlich berührt. Er war tatsächlich eingedöst. Er brauchte ein paar Sekunden, um den Mann zu erkennen, der vor ihm stand, die linke Hand auf die Tischkante gestützt, und ihn freundlich anblinzelte.

„Ja, der Leitner Luggi“, sagte er und erhob sich ungelenk.

Sie schüttelten sich die Hände.

„Darf ich mich a bisserl hersetzen zu dir?“, fragte Leitner.

„Logisch.“ Gruber rückte ein Stück zur Seite und trank einen letzten Schluck von seinem inzwischen kalt gewordenen Kaffee, während Leitner seinen Rucksack ablegte und dann neben ihm Platz nahm.

„Nächste Woche soll’s ja echt grauslich werden, habe ich gestern in den Nachrichten gehört“, sagte Leitner. „Also habe ich mir gedacht, pack ich’s noch mal, bevor der erste Schnee kommt.“

Gruber nickte nur.

„Und, bist du ganz allein hier heroben?“

„Nein. Meine Frau ist irgendwo hinterm Haus und fotografiert …“

„Ah so? Ich dachte, du wärst geschieden?“

„Bin ich auch.“ Gruber schob seine Tasse weg und überlegte, wann er Leitner zum letzten Mal begegnet war. Sie waren über viele Jahre Nachbarn gewesen, bis Leitner nach dem Tod seiner Frau das Haus verkauft und sich eine Wohnung in der Stadt genommen hatte. Seitdem hatten sie kaum mehr Kontakt gehabt, von einem Gruß auf der Straße und dem üblichen ‚Wie geht’s so?‘ abgesehen.

„Aber ich habe vor gut drei Jahren zufällig eine alte Jugendliebe wieder getroffen“, sagte er. „Und sie hat nichts dagegen gehabt, es noch einmal mit mir zu versuchen. Mit Trauschein und allem Drum und Dran.“

„Na Glückwunsch. Und der Tochter, wie geht’s der so?“

„Bestens. Die ist immer noch in Berlin und arbeitet dort für einen Filmverleih …“

„Filmverleih? Wollte sie nicht mal selber Filme drehen?“

„Stimmt, wollte sie. Aber anscheinend hat sie jetzt ihr kaufmännisches Talent entdeckt …“

„Und sonst? Wie läuft’s beruflich so?“ Leitner grinste. „Mal wieder in Salzburg gewesen und einen korrupten Kollegen auffliegen lassen?“

„Hör mir bloß damit auf“, erwiderte Gruber. „Ich bin schon froh, wenn sie mich überhaupt noch reinlassen. Zum Beispiel wegen dem da …“ Er zog die Eintrittskarten aus dem Kuvert und schob sie Leitner zu.

„Hey, der Paul Anka. Wusste gar nicht, dass es den auch noch gibt.“

„Hat mir meine Frau zum Geburtstag geschenkt. Da kommt sie übrigens gerade …“ Sie blickten beide zu Ingrid, die eben um die Hausecke gebogen war und nun langsam auf sie zukam, ihren Fotoapparat noch in der Hand.

„Und, zufrieden mit der Ausbeute?“, fragte Gruber.

„Na ja, das Licht könnte besser sein …“

Gruber machte eine Handbewegung zu Leitner hin. „Der Luggi hier hat mal ein paar Häuser weiter gewohnt, gleich am Anfang der Straße.“

„Freut mich“, sagte Ingrid.

„Also dann, vielleicht sehen wir uns ja nachher noch.“ Nach diesen Worten griff Leitner nach seinem Rucksack, erhob sich und verschwand im Inneren der Gaststätte.

Ingrid rutschte neben Gruber auf die Bank, legte ihren Fotoapparat auf den Tisch und lehnte ihren Kopf dann an Grubers Schulter. Gruber sog den Duft ihres Haars ein und dachte, so könnte ich ewig sitzen bleiben.

„War echt eine gute Idee von dir, heute hier raufzufahren“, sagte sie nach einer Weile.

„Eben“, erwiderte Gruber. „Auch wenn ich’s immer noch nicht glauben kann, dass du nie zuvor auf der Kampenwand warst.“

„Ich war über dreißig Jahre weg, schon vergessen?“, sagte sie. „Und mit siebzehn oder achtzehn war ich auf Berge nicht so scharf. Gab es damals die Bahn hier rauf eigentlich schon, so Ende der Sechziger?“

„Ich glaube schon …“

„Und, schon überlegt, was wir heute Abend machen?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Draußen lauert der Tod" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen