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Dracula, my love

Syrie James

Dracula, my love

Das geheime Tagebuch der Mina Harker

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Seeberger

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

DANKSAGUNGEN

PROLOG

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EPILOG

Zu skandalös, um aufgezeichnet zu werden

 

|5|Für meinen Sohn Ryan Michael James, der mein Interesse an Vampiren geweckt hat und der selbst auch ein Zauberer ist.

 

Und zur Erinnerung an meinen brillanten, geliebten Vater Morton Michael Astrahan, der mir spannende Gutenachtgeschichten erzählt hat, die immer im aufregendsten Augenblick abbrachen …

und der mich ermutigt hat, meinen Träumen zu folgen.

|7|DANKSAGUNGEN

Mit immerwährendem Dank an Bram Stoker, dessen Dracula legendär geworden ist und dessen Werk ein völlig neues Genre inspiriert hat. Ein großer Dank geht an meine Agentin Tamar Rydzinski, die mich drängte, mir zu überlegen, wie ich Dracula aus Minas Perspektive neu erzählen könnte. Dieses Buch würde es ohne sie nicht geben. Dank an meinen Sohn Ryan dafür, dass er mich schon vor Jahren mit der faszinierenden und wunderbaren Welt der Vampire bekannt gemacht hat, und für alle die klugen Hinweise und Kommentare während des Entstehungsprozesses.

Leslie Klinger bin ich für seine detaillierte Arbeit The New Annotated Dracula [Der neue annotierte Dracula] zu Dank verpflichtet. Dieses Buch ist meine Bibel geworden. Dank ebenso an Fred Saberhagen für Die Geständnisse des Grafen Dracula, worin er Dracula erlöst, indem er sehr geschickt die wahren Tatbestände hinter den uns allen bekannten Untaten aufdeckt.

Ein besonders liebevolles Dankeschön geht an meinen Mann Bill dafür, dass er meine Besessenheit mit Dracula und allem, was dazugehört, so gutgelaunt und bereitwillig ertragen hat, und für seine spannende und außerordentlich begeisterte Reaktion nach der Lektüre der ersten Fassung. Danke an meine Schwiegermutter Mary James, die selbst ein sehr romantisches Tagebuch geführt hat und deren Freude an Büchern und am Lesen mich auf so vielerlei Weise inspiriert hat. Danke auch an Lucia Marco, Esi Sogah, Christine |8|Maddalena und das gesamte Team bei HarperCollins, die Tag für Tag so hart arbeiten und dieses Projekt zum Leben erweckt haben, als es kaum mehr als ein Nebelhauch war.

 

Der wichtigste und von Herzen kommende Dank gilt all meinen Lesern. Das Recherchieren, Planen, Ausdenken und Schreiben dieses Romans war eines der größten Abenteuer meines Lebens. Ich hoffe, dass es Ihnen genauso viel Freude beim Lesen bereitet wie mir beim Schreiben. Genießen Sie die Reise!

 

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Draculas Transsilvanien

|11|PROLOG

1897

Sieben lange Jahre sind vergangen seit jener ersten Nacht, da er das erste Mal in meinem Schlafgemach erschien, sieben lange Jahre, seit jene gespenstischen, unglaublichen und gefährlichen Ereignisse geschahen, Ereignisse, von denen ich mir gewiss bin, dass niemand ihnen Glauben schenken wird, obwohl wir sie sorgfältig schriftlich aufgezeichnet haben. Von Zeit zu Zeit sehe ich mir die Abschriften der Tagebücher, die ich und die anderen verfasst haben, noch einmal an, um mir in Erinnerung zu rufen, dass all dies wirklich geschehen ist und ich es nicht nur geträumt habe.

Gelegentlich, wenn mein Blick auf einen weißen Nebel fällt, der sich unten im Garten zusammenballt, wenn des Nachts ein Schatten über eine Mauer huscht oder wenn ich Stäubchen in einem Mondstrahl wirbeln sehe, fahre ich noch voller Erwartung und Schrecken auf. Dann drückt mir Jonathan die Hand und schaut mir mit stillem, aufmunternden Blick in die Augen, als wolle er mir mitteilen, dass er alles versteht und dass wir nun in Sicherheit sind. Doch wenn er sich danach am Kamin wieder seinem Buch zuwendet, pocht mein Herz immer noch wild in der Brust. Es überkommt mich nicht nur jene bange Vorahnung, um die Jonathan weiß, sondern noch etwas anderes … ein sehnsüchtiges Verlangen.

Ja, ein sehnsüchtiges Verlangen.

Die Aufzeichnungen, die ich gemacht habe – das Tagebuch, das ich so sorgfältig in Kurzschrift verfasst und dann mit der Schreibmaschine transkribiert habe, damit die anderen es |12|lesen könnten –, enthielten nicht die ganze Wahrheit, nicht meine ganze Wahrheit. Manche Gedanken, manche Erlebnisse sind zu intim, als dass ich sie den Augen anderer Menschen preisgeben möchte. Manches Verlangen ist so schockierend, dass ich es nicht eingestehen mag, nicht einmal mir selbst. Würde ich Jonathan alles entdecken, so wüsste ich, dass ich ihn auf immer und ewig verlieren müsste, so sicher, wie ich auf immer und ewig die gute Meinung der gesamten ehrenwerten Gesellschaft verlöre.

Ich weiß, was sich mein Ehemann wünscht – was sich alle Männer wünschen. Um Liebe und Respekt zu verdienen, muss eine Frau, sei sie nun ledig oder verheiratet, unschuldig sein: makellos an Geist, Körper und Seele. Das war auch ich einst, bis er in mein Leben trat. Manches Mal fürchtete ich ihn. Dann wieder verachtete ich ihn. Doch obwohl ich wusste, wer und was er war und was er wollte, konnte ich nicht umhin, ihn zu lieben.

Niemals werde ich vergessen, wie mich der Zauber überkam, wenn ich mich in seine Umarmung schmiegte, wenn er mich mit seinen Blicken und dem Magnetismus seiner Augen fesselte, wenn ich in seinen Armen über die Tanzfläche wirbelte. Noch immer rieseln mir Schauer der Wonne über den Rücken, wenn ich mich des schwindelerregenden Gefühls erinnere, schnell wie das Licht mit ihm durch die Lüfte zu fliegen, wenn ich mich daran erinnere, wie er mich mit der leisesten Berührung vor unvorstellbarem Entzücken und Verlangen aufstöhnen ließ. Doch am wunderbarsten waren jene endlos vielen Stunden, die wir im Gespräch verbrachten, jene gestohlenen Augenblicke, in denen wir einander unser geheimstes Ich enthüllten und all das entdeckten, was uns einte.

Ich liebte ihn. Ich liebte ihn leidenschaftlich, aus meinem tiefsten innersten Wesen und mit jedem pochenden Herzschlag. Es gab eine Zeit, da ich mit Freuden das diesseitige menschliche Leben aufgegeben hätte, um auf ewig mit ihm vereint zu sein.

|13|Und doch …

All die vielen Jahre lang lastete mir die Wahrheit dessen, was geschehen ist, schwer auf der Seele, raubte mir das Vergnügen an allen alltäglichen Dingen, nahm mir den Appetit und verbannte jeden Gedanken an Schlaf. Ich stelle fest, dass ich diese Schuld nicht länger in meinem Innern verschlossen halten kann. Ich muss alles zu Papier bringen, was doch nie irgendeinem Menschen zu Augen kommen soll. Aber ich bin sicher, dass mich erst die Niederschrift endlich frei machen wird, all das loszulassen.

|15|1

Als ich an jenem hellen Julinachmittag des Jahres 1890 in Whitby aus dem Zug stieg, ahnte ich noch nicht, dass schon bald mein Leben und das Leben aller, die ich kannte und liebte, in höchster Gefahr schweben würde. Wir – diejenigen von uns, die all die Schrecken überstanden haben, sind für immer verändert daraus hervorgegangen. Es überkam mich keineswegs ein plötzliches Frösteln, als ich an jenem Tag den Fuß auf den Bahnsteig setzte, noch viel weniger hatte ich eine unheimliche Vorahnung von den unvorstellbaren Ereignissen, die uns erwarteten. Nichts deutete darauf hin, dass sich diesmal die Ferien am Meer von den bisherigen Aufenthalten unterscheiden würden.

Damals war ich zweiundzwanzig Jahre alt. Ich hatte nach vier glücklichen Jahren soeben meine Stelle als Lehrerin aufgegeben, um mich auf meine bevorstehende Heirat vorzubereiten. Obwohl ich höchst besorgt um meinen Verlobten Jonathan Harker war, der noch nicht von einer Geschäftsreise nach Transsilvanien zurückgekehrt war, entzückte mich doch die Aussicht, die nächsten ein, zwei Monate an einem wunderschönen Ort und mit meiner allerbesten Freundin zu verbringen und während dieser Zeit uneingeschränkt mit ihr reden und Luftschlösser bauen zu können.

Ich erblickte Lucy, die mich auf dem Bahnsteig erwartete und in der Menschenmenge nach mir Ausschau hielt. Sie sah hübscher aus denn je in ihrem Kleid aus weißem Batist. Ihre goldenen Locken lugten schüchtern unter ihrem eleganten |16|blumengeschmückten Hut hervor. Unsere Blicke trafen sich, und ihr Gesicht strahlte auf.

»Mina!«, rief Lucy, während wir aufeinander zueilten, um uns in die Arme zu fallen.

»Wie du mir gefehlt hast!«, erwiderte ich und drückte sie an mich. »Mir ist, als wäre ein ganzes Jahr vergangen, seit wir uns zuletzt sahen, und nicht nur einige Monate. In der Zwischenzeit ist so vieles geschehen.«

»Mir geht es ebenso. Im letzten Frühjahr waren wir beide noch ledig. Und nun …«

»… sind wir beide verlobt!« Wir lächelten glücklich und umarmten einander erneut.

Lucy Westenra und ich waren seit jenem Tag beste Freundinnen, da wir uns in der Upton Hall School kennenlernten. Damals war ich vierzehn Jahre alt und sie zwölf. Schon bald waren wir unzertrennlich, obwohl wir aus völlig unterschiedlichen Verhältnissen stammten – Lucy hatte liebevolle, wohlhabende Eltern, die sie vergötterten, während ich meine Eltern nie kennengelernt habe und nur Dank eines Stipendiums diese hervorragende Schulbildung genießen konnte. Auch äußerlich hätten wir verschiedener nicht sein können: Ich hatte rosige Wangen, grüne Augen und braunes Haar, war mittelgroß und schien in den Augen anderer eine recht ansprechende Erscheinung zu sein; Lucy dagegen war eine wunderbare Schönheit mit einer vollkommenen, zierlichen Figur, strahlend blauen Augen, elfenbeinfarbenem Teint und einem Kopf voller atemberaubender goldener Locken. Lucy ritt für ihr Leben gern, spielte Ball und Tennis, während ich stets viel glücklicher war, wenn ich die Nase in ein Buch stecken konnte. Und doch hatten wir in vielerlei Hinsicht einiges gemein.

Während unserer gesamten Schulzeit schliefen wir im gleichen Zimmer, spielten und lernten zusammen, unternahmen gemeinsam lange Spaziergänge, lachten und weinten miteinander und erzählten uns all unsere Geheimnisse. Da ich kein |17|wirkliches Zuhause hatte, wohin ich zurückkehren konnte, wenn keine Schule war, hatte ich oft – und mit großer Dankbarkeit – die Ferien bei Lucys Familie verbracht, entweder in ihrem Londoner Haus oder auf dem Land oder in dem jeweiligen modischen Seebad, das Frau Westenra gerade bevorzugte. Als ich später an meiner alten Schule Lehrerin wurde, blieb unsere Freundschaft unverändert bestehen. Auch nachdem Lucy ihre Studien abgeschlossen hatte und mit ihrer verwitweten Mutter nach London zurückgekehrt war, korrespondierten wir eifrig und blieben durch regelmäßige Besuche ständig in Verbindung.

»Wo ist deine Mutter?«, fragte ich nun und hielt Ausschau nach Frau Westenra.

»Sie ruht sich in unserer Pension aus. Wie gefällt dir mein neues Ausgehkleid? Und mein Hut? Mama behauptet, das sei genau das Richtige für einen Urlaub am Meer. Aber sie hat einen solchen Wirbel darum gemacht, dass ich Kleid und Hut schon beinahe nicht mehr sehen kann.«

Ich versicherte Lucy, beide seien wunderschön, und der einzige Grund, warum die Mode sie langweile, sei wohl, dass sie derlei nie habe entbehren müssen. »Wenn du wie ich nur vier Kleider und zwei Kostüme dein eigen nennen würdest, Lucy, dann würdest du dich wahrscheinlich nach den Kleidungsstücken sehnen, die du heute so verächtlich betrachtest.«

»Liebe Mina, dir mag es an der Anzahl von Kleidern fehlen, aber du machst das durch deren Eleganz wett, denn du siehst stets adrett und bezaubernd darin aus. Dieses Sommerkleid finde ich ganz wunderbar! Gehen wir? Die Droschke wartet. Lass den Gepäckträger deine Koffer nach vorn bringen. Warte nur, bis du Whitby siehst! Es ist ein herrliches Fleckchen Erde!«

Und wirklich, sobald wir vom Bahnhof losfuhren, bestaunte ich die hübsche Aussicht aus dem Fenster der Kutsche. Eine sanfte Brise wehte den salzigen Meeresduft zu uns, |18|und über unseren Häuptern kreisten krächzend die Möwen. Unmittelbar unter uns hatte das Flüsschen Esk sich seinen Weg zwischen zwei grünen Tälern hindurch gebahnt und floss nun an einem geschäftigen Hafen vorbei ins Meer. Der strahlend blaue Himmel mit den bauschigen weißen Wolken bildete einen wunderschönen Kontrast zu den Häusern der alten Stadt mit ihren roten Ziegeldächern, die sich übereinander geschachtelt an der steilen Flanke des Berges drängten. »Was für ein reizendes Städtchen!«

»Nicht wahr? Ich habe mich so gefreut, dass Mama beschlossen hat, diesen Sommer einmal an einen anderen Ort zu reisen. Ich war Brighton und Sidmouth wirklich leid.«

»Es ist sehr nett von euch, dass ihr mich wieder eingeladen habt, mich euch anzuschließen.« Ich ergriff eine von Lucys behandschuhten Händen und drückte sie liebevoll. »Nun, da ich den Lehrerberuf an den Nagel gehängt und meine Zimmer in der Schule für immer aufgegeben habe, hätte ich gar nicht gewusst, wohin ich mich diesen Sommer sonst hätte wenden sollen.«

»Es würde mir nicht im Traum einfallen, diese Ferien mit irgendjemand anderem zu verbringen, meine liebe Mina. Wie viel Spaß wir haben werden! Es heißt, dass man hier überall wunderbare Spaziergänge machen kann, oder man kann ein Boot mieten und auf dem Fluss fahren.«

»Oh! Ich bin immer besonders gern gerudert.«

»Und schau nur ans andere Flussufer. Siehst du da drüben die lange Treppe, die sich nach oben windet? Sie führt wohl ganz hinauf zu der Kirche und der Abteiruine oben auf dem Berg. Ich brenne darauf, alles zu erkunden. Doch seit wir gestern hier eingetroffen sind, ist Mama zu erschöpft gewesen, um die Pension zu verlassen. Auf keinen Fall wollte sie versuchen, diesen Berg zu erklimmen. Nun, da du hier bist, können wir lange Spaziergänge machen und uns alles ansehen.«

»Ist deine Mutter denn krank?«

»Nein. Ich glaube es zumindest nicht. Sie scheint nur in |19|letzter Zeit sehr schnell zu ermüden, und wenn wir einen steilen Weg hinaufgehen, wird sie leicht kurzatmig. Ich hoffe, dass ihr die Seeluft guttun wird. Nun«, fuhr Lucy aufgeregt fort, »wie findest du meinen Verlobungsring?« Sie zog den Handschuh aus und streckte mir ihre Hand entgegen.

Es verschlug mir beinahe den Atem, als ich den zarten, mit Perlen besetzten Goldreif erblickte, der ihren schlanken Finger zierte. »Er ist wunderschön, Lucy.«

»Lass mich deinen sehen.«

»Ich habe bisher noch keinen Verlobungsring«, gestand ich ihr ein. »Aber Jonathan hat kurz vor seiner Abreise ins Ausland erfahren, dass er seine Prüfungen erfolgreich abgelegt hat. Nun ist er kein einfacher Anwaltsgehilfe mehr, sondern wirklich und wahrhaftig Rechtsanwalt! Er hat mir sein Wort gegeben, dass er mir einen Ring kaufen wird, sobald er zurückgekehrt ist.«

»Aber ihr habt doch zumindest eure Haarlocken ausgetauscht?«

»Natürlich! Fürs Erste bewahren wir sie in kleinen Kuverts auf.«

»Arthur und ich haben unsere in goldenen Amuletten verwahrt; seines hängt an seiner Uhrkette. Ich trage meines jedoch nicht mehr so oft, seit er mir dies hier geschenkt hat.« Mit einem glückseligen Lächeln betastete sie das schwarze Samtband, das sie um den Hals trug und das mit einer Diamantbrosche als Schließe geschmückt war.

»Ich bewundere dieses Halsband schon, seit ich aus dem Zug ausgestiegen bin. Es ist wirklich erlesen.«

»Die Brosche hat Arthurs Mutter gehört. Ich habe sie so gern, dass ich das Halsband kaum ablege, außer wenn ich zu Bett gehe.«

Wir fuhren vor einem schönen, weitläufigen alten Haus im Royal Crescent vor, das von der Witwe eines Kapitäns geführt wurde und in dem Lucy und ihre Mutter Zimmer angemietet hatten. Ich ließ mein Gepäck nach oben in das Zimmer |20|bringen, das ich mir mit Lucy teilen sollte. Da Frau Westenra noch ruhte und es für das Abendessen zu früh war, nahmen wir beide unsere Hüte und Sonnenschirme zur Hand und machten uns auf, um Whitby zu erkunden.

»Was für Neuigkeiten hast du von Jonathan?«, erkundigte sich Lucy, während wir die North Terrace entlangspazierten und den Meerblick und die angenehme Sommerbrise genossen. »Hast du wieder einen Brief erhalten?«

Ich seufzte tief. »Seit einem ganzen Monat habe ich nichts von ihm gehört. Ich bin höchst besorgt.«

»Ein Monat ist doch keine so lange Zeit zwischen zwei Briefen.«

»Für Jonathan schon.«

In den vergangenen fünf Jahren hatte Jonathan in Exeter bei einem lieben Freund seiner Familie eine Lehre als Anwaltsgehilfe absolviert. Herr Peter Hawkins hatte auch die Kosten für seine weitere Ausbildung übernommen. Gegen Ende April hatte Herr Hawkins Jonathan als seinen Vertreter nach Osteuropa geschickt, in das Land Transsilvanien, wo er sich mit einem Adeligen, dem Grafen Dracula, treffen sollte, für den er ein Immobiliengeschäft abgewickelt hatte. Jonathan hatte sich sehr über diese Gelegenheit gefreut, denn er hatte schon immer reisen wollen, aber nie über die notwendigen Geldmittel verfügt.

»In all den Jahren haben Jonathan und ich einander mit schönster Regelmäßigkeit geschrieben, oft sogar zweimal in der Woche. Als er gerade die Reise angetreten hatte, erhielt ich einen langen Brief voller Neuigkeiten über die Überfahrt, alle Sehenswürdigkeiten, die er sich anschaute, die Menschen, die ihm begegnet waren, und die neuen Speisen, die er gekostet hatte. Doch plötzlich brach die Korrespondenz ab. Ich erfuhr nicht, ob er Transsilvanien erreicht hatte, und glaubte, es sei ihm vielleicht ein Unglück zugestoßen. Ich beschaffte mir von Herrn Hawkins die Anschrift des Grafen Dracula und schrieb Jonathan unter dieser Adresse. Endlich erreichte |21|mich eine Notiz – wenn sie auch kurz und hastig abgefasst war, überhaupt nicht Jonathans Art, ohne jegliche Erwähnung des Briefes, den ich geschickt hatte – nur einige wenige Zeilen, in denen er mir mitteilte, seine Arbeit dort sei beinahe abgeschlossen und er würde sich in wenigen Tagen auf den Heimweg machen. Ich antwortete ihm unverzüglich und ließ ihn meine Reisepläne wissen, sodass er mir die Post hierher nach Whitby senden konnte. Doch inzwischen ist schon wieder ein Monat vergangen, ohne dass ich eine Antwort erhalten hätte. Was kann ihm nur zugestoßen sein?«

»Vielleicht ist er länger als erwartet in Transsilvanien geblieben, oder er hat sich entschieden, auf der Heimreise weitere Sehenswürdigkeiten anzuschauen?«

»Wenn das stimmt, warum hat er mich es dann nicht wissen lassen? Warum hat er meinen letzten Brief nicht beantwortet?«

»Die Post geht oft seltsame Wege, Mina, und manchmal dauert es ewig, bis sie bei uns eintrifft, besonders wenn sie aus dem Ausland kommt. Glaube mir: Jonathan geht es gut. Du hörst bestimmt ganz bald von ihm. Er möchte sicher nicht, dass du dich ängstigst. Es liegt ihm gewiss daran, dass du deine Ferien genießt.«

Ich seufzte wieder. »Wahrscheinlich hast du recht.«

Wir stiegen eine steile Treppe zum Pier hinunter und gingen von dort am Fischmarkt vorüber, wo die Fischer und ihre Frauen an den Booten standen und die letzten Kisten mit dem Fang des Tages unter eifrigem Feilschen an einige schlicht gekleidete Käufer verhökerten. Die Luft hallte wider vom Lärm der krächzenden Seevögel, dem Geräusch der Wellen und der Segel, die in der Brise klatschten; sie war so mit dem salzigen Aroma des Meeres, dem Geruch nach frischem Fisch und feuchten Tauen gesättigt, dass ich sie beinahe auf der Zunge zu schmecken meinte.

»Wie ich das Meer liebe!«, rief ich aus. Das fröhliche Durcheinander der Bilder, Töne und Gerüche ringsum hatte |22|mich frisch gestärkt. »Jetzt musst du mir aber alles berichten, Lucy. Wie ist dein Herr Holmwood? Oder sollte ich besser sagen: der künftige Lord Godalming?«

»Oh! Arthur ist wirklich ein Schatz. Er hat versprochen, mir schon bald hier in Whitby einen Besuch abzustatten. Ich vermisse ihn so sehr, wenn wir getrennt sind.«

»Habt ihr den Hochzeitstag schon festgelegt?«

»Nein, aber Mama drängt uns, recht bald zu heiraten, vielleicht bereits im September. Ich muss gestehen – ich hoffe, dass ich dir das sagen kann, Mina –, September kommt mir schrecklich bald vor. Es ist doch erst zwei Monate her, dass ich Arthurs Antrag angenommen habe. Ich habe mich immer noch nicht an den Gedanken gewöhnt, dass ich tatsächlich heiraten werde.«

Ich schaute Lucy voller Überraschung an. »In deinen Briefen hast du geschrieben, du hättest dich bis über beide Ohren in Arthur verliebt, und du warst immer so freudig erregt über eure Verlobung.«

»Das bin ich noch! Ich liebe Arthur wirklich. Er ist groß und sieht so gut aus und hat solch wunderbares, lockiges Haar. Wir haben ungeheuer viel gemeinsam, und Mama betet ihn einfach an. Ich weiß, dass er der ideale Gatte für mich ist, und ich bin sehr glücklich.«

Inzwischen hatten wir die Brücke über den Fluss überquert, die der einzige Zugang zum East Cliff ist. Am andern Ufer begannen wir unseren Anstieg über eine sehr lange Treppe – genau jene, die mir Lucy von der Droschke aus gezeigt hatte –, die sich in einer sanften Biegung von der Stadt zur Ruine der Abtei und der Kirche oben hinaufwand.

»Wenn du glücklich bist, Lucy«, sagte ich, während wir hinaufstiegen, »warum wirkst du dann so besorgt?«

»Besorgt?« Lucy verzog das Gesicht zu jenem reizenden Stirnrunzeln, das mir so bekannt und vertraut war. »Das wollte ich durchaus nicht! Ich werde nur ein wenig traurig, wenn ich daran denke, dass dies unsere letzten gemeinsamen |23|Ferien sind, Mina, und dass man mich schon sehr bald nicht mehr als junge Dame im heiratsfähigen Alter betrachten wird, sondern als nüchterne, alte, verheiratete Frau. Ich fand es so aufregend, jung zu sein und von vielen Männern bewundert und begehrt zu werden! Wenn ich mir vorstelle, dass all das nun vorbei sein soll! Ich bin doch noch nicht einmal zwanzig Jahre alt!«

Ich nahm den jammervollen Ausdruck in Lucys wunderhübschem Gesicht wahr und unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen. »Liebe, liebe Lucy«, sagte ich und hakte mich bei ihr unter, »ich würde so gern mit dir fühlen, doch leider habe ich diese Aufregung nie erlebt, von der du gesprochen hast. Ich hatte stets nur einen einzigen Verehrer: Jonathan. Nicht alle jungen Damen erhalten gleich Heiratsanträge von drei verschiedenen Männern an einem Tag.«

Lucy schüttelte verwundert den Kopf. »Mir dreht sich immer noch der Kopf, und mir wird ganz schwindelig, wenn ich an jenen Tag zurückdenke! Ich sage dir, manchmal geschieht einfach alles gleichzeitig. Bis zu jenem vierundzwanzigsten Mai hatte ich noch keinen einzigen Heiratsantrag bekommen – zumindest keinen echten. Denn der Tag, an dem William Russell einen Ring in meinem Kuchen versteckte, als wir neun Jahre alt waren, oder der Tag, an dem mich Richard Spencer auf der Wiese hinter der Upton Hall School küsste und mir das Versprechen abrang, ihn zu heiraten, die zählen doch sicher nicht? Damals war ich noch ein kleines Mädchen, und sie waren dumme kleine Jungen. Seit wir nach London gezogen sind, haben mich viele Männer bewundert, doch keiner hat je auch nur daran gedacht, um meine Hand anzuhalten. Und dann plötzlich drei Heiratsanträge auf einmal!«

Lucy hatte mir geschrieben und in allen Einzelheiten von jenem außergewöhnlichen Tag berichtet. Dr. John Seward, ein hervorragender junger Arzt, hatte ihr am Morgen seine Aufwartung gemacht, ihr seine Liebe erklärt und sie um ihre Hand gebeten. Ihm folgte ein weiterer Verehrer, ein reicher |24|Amerikaner aus Texas namens Herr Quincey P. Morris, der sowohl mit Dr. Seward als auch mit Herrn Holmwood eng befreundet war und der ihr kurz nach dem Mittagessen die gleiche ernste Frage antrug. Lucy war von Bedauern überwältigt, sah sich aber gezwungen, beiden zu erklären, dass sie ihre Anträge ablehnen musste, weil sie einen anderen liebte. Genau am gleichen Nachmittag hatte Arthur Holmwood es geschafft, ihr in einem ruhigen Augenblick seinen eigenen, in ihren Ohren so reizend klingenden Antrag zu machen, den Lucy voller Begeisterung angenommen hatte.

»Es muss ein wunderbares Gefühl gewesen sein«, sagte ich, »festzustellen, dass du von so vielen guten und würdigen Männern verehrt wirst.«

»Es war wunderbar – und doch war es auch sehr, sehr schrecklich. Wie Dr. Seward und Herr Morris zu der Meinung gelangt sein konnten, dass sie mich liebten, das vermag ich wirklich nicht zu sagen. Denn jedes Mal, wenn sie uns einen Besuch abstatteten, musste ich stumm dasitzen, wie ein Schulmädchen lächeln und bei jedem ihrer Worte hold erröten, während Mama die Konversation beherrschte. Manchmal hätte ich vor Verärgerung am liebsten aufgeschrien, weil mir das so albern vorkam. Doch ich mochte sie alle drei recht gern, und nun, in einem Augenblick, da wir endlich allein waren, schüttete mir jeder von ihnen sein Herz aus. Dann musste ich zwei von ihnen mit dem Hut in der Hand fortschicken, in dem Wissen, dass sie für immer aus meinem Leben verschwinden würden! Ich bin in Tränen ausgebrochen, als ich sah, wie niedergeschlagen und betrübt der nette Dr. Seward dreinschaute. Und als ich Herrn Morris erklärte, dass mein Herz einem anderen gehöre, meinte er in seinem zauberhaften texanischen Tonfall: ›Liebes Kind, Ihre Ehrlichkeit und Ihr Mut haben mich zu Ihrem Freund gemacht, und Freunde sind dünner gesät als Liebhaber.‹ Dann sagte er viel Gutes und Edles über seinen Rivalen, obwohl ihm nicht bekannt war, dass es Arthur war, sein engster Freund. Und |25|darauf … habe ich dir in meinem Brief berichtet, was sich Herr Morris von mir erbeten hat, ehe er fortging?«

»Ja! Er hat dich gebeten, ihn zu küssen, um ihm die Enttäuschung zu versüßen, denke ich. Und du hast ihm das gewährt!« Wir hielten kurz auf der Treppe inne, um wieder zu Atem zu kommen, und ich blickte sie an. »Ich muss zugeben, dass mich das ein wenig in Erstaunen versetzt hat.«

»Warum?«

»Lucy, du kannst doch nicht einfach jeden Mann küssen, der um deine Hand anhält, nur weil du Mitleid mit ihm empfindest!«

»Es war doch nur ein Kuss. O Mina! Warum kann ein Mädchen denn nicht drei Männer heiraten, oder so viele, wie sich um sie bewerben? Man würde sich eine Menge Ärger ersparen!«

Ich lachte laut heraus und nahm Lucy in die Arme. »Du dummes Gänschen. Drei Männer heiraten? Was für eine Vorstellung!«

»Ich habe mich so schlecht gefühlt, weil ich zwei von ihnen unglücklich machen musste.«

»Ich an deiner Stelle würde keine Minute mehr darauf verschwenden, mir Gedanken über Dr. Seward und Herrn Morris zu machen«, sagte ich, während wir weiter bergan gingen. »Sie werden mit der Zeit schon ihre Enttäuschung überwinden und andere junge Damen finden, die den Boden küssen möchten, den ihre Füße betraten.«

»Das hoffe ich, denn ich glaube, jedermann hat es verdient, ein solches Glück zu empfinden, wie ich es mit Arthur gefunden habe und du mit Jonathan.«

»Das hoffe ich auch. Ehefrau zu sein, Jonathans Ehefrau zu sein, mein Leben mit ihm zu verbringen, ihm bei seiner Arbeit zu helfen, Mutter zu werden, das ist alles, was ich mir je hätte wünschen können.«

Lucy wurden einen Augenblick sehr still und fragte dann: »Mina, hast du schon immer so empfunden?«

|26|»Wie?«

»Ich weiß, dass du und Jonathan schon seit ewigen Zeiten Freunde seid. Aber du hast ihn bis vor kurzem nicht als möglichen Ehemann betrachtet. Hast du je an einen anderen Mann gedacht, vor Jonathan?«

»Nein. Niemals.«

»Niemals? Es muss doch gewiss in der Zeit, seit ich Upton Hall verlassen habe, irgendeinen Jüngling oder Mann gegeben haben, den du gern hattest und der dich gern hatte, jemanden, von dem du nie gesprochen hast?«

»Wenn das der Fall gewesen wäre, wüsstest du davon, Lucy. Ich habe dir immer alles erzählt.«

»Das geht nun aber gar nicht. Eine junge Frau muss doch einige wenige Geheimnisse für sich behalten.« Lucy klapperte kokett mit den Wimpern. Dann lachte sie und fuhr fort: »Du weißt doch, dass ich nur scherze, Mina. Ich habe dir auch nichts verschwiegen – weder dir noch Arthur. Mama sagt immer, dass Aufrichtigkeit und Respekt in einer Ehe das Wichtigste sind, wichtiger noch als die Liebe, und ich stimme ihr zu. Du nicht auch?«

»Gewiss. Jonathan und ich verabscheuen Geheimnisse und Heimlichtuerei. Wir haben einander vor langer Zeit feierlich gelobt, dass wir stets völlig offen zueinander sein würden. Dieses Versprechen erscheint mir nun besonders wichtig, da wir bald Mann und Frau werden.«

»So soll es auch sein.«

Wir waren inzwischen oben an der Treppe angelangt und spazierten an der Marienkirche vorüber, einem festungsähnlichen Steingebäude mit einem gedrungenen Turm und Zinnen auf dem Dach, dessen massives Äußeres bestens geeignet schien, dem Ansturm des wilden Nordseewetters standzuhalten. Danach führten unsere Erkundungen uns zu der in der Nähe gelegenen Ruine der Whitby Abbey, einer kargen, eindrucksvollen und überaus edlen Ruine von gewaltigen Ausmaßen, die inmitten eines weiten grünen Rasens lag und von |27|Feldern umgeben war, auf denen wie hingetupft Schafe weideten. Wir konnten nicht umhin, voller Begeisterung auf all die Schönheit zu blicken, während wir das großartige, seines Daches beraubte Kirchenschiff, das hoch aufragende Querschiff und die zarten Spitzbögen am östlichen Ende der früheren Abteikirche betrachteten.

»Ich habe, ehe ich hierhergekommen bin, eine wunderbare Legende über diese Abtei gelesen«, sagte ich. »Dort wird behauptet, dass man an manchen Sommernachmittagen, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel auf den nördlichen Teil des Chores fällt, in einem der Fenster eine Frau in Weiß sehen kann.«

»Eine Frau in Weiß? Wer mag das sein?«

»Manche halten sie für das Gespenst der heiligen Hilda, der angelsächsischen Prinzessin, die das Kloster im sechsten Jahrhundert gegründet hat und sich an den Dänen rächen will, die ihr großartiges Gebäude zerstört haben.«

»Ein Gespenst!«, rief Lucy mit einem Lachen aus. »Glaubst du an Gespenster?«

»Natürlich nicht. Zweifellos ist diese ›Erscheinung‹ nur eine von den Sonnenstrahlen verursachte optische Täuschung.«

»Nun, mir ist die Legende lieber. Sie ist weitaus romantischer.«

Wir verließen die Abtei und gingen an der Kirche vorbei zurück. Jetzt gelangten wir auf eine weite Fläche zwischen der Kirche und der Klippe, auf der dicht an dicht verwitterte Grabsteine standen. »Du liebe Güte«, sagte ich, »was für ein riesiger Kirchhof und was für eine herrliche Aussicht!«

Wirklich war der Friedhof, der die Kirche umgab, sehr groß und ganz wunderbar gelegen. In dramatischer Position oben auf der Klippe erhob er sich hoch über der Stadt und dem Hafen auf der einen und dem Meer auf der anderen Seite. Er schien ein beliebter Ausflugsort zu sein. Gut zwei Dutzend Menschen spazierten auf den Wegen, die im Zickzack über den Friedhof verliefen, oder saßen auf den Bänken am Wegesrand, |28|genossen die Aussicht und erfrischten sich an der leichten Brise.

Die Aussicht zog uns gleichsam magnetisch an. Wir schritten unmittelbar auf die Felsnase zu, wo wir eine grün gestrichene gusseiserne Bank fanden, die nah am Rand der Klippe stand. Wir setzten uns hin und genossen den herrlichen Blick auf das Panorama der Stadt und des Hafens unter uns, auf die unendliche, glitzernde Weite des Meeres, die Kaimauern und die ausgedehnten Sandstrände, die sich durch die ganze Bucht zogen, bis hin zu der Stelle, wo die Landspitze ins Meer vorragte. Neben uns arbeiteten zwei Maler an ihren Staffeleien; hinter uns blökten auf den Wiesen die Schafe und Lämmer. Ich hörte das Trappeln von Eselshufen unten auf der gepflasterten Straße und die gemurmelten Gespräche der Vorübergehenden. Sonst war alles friedvoll und unglaublich heiter.

»Ich glaube, dies ist das schönste Fleckchen in ganz Whitby«, erklärte ich.

»Ich stimme dir völlig zu«, erwiderte Lucy, »und das hier ist die beste Bank. Hiermit beanspruche ich sie als unser Eigentum.«

»Ich denke«, sagte ich mit einem fröhlichen Lächeln, »dass ich recht oft hierherkommen werde, um zu lesen oder zu schreiben.«

Hätte ich damals von den Ereignissen gewusst, die sich an genau diesem Ort abspielen würden, die Lucys Schicksal so schrecklich wenden und das Meinige so dramatisch und unwiderruflich beeinflussen würden, so wäre ich auf der Stelle umgekehrt und hätte darauf bestanden, dass wir unverzüglich Whitby verließen. Zumindest würde ich gern glauben, dass ich den Mut dazu aufgebracht hätte. Aber wie kann man sich das Unvorstellbare vorstellen? Vor allem, da alles so unschuldig begann?

 

In der ersten Nacht, die ich in Whitby verbrachte, begann Lucy zu schlafwandeln.

|29|Der Abend war recht angenehm verlaufen. Nach unserem Spaziergang waren Lucy und ich zum Haus am Royal Crescent zurückgekehrt, wo wir ein frühes Abendessen mit Frau Westenra genossen. Diese freundliche Dame war bester Laune und hieß mich herzlich willkommen. Danach machte ich mich, während Lucy und ihre Mutter in der Nähe einige Pflichtbesuche bei Bekannten absolvierten, noch einmal allein auf den Weg zum East Cliff, wo ich eine wunderbare Stunde auf »unserer Bank« verbrachte und Tagebuch schrieb.

In jener Nacht jedoch, kaum dass Lucy und ich uns auf unser Zimmer zurückgezogen hatten und eingeschlafen waren, wurde ich von einem Rascheln aus dem Schlaf geweckt. Die Nacht war mild, und wir hatten die Fensterläden und das Fenster offen stehen lassen. Als ich schläfrig die Augen aufschlug, bemerkte ich im Schimmer des Mondlichtes, das unsere Kammer erhellte, dass Lucy aus dem Bett aufgestanden war und sich ankleidete.

»Lucy? Was ist los? Warum bist du auf?«

Meine Freundin antwortete nicht, sondern fuhr nur fort, ihr Unterkleid zuzuknöpfen. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und starrte mit leerem Blick vor sich hin. Nun nahm sie einen Rock aus dem Schrank und zog ihn sich an.

»Lucy!« Ich erhob mich und tappte auf nackten Füßen durch das Zimmer zu ihr hin. »Warum kleidest du dich an?« Wieder erhielt ich keine Antwort. Lucy schien sich nicht einmal meiner Gegenwart bewusst zu sein. Plötzlich begriff ich, was hier geschah.

Ich war schon Jahre zuvor, als wir noch zur Schule gingen, bei verschiedenen Gelegenheiten Zeugin dieses seltsamen Benehmens geworden. Eines Nachts, als es schneite, war Lucy aus dem Bett aufgestanden und nach draußen gegangen, mit bloßen Füßen und im Nachtkleid. Glücklicherweise war sie damals von einer Bediensteten gefunden worden, ehe sie erfror. Die Frau hatte sie zum Aufwärmen an das Kaminfeuer gesetzt und dann wieder zu Bett gebracht. Ein anderes Mal |30|hatte sich Lucy ihren besten Mantel und Hut angezogen und war die Treppe hinunter in die Küche gegangen, wo sie ein großes Stück Apfelkuchen aß und ein Glas Milch trank, ehe man sie entdeckte. Am nächsten Morgen hatte sie, wenn überhaupt, stets nur eine sehr verschwommene Erinnerung an diese Vorfälle.

»Lucy, meine Liebe«, sagte ich nun, während ich ihr die Hände auf die Schultern legte und in die leeren Augen blickte, »es ist mitten in der Nacht. Du musst wieder zu Bett gehen. Lass mich dir beim Auskleiden behilflich sein.«

Zu meiner Erleichterung widersetzte sie sich nicht. Beim Klang meiner Stimme, vielleicht auch bei der Berührung meiner Hände schien ihre Absicht völlig zu schwinden, und sie ließ sich willig von mir helfen. Es gelang mir, sie zu entkleiden, ihr das Nachtkleid überzustreifen und sie erneut zu Bett zu bringen, alles, ohne sie aufzuwecken.

Beim Frühstück am nächsten Morgen war Lucy unverändert fröhlich, plauderte unbekümmert, als hätte sich in der vergangenen Nacht nichts Außergewöhnliches ereignet. Ich lachte leise und erzählte Lucy und ihrer Mutter von dem Geschehnis.

»Schlafwandeln?«, antwortete Lucy mit einem überraschten Lachen, während sie fortfuhr, Butter und Marmelade auf ihren Toast zu streichen. »Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich das zum letzten Mal gemacht habe.«

Frau Westenra nahm diese Neuigkeit nicht mit der gleichen Belustigung auf wie wir. »O je«, sagte sie und legte ihre bleiche Stirn in Sorgenfalten, während sie an der Perlenkette nestelte, die sie um den Hals trug. »Diese alte Angewohnheit von dir, liebe Lucy, hat mich immer mit Angst und Schrecken erfüllt. Und dass sie ausgerechnet jetzt wieder aufleben soll, da wir uns an einem wenig vertrauten, neuen Ort befinden …«

Frau Westenra war eine kleine rundliche Dame von fünfundvierzig Jahren. Es war unschwer zu sehen, wem ihre Tochter die Schönheit zu verdanken hatte, denn beide besaßen |31|die gleichen lieblichen Gesichtszüge, die gleichen tiefblauen Augen, blonden Locken und den gleichen glatten Elfenbeinteint. Frau Westenra wandte sich zu mir und fügte hinzu: »Diese Neigung hat sie von ihrem Vater geerbt. Auch Edward pflegte mitten in der Nacht aufzustehen, sich anzukleiden und auszugehen, wenn ich ihn nicht rechtzeitig weckte, um ihn davon abzuhalten. Einmal fand ihn nachts ein Polizist, wie er in seinem besten Sonntagsanzug durch den St. James’s Park spazierte. Ein andermal, als wir auf dem Land weilten, trug er um zwei Uhr früh seine ganze Angelausrüstung zum Fluss und wollte fischen.«

Lucy lachte. »Daran erinnere ich mich. Der dumme Papa.« Dann verflüchtigte sich ihr Lächeln, und ihre Augen wurden feucht, während sie an ihrem Kakao nippte. »Oh, wie ich ihn vermisse.«

»Dein Vater war ein wunderbarer Mann«, stimmte ich ihr zu.

Frau Westenra schüttelte traurig den Kopf. »Nie hätte ich gedacht, dass ich allein zurückbleiben würde. Ich war mir stets gewiss, dass ich als Erste gehen würde. Der liebe, gute Edward.« Plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie griff über den Tisch hinweg nach Lucys Hand. »Dem Himmel sei Dank, dass Lucy in den vergangenen anderthalb Jahren bei mir zu Hause war. Wie es mir nach ihrer Heirat ergehen mag, weiß ich wirklich nicht.«

Lucy legte ihre zweite Hand auf die ihrer Mutter und sah ihr tief in die Augen. »Mama, gut wird es dir ergehen. Arthur und ich werden nicht weit weg von dir wohnen, und wir werden dich so oft besuchen kommen, dass du kaum merken wirst, dass ich überhaupt fortgegangen bin.«

Frau Westenra betupfte sich mit der Serviette die Augen. »Das will ich hoffen, meine Liebe. Ich freue mich sehr für dich, Lucy, und ich hoffe, dass du glücklich wirst.«

Mutter und Tochter lächelten einander liebevoll an. Ein warmes Gefühl der Zuneigung zu den beiden erfüllte mich, |32|und doch verspürte ich gleichzeitig unwillkürlich einen kleinen Stich des Neides. Es war ein großer Kummer in meinem Leben, dass ich niemals die Freuden genossen hatte, die einem Kind die Liebe einer Mutter oder eines Vaters beschert. Diese dunkle Seite meiner Vergangenheit war mir schon als Kind eine Quelle der Schande gewesen, und immer noch errötete ich beim bloßen Gedanken daran vor Scham.

»Jetzt lasst uns aber über die Hochzeit sprechen«, sagte Frau Westenra, die ihre Lebensgeister wiederfand und einen winzigen Happen von ihrem Rührei kostete. »Ich denke, dass du und Arthur so bald wie möglich heiraten solltet.«

»Warum die Eile, Mama? Heutzutage sind doch lange Verlobungszeiten durchaus üblich. Selbst du und Papa, ihr habt ein ganzes Jahr gewartet, ehe ihr euch vermählt habt, nicht wahr?«

»Ja, aber damals lebten wir in völlig anderen Verhältnissen. Dein Vater hatte alle Hände voll zu tun mit seinem gerade gegründeten Bankgeschäft, und er wollte, dass alles erst reibungslos lief, ehe wir einander das Jawort gaben. Derlei finanzielle Einschränkungen hat Arthur nicht. Er ist sehr wohlhabend. Als einziger Sohn wird er eines Tages Ring Manor erben, und dazu noch alle Ländereien und Besitztümer seines Vaters. Es gibt also keinen Grund auf Erden, warum ihr noch warten solltet.« Frau Westenra sprach mit einer solchen Dringlichkeit, dass ich das Gefühl hatte, hinter ihrem Wunsch, Lucy rasch verheiratet zu sehen, könnte womöglich noch ein anderer Grund stecken. Doch sie fügte nur hinzu: »Jedenfalls ist September ein herrlicher Monat für eine Hochzeit.«

»Nun, ich warte ab und höre mir an, was Arthur dazu zu sagen hat, wenn er kommt«, antwortete Lucy artig.

»Und was ist mit dir, Mina?«, erkundigte sich Frau Westenra. »Wann und wo möchtet ihr euch vermählen, du und Jonathan? Habt ihr schon Pläne geschmiedet?«

Ich zögerte und antwortete dann ernst: »Wir haben eigentlich |33|von einer Hochzeit, natürlich nur einer sehr schlichten Feier, im Spätsommer in Exeter gesprochen, aber nun bin ich mir nicht mehr so sicher.« Ich berichtete ihr von Jonathans Geschäftsreise nach Transsilvanien und erklärte ihr, dass sich seine Rückkehr sehr verzögerte und ich schon lange keine Nachricht mehr von ihm erhalten hatte. »Irgendetwas an seinem letzten Brief macht mich stutzig. Er ist zwar in seiner Hand geschrieben, aber er klingt völlig fremd.«

»Hast du dich schon an seinen Arbeitgeber gewandt?«, fragte Frau Westenra.

»Ja, das habe ich gemacht. Herr Hawkins hat auch kein Sterbenswörtchen von ihm gehört.«

Lucy und ihre Mutter versuchten ihr Möglichstes, um meine Ängste zu vertreiben, doch unter den gegebenen Umständen gab es nicht viel, was sie mir zum Trost hätten sagen können. Nach dem Frühstück schlug Lucy vor, wir sollten noch einmal zur Ostklippe hinaufspazieren. Ihre Mutter, die außer Atem zu geraten schien, wenn sie nur vom Speisezimmer in den Salon ging, bat uns, sie zu entschuldigen. Ehe Lucy und ich das Haus verlassen konnten, nahm mich Frau Westenra heimlich beiseite und sprach leise und eindringlich zu mir.

»Mina, vor Lucy wollte ich nichts sagen, aber ich bin außerordentlich besorgt um sie.«

»Warum ängstigen Sie sich so sehr?«

»Es geht um ihre alte Angewohnheit, das Nachtwandeln. Diese Neigung kann sehr gefährlich sein. Erzähle ihr bitte nichts von unserer Unterredung, aber du musst mir versprechen, sie stets im Auge zu behalten und nachts die Tür zur eurer Kammer zu verschließen, sodass sie diese nicht verlassen kann.«

In dem festen Glauben, dass ich Lucy vor allem Unheil würde beschützen können, gab ich Frau Westenra feierlich mein Wort. Oh! Wie sehr sollte ich mich getäuscht haben! |34|An jenem Nachmittag kehrten Lucy und ich zu dem Friedhof oben an der Ostklippe zurück, wo wir freundlich mit einem altersgekrümmten, ehemaligen Seemann plauderten, einem gewissen Herrn Swales, der angab, beinahe hundert Jahre alt zu sein. Er und seine beiden Kameraden waren von Lucys Anblick derart entzückt, dass sie sich dicht neben uns setzten, kaum dass wir uns auf unserer Lieblingsbank niedergelassen hatten. Lucy stellte ihnen grüblerische Fragen zu ihren vergangenen Abenteuern auf See, wo sie mit der Grönländischen Fischereiflotte gefahren waren, und zu ihren glorreichen Taten während der Schlacht von Waterloo.

Mich interessierten Geschichten über Whitby weitaus mehr. Doch als ich das Gespräch in diese Richtung zu lenken versuchte, beharrte der alte Herr Swales darauf, dass all jene Berichte von der Weißen Frau im Fenster der Abtei Ammenmärchen und Seemannsgarn seien.

»Das sind nur Lügenmärchen, die sie den Feriengästen und derlei leichtgläubigen Leuten vorsetzen«, spottete der alte Mann. »Schenken Sie ihnen keinen Glauben, Fräulein. Wenn Ihnen aber der Sinn nach Geschichten steht, dann erzähle ich Ihnen ein paar, die wirklich geschehen sind.«

Und er ergötzte uns mit einigen schillernden Histörchen über die Stadt und den Friedhof. Lucy entsetzte sich, als er uns darauf hinwies, dass die Steinplatte zu unseren Füßen, auf der unsere Lieblingsbank ruhte, das Grab eines Mannes bezeichnete, der Selbstmord begangen hatte. Herr Swales versicherte ihr, er selbst säße hier nun schon mehr als zwanzig Jahre immer wieder, und es sei ihm deswegen noch kein Leid geschehen.

Als wir in unsere Pension zurückkehrten, verkündete mir die Wirtin, Frau Abernathy, sie hätte einen Brief für mich. Mein Herz hüpfte vor banger Erwartung. Ich erkannte die Handschrift sofort. Der Brief war von Jonathans Arbeitgeber, Herrn Peter Hawkins. Ich war außerstande, mich zu beherrschen, bis wir unsere Kammer erreicht hatten, und riss |35|den Brief gleich auf. Zu meiner Erleichterung entdeckte ich, dass der alte Mann einen Brief beigefügt hatte, den er von Jonathan erhalten hatte.

»Siehst du?«, rief Lucy und verrenkte sich den Hals, um einen Blick auf die mitgeschickte Nachricht zu erhaschen, während ich diese überflog. »Ich habe dir doch gesagt, dass Jonathan schreiben würde. Was berichtet er?«

Mein Herz wurde schwer. Es war zwar Jonathans Handschrift. Doch ich hatte mich nach aufmunternden Worten gesehnt und nach einer Erklärung für sein lang andauerndes Schweigen. Stattdessen war der mitgeschickte Brief an seinen Arbeitgeber gerichtet und eine bittere Enttäuschung.

 

Burg Dracula, den 19. Juni 1890

Sehr geehrter Herr,

hiermit teile ich Ihnen mit, dass ich den geschäftlichen Auftrag, dessentwillen Sie mich entsandt hatten, zufriedenstellend erledigt habe und dass ich morgen meine Heimreise anzutreten beabsichtige, die ich jedoch wahrscheinlich für einen Ferienaufenthalt zu unterbrechen gedenke.

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen,

Ihr ergebener

J. Harker

 

»So wenige Zeilen«, sagte ich leise, als ich Lucy den Brief reichte. »Nur so wenige Zeilen. Das sieht Jonathan überhaupt nicht ähnlich.«

»Wieso? Er hat an Herrn Hawkins geschrieben, nicht an dich. Ich finde den Brief knapp und geschäftlich.«

»Das ist es ja gerade. Herr Hawkins ist für Jonathan eher so etwas wie ein Vater als ein Vorgesetzter. Wir kennen ihn beide seit unseren Kindertagen. Jonathan würde den alten Mann niemals in solch nüchternem Geschäftston ansprechen.«

»Vielleicht war er in Eile? Und sieh nur: Er sagt, dass er plant, die Reise unterwegs für einen Ferienaufenthalt zu unterbrechen.«

|36|»Selbst wenn Jonathan irgendwo Ferien gemacht hat, müsste er längst wieder hier eingetroffen sein. Und warum hat er an Herrn Hawkins geschrieben, nicht aber an mich? Ich habe ihm meine Anschrift hier in Whitby mitgeteilt.« Plötzlich ergriff mich die Furcht, verkrampfte mir die Eingeweide und attackierte all meine Sinne so sehr, dass ich nur noch kraftlos auf einen Stuhl sinken konnte. »Hältst du es für möglich … Könnte Jonathan auf seinen Reisen eine andere Frau kennengelernt haben? Mag das der Grund für sein Schweigen sein?«

»Eine andere Frau?«, rief Lucy entsetzt. »Niemals! Jonathan ist so aufrichtig und treu wie du, Mina Murray. Er liebt dich sehr, und ihr seid die beiden ehrlichsten Menschen, die mir je begegnet sind. Er würde keine andere Frau auch nur zweimal ansehen, dessen kannst du sicher sein.«

»Meinst du das wirklich?«

»Ich weiß es. Du heiratest Jonathan, Mina. Ich bin sicher, dass es eine vollkommen simple Erklärung für sein Schweigen gibt, und die erfährst du gewiss schon bald. Er kommt zu dir nach Hause, das verspreche ich dir.«

 

Beinahe vierzehn Tage vergingen, ohne dass ich weitere Kunde von Jonathan erhielt. Ich befand mich in einem wahrhaft schrecklichen Zustand der Anspannung. Lucy allerdings empfing Nachrichten von Arthur. Zu ihrer Enttäuschung sah er sich gezwungen, seinen Besuch zu verschieben, da sein Vater schwer erkrankt war. Das bedeutete, dass wir unsere Pläne vertagen mussten, auf dem Fluss rudern zu gehen, worauf wir uns so gefreut hatten. Zu all diesen Ängsten kam noch hinzu, dass Lucy weiterhin von Zeit zu Zeit nachtwandelte. Ich erwachte jedes Mal, wenn sie im Zimmer herumging und energisch und entschlossen den Weg nach draußen suchte. Nun band ich mir beim Schlafen den Schlüssel ans Handgelenk. Trotz alledem genossen wir unsere gemeinsamen Tage, die wir damit verbrachten, durch die Stadt oder zur Ostklippe |37|hinauf zu spazieren oder lange Wanderungen zu den zauberhaften kleinen Dörfern der Umgebung zu machen. Obwohl wir immer darauf achteten, unsere Hüte zu tragen, merkte Frau Westenra doch zufrieden an, dass sich auf Lucys einst bleichen Wangen nun ein rosiger Hauch zeigte.

Am 6. August schlug das Wetter um. Die Sonne war hinter dichten Wolken verschwunden, das Meer toste brausend über die flachen Sandbänke, und die Welt war in einen tiefen grauen Nebel gehüllt.

»Da zieht ein Sturm herauf, meine Liebe, und zwar ein ganz gewaltiger, lassen Sie es sich sagen«, meinte der alte Herr Swales, als er sich an jenem Nachmittag auf dem Kirchhof zu mir gesellte. Er war ein reizender alter Mann, aber an jenem Tage schien er in seinen ausschweifenden Erzählungen völlig vom Thema Tod ergriffen zu sein. Während er aufs Meer hinausstarrte, verkündete er in unheilvollem Ton: »Vielleicht ist er in jenem Wind dort über dem Meer, der Verlust und Untergang mit sich herweht, und schreckliche Sorgen und traurige Herzen … Sehen Sie nur! Da ist etwas in diesem Wind und in der Luft, das sieht aus und riecht und schmeckt wie der Tod!«

Ich war fassungslos ob seiner Worte. Obwohl ich wusste, dass er es nicht böse meinte, war ich doch froh, als er endlich ging. Ich schrieb noch eine Weile in mein Tagebuch und schaute zu, wie die Fischerboote eilig in den sicheren Hafen einliefen. Schon bald wurde mein Augenmerk auf ein Schiff gelenkt, das draußen auf dem Meer zu sehen war. Es war ein recht großes Schiff, das sich unter voller Besegelung in westlicher Richtung auf unsere Küste zubewegte. Doch es schlingerte merkwürdig hin und her, als wechsele es bei jeder Windbö die Richtung.

Als der Küstenwart mit seinem Fernrohr unter dem Arm vorbeigegangen kam, blieb er stehen, um sich mit mir zu unterhalten, während er gleichzeitig unverwandt auf dieses Schiff schaute. »Dem Aussehen nach ist es russisch«, merkte |38|er an, »aber es schaukelt so eigentümlich herum, als ob die Mannschaft überhaupt keinen Plan hätte. Sie sehen wohl den Sturm kommen, können aber nicht recht entscheiden, ob sie nach Norden ins offene Meer sollten oder bei uns festmachen.«

Der nächste Tag war wieder kalt und grau, und der merkwürdige Schoner war immer noch da vor der Küste, rollte mit schlappen Segeln sanft auf der welligen See. An jenem Spätnachmittag kehrten Lucy und ich nach dem Tee noch einmal oben auf die Klippe zurück, um uns zu einer größeren Menschenansammlung zu gesellen, die sich dort eingefunden hatte, um neugierig auf dieses Schiff zu starren und den herannahenden Sonnenuntergang zu bewundern. Es war ein herrlicher Anblick, mit hoch aufgetürmten Wolken in jeder Farbe, Feuerrot, Purpurn, Violett, Rosa, Grün, Gelb, sodass man es gar nicht glauben mochte, dass uns schlimmes Wetter bevorstehen sollte.

Am Abend jedoch wurde die Luft geradezu beängstigend still. Um Mitternacht, als Lucy und ich sicher in unseren Betten lagen, war vom Meer her ein leises, dumpfes Grollen zu hören, und der Sturm brach plötzlich und mit Macht los. Wütend peitschte der Regen vom Himmel, klatschte laut auf das Dach, gegen die Fensterscheiben und die Schornsteine. Jeder Donnerschlag klang wie eine ferne Kanone und ließ mich zusammenschrecken. Ich war zu aufgeregt, um wieder einschlafen zu können, und manche Stunde lauschte ich, wie Lucy sich in ihrem Bett hin und her wälzte. Endlich fiel ich in einen unruhigen Schlaf und hatte einen seltsamen Traum.

Ich neige dazu, sehr bildhaft zu träumen, seit meiner frühesten Kindheit jede Nacht und die ganze Nacht hindurch. Beim Erwachen kann ich mich an meinen Traum bis in die kleinste Einzelheit erinnern, und ich benötige stets einige Minuten, um mir darüber klar zu werden, dass es nicht die Wirklichkeit war. Manches Mal sind meine Träume alberne, süße und verworrene Hirngespinste, in die ich verschiedene kleine |39|Abschnitte des Tages verwebe. Manchmal sind es Albträume, die meine Ängste auf fürchterliche Weise zum Ausdruck bringen. Gelegentlich stellen sie sich auch als Vorzeichen heraus, die mir bedeuten, was die Zukunft für mich bereithält.

In jener Nacht träumte ich, ich wäre wieder in meiner Schlafkammer in der Schule. Nur schien es nicht die Schule zu sein, wo ich gearbeitet und gewohnt habe, sondern ein Ort, den ich nicht erkannte. Mitten in der Nacht ging ich im gleißenden Mondlicht einen langen, kalten Gang entlang und suchte etwas, wusste aber nicht, was es war. Draußen fegte ein grausamer Wind durch die Baumwipfel, ließ die Dachbalken des Gebäudes ächzen und stöhnen, und das Mondlicht warf furchterregende Schatten auf die Mauern. Unter meinen nackten Füßen fühlten sich die Fußbodendielen eisig an, und ich zitterte in meinem dünnen Nachtkleid vor Kälte. Ich wollte in die Wärme und Sicherheit meines Bettes zurückkehren, vermochte dies aber nicht. Ich konnte nur vorwärts gehen, Schritt für Schritt, als würde ich von einer Macht gezogen, die ich nicht benennen konnte.

Da ertönte plötzlich aus der Dunkelheit eine tiefe, sanfte Stimme: »Meine Geliebte!«

Rief da Jonathan nach mir? War er endlich gekommen? »Wo bist du, Jonathan?«, schrie ich, während ich, an vielen verschlossenen Türen vorbei, den langen, endlos verschlungenen Korridor entlanghastete.

Da hörte ich es wieder. »Meine Geliebte!«

Plötzlich wurde mir klar, dass es keineswegs Jonathan war, sondern dass ich diese Stimme noch niemals vernommen hatte. Atemlos lief ich um eine Ecke, um dann wie angewurzelt stehen zu bleiben, da unmittelbar vor mir eine Tür aufflog. Eine hoch aufgeschossene, finstere Gestalt trat heraus. War es ein Mensch oder ein Untier? Ich wusste es nicht. In dem dunklen Gang vermochte ich die Züge dieses Wesens nicht auszumachen. Ich sah nur zwei rotglühende Augen. Ihr Anblick ließ mich erschreckt nach Luft ringen.

|40|Er – oder es – näherte sich mir und blieb vor mir stehen, murmelte mit leiser Stimme Worte, die mir kalte Schauer über den Rücken jagten und die doch gleichzeitig fesselnd und seltsam unwiderstehlich waren.

»Ich komme dich holen.«

2

Mit wild pochendem Herzen fuhr ich aus dem Schlaf auf und hörte draußen immer noch den Sturm toben. Der Traum schien mir sehr wirklich zu sein. Das Bild der dunklen, antlitzlosen Gestalt war noch lebhaft in meinen Gedanken. Wer war er … oder es? Warum nannte er mich meine Geliebte? Warum kam er mich holen? Plötzlich wurden meine Gedankengänge unterbrochen. Ich hörte, wie sich im Raum etwas bewegte. Ich riss ein Streichholz an und erblickte Lucy, die im Nachtgewand auf dem Bett saß und sich die Stiefel anzog. Ich zündete die Lampe an und eilte zu ihr.

»Lucy, meine Liebe, du musst wieder zu Bett gehen.«

»Nein«, erwiderte sie und stieß mich heftig von sich. »Ich muss fort. Er kommt mich holen.«

Bange Vorahnung überfiel mich. Hatte ich nicht soeben just diese Worte in meinem Traum vernommen? »Wer kommt?«

»Ich muss fort!«, war ihre einzige Antwort, während sie begann, die Schnürsenkel zu binden.

Es war nicht einfach, Lucy davon zu überzeugen, dass ich ihr unter keinen Umständen erlauben würde, das Zimmer zu verlassen. Sie wachte nicht auf, sondern warf sich nun die ganze Nacht hindurch unruhig auf ihrem Lager hin und her und stand gar noch einmal auf, um sich anzukleiden. Wie seltsam, überlegte ich, nachdem es mir erneut gelungen war, sie zu Bett zu bringen, und ich mich gerade zugedeckt hatte. War es denn möglich, dass Lucy und ich dasselbe geträumt hatten?

|41|»Ich erinnere mich nie an etwas, das ich geträumt habe«, sagte Lucy am nächsten Morgen mit einem Achselzucken, als ich mich danach erkundigte. »Ich konnte sehr lange nicht einschlafen, aber dann schlief ich tief und fest.«

Ich gähnte herzhaft, weil die Ereignisse der Nacht mich erschöpft hatten. Da aber Lucy so strahlend und fröhlich aussah, als sie die Fensterläden aufschlug, um die frühe Morgensonne ins Zimmer zu lassen, beschloss ich, die Vorkommnisse nicht weiter zu erwähnen.

»Was für ein schrecklicher Sturm!«, fuhr Lucy fort. »Dem Himmel sei Dank, dass er nun vorüber ist.«

»Der alte Herr Swales hat gestern wegen dieses Sturms so viele düstere Vorahnungen ausgesprochen. Ich hoffe, dass alle Fischerboote das Unwetter unbeschadet überstanden haben.«

»Lass uns zum Hafen gehen und nachsehen.«

Rasch kleideten wir uns an, verzichteten auf unser Frühstück und eilten nach draußen. Die Luft des frühen Morgens war frisch und klar, und hier und da blitzte die gerade aufgegangene Sonne zwischen den aufgetürmten Wolkenbergen hervor. Während wir die Straße hinunterliefen, verspürte ich eine plötzliche Kälte, und es überkam mich ein seltsames Gefühl. Ich bemerkte, dass auch Lucy erschauerte, und fragte: »Ist dir kalt?«

»Nein«, erwiderte sie, »aber mir war gerade so merkwürdig zumute. Beinahe, als beobachtete uns jemand.«

»Genau das habe ich auch verspürt!« Wir schauten uns rasch um. Entlang der Straße lagen die Häuser alle im Schatten. Die Straße selbst war menschenleer, bis auf uns und zwei andere Seelen, die mit raschen Schritten genau wie wir auf die Westklippe zusteuerten.

»Ich sehe nichts«, sagte Lucy.

»Ich glaube, das Unwetter hat unsere Nerven aufs äußerste angespannt.« Wir lachten ein wenig, hakten uns unter und eilten weiter zum Hafen.

Das Meer war noch finster, und die Wellen schäumten |42|wütend. Die wenigen Menschen, die zu sehen waren, unterhielten sich angeregt. Alle Fischerboote schienen sicher vor Anker zu liegen. Ein großer Segler jedoch – dasselbe seltsame, schlingernde Schiff, das am Tag zuvor solche Neugier erregt hatte – war am Pier unterhalb der Ostklippe auf den Strand gespült worden. Nun ragte es windschief aus Sand und Kies. Die Segel waren zerfetzt, und ein Teil des Takelwerks war auf dem Deck und dem darunter liegenden Sand zerschellt.

»Das schöne Schiff!«, rief ich aus. »Wie schade!« Ich wandte mich an einen rotbärtigen, wettergegerbten Mann, der in der Nähe stand und fragte ihn: »Was ist geschehen? Wissen Sie es?«

»O ja«, antwortete er feierlich und sog an seiner Pfeife. »Ich habe es gestern spät in der Nacht mit eigenen Augen gesehen. Man sagt, es sei ein russisches Schiff, die Demeter. Der Küstenwart hat beobachtet, wie sie hereinkam, ganz von Dunst und Nebel umhüllt, und signalisierte ihr, sie solle angesichts der drohenden Gefahr weniger Segel setzen, doch niemand reagierte. Das Schiff schlingerte weiter hin und her, als hielte keine Hand mehr das Steuer. Dann brach das Unwetter los, und eine Zeitlang verloren wir das Schiff aus den Augen. Plötzlich drehte der Wind, und da war es wieder. Wie durch ein Wunder hatte es den Weg in den Hafen gefunden und kam mit vollen Segeln so schnell vor dem Wind herangerauscht, dass es irgendwo auf Grund laufen musste. Als die Küstenwachen an Bord gingen, erwartete sie ein Schreckensbild.«

»Was denn?«, fragte Lucy ängstlich.

»Dieses Schiff hatte ein Toter gesteuert«, antwortete der Mann, und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen unter den buschigen Augenbrauen.

»Ein Toter?«, wiederholte ich. »Wie kann das angehen?«

»Darin liegt das Geheimnis, Fräuleinchen. Die gesamte Mannschaft ist verschwunden. Den Leichnam des Kapitäns |43|fand man an das Ruder gefesselt; er schwankte schrecklich hin und her und hielt ein Kruzifix in den erstarrten Händen.«

»Oh!«, riefen Lucy und ich, beide vor Furcht wie benommen.

»Der einzige Überlebende, so scheint es, ist ein Hund.«

»Ein Hund?«, wiederholte ich überrascht.

Der Mann mit der Pfeife nickte. »In dem Augenblick, als das Schiff auf Grund lief, sprang ein riesiger Hund über den Bug auf den Sand, rannte geradewegs auf die steile Klippe zu und verschwand. Seither hat man ihn nicht mehr erblickt. Er ist ohne Zweifel eine wilde Bestie, denn er scheint mit einem der Hunde in der Stadt einen Kampf ausgetragen und jenen getötet zu haben. Man fand einen Doggenbastard tot auf der Straße. Seine Kehle war durchgebissen und sein Leib aufgeschlitzt, wie von den Klauen eines Raubtieres.«

»Oh!«, rief Lucy erneut aus.

Ich hätte gern noch verweilt und weiter gelauscht, aber diese Geschichte war zu aufregend für Lucy. Sie bestand darauf, unverzüglich zum Royal Crescent zurückzukehren. Später, als sie lustlos in ihrem Frühstück herumstocherte, sagte sie mit gerunzelter Stirn: »Bis jetzt hatten wir so wunderbare Ferien, und nun ist dieses schreckliche Schiff gekommen … mit einem … mit einem Toten am Ruder! Mich schaudert, wenn ich nur daran denke.«

Frau Westenra, die sich selbst nicht eben wohl fühlte, schlug Lucy vor, einen ruhigen Tag mit ihr zu verbringen, um ihre Nerven zu besänftigen. »Du hast einen Schock erlitten, meine Liebe, das ist alles. In wenigen Tagen hast du das alles gewiss wieder vergessen.«

Auch mich hatte der grausige Anblick des gestrandeten Schiffes aus der Fassung gebracht, doch ich hegte keineswegs die Absicht, mir davon die Ferien verderben zu lassen oder deswegen den Tag im Hause eingesperrt zu verbringen. Obwohl sich im Laufe des Morgens der Himmel wieder ein wenig zugezogen hatte, versprach der Tag doch schön zu |44|werden. Ich verspürte das starke Bedürfnis, zu unserer Lieblingsbank oben auf der Ostklippe zu gehen, um dort zu lesen und zu schreiben. Rasch überprüfte ich noch im Spiegel mein Aussehen, strich den schlichten Rock und die Jacke aus amethystfarbenem Piqué glatt, zupfte das Jabot meiner weißen Bluse zurecht und versicherte mich, dass mein braunes Haar ordentlich unter meinem Strohhut verwahrt war. Nachdem ich mich überzeugt hatte, dass ich respektierlich aussah, nahm ich ein Buch und mein Tagebuch, umarmte meine Feriengenossinnen zum Abschied und machte mich mit einem seltsamen Gefühl der Erwartung, das ich mir nicht erklären konnte, auf den Weg.

Der Wind wehte kräftig, als ich den Kirchhof überquerte und an den Grabsteinen vorüberging, die der Regen der vergangenen Nacht saubergewaschen hatte. Ich sog die Luft in tiefen Zügen ein, genoss den Duft von nassem Kies, Steinen, Erde und Gras. Aus unerfindlichem Grund überkam mich nun schon zum zweiten Male an jenem Morgen das seltsame Gefühl, als beobachtete mich jemand. Doch wiederum konnte ich, als ich mich umschaute, nichts Außergewöhnliches feststellen.

Wie üblich spazierten Menschen allen Alters und aller Schichten hier oben umher, plauderten und lachten. Wären die vielen Pfützen nicht gewesen, die sich überall am Rand des Spazierwegs gebildet hatten, so hätte nichts darauf hingedeutet, dass in der Nacht zuvor ein Unwetter gewütet hatte, ein Sturm, der ein Schiff mit einer Geisterbesatzung an den Strand warf.

Zu meiner Freude fand ich meine Lieblingsbank leer vor. Ich setzte mich hin und ergötzte mich an der Schönheit des Anblicks, der sich tief unten bot. Das Sonnenlicht tanzte auf dem sich ständig verändernden tiefblauen Meer, und die Wellen krachten mit hohen, schäumenden weißen Kämmen an den Strand, die Hafenmauern und auf die entfernte Landspitze. Ich dachte an Jonathan. Ich betete, er möge in Sicherheit sein.

Als ich gerade meinen Füllfederhalter zur Hand nehmen wollte, um mit einem Tagebucheintrag zu beginnen, frischte |45|plötzlich ohne jede Vorwarnung der Wind auf und wehte mir den Hut vom Kopf. Gerade eben hatte mein Strohhut noch fest auf meinem Haar gesessen, und nun flog er schon durch die Lüfte, schlug Purzelbäume und rollte in wilden Kreisen über den Spazierweg.

Bestürzt sprang ich auf und hastete hinter meiner entfliehenden Kopfbedeckung her. Trotz ernsthafter Bemühungen meinerseits, den Hut wieder einzufangen, entzog er sich ärgerlicherweise immer um wenige Zentimeter meinem Griff. Er bewegte sich geradewegs auf den gefährlichsten Abschnitt der Klippe zu, jenen Teil, an dem die Böschung abgebröckelt war und wo ganz weit unten einige Grabsteine, die herabgestürzt waren, aus dem Sand herausragten. Wenige Schritte vom Rand der Klippe entfernt, hielt ich inne, war mir nun sicher, meinen Hut für immer verloren zu haben. Denn in wenigen Augenblicken würde er über den Rand der Klippe fliegen und im tiefen Meer sein Ende finden.

Plötzlich raste eine hoch aufgeschossene Gestalt an mir vorüber und packte meinen Hut, als der gerade hinuntersegeln wollte. Nie zuvor hatte ich ein menschliches Wesen sich so rasch bewegen sehen. Doch dann kehrte derselbe Herr mit ruhigem Selbstbewusstsein und der Eleganz eines Panters an meine Seite zurück und reichte mir seine Beute.

»Ist das Ihr Hut, Fräulein?«, erkundigte er sich mit sonorer Stimme, die ein kaum merklicher ausländischer Akzent noch interessanter machte.

Ich starrte ihn an, plötzlich um Worte verlegen. Es war ein junger Herr, kaum älter als dreißig Jahre. Er war groß, schlank und außerordentlich attraktiv, mit einer edlen Nase, vollkommenen weißen Zähnen und einem rabenschwarzen Schnurrbart, der zu seinem Haar passte. Als er zu mir herunterlächelte, fesselte mich die Macht seiner dunkelblauen Augen, die gleichzeitig durchdringend und unwiderstehlich waren. Er war makellos gekleidet, trug einen knielangen Gehrock, schwarze Krawatte, schwarze Weste und Hose, dazu ein |46|schneeweißes Hemd. Seine Kleidung umhüllte perfekt seine edle Gestalt, und an den Stoffen und der feinen Verarbeitung war sogleich zu sehen, dass er ein wohlhabender Mann sein musste. Sein Antlitz leuchtete vor Gesundheit. Seine Züge und seine Gestalt waren wahrhaftig die Verkörperung all dessen, was man als männliche Schönheit bezeichnen mochte. Einen atemlosen Augenblick lang fragte ich mich, ob ihn am Ende meine lebhafte Vorstellungskraft heraufbeschworen hatte.

Als sich unsere Blicke trafen, schaute er mich an, wie mich noch nie jemand angesehen hatte – nicht einmal Jonathan. In seinem Blick lag ein Ausdruck so unmittelbaren, tiefsten und unverhohlenen Interesses, dass mein Herz aufgeregt schneller schlug.

»Vielen Dank, Sir«, sagte ich, als meine Stimme mir endlich wieder gehorchte. »Ich bin Ihnen sehr verbunden.«

»Es freut mich, dass ich Ihnen zu Diensten sein konnte.« Sein kaum merklicher Akzent hatte wahrscheinlich seinen Ursprung auf dem europäischen Festland, überlegte ich, aber sein Englisch war vollkommen. Er verneigte sich, lüpfte kurz den schwarzen Zylinder, starrte mich aber nach wie vor unverwandt mit seinen faszinierenden Augen an.

Ich wusste, dass ich mich auf kein weiteres Gespräch mit ihm einlassen sollte. Er war ein Fremder und ich eine unverheiratete Frau, die mit einem anderen verlobt und hier ohne Anstandsdame unterwegs war. Mir stand nur eine geziemende Handlungsweise offen, das war mir wohl bewusst: Ich musste stumm knicksen und mich sogleich entfernen. Und doch … Ich brachte es nicht über mich. Stattdessen betrachtete ich den Strohhut, den ich in Händen hielt, ein schlichtes, nur mit einem weißen Band und einem Sträußchen verziertes Ding, und sagte: »Das war sehr mutig von Ihnen, Sir, dass Sie … dass Sie so nah an den Rand der Klippe geeilt sind, nur um eines Hutes willen. Das war ziemlich gefährlich.«

Nun hatte wohl auch er sich wieder gefasst und schenkte mir ein warmes Lächeln. »Mir schien, dass Ihnen viel daran |47|lag, diesen Gegenstand zu retten. Die Gefahr habe ich gar nicht bedacht.«

Ihn umgab, überlegte ich, während ich einen weiteren verstohlenen Blick auf ihn warf, eine unerklärliche Aura der Gefahr. Sie ließ ihn exotisch und geheimnisvoll zugleich erscheinen, hatte jedoch, wie ich mir sagte, nicht so sehr mit einem seiner Charakterzüge zu tun, sondern eher damit, dass er so außerordentlich attraktiv war und ich kaum die Augen von ihm wenden mochte.

»Der Hut ist ja, wie Sie sehen können, keineswegs kostbar«, erwiderte ich, »aber ich habe ihn schon so lange, dass er mir lieb und teuer geworden ist. Und er ist umso wertvoller, als es … als es der einzige ist, den ich mitgebracht habe.« Großer Gott, überlegte ich, warum plappere ich wie eine Närrin von meinem Hut?

»Ah«, meinte er, als wir uns wieder dahin auf den Weg machten, wo ich hergekommen war, »dann darf ich daraus schließen, dass Sie nicht immer in Whitby leben?«

»Nein. Ich bin erst vierzehn Tage hier. Ich mache hier Ferien mit einer Freundin und ihrer Mutter.«

»Ich weile auch zu Besuch. Ich bin erst gestern in Whitby angekommen.«

»Woher stammen Sie, Sir?«

Er blickte mich an und antwortete: »Aus Österreich.«

»Ich habe schon Bilder von Österreich gesehen, und allen Berichten zufolge ist es ein wunderschönes Land.«

»Das ist es wahrhaftig, aber dies ist auch ein reizendes Fleckchen Erde, nicht wahr? Von den Klippen aus hat man einen herrlichen Ausblick. Das Meer ist so wunderbar, so ruhelos und so unendlich. Ich werde seines Anblicks nie müde. Derlei Panoramen haben wir in meiner Heimat nicht.«

»Ich liebe das Meer schon immer und zu allen Jahreszeiten. Allerdings müssen Sie, wenn Sie erst gestern in Whitby eingetroffen sind, das Unwetter der letzten Nacht als eine recht wilde Begrüßung empfunden haben.«

|48|»Der Sturm, ja, der war furchterregend.« Als wir an einem der Künstler vorüberspazierten, die an der Klippe standen und das unten auf dem Strand zerschellte Schiff malten, blieb der Herr kurz stehen, um dessen Arbeit zu bewundern. »Sie haben eine sehr interessante Perspektive gewählt«, sagte er zu dem Maler, »und Ihre Farbwahl ist außerordentlich angenehm anzusehen.«

Der Künstler bedankte sich mit einem Lächeln und einem Kopfnicken für dieses Kompliment. Just in diesem Augenblick bemerkte ich meine verloren geglaubte Hutnadel, die neben der Bank, auf der ich gesessen hatte, im Kies lag. Ich hob sie rasch auf und hielt inne, um meinen Hut wieder festzustecken.

»Gehören diese ebenfalls Ihnen?«, erkundigte sich der Herr und bezog sich damit auf mein Buch und mein Tagebuch, die wenige Schritte entfernt auf dem Spazierweg lagen.

»Ja, das sind auch meine.«

Er sammelte sie ein. Als er mein Tagebuch vom Staub des Weges befreite, fiel sein Blick auf die aufgeschlagene Seite und die Schlaufen, Kringel und anderen seltsamen Zeichen, die dort standen. Es war mir ein wenig peinlich, dass das Auge eines Fremden in mein privates Tagebuch schaute, doch gleichzeitig war ich erleichtert, meine Eintragungen auf so ungewöhnliche Weise gemacht zu haben.

»Verzeihen Sie mir«, sagte er, »wenn ich zu neugierig erscheine, aber ist dieser Text in einer neuen Art von Kurzschrift verfasst, vielmehr in … Ich glaube, Sie nennen es Stenographie?«

»Das stimmt«, antwortete ich und war überrascht, dass er mit dieser abgekürzten Symbolschrift vertraut war.

»Ein faszinierendes System, nicht wahr, so alt wie die Steine der Akropolis aus dem antiken Griechenland. Es erlaubt einem, mit größerer Geschwindigkeit und Kürze zu schreiben, so rasch wie die Menschen sprechen.«

»Ja, und gleichzeitig erreicht man damit völlige Geheimhaltung, |49|denn es macht das Geschriebene für die meisten anderen Menschen unleserlich, eine ideale Methode für Eintragungen in einem Tagebuch.«

Er lächelte. »Ich bin mit einer Reihe von Methoden dieser Art vertraut, aber diese hier erkenne ich nicht.«

»Man nennt sie Greggs Kurzschrift. Sie wurde vor zwei Jahren herausgebracht und wird noch nicht weithin verwendet. Ich habe sie erst kürzlich erlernt, um in der Lage zu sein …« Ich zögerte. Wenn ich meinen Gedanken zu Ende führen würde, so würde das alles diese angenehme Konversation plötzlich beenden, die ich doch so gern fortsetzen wollte. Aber ich konnte die Wahrheit nicht verschweigen. Er hatte das Recht, sogleich zu erfahren, dass ich einem anderen versprochen war. »Ich habe stenographieren gelernt«, fuhr ich fort, »um meinem Verlobten bei seiner Arbeit beistehen zu können. Er ist Anwalt, müssen Sie wissen. Ich hoffe, dass ich aufzeichnen kann, was er diktiert, um es dann für ihn auf der Schreibmaschine zu schreiben.«

Bei diesem Geständnis verblasste das Lächeln des Herren ein wenig, doch er fand seine Souveränität rasch wieder und meinte: »So können Sie also auch geschickt mit einer Schreibmaschine umgehen, nicht nur stenographieren? Das sind sehr ungewöhnliche Fertigkeiten. Ihr Verlobter kann sich glücklich schätzen, eine derart gebildete und schöne Gefährtin gefunden zu haben. Wirklich!«

Mir stieg die Röte in die Wangen, nicht nur wegen seiner lobenden Worte, sondern wegen der Bewunderung, die aus seinen Augen strahlte, während er sprach. »Ich danke Ihnen, Sir, aber ich habe das Gefühl, selbst die Glückliche zu sein. Jonathan ist ein guter Mann.«

Dazu enthielt er sich jeglichen Kommentars, sondern blieb nur stehen und schaute sich um. Dann sagte er: »Er ist nicht mit Ihnen hier in Whitby, nehme ich an, da Sie doch erklärt haben, dass Sie mit einer Freundin und deren Mutter hergereist sind?«

|50|»Er befindet sich auf einer Geschäftsreise im Ausland und ist noch nicht zurückgekehrt.«

»Ich verstehe. Und inzwischen haben Sie keinerlei zeitliche Verpflichtungen?« Ehe ich etwas antworten konnte, fügte er hinzu: »Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, die Gegend näher zu erkunden. Die Ruine der Abteikirche sieht außerordentlich interessant aus. Würden Sie mir die Ehre erweisen, mich auf einem Rundgang über das Gelände zu begleiten?«

Als er zu mir herabschaute, begann mein Herz wild zu pochen. An diesem Mann, an seinen Augen war etwas, das mich so sehr in den Bann schlug, dass ich es kaum über mich brachte, meinen Blick von ihm loszureißen. Ich konnte es nicht leugnen: Ich fühlte mich heftig zu ihm hingezogen, und genauso schien er sich zu mir hingezogen zu fühlen. Oh!, dachte ich, diese neu entdeckten Gefühle, die da in meinem Inneren tobten – wenn sie auch zweifellos erregend waren –, waren doch unrecht, wirklich und wahrhaftig sehr unrecht.

Er muss mir meine Gedanken vom Gesicht abgelesen haben, denn er sagte: »Es ist nichts Unziemliches daran, wenn wir zusammen spazieren gehen und uns unterhalten. Wir sind zwei moderne Menschen, die am helllichten Tage ein Gespräch miteinander führen, und es sind doch auch sehr viele Menschen um uns herum.«

Ich öffnete den Mund und wollte sein Angebot ablehnen, doch stattdessen hörte ich mich sagen: »Es wäre mir eine große Freude, Sie zu begleiten.« Und ehe ich wusste, wie mir geschah, ging ich im Gleichschritt mit ihm über den Kiesweg.

»Ich konnte nicht umhin, den Titel Ihres Buches zu bemerken.« Er deutete mit einem Nicken auf den dicken Band, den ich bei mir trug. »Über die Entstehung der Arten. Eine höchst interessante Wahl.«

»Sind Sie damit vertraut?«

»Gewiss. Es ist ein grundlegendes Werk der wissenschaftlichen Literatur.«

»Ich finde Darwins Evolutionstheorie außerordentlich interessant. |51|Der Gedanke, dass sich Populationen im Laufe der Generationen durch einen Prozess natürlicher Auslese weiterentwickeln …«

»… Und dass nur die Stärksten überleben …«

»… Und neue Arten bilden …«

»Ja!«, erwiderte er angeregt. »Diesen Gedanken gab es schon lange, bevor Charles Darwin sein Buch veröffentlichte. Manche haben dieses Konzept gar bis zu Aristoteles zurückverfolgt. Aber Darwins Theorien haben nun endlich die breite Öffentlichkeit damit bekannt gemacht.«

»Was für einen hitzigen Disput dieses Buch ausgelöst hat!«

»Was nicht überrascht. Darwins Theorie hat viele lang überlieferte religiöse Doktrinen in Frage gestellt …«

»… Zum Beispiel die Schöpfungsgeschichte …«

»… Und die so hochgeschätzte Überlegenheit des Menschen über die Tierwelt.«

»Ich nehme an, für manch einen war es ein großer Schock«, sagte ich mit einem Lächeln, »nur in Erwägung zu ziehen, dass der Mensch nicht mehr die unangefochtene Krone der Schöpfung ist.«

»Wahrhaftig, ja. Wir sind nur ein Glied in einer langen Kette.« Er erwiderte mein Lächeln und fügte hinzu: »Ihre Lektüreauswahl fasziniert mich. Ich hätte erwartet, dass eine junge Dame wie Sie sich eher für populäre Romane als für die Theorie der Evolution interessierte.«

»Oh, aber diese Romane liebe ich ebenfalls! Ich habe beinahe alles gelesen, was Charles Dickens, George Eliot und Jane Austen verfasst haben, und Charlotte Brontës Jane Eyre habe ich wohl ein gutes Dutzend Mal verschlungen.«

»Ich habe die Werke dieser Autoren ebenfalls sehr genossen. Lesen Sie auch Gedichte?«

»Ja. Ich glaube, dass eine Szene in Sir Walter Scotts Marmion genau hier, in der Abtei von Whitby, spielt.«

»Ja. Eine Nonne wurde bei lebendigem Leibe eingemauert, weil sie ihr Gelübde gebrochen hatte.«

|52|»Genau! Scott hat mit solcher Leidenschaft geschrieben, nicht?«

»Und in einer so wunderbaren Sprache: »›Oh, was für ein verstricktes Netz wir weben …‹«

Wir beendeten das Zitat wie aus einem Munde: »›… wenn wir zuerst die Täuschung üben.‹«1

Wir lachten zusammen. Während wir weiterredeten und über unsere Lieblingswerke von Shakespeare, Wordsworth und Byron sprachen, lief mir ein kleiner Schauer über den Rücken. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt ein so interessantes Gespräch mit einem Mann, genau genommen, mit irgendjemandem geführt hatte. Lucy hatte nie besonders gern gelesen. Die anderen Lehrerinnen an der Schule waren im Allgemeinen zu müde und überarbeitet gewesen, um in ihrer Freizeit zum Vergnügen zu lesen. Und obwohl Jonathan literarisch gebildet war und gern las, beschränkte sich seine Lektüre heutzutage doch hauptsächlich auf Zeitungen, Zeitschriften und juristische Fachblätter.

Nun näherten wir uns der Marienkirche. »Was für eine interessante Kirche«, meinte mein Begleiter, während er in einen Seitenweg einbog, der von der Kirche wegführte. »Sie ähnelt eher einer Burg oder einer Zitadelle als einem Gotteshaus.«

»Hatten Sie schon Gelegenheit, in die Kirche hineinzugehen, Sir? Das Innere ist ganz anders als das Äußere und wirklich sehr schön.«

»An einem so herrlichen Tag wie heute möchte ich lieber im Freien bleiben, wenn Sie nichts dagegen haben.«

Ich hatte keine Einwände. Während wir weiter auf die Abteikirche zugingen, meinte er: »Für eine so junge Person haben Sie ein außerordentlich breit gefächertes literarisches Wissen. Haben Sie all das in der Schule gelesen?«

»Ja, das habe ich. Ich hatte das Glück, eine Schule zu besuchen, |53|die über eine hervorragende Bibliothek verfügte. Später habe ich an der gleichen Einrichtung selbst unterrichtet. Wie steht es mit Ihnen? Wurden Sie hier in England erzogen?«

»Nein. Dies ist mein erster Besuch in Ihrem Land.«

»Ihr erster Besuch? Das ist bemerkenswert, Sir, denn Ihr Englisch ist ausgezeichnet, um nicht zu sagen perfekt.«

»Ich lerne Ihre Sprache nun schon sehr lange, und ich hatte einige Lehrer … Aber ich weiß, dass ich noch der Verbesserung bedarf.« Er lächelte bescheiden und fügte hinzu: »Sie haben gerade erzählt, dass Sie Lehrerin sind. Gefällt Ihnen dieser Beruf?«

»Ich liebe ihn sehr! Vielmehr, ich habe ihn geliebt. Ich halte ihn für einen außerordentlich edlen Beruf. Ich war gezwungen, meine Anstellung zu kündigen, ehe ich nach Whitby kam, denn die Schule liegt in der Nähe von London, und Jonathan lebt und arbeitet in Exeter. Ich musste weinen, als ich mich von meinen Schülerinnen und meinen Freundinnen unter dem Lehrpersonal verabschiedete, denn sie sind mir alle sehr lieb und teuer geworden.«

»Wir wollen hoffen, dass Sie in Exeter eine ähnliche Anstellung finden, in der Sie ebenso glücklich sein können.«

»O nein! Das geht nicht. Jonathan mag den Gedanken nicht, dass ich arbeite, wenn wir erst verheiratet sind, das heißt, einmal abgesehen von den kleinen Pflichten, die ich erfüllen kann, um ihm bei seiner Arbeit zur Hand zu gehen.«

Er betrachtete mich mit unverhohlener Verwunderung. »Das ist allerdings für eine so moderne junge Dame ein sehr altmodischer Gedanke.«

»Wirklich? Das finde ich nicht, Sir. Ich habe mich auch nie wirklich als modern gesehen.«

»Und doch sind Sie es«, erwiderte er mit einem bewundernden Lächeln. »Sie sind intelligent, belesen und gebildet. Sie haben einen Beruf. Sie haben finanzielle Unabhängigkeit erreicht. Sie beherrschen einige der neuesten Erfindungen |54|und Fertigkeiten. Und Sie haben, nehme ich an, die Wahl Ihres Gatten völlig aus eigenem, freiem Willen getroffen?«

»Das habe ich«, antwortete ich mit einem Lachen.

»Außerdem haben Sie bewiesen, dass Sie couragiert gewisse etablierte gesellschaftliche Konventionen zu brechen bereit sind.« Er begleitete diese Worte mit einer Geste, die ihn, mich und das Gelände der Abtei, das wir gemeinsam durchschritten, in einem großen Bogen einschloss. Als ich wiederum lachte, fuhr er fort: »Ich denke doch, dass die neue Frau von heute gründlich darüber nachdenkt, was sie nach einer Eheschließung möchte, und nicht nur darüber, was die Gesellschaft ihr diktiert oder was ihr Ehemann von ihr erwartet.«

»Sir, wenn es auch so scheinen mag, als sei ich eine Befürworterin der Ideale der ›Neuen Frau‹, habe ich doch meine Position im Leben eher aus Notwendigkeit als aus freier Absicht erreicht. Bis ich mit dem Unterrichten begann, war ich, was meine Erziehung, meine Ausbildung und meinen Lebensunterhalt betraf, stets von der Mildtätigkeit anderer abhängig. Ich arbeitete für mein Auskommen, weil ich mich ernähren musste, wenn ich auch meinen Beruf lieben lernte. Ich gebe zu, dass es mir ein wenig sauer wird, wenn ich bedenke, dass ich in Zukunft meinen Ehemann um jeden Penny für die kleinste Anschaffung bitten muss. Doch Jonathan ist ein wenig starr in seinen Gepflogenheiten und hat einen ausgeprägten Sinn für Schicklichkeit. Ich freue mich darauf, seine Frau zu sein und in unserem Haushalt zu regieren und«, fügte ich errötend hinzu, »eine Familie zu gründen. Ich möchte ihn glücklich machen.«

Ein finsterer Blick huschte über seine Züge. Er verstummte einen Augenblick und wandte den Blick ab. »Nun, wie ich schon sagte: Er kann sich sehr glücklich schätzen.«

Just in diesem Augenblick schlugen die Kirchenglocken ein Uhr. Ich schnappte überrascht nach Luft. »Oh! Es tut mir leid. Ich habe ganz die Zeit vergessen. Ich habe versprochen, |55|meine Freunde um ein Uhr zum Mittagessen zu treffen, und jetzt komme ich zu spät.«

»Auch ich muss mich an einen anderen Ort begeben.«

Ich streckte ihm meine behandschuhte Hand entgegen. »Es war mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Sir. Ich habe unser Gespräch sehr genossen.«

»Desgleichen ich, Fräulein …?«

»Murray.«

»Auf Wiedersehen, Fräulein Murray.« Er nahm meine Hand in die seine, führte sie an die Lippen und küsste sie. Ich erbebte. War der Grund für dieses Schaudern der Druck seiner Hand und die kurze Berührung seiner Lippen, die sich trotz des Stoffes meiner Handschuhe, die seine Hand von meiner trennten, seltsam kühl anfühlten? Oder war dieses Beben auf die aufgewühlten Gefühle zurückzuführen, die immer noch in meinem Inneren tobten? »Ich hoffe, dass wir uns wiedersehen«, sagte er, als er mit einer Verbeugung meine Hand wieder frei gab.

»Auf Wiedersehen.« Ich eilte zur Treppe und hastete hinunter, nicht ohne mir zuvor noch einen kurzen Blick zurück zu gönnen. Er sah mir nach. Als sich unsere Blicke trafen, lächelte er und verneigte sich erneut.

Erst in unserer Pension am Royal Crescent fiel mir ein, dass ich ihn gar nicht nach seinem Namen gefragt hatte.

 

Den ganzen Nachmittag und Abend hindurch konnte ich nicht aufhören, an meine Begegnung mit dem Herren auf dem Friedhof zu denken, ein Vorkommnis, dessen ich mich sowohl mit Vergnügen als auch mit Schuldgefühlen erinnerte. Lucy erzählte ich kein Sterbenswörtchen davon, und dabei hatte ich Lucy doch sonst immer alles anvertraut.

Woher kam auf einmal dieses seltsame Bedürfnis nach Geheimhaltung?, fragte ich mich, als ich an jenem Abend in der Dunkelheit in meinem Bett lag. An unserem Zusammentreffen war doch nichts Unziemliches gewesen. Warum war ich |56|dann nicht willens, es in meinem Tagebuch festzuhalten oder mit meiner besten Freundin zu besprechen? Vielleicht, überlegte ich, lag es daran, dass mir während der Konversation mit diesem Herrn freudiger zumute war, ich mich lebendiger und intellektuell mehr angeregt gefühlt hatte als bei all den Gesprächen, die ich im Laufe der Jahre mit Jonathan geführt hatte? Das konnte ich wohl niemandem eingestehen, nicht einmal mir selbst. Derlei Gedanken und Gefühle waren unrecht, sehr unrecht, und Jonathan gegenüber völlig treulos.

Lucy war wunderschön, und im Allgemeinen waren alle Männer so von ihr verzaubert, dass ich mir in ihrer Gegenwart oft unsichtbar vorkam. Doch unter den Blicken dieses Herren – (Oh! Warum hatte ich ihn nicht nach seinem Namen gefragt?) – hatte ich auch geglaubt, eine Schönheit zu sein. Es war lachhaft, das wusste ich. Lucy und ich, wir waren beide verlobt. Und doch wünschte ich mir irgendwie, diese Erfahrung ganz für mich zu behalten.

 

Wenn Lucy und ich an den sonnenbeschienenen Klippen entlangwanderten, ertappte ich mich oft dabei, dass ich in der Menschenmenge gezielt nach dem Herrn Ausschau hielt, den ich auf dem Kirchhof getroffen hatte. Jedes Mal, wenn mein Auge auf einen hoch aufgeschossenen, gutgekleideten Herrn in Schwarz fiel, zuckte ich erwartungsvoll zusammen, nur um immer wieder enttäuscht zu werden. Wohin war er bloß verschwunden? Whitby war ein kleiner Ort, und doch war nirgends eine Spur von ihm zu sehen.

Dann kam mir ein Gedanke: Warum um alles auf der Welt sollte ein Mann wie er, der so wohlhabend, gebildet und atemberaubend attraktiv war, auch nur einen Augenblick auf eine ehemalige Lehrerin wie mich verschwenden, die ihm mehr als deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie bereits versprochen war? Sicherlich, überlegte ich, war er nur höflich gewesen, als er mich gebeten hatte, mit ihm den Spaziergang zu machen, und als er sagte, er hoffe, mich wiederzusehen. |57|Das Interesse, das ich von seiner Seite zu verspüren gemeint hatte, war zweifellos nichts als eine Projektion meines eigenen Interesses gewesen. Mit einem leisen Seufzer schickte ich mich in die Erkenntnis, dass unser zufälliges Zusammentreffen eine einmalige Angelegenheit bleiben sollte. Und das war ja auch nur gut und richtig so, ermahnte ich mich streng.

 

Am 10. August, zwei Tage, nachdem die Demeter auf so tragische Weise am Strand von Whitby auf Grund gelaufen war, machten Lucy und ich uns wieder auf den Weg zu unserem gewohnten Platz auf der Klippe, um uns den Leichenzug des unglückseligen Kapitäns anzusehen. Die Städter waren zu Ehren des Toten in großer Zahl erschienen. Lucy und ich betrachteten das Geschehen voller Trauer und waren beide sehr verstört über die außerordentlich seltsamen Begebenheiten, die ihm zugrunde lagen, insbesondere, nachdem ich ihr Einzelheiten aus dem höchst merkwürdigen Bericht über das russische Schiff mitteilte, den ich in der Lokalzeitung gelesen hatte.

»In dem Artikel steht, dass die einzige Ladung an Bord der Demeter aus fünfzig großen Kisten voller Erde bestand, die am Tag der Ankunft des Schiffes von einem Agenten ausgeladen und weitergeleitet wurden«, erklärte ich ihr.

»Was für eine ungewöhnliche Ladung!«, erwiderte Lucy. »Was könnte jemand denn mit fünfzig Kisten voller Erde anfangen wollen?«

»Es ist wirklich sehr merkwürdig. Aber noch seltsamer und furchterregender ist die Nachschrift im Logbuch, das der Kapitän geführt hatte. Die hatte man, in einer Flasche verborgen, in der Tasche des toten Kapitäns gefunden.«

»Was stand darin?«

»Der Kapitän hat geschrieben, dass nach zehn Tagen auf See ein Mitglied der Mannschaft vermisst wurde. Ein fremder Mann war an Bord gesehen worden, aber man fand keinen blinden Passagier. Dann verschwanden, einer nach dem anderen, immer mehr Matrosen, bis schließlich nur noch der |58|Steuermann und der Kapitän übrig geblieben waren. Zu dieser Zeit war der Steuermann schon beinahe außer sich vor Angst. Er sagte zum Kapitän«, und hier las ich laut aus dem Bericht im Daily Graph vor, »›Es ist hier, nun weiß ich es. Auf Wache letzte Nacht habe ich Es gesehen, so groß wie einen Menschen, mager und totenbleich. Es stand am Bug und sah aufs Meer hinaus. Ich schlich mich hinter das Gespenst und stach mit meinem Messer nach ihm; aber das Messer ging einfach hindurch, wie durch Luft!‹

Dann stieg der Steuermann in den Frachtraum hinunter, um die Kisten zu durchsuchen, die sie an Bord hatten. Sogleich stürzte er wieder an Deck, schrie voller Furcht, nur die See könnte ihn retten, und warf sich über Bord! Nun war nur noch der Kapitän übrig geblieben und musste das Schiff selbst steuern. Zunächst war er davon überzeugt, dass der Steuermann von Sinnen gewesen war und all seine Kameraden an Bord umgebracht hatte. Doch am nächsten Tag sah der Kapitän Ihn … Es! In seiner Angst fesselte er sich und sein Kruzifix an das Steuerrad, um – laut seinen eigenen Worten – ›den Feind, das Ungeheuer zu bekämpfen‹ und bis zum Ende an Bord seines Schiffes zu bleiben.«

Lucys Antlitz wurde totenbleich, während sie dies anhörte. »Was hat der Kapitän damit gemeint, ›den Feind, das Ungeheuer zu bekämpfen‹? Wen oder was hat er denn gesehen? Wer hat all diese Männer umgebracht?«

Ich schüttelte den Kopf. »Das ist ein Rätsel. Es weiß auch niemand, was aus dem großen Hund geworden ist. Er muss auf das Moor hinausgeirrt sein und sich dort wohl immer noch voller Furcht verbergen, denn er hat jetzt ja keinen Herren mehr. Und zu alledem ist letzte Nacht auch dem alten Herrn Swales eine schreckliche Tragödie widerfahren.«

Der alte Seebär, der uns neulich erst mit seinen Geschichten aus Whitbys Vergangenheit erfreut hatte, war am frühen Morgen auf unserer Lieblingsbank tot aufgefunden worden, mit gebrochenem Genick und einem Ausdruck von Abscheu |59|und Entsetzen auf dem Gesicht. »Der arme alte Mann!«, sagte Lucy. »Meinst du, die Ärzte haben recht, wenn sie sagen, er sei in einem Anfall von Grauen auf den Sitz gestürzt?«

»Das ist schon möglich. Er war wirklich sehr alt, beinahe hundert, hat er uns erzählt. Vielleicht hat er mit seinen brechenden Augen den Tod selbst erblickt.«

»Zu denken, dass es genau hier, auf unserer Lieblingsbank, geschehen ist«, erwiderte Lucy mit einem Schauder. »Das ist wirklich sehr, sehr traurig.«

 

Ich beschloss, Lucy an jenem Nachmittag auf einen langen Spaziergang zur Robin Hood’s Bay mitzunehmen. Ich hoffte, sie damit so zu ermüden, dass sie keinerlei Bedürfnis zum Nachtwandeln mehr verspüren würde. Es war ein wunderschöner Tag. Guter Dinge wanderten wir dorthin, tranken in einer kleinen, altmodischen Wirtschaft einen vorzüglichen Tee, während wir an einem Tisch an einem Erkerfenster saßen und den herrlichen Blick auf die mit Seetang bedeckten Felsen des Strandes genossen. Mit dem Heimweg ließen wir uns Zeit, legten einige, besser gesagt viele Ruhepausen ein.

»Ich habe darüber nachgedacht, was mir Arthur in seinem letzten Brief geschrieben hat«, sagte Lucy, während wir einen Pfad durch eine üppig grüne Wiese entlangschritten. »Es war so süß und lieb, wie er mir seine Liebe gestanden und seine Pläne für unsere Hochzeit und unsere Zukunft dargelegt hat. Vielleicht hat Mama recht, und wir sollten wirklich schon diesen Herbst heiraten.«

»Ich glaube, das würde sie sehr freuen.«

»Arthur hat angeboten, eine Sondergenehmigung einzuholen«, fuhr Lucy mit glänzenden Augen fort, »sodass wir in der alten Pfarrkirche seines Heimatortes heiraten und den Empfang in Ring Manor abhalten können. Alle Herren werden Fräcke tragen und ich einen Brautstrauß aus Orangenblüten. Und ich will unzählige Brautjungfern haben! Möchtest du meine Ehrenjungfer sein, Mina?«

|60|»Aber natürlich!« Wir blieben stehen und umarmten einander, womit wir die Aufmerksamkeit einer Gruppe von Kühen auf uns zogen, die neugierig und mit unerwarteter Eile näher kamen und uns ziemlich erschreckten.

»Ich hoffe, es macht dir nichts aus«, sagte Lucy, während wir lachend den Pfad entlangrannten, »dass ich vor dir verheiratet sein werde, obwohl du zuerst verlobt warst und älter bist als ich.«

»Nein, überhaupt nicht, Lucy. Ich freue mich für dich!«

»Ich habe nicht vergessen, was wir einander bezüglich des Geheimnisses der Hochzeitsnacht versprochen haben«, fügte Lucy hinzu. »Dass diejenige, die zuerst heiratet, der anderen alles verraten muss!«

Darüber mussten wir beide kichern, und die Röte stieg uns in die Wangen. »Du musst mir nicht absolut alles erzählen, Lucy. Manche Dinge, denke ich, sollte man für sich behalten dürfen.«

»Das werden wir sehen. Ich muss zugeben, dass ich sehr neugierig bin! Mama sagt, mein Brautkleid würde aus weißer Seide genäht werden und nach der neuesten Mode mit der feinsten weißen Spitze besetzt. Und du? Wer näht deines?«

»Ich kann mir nichts Neues leisten. Ich werde wohl einfach mein bestes Kleid anziehen.«

»Dein bestes Kleid? Meinst du das Schwarzseidene?«, rief Lucy entsetzt.

»Ja. Das habe ich selbst geschneidert, und ich finde es sehr hübsch. Ich habe mir mit der Stickerei große Mühe gegeben. Jonathan macht mir immer Komplimente, wenn ich es trage.«

»Aber Schwarz! Mina, Schwarz ist doch eine Trauerfarbe!«

»Schwarz ist auch sehr praktisch. Frauen heiraten oft in Schwarz.«

»Das ist mir gleichgültig. Ich werde jedenfalls nicht dulden, dass du an deinem Hochzeitstag Schwarz trägst, Mina. Seit einem halben Jahrhundert, seit Königin Viktoria bei der |61|Hochzeit mit Prinz Albert weiße Spitze getragen hat, ist nun schon Weiß die Farbe der Wahl für Brautkleider.«

»Ja, aber Frauen tragen doch immer noch alle möglichen Farben zur Trauung.«

»Aber Godey’s Lady’s Book besteht darauf, Weiß sei die angemessene Farbe. Es ist ein Symbol für die Reinheit und Unschuld der Jungmädchenjahre und für das unverdorbene Herz, das die Braut nun ihrem Auserwählten schenkt. Hast du das Gedicht noch nicht gehört?«

»Welches Gedicht?«

Lucy rezitierte:

»Married in white, you will have chosen all right.

Married in grey, you will go far away.

Married in black, you will wish yourself back.

Married in red, you will wish yourself dead.

Married in blue, you will always be true.

Married in pearl, you will live in a whirl.

Married in green, ashamed to be seen.

Married in yellow, ashamed of the fellow.

Married in brown, you will live out of town.

Married in pink, your spirits will sink.«2

Ich lachte. »Das ist doch nur ein dummer Aberglaube.«

»Nein, das ist es nicht. Ich bin fest überzeugt, dass man manche Dinge sehr ernst nehmen sollte, und die Farbe eines Brautkleides ist wirklich wichtig. Erinnerst du dich an Sarah Collins aus unserer Schule? Die hat in Grau geheiratet: Married in grey, you will go far away. Und was glaubst du? Zwei |62|Monate später sind sie und ihr Mann nach Amerika ausgewandert! Und unsere liebe Freundin Kate Reed? Die hat Grün getragen: Married in green, ashamed to be seen. Seit ihr Mann bei diesem Aktiengeschäft all sein Geld verloren hat, schämt sie sich so über ihre beschränkten Verhältnisse, dass wir überhaupt nichts mehr von ihr gehört haben!«

»Das sind alles nur Zufälle. Ich bin mir sicher, dass ich in jeder Farbe heiraten kann, die mir gefällt, und sehr glücklich werde.«

Lucy schüttelte betrübt den Kopf. »Married in black, you will wish yourself back

»Wish yourself back? Was soll das überhaupt heißen?«

»Vielleicht, ...

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